„Diejenigen, die zu klug sind, um sich in der Politik zu engagieren, werden dadurch bestraft werden, dass sie von Leuten regiert werden, die dümmer sind als sie selbst.“

Peter Sutter, 25. Januar 2026

Allenthalben ist die Empörung über den US-Präsidenten Donald Trump riesig, diesen „knallharten Machtmenschen“, diesen „Selbstdarsteller“ und „Narzissten“, diesen „Elefanten im Porzellanladen“. Der am einen Tag das eine sagt und am nächsten genau das Gegenteil. Der sich damit brüstet, Zehntausende von Migrantinnen und Migranten, von denen die meisten schon lange in den USA leben und zu niedrigsten Löhnen und unter miesesten Bedingungen härteste Arbeit leisten, mit Gewalt auszuschaffen oder in nach seinen Wünschen gebaute Gefangenlager zu stecken inmitten von Sümpfen voller gefährlicher Tiere, von wo es kein Entrinnen gibt. Der bereits in seinem Wahlkampf des Jahres 2016 prahlend verkündete, er könnte jederzeit jemanden auf offener Strasse umbringen und würde trotzdem noch zum Präsidenten der USA gewählt. Der nach Gutdünken anderen Ländern Strafzölle in jeder beliebigen Höhe aufbrummt. Der für sich in Anspruch nimmt, es gehöre ihm allein die ganze Welt, und dass es nur eine Frage der Reihenfolge sei, wann er welche Länder unter seine Fittiche nehmen werde. Und der obendrein, als wäre das nicht alles schon mehr als genug, ein offiziell verurteilter Straftäter ist.

Doch kaum je wird die Frage gestellt, wie es überhaupt möglich ist, dass ein Mensch mit solchen „Qualitäten“ in eine Führungsposition kommen kann mit dermassen grossem Einfluss auf das gesamte Weltgeschehen, und wie man so etwas verhindern könnte. Das nämlich wäre die entscheidende Frage. Denn wenn erst einmal eine Machtposition besetzt ist, ist es überaus schwierig oder nachgerade unmöglich, dem, der sie innehat, diese wieder wegzunehmen. Er kann fast alles tun und lassen, was sich Menschen, die mit weniger Macht ausgestattet sind, nicht im Entferntesten leisten könnten.

Diese Frage ist deshalb so wichtig, weil Donald Trump ja nicht der Einzige ist. Man denke an den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu, hauptverantwortlich für über 50’000 tote oder schwerverletzte Kinder in Gaza, der aber höchstwahrscheinlich keinem einzigen dieser Kinder jemals auch nur eine einzige Träne nachgeweint hat. Oder an Aharon Haliva, den früheren Chef des israelischen Geheimdienstes, der öffentlich erklärte, für jedes Opfer der Massaker vom 7. Oktober 2023 müssten mindestens 50 Palästinenserinnen und Palästinenser sterben, dies sei „notwendig und erforderlich für zukünftige Generationen“. Oder an den israelischen Parlamentarier Moshe Feiglin, der Folgendes zum Besten gab: „Jedes Kind, jedes Baby in Gaza ist unser Feind. Der Feind ist nicht die Hamas. Wir müssen Gaza erobern und kolonisieren und dürfen kein einziges Kind mehr in Gaza übriglassen. Es gibt keinen anderen Sieg.“ Oder an Javier Milei, dessen Erkennungsmerkmal die Kettensäge ist und der während seiner Zeit als Universitätsprofessor dafür berüchtigt war, seine Studentinnen und Studenten dermassen zu schikanieren, dass er schliesslich entlassen werden musste, was ihn aber nicht daran zu hindern vermochte, zum Präsidenten Argentiniens gewählt zu werden und bereits einen Tag nach seinem Amtsantritt den Befehl herauszugeben, jedem, der an einer regierungsfeindlichen Demonstration teilnehmen würde, die Sozialhilfe zu entziehen. Oder die ehemalige deutsche Aussenministerin Analena Baerbock, die postulierte, das Ziel des Westens müsse es sein, „Russlands Wirtschaft zu ruinieren“, und die mit solchen und ähnlichen Aussagen dem Ansehen Deutschlands in der Welt zweifellos nicht wieder gut zu machenden Schaden zufügte. Oder der derzeitige deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz, dem in seinen stets völlig glatt geschliffenen, maschinenartigen und gänzlich emotionslosen öffentlichen Auftritten selbst dann nicht die geringste Gefühlsregung abzugewinnen ist, wenn er darüber spricht, Geldbeträge in nie dagewesenem Ausmass in militärische Aufrüstung zu pulvern, obwohl er doch ganz genau wissen muss, wie katastrophal sich dies auf die Lebensbedingungen seiner eigenen Landsleute auswirken muss. Oder EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die in hämisches, ungläubiges Lachen ausbrach, als sie von einem Journalisten gefragt wurde, ob sie in den Krieg der Ukraine gegen Russland, den sie so vehement befürworte, ihre eigenen Kinder auch schicken würde, offensichtlich fassungslos darüber, dass es jemandem überhaupt in den Sinn gekommen war, ihr eine so „absurde“ Frage zu stellen. Oder die ehemalige, für ihre knallharte Sparpolitik auf Kosten der Ärmsten berüchtigte britische Premierministerin Margret Thatcher, die 1987 jene im schlimmsten Sinne des Wortes unvergessliche Aussage machte, es gäbe „keine Gesellschaft, sondern nur Individuen“, und die damit den Grundstein legte für die in den westlichen Ländern bis zur Stunde nachwirkende systematische Zerstörung gesellschaftlichen Gemeinschaftsdenkens zu Gunsten eines immer härteren Konkurrenz- und Überlebenskampfs aller gegen alle. Oder die frühere US-Aussenministerin Madelaine Albright, die auf die Frage eines Journalisten nach dem Sinn der von den USA gegen den Irak zwischen 1990 und 1995 verhängten Wirtschaftssanktionen und dem dadurch bewirkten Tod von einer halben Million Kinder zur Antwort gab, der Tod dieser Kinder hätte sich durchaus gelohnt, weil er den Interessen der US-amerikanischen Wirtschafts- und Aussenpolitik zum Nutzen gereicht hätte. Oder der frühere brasilianische Präsident Jair Bolsonaro, der die Zeit der Militärdiktatur zwischen 1964 und 1985 als eine der „glorreichsten Epochen“ seines Landes bezeichnete, sich aber gewünscht hätte, die damaligen Machthaber hätten ihre Opfer nicht nur foltern, sondern in viel grösserer Zahl auch töten sollen. Oder die beiden sudanesischen Generäle Abdel Fattah al-Burhan und Mohamed Hamdan Dagalo, die sich, statt sich gemeinsam um das Wohl ihres Volkes zu kümmern, im April 2023 gegenseitig den Krieg erklärten, mit dem wahnwitzigen Ziel sowohl des einen wie des anderen, alleiniger Herrscher über das ganze Land zu werden, und so ein Krieg begann, in dem seither bereits Millionen von Menschen getötet oder in die Flucht getrieben wurden und täglich unbeschreibliche Massaker an Männer, Frauen und Kindern in so grosser Zahl geschehen, dass sich die Weltöffentlichkeit offenbar bereits so sehr gewöhnt hat, dass kaum mehr irgendwer davon Notiz nimmt.

Dabei gäbe es in jedem dieser Länder, vom Sudan über Brasilien und die USA bis nach Deutschland und Israel, Abermillionen von Frauen und Männern, die es nicht übers Herz brächten, anderen Menschen auch nur das geringste Leid zuzufügen. Die kaum noch gut schlafen können oder mitten in der Nacht schweissgebadet aufwachen, wenn sie am Abend zuvor am Fernsehen Bilder von drei- und vierjährigen Kindern im Gazastreifen gesehen haben, die barfuss, am ganzen Körper schlotternd, zwischen zeltförmigen Notunterkünften herumtappen, die im eisigen Wind nur noch aus ein paar Tuchfetzen bestehen. Die sich, als Pflegerinnen in Spitälern oder Altersheimen, selbst unter extremstem Zeitdruck alle Beine ausreissen, um auch jedem der ihnen anvertrauten Patientinnen und Patienten so gut als nur irgend möglich gerecht zu werden. Die, wenn sie selber die Premierministerin oder der Regierungspräsident ihres Landes wären, von früh bis spät kein anderes Ziel im Auge hätten, als sich für ein gutes Leben, für die Gesundheit, für die Sicherheit und das Wohl jener Menschen aufzuopfern, die sie in ihr Amt gewählt haben in der Hoffnung und im Vertrauen darauf, dass nur die menschlichsten, weisesten und empathischsten Menschen die Legitimität dafür haben sollten, in die verantwortungsvollsten und einflussreichsten Ämter gewählt zu werden zum Wohle aller.

Es ist eine Frage der Selektion. Welche Eigenschaften es sind, die darüber entscheiden, wer an die entscheidenden Schalthebel der Macht gelangt und wer nicht. Offensichtlich scheint diese Auslese nicht in der Weise zu erfolgen, dass die gefühlsvollsten und empathischsten Menschen in die höchsten Machtpositionen gelangen. Vielmehr scheint eher das pure Gegenteil der Fall zu sein.

Vielleicht kann uns ein ganz banales und alltägliches Beispiel dazu helfen, ein wenig Licht in diese Frage zu bringen. Es gab unlängst, so wurde mir erzählt, an einer schweizerischen städtischen Volksschule die Frage, welcher Lehrer bzw. welche Lehrerin sich am besten für die frei gewordene Stelle der Schulleitung eignen würde. Aus dem gegenseitigen Gerangel um die Stellenbesetzung jener, die sich dafür interessierten – während eine grössere Anzahl von Lehrpersonen an diesem Amt gar kein Interesse zeigten -, ging schliesslich jener als „Sieger“ hervor, den viele hinter vorgehaltener Hand als den „unbeliebtesten“ Lehrer dieser Schule bezeichnen. Als ein Jahr später auch noch das Schulpräsidium neu zu besetzen war, kam es erneut zu einem Gerangel unter den dafür Interessierten und es setzte sich zuletzt wiederum – oh Wunder! – ausgerechnet jener Schulleiter als „Sieger“ durch, den die meisten hinter vorgehaltener Hand als den „ekligsten“ von allen bezeichnen.

Man könnte an dieser Stelle Tausende weitere Beispiele beschreiben. Wohin wir blicken, es gibt sie überall. Wir brauchen den Blick nicht nur auf die Schlimmsten und Bekanntesten von ihnen zu beschränken. Es sind, mitten in unseren „demokratischen“ Ländern, Universitätsprofessoren, die auf zynische Art ihre Studentinnen und Studenten unter Druck setzen und gegeneinander ausspielen. Es sind Beamte auf Sozialämtern, die einem Flüchtling aus Eritrea das Formular, das er falsch oder unvollständig ausgefüllt hat, vor seinen Augen in der Luft zerreissen. Es sind Theaterintendanten, die eine soeben fertig ausgebildete Schauspielerin, die sich für eine Rolle an seinem Theater bewirbt, dazu zwingt, sich vor ihm nackt auszuziehen, da sie sonst zum Vornherein keine Chance hätte, die Rolle zu bekommen. Es sind Ausbildungsverantwortliche, die auf den Fehlern ihrer Lehrlinge so lange und systematisch herumhacken, bis diese jegliches Selbstvertrauen verloren haben und die Lehre abbrechen.

Es sind nicht alle so. Es gibt, zum Glück, unzählige positive Gegenbeispiele. