Thema des Buchser Montagsgesprächs vom 10. August war die Demokratie-Initiative, welche eine schweizweite Vereinheitlichung der Einbürgerungsverfahren fordert. Im Gegensatz zur heutigen Wartefrist von zehn Jahren soll gemäss dieser Initiative neu bereits nach einem fünfjährigen Aufenthalt in der Schweiz ein Antrag auf Einbürgerung gestellt werden können. Zudem sollen die bisher von Gemeinde zu Gemeinde sehr unterschiedlich, willkürlich und oft geradezu schikanös durchgeführten Einbürgerungsverfahren abgeschafft werden. Stattdessen sollen Grundkenntnisse einer Landessprache sowie ein einwandfreier Leumund genügen, um den Anspruch auf eine Einbürgerung zu erhalten.
Mohammed Bidjo, der im Alter von einem Jahr mit seinen Eltern aus Syrien in die Schweiz flüchtete und zurzeit eine Lehre als Fachmann Betreuung für Kinder absolviert, hielt zum Einstieg in die Diskussion ein Kurzreferat. «Die Schweiz», sagte er, «ist das Land, in dem mein Leben stattfindet. Und trotzdem gibt es Momente, in denen mir gezeigt wird: Du lebst zwar hier, aber mitentscheiden darfst du nicht. Immer wieder frage ich mich: Wann gehört ein Mensch eigentlich dazu? Sollte der Wert einer Stimme wirklich davon abhängen, welchen Pass ein Mensch besitzt? Besitzt nicht jeder Mensch die gleiche Würde?»
Das Ziel der Demokratie-Initiative, die Hürden für eine Einbürgerung herabzusetzen, fand in der Gesprächsrunde weitgehend Anklang. Allerdings gab es auch Stimmen, die davor warnten, die Hürden für eine Einbürgerung allzu tief anzusetzen. Weitgehend einig aber war man sich in Bezug auf die von Gemeinde zu Gemeinde sehr unterschiedlich gehandhabten Einbürgerungstests. So wurde unter anderem das Beispiel einer Gemeinde genannt, wo die Einbürgerungskandidaten die Namen sämtlicher Alpen, Gasthäuser und kommunaler Behördenmitglieder aufzählen müssten – etwas, womit vermutlich auch Einheimische, die schon lange in der betreffenden Gemeinde leben, überfordert wären.
Über unterschiedliche Erfahrungen im Zusammenleben von Einheimischen und aus dem Ausland stammenden Menschen wurde in der Runde berichtet. Dabei zeigte sich, dass manchmal auch gewisse gegenseitige Vorurteile ein gutes Einvernehmen erschweren können. Manche solcher Vorurteile würden aber mit der Zeit verschwinden, und zwar meistens dann, wenn echte Begegnungen mit «anderen» oder «fremden» Menschen stattfänden und man sich auf der zwischenmenschlichen Ebene näherkomme. Dabei sei gegenseitige Toleranz und das Akzeptieren unterschiedlicher Lebensstile etwas vom Wichtigsten.
Traditionelle Werte bewahren oder immer wieder auch kritisch hinterfragen? Zwischen diesen Polen bewegte sich ein grosser Teil der Diskussion. Diese Aussage von Mohammed Bidjo zeigte, dass sich das eine und das andere nicht gegenseitig ausschliessen müssen: «Eine Demokratie», meinte er, «darf sich nicht auf dem ausruhen, was sie einmal erreicht hat. Demokratie muss sich immer wieder verändern und ist nie fertig.»
Peter Sutter, 6. August 2026, aktualisiert am 18. August 2026
Ceuta ist eine spanische Enklave in Nordafrika, an der Grenze zu Marokko. Seit 1993 ist Ceuta durch einen 24 Kilometer langen Grenzzaun von Marokko abgetrennt, um Flüchtlinge aus Afrika an dieser Stelle von einem Zutritt zu spanischem Territorium und damit zur EU abzuhalten. Dennoch gelang Einzelnen immer wieder die Flucht, oft waren es auch Hunderte zugleich, so etwa im Oktober 2005, als an einem einzigen Tag mehrere hundert Menschen versuchten, den Grenzzaun zu überwinden, worauf spanische Grenzwächter mit Gummigeschossen und marokkanische Soldaten mit scharfer Munition auf die Menschen schossen – mindestens acht Menschen starben, zahlreiche wurden verletzt. Danach wurde der Zaun von drei auf sechs Meter erhöht. Er besteht aus sogenanntem „NATO-Draht“, dessen rasiermesserscharfe Schneiden stärkere Verletzungen verursachen als gewöhnlicher Stacheldraht. Dennoch schafften es auch in der Folge immer wieder Geflüchtete, hauptsächlich Männer aus Subsahara-Afrika, auf europäisches Territorium zu gelangen, so zum Beispiel Ende Juli 2018 bei einem Massenansturm von über 800 Geflüchteten, denen es gelang, Löcher in den Grenzzaun zu schneiden – gegen die Polizisten, die sie daran zu hindern versuchten, setzten sie selbergebastelte Flammenwerfer ein.
Am 30. Juli 2026 erreichen die Fluchtversuche von Marokko nach Ceuta eine neue Dimension. Innerhalb von 24 Stunden landen rund 72’000 Geflüchtete in Ceuta, dieses Mal aber nicht über den Grenzzaun, sondern schwimmend, auf dem Weg vom marokkanischen Festland bis an die Küste der spanischen Enklave – rund 90 von ihnen kommen dabei ums Leben. Die Aufnahmezentren sind total überlastet, die meisten der Angekommenen, darunter viele Minderjährige, zahlreiche von ihnen ohne Eltern, müssen im Freien übernachten und bekommen nichts zu essen und zu trinken, weshalb die meisten schon bald nach Marokko zurückzukehren beginnen, bis nur noch ca. 2000 von ihnen in Ceuta verbleiben. Vermutet wird, dass dieser plötzliche Massenansturm die Folge eines vom Obersten Gerichts in Madrid am 16. Juni 2026 gefällten Entscheides gewesen sein könnte, wonach Flüchtlinge, die Ceuta schwimmend erreichen, nicht abgewiesen werden dürften, da sie nicht gewaltsam die spanische Grenze zu überwinden versucht hätten, ein Gerichtsentscheid, der sich wahrscheinlich in der Folge in den sozialen Medien verbreitet und bei den sodann Geflüchteten die Hoffnung ausgelöst hatte, auf diesem Weg den Zugang nach Europa zu erlangen.
Am 4. August 2026 berichtet die Tagesschau des Schweizer Fernsehens SRF über die „Lehren, die aus dieser Krise gezogen wurden.“ Wer nun erwartet hätte, dass aufgrund dieses aussergewöhnlichen und aufsehenerregenden Ereignisses, das mit den Bildern tausender schwimmender und die Küste Ceutas hochkletternder Menschen sämtliche Medien tagelang beherrscht hatten, eine umfassende Diskussion über die wirtschaftlichen und sozialen Ursachen von Migration ausgelöst worden wäre, und wer die Hoffnung gehabt hätte, man würde nun – als „Lehre, die aus dieser Krise gezogen wird“ – gemeinsam Lösungen suchen, die bei den Grundursachen ansetzen und sich nicht einfach auf reine Symptombekämpfung beschränken, sieht sich schnell eines Besseren belehrt…
Bei der Konferenz der EU-Innenministerinnen und -minister, die als Folge des Flüchtlingsansturms auf Ceuta einberufen wurde, sei es, so hören wir, in erster Linie darum gegangen, „die hohen Wogen zu glätten“. Dazu der Kommentar der Nachrichtensprecherin…
„Nachdem die EU-Länder im Vorfeld nicht mit gegenseitigen Vorwürfen gespart haben, zeigt man sich jetzt, nach Abschluss der Online-Konferenz der europäischen Innenministerinnen und -minister, wieder viel geeinter und wertet die Ereignisse inzwischen als Bewährungsprobe für den Schutz der europäischen Aussengrenze, sodass insgesamt eine positive Bilanz gezogen werden kann.“
Eingeblendet wird EU-Migrationskommissar Magnus Brunner…
„Das System hat funktioniert. Ich denke, Europa hat diese Prüfung vorerst bestanden. Es gelang niemandem, in den Schengenraum einzureisen. Und die Sicherheitslage an der Grenze wurde schnell geklärt. Jetzt kommt es darauf an, dass die EU geschlossen handelt und die richtigen Schlüsse aus diesen Ereignissen zieht.“
Weiter erfährt man, dass die Regierung in Madrid alle Vorwürfe zurückweist, wonach der Schengenraum durch dieses Ereignis gefährdet gewesen sei. Die EU-Innenministerinnen und -minister würden nun die „notwendigen Konsequenzen ziehen, die Aussengrenzen besser schützen“ und „soziale Medien verstärkt auswerten“, um „neue Migrationsbewegungen frühzeitig zu erkennen.“
Jetzt kommt SRF-Korrespondent Matthias Strasser zu Wort…
„Ceuta hat in der EU politische Gräben sichtbar werden lassen, Gräben, die bewusst ausgehoben worden sind, allen voran von der italienischen Ministerpräsidentin Georgia Meloni. Und auch wenn sich die Europäische Kommission und die irische Ratspräsidentschaft inzwischen um versöhnlichere Töne bemühen, ist der Schaden dennoch angerichtet, denn die EU-Mitgliedstaaten haben eindeutig gezeigt, dass sie in der Migrationspolitik gar nicht an einem Strang ziehen wollen, wenn sie unter Druck kommen. Das haben auch jene Kräfte sehr gern registriert, die Europa mit Migration unter Druck setzen wollen.“
Die TV-Sprecherin bringt schliesslich noch Bundesrat Beat Jans ins Spiel und fragt sich: „Wie betroffen von diesem Ereignis ist die Schweiz und wie betroffen ist der Bundesrat?“
Beat Jans äussert sich…
„Mir ging es wie wahrscheinlich allen, ich war schockiert durch diese Bilder. Das Leid, das ausgelöst wurde dort, ist schrecklich, unerträglich, so etwas darf nie mehr passieren. Zum Glück haben Spanien und die ES-Agenturen entschlossen gehandelt, die Situation ist wieder unter Kontrolle, fast alle sind wieder zurück nach Marokko. Die gute Nachricht für die Schweiz ist, dass es zu keinem Zeitpunkt Hinweise gab, dass bei uns die irreguläre Einwanderung oder die Asylzahlen in die Höhe gehen würden, wir haben das sehr gerne beobachtet. Es gab zu keinem Zeitpunkt zusätzlichen Handlungsbedarf.“
Soweit also die Tagesschau des Schweizer Fernsehens vom 4. August 2026…
Noch einmal, von vorne. 72’000 Menschen hatten für eine kurze Zeit die Hoffnung auf ein besseres Leben. Mit leeren Bäuchen sind sie stundenlang geschwommen, haben gegen die Wellen angekämpft, Männer, Frauen, Kinder. Neben den Lebenden trieben im Wasser die Toten. Mindestens 88, vermutlich aber noch viele viele mehr, ungezählt, weggeschwemmt, namenlos. Und dann rennen sie die Küste hoch, und dann stehen überall Polizisten und Soldaten. Und die Bäuche sind immer noch leer. Sieben- und achtjährige Kinder, ohne Eltern, legen sich irgendwo in der Dunkelheit schlafen. Der Schmerz in den leeren Bäuchen wird grösser und grösser. 72’000 Träume zerplatzen, bevor sie überhaupt erst angefangen haben. Bald werden auch die noch die letzten 2’000 verschwunden sein. Vergessen für immer.
Die Bilder. Das Leiden. Der Schmerz in den leeren Bäuchen. Dies alles könnte endlich die so lange verdrängte Frage wieder aufwerfen, weshalb so viele Menschen weltweit auf der Flucht sind, rund 125 Millionen, mehr denn je, und das sind bloss die offiziell registrierten – von allen anderen Abermillionen gar nicht zu reden, die zwischen Ländern hin- und herfliehen, je nachdem, wo gerade der Krieg und der Hunger und die Dürre und die Menschenjäger am schlimmsten wüten, bis sie todkrank, todmüde oder gestorben irgendwo liegen bleiben, namenlos, für immer vergessen.
Die Frage, wie gross die Verzweiflung sein muss, bis ein Mensch versucht, einen sechs Mutter hohen Zaun zu überwunden aus messerscharfem Stahl, der schon bei der kleinsten Berührung tiefst schmerzende Wunden aufreisst.
Die Frage, wo diese 72’000 Menschen mit ihren zerbrochenen Lebensträumen nächste Woche, übernächste Woche sein werden, wo sie schlafen werden, all die sieben- und achtjährigen Buben und Mädchen ohne Eltern, wer sich um sie kümmern wird, ob ihnen jemand etwas zu essen und zu trinken geben wird, eine Decke in der Nacht, wenn sie frieren, oder vielleicht sogar ein Bett, und wer sich ihrer Verletzungen annehmen wird, oder ob sie überhaupt noch leben werden…
Die Frage, wie das sogenannte „Migrationsproblem“ wirklich nachhaltig gelöst werden könnte, statt bloss die schlimmsten Auswüchse zu bekämpfen. Denn solange das Wohlstandsgefälle zwischen reichen und armen Ländern so gross ist und immer noch grösser wird, solange so viele Kriege wüten, die bloss den Interessen der Rüstungskonzerne und ihrer Aktionäre dienen, solange die kolonialistische Ausbeutung ungehindert weitergeht, solange Bodenschätze, Rohstoffe und Nahrungsmittel weiterhin den Ländern des Globalen Südens entrissen und in die immer exorbitanteren Profite multinationaler Konzerne umgewandelt werden und solange infolge des kapitalistischen Wachstumswahns die Klimaerhitzung immer weiter vorangetrieben und immer grössere Regionen unbewohnbar werden, solange werden Menschen aus den benachteiligten Ländern und Regionen des Südens und des Ostens auch nicht aufhören, ihr Glück in den bevorzugten und privilegierten Ländern und des Westens zu suchen, egal wie dicke Mauern, wie tiefe Gräben und wie hohe Grenzzäune dazwischen aufgebaut werden.
Doch statt diese Fragen endlich anzupacken, werden sie weiterhin systematisch verdrängt. Hauptsache, wir haben alles „im Griff“.
Für EU-Migrationskommissar Magnus Brunner hat das System „funktioniert“. Was für eine Leistung. Man gibt Menschen tagelang nichts zu essen und zu trinken und dann suchen sie sich einen anderen Ort, wo sie wahrscheinlich auch kaum etwas zu trinken und zu essen bekommen, aber vielleicht nicht gerade überhaupt nichts. „Hurra, es funktioniert!“, frohlockt ein dickbeleibter EU-Kommissar, der wahrscheinlich in seinem ganzen bisherigen Leben noch nie auch nur einen Tag lang zu wenig zu essen hatte. Aber das Ganze ist für ihn ja sowieso nur eine „Prüfung“. Wahrscheinlich haben die 72’000 Verzweifelten das Ganze bloss inszeniert, um zu „prüfen“, wie gut die europäische Asylgesetzgebung „funktioniert“. Schön, dass sich Magnus Brunner nun wünscht, die EU möge „aus diesen Ereignissen die richtigen Schlüsse ziehen.“ Das wünschte ich mir auch…
SRF-Korrespondent Matthias Strasser, wahrscheinlich auch einer, der noch nie Hunger hatte, spricht von den „politischen Gräben“ in der EU. Er würde gescheiter von den Gräben zwischen den reichen und den armen Ländern sprechen, von den Gräben zwischen Reichtum und Armut. Diese „Gräben“ innerhalb der EU, behauptet er, seien von der italienischen Ministerpräsidentin Georgia Meloni aufgerissen worden, bloss bleibt er dem verdutzten TV-Publikum jede Erklärung schuldig, was für Gräben das sein sollen und wie und warum Meloni sie aufgerissen haben sollte. Wie gut Strasser darin ist, Behauptungen in den Raum zu stellen, ohne irgendwelche Begründungen hierfür zu liefern, zeigt sich auch in seiner zweiten Behauptung, wonach es „Kräfte“ geben solle, die „Europa mit Migration unter Druck setzen wollen“. Ob er wohl an all die Rüstungs-, Rohstoff- und Nahrungsmittelkonzerne denkt, welche wesentlich mitschuldig daran sind, dass in vielen Ländern die Lebensverhältnisse so katastrophal sind, dass die Menschen gar keine andere Wahl haben, als in einem fernen Land eine bessere Zukunft zu suchen?
Den Gipfel aber setzt Bundesrat Beat Jans obendrauf. Er sei durch diese Bilder „schockiert“ gewesen, wie auch durch das „Leid, das dort ausgelöst wurde.“ Das muss ich drei Mal lesen und verstehe es immer noch nicht. Was für ein Leid wurde dort „ausgelöst“? Die nächsten Sätze bringen dann eine gewisse Klarheit. Dieses Leid sei so „schrecklich“ und „unerträglich“ gewesen, dass so etwas „nie mehr passieren dürfe“. Aha, er meint offensichtlich das Leid, das diese Bilder der EU und uns Menschen in Europa zugefügt haben sollen. Das dürfe nie mehr passieren, mit anderen Worten: Nie mehr dürften einfach so innerhalb von 24 Stunden 72’000 Menschen aus Afrika nach Europa kommen. Dieses „Leid“ müsse uns Europäern fortan erspart bleiben. Doch „zum Glück“, so Jans, habe Spanien richtig reagiert, und für die Schweiz hat er sogar „gute Nachrichten“: Zu keinem Zeitpunkt habe es Hinweise gegeben, dass „bei uns die irreguläre Einwanderung oder die Asylzahlen in die Höhe gehen würden, wir haben das sehr gerne beobachtet. Es gab zu keinem Zeitpunkt zusätzlichen Handlungsbedarf.“ Hurra! Das passt ja ausgezeichnet zu seinem im November 2024 öffentlich abgegebenen Statement, wonach die Schweiz mittlerweile „bei Ausschaffungen von Asylsuchenden europaweit führend“ sei, aber es immer „noch nicht genug“ sei. Hauptsache, es gibt nie „zusätzlichen Handlungsbedarf“. Auch nicht, wenn zu den bereits weltweit genug zahlreichen Hungerkrisen noch ein paar weitere dazukämen. Hauptsache, der Schweizer hat immer noch seine Bratwurst auf dem Teller.
Weshalb kommen in der Tagesschau des Schweizer Fernsehens eigentlich nur Politiker zu Wort, und nur solche aus europäischen Regierungen oder EU-Kommissionen, allenfalls noch ein Mainstream-Journalist? Weshalb kommt niemand von denen zu Wort, die von alledem ganz direkt und am schmerzlichsten betroffen sind? Warum gibt es keine Interviews mit geflüchteten Kindern, die ohne ihre Eltern in Ceuta gelandet sind oder vielleicht überhaupt keine Eltern mehr haben? Warum gibt man auch Vertretern von Hilfswerken, Flüchtlingsorganisationen oder beispielsweise dem Roten Kreuz keine Stimme? Ich könnte mir vorstellen, dass es in jedem europäischen Land nebst jenen, die eine möglichst harte und kompromisslose Haltung gegenüber Flüchtlingen befürworten, auch Menschen gibt, die sich für eine möglichst menschenwürdige Asylpolitik einsetzen und durchaus bereit wären, auch einen höheren Anteil von Flüchtlingen an der Gesamtbevölkerung in Kauf zu nehmen, selbst wenn sie selber hierfür auf einiges verzichten müssten – weshalb sieht und hört man in Nachrichtensendungen wie dieser ganz und gar nie etwas davon?
Aber jetzt ist ja alles wieder gut. Wir haben wieder alles im Griff. Die EU hat auch diesen Härtetest erfolgreich bestanden und wird das mit vereinten Kräften auch in Zukunft immer wieder schaffen. Es herrscht wieder der „Normalzustand“. Und wir können wieder ruhig schlafen. Denn keine Angst. Der tägliche Tod, der an allen anderen Fronten weitergeht, wird kaum jemals jene Schlagzeilen und Bilder liefern, wie man sie in den Tagen nach dem 30. Juli 2026 weltweit sehen konnte und wie wir sie, wie Bundesrat Jans überzeugt ist, auch nie mehr sehen werden. Der Tod geht ab jetzt wieder ganz still und unbesehen von der Öffentlichkeit seinen Gang. Mit jedem kleinen Fischerboot, das bei der Überfahrt über das Mittelmeer, von Westafrika nach den Kanarischen Inseln oder im Ärmelkanal zwischen Frankreich und England kentert und unzählige namenlose Tote auf den Meeresgründen hinterlässt, an die sich niemals mehr irgendwer erinnern wird. Mit jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind, das von den kroatischen Grenzpolizisten mit ihren Bluthunden nach Bosnien zurückgeprügelt wird und dort dann mit gebrochenen Armen und Beinen mitten in einem undurchdringlichen Wald, ohne Wasser, ohne Nahrung, liegenbleibt, vergessen, verloren für immer. Mit jeder Frau und mit jedem Mädchen, das an der Grenze zu Belarus von polnischen Grenzwächtern oder militanten Schlägertrupps, welche heimlich mit ihnen kooperieren, brutalst vergewaltigt und dann an einen weit abgelegenen, von niemandem erreichbaren Ort hingeworfen wird, als wäre es ein Knochen, den man nach dem Festmahl den Hunden zum Frass vorwirft. Mit jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind, das, in Bussen oder Lieferwagen eng ineinandergepfercht, mit verbundenen Augen an die tunesisch-libysche Grenze gekarrt und dort in die glühendheisse Wüste geschickt wird, aus denen nur die wenigsten jemals lebend zurückkehren werden – alles gesponsert von der EU im Rahmen des Frontex-Grenzschutzes, von dem EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, bezugnehmend auf die „exzellente tunesisch-europäische Zusammenarbeit“, einmal voller Stolz sagte, dass es sich hierbei um ein ganz besonders „menschliches und vorbildliches“ Beispiel in der Kooperation zweier Kontinente handle.
Du kannst in der TV-Tagesschau 72’000 Menschen sehen, die um ihr Leben schwimmen, und trotzdem nicht das Geringste empfinden. Wenn du aber nur eine einzige dieser 72’000 Geschichten wirklich kennen würdest, könntest du nächtelang kein Auge mehr zutun. So wie diese Familie mit ihrem winzigen Haus in Ceuta, ein kurzes Aufleuchten von Menschlichkeit, bevor wieder alles im Dunklen versank. An der Türschwelle dieses Häuschens sass ein etwa siebenjähriger Bub, der bitterlich weinte. Unterwegs auf dem Meer hatte er seine Schwester verloren, seine Eltern waren schon lange zuvor gestorben. Diese Familie hätte ihm in ihrem Häuschen gerne einen Platz gegeben und für seinen Lebensunterhalt gesorgt. Aber das geht in Ceuta nicht. Flüchtlingen zu helfen ist verboten. Hätten sie ihn aufgenommen, wären sie im Gefängnis gelandet.
(Nachtrag am 3. August. Mittlerweile kursieren verschiedene Erklärungsversuche, weshalb plötzlich innerhalb so kurzer Zeit so viele Menschen aus Marokko nach Ceuta flüchteten. Eine mögliche Erklärung lautet, der Entscheid des obersten spanischen Gerichtshofs vom 16. Juni 2026, wonach Geflüchtete, die über den Seeweg spanisches Territorium erreichen, nicht sofort zurückgeschickt werden dürften, könnte ein falsches Signal ausgelöst haben – falsch deshalb, weil eine Ankunft in Ceuta nicht automatisch den Zugang zu einem europäischen Land bedeutet, denn ohne Visum kommt kein einziger Migrant aus Ceuta auf das europäische Festland. Eine andere Erklärung besagt, dass der wenige Tage zurückliegende Besuch von Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez beim Erzrivalen Algerien die marokkanische Regierung zu einer Vergeltungsaktion bewogen haben könnte. Beide Erklärungsversuche werfen indessen nur weiteres Licht auf die hoffnungslose und verzweifelte Lage jener Menschen, die keinen Moment zögerten, auch noch den letzten Funken Hoffnung auf ein besseres Leben blindlings zu ergreifen, ohne sich im Entferntesten bewusst zu sein, dass sie vielleicht bloss als Spielball divergierender Staats- und Machtinteressen dienen könnten. Bezeichnend ist auch, dass am Ende mit Spanien vor allem jenes Land am Pranger steht, welches als zurzeit einziges europäisches Land den Mut gezeigt hat, von Grund auf neue Wege im Umgang mit Migrantinnen und Migranten zu suchen, indem diese nicht mehr vor allem verfolgt, kriminalisiert und vertrieben werden, sondern die Chance bekommen, aus der Illegalität in die Legalität aufzutauchen und einer regulären Beschäftigung nachzugehen, was nicht nur diesen selber, sondern auch ihrem Aufnahmeland in jeglicher – gesellschaftlicher wie auch ökonomischer – Weise zweifellos zugute kommt. Doch statt sich an Spanien ein Vorbild zu nehmen, haben 22 der 27 Staats- und Regierungschefs der EU der spanischen Regierung gemeinsam einen Brief geschrieben, in dem das Verhalten Spaniens inbezug auf die Massenflucht nach Ceuta unverhohlen kritisiert wird. Wie gut, haben alle nun einen Schuldigen gefunden und müssen sich nicht mehr mit ihrer eigenen – nur zu oft von Menschenverachtung und blindem Fremdenhass geprägten – Asylpolitik auseinandersetzen.)
(Nachtrag am 7. August. Die Spekulationen und Schuldzuweisungen gehen weiter. Die sozialen Medien geraten ins Kreuzfeuer der Kritik: Sie hätten Falschinformationen verbreitet und falsche Hoffnungen geschürt, auf Instagram seien sogar genaue Anleitungen betreffend Fluchtrouten bekannt gemacht worden. Andere vermuten, die USA könnten hinter dem Aufruf zur Flucht gestanden haben, als Reaktion auf den derzeit sich auf einem „eisigen Tiefstand“ befindlichen Beziehungen zwischen Trump und Sánchez. Wieder andere könnten sich sogar vorstellen – das musste ja früher oder später noch kommen -, dass Russland mit eigenen Bots dem Ganzen massiv nachgeholfen haben könnte. Bei all den gegenseitigen Schuldzuweisungen und Rechtfertigungsversuchen geht einmal mehr beinahe gänzlich vergessen, wie gross das Elend, die Verzweiflung und zugleich die Hoffnung auf ein besseres Leben bei jenen Menschen sein müssen, die auch noch ihre allerletzten Kräfte mobilisieren, um aus der Hölle ins vermeintliche Paradies zu gelangen: Neun Kilometer weit sind sie unter widrigsten Bedingungen durch das Meer geschwommen, darunter viele Minderjährige und Elternlose, zwischen fünf und sechs Stunden waren sie im Wasser, viele von ihnen hatten seit Tagen nichts mehr gegessen, mindestens 75 von ihnen – NGOs sprechen von bis zu 140 – überlebten es nicht. Und das war noch nicht alles. Die meisten von ihnen waren zuvor schon stundenlang auf den Autobahnen Richtung Ceuta unterwegs gewesen, teilweise auf den Ladeflächen von Kipplastern, bis zu 70 Menschen pro Fahrzeug aufs engste zusammengepfercht. Man stelle sich einmal vor, 140 europäische Touristen würden bei einer Kreuzfahrt zwischen Italien und Griechenland ums Leben kommen – ich sehe schon die Strassen und Plätze in dieser oder jener europäischen Grossstadt, gefüllt mit unzähligen Kerzen, Blumen und untröstlich weinenden Menschen.)
(Nachtrag am 8. August. Die Schlussfolgerungen, die auf der politischen Ebene aus dem Massenansturm vom 30. Juli auf Ceuta gezogen werden, befassen sich bezeichnenderweise nicht mit den eigentlichen Ursachen des Problems, nämlich dem gigantischen Wohlstandsgefälle zwischen Norden und Süden, sondern beschränken sich ausschliesslich darauf, wie die Grenze zwischen der Hölle und dem Paradies noch wirkungsvoller und unüberwindlicher gesichert werden könnte. Bereits wurde, um einen neuen Massenansturm zu erschweren, eine sich 500 Meter weit ins Meer ziehende, aufblasbare Bojenanlage installiert. Durch dieses „Grenzsperrelement“ soll das Urteil des Spanischen Obersten Gerichtshofs vom 16. Juni 2026 ausgehebelt werden, wonach sich Menschen, die Ceuta schwimmend und ohne Überwindung einer Grenzsperre erreichen, nicht strafbar machen. Diskutiert wird auch die Rolle der sozialen Medien. So etwa meint der Schweizer Bundesrat und Justizminister Beat Jans: „Wir müssen besser verfolgen können, was in den sozialen Medien geschieht. So könnten wir früher reagieren und Menschen davon abhalten, eine solch gefährliche Reise überhaupt anzutreten.“ Gleichzeitig kursieren immer höhere Opferzahlen des Massenansturms vom 30. Juli. Bereits wurden 141 tote Migrantinnen und Migranten aus dem Meer geborgen – wie viele weitere werden es wohl sein, die man niemals finden wird und die für immer spurlos verschwunden bleiben werden? Immer wieder hört man von Menschen, die verzweifelt nach vermissten Angehörigen suchen, in den sozialen Foren sieht man unter vielen anderen zum Beispiel das Foto des neunjährigen Mohamed Afasi, der im Meer verschwunden war, als er mit seiner Mutter an einem Wellenbrecher vorbeischwimmen wollte, oder das Foto der 15jährigen Mariam, die es laut Zeugenaussagen offenbar bis nach Ceuta geschafft hatte, deren Handy aber seitdem ausgeschaltet ist.)
