Jean Ziegler hat als Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrats die EU-Flüchtlingslager auf Lesbos besucht. Anhand erschütternder Einzelschicksale schildert er eingehend seine Begegnungen mit Flüchtlingen, die von ihrem Leidensweg berichten, mit engagierten Vertretern von Hilfsorganisationen und Menschenrechtsaktivisten, mit Anwälten und Regierungsvertretern. Sein Buch legt Zeugnis ab von dem moralischen Verfall, auf den Europa zusteuert, und ist ein eindringlicher Aufruf, der Praxis des „Push-Backs“ und der Realität der Hotspots ein Ende zu machen – denn sie sind die Schande Europas. Penguin Verlag; ISBN 978-3-328-10884-9.
Archiv des Autors: Peter Sutter
Der 18. Juni 2026: Denn der blaue Himmel gehört uns allen…
Peter Sutter, 19. Juni 2026

Donnerstag, 18. Juni 2026, 9 Uhr. Pünktlich ist Farid (Name geändert) in dem kleinen Seerestaurant, wo wir abgemacht haben, eingetroffen. Noch ist es angenehm warm, später wird die Temperatur an diesem wolkenfreien Sommertag auf über 30 Grad klettern. Wir bestellen einen Kaffee. Und sogleich kommt Farid ohne Umschweife zur Sache und erzählt mir seine Geschichte…
Vor zehn Jahren in die Schweiz geflüchtet, ist Farid nach definitiver Ablehnung seines Asylgesuchs durch das Staatssekretariat für Migration (SEM) und das Bundesverwaltungsgericht seit fünf Jahren im Ausschaffungszentrum H. wohnhaft, ohne jegliche Zukunftsperspektive. Ohne Aufenthaltsbewilligung ist es Farid nicht erlaubt, eine Arbeit aufzunehmen und zu seinem Lebensunterhalt selber etwas beizutragen. Theoretisch müsste er zwar die Schweiz verlassen und in sein Heimatland zurückkehren. Zurzeit finden aber angesichts der prekären politischen Lage in seinem Heimatland und den aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen weder freiwillige Rückreisen, noch zwangsweise durchgeführte Rückschaffungen in den Iran statt. Wie auch für Tausende andere durch die Schweizer Behörden abgewiesene Asylsuchende, die aus unterschiedlichen Gründen nicht in ihre Heimat zurückkehren bzw. dorthin ausgeschafft werden können und nicht selten bis über sieben oder gar zehn Jahre hinweg in einem der zahlreichen schweizerischen Ausschaffungszentren untergebracht sind, besteht Farids Alltag aus nichts anderem, als den ganzen Tag untätig herumzusitzen – in den total überfüllten Zentren mit engsten Platzverhältnissen der ideale Nährboden für gegenseitige Streitereien, Aggressionen und Gewalttätigkeiten, Suizidversuche und Übergriffe gegen Mädchen und Frauen, oft unter Alkoholeinfluss.
Der Grund, weshalb Farid aus dem Iran flüchtete, war seine politische Tätigkeit als Anhänger der dem Regime feindlich gesinnten Volksmujahedin. Farid kramt aus einem ungeordneten Stapel teilweise völlig zerknitterter Papiere, die er zu unserem Gespräch mitgebracht hat, einen Brief des „Vereins des Iranischen Widerstands“ vom 20. April 2020 hervor, dem Folgendes zu entnehmen ist…
Hiermit bescheinigen wir, dass Herr Farid J., geboren am 4. April 1979, im Iran als aktiver Anhänger von Mujahedin KL tätig war. Er war Mitglied eines Teams, das zuständig war, unsere Aufträge zu erfüllen. Unsere Aufträge bestanden darin, Plakate aufzuhängen und Informationen gegen die iranischen Fundamentalisten zu verbreiten. Nach einigen aktiven Jahren wurde er durch den iranischen Geheimdienst erkannt. Er wurde am 17. Mai 2015 verhaftet und war elf Tage lang in Haft. Er ist auch in der Schweiz politisch gegen das islamische Regime im Iran tätig. Daher muss davon ausgegangen werden, dass er wegen der Häufigkeit und Intensität seiner politischen Aktivitäten bei einer eventuellen Rückkehr in den Iran zur Rechenschaft gezogen würde. Im Namen des iranischen Volks bedanken wir uns für seine Leiden, Bemühungen für Frieden und Freiheit, die er während der letzten Jahre in Kauf genommen hat. Wir hoffen, dass alle diese Bemühungen irgendwann dieses diktatorische Regime besiegen werden und wir ein Land ohne Gewalt und Unterdrückung erleben werden, in dem die Menschenrechte für die ganze Bevölkerung verwirklicht sein werden.
Farids 16jährige Tochter lebt bei ihrer – inzwischen von Farid geschiedenen – Mutter in Teheran, unter misslichsten Verhältnissen. Nur mithilfe eines Onkels, der sich, so gut es geht, um die beiden kümmert, können sie einigermassen überleben. Die Schule kann Farids Tochter nicht mehr besuchen, da sie zu weit von ihrem Wohnort entfernt ist und die Fahrpreise für sie unerschwinglich sind.
Schliesslich kommt Farid auf seine 36jährige Schwester zu sprechen. Von seiner ganzen Verwandtschaft ist ihre Situation mit Abstand die schlimmste: Nachdem sie während acht Jahren als Zahnarztgehilfin gearbeitet hatte, wurde sie vor rund einem Jahr wie aus heiterem Himmel eines Tages verhaftet und ins Teheraner Evin-Gefängnis gesteckt. Einmal pro Woche darf sie während ein paar Minuten Besuch von Familienmitgliedern empfangen. Das Letzte, was Farid gehört hat – die Kontakte zu seinen Verwandten im Iran beschränken sich ohnehin durch fehlende Internetverbindungen, technische Probleme, zeitweiliger Zensur wie auch infolge von Stromausfällen auf ein absolutes Minimum -, ist, dass seine Schwester seit ihrer Inhaftierung vor einem Jahr rund 20 Kilo an Gewicht verloren hat. Der Grund für ihre Inhaftierung und Gefängnisstrafe ist einzig und allein ihr Name. Da Farid als Mitglied der Mujahedin registriert ist, gilt für alle, die den gleichen Familiennamen tragen, automatisch die Sippenhaft. Das ist auch der Grund, weshalb einige andere Familienmitglieder inzwischen untergetaucht sind und die gegenseitige Hilfe und Unterstützung zwischen den Familienmitgliedern, der im Zusammenleben iranischer Familien traditionell ein sehr hoher Wert zukommt, praktisch vollständig auseinandergebrochen ist.
Viertel nach zehn. Ich verabschiede mich von Farid, nachdem ich ihm versprochen habe, alle seine Dokumente zu studieren und abzuklären, ob ich ihm in irgendeiner Weise behilflich sein kann. Mein nächster Termin ist in W., der Zug fährt in sieben Minuten. Vorher hole ich mir am Bahnhofkiosk einen Kaffee und ein Gipfeli. Aber ich weiss schon jetzt: Farids Geschichte, wie auch alle anderen Geschichten geflüchteter Menschen, die ich Woche um Woche zu hören bekomme, wird nie aus meinem Kopf verschwinden. Da kann der Himmel noch so blau sein, alle Menschen rundherum noch so fröhlich, das Gipfeli und der Kaffee noch so schmackhaft. Im Gegenteil: Es schmerzt alles sogar noch doppelt und dreifach. Sehe ich die fröhlich lachenden Teenager rund um den Bahnhof, muss ich zwangsläufig an Farids Tochter denken, die vielleicht schon gar nicht mehr weiss, wie es sich anfühlt, unbeschwert und fröhlich leben zu können. Höre ich zwei Jugendliche über ihre Zukunftspläne diskutieren, kommt mir schon wieder Farids Tochter in den Sinn und dass sie sämtliche ihrer Zukunftspläne, die doch eigentlich alle Menschen in diesem Alter haben möchten, höchstwahrscheinlich schon längst begraben hat. Esse ich das Gipfeli, muss ich zwangsläufig daran danken, dass sogar das Brot im Iran wie auch in vielen anderen Ländern so teuer geworden ist, dass es sich ein grosser Teil der Bevölkerung kaum mehr leisten kann. Und sehe ich den blauen Himmel über mir, fährt mir zwangsläufig der Gedanke durch den Kopf, dass Farids Schwester diesen blauen Himmel wahrscheinlich seit mehr als einem Jahr nie mehr sehen durfte.
Ich sitze im Zug nach W. Links und rechts neben mir schmieden die Reisenden Ferienpläne, schwärmen von irgendeinem tollen Liebesfilm, freuen sich über eine Gehaltserhöhung, beklagen sich über Kopfschmerzen oder ärgern sich darüber, dass der neue Mikrowellenherd, den sich kürzlich bestellt haben, schon nach wenigen Tagen kaputt gegangen ist.
Doch die Begegnung mit Farid geht mir nicht aus dem Kopf. Wie schon wieder heisst das Gefängnis in Teheran, wo seine Schwester innerhalb eines Jahres 20 Kilo an Gewicht verloren hat? Ich finde es in meinen Notizen: „Evin-Gefängnis“. Mal schauen, was im Internet darüber zu erfahren ist. Während die schweizerische Bilderbuchlandschaft am Fenster vorüberzieht, lese ich…
Das Evin-Gefängnis ist das bekannteste und berüchtigtste iranische Gefängnis. Es liegt am nördlichen Stadtrand von Teheran und entstand 1971. Ursprünglich für 320 Insassen ausgelegt, waren dort während der Schah-Zeit-Zeit bis zu 1500 Menschen inhaftiert und seit dem Beginn der Islamischen Revolution 1979 bis zu 15′.’000 Menschen. Das Gefängnis ist für die Inhaftierung und Hinrichtung politischer Gefangener berüchtigt… Das Gefängnis darf von aussen und innen nicht fotografiert werden; Aufnahmen sind daher selten. Die Fotografin Zahra Kazemi wurde 2003 wegen Aufnahmen von diesem Gefängnis zu Tode gefoltert. Marina Nemat, die zwei Jahre im Evin-Gefängnis verbracht hatte und ihre Erlebnisse in einer 2006 erschienenen Biografie veröffentlichte, schrieb, dass von ihren Zellengenossinnen im Trakt 246 keine die Haftzeit überlebt habe. Während der Haftzeit von Nemat war nach ihren Angaben der Trakt, der in Schah-Zeiten mit 50 Personen belegt war, mit 650 Frauen belegt… Für seine Einzelzellen mit der Grundfläche 1 × 2 m berüchtigt ist der Trakt 209, der dem Geheimdienst untersteht und in dem politische Gefangene, sogenannte „Staatsfeinde“, inhaftiert sind. Folter und sexueller Missbrauch (u. a. harte Gegenstände in das Rektum oder in die Vagina schieben), um die Gefangenen zu Geständnissen zu zwingen, sind im Evin-Gefängnis eine gängige Praxis. „Gefangene wurden monatelang in kleine Särge mit den Maßen 50 × 80 × 140 cm gesteckt. 1984 waren 30 Gefangene in solchen Särgen. Manche wurden verrückt,“ so Abbas Amir-Entezam, 1979 stellvertretender Premierminister unter Mehdi Bazargan, der selber 27 Jahre lang im Evin-Gefängnis inhaftiert war… Roxana Saberi beschreibt darüber hinaus die Weisse Folter, eine Kombination aus Manipulation, Einschüchterung und Isolation, die zu falschen Geständnissen oder Verleumdung von Freunden und Kollegen führt. „Viele Gefangene verschweigen gegenüber dem Gefängnisarzt die Wahrheit über ihren Gesundheitszustand. Sie haben Angst davor, dass die genannten Krankheiten oder verwendeten Medikamente als Ursache ihres ungewollten Todes im Gefängnis erklärt werden könnten,“ so Mehdi Khazali, Sohn des Ajatollah Abolghassem Khazali. Hinrichtungen werden vor Ort durchgeführt, meistens durch Hängen… Während der israelischen Bombenangriffe im Juni 2025 wurden Teile des Evin-Gefängnisses beschädigt, dabei sollen 71 Menschen getötet worden sein. Nach dem Angriff beschrieben die Insassen eine gewaltsame Evakuierung. Sie wurden in das Grossraumgefängnis von Teheran und das Frauengefängnis von Qarchak verlegt, die Berichten zufolge total überfüllt und unhygienisch waren und in denen es an Lebensmitteln und sauberem Wasser mangelte. Darüber hinaus berichteten die Gefangenen, dass ihnen eine medizinische Behandlung und der Zugang zu lebenswichtigen verschreibungspflichtigen Medikamenten verweigert wurde.
Fast hätte ich verpasst, in W. rechtzeitig aus dem Zug auszusteigen. Auf dem Bahnsteig steht eine Schulklasse – mir scheint, noch nie seien am gleichen Tag so viele Klassen auf Schulreise gewesen -, lachend, scherzend, kichernd, Eis schleckend, in den Smartphones gruselige Dinge guckend. Wieder einmal, wie so oft in letzter Zeit, kommt es mir, als wäre ich im falschen Film oder würden mich Welten trennen zwischen dem, was mir gerade durch den Kopf geht, und dem, was ich rundum sehe und höre.
Später, auf der Rückfahrt von W., bekomme ich auf mein Handy, wie täglich mehrmals, eine Nachricht von SRF aktuell. Dieses Mal geht es um die kommende Ferienzeit. Der Titel des Artikels: „So reist die Schweiz – in Zeiten von Krisen und Unsicherheiten“…
Die Badehosen sind sortiert, die Zeitung ist umgeleitet, die Koffer sind schon fast gepackt. Die Ferienzeit steht bevor. Die Menschen in der Schweiz haben Lust zu verreisen und sind auch weiterhin bereit, ziemlich viel Geld für ihre Ferien auszugeben. Das zeigt eine Umfrage des Finanzdienstleisters „Swiss Bankers“. Gleichzeitig passen viele ihre Reisepläne an und gestalten sie flexibler – auch wegen der aktuellen geopolitischen Lage. Im Folgenden die spannendsten Trends im Überblick… Die Reiselust der Schweizerinnen und Schweizer ist trotz der unsicheren Weltlage ungebrochen, ein Drittel von rund 1000 Befragten unternahm in den vergangenen zwölf Monaten drei oder mehr Reisen. Und auch für 2026 planen viele Menschen grössere Reisen in ihrer Haushaltskasse ein. Am häufigsten liegt das kalkulierte Ferienbudget für das Jahr 2026 zwischen 2000 und 4000 Franken… Nicht überraschend vermeiden die meisten Menschen Reisen in Regionen, in denen politische oder sogar kriegerische Konflikte herrschen. Besonders häufig genannt werden dabei der Nahe Osten sowie Russland und die Ukraine… In der folgenden Reihenfolge nannten die Befragten ihre Präferenzen zur Frage „Sicherheit beim Reisen“: Politische Stabilität im Reiseland, niedrige Kriminalitätsrate, gute medizinische Versorgung vor Ort, persönliche Unversehrtheit am Reiseziel, finanzielle Absicherung bei Problemen, geringe Gefahr von Naturereignissen.
Ich versuche mir vorzustellen, was bewirkt werden könnte, wenn all die Zeit, die Energie, die Phantasie und das Geld, was die Menschen hierzulande in die Planung und Durchführung von Ferienreisen stecken, dazu aufgewendet würden, um Menschen in Not zu helfen oder ihnen Gutes zu tun, Menschen, für die schon ein Stück Brot oder ein Stück blauer Himmel der reinste Luxus wären, von Ferienreisen ganz zu schweigen.
Als Erstes kommt mir eine Unterschriftensammlung für Farids Schwester in den Sinn, um sie aus dem Evin-Gefängnis zu holen. Klar, das wäre nur eine von Tausenden, aber das hätte sicher eine Signalwirkung auch für alle anderen ihrer Leidensgenossinnen. Amnesty International macht solche Kampagnen, nicht selten mit Erfolg. Und ja, wenn jede und jeder dieser rund zwei Millionen Schweizerinnen und Schweizer, die schon bald zu ihrer nächsten Ferienreise aufbrechen werden, auch nur einen einzigen Brief an die iranische Regierung und an die dortige Gefängnisleitung schicken würden, wäre das schon um ein Vielfaches mehr und gewiss auch um einiges wirkungsvoller als das, was heute mit einer doch recht bescheidenen Anzahl von Aktivistinnen und Aktivisten möglich ist.
Als Zweites kommt mir eine Verbesserung der rechtlichen Situation abgewiesener Asylsuchender in den Sinn. Diese verlieren nämlich nach einem letztinstanzlichen Urteil des Bundesverwaltungsgerichts selbst dann jegliche weitere rechtliche Unterstützung bzw. Beratung, wenn Urteile auf falschen Tatsachen beruhen, fehlerhaft sind oder Papiere gefehlt haben, die mit wenig Aufwand noch zu beschaffen gewesen wären. Das würde freilich einiges kosten, aber vermutlich einen winzigen Bruchteil dessen, was Schweizerinnen und Schweizer Jahr für Jahr für ihre Ferienreisen ausgeben.
Als Drittes kommt mir eine umfassende gesellschaftliche Debatte über die weltpolitische Rolle der Schweiz in den Sinn. Darüber, auf welcher Seite unser Land stehen soll, auf der Seite der Reichen und Mächtigen dieser Welt, oder auf der Seite der Schwachen, Unterdrückten, Hungernden, Verfolgten, unrechtmässig Gefangenen. Nur schon am Beispiel des Iran können wir rasch erkennen, was für fatale Auswirkungen die Fortführung jener westlichen, von den USA angeführten Machtpolitik hat, welche nicht zuletzt auch von der Schweiz stillschweigend mitgetragen wird, vor allem immer dann, wenn dabei auch für unser Land an Machtvermehrung und Profiten etwas herausspringt. Es ist kein Zufall, dass es im Iran seit Jahren nicht mehr so viele Hinrichtungen gegeben hat wie unmittelbar nach den israelischen und US-amerikanischen Luftangriffen im Juni 2025. Gewalt von aussen hat stets Gewalt nach innen zur Folge. Je mehr ein Regime von aussen unter Druck gerät, umso mehr Repression übt es gegenüber potenziellen „Staatsfeinden“ im Inneren aus, auch wenn diese nur, wie Farids Schwester, den falschen Namen tragen. Jede Bombe, die von oben auf ein Dach fällt, verwandelt sich unten, unsichtbar vor den Augen der Weltöffentlichkeit, in ein Folterwerkzeug, mit dem das herrschende Regime jedes noch so fürchterliche Verbrechen rechtfertigen kann. Das Gleiche gilt für all jene Wirtschaftssanktionen, die, wiederum von den USA verhängt und von den meisten westlichen Regierungen wie auch der Schweiz mitgetragen, seit Jahrzehnten die Wirtschaftsstrukturen ganzer Länder zerstört, seit 1945 zum Tod von insgesamt rund 20 Millionen unschuldiger Menschen geführt haben und ebenfalls laufend zum Erstarken autoritärer Machthaber und der von ihnen ausgeübten Repressionen gegen ihre eigene Völker wesentlich beitragen. Ein Paradigmawechsel, weg von einer destruktiven Denkweise, mit der bloss immer wieder aus Unheil neues Unheil entsteht, ist dringendst nötig, und gerade zugunsten eines solchen Umdenkens weg von einer Kriegspolitik zu einer echten Friedenspolitik könnte die Schweiz als neutrales Land mit grosser diplomatischer Erfahrung eine wichtige Rolle spielen. Aber das geht nicht von selber, und es genügt auch nicht, wenn sich allein die Politik darum kümmert, grosse, breit abgestützte basisdemokratische Widerstandsbewegungen sind hierfür unerlässlich.
Zuhause angekommen, sortiere ich zunächst all meine Notizen vom heutigen Tag. Vielleicht wäre ja für Farid ein Härtefallgesuch möglich, dann könnte auch seine Tochter in die Schweiz kommen und sich ihren sehnlichsten Wunsch, Krankenschwester zu werden, verwirklichen. Und vielleicht würde sich Amnesty International für eine Kampagne für Farids Schwester gewinnen lassen. Mal schauen, die nächsten Tage.
Auch ich reise gerne, lache gerne, geniesse den Morgenkaffee, das Gipfeli, die Sommersonne und den blauen Himmel. Nur die Reihenfolge würde ich ändern. Zuerst alles dafür tun und alle zur Verfügung stehende Zeit, Kraft und Phantasie dafür aufwenden, dass nicht nur ein kleiner privilegierter Teil der gesamten Weltbevölkerung in den Genuss aller dieser schönen Dinge gelangen darf, sondern ein gutes Leben für alle Menschen über alle Grenzen hinweg – unter Verzicht auf übertriebenen Reichtum ebenso wie unter Wegfall von Armut, Hunger und Verfolgung – Wirklichkeit wird. Dann, ja dann, wenn es so weit ist, würde ich noch so gerne das Leben in vollen Zügen geniessen, im Wissen, dass es niemanden mehr gibt, der an irgendeiner weit entfernten, verlorenen und vergessenen Ecke der Welt darauf verzichten muss. Denn der blaue Himmel gehört uns allen.
31. Montagsgespräch am 8. Juni 2026: Die Bilderberg-Gruppe – wer und was steckt dahinter?
Die Bilderberg-Gruppe ist ein jährliches, informelles Treffen von 130 bis 150 einflussreichen Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Medien, Militär und Akademie, hauptsächlich aus Europa und Nordamerika. Seit 1954 dient das geschlossene und von der Öffentlichkeit weitgehend abgeschirmte Treffen dem vertraulichen Meinungsaustausch über globale Wirtschafts- und Gesellschaftsfragen. Die Bilderberg-Gruppe und die Frage, wer und was genau dahintersteckt und mit welchen Zielsetzungen, war das Thema des Buchser Montagsgesprächs vom 8. Juni.
Dass die Bilderberg-Gruppe hinter verschlossenen Türen tagt und kaum etwas davon an die Öffentlichkeit dringt, weckt, dies wurde auch in der Montagsrunde deutlich, unterschiedlichste Vermutungen und Spekulationen. Handelt es sich bloss um einen Debattierclub ohne irgendwelche Auswirkungen auf Politik und Wirtschaft? Oder ist die Bilderberg-Gruppe, wie manche vermuten, so etwas wie eine geheime Weltregierung? Auch wenn man wohl kaum von einer „Weltregierung“ sprechen könne, so falle doch, so ein Votum aus der Runde, der enge Bezug der Bilderberg-Gruppe sowohl zur NATO wie auch zu grossen Rüstungskonzernen auf, was auf intensive Lobbyarbeit hinter den Kulissen, unbeachtet von der Weltöffentlichkeit, hindeute.
Grossen Raum in der Diskussion nahm die Frage nach den „westlichen Werten“ ein, gehört doch auch die Bilderberg-Gruppe zu jenen Organisationen und „Thinktanks“, die Begriffe wie Freiheit, Menschenrechte und Demokratie als ihre wichtigsten Leitgedanken nennen. Hierbei, so die übereinstimmende Meinung der Anwesenden, handle es sich aber oft um blosse Doppelmoral. Besonders drastisch, so einer der Diskussionsteilnehmer, zeige sich dies bei den Folgen jener seit Jahrzehnten vom Westen, insbesondere von den USA gegen zahlreiche Länder verhängten Wirtschaftssanktionen, die seit dem Zweiten Weltkrieg insgesamt rund 20 Millionen Todesopfer zur Folge gehabt hätten, allein im Irak zwischen 1991 und 1995 eine halbe Million, vorwiegend Kinder.
Gegen Ende der Diskussionsrunde kam man auf weitere globale Entwicklungen in Politik, Wirtschaft und Technologie zu sprechen, die durch eine weitgehende Eigendynamik geprägt seien und auf die man als einzelnes Individuum kaum oder gar nicht Einfluss nehmen könne, was bei vielen Menschen zu Ohnmachtsgefühlen führe und zu einem Rückzug ins Private. Umso wichtiger, so ein Votum zum Abschluss der Gesprächsrunde, sei es, von den politischen Machtträgern Transparenz und Ehrlichkeit zu verlangen, damit die Demokratie nicht zur Farce werde. Auch wäre wohl die Zeit gekommen, sich von einer rein materialistischen Denkweise zu lösen und sich vermehrt wieder dem zwischenmenschlichen Dialog, den Sinnfragen und dem Aufbau konstruktiver Gegenmodelle zu einer einseitig auf Wachstum und materiellen Profit ausgerichteten Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik zuzuwenden.
„Dummheit ist lernbar“: Wie sich mit moralischer Empörung ganze Lebenswerke zerstören lassen…
Peter Sutter, 7. Juni 2026

Wäre ich bei einer Zeitung zuständig für die Rubrik „Du fragst, ich antworte“ und hätte ich den Brief eines jungen Mannes bekommen, der sich in einer Notlage befinde, weil er sich in ein fünfjähriges Mädchen verliebt habe, würde ich ihm möglicherweise folgenden Rat erteilen…
Wenn du ein liebendes Wesen bist und dich, als Mann, in eine Frau oder einen anderen Mann verlieben kannst, oder vielleicht sogar manchmal in einen Regenbogen, einen Schmetterling oder ein Vergissmeinnicht, dann liegt es doch auf der Hand, dass du dich auch mal in ein Kind verlieben kannst. Das ist nichts Widernatürliches, im Gegenteil, es ist auch nichts Krankhaftes oder schon gar nicht etwas „Perverses“. Das Entscheidende ist nur, wie du damit umgehst und dass du dir auch nicht im Entferntesten irgendetwas nur deshalb erlaubst, weil du älter bist und dir deshalb eine „Machtposition“ gegenüber dem Kind zugestehen würdest. Das tun nämlich schon genug andere. Zum Beispiel, wenn sie ein fremdes Baby mitten ins Gesicht küssen, dem dreijährigen Kind ihrer Nachbarin mit der Hand durchs Haar wuscheln oder, als Grossvater, dem vierjährigen Enkel scherzend einen „liebevollen“ Klaps auf den Hintern geben, ohne vorher gefragt zu haben, ob das Kind das überhaupt will. Ganz zu schweigen von all den Beleidigungen, Zurechtweisungen, Beschimpfungen oder gar Schlägen oder anderen körperlichen Übergriffen durch Erwachsene, denen Kinder völlig schutzlos ausgeliefert sind, bis hin zu schweren Misshandlungen, die gemäss Statistiken sogar an Häufigkeit stetig zunehmen und bei denen seltsamerweise kaum je von einem „krankhaften“ oder „perversen“ Verhalten der betreffenden Erwachsenen die Rede ist. Dagegen ist doch deine spielerische Verliebtheit in dieses fünfjährige Mädchen, wenn du dir dabei keine Grenzüberschreitungen erlaubst, das Harmloseste, was man sich nur vorstellen kann. Im Übrigen rate ich dir: Erzähle niemandem davon, behalte deine Verliebtheit am besten ganz einfach als kleines süsses Geheimnis für dich.
