In der Diskussion über die SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» kam man schnell von den Details der von der Initiative geforderten Massnahmen hin zur Erkenntnis, dass sich über diese Initiative nicht diskutieren lässt, ohne auch den Bezug zum gesamten Wirtschaftssystem und zu allgemeinen Fragen wie etwa den Vor- und Nachteilen eines unbegrenzten Wirtschaftswachstums herzustellen.
Die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» fordert, die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz bis zum Jahr 2050 auf unter zehn Millionen zu begrenzen. Wird die Anzahl von 9,5 Millionen vor 2050 überschritten, müssten Bundesrat und Bundesversammlung gesetzliche Massnahmen zur Einhaltung des Grenzwerts ergreifen, so etwa im Asylbereich, beim Familiennachzug oder bei der Neuverhandlung von internationalen Übereinkommen wie etwa den Verträgen mit der EU.
Gleich zu Beginn der Diskussion wurde die Frage aufgeworfen, ob ein permanentes Wirtschaftswachstum überhaupt wünschbar sei. Denn zweifellos bilde dies den eigentlichen Treiber der Zuwanderung: Wachse die Wirtschaft, brauche es mehr Arbeitskräfte, mehr Menschen bräuchten mehr Raum, dies wiederum wirke sich auf Infrastrukturen und das Sozialsystem aus, und so weiter. Eine solche Entwicklung, so wurde mehrfach gesagt, könne nicht ewig in die gleiche Richtung weitergehen. Dass ein grosser Teil der Bevölkerung – gemäss neuesten Umfragen sogar die Mehrheit – dieser Initiative grosse Sympathien entgegenbringt, sei daher verständlich.
Allerdings, so zeigte sich im weiteren Verlauf der Diskussion, stünden in der öffentlichen Debatte häufig einseitige oder sogar verfälschende Behauptungen und Meinungen im Vordergrund. So etwa werde behauptet, Ausländerinnen und Ausländer würden unser Gesundheitssystem übermässig belasten, Tatsache sei aber, dass diese das Gesundheitssystem um durchschnittlich 28 Prozent weniger belasten als Schweizerinnen und Schweizer. Auch die Verknappung des Wohnraums sei nicht primär eine Folge der Zuwanderung, sondern die Folge einer gesetzlich bedingten künstlichen Verknappung des Bodens, zudem würden Ausländerinnen und Ausländer weit weniger Wohnfläche beanspruchen als ein grosser Teil der Schweizerinnen und Schweizern, welche oft alleine oder zu zweit in geräumigen Einfamilienhäusern lebten und nicht selten auch noch über eine Zweit- oder sogar Drittwohnung verfügten.
Mehrfach wurde im Verlauf der Diskussion auch darauf hingewiesen, dass eine Schweiz ohne Zuwanderung gar nicht überlebensfähig wäre, bedenke man doch, dass in gewissen Branchen bis zu 90 Prozent der Belegschaft ausländischer Herkunft seien. Zitiert wurde auch eine Berechnung des Bundesamts für Statistik, wonach die Schweiz ohne Zuwanderung im Jahr 2050 nur noch 6,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner hätte und 20 Jahre später nur noch 4,7 Millionen. Ob man wolle oder nicht: Zuwanderung habe gewiss ihre Schattenseiten, aber wegzudenken lasse sie sich schon lange nicht mehr.