Larissa und die Pferde die von Wolke zu Wolke flogen

Kaum hat der Tag begonnen, brennt das Feuer im Rücken auch schon wieder. Die achtzehnjährige Larissa, mitten in der Ausbildung zur Bereiterin, stösst nach dem Ausmisten der Pferdeställe eine Schubkarre voller Pferdemist über den Hof. „Aber das geht doch auch im Laufschritt, oder nicht?“, brüllt ihr Chef von der anderen Seite des Hofes herüber, „trödeln kannst du, wenn dein Arbeitstag zu Ende ist.“ Larissa beisst auf die Zähne und setzt zum Laufschritt an, quer über den ganzen Hof, mit einer Schubkarre voller Pferdemist, die sich anfühlt wie eine Tonne Zement. Und das noch weitere fünf Mal – ihr Chef schaut zu und scheint sich über den Anblick geradezu zu amüsieren.

Zwölf Stunden später, nach einer Mittagspause von einer halben Stunde und nachdem sie vier Tonnen Heuballen ganz alleine abladen musste, fragt sich Larissa einmal mehr, wie sie das alles bis zum Ende ihrer Ausbildung durchstehen soll. Hundemüde setzt sie sich ans Steuer ihres Autos, muss jetzt noch fast 20 Kilometer bis nachhause fahren. Am schlimmsten ist die Müdigkeit jedes Mal in diesem grauslichen, viel zu langen Tunnel, wenn dann auch noch stinkende Abgase ins Innere des Fahrzeugs dringen…

Und schon ist es passiert – ein ohrenbetäubendes Krachen weckt Larissa aus ihrem Sekundenschlaf, wie im schlimmsten aller möglichen Träume sieht sie die Tunnelwand unmittelbar hinter dem Fenster des Beifahrersitzes vorbeirauschen und gerade noch kann sie das Steuer herumreissen, um das Allerschlimmste zu verhindern. Mit kreischenden Bremsen ist das Auto hinter ihr gerade noch zum Stillstand gekommen. Erbarmungsloses Hupen im tausendfachen Echo des von Scheinwerfern wie von Blitzen durchzuckten Tunnels durchdringt, als wäre nicht alles Bisherige schon schlimm genug, Larissa bis ins Innerste, dazwischen eine ebenso bedrohlich klingende Männerstimme, die fast so klingt wie die Stimme ihres Chefs heute Morgen, ob es denn nicht auch im Laufschritt ginge, zum Trödeln sei allemal später noch genug Zeit…

Eigentlich hätte sich Larissa von diesem Schock wenigstens einen Tag lang ein wenig erholen müssen. Aber nicht mitten in der Ausbildung zur Bereiterin. Und schon gar nicht mit diesem Chef, den sie, hätte sie sich am nächsten Tag kurzfristig von der Arbeit abgemeldet, wohl zur Weissglut getrieben hätte und wahrscheinlich auch dazu, ihr dies noch tagelang vorzuhalten und sie vielleicht noch mehr zu schikanieren, als er dies sowieso schon jeden Tag tat.

Die Ausbildung zur Bereiterin dauert drei Jahre und ist nicht nur körperlich, sondern auch was psychologisches, naturwissenschaftliches und medizinisches Wissen betrifft, höchst anspruchsvoll. Zu den täglichen Arbeiten gehören das Füttern, Tränken, Putzen und Bewegen der Tiere wie auch die Versorgung kranker und verletzter Pferde, das Anlegen von Bandagen zum Schutz der Gelenke, das Auskratzen der Hufe, das Bürsten und Striegeln, das Sauberhalten der Ställe, der Ausrüstung und der Anlagen. Die zukünftige Bereiterin muss die Tiere in verschiedensten Reit- und Dressurtechniken trainieren und ihnen die verschiedenen Gangarten beibringen können. Sie muss Fohlen und Stuten nach der Geburt adäquat versorgen können und, als etwas vom Wichtigsten, zu jedem Tier ein persönliches Vertrauensverhältnis aufbauen. Auch das Longieren der Tiere gehört zu ihren Aufgaben, ebenso wie auch das tiergerechte und nicht ungefährliche Verladen und Transportieren. Auch muss sie sich in der individuellen Tierfütterung, in Tier- und Umweltschutzfragen sowie in der Gesundheitsvorsorge und im – überaus anspruchsvollen – Erkennen von Krankheitsbildern ebenso auskennen wie in Zuchtmethoden, Besamungstechniken, Hygienemassnahmen und Fragen des Weidemanagements. Sie muss fähig sein, Pferde für Ausstellungen, Prüfungen und Wettkämpfe vorzubereiten. Und sie muss in der Lage sein, Reiterinnen und Reiter in Bezug auf Anlagebewirtschaftung, Planung und Durchführung von Ausbildungsmassnahmen und Grunderziehung des Pferdes professionell zu beraten. Zu alledem muss die zukünftige Bereiterin auch noch die Kunst des Voltigierens beherrschen, akrobatische Kunststücke auf dem Pferderücken, stets verbunden mit der Gefahr abzustürzen und sich schwere Verletzungen zuzuziehen.

Doch trotz aller dieser immensen Anforderungen ist die Bereiterin, hat sie ihre Ausbildung erst einmal erfolgreich abgeschlossen, mit einem durchschnittlichen Monatslohn von 3500 Franken und Tiefstlöhnen von 2700 bis 2800 Franken bei bis zu 50 Arbeitsstunden pro Woche einer der am schlechtesten bezahlten Jobs in der Schweiz.

Und das alles nur, damit dann sonntags die Schönen und Reichen aus der Stadt ihre gesunden, wunderschön glänzenden, perfekt trainierten Pferde ausreiten können, wie Königinnen und Prinzen dies schon seit Jahrhunderten tun, hoch über dem gewöhnlichen Volk thronend. Wer bei alledem immer noch behauptet, so etwas wie die Klassengesellschaft gehöre doch schon längst der Vergangenheit an, hat sich wahrscheinlich kaum je Gedanken darüber gemacht, wie es frühmorgens, wenn die Schönen und Reichen noch schlafen, in all den Ställen und auf all den Höfen landauf landab zu- und hergeht, wo nicht nur Larissa, sondern noch viele, viele andere im Laufschritt Schubkarren mit zentnerschwerem Pferdemist vor sich herschieben und am Abend so kaputt sind, dass sie in grauslich langen, stinkenden Tunnels auch unter grösster Anstrengung ihre Augen nicht mehr offen zu halten vermögen.

Ob Larissa ihre Lehre zu bringen wird? An manchen Tagen glaubt sie daran, an anderen nicht. Nur manchmal denkt sie ein bisschen wehmütig an die Zeit zurück, als sie sich jeden Abend mit ihrem Spielpferdchen aus Plüsch in ihr Bett verkroch, in ihrem Kinderzimmer voller Pferdebilder an allen Wänden, eines schöner als das andere, und fast jede Nacht davon träumte, eine kleine Prinzessin zu sein auf einem schneeweissen, von Wolke zu Wolke fliegenden Pferd. 

Das Dreirad auf einem Stück Papier unter dem Weihnachtsbaum

Nein, sagt sie zu ihrem Kind, das schon wieder vor einem übervollen Gestell stehen geblieben ist und jetzt triumphierend eine Tüte Gummibärchen in der Hand hält. Leg das zurück. Aber die Wägelchen der anderen Leute sind doch auch randvoll und unseres ist immer noch fast leer, antwortet das Kind verständnislos. Ja, sagt die Mutter, aber die anderen, das sind nicht wir. Im Einkaufswagen liegen jetzt eine Tube Zahnpasta, ein Paket Spaghetti, zwei Tomaten, eine Gurke, eine Flasche Essig und die Wurst, die ihr eine gute Freundin, welche im Supermarkt arbeitet, soeben heimlich zugesteckt hat, da sie nur noch halb so viel kostet, weil ihr Ablaufdatum schon überschritten ist und sie sonst im Müll landen würde.

Der Blick in die anderen Einkaufswagen, wo all die Träume aufgetürmt sind, welche sie Tag für Tag zu verdrängen versucht, ist wie Feuer, das durch den ganzen Körper geht. Und ob sie will oder nicht: Immer und immer wieder ziehen die selben Bilder an ihrem inneren Auge vorüber. Das Dreirad, das sich ihr Kind für Weihnachten so sehnlichst wünschte, bis ihr nichts anderes einfiel, als es auf ein Stück Papier zu zeichnen, in Geschenkpapier einzuwickeln und es unter den winzigen Plastikweihnachtsbaum zu legen, den sie mit dem letzten Rest des Monatsgeldes gekauft hatte. Das ist ein Gutschein, erklärte sie dem enttäuschten Kind, den kannst du dann vielleicht in einem oder in zwei Jahren einlösen, wenn wir genug Geld haben werden, um ein richtiges Dreirad zu kaufen. Der Stapel mit den noch nicht bezahlten Rechnungen für das Bügeleisen, die Winterjacke und die Reparatur eines Wasserhahns, der nicht mehr funktionierte. Das Formular, mit dem sie eine Erhöhung des Sozialhilfebeitrags hätte beantragen wollen, das jetzt aber zerrissen auf dem kleinen Küchentisch liegt, weil auf einmal die Wut darüber, aller Voraussicht nach sowieso einmal mehr eine Absage zu erhalten, so viel stärker war als jegliche Vernunft. Die fast unerträglichen Schmerzen im Unterkiefer, die sie seit Wochen quälen und den letzten Rest an Lebensfreude verderben, seit sie weiss, dass sie wahrscheinlich schon alt und grau geworden sein würde, bis sie sich die dringend notwendige Zahnoperation auch nur im Entferntesten würde leisten können.

Jetzt stehen sie und ihr Kind in der Schlange vor der Kasse. Die Zahnpasta hat sie inzwischen wieder zurückgelegt, man kann sich die Zähne auch mit Wasser putzen. Die Dame vor ihr äugt sichtlich befremdet in ihren fast leeren Einkaufswagen, während sie selber eine Riesenmelone und fünf Tafeln Schokolade auf das Laufband legt. Gleich werden auch das Paket Spaghetti, die zwei Tomaten, die Gurke, die Flasche Essig und die abgelaufene Wurst auf dem Laufband liegen. Und bei jedem Handgriff, mit dem die Kassierin die Dinge über den Scanner zieht, wird hinter der unsichtbaren Mauer, welche den Profit und das Elend fein säuberlich voneinander trennt, auf dem Bildschirm in der Buchhaltungsabteilung des Supermarkts die Kurve des heutigen Umsatzes ein ganz klein wenig in die Höhe steigen, bis sie dann am Ende des Jahres aller Voraussicht nach einmal mehr einen neuen Rekordstand erreichen wird. Jedes Paket Spaghetti, jede Tomate, jede Gurke, jede Flasche Essig und jede noch so abgelaufene Wurst machen die Reichen noch ein bisschen reicher und die Schmerzen derer, die sich nicht einmal eine Zahnpasta geschweige denn ein kleines Dreirad zu Weihnachten leisten können, noch ein bisschen unerträglicher.

Die Frau an der Kasse würde ja noch so gerne einen Teil dessen, was sich jetzt im Einkaufskorb der vorangegangenen Kundin angesammelt hat, in die Einkaufstasche der alleinerziehenden Mutter legen, die gerade die paar letzten Münzen aus ihrem fast leeren Portemonnaie geklaubt hat. Doch das geht nicht. Die Mauer der sozialen Apartheid im reichsten Land der Welt ist unüberwindbar. Und nicht nur das. Wo immer es beginnt und wo immer es endet, all die unzähligen Ketten von den Fabriken, den Laufbändern im Supermarkt, den Tränen verzweifelter Mütter in der Nacht bis hinauf zu den Chefetagen multinationaler Konzerne und den mächtigsten Politikern, die dafür sorgen, dass alles so bleibt, wie es ist: Fast immer ist am Ende ganz oben ein Mann und fast immer ist am Ende ganz unten eine Frau. Noch weiter unten ist nur ein dreijähriger Bub, der jetzt gerade von einem Gummibärchen träumt und davon, dass sich ein auf Papier gezeichnetes Dreirad so wie in den Märchen, welche ihm seine Mutter jeden Abend vor dem Einschlafen erzählt, vielleicht doch noch eines Tages in ein richtiges schönes kleines Dreirad verwandeln könnte.