Es ist in der Tat höchst erstaunlich, widersprüchlich und mit dem gesunden Menschenverstand kaum nachzuvollziehen, welche Verhaltensweisen im Bereich des – seelischen und körperlichen – Umgangs von Erwachsenen mit Kindern gesellschaftlich akzeptiert sind und welche nicht. Berührt ein Lehrer in der Turnstunde ein Mädchen zur Hilfestellung bei einer schwierigen Übung kurz an einer „falschen“ Stelle, gehen sogleich endlose Diskussionen los rund um die Frage, ob es sich dabei nun um einen sexuellen Übergriff gehandelt haben könnte oder bloss um eine notwendige, unverzichtbare Massnahme zwecks Schutz und Sicherheit des betreffenden Kindes. In der letzten Zeit häufen sich auch Fälle von männlichen Kitaangestellten, denen sexuell übergriffiges Verhalten gegenüber Kindern zur Last gelegt wird – nicht wenigen der Betroffenen wird es in der Folge verwehrt, weiterhin einen Beruf auszuüben, bei dem sie mit Kindern in Kontakt sind, und bereits gibt es Kitas, die generell keine Männer mehr anstellen, weil sich Eltern weigern, ihr Kind einem Mann anzuvertrauen. Gewiss, grenzüberschreitendes, verletzendes, übergriffiges Verhalten und Machtmissbrauch von Erwachsenen gegenüber Kindern dürfen in keinster Weise verharmlost werden. Schaut man sich aber die in den Medien und in der Öffentlichkeit diskutierten Fälle etwas genauer an, stellt sich zwangsläufig die Frage, ob da nicht manchmal mit allzu grossen Kanonen auf allzu kleine Spatzen geschossen wird. So etwa habe ich in einem dieser Zeitungsartikel als Hinweis auf „pädophiles“ Verhalten die Beobachtung eines Vorgesetzten vorgefunden, welcher einen Kita-Angestellten dabei ertappt hatte, wie er sich über ein Kind gebeugt habe und erschrocken hochgefahren sei, als der Vorgesetzte den Raum betrat. Sich zu einem Kind hinunterbeugen kann wohl kaum etwas Verwerfliches sein, und erschrak der betreffende Angestellte vielleicht nur deshalb so sehr, weil er befürchtete, das Hinunterbeugen könnte schon als Hinweis auf ein mögliches übergriffiges Verhalten gedeutet werden? In einem anderen Artikel fand ich fünf Symbolbilder im Zusammenhang mit übergriffigem Verhalten. Auf vier Bildern war überhaupt kein Erwachsener zu sehen, nur Kinder mit Stofftieren oder anderen Spielsachen. Auf dem fünften Bild sah man einen Kitaangestellten, der einem Kind, das auf seinem Schoss sass, ein Bilderbuch erzählte…
Das bringe ich dann mit dem besten Willen nicht zusammen mit so vielen anderen Vorkommnissen im Umgang von Erwachsenen mit Kindern und Jugendlichen, die offensichtlich als völlig „normal“ und „selbstverständlich“ akzeptiert sind und, wenn überhaupt, nicht im Geringsten eine so grosse Empörung auslösen wie die beschriebenen Fälle von „Pädophilie“. Ich denke an einen Lehrer, der einer Schülerin einen Schlüsselbund ins Gesicht warf, bloss weil sie zu Beginn der Lektion nicht augenblicklich still sein und ihm zuhören wollte. An einen anderen, der eine ganze Klasse zum Nachsitzen verdonnerte, weil sich drei Schüler übermässig rüpelhaft benommen hatten – obwohl Kollektivstrafen schon längstens gesetzlich verboten sind. Aber das sind noch harmlose Fälle im Vergleich zu jenem Lehrer, der einen Jugendlichen ausländischer Herkunft im Verlaufe des Unterrichts dermassen grob beschimpfte und ihm zu verstehen gab, dass aus ihm nie „etwas Rechtes“ werden würde, dass sich dieser anschliessend von einer Brücke stürzte und schwerverletzt neben dem Bahngeleise liegen blieb, ohne dass dies irgendwelche Konsequenzen für den Lehrer gegeben hätte, er durfte, als wäre nichts gewesen, bis zu seiner Pensionierung weiterhin unterrichten. Bezeichnenderweise werden in der von der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) geführten schwarzen Liste von Lehrpersonen mit einem Tätigkeitsverbot als Kriterien ausschliesslich „Sexualdelikte“, „psychische Probleme“ und „Suchterkrankungen“ aufgeführt, nicht aber so jeglicher pädagogischer Wertehaltung widersprechende Verhaltensweisen wie herabwürdigende Behandlung von Schülerinnen und Schülern, Entmutigung, Misstrauen, Schwächung von Selbstvertrauen, Nachsitzen und andere überrissene Strafen, Kollektivstrafen, Erteilen von Strafaufgaben, Arrest und Zwangsarbeit während der Freizeit, Führen von Strafregistern, Gesprächsverweigerung gegenüber Kindern, Jugendlichen oder Eltern oder Aufforderung zu gegenseitigem Verpetzen – lauter Grenzverletzungen und Eingriffe in die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen, die nicht selten gravierende lebenslange Folgen haben können, vor allem in Form von zerstörtem Selbstvertrauen.
Die einseitige, oft geardezu künstlich aufgebauschte moralische Entrüstung im Zusammenhang mit Pädophilie – während man vor viel extremeren Formen übergriffigen Verhaltens grosszügig die Augen verschliesst – wird sogar nicht selten auch für politische Zwecke instrumentalisiert. So geschehen zum Beispiel im Mai 2017, als Natalie Rickli im Namen der SVP folgendes Postulat an den Schweizer Bundesrat einreichte, in dem sie dem weit über die Schweiz hinaus bekannten Lehrer und Reformpädagogen Jürg Jegge, der in seinem 1976 veröffentlichten Buch „Dummheit ist lernbar“ eine höchst fundierte und bis heute hochaktuelle Kritik des schweizerischen Schulsystems vorgenommen hatte, „pädokriminelles“ Verhalten vorwarf und den Bundesrat zur entsprechenden „Aufarbeitung des Falls Jürg Jegge und weiterer Missbrauchsfälle im Lichte der Reformpädagogik“ aufforderte…
Der Bundesrat wird aufgefordert, in einem Bericht den Fall Jürg Jegge und weitere Missbräuche von Pädokriminellen und entsprechende Vorfälle in Institutionen (Schulen, Kirchen, Heime, Vereine, usw.) während der Sechziger- bis Achtzigerjahre im Lichte der Reformpädagogik aufzuarbeiten…. Der sexuelle Missbrauch von verschiedenen Jungen durch Jürg Jegge wurde nur dank eines Opfers publik, das ein Buch über die Übergriffe verfasst hat. Vorher wurde Jürg Jegge als Reformpädagoge und „Lehrer der Nation“ gefeiert. Er gibt die Missbräuche zu, redet diese aber schön und zeigt keine Reue… Diese Aussagen zeigen, wie wichtig es ist, nicht nur den Fall Jegge, sondern die Geschehnisse der damaligen Zeit und die Auswirkungen der Reformpädagogik zu untersuchen, so wie dies beispielsweise in Deutschland getan wurde…
Gibt man heute im Internet den Namen Jürg Jegge ein, so stösst man schon im ersten der angezeigten Artikel auf den Hinweis „Sexueller Missbrauch minderjähriger Schüler“. An zweiter Stelle erscheint der Link zu einem SRF-Artikel mit dem Titel „Sexueller Missbrauch in Jürg Jegges geschlossenem System“, daneben, unter dem Titel „Ausführliche Informationen zu Jürg Jegge“, findet man als erstes der aufgelisteten Stichwörter, unter denen zusätzliche Fenster geöffnet werden können: „Jürg Jegges Missbrauch.“ An vierter Stelle gelangt man zu einem Artikel der NZZ mit dem Titel „Jürg Jegge und der Missbrauch“. An fünfter Stelle liest man auf der Internetseite von „Meilleur-en-suisse“: „So lebt es sich als Unhold der Nation.“ An sechster Stelle folgt ein Zitat aus dem „Tagesanzeiger“: „Jürg Jegge rechtfertigt sexuelle Übergriffe“. An siebter Stelle meldet die Justizdirektion des Kantons Zürich: „Untersuchungsbericht Jürg Jegge liegt vor“. Und an achter Stelle spricht die „Aargauer Zeitung“ vom „gefallenen Starpädagogen“. Wer sich auf Wikipedia ein möglicherweise etwas differenzierteres Bild machen möchte, findet dort dann folgende Ausführungen…
Im April 2017 veröffentlichte Jegges ehemaliger Schüler Markus Zangger zusammen mit dem Journalisten Hugo Stamm das Buch „Jürg Jegges dunkle Seite“, in dem er ihm jahrelangen psychischen und sexuellen Missbrauch vorwirft. Hierauf führte die Staatsanwaltschaft eine Untersuchung mit Hausdurchsuchung und Befragungen durch. In ihrer Medienmitteilung vom 5. Oktober 2017 gab die Staatsanwaltschaft bekannt: „Nach intensiven Ermittlungen und Befragungen von Personen, die als Jugendliche mit dem Beschuldigten Kontakt hatten, kam die Staatsanwaltschaft zum Schluss, dass gemäss Angaben der befragten Personen keine oder bereits verjährte strafbare Handlungen stattgefunden hatten.“ Sie stellte das Verfahren ein, die Kosten wurden Jegge auferlegt… Nach dem Erscheinen des Buches hatte auch die Bildungsdirektion des Kantons Zürich einen Untersuchungsbericht in Auftrag gegeben, der 2018 veröffentlicht wurde. In diesem Bericht wurden sämtliche relevanten Akten gesichtet und Gespräche mit den involvierten Personen geführt. Im Bericht steht, es enthalte „kein einziger Protokollvermerk auch nur eine Andeutung, dass Missbrauchsverdacht bestanden haben könnte. Aber aus zahlreichen Protokollvermerken geht hervor, dass über den Unterrichtsstil von Jegge sehr intensiv und ebenso kontrovers diskutiert wurde, und dies über Jahre.“ Den damaligen Behörden sei allenfalls vorzuwerfen, dass sie Jegge „zu grosse Freiheiten zugestanden“ hätten… Jegges Hauptverlag Zytglogge hatte gleich nach Bekanntwerden der Vorwürfe alle seine noch erhältlichen Bücher aus dem Programm genommen. An deren Stelle publizierte der Verlag 2018 ein Buch mit dem Titel „Ist Dummheit lernbar? Re-Lektüre eines pädagogischen Bestsellers“, in dem Jegges Buch einer teilweise geradezu furiosen Kritik unterzogen wurde, mit Beiträgen von insgesamten elf Autorinnen und Autoren, darunter so prominente Namen wie Jürgen Oelkers oder Peter Schneider. Im Vorwort des Buches schreibt Mitherausgeber Damian Miller, „Dummheit ist lernbar“ entspräche den „Stilmerkmalen des Volksmärchens“, was weitgehend eine Erklärung sei für die Attraktivität dieses Buches.
Die Rechnung Natalie Ricklis und aller anderen, denen dieser unbequeme, zugleich aber höchst erfolgreiche Pädagoge schon lange ein Dorn im Auge gewesen war, ist aufgegangen: Jürg Jegges Ruf wurde komplett ruiniert, aber nicht nur sein persönlicher Ruf, sondern im gleichen Aufwisch die gesamte Reformpädagogik der Sechziger bis Achtziger Jahre. Wer heute nach Informationen zu Jürg Jegge, seinem Buch „Dummheit ist lernbar“ und zu den Inhalten der Reformpädagogik sucht, trifft an erster Stelle bzw. fast ausschliesslich auf angeblichen sexuellen Missbrauch Jugendlicher und erfährt nichts mehr darüber, dass Jürg Jegge ein hervorragender Pädagoge war, wie kein anderer das Selbstvertrauen seiner Schülerinnen und Schüler zu stärken vermochte und selbst Jugendliche, die miserable Schulkarrieren hinter sich hatten, überaus erfolgreich in ihr zukünftige Berufsausbildung hineinführen konnte – so manche spätere Erfolgsgeschichte „gescheiterter“ Jugendlicher, sowohl was Beruf wie auch Privatleben betrifft, verdankten sie diesem Lehrer, einem wahren Lern- und Lebensbegleiter, der unermüdlich an das Gute im Menschen glaubte und sich stets an den Stärken und nicht an den Schwächen der ihm anvertrauten jungen Menschen orientierte. Man erfährt auch nichts mehr über sein Buch „Dummheit ist lernbar“, das man auch heute noch geradezu als eines der Standardwerke schweizerischer pädagogischer Literatur bezeichnen müsste, ist die darin aufgezeigte Kritik an einem Schulsystem, das sich viel zu stark auf die Defizite von Kindern und Jugendlichen ausrichtet und dem es viel zu wenig gut gelingt, das immense Begabungspotenzial, das in jedem Kind von Anbeginn seines Lebens schlummert, umfassend auszuschöpfen, auch und ganz besonders heute noch hochaktuell.
Die Demontage von Jürg Jegge und die Diffamierung der gesamten Reformpädagogik, alles zusammen in den gleichen Topf geworfen, ist richtiggehend ein Lehrstück dafür, wie unbequeme, nicht an die herrschende Norm angepasste Menschen und von ihnen entwickelte, gelebte und in die Praxis umgesetzte Innovationen, die gängigen Wertvorstellungen zuwiderlaufen bzw. ihrer Zeit weit vorauseilen, systematisch zerstört und ihrer gesellschaftlichen Relevanz beraubt werden können. Am Ende stehen nicht die am Pranger, welche mit Unterstellungen, dem Schüren von Feindbildern, Schuldzuweisungen und blossen Verdächtigungen dringende gesellschaftspolitische Fortschritte und Innovationen blockieren und unterdrücken, sondern ausgerechnet jene, welche sich mit Liebe und Leidenschaft für eine bessere und menschlichere Zukunft engagieren. Fast wie im 17. und 18. Jahrhundert bei den Hexenprozessen, bei denen nicht die Folterer und Mörder unschuldiger Frauen am Pranger standen und verurteilt wurden, sondern ihre Opfer, deren einziges „Verbrechen“ darin bestand, tiefere Kenntnisse über das Wirken natürlicher Heilkräfte gehabt zu haben, was in zu grossem Widerspruch stand zu den Erkenntnissen aus den Anfängen „moderner“ Wissenschaften.
Wie sehr sich unter dem öffentlichen Druck selbst Erziehungs- und Bildungsverantwortliche, die vorher von Jürg Jegge und seinen Ideen voller Begeisterung gewesen waren, nun nach und nach von ihm abzuwenden begannen und ihre Ansichten gleich Windfahnen wechselten, zeigt folgender Kommentar von Heinz Moser im „Infosperber“ vom 24. Oktober 2017, einem im Allgemeinen durchaus kritischen und differenzierten Publikationsorgan. Zu Jürg Jegges Hauptwerk „Dummheit ist lernbar“ äusserte sich Moser wie folgt…
Hinweise zu Handlungen, die mit Missbrauch und sexuellen Übergriffen verbunden sein könnten, finden sich im Buch keine. Erst aus der Rückschau wird es einem unbehaglich, wenn man liest, wie Jegge die Lehrperson – und damit auch sich selbst – überhöht. Denn Jegge vertritt eine problematische Beziehungspädagogik. Sie kommt zum Tragen, wenn bei Kindern alle Versuche zum Aufbau tragfester Beziehungen gescheitert sind. Jegge wörtlich: „Ich habe dem Kind nun beim Aufbau dieser Beziehung zu helfen. Das klingt sehr schön, aber was heisst das konkret?“ Er beantwortet dies gleich selbst damit, dass der Lehrer jetzt eine Art „Dreierrolle“ Lehrer/Therapeut/älterer Kamerad einzunehmen habe. Damit dürften Lehrpersonen jedoch vollständig überfordert sein: Lehrpersonen sind Fachleute für das Unterrichten. Dazu benötigen sie zwar psychologische Kenntnisse. Aber sie sind keine Therapeuten. In der Vermischung dieser Rollen liegt sicher eine der Ursachen, die den Missbrauch begünstigten – vor allem wenn dann auch noch der Unterschied zwischen Lehrer und Schüler zur Kameradschaft umgedeutet wird. Da plaudert dann Jegge in seinem Buch: „Natürlich werde ich nicht sagen: ‚Komm einmal her, wir machen jetzt ein Seelenstündlein‘. Aber es gibt ja genug Gelegenheiten: Kasten aufräumen, Schulzimmer in Ordnung bringen. Mithelfen bei Vorbereitungen für bestimmte Unterrichtseinheiten, im Lager usw. Es gibt auch Schüler, die sich schlicht bei mir zum Kaffee einladen“. Offensichtlich hat es Jegge versäumt, für sich selbst klar festzulegen, welches die Grenzen solcher „Gelegenheiten“ sind.
Was bitte, soll daran „problematisch“ sein, wenn ein Lehrer die Rolle eines „Therapeuten“ oder „älteren Kameraden“ einnimmt? Gegenseitiges Vertrauen und eine auf Wertschätzung und Zuwendung basierende Beziehung zwischen dem Kind und seiner „Erziehungsperson“ bilden doch – dies ist sogar wissenschaftlich längst erwiesen – eine der wesentlichsten Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen und eine positive Persönlichkeitsentwicklung, im Besonderen für Kinder und Jugendliche, die wenig Selbstvertrauen und Glauben an ihre eigenen Stärken haben, und genau mit solchen Jugendlichen hatte es Jegge in seiner Tätigkeit vor allem zu tun. Lehrpersonen sollen damit „überfordert“ sein? Was für ein Unsinn, genau das ist doch ihr beruflicher und gesellschaftlicher Hauptauftrag, der allerdings von nicht wenigen Lehrpersonen oft viel zu wenig wahrgenommen wird. Lehrer sollen „keine Therapeuten“ sein? Was ist denn das für ein Verständnis einer therapeutischen Beziehung. Jede Personen, die für eine andere Person Verantwortung übernimmt und sich wertschätzend um die Bedürfnisse und Entwicklung dieser Person kümmert, übernimmt damit doch automatisch eine Art „therapeutischer“ Funktion, was soll daran falsch oder schlecht sein? Die „Vermischung“ von Rollen sei zu vermeiden? Wie soll das gehen? Ein Mensch begegnet doch immer einem anderen Menschen in seiner Ganzheit, sonst ist er nicht authentisch. Das hier geforderte „Trennen“ von Rollen kann sogar höchst problematische Folgen haben, so wie das auch von neueren Studien belegt wird: Weil Kinder ihre Lehrpersonen meist in der Rolle derer erleben, von welchen sie geprüft, kontrolliert, bewertet oder oft sogar bestraft werden, wenden sich Kinder und Jugendliche, wenn sie ein persönliches, sie belastendes Problem haben, kaum je an ihre Lehrerinnen oder Lehrer, weitaus häufiger holen sie sich bei ihren Klassenkolleginnen oder Klassenkollegen Rat. Das ist dann das Resultat, wenn sich ein Lehrer bloss für eine der möglichen Rollen entscheidet und nicht stets in seiner Ganzheit und Authentizität dem Kind gegenübertritt. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an das vielleicht schönste Kompliment, das mir eine Schülerin vor vielen Jahren einmal machte, als sie sagte: „Sie sind nicht ein Lehrer, Sie sind ein Mensch!“ Es muss ja schon sehr zu denken geben, wenn für viele Schülerinnen und Schüler ein Lehrer und ein Mensch nicht das Gleiche sind. Und weiter: Das fehlende Trennen von Rollen soll „Missbrauch begünstigen“? Wiederum eine völlig aus der Luft gegriffene Schlussfolgerung. Echte Zuwendung, Wertschätzung, Liebe in einem umfassenden Sinne, wie sie auch von Pestalozzi so eindringlich gefordert wurde, hat doch nichts zu tun mit „Missbrauch“. Ganz im Gegenteil: Von „Missbrauch“ müsste man eigentlich eher dann sprechen, wenn ein Lehrer seine Rolle als „Erzieher“ dazu missbraucht, in Form von Strafen, Herabwürdigung, fehlender Wertschätzung gegenüber den ihm anvertrauten Kindern und Jugendlichen Macht auszuüben, die er nur deshalb in Anspruch nimmt, weil er älter ist und die Privilegien des „Vorgesetzten“ bzw. „Übergeordneten“ geniesst, zum Beispiel, wenn er selber ganz selbstverständlich, was gang und gäbe ist, nach der Pause zehn Minuten zu spät in den Unterricht kommt, seinem Schüler aber, der das Schulzimmer nur eine Minute zu spät betritt, eine saftige Strafe aufbrummt. Und mit den Vorschlägen, gemeinsam mit dem Schüler einen Kasten aufzuräumen oder gar – oh Schreck! – einen Kaffee zu trinken, soll Jegge es „versäumt* haben, für sich selbst „klar festzulegen“, welches die „Grenzen solcher Gelegenheiten“ sind? Das ist nun schon dermassen absurd, dass man eigentlich nur noch lachen kann. Aber eigentlich ist es nicht lustig. Um Jürg Jegge von seinem „Thron“ zu stürzen, brauchte es nicht nur politische Hardliner wie die SVP-Frau Natalie Rickli, sondern auch all jene früheren Weggefährten, die jetzt, wenn es ihnen selber an den Kragen gehen könnte, den Kollegen von früher wie eine heisse Kartoffel fallen lassen und ihnen dabei jedes noch so absurde Argument noch so gelegen kommt.
Führen wir uns den Auszug aus dem im Jahre 2018 von der Bildungsdirektion des Kantons Zürich veröffentlichten Untersuchungsbericht zum „Fall“ Jürg Jegge noch einmal vor Augen, er besagt eigentlich alles: In diesem Bericht wurden sämtliche relevanten Akten gesichtet und Gespräche mit den involvierten Personen geführt. Im Bericht steht, es enthalte kein einziger Protokollvermerk auch nur eine Andeutung, dass Missbrauchsverdacht bestanden haben könnte. Aber aus zahlreichen Protokollvermerken geht hervor, dass über den Unterrichtsstil von Jegge sehr intensiv und ebenso kontrovers diskutiert wurde, und dies über Jahre. Den damaligen Behörden sei allenfalls vorzuwerfen, dass sie Jegge zu grosse Freiheiten zugestanden hätten. Im Klartext: Die Missbrauchsvorwürfe hatten sich bereits 2018 in Nichts aufgelöst. Diese Tatsache aber genügte offensichtlich nicht für die Rehabilitation von Jürg Jegge. In den Medien, in der Öffentlichkeit, in unseren Köpfen haben Verdächtigungen, Verleumdungen und negativ geschürte Emotionen tiefere und bleibendere Spuren hinterlassen als die Tatsachen. Im nächsten Satz heisst es, über Jegges Unterrichtsstil sei „intensiv“ und „kontrovers“ diskutiert worden, und dies „über Jahre“. Das ist nicht in Frage zu stellen, hat aber nichts zu tun mit den Missbrauchsvorwürfen, sondern einzig und allein mit der Tatsache, dass Jegge den Mut und den Weitblick besass, ein Schulsystem zu kritisieren, das sich aus seiner – zutiefst pädagogischen Sicht – viel zu wenig an den tatsächlichen Lern- und Lebensbedürfnissen von Kindern und Jugendlichen orientiert. Wenn den Behörden „allenfalls vorzuwerfen“ ist, sie hätten Jegge „zu grosse Freiheiten“ zugestanden, so hat auch diese Aussage wohl kaum etwas mit den möglichen – und wahrscheinlich gar nicht vorhandenen – sexuellen „Verfehlungen“ zu tun, sondern damit, dass er sich, aus seinem pädagogischen Verantwortungsgefühl heraus, immer wieder gezwungen sah, an die Grenzen schulischer Systemzwänge zu gehen und manchmal auch darüber hinaus, und sich die „Systembewahrer“ logischerweise gewünscht hätten, einem solchen „widerspenstigen“ Lehrer engere Grenzen zu setzen, was freilich nicht nur das Schicksal Jürg Jegges ist, sondern auch sämtlicher anderer Lehrerinnen und Lehrer, die aufgrund ihrer pädagogischen Wertehaltung unweigerlich früher oder später mit dem herrschenden Schulsystem in Konflikt geraten.