(Nachtrag am 9. August. Je mehr sich die grossen politischen Diskussionen, welche bisher alle Medien dominiert haben, zu verflüchtigen beginnen, umso drastischer rücken die Schicksale der betroffenen Migrantinnen und Migranten in den Vordergrund, nur dass diese nicht den geringsten Teil an öffentlichem Echo auslösen, welche von all jenen europäischen Politikern ausgelöst worden waren, welche sich einerseits gegenseitig die Schuld an allem in die Schuhe schoben und anderseits hoch und heilig versprachen, so etwas dürfe nie mehr passieren. „Sarah sitzt auf einer Matratze“, berichtet das schweizerische „Tagblatt“, „die auf dem Boden eines improvisierten Obergeschosses liegt. Die 23jährige Marokkanerin hat am Donnerstag die Grenze nach Ceuta überquert. Letzte Nacht hätte sie zum ersten Mal richtig geschlafen, nachdem sie an den Tagen zuvor immer wieder von Hausbesitzern geschlagen worden sei, wenn sie sich vor deren Türen niedergelassen hätte, oder auf der Strasse von betrunkenen Männern belästigt und einmal beinahe vergewaltigt worden sei. Zudem hatte sie seit der Ankunft in Ceuta während vier Tagen nichts gegessen. Jetzt hat sie in einer von ein paar freiwilligen Helfern eingerichteten Notunterkunft Unterschlupf gefunden, aber Hunderte Mädchen und Frauen halten sich immer noch irgendwo im Freien auf, in einer Umgebung, die wegen Bandenkriminalität und allgemeiner Strassengewalt als eine der gefährlichsten Regionen Spaniens gilt. Sarah sei von der Polizei weggerannt, als diese sie zur Grenze habe bringen wollen. Sie habe sieben Schwestern. Nachdem ihr Vater sie verlassen habe, hätte sie als Reinigungskraft gearbeitet, 12 Stunden pro Tag für jeweils 10 Euro, um ihre Mutter zu unterstützen und ein Zimmer in Tanger zu bezahlen, doch es hätte hinten und vorne nicht gereicht. „Mit einem Taxi“, so das „Tagblatt“, „fuhr sie bis etwa 30 Kilometer vor die Grenze. Den Rest des hügeligen Weges ging sie zu Fuss, grösstenteils barfuss. Ihre Füsse, die sie immer wieder unter ihrem Rock versteckt, sind überzogen mit Blasen und Schürfwunden. Lange kann sie in der Notunterkunft aber nicht mehr bleiben. Findet sie in der Zwischenzeit keine andere Lösung, könnte sie, wie Hunderte andere Kinder und Jugendliche, in einem Industriekomplex nahe der Grenze zu Marokko landen. Dort liegen zwischen heruntergekommenen Blechwänden Jungen und Mädchen auf Kartonschachteln, mit Tüchern notdürftig vor der prallen Sonne geschützt. Eine von ihnen, die 21jährige Aya, ist schwanger. Hier, sagt sie, hätte man nichts, nicht einmal Toiletten. Ihr grösster Wunsch, aufs spanische Festland zu gelangen, dürfte sich für die meisten dieser jungen Menschen nicht erfüllen. Viel wahrscheinlicher ist, dass sie irgendwann von der Polizei aufgegriffen und nach Marokko zurückgebracht werden.“)
(Nachtrag am 13. August, Auszüge aus einem Artikel im „Tagesanzeiger“: „Na, Glückwunsch, willkommen zurück.“ So habe ihn die Mutter sarkastisch begrüsst, als er am Montag nach der Massenflucht wieder zurück in die Wohnung der Familie in Casablanca gekommen sei, erzählt Ashraf Bahlawan. Fast eine Woche war er nach Ceuta unterwegs gewesen, erst mit dem Zug bis Tanger, dann zwei Tage zu Fuss bis zum Mittelmeer und dann noch einmal 14 Stunden schwimmend durchs Meer. So erzählt er es. Zwei Tage hielt er es in Ceuta aus ohne Essen, dann ging er zurück. Nur, um sich wieder auf die nächste Flucht vorzubereiten. Im September will er es erneut versuchen, dann, wenn die See rauer wird und die Patrouillen der Küstenwache oft im Hafen bleiben müssen. „Ich trainiere jeden Tag im Meer“, sagt Bahlawan. „Ich denke nur an Europa, hier werde ich nicht reich, in Europa schon.“ Er hat natürlich gesehen, wie sich sein Land entwickelt. Aber der Reichtum ist an ihm und seiner Familie vorbeigegangen, die Mutter putzt, der Vater ist tot. Die Familie lebt zu fünft in einer kleinen Wohnung mit zwei Zimmern und Küche. Vom derzeitigen Wirtschaftsboom profitieren fast nur die städtischen Zentren, die ländlichen Regionen sind völlig abgehängt, die Arbeitslosigkeit liegt bei 13 Prozent, die unter Jugendlichen bei 37 Prozent. Wofür die Regierung bisher noch nichts unternommen hat, ist eine Umverteilung der Reichtümer, die in den Händen der seit Jahrzehnten gleichen politisch-wirtschaftlichen Eliten liegen, die an allem mitverdienen will.)
Sinkendes Leistungsniveau an den Schweizer Schulen?
17. August 2026
Es wird beklagt, das «Leistungsniveau» an den Schulen sinke. Doch bevor man über «Leistung» diskutieren kann, muss man erst einmal definieren, was eigentlich darunter zu verstehen ist. Zu oft werden nämlich zwei grundsätzlich verschiedene Dinge miteinander verwechselt. Das eine könnte man als «Drill» bezeichnen, etwas, das vor allem mit Prüfungen und dem Auswendiglernen von Faktenwissen zu tun hat, dessen Ergebnisse in Form von Noten gemessen werden. Das andere hat dagegen viel mehr mit Neugierde und Lerneifer zu tun. Drill auf der einen Seite und natürliche Lernfreude auf der anderen sind indessen nicht nur etwas Grundverschiedenes, sondern es ist geradezu so, dass zu viel Drill, Stofffülle und Prüfungsdruck dazu führen können, dass der natürliche Lerneifer des Kindes erheblich darunter leidet und die Forderung nach einem gezielten «Hochschrauben» des Leistungsniveaus genau das Gegenteil dessen bewirkt, was sie angeblich bezweckte. Jedes Kind – das zeigt das Erlernen der Muttersprache und aller weiteren lebensnotwendigen Grundfertigkeiten in den ersten Lebensjahren – verfügt über einen unbändigen Lernwillen, sofern man ihm die hierzu nötige Freiheit und Selbstbestimmung gewährt. Will man echte und nachhaltige Lesitungsförderung betreiben, so geht das nur, indem man dem freien, selbstbestimmten und lustvollen Lernen des Kindes so viel Raum gibt wie nur möglich. Und nicht, indem man danach trachtet, diesen Raum mit immer mehr Druck, Drill und überhöhter Stofffülle einzuengen.
Werden wir immer dümmer?
2. August 2026
«Werden wir immer dümmer?», fragt sich Valentina Reese in der „Sonntagszeitung“ vom 2. August aufgrund sinkender Resultate bei IQ-Tests. Im Verlaufe meiner pädagogischen Tätigkeit ist meine Skepsis gegenüber jeglichem Versuch, Intelligenz zu messen und mit einem Quotienten zu bewerten, immer grösser geworden. Ich stelle mir Intelligenz vielmehr als etwas ganz und gar Individuelles und Unvergleichbares vor. Zudem greift jede Art von Intelligenztest immer nur einen winzigen Teil aus dem Gesamtspektrum am denkbaren Intelligenzpotenzial heraus, in den westlichen Industrieländern in erster Linie kognitive Fähigkeiten wie das Erkennen von Mustern, das Lösen mathematischer Aufgaben oder das räumliche Vorstellungsvermögen. Dies allein aber genügt bei Weitem nicht für das Bewältigen aller täglichen Herausforderungen und das Weiterleben von Generation zu Generation, wofür Verantwortungsbewusstsein, Fürsorge, Durchhaltevermögen in schwierigen Situationen, Offenheit für Kritik und Denkanstösse von aussen, Dialogbereitschaft sowie Sorgfalt im Umgang mit Menschen, Dingen und der Natur weitaus wichtiger sind als die Fähigkeit, eine Mathematikaufgabe in möglichst kurzer Zeit zu lösen. So gesehen erscheint mir Intelligenz nicht etwas Statisches, Mess- und Definierbares zu sein, sondern ein jedem Menschen angeborenes Potenzial, das sich vor allem dadurch zu entfalten mag, wenn man ein Grundvertrauen in seine eigene Fähigkeiten hat und nicht das lähmende und zermürbende Gefühl, weniger intelligent zu sein als andere.
Afrikaner in der Schweiz: Vom Glück, ein Fussballspieler zu sein und nicht ein namenloser Asylsuchender
21. Juli 2026
«So sieht eine Fussballmannschaft aus», schreibt die «Sonntagszeitung», «die ein Land hinter sich bringt und Hunderttausende mitten in der Nacht auf die Strasse lockt.» Doch dieses Gemeinschaftsgefühl und der Stolz auf eine Mannschaft, die mit Spielern aus dem Kosovo, Senegal, Kamerun, Nigeria, Angola, dem Kongo und dem Sudan weit internationaler zusammengesetzt ist als jedes andere Nationalteam, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es von dieser Medaille auch noch eine andere Seite gibt, nämlich die in hoher Anzahl von der Schweiz durchgeführten zwangsweisen Ausschaffungen von Asylsuchenden in ihre Herkunftsländer. So etwa wurde Ende April eine Familie mit drei Kindern zwischen zwei und acht Jahren von 20 Polizisten morgens um zwei Uhr aus dem Asylzentrum Neuenhof AG weggeführt und gegen ihren Willen nach Burundi ausgeschafft – die Schweiz ist derzeit das einzige europäische Land, welches trotz prekärster Menschenrechtslage Ausschaffungen nach Burundi vollzieht. Jeden Tag werden aus der Schweiz durchschnittlich zwölf Personen mit Polizeigewalt ausgeschafft, mehr als aus jedem anderen europäischen Land. Schön ist, dass wir auf unser international so bunt gemischtes Fussballteam so stolz sind. Noch schöner wäre es, wenn die Schweiz die gleiche Offenheit auch gegenüber aus Krieg, Hunger und Verfolgung geflüchteten Menschen an den Tag legen und wieder zu einer an humanitären Werten orientierten Asylpolitik zurückkehren würde, auf die sie einmal so stolz gewesen war.
Die wundersame Verwandlung der ukrainischen Asow-Brigade
18. Juli 2026
«Die populärsten militärischen Verbände der Ukraine», so Sonja Zekri in der „Sonntagszeitung“, «treten nicht mehr nur als Kampfverbände auf. Sie operieren nach den Regeln der Unternehmenskommunikation als eigene Marken.» So auch die Asow-Brigade, die sogar eine eigene Kultur- und Bildungsplattform geschaffen hat. In «Asow-Stores» werden unter anderem Espresso, Urban Clothing, Kampfjetsocken, Folkloreschals mit Sturmgewehr und ein Puzzle mit dem Logo der Region Donezk feilgeboten, alles ganz «friedlich» und «sympathisch». Leider hat Sonja Zekri nicht erwähnt, dass die Asow-Brigade bereits Jahre vor der russischen Invasion mit äusserster Brutalität gegen die russischsprachige Bevölkerung in der Ukraine vorgegangen war. In UNO-Berichten ist unter anderem von Gruppenvergewaltigungen, tagelangen Folterungen, Entführungen, Schleifen von an Seilen Gebundenen über Getreidefelder bis zur Bewusstlosigkeit, stundenlangem Aufhängen mit auf dem Rücken zusammengebundenen Händen, Schüsse in die Knie und Brechen von Armen und Beinen die Rede. Die von der ukrainischen Armee und paramilitärischen Gruppen gegen die russischsprachige Zivilbevölkerung in der Ostukraine ausgeübten Gewalttaten hatten zwischen 2014 und 2022 rund 14’000 Todesopfer zur Folge und waren einer der Hauptgründe für die russische Invasion im Februar 2022. Warum will man dies im Westen so beharrlich nicht zur Kenntnis nehmen? «Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit», sagte schon im Jahre 1914 US-Senator Hiram Johnson. Wie Recht er doch hatte!
«Man kann Probleme nicht mit der gleichen Denkweise lösen, mit der sie entstanden sind.»
12. Juli 2026
In der aktuellen Diskussion um die Klimaerwärmung geht leicht vergessen, dass diese nur eines von vielen Anzeichen dafür ist, dass das Gleichgewicht zwischen dem Menschen und der Natur schon längst aus allen Fugen geraten ist. Viele Menschen, vor allem in den reichen Ländern des Nordens und des Westens, haben sich in den letzten Jahrzehnten an einen Lebensstil gewöhnt, der sich nur mit einer unverantwortbaren Übernutzung der vorhandenen natürlichen Ressourcen aufrechterhalten lässt. Berechnet man, wie viele Ressourcen der Schweizer Bevölkerung jährlich zur Verfügung stehen, um auf natürliche Weise wieder regeneriert werden zu können, so gelangt man zur schockierenden Erkenntnis, dass die Schweiz am 11. Mai dieses Jahres bereits sämtliche dieser Ressourcen aufgebraucht hatte. Mit anderen Worten: Während zwei Dritteln des Jahres leben wir nur noch auf Kosten der ärmeren Länder und der zukünftigen Generationen. Daher besteht die einzige wirklich nachhaltige Massnahme gegen die Klimaerwärmung und die Übernutzung der natürlichen Ressourcen in einer radikalen Rückbesinnung darauf, wo die Grenze liegt zwischen unnötigem Luxus und der Sicherstellung der unerlässlichen Lebensgrundlagen. Rein technologische Lösungsvorschläge wecken bloss falsche Illusionen und bergen überdies die Gefahr, dass sich die bereits erfolgten Fehlentwicklungen weiter verschärfen, denn, wie schon Albert Einstein sagte: «Man kann Probleme nicht mit der gleichen Denkweise lösen, mit der sie entstanden sind.»
Zwei Mädchen gegen ihren Willen mit elf Buben in der gleichen Schulklasse
22. Juni 2026
Das Beispiel von zwei Mädchen, die gegen ihren Willen und entgegen dem Wunsch ihrer Eltern zusammen mit elf Buben einer dritten Klasse zugeteilt wurden, wirft über diesen Einzelfall hinaus grundsätzliche Fragen zu einem Schulsystem auf, das in seiner Grundstruktur auf dem Prinzip der Jahrgangsklasse beruht. Aufgrund fast aller Probleme, mit denen sich Schulen heute herumschlagen – von den sogenannten «Lernstörungen» und «Verhaltensstörungen» bis zum Spannungsfeld zwischen Integration und Separation – müsste man schon längst zum Schluss gekommen sein, dass Jahrgangsklassen nicht die idealen Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen bieten. Denn kein Kind lernt auf die gleiche Weise wie ein anderes, jedem Kind ist von Natur aus ein individueller «Lernplan» eingeboren, und nur wenn die äusseren Bedingungen diesem entsprechen, kann sich sein Lernen optimal entfalten – so, wie dies in den ersten Lebensjahren beim selbstbestimmten Erlernen der Muttersprache und aller weiteren für das spätere Leben notwendigen Grundfertigkeiten der Fall ist. Für gutes Lernen braucht es weder Jahrgangsklassen, noch künstliche, von Erwachsenen geschaffene Lehrpläne, sondern einzig und allein eine lernanregende Umgebung und Erwachsene, welche die Kinder bei ihrem eigenständigen Lernen ermutigend begleiten. So etwas Absurdes, dass man zwei Mädchen gegen ihren Willen mit elf Buben in eine Schulklasse setzt, wäre dann in einer zukünftigen Welt freien und selbstbestimmten Lernens völlig undenkbar.
Markus Somm und Jean Ziegler
14. Juni 2026
Markus Somm nennt seine Gedanken zum Tode von Jean Ziegler eine Art von «Liebeserklärung» und fügt hinzu: «Tatsächlich bewunderte ich ihn.» Um sogleich aber umso heftiger gegen ihn loszupoltern: Weil Ziegler gut hätte schreiben können, sei es ihm gelungen, «sich selbst von jedem Unsinn zu überzeugen». Somm kenne niemanden, der sich «in seinen politischen Ideen so geirrt hat wie Jean Ziegler». Seine Bücher würden «vor unverschämten und unbelegten Verleumdungen nur so saften». Und als Professor habe er «die falschen Lehren vermittelt». Vermutlich führt Somm gegen Ziegler nur deshalb so grobes Geschütz auf, weil er, als Historiker und selber ursprünglich ein Linker, nur allzu genau wissen muss, dass Ziegler mit seiner Grundthese, wonach extreme Armut bloss die Kehrseite extremen Reichtums ist, im Grunde Recht hatte. Kein anderer hat uns Privilegierte so unermüdlich mit der Tatsache konfrontiert, dass weltweit täglich rund 15’000 Kinder vor dem Erreichen ihres fünften Lebensjahrs sterben, weil sie nicht genug zu essen haben – nicht weil es weltweit zu wenig Nahrungsmittel gibt, sondern nur deshalb, weil im Kapitalismus die Güter nicht dorthin fliessen, wo sie am dringendsten gebraucht werden, sondern dorthin, wo sich damit am meisten Geld verdienen lässt. Ziegler nannte es «Mord». Gibt es dafür ein treffenderes Wort? Leider findet man heute nur noch wenige so zutiefst gerechtigkeitsliebende und mutige Politiker wie Jean Ziegler. Er wird uns schmerzlich fehlen.
Der Mensch, ein „merkwürdiges Wesen“?
8. Juni 2026
Die Ausführungen des Neurowissenschaftlers Lutz Jäncke zeigen auf erschreckende Weise, was passieren könnte, wenn die herrschende Technologiegläubigkeit noch extremere Formen als bisher annehmen würde. Jäncke sagt, der Mensch sei ein «merkwürdiges Wesen», das ihn «skeptisch stimmt». Demzufolge hat er mehr Vertrauen in die Maschine als in den Menschen: «Vielleicht ist es gut, dass die Maschine irgendwann schlauer sein wird als der Mensch». Jäncke selber scheint schon so sehr zum Produkt seiner eigenen Denkweise geworden zu sein, dass er all das, was die Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen mitsamt seiner ganzen Unberechenbarkeit und Unvollkommenheit ausmacht, gar nicht mehr wahrzunehmen vermag. Wenn Jäncke dann im Weiteren findet, der «einzelne Mensch mag als Schriftsteller, Philosoph, Arzt, Lehrer oder Journalist toll sein», nicht aber als «Gesamtkonstrukt», dann scheint er in seinem so einseitig technokratisch ausgerichteten und auf intellektuelle Einzelleistungen fixierten Welt- und Menschenbild sogar gänzlich vergessen zu haben, dass es nebst berühmten Einzelpersonen vor allem auch noch ein paar Milliarden Mütter, Väter, Handwerker, Gemüsepflückerinnen, Bäcker, Pflegerinnen und Fabrikarbeiter braucht, damit das tägliche Überleben der Menschheit überhaupt gesichert ist. Im Gegensatz zu Jäncke glaube ich, dass der Mensch durchaus ein vernünftiges Wesen ist, dessen Fähigkeit zur Vernunft sich zwar noch perfektionieren, niemals aber durch eine Maschine ersetzen lässt.
Heute darfst du nicht einmal mehr ein Aussenseiter sein
17. April 2026
«Mittlerweile», so der Aargauer Chefpsychiater Marc Walter in der «Sonntagszeitung» vom 22. Februar, «haben pro Jahr 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz eine psychische Störung.» Nicht einmal ein Aussenseiter darf man heute noch sein, schon wird den Eltern empfohlen, sich bei einer Fachperson zu erkundigen, was man dagegen tun könne. Dabei gibt es nun mal Menschen, die lieber alleine sind, während sich andere in einer Gruppe besser fühlen. Was ist «normal», was ist «abnormal», was ist «richtig», was ist «falsch» und wer bestimmt das? Sollten wir uns nicht gegenseitig einfach so leben lassen wie wir sind, in unserer ganzen Verschiedenartigkeit – solange wir dabei niemandem etwas zuleide tun? Ich war schon als kleines Kind ein Aussenseiter und bin es heute, über 70 Jahre später, immer noch. Lieber spielte ich alleine als mit anderen zusammen, und wenn, dann nie mit Jungs, sondern immer nur mit Mädchen. Während meine Schulkameraden Fussball spielten, sass ich alleine mitten im Wald und machte mir Gedanken über Gott und die Welt. Später, als die anderen miteinander ihr Bier trinken gingen, sass ich, immer noch alleine, zuhause und schrieb meine ersten Gedichte. Kürzlich riet mir ein Freund, und er meinte es sicher gut, mich gelegentlich mal auf Autismus abklären zu lassen. Nein danke, sagte ich, es geht mir gut. Ich möchte kein anderer sein als der, der ich bin. Denn, wie der irische Schriftsteller Oscar Wilde sagte: «Sei du selbst, alle anderen gibt es schon.»
Stromschläge gegen Depressionen
12. April 2026
Stromschläge gegen Depressionen. Lorazepam gegen Schlaflosigkeit. Ritalin gegen Lernstörungen. Achtsamkeitsübungen gegen Stress. Sport gegen Fettleibigkeit. Für jedes Problem eine passende Therapie. Dennoch nehmen gemäss Statistiken seelische und körperliche Belastungen und Defizite weiterhin zu. Was läuft da schief? Ich erinnere mich an eine junge Frau, die aufgrund ihres bisherigen, fast ausschliesslich von psychischer und körperlicher Gewalt geprägten Lebens all ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft verloren hatte. Eine langjährige Psychotherapie, die sie bloss als schmerzliches Herumstochern in ihrer Vergangenheit empfunden hatte, war ergebnislos abgebrochen worden, auch von den unzähligen Medikamenten, die ihr nicht geholfen hatten, wollte sie nichts mehr wissen. Während wir über anderes sprachen, machte sie immer wieder wirre, düstere Zeichnungen. Als ich ihr eines Tages sagte, dass mir diese Zeichnungen wie Kunstwerke aus einer anderen Welt vorkämen, war sie zunächst sprachlos. So etwas hätte noch nie jemand zu ihr gesagt. Überhaupt hätte noch nie jemand irgendetwas Gutes über sie gesagt. Und dann begann sie zu erzählen, stundenlang. Heute sagt sie, ich hätte ihr das Leben gerettet. Vielleicht sind eben doch die zwischenmenschliche Anteilnahme und der Glaube an das Gute im Menschen die wirksamsten aller Heilmittel, kurz: die Liebe. Und das Beste: Niemand muss ein halbes Jahr auf einen Therapieplatz warten. Die Liebe steht jederzeit und überall kostenlos zur
„Die Schule ist künftig vielleicht nicht mehr das, was wir darunter verstehen“
7. April 2026
Seit Jahren wird in Fachkreisen und in der Politik darüber gestritten, ob am Konzept einer integrativen Schule festgehalten oder davon Abschied genommen werden soll. Viel wesentlicher aber wäre die Frage, ob Schulen der herkömmlichen Art gutem und erfolgreichem Lernen überhaupt förderlich sind. Vieles spricht dagegen. Während Millionen von Jahren haben die Menschen ohne Schulen gelernt und dabei sämtliche geistigen, kulturellen und ökonomischen Grundlagen der heutigen Zivilisationen geschaffen. Lernen, Neugierde und Wissensdurst liegen in der Natur des Menschen. Auch die Kinder lernen in den ersten Lebensjahren von der Muttersprache bis zum aufrechten Gang alles für ihr späteres Leben Notwendige aus eigener Kraft. Menschen muss man nicht zum Lernen zwingen, man muss nur die äusseren Bedingungen so gestalten, dass sich Lernen möglichst frei entfalten kann, durch möglichst vielfältige Lernangebote aller Art von Sprachkursen und Sportvereinen über Bibliotheken, Kulturzentren und Quartervereinen bis zu Lernbörsen zum gegenseitigen Austauschen und Weitergeben von Fertigkeiten, Kenntnissen, Wissen und Lebenserfahrungen. So könnte die Vision von Leo Tolstoi, die er bereits im Jahre 1911 in seinen Pädagogischen Schriften beschrieben hatte, vielleicht doch noch Wirklichkeit werden: «Die Schule ist künftig vielleicht nicht mehr das, was wir darunter verstehen, mit Fussböden, Bänken, Stühlen; sie wird vielleicht ein Theater, eine Bibliothek, ein Museum oder eine Unterhaltung sein.»
Bis zu 5000 Franken für Gymi-Vorbereitungskurs
11. März 2026
Bis zu 5000 Franken blättern Eltern für Gymi-Vorbereitungskurse hin. Während Monaten opfern viele Jugendliche fast ihre gesamte Freizeit, verzichten auf ihre liebsten Hobbys, gehen nicht mehr Fussball spielen, lesen keine Bücher mehr, treffen sich nicht mehr mit Freundinnen und Freunden. Der Druck ist gewaltig. Mindestens zwei Fälle von Jugendlichen im Kanton Zürich, die sich kurz vor der Gymiprüfung das Leben nahmen, sind mir bekannt. Verständlicherweise ist nun immer öfters der Ruf nach einer Abschaffung der Gymiprüfung zu hören. Doch würde sich dadurch der Druck nur weiter in die voranliegenden Schuljahre verlagern. Ich würde deshalb einen Schritt weitergehen und nicht nur die Abschaffung der Gymiprüfung fordern, sondern die Abschaffung des gymnasialen Bildungswegs als solchem. Denn bereits heute kann jegliches Berufsziel auch über den Weg einer Berufslehre mit nachfolgender Weiterbildung erreicht werden. Dies wäre nicht nur gut für die Chancengleichheit – heute ist die Aussicht eines Kindes akademisch gebildeter Eltern, ans Gymnasium zu kommen, rund sieben Mal grösser als die eines Arbeiterkinds -, es wäre auch gut für eine möglichst ganzheitliche, Praxis und Theorie miteinander verknüpfende Grundausbildung, gut für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, gut für die Wertschätzung des Handwerks, gut für das Wohlbefinden Jugendlicher in einer Zeit lebensprägender Persönlichkeitsentwicklung und nicht zuletzt auch gut als Instrument gegen den zunehmenden Fachkräftemangel.
Und alle anderen Parteien haben keine eigenen Ideen?
27. Januar 2026
Das SVP-Bildungspapier greift wichtige Themen auf, so etwa die Kopflastigkeit und Realitätsferne der Schule oder die Überforderung durch zwei Fremdsprachen bereits in der Primarschule. Andere Forderungen aber lassen sich aus pädagogischer Sicht kaum nachvollziehen. So zum Beispiel das Festhalten am traditionellen Notensystem, mit dem Lernleistungen von Kindern miteinander verglichen und bewertet werden, statt sich auf eine bestmögliche individuelle Lernförderung jedes einzelnen Kindes auszurichten. Auch die Forderung, Kinder mit schwächeren Lernleistungen vermehrt «nachsitzen» zu lassen, tönt eher nach Bestrafung als nach echter Lernförderung. Völlig widersinnig erscheint mir auch die Forderung nach einer «Obergrenze» für den Ausländeranteil in Schulklassen – sollen sich die überzähligen Kinder dann einfach in Luft auflösen? Wenn sogar noch verlangt wird, Eltern, die sich weigern würden, ihr Kind in einen Sprachkurs zu schicken, allenfalls die Aufenthaltsbewilligung zu entziehen, muss man sich schon fragen, ob die SVP noch nicht mitbekommen hat, dass Eltern, egal ob Schweizer oder ausländische, in aller Regel jede Gelegenheit ergreifen, um ihre Kinder bestmöglich zu fördern, und solche Drohungen deshalb völlig unnötig sind und sich zweifellos nur kontraproduktiv auswirken würden. Bei alledem frage ich mich, ob denn alle anderen Parteien keine Ideen für Schulreformen haben. Es kann doch nicht sein, dass die SVP alleine darüber bestimmt, wie die Schule von morgen aussehen soll.
Was aus dem Unglück von Crans-Montana auch noch zu lernen wäre
5. Januar 2026
Spontan und unbürokratisch haben Deutschland, Frankreich, Italien und Belgien nach dem Unglück in Crans-Montana Schwerverletzte aufgenommen. Auch Rumänien und Luxemburg haben Ambulanzfahrzeuge und Hubschrauber zur Verfügung gestellt. Zahlreiche weitere Länder haben Unterstützung angeboten: Dänemark, Griechenland, Finnland, Irland, Kroatien, die Niederlande, Litauen, Nordmazedonien, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Schweden, Slowenien, Tschechien und die Türkei. Was für ein schönes Beispiel internationaler Solidarität! Weitaus weniger spontan und unbürokratisch ging es vor rund drei Monaten bei der Aufnahme schwerverletzter Kinder aus dem Gazastreifen zu und her. Die längste Zeit, während viele weitere Kinder ihren tödlichen Verletzungen erlagen, verstrich, bis sich schliesslich gerade mal acht von 26 Kantonen bereit erklärten, insgesamt 20 Kinder aufzunehmen. Alle anderen winkten ab: Die Asylsituation sei zu angespannt, es fehle an der nötigen Infrastruktur, das Gesundheitssystem sei ohnehin überlastet und die Finanzierung sei nicht gesichert. Jetzt gerade wird in der Schweizer Öffentlichkeit eifrig diskutiert, was aus dem Unglück von Crans-Montana zu lernen sei. Es ist zu hoffen, dass nicht nur gelernt wird, was für Materialien bei der Einrichtung öffentlicher Lokale zu verwenden seien. Sondern auch, dass echte Solidarität nicht an irgendwelchen Grenzen Halt machen darf, und schon gar nicht an den Grenzen zwischen den reichsten und den ärmsten Ländern der Welt.
Hunderttausende feiern am Samstag, den 25. Juli 2026, in Berlin den Christopher Street Day, eine friedliche Kundgebung für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Personen, die an die Stonewall-Aufstände erinnern, welche am 28. Juni nach einer Polizeirazzia im „Stonewall Inn“ in New York begannen. Als plötzlich, gegen 22 Uhr, in der Nähe des Potsdamer Platzes ein weisser Kastenwagen in die Menschenmenge rast und anschliessend in einen Baum prallt. Der Fahrer steigt aus und flüchtet. Eine Frau erliegt noch vor Ort ihren Verletzungen, 29 weitere Menschen werden verletzt. Zwar sind auch Stunden danach die Hintergründe und der genaue Tathergang noch völlig im Unklaren, doch bereits ist in allen Medien, weit über Deutschland hinaus, die Rede von einem mutmasslich „islamistischen Hintergrund“ der Tat. Der Berliner Bürgermeister Kai Wenger spricht von einem „schrecklichen Angriff auf unsere freie und weltoffene Gesellschaft“, auch Bundeskanzler Friedrich Merz sagt, solche Taten hätten „nur einen Zweck“, nämlich „die Gesellschaft zu spalten und ihr das Wichtigste wegzunehmen, unsere Offenheit und unsere Freiheit“, CSU-Chef Markus Söder fordert „alle Härte bei der Aufklärung“ und „dass wir uns deswegen nicht die gesamte Lebensfreude nehmen lassen dürfen“ und die Berliner AfD-Landesvorsitzende Kristin Brinker prangert auf X den „Kuschelkurs gegenüber gewaltbereiten Islamisten“ sowie die „katastrophale Migrationspolitik der vergangenen Jahre “ an.
Am Sonntag findet eine spontane Trauerversammlung vor dem Brandenburger Tor statt, an der rund 10’000 Menschen teilnehmen, die Bilder der weinenden Menschen und der unzähligen mitgebrachten Kerzen und Blumen gehen um die halbe Welt. Stunden später rückt die Polizei zu einer Gartenlaube aus, wo sich der mutmassliche Täter versteckt haben soll. Dieser soll, wie später berichtet wird, die Polizisten mit einer Stichwaffe angegriffen haben, daraufhin sei auf den Mann geschossen worden und er sei kurz darauf trotz Reanimationsmassnahmen seinen Verletzungen erlegen. Zwischenzeitlich ist zu erfahren, dass sich alle der in der Samstagnacht Verletzten ausserhalb von Lebensgefahr befinden.
Ohne diese Tat verharmlosen zu wollen, stellen sich, wenn man ihre Darstellung in den Medien und die Stellungnahmen der Politikerinnen und Politiker aus einer grösseren Distanz etwas genauer anschaut, doch einige wohl durchaus berechtigte Fragen. Ein besonderes Augenmerk verdient dabei die Art und Weise, wie Mutmassungen und Tatsachen sozusagen fliessend ineinander übergehen und das, was anfänglich bloss Mutmassungen waren, nach und nach immer mehr zu vermeintlichen Tatsachen werden, die am Ende kaum mehr irgendwer kritisch zu hinterfragen wagt, weil schliesslich die Mehrheitsmeinung so erdrückend dominant geworden ist.
Wie wacklig die Füsse sind, auf denen nun in aller Eile schon scheinbar felsenfeste Tatsachen in die Welt hinausposaunt werden, zeigt etwa folgende Stelle in einem Artikel des schweizerischen „Tagblatts“ vom 27. Juli 2026…
Am späten Abend gab die Berliner Polizei bekannt, einen Tatverdächtigen identifiziert zu haben… Ob tatsächlich er es war, der das Fahrzeug gesteuert hat, ist aber noch unklar… Ein möglicher Mittäter könnte ein iranischer Staatsbürger gewesen sein, der während der Amokfahrt Beifahrer gewesen sein könnte…
Nur schon diese wenigen Zeilen genügen, um zu sehen, wie schnell Mutmassungen in Tatsachen umkippen können. Nicht einmal die Frage, wer das fragliche Fahrzeug gesteuert hat, scheint also wirklich geklärt worden zu sein. Doch gerade dies ist ja, wenn man schon von einem „Tatverdächtigen“ spricht, der einzige wirklich entscheidende Punkt. Wenn nämlich jemand anders das Fahrzeug gesteuert hätte, würde ja die gesamte darauf aufgebaute Argumentationskette augenblicklich in sich zusammenbrechen. Dazu kommt, dass der mutmassliche Täter inzwischen tot ist und dies ja weitere Abklärungen und Untersuchungen nahezu verunmöglicht.