Als einziger Gast in einem kleinen Hotel auf dem Lande: Als wäre die Zeit stillgestanden

Im hessischen Biebesheim steht der Wirt eines kleinen Hotels hinter der Empfangstheke auf einem Hocker vor einem Gestell voller Ordner und scheint so intensiv etwas zu suchen, dass er nicht einmal bemerkt hat, dass soeben ein Gast angekommen ist. Und dann, durch eine halb geöffnete Tür zum Speisesaal, sehe ich auch schon den Grund: Dort sitzen, mitten im leeren Saal, zwei jüngere Männer in Anzug und Krawatte an einem Tisch voller Aktenberge, vermutlich Finanzprüfer oder etwas in der Art. Hat der Patron seine Buchhaltung nicht ordnungsgemäss geführt? Ist er verschuldet? Oder droht gar eine Betriebsschliessung?

Am nächsten Morgen geniesse ich den Kaffee, ganz alleine im sonst leeren, überraschend geräumigen Speisesaal. Ich bin offensichtlich der einzige Gast. Der Wirt und zwei Frauen mit Kopftuch bedienen mich. Ich bekomme einen Teller mit fünf Käsesorten, Aufschnitt, Wurst, Gurken und Oliven. Dazu Brötchen und ein Rührei. Wie kann sich das bloss rechnen? Der Speisesaal erinnert mich an ein potemkinsches Dorf, eine Theaterkulisse, eine Erinnerung an längst vergangene Zeiten. Mehrere langgezogene Tische sind gedeckt, Teller, Gläser, bunte Papierservietten. Als wäre die Zeit stillgestanden. Als ginge jeden Augenblick die Türe auf und Dutzende von Gästen würden hereinströmen. Auf Gestellen an den Wänden stehen kunstvoll Geschirr, Zinnbecher, Figuren aus Ton und Gips. Dazwischen hängen Landschaftsbilder, gemalt in den kitschigsten Farben, und verschiedenfarbige Wimpel, vermutlich von Fussballmannschaften. Die Decke, mit Stuckaturen versehen, ist in ein dunkles Weinrot getaucht. Alles mit viel Liebe und Sorgfalt aufgebaut. Ja, es muss ganz augenscheinlich eine andere Zeit gegeben haben. Eine Zeit, da der Familienausflug höchstens bis zum nächsten Dorf oder zur nächsten Stadt ging. Eine Zeit, in der das Feierabendbier in der Stammkneipe noch das höchste der Gefühle war. Bevor alles plattgewalzt wurde.

Plattgewalzt durch eine Tourismusindustrie, die es geschafft hat, dass sich die Menschen seither millionenfach wie ferngesteuerte Mücken nur noch dorthin bewegen, wo ihnen das grösste Ferienvergnügen zum billigsten Preis vorgegaukelt wird. Plattgewalzt durch wachsende soziale Ungleichheit und eine zunehmend härtere Arbeitswelt, die ihren Opfern nur zwei Möglichkeiten lässt: Jenen, die es bezahlen können, Badeferien in Mallorca und den anderen, die sich nicht einmal mehr die Mahlzeit in einer Gaststube ihres eigenen Dorfes leisten können, am Ende nur das Sofa, eine Flasche Bier und mit einem romantischen Spielfilm die trügerische Flucht in die Scheinwelt ihrer Sehnsüchte.

Als wäre bei alledem nicht sowieso schon viel zu viel Lebensfreude verloren gegangen und zu viel Lebenswerk zerstört worden: Ich sehe immer noch den verzweifelten Blick des Wirtes auf seine Ordner. Und ich sehe immer noch durch die halbgeöffnete Tür die beiden Finanz- oder Steuerbeamten, die schon ganz ungeduldig mit den Fingern auf den Tisch schnippen, weil sich der Wirt schon viel zu lange um seinen einzigen Gast gekümmert hat.

Die Kellnerin von Karlsruhe

Karlsruhe, Freitagabend, in einem Restaurant in der Innenstadt. Die junge Kellnerin eilt flink wie ein Wiesel von Tisch zu Tisch, kaum haben sich neue Gäste gesetzt, schon werden sie freundlichst bedient. Ist das Glas leer, schon steht sie da und fragt dich, ob du noch einen Wunsch hättest. Und ohne je ihr Lächeln, ihre unentwegte Sorge um das Wohl der Gäste zu verlieren. Doch auf einmal fällt mir auf: An einem der Tische stehend, hat ihre Hand an einer Metallstange Halt gesucht und sie hat ihren linken Fuss über den rechten gelegt, wohl um ihm eine kleine Pause zu gönnen. Knöchelschmerzen? Brennende Fusssohlen? Das wiederholt sie immer wieder und immer ist es der linke Fuss, das kann kein Zufall sein. Auch nicht, als sie sich kurz darauf mit der rechten Hand an den Rücken greift. Und wohl auch nicht, als sie wenig später ihren linken Oberschenkel reibt. Wie viele Stunden ist sie wohl schon auf den Beinen? Und wie viele Stunden werden es wohl noch sein? Wie viele Kilometer ist sie heute schon gelaufen, schwere Tablette durch die Gästereihen hindurch balancierend, und wie viele Kilometer werden es noch sein? Wie viele Male wird sie ihren linken Fuss noch über den rechten legen und mit ihren Händen die Schmerzen im Rücken und in den Beinen ein klein wenig zu lindern versuchen, bis sie sich dann irgendwann endlich einmal setzen darf? Doch schon eilt sie zum nächsten Tisch, auf der rechten Hand ein Tablett voller Gläser und Flaschen. Am Tisch daneben räumt sie ab und während sie auf dem linken Arm fünf leergegessene Teller im Gleichgewicht behält, nimmt sie mit der rechten Hand eine neue Bestellung auf. Und nichts von ihrem zauberhaften Lächeln hat sie verloren.

Bis zu sechs Stunden müssen Kellnerinnen und Kellner arbeiten, ohne Anspruch auf eine Pause. Ab einer Arbeitszeit von sechs Stunden gibt es eine Pause von 15 Minuten. Übersteigt die Arbeitszeit neun Stunden, gibt es eine Pause von 45 Minuten. Die maximale tägliche Arbeitszeit beträgt zehn Stunden. So steht es im deutschen Gastronomie-Arbeitsgesetz. Viele Angestellte leisten aber, freiwillig oder unfreiwillig, darüber hinaus weitere Überstunden und schuften nicht selten bis zu 14 Stunden pro Tag, oft noch mehr. Das komme den Beschäftigten sehr zugute, wird oft gesagt, viele würden „mit Freude“ länger arbeiten, so könnten sie den mehr als dürftigen Stundenlohn von 9,35 Euro ein wenig aufbessern und erst noch zusätzliches Trinkgeld verdienen. Wie zynisch: Würden sie pro Stunde drei Euro verdienen, dann würden sie wahrscheinlich ganz freiwillig und „mit Freude“ so lange arbeiten, bis sie tot umfallen würden. Arbeitsgesetze, so heisst es offiziell, seien dazu da, um vor Ausbeutung zu schützen. Man könnte es auch anders sagen: Arbeitsgesetze scheinen vor allem hierfür da zu sein, um Ausbeutung zu legitimieren und das Verrückte – weil es ja im Gesetzbuch steht – als normal erscheinen zu lassen.

Dabei gibt es kein einziges stichhaltiges Argument dafür, dass eine Kellnerin, die einen solchen Knochenjob leistet und am Ende solcher Arbeitstage vor lauter Schmerzen vielleicht nicht einmal mehr den wohlverdienten Schlaf in Ruhe geniessen kann, soviel weniger verdient als ihr Chef, der hinter der Theke Bier ausschenkt, oder ihr Arbeitgeber, der irgendwo in einem klimatisierten Büro eines Verwaltungsgebäudes den ganzen Tag lang vor dem Computer sitzt und sich nicht im Entferntesten vorstellen kann, wie sich brennende Fusssohlen oder Schmerzen im Rücken und in den Beinen nach sechs, neun oder 14 Stunden Knochenarbeit anfühlen. Oder die meisten der Gäste, die jetzt gerade in diesem Restaurant gemütlich und entspannt auf ihren Stühlen sitzen und sich exquisiteste Speisen und teuerste Weine auftragen lassen, die sich sie, die Kellnerin, selbst dann nicht leisten könnte, wenn sie zwanzig Stunden am Tag arbeiten und ihre Füsse, ihre Beine und ihren Rücken vor lauter Schmerzen nicht einmal mehr spüren würde. Nein, wäre die Welt gerecht, dann müsste die Kellnerin wohl um einiges mehr verdienen als ihr Chef, ihr Arbeitgeber und die meisten ihrer Gäste, die sich von ihr bedienen lassen und zwar tausend Blicke haben für ihre Handys, in die sie pausenlos hineinstarren, aber keinen einzigen Blick für die Schmerzen einer Kellnerin, die, immer noch lächelnd, das Leben ihrer Gäste so bedingungslos versüsst.

Dass dies alles an einem wunderschönen Spätsommerabend in Karlsruhe und an unzähligen anderen Orten möglich ist, ohne dass es nicht längst schon zu einem Generalstreik oder einer landesweiten Revolution gekommen ist, hat wahrscheinlich vor allem damit zu tun, dass sich die Menschen über eine viel zu lange Zeit an viel zu viele Absurditäten gewöhnt haben und es ihre Phantasie schon gar nicht mehr zulässt, sich eine Welt vorzustellen, in der alles ganz anders wäre.

175 Jahre schweizerische Bundesverfassung: Zum Feiern wohl noch zu früh

Am 12. September 2023 fanden in Bundesbern die Feierlichkeiten zum 175jährigen Bestehen der schweizerischen Bundesverfassung statt. Doch für einen derartig bedeutungsvollen Festakt, so schreibt der „Tagesanzeiger“, sei die „Unzufriedenheit am Ende erstaunlich gross gewesen“. Viele hätten sich an der Inszenierung der Feier gestört, vor allem an der „Verhunzung“ der Landeshymne durch den Kabarettisten Joachim Rittmeyer, gegen die sich wenigstens noch SVP-Nationalrat Thomas Aeschi als Einziger im Saal zur Wehr gesetzt habe, indem er „mit voller Brust“ dagegen angesungen habe, natürlich mit dem richtigen Text. Auch FDP-Ständerat Martin Schmid hätte dem Festakt vorgeworfen, „die Institutionen zu wenig ernst zu nehmen“. Auf besonderes Missfallen sei die Moderation durch die beiden Clowns Gilbert und Oleg gefallen sowie das Fehlen der traditionell von Claude Longchamps getragenen Fliege. Am Ende der Feier seien mehr oder weniger alle zerstritten gewesen.

Statt das 175jährige Bestehen der Bundesverfassung bloss zu feiern und sich anschliessend darüber zu streiten, ob die Feier nun angemessen gewesen war oder nicht, hätte man sich wohl besser die wichtigsten Artikel dieses Werks wieder einmal gründlich und selbstkritisch anschauen sollen. So heisst es zum Beispiel in Artikel 2, die Schweiz fördere die „gemeinsame Wohlfahrt“, sorge für eine möglichst „grosse Chancengleichheit“ und setze sich ein für die „dauerhafte Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen“. Artikel 6 besagt, dass jede Person „nach ihren Kräften“ zur Bewältigung der öffentlichen Aufgaben beizutragen habe. Artikel 41 fordert, dass „jede Person die für ihre Gesundheit notwendige Pflege erhält, Erwerbsfähige ihren Lebensunterhalt durch Arbeit bestreiten können und Wohnungssuchende eine Wohnung zu tragbaren Bedingungen finden können.“ Und in Artikel 54 steht, der Bund setze sich für ein „friedliches Zusammenleben der Völker“ ein.

Wohlklingende Wunschvorstellungen, die allerdings von der heutigen Realität meilenweit entfernt sind. Von „gemeinsamer Wohlfahrt“ können die über eine Million in der Schweiz lebenden Menschen, die von Armut betroffen sind, nur träumen – in dem Land, das weltweit in Bezug auf die Unterschiede zwischen Arm und Reich nur noch von zwei Ländern übertroffen wird, nämlich Singapur und Namibia. „Chancengleichheit“ ist in Anbetracht der Tatsache, dass die Chance von Kindern akademisch gebildeter Eltern auf eine akademische Laufbahn siebenmal höher ist als jene von Kindern aus der Arbeiterschicht, ebenfalls eine reine Farce. Auch die „dauerhafte Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen“ ist unmöglich zu verwirklichen innerhalb einer immer noch und sogar je länger je mehr auf Profitmaximierung und Wachstum ausgerichteten Wirtschaft. Die Kopfprämie in der Krankenversicherung, wonach eine Kassierin im Supermarkt eine ebenso hohe Krankenkassenprämie zu bezahlen hat wie ein Stararchitekt, verstösst klar gegen die Forderung, jede Person solle zur Bewältigung öffentlicher Aufgaben einen „ihren Kräften entsprechenden Beitrag“ leisten. „Notwendige Pflege für alle“ wäre ja schön, aber Fakt ist, dass sich immer mehr Menschen nicht einmal mehr dringend nötige Zahnoperationen leisten können. „Den Lebensunterhalt durch eigene Arbeit bestreiten zu können“, müsste ebenfalls eine Selbstverständlichkeit sein, doch 130‘000 Menschen in der Schweiz verdienen trotz voller Erwerbstätigkeit so wenig, dass sie davon nicht leben können. „Eine Wohnung zu tragbaren Bedingungen“ war wohl in der DDR im Jahre 1980 die Regel, nicht aber in der Schweiz des Jahres 2023: Bezahlbare Wohnungen werden für immer mehr Menschen zur unerschwinglichen Mangelware. Und auch die Forderung, die Schweiz setze sich für ein „friedliches Zusammenleben der Völker“ ein, scheint an den heutigen politischen Machtträgern mehr oder weniger spurlos vorbeigegangen zu sein. Jedenfalls war von Aussenminister Ignazio Cassis bis jetzt noch nie zu hören, dass er sich mit Vehemenz für eine Friedenskonferenz zur Lösung des Ukrainekonflikts eingesetzt hätte. Wahrscheinlich hat auch er, der sich jüngst damit gebrüstet hat, keine Zeitungen mehr zu lesen, auch die schweizerische Bundesverfassung noch nie wirklich gründlich gelesen.

Zum Feiern scheint es tatsächlich noch etwas allzu früh gewesen zu sein. Da müssten den schönen Worten schon noch ein paar gute Taten folgen. Mit oder ohne Neuschreibung der Landeshymne. Mit oder ohne Clowns. Und mit oder ohne Fliege des berühmtesten Meinungsforschers des Landes. Was wohl jene, welche 1848 die schweizerische Bundesverfassung schrieben, gedacht hätten, wenn sie gewusst hätten, wie es 175 Jahre an diesem 12. September in den ehrwürdigen Hallen im Herzen einer der ältesten Demokratien der Welt zu- und hergehen würde?

Und immer noch werden die gleichen Märchen über den Reichtum und die Armut von Generation zu Generation weitererzählt…

 

Da behauptete doch unlängst einer dieser Multimillionäre allen Ernstes, die wahren Milchkühe seien die Reichen, sie würden nämlich mit ihren hohen Steuerabgaben den Sozialstaat hauptsächlich finanzieren und deshalb verdankten wir ihnen letztlich unseren Wohlstand. Nur hat er vergessen zu erwähnen, woher denn dieses Geld, das sie angeblich so grosszügig verteilen, ursprünglich gekommen ist. Aus Erbschaften zum Beispiel – gesamtschweizerisch fast 90 Milliarden Franken jährlich. Oder aus Aktiengewinnen – die gesamtschweizerisch insgesamt eine höhere Summe ausmachen als sämtliche Einkommen aus Arbeit. Oder aus Immobilienbesitz. Oder aus überdurchschnittlich hohen Löhnen auf Kosten der weniger gut Verdienenden. Kurz: Aus lauter Quellen, wo sich Geld angesammelt hat, welches auf die eine oder andere Weise nicht von ihnen selber, sondern von unzähligen anderen Menschen erarbeitet wurde.

Die Reichen hätten sich ihren Reichtum aus eigener Kraft verdient? Fehlanzeige. Es ist fast ausschliesslich geklautes Geld. Geld, das sich am einen Ende so gigantisch auftürmt, weil es an so vielen anderen Orten so schmerzlich fehlt. Armut und Reichtum sind die beiden unauflöslich miteinander verbundenen Kehrseiten der gleichen – kapitalistischen – Medaille. Genau so, wie es der arme Mann zum reichen in der Parabel von Bertolt Brecht sagte: „Wärst du nicht reich, dann wär ich nicht arm.“ Doch immer noch reden Politikerinnen und Politiker, Wirtschaftsleute und Verantwortliche von Sozial- und Hilfsorganisationen stets nur davon, es ginge darum, die Armut zu bekämpfen. Falsch. Es geht darum, den Reichtum zu bekämpfen. Wenn man den Reichtum bekämpft, dann verschwindet die Armut ganz von selber.

Wer behauptet, die Reichen würden den Sozialdienst und unseren Wohlstand finanzieren, hat nur insofern nicht ganz Unrecht, als tatsächlich ein progressives Steuersystem höhere Einkommen und Vermögen höher belastet. Ja, sie geben einen Teil des „Geklauten“ tatsächlich der Gesellschaft wieder zurück, aber das Allermeiste behalten sie für sich selber, denn sonst wären sie ja nicht so unglaublich reich und könnten sich nicht so unzählige Luxusvergnügen leisten wie Kreuzfahrten, das Übernachten in den besten Luxushotels der Welt oder den jährlichen Flug auf die Malediven und so vieles mehr, von dem die ärmere Hälfte der Bevölkerung nicht einmal zu träumen wagt.

Die Reichen trügen eine „Bürde“, die schwer auf ihren Schultern laste. Auch so eine aus der Luft gegriffene Behauptung. Nein, Reiche tragen keine Bürden. Wenn jemand eine Bürde trägt, dann die rund 140’000 Menschen in der Schweiz, die trotz voller Erwerbsarbeit zu wenig verdienen, um davon eine Familie ernähren zu können. Vollends absurd schliesslich die auch oft gehörte Behauptung, Reiche würden mehr bezahlen, als sie verdienen. Wenn das tatsächlich so wäre, dann müssten sie ja alle schon längst verhungert sein.

Die absurdeste Behauptung aber, um den eigenen Reichtum zu rechtfertigen, stellte der genannte Multimillionär mit der Aussage auf, Reiche seien eben ganz „besondere“ Menschen, würden sich von der Masse abheben und gezielt andere Wege gehen. Als wäre zukünftiger Reichtum bereits in den Genen angelegt und bleibe denen, die es nie zu grösserem Reichtum bringen, nichts anderes übrig, als sich mit ihrer Situation abzufinden und erst noch das Gefühl zu haben, selber daran schuld zu sein.

In solchen Momenten denke ich: Eigentlich befinden wir uns, sozialpolitisch gesehen, in dem, was man durchaus als „Entwicklungsland“ bezeichnen könnte: Elementarste wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenhänge werden kaum je thematisiert, auch nicht – und ganz besonders nicht – von denen, die sich „Wirtschaftswissenschaftler“ und „Wissenschaftlerinnen“ nennen und von denen einer kürzlich allen Ernstes die These aufstellte, der Schweizer Bevölkerung sei es materiell noch nie so gut gegangen wie heute – ohne zu erwähnen, dass die hohen Durchschnittseinkommen und Durchschnittsvermögen nichts anderes sind als die Folge der immer weiter in die Höhe schnellenden Spitzenvermögen und Spitzeneinkommen, was all denen, die unvermindert am unteren Ende dieser Skala verharren – jener Million Menschen in der Schweiz, welche von bitterer Armut betroffen sind -, nicht einmal auch nur der schwächste Trost sein kann.

Ja. Ein Entwicklungsland, wo immer noch, seit Generationen, die gleichen Märchen über den Reichtum und die Armut weitererzählt werden. Und das Verrückte ist: Fast alle glauben es, selbst die Armen und Bestohlenen selber. Wie lange noch?

Der namenlose Spitzenakrobat ohne Publikum

Vier Visiere, je etwa 45 Meter hoch, stehen seit ein paar Monaten auf dem Baugrund des geplanten Hochhauses, um die Ausmasse des Gebäudes zu markieren, vier Türme aus einem Stahlrohrgerüst, schmal und schwankend in die Höhe ragend, gesichert durch Drahtseile an jeder Ecke. Nun, da der Baubeginn unmittelbar bevorsteht, müssen die Visiere wieder abgebaut werden. Und als ich heute zufällig an der Stelle vorbeikomme, traue ich meinen Augen kaum…

Zuoberst auf einem der schwankenden Stahlrohrtürme steht ein Bauarbeiter und ist damit beschäftigt, die Stahlrohre von oben nach unten auseinanderzuschrauben und mithilfe eines Seils in die Tiefe zu lassen. Er balanciert auf zwei Brettern, die auf den obersten Stangen aufliegen. Eine Herkulesaufgabe in schwindelerregender Höhe, hat doch jede der Stangen, die er unter Aufbietung aller seiner Kräfte auf die jeweilige nächstuntere Stange legen muss, ein Riesengewicht. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie er die zwei Bretter, sobald die oberen Stangen abgetragen sind, auf die nächstunteren Stangen zu legen vermag, die sich etwa zwei Meter unterhalb der Stelle befinden, wo er jetzt gerade steht. Muss er sich den schräg angebrachten Querstangen hinunterzuhangeln versuchen? Aber wie soll er gleichzeitig die Bretter von oben nach unten bringen können? Und wenn eines unten ist, wie holt er dann das andere? Aber noch mehr beschäftigt mich die Frage, wie er überhaupt zuoberst auf den Gerüstturm gelangen konnte. Er musste sich über 45 Meter hinauf Stange um Stange hinaufgehievt haben, um jeweils wieder die nächsten zwei Meter zur nächsthöheren Stange zu überwinden. Und die Bretter, die jetzt zuoberst liegen, zog er die gleich mit in die Höhe oder gelangten die erst ganz am Schluss auf die oberste Stelle, aber wie kam dann das Seil in die Höhe, musste er dieses mit hinauf schleppen, von Stange zu Stange in immer gefährlicherer Höhe balancierend? Und das alles in einer Hitze von weit über 30 Grad…

In keinem Zirkus habe ich jemals eine solche Nummer gesehen. Und doch gibt es da weit und breit kein Publikum, keinen Applaus, keine Standing Ovations. Der Bauarbeiter, der heute dieses Gerüst abträgt, tut schlicht und einfach seine Arbeit, an der äussersten Grenze körperlicher Belastbarkeit, tödlicher Gefahr ausgesetzt. Wie unzählige andere Arbeiterinnen und Arbeiter, hierzulande und weltweit, die Tag für Tag ohne jeglichen Applaus und ohne jegliches Publikum still und fleissig namenlos ihre Schwerstarbeit verrichten. Damit dann andere, wenn die Visiere abgetragen und das neue Hochhaus dort gebaut sein wird, mit dem Vermieten von Büros, Geschäftslokalen und Wohnungen um ein Vielhundertfaches dessen an Profiten einfahren werden, als der namenlose Spitzenakrobat dieses 16. August 2023 jemals auf seinem Lohnkonto sehen wird. Darüber, wie der Kapitalismus funktioniert, braucht man keine Bücher und keine wissenschaftlichen Arbeiten zu lesen. Es genügt, an all den Brennpunkten, wo seine Widersprüche so gnadenlos aufeinanderprallen, nicht achtlos vorüberzugehen…

Eine 19jährige verstümmelte Ukrainerin und die Hoffnung auf einen baldigen Frieden

 

Eine 19jährige Ukrainerin in einem kurzen, blumigen Sommerkleid, doch an der Stelle des einen Beines eine Prothese, das Bein weggerissen, als sie auf eine Mine mit Splittermunition trat. Ein ukrainischer Soldat, beide Beine weggerissen, ein Auge verloren, trotzdem will er weiterkämpfen. Die Bilder gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Und erst recht, was man nicht sieht: Die erlittenen Ängste, als sie auf die Minenfelder getrieben wurden, die alle Vorstellungskraft sprengenden Schmerzen, während sie immerhin noch das Glück hatten, von Kameraden, tief zu Boden gedrückt im Kugelhagel, aus der Gefahrenzone fortgeschleift worden zu sein, während so viele andere rundherum hilflos verbluteten. Allein an diesem Tag fast hundert Gefallene, so eine nackte Zahl, die wenig aussagt, hinter der sich aber ebenso viele Einzelschicksale unendlichen Leidens verbergen…

Und gleichzeitig feiert die reiche ukrainische Oberschicht Party auf Mallorca. Gleichzeitig kurven Ukrainerinnen und Ukrainer, die sich eine frühe Flucht aus ihrem Land leisten konnten, mit ihren SUVs durch europäische Grossstädte. Gleichzeitig verbreitet der Präsident des Landes, sicher geschützt durch eine Heerschar von Sicherheitspersonal, auf allen Bildschirmen des internationalen Parketts seine Durchhalteparolen und lobt den Mut und die Kampfbereitschaft „seiner“ Soldatinnen und Soldaten. Gleichzeitig schwelgen russische Oligarchen, fernab von den todbringenden Schlachtfeldern, in nie dagewesenem Reichtum. Gleichzeitig verbreiten die Medien hüben und drüben der Front Nachrichten über „vom Feind befreite Dörfer“, in denen das Einzige, was sich noch bewegt, die siegreich aufgepflanzte russische oder ukrainische Flagge ist…

Wie konnte es so weit kommen. Wie ist es möglich, dass sich Menschen von anderen Menschen dermassen instrumentalisieren lassen und ihren Lügen zum Opfer fallen. Wie ist es möglich, dass all die Mythen und Irrlehren, die von den Mächtigen immer und immer wieder verbreitet werden, von all den wunderbaren, ganz „gewöhnlichen“ Menschen, deren einzige Sehnsucht ein Leben in Sicherheit, ohne Angst, in minimalstem Wohlstand und in Würde wäre, immer wieder geglaubt werden, bis sie es gar noch als Ehre ansehen, auf einem alles an unvorstellbarer Grausamkeit übertreffenden Schlachtfeld ihr Leben aufs Spiel zu setzen. „Stets dachte ich“, so der deutsche Schriftsteller Erich Maria Remarque zur Zeit des Ersten Weltkriegs, „dass alle Menschen gegen den Krieg sind. Bis ich herausfand, dass es auch solche gibt, die dafür sind. Aber nur die, welche selber nicht hingehen müssen.“

Doch es wird und muss eine Zeit kommen, da immer mehr Menschen dieses grausame Spiel durchschauen und sich weigern werden, es weiter mitzumachen. Schon ist von hunderten Soldatinnen und Soldaten auf beiden Seiten der Front die Rede, welche sich in immer grösserer Zahl dem „Feind“ ergeben. Noch gehen die Meldungen darüber im Getöse blinder Siegeseuphorie der Mächtigen unter. Doch ewig wird sich die Vernunft nicht aufhalten lassen. Irgendwann, eines Tages, wird alles kippen. Das ist die grosse Hoffnung inmitten einer fürchterlichen Zeit, in der sich die Kräfte des Alten noch einmal, und hoffentlich ein letztes Mal, in all ihrer grenzenlosen Gewalttätigkeit aufbäumen. Für die verstümmelte 19Jährige, ihre Abertausenden Leidensgenossinnen und Leidensgenossen sowie auch für alle anderen, welche diese Hölle nicht überleben werden, wird diese neue Zeit leider viel zu spät beginnen und zurückbleiben wird irgendwann nur noch die dunkelste Erinnerung an eine Zeit, in der auf so unfassbare Weise all das zerstört wurde, wonach sich ein jedes Kind schon im Augenblick seiner Geburt so unendlich sehnt: eine Welt voller Liebe, Frieden, Gerechtigkeit und einem guten Leben für alle…

Wie viele Opfer wird es noch brauchen, bis sowohl die ukrainische wie auch die russische Führung einsehen werden, dass sie ihre Kriegsziele niemals erreichen können?

 

„Beim aktuellen ukrainischen Vorstoss“, so berichtet „20minuten“ am 28. Juli 2023, „geht es darum, durch die Minenfelder und die anderen russischen Barrieren in Richtung Süden vorzudringen und möglichst in das russisch besetzte Melitopol beim Asowschen Meer vorzudringen. Der russische Präsident hat indessen erklärt, die Versuche der ukrainischen Gegenoffensive seien gestoppt und der Feind sei mit grossen Verlusten zurückgeworfen worden.“

„Durch Minenfelder vordringen“, „mit grossen Verlusten zurückgeworfen worden sein“ – fast zynisch klingen solche Worte, leicht hingeschrieben in einem Zeitungsartikel, wenn man sich nur ein ganz klein wenig vor Augen führt, was für unermessliches Leiden sich dahinter verbirgt…

Je länger je deutlicher scheint sich abzuzeichnen, dass sich eines Tages die russische Führung wohl wird damit abfinden müssen, das Ziel einer Zerschlagung der Ukraine nicht erreichen zu können, wie sich auch die ukrainische Führung damit wird abfinden müssen, das Ziel, sämtliche russische Treiben aus den besetzten Gebieten zu vertreiben, kaum je zu erreichen, sondern sich beide Seiten ganz pragmatisch an den gleichen Tisch setzen und die Menschen in der Ostukraine ganz friedlich und demokratisch darüber abstimmen lassen müssten, ob sie lieber der Ukraine oder lieber Russland angehören oder eine eigene, unabhängige Republik bilden möchten. Alles andere sind Illusionen und führen bloss dazu, dass noch weitere tausende Menschenleben sinnlos geopfert werden. Müsste man nicht angesichts der Tatsache, dass jeder Quadratkilometer Geländegewinn sowohl von der ukrainischen wie auch von der russischen Seite nur noch mit Hunderten toten und verstümmelten Soldaten zu erreichen ist, nicht endlich von einem „eingefrorenen Konflikt“ sprechen, der sich niemals mit einer Fortsetzung des Krieges, sondern nur mit einem baldmöglichsten Waffenstillstand und Friedensverhandlungen lösen lässt? 