Und so ist die Welt wieder in Ordnung. Der störrische Lehrer, der „Lehrer der Nation“, ist zum „Unhold der Nation“ geworden. Bravo! Nun können die Lehrerinnen und Lehrer wieder Schlüssel in die Gesichter ihrer Schülerinnen und Schüler werfen, ihnen Kollektivstrafen aufbrummen, sie zu Zwangsarbeit in ihrer Freizeit verknurren und sie so brutal klein machen, dass sie ihr ganzes Selbstwertgefühl verlieren. Und niemand schreit auf. Aber wehe, ein Kitaangestellter beugt sich zu tief über ein Kind, um es aufzuwecken, oder kommt gar auf den perversen Gedanken, ein Kind auf seinem Schoss sitzen zu lassen, während er ihm aus einem Bilderbuch erzählt…
Es sind genau 50 Jahre her, als Jürg Jegge sein Buch „Dummheit ist lernbar“ veröffentlichte. Es lag damals viel Hoffnung in der Luft, das Schulsystem könnte sich in der Richtung weiterentwickeln, wie Jegge es in seinem Buch skizzierte. Diese Hoffnung hat sich inzwischen leider zerschlagen. Heute befindet sich das einst gefeierte Werk des mittlerweile von seinem „Thron gestossenen Lehrers der Nation“ auf der Abschussliste, vielleicht noch auf den hintersten Regalen eines Buchantiquariats und man muss schon dankbar dafür sein, dass man es überhaupt noch käuflich erwerben kann. Öffnet man die Webseite des „Zytglogge-Verlags“, in dem Jegges Buch, das inzwischen über 200’000 Mal verkauft wurde und dabei nur von Alexanders Neills‘ Beststeller „Antiautoritäre Erziehung“ übertroffen wurde, erstmals erschien, kann man Folgendes lesen…
Nachdem bekannt wurde, dass Jegge Schüler sexuell missbraucht hat, sucht man immer wieder nach Erklärungen, wieso „Dummheit ist lernbar“ zur Geburtsurkunde eines „neuen Pestalozzi“ werden konnte. Die grosse Bekanntheit, breite Akzeptanz und die unkritische Auseinandersetzung mit dem Buch nähren die Annahme, dass „Dummheit ist lernbar“ die Leserinnen und Leser von links bis rechts faszinierte, trotz der darin enthaltenen vernichtenden Lehrer- und Schulkritik. Was aber hat diese Faszination und Bewunderung ausgelöst?
Krasser lässt sich der „Wertewandel“, der in diesen 50 Jahren stattgefunden haben muss, wohl nicht erahnen. Der gleiche Verlag, der das Buch damals veröffentlichte und in allen Tönen anpries, fragt sich heute, 50 Jahre später, nach den Gründen dieser damaligen, also auch seiner eigenen, Faszination. Es hätte, so der Verlag, damals an einer „kritischen Auseinandersetzung“ mit dem Buch gefehlt. Doch wer hätte diese vornehmen sollen, wenn nicht der Verlag selber, der das Buch ja dann konsequenterweise gar nicht hätte veröffentlichen dürfen. Endgültig entlarvend ist der Vorwurf, das Buch enthalte eine „vernichtende Lehrer- und Schulkritik“. Kritisches Hinterfragen etablierter Machtsysteme, vor 50 Jahren offensichtlich noch eine Art Tugend – sonst hätte das Buch wohl kaum einen derartigen Erfolg feiern können -, wird heute als „Vernichtung“ bezeichnet.
Zum Glück steht auf meinem Bücherregal noch ein schon etwas vergilbtes Exemplar dieses „Teufelswerks“. Ich schlage es auf und beginne es wieder zu lesen. Und bin noch immer genauso fasziniert wie vor 50 Jahren…
„Wenn wir Leseaufgaben bekamen, machte ich sie überhaupt nicht mehr“, erzählt Ruedi, „denn ich dachte ja, ich sei dumm, für was also lernen. So verlor ich langsam mein Selbstvertrauen. Wenn es in der Schule so weitergehen würde, was würde ich wohl für einen Beruf erlernen können? Wenn ich daran dachte, war ich seelisch einfach fertig. Als ich das nächste Mal ein Zeugnis bekam, stand darin: Versetzung in die Sonderklasse B. Da sagte mein Vater: „Mit dir ist alles verloren.“… Fritz war in seiner Klasse immer der Letzte, der Dümmste. Sogar seine Zeichnungen wurden zusehends ärmer, er hatte keine Freude mehr, nicht einmal mehr am Zeichnen, und schliesslich behauptete er, überhaupt nichts zu können. So sass er Tag für Tag in der Schule und hatte unvorstellbare Angst: Angst, „dranzukommen“, Angst, etwas nicht zu können, Angst, ausgelacht zu werden, Angst, eine Strafe zu erhalten. Er erzählte später, er hätte oft nächtelang nicht geschlafen. Aus Angst. Nun sitzt er in der Sonderklasse, völlig überzeugt, dass er nichts kann und nie etwas können wird. Er hat sich selbst aufgegeben… Ein Kind, das wirkliche Geborgenheit, wirkliche Sicherheit erlebt, weiss sich um seiner selbst willen geliebt. Es hat die Gewissheit: Man mag mich leiden, so wie ich nun eben bin. Viele Kinder haben ebendieses Bewusstsein nicht entwickeln können. Ob sie akzeptiert werden, hängt davon ab, ob es ihnen gelingt, den herrschenden Verhaltens- und moralischen Normen zu entsprechen… So finden sich unter „frechen“, „verhaltensauffälligen“ usw. Schülern sehr viele ängstliche, unglückliche Kinder, die nur eines suchen: Sicherheit, Geborgenheit, Liebe. Aber sie wissen ihr Bedürfnis nicht anders auszudrücken als durch Frechheit… Selbstaufgabe kann sich auf zweierlei Arten äussern. Ein Mensch kann den Kontakt mit seiner Umwelt auf ein Minimum beschränken oder ganz aufgeben und sich völlig in sich selbst zurückziehen. Er kann aber auch auf andere Weise aus den zwischenmenschlichen Beziehungen aussteigen. Eben, indem er beispielsweise kriminell wird. Auf den Trümmern seines Ich baut er gewissermassen eine zweite, negative Identität auf; „So werde ich doch wenigstens ein guter Gauner.“ In beiden Fällen ist der Ausgangspunkt derselbe. Er hat es völlig aufgegeben, aus sich selbst noch irgend etwas Positives zu machen… Die Beschränkung sogenannter „lernschwacher“ Kinder ist keineswegs Schicksal. Sie ist das Resultat eines Prozesses, bei dem die Kinder in ihrer Entfaltung behindert und eingeschränkt wurden, durch sozio-kulturelle und seelische Faktoren… Man mag mich wegen meiner Kritik an der Schule einen Nestbeschmutzer nennen, doch wer das tut, beweist damit höchstens, dass er Veränderungen gegenüber grundsätzlich negativ eingestellt ist. Denn einer Schule, die nicht kritisiert werden darf, wird offenbar keine Entwicklungsfähigkeit zugetraut…
Jeder und jede, die Jegges Buch liest, mag selber entscheiden, ob es sich dabei um eine Form von „Vernichtung“ handelt, wie es der Zytglogge-Verlag auf seiner aktuellen Website schreibt, oder ob der damalige Erfolg des Buches bloss damit zu erklären ist, dass es, wie Damian Miller in seinem Jegge-Verriss behauptet, im „Stile eines Volksmärchens“ geschrieben ist, oder es sich bei diesem Buch doch nicht viel eher um ein pädagogisches Standardwerk handelt, das seine Aktualität und Dringlichkeit bis heute nicht verloren hat und gerade in der heutigen Zeit, da sich das bestehende Schulsystem immer tiefer in seine eigenen Widersprüchlichkeiteb verstrickt und immer schmerzlicher an seine Grenzen gelangt – nicht nur für die Kinder und Jugendlichen selber, sondern auch für die Eltern, die Lehrerinnen und Lehrer und die Schulbehörden -, unbedingt von möglichst vielen Lehrerinnen, Lehrern sowie allen anderen im Schul- und Erziehungswesen Tätigen wieder neu gelesen werden müsste.
Zurück zum Anfang des Artikels, in dem ich von der teilweise geradezu überrissenen moralischen Empörung sprach bei nur geringsten Hinweisen auf möglicherweise pädophiles Verhalten von Erziehungspersonen bei gleichzeitig nahezu völliger Blindheit gegenüber anderen, von Erwachsenen gegenüber Kindern und Jugendlichen ausgeübten Formen von Gewalt, bei denen kaum jemand auf den Gedanken kommt, sie als „krankhaft“ oder „pervers“ zu bezeichnen. Dann sprach ich davon, dass auf dem Hintergrund dieses Zeitgeists moralischer Empörung das Lebenswerk eines der bedeutendsten Schweizer Pädagogen systematisch zerstört wurde, ohne dass bis heute jemals auch nur annähernd eine Rehabilitation stattgefunden hätte. Im Gegenteil: Wahrscheinlich lesen heute mehr Menschen den Verriss von Jegges Buch als das Buch selber und machen sich über das Buch lieber ein Bild aufgrund dessen, was andere über Jürg Jegge sagen und schreiben, als aufgrund dessen, was er selber gesagt und geschrieben hat. Von der Reformpädagogik selber gar nicht zu reden, dafür interessiert sich ja heute sowieso kein Schwein mehr, ist sie doch mittlerweile etwa in gleich verallgemeinernder und fahrlässiger Art und Weise mit dem Ruch von Pädophilie verknüpft wie etwa auch der Begriff „Ausländer“ mit dem Begriff „Kriminalität“ verknüpft ist. Obwohl man, würde man diese Vorurteile und Feindbilder beiseite schieben, schnell einmal entdecken würde, dass genau in der Reformpädagogik der Sechziger bis Achtziger Jahre all jene Ansätze zu finden sind, welche das heutige Schulsystem für eine pädagogische Erneuerung dringendst brauchen könnte.
Moralische Empörung, die übers Ziel hinausschiesst. Normalisierung vielerlei Formen alltäglicher Gewalt. Willkürliche, von den jeweils herrschenden Machtverhältnissen abhängige Definition betreffend „perverse“ oder „normale“ menschliche Verhaltensweisen. Anpassungen und Verbiegungen moralischer Grundwerte je nach Zeitgeist. Wortgläubigkeit. Kritisches Übernehmen von Meinungen und Behauptungen über Menschen, die man selber gar nicht kennt. Verallgemeinerungen. Jürg Jegge hatte schon Recht: Dummheit ist lernbar. Das wirklich Dumme ist nur, dass wir in diesen 50 Jahren, seit dieses Buch erschien, nicht viel weiter gekommen zu sein scheinen. Zumindest nicht so weit, wie wir mit permanenter Selbstkritik, Unvoreingenommenheit und Wahrheitsliebe im Verlaufe von 50 Jahren eigentlich hätten kommen können.
Entscheidend ist, aus welcher Himmelsrichtung du kommst: Doch die Blumen, die Fische im Meer und die Wolken am Himmel erzählen eine ganz andere Geschichte…
Peter Sutter, 2. Juni 2026

Wie, von wo und aus welchen Gründen Menschen in die Schweiz kommen, was sie hier suchen, was sie hier finden, ob sie hier ankommen oder nicht, ob sie hier bleiben dürfen oder nicht und wenn ja, unter welchen Bedingungen sie hier dann leben – das soll an folgenden Beispielen, die ausnahmslos auf Tatsachen beruhen, aufgezeigt werden. Einige dieser Menschen kenne ich persönlich, die Geschichten anderer habe ich diversen Zeitungsberichten entnommen. Die Namen sind alle geändert.
Cindy, eine der jährlich rund 100’000 aus beruflichen Gründen in die Schweiz kommenden Ausländerinnen und Ausländern, stammt aus Michigan, USA. Sie hat einen Universitätsabschluss in Risk and Compliance Management. Als sie anfangs April 2026 nach der Ankunft in Kloten aus dem Flugzeug steigt, um eine Woche später ihren Job in einer Zürcher Bank anzutreten, wird sie von zwei Mitgliedern der Swiss Association of Relocation Agents herzlichst begrüsst. Die Aufgabe der bei dieser Organisation tätigen sogenannten „Relocatorinnen“ besteht darin, internationalen, vorwiegend aus den USA stammenden sogenannten „Expats“ ihr Einleben in der Schweiz so angenehm und leicht wie möglich zu gestalten. Sie helfen bei der Wohnungssuche, bei der Suche nach einem Hausarzt und organisieren für die Kinder einen Platz an einer geeigneten Schule, wenn möglich an einer der International Schools, die für die Bedürfnisse von Expats optimal zugeschnitten sind. Oft melden Einreisende schon zum Vornherein ihren Wohnungswunsch ganz konkret und nennen das gewünschte Quartier oder gar die gewünschte Strasse, worauf die Relocatorinnen alle Hebel in Bewegung setzen, um die entsprechende Wohnung sicherzustellen, das Geld spielt meistens keine Rolle. Auf speziellen Wunsch wird auch schon vor der Ankunft die Anmeldung zu einem Golf- oder Segelclub vorgenommen. Die mittlerweile 50 im Raum Zürich tätigen Relocation-Anbieter versprechen, sich auch um jeden noch so ausgefallenen Wunsch ihrer Kundschaft zu kümmern. So zum Beispiel im Fall einer Kundin aus Miami, die für vier Wochen in die USA zurückgeflogen war und der nach ihrer dortigen Ankunft mit Schrecken einfiel, die Oleandersträucher auf der Terrasse ihrer Zürcher Wohnung könnten angesichts der nahenden Wintertemperaturen erfrieren. Unverzüglich organisierte die für sie zuständige Relocatorin eine Gartenbaufirma, die mit einem Kran die schutzbedürftigen Sträucher von der Terrasse holte und sie für den Winter einlagerte, zudem konnte sie mit dem Arbeitgeber der betroffenen Frau die Übernahme der angefallenen Kosten regeln. „Die meisten Expats“, so eine schon seit mehreren Jahren als Relocatorin tätige Zürcherin voller Begeisterung, „fühlen sich dank unserem Engagement in der Schweiz megahappy.“
Daryna ist eine von rund 60’000 Ukrainerinnen und Ukrainern, die im März 2022, nach dem Ausbruch des Kriegs zwischen Russland und der Ukraine, mit ihrer vierzehnjährigen Tochter in die Schweiz gekommen ist, dank der schnell und unbürokratisch von der Schweizer Regierung erlassenen Gewährung eines ausschliesslich für Menschen aus der Ukraine geltenden Sonderstatus S, was nichts anderes bedeutete als eine generelle Aufenthaltsbewilligung für Menschen aus diesem Land, ohne dass im Einzelnen abgeklärt wurde, ob sie aus einem besonders gefährdeten Gebiet kamen oder nicht. Daryna und ihre Tochter fanden sogleich eine Schweizer Gastfamilie, die sie mit offenen Armen empfing. Am selben Ort, wo sie sich niederlassen konnten, bestand auch bereits eine ausschliesslich für ukrainische Flüchtlinge gegründete Hilfsorganisation, welche Daryna und ihre Tochter mit Kleidern und anderen Gütern täglichen Bedarfs versorgte, einen Ausflug mit Zug- und Schifffahrt für sie und auch alle anderen in der Region lebenden Flüchtlinge aus der Ukraine organisierte, ein Malatelier, ebenfalls ausschliesslich für Flüchtlinge aus der Ukraine, einrichtete und sich um die Aufnahme ukrainischer Kinder in die Dorfschule kümmerte, zudem stellten sich mehrere pensionierte Lehrerinnen und Lehrer zur Verfügung, um ukrainischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen unentgeltlich Deutschstunden zu geben. Im Frühjahr 2027 werden die meisten für Ukrainerinnen und Ukrainer ausgestellten S-Bewilligungen mehr oder weniger automatisch in B-Bewilligungen und somit ein dauerhaftes Bleiberecht in der Schweiz übergehen, ohne dass hierfür auch nur eine einzige Voraussetzung erfüllt werden müsste, die für Flüchtlinge aus anderen Ländern üblich sind.
Jalila wurde im Jahre 2002 in Pakistan geboren, wohin ihre aus Afghanistan stammende Familie ein Jahr zuvor wegen des Kriegs in ihrem Heimatland geflüchtet war. Kurz nach der Geburt verstarb ihre Mutter, ihr Vater war bereits zwei Monate zuvor bei einem Terroranschlag ums Leben gekommen. Das elternlose Kind und ihr Bruder wurden sodann von Verwandten aufgenommen, bekamen aber von klein auf zu spüren, dass sie nicht „richtige“ Familienmitglieder waren: Für kleinste Vergehen wurden sie immer wieder mit Prügeln und Nahrungsentzug bestraft. Als Jalila fünfzehn Jahre alt war, sah sich die Familie aufgrund zunehmend unerträglicher Lebensverhältnisse, Hunger und Verfolgung durch rivalisierende Stämme in der Nachbarschaft gezwungen, sich erneut auf die Flucht zu begeben, diesmal über den Iran, die Türkei, Griechenland, Italien bis in die Schweiz, wo die Familie im Herbst 2018 das Recht auf Asyl erhielt und seither hierzulande einigermassen Fuss gefasst hat. Doch auch heute noch, acht Jahre später, wird Jalila Nacht für Nacht von ihren Erinnerungen an jene Zeit verfolgt: All jene Nächte im Flüchtlingscamp auf der Insel Lesbos, die Schreie der Kinder, die im Dunkeln der Nacht vergewaltigt wurden, jener frühe Morgen, als das ganze Lager blitzartig in Brand geriet und sie nur mit einem Riesenglück überlebten, die folgenden Tage im Regen und in der Kälte, zerschmetterte Körper, abgetrennte, auf der Meeresoberfläche treibende Beine oder Arme, nachdem eines der Flüchtlingsboote zwischen Griechenland und Italien gekentert war. Doch das Schlimmste bleibt für Jalila bis heute die Trennung von ihrer besten, ebenfalls aus Afghanistan stammenden Freundin Afia, die sie im Flüchtlingslager von Lesbos kennengelernt hatte. Afia war für Jalila der allererste Mensch, dem sie alles erzählen konnte, was ihr an Gewalt, Trauer, Einsamkeit, Schmerzen und Hoffnungslosigkeit von klein auf widerfahren war. Der erste Mensch, der ihr richtig zuhörte. Der erste Mensch, der ihr Mitgefühl entgegenbrachte und mit dem sie alles noch so Schlimme teilen konnte. Und auch Afia hatte in Jalila zum ersten Mal in ihrem Leben jemanden gefunden, dem sie all das mitteilen konnte, was sie bisher nur für sich alleine behalten und in sich hineingefressen hatte: Die frühesten Kindheitserinnerungen an den gewalttätigen Onkel, der sie immer so grob anfasste, wenn gerade niemand schaute, um dann gleich wieder seine scheinheilige Sanftmut an den Tag zu legen, sobald sich jemand anders zeigte; der Hochzeitstag, an dem sie für ewig an einen Mann angekettet wurde, den sie zutiefst hasste, tausend Gäste, denen sie ein strahlendes Gesicht zeigen musste, während ihr Inneres ganze Meere weinte; die vier Tage und Nächte in einem Kellerloch ohne Licht, wo sie rund um die Uhr von einem Dutzend Männer abwechslungsweise vergewaltigt wurde. Doch immer wieder kamen Afia und Jalila auch ins Lachen, liessen ihrer Phantasie über Geschichten von Königinnen, Prinzen und Himmelsgeistern freien Lauf, als würden sie sich auf Wolken schwingen, um all die schlimmen Erinnerungen zu verscheuchen und für immer zu vergessen. Und immer wieder kamen sie ins Schwärmen von einer gemeinsamen glücklichen Zukunft, am liebsten in der Schweiz, wo sie zusammen eine Wohnung mieten und jeden Abend so viele Gäste wie möglich einladen und verwöhnen würden. Doch dann wurden ihre Wege von einem Tag auf den andern aufs schmerzlichste auseinandergerissen: Während es Jalila und ihrer Familie gelang, von Lesbos aus nach Italien und in die Schweiz weiterzufliehen, erhielt Afia von den griechischen Migrationsbehörden den internationalen Schutzstatus für Flüchtlinge, wodurch es ihr fortan verwehrt war, in irgendeinem anderen europäischen Land Schutz zu suchen, und sie nun gezwungen war, in Griechenland auszuharren, wo Flüchtlinge 30 Tage nach Abschluss ihres Asylverfahrens jegliche finanzielle Unterstützung durch den Staat verlieren und viele von ihnen, nachdem sie sich erfolglos um Wohnungs- und Jobsuche bemüht haben, auf der Strasse landen, wo nicht wenige von ihnen früher oder später Menschenhändlern zum Opfer fallen und in der Zwangsprostitution landen. Doch die Aussicht, ihr bisher so sehr von Gewalt, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit überschattetes Leben würde nahtlos so weitergehen, war für Afia unerträglich. Nach dem schmerzvollen Abschied von Jalila trachtete sie sogleich nach der nächsten Gelegenheit, Griechenland zu verlassen. Und tatsächlich: Drei Wochen später konnte sie mithilfe eines indonesischen Küchengehilfen im Vorratsraum eines Kreuzfahrtschiffs einen Platz ergattern und traf nach der Ankunft in Italien auf einen polnischen Lastwagenfahrer, der sie hinter einer Ladung Zementsäcke versteckte und auf diesem Weg in die Schweiz brachte, wo sich Jalila und Afia kurz darauf wieder trafen. Als wäre der Himmel auf die Erde gefallen, blühte der Traum von einer gemeinsamen glücklichen Zukunft in der Schweiz wieder auf, noch viel stärker als zuvor. Unverzüglich stellte Afia einen Antrag auf Asyl und war voller Hoffnung, Denn immer wieder hatten in den vergangenen Jahren junge, alleinstehende, schwer traumatisierte Afghaninnen wie Afia auch dann in der Schweiz ein Bleiberecht erhalten, wenn sie über ein griechisches Aufenthaltsrecht verfügten. Doch die in den letzten paar Jahren immer weiter um sich greifenden Verschärfungen in der Schweizer Flüchtlingspolitik haben dazu geführt, dass das, was noch vor zehn Jahren die Regel war, heute zur ganz seltenen Ausnahme gehört: Afias Asylgesuch wurde abgelehnt. Der Traum Jalilas und Afias von einer gemeinsamen glücklichen Zukunft in der Schweiz wurde innerhalb eines einzigen Augenblicks für immer zertrümmert. Da sich Afia in ihrer totalen Verzweiflung weigerte, freiwillig nach Griechenland zurückzukehren, tauchten drei Wochen später im Ausschaffungszentrum, wo man sie untergebracht hatte, ohne jegliche Vorankündigung eines Morgens um fünf Uhr drei Polizisten auf, stürmten in Afias Zimmer, rissen sie aus dem Schlaf und führten sie, als wäre sie eine hochgefährliche Schwerverbrecherin, in Handschellen zum Flugzeug, das sie kurz darauf nach Griechenland zurückbrachte. Ein paar Tage lang war Jalila drauf und dran, ihr zu folgen. Doch dann entschied sie sich, in der Schweiz zu bleiben. Endlose Traurigkeit wird so oder so ihr ganzes zukünftiges Leben überschatten. Entweder, weil sie, wenn sie zu Afia nach Griechenland zieht, selber eine Zukunft ohne jegliche Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben haben wird. Oder aber, bei einem Verbleiben in der Schweiz, das Glück, von dem sie gemeinsam träumten, ihr alleine vorbehalten ist und sie mit der unerträglichen Last weiterleben muss, dass es ihrer besten Freundin wohl für immer versagt bleiben wird.