Die zweite Frage, die sich dem kritischen Beobachter stellt, betrifft die Art und Weise, wie der Islamische Staat IS, angeblich die politische „Heimat“ des Tatverdächtigen, ohne jegliche kritische, relativierende oder erklärende Zusatzinformationen schlicht und einfach als das „Böse“ schlechthin dargestellt wird, sozusagen etwas geradezu Dämonisches oder Teuflisches als das totale Gegenbild zu den westlichen Werte der „Freiheit“, „Offenheit“, „Demokratie“ und „Lebensfreude“, die uns doch angeblich so viel bedeuten. Dass der IS tatsächlich aber nicht eine Gegenmacht zu dieser angeblichen westlichen „Wertewelt“ ist, sondern, ganz im Gegenteil, eine unmittelbare Folge, geradezu ein Produkt bzw. ein Kind dieser „Wertewelt“, scheint entweder niemanden zu interessieren, vollkommen in Vergessenheit geraten zu sein, oder aber wird von denen, die es wissen, bewusst verschwiegen, würde es doch, wenn die Wahrheit ans Licht käme, bedeuten, dass all die Vorwürfe, all die Schuldzuweisungen, all der Hass gegen die scheinbaren „Feinde des Westens“ auf diesen selber zurückfallen und das ganze Lügengebäude, das mit soviel Aufwand aufgebaut wurde, augenblicklich in sich zusammenfallen würde.
Deshalb an dieser Stelle ein wenig „Nachhilfeunterricht“….
Um den Aufstieg des IS zu verstehen, kommt man nicht umhin, ins Jahr 1991 zurückzublenden, dem Beginn des Zweiten Golfkriegs, geführt von einer Koalition von 34 Staaten unter der Anführung der USA gegen den Irak mit der Begründung und dem Ziel, den Irak zum Rückzug aus dem von ihm seit 1990 besetzten Kuwait zu zwingen. Chancenlos stand der Irak, ganz auf sich alleine gestellt, der grössten je seit dem Zweiten Weltkrieg gebildeten Militärkoalition gegenüber. Die nachfolgenden Aufzeichnungen stützen sich weitgehend auf „Wikipedia“ ab…
Am 17. Januar 1991, um 3 Uhr Ortszeit, begann der Krieg. Die Koalitionsstreitkräfte flogen in den ersten 20 Stunden mit über 750 Kampfflugzeugen und Bombern rund 1300 Angriffe auf Ziele im Irak. Dabei setzten sie präzisionsgelenkte Munition, Streubomben und Marschflugkörper ein.„Bagdad brennt wie ein Weihnachtsbaum“, verkündeten US-Piloten, als sie von ihrem erstem Einsatz zurückkehrten.In der ersten Kriegsnacht verlor der Irak sämtliche Leitzentren seiner Luftstreitkräfte sowie alle Radaranlagen und einen Grossteil seiner Flugabwehrraketenstellungen. Ein grosser Teil der irakischen Kampfflugzeuge wurden am Boden zerstört. Die Luftstreitkräfte flogen umfangreiche Angriffe, ohne auf wesentlichen Widerstand zu stossen. Der Luftkrieg richtete sich auf militärische Ziele wie die Republikanische Garde in Kuwait, Luftverteidigungssysteme, R-17-Raketensysteme, Militärflugzeuge und Flugplätze, Spionagesysteme und die Marine. Zugleich zielte er auf Anlagen, die sowohl dem Militär als auch den Zivilisten nützlich sein konnten: Elektrizitätsanlagen, Nachrichtentechnik, Hafeneinrichtungen, Ölraffinerien und -pipelines, Eisenbahnen und Brücken. Die Energieversorgung des industrialisierten Landes wurde weitgehend zerstört. Am Ende des Krieges lag die Elektrizitätsproduktion bei vier Prozent des Vorkriegsniveaus, Monate später bei 20 bis 25 Prozent. Ausserdem wurde die Trinkwasserversorgung weitflächig gezielt zerstört, was insbesondere die Zivilbevölkerung schwer leiden liess. Bomben zerstörten die Steuerungssysteme aller grossen Staudämme, der meisten Pumpstationen und zahlreiche Kläranlagen. Das Abwasser floss direkt in den Tigris, von dem die Zivilbevölkerung Trinkwasser entnehmen musste, woraus die Verbreitung epidemischer Krankheiten resultierte. Immer wieder wurde auch die Zivilbevölkerung in Leidenschaft gezogen. Allein am 13. Februar 1991 kamen bei einem Luftangriff auf einen Luftschutzbunker im Bagdader Stadtteil Al-Amiriya über 400 Zivilpersonen ums Leben. Insgesamt waren auf der Seite des antiirakischen Militärbündnisses 2700 Luftfahrzeuge im Einsatz, welche insgesamt rund 116’000 Einsätze flogen. Zeitgleich mit der Luftkampagne begannen auch offensive Operationen der US-Marine im Persischen Golf. Auch dabei stellten die Patrouillenboote und Hilfsschiffe, die der Irak im Wesentlichen einsetzte, keine gleichwertigen Gegner für die amerikanischen Hochseeverbände dar. Nach rund drei Wochen war der Irak zu keinen nennenswerten Seeoperationen mehr fähig. Am 24. Februar 1991 eröffnete das antiirakische Militärbündnis schliesslich den Bodenkrieg. Mehrere irakische Panzerkompanien wurden in kürzester Zeit aufgerieben. Am 26. Februar begannen die irakischen Truppen offiziell mit dem Rückzug aus Kuwait, steckten mehrere kuwaitische Ölfelder beim Verlassen in Brand und öffneten die Sperrriegel an kuwaitischen Ölterminals, so dass sich riesige Mengen Öl in den Persischen Golf ergossen und eine Umweltkatastrophe ungeahnten Ausmasses auslösten. Insgesamt brannten rund 600 Ölquellen. In der Nacht zum 27. Februar wurde ein mehrere Kilometer langer Konvoi, bestehend aus sich auf dem Rückzug befindlichen irakischen Truppen sowie Tausenden von Zivilpersonen, von den antiirakischen Luftstreitkräften stundenlang bombardiert. Zu den Angegriffenen gehörte auch ein Teil jener insgesamt 450’000 Palästinenser, welche innerhalb weniger Tage Kuwait fluchtartig verlassen hatten. Bereits zu diesem Zeitpunkt gab es seitens der irakischen Truppen keinen nennenswerten Widerstand mehr. Der Oberbefehlshaber der antiirakischen Militärkoalition, General Norman Schwarzkopf, erklärte, dass 29 irakische Divisionen kampfunfähig gemacht und etwa 3’008 Kampfpanzer, 1’879 der 2’870 gepanzerten Fahrzeuge und 2’140 der 3’100 Artilleriegeschütze zerstört worden waren. 63’000 irakische Soldaten befanden sich in Kriegsgefangenschaft… Der Enthüllungsjournalist Seymour Hersh veröffentlichte im Jahr 2000 im Magazin „The New Yorker“ einen Artikel, wonach ein von dem Zwei-Sterne-General Barry McCaffrey geführter US-amerikanischer Verband an mehreren Massakern an irakischen Einheiten, die bereits kapituliert hatten, und an Zivilpersonen beteiligt war. McCaffrey versuchte sich zwar, gegen die Vorwürfe zu wehren, doch die Beweise waren zu erdrückend. Am 2. März 1991 verabschiedete der UNO-Sicherheitsrat die Resolution 686, in der die Rahmenbedingungen für einen dauerhaften Waffenstillstand festgelegt wurden. Im Rahmen dieses Abkommens verzichteten die USA in der Folge auf eine weitere Unterstützung der kurdischen Bevölkerung im Norden des Irak – dort hatten Kurdenführer im Vertrauen auf eine frühere Zusicherung der US-Regierung, sie in ihrem Kampf gegen das irakische Regime zu unterstützen, mit dem Widerstandskampf begonnen, liefen aber, als die versprochene Hilfe durch die USA ausblieb, der irakischen Armee ins Messer, die nicht von einem brutalen Vernichtungsfeldzug gegen die Kurden zurückschreckte, worauf Millionen von Kurden über die Berge in die kurdischen Gebiete der Türkei und des Iran flüchteten. Am 12. April 1991 trat der Waffenstillstand zwischen dem Irak und dem antiirakischen Militärbündnis unter Führung der USA in Kraft, was das offizielle Ende des Krieges bedeutete. Am 28. Mai 1991 verkündete das US-Verteidigungsministerium, dass 464’000 US-Soldaten inzwischen die Region am Persischen Golf verlassen hätten. Etwa 76′.’000 Soldaten blieben allerdings weiterhin in dem Gebiet stationiert... Erst jetzt, nach dem Ende des Zweiten Golfkriegs, kam ans Tageslicht, dass eines der wichtigsten Argumente, mit dem die USA diesen Krieg gegen den Irak begründet hatten, eine reine Fälschung gewesen war, nämlich die Behauptung, irakische Soldaten hätten in kuwaitischen Spitälern Babys aus Brutkästen gerissen und dadurch ermordet. Nun stellte sich heraus, dass eine New Yorker PR-Firma diese Falschinformation im Auftrag der von Kuwait finanzierten US-Organisation „Citizens for a Free Kuwait“ in Umlauf gebracht hatte. Die fünfzehnjährige Nijirah al-Sabah, die als angebliche Krankenschwester unter Tränen vor dem US-Kongress von den Säuglingsmorden berichtete, war die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA. Ein angeblicher Chirurg, der als Zeuge vor den Vereinten Nationen auftrat, war in Wahrheit Zahnarzt und gestand später ein, gelogen zu haben.
Im Verlaufe des Zweiten Golfkriegs kam es zu zahlreichen Kriegsverbrechen, von denen die wenigsten je geahndet wurden. Eines von ihnen war der Bombenangriff auf den Schutzbunker von Amiriya durch die USA am 13. Februar 1991…
Der Morgen des 13. Februar 1991 brach in Bagdad gerade an. Zahlreiche Familien hatten in einem Bunker des Viertels Amiriya Zuflucht gefunden und fühlten sich dort sicher. Doch plötzlich schlugen zwei Bomben ein und trafen die 408 Personen, welche sich im Bunker aufhielten. Während mehrerer Stunden verbrannten die Eingeschlossenen bei lebendigem Leib. Auf dem Gelände befinden sich heute 408 symbolische Gräber, eines für jedes Opfer. Sofort fällt auf, dass die Gesichter von Frauen und Kindern in der Überzahl sind. Eine Frau murmelt beim Anblick eines jungen Mädchens, das auf einem der Bilder zu sehen ist: „Sie war immer bei uns, wenn es etwas zum Feiern gab, und meistens kam sogar auch ihre Lehrerin mit zu uns.“ Die US-Regierung rechtfertigte den Angriff auf den Bunker von Amiriya damit, dass sich dort eine Kommandozentrale des irakischen Militärs befunden habe, die Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ verfügt hingegen über Dokumente, aus denen klar hervorgeht, dass das Pentagon wusste, dass dieser Bunker als Schutzraum für Zivilpersonen diente. Der für diesen Bombenangriff verantwortliche US-General Merril McPeak, bezeichnete indessen den Bunker als ein „legitimes Ziel“ und die Opfer nur als „geringe Kollateralschäden“. Anlässlich einer Pressemitteilung zum Bombenangriff auf den Bunker von Amiriya sagte er: „Wir sollten dafür Anerkennung erhalten, anstatt uns zu entschuldigen.“
Bereits 1990 waren auf Initiative der USA von der UNO rigorose Sanktionen und eine Wirtschaftsblockade gegen den Irak verhängt worden, die auch die Lebensmittelversorgung unterminierte sowie notwendige Medikamente betraf und erst sechs Jahre später – und nur teilweise – wieder aufgehoben wurden. Ein UNICEF-Report aus dem Jahre 1998 belegte, dass diese Sanktionen eine Zunahme von 90’000 Todesfällen pro Jahr, insbesondere bei Kleinkindern und Babys, zur Folge hatten, während des gesamten Zeitraums der Sanktionen als Folge davon also rund eine halbe Million Kinder sterben mussten. Hauptverantwortlich für diese Sanktionen war Madeleine Albright, die damalige US-Aussenministerin und US-Botschafterin bei der UNO. Am 12. Mai 1996 stellte ihr eine Reporterin des TV-Senders CBS folgende Frage: „Wir haben gehört, dass eine halbe Million Kinder gestorben sind – das sind mehr Kinder, als in Hiroshima starben. War es diesen Preis wert?“ Albrights Antwort lautete: „Es ist diesen Preis wert.“ Denn es hätte, wie sie weiter ausführte, letztlich den Interessen der US-Aussenpolitik gedient.
2003 griffen die USA erneut zu einer Lüge, um einen weiteren Krieg gegen den Irak zu rechtfertigen. Am 5. Februar 2003 führte US-Aussenminister Colin-Powell anlässlich einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats angebliche Beweise für biologische und chemische Waffen sowie für Bauteile atomarer Waffen des Irak vor, die sich im Nachhinein alle als falsch herausstellen sollten. Weil aber Russland, Frankreich, China und das nichtständige Ratsmitglied Deutschland einen weiteren Irakkrieg ablehnten, schmiedeten die USA und Grossbritannien eine eigene „Koalition der Willigen“, um über eine möglichst breite internationale Akzeptanz für eine erneute Invasion zu verfügen. Sie begannen den Krieg ohne UNO-Mandat und gegen das Veto einer Mehrheit des UN-Sicherheitsrats.
Am 17. März 2003 stellte US-Präsident Bush Saddam Hussein ein Ultimatum, den Irak innerhalb von 48 Stunden zu verlassen, andernfalls würde man den Irak angreifen. Auf Husseins Weigerung hin eröffnete die Kriegskoalition in der Nacht vom 19. zum 20. März den als „Operation Iraqi Freedom“ bezeichneten Krieg mit gezielten Bombardements in Bagdad. Die USA feuerten 40 Marschflugkörper auf das Regierungsviertel in Bagdad und mutmassliche Aufenthaltsorte Saddam Husseins ab. Diese sogenannte „Shock-and-Awe“-Kampagne („Schrecken und Furcht“) sollte die irakische Kommunikationsinfrastruktur zerstören und die irakischen Truppen demoralisieren… Der Einmarsch von westlichen Bodentruppen begann am selben Tag von Kuwait und Jordanien aus. Die von den USA geführten Streitkräfte operierten mit rund 300′.’000 Soldaten, hauptsächlich aus den USA, weitere aus Grossbritannien, Australien und Polen. Sie drangen in den ersten beiden Tagen etwa 200 km weit ins Landesinnere ein, am 24. März standen sie schon rund 95 Kilometer vor Bagdad. Die de facto seit 1991 herrschende Luftherrschaft der USA wurde genutzt, um permanente Angriffe auf taktische bzw. strategische Ziele in Städten zu fliegen sowie die Bodentruppen zu unterstützen. Schnell brach der irakische Widerstand zusammen… Die irakische Hauptstadt wurde durch die US-amerikanischen Bodentruppen etwa am 5. April erreicht, am 7. April rückten amerikanische Truppen erstmals ins Stadtzentrum vor, es kam zu schweren Verlusten auf der irakischen Seite. Am 14. April wurde der Krieg vom Pentagon für beendet erklärt, da auch Tikrit, die letzte noch umkämpfte Stadt, eingenommen werden konnte. Saddam Hussein blieb zu diesem Zeitpunkt unauffindbar… Am 13. Dezember 2003 wurde Saddam Hussein von US-amerikanischen Besatzungstruppen 15 Kilometer von seiner Heimatstadt Tikrit entfernt festgenommen. Er ergab sich kampflos, wurde später von einem von den Amerikanern eingerichteten irakischen Sondergericht der Interimsregierung wegen Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit am 5. November 2006 zum Tod verurteilt und am 30. Dezember 2006 gehängt. Am 29. Juni 2009 zogen die letzten US-amerikanischen Truppen aus dem Irak ab.
Um in der Weltöffentlichkeit das Bild eines „chirurgischen“, „sauberen“ Kriegs zu vermitteln, wurden von den USA im eigentlichen Kriegsgebiet nur „eingebundene“ („embedded“) Journalisten zugelassen.
Mittels der strikten Auflagen unterworfenen Berichterstattung der „embedded journalists“ sollte der Eindruck erweckt werden, die Streitkräfte könnten mit Hilfe ihrer modernsten Waffentechnologie Krieg führen, ohne dabei Unschuldige zu töten. Bei den Medienkonferenzen stand daher häufig die Militärtechnik der USA und Grossbritanniens im Zentrum, gezeigt wurden selbst gefertigte Videoaufnahmen von Raketen, die präzise in Gebäude oder feindliche Militärfahrzeuge einschlugen, oder Aufnahmen von lasergelenkten Bomben und Raketen. Hingegen wurden Bilder von zerstörten Häusern und Landschaften ebenso wenig transportiert wie die Darstellungen von Gewalt oder Bilder von Toten. Der Krieg sah auf dem Fernsehbildschirm plötzlich aus wie ein Computerspiel. Das Leiden und Sterben der Zivilbevölkerung blieb hinter der medialen Inszenierung unsichtbar.
Wie viele Iraker im Verlaufe dieses Krieges starben, ist bis heute umstritten. Die US-Studie „Der Irak-Krieg 2003 und vermeidbare menschliche Opfer“ geht in einer niedrigen Schätzung davon aus, dass der Irakkrieg etwa einer halbe Million Menschen das Leben gekostet hat. Der Untersuchung zufolge können die meisten Toten auf direkte Gewalteinwirkung wie Schüsse und Bombenangriffe zurückgeführt werden. Ein Drittel der Opfer verstarb an indirekten Folgen, wie dem Zusammenbruch der Infrastruktur für Trinkwasser, Ernährung, Verkehr und Gesundheit.
Bei der Behandlung von Kriegsgefangenen und mutmasslich als potenzielle „Terroristen“ Verdächtigten schreckten die US-Armee und ihre zuständigen Behörden vor keiner Gewalttat zurück…
Über 7’000 irakische Soldaten und ausländische Kämpfer, grösstenteils aus anderen arabischen Ländern, wurden während der ersten Kriegswochen in mehreren provisorischen Lagern sowie im britischen Hauptgefangenenlager Camp Bucca gefangen gehalten. Viele blieben noch Monate, teilweise Jahre später gefangen..Im Militärgefängnis von Abu Graib wurden die Insassen vom Wachpersonal misshandelt, vergewaltigt und gefoltert, oft mit Elektroschocks bis zum Tod – mindestens 100 solcher Todesfälle sind dokumentiert. Die Gefangenen mussten teilweise stundenlang in entwürdigenden Stellungen verharren, beispielsweise mit Maulkörben wie Hunde am Boden herumkriechen, immer wieder kam es zu Vergewaltigungen sowohl weiblicher wie auch männlicher Gefangener durch US-Soldaten. Die meisten der Insassen seien „Unschuldige“ gewesen, die „zur falschen Zeit am falschen Ort waren“, wie ein US-General später eingestand… Ende August 2003 holte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld General Geoffrey D. Miller, den Befehlshaber des berüchtigten Gefangenenlagers Guantanamo, in den Irak. Nun sollten in den Militärgefängnissen nicht mehr nur Menschen weggesperrt werden, sondern Informationen für den militärischen Nachrichtendienst beschafft werden. Bis Ende Oktober 2003 verdoppelte sich in vier Wochen die Gefangenenzahl in Abu Graib auf 6000. Auch hier handelte es sich fast ausschliesslich um Unschuldige, wie die damalige Lagerkommandantin Janis Karpinski später einräumte.
Verheerend waren auch die Auswirkungen der von der „Koalition der Willigen“ eingesetzten Waffen und Waffensysteme…
Die „Koalition der Willigen“ verschoss im Laufe des Krieges 1000 bis 2000 Tonnen panzerbrechende Uranmunition, mit gravierenden gesundheitlichen Auswirkungen. 2003 wurde an Orten früherer Panzerschlachten teils ein zwanzigfach erhöhter radioaktiver Wert gemessen. In den Krankenhäusern stieg die Anzahl von Leukämie und anderen Krebsarten teilweise um mehr als das Zehnfache. Auch Missbildungen bei Kindern nahmen drastisch zu.Gemäss einer Recherche des WDR kam es unter anderem auch zum Einsatz von Mark-77-Bomben, einer Weiterentwicklung von Napalm-Bomben mit ähnlicher Wirkung.
Der Irakkrieg gilt bei den meisten Völkerrechtlern und Historikern wegen der Bestimmungen der UN-Charta, dem fehlenden UN-Mandat und der begangenen Menschenrechtsverletzungen als völkerrechtswidriger, illegaler Angriffskrieg. Immer wieder kam es sowohl im Kriegsverlauf wie auch während der folgenden Besetzung zu Kriegsverbrechen, von denen längst nicht alle dokumentiert sind und geahndet wurden.
Beim Massaker von Haditha im November 2005 ermordeten US-Soldaten im Zuge einer Vergeltungsaktion 24 irakische Zivilpersonen, darunter auch Kinder… Im März 2006 wurde beim Massaker von Mahmudiyya das 14-jährige irakische Mädchen Abeer Qassim al-Janab von fünf US-Soldaten vergewaltigt, zusammen mit allen anwesenden Familienangehörigen erschossen, und anschliessend mit Benzin übergossen und angezündet… Söldner diverser Sicherheitsunternehmen waren für viele Eskalationen verantwortlich mit unkalkulierbaren Gefährdungen für Zivilpersonen und Militärangehörige. Bei einem einzelnen solchen Vorkommnis am 16. September 2007 waren Angehörige der Firma Blackwater verantwortlich für den Tod von 17 Zivilisten.
Die US-amerikanische Invasion in den Irak war Teil des sogenannten „War on Terror“, der als Reaktion auf die Terroranschläge des 11. September 2001 in den USA ausgerufen wurde. Die US-Regierung bezichtigte Saddam Hussein der Unterstützung für al-Qaida, die für die Terroranschläge auf das World Trade Center verantwortlich gewesen sein soll. Im Oktober 2002 hatte der US-Kongress der US-Regierung die Vollmacht erteilt, militärische Gewalt gegen den Irak anzuwenden. Die US-Regierung Bushs hatte den Sturz Saddam Husseins jedoch bereits ab Januar 2001 erwogen. Sie begründete diesen letztlich als „notwendigen Präventivkrieg“, um einen angeblich bevorstehenden Angriff des Iraks mit Massenvernichtungswaffen auf die USA zu verhindern. Die USA und Grossbritannien legten dafür die UN-Resolution 1441 als UN-Mandat für ein militärisches Eingreifen aus. Darin hatte der UN-Sicherheitsrat den Irak unter anderem dafür verurteilt, seiner Verpflichtung zur Beseitigung und Kontrolle seiner Massenvernichtungswaffen nicht nachzukommen, Terrorismus zu unterstützen und seine Bevölkerung zu unterdrücken, sowie alle UN-Mitgliedstaaten autorisiert, „alle notwendigen Mittel“ anzuwenden, um die Einhaltung der UN-Resolutionen durchzusetzen. Jedoch hatten die USA und Grossbritannien kein explizites Mandat vom Sicherheitsrat zum militärischen Angriff erhalten, weshalb nach übereinstimmender Meinung von Völkerrechtlern der Irakkrieg im Nachhinein als ein Bruch des Verbots eines Angriffskriegs und somit als völkerrechtswidrig bewertet wird. Die USA und Grossbritannien verhinderten mit ihrem Vetorecht jedoch, dass der UN-Sicherheitsrat den Irakkrieg verurteilte. Da im Irak bis auf alte Restbestände keine Massenvernichtungsmittel und keine Beweise akuter Angriffsabsichten gefunden wurden, hat sich die vorgebrachte Begründung des Irakkriegs als falsch erwiesen. Die 9/11-Kommission kam im Jahr 2004 ausserdem zu dem Schluss, dass es keine glaubwürdigen Beweise dafür gebe, dass Saddam mit al-Qaida in Verbindung stehe. Diese falschen Kriegsbegründungen stiessen auf breite Kritik. Der damalige Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Anan, verurteilte den Irakkrieg als illegal. Der Chilcot-Bericht, eine britische Untersuchung, kam im Jahr 2016 zu dem Schluss, der Krieg sei unnötig gewesen, da friedliche Alternativen nicht vollständig ausgelotet worden seien.
Heute, 17 Jahre nach dem Ende des Dritten Golfkriegs, anlässlich der Trauerfeier für die Opfer der Amokfahrt vom 25. Juli 2026 auf dem Potsdamer Platz in Berlin, scheint dies alles in tiefe, unerreichbare Vergangenheit versunken zu sein. Nahezu unisono wird die Tat des mutmasslichen Amokfahrers- obwohl der genaue Tathergang noch nicht einmal einwandfrei geklärt ist und der Täter gar nicht mehr lebt – mit dem Islamistischen Staat IS in Verbindung gebracht, dessen Ideologie der mutmassliche Täter sich angeblich zu eigen gemacht hatte. Nun ja, dieser IS ist in der Tat alles andere als eine Wohlfahrtsorganisation. Man könnte ihn durchaus als eine Art Monster bezeichnen – Tausende Unschuldiger sind seinen Anschlägen schon zum Opfer gefallen, Kinder ab zehn Jahren werden zu Soldaten erzogen, Mädchen und junge Frauen werden versklavt, politische Gegner gefangen und gefoltert, systematisch werden Kulturgüter aus vorislamischer Zeit zerstört, christliche Minderheiten werden verfolgt. Ja, der IS ist zweifellos ein Monster. Aber dieses Monster ist nicht einfach eines Nachts rein zufällig vom Himmel gefallen. Dieses Monster ist das Kind eines anderen, noch viel grösseren, mächtigeren und gefährlicheren Monsters in Form des westlich-kapitalistischen Wirtschaftssystems im Bündnis mit dem US-Imperialismus, dem seit 1945 als Folge von rund 40 meist völkerrechtswidrigen Kriegen von Vietnam über Afghanistan bis Libyen und dem Irak bereits insgesamt rund 50 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind und rund 500 Millionen Menschen teilweise so schwere Verletzungen erlitten, dass sie unter lebenslangen Schmerzen, Verstümmelungen und Behinderungen zu leiden hatten, ganz abgesehen von all den „friedlichen“, „nichtkriegerischen“ Opfern des kapitalistischen Wirtschaftssystems, unter ihnen weltweit täglich rund 15’000 Kinder, die vor dem Erreichen ihres fünften Lebensjahrs infolge von Hunger und Unterernährung steben, nicht etwa, weil es insgesamt zu wenig Nahrungsmittel gäbe, sondern bloss deshalb, weil gemäss der kapitalistischen Profitmaximierungslogik die Güter nicht dorthin fliessen, wo sie am dringendsten gebraucht werden, sondern dorthin, wo sich mit ihrem Verkauf am meisten Geld verdienen lässt.
Ohne das kapitalistische Wirtschaftssystems und ohne den US-Imperialismus gäbe es auch den Islamischen Staat nicht, ebenso wenig wie andere sogenannte antiwestliche „Terrororganisationen“, die alle aus dem verzweifelten und sich in der Folge immer fanatischer gebärdenden Kampf gegen einen übermächtigen Gegner entstanden sind, der ihnen gar keine Chance lässt, sich mit friedlichen oder gar demokratischen Mitteln gegen ihn zur Wehr zu setzen und zu behaupten. Gab es Ansätze zu islamistischem Widerstand schon vor den Neunzigerjahren, so gewannen sie doch insbesondere durch die von den USA gegen den Irak geführten Kriege in den Jahren 1991 und 2003 erst so richtig Aufwind. Wie wenn ein heftiger Sturm in ein paar glühende Holzstücke geblasen hätten, aus denen sich nun in kürzester Zeit ein Riesenfeuer entfachte, das eines Tages nicht mehr gelöscht werden konnte. Den entscheidendsten Anteil daran hatte die Zerschlagung der irakischen Regierungstruppen, wodurch Hunderttausende zuvor regulär angestellte und mit sicheren Einkommen versorgte Armeeangehörige auf einen Schlag völliger Ungewissheit, Chaos und fehlender Existenzsicherung ausgeliefert waren – der ideale Nährboden für Extremismus jeglicher Art und das Aufkommen fanatisierter, sich zuletzt sogar gegenseitig bekämpfender Verbände, Milizen und Mörderbanden. „Dem Zweiten Golfkrieg 1990/91“, so das Nachrichtenmagazin „Focus“ am 2. August 2015, „folgte ein weiterer im Jahr 2003 – mit weitreichenden Auswirkungen, die letztlich zum Aufstieg der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) führten. Im Aufstand gegen die US-Truppen 2003 im Irak bildete sich jene militante Gruppe, aus der später der IS hervorging. Und in dem von der US-Armee kontrollierten Militärgefängnis Camp Bucca im Südirak sassen Männer ein, die heute zur Führungsriege des Islamischen Staates gehören – auch IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi soll in der Haftanstalt Bündnisse geschmiedet haben. Auch die deutsche Bundeszentrale für politische Bildung führte in einem Artikel vom 19. Februar 2016 den Aufstieg des IS auf das „plötzliche Machtvakuum“ nach dem Sturz der Regierung von Saddam Hussein zurück. Und fast mit den gleichen Worten schrieb die Deutsche Bundeswehr in ihrem „Irak-Dossier“ vom 20. März 2023 : „Aus Gewalt, mangelnder interkultureller Kompetenz des Westens und Erniedrigung erwuchsen neue politische Kräfte, die noch fundamentalistischer waren als das Saddam-Regime. Aus dem Chaos stieg mit dem Islamischen Staat IS eine neue radikal-islamistische Kraft auf.“ Selbst der frühere britische Premierminister Tony Blair, der anfänglich den Krieg gegen den Irak noch unterstützt hatte, gab später zu, dass dieser ein Fehler gewesen sei, denn die angeblichen Waffenarsenale seien gar nicht vorhanden gewesen und man hätte sich nicht rechtzeitig Vorstellungen darüber gemacht, was passieren würde, wenn das irakische Regime erst einmal gestürzt sein würde. Blair räumte ein, dass der Krieg gegen den Irak 2003 eine wesentliche Ursache gewesen sei für den Aufstieg des IS.