Sie reden von Drohnen, von Algorithmen und vom „Krieg der Zukunft“. Als ob nicht das Einzige, was Zukunft hat, eine Welt ohne Krieg wäre…

Wie werden Drohnen und autonome Waffen den Krieg verändern? Dies das Thema einer Dokumentationssendung im Rahmen von NZZ-Format am Schweizer Fernsehen SRF1 vom 20. Juli 2023. Ein nahezu unfassbarer und an Zynismus und Menschenverachtung kaum zu überbietender Einblick in „moderne Kriegsführung“, ins masslose Verschleudern von Ressourcen, Geld und „Intelligenz“ mit dem einzigen und alleinigen Ziel, Kriegsführung so weit zu perfektionieren, dass dem Gegner grösstmöglicher Schaden zugefügt wird, während man selber möglichst kleine oder gar keine Opfer zu erbringen hat. Die Büchse der Pandora, die sich schon so weit geöffnet hat, dass es einem nur noch kalt über den Rücken hinunterläuft. Denn schon wird an ganzen Drohnenschwärmen geforscht, die wie fliegende Minenfelder agieren sollen. Allein durch ihre schiere Anzahl könnten sie den Gegner samt seinen Flugabwehrsystemen überwältigen. Logisch, dass jede Militärmacht dadurch, dass ihre Gegner über solche Waffen verfügen wird, gezwungen ist, entsprechende Gegensysteme aufzubauen – eine weitere weltweite Eskalation und Rüstungsspirale ist damit vorprogrammiert, die immer höhere Kosten erfordern und eine immer grössere Menge an Ressourcen verschlingen wird, und dies in einer Welt, wo über eine Milliarde Menschen unter extremer Armut leiden, sich nicht ausreichend ernähren können und von tödlichen Krankheiten betroffen sind, die mit geringstem Aufwand zu bezwingen wären.

„Kriege werden in Zukunft anders geführt, Algorithmen bestimmen zunehmend, was auf dem Schlachtfeld passiert“ – so der Filmkommentar. Als wäre Krieg gottgegeben, eine Welt ohne Krieg unvorstellbar, nur dass er eben zukünftig „anders“ geführt wird. Längst schon ist nicht mehr vom „Frieden der Zukunft“ die Rede, sondern nur noch vom „Krieg der Zukunft“, als wäre das etwas Verlockendes, etwas, was sich auch nur einigermassen vernünftige Menschen im Entferntesten wünschen könnten. Man sieht im Film junge Technikerinnen und Techniker, die mit kleinen Drohnen hantieren, als wären es ihre Lieblingsspielzeuge. Man sieht „Militärexperten“ und „Militärexpertinnen“, welche die „moderne Kriegsführung“ erklären und dabei ein Lächeln im Gesicht haben, als ginge es um die Planung einer Hochzeitsfeier. Man sieht Messehallen, wo die neuesten „Errungenschaften“ modernster Waffentechnik präsentiert und zum Kauf angeboten werden, wie anderswo Autos oder Kühlschränke präsentiert und zum Kauf angeboten werden. Man sieht die potentiellen Käufer in die Halle strömen, fast nur Männer, alle in edlen Anzügen, mit Krawatte und Aktenkoffer, als wäre nicht das Töten von Menschen, das Zerstören ganzer Landschaften, die Vernichtung von Lebensträumen unzähliger namenloser Männer, Frauen und Kinder in dem von ihnen erdachten „Feindesland“ ihr eigentliches Geschäft. Aber man sieht in diesem ganzen Film nicht einen einzigen verwundeten oder getöteten Soldaten, man sieht keine einzige Frau und kein einziges Kind, das ohne seine Eltern, ohne Schutz und ohne Hilfe inmitten unvorstellbarer Verwüstung zurückgeblieben ist. Dort, wo die Drohnen ihre tödliche Last ins Ziel gebracht haben, sieht man, aus sicherer Entfernung, höchstens aufgewirbelten Staub oder ein Fadenkreuz, in dem sich eine Rauchwolke in Sekundenschnelle auf alle Seiten hin menschenleer ausbreitet.

Nur schon der Begriff „künstliche Intelligenz“. Als hätte das mit allen technischen Raffinessen vorangetriebene Töten auch nur im Entferntesten etwas zu tun mit menschlicher Intelligenz. Und selbst alle im Film gezeigten „Forscherinnen“ und „Forscher“: Ihre Forschungsgebiete sind ausschliesslich die Drohnen, die digitale Kriegsführung, die Algorithmen. Keine Einzige und kein Einziger von ihnen forscht auf dem Gebiet der Konfliktlösung, der Vertrauensbildung, der Abrüstung oder des Friedens. Das Äusserste, worauf sie sich einlassen, ist die Debatte, ob es „ethisch“ vertretbar sei, wenn nicht mehr Menschen, sondern Maschinen oder Algorithmen darüber entscheiden, wer, wann und wo getötet werden soll. Als wäre es so viel „ethischer“, wenn ein Mensch dies alles entscheidet. Der Film endet mit der erschreckenden Frage einer „Militärexpertin“, ob nicht schon bald der Zeitpunkt gekommen sein könnte, an dem das aufgebaute Waffenarsenal bereits so „intelligent“ geworden sein könnte, dass es sich aufgrund eines Missgeschicks oder einer technischen Panne blitzschnell für einen Angriff auf den einprogrammierten Gegner entscheidet und damit eine entsprechende Reaktion der Gegenseite auslösen könnte, ohne dass der Mensch, buchstäblich überflüssig geworden, dazu noch etwas zu sagen hätte…