Asma, 26 Jahre alt, ist eine von derzeit über 20 Millionen Menschen im Sudan, die unter so extremem Nahrungsmangel leiden, dass sie sich keinen Tag lang sicher fühlen können, ob sie den nächsten Tag noch überleben werden. Denn zum Hunger kommt die ständige Angst, unter den Beschuss herumstreunender Mörderbanden zu geraten oder ins Kreuzfeuer der gegeneinander kämpfenden Regierungstruppen auf der einen Seite und der paramilitärischen Rebellenmilizen auf der anderen Seite. Asma lebt zurzeit, zusammen mit weiteren 70’000 Geflüchteten, in einem Lager, wo sie vor drei Wochen eingetroffen ist, nachdem sie einen fast zweiwöchigen Fussmarsch nur knapp überlebt hatte. Unterwegs war sie mehrmals brutal vergewaltigt worden. Ihr siebenjähriger Sohn wurde ihr, nachdem sie sich bis zur totalen Erschöpfung dagegen zur Wehr gesetzt hatte, von zwei schwerbewaffneten Männer entrissen und wird wohl unweigerlich, wie Zehntausende andere, zum Kindersoldaten erzogen, dem nichts anderes übrig bleiben wird, als möglichst viele andere zu töten, um selber am Leben zu bleiben. Ihr zweijähriges Mädchen musste sie tot am Wegrand liegen lassen, die verzweifelten Schreie des sterbenden Kindes dröhnen noch immer in ihren Ohren. Asma ist nur noch Haut und Knochen, nachdem sie sich seit Wochen ausschliesslich von Blättern und Palmfrüchten ernährt hat. Doch auch im Lager fehlt es an allem, seitdem die UNHCR infolge zunehmender Finanzknappheit die Überlebenshilfe von monatlich 11 US-Dollar pro Flüchtling auf 4 US-Dollar reduziert hat und sich auch die finanziellen Mittel aller anderen Hilfsorganisationen immer mehr dem Ende zuneigen. Was nicht nur für die Versorgung mit Nahrungsmitteln katastrophale Folgen nach sich zieht, sondern auch für Hygiene und Gesundheitsversorgung, so dass sich Malaria, Cholera und andere tödliche Krankheiten immer weiter ausbreiten. Und die Schweiz? Das Land, das sich so liebevoll um seine Expats kümmert und von einem Tag auf den andern 60’000 Menschen aus der Ukraine bedingungslos Schutz bot? Die erste Massnahme in Bezug auf den Sudan bestand darin, im Februar 2024 sämtliche Verfahren für Flüchtlinge aus dem Sudan auszusetzen. Erst nachdem das Leiden im Sudan auch weiterhin immer dramatischere Ausmasse annahm und die UNO von der derzeit „weltweit schlimmsten humanitären Krise“ sprach, kam der Bundesrat zehn Monate später auf seinen Entscheid zurück. Bis zur Stunde wurde aber erst einer äusserst geringen Anzahl sudanesischer Flüchtlinge in der Schweiz Schutz gewährt. Die Schweiz verfolgt eine andere Stossrichtung: Ein im November 2025 vom Staatssekretariat für Migration (SEM) mit Ägypten abgeschlossenes Migrationsabkommen zielt darauf ab, dass aus dem Sudan geflüchtete Menschen in Ägypten bleiben und nicht nach Europa weiterziehen. Angesichts der extrem repressiven Asylpolitik Ägyptens bedeutet dies aber nicht viel anderes, als dass die dortigen Zukunftsperspektiven für geflüchtete Sudanesinnen und Sudanesen praktisch bei Null liegen und die meisten von ihnen früher oder später ohnehin zwangsweise wieder in den Sudan zurückgeschafft werden. Immer mehr junge Menschen sehen keinen anderen Ausweg mehr, als sich das Leben zu nehmen, andere unternehmen einen letzten verzweifelten Rettungsversuch, indem sie die gefährliche Reise nach Libyen in Kauf nehmen. Doch das ist dann meistens die definitive Endstation auf der Reise in die Hoffnung, setzt doch die libysche Regierung, ebenfalls unterstützt und finanziert von der EU, alles daran, Flüchtlinge von einer Weiterreise nach Europa abzuhalten, Abertausende vegetieren monate- oder gar jahrelang in notdürftig zusammengebastelten Zelten aus Plastik dahin, andere werden an die Grenze zur libyschen Wüste verfrachtet und dort mit verbundenen Augen ausgesetzt – Angestellte der wenigen dort verbliebenen Hilfsorganisationen finden dann Tage oder Wochen später ihre Leichen, schon halb von Sand überdeckt, verkrüppelte Männer, Kinder und Mütter, die sich bis zum letzten Atemzug aneinander geklammert hatten. Gewiss, die schweizerische Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) hat seit 2023 schon insgesamt 184 Millionen Franken für humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit im Sudan und dessen Nachbarländern bereitgestellt und unterstützt unter anderem auch Organisationen in Ägypten, die Jugendlichen Schutz und Hilfe anbieten. Aber wie klein sind diese Tropfen im uferlosen Meer unbeschreiblichen Elends, für das sich kaum mehr Worte finden lassen. Und endgültig die Sprache muss es einem verschlagen, wenn dann gleichzeitig zu alledem noch zu erfahren ist, dass allein die Schweiz zwischen Januar und September 2025 Gold im Wert von sage und schreibe 27 Milliarden Franken via Arabische Emirate aus dem Sudan importiert hat, mehr als doppelt so viel wie im Durchschnitt der vorangegangenen zehn Jahre. 27 Milliarden Franken innerhalb von neun Monaten, das ist das Fünfeinhalbfache dessen, was die DEZA im Verlaufe von drei Jahren für die Nothilfe im Sudan aufgewendet hat! Und das ist noch nicht alles. Mit den Einnahmen aus dem Goldverkauf, das der Sudan aus westlichen Ländern wie der Schweiz erhält, werden sodann, wie könnte es anders sein, jene Waffen gekauft, die eine stetige Weiterführung des blutigen Bürgerkriegs überhaupt erst ermöglichen. Jetzt müsste nur jemand noch auf die verrückte Vermutung kommen, auch die Schweiz könnte eines jener Länder sein, das in den Sudan Waffen liefert und somit nach dem Geschäft mit dem Gold ein zweites Mal massgeblich wirtschaftlich profitieren würde von all dem Elend in dem gerade von der schlimmsten humanitären Krise der Welt betroffenen Land. Aber nein, es wäre nicht bloss eine Vernutung, es ist Tatsache: Unbemerkt und fern aller Öffentlichkeit gelangen Schweizer Waffen in den Sudan, freilich nicht direkt, das würde einen zu grossen Schrei des Entsetzens auslösen, sondern ganz fein und diskret via Arabische Emirate, sodass niemand etwas davon merkt. Und nun will die Schweizer Regierung allen Ernstes die bisher gültigen gesetzlichen Grundlagen von Waffenexporten noch weiter aufweichen, sodass man dann in naher Zukunft diese Waffen nicht mehr heimlich über Drittstaaten, sondern ganz offiziell direkt mitten in die Kriegsgebiete hinein liefern könnte. Und damit schliesst sich der Kreis. Denn letztlich liegt alles Geld im gleichen Topf. Nur dass man es ihm nicht ansieht, woher es gekommen ist. Aber ganz gewiss wird ein Teil des Geldes, das den Gold- und Waffengeschäften zwischen dem Sudan und der Schweiz und dem Tod Hunderttausender unschuldiger Kinder, Frauen und Männer zu „verdanken“ ist, früher oder später in jenen Kassen landen, aus denen jenes Geld geschöpft wird, mit denen Cindy und allen anderen so willkommenen Expats in der Schweiz auch noch die verrücktesten Wünsche erfüllt werden. Damit sie sich bei uns so richtig „megahappy“ fühlen können.
Kommst du aus dem Westen, bezahlen sie dir sogar einen Kran, nur um die Pflanzen auf deinem Balkon in Sicherheit zu bringen. Kommst du aus dem Norden, darfst du gerne für deinen SUV meinen zweiten Parkplatz benützen und sogar, wenn du magst, mein Ferienhaus oben in St. Moritz. Kommst du aus dem Osten, wirst du dich schon eher mit Stacheldraht, Selbstschussanlagen und Handschellen auseinandersetzen müssen als mit Aperol Spritz oder Freikarten für das Zürcher Opernhaus. Und wenn du halt dummerweise aus dem Süden kommst: Sorry, dann gibt es dich wahrscheinlich gar nicht.
Ist schon klar, rein mathematisch-physikalisch: Wenn sich von den jährlich 100’000 Expats, die in die Schweiz kommen, nicht wenige sogar an bester Lage eine Wohnung leisten können, die manchmal über mehrere Wochen hinweg leer steht, und wenn für 60’000 Ukrainerinnen und Ukrainer Platz in der Grösse einer mittleren Kleinstadt über Nacht zur Verfügung steht und gleichzeitig jährlich weitere 14 Millionen ausländische Touristinnen und Touristen unsere Bergtäler bis in die höchsten Höhen, alle noch verbliebenen Seeufer, Partymeilen und Tanzflächen in Beschlag nehmen, dann bleibt halt für alle anderen nur noch sehr, sehr wenig Platz. Oder gar keiner.
Die Blumen vor meinem Fenster erzählen eine andere Geschichte. Die Samen, denen sie entwachsen sind, kamen ohne jeglichen Unterschied aus allen Himmelsrichtungen, egal ob aus dem Westen, dem Norden, dem Osten oder dem Süden. Haben sich erst einmal die Blumen in ihrer ganzen Pracht entfaltet, sieht man keiner einzigen von ihr an, woher sie gekommen war. Wie man es auch den Vögeln nicht ansieht, die uns jeden Morgen begrüssen, auch nicht den Fischen in den Flüssen, den Seen und dem Meer. Auch nicht den Wolken, die von allen Richtungen in alle Richtungen über den Himmel ziehen. Und auch nicht dem Wasser, das stets wieder dorthin zurückfliesst, woher es gekommen war.
Pony Hütchen auf dem rosaroten Fahrrad: Damit die Welt wärmer wird und die schönen Momente ihre Seltenheit mehr und mehr verlieren….
Peter Sutter, 24. Mai 2026

Pony (Name geändert) war vor 44 Jahren eine meiner Schülerinnen. Gestern hat sie mir Folgendes geschrieben, was mich überaus nachdenklich stimmte und in mir viele schon fast vergessene Fragen neu aufgeworfen hat…
Weniger Privilegierte wie ich haben ständig mit Vorurteilen und schlechtem „Gerede“ zu kämpfen. Wie oft musste ich schon hören „die ist doch selber schuld“ – das tut weh, obschon ich weiss, dass ich vieles selbst verschuldet habe. Nur das „warum“ interessiert niemanden – fast niemanden. Mir geht’s mental gerade nicht so gut – die IV schickte mich wieder zu dieser Beratungsfirma, wo ich schon einmal war. Die machen nichts anderes als Job-Coaching. Na toll, was ich bis jetzt erlebe? Schöne Reden, das kommt schon, wir helfen Ihnen, sie müssen nur Initiative zeigen und motiviert sein. Super – was mach ich denn schon all die Jahre? Oder anders gesagt, was mach ich denn falsch? Liegt es wirklich an mir – oder einfach an der Gesellschaft, an den heutigen Umständen? Was zählt man noch als 59-Jährige! So wie’s aussieht nichts, sofern man nicht den gewünschten Hintergrund, Bildungsstand usw. hat. Chancen geben ist wohl komplett aus dem Gedächtnis vieler gestrichen. Sei es geschäftlich, sei es privat. Ein Volk von geld- und machtgierigen, egoistischen Wesen, die herzlos durch ihr Leben hetzen. Nur den eigenen Nutzen im Kopf… Was ich der Dame von der Beratungsfirma zeigte (letzte Bewerbungen, Zeugnisse), fand sie supertoll – „ja genau so, Sie wissen ja, wie’s geht, Sie machen es genau richtig, aber Sie müssen es halt auch wollen und Willen zeigen!“ Ich fühle mich so frustriert ob all diesen Worten – echte Hilfe ist das keine. Die IV zahlt der Beraterin für dieses Coaching 30 Stunden à CHF 155.-. Terminiert auf ein halbes Jahr. Was dann kommt – sofern ich keinen Job finde, wissen die „Götter“. Auf meine Frage dazu hiess es nur: „Dann schauen wir halt weiter“. Kein Plan in Sicht. Dann noch die Aussage: Sollte ich etwas bekommen, mit Hilfe der IV, bekäme ich 20.- Taggeld pro Arbeitstag. Was für ein Hohn, da könnte auch Wut aufkommen.. Das Job Coaching darf 155.- pro Stunde Aufwand verrechnen und mir gibt man dann 20.- pro Tag?! Ein wenig lächerlich, und der Arbeitgeber müsste dann für mich nicht einmal etwas bezahlen. Das nennt man „Arbeitsversuch“, tönt ja gut, nur muss man erst mal was finden. Sie selber suchen nicht für mich, geben nur Ratschläge und ich darf „Kärtchen“ aussuchen, was meine Kompetenzen sind, etc. Ich komme mir fast vor wie im Kindergarten, dabei bin ich doch schon 59 und weiss inzwischen, was ich kann und nicht kann… So in etwa läuft’s gerade bei mir – jede Woche einen solchen Termin, der mir ausser Frust nicht wirklich etwas bringt. Kein Wunder, ist meine Stimmung gerade im Keller und vergrabe ich mich zuhause vor dem PC. Wenn ich nicht noch ein paar Menschen hätte in dieser eiskalten Welt da draussen, die mich zwischendurch wieder zum Lächeln bringen, ich weiss nicht, was ich täte. Denn die schönen Momente sind wirklich sehr selten geworden…
Ja, liebe Pony. Manchmal scheint mir, die ganze Welt steht auf dem Kopf. „Dankbar“ sollst du sein, wenn dir jemand eine Arbeitsstelle zur Verfügung stellt, damit du arbeiten „darfst“, als wäre das irgendeine Gnade, die man dir dann grosszügigerweise gewähren würde, gleich einem Glücksspiel. Dabei müssten doch, ganz im Gegenteil, all jene, denen du dein Potenzial an Arbeitskraft anbietest, dir dafür dankbar sein, dieses Potenzial, alle deine Begabungen und Ressourcen in Anspruch nehmen zu dürfen. Was für eine verkehrte Welt. Wer gibt denn da und wer nimmt? „Arbeitgeber“ nennt man sie, als würden sie dir etwas geben. „Arbeitnehmerin“ nennen sie dich, als würdest du irgendwem irgendetwas wegnehmen. Dabei ist es doch genau umgekehrt: Du bist die, welche Arbeit gibt, die Firma bzw. dein möglicher zukünftiger Chef ist es, der deine Arbeit nimmt. Wie Recht du hast, wenn du fragst, ob es wirklich nur an dir liege, wenn du arbeitslos bist, oder vielleicht doch eher bei der „Gesellschaft“ und den „Umständen“? Natürlich liegt es nicht an dir, natürlich liegt es einzig und allein an den Umständen. Schau in die Tierwelt: Gibt es „arbeitslose“ Bienen, Ameisen oder Regenwürmer? Natürlich nicht. Leben und Arbeiten wären von Natur aus identisch. Nur der Mensch hat das künstlich getrennt. Indem jene, die genug Geld und Macht besitzen, je nach Gutdünken den einen viel Arbeit „geben“, anderen wenig und wiederum anderen gar keine, als wären es ganz besonders gutmeinende, grosszügige, weitherzige Mitmenschen, denen vor allem das Wohl anderer am Herzen liegt, während sie, welche dir Arbeit „geben“, von der Arbeit, die sie dir in Tat und Wahrheit nehmen, selber am meisten profitieren – bis zu dem Punkt, dass sie eines Tages, wenn sie ein genügend grosses Mass an Arbeit „gegeben“ haben, selber gar nicht mehr arbeiten müssen und dennoch mehr Geld „verdienen“ als all jene, die sich von früh bis spät in Büros, Fabriken, Spitälern, Restaurants, Hotels, auf Baustellen oder Gemüsefeldern für wenig Lohn oft so unerbittlich abrackern müssen, dass sie nicht selten krank werden oder sogar frühzeitig sterben.
Am 18. Mai 1947 stimmte die Schweizer Bevölkerung über die Volksinitiative „Recht auf Arbeit“ ab, laut der folgender Artikel in die schweizerische Bundesverfassung hätte aufgenommen werden sollen: „Das Recht auf Arbeit und deren gerechte Entlöhnung sind zu gewährleisten.“ Nicht verwunderlich, dass die „Arbeitgeber“ aus allen Rohren gegen diese Initiative schossen, hätte die Annahme der Initiative doch zur Folge gehabt, dass man die Menschen nicht mehr im gegenseitigen Kampf um den Zugang zur Arbeitswelt gegeneinander hätte ausspielen und sie in zwei voneinander getrennte Bevölkerungsgruppen hätte aufspalten können, in „Erwerbstätige“ als die gesellschaftlich „Erfolgreichen“ und „Erwerbslose“ als die gesellschaftlichen „Versager“, „Gescheiterten“, „Ausgegliederten“ und „Randständigen“. Und so wurde denn diese Initiative im Mai 1947 mit 68,8 Prozent Neinstimmen von der Schweizer Bevölkerung abgelehnt und ist seither nie mehr auf dem politischen Parkett erschienen, obwohl es doch bei Weitem das Einfachste und Natürlichste wäre und in jedem Ameisenhaufen, jedem Bienenstock und selbst unter Blattläusen und Borkenkäfern als allgemein gültiges Gesetz die „Vollbeschäftigung“ das Selbstverständlichste ist, was man sich nur vorstellen kann. Denn eigentlich ist es ja verrückt, auf die Fähigkeiten und Begabungen einer so riesigen Zahl Menschen zu verzichten und sie brach liegen zu lassen, während man gleichzeitig den anderen Teil der Bevölkerung bis zum Überdruss schuften lässt und wie Zitronen bis zum Äussersten auspresst. Das Gleiche wäre, wenn ein schwerer Karren von nur wenigen Menschen in die Höhe geschoben werden müsste und die anderen, obwohl sie genug stark wären, gezwungen würden, danebenzustehen und nicht mit anpacken zu dürfen.
Leider gibt die Demokratie, so wie sie bei uns die Regel ist, stets den Mehrheiten Recht, während es doch bei allen gesellschaftlichen Fortschritten zunächst stets Minderheiten waren, die mit ihrem Mut zu neuem Denken wichtige Veränderungen in Gang zu bringen vermochten. „Zuerst ignoriert man es“, so Mahatma Gandhi, „dann belächelt man es, dann bekämpft man es und am Ende wird es zur Selbstverständlichkeit.“ Das Recht auf Arbeit ist immer noch auf der ersten Stufe, es wird schlicht und einfach ignoriert. Die im Mai 1947 durch die Mehrheit der Bevölkerung verhängte Denksperre hat uns somit bereits seit fast 80 Jahren den Blick darauf verbaut, dass alles auch ganz anders sein könnte, als es ist, und sich nicht unzählige Menschen wie du, Pony, jahre- oder oft sogar fast lebenslang damit abfinden zu müssen, „überflüssig“ und von niemandem gebraucht zu werden – mit verheerenden Folgen auf das Selbstwertgefühl aller Betroffenen, schlummert doch in jedem Menschen die tiefe Sehnsucht, für andere wichtig zu sein und mit eigener Kraft zum Wohl der Gemeinschaft beizutragen.
Könnte man nicht, nach fast 80 Jahren, trotz alledem noch einmal versuchen, diese Denksperre abzubauen? Eigentlich wäre es sogar ganz einfach. Man müsste das Ganze nur von „unten“ statt von „oben“ anschauen. Von oben, das ist die heutige Realität. Oben, auf den Chefetagen der Konzerne und in den Sitzungszimmern und den Büros von kleineren und grösseren Firmen, wird, aufgrund knallharter Kosten-Nutzen-Berechnung, entschieden, wie viele Arbeitsstellen in diesem oder im anderen Betrieb besetzt werden können, kein Prozentpunkt zu wenig und kein Prozentpunkt zu viel. Da können noch so viele Bewerbungen ins Haus flattern, noch so viele gute Arbeitszeugnisse und Qualifikationen vorliegen und kann die Motivation der Stellenbewerbenden noch so gross sein. Ich kenne eine Zwanzigjährige mit vielen Talenten, die auf tausend Bewerbungen tausend Absagen bekommen hat. Jetzt liegt sie nur noch den ganzen Tag in ihrem abgedunkelten Zimmer im Bett und versucht, sich mit einer IV-Rente knapp über Wasser zu halten.
Alles von „unten“ anzuschauen, würde hingegen bedeuten: nicht von den nackten Gewinn- und Verlustzahlen her, sondern von den Menschen her. Du Pony, das weiss ich, hast viele bemerkenswerte Fähigkeiten und Begabungen, deine Empathie zum Beispiel, dein Interesse an anderen Menschen, deinen Humor und deine Gabe, hinter die Oberfläche der Dinge zu schauen und hinter die Masken jener, die von ihrem eigenen Ich oft mehr verstecken als preisgeben. Irgendwo, da bin ich mir ganz sicher, gibt es einen Platz, wo man genau so einen Menschen wie dich dringend brauchen könnte. Diesen Platz müsste man jetzt suchen und würde ihn gewiss früher oder später auch finden, zum Wohle des betreffenden Betriebs, zum Wohle von dir selber, zum Wohle der übrigen in dieser Firma Arbeitenden und zum Wohle der ganzen Gesellschaft letztlich, die sich dann nicht mehr um diesen riesigen bürokratischen Kram, Arbeitslosenkassen, sinnlose Bewerbungen ohne jegliche Aussicht auf Erfolg und dergleichen kümmern müsste, und auch die unzähligen Therapien, mit denen man kaputte Menschen, die ihr gesamtes Selbstwertgefühl verloren haben, wieder mühsam aufzurichten versucht, all das wäre dann überflüssig. Und es würde nicht einmal mehr kosten, ganz im Gegenteil: Je gleichmässiger alles auf alle verteilt ist und damit sowohl bei den einen der Druck von zu viel Arbeit wie auch bei den anderen die Demütigung durch das Fehlen jeglicher Arbeit wegfallen, umso gesünder werden die Menschen, nicht nur körperlich, sondern vor allem auch seelisch. Und selbst wenn es dann im einen oder anderen Betrieb ein paar Leute „zu viel“ hätte, als es „ökonomisch“ vertretbar erscheinen mag: Es wäre doch ein Leichtes, mit ein bisschen mehr Flexibilität und Solidarität zwischen den einzelnen Firmen finanzielle „Probleme“ solcher Art aufzufangen zugunsten dem Gemeinwohl und dem Wohl jedes Einzelnen.
Weisst du, liebe Pony, eigentlich ist es absolut verrückt. Von Natur aus sind wir alle ohne Ausnahme mit wunderbaren Gaben beschenkt worden. Doch manchmal, und das ist das Tragischste, wissen wir nicht einmal selber, welche Begabungen in uns schlummern. Weil uns andere Menschen, manchmal die eigenen Eltern und sehr oft sogar die Lehrerinnen und Lehrer in der Schule nur immer gesagt haben, was wir nicht können, und kaum je, wozu wir fähig sind, wie schön unsere Stimmen klingen, wie wohl man sich in unserer Gegenwart fühlt, wie geschickt wir sind, was für originelle Ideen wir haben, wie viel wir in einem kurzen Leben schon alles gelernt haben, wie schön wir sind.
Eigentlich, wenn ich es mir so recht überlege, gibt es dich und mich und alle anderen Menschen nicht nur einmal, sondern zwei Mal. Das eine Mal in einer künstlichen Welt, in der man durch andere eingeteilt, bewertet, kontrolliert, klein oder gross gemacht, hinaufgestellt oder hinuntergeworfen wird und sich am Ende, wenn man zu oft Pech gehabt hat, genau so fühlt, wie du dich jetzt, im Alter von 59 Jahren, fühlst, In dieser „eiskalten Welt“, wo die „die Stimmung gerade im Keller“ ist und „die schönen Momente wirklich sehr selten geworden sind“.
Aber glücklicherweise gibt es dich noch ein zweites Mal. Und deshalb nenne ich dich auch Pony. Deinen bürgerlichen Namen, den dir deine Eltern gegeben haben, trägt du nur in der ersten der beiden Welten, in deiner Geburtsurkunde, in deinen Zeugnissen, in deinen Bewerbungen und in deinen Absagen, in den Protokollen der IV und des Sozialamts und in deiner Steuererklärung. Deinen zweiten Namen, Pony, trägst du im Himmel. Pony, das bist du, so wie du von Natur aus gedacht bist, kein bisschen weniger wichtig oder weniger wertvoll als alle, die in der ersten, der künstlichen Welt, „erfolgreicher“ waren oder „mehr erreicht“ haben als du und so oft in deinem Leben scheinbar über dir standen und auf dich hinabgeschaut haben, sodass du dich so oft so klein fühltest. In Wirklichkeit, in der Wirklichkeit des Himmels, gibt es keine wertvolleren oder weniger wertvollen Menschen, so wie es auch bei den Fliegen, den Fröschen oder den Grashalmen keine wertvolleren oder weniger wertvollen gibt. Am Ende werden alle Doktortitel, alle prahlerischen Statussymbole, alles auf Kosten anderer angehäufte Geld, alle Arroganz der Mächtigeren gegenüber den weniger Mächtigen und alle Heiligenscheine für immer in Nichts aufgelöst sein.
Der Name Pony, du erinnerst dich, ist kein Zufall. Vor 44 Jahren warst du in dem Theaterstück „Emil und die Detektive“, das deine Klasse zum Jahresabschluss aufgeführt hatte, das Pony Hütchen und bist mit einem rosaroten Fahrrad zur Erheiterung des ganzen Publikums laut klingelnd auf die Theaterbühne geradelt. In diesem Moment stand die Zeit still und du warst die, welche du schon vorher und auch damals und bis heute geblieben bist als Geschenk des Himmels, als Funke des Universums. Dein Lachen ist noch immer genau dasselbe bis heute, auch dein Humor, auch deine unendliche Neugierde auf die Wunder des Lebens. Mit unseren bürgerlichen Namen und Lebensgeschichten gibt es uns immer nur eine ganz kurze Zeit auf dieser Erde. Als Pony, Fatima während der untergehenden Sonne oder als der kleine Sebastian, der jeden Abend nach dem Einschlafen von Wolke zu Wolke jenem kristallenen See entgegenfliegt, den er einmal im Traum gesehen hatte, sind wir unsterblich und wird es uns auch in tausend oder zehntausend Jahren immer noch geben.
Meine Vision bleibt, dass diese künstliche Welt, in der viel zu viele Menschen täglich gedemütigt und ihrer Lebensfreude beraubt werden, nach und nach verschwindet und niemand mehr auf den Tod warten muss, um sich selber wieder zu finden. Sondern dass wir auch mitten auf der Erde hier und heute so leben können, wie wir von Natur aus gedacht waren. Ohne Wenn und Aber, ohne Gut oder Schlecht, ohne Höher oder Tiefer, ohne Oben oder Unten. Ganz so wie die Blumen auf der Wiese, die Grashalme im Wind und die Vögel, die uns jeden Morgen mit ihrem Gesang begrüssen. Ganz so wie Pony auf dem rosaroten Velo. Damit die Welt wieder wärmer wird und die schönen Momente ihre Seltenheit mehr und mehr verlieren.