Als hätten die USA und ihre Verbündeten aus den Kriegen gegen den Irak zwischen 1991 und 2009 und dem daraus resultierenden Aufstieg des IS nichts gelernt, verfolgten sie zwei Jahre später in Libyen die exakt gleiche Strategie. Gewaltsam stürzten sie das Regime von Muammar Gaddafi, und wieder war das Resultat genau das gleiche: „Gezielt macht sich die IS die chaotischen Verhältnisse in Libyen zunutze“, so die Deutsche Welle am 1. Juni 2025, und fasse überall dort Fuss, „wo die jeweilige Region nicht mehr unter der Kontrolle der regionalen Behörden steht.“
Nachdem auch noch die letzten Truppen der USA den Irak verlassen hatten, gewann der „Islamische Staat im Irak“ (ISI), der im Kampf gegen die US-Invasoren gross geworden war, zusätzliche Kampfkraft und schaffte es sogar, mit der „Nusra-Front“ einen Ableger in Syrien zu gründen, wo die Proteste des Arabischen Frühlings 2011/2012 in einen Aufstand gegen das Regime von Präsident Bashar Al-Assad mündeten. Von 2014 bis 2017, als er sowohl im Irak wie auch in Syrien – in den nördlichen und östlichen Regionen des Landes – ein grosses Territorium kontrollierte, befand sich der IS auf dem Höhepunkt seiner Macht. In dieser Zeit erhielt er Zulauf aus der gesamten arabischen Welt und sogar darüber hinaus, gründete weitere Ableger im Nahen Osten – insbesondere im Iran, im Libanon und in Jordanien -, sowie in Afrika und Asien und verübte zahlreiche Anschläge in der westlichen Welt. Im Laufe seiner Expansion beging der IS zudem zahlreiche Verbrechen an der Zivilbevölkerung sowie an gefangenen Gegnern aus den Reihen der von ihm besonders gehassten Schiiten, Alawiten und anderen mit ihm verfeindeten religiösen Gruppierungen wie etwa den Jesiden, einer kleinen monotheistischen Volksgruppe im Nordirak – Schätzungen zufolge wurden bis zu 10’000 Jesiden von Kämpfern des IS getötet und mehr als 6000, zur Hauptsache Frauen und Kinder, in die Sklaverei entführt; mehr als 2000 Jesiden gelten bis heute als vermisst… Doch ab 2015 geriet der IS sowohl im Irak wie auch in Syrien zunehmend in die Offensive. Das endgültige Aus für den IS im Irak erfolgte im Oktober 2017, als eine breite Koalition von IS-Gegnern – darunter irakische Polizeieinheiten und Militär, Truppen der kurdischen Regionalregierung und schiitische Milizen, die 2014 vom IS eroberte und als Hauptquartier eingerichtete Millionenstand Mossul einnahm. Gleichzeitig geriet der IS auch in Syrien, bekämpft von US-Truppen und kurdischen Einheiten, zunehmend unter Druck, bis schliesslich im Oktober 2017 Raqqa, der syrische Hauptsitz des IS, von seinen Gegnern erobert wurde… Zu Tausenden landeten nun Kämpfer und Anhänger des IS in den zahlreichen Gefängnissen und Haftzentren, die von den USA in Kooperation mit der kurdischen PYD, dem syrischen Ableger der türkischen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), eingerichtet worden waren und in denen bereits ab 2003, nach dem Einmarsch der USA in den Irak, Abertausende geflüchtete Iraker Zuflucht gesucht hatten. Besonders berüchtigt sind die mit insgesamt rund 75’000 Insassinnen und Insassen völlig überfüllten Gefangenenlager von al-Hol und von Camp Roj im Nordosten Syriens, wo nicht nur vormalige IS-Kämpfer, sondern auch deren Familienangehörige unter katastrophalen humanitären Bedingungen eingesperrt sind. Die Bedingungen in den Lagern sind insbesondere für Kinder geradezu tödlich. Es gibt kaum Zugang zu medizinischer Versorgung, keine ausreichende Nahrung, kaum Zugang zu Schulen – jährlich sterben über 500 Kinder. „Doch es sind nicht nur die inhumanen Bedingungen“, so Sonia Khusch vom Kinderhilfswerk „Save the Children“ im „Deutschlandfunk Kultur vom 25. Mai 2021, „sondern es ist auch die Tatsache, dass keine der dort festgehaltenen Personen je einem Richter vorgeführt wurde, um die Rechtmässigkeit ihrer Inhaftierung festzustellen, von den Kindern gar nicht erst zu sprechen! Das ist eine ungeheure Verletzung von Grundrechten, die selbst in Kriegssituationen ihre Gültigkeit nicht verlieren.“ Es liegt auf der Hand, dass es sich bei diesen Gefangenenlagern um tickende Zeitbomben handelt, die schon in Kürze explodieren könnten. Und in der Tat: Anfangs 2026 begann die neue syrische Regierung mit der Auflösung der IS-Gefangenenlager, Tausende von Gefangenen wurden ohne jegliche Kontrolle von einem Tag auf den anderen frei, ihr Aufenthaltsort ist unbekannt, humanitäre Hilfe erreicht sie nicht – wohin sie gehen, wie rasch sie neue Anhänger gewinnen werden, in welcher Form sich die über Jahre erlittene Demütigung und Gewalt in zusätzlichem, vielleicht noch massiverem Extremismus manifestieren wird – niemand weiss es. „Das war ein Desaster mit Ansage“, so der Terrorismusexperte Thomas Renard in der ARD-Tagesschau vom 23. Februar 2026, „wir haben eine unkontrollierte Flucht oder Freilassung aus Al-Hol, bestimmt könnten sich einige jetzt dem IS anschliessen, es wird aber vor allem vom IS sicherlich in der Propaganda als Erfolg gefeiert. Vergeblich haben wir gewarnt, dass Al-Hol eine tickende Zeitbombe ist, dass man eine nachhaltige Lösung finden muss für IS-Anhänger, mit richtiger Verurteilung und einer Chance auf Rehabilitierung. Al-Hol war dagegen ein illegales Wegsperren ohne Chance auf Reintegration. Ein Dorn im Fuss der internationalen Gemeinschaft, die so tut, als täte sie alles, um Terrorismus weltweit zu verhindern.“
Auch wenn der Islamische Staat, was seine territoriale Ausbreitung und die von ihm ursprünglich propagierte Idee eines „Kalifats“ in Form eines grossen, grenzüberschreitenden islamischen Staates in Nordafrika und im Nahen Osten betrifft, inzwischen massiv an Bedeutung und Wirkungskraft eingebüsst hat, wäre es aus westlicher Sicht wohl vermessen, von einem endgültigen Ende des Islamischen Staates und der ihm zugrunde liegenden Ideologie eines umfassenden islamistischen Machtanspruchs zu sprechen. „Der Islamische Staat ist noch da“, sagte der Terrorismusexperte Hassan Abu Haneyeh in einem Interview mit der ARD Mitte Juli 2026, „er ist immer noch präsent, sowohl in Syrien als auch im Irak und im Libanon, aber seine Kämpfer operieren verdeckt.“ UN-Schätzungen gehen von derzeit bis zu 5000 IS-Kämpfern im Irak und in Syrien aus. „Dadurch“, so der ägyptische Politologe Hisham El Naggar, „ist der IS in der Lage, einen langwierigen Zermürbungskrieg zu führen.“ Und es ist sogar damit zu rechnen, dass der IS in Zukunft wieder vermehrt Auftrieb bekommen wird, in Anbetracht einer nach wie vor insbesondere von Israel und den USA mit äusserster Brutalität immer weiter vorangetriebenen Macht- und Vernichtungspolitik gegenüber den Palästinensern im Gazastreifen und in Westjordanien, im Krieg gegen den Iran und im Vernichtungsfeldzug gegen die Hizbollah im Libanon – mit allen damit verbundenen unermesslichen Leiden für die betroffene Zivilbevölkerung und der Entwurzelung von Millionen von Menschen, die wieder und wieder im Kampf ums nackte Überleben auf der Flucht sind. Je schonungsloser die Mächtigen ihre Macht ausspielen, umso mehr Gegengewalt seitens der Ohnmächtigen wird sich aufstauen und auf die eine oder andere, wenn auch noch so verzweifelte und „extremistische“ Art manifestieren. Und sei es bloss, dass wieder irgendwo in Deutschland oder anderswo anlässlich eines Strassenfests oder eines Weihnachtsmarkts ein „Amokfahrer“ sein Fahrzeug in eine Gruppe wehrloser Passanten rasen lässt. Nie wird auf Gewalt in der einen Form etwas anderes folgen als Gewalt in einer anderen. Solange nicht die Spirale der Gewalt radikal durchbrochen wird.
Was man als „Terrorismus“ bezeichnet und was nicht, ist eine reine Definitionsfrage. Und da die Geschichte bekanntlich von den Siegern geschrieben wird und nicht von den Verlierern, ist es zwangsläufig so, dass auch der Begriff des „Terrorismus“ in einer Art und Weise verwendet und instrumentalisiert wird, die nichts zu tun hat mit der Realität. Oder soll nur der Überfall der Hamas vom 7. Oktober 2023 auf grenznahe jüdische Siedlungen mit rund 1400 Todesopfern ein „terroristischer“ Akt gewesen sein, nicht aber die Ermordung von rund 100’000 Palästinenserinnen und Palästinenser, zu einem überwiegenden Teil Frauen und Kinder, im Gazastreifen während der folgenden zwei Jahre? Soll nur die Hamas eine „Terrororganisation“ sein, nicht aber die israelische Regierung, welche sich öffentlich dazu bekennt, palästinensische Kinder schon möglichst früh nach der Geburt umzubringen? Sollen nur Selbstmordanschläge islamistischer Kämpfer in Paris oder London „terroristische“ Verbrechen sein, nicht aber die Aushungerung einer halben Million irakischer Kinder als Folge westlicher Wirtschaftssanktionen in den Jahren 1991 bis 1995? Sollen nur Salafisten, Dschihadisten und Mitglieder der al-Qaida oder der al-Nusra-Front als „Terroristen“ gelten, nicht aber jene Soldaten und ihre Befehlshaber, welche in US-Militärgefängnissen unschuldig Eingesperrte wie Hunde am Boden herumkriechen liessen oder so lange mit Elektroschocks traktierten, bis die starben? Vergleicht man das ganze Ausmass der von westlichen Regierungen und ihren Armeen seit 1945 begangenen Verbrechen mit den von Islamisten begangenen Verbrechen der vergangenen drei bis vier Jahrzehnte, dann müsste man sich ehrlicherweise eingestehen, dass das tatsächlich weltweit schlimmste terroristische Netzwerk nicht etwa aus islamistischen Kämpfern, Politikern und Organisationen besteht, sondern aus dem kapitalistischen Wirtschaftssystem und seiner Speerspitze in Form des US-Imperialismus. Allein im Vietnamkrieg, von allem anderen nicht einmal zu sprechen, wurden höchstwahrscheinlich mehr Verbrechen begangen als von sämtlichen islamistischen „Netzwerken“, seit es diese gibt. Dass wir, der Westen, noch weit davon entfernt sind, den Balken in unserem eigenen Auge zu erkennen und stattdessen hartnäckig und unbelehrbar weiterhin alles „Böse“ bloss auf „Fremde“ und „Andersartige“ projizieren, hat wohl damit zu tun, dass wir immer noch zutiefst von einer jahrhundertelangen kolonialistischen und rassistischen Geschichte geprägt sind, in der wir stets auf der Seite der Gewinner und der Profiteure gewesen sind und nie erfahren haben, wie sich das Leben auf der anderen Seite, auf der Seite der Opfer, der Ohnmächtigen, der Ausgebeuteten, der Erniedrigten anfühlt.
Es gibt wenige so klare Erkenntnisse wie diese, dass Gewalt stets nur neue Gewalt hervorruft, Demütigungen und Erniedrigungen nichts anderes als bittere Rache zur Folge haben und dass das Ausspielen von Macht und Überlegenheit derer, die darüber verfügen, gegenüber denen, die schwächer sind, nichts anderes bewirkt als das Potenzial zukünftiger, meist sogar noch schwererer Gewalt. Wenn sich daher nun, als einzige Reaktion auf die Amokfahrt vom 25. Juli 2026 in Berlin, die Politiker gegenseitig nur so zu übertrumpfen versuchen mit Forderungen nach härteren Gesetzen und drakonischeren Strafen oder gar Ausschaffungen möglicher zukünftiger „Übeltäter“, dann ist das alles bloss Öl ins Feuer eines sich ins Unendliche dehnenden Kriegszustands, in dem sich die vermeintlich „Guten“ und die vermeintlich „Bösen“ bis zum bitteren Ende unversöhnlich gegenüberstehen werden.
Doch statt die Muster jahrhundertelanger Gewalt aufzubrechen und vom Thron der sich moralisch besser Fühlenden endlich herunterzusteigen, werden die bestehenden Gewaltstrukturen heute sogar mithilfe von Technik, insbesondere durch KI, zusätzlich perfektioniert und verewigt, wie aus folgenden Ausführungen des simbabwischen Friedensforschers Ishmael Bhila, veröffentlicht in der schweizerischen „Wochenzeitung“ vom 28. Mai 2026, hervorgeht…
Erste Berichte deuten darauf hin, dass bei der von einer US-Rakete in der iranischen Stadt Minab im Februar 2026 getroffenen Schule, wo mindestens 175 Menschen, darunter 120 Kinder starben, das KI-System Maven Smart System an der Zielgenerierung beteiligt war – dasselbe System, das innerhalb der ersten 24 Stunden des Kriegs gegen den Iran über tausend Zielkoordinaten erzeugte. Solche Empfehlungsalgorithmen geben Entscheidungsträgern ein übersteigertes Selbstvertrauen, und die Illusion ihrer Genauigkeit führt dann zu solch schwerwiegenden Fehlern. So wird die Entscheidung, Leben zu nehmen, an Maschinen delegiert, ohne dass eine wirkliche menschliche Kontrolle stattfindet. Wenn das System behauptet, eine bestimmte Person sei ein „Terrorist“ – wer will da dem Algorithmus widersprechen? Dazu kommt der operative Druck: Wenn ein System innert Sekunden tausend potenzielle Ziele identifiziert, bleibt keine Zeit für eine Überprüfung… Die Systeme haben zunehmend den Charakter von Videospielen. Das System Lavender beispielsweise, das Israels Militär im Gaza einsetzt, vergibt Punkte an potenzielle Ziele. Es berechnet, wie viele zivile Todesopfer beim Angriff auf eine bestimmte Person als akzeptabel gelten. Bei einem rangniedrigen Kämpfer lag dieser Wert in den ersten Kriegswochen bei bis zu zehn oder fünfzehn; bei hochrangigen Kommandeuren überschritt er die Marke von hundert. Diese Logik stuft Menschen als entbehrlich ein, spricht ihnen das Recht auf Leben ab. Es ist ein Algorithmus, der berechnet, wie viele Menschen sterben müssen… Kriege werden durch diese Systeme stark beschleunigt, Ziele werden schneller ausgewählt, die Zerstörung schreitet rascher voran. In Gaza markierte Lavender Zehntausende Palästinenserinnen und Palästinenser als potenzielle Ziele… Dass die Hersteller dieser Systeme behaupten, diese würden sich bezüglich Präzision mit der Zeit verbessern, ist ein besonders sadistisches Argument. Denn diese Systeme werden nicht nur in Labors getestet – sie werden an echten Menschen erprobt, in Libyen, Äthiopien, Gaza, im Iran. Es herrscht ein sehr westlicher, sehr „positivistisch“-naiver Glaube vor, Technologie sei von Natur aus neutral, objektiv und fortschrittlich – dass sie zwar Fehler mache, diese aber letztlich überwinden werde. Doch diese „Fehler“ sind Menschenleben… Die Modelle sind keineswegs frei von Ideologie. Die gesellschaftlichen Vorurteile, die wir hegen – Rassismus, Sexismus und dergleichen -, sind in diesen System codiert und werden durch technologische Gewalt reproduziert. Project Maven – das zentrale KI-gestützte Zielerfassungsprogramm des US-Militärs – wurde explizit im Kontext des „Krieges gegen den Terror“ entwickelt, wobeider Fokus auf einer ganz bestimmten Gruppe und einem spezifischen Profil von Menschen lag. Alex Karp, der CEO von Palantir, das bei der Entwicklung eine zentrale Rolle spielte, hat öffentlich erklärt, er wolle dem Westen „zu seiner offensichtlichen, ihm innewohnenden Überlegenheit verhelfen“. Genau diese Ideologie ist in den Systemen festgeschrieben. Fortan muss man es dem System nicht mehr erklären, denn es ihm einwandfrei technisch einprogrammiert, wer als Mensch gilt und wer nicht. So werden zum Beispiel die Ukrainer von den Entwicklern dieser Technologien als schutzwürdige Menschen betrachtet, im Gegensatz zu den Menschen in Gaza, denen dieser Status der Schutzwürdigkeit nicht zukommt, sondern die nach Belieben abgeschossen werden können. Folglich muss der Einsatz dieser Systeme im Kontext jener ungleichen globalen Strukturen verstanden werden, die bestimmte Bevölkerungsgruppen zu blossen „Wegwerfmenschen“ degradieren… So nimmt das Tempo der Zerstörung unvermindert weiter zu. Und die Frage, wer ein legitimes Ziel darstellt – wer als Mensch zählt und wer nicht -, wird nicht mehr von Menschen beantwortet, sondern von Maschinen.
Gab es jemals in der Geschichte der Menschheit in so kurzer Zeit einen so gewaltigen gesellschaftlichen Rückschritt wie in unseren Tagen, da die angeblich höchste je von Menschen erfundene Form von Technik, die sogenannte „Künstliche Intelligenz“, den Höhepunkt ihrer Entwicklung dadurch erreicht hat, dass nun zukünftig nicht mehr Menschen, sondern nur noch Menschen darüber entscheiden, wer ein Mensch ist und wer nicht? Ganz abgesehen davon, dass es ja schon genug verwerflich und verbrecherisch wäre, wenn diese Frage nicht von Maschinen, sondern von Menschen beantwortet bzw. nur überhaupt schon gestellt würde. Wie treffend doch bereits der italienische Schriftsteller Antonio Gramsci dies vor rund 100 Jahren vorausgesehen hatte, als er sagte: „Die alte Welt stirbt, und die neue Welt kämpft darum, geboren zu werden. Jetzt ist die Zeit der Monster.“ Die Zeit, in der sich weltweit die an den Schalthebeln der Macht Sitzenden nicht so sehr durch Güte und Weisheit auszeichnen, sondern durch reine Macht- und Profitgier, grenzenlose Arroganz und Überheblichkeit. So wie Elon Musk, der zurzeit mit Abstand reichste und damit auch einer der mächtigsten Männer der Welt, der kürzlich sogar so weit gegangen ist, zu behaupten, er habe tiefere Einsichten in das Wesen des Menschen als sämtliche Philosophen früherer Zeiten. Jean-Jacques Rousseau, einen der bedeutendsten Vordenker für ein modernes, vom Anspruch auf Gleichberechtigung, Selbstbestimmung, Empathie und Liebe geprägtes Menschenbild, nannte er gar ein „diabolisches Arschloch“, und dies nur deshalb, weil Rousseau zu sehr an das Gute im Menschen geglaubt habe und das Böse nicht so sehr als Teil des Individuums betrachtet habe, sondern mit gesellschaftlichen Einflüssen in Form von autoritären, rassistischen und auf puren Materialismus ausgerichteten Machtsystemen zu erklären versucht habe.
Die Amokfahrt eines mutmasslichen „Islamisten“ vom 25. Juli 2026, das dadurch ausgelöste Medienecho und die nachfolgende Instrumentalisierung durch Politiker jeglicher Couleur zwecks ihrer eigenen Profilierungs- und Machtinteressen muss aber noch aus einem anderen Grunde zutiefst zu denken geben und die Frage aufwerfen, welche gesellschaftlichen Ereignisse eine wie grosse öffentliche Empörung auszulösen vermögen oder eben auch nicht. Der Tod einer einzigen von dieser Tat betroffenen Frau löste geradezu ein mediales und öffentliches Erdbeben aus, als wäre es gerade das denkbar Allerschlimmste, was sich an diesem Tag weltweit ereignet hat, und löste Schuldzuweisungen ungeahnten Ausmasses aus, und dies, obwohl bis zur Stunde der genaue Tathergang immer noch nicht geklärt ist. Nur wenige Wochen zuvor war es in der Schweiz zu einem überaus tragischen Ereignis gekommen, das es wohl verdient hätte, ein mindestens so grosses Medienecho auszulösen: Eine zwanzigjährige Frau, die aus Sri Lanka in die Schweiz geflüchtet war und deren Eltern nicht mehr leben, beging Suizid, nachdem ihr Gesuch, in der Schweiz Asyl zu bekommen, zum zweiten Mal und definitiv von den Schweizer Asylbehörden abgelehnt worden war – eines von unzähligen Beispielen für eine sich in den vergangenen rund 20 Jahren zunehmend verschärfte Schweizer Asylpolitik. Diese junge Frau aus Sri Lanka ist kein Einzelfall, Suizide bzw. Suizidversuche abgewiesener Asylsuchender sind in der Schweiz sozusagen an der Tagesordnung. Doch nichts davon gelangt an die Öffentlichkeit, niemand soll davon erfahren, könnte dies doch eine ebenso heftige Empörung auslösen wie die Amokfahrt eines islamistischen „Terroristen“ auf einem Weihnachtsmarkt oder anlässlich eines Musikfestivals, nur nicht gegen irgendwelche Einzeltäter, sondern gegen ein Machtsystem, aus dem die frühere Tradition einer humanitären und menschenfreundlichen Schweiz nach und nach, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, verschwunden ist. Dieses Ereignis müsste sogar eine noch viel stärkere öffentliche Empörung auslösen, da es, im Gegensatz zum Vorfall von Berlin, einwandfrei belegt ist und es nicht den geringsten Zweifel darüber gibt, weshalb diese Frau in ihrer totalen Verzweiflung keinen anderen Ausweg sah, als sich das Leben zu nehmen. Doch was und wie laut ein Thema in die Medien gelangt, scheint nicht eine Frage der objektiven Bedeutung des einzelnen Ereignisses zu sein, sondern nur eine Frage der „Verwertbarkeit“ zu ganz bestimmten politischen Zwecken. Mein Hinweis auf den Fall des Suizids der jungen Tamilin, mit dem ich mich an einen bekannten Zeitungsjournalisten wandte, blieb unbeantwortet, die Bestattung der 20Jährigen erfolgte im engsten Kreis der tamilischen Community. Hätte ich dem gleichen Journalisten den Fall eines türkischen Asylbewerbers gemeldet, den ich in einer Seitengasse meiner Stadt dabei ertappt hätte, wie er mit einem Messer eine betagte, gehbehinderte Frau bedroht hätte, ich bin fast ganz sicher, der Teufel wäre sogleich los gewesen.
„Es wurde bisher grundsätzlich immer nur die Wahrheit verboten“, sagte Franz Kafka, „die Lüge wird zur Weltordnung gemacht.“ Und doch bleibt Hoffnung. Denn die gleiche „hochentwickelte“ Technik, die heute darüber entscheidet, wer ein Mensch ist und wer nicht, kann den Menschen weltweit, über alle Grenzen hinweg, den Zugang zu Wissen ermöglichen in einem Ausmass und in einer Geschwindigkeit, die nie zuvor denkbar waren. Die Informationen sind vorhanden und überall greifbar, auch die Methoden, bestehende Meinungen und Denkmuster immer wieder kritisch zu hinterfragen und sich immer auch vorzustellen, ob nicht auch das Gegenteil möglich wäre. Daran liegt es nicht. Es liegt nur daran, ob wir es wollen oder nicht. Widerstand ist dringendst nötig. Wir dürfen die Geschichte nicht denen überlassen, die alles nur zu ihren eigenen Machtzwecken zurechtzubiegen versuchen. Nicht denen, die ihren ganzen materiellen, letztlich auf Kosten anderer geraubten Reichtum bloss dazu missbrauchen, diesen noch weiter zu vermehren und denen, die nichts haben, auch noch das Letzte wegzunehmen. Wir müssen die Geschichte selber in die Hand nehmen. Und eines Tages wird sich die Hoffnung gelohnt haben, und auch der feste Entschluss, nie aufzugeben. Denn, wie der deutsche Schriftsteller Frank Thiess sagte: „Die Wahrheit ist eine unzerstörbare Pflanze. Man kann sie ruhig unter einem Felsen vergraben, sie stösst sich trotzdem durch, wenn es an der Zeit ist.“
Und Gramsci sagte ja nicht nur, es sei die Zeit der Monster. Er sagte vor allem auch, dass eine neue Welt darum kämpfe, geboren zu werden.
Und wieder – es scheint schon bald tägliche „Normalität“ geworden zu sein – ist ein Fall brutaler Männergewalt gegen zwei Frauen – diesmal eine Mutter und ihre zur Tatzeit 15 Jahre alte Tochter – publik geworden, dominiert die Schlagzeilen und füllt die Spalten sämtlicher Schweizer Zeitungen während Tagen. Besonders brisant: Beim mutmasslichen Täter handelt es sich um einen ehemaligen SVP-Grossrat im Kanton Aargau, der sich während seiner Amtszeit stets mit grösster Vehemenz für eine möglichst harte Bestrafung von Sexualstraftätern ausgesprochen und seinen Fokus dabei insbesondere auf „von Ausländern importierte Gewaltdelikte“ gerichtet hatte. Seine Opfer, Iwona L. und ihre Tochter Paula, stammen aus Polen.
Im Folgenden Auszüge aus einem Artikel im „Tagesanzeiger“ vom 21. Juli 2026….
Paula L. kommt mitten in der Nacht zu sich. Jemand sei in ihrem Zimmer gewesen, in ihrem Bett, wird sie später bei der Polizei aussagen. „Es war wie ein Traum, es war unwirklich.“ Im Halbschlaf meint die 15Jährige, ihr Freund sei zu Besuch. Doch irgendwann habe sie realisiert, „dass Patrick auf mir lag“. Er habe sie in jener Aprilnacht 2023 sexuell missbraucht, erinnert sich die Teenagerin. „Und dann wurde alles schwarz.“ Paula L. schläft wieder ein… Patrick ist nicht der Freund der Minderjährigen. Patrick heisst mit Nachnamen Frei, ist damals 54 Jahre alt, Projektleiter bei einem Grossunternehmen, SVP-Parlamentarier im Kanton Aargau. Und das, was Paula L. erlebt, ist den Ermittlungen zufolge nicht einfach ein Traum im Halbschlaf… Seit bald drei Jahren sitzt Patrick Frei in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft Aargau hat nun Anklage erhoben und wirft ihm unter anderem mehrfache Vergewaltigung, Schändung, sexuelle Handlungen mit Kindern und auch versuchten Mord vor. Er soll Paula L., aber auch zwei erwachsene Frauen betäubt und dann sexuelle Übergriffe an ihnen begangen haben, die er mit der Kamera aufzeichnete. Die Staatsanwaltschaft beantragt eine lebenslängliche Freiheitsstrafe sowie eine vollzugsbegleitende Behandlung. Es gilt die Unschuldsvermutung… Bisher waren nur wenige Details über den Fall bekannt. Nun zeigen Recherchen dieser Redaktion erstmals die tatsächlichen Dimensionen. Da ist einerseits das schiere Ausmass des Missbrauchs. Die Staatsanwaltschaft sicherte Videos und Bilder von Dutzenden oft schweren Übergriffen – entstanden zu einer Zeit, als sich der Grossrat gegen kriminelle Ausländer und Pädophile positionierte. Allein Paula L. wurde laut den Ermittlungen über 40-mal sediert und während rund 40 Stunden missbraucht. Auch an ihrer Mutter Iwona L. sowie an einer weiteren Frau soll sich Frei vergangen haben… Da ist anderseits aber auch das fragwürdige Verhalten der Gemeinde, bei der Frei in der Steuerkommission sass. Sie knauserte nach seiner Verhaftung bei der finanziellen Unterstützung der beiden Polinnen. Und stiess ihre Wegweisung an. Lange haben Iwona L. und ihre Tochter geschwiegen. Nun treten sie an die Öffentlichkeit. „Um anderen Betroffenen ein Gesicht zu geben“, wie sie sagen. „Zu viele Frauen, auch in unserem Umfeld, haben schon sexuellen Missbrauch erlebt. Aber aus Scham redet niemand darüber.“… Die Tochter, inzwischen volljährig, hat eine klare Haltung: „Warum sollte ich mich schämen, mich zu zeigen? Patrick muss sich doch schämen, für das, was er mir angetan hat.“
Die Geschichte begann mit einem harmlosen Ferienflirt. Im Herbst 2021 machten Paula und Iwona L. Urlaub in Spanien, am gleichen Ort wie Patrick Frei. Die Pflegerin aus Polen und der Projektleiter aus der Schweiz lernten sich kennen und verstanden sich gut. Nach den Ferien besuchte er sie alle paar Wochen in Irland, wo Iwona seit 2007 lebte und ihre Tochter zur Welt gebracht hatte. Im Juli 2022 zogen Iwona L. und ihre Tochter in die Schweiz, nach Untersiggenthal, in das Haus des gelernten Wirtschaftsinformatikers.
Nach der Einreise in die Schweiz vergehen zwölf Tage, bis Frei den Ermittlungen zufolge erstmals die schlafende Paula L. fotografiert, wobei er auf ihr entblösstes Gesäss fokussiert habe. Die damals 14Jährige merkt nichts. Genauso wie bei den weiteren etlichen Aufnahmen, die der Beschuldigte in den folgenden Monaten von ihr macht. Und auf denen die Ermittler später immer gravierendere Übergriffe feststellen… Frei wirkt nach aussen vertrauenswürdig. Der SVPler war Mitglied im Kantonalvorstand der Partei und sass jahrelang in der Steuerkommission seiner Wohngemeinde Untersiggenthal… Frei präsentierte sich stets als Mann, der für Recht und Ordnung einsteht. Er schreibt auf seiner Website, er setze sich als Politiker für die „Beseitigung von Diskriminierung und Unterdrückung“ ein. Auf der Plattform X teilt Frei einen Beitrag der nationalen SVP mit der Überschrift: „Es reicht mit der importierten Gewalt“. Er selbst schreibt: „Der Anstieg der Gewalt geht auf ausländische Beschuldigte zurück.“ Oder: „Frauen wird eingeredet, sie würden diskriminiert. Das wurde jetzt offiziell widerlegt.“… Seine Anliegen bringt Frei ab 2021 auch direkt in den Grossen Rat ein. Der Politiker reicht eine Interpellation ein, in der er vor Platzmangel in Gefängnissen und explodierenden Vollzugskosten für den Kanton warnt, weil die Zahl ausländischer Insassen zunehme. Die entsprechende Ratssitzung findet am Morgen des 22. September 2022 statt. Wenige Stunden zuvor hat Frei den Ermittlungen zufolge einen weiteren sexuellen Übergriff an Paula L. gefilmt. Die Teenagerin lebt zu diesem Zeitpunkt noch keine drei Monate mit ihrer Mutter in Untersiggenthal. Beide sprechen anfangs kein Deutsch. Frei macht einen Arbeitsvertrag mit Iwona L.. „Ich habe mich in der Schweiz um das Kochen, das Haus und den Garten gekümmert, geputzt und eingekauft“, erzählt die Polin… Paula L. findet kaum Freunde in der neuen Heimat und ist einsam. Sie hat Probleme in der Schule. Die Teenagerin probiert Drogen wie Ecstasy aus, konsumiert regelmässig Marihuana. Frei habe ihrer Mutter Vorwürfe gemacht, sie erziehe die Tochter nicht richtig. „Er ist ein Kontrollfreak“, so Paula L… Deutlich wird das in seinem Haus. Überall hat Frei Kameras installiert, laut Iwona L. und ihrer Tochter nicht nur in den Gängen oder im Essbereich, sondern auch in den Badezimmern. „Es war, wie wenn er jede Bewegung beobachtet, und er konnte auch alles hören über diese Kameras“, gibt Paula L. in einer Befragung der Polizei an. „Das heisst, es gab keine Privatsphäre in diesem Haus.“… Laut Auswertung der Videos gehen die Übergriffe von Frei derweil unbemerkt weiter. Immer wieder liegt das Mädchen auf den Aufnahmen regungslos im Bett. Es scheint, als könne ihr Peiniger mit ihr alles machen, was er will, ohne dass Paula aufwacht. Zuerst ist das für die Ermittler nicht nachvollziehbar. Doch bald sind sie überzeugt: Die Teenagerin schlief nicht einfach. Ein rechtsmedizinisches Gutachten im Auftrag der Staatsanwaltschaft Aargau bekräftigt diese These später. 254 Videodateien haben die Experten analysiert. Paula L. zeige auf vielen Aufnahmen keine Reaktion, schreiben die Gutachter, „auch nicht auf intensive Stimuli wie Schmerzreize“. Es sei unmöglich, dass die Betroffene nur geschlafen habe. Stattdessen sei gut erkennbar, wie sich Paula L. „zumeist in einem bewusstlosen, komatösen Zustand befand“, halten die Experten fest. Für sie ist klar: Das Mädchen wurde betäubt. Ihr Zustand sei „typisch für eine herbeigeführte Sedation durch hochpotente, zentral kurzwirksame Substanzen wie GHB/GBL.“ Die beiden Substanzen werden allgemein als K.-o.-Tropfen bezeichnet. Weil sie zwar euphorisierend wirken können, ab einer gewissen Dosis aber schnell zu einer Sedierung führen – „mit der Folge von schweren Atemdepressionen, gegebenenfalls mit Atempausen, bis hin zum Herz-Kreislauf-Stillstand“, wie das Gutachten festhält. Hohe Dosen würden typischerweise zu einer Erinnerungsstörung führen… Am nächsten Morgen wird Paula L. das Gefühl nicht los, dass Frei sie missbraucht hat. Iwona L. erfährt von diesem schweren Verdacht. Eine Situation, die sie in ihrer Einvernahme wie folgt nacherzählt: „Es war für mich sehr schwer, zu glauben, dass jemand, den ich liebe, so etwas mit meiner Tochter tun würde. Natürlich habe ich mich sehr aufgeregt und bin zu ihm gerannt, schreiend.“ Sie habe Antworten von Frei verlangt, aber er habe sich damit herausgeredet, er sei nur im Zimmer gewesen, um zu kontrollieren, ob dort Drogen versteckt seien… Frei bleibt unbehelligt, er kann auch weiterhin Politik betreiben. Im August 2023 unterschreibt er eine Interpellation mehrerer Grossräte. Offenbar werde das Tätigkeitsverbot für pädosexuelle Straftäter im Aargau nicht mit aller Konsequenz angewendet, heisst es darin. Der Vorstoss wird am 1. September 2023 eingereicht. Drei Tage später ist Frei laut den Ermittlungen erneut im Zimmer von Paula L. Doch diesmal entkommt er nicht… Es ist tief in der Nacht auf Montag, den 4. September, als Iwona L. erwacht. Sie realisiert, dass Frei nicht neben ihr im Bett liegt. Seit dem Zwischenfall vom April ist sie misstrauisch. Sie geht zum Zimmer von Paula L. und findet Frei. In einer Einvernahme erinnert sich Iwona L. später so: „Als er das Zimmer meiner Tochter verlassen wollte, habe ich gesehen, dass er hinten in der Unterhose etwas versteckt. Sein T-Shirt war so nass, wie wenn er gerade Krafttraining gemacht hätte.“ Sie habe ihn aufgefordert, ihr zu zeigen, was er verstecke. „Das wollte er nicht machen. Ich habe den Ausgang blockiert.“ Erst da habe Frei zuerst eine Lampe herausgedrückt, dann die Kamera. Sie habe Frei befragt, aber der sei ausgewichen, habe erneut behauptet, dass er nur habe kontrollieren wollen, ob Paula L. im Zimmer Marihuana verstecke. Ivona L. weiss nicht, wie sie die Aufnahmen auf der Kamera abspielen kann. Aber sie spürt, dass Frei nicht die Wahrheit sagt. Um 3.11 Uhr wählt sie die Nummer der Polizei…
Als die Polizei eintraf, schauten sie sich das Material auf der Kamera an, mit der Iwona L. ihren Partner erwischt hatte. Sie nahmen Frei sofort fest. Am nächsten Tag wurde Frei ein erstes Mal von der Polizei befragt. Er gab nur zu, Paula L. in der Nacht zuvor im Schlaf gefilmt zu haben. Zum Vorwurf der sexuellen Handlungen äusserte er sich nicht. Neun Tage später folgte die zweite Einvernahme. Die Polizei zeigte Frei nun Aufnahmen aus jener Nacht, als er verhaftet wurde. Erst jetzt gestand er den Übergriff ein.
Wie es dazu gekommen sei, will der Beamte wissen. „Ich sah sie dort liegen, halb nackt“, sagt Frei. „Ich ging davon aus, sie schläft, und dann habe ich die Gelegenheit genutzt.“ An weitere sexuelle Handlungen mit ihr könne er sich nicht erinnern.
Die Polizei durchsuchte in den folgenden Tagen das ganze Haus, es wurden mehrere Festplatten, Tablets und Computer entdeckt. Und unzählige belastende Fotos und Videos. Die IT-Auswertung ergab aber auch, dass Frei schon 2012 Onlinesuchanfragen wie „GBL bestellen“ oder „Vergewaltigungsdroge GBL“ gemacht hatte… Im Oktober 2023 folgte für Iwona L. ein weiterer Tiefschlag: Anlässlich einer weiteren Befragung durch die Staatsanwältin eröffnete ihr diese, dass Frei auch von ihr Nacktbilder im Schlaf gemacht hätte.
„Ich möchte die Fotos sehen“, sagt Iwona während der Einvernahme. Als sie das Bildmaterial anschaut, auf dem sie im Intimbereich berührt wird, beginnt sie zu weinen. Sie sagt: „Ich sehe auf diesen Fotos wie eine tote Person aus. Das ist eine Schändung meines Körpers.“… Vier Tage später wird Frei erneut von der Polizei befragt. Iwona L. verfolgt die Einvernahme per Videoübertragung. Erst jetzt wird das ganze Ausmass klar. Es geht nicht um zwei Übergriffe an Paula L., sondern um Dutzende. Und das Ganze begann schon wenige Tage nach ihrer Ankunft in der Schweiz… Die Monate nach der Verhaftung von Frei sind auch für Paula L. traumatisierend. Mehrmals wird sie befragt. Frei kann per Videoschaltung mitverfolgen, wie sie über intimste Details Auskunft gibt. „Das war vermutlich das Schlimmste“, sagt die 18Jährige heute, „zu wissen, dass er mich beobachtet“… Schliesslich erfährt Paula L., dass sie ihr Martyrium möglicherweise nur knapp überlebt hat. Im Mai 2025 liegt das rechtsmedizinische Gutachten im Auftrag der Staatsanwaltschaft vor. Laut diesem hatte Frei Oralsex mit der bewusstlosen Betroffenen durchgeführt und dabei ihre erschlaffte Zunge nach hinten geschoben. Durch die „nahezu vollständige Verlegung der oberen Atemwege“ sei sie in einem „akut lebensbedrohlichen Zustand“ gewesen, der jederzeit zu einem Erstickungstod hätte führen können. Das Fazit des Gutachtens: „Damit ist es nur dem Zufall zu verdanken, dass es zu keinem tödlichen Sauerstoffmangel gekommen ist.“… Paula L. sagt, sie habe den Schock, dass sie den Missbrauch möglicherweise nur knapp überlebt habe, inzwischen überwunden. „Ich glaube, dass das ein Zeichen ist“, sagt sie heute. „Vielleicht bin ich noch da, damit ich anderen Opfern Mut machen kann, indem ich meine Geschichte erzählen kann.“
Soweit der Bericht im „Tagesanzeiger“ vom 21. Juli 2026. Doch wie wenn das alles nicht schon weit mehr als genug gewesen wäre, bedeutete die Verhaftung Patrick Freis am 5. September 2023 nicht etwa das Ende dieses über so lange Zeit von Iwona L. und ihrer Tochter erlittenen Martyriums, sondern war bloss der Anfang einer weiteren Leidensgeschichte, in der auf nahezu unvorstellbar erschreckende Art und Weise deutlich wird, wie sehr wir es bei diesem Fall nicht nur mit einem skrupellosen Einzeltäter zu tun haben, sondern gleichzeitig, darüber hinaus, mit einem gesellschaftlichen Machtsystem, das nicht an erster Stelle darauf ausgerichtet ist, begangenes Unrecht wieder gut zu machen, sondern, ganz im Gegenteil, Menschen, die bereits mehr als genug Unrecht erlitten haben, nur noch weiteres Unrecht zuzufügen.
Nur einen Tag, nachdem der „Tagesanzeiger“ ausführlich über die Leidensgeschichte von Iwona L. und Paula L. berichtet hatte, war in der gleichen Zeitung Folgendes zu lesen…
Zwar war Frei für den Unterhalt von Mutter und Tochter aufgekommen, doch er hatte Iwona L. keinen Lohn bezahlt, so wie dies im Arbeitsvertrag vorgesehen gewesen wäre. Und jetzt, da der Mann, von dem sie finanziell abhängig ist, im Gefängnis sitzt, weiss Iwona L. nicht, wie sie durchkommen soll. Also betritt sie das Gemeindehaus, um Sozialhilfe zu beantragen. Mit einem höchst mulmigen Gefühl, denn Frei war bis zu seiner Verhaftung Aargauer Grossrat, er sass auch in der Steuerkommission der Gemeinde Untersiggenthal. Er kennt hier jeden. Sie aber ist Ausländerin, spricht kein Deutsch. Doch sie muss es versuchen, denn sie und ihre Tochter stehen vor dem Nichts… Das Gespräch auf dem Sozialamt am 7. September 2023 gestaltet sich schwierig. Der Gemeindemitarbeiter spricht offenbar kein Englisch. Zwei Personen müssen das Anliegen von Iwona L. übersetzen. Sie erklärt, ihre Tochter sei Opfer sexueller Gewalt geworden. Frei sei in Haft, und sie brauche dringend Hilfe… Keine Woche später schreibt der Gemeindemitarbeiter einen dreiseitigen Brief an das Aargauer Migrationsamt. Iwona L. würde bei ihnen Sozialhilfe beantragen, heisst es darin. Er will wissen, ob ihre Aufenthaltsbewilligung „überhaupt rechtmässig“ sei… Wenige Tage später verschickt das kantonale Migrationsamt an die Aargauer Kantonspolizei einen Ermittlungsauftrag gegen Iwona L. Es bestehe der „dringende Verdacht“, dass sie beim Bewilligungsverfahren die Behörden getäuscht habe. Das Migrationsamt bittet die Polizei, den Sachverhalt zu ermitteln und allenfalls ein Strafverfahren gegen Iwona L. zu eröffnen. Von diesen Abklärungen bekommen Iwona und Paula L. nichts mit. Sie sind mittellos, finden keine neue Bleibe und leben daher nach der Verhaftung von Frei weiterhin in dessen Haus. „Es war schrecklich“, sagt Paula L. rückwirkend. „Ich habe es gehasst, an diesem Ort zu sein. Auf dieser Matratze zu schlafen.“ Jener Matratze, auf der die junge Frau lag, als er sich an ihr verging. Paula L. stürzt in eine tiefe Krise. Dass sie die Übergriffe nicht bemerkte, weil sie mutmasslich betäubt war, verstärkt das Gefühl der Machtlosigkeit. „Psychischer Ausnahmezustand“, vermerkt ein Arzt, der sie und ihre Mutter in dieser Zeit untersucht. Die mittlerweile 16-Jährige habe starke Schlafstörungen und immer wieder Albträume. In diesen komme Frei lächelnd auf sie zu. Paula L. könne schreien, wie sie wolle, steht in den Krankenakten. „Aber niemand höre sie.“ Heute sagt Paula L., das seien die dunkelsten Zeiten ihres Lebens gewesen. „Ich wollte nicht mehr aus dem Bett kommen. Ich wollte überhaupt nichts mehr machen. Ich war einfach fertig.“
Über ein Jahr hatte Iwona L. im Haus von Patrick Frei gearbeitet, sie hatte einen Arbeitsvertrag und einen Aufenthaltstitel B. Unter diesen Bedingungen steht ihr und ihrer Tochter grundsätzlich die ordentliche Sozialhilfe von 1624 Franken monatlich zu, zuzüglich Kosten wie Miete, Krankenkasse und situativ anfallende weitere Leistungen. Doch in Untersiggenthal läuft es anders…
Zwei Monate nach Freis Verhaftung hat der Gemeinderat entschieden. Er gesteht den Polinnen nur einen Grundbedarf von gut 1000 Franken monatlich zu. Dieser Betrag liegt unter der vom Kanton Aargau festgelegten Existenzsicherung. Zudem übernehme man gewisse Leistungen wie Fahrkosten zum Arbeitsort, eine Brille oder den Zahnarzt. Der Aufenthaltsstatus der beiden Frauen werde gerade geprüft, schreibt die Gemeinde als Begründung dafür, dass sie lediglich „Nothilfe im Sinne von Asylansätzen“ bezahlt. Diese Begründung ist völlig willkürlich und die Reduktion der Sozialhilfe alles andere als zwingend, da die Abklärungen betreffend Aufenthaltsstatus noch gar nicht stattgefunden haben und die Gemeinde daher ohne weiteres die volle Sozialhilfe weiterhin ausrichten könnte… Die Gemeinde vermittelt Iwona und Paula L. schliesslich eine kleine Wohnung in Untersiggenthal. Die beiden versuchen, sich in der neuen Umgebung zu fangen. Iwona L. beginnt, für einen Floristen zu arbeiten. Sie kann sich vorstellen, sich und die Tochter selbst mit der Nothilfe irgendwie über die Runden zu bringen. Doch kurz darauf ein weiterer Rückschlag: Im Dezember 2023 schreiben die Aargauer Migrationsbehörden Iwona L., dass ihre Anstellung als Haushalthilfe ein „Scheinarbeitsverhältnis“ gewesen sei. Wegen dieses „Verhaltens“ beabsichtige das Migrationsamt nun, ihre Aufenthaltsbewilligung zu widerrufen und sie zusammen mit ihrer Tochter aus der Schweiz wegzuweisen. Zudem nehmen nun auch die Strafbehörden Iwona L. ins Visier. Einerseits ermitteln sie wegen der angeblich erschlichenen Aufenthaltsbewilligung. Anderseits erfährt die Polin, dass Patrick Frei, mittlerweile aus dem Aargauer Parlament und der Gemeinde Untersiggenthal ausgeschieden, sie angezeigt hat. Er wirft ihr vor, beim Umzug in die kleinere Wohnung zahlreiche Einrichtungsgegenstände von ihm gestohlen zu haben. Was die Staatsanwaltschaft dazu veranlasst, die Wohnung von Iwona L. zu durchsuchen. Nach den traumatischen Erfahrungen mit Frei und den Behörden hat Iwona L. somit zwei Strafverfahren am Hals. Und ihr droht die Ausschaffung.
Im Frühling 2024 erlitt Iwona L. einen Nervenzusammenbruch. Sie musste ihre neue Arbeit als Floristin aufgeben und wurde stationär in eine psychiatrische Klinik aufgenommen.
Kurz darauf wird Iwona L. zu ihrer angeblichen Täuschung der Behörden mit dem Arbeitsvertrag einvernommen. „Ich weiss nicht, warum diese Angaben falsch gewesen sein sollten. Ich habe meine Arbeit erledigt“, sagt sie. Doch das Aargauer Migrationsamt geht nicht darauf ein. Im September schickt es seine Verfügung. Sobald diese rechtskräftig sei, habe Iwona L. 60 Tage Zeit, um auszureisen. „Nach Ablauf der Ausreisefrist kann die Ausweisung zwangsweise vollzogen werden“, schreibt die Behörde. Das minderjährige Kind ist ebenso von der Ausweisung betroffen. Das Migrationsamt hält zwar fest, Mutter und Tochter „sollen Opfer sexueller Übergriffe geworden sein“. Doch solche Vorwürfe könnten einen „schwerwiegenden Härtefall nicht begründen“. Aus Sicht der Behörde ist das „öffentliche Interesse an der Wegweisung der Betroffenen sehr gross“.
Für Marc Spescha, emeritierter Professor für Migrationsrecht und Anwalt in Zürich, handelt es sich hier um eine „gravierende behördliche Fehlleistung“. Zunächst sei nicht nachgewiesen, dass der Arbeitsvertrag überhaupt ungültig sei. Dass Iwona L. allenfalls nur Naturallohn erhielt, könne ihr nicht vorgeworfen werden. Zudem hätte sie als EU-Bürgerin auch ohne Arbeitsvertrag ein Aufenthaltsrecht gehabt, nämlich als Nichterwerbstätige, die von ihrem Lebenspartner Kost und Logis erhält. Vor allem aber hätten die Behörden verkannt, dass die beiden Frauen Opfer seien, die es zu schützen gelte. „Gemäss der Rechtsprechung des Bundesgerichts dürfen an den Aufenthaltsanspruch von Migrantinnen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, keine zu hohen Anforderungen gestellt werden, Dies erst recht nicht, wenn die erlittene Gewalt derart schwer war, wie dies hier der Fall ist“, erklärt Spescha. „Doch kantonale Instanzen haben oft keinerlei Sensibilität für den Schutzbedarf ausländischer Gewaltopfer. Das Bundesgericht musste sie deshalb auch immer wieder rügen.“ Besonders gelte das bei gewaltbetroffenen Kindern wie der damals minderjährigen Paula L. „Im vorliegendem Fall steht das ausgeprägte Schutzbedürfnis ausser Diskussion“, sagt Spescha.
Das Amt für Migration des Kantons Aargau sagt auf Anfrage, man äussere sich nicht zu laufenden Verfahren. Inzwischen haben die Pflichtverteidiger von Mutter und Tochter den Wegweisungsentscheid beim Aargauer Verwaltungsgericht angefochten… Hätte sie gewusst, dass Patrick Frei sie und ihre Tochter missbrauche, „wäre sie kaum in die Schweiz eingereist“, schreibt Tamara De Caro, die Anwältin von Paula L. Sie sagt auf Anfrage: „Das Migrationsamt hätte die Möglichkeit gehabt, meiner Klientin eine Aufenthaltsbewilligung im Rahmen des Ermessens zu erteilen. Aber man hat sich dagegen entschieden.“… Die inzwischen 17jährige Paula L. hat inzwischen ihre obligatorische Schulzeit abgeschlossen. Sie hat nun eine Beiständin, die der inzwischen 17Jährigen ein Motivationssemester vermittelt, in dem sie sich für Lehrstellen bewerben kann. Eigentlich wäre es ihr Traum, Kosmetikerin zu werden. Aber niemand nimmt sie. Stattdessen beginnt sie eine Lehre in einer Bäckerei. Als die Mutter das der Gemeinde mitteilt, fragt diese bei den Migrationsbehörden nach, ob die beiden denn nun die Schweiz verlassen müssten oder nicht. Der Kanton hält in der Folge fest, dass Paula L. auch mit einer Lehre keine Aufenthaltsbewilligung zustehe. Und droht erneut ihre Wegweisung an… Der Druck – Angst vor der Wegweisung, finanzielle Schwierigkeiten, rechtliche Unsicherheiten und Sprachbarrieren am Arbeitsplatz – wird zu viel: Paula L. kann die Lehre nicht zu Ende führen. Weil sie bereits ein Motivationssemester absolviert hat, kann sie nun auch nicht mehr eine weiterführende Schule besuchen, das staatliche Ausbildungssystem ist für sie praktisch geschlossen… Ihre Mutter versucht, das Ruder herumzureissen. Sie sei im Sommer 2025 an einem Punkt gewesen, an dem sie sich gefragt habe: „Was willst du eigentlich sein?“, erzählt Iwona L. „Willst du ein Opfer bleiben? Oder willst du zu einer Überlebenden werden?“ Für sie ist der Fall klar: „Wenn du eine Überlebende sein willst, dann musst du zurückschlagen.“ Und das tut Iwona L. nun. Sie beginnt mit einer Flut von Beschwerden gegen das Sozialamt von Untersiggenthal, die Opferhilfe, die Regierung und die Gerichte im Aargau. Sie zieht manche Beschwerden bis ans Bundesgericht. Doch dieses schreibt später, ihre Eingaben seien „rechtsmissbräuchlich“ und „querulantisch“. Am Ende unterliegt Iwona L. in praktisch allen Fällen. Ob sie und ihre Tochter in der Schweiz bleiben können, ist unklar. Noch ist offen, wann die Gerichte endgültig über die Wegweisung entscheiden. Das Verfahren wegen Diebstahls hat die Staatsanwaltschaft Aargau zwar eingestellt. Doch sie sanktionierte Iwona L. mit einem Strafbefehl, weil sie bei der Einreise die Behörden getäuscht habe. Auch gegen diesen Entscheid kämpft sie noch an. Unterliegt sie, muss sie eine Busse und Kosten in der Höhe von 2160 Franken bezahlen – Geld, das sie nicht hat. Sollte sie nicht zahlen können, drohen ihr 30 Tage Gefängnis… Patrick frei wird in dieser Sache wohl nicht belangt. Obwohl auch er den Arbeitsvertag unterschrieben hatte und sich in der Folge aktiv dafür einsetzte, dass Iwona L. eine langfristige Aufenthaltsbewilligung erhält. Doch im Gegensatz zur Polin will die Staatsanwaltschaft bei ihm das Verfahren wegen Täuschung der Behörden einstellen. Aus „Opportunitätsgründen“, wie es in einem Schreiben heisst. Das ist laut Gesetz möglich, wenn einer Person mehrere Taten vorgeworfen werden und ein weiteres Delikt kaum noch Einfluss hätte auf die Strafe. So könnte es auch bei Frei sein… Dieser zeigte sich in einer letzten Befragung im Juni 2026 erstmals reuig. Er sehe ein, was er angerichtet habe, und wolle das nie wieder jemand anderem antun. Doch für Paula und Iwona L. kommen diese Worte zu spät. Ihr Fazit fast drei Jahre nach der Verhaftung von Frei ist niederschmetternd: sexuell missbraucht, traumatisiert, ohne Geld und ohne Zukunftsperspektive. Nun wollen sie Gerechtigkeit. Nicht nur dafür, was ihnen ihr Peiniger angetan habe, sondern auch dafür, wie die Behörden mit ihnen umgehen – und immer noch umgehen würden… Iwona L. ist momentan in einer stationären Therapie in einer Zürcher Psychiatrie. Doch auch dort hat sie keine Ruhe. Ende Juni brachte ihr die Polizei Betreibungsunterlagen – bis in die Klinik.
So weit die Berichterstattung im „Tagesanzeiger“ vom 22. Juli 2026. Gleichentags erschien im „St. Galler Tagblatt“ ein Artikel unter dem Titel „Harsche Kritik an Herzlos-Entscheid“, in dem insbesondere auf die ganz und gar an den Haaren herbeigezogene Täter-Opfer-Umkehr im Zusammenhang mit einer angeblichen „Täuschung der Behörden“ eingegangen wird…
Als Grund für die Wegweisung wurde „Täuschung der Behörden“ angeführt. Der Arbeitsvertrag als Haushalthilfe, den die Polin mit ihrem Peiniger abgeschlossen hatte und der zum Aufenthalt in der Schweiz berechtigte, sei nur ein Scheinvertrag gewesen, so das Migrationsamt. Die Polin habe nie einen Lohn erhalten, so das zentrale Argument. Tatsächlich aber war im Arbeitsvertrag sehr wohl ein Lohn vereinbart worden. Offenbar hatten sich die beiden aber darauf geeinigt, diesen in Form von Kost und Logis, Krankenkasse und Steuern für Mutter und Tochter zu begleichen. Für Iwona L. war dabei auch massgeblich, dass sie Frei als erfahrenem Politiker und Finanzexperten volles Vertrauen schenkte, diese Regelung sei in rechtlicher Hinsicht einwandfrei und könnte ihr keinesfalls später zu irgendeinem Nachteil gereichen. Der Frau nun vorzuwerfen, ihr „Arbeitgeber“ habe ihr nie einen Lohn bezahlt, wirft Fragen grundsätzlicher Art auf. Denn man könnte das ja dann so interpretieren, dass jeder Ausländer und jede Ausländerin, die von ihrem Arbeitgeber ausgenützt und übers Ohr gehauen wird, selbst daran schuld sei.
Die SVP hat zum Fall Patrick Frei noch nicht offiziell Stellung genommen und spricht von einem „Einzelfall“. Mit der Betonung darauf, dass es sich bei solchen Gewalttaten wie auch bei den immer häufiger vorkommenden Femiziden oder der brutalen Gewalt, denen zum Beispiel Prostituierte ausgeliefert sind, stets nur um „Einzelfälle“ handelt, wird indessen systematisch davon abgelenkt, dass diese sogenannten „Einzelfälle“ bloss die Spitzen eines gewaltigen Eisbergs bilden, in dem ganz bestimmte Verhaltensweisen, Denkvorstellungen, moralische Einstellungen, politische Überzeugungen und – meist geschlechtsspezifische – Machtstrukturen und Abhängigkeitsverhältnisse als völlig „normal“ und „gesellschaftlich akzeptiert“ gelten, obwohl in ihnen bereits die Ansätze und Vorstufen vorhanden sind, die in ihrer letzten und extremsten Zuspitzung zu jenen ganz besonders „spektakulären“ Gewalttaten führen können, über die dann in aller Ausführlichkeit öffentlich informiert und diskutiert wird. Bleibt die Diskussion aber auf diese „Einzelfälle“ beschränkt und wird der gesellschaftliche Kontext ausgeblendet, kann auch keine tiefgreifende Überwindung jener tiefsitzenden Macht- und Denkstrukturen stattfinden, welche den eigentlichen Nährboden bilden für so entsetzliche Einzeltaten wie jene von Patrick Frei im aargauischen Untersiggenthal.
In diesem gesellschaftlichen Kontext, in diesen neun Zehnteln des Eisbergs, die sich unterhalb der Wasseroberfläche befinden, lassen sich mindestens drei wesentliche Phänomene erkennen: Machtgefälle, Rassismus und Doppelmoral.
Zunächst das Machtgefälle. Vergleichen wir im „Fall Untersiggenthal“ den Täter mit den Opfern, so lässt sich ein mindestens zehnfaches Machtgefälle feststellen, wobei es zwischen ihnen fliessende Übergänge gibt und sie sich gegenseitig bedingen wie auch verstärken. Das erste ist das Geschlecht: Der Täter ist männlich, die Opfer sind weiblich – das Grundmuster von mindestens 90 Prozent sämtlicher Gewalttaten, insbesondere, wenn es um sexuelle Gewalt geht. Das zweite ist die Herkunft: Der Täter ist ein Einheimischer, die Opfer sind „Fremde“. Das dritte ist das Alter: Der Täter ist 54 Jahre alt, sein am meisten und brutalsten von ihm missbrauchtes Opfer ist zu Beginn der Übergriffe gerade mal 15 Jahre alt. Das vierte ist die gesellschaftliche Position und das gesellschaftliche Ansehen: Der Täter ist ein angesehener und einflussreicher Politiker sowie Projektleiter bei einem Grossunternehmer, seine Opfer, mitsamt all ihrer Wurzeln ihrer früheren Heimat entrissen, verfügen im neuen, ihnen zunächst völlig fremden und unbekannten Land nicht einmal über das Allermindeste, was man als gesellschaftlichen Status bezeichnen könnte. Das fünfte ist die Sprache: Der Täter kann sich überall und jederzeit über jedes noch so komplizierte Thema verständigen und sich Gehör verschaffen, die Opfer scheitern nur schon beim Versuch, auf dem Sozialamt der Gemeinde ihre Notlage so zu schildern, dass sie vom zuständigen Beamten auch nur einigermassen in ihrer Tragweite erkannt wird, und Paula muss die Lehre abbrechen, weil sie es trotz aller Anstrengung nicht schafft, die ihr immer und immer wieder im Weg liegenden Sprachbarrieren erfolgreich zu überwinden. Das sechste ist das Wissen und die Information: Während der Täter mit allen Gesetzen wie auch deren Schlupflöchern bestens vertraut ist, verfügen seine Opfer nicht einmal über die minimalsten diesbezüglichen Kenntnisse an ihrer neuen Wohnstätte, wesentliche Informationen, wie sie sich für ihre persönlichen Anliegen und Rechte einsetzen könnten, werden ihnen sogar bewusst vorenthalten. Das siebte sind die Beziehungen: Während der Täter über ein riesiges Beziehungsnetz verfügt, das ihm Zugang zu jeder beliebigen Schaltstelle, zu jedem beliebigen Amt und zu jeder beliebigen Fachperson von Rechts-, über Versicherungs-, Immobilien- und Gesundheits- bis zu Finanzexperten verschafft, sind seine Opfer bei allen ihren persönlichen oder gesellschaftlichen Problemen und Anliegen völlig auf sich alleine gestellt. Das achte ist das Geld: Steht es dem Täter jederzeit in ausreichendem Ausmass zur Verfügung, ist es für seine Opfer so knapp bemessen, dass sie, aus Angst, noch das Wenige zu verlieren und einschneidende Einschränkungen ihrer Lebensqualität in Kauf nehmen zu müssen, stets vom Willen und den Machtgelüsten anderer abhängig, ja geradezu erpressbar sind, bis hin zum Betreibungsbeamten, der das am Ende aller ihrer Kräfte angelangte Opfer selbst noch in der psychiatrischen Klinik aufsucht – wie einer, der selbst dann noch auf seinem Opfer herumtrampelt, wenn es schon längstens hilflos am Boden liegt. Das neunte ist die Macht, sozusagen die Summe von allem anderen: Jene Macht, die jenem, der sie hat, alle Türen öffnet, während sie jenem, der sie nicht hat, alle Türen zuschlägt, jenes Gefühl grenzenloser Macht, das in dem Moment auf seinem Gipfelpunkt angelangt ist, wenn das betäubte und wehrlose Opfer vor ihm liegt, und er weiss, dass er jetzt alles mit ihm machen kann, was er will. Das zehnte ist das Selbstwertgefühl: In dem Masse, wie es beim Täter durch seine Taten immer stärker wird, wird es bei seinen Opfern immer schwächer, bis es zuletzt in einer umfassenden Selbstzerstörung zu enden droht, Macht auf der einen Seite, Ohnmacht auf der anderen, der Moment, in dem Iwona L. sich fragte: Will ich ein Opfer bleiben oder will ich zu einer Überlebenden werden? Nicht alle haben am Ende noch so viel Kraft, viele andere hätten den Kampf schon lange zuvor aufgegeben.
Dann der Rassismus. „Nur einmal in meinem Leben“, so erzählt eine 26jährige, mittlerweile in der Schweiz sesshaft gewordene Angolanerin, „wurde ich offen rassistisch beschimpft. Das war auf dem Pausenhof in der Primarschule, ich war zehn Jahre alt. Seither ist mir der Rassismus auf eine andere Weise begegnet: Nicht offen und laut, sondern leise und versteckt im Alltäglichen.“ Es ist dieser „lautlose“ Rassismus, der genauso schlimm ist wie der laute oder jener in Form eines Faustschlags. Denn gegen den „lautlosen“, alltäglichen Rassismus kann man sich nicht wehren, ist ihm hilflos ausgeliefert, das, worüber Menschen, die aus anderen Ländern in die Schweiz gekommen sind, immer wieder erzählen. Das, was sich die meisten Schweizerinnen und Schweizer schlicht und einfach nicht vorstellen können, weil sie es am eigenen Leib und in der eigenen Seele noch nie erlebt haben. Es ist die seit sechs Jahren in der Schweiz lebende Familie aus Eritrea, die von ihren Nachbarn am Morgen, wenn sie die Wohnung verlassen, immer noch nicht gegrüsst werden, bloss weil die Mutter ein Kopftuch trägt. Es ist der seit neun Jahren in der Schweiz lebende Familienvater aus Syrien, der den Vater eines Schulbuben aufsucht, der seinen Sohn auf dem Schulweg als „Scheissausländer“ beschimpfte und anschliessend mit zwei anderen Mitschülern nach Strich und Faden verprügelte, er möchte diesem Vater erklären, wie schmerzvoll dieser Vorfall für seinen Sohn gewesen war – doch dieser Vater wollte vom Anliegen des Syrers gar nichts wissen, sondern drohte ihm bloss, die Polizei zu rufen, falls er es wagen sollte, die Grenze seines Grundstücks zu überschreiten. Es ist der seit sieben Jahren in der Schweiz wohnhafte Afghane, der zwei Mal pro Woche frühmorgens in seiner Stadt Werbeprospekte verteilt und schon zwei Mal von einem älteren Mann mit groben Worten angesprochen wurde, was er als Ausländer in diesem Quartier, wo nur Schweizer Familien wohnen, verloren hätte. Es ist die 16jährige aus Kamerun, die auf dem Weg zur Berufsschule am Bahnhof ihren Scooter abstellte, um ihn am Abend völlig demoliert wiederzufinden, versehen mit einem Pappschild, auf dem „Go home nigger“ geschrieben stand. Es ist das Zugabteil, in dem ein einzelner dunkelhäutiger Mann sitzt, doch während alle anderen Abteile bis auf den letzten Platz gefüllt sind und einige Reisende sogar nur noch einen Stehplatz haben, sind die drei weiteren Plätze in seinem Abteil leer. Es ist mein Freund aus Sri Lanka, der mich, nachdem er zwei Wochen lang auf eine E-Mail, die er ans städtische Sozialamt geschrieben und immer noch keine Antwort bekommen hatte, bat, beim Sozialamt nachzufragen, weil er dringend eine Information benötigte – worauf ich auf meine Nachfrage per E-Mail bereits am folgenden Tag eine Antwort bekam. Es ist die 22jährige Türkin, deren grösster Wunsch es wäre, in der Schweiz eine Lehre als Fachangestellte für Gesundheit zu machen, ihr aber von der Berufsberaterin empfohlen wurde, diesen Berufswunsch aufgrund ihrer noch mangelhaften Deutschkenntnisse zu vergessen und ihr stattdessen die Adresse eines Gemüsebauern gegeben wurde, der noch Hilfskräfte für die Salat- und Rübenernte suche.
Schliesslich die Doppelmoral, das Verdrängen, Vertuschen, Schönreden, Ablenken, die Projektion eigener Defizite und Schwächen auf andere, meist „Fremde“, „Andersartige“, bloss um nicht den eigenen Unzulänglichkeiten in die Augen schauen zu müssen. Etwas Verlogeneres und Scheinheiligeres kann man sich kaum vorstellen als einen Schweizer Biedermann, der gegen „Pädophile“ wettert und sich über die Zunahme von „aus dem Ausland importierter Gewalt“ beklagt, um hernach nach Hause zu gehen und in der folgenden Nacht eine 15jährige Ausländerin zu betäuben und sich auf bestialische Weise an ihr zu vergehen.
Ein mit dem „Fall Untersiggenthal“ vergleichbares Verbrechen, bei dem sich Machtgefälle, Rassismus und Doppelmoral dermassen eng gegenseitig bedingen, verstärken und zu einem Gesamtsystem verschmelzen, ohne welches diese Tat und alle weiteren aus ihr hervorgegangenen Ungerechtigkeiten gar nicht denkbar wären, kann man sich gar nicht vorstellen. Mit der Inhaftierung und einer möglicherweise lebenslangen Gefängnisstrafe ist daher das Problem nicht nachhaltig gelöst. Solange wir uns nicht mit aller Aufmerksamkeit und Beharrlichkeit um die unteren, unsichtbaren neun Zehntel des Eisbergs kümmern und auf die letztendliche Überwindung jeglicher auf willkürlich geschaffenen Machtpositionen beruhenden Vorrechte, jeglichen Rassismus, jeglicher Doppelmoral und jeglicher Projektion eigener Defizite auf künstlich gebaute Feindbilder kümmern, wird über kurz oder lang im obersten Zehntel des Eisbergs ein neues, vielleicht noch entsetzlicheres Verbrechen die Öffentlichkeit erschüttern. Genau so, wie auch aus vergifteter Erde immer wieder Pflanzen hervorgehen, welche das Gift aus dem Boden an die Oberfläche bringen. Es genügt daher nicht, mit dem Finger auf die einzelnen „Bösewichte“ zu zeigen und sich selber aus jeglicher Mitverantwortung zu stehlen. Der „Fall Untersiggenthal“ zeigt aufs Eindrücklichste, dass sich neben dem eigentlichen Haupttäter viele andere, von Behörden über Amtsstellen und Fachpersonen sowie all jene, die vielleicht etwas ahnten und trotzdem bloss wegschauten, mitschuldig gemacht haben. So wie im bekannten Theaterstück „Andorra“ von Max Frisch, in dem sich die Schlinge immer enger um den Hals von Andri zieht, bis es zu spät ist. Alle reden über ihn, keiner redet mit ihm selber, alle tuscheln hinter vorgehaltener Hand, und am Schluss will es niemand gewesen sein, weil es eben alle zusammen gewesen waren…
Jeder Einzelne und jede Einzelne von uns ist mitverantwortlich dafür, in was für einer Gesellschaft wir leben und welche Werte an oberster Stelle stehen sollen. Das ist das Mindeste, was wir tun können. Was geschehen ist, kann nicht rückgängig gemacht werden. Aber es kann und muss alles unternommen werden, damit der Boden, der Garten, die unteren neun Zehntel des Eisbergs so frei werden von allem Gift, dass aus dem oberen Zehntel nichts mehr herauswachsen kann, was sich auch nur im Entferntesten mit so entsetzlichen Verbrechen wie dem „Fall Untersiggenthal“ vergleichen lässt.
Die im Lichte sieht man, die im Dunkeln sieht man nicht. Wenn das Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.
Zitate von Bertolt Brecht, deutscher Dramatiker, 1998-1956
Seit zwei Jahren begleite ich ehrenamtlich Asylsuchende aus Afghanistan, dem Iran, der Türkei, Sri Lanka, Angola, Kamerun, Syrien und Eritrea. Im Zusammenhang mit der zunehmenden Verschärfung der schweizerischen Asylpolitik, äusserst willkürlichen Entscheiden des Staatssekretariats für Migration SEM und des Bundesverwaltungsgerichts sowie Fällen gewaltsamer Ausschaffungen, die jeglicher Menschenwürde spotten, habe ich zahlreiche Gespräche geführt, sowohl mit betroffenen Asylsuchenden, wie auch mit Menschen, die in irgendeiner Weise mit dem Asylwesen zu tun haben oder sich dafür interessieren.
So hat sich bereits ein grösserer Kreis von Personen gebildet, die zusammen mit mir der Meinung sind, dass über die tägliche Kleinarbeit hinaus, die oft bis an die Grenzen der individuellen Belastbarkeit geht und dennoch angesichts nicht nachvollziehbarer Asylentscheide häufig sehr frustrierend ist, auf politischer Ebene mehr Druck ausgeübt werden muss, um weiteren Verschärfungen der Asylpolitik entgegenzuwirken und den Weg zurückzufinden zu einer Asylpolitik, die sich an traditionellen humanitären Werten unseres Landes orientiert.
Zu diesem Zweck plane ich den Aufbau einer Plattform für eine menschenwürdige Schweizer Asylpolitik, in der sich Asylsuchende, anerkannte Flüchtlinge, abgewiesene Asylsuchende, Menschen, die beruflich oder ehrenamtlich im Asylwesen tätig sind, sowie weitere Interessierte zusammenfinden, um den laufenden Verschärfungen nicht mehr länger tatenlos zuzuschauen, sondern aktiv etwas dagegen zu unternehmen, mit kleineren und grösseren konkreten Projekten, einer gezielten Vernetzung bereits bestehender Aktivitäten und Organisation sowie Medien- und Aufklärungsarbeit, um weit verbreiteten Feindbildern und Vorurteilen zu begegnen.
Im August findet 2026 findet ein erstes Treffen statt, vorerst in einem kleineren Kreis. Im September soll der Aufbau der Organisation mit der Bildung eines Vorstands, Statuten, Finanzplanung, Website, Medienmitteilungen, Formulierung der Zielsetzungen etc. erfolgen. Für den September/Oktober plane ich eine erste öffentliche Veranstaltung und eine Werbekampagne, um möglichst viele Mitglieder zu gewinnen.
Falls du Interesse hast, dich an diesem Projekt aktiv zu beteiligen, würde mich dies sehr freuen. Je mehr Menschen mitmachen, umso mehr können wir erreichen. Teile mir doch bitte mit, ob du an einer Mitarbeit interessiert bist. Du kannst jederzeit einsteigen, auch nach dem August 2026. Ich bin dir dankbar, wenn du bei deiner Rückmeldung erwähnen könntest, in welcher Form du dir eine Mitarbeit vorstellen könntest: Aktive Mitarbeit in Projekten, Mitarbeit im Vorstand oder in Arbeitsgruppen, Vertretung einer bestimmten Organisation, oder einfach Vereinsmitgliedschaft ohne Übernahme konkreter Aufgaben. Auskunft und Anmeldung: info@petersutter.ch.
Leitet dieses Schreiben doch bitte an möglichst viele weitere Interessierte weiter. Vielen Dank!
Wer verstehen will, wie und weshalb sich der Ukrainekonflikt dermassen zugespitzt hat, dass immer mehr besorgte Menschen den baldigen Beginn eines dritten Weltkriegs befürchten, muss ein bisschen weiter zurückblicken als bis zum 24. Februar 2022, dem Tag, an dem der sogenannte russische „Angriffskrieg“ gegen die Ukraine begann. Man könnte zum Beispiel bis ins Jahr 1991 zurückgehen, als die Sowjetunion zerfiel und sich die NATO in der Folge Land um Land immer weiter nach Osten auszudehnen begann. Oder bis ins Jahr 1945, dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Beginn des US-Imperialismus als zukünftiger Weltmacht Nummer eins. Noch erhellender aber ist ein Rückblick bis 1492, dem Jahr, als der italienische Seefahrer Christoph Kolumbus Amerika entdeckte. Obwohl es freilich nicht wirklich dieser Christoph Kolumbus war, der Amerika „entdeckte“. Denn bereits 500 Jahre früher, ums Jahr 1000, waren wikingische Seefahrer unter Leif Eriksson an der Küste Neufundlands gelandet. Und bereits weitere rund 12’000 Jahre früher waren die Vorfahren der späteren amerikanischen Urbevölkerung aus Nordostasien über die Beringstrasse, damals noch eine Landverbindung zwischen dem asiatischen und dem amerikanischen Kontinent, in Amerika eingewandert. Wenn man, streng historisch, jemanden als den „Entdecker“ Amerikas bezeichnen müsste, dann also die über die Beringstrasse eingewanderten Völker aus dem nördlichen Asien. Dennoch finden wir weder bei der Einwanderung asiatischer Völker im Norden Amerikas, noch bei der Landung der Wikinger in Neufundland, sondern erst bei der angeblichen „Entdeckung“ Amerikas durch Kolumbus jene tieferen Ursachen für den heutigen Ukrainekonflikt, die zu erkennen uns helfen wird, diesen Konflikt ganz anders zu verstehen, als wir uns dies anhand der täglichen Berichterstattung in den westlichen Medien gewohnt sind.
Denn Christoph Kolumbus kam nicht alleine nach Amerika. Ihm folgten zunächst ein paar hundert, bald einmal Zehntausende und nach nicht langer Zeit Hunderttausende weiterer Europäer nach Amerika, zunächst vor allem aus Spanien und Portugal, dann aus England und Frankreich und später aus vielen weiteren europäischen Ländern. Und sie kamen nicht, um bloss ein paar schöne Tage an einem der paradiesischen Strände in den Gegenden des heutigen Mexiko oder Brasilien zu verbringen und dann wieder zufrieden nach Hause zu gehen. Nein, sie kamen, um sich alles nur Erdenkliche an Reichtum und Schönheit, was sie in diesem „Paradies“ fanden, unter den Nagel zu reissen. „Terra nullius“ nannten sie, mit dem Segen des Oberhauptes der Heiligen Katholischen Kirche und somit sogar „göttlich“ legitimiert, alle von ihnen „entdeckten“ Ländereien, Nullerde, Nichtland, das niemandem gehörte und daher ihnen, den zukünftigen Herren und Besitzern, zur Inbesitznahme und wirtschaftlichen Ausplünderung unbegrenzt zur Verfügung stand. Den Kapitalismus hatte es zwar schon vorher gegeben. Aber erst jetzt zeigte er ohne jegliche falsche Rücksichtsnahme sein wahres Gesicht, sein wahres Wesen, das Wesen eines Raubtiers, das, je mehr es frisst, nur immer noch gefrässiger wird.
Gold, Silber, Diamanten, Kupfer, Zucker, Tabak, Baumwolle, Kaffee, Bananen – was immer aus der „Terra nullius“ herausgeschürft werden und in Geld verwandelt werden konnte, wurde nach Europa geschafft, wo der Reichtum der Reichen in gleichem Masse Tag für Tag anwuchs, wie auch die Armut der Armen in den ausgeplünderten Gebieten des Südens in gleichem Masse anwuchs bis zum heutigen Tag. Auf den Appetit gekommen, heischte das Raubtier immer mehr und noch mehr. Nach Amerika war Afrika an der Reihe, dann Südostasien, bis zuletzt all das, was wir heute als den „globalen Süden“ bezeichnen. Terra nullius. Das Geld, in welches die Schätze aus den leergefegten Paradiesen verwandelt wurden und immer noch werden, ist seinerseits zum Raubtier geworden, das sich nach allen Richtungen und in immer schnellerem Tempo ausdehnt und dabei immer noch gefrässiger und gefrässiger wird. Jedes Geldstück will zwei weitere Geldstücke, diese wiederum wollen noch einmal doppelt oder dreifach so viel. Banken als die wahren Tempel und Pyramiden der Neuzeit, Wolkenkratzer, von denen jeder neue noch höher sein will als alle bisherigen, acht- oder zwölfspurige Autobahnen, immer schnellere Höchstgeschwindigkeitszüge, immer längere Brücken und Tunnels, immer schnellere Internetverbindungen – das alles sind nur die äusseren Erscheinungsformen, dahinter, in allem, steckt die unersättliche Gier des Raubtiers, der alles unterworfen und geopfert wird: die Natur, die Erde, die Luft, der Raum, die Zeit…
„Der Kapitalismus“, sagte sogar Robert Habeck, der im Übrigen nicht einmal als besonders kapitalismuskritischer Politiker bekannt ist, „hinterlässt eine Spur der Verwüstung.“ So ist es. Man sieht es jedem Flecken Erde an, ob der Tsunami des Kapitalismus schon durchgezogen ist oder nicht. Wie ein milliardenfacher Heuschreckenschwarm frisst er sich von Land zu Land. Zurück bleiben ausgelaugte Böden, auf denen nicht einmal mehr ein einziger Grashalm zu wachsen vermag; ein paar kümmerliche, verkohlte Baumstümpfe als Erinnerung an jahrtausendealte Wunderwerke der Natur; in todbringender Hitze flimmernde Wüsten, in denen alles Leben einer gnadenlos sengenden Sonne schutzlos ausgeliefert ist; tief in die Erde gebohrte Tunnels, Gräben und Stollen, aus denen auch noch die letzten winzigen Reste von Gold oder Kupfer herausgequetscht wurden, bis alles in sich zusammenbrach, um dort, wo einst das Leben blühte, Landschaften zurückzulassen, die es früher nur auf fernen Planeten gegeben hatte, wo nicht einmal die primitivsten Lebewesen hätten entstehen können; ganze Ozeane, einst gefüllt mit einer unendlichen Vielfalt an Leben, wo heute nur noch die hartnäckigsten Überlebenskünstler der Tier- und Pflanzenwelt nicht schon längst ausgestorben sind und ihrerseits, um nicht das Schicksal aller anderen zu teilen, gezwungen sind, allen anderen, Schwächeren, den Garaus zu machen. Eine Spur der Verwüstung ohne jegliche Grenzen, Wunden, die nie mehr verheilen werden, die systematische Verwandlung des Paradieses in die Hölle.
Doch worauf würde sich das Raubtier stürzen, wenn eines Tages alles, was sich aus der Erde und der Kraft der arbeitenden Menschen herauspressen lässt, an einem Punkt angelangt sein würde, wo sich keine weiteren Beutestücke mehr schaffen liessen? Was könnte man ihm jetzt noch zum Frass vorwerfen?
Natürlich. Man muss den Menschen – genauer gesagt denen, welche über die hierfür nötigen finanziellen Mittel verfügen – bloss die Magie eines allgemein erstrebenswerten Idols vermitteln, das sie nie mehr ruhig schlafen lassen wird, bevor sie es erreicht haben – auch und wenn gerade es geradezu unmöglich ist, es tatsächlich zu erreichen, bzw. dies nur ein paar ganz wenigen vorbehalten sein wird. Es ist das Idol des reichen Menschen, der am schönsten Ort der Erde das grösste und schönste Haus besitzt, den grössten und schönsten Garten mit dem grössten und schönsten Swimmingpool und dem grössten und schönsten Automobil, das sich nur erträumen lässt. Und los ging das allgemeine Wettrennen. In immer verrückterem Ausmass begannen die Menschen – oder zumindest jene, die es sich leisten konnten – Dinge zu kaufen, die sie für ein gutes Leben in Würde und Sicherheit gar nicht wirklich brauchen, immer weitere, noch überflüssigere Dinge wurden erfunden und mit immer raffinierten Methoden der Verführung und Verlockung wurde den Menschen schon von klein auf eingepaukt, dass nur dies, der Erwerb möglichst vieler materieller Güter, ihnen ein wirklich glückliches Leben verschaffen würde. Jede noch so verrückte Art, aus Geld noch mehr Geld zu machen, auf Kosten von wem auch immer, wurde ergriffen, bis auch die Letzten nicht mehr wussten, was für Dinge für ein vernünftiges Leben überhaupt nötig und was für Dinge völlig überflüssig sind: Die TV-Bildschirme müssen immer grösser werden, bis sie eines Tages ganze Zimmerwände füllen werden; auch die Autos müssen immer grösser und schwerer werden und sich gegenseitig immer mehr Platz wegnehmen; auch kein Fahrrad sollte mehr unterwegs sein ohne Elektromotor, und gewiss würde man sich schon das Gehirn wunddenken, welche neue „Innovation“ man den Menschen schmackhaft machen könnte, wenn eines Tages auch noch das letzte Fahrrad ohne Motor nur noch im Museum zu bestaunen sein wird; auch müssen immer mehr Lebensmittel produziert werden, auch wenn ein Drittel davon gar nicht mehr gegessen werden kann und im Müll landet, auch immer mehr Kleider müssen produziert und vermarktet werden, egal ob sie überhaupt getragen oder ungebraucht in die nächste Mülltonne geworfen werden; auch die Häuser, selbst wenn sie noch tausend Jahre lang Wind und Wetter trotzen könnten, müssen in immer schnellerem Tempo wieder abgebrochen und durch neue, noch grössere, ersetzt werden. Das Raubtier heulte vor Wollust auf, sein Gewicht verdoppelte sich innerhalb weniger Jahre. Doch es hatte immer noch nicht genug…
Schickt die Menschen auf Reisen! Gaukelt ihnen vor, das wahre Glück liege in möglichst weiter Ferne. Und lasst sie während 47 Wochen pro Jahr so hart arbeiten und so sinnlose Dinge tun, dass all ihre Gedanken nur noch darum kreisen, wie und wo sie in den verbleibenden fünf Wochen ihr Leben so richtig voll und ganz „geniessen“ können, auch wenn ihnen dafür fast das ganze Geld, was sie sich während den anderen 47 Wochen von allem Übrigen abgespart haben, wieder abgeknöpft wird. Reisen wurde bald einmal zum eigentlichen kapitalistischen Pflichtprogramm, wer nicht reisen kann oder will, fühlt sich schon fast schuldig, so sehr, dass einige von ihnen, während sich ihre Nachbarn in alle Winde zerstreuen, in ihre winzigen und engen Wohnungen verkriechen, die Rollläden runterlassen und nicht einmal in der Nacht das Licht anzünden, um die Menschen rundum glauben zu machen, auch sie wären zu einer fernen Reise aufgebrochen. Schief schaut man heute nicht mehr jene an, die drei oder vier Mal pro Jahr ein Flugzeug besteigen oder sich an Bord eines Kreuzfahrtschiffs rund um die Uhr mit allen nur erdenklichen Köstlichkeiten verwöhnen lassen, um jene, wie es in den Hochglanzbroschüren der Tourismusindustrie so schön heisst, „letzten Paradiese“ aufzusuchen, „solange es sie noch gibt“. Schief schaut man jene an, die noch nie in ihrem ganzen Leben mit einem Flugzeug oder mit einem Kreuzfahrtschiff unterwegs waren oder noch nie in einem Wellnesshotel übernachteten. Was hätte dem nimmersatten Raubtier mehr Freude bereiten können als die Bilder von kilometerlangen Autokolonnen auf dem Weg nach Süden, die Bilder von bis auf den letzten Platz besetzten Passagierflugzeugen, die im Sekundentakt aus dem Himmel kommen und wieder im Himmel verschwinden, die Bilder aus europäischen, südamerikanischen oder asiatischen Grossstädten, in denen sich Millionen von Touristinnen und Touristen aus aller Welt gegenseitig auf den Füssen herumtrampeln. Doch auch das ist dem nimmersatten Raubtier immer noch nicht genug…
Es begann die allgemeine Vermarktung von allem, was sich in Geld verwandeln lässt, dem Futter für das nimmersatte Raubtier, von dem es nie genug geben kann, auch wenn es schon bis zum Mond angewachsen ist. Das Wasser, dereinst aus den Quellen der Berge und Wälder allen Menschen kostenlos zur Verfügung stehend, gibt es heute, nachdem es durch kilometerlange Rohre gepumpt und um die halbe Welt weitertransportiert wurde, nur noch für teures Geld im Supermarkt, in allen Farben angepriesen und versüsst mit Dutzenden verlockender Aromen. Heilende Kräuter, einst überall und allen Menschen kostenlos zugänglich, finden wir heute, im Labor künstlich nachgebildet, nur noch in hochspezialisierten Medikamenten, deren Preise immer weiter in die Höhe klettern und zu denen der Zugang für eine immer grössere Anzahl von Menschen längst schon nicht mehr möglich ist. Saatgut, über Tausende von Jahren von Generation zu Generation weitergegeben, muss heute selbst in den ärmsten Ländern der Welt für teures Geld von jenen multinationalen Konzernen zurückgekauft werden, die sich, als wäre die Erde ein nie versiegender Selbstbedienungsladen, das Erbgut von Jahrtausenden unter den Nagel gerissen haben und nicht einmal davor zurückschrecken, Millionen von Landarbeiterinnen und Landarbeitern in äusserste Verzweiflung und tödliche Verschuldung zu treiben. Doch nicht nur das Wasser, die heilenden Kräuter und das Saatgut landen in den gierigen Schlünden der multinationalen Konzerne, gleichermassen saugen sie auch alles andere sich in Geld Verwandelbare in sich auf, um die daraus gewonnenen Profite über kurz oder lang dem nimmersatten Raubtier zum Frass vorzuwerfen: Kaffee, Tee, Tabak, Baumwolle, Jutte, Palmöl, Weizen, Soja, tropische Früchte und Gemüse aller Art, Mango, Ananas, Erdnüsse, Salz, Pfeffer, Paprika, Zimt und viele weitere Gewürze, Blumen, Fische, Tiere und tierische Produkte, Leder, Perlen, Kautschuk, Edelholz, Erdöl, Erdgas, Lithium, Kupfer, Aluminium, Bauxit, Nickel, Gold, Silber, Diamanten, Eisen, Magnesium, Zink, Uran, Plutonium, Sand, Gips, Zement Marmor. Bis zum letzten Tropfen, bis zum letzten Gramm. Terra nullius, wie seit 500 Jahren. Als gäbe es keine Zukunft. Als würde sich die unbequeme und so lange verdrängte Warnung, die schon in der Bibel zu lesen ist, nun doch noch bewahrheiten, nämlich, dass „nach uns die Sintflut kommt“.
Bekanntlich lässt sich neues Geld am leichtesten dort erschaffen, wo bereits Geld im Übermass vorhanden ist. Aus einem wohlhabenden Schweizer, der etwa vier oder fünf Mal mehr verdient bzw. eine vier oder fünf Mal höhere Rente bezieht, als für die Erfüllung der grundlegenden Lebensbedürfnisse eigentlich nötig wäre, lässt sich logischerweise weitaus mehr neues Geld herausquetschen als aus einem Bettler irgendwo in Indien oder Bangladesch, bei dem aus der Sicht kapitalistischer Profimaximierungslogik sowieso schon Hopfen und Malz verloren ist. Und so betreten wir eine weitere Ära in der Geschichte des nimmersatten Raubtiers. Es ist die etwa zu Beginn der Neunzigerjahre begonnene Phase gesellschaftspolitischer Veränderungen, in der sich die allgemeinen Wertvorstellungen immer weiter weg von Gemeinschaftsdenken und Solidarität hin zu purem Egoismus, Einzelkämpfertum und „Selbstoptimierung“ verschoben haben, gemäss dem von der britischen Premierministerin im Jahre 1987 propagierten Slogan, wonach es „keine Gesellschaften gibt“, sondern „nur Individuen“. In immer drastischerem Ausmass erfolgte seither eine schleichende, nach wie vor anhaltende Verschiebung von Reichtum aus dem öffentlichen in den privaten Bereich. Während – um beim Beispiel der Schweiz zu bleiben – die frühere Erbschaftssteuer abgeschafft wurde, somit jedes Jahr rund 100 Milliarden Franken steuerfrei von der vorangegangenen an die nächste Generation weitergegeben werden und bloss Einkommen aus Arbeit, nicht aber solche aus Kapitalbeteiligungen besteuert werden – und dies, obwohl in der Schweiz insgesamt mehr Geld verdient wird durch Aktien oder andere Formen von Gewinnbeteiligungen als durch ganz „gewöhnliche“ Arbeitstätigkeit -, herrscht auf der anderen Seite im öffentlichen Bereich, bei Bildung, Kultur, Forschung und allgemeiner Infrastruktur, ein zunehmend eisiger wehender Wind. Allein im Jahre 2025 haben die 300 reichsten Schweizer ihr Gesamtvermögen um 38,5 Milliarden Franken steigern können, ohne hierfür auch nur eine Minute lang gearbeitet zu haben. Gleichzeitig ging von allen Seiten ein Riesengejammer los, als es um die Frage ging, wie man die durch Volksabstimmung beschlossene 13. AHV- Rente in der Höhe von jährlich 4,5 Milliarden Franken finanzieren könnte. Nun hat man sich darauf geeinigt, die nötigen Mittel durch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer und zusätzliche Lohnprozente sicherzustellen, ausgerechnet durch Beiträge jenes Bevölkerungsteils also, den man mit der 13. AHV-Rente eigentlich hätte entlasten wollen. Niemand schien auf die Idee gekommen zu sein, man könnte diese 4,5 Milliarden Franken ja beispielsweise auch bei den unversteuerten Erbschaften in der Höhe von jährlich 100 Milliarden abholen oder durch eine Erhöhung der Vermögenssteuer oder durch die Einführung einer Kapitalgewinnsteuer.
Bleiben wir für einen Moment in der Schweiz. Bei den 50- oder 100seitigen Hochglanzbroschüren, die wöchentlich ins Haus flattern oder der Tageszeitung beiliegen und in denen es von verlockendsten Angeboten, von denen neun Zehntel der Weltbevölkerung und wohl auch weit mehr als die Hälfte der einheimischen Bevölkerung nicht einmal zu träumen wagen, nur so wimmelt: Zwei Wochen Luxus pur im Wellnesshotel mit königlichem Frühstück, Pilates, Yoga, Thaimassage, Galadinner bei Kerzenlicht und geführten Ausflügen mit dem Hoteldirektor himself; Reisen auf dem Fluss oder, wem das zu wenig ist, bis an den Nordpol, mit garantiertem Nordlicht; Klinik S. in W., neu eröffnet für Ansprüche besonders gehobener Art, Privatsuite mit vier Zimmern, Blick auf den See und Zimmerservice rund um die Uhr, Schönheitsoperationen durch den renommierten Dr. G., soeben ausgezeichnet mit einem internationalen Preis für einen der Besten seines Fachs; Open-Air-Konzert mit Megastar F., auf einer extra für diese Tournee aufgebauten, auf 45 Sattelschleppern herangekarrten Bühne gigantischen Ausmasses, Tickets ab 300 Franken im Vorverkauf; die ultimative Hochzeitsfeier mit 10-Gang-Menü, alles von A bis Z professionell organisiert, inklusive Feuerwerk, Zaubershow und Abenteuerjagd nach dem Brautpaar; Ihre Traumvilla am Zürichsee, kein Wunsch bei der Ausstattung bleibt unerfüllt, zudem garantiert wird ein lückenloses, absolut knacksicheres Überwachungssystem, alles zusammen für läppische 4 Millionen Franken. Die Gewinne der Luxushotellerie, der Kreuzfahrtgesellschaften, der Versicherungen, der Chefärzte in den renommierten Privatkliniken, der Pharmaindustrie, der Banken und der Cateringfirmen für jeden noch so ausgefallenen Wunsch übersprudeln geradezu. Während 80 Familien in Zürich gerade wieder einmal zwei Stunden lang in knallender Sommerhutze für den Besichtigungstermin einer Dreizimmerwohnung vergeblich Schlange gestanden sind, die 55jährige, vor drei Jahren entlassene KV-Angestellte V. nach ihrer 538. Bewerbung die 538. Absage bekommen hat und Frau W., die für eine dringendst nötige Zahnoperation schlicht einfach nicht genug Geld hat, sich, in ihrem Bett liegend, vor Schmerzen krümmt und auch nachts um zwei noch immer nicht den Schlaf gefunden hat. Gute Zeiten für das nimmersatte Raubtier.
Und es ist ja nicht nur die Schweiz. Soeben hat eine Handvoll Superreicher aus mehreren Ländern eine ganze Insel vor der Küste von Honduras gekauft, um dort ihren eigenen zukünftigen Privatstaat namens Próspera – das spanische Wort für „glücklich“ oder „wohlhabend“ – aufzubauen, in dem keine demokratischen Gesetze irgendeines bestehendes Staates gelten werden, sondern nur ihre eigenen. So wird es ihnen möglich sein, dort unter anderem ein zurzeit weltweit aus ethischen Gründen nirgendwo umsetzbares Projekt zur Erhöhung menschlicher Leistungsfähigkeit durch das Implantieren von Computerchips zu realisieren. Immer mehr Superreiche verabschieden sich vom Rest der Welt, bunkern sich hinter meterdicken Betonmauern ein und horten dahinter so viele Lebensmittel, dass sie selbst einen weltweiten Atomkrieg noch jahrelang überleben könnten, oder lassen sich, wie Elon Musk, ihre eigenen Weltraumraketen bauen, um sich zu gegebener Zeit endgültig von diesem Planeten zu verabschieden und zum Beispiel, wie allen Ernstes schon spekuliert wurde, auf dem Mars eine neue Zivilisation aufzbauen. Andere investieren Millionenbeträge in die Longevity-Forschung, mit dem Ziel, den Tod zu besiegen und unsterblich zu werden. Und dies in einer Welt, in der jeden Tag rund 15’000 Kinder vor dem Erreichen ihres fünften Lebensjahrs qualvoll sterben, weil sie nicht genug zu essen haben. Nicht, weil es weltweit insgesamt zu wenig Nahrungsmittel gäbe, sondern nur, weil das nimmersatte kapitalistische Raubtier an jenen Orten, wo es seine Fresssucht befriedigen kann, so allumfassend wütet, dass für einen immer grösseren Teil der Weltbevölkerung schlicht und einfach nichts mehr übrig bleibt, nicht einmal ein paar winzige Brosamen von den übervollen Tischen der Reichen.
„Das ist das Ende der Geschichte“, frohlockte der US-amerikanische Ökonom Francis Fukuyama angesichts des Zusammenbruchs der Sowjetunion im Jahre 1991. Es war auch eine der grössten Sternstunden des nimmersatten Raubtiers, dem nun von einem Tag auf den andern mehr als ein Fünftel des Staatsgebiets der früheren Sowjetunion zur freien Ausplünderung zur Verfügung stand. Terra nullius. Man sprach von einem „Wind of Change“, man nannte es „Abwicklung“, „Übergang in die Marktwirtschaft“, „Beginn eines neuen Zeitalters“, man sprach von „Reformen“, „Strukturanpassungen“ und was der unzähligen schönen Worte noch sind, tatsächlich aber war es nichts anderes als eine Neuauflage der Eroberung und Kolonisation des globalen Südens, das Primat gnadenloser Profitmaximierung auf Kosten sozialer Basisstrukturen, sozialer Sicherheit und sozialer Gerechtigkeit. Das zeigte sich dann acht Jahre später noch einmal in aller Deutlichkeit, ja offenen Brutalität, als die NATO unter Führung der USA die Bundesrepublik Jugoslawien einem grossflächigen Bombardement mit immensen Schäden an den Infrastrukturen des Landes und an der Zivilbevölkerung unterzog, bloss weil sich Jugoslawien, im Gegensatz zur ehemaligen Sowjetunion und den Staaten Osteuropas, nicht den Fressgelüsten des nimmersatten Raubtiers freiwillig ergeben hatte. Damit aber waren auch alle Zweifel verflogen und die EU wie auch die NATO hatten sich als diensteifrigste Komplizen an der Seite des nimmersatten Raubtiers entpuppt. Naiv ist, wer ihnen heute noch Glauben schenkt, wenn sie von „Freiheit“, „Gerechtigkeit“, „Frieden“ oder „Menschenrechten“ faseln. Was die Aussage von Francis Fukuyama betrifft, so ist anzumerken, dass er damit nur Recht gehabt hätte, wenn das Endziel des Kapitalismus eine Welt in Frieden und Gerechtigkeit wäre – das wäre, ideal betrachtet, ein schönes Ende der Geschichte. Aber der Kapitalismus ist nicht so. Im Gegenteil, sein Endziel ist nicht Frieden und Gerechtigkeit, sondern Profitmaximierung um jeden Preis, Bereicherung der Reichen auf Kosten der Armen, Krieg gegen die Natur und gegen die Menschen. „Der Kapitalismus“, so der französische Historiker und Pazifist Jean Jaurès, „trägt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen.“ Wie zutreffend und aktuell diese Aussage ist, wird deutlich, wenn wir uns die rund vierzig von den USA seit 1945 angezettelten Kriege mit insgesamt über 50 Millionen Toten und 500 Millionen Verletzten, von Vietnam über Afghanistan und den Irak bis Libyen, etwas genauer vor Augen führen: Hinter ihnen standen und stehen immer wieder Bündnisse zwischen Rüstungs-, Sicherheits-, IT- und Baukonzernen, deren gemeinsames Interesse darin besteht, Kriege zu inszenieren und über möglichst lange Zeit mit möglichst viel Zerstörungsgewalt zu führen: Je grösser und kostspieliger und damit profitträchtiger für die Rüstungsfirmen die Zerstörung eines Landes erfolgt, umso grösser, kostspieliger und damit profitträchtiger hernach die Aufträge an die Bau-, Sicherheits- und IT-Konzerne, um alles Kaputtgemachte wieder neu aufzubauen. So zynisch und menschenverachtend dies auch erscheinen mag, hält es offensichtlich nicht einmal die höchsten hierfür verantwortlichen Politiker davon ab, dies ganz offiziell und scheinbar ohne schlechtes Gewissen zuzugeben, so etwa, als der damalige US-Aussenminister Antony Blinken anlässlich einer öffentlichen Regierungserklärung bekannt gab, eine möglichst lange Weiterführung des Ukrainekriegs entspräche durchaus den Wirtschaftsinteressen der USA.
In neuester Zeit nimmt die Gier des nimmersatten Raubtiers immer absurdere und verhängnisvollere Züge an. Der Wahn, aus Geld immer mehr Geld zu schaffen, und der Irrglaube an ein endloses Wirtschaftswachstum haben dazu geführt, dass sich im Kapitalismus die Geldwirtschaft längst schon von der Realwirtschaft verabschiedet hat. Nur noch der kleinste Teil finanzieller „Erfolgsbilanzen“ beruht auf realem Wirtschaftswachstum, der weitaus grössere und immer weiter anwachsende Teil ist reine Spekulation, Seifenblasen, die alle früher oder später zu zerplatzen drohen, ein Kartenhaus, das nur noch dank immer waghalsigerer Tricks daran gehindert werden kann, einzubrechen und einen unabsehbaren Scherbenhaufen zu hinterlassen. Mit der zunehmenden Digitalisierung aller Lebens- und Arbeitsbereiche dringt das nimmersatte Raubtier zudem immer weiter bis in unsere innerste Geistes- und Seelenwelt vor, reduziert alles Menschliche ausschliesslich auf das technisch und materiell Plan- und Berechenbare und verweist alles, was sich an Kreativität, Gemeinschaftsgefühl, Solidarität, Mitgefühl sowie dem Aufdecken und der Kritik an gesellschaftlichen Missständen und Fehlentwicklungen diesem Zeitgeist entgegenzustellen droht, ins Reich der Phantasie, der Nostalgie und reiner Bedeutungslosigkeit. Wie erfolgreich dieses Verdrängen jeglichen möglichen Widerstands gegen die herrschenden, mit dem nimmersatten Raubtier verbandelten Machtsysteme und der mit ihnen gleichgeschalteten Medien und öffentlichen Meinungsträger funktioniert, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass in diesen Tagen, Wochen und Monaten, in denen wir möglicherweise näher am Ausbruch eines dritten Weltkriegs stehen als je zuvor, kaum noch irgendwelche nennenswerten Friedensdemonstrationen stattfinden, ganz im Gegensatz etwa zu den Jahren 2001 und 2003, als anlässlich der Kriegsvorbereitungen der USA gegen Afghanistan und den Irak noch Millionen von Friedensdemonstrantinnen und Friedensdemonstranten die europäischen Grossstädte fluteten.
Wie perfekt, geradezu lautlos und ohne nennenswerten Widerstand auch die absurdesten Formen von Fremdbestimmung und Machtkonzentration heute über die Bühne gehen können, zeigt sich nicht zuletzt in dem, was man fälschlicherweise als „Künstliche Intelligenz“ bezeichnet, viel zutreffender aber wohl als „Künstliche Dummheit“ bezeichnet werden müsste. Extra hierfür gebaute Rechenmaschinen, die ein Mehrfaches an Strom verbrauchen als ganze Kleinstädte, ermöglichen es ein paar wenigen Verrückten, „Trainingsprogramme“ zu entwickeln und durchzuführen, mit denen scheinbar „intelligente“ Maschinen über Monate hinweg in tausenden winzigen Einzelschritten aufgrund Abertausender von Bildern mühsam erlernen sollen, den Unterschied zwischen einer Katze und einem Hund zu erkennen, eine Fähigkeit, über die jedes Kind im Alter von wenigen Monaten verfügt, ohne dass es hierfür eines besonderen Trainingsprogramms bedarf und ohne dass es irgendwem in den Sinn käme, dies als „Natürliche Intelligenz“ zu bezeichnen. Wie Sektenmitglieder, die an einen unsichtbaren Gott glauben, umschwirren mittlerweile selbst schon Unzählige, die anfänglich noch etwas skeptisch waren, jene heiligen Stätten, an denen die angeblichen „Errungenschaften“ der „Künstlichen Intelligenz“ angepriesen und in alle Himmel hinauf gelobt werden, obwohl es sich dabei doch um nichts anderes handelt als um ein gigantisches Sammelsurium alles über Jahrhunderte hinweg bereits Geschriebenen, Gesagten und Gedachten, nun sozusagen in Zement gegossen und mit einem riesigen Warnschild versehen: Bitte nicht mehr weiterdenken! Denn alles Gedachte steht ja jetzt zur Verfügung, kann mit wenigen Mausklicks abgerufen werden, und jeglicher Versuch, mit den eigenen, individuellen Ressourcen an Kreativität, Wissensdurst oder Skepsis gegenüber in Stein gegossener „Wahrheiten“ weiterzudenken oder weiterzuforschen, wäre reine Zeitverschwendung. Selbst Professoren an Schweizer Universitäten sind der felsenfesten Überzeugung, die „Künstliche Intelligenz“ werde früher oder später die menschliche Intelligenz übertreffen oder gar ersetzen. Und einer von ihnen meinte sogar unlängst, es sei wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich die „Künstliche Intelligenz“, losgelöst von den Menschen, von der Erde entfernen und im Universum neue Systeme übernatürlicher Intelligenzien verbreiten werde, die sich heute noch niemand vorstellen könne. Was für wunderbare Aussichten für das nimmersatte Raubtier, das seine Nahrung dann nicht mehr bloss auf der Erde, sondern auf einer immer grösseren Anzahl von Planeten bis hin an die Grenzen des Universums finden wird!
Das Dumme ist nur: Am Ende hängt dann doch alles, auch die phantastischsten Visionen, letztlich wieder davon ab, ob die materiellen Voraussetzungen für alle diese Gedankenflüge überhaupt gegeben sind oder nicht. Denn keine einzige Rechenmaschine kann auch nur einen Tag lang weiterarbeiten und KI-Trainingsprogramme füttern, wenn für den Weiterbetrieb von AKWs, welche die nötige Energie liefern, das nötige Uran oder Plutonium eines Tages aufgebraucht sein wird. Auch die Reichsten der Reichen werden eines Tages keine weiteren Betonbunker mehr bauen können, spätestens dann, wenn das letzte Sandkorn vom letzten verbliebenen Strand in Kambodscha, Malaysia oder Vietnam nach Europa verschifft sein wird. Und auch die sich im Besitz von Elon Musk befindliche grösste Rakete der Welt wird keinen einzigen Meter von der Erde abheben können, wenn nirgendwo mehr die für die Steuerungssysteme der Rakete unerlässliche Menge an Lithium und Kobalt gefunden werden kann.
Und jetzt sind wir wieder zurück am 19. Juli 2026. Man muss nicht viel von der Vergangenheit wissen, um es in aller Deutlichkeit zu sehen: Wenn jemand Interesse hat an einem grossen Krieg, der über die Ukraine hinausgeht und sich im schlimmsten Falle zu einem dritten Weltkrieg ausweiten könnte, dann ist es nicht Russland. Russland hat alles, was es braucht, um auch in 50 oder 100 Jahren noch lebensfähig zu sein. Das Interesse an einem solchen Krieg liegt einzig und allein beim Westen, beim nimmersatten Raubtier, das auch nach 500 Jahren seit der Ankunft von Kolumbus in Amerika immer noch nicht genug zu fressen bekommen hat und dessen Appetit sogar noch grösser ist als je zuvor. „Russlands Bodenschätze“, so die damalige US-Aussenministerin Madeleine Albright im Jahre 2000, „sind zu gewaltig, als dass sie den Russen allein gehören dürfen.“ Folgerichtig fordern namhafte US-Politiker seit Jahrzehnten die Eroberung und Zerstückelung Russlands in einzelne „Filetstücke“, die dann entsprechend der gegebenen wirtschaftlichen Ressourcen einzeln planmässig ausgebeutet werden können. Zitate dazu finden sich zuhauf. So etwa von Ben Hodges, dem ehemaligen Oberbefehlshaber der US-Armee in Europa: „Ziel der USA ist Russlands Spaltung und Zerfall.“ Oder vom früheren US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzesinski, der im Juni 2009 Folgendes sagte: „Die neue Weltordnung wird gegen Russland errichtet, auf den Ruinen Russlands und auf Kosten Russlands.“ Oder, ganz aktuell, von Kaja Kallas, der EU-Vizepräsidentin: „Das Ziel muss sein, Russland zu zerschlagen und in kleinere Länder aufzuspalten.“ Dass die Ukraine im Rahmen dieser Strategien mit dem Ziel einer Eroberung und Zerstückelung Russlands über mindestens zehn Jahre hinweg vom Westen als Brückenkopf und Aufmarschgebiet für einen späteren Krieg gegen Russland instrumentalisiert wurde, ist offensichtlich und wurde auch von Jens Stoltenberg, dem vormaligen NATO-Generalsekretär, mehrfach bekräftigt: „Seit 2014 haben wir die Ukraine massiv mit Waffen versorgt. Das ist natürlich eine sehr bewusste, starke Provokation. Es war uns bewusst, uns in einen Bereich einzumischen, den jeder russische Führer als untragbar ansehen muss.“ Was auch von Douglas McGregor, einem pensionierten Colonel und ehemaligem Sicherheitsberater der US-Regierung, bestätigt wurde: „Denken Sie daran, wir haben acht Jahre damit verbracht, diese Armee in der Ukraine zu dem einzigen Zweck aufzubauen, um Russland anzugreifen. Dafür wurde sie entwickelt. Deshalb haben die Russen sie angegriffen.“ Die Stossrichtung ist klar und findet sich fast im Tagesrhythmus in den offiziellen Erklärungen der führenden deutschen Politiker. So etwa Roderich Kiesewetter: „Der Krieg muss nach Russland getragen werden. Russische Militäreinrichtungen und Hauptquartiere müssen zerstört werden. Wir müssen alles tun, damit die Ukraine in die Lage versetzt wird, nicht nur Ölraffinerien in Russland zu zerstören, sondern Ministerien, Kommandoposten, Gefechtsstände. Europa muss auf die Kapitulation Russlands hinarbeiten.“ Oder Sigmar Gabriel, ehemaliger Bundesvorsitzender der SPD und deutscher Vizekanzler: „Ich hätte nicht gedacht, das einmal sagen zu müssen: Aber wir werden Russland noch einmal so niederringen müssen, wie wir das im Kalten Krieg mit der Sowjetunion gemacht haben.“ Und wenn man dann in der Tagespresse so ganz beiläufig von einer „NATO-Ostflanke in Estland“ liest, verschwinden auch noch die letzten Zweifel, ist eine „Ostflanke“ doch eindeutig ein Wort aus dem Kriegsvokabular, und hat nichts zu tun mit gerechtfertigter Selbstverteidigung. Man muss schon von Blindheit geschlagen sein bzw. von der laufenden Propagandamaschine westlicher Führungskräfte geblendet, um dies alles nicht zu sehen und immer noch an das Märchen zu glauben, wonach Wladimir Putin der Inbegriff alles Bösen sei, bloss darauf bedacht, nach einem Sieg gegen die Ukraine eines nach dem andern die weiteren europäischen Länder anzugreifen und seinen Grossmachtinteressen zu unterwerfen – während es in Tat und Wahrheit doch genau umgekehrt ist.
Dieses oder nächstes Jahr entscheidet sich nicht nur, ob es einen dritten Weltkrieg geben wird oder nicht. Dieses oder nächstes Jahr entscheidet sich auch, ob und wie das Zeitalter des Kapitalismus zu Ende geht. Denn dieses Ende steht zweifellos unmittelbar bevor. Das nimmersatte Raubtier ist jetzt an einem Punkt angelangt, an dem seine unersättliche Fresssucht in den Zustand eines Wahnsinnigen gekippt ist, der sich entweder eigenhändig selber zur Strecke bringt oder aber sich in einem letzten Akt der Verzweiflung in die Illusion getrieben hat, es könnte den ganzen verbliebenen Rest der Welt in sich hineinfressen und dennoch am Ende selber am Leben bleiben.
Drei Szenarien sind denkbar: Das erste ist ein Sieg des Westens gegen Russland gemäss dem Plan, dieses zu zerstückeln und sich seiner Bodenschätze zu bemächtigen. Ein wenig wahrscheinliches Szenario, würde Russland dies doch kaum zulassen, vorher käme es zum dritten Weltkrieg, der wahrscheinlich ein atomarer wäre und von dem Albert Einstein einmal sagte: „Ich weiß nicht, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber der vierte Weltkrieg wird mit Stöcken und Steinen ausgetragen.“
Das zweite Szenario ist ein Sieg Russlands, der in der Kontrolle über die gesamte Ukraine bestehen würde, mit unterschiedlichen denkbaren Auswirkungen auf den zukünftigen Status dieses Staates. Was auch nicht besonders wahrscheinlich erscheint und den Westen zu unabschätzbaren und höchst gefährlichen Reaktionen verleiten könnte.
Das dritte Szenario mag auf den ersten Blick utopisch erscheinen, wäre aber vermutlich das einzig wirklich vernünftige. Russland und der Westen reichen sich die Hände und läuten gemeinsam ein neues Zeitalter ein. Sie hätten die Erfahrung und das Wissen. Der Kommunismus sowjetischer Art scheiterte im Jahre 1991. Rund 35 Jahre später wird auch der Kapitalismus für immer gescheitert sein. Es gibt in allen Systemen und in allen Ländern der Welt weit mehr als genug gescheite Menschen, die ganz genau wissen und es kann genau erklären können, weshalb sowohl der Kommunismus nach sowjetischer Art als auch der Kapitalismus nach westlicher Art früher oder später unweigerlich scheitern mussten. An ihnen ist es, eine neue Welt aufzubauen, aufgrund der Erkenntnisse über alle in der Vergangenheit gemachten Fehler, Missetaten und Verbrechen. Und es gibt weit mehr als genug weise Philosophen, die über Jahrtausende weit mehr als genug weise Lehren verbreitet und weit mehr als genug weise Bücher geschrieben haben, aus denen sich lernen lässt, wie eine zukünftige Welt in Frieden und Gerechtigkeit aussehen könnte.
Die Welt befindet sich an einem Scheidepunkt. Zugleich in höchster Gefahr. Und gleichzeitig in einem seltenen Moment der Geschichte, in der auch das Gute eine Chance bekommen könnte, die sich vielleicht nicht so schnell wiederholen wird. „Du hast die Wahl“, so der US-amerikanische Philosoph und Sprachwissenschaftler Noam Chomsky, „du kannst sagen: Ich bin Pessimist, das wird alles nichts, ich verzichte und garantiere damit, dass das Schlimmste kommt. Oder du orientierst dich an den Hoffnungsschimmern und den vorhandenen Möglichkeiten und sagst, dass wir vielleicht eine bessere Welt errichten werden. Eigentlich hast du gar keine Wahl.“
Unter dem Titel „Asow-Brigade wirbt mit Kampfjet-Socken und Kapuzenpullis um Nachwuchs“ berichtete die schweizerische „Sonntagszeitung“ vom 28. Juni 2026 über die Marketing-Methoden dieses ukrainischen Armeeverbands „im Überlebenskampf gegen Wladimir Putin“, mit denen geholfen werden soll, „Rekruten zu gewinnen“ und „die Moral des Landes hochzuhalten“…
Das milde Licht, die Espressobar, die sauber sortierten Kapuzenpullis: Man könnte dieses Geschäft im Herzen von Kiew für einen angesagten Concept-Store halten, wie es trotz des Krieges so viele gibt in der ukrainischen Hauptstadt… Der Flagship-Store des 1. Korps „Asow“ hat vor einem Jahr eröffnet, und er steht modellhaft für eine bemerkenswerte Entwicklung der ukrainischen Armee: Die grossen und landesweit populärsten militärischen Verbände der Ukraine treten nicht mehr nur als Kampfverbände auf. Sie operieren nach den Regeln der Unternehmenskommunikation, nach den Prinzipien der Corporate Identity und der Mission Statements: als eigene Marken… In einer Ecke im Asow-Laden sitzen die Architekten dieser Verwandlung auf schweren Ledermöbeln. Die meisten sind Akademiker, oft mit Wirtschaftserfahrung. Einer von ihnen ist Mykyta Puz, Mitarbeiter von „4308“, einer Art Kultur- und Bildungsplattform des Asow-Korps… Angesichts der vielen Deserteure und der Schwierigkeit, genügend Soldaten zu rekrutieren, verlassen sich die Militärverbände zunehmend nicht mehr auf den Staat, seine Propaganda und seine Rekrutierungsbemühungen, sondern setzen auf eigene gezielte Ansprache der künftigen Rekruten, ja des ganzen Landes. Die grossen Verbände wie die Asow-Brigade haben deshalb ganze Stäbe für Marketing, Merchandising und strategische Kommunikation geschaffen. Obwohl sie offiziell dem ukrainischen Oberkommando unterstellt sind, treten sie immer mehr wie eigenständige Konzerne auf… Im Asow-Store etwa gibt es Espresso und Urban Clothing mit Drohnen-Aufdruck, sie wollen damit Veteranen, Soldaten und zivile Laufkundschaft gleichermassen ansprechen. Wer Asow-Kleidung trägt, drückt seine Solidarität mit dem Verband, ja, mit der ukrainischen Sache aus, sagt Puz. Und nicht nur das. Das Asow-Online-Merch bietet Kampfjet-Socken der Firma Dodo Socks an, Folklore-Schals mit Sturmgewehrmotiv und ein Puzzle mit dem Logo der umkämpften Region Donezk: Must-have-Accessoires aus „Donnyland“, wie die Ukrainer einen Teil des Donbass nannten, um Donald Trump auf ihre Seite zu ziehen… Im vergangenen Jahr hat Asow zudem mit dem Label Riot Division einen viel beachteten Image-Film gedreht. Generation auf Generation ukrainischer Krieger nimmt darin den Kampf gegen das Böse auf, verkörpert durch den schachspielenden Tod, das alles in karger Küstenlandschaft zu düsterem Cello. Es war eine schwülstig-patriotische Interpretation von Ingmar Bergmans Mysterienspiel „Das siebente Siegel“ – der Film schaffte es sogar auf Festivals in Schweden, den USA, Frankreich, Brasilien und weiteren Ländern… Zur Imagepflege nach innen veröffentlichen viele Einheiten inzwischen eigene Werbeclips, abgestimmt auf die Lage an der Front und die Stimmung im Land. Als es einmal besonders finster für die ukrainische Seite aussah, zeigte die 3. Sturmbrigade in einem Clip die Russen als Zombies. In anderen Clips wird für den Eintritt in die Armee als einem „smarten Karriereschritt“ geworben… Inzwischen hat auch Walentyn Dsjubenko, Sozialphilosoph, Religionshistoriker und Vizechef der Abteilung für strategische Kommunikation des Asow-Korps, in der Sitzecke Platz genommen. Sein jüngster Clip: ein hyperrealistischer Kampfeinsatz, Dreck, Blut, Leichen, ein Mann in Flammen. Darüber, sanft wie der Hauch des Todes, ein Wiegenlied und der Slogan: „Liebe ist stärker als alles.“ Flankiert wird die Kampagne durch Online-Videos, in denen Soldaten erzählen, wofür sie kämpfen, was ihnen Kraft gibt: der Gedanke an ihre Familie, an besondere Orte, an ihre Hobbys. Das Leben muss weitergehen, so die Aussage… „Unser Ziel ist: Russen töten“, sagt Bataillonskommandant Walentyn Zubko, Kampfname „Dandy“. Und wenn marktwirtschaftliche Anreize die Trefferquote erhöhen, dann seien diese willkommen. Auch seine Einheit nutze die staatliche E-Commerce-Plattform „Brave 1 Market“, geschaffen vom damaligen Digitalminister Mychajlo Fedorow. Auf „Brave 1 Market“ können ukrainische Einheiten eintragen, wie viele Russen sie verletzt oder getötet und wie viele Drohnen oder Panzer sie zerstört haben. Für jeden verifizierten Abschuss werden ihnen Punkte gutgeschrieben. Ein getöteter Russe könne 12 Punkte bringen, ein verletzter 8 und die Ausschaltung eines FPV-Drohnenpiloten gar 25. Dieses Guthaben können die ukrainischen Brigaden in neue Geräte umtauschen: Drohnen, gepanzerte Fahrzeuge, Munition… Ganz weit vorn in Sachen Selbstvermarktung ist das Chartija-Korps. Zu Beginn des Kriegs vom Charkiwer Agrarunternehmer Wsewolod Koschemjakoo gegründet, ist Chartija nicht nur in den Korps-Status mit Zehntausenden Soldatinnen und Soldaten aufgerückt, sondern geht auch in Marketing-Fragen weiter als andere. So wurden bereits Kooperationen mit Brauereien, Bäckereien und Tankstellen geschlossen, besonders gut läuft das Geschäft mit dem speziell kreierten Chartija-Bier, dem Charija-Osterkuchen und einem Chartija-Special aus Premium Sprit, einer Tasse Kaffee und Honig. Chartija hat sogar einen eigenen TV-Sender. Dieser wird geleitet vom Starautor, Musiker, Friedenspreisträger und Soldat Serhij Zhadan…
So richtig sympathisch werden dem Leser und der Leserin bei der Lektüre dieses Artikels die Asow-Leute: moderne, an Marketingstrategien orientierte Menschen, Akademiker mit Wirtschaftserfahrung, Kommunikationsspezialisten, Sozialphilosophen, Religionshistoriker, Menschen, die von der „Liebe“ als einer Kraft sprechen, die „stärker ist als alles andere“. Sonja Zekri, die Verfasserin des Artikels, scheint es entweder nicht zu wissen, es vergessen zu haben oder es schlicht nicht wahrhaben zu wollen: Die Asow-Brigade gehörte vor zwölf Jahren und viele Jahre darnach und teilweise noch bis heute unter den verschiedenen ukrainischen Kampfverbänden im Umgang mit der russischen Zivilbevölkerung in der Ostukraine zu den grausamsten und berüchtigtsten, wie folgende Ausschnitte aus Berichten des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte zwischen 2014 und 2022 zeigen…
Im Mai 2014 entführten Mitglieder des Bataillons Asow eine Frau aus Saporischschja unweit von ihrem Haus und unterzogen sie einer vier bis fünf Stunden andauernden Folter. Die maskierten Entführer, die angaben, auf Befehl des ukrainischen Geheimdienstes SBU zu handeln, fesselten Hände und Füsse des Opfers mit Kabelbindern, die durch eine Metallkette festgezogen wurden. Daraufhin traten sie die Frau, schlugen sie mit Gewehrkolben, trieben ihr Nadeln unter die Nägel und folterten sie nach der „Schwalben-Methode“. Bei dieser Folter wird das Opfer an seinen auf dem Rücken zusammengebundenen Händen aufgehängt und verprügelt. Einer der Entführer drohte der Frau mit einer Gruppenvergewaltigung durch orale und vaginale Penetration… Am 10. August 2014 reiste ein Mann aus Hryhoriwka in das Dorf Mnohopillia, um seine Mutter zu besuchen. Am Eingang des Dorfes wurde der Zivilist an einem Kontrollpunkt ukrainischer Soldaten angehalten, darunter Angehörige des Bataillons Asow. Bataillonsmitglieder fesselten daraufhin Hände und Beine des Mannes mit einem Seil, schossen in seine Richtung und schlugen auf ihn ein. Dann banden sie ihm ein Seil um den Hals und schleiften ihn über ein Feld, bis er keine Luft mehr bekam und das Bewusstsein verlor… Im September 2014 wurde ein Mann mit einer geistigen Behinderung von acht bis zehn Angehörigen des Bataillons Asow und des Bataillons Donbas vergewaltigt und anderen Formen sexueller Gewalt ausgesetzt. Als Resultat verschlechterte sich sein Gesundheitszustands so sehr, dass er stationär in einer psychiatrischen Klinik behandelt werden musste… Am 28. Januar 2015 wurde ein Bürger Mariupols wegen Unterstützung der Volksrepublik Donezk von drei Soldaten des Bataillons Asow festgenommen und bis zum 6. Februar 2015 im Keller einer Sportschule ununterbrochen verhört und gefoltert. Das Opfer klagte darüber, mit Handschellen an eine Metallstange gefesselt und daran während längerer Zeit hängen gelassen worden zu sein. Berichten zufolge schlugen die Angehörigen des Bataillons Asow ausserdem die Genitalien des Mannes und folterten ihn mit Strom, einer Gasmaske und Waterboarding. Infolgedessen gestand das Opfer, Informationen über Standorte von Kontrollpunkten der ukrainischen Regierung an bewaffnete Gruppen weitergegeben zu haben und wurde am 7. Februar an den ukrainischen Geheimdienst SBU übergeben… Am 3. August 2015 wurde in Charkiw ein Mann auf dem Weg zu einer friedlichen Demonstration von maskierten und uniformierten Männern in einem Militärfahrzeug mit der Aufschrift „Asow“ entführt. Diese sollen ihn auf dem Stadtfriedhof zusammengeschlagen und dort liegen gelassen haben… Im November 2015 wurde ein vom Bataillon Asow festgenommener Mann einer Scheinhinrichtung unterzogen und man drohte ihm an, ihn zu vergewaltigen. Es wurde ihm ins Gesicht geschlagen, seine Rippen wurden gebrochen und seine Beine mit einem Bajonettmesser durchbohrt… Im Mai 2017 wurde eine Frau in Mariupol auf eine Position des Regiments Asow gelockt, wo sie entführt und mit verbundenen Augen an einen unbekannten Ort transportiert wurde. Dort schlug man ihr mit einem Gewehrkolben gegen das Knie und bedrohte sie mit dem Tod, was das Opfer zur Kooperation mit den Entführern zwang. Nach der Übergabe an die Polizei wurde die Frau ohne Anwalt verhört und gezwungen, ein Vernehmungsprotokoll zu unterschreiben, mit dem sich selbst belastete…
Die von der ukrainischen Armee und paramilitärischen Gruppen wie dem Asow-Bataillon gegen die russischsprachige Zivilbevölkerung in der Ostukraine ausgeübten Gewalttaten, für welche die Täter nie zur Rechenschaft gezogen worden sind, hatten zwischen 2014 und 2022 rund 14’000 Todesopfer zur Folge, nebst einer unvergleichlich höheren Zahl von Verletzten und Traumatisierten. Diese systematische Diskriminierung und Verfolgung der russischsprachigen Bevölkerung der Ostukraine durch die ukrainische Regierung und ihrer militärischen Verbände waren einer der Hauptgründe für den angeblichen „Angriffskrieg“ Russlands gegen die Ukraine am 24. Februar 2022. Medienberichte wie der hier kommentierte vom 17. Juli 2026 in der „Sonntagszeitung“ dienen dazu, das in der westlichen Öffentlichkeit vorherrschende Bild, wonach die Ukraine ein völlig unschuldiges Opfer eines „bösen“ Aggressors in Form von Wladimir Putin ist, zu zementieren, indem die Vorgeschichte des Konflikts und alles, was vor dem 24. Februar 2022 gewesen war, systematisch ausgeblendet wird.
Verbrechen schlimmsten Ausmasses werden nicht nur nicht erwähnt, sondern oft sogar geradezu noch glorifiziert. So ebenfalls im vorliegenden Artikel der „Sonntagszeitung“, in dem der „Starautor, Musiker, Friedenspreisträger und Soldat Serhij Zhadan“ erwähnt wird, welcher heute den TV-Sender des Chartija-Korps leitet. Hier hat die westliche Geschichtsklitterung volle Arbeit geleistet. Indem nämlich einer der übelsten russophoben Propagandisten zum Kämpfer für Frieden und Menschenrechte emporstilisiert wurde. Kaum jemand wird sich jemals daran erinnern, was genau in dem Buch „Himmel über Charkiw“ zu lesen ist, für welches Zhadan den „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2022“ erhielt. Wortwörtlich stehen dort nämlich folgende Worte, mit denen er ganz direkt die russischsprachige Bevölkerung der Ostukraine anspricht: „Brennt in der Hölle, ihr Schweine!“ In weiteren Passagen des Buches bezeichnet er dann die Russen abwechslungsweise als „Hunde“, „Verbrecher“, „Tiere“, „Unrat“ sowie als „Barbaren, die gekommen sind, um unsere Geschichte, unsere Kultur und unsere Bildung zu vernichten.“ Aber es kommt noch viel besser: In seiner Dankesrede für die Verleihung der Friedenspreises des Deutschen Buchhandels vom 24. Oktober 2022 ging ausgerechnet Zhadan, der Angehörige eines anderen Volks pauschal als „Unrat“ bezeichnet, auf die „heimatbildende Funktion von Sprache“ ein: „Wir alle“, sagte er, „sind über unsere Sprache miteinander verbunden. Manchmal scheint uns die Sprache schwach. Aber vielfach ist sie es, die Kraft spendet. Solange wir unsere Sprache haben, so lange haben wir immerhin die vage Chance, uns erklären, unsere Wahrheit sagen, unsere Erinnerung ordnen zu können. Deswegen sprechen wir und hören nicht auf. Die Stimme gibt der Wahrheit eine Chance. Und es ist wichtig, diese Chance zu nutzen. Vielleicht ist das überhaupt das Wichtigste, was uns allen passieren kann.“ Seine Erkenntnisse scheinen sich offensichtlich nur auf seine eigene Sprache, das Ukrainische, zu beschränken. In nahezu unbeschreiblicher Arroganz nimmt er das Recht auf die „heimatbildende Funktion der Sprache“ für sich selber in gleich extremer Weise in Anspruch, wie er es ebenso extrem anderen, nämlich den russischsprachigen Menschen seines eigenen Landes, abspricht. Bereits am 25. April 2019 – drei Jahre vor dem russischen „Angriffskrieg“! – hatte das ukrainische Parlament ein neues Sprachengesetz verabschiedet. Seither gilt in der Ukraine das Ukrainische als alleinige Staatssprache, in den Schulen, der öffentlichen Verwaltung, unter leitenden Angestellten, in der Wissenschaft, in der Kulturszene, in Regierung und Parlament. Aus den öffentlichen Bibliotheken wurden 100 Millionen Bücher russischsprachiger Autorinnen und Autoren entfernt, selbst Liebesromane und Kinderbücher. Ebenso dürfen Werke russischer Komponistinnen und Komponisten nicht mehr öffentlich aufgeführt werden. Und dies, obwohl die Muttersprache von 30 Prozent der ukrainischen Bevölkerung das Russische ist. Das Sprachengesetz hat die Ukrainerinnen und Ukrainer zutiefst in Bürgerinnen und Bürger erster und zweiter Klasse gespalten. Was der ukrainischsprachigen Bevölkerungsmehrheit an Bedeutung, Einfluss und Macht in Gestalt ihrer Sprache zugesprochen wurde, ist der russischsprachigen Bevölkerungsminderheit in gleichem Masse abgesprochen, weggenommen und geraubt worden…
Angesichts so viel ungeheuerlicher Geschichtsklitterung, mit der sich auch eine „Sonntagszeitung“ und eigentlich gleichermassen alle anderen Mainstreammedien der Schweiz zu Komplizen der gegenwärtigen, höchst gefährlichen Kriegstreiberei des Westens gegen Russland machen, habe ich am 29. Juni 2026 der „Sonntagszeitung“ einen Leserbrief geschickt, in dem ich auf die vom Asow-Bataillon zwischen 2014 und 2022 begangenen Verbrechen verwies sowie darauf, dass die Diskriminierung und Verfolgung der russischsprachigen Bevölkerung in der Ostukraine einen der wesentlichen Gründe für den angeblichen „Angriffskrieg“ Russlands vom Februar 2022 bildeten. Mein Leserbrief endet mit folgenden Worten: „Warum will man im Westen die Vorgeschichte des Ukrainekonflikts und alles, was vor dem 24. Februar 2022 gewesen war, so beharrlich nicht zur Kenntnis nehmen? Sind wir tatsächlich in all der langen Zeit, die seit 1914, dem Ausbruch des Erstens Weltkriegs, verstrichen ist, immer noch nicht entscheidend vorwärts gekommen, tappen wir immer und immer wieder in die gleichen Fallen und müssen wir allen Ernstes auch heute noch vor dieser schockierenden Erkenntnis kapitulieren, die bereits im Jahre 1914 US-Senator Hiram Johnson für die Nachwelt zu Protokoll gab, als er sagte, das erste Opfer im Krieg sei immer die Wahrheit?“
Wie ich eigentlich nicht anders erwartet hatte, druckte die „Sonntagszeitung“ meinen Leserbrief nicht ab. Der Zement permanenter Geschichtsklitterung zeigt kaum noch Risse. Versuche, dagegen anzurempeln, kommen mir vor wie ein Schmetterling, der so lange gegen die gleiche Mauer anfliegt, bis er total erschöpft oder tot am Boden liegen bleibt. Das Schweigen ist eine der schlimmsten und effizientesten Formen von Gewalt.
Am 13. Juli 2026 schreibe ich an die Leserbriefredaktion der „Sonntagszeitung“…
Ich habe Ihnen am 1. Juli einen Leserbrief zum Thema Asow-Brigaden geschickt. Leider wurde er nicht veröffentlicht. Im Gegensatz zu fast allen Leserbriefen zu gesellschaftlichen und pädagogischen Themen, die ich Ihnen jeweils zustelle und von denen die meisten auch tatsächlich veröffentlicht werden, scheint es sich hier offenbar um ein besonders brisantes Thema zu handeln, wird doch durch meinen Leserbrief die allgemein herrschende Meinung, am Ukrainekrieg trage ausschliesslich Russland die Schuld, erheblich relativiert. Darf das nicht öffentlich gemacht werden? Ich habe mich an die vorgeschriebene Länge gehalten, sprachlich sollte der Leserbrief in Ordnung sein, er enthält keine persönlichen Angriffe oder Unterstellungen und ich habe mich ausschliesslich an absolut vertrauenswürdige Quellen gehalten (UNO-Kommission für Menschenrechte, jederzeit auffindbar u.a. auf Wikipedia). Können Sie mir die Gründe nennen, die gegen eine Veröffentlichung des Leserbriefs gesprochen haben?
Den vorliegenden, heute, am 17. Juli 2026, auf meiner Homepage veröffentlichten Artikel, werde ich zudem an die Chefredaktion der „Sonntagszeitung“ schicken. Für die „Sonntagszeitung“ arbeiten zurzeit 40 bis 50 Redaktorinnen. Ich nehme an, dass sie alle eine seriöse Ausbildung für diesen Beruf durchlaufen haben. Dass sie alle wissen, was journalistische Sorgfaltspflicht bedeutet. Dass ihnen allen bewusst sein müsste, dass es zu jedem Standpunkt einen Gegenstandpunkt gibt. Dass immer auch die Möglichkeit besteht, einem tendenziell einseitigen Bericht einen persönlichen Kommentar gegenüberzustellen. Und dass stets die Suche nach der Wahrheit das oberste Gebot sein müsste. „Suche die Wahrheit immer von unten nach oben“, so der australische Journalist John Pilger, *nicht von oben nach unten. Journalisten sind niemals echte Journalisten, wenn sie Agenten der Macht sind, egal wie sehr sie diese Rolle verschleiern. Echte Journalisten sind die Vertreter der Menschen.“
Ist es vorstellbar, dass kein einziger, keine einzige zurzeit für die „Sonntagszeitung“ arbeitende Redaktorin in diesem Sinne heute noch eine „echte Journalistin“ ist? Und was, wenn dem tatsächlich so wäre?
17. Juli 2026, 17.38 Uhr. Wow. Die Chefredaktion der „Sonntagszeitung“ meldet sich noch gleichentags mit folgender Antwort: Der Artikel, auf den Sie sich beziehen, stammt von Sonja Zekri. Sonja Zekri ist Autorin der Süddeutschen Zeitung; die SonntagsZeitung hat den Artikel von dort übernommen. Ich schlage vor, dass Sie sich bei Frau Zekri direkt melden.
18.21 Uhr. Ich schreibe an die Chefredaktion der *Sonntagszeitung“: „Sie übernehmen also kommentarlos Artikel aus einer deutschen Tageszeitung? Wo doch mittlerweile allgemein bekannt ist, wie sehr sich die Medien in Deutschland kritiklos in die Phalanx kriegstreibender Politiker wie Merz, Wadephul, Pistorius, Kiesewetter, Strack-Zimmermann etc. eingereiht haben. Schweizerische Neutralität, schweizerische Diplomatie, schweizerische humanitäre Tradition, schweizerische Eigenständigkeit – alles auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet? Nicht mal wenigstens ein klitzekleiner redaktioneller Kommentar zu einem derart tendenziösen Artikel aus deutscher Feder???“
18.28 Uhr. Ich schicke Frau Zekri meinen Artikel, Kopie an den Chefredaktor der „Sonntagszeitung“.
19. Juli 2026, 20.17: Arthur Rutishauser, Chefredaktor der „Sonntagszeitung*, schreibt: „Vielen Dank für Ihre Nachricht und Ihr Feedback. Gerne möchte ich Ihnen hierzu einige Hintergrundinformationen geben. Seit über zehn Jahren betreiben wir ein gemeinsames Auslandskorrespondentennetz mit der Süddeutschen Zeitung. Diese Kooperation hat handfeste Kosten- und Effizienzgründe. Die einzige Alternative hierzu wäre der verstärkte Abdruck von Agenturberichten. Dies wäre jedoch kaum weniger problematisch, als Korrespondentenplätze zusammenzulegen und dadurch erhebliche Effizienzgewinne zu erzielen. Was Ihre Meinung zum Konflikt zwischen Russland und der Ukraine anbetrifft, gibt es hierzu sehr unterschiedliche Perspektiven und Facetten, die in der Berichterstattung aufeinandertreffen.“
20. Juli 2026, 5.58 Uhr. Ich schreibe an Arthur Rutishauser: „Ihre Antwort erstaunt mich. Haben Sie tatsächlich nur die Wahl zwischen der Übernahme eines Artikels von der Süddeutschen Zeitung und dem Abdruck eines Agenturberichts? Gibt es unter den rund 40 Redaktorinnen und Redaktoren, die für die Sonntagszeitung arbeiten, tatsächlich niemanden, der in der Lage ist, aufgrund eigener Recherchen einen Artikel über die Asow-Brigade zu schreiben? Es geht hier übrigens nicht um Meinungen, sondern um Fakten. Die von der Asow-Brigade an der russischsprachigen Bevölkerung begangenen Verbrechen sind keine Meinungen, sondern Fakten. Ebenso die Zahl von 14’000 Todesopfern zwischen 2014 und 2022 durch die ukrainische Armee und paramilitärische Verbände. Es ist unseriös, einen Artikel über die Asow-Brigade zu schreiben, ohne dies zu erwähnen. Tragen Sie als Chefredaktor nicht die Hauptverantwortung für die in Ihrer Zeitung erscheinenden Artikel? Wie konnte es passieren, dass dieser tendenziöse, schönfärberische Artikel einer deutschen Autorin erscheinen konnte, in dem elementare Fakten, die ein besseres Verständnis über die Hintergründe dieses Konflikts ermöglichen könnten, einfach ausgeblendet werden? Nächstens könnten Sie ja auch von der NATO einen Artikel anfordern, es käme wahrscheinlich nicht viel anders heraus.“
30. Juli 2026, 19.25 Uhr. Von der Leserbriefredaktion der „Sonntagszeitung“ habe ich nie eine Antwort bekommen, ebenso wenig wie von der Verfasserin des Artikels, Sonja Zekri. Vom Chefredaktor der „Sonntagszeitung“ habe ich auch nichts mehr gehört. Sie alle sind wohl von der Hoffnung getragen, dass das Gras früher oder später über alles hinwegwächst. Vielleicht haben sie ja sogar Recht.
Jean Ziegler hat als Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrats die EU-Flüchtlingslager auf Lesbos besucht. Anhand erschütternder Einzelschicksale schildert er eingehend seine Begegnungen mit Flüchtlingen, die von ihrem Leidensweg berichten, mit engagierten Vertretern von Hilfsorganisationen und Menschenrechtsaktivisten, mit Anwälten und Regierungsvertretern. Sein Buch legt Zeugnis ab von dem moralischen Verfall, auf den Europa zusteuert, und ist ein eindringlicher Aufruf, der Praxis des „Push-Backs“ und der Realität der Hotspots ein Ende zu machen – denn sie sind die Schande Europas. Penguin Verlag; ISBN 978-3-328-10884-9.
Donnerstag, 18. Juni 2026, 9 Uhr. Pünktlich ist Farid (Name geändert) in dem kleinen Seerestaurant, wo wir abgemacht haben, eingetroffen. Noch ist es angenehm warm, später wird die Temperatur an diesem wolkenfreien Sommertag auf über 30 Grad klettern. Wir bestellen einen Kaffee. Und sogleich kommt Farid ohne Umschweife zur Sache und erzählt mir seine Geschichte…
Vor zehn Jahren in die Schweiz geflüchtet, ist Farid nach definitiver Ablehnung seines Asylgesuchs durch das Staatssekretariat für Migration (SEM) und das Bundesverwaltungsgericht seit fünf Jahren im Ausschaffungszentrum H. wohnhaft, ohne jegliche Zukunftsperspektive. Ohne Aufenthaltsbewilligung ist es Farid nicht erlaubt, eine Arbeit aufzunehmen und zu seinem Lebensunterhalt selber etwas beizutragen. Theoretisch müsste er zwar die Schweiz verlassen und in sein Heimatland zurückkehren. Zurzeit finden aber angesichts der prekären politischen Lage in seinem Heimatland und den aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen weder freiwillige Rückreisen, noch zwangsweise durchgeführte Rückschaffungen in den Iran statt. Wie auch für Tausende andere durch die Schweizer Behörden abgewiesene Asylsuchende, die aus unterschiedlichen Gründen nicht in ihre Heimat zurückkehren bzw. dorthin ausgeschafft werden können und nicht selten bis über sieben oder gar zehn Jahre hinweg in einem der zahlreichen schweizerischen Ausschaffungszentren untergebracht sind, besteht Farids Alltag aus nichts anderem, als den ganzen Tag untätig herumzusitzen – in den total überfüllten Zentren mit engsten Platzverhältnissen der ideale Nährboden für gegenseitige Streitereien, Aggressionen und Gewalttätigkeiten, Suizidversuche und Übergriffe gegen Mädchen und Frauen, oft unter Alkoholeinfluss.
Der Grund, weshalb Farid aus dem Iran flüchtete, war seine politische Tätigkeit als Anhänger der dem Regime feindlich gesinnten Volksmujahedin. Farid kramt aus einem ungeordneten Stapel teilweise völlig zerknitterter Papiere, die er zu unserem Gespräch mitgebracht hat, einen Brief des „Vereins des Iranischen Widerstands“ vom 20. April 2020 hervor, dem Folgendes zu entnehmen ist…
Hiermit bescheinigen wir, dass Herr Farid J., geboren am 4. April 1979, im Iran als aktiver Anhänger von Mujahedin KL tätig war. Er war Mitglied eines Teams, das zuständig war, unsere Aufträge zu erfüllen. Unsere Aufträge bestanden darin, Plakate aufzuhängen und Informationen gegen die iranischen Fundamentalisten zu verbreiten. Nach einigen aktiven Jahren wurde er durch den iranischen Geheimdienst erkannt. Er wurde am 17. Mai 2015 verhaftet und war elf Tage lang in Haft. Er ist auch in der Schweiz politisch gegen das islamische Regime im Iran tätig. Daher muss davon ausgegangen werden, dass er wegen der Häufigkeit und Intensität seiner politischen Aktivitäten bei einer eventuellen Rückkehr in den Iran zur Rechenschaft gezogen würde. Im Namen des iranischen Volks bedanken wir uns für seine Leiden, Bemühungen für Frieden und Freiheit, die er während der letzten Jahre in Kauf genommen hat. Wir hoffen, dass alle diese Bemühungen irgendwann dieses diktatorische Regime besiegen werden und wir ein Land ohne Gewalt und Unterdrückung erleben werden, in dem die Menschenrechte für die ganze Bevölkerung verwirklicht sein werden.
Farids 16jährige Tochter lebt bei ihrer – inzwischen von Farid geschiedenen – Mutter in Teheran, unter misslichsten Verhältnissen. Nur mithilfe eines Onkels, der sich, so gut es geht, um die beiden kümmert, können sie einigermassen überleben. Die Schule kann Farids Tochter nicht mehr besuchen, da sie zu weit von ihrem Wohnort entfernt ist und die Fahrpreise für sie unerschwinglich sind.
Schliesslich kommt Farid auf seine 36jährige Schwester zu sprechen. Von seiner ganzen Verwandtschaft ist ihre Situation mit Abstand die schlimmste: Nachdem sie während acht Jahren als Zahnarztgehilfin gearbeitet hatte, wurde sie vor rund einem Jahr wie aus heiterem Himmel eines Tages verhaftet und ins Teheraner Evin-Gefängnis gesteckt. Einmal pro Woche darf sie während ein paar Minuten Besuch von Familienmitgliedern empfangen. Das Letzte, was Farid gehört hat – die Kontakte zu seinen Verwandten im Iran beschränken sich ohnehin durch fehlende Internetverbindungen, technische Probleme, zeitweiliger Zensur wie auch infolge von Stromausfällen auf ein absolutes Minimum -, ist, dass seine Schwester seit ihrer Inhaftierung vor einem Jahr rund 20 Kilo an Gewicht verloren hat. Der Grund für ihre Inhaftierung und Gefängnisstrafe ist einzig und allein ihr Name. Da Farid als Mitglied der Mujahedin registriert ist, gilt für alle, die den gleichen Familiennamen tragen, automatisch die Sippenhaft. Das ist auch der Grund, weshalb einige andere Familienmitglieder inzwischen untergetaucht sind und die gegenseitige Hilfe und Unterstützung zwischen den Familienmitgliedern, der im Zusammenleben iranischer Familien traditionell ein sehr hoher Wert zukommt, praktisch vollständig auseinandergebrochen ist.
Viertel nach zehn. Ich verabschiede mich von Farid, nachdem ich ihm versprochen habe, alle seine Dokumente zu studieren und abzuklären, ob ich ihm in irgendeiner Weise behilflich sein kann. Mein nächster Termin ist in W., der Zug fährt in sieben Minuten. Vorher hole ich mir am Bahnhofkiosk einen Kaffee und ein Gipfeli. Aber ich weiss schon jetzt: Farids Geschichte, wie auch alle anderen Geschichten geflüchteter Menschen, die ich Woche um Woche zu hören bekomme, wird nie aus meinem Kopf verschwinden. Da kann der Himmel noch so blau sein, alle Menschen rundherum noch so fröhlich, das Gipfeli und der Kaffee noch so schmackhaft. Im Gegenteil: Es schmerzt alles sogar noch doppelt und dreifach. Sehe ich die fröhlich lachenden Teenager rund um den Bahnhof, muss ich zwangsläufig an Farids Tochter denken, die vielleicht schon gar nicht mehr weiss, wie es sich anfühlt, unbeschwert und fröhlich leben zu können. Höre ich zwei Jugendliche über ihre Zukunftspläne diskutieren, kommt mir schon wieder Farids Tochter in den Sinn und dass sie sämtliche ihrer Zukunftspläne, die doch eigentlich alle Menschen in diesem Alter haben möchten, höchstwahrscheinlich schon längst begraben hat. Esse ich das Gipfeli, muss ich zwangsläufig daran danken, dass sogar das Brot im Iran wie auch in vielen anderen Ländern so teuer geworden ist, dass es sich ein grosser Teil der Bevölkerung kaum mehr leisten kann. Und sehe ich den blauen Himmel über mir, fährt mir zwangsläufig der Gedanke durch den Kopf, dass Farids Schwester diesen blauen Himmel wahrscheinlich seit mehr als einem Jahr nie mehr sehen durfte.
Ich sitze im Zug nach W. Links und rechts neben mir schmieden die Reisenden Ferienpläne, schwärmen von irgendeinem tollen Liebesfilm, freuen sich über eine Gehaltserhöhung, beklagen sich über Kopfschmerzen oder ärgern sich darüber, dass der neue Mikrowellenherd, den sich kürzlich bestellt haben, schon nach wenigen Tagen kaputt gegangen ist.
Doch die Begegnung mit Farid geht mir nicht aus dem Kopf. Wie schon wieder heisst das Gefängnis in Teheran, wo seine Schwester innerhalb eines Jahres 20 Kilo an Gewicht verloren hat? Ich finde es in meinen Notizen: „Evin-Gefängnis“. Mal schauen, was im Internet darüber zu erfahren ist. Während die schweizerische Bilderbuchlandschaft am Fenster vorüberzieht, lese ich…
Das Evin-Gefängnis ist das bekannteste und berüchtigtste iranische Gefängnis. Es liegt am nördlichen Stadtrand von Teheran und entstand 1971. Ursprünglich für 320 Insassen ausgelegt, waren dort während der Schah-Zeit-Zeit bis zu 1500 Menschen inhaftiert und seit dem Beginn der Islamischen Revolution 1979 bis zu 15′.’000 Menschen. Das Gefängnis ist für die Inhaftierung und Hinrichtung politischer Gefangener berüchtigt… Das Gefängnis darf von aussen und innen nicht fotografiert werden; Aufnahmen sind daher selten. Die Fotografin Zahra Kazemi wurde 2003 wegen Aufnahmen von diesem Gefängnis zu Tode gefoltert. Marina Nemat, die zwei Jahre im Evin-Gefängnis verbracht hatte und ihre Erlebnisse in einer 2006 erschienenen Biografie veröffentlichte, schrieb, dass von ihren Zellengenossinnen im Trakt 246 keine die Haftzeit überlebt habe. Während der Haftzeit von Nemat war nach ihren Angaben der Trakt, der in Schah-Zeiten mit 50 Personen belegt war, mit 650 Frauen belegt… Für seine Einzelzellen mit der Grundfläche 1 × 2 m berüchtigt ist der Trakt 209, der dem Geheimdienst untersteht und in dem politische Gefangene, sogenannte „Staatsfeinde“, inhaftiert sind. Folter und sexueller Missbrauch (u. a. harte Gegenstände in das Rektum oder in die Vagina schieben), um die Gefangenen zu Geständnissen zu zwingen, sind im Evin-Gefängnis eine gängige Praxis. „Gefangene wurden monatelang in kleine Särge mit den Maßen 50 × 80 × 140 cm gesteckt. 1984 waren 30 Gefangene in solchen Särgen. Manche wurden verrückt,“ so Abbas Amir-Entezam, 1979 stellvertretender Premierminister unter Mehdi Bazargan, der selber 27 Jahre lang im Evin-Gefängnis inhaftiert war… Roxana Saberi beschreibt darüber hinaus die Weisse Folter, eine Kombination aus Manipulation, Einschüchterung und Isolation, die zu falschen Geständnissen oder Verleumdung von Freunden und Kollegen führt. „Viele Gefangene verschweigen gegenüber dem Gefängnisarzt die Wahrheit über ihren Gesundheitszustand. Sie haben Angst davor, dass die genannten Krankheiten oder verwendeten Medikamente als Ursache ihres ungewollten Todes im Gefängnis erklärt werden könnten,“ so Mehdi Khazali, Sohn des Ajatollah Abolghassem Khazali. Hinrichtungen werden vor Ort durchgeführt, meistens durch Hängen… Während der israelischen Bombenangriffe im Juni 2025 wurden Teile des Evin-Gefängnisses beschädigt, dabei sollen 71 Menschen getötet worden sein. Nach dem Angriff beschrieben die Insassen eine gewaltsame Evakuierung. Sie wurden in das Grossraumgefängnis von Teheran und das Frauengefängnis von Qarchak verlegt, die Berichten zufolge total überfüllt und unhygienisch waren und in denen es an Lebensmitteln und sauberem Wasser mangelte. Darüber hinaus berichteten die Gefangenen, dass ihnen eine medizinische Behandlung und der Zugang zu lebenswichtigen verschreibungspflichtigen Medikamenten verweigert wurde.
Fast hätte ich verpasst, in W. rechtzeitig aus dem Zug auszusteigen. Auf dem Bahnsteig steht eine Schulklasse – mir scheint, noch nie seien am gleichen Tag so viele Klassen auf Schulreise gewesen -, lachend, scherzend, kichernd, Eis schleckend, in den Smartphones gruselige Dinge guckend. Wieder einmal, wie so oft in letzter Zeit, kommt es mir, als wäre ich im falschen Film oder würden mich Welten trennen zwischen dem, was mir gerade durch den Kopf geht, und dem, was ich rundum sehe und höre.
Später, auf der Rückfahrt von W., bekomme ich auf mein Handy, wie täglich mehrmals, eine Nachricht von SRF aktuell. Dieses Mal geht es um die kommende Ferienzeit. Der Titel des Artikels: „So reist die Schweiz – in Zeiten von Krisen und Unsicherheiten“…
Die Badehosen sind sortiert, die Zeitung ist umgeleitet, die Koffer sind schon fast gepackt. Die Ferienzeit steht bevor. Die Menschen in der Schweiz haben Lust zu verreisen und sind auch weiterhin bereit, ziemlich viel Geld für ihre Ferien auszugeben. Das zeigt eine Umfrage des Finanzdienstleisters „Swiss Bankers“. Gleichzeitig passen viele ihre Reisepläne an und gestalten sie flexibler – auch wegen der aktuellen geopolitischen Lage. Im Folgenden die spannendsten Trends im Überblick… Die Reiselust der Schweizerinnen und Schweizer ist trotz der unsicheren Weltlage ungebrochen, ein Drittel von rund 1000 Befragten unternahm in den vergangenen zwölf Monaten drei oder mehr Reisen. Und auch für 2026 planen viele Menschen grössere Reisen in ihrer Haushaltskasse ein. Am häufigsten liegt das kalkulierte Ferienbudget für das Jahr 2026 zwischen 2000 und 4000 Franken… Nicht überraschend vermeiden die meisten Menschen Reisen in Regionen, in denen politische oder sogar kriegerische Konflikte herrschen. Besonders häufig genannt werden dabei der Nahe Osten sowie Russland und die Ukraine… In der folgenden Reihenfolge nannten die Befragten ihre Präferenzen zur Frage „Sicherheit beim Reisen“: Politische Stabilität im Reiseland, niedrige Kriminalitätsrate, gute medizinische Versorgung vor Ort, persönliche Unversehrtheit am Reiseziel, finanzielle Absicherung bei Problemen, geringe Gefahr von Naturereignissen.
Ich versuche mir vorzustellen, was bewirkt werden könnte, wenn all die Zeit, die Energie, die Phantasie und das Geld, was die Menschen hierzulande in die Planung und Durchführung von Ferienreisen stecken, dazu aufgewendet würden, um Menschen in Not zu helfen oder ihnen Gutes zu tun, Menschen, für die schon ein Stück Brot oder ein Stück blauer Himmel der reinste Luxus wären, von Ferienreisen ganz zu schweigen.
Als Erstes kommt mir eine Unterschriftensammlung für Farids Schwester in den Sinn, um sie aus dem Evin-Gefängnis zu holen. Klar, das wäre nur eine von Tausenden, aber das hätte sicher eine Signalwirkung auch für alle anderen ihrer Leidensgenossinnen. Amnesty International macht solche Kampagnen, nicht selten mit Erfolg. Und ja, wenn jede und jeder dieser rund zwei Millionen Schweizerinnen und Schweizer, die schon bald zu ihrer nächsten Ferienreise aufbrechen werden, auch nur einen einzigen Brief an die iranische Regierung und an die dortige Gefängnisleitung schicken würden, wäre das schon um ein Vielfaches mehr und gewiss auch um einiges wirkungsvoller als das, was heute mit einer doch recht bescheidenen Anzahl von Aktivistinnen und Aktivisten möglich ist.
Als Zweites kommt mir eine Verbesserung der rechtlichen Situation abgewiesener Asylsuchender in den Sinn. Diese verlieren nämlich nach einem letztinstanzlichen Urteil des Bundesverwaltungsgerichts selbst dann jegliche weitere rechtliche Unterstützung bzw. Beratung, wenn Urteile auf falschen Tatsachen beruhen, fehlerhaft sind oder Papiere gefehlt haben, die mit wenig Aufwand noch zu beschaffen gewesen wären. Das würde freilich einiges kosten, aber vermutlich einen winzigen Bruchteil dessen, was Schweizerinnen und Schweizer Jahr für Jahr für ihre Ferienreisen ausgeben.
Als Drittes kommt mir eine umfassende gesellschaftliche Debatte über die weltpolitische Rolle der Schweiz in den Sinn. Darüber, auf welcher Seite unser Land stehen soll, auf der Seite der Reichen und Mächtigen dieser Welt, oder auf der Seite der Schwachen, Unterdrückten, Hungernden, Verfolgten, unrechtmässig Gefangenen. Nur schon am Beispiel des Iran können wir rasch erkennen, was für fatale Auswirkungen die Fortführung jener westlichen, von den USA angeführten Machtpolitik hat, welche nicht zuletzt auch von der Schweiz stillschweigend mitgetragen wird, vor allem immer dann, wenn dabei auch für unser Land an Machtvermehrung und Profiten etwas herausspringt. Es ist kein Zufall, dass es im Iran seit Jahren nicht mehr so viele Hinrichtungen gegeben hat wie unmittelbar nach den israelischen und US-amerikanischen Luftangriffen im Juni 2025. Gewalt von aussen hat stets Gewalt nach innen zur Folge. Je mehr ein Regime von aussen unter Druck gerät, umso mehr Repression übt es gegenüber potenziellen „Staatsfeinden“ im Inneren aus, auch wenn diese nur, wie Farids Schwester, den falschen Namen tragen. Jede Bombe, die von oben auf ein Dach fällt, verwandelt sich unten, unsichtbar vor den Augen der Weltöffentlichkeit, in ein Folterwerkzeug, mit dem das herrschende Regime jedes noch so fürchterliche Verbrechen rechtfertigen kann. Das Gleiche gilt für all jene Wirtschaftssanktionen, die, wiederum von den USA verhängt und von den meisten westlichen Regierungen wie auch der Schweiz mitgetragen, seit Jahrzehnten die Wirtschaftsstrukturen ganzer Länder zerstört, seit 1945 zum Tod von insgesamt rund 20 Millionen unschuldiger Menschen geführt haben und ebenfalls laufend zum Erstarken autoritärer Machthaber und der von ihnen ausgeübten Repressionen gegen ihre eigene Völker wesentlich beitragen. Ein Paradigmawechsel, weg von einer destruktiven Denkweise, mit der bloss immer wieder aus Unheil neues Unheil entsteht, ist dringendst nötig, und gerade zugunsten eines solchen Umdenkens weg von einer Kriegspolitik zu einer echten Friedenspolitik könnte die Schweiz als neutrales Land mit grosser diplomatischer Erfahrung eine wichtige Rolle spielen. Aber das geht nicht von selber, und es genügt auch nicht, wenn sich allein die Politik darum kümmert, grosse, breit abgestützte basisdemokratische Widerstandsbewegungen sind hierfür unerlässlich.
Zuhause angekommen, sortiere ich zunächst all meine Notizen vom heutigen Tag. Vielleicht wäre ja für Farid ein Härtefallgesuch möglich, dann könnte auch seine Tochter in die Schweiz kommen und sich ihren sehnlichsten Wunsch, Krankenschwester zu werden, verwirklichen. Und vielleicht würde sich Amnesty International für eine Kampagne für Farids Schwester gewinnen lassen. Mal schauen, die nächsten Tage.
Auch ich reise gerne, lache gerne, geniesse den Morgenkaffee, das Gipfeli, die Sommersonne und den blauen Himmel. Nur die Reihenfolge würde ich ändern. Zuerst alles dafür tun und alle zur Verfügung stehende Zeit, Kraft und Phantasie dafür aufwenden, dass nicht nur ein kleiner privilegierter Teil der gesamten Weltbevölkerung in den Genuss aller dieser schönen Dinge gelangen darf, sondern ein gutes Leben für alle Menschen über alle Grenzen hinweg – unter Verzicht auf übertriebenen Reichtum ebenso wie unter Wegfall von Armut, Hunger und Verfolgung – Wirklichkeit wird. Dann, ja dann, wenn es so weit ist, würde ich noch so gerne das Leben in vollen Zügen geniessen, im Wissen, dass es niemanden mehr gibt, der an irgendeiner weit entfernten, verlorenen und vergessenen Ecke der Welt darauf verzichten muss. Denn der blaue Himmel gehört uns allen.