Der an Grausamkeit alles Bisherige sprengende Femizid von Binningen BL: „Es war weder Affekt noch Panik, sondern die methodische Vernichtung einer Frau, die es gewagt hatte, die Ordnung eines Mannes zu gefährden.“
Peter Sutter, 18. Mai 2026

Unter dem Titel „Er vernichtete ihr Leben – weil sie sich nicht unterordnen wollte“ berichtete der „Tagesanzeiger“ am 15. Mai 2026 über einen Femizid, der an Grausamkeit sämtliche Vorstellungskraft übersteigt, begangen von einem Schweizer an seiner Frau, einer gebürtigen Serbin, am 13. Februar 2024 in Binningen, Kanton Basel-Land…
Er könnte ein ganz normaler junger Mann sein, er trägt Anzug und Hemd, unter dem Arm eine Aktenmappe. Als er sich aufrecht hinsetzt, öffnet er mit geübter Geste den obersten Knopf seines Jacketts, als komme er zu einer Sitzung mit Investoren. Nur ist das kein Konferenzraum, sondern ein Saal im Strafgericht. „Der Fall hat Fiktion zu Realität werden lassen“, sagt Gerichtspräsident Daniel Schmid bei der Urteilsverkündigung. „So etwas habe ich persönlich in meiner ganzen Karriere nicht erlebt.“… Am Mittag des 13. Februar 2024 hat M.R. seine Ehefrau und die Mutter seiner beiden Kinder in ihrem gemeinsamen Haus in Binningen zuerst verprügelt und dann erwürgt. Was danach geschah, sprengt jegliche menschliche Vorstellungskraft: Im Keller zerstückelte er die Leiche mit Messern und einer Gartenschere und versuchte danach, Leichenteile in einer Flüssigkeit aufzulösen. Die Frau, die er einst seine „blonde Göttin“ nannte; die Mutter seiner „beiden Engel“, damals zwei und vier Jahre alt. Er habe seine Frau „über alles geliebt“, beteuert er am ersten Verhandlungstag… Wie konnte aus diesem scheinbaren Traumpaar dieser absolute Albtraum werden? Es war eine Beziehung zwischen zwei Menschen, deren Herkunft kaum unterschiedlicher hätte sein können. M.R., Sohn eines Wirtschaftsanwalts, wächst in privilegierter Idylle auf – Wandern, Segeln, Pfadfinder. Ein Leben nach Schweizer Bilderbuchstandards. Er absolviert die Universität St. Gallen, wird Unternehmensberater. Bescheidenheit und harte Arbeit seien seine Werte, so die Verteidigung. Doch frühere Weggefährten beschreiben ihn als seltsam unnahbar, fast künstlich fokussiert… Sie ist das Gegenteil: Tochter serbischer Einwanderer, aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen in Pratteln. K.J. ist eine warmherzige, aufgeschlossene Person, die Menschen für sich einnimmt. Als Kind möchte sie Astronautin werden, auch später will sie hoch hinaus, ergattert mit 18 erste Modeljobs. 2007 kandidiert sie für die Miss-Schweiz-Wahl. Sie ist eine Teamplayerin; auf den Hotelfluren bringt sie ihren Konkurrentinnen bis spät in die Nacht bei, wei man auf High Heels geht. Später etabliert sie sich als erfolgreiche Catwalk-Coachin und Bookerin… Im März 2016 trifft K.J. auf einem SKiausflug M.R. Danach geht alles schnell. Sie beendet ihre langjährige Beziehung in Zürich, die beiden kaufen ein Haus in Binningen, bereits im Sommer ziehen sie ein. So unterschiedlich ihre Herkunft, so leidenschaftlich sind sie verbunden. Sie zeigt ihm das serbische Dorf, aus dem ihre Eltern stammen, er stellt sie seiner Familie vor. Und natürlich schmieden sie Pläne für eine grosse gemeinsame Zukunft… Im August 2017 wird geheiratet. Einmal im Hotel Giessbach mit 100 Gästen samt serbischer Verwandtschaft. Die Männer trinken Schnaps bis in die frühen Morgenstunden. Dann feiern sie noch einmal, in Bosnien. Die beiden versprechen sich, zusammen durch dick und dünn zu gehen. Von da an wird es in den Medien still um K.J. Es scheint, als hätte sie nun ihre ganze Energie in das Projekt Familie gesteckt. Doch kaum hat es begonnen, zeichnen sich schon Risse ab: extreme Gefühle, extreme Kontraste. Manche sagen: Die Beziehung wurde schnell toxisch. Er ist analytisch, kontrollierend und kaltblütig. Sie, die Leidenschaftliche, eigenständig und emotional. Freunde sagen, er sei dominant gewesen, habe sie auch in Anwesenheit von Freunden oft korrigiert. Sie aber hatte eigene Pläne, ordnete sich nicht widerspruchslos unter. Das dürfte ihn zunehmend frustriert haben… Von aussen habe man ihnen die Probleme nicht angemerkt, sagen Freunde. Aber bereits ab 2018 machen sie eine Paartherapie. Sie wollen Kinder, es dauert eine Weile, bis es auch klappt. Aber dann bekommen sie 2020 ein Mädchen und 2021 das zweite. Doch in der Beziehung läuft es nicht gut. Finanzen sind ein Thema, Erziehung, Eifersucht. Und Gewalt… M.R. wahrt die Maske des bürgerlichen Ehemanns selbst dann noch, als das Blut an seinen Händen bereits entfernt ist. Nachdem er die Leiche zerteilt hat, duscht er und geht joggen. Dabei deponiert er ihr Mobiltelefon auf einem Lieferwagen, um eine falsche Fährte zu legen. Danach holt er die Kinder mit dem Lastenvelo in der Kita ab und geht mit ihnen ins Restaurant. Als ihre Eltern auf der Suche nach ihrer Tochter bei ihm aufkreuzen, spielt er den ahnungslosen Schwiegersohn, führt sie sogar durch den Keller. Dann bringt er die Kinder ins Bett. Erst später findet der Vater in einem Plastiksack die Überreste seiner Tochter… „So verhält sich nur jemand, der sich schon zuvor gedanklich mit dieser Tat beschäftigt hat“, urteilt Richter Schmid. Es war weder Affekt noch Panik, sondern die methodische Vernichtung einer Frau, die es gewagt hatte, seine Ordnung zu gefährden… Die Verteidigung beschreibt M.R. als jemanden, der immer besonnen, geduldig, nicht aus der Ruhe zu bringen gewesen sei. Nie zuvor habe er Gewalt angewendet. Diesen Eindruck versucht er auch vor Gericht zu erwecken: Er bleibt stoisch, wenn er spricht, beteuert er seine vermeintliche Liebe… Die Akten sagen etwas anderes. Auch bei seinen Ex-Freundinnen sei es zu Wutanfällen und häuslicher Gewalt gekommen. Eine habe er ebenfalls gewürgt und gegen eine Wand gedrückt. Einmal sei er ihr nach dem Besuch bei den Eltern im Streit über den Fuss gefahren. Auf der nächstfolgenden Fahrt habe er gedroht, sie aus dem Auto zu werfen… Auch in der Ehe mit K.J. ist häusliche Gewalt belegt. Im Juli 2023 gibt es einen Polizeieinsatz im gemeinsamen Haus in Binningen. Eine Strafanzeige erfolgt nicht. M.R. habe nach einem solchen Konflikt einmal gesagt: „Du solltest froh sein, dass nichts Schlimmeres passiert ist.“… Spätestens ab August 2023 beschäftigt sich K.J. ernsthaft mit dem Thema Trennung. Sie konsultiert einen Scheidungsanwalt, informiert sich über die gemeinsamen Finanzen. Eine Trennung sei aber für M.R. keine Option gewesen, so die Paartherapeutin… Im Dezember 2023 kommt es wieder zu einem Gewaltvorfall, sie trägt Würgemale am Hals davon. Er behauptet, sie habe sich diese selbst zugefügt. Aber sie hat genug und warnt ihn: Wenn es noch einmal vorkomme, werde er die Kinder verlieren. Ein letztes Mal versuchen sie kurz vor der Tat, die Beziehung zu kitten. Sie verbringen ein Paarwochenende auf dem Bürgenstock, aber zu später Stunde reist er ab. Sie versucht, ihn zurückzuholen, vergeblich… Ein Wort, das bei der Urteilsverkündigung mehrfach fällt, ist „Realitätsverweigerung“. Selbst im Gerichtssaal bleibt M.R. in seiner Welt gefangen. Er schüttelt ungläubig den Kopf, als die Rechtsmedizin die Fakten präsentiert. Nach seiner Verhaftung sagt er gegenüber der Staatsanwaltschaft: „Ich betone, dass ich mithelfen möchte, die Wahrheit zu finden. Für mich ist das auch eine Reise, sie mit euch zu entdecken.“ Dann tut er das Gegenteil und behauptet, K.J. am Mittag des 13. Februar tot am Fuss der Treppe vorgefunden und danach „in Panik zerstückelt“ zu haben. Zweieinhalb Wochen später wiederholt er diese Behauptung vehement. Dann räumt er plötzlich ein, sie hätten mittags ein Gespräch geführt. Es sei aber „gesittet, zivilisiert, vorbildlich“ verlaufen, bevor K.J. das Zimmer verlassen und ihn danach unvermittelt mit einem Messer angegriffen habe. Im Abwehrkampf habe er sie aus Versehen erwürgt. Auch auf dieser Version der Tötung aus Notwehr besteht er über zehn Einvernahmen hinweg. Später gibt er zu, dass es zum Streit gekommen sei, behauptet aber immer noch, sie habe ihn angegriffen… Wenn man ihm vorhielt, dass seine Schilderungen in keiner Weise mit der Rechtsmedizin vereinbar seien, bezichtigte er die Ermittler, „gepfuscht“ zu haben. Seinen Hang zur Überheblichkeit zeigte sich vor Gericht darin, dass er in einer der ersten Einvernahmen bei der Lektüre des Protokolls sogar die Kommafehler des Befragenden korrigierte. Das könne nur jemand, der seine Intelligenz masslos überschätze. so Richter Schmid. M.R. verharrte in einer totalen Realitätsverweigerung : In seinen Haftentlassungsgesuchen äusserte er die Vorstellung, er könne bald mit seinen Töchtern im Haus weiterleben – dem Ort, an dem er ihre Mutter auf so bestialische Weise ermordet hatte… Bei der Verkündigung der lebenslangen Freiheitsstrafe schildert Schmid, was das Gericht als gegeben erachtet: Am Morgen des 13. Februars 2024 bereitet sich K.J. auf ein Gespräch mit ihrem Mann vor, es soll um ihre Beziehung und Finanzen gehen. Als sie ihn zur Rede stellt, schlägt er ihr mit den Fäusten ins Gesicht und würgt sie bis zur Bewusstlosigkeit. Dann, aus Angst vor der Polizei, beschliesst er, sie endgültig zu beseitigen. Er greift zu einem Strangulationsobjekt und erdrosselt sie von hinten. „Die gezielte Tötung war der bewusste Versuch, häusliche Gewalt zu vertuschen“, sagt das Gericht. Er habe sie für ihre Trennungsabsicht bestrafen und vernichten wollen. „Wäre es nur um die Vernichtung von Beweisen gegangen, hätte es auch einfachere Möglichkeiten gegeben, den Leichnam zu beseitigen“, sagt Schmid. Er habe sich aber für die skrupelloseste, kaltblütigste Variante entschieden. „Eine grössere Geringschätzung menschlichen Lebens ist kaum denkbar“, so Schmid.
Gemäss forensisch-psychiatrischem Gutachten, welches dem Gerichtsurteil zugrunde liegt, müsse man bei M.R. von einer „Akzentuierung narzisstischer und zwanghafter Persönlichkeitszüge“ ausgehen. In Bezug auf sein Risikoprofil sei ein „Potenzial für schwerste Gewaltanwendung“ vorhanden. Risikoeigenschaften seien bei ihm seine „gesteigerte Rigidität“, ein „gesteigertes Kontrollbedürfnis“, „Egozentrik“, „wutgeprägte Reaktivität“ und eine „Manipulationstendenz“. Im Urteil des Bundesgerichts ist zudem die Rede von „sadistisch-soziopathischen Zügen“.
Wäre die gleiche Tat von einem Afghanen, einem Syrier, einem Eritreer oder einem Marokkaner begangen worden, wäre die allgemeine Schlussfolgerung wohl nahezu unvermeidlich gewesen und für alle, die schon immer von „fremden“ und „gewaltbereiten“ Kulturen gesprochen hatten, wäre eine solche Tat bloss ein weiterer Beweis dafür gewesen, wie Recht sie mit ihrer Behauptung gehabt hatten. Wenn aber der Täter ein Schweizer ist, dann muss es, so wird allgemein angenommen, andere Ursachen haben als die Nationalität oder die ethnische bzw. kulturelle Herkunft. Denn ein Schweizer, so die herrschende Mehrheitsmeinung, kann, im Gegensatz zu einem „Fremden“, nicht von Natur aus „böse“ oder gewalttätig sein. Es muss sich um eine individuelle „Störung“ oder „Erkrankung“ handeln, um einen „Soziopathen“, einen übertriebenen „Narzissten“, um einen „Egozentriker“ oder einen Menschen mit krankhaft „sadistischen“ Zügen. Dieses Denkmuster ist nicht nur in der breiten Bevölkerung überaus häufig anzutreffen, sondern wird auch von nicht wenigen Fachleuten vertreten, so zum Beispiel von Frank Urbaniok, der weitherum sogar als einer der europaweit führenden Forensiker angesehen wird und zu diesem Thema unlängst auch ein Buch veröffentlicht hat, in dem er höchst fragwürdige statistische Zusammenhänge zwischen ethnischer Herkunft und Gewaltbereitschaft herstellt, ohne auf die Lebensumstände der jeweiligen „Tätergruppe“ näher einzugehen.
Das wäre beruhigend und würde uns in unserem Selbstverständnis, im Gegensatz zu Menschen aus „anderen“ Kulturen im Grunde „gut“ zu sein, wohl genügend bestärken, um uns alle weiteren Fragen, die dieses Bild stören könnten, sozusagen zum Vornherein zu ersparen.
Doch entgegen solcher Beschönigungen wage ich zu behaupten, dass die von M.R. verübte Tat in gleichem Masse etwas typisch „Schweizerisches“ ist, als es auch etwas typisch „Marokkanisches“, „Afghanisches“ oder „Eritreeisches“ wäre, wenn die gleiche Tat von einem Mann begangen worden wäre, der aus einem dieser „anderen“, „fremden“ Länder stammt. Denn in jedem Fall ist es nicht die „Natur“ des einzelnen Individuums, welche die Voraussetzungen für solche Taten schafft, sondern es sind die gesellschaftlich-sozial-politisch-wirtschaftlich-kulturellen Verhältnisse oder Einflüsse, unter denen Menschen aufwachsen und von denen ihre Lebensgeschichten geprägt sind.
Schauen wir uns doch eine solche „schweizerische“ Lebensgeschichte am Beispiel von M.R. etwas genauer an. Er ist ja nicht ein Versager, ganz im Gegenteil. Er hat die „schweizerischen“ Werte von klein auf aufgesogen und funktioniert ganz so, wie ein „guter“, „erfolgreicher“ Schweizer zu funktionieren hat. Aus dem Zeitungsartikel des „Tages-Anzeigers“ geht hervor, dass er „ein ganz normaler junger Mann“ sein könnte, mit „Anzug“, „Hemd“ und „Krawatte“, „unter dem Arm eine Aktenmappe“, der „mit geübter Geste den obersten Knopf seines Jacketts öffnet“, als käme er zu einer „Sitzung mit Investoren“. Er gilt als intelligent, gebildet, ist Sohn eines Wirtschaftsanwalts, übte als Jugendlicher Hobbys wie Wandern und Segeln aus und war bei den Pfadfindern. Später absolvierte er die Wirtschaftsuniversität St. Gallen, die renommierteste Ausbildungsstätte für angehende Wirtschaftsexperten, wurde Unternehmensberater und führte in jeglicher Hinsicht ein „Leben nach Schweizer Bilderbuchstandards“. Hätte er am 13. Februar 2024 nicht seine Frau getötet, wäre er wohl heute noch ein Vorbild für alle, die in der Schweiz erfolgreich Karriere machen wollen – alle seine früheren gewalttägigen Übergriffe gegenüber Lebenspartnerinnen, selbst das willentliche Überfahren des Fusses einer dieser Frauen, schienen seinem Image nicht wirklich geschadet zu haben.
M.R. hatte alles „richtig“ gemacht. Aber genau das ist das Heimtückische, die dahinter liegende Zeitbombe. Denn während es in Bezug auf seine Bilderbuchkarriere genau das Richtige war, war es gleichzeitig auf einer anderen Ebene etwas Höchstgefährliches. Das, was in den Beschreibungen früherer Weggefährten als „seltsam unnahbar“ und „fast künstlich fokussiert“ beschrieben wird und sich etwa darin äusserte, dass er unmittelbar nach der bestialischen Ermordung seiner Frau duschen und joggen ging und bei den Gerichtsverhandlungen keinerlei Emotionen zeigte, sondern sich akribisch auf das Korrigieren von Rechtschreibefehlern in den Gerichtsprotokollen stürzte. Der ganz „normale“ Ehemann und Familienvater, der sich auf einmal als Monster entpuppt – so wie es immer wieder berichtet wird, wenn Nachbarn von Männern, die scheinbar aus heiterem Himmel eine Gewalttat begehen, in Fernseh- oder Zeitungsinterviews aussagen, sie hätten sich so etwas nicht im Traum vorstellen können – von aussen hätte ihnen dieser Mann stets einen ganz „normalen“ Eindruck gemacht, sei jeden Morgen pünktlich zur Arbeit gegangen und jeden Abend pünktlich von der Arbeit zurückgekommen. Immer mit korrekt getragenem Anzug. Mit Hemd und Krawatte. Und immer mit der Aktenmappe unter dem Arm. Was diese Männer nach aussen als so „normal“ erscheinen lässt, kann sie gleichzeitig von Fall zu Fall so gefährlich machen für andere, die in der sozialen Hierarchie tiefer stehen als sie selber, meistens die eigene Lebenspartnerin oder die eigenen Kinder.
Männer wie M.R., die ihre eigene Frau oder Lebenspartnerin ermorden, mögen zwar zahlenmässig unter sämtlichen Männern eine seltene Ausnahme bilden. Und doch finden wir das dahinterliegende Gewaltmuster, in unterschiedlicher Abstufung und in mannigfachen, weniger extremen Ausprägungen, quer durch die ganze Gesellschaft in erschreckendem Ausmass. Frauenmörder bilden bloss die relativ seltene und ganz winzige Spitze eines riesigen, fast gänzlich unsichtbaren Eisbergs, ohne den es diese Spitze selber gar nicht gäbe.
Wer kennt sie nicht, all die Männer, welche unterschiedlichste Formen von Gewalt gegen Frauen ausüben. Oft sind es Akademiker in höheren gesellschaftlichen Positionen. Sie tragen ihr „Wissen* und ihre „Bildung“, die meistens aus nicht viel anderem als einer überdurchschnittlich hohen Anzahl an einer Universität verbrachten Jahre besteht, wie einen Heiligenschein mit sich mit. Weniger „gebildete“ Menschen werden oft von ihnen belächelt oder als etwas „Minderwertiges“ betrachtet. Häufig verwenden sie bewusst eine kaum verständliche, von Fremdwörtern durchtränkte Sprache, zynische Bemerkungen sind besonders typisch für sie. Man trifft sie nicht selten auch unter Computerspezialisten, Bankern, Lehrern, Anwälten, Ärzten, Psychiatern oder Politikern an. Frauen solcher Männer haben nicht viel zu lachen, vor allem, wenn sie, aus der Sicht ihrer Männer, weniger „gebildet“ sind und kein höheres Studium absolviert haben. Ich kenne Männer, die ihren Frauen buchstäblich bei jedem Satz, den sie sagen wollen, ins Wort fallen, bis sie früher oder später überhaupt nichts mehr sagen. Andere rollen mit den Augen oder setzen ein hämisches Lächeln auf, wenn ihre Frauen etwas sagen, was nicht ihrer eigenen Meinung entspricht. Wieder andere lassen ihre Stimme anschwellen, wenn ihnen in der Diskussion mit ihrer Frau die Argumente ausgehen. Einen kenne ich, der seiner Frau jedes Mal, wenn sie etwas aus seiner Sicht „Unpassendes“ von sich gibt, mit der flachen Hand so heftig auf den Oberschenkel schlägt, dass sie heute in der Anwesenheit ihres Mannes nur noch ganz selten etwas sagt und vor allem nicht dann, wenn es um so heikle Themen wie Kindererziehung, Schule oder Politik geht. Kein Wunder, dass solche Frauen dann manchmal unter Atemnot oder Appetitlosigkeit leiden, häufig schlecht schlafen oder psychologische Beratung brauchen – eine, die später schwer alkoholabhängig wurde, erzählte mir einmal, dass sie immer dann, wenn ihr von der Arbeit heimgekehrter Mann die Haustür öffnete, am ganzen Körper zu zittern begann. Eine andere berichtete über zunehmende Sprachstörungen, aus lauter Angst, sie würde ein Wort falsch aussprechen und dafür einen strafenden Blick ihres Mannes kassieren. Bezeichnend ist, dass viele solcher Ehen früher oder später zerbrechen, vor allem dann, wenn die Frauen genug selbstbewusst sind und sich nicht mehr alles gefallen lassen. Auch ist immer wieder festzustellen, dass viele solcher Männer entweder schon in der ersten, spätestens aber in der zweiten Ehe eine Frau ausländischer Herkunft haben, die der Landessprache nicht mächtig ist und sich daher schon von Anfang an in einer unterlegenen Position befindet, vor allem dann, wenn ihr Aufenthaltsstatus an den Ehevertrag gebunden ist. Und dann sind noch all die Männer – und es sind wohl nicht wenige -, die ihre potenzielle Gewaltbereitschaft an Prostituierten ausleben, die ihnen noch viel schutz- und hilfloser ausgeliefert sind als die eigene Frau oder Lebenspartnerin.
Solche Männer, die Frauen zwar nicht töten, sie aber auf vielerlei Arten erniedrigend oder herablassend behandeln, mit Frauenmördern wie M.R. in Verbindung zu setzen, mag auf den ersten Blick verstörend erscheinen. Aber ist seelische Erniedrigung nicht ebenso verwerflich wie körperliche Erniedrigung? Hinterlassen Beleidigungen, Herabsetzungen, Drohungen, Wutausbrüche, Machtgebaren, Zurechtweisungen oder Belehrungen nicht ebenso tiefe Wunden? Können nicht auch Wörter eine Form von Waffen sein, die zwar nicht den Körper verletzen, aber die Seele umso tiefer? Gewiss, längst nicht alle Männer entsprechen diesem Bild, hoffentlich sogar immer weniger. Und doch sind es leider immer noch viel zu viele.
Ich habe die Behauptung aufgestellt, dass es keine stichhaltige Begründung dafür gibt, eine von einem Afghanen oder Marokkaner begangene Gewalttat grundsätzlich anders zu erklären als eine von einem Schweizer begangene Gewalttat. Also das Erste als etwas Typisches für eine „fremde“ Kultur mit „anderen“ Werten zu deuten und das Zweite als individuelle „Störung“ oder „Entgleisung“ ausserhalb der geltenden gesellschaftlichen Normen. Ich bleibe bei dieser Behauptung. Denn auch die von einem Schweizer begangene Gewalttat hat, wie die Gewalttat eines Afghanen, eines Marokkaners oder des Angehörigen irgendeiner anderen Nationalität oder ethnischen Herkunft etwas zu tun mit der Kultur und den gesellschaftlichen Werten, die in der jeweiligen Gesellschaft bzw. dem jeweiligen Land herrschen. Kein Mann wird als Frauenmörder oder Frauenschänder geboren, weder in Afghanistan noch in Marokko noch in der Schweiz oder an irgendeinem anderen Ort der Erde. Erst die äusseren Umstände führen dazu, was für ein Mensch er 15, 20 oder 30 Jahre später einmal sein wird.
Zurück zu M.R. Denn es gibt kein besseres Beispiel, um auf Frage nach dem schweizerischen „Wertesystem“ und seinem möglichen Einfluss auf männliche Persönlichkeitsentwicklung eine Antwort zu finden. Im forensisch-psychiatrischen Gutachten, das vom Bundesgericht veranlasst wurde, findet sich unter anderem die Aussage, bei M.R. handle es sich um eine „höchst rational denkende Person mit der Eigenschaft einer ausgeprägten kognitiv-technischen Perspektive“. Hunderte Alarmlampen müssen aufleuchten, wenn wir diese Aussage Wort für Wort zur Kenntnis nehmen. Denn sie besagt nichts anderes, als dass M.R. genau jene Erwartung erfüllt hat, welche die meisten Eltern an ihre Kinder stellen, wenn es um ihre berufliche Zukunft geht, und die auch den wichtigsten Zielen des gesamten Erziehungs-, Schul- und Bildungssystems unseres Landes bzw. unserer „Kultur“ entspricht: „Rational“, „kognitiv“ und „technisch“, so muss der Mensch sein, wenn er es in dieser Gesellschaft zu etwas bringen will. Konkret: Er muss möglichst gut sein in Mathematik und Naturwissenschaften, muss möglichst fehlerfrei schreiben können – wobei es weniger um den Inhalt geht als um die korrekte Rechtschreibung – und muss vor allem über ausgezeichnete Kenntnisse im Umgang mit technischen bzw. digitalen Geräten, Hilfs- und Lernmitteln verfügen. Alles andere ist Nebensache. Wohin das führen kann, zeigte sich bei M.R. exemplarisch und geradezu aufs absolut Absurdeste in dem Augenblick, da es, während der Gerichtsverhandlung, um das Schicksal seiner Kinder ging, dies ihm aber weniger wichtig erschien als die fehlenden Kommas im Gerichtsprotokoll.
Doch es geht in Sachen „Kultur“ noch viel weiter: Bei der Aneignung der geforderten Lern- und Bildungsziele ist schon das Kind in frühem Alter, dann als Jugendlicher und als junger Erwachsener einem permanenten Wettkampf mit den jeweiligen Gleichaltrigen ausgesetzt, die alle auf das gleiche Ziel zustreben, das aber nur von den Schnellsten und am besten auf die Überwindung der jeweiligen Hürden Getrimmten auch tatsächlich erreicht werden kann, ein beständiger Kampf aller gegen alle. Das macht die Menschen hart und rücksichtslos. Mitgefühle, Liebesfähigkeit, Empathie, Gemeinschaftsdenken und Solidarität mit Schwächeren – all dies wird zum „Luxusgut“, das sich niemand mehr leisten will oder kann, und bleibt daher nach und nach auf der Strecke. Nicht einmal in der Ausbildung zu sozialen Berufen wie Kindergärtnerin, Lehrer, Sozialarbeiter oder Pflegerin sind menschliche und zwischenmenschliche Fähigkeiten und Begabungen gefragt, auch hier geht der Weg zum Berufsziel einzig und allein über die Bewältigung möglichst hoher Hürden, zumeist in Form von Wissensprüfungen in einem derart sinnlosen Umfang, dass fast alles, was für diese Prüfungen auswendig zu lernen ist, in Kürze wieder vergessen geht. Wer die endlose Hürdenstrecke dennoch erfolgreich bewältigen will, wird geradezu dazu gezwungen, sich Tricks oder Schummeleien aller Art anzueignen, der spätere „Erfolg“ in Form des betreffenden Berufsdiploms wird jedes noch so fragwürdige Mittel im Nachhinein rechtfertigen. Und genau diese Form von „Selektion“ ist es, die dann dazu führt, dass die bereits zum Vornherein durch ihre familiäre Herkunft Privilegierten, die Trickreichsten, Kämpferischsten und Rücksichtslosesten an die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Spitzenpositionen gelangen, während die Rücksichtsvollen, Feinfühligen und mit weniger Selbstsicherheit Ausgestatteten auf der Strecke bleiben. Auch hier gibt es freilich Ausnahmen, aber diese bestätigen bloss die Regel.
In umso grellerem Licht erscheint diese „Kultur“ des Kampfs aller gegen alle mit ihren verheerenden Auswirkungen auf alles Zwischenmenschliche, wenn wir uns jetzt dem Opfer zuwenden, einer Serbin, aufgewachsen „unter bescheidenen Verhältnissen“. Niemand könnte den Gegensatz zu ihrem gefühlskalten, „seltsam unnahbaren“ und „künstlich fokussierten“ Ehemann besser verkörpern als sie. Alle, die sie näher kannten, schwärmten von ihrer geradezu leidenschaftlichen Empathie, Wärme, Offenheit und persönlichen Ausstrahlung, ihrer äusseren und inneren Schönheit in Vollendung. Die perfekte Teamplayerin: „Auf den Hotelfluren bringt sie ihren Konkurrentinnen bis spät in die Nacht bei, wie man auf High Heels geht.“ Sie versucht also nicht, ihre Konkurrentinnen auszustechen, ihnen Steine in den Weg zu legen oder ihre Selbstsicherheit zu schwächen, sondern macht – offensichtlich völlig immun gegenüber dem allgemeinen und insbesondere auch im Show- und Modebusiness knallhart herrschenden Konkurrenzprinzip – genau das Gegenteil: Sie hilft ihren Konkurrentinnen bis spät in der Nacht, mehr Sicherheit zu gewinnen und mehr Körperbeherrschung aufzubauen, und riskiert damit bewusst ihnen gegenüber einen möglichen „Wettbewerbsnachteil“. Spätestens jetzt müssten unsere letzten Vorurteile in sich zusammenfallen. Denn ist nicht Serbien jenes Teilgebiet des ehemaligen jugoslawischen Bundesstaates, das auch hierzulande während der Jugoslawienkriege nur allzu gerne als so etwa wie ein Reich des „Bösen“ angeschaut wurde, im Gegensatz etwa zu Slowenien oder Kroatien, die als die „Guten“ galten? Ein Vorurteil, unter dem auch die in der Schweiz lebenden Serbinnen und Serben bis heute leiden. Und jetzt kommt eine Serbin und stellt alles auf den Kopf. „Werte“ und „Kulturen“ prallen aufeinander, aber auf einmal in der genau entgegengesetzten Richtung als in der, welche in unserer Schweizer „Wertewelt“ immer noch so tief verankert ist.
Wenn der Tod von K.J. auch nur im Entferntesten einen „Sinn“ gehabt haben sollte, dann vielleicht den, dass wir endlich zu einer Überwindung dieses über eine viel zu lange Zeit in unsere Köpfe eingebrannte Bild von den „guten Einheimischen“ und den „bösen Fremden“ gelangen und, statt immer nur auf andere zu zeigen, uns selber bei der Nase nehmen, um unsere vielgelobte eigene „Wertewelt“ kritischer als bisher unter die Lupe zu nehmen und daraus die notwendigen Schlüsse zu ziehen. Damit so etwas wie am 13. Februar 2024, aber auch alle weniger brutalen Formen von Gewalt, Demütigung und Erniedrigung von Frauen durch Männer für immer der Vergangenheit angehören. Denn, so Mahatma Gandhi: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für die Welt.“ Es gibt noch viel zu tun.
30. Montagsgespräch am 11. Mai 2026: Sollten die Schulnoten abgeschafft werden?
Wie wirken sich Schulnoten auf die Lernfreude und den Lernerfolg der Kinder aus? Diese Frage wurde anlässlich des Buchser Montagsgesprächs vom 11. Mai diskutiert.
Den Einstieg in die Diskussion bildete eine Kindheitserinnerung besonderer Art, erzählt von einer Lehrerin, die während längerer Zeit auch als Schulleiterin tätig war. Nachdem ihre Noten in der Schule anfänglich immer gut gewesen waren, hätte sie eines Tages für eine Prüfung einen Einser bekommen, weil sie ganz vergessen hatte, sich darauf vorzubereiten. Sie hätte sich darüber riesig gefreut, weil sie nun zum ersten Mal diese ganz besondere Note bekommen hätte, die auch andere in der Klasse zuvor schon bekommen hatten. Begeistert sei sie nach Hause gelaufen. Ihre Eltern seien dann allerdings weniger begeistert gewesen. Für die Kinder selber, so mehrere Voten aus der Runde, sei die Note anfänglich gar nicht wichtig. Wichtig werde sie erst durch die Reaktionen der Erwachsenen und durch die allmähliche Erkenntnis des Kindes im Laufe der Schuljahre, wie wichtig sie seien in Bezug auf die spätere Berufswahl.
Noten, so die Aussage eines früheren Lehrlingsausbildners, würden zu Egoismus und Einzelkämpfertum erziehen, zum Wettkampf aller gegen alle. Dabei spielten die Erwartungen der Eltern eine wesentliche Rolle, vor allem wenn sich diese wünschten, dass ihr Kind später eine berufliche Tätigkeit mit möglichst hohem gesellschaftlichem Ansehen und Einkommen ausüben sollte. Dahinter stecke eine aus seiner Sicht falsche Wertehaltung, denn handwerkliche oder soziale Berufe seien genau so wichtig wie akademische, und überhaupt sei es falsch, Kinder nur an ihren intellektuellen Fähigkeiten zu messen und nicht ebenso an ihren handwerklichen, musischen und sozialen Stärken, die in vielen Berufen viel wichtiger seien als rein theoretisches Wissen.
Generell, so eine weitere Aussage aus der Runde, fehle es am Grundvertrauen in die Lernkraft des Kindes, denn Kinder würden auch ohne Noten und ohne äusseren Druck lernen, und dies mit mehr Freude und Erfolg, wie man das zum Beispiel beim Erlernen der Muttersprache beobachten könne. In diesem Zusammenhang wurde auch bemängelt, dass von den Pädagogischen Hochschulen zu wenige Impulse für eine kindgerechte Pädagogik kämen.
Die Erfahrungen von Privatschulen, die ohne Noten gute Lernergebnisse erzielen – so eine Mutter, deren Tochter eine solche Schule besucht –, seien zu wenig bekannt. Überhaupt, und diesem Votum schloss sich in der Folge die ganze Runde an, müsste über pädagogische Themen eine viel breitere öffentliche Diskussion stattfinden, sei doch offensichtlich, dass sich viele Kinder, Jugendliche, aber auch Lehrerinnen und Lehrer wie auch Eltern von den Ansprüchen und dem Druck, mit dem schulisches Lernen verbunden ist, überfordert fühlen und oft sogar erheblich darunter leiden; Visionen eines Bildungssystems, in dem vermehrt die Freude am Lernen im Vordergrund steht und die Besinnung auf das Wesentliche, seien dringend nötig.
Wie sich selbst Schweizer Mainstreammedien aktiv an den Vorbereitungen zum dritten Weltkrieg beteiligen
Peter Sutter, 10. Mai 2026

„Wo Russland die NATO zuerst angreifen könnte“ – so der Titel eines ganzseitigen Artikels im schweizerischen „Tagesanzeiger“ vom 7. Mai 2026. Im Folgenden einige Ausschnitte daraus sowie ein kritischer Kommentar aus meiner Sicht…
NATO-Generalsekretär Mark Rutte ist kein Pessimist, Ende letzten Jahres aber klang es düster wie nie: „Wir sind das nächste Angriffsziel von Russland“, meinte er. „Und wir befinden uns bereits in Gefahr. Russland hat den Krieg zurück nach Europa gebracht. Wir müssen uns auf einen Krieg in einem Ausmass vorbereiten, wie es unsere Grosseltern und Urgrosseltern erlebt haben.“. Kreml-Chef Putin sucht die Konfrontation mit dem Westen… Militärstrategen nennen die aktuelle Sicherheitslage deshalb „die gefährlichste seit Jahrzehnten“… Sollte der Krieg in der Ukraine dereinst enden, beginnt aus Sicht von westlichen Geheimdiensten die Uhr zu ticken: Ab 2029 hätten sich die russischen Streitkräfte so weit erholt, dass sie in der Lage wären, den Westen punktuell anzugreifen… Tatsächlich ist die Annahme, Europa sei bis 2029 vor einem russischen Angriff sicher, eine Illusion…
Kurz durchatmen und nochmals genau lesen, was der „Tagesanzeiger“, immerhin eine der grössten und renommiertesten Schweizer Tageszeitungen, seinen Leserinnen und Lesern hier in ein paar wenigen Zeilen an willkürlichen Behauptungen, Falschmeldungen und gezielten Auslassungen alles zumutet. Bezeichnenderweise wird eingangs ausschliesslich Mark Rutte zitiert, mit Abstand der noch am tiefsten im Denken des Kalten Kriegs gefangene Hardliner unter den aktuellen europäischen Politikern, der unlängst auch zum Besten gab, er hätte keine Angst vor einem Atomkrieg. Es gäbe beliebig viele andere Politiker, Expertinnen und Sachverständige, die genau das Gegenteil sagen und die der „Tagesanzeiger“, wollte er einen einigermassen ausgewogenen Artikel schreiben, an dieser Stelle zitieren könnte: Den 96jährigen SPD-Doyen Klaus Dohnanyi etwa, den früheren deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder, die Publizistin Gabriele Krone-Schmalz, den ehemaligen Brigadegeneral Erich Vad, den SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich, Yves Rossier, den langjährigen ehemaligen Schweizer Botschafter in Moskau, Laurent Goetschel, Direktor der schweizerischen Friedensstiftung Swisspeace, oder Thomas Greminger, einer der erfahrensten und kompetentesten Schweizer Diplomaten und von 2017 bis 2020 Generalsekretär der OSZE. Sie alle sagen: Quatsch! Es gibt keinen einzigen stichhaltigen Beweis dafür, dass Wladimir Putin einen Angriff auf Europa plant und die NATO „zerstören“ will. Aber nein: Die Stimme eines der letzten verbliebenen Kalten Kriegers, der nicht einmal vor einem Atomkrieg zurückschrecken würde, scheint dem Journalisten des „Tagesanzeigers“ wichtiger zu sein als selbst die erfahrensten und kompetentesten Sachverständigen aus dem eigenen Land. Um dann, nach dem Rutte-Zitat, nahtlos weiterzufahren mit dem Satz „Kreml-Chef sucht die Konfrontation mit dem Westen“. Man schaue sich diesen Übergang noch einmal ganz genau an: Zuerst das Rutte-Zitat in Anführungszeichen, und im nächsten Satz die Wiederholung der völlig aus der Luft gegriffenen Behauptung Ruttes, jetzt aber ohne Anführungszeichen, sozusagen als Tatsache, nicht einmal als persönliche Meinung des Journalisten gekennzeichnet! So also funktioniert „seriöser Journalismus“ im Jahr 2026 in jenem Presseorgan, das wahrscheinlich die allergrösste Mehrheit der Schweizer Bevölkerung als das „ausgewogenste“, „objektivste“, „glaubwürdigste“ und „seriöseste“ sämtlicher Medien bezeichnen würde… Im nächsten Satz lesen wir sodann, dass „Militärstrategen“ die „aktuelle Sicherheitslage“ als die „gefährlichste seit Jahrzehnten“ benennen, ohne dass auch nur ein einziger dieser „Militärstrategen“ namentlich genannt wird – zudem fände man auch beliebig viele andere „Militärstrategen“, die genau das Gegenteil behaupten. Im folgenden Satz steigern sich die bisherigen Behauptungen sogar noch zu einer eigentlichen Lüge, gibt es doch, entgegen der angeblichen „Sicht von westlichen Geheimdiensten“ in Tat und Wahrheit selbst unter den US-Geheimdiensten derzeit keinen einzigen, der davon ausgeht, dass es aktuell stichhaltige Beweise für Angriffspläne Russlands gegen weitere europäische Länder gäbe. Der Journalist des „Tagesanzeigers“ geht offensichtlich von einem sehr kurzen oder überhaupt nicht vorhandenen Gedächtnis bzw. Wissensschatz seiner Leserinnen und Leser aus… Schliesslich eine weitere, auf den ersten Blick kaum durchschaubare Pirouette: Die russischen Streitkräfte wären „ab 2029 in der Lage, den Westen punktuell anzugreifen“. Das mag ja sogar zutreffen, heisst doch aber nicht zwingend, dass diese Angriffe dann auch tatsächlich erfolgen, sonst müsste es ja umgekehrt auch logisch und zwingend sein, dass jedes westliche Land, das „in der Lage“ ist, andere Länder „punktuell anzugreifen“, dies automatisch tatsächlich auch tut. Und wenn dann im nächsten Satz zusätzlich noch behauptet wird, die Annahme, Europa sei „bis 2029 vor einem russischen Angriff sicher“, sei eine reine „Illusion“, wird damit indirekt jeder, der nicht von einem solchen Angriff Russlands ausgeht, als „Illusionist“, „Träumer“ oder „Phantast“ verunglimpft. Der Journalist, dessen Aufgabe eine seriöse und objektive Berichterstattung wäre, scheint – ganz im Gegenteil – offensichtlich die Kunst, seine Leserinnen und Leser zu täuschen, zu manipulieren und hinters Licht zu führen, in ganz hervorragendem Ausmass zu beherrschen. Es fragt sich nur, ob er mit diesen Qualitäten nicht gescheiter Zauberkünstler geworden wäre als Journalist.
Doch lesen wir weiter, die Phantasie des Journalisten scheint so richtig in Fahrt gekommen zu sein und treibt immer wildere Blüten…
Russland könnte mit einem überraschenden Vorstoss etwa auf eine kleine Ostseeinsel Panik verbreiten und die NATO in Gefahr bringen,,, Seit dem Beitritt Finnlands und Schwedens zur NATO in den Jahren 2023 und 2024 ist die Ostsee zu einer Art „NATO-Meer“ geworden, aber eben nur fast: Russland behauptet mit seiner Flotte in Kaliningrad und der Millionenstadt Sankt Petersburg seinen Platz… Michael Claessen, der Oberbefehlshaber der schwedischen Streitkräfte, hat kürzlich vor russischen Provokationen in der Ostsee gewarnt: Putin könnte, meinte er, eine kleine Insel von verdeckten Kräften besetzen lassen und danach einfach zusehen, was passiert: ob die NATO wegen eines verlassenen Eilands tatsächlich den Bündnisfall ausruft oder sich darüber zerstreitet…
Nun ja, es sei niemandem verwehrt, seiner Phantasie freien Lauf zu lassen. Aber muss das ausgerechnet an einem so heiklen Thema wie der europäischen Sicherheitslage ausgespielt werden? Und zu welchem Zweck? Der Journalist könnte ja ganz für sich alleine zuhause einen Notizblock nehmen und Strichmännchen zeichnen und auch noch die verrücktesten Geschichten fern aller Realität erdenken, ohne seine Ergüsse zehntausenden von Zeitungsleserinnen und Zeitungsleserinnen vorzusetzen, die ihre wertvolle Freizeit wahrscheinlich lieber dafür einsetzen würden, tatsächliche Fakten vermittelt zu bekommen statt irgendwelcher Hirngespinste. Könnte. Könnte. Könnte. Ja. Es könnte auch ein Schneehase in Norwegen einen Alarm und damit den dritten Weltkrieg auslösen. Es könnte auch Rutte über einen Teppich stolpern und sterben und man könnte später herausfinden, dass dieser Teppich vom russischen Geheimdienst manipuliert worden war. Es könnte auch ein Vogelschiss auf den Kopf eines finnischen Grenzwächters fallen und der könnte dann im Blitzlichtgewitter Dutzender Journalisten behaupten, es sei nicht eine Eule gewesen, sondern eine russische Drohne… Und ja, schauen wir uns auch diese Textpassage noch einmal genau an: Seit dem Beitritt von Schweden und Finnland zum westlichen Militärbündnis sei die Ostsee „fast“, aber eben „nur fast“, zu einem „NATO-Meer“ geworden. Moment. Wer provoziert denn da wen? Russland den Westen? Oder nicht doch eher umgekehrt? Und wer müsste sich denn da bedroht fühlen? Der Westen durch Russland? Oder nicht doch vielleicht eher umgekehrt? Und: Russland behaupte immer noch „seinen Platz“ in Kaliningrad und Sankt Petersburg. Ja, soll Russland das denn nicht mehr dürfen? Denkt der Journalist allen Ernstes darüber nach, dass Russland seine Plätze aufgeben soll, während der Westen seit dem Beginn der NATO-Osterweiterung im Jahre 1991 nach und nach nicht bloss einzelne „Plätze“ eingenommen hat, sondern ganze Länder, die früher zum Einflussbereich Russlands gehörten? Und weiter: Der Oberbefehlshaber der schwedischen Streitkräfte warne vor „russischen Provokationen“! Aber war es nicht die NATO, die im Februar 2026 mit dem grössten je inszenierten Militärmanöver unter dem Namen „Steadfast Dart 26“ – mit insgesamt rund 10’000 Soldaten, mehr als 1500 Fahrzeugen und 17 Schiffen aus 13 Nationen – in unmittelbarer Nähe der russischen Grenze eine der grössten – und gefährlichsten – Provokationen ausübte in einer Zeit, da die gegenseitigen Spannungen wohl alles andere erfordern würden als eine solche aggressive Machtdemonstration? Hat der Journalist dies alles vergessen oder will er bewusst von alledem ablenken, was seine eigene, vorgefasste Meinung in Frage stellen könnte? Und dann noch diese Ausgeburt an Phantasie: Putin könnte eine „kleine Insel“ mit „verdeckten Kräften“ besetzen lassen und „einfach zusehen, was passiert“. Man kann nur hoffen, dass Putin diesen Artikel im „Tagesanzeiger“ nicht liest, um am Ende tatsächlich noch auf solche verrückte Ideen zu kommen…
Der estnische Sicherheitsexperte und Regierungsberater Erkki Koort erschreckte kürzlich Deutschland mit einem Szenario, nach dem Hunderte grüner Männchen die Ferieninsel Rügen besetzen könnten. „Für Putin ginge es nicht um den Beginn eines längeren Krieges“, erklärte Koort, „sondern um einige Tage Chaos – ein Beweis dafür, dass Deutschland sich nicht verteidigen kann und die Regierung schwach ist.“… Noch weiter weg, am Polarkreis, wäre auch Spitzbergen ein mögliches Angriffsziel… Russland würde eine Einnahme von Spitzbergen leichtfallen. Sie könnte verdeckt beginnen, mit der Infiltration von Geheimdienstkräften, unterstützt von Schiffen der Schattenflotte und zivilen Flugzeugen…
Etwas aufgefallen? Für keine einzige seiner Behauptungen und Phantasien nennt der Journalist eine russische Quelle, sondern einzig und alleine die frei erfundenen Hypothesen westlicher Politiker oder Militärs. Einzig und allein in deren Köpfen spielt sich dieser mögliche zukünftige Krieg ab. Es gibt dafür in der Psychologie den klassischen Begriff der „Projektion“: Die eigenen Denkmuster – in diesem Falle die schrittweise Inbesitznahme „feindlichen“ Geländes – werden eins zu eins auf den politischen Gegner projiziert: Was angeblich dieser im Schilde führt, praktizierte der Westen selber in den vergangenen rund 80 Jahren in Form Dutzender völkerrechtswidrig geführter Krieg und Dutzender von der CIA inszenierter Regierungsumstürze in einem Ausmass, das wohl von keinem anderen Staat jemals übertrumpft werden kann.
Die sogenannte Suwalki-Lücke gilt als jener NATO-Raum, den Russland präventiv angreifen könnte, um seine strategische Lage zu verbessern: Ein erfolgreicher Vorstoss verbände Kaliningrad wieder mit Russland und schnitte das Baltikum vom Rest des NATO-Gebiets ab. Eine Studie des Harvarder Belfer Center meint, starken russischen Kräften könnte dies gelingen, weil die NATO sich schwertäte, innert Kürze nötige Verstärkungen herbeizuführen. Erwartet wird zudem, dass Russland mit einem Einsatz taktischer Atombomben drohen könnte, um den Geländegewinn abzusichern… Viele westliche Fachleute glauben, Putin werde den laufenden „hybriden Krieg“ in Europa in den nächsten Jahren weiter eskalieren…
Nach sieben Konjunktiven im letzten Abschnitt schliesslich noch ganz zuletzt eine weitere Steiherung: Viele westliche Fachleute „glauben“, dass… Ja, wenn zuletzt auch nach aller Phantasie und aller Spekulation auch noch der Glaube ins Spiel kommt, dann wird vielleicht aus all den verrückten Gedankenspielen am Ende doch noch eines Tages bittere Realität. Denn es ist eben schon so: Wenn man Lügen und Phantasien genug oft wiederholt, haben sie die gefährliche Tendenz, eines Tages Wirklichkeit zu werden. Und irgendwann wird niemand mehr wissen, dass Putin nach seinem Amtsantritt im Jahre 2000 dem Westen eine gemeinsame europäische Sicherheits- und Friedensordnung vorgeschlagen hatte anstelle der früheren Konfrontation zwischen Ost und West in Form des Kalten Kriegs. Es wird auch niemand mehr wissen, dass der Westen diesen Vorschlag kategorisch zurückwies. Es wird auch niemand mehr wissen, dass Putin kurz darauf einen Beitritt Russlands zur NATO beantragte. Und es wird auch niemand mehr wissen, dass der Westen auch diesen Vorschlag kategorisch abschlug. Denn wenn man das alles wüsste, dann würde die aktuell vom Westen so systematisch propagierte angebliche Gefahr eines Angriffs von Russland auf weitere europäische Länder wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.
Erst jetzt fällt mir auf, was auf dem Bild, das rund einen Drittel der Zeitungsseite einnimmt, zu sehen ist: Nicht etwa ein russisches Militärboot als Beweis für den geplanten Angriff Russlands auf weitere europäische Länder, sondern, sage und schreibe, die Aufnahme von US-Marines bei einer NATO-Übung in einem Landungsboot vor der finnischen Ostseeküste. Ein entsprechendes Bild eines russischen Landungsboots war offensichtlich nicht zu finden. Nur schon dieses Bild entlarvt den Artikel seiner ganzen Widersprüchlichkeit, Scheinheiligkeit und geradezu systematischer Täter-Opfer-Umkehr.
Wie wenn der Artikel im „Tagesanzeiger“ nicht schon genug harte Kost gewesen wäre, finde ich gleichentags in einer weiteren Schweizer Tageszeitung, dem „Tagblatt“, noch folgenden Artikel, der den ersteren an Einseitigkeit sogar noch übertrifft und in mir die Frage weckt, ob es wohl zurzeit unter den schweizerischen Medien so etwas wie einen gegenseitigen Wettstreit gibt, um in der Heraufbeschwörung der „russischen Gefahr“ stets noch eine weitere Schippe draufzulegen.
Dieser Artikel trägt den unglaublichen Titel „Wir hoffen alle, dass Putin morgen stirbt“ und kommt nicht etwa aus dem Dunstkreis einiger verrückt Gewordener, sondern aus dem sogenannten „Panel“ des „St. Gallen Symposiums“ unter der Leitung von Christian Mumenthaler, dem ehemaligen Chef der Schweizer Rückversicherungsgesellschaft Re und seines Zeichens „Young Global Leader“ des WEF.
Im Folgenden ein paar Auszüge aus dem Zeitungsartikel…
Am St. Gallen Symposium ging es um Russland als Aggressor und Europas Strategie gegenüber dem blutrünstigen Kreml-Herrscher. Die Diskussion unter Leitung von Christian Mumenthaler fand unter den „Chatham House“-Regeln statt. Was bedeutet, die Voten dürfen keiner der teilnehmenden Personen zugeordnet werden… Nach und nach schälte sich aus der Diskussion ein Modell heraus, wie Europa mit Russland umgehen sollte. Ein zentraler Punkt sei: In Russland liege „die ganze Macht bei Putin“, weder bei anderen Institutionen noch bei den Oligarchen. Und Putin möge keine Kompromisse. Mit ihm und damit mit Russland diskutieren könne man daher nur nur aus einer Position der Stärke. Denn: „Putin versteht nur die Sprache der Gewalt und der Macht.“… Nun gibt es Bewegung in Europa: Rüstungsausgaben werden erhöht, die Truppen an der Nato-Ostflanke sind verstärkt worden, „Abschreckung ist die richtige Antwort“, lautete ein Votum. Und: „Investitionen in die Verteidigung sind Investitionen in den Frieden.“ Europa sei auch gut beraten, Allianzen zu suchen mit anderen Partnern, etwa mit Indien oder mit Südamerika… Auch an der Ukraine sollte sich Europa ein Beispiel nehmen, denn: „Investitionen und Innovationen auf dem Schlachtfeld sind wichtig“, sagte einer der Teilnehmenden. So habe die Ukraine innert Wochen militärische Stärke entwickelt dank Drohnen, mit denen sie etwa russische Ölanlagen schwer beschädigt. Und hinzu komme „die Widerstandskraft der ukrainischen Gesellschaft“… Dass Putin mit seiner Kriegswirtschaft die zivile Wirtschaft zerstört, Bildung und Gesundheitswesen vernachlässigt, das sei ihm egal – auch angesichts „der absurden Mengen an Blut und Geld“, die er bisher vergeudet habe…
Eines muss man heutigen westlichen Medien lassen: Sie beherrschen die Kunst der Manipulation mindestens so gut, wenn nicht sogar besser als die Medien jener Staaten, die aus westlicher Sicht als „Autokratien“ oder „Diktaturen“ bezeichnet werden. Das besonders Perfide daran ist, dass diese Form der Manipulation innerhalb des sogenannt „freien“ Westens immer noch als „freie Meinungsäusserung“ im Rahmen „demokratischer“ Gesellschaften wahrgenommen wird, obwohl wir doch, was freie Meinungsäusserung contra Propaganda betrifft, längst auf dem Niveau übelster Diktaturen angelangt sind.
Nun könnte man freilich einwenden, der Artikel im „Tagblatt“ widerspiegle ja nicht die Meinung des Journalisten bzw. der Redaktion dieser Zeitung, sondern sei nur eine „objektive“ Berichterstattung über einen politisch äusserst einseitig ausgerichteten Anlass im Rahmen demokratisch-öffentlicher Meinungsbildung. Indem aber der Journalist einen so hetzerischen Titel wählt, die an dieser Veranstaltung erfolgten Aussagen kommentarlos übernimmt und sich jeglicher eigener Recherchen oder kritischer Bemerkungen entzieht, macht er sich automatisch zum willkommenen Sprachrohr der am Anlass verbreiteten Meinungen und Stellungnahmen. Diese erhalten durch den Zeitungsbericht sogar noch eine gewisse zusätzliche Legitimation, die sie ohne ihn nicht hätten.
Man stelle sich einmal vor, das „Tagblatt“ würde einen Artikel veröffentlichen mit dem Titel „Wir hoffen alle, dass Trump morgen stirbt“ – die Zeitung wäre wahrscheinlich innerhalb eines Tages drei Viertel ihrer Leserschaft los. Dann der Begriff des „blutrünstigen Kreml-Herrschers“: Bezeichnet man Putin, nachdem der Ukrainekrieg innerhalb von vier Jahren bisher knapp 15’000 ukrainischen Zivilpersonen das Leben gekostet hat, als „blutrünstig“, mit welchem Wort müsste man dann wohl den israelischen Präsidenten Netanyahu bezeichnen, der innerhalb von zweieinhalb Jahren rund 100’000 palästinensische Zivilpersonen auf dem Gewissen hat? Und wie hätte man wohl den früheren US-Präsidenten George W. Bush bezeichnen müssen, der aufgrund reiner Lügen im März 2003 einen Krieg gegen den Irak vom Zaun brach, dem in der Folge eine halbe Million Zivilpersonen zum Opfer fielen?… „Kreml-Herrscher“ ist zudem ein typisches Beispiel einer gezielten Koppelung von Begriffen, mit denen eine ganz bestimmte psychologische Wirkung erzeugt wird: Der „Kreml“ als „Sitz des Bösen“ und Putin nicht etwa ein „Präsident“, sondern ein „Herrscher“. Eine ähnliche Koppelung dieser Art ist der Begriff des „russischen Angriffskriegs“, der unablässig von allen Medien tagtäglich verwendet wird, wenn es um den Ukrainekrieg geht, um auch noch dem letzten Ungläubigen bis zur Besinnungslosigkeit einzuhämmern, dass einzig und allein Russland die Schuld am Ukrainekrieg trägt und weder die systematische Osterweiterung der NATO, noch der vom Westen inszenierte Maidan-Regierungsputsch gegen die demokratisch gewählte Regierung der Ukraine im Frühling 2014 oder die systematische Diskriminierung und Unterdrückung der russischen Bevölkerung in der Ostukraine mit insgesamt 14’000 Todesopfern auch nur die geringste Rolle beim Ausbruch des Kriegs im Februar 2022 gespielt haben könnten. Die gleiche Begriffskoppelung wird von den westlichen Medien auch systematisch verwendet, wenn stets von der „Terrororganisation Hamas“ die Rede ist, nie aber vom „Terrorstaat Israel“, obwohl die Zahl der von Israel verschuldeten zivilen Opfer im Gazastreifen die Opfer der Hamas-Attacke vom 7. Oktober 2023 um mehr als das Siebzigfache übertrifft.
„Die Voten dürfen keiner der teilnehmenden Personen zugeordnet werden“: Was da so beiläufig in einem einzigen Satz hingeworfen wird, ist in Tat und Wahrheit übelste und einer demokratischen Gesellschaft absolut unwürdige Verschleierungstaktik. So kann jeder sagen, was er will, und sogar so haarsträubende Forderungen erheben wie den Wunsch nach einem sofortigen Tod Putins, ohne hierfür die Verantwortung übernehmen zu müssen oder sich öffentlich dazu zu bekennen. Genau so funktionierte das im Nationalsozialismus, wenn Leute aus dem Volk bei der Gestapo verleumderische Aussagen gegen Juden machen durften, absolut anonym und ohne hierfür gegenüber irgendwem gerade stehen zu müssen.
In Russland liege die „ganze Macht bei Putin“, er „möge keine Kompromisse“, und daher könne man mit ihm und „damit mit Russland nur aus einer Position der Stärke diskutieren.“ So viel Unsinn muss man erst noch in einen einzigen Satz zusammenbringen können. Wenn, was nicht einmal stimmt, die „ganze Macht“ bei Putin liegt und dieser keine „Kompromisse“ möge, was angesichts seines Vermittlungsvorschlags im Dezember 2021 für eine friedliche Lösung des Ukrainekonflikts, der vom Westen kommentarlos zurückgewiesen wurde, wiederum ganz und gar nicht zutrifft, wenn nun also nicht nur mit Putin selber, sondern auch gleich noch mit „ganz Russland“ nur „aus einer Position der Stärke diskutiert“ werden könne, so muss da im Kopf des Journalisten, der solche Weisheiten von sich gibt, schon ein Chaos mittleren bis grösseren Ausmasses herrschen. Sollte Putin tatsächlich, wie immer wieder behauptet wird, ein unumschränkter „Gewaltherrscher“ sein, dann wäre ja logischerweise das russische Volk ein absolut bemitleidenswertes Opfer dieses „Gewaltherrschers“ und es würde absolut keinen Sinn machen, mit diesem bemitleidenswerten Volk in der gleichen Sprache und aus einer gleichen „Position der Stärke“ heraus zu reden wie mit Putin selber. Wäre es tatsächlich ein so bemitleidenswertes Opfer eines Gewaltherrschers, müsste man es logischerweise, wenn schon, als Freund betrachten und nicht als Feind. Ganz abgesehen davon, dass ich mir ganz und gar nicht vorstellen kann, wie man „mit einem ganzen Volk diskutieren“ könnte und wer dann dieser „man“ überhaupt wäre…
Nun gibt es „Bewegung in Europa, Rüstungsausgaben werden erhöht“: „Bewegung“ – was für ein beschönigendes Wort für Kriegstreiberei und den gezielten Aufbau eines Feindbildes, das angeblich nichts anderes versteht als die Sprache der Gewalt.
„Die Truppen an der NATO-Ostflanke sind verstärkt worden.“: „Ostflanke“ ist eigentlich ein Begriff aus dem Krieg, nicht aus dem Frieden, aus dem Angriff, nicht aus der Verteidigung, aus dem Wortschatz des deutschen Heers zwischen 1939 und 1945, nicht aus dem Wortschatz friedliebender Menschen, die seit 1945, als alle Menschen in Europa „Nie wieder Krieg“ schrien, alles nur Erdenkliche versucht haben, Kriegslogik durch Friedenslogik zu überwinden und zu ersetzen. Hat an dieser Stelle die Phantasie eines dieser anonymen Symposiumteilnehmers vollends durchgeschlagen und wähnt sich dieser bereits mitten im Krieg, während doch angeblich noch tiefster Frieden herrscht?
„Investitionen in die Verteidigung sind Investitionen in den Frieden“: Wie viel Leid braucht es noch, wie viele Kriege müssen noch geführt werden, wie viele Menschen müssen noch sterben, bis solche Sätze endlich für immer auf dem Müllhaufen der Geschichte landen? So weit die Erinnerung reicht: „Verteidigung“ war noch nie etwas anderes als Kriegsvorbereitung. Wenn alles, was als „Verteidigung“ bezeichnet wird, tatsächlich immer nur Verteidigung gewesen wäre, und alle, die sich „Verteidigungsminister“ nannten oder immer noch nennen, tatsächlich nur „Verteidigungsminister“ gewesen wären, hätte es nämlich noch nie einen wirklichen Krieg gegeben. Das pure Gegenteil ist der Fall: Noch nie in der Geschichte der Menschheit gab es so viele Kriege wie heute. Nicht weil für „Verteidigung“ zu wenig Geld ausgegeben wurde, sondern nur deshalb, weil überhaupt noch Geld für Waffen und Kriege ausgegeben wird, Kriegsvorbereitungen immer noch als „Verteidigungsmassnahmen“ verkauft werden und sich die Kriegsminister immer noch „Verteidigungsminister“ nennen und nicht wenige von ihnen sogar immer noch mit Friedensnobelpreisen ausgezeichnet werden. Wenn der Westen die gegenwärtige Aufrüstungseuphorie immer noch als existenzielles Recht auf Selbstverteidigung zu verkaufen versucht, dann müsste diese Lüge nur schon angesichts der Tatsache, dass die NATO bereits heute mehr als das Zwanzigfache an Geld für Aufrüstung aufwirft als Russland, augenblicklich in ihrer ganzen gefährlichen Tragweite entlarvt werden. Aber das darf freilich nicht sein, und so wird man auch vergeblich darauf warten, dass solche Zahlen in westlichen Mainstreammedien jemals veröffentlicht werden.
„Europa sei auch gut beraten, Allianzen zu suchen mit anderen Partnern, etwa mit Indien oder mit Südamerika“: Ist den Teilnehmern des St. Galler Symposiums tatsächlich entgangen, dass Indien und Brasilien, das mit Abstand bevölkerungsstärkste Land Südamerikas, schon längst nicht mehr im westlichen Boot sitzen und mittlerweile sogar schon zu den schärfsten Kritikern des US-Imperialismus, der NATO und des westlichen Anspruch, weiterhin Weltmacht Nummer eins zu bleiben, gehören? Täten die Kalten Krieger von früher, statt sich um Ihresgleichen zu scharen und die Lügen der Vergangenheit immer wieder neu aufzuwärmen, nicht besser daran, sich endlich mit den übrigen 99 Prozent der Menschheit an einen gemeinsamen Tisch zu setzen und sich gemeinsam mit ihnen Gedanken über eine neue, gemeinsame, friedliche Zukunft zu machen, statt sich immer noch an Glaubenssätze vergangener Zeiten zu klammern, die von der Realität schon längstens tausendfach widerlegt worden sind.
„Investitionen und Innovationen auf dem Schlachtfeld sind wichtig“: Ja, aber eigentlich einzig und allein nur für die Profite der Rüstungsindustrie und ihrer Aktionäre. Ganz im Sinne des früheren US-Aussenministers Anthony Blinken, der einmal in aller Öffentlichkeit erklärte, er hoffe, dass der Ukrainekrieg noch möglichst lange weitergehe, denn dies sei besonders gut für die US-Rüstungsindustrie. Das „Schlachtfeld“, auf dem man dann irgendwann aus knietiefem Schlamm die tiefgefrorenen Überreste verstümmelter und halbverhungerter Soldaten herauspickeln wird, ist in einem solchen Zeitungsartikel bloss noch eines von zahlreichen Wörtern, über die man ebenso leicht und rasch hinweglesen kann wie über alle anderen dieser Wörter, die so wunderschön klingen und hinter denen sich doch so unsägliches, unbeschreibliches Leiden verbirgt. Müssten die Teilnehmenden des St. Galler Symposiums und all die Journalisten, die so schöne Zeitungsartikel schreiben, nur einen einzigen Tag auf dem von ihnen hochgejubelten „Schlachtfeld“ verbringen: Der ganze Spuk hätte wohl augenblicklich ein Ende für immer.
„Dazu komme die Widerstandskraft der ukrainischen Gesellschaft“: Einer ukrainischen Gesellschaft, die immer tiefer gespalten ist zwischen den Opfern auf dem „Schlachtfeld“, dem sich immer mehr junge Männer durch Dienstverweigerung oder Desertion zu entziehen versuchen, und den Söhnen und Töchtern einer zutiefst korrupten Oberschicht, die rund um die Uhr an den mondänsten Wintersportorten, auf Mallorca und Teneriffa die ausschweifendsten Parties ihres Lebens feiern.
„Dass Putin mit seiner Kriegswirtschaft die zivile Wirtschaft zerstört, Bildung und Gesundheitswesen vernachlässigt, das sei ihm egal – auch angesichts der absurden Mengen an Blut und Geld, die er bisher vergeudet habe.“: Projektion um Projektion, die alle auf den Absender zurückfallen. Denn gerade jetzt droht nicht so sehr das russische, sondern vor allem das europäische und insbesondere das deutsche Bildungs- und Gesundheitswesen angesichts endlos gesteigerter Rüstungsausgaben aus allen Fugen zu geraten. Aber auch das hat eine logische Eigengesetzlichkeit: Je mehr sich Machtsysteme bedroht fühlen, umso mehr feuern sie aus allen Kanonen auf den vermeintlichen „Gegner“ sowie auf alle Andersdenkenden in ihren eigenen Reihen.
Wenn man Kriege plant, braucht es zuallererst den Aufbau eines Feindbildes als Inbegriff des Bösen. Dadurch erst kann dann jenes allgemeine Gefühl von Angst herbeigeführt werden, das es braucht, um auch noch das wahnwitzigste Mass an militärischer Aufrüstung zu rechtfertigen und alles, was in Richtung Kriegsvorbereitung geht, als Friedensvorbereitung zu verkaufen. So erst kann der Boden für zukünftige Kriege vorbereitet werden. Denn von Natur aus wollen die allermeisten Menschen über alle Grenzen hinweg nicht den Krieg, sondern den Frieden. Will man Krieg, dann muss man ihn den Menschen mit allen nur erdenklichen Mitteln einreden. Man kann sich nicht gleichzeitig auf den Krieg und auf den Frieden vorbereiten. Wir müssen uns für einen der beiden Wege entscheiden. Damit eines Tages das Wort „Kriegserklärung“ aus unserem Denken und unserem Vokabular für immer entfernt und durch das Wort „Friedenserklärung“ ersetzt wird.
Sollte es dereinst tatsächlich zu einem dritten Weltkrieg kommen, dann wird es kaum viele überzeugende Argumente geben, um all jene Medien, die – wie mit den beiden hier besprochenen Beispielen aus dem „Tagesanzeiger“ und dem „Tagblatt“ vom 7. Mai 2026 – zu einer dermassen systematischen Kriegshetze beigetragen haben, von einer Mitschuld freizusprechen. Aber nicht nur sie, sondern auch alle, die das schweigend und achselzuckend hinnehmen und sich nicht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen wehren. Denn, wie Erich Kästner einmal sagte: „An allem Unfug, der passiert, sind nicht nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern.“
(Ich habe diesen Artikel, versehen mit einem kurzen Begleitkommentar und der Frage nach der journalistischen Sorgfaltspflicht, am 16. Mai 2026 an die Redaktionen des „Tagesanzeigers“ und des „Tagblatts“ geschickt. Bis heute, 15. Juni, hat weder der „Tagesanzeiger“ noch das „Tagblatt“ darauf reagiert. Man spricht, zu Recht, von Gewalt, wenn ein verzweifelter Asylsuchender mit einem Messer auf andere losgeht. Aber Gesprächsverweigerung, das Nichtbeantworten von anständig, korrekt und ernsthaft geschriebenen Briefen, die Absage an minimalstes diskursives und dialektisches Denken, die Renitenz gegen jegliches selbstkritisches Hinterfragen der eigenen Meinung und das Aufbauen von Mauern, gebaut aus Geld und Macht, gegenüber all denen, die weniger Geld und weniger Macht haben, sind auch Formen von Gewalt.)
Auch am 23. Mai 2026 bleibt der „Tagesanzeiger“ seiner tendenziös-manipulativen Berichterstattung treu:
Der von Moskau in Luhansk eingesetzte Verwalter, Leonid Passetschnik, spricht von 35 Verletzten. Drohnen seien in eine Berufsschule und ein Wohnheim in Starobilsk eingeschlagen, in dem sich 86 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren befunden hätten. Die Angaben lassen sich unabhängig nicht überprüfen… Russland überzieht die Ukraine seit mehr als vier Jahren mit einem zerstörerischen Angriffskrieg. Tag für Tag werden dabei Zivilisten in der Ukraine verletzt oder getötet.
So viel Irreführung auf gerade mal zehn Zeitungszeilen. „Drohnen seien…“: Dass es nicht russische, sondern ukrainische Drohnen waren, scheint dem Berichterstatter nicht erwähnenswert zu sein. „Die Angaben lassen sich nicht überprüfen.“: Schlicht gelogen: Journalistinnen und Journalisten aus zwölf mehrheitlich westlichen Ländern haben vor Ort das Communiqué der russischen Behörden bestätigt. „35 Verletzte“: Verschwiegen wird der Leserschaft, dass der ukrainische Drohnenangriff auf die Berufsschule und das Studentenwohnheim nicht nur 35 Verletzte zur Folge hatte, sondern zudem 13 bis 18 Todesopfer, alle zwischen 14 und 18 Jahren. Das Beste aber kommt am Schluss: „Russland überzieht die Ukraine seit mehr als vier Jahren mit einem zerstörerischen Angriffskrieg. Tag für Tag werden dabei Zivilisten in der Ukraine verletzt oder getötet.“ Und dies, nachdem soeben von einem ukrainischen Drohnenangriff auf eine Berufsschule und ein Studentenwohnheim die Rede war. Besonders fies: Jedes Kind weiss, dass der letzte Eindruck einer Information immer der stärkste ist und am nachhaltigsten im Gedächtnis bleibt. In diesem Falle wird mit dem prägenden Schlusssatz sogar das zuvor Gesagte geradezu auf den Kopf gestellt bzw. ins Gegenteil verkehrt. Ganz abgesehen davon, dass man der Objektivität zuliebe immerhin wenigstens bei den tatsächlichen Zahlen bleiben müsste, die von seit Februar 2022 durch russische Angriffe getötete ukrainische Zivilpersonen bei bisher 2514 liegen, während umgekehrt zwischen 2014 und 2021 rund 14’000 russischstämmige Zivilpersonen in den Ostprovinzen der Ukraine paramilitärischem, durch das Kiewer Regime ausgeübtem Terror zum Opfer fielen – eine der wesentlichen Gründe für den russischen „Angriffskrieg“ im Februar 2022. Aber wozu soll man sich heute noch an so üble Geschichten erinnern, wenn es doch nur noch darum geht, Russland als den alleinigen „Bösewicht“ zu brandmarken und damit schon zum Vornherein einen späteren Krieg gegen diesen „Bösewicht“ zu rechtfertigen.
Fragen, fragen und allem auf den Grund gehen wie die Kinder: Ohne das bleibt gesellschaftlicher Fortschritt eine Illusion…
Peter Sutter, 29. April 2026

Wochenlang gab es in den Schweizer Medien kaum mehr ein anderes Thema, nachdem in der Nacht vom 31. Dezember 2025 auf den 1. Januar 2026 bei einem Brand in der Bar „Le Constellation“ in Crans-Montana, Kanton Wallis, 41 Menschen, darunter 20 Minderjährige, ums Leben gekommen und weitere 115 Personen verletzt worden waren, viele von ihnen so schwer, dass sie nur knapp vor dem Tod gerettet werden konnten.
Als hätte es nicht nur in Crans-Montana gebrannt, breitete sich die Berichterstattung über dieses Ereignis in Kürze wie ein Lauffeuer in sämtlichen Richtungen aus, fast alle europäischen Medien griffen das Thema ebenfalls auf und berichteten darüber in aller Ausführlichkeit.
Bei alledem stand durchwegs immer wieder die gleiche Frage im Mittelpunkt: Wer trug die Schuld an dieser Katastrophe, die so viele junge Menschen unversehens mitten aus dem Leben gerissen hatte zu einem Zeitpunkt, da sie überschwänglich und nichtsahnend den Beginn eines neuen Jahres feierten, die meisten von ihnen wohl voller Träume, Sehnsüchte und Hoffnungen, was ihnen dieses neue Jahr alles bringen würde.
Ja, die Schuldfrage. Wochenlang wurde sie hin- und hergewälzt, von den Eltern der betroffenen Jugendlichen zu den Betreibern der Bar, von den Politikern zu den Medien, von den Anwälten zu den Beamten der Sicherheitsbehörden, von den Gesetzgebern zu den Gemeinde- und Baubehörden und wieder zurück zu den Barbetreibern, alle von ihnen abwechslungsweise an den Pranger gestellt und dann jeweils umso heftiger von allen Seiten mit Vorwürfen, Beschuldigungen und Hass überhäuft. Bis es sogar fast zu einer zwischenstaatlichen Krise gekommen wäre, als Anwälte aus Italien die Schweiz mit Millionenklagen einzudeckeln versuchten und sich plötzlich nicht nur die vor Ort Betroffenen, sondern gar die Schweiz als Ganzes an den Pranger gestellt sah. Um dann zuletzt, oh Wunder, die ganze Wut wiederum auf eine einzige Angestellte der Bar zu lenken, die anscheinend jene Champagnerflasche geöffnet hatte, welche, viel zu nahe an den entflammbaren Deckenelementen, mit ihrem Feuerwerkskörper den Brand ausgelöst hatte, diese Angestellte, die sodann selber in den Flammen ums Leben gekommen war und zuletzt von allen anderen als die eigentliche Hauptschuldige angesehen wurde, ohne die es niemals zu dieser Katastrophe gekommen wäre.
Diese Debatte, fast ausschliesslich geprägt von der Schuldfrage, hätte aber von Anfang an auch ganz anders geführt werden können. Man hätte sich, statt „Schuldige“ ausfindig zu machen, zum Beispiel fragen können, unter welchem wirtschaftlichen Druck Gastronomiebetriebe wie die Bar „Le Constellation“ stehen. Um im gegenseitigen Konkurrenzkampf gegenüber anderen Betrieben mit ähnlichem Zielpublikum bestehen zu können, ist nämlich jeder Anbieter gezwungen, die Kosten möglichst tief zu halten und die Eintritts- und Konsumationspreise möglichst weit anzuheben, aber doch nicht so weit, dass sie niemand mehr bezahlen kann – ein beständiges Zittern ums Überleben, weil ja alle anderen Betriebe nach dem gleichen Prinzip handeln und im immer rasanteren Tempo des gegenseitigen Wettrennens am Ende nur diejenigen überleben können, welche sich am dichtesten an die gerade noch erträgliche Schmerzgrenze herantasten oder diese sogar überschreiten. Und dann wird eben gezwungenermassen gespart, wo immer es möglich ist: Bei den Baustoffen und den Materialien der Innenausstattung, bei der Elektroinstallation, bei den Kochgeräten, beim Einkauf der Lebensmittel und der Getränke oder bei den Sicherheitsmassnahmen – vor allem wenn diese durch zu rigorose Vorschriften wie die Mindestzahl von Notausgängen bzw. Grösse der Fluchtwege die Limite der zugelassenen Personenzahl zu sehr beschränken und damit die wichtigste Einnahmequelle gefährden. Zudem muss ohne Unterlass alles getan werden, um die Attraktivität des eigenen Betriebs gegenüber den Konkurrenzbetrieben laufend zu erhöhen, denn das Publikum ist wählerisch und kein Betrieb kann es sich leisten, auf so gefährliche Dinge wie Feuerwerk auf Champagnerflaschen zu verzichten, solange nicht alle anderen Betriebe dies ebenfalls tun. Den weitaus grössten Posten im Kosten-Nutzen-Kalkül, an dem so weit als möglich geschraubt werden kann, bilden indessen die Lohnkosten, sprich: das Personal so lange wie möglich und zu so tiefen Löhnen arbeiten zu lassen, wie es das Gesetz gerade noch zulässt, oder, wenn es sein muss, auch weit darüber hinaus. So wie es der besagten Kellnerin ergangen war, die am Ende an der ganzen Katastrophe die Hauptschuld getragen haben soll: Nach 20-Stunden-Arbeitstagen über Wochen hinweg war sie in jener Nacht so erschöpft und befand sich mutmasslich geradezu in einer Art von Delirium, als sie, auf die Schultern eines Barbesuchers gehievt, jene ominöse Champagnerflasche mit dem Feuerwerkskörper viel zu nahe an der mit billigen, entflammbaren Elementen bestückten Decke zur Explosion brachte, welche schliesslich das ganze Unheil zur Folge hatte.
Die Brandkatastrophe von Crans-Montana ist ein Paradebeispiel dafür, wie mit solchen besonderen Ereignissen, Katastrophen, Unfällen, Verbrechen aller Art bis hin zum Krieg umgegangen werden kann: Entweder versucht man so schnell wie möglich Schuldige – bzw. einen einzelnen Hauptschuldigen – ausfindig zu machen, was allen anderen erlaubt, sich weitgehend unbelastet, ohne schlechtes Gewissen und ohne jegliches Zugeständnis einer Mitverantwortung aus dem Spiel zu nehmen. Oder aber man geht den Ursachen und Zusammenhängen vertieft und möglichst hartnäckig auf den Grund, um am Ende – was freilich weitaus unangenehmer und schmerzlicher sein kann – möglicherweise zu entdecken, dass es nicht einen einzigen Schuldigen gibt, sondern sich viele andere oder vielleicht sogar alle anderen auf die eine oder andere, mehr oder weniger versteckte und unsichtbare Weise, mitschuldig gemacht haben, meist sogar, ohne dass ihnen dies bewusst gewesen war.
Sehen wir uns die beiden Herangehensweisen anhand von vier weiteren, ganz unterschiedlichen Beispielen etwas genauer an: der häuslichen Gewalt von Männern gegen Frauen in Form von Femiziden, der „Ausländerkriminalität“, den Amokläufen an Schulen und dem Ukrainekonflikt.
Femizide. Alle ein bis zwei Wochen wird in der Schweiz eine Frau von ihrem Lebenspartner getötet. Seit längerer Zeit nimmt die Häufigkeit von Femiziden sogar zu. Wie im Fall der Brandkatastrophe von Crans-Montana, beschränkt sich die öffentliche Diskussion aber auch hier fast ausschliesslich auf die Suche nach den Schuldigen und bleibt meistens bei der Feststellung einer für Männer typischen, offenbar „angeborenen“ und ihrer „Natur“ entspringenden Gewaltbereitschaft stehen. Interessanterweise stellt niemand die Frage, weshalb die Häufigkeit von Femiziden laufend zunimmt. Auch wenn man ausschliesslich von einer „naturbedingten“ Gewaltbereitschaft von Männern ausgehen würde, könnte man damit ja keineswegs diese Zunahme der Häufigkeit erklären. Femizide müssen also zwingend noch andere Ursachen haben als bloss diese „natürliche“ Gewaltbereitschaft von Männern. Einen möglichen Hinweis fand ich unlängst in einem Zeitungsartikel, wo erwähnt wurde, dass auffallend viele der betreffenden Männer zum Zeitpunkt ihrer Tat arbeitslos waren. Ein möglicher Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit bzw. den äusseren Lebensumständen der Täter und der Wahrscheinlichkeit, dass diese einen Femizid begehen würden, sei aber wissenschaftlich bislang noch nicht untersucht worden. Das muss zu denken geben, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass es bereits unzählige Studien betreffend Nationalität bzw. ethnischer Herkunft der Täter gibt, die den Schluss nahelegen, Femizide würden vor allem von Angehörigen „fremder“ Herkunft begangen. Warum gibt es nicht eine einzige Studie über den Zusammenhang zwischen Femizid und dem gesellschaftlichen Umfeld, in dem diese geschehen? Könnte es sein, dass ein Mann, der den ganzen Tag beschäftigungslos zu Hause herumsitzt, während sein bester Freund gerade wieder mal eine saftige Gehaltserhöhung erhalten hat und mit seinem neuen BMW Abend für Abend in der Stadt seine Runden dreht, sich gegenüber diesem minderwertig und in seinem Selbstwertgefühl zutiefst gekränkt fühlt? Könnte es sein, dass sich solche Gefühle fehlenden Selbstwerts noch verstärken, wenn dieser Mann in sozialen Medien oder am Fernsehen pausenlos mitansehen muss, wie andere Männer Karriere machen, irgendwann vielleicht sogar Millionäre sind, sich die teuersten Luxusvillen bauen lassen mit riesigen Swimmingpools und jedes Jahr drei oder vier Mal nach fernen, paradiesischen Südseeinseln fliegen? Könnte es sein, dass sich auf diese Weise Rachegefühle gegenüber einer Gesellschaft entwickeln, in der Einkommen und Vermögen dermassen ungerecht verteilt sind? Könnte es sein, dass ein so sich bildendes extremes Ohnmachtsgefühl irgendwann in das Verlangen nach einer extremen Machtdemonstration umzukippen droht? Und ist es denkbar, dass dieses bereits bis zum Rande gefüllte Fass voller Demütigung und verlorenem Lebenssinn genau in dem Punkt überlaufen könnte, an dem dieser Mann zuletzt auch noch das Letzte, was ihn aufrecht gehalten hat, nämlich seine Frau oder Lebenspartnerin, verlieren könnte, weil sie mit einem Versager wie ihm nichts mehr zu tun haben möchte? Und wäre es dann allenfalls nachvollziehbar, dass er schliesslich allen Hass, alle aufgestauten Rachegefühle nicht etwa an denen auslässt, die das alles verursacht haben, sondern am schwächsten Glied in der Kette von oben nach unten, nämlich, tragischerweise, ausgerechnet an seiner eigenen Lebenspartnerin, an welcher er nun das Exempel eines wiedergewonnen Machtgefühls auf die denkbar brutalste Weise vollziehen kann? Solche Fragen zu stellen, heisst nicht, irgendwelche Gewalttaten verharmlosen, zu entschuldigen oder gar rechtfertigen zu wollen. Sie dienen einzig und allein dazu, möglichen tiefergehenden Ursachen und Zusammenhängen von Verbrechen oder anderen Untaten auf den Grund zu gehen und daraus im besten Falle Schlüsse zu ziehen und Lösungsansätze zu finden, die über das blosse Verurteilen der „Schuldigen“ hinausgehen und letztlich den potenziellen Opfern mehr nützen als die vorschnelle und diskussionslose Verurteilung der jeweiligen „Bösewichte“?
„Ausländerkriminalität“. Nur allzu bekannt sind die Beispiele von aus dem Maghreb stammenden Asylsuchenden, welche sich im Umfeld von Asylzentren durch Ladendiebstähle, Einbrüche in Wohnungen und Einfamilienhäuser oder das Aufknacken von Autos negativ bemerkbar machen. Sogleich ist dann die Rede von „Ausländerkriminalität“, als gäbe es einen wesensmässigen Zusammenhang zwischen Kriminalität und nationaler Herkunft. Auch hier bleibt die öffentliche Diskussion weitestgehend beim Benennen und an den Pranger stellen der „Schuldigen“ stehen. Doch auch hier könnte man das Feld öffnen für so manche weiterführende Fragen, die den Blick über die blosse Schuldfrage und Reduktion auf Einzeltäter hinaus massgeblich erweitern könnte: Ist es nicht verständlich, wenn der Mann, dem ausser einem täglichen Taschengeld von acht Franken keine weiteren finanziellen Mittel zur Verfügung stehen, gelegentlich mal der Versuchung unterliegt, sich den einen oder anderen winzigen Teil aus all dem Luxus, der ihm täglich vor die Augen geführt wird, „widerrechtlich“ anzueignen? Könnte man ihm nicht sogar das „Recht“ zugestehen, dies zu tun, in Anbetracht der Tatsache, dass der überwiegende Teil des Reichtums, über den die reichen Länder des Nordens heute verfügen, aus nichts anderem entstanden ist als aus der systematischen Ausplünderung von Bodenschätzen und natürlichen Rohstoffen des Südens, insbesondere Afrikas, über Jahrhunderte hinweg bis zum heutigen Tag? Und wüsste man denn nicht schon längst, dass Kriminalität stets in einem direkten Zusammenhang mit Armut steht und insbesondere überall dort am meisten verbreitet ist, wo die Unterschiede zwischen Arm und Reich am grössten sind? Kürzlich war in den Zeitungen zu lesen, dass in Grossbritannien die von einheimischen Rentnerinnen und Rentner begangenen Ladendiebstähle in Supermärkten innerhalb eines Jahres massiv zugenommen hätten. Vermutlich nicht, weil die Britinnen und Briten besonders bösartige Menschen sind, sondern schlicht und einfach deshalb, weil die Renten infolge staatlicher Sparmassnahmen mehr und mehr gekürzt werden.
Amokläufe an Schulen. Auch hier bleibt die Diskussion zumeist bei der Suche nach Schuldigen stehen. Das ist dann meistens ein „psychisch gestörter“ Jugendlicher, dem in der Folge, damit sich so etwas nicht wiederholt, entsprechende Straf- oder Therapiemassnahmen verordnet werden. Dabei wäre es so naheliegend, einfach und plausibel, über dieses simple Erklärungsmuster und die daraus gezogenen Schlüsse hinauszuschauen. In allen mir bekannten Fällen war der Täter ein ehemaliger Schüler jener Schule, die er früher selber besucht hatte – ausgerechnet an diesen Ort kehren diese Amokläufer zurück, um dort, meist wahllos, Jugendliche und Lehrkräfte, die sie meist selber gar nicht mehr kennen, niederzuknallen. Das kann kein Zufall sein. Und tatsächlich: Schaut man sich die Biografien dieser Täter näher an, so sind es fast immer gescheiterte Schüler. Entweder waren sie von Mitschülern oder Lehrern gemobbt worden oder sie waren wegen ungenügender Leistungen, Verstössen gegen die Disziplinarordnung oder wegen zu langer unbegründeter Absenzen von der Schule geflogen. Weiter zeigt sich, dass das Selbstwertgefühl der betroffenen Jugendlichen zu dem Zeitpunkt, als sie mit dem Rausschmiss aus der Schule und allen daraus folgenden Vorwürfen und Beschuldigungen seitens Eltern, Verwandten und Bekannten konfrontiert waren, noch sehr zerbrechlich war, sodass man durchaus von einem traumatisierenden Eingriff in ihre Persönlichkeitsentwicklung sprechen kann. Rache an dem Ort, wo dieser Eingriff geschah, ist eine Art von „Lösung“ dieses Traumas, den zum Glück nur ganz wenige Vereinzelte wählen, und dies meist, nachdem sie über viele Jahre hinweg auf andere Art und Weise versucht haben, das Trauma zu bewältigen, ohne aber, dass es ihnen gelungen wäre. Der Amoklauf an der früheren Schule, wo das Unheil begann, ist sozusagen der allerletzte verzweifelte „Lösungsversuch“, der ja selten gar mit dem eigenen Tod endet.
Der Ukrainekonflikt. Es mag auf den ersten Blick überraschen, dass ich an dieser Stelle den Ukrainekonflikt als Beispiel nenne und ihn mit dem Brand in Crans-Montana, Femiziden, „Ausländerkriminalität“ und Amokläufen an Schulen in Verbindung setze. Aber auf diese Weise lassen sich bestimmte Grundmuster, wie man mit Verbrechen, Untaten, aussergewöhnlichen Ereignissen, Konflikten, Ängsten und Bedrohungen aller Art umgeht, viel besser erkennen, als wenn wir dies nur anhand eines einzelnen Beispiels tun. Denn im Grunde ist es dasselbe: Die öffentliche Diskussion – zumindest was die grosse Mehrheit der Bevölkerung, der Medien und der Politik betrifft – erschöpft sich auch im Falle des Ukrainekonflikts weitgehend mit der Benennung eines „Schuldigen“, in diesem Falle ist es Russland bzw. der russische Präsident Wladimir Putin als Inbegriff des „Bösen“. Jüngstes Beispiel für diese Fixierung auf den alleinigen „Schuldigen“ ist der soeben herausgekommene Spielfilm „Der Magier im Kreml“, der von seinem Regisseur Olivier Assayas wie folgt kommentiert wird: „Jude Law in der Hauptrolle des Putin hat den Film bereichert, indem er nicht auf eine exakte Darstellung von Putin setzte, sondern auf das, wofür diese Figur steht: ein Modell moderner Diktatur – eine Machtfigur, die in Kauf nimmt, als Inbegriff des Bösen ihrer Zeit wahrgenommen zu werden.“ Alles, was dieses Bild relativieren könnte, wird in diesem Film ausgeblendet: Dass Putin nach seinem Amtsantritt im Jahre 2000 dem Westen eine gemeinsame europäische Sicherheitsstruktur vorschlug, was vom Westen abgelehnt wurde; dass Putin 2008 einen Beitritt Russlands zur NATO wünschte, was ebenfalls vom Westen verworfen wurde; dass Putin noch im Dezember 2021 der US-Regierung eine friedliche Lösung des Ukrainekonflikts mit Einbezug des Schutzes der russischen Bevölkerung innerhalb der Ukraine vorschlug, was ebenfalls vom Westen zurückgewiesen wurde, obwohl es die letzte Chance gewesen wäre, den drei Monate später ausgebrochenen Krieg zu verhindern.
Noch drastischer – und mit noch weit mehr tödlichen Folgen – als die zuvor erwähnten Beispiele zeigt der Ukrainekonflikt, wohin eine Strategie, die auf rein personaler Schuldzuweisung ohne jeglichen Einbezug gesellschaftlicher und historischer Zusammenhänge beruht, führen kann. Möglichst rasch einen Hauptschuldigen zu suchen – am liebsten in einer einzigen Person, an der dann alle anderen ihre Wut und ihren Hass auslassen können, von der Kellnerin in der Bar „Le Constellation“ über den kriminellen Marokkaner, der im Bahnhofshop ein Paar Turnschuhe geklaut hat, bis zu Wladimir Putin – hat offensichtlich eine viel höhere Wirksamkeit als jede noch so fundierte Analyse gesellschaftlicher und historischer Hintergründe. Das ist mir jenes Tages so richtig tief bewusst geworden, als ich mit einem Bekannten, den ich insgesamt als sehr belesen und informiert bezeichnen würde und der sogar eine akademische Ausbildung erfolgreich absolviert hat, über den Ukrainekonflikt diskutierte. Unsere Diskussion begann mit seiner Aussage: „Putin ist der Hitler des 21. Jahrhunderts“. Ich versuchte ihm dann zu erklären, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahre 1991 mit dem Verlust eines Fünftels ihres vorherigen Staatsgebiets möglicherweise nicht nur bei einem früheren KGB-Agenten, sondern wahrscheinlich sogar auch bei jedem anderen Russen ein Gefühl von Niederlage und Demütigung ausgelöst haben dürfte, das wahrscheinlich auch er als Schweizer empfinden würde, wenn wir von einem Tag auf den andern einen Fünftel unseres Staatsgebiets verlieren würden und jene, die dieses Land bekämen, aus vollem Herzen jubeln würden, sie hätten einen der grössten Siege in der Geschichte der Menschheit errungen. Weiter versuchte ich ihm nahezubringen, dass dieser Wladimir Putin trotz einer solchen Demütigung seines Landes in den ersten Amtsjahren unermüdlich um ein friedliches Miteinander mit dem Westen rang, bei dessen Staatsführern jedoch nie auch nur das geringste Gehör fand. Ich fragte ihn dann auch, ob der den US-Präsidenten George W. Bush, der aufgrund unwahrer Behauptungen im Jahre 2003 einen erwiesenermassen völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Irak vom Zaun riss, dem in der Folge eine halbe Million unschuldiger Männer, Frauen und Kinder zum Opfer fielen, ebenfalls als einen „Hitler des 21. Jahrhunderts“ bezeichnen würde. Er hörte mir geduldig zu, ich hoffte, er wäre zu einem etwas differenzierteren Weltbild gelangt, doch nein: Sein einziger und abschliessender Satz, dem ich dann nichts mehr hinzufügen mochte, bestand aus diesen Worten: „Aber dennoch ist trotz alledem Putin der Hitler des 21. Jahrhunderts.“
Seither beschäftigt mich mehr denn je die Frage, wie derart tiefsitzende, gegenüber allen noch so fundierten und sachlichen Fakten anscheinend völlig immune Denkmuster überwunden werden können. Oder ob die Reflexe von personaler Schuldzuweisung und die Fixierung auf das absolute „Böse“ so tief in den Genen oder wo immer verwurzelt sind, dass da schlicht und einfach nichts zu machen ist und jedes Bemühen, es aufzubrechen, bloss reine Zeitverschwendung wäre. Ich weiss es nicht. Ich habe bis jetzt keine Lösung gefunden. Aber ich bin überzeugt, dass es, wenn in Zukunft mehr gesellschaftlicher Fortschritt stattfinden sollte als bisher, unumgänglich ist, auf breiter Ebene die Fixierung auf einseitige Schuldzuweisungen und Feindbilder zu überwinden und einer vertieften, offenen und vor allem selbstkritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen viel, viel mehr Raum, Gewicht und Einfluss zu geben als bisher.
Denn personale Schuldzuweisungen und die Fixierung auf das vermeintlich „Böse“ zielen nicht nur an der Realität vorbei, sie verhindern – was noch viel schlimmer ist – gute, zukunftsgerichtete Lösungen. Eine sinnvolle und zukunftsgerichtete Schlussfolgerung aus der Brandkatastrophe von Crans-Montana hätte zum Beispiel darin bestehen können, neue Formen wirtschaftlicher Zusammenarbeit und gegenseitiger Unterstützung zu entwickeln, damit die einzelnen Betriebe einer Branche nicht mehr diesem tödlichen gegenseitigen Konkurrenzkampf ausgeliefert sind, der sie an allen Ecken und Enden zum Sparen auf Kosten von Gesundheit oder gar Leben zwingt. Stattdessen hat man den als „Schuldigen“ ausfindig Gemachten horrende Bussen aufgebrummt, während sich Dutzende von Anwälten eine goldene Nase verdient haben – ohne dass damit auch nur ein einziges Problem gelöst worden wäre, die Betriebe weiterhin gezwungen sind, sich mit immer sinnloseren Attraktionen gegenseitig zu überbieten und ihre Angestellten rund um die Uhr schuften zu lassen, bis wieder eines Tages etwas vielleicht noch viel Schlimmeres passieren wird.
Wenn Arbeitslosigkeit, zu niedrige Löhne, zu hoher Druck am Arbeitsplatz, zu enge Wohnverhältnisse oder zu grosse soziale Unterschiede als Faktoren erkannt werden, die eine höhere Anzahl von Femiziden zur Folge haben können, dann müssten schleunigst Massnahmen getroffen werden, um die Arbeitswelt menschlicher zu gestalten, Arbeit gerechter zu verteilen, existenzsichernde Löhne zu gewährleisten, erschwinglichen Wohnraum zu garantieren und anderes mehr. Stattdessen lanciert man Plakatkampagnen, produziert Abertausende von Flyern und schickt tendenziell „gewaltbereite“ Männer in „Präventionskurse“ – ohne damit auch nur eine einzige der tatsächlichen Ursachen anzupacken und mit alledem sogar noch das Feindbild des „bösen“, therapiebedürftigen Mannes zusätzlich zu verstärken.
Wenn Armut die Ursache von Kriminalität ist und endlich erkannt würde, wie sehr unser Reichtum eine Folge ist von Armut und Ausbeutung anderswo, dann müssten schleunigst Massnahmen ergriffen werden für eine gerechtere Wirtschaftsordnung, für soziale Umverteilung, für eine viel massivere Besteuerung der Reichen. „Kriminelle“ Asylsuchende an den Pranger zu stellen, die Asylgesetze zu verschärfen und rund um den gestohlenen Reichtum herum immer höhere Mauern aufzubauen, um den Bestohlenen den Zutritt zu der ihr entrissenen Beute zu verunmöglichen, löst keines der Probleme, sondern verstärkt alle nur umso mehr.
Wenn die Demütigung bzw. der Rausschmiss eines sich noch mitten in seiner Persönlichkeitsentwicklung Jugendlichen aus der Schule die mögliche Ursache späterer Amokläufe sein könnte, dann nützt es nichts, in den Schulen bessere Alarmsysteme zu installieren, rund um Schulhäuser Sicherheitskräfte patrouillieren zu lassen oder Lehrkräften beizubringen, wie sie sich im Falle anonymer Drohungen zu verhalten haben, solange nicht die Schule ein Ort ist, wo sich alle Jugendlichen, unabhängig davon, wie „schwierig“ sie sind, verstanden, aufgehoben und respektiert fühlen und das höchste Prinzip darin besteht, nie einen Menschen aufzugeben.
Und wenn sich auf breiter Basis die Erkenntnis durchsetzt, dass die „Schuld“ am Ukrainekrieg nicht bei einem einzelnen „Hitler des 21. Jahrhunderts“ liegt und schon gar nicht bei jenem Land, das er regiert, sondern dahinter eine lange Vorgeschichte liegt, dann werden auch Lösungen möglich, die durch gegenseitige Kompromisse den Weg in eine gemeinsame friedliche Zukunft öffnen können, statt sich darauf zu versteifen, mit einem immer grösseren technischen und finanziellen Aufwand und der Opferung einer immer grösseren Zahl von Menschen das vermeintlich „Böse“ zu bekämpfen, führt doch jede Form von Gewalt auf der einen Seite – und auch das weiss man eigentlich schon seit Jahrtausenden – zu immer mehr Gewalt auf der anderen.
Ohne unermüdliche Analysen gesellschaftlicher und historischer Zusammenhänge anstelle von vorschnellen Schuldzuweisungen bleibt gesellschaftlicher Fortschritt eine Illusion. Es ist eine tragische Erkenntnis, dass die Menschheit zwar in Bezug auf technologische Entwicklungen innerhalb weniger Jahrzehnte Fortschritte erzielt hat, die man sich vor Kurzem nicht einmal mit der grössten Phantasie vorzustellen wagte, dass aber gleichzeitig auf dem Gebiet des menschlichen Zusammenlebens und der friedlichen Konfliktlösungen nach wie vor Denkmuster vorherrschen, die aus weit zurückliegenden Epochen stammen.
Der gesellschaftlich unerlässliche Schritt von der Schuldebene zur Verstehensebene, vom Einzeldenken zum Gemeinschaftsdenken, von den Feindbildern zu den Freundesbildern und letztlich vom Krieg zum Frieden kann freilich nicht von selber und nicht von heute auf morgen geschehen. Er braucht eine grosse gemeinsame Anstrengung, ein systematisches Überwinden von Denkstrukturen, die sich über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende verfestigt haben, tiefe Lern- und Erfahrungsprozesse gegenseitigen Zuhörens, die Bereitschaft, die Ursache von „Fehlern“ oder „Unzulänglichkeiten“ zuallererst bei sich selber zu suchen, die Erkenntnis, dass man seine Mitwelt nur verändern kann, wenn man auch sich selber verändert.
Für all dies braucht es die nötigen Zeiten und Räume, Stunden und Tage, denn es geht letztlich um nichts weniger als das gemeinsame Überleben. Wie wäre es, den Freitag zu einem „Zukunftstag“ zu erklären? Montag bis Donnerstag die Arbeitszeit, das Wochenende zur individuellen Freizeitgestaltung. Der Freitag als Tag des Nachdenkens, der Begegnung und des Gesprächs mit Andersdenkenden, des Erfahrungsaustausch zwischen den Generationen, zwischen unterschiedlicher beruflicher Tätigkeit, zwischen all den Kulturen, Sprachen und Lebensweisen, die in jeder Stadt und jeder Gemeinde zusammentreffen und so wunderbare Quellen für gemeinsames und gegenseitiges Lernen sein könnten. Dieser Weg zunehmender Erkenntnis ist ohne Zweifel der vielfach längere als jener der reflexartigen Schuldzuweisungen, der jegliches Weiterdenken zwangsläufig zum Erliegen bringt. Es ist ein vielfach längerer Weg, ein „Umweg“, könnte man sagen, über spitze Steine, an Abgründen vorbei, durch knietiefen Schlamm und durch die kältesten Nächte. Aber er lohnt sich tausendfach.
Der wohl schönste Nebeneffekt einer solchen Bewusstseinsveränderung liegt darin, dass auf diesem Weg alles, was mit Hass zu tun hat, immer schwächer wird, und alles, was mit Liebe zu tun hat, immer stärker. Richtet man den Fokus nicht auf den einzelnen „Missetäter“, sondern auf das gesellschaftliche Umfeld und die äusseren Einflüsse, die ihn zu diesem Missetäter gemacht haben, verlagern sich die Grenzen zwischen dem „Guten“ und dem „Bösen“ immer mehr. Und die Erkenntnis, dass der Mensch im Grunde gut ist, wird immer stärker. Denn kein einziger Mensch wird als Mörder oder als Tyrann oder als unverbesserlicher Rechthaber oder als Wesen ohne jegliches Mitgefühl geboren, erst die Lebensumstände machen ihn dazu. Selbst wenn wir den Geschichten der „bösesten“ und „grausamsten“ Menschen auf den Grund gehen, werden wir früher oder später herausfinden, dass ganz am Anfang die Liebe war, so wie bei jenem berüchtigten Hamasführer, von dem alle sagten, er sei der Teufel in Person. Wenn man weiss, dass sowohl seine Eltern, wie auch seine Frau und alle seine Kinder von israelischen Armeeangehörigen getötet wurden, braucht es nicht viel Phantasie, um seinen Hass gegen alles, was mit Israel zu tun hat, nachzufühlen. Letztlich ist sein Hass nichts anderes als der Ersatz für die verlorene Liebe. Und so ist es mit allem. Haben wir den Schutt an Gewalt, Hass und Zerstörung beiseite geräumt, so finden wir darunter, früher oder später, immer und immer wieder die Liebe. Und das ist dann die Aufgabe, die uns weiterbringt: unter dem Hass die Liebe zu entdecken. Das, was uns alle miteinander verbindet, trotz aller oberflächlicher Gegensätzlichkeiten. Bis wir am Ende bei der Erkenntnis angelangt sind: Dieser Mörder, dieser Tyrann, dieser Menschenfeind könnte auch ich sein, wenn ich zu einem anderen Zeit an einem anderen Ort geboren worden wäre. Nur wenn wir das, was durch die unterschiedlichsten Lebensumstände auseinandergesplittert und uns zu gegenseitigen Feinden gemacht hat, wieder zusammenfügen zu einem Ganzen, kann etwas zutiefst Neues entstehen und die Hoffnung auf eine schönere und friedlichere Zukunft. Oder, wie es der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt einmal sagte: „Was alle angeht, können nur alle lösen.“ Nicht gegeneinander, nur miteinander.
Um diesen Weg zu gehen, müssen wir nicht etwas anderes sein oder werden, als wir sind. Wir müssen nur so bleiben, wie wir einmal gedacht waren. So, wie es der italienische Dichter Dante Alighieri einmal so wunderschön zum Ausdruck brachte: „Dreierlei ist uns aus dem Paradies geblieben: Kinder, Blumen und Sterne.“ Wenn wir uns das Paradies nicht nur als schöne Erinnerung an eine verlorene Vergangenheit bewahren wollen, sondern zugleich als Hoffnung auf eine schönere und friedlichere Zukunft neu erdenken möchten, dann müssen wir als Erwachsene nur die Kinder bleiben, die wir einmal waren. Fragen, fragen und alles wissen wollen, allem auf den Grund gehen, ohne zu verurteilen, ohne einzuordnen, ohne zu schubladisieren, ohne in Gut und Böse aufzuspalten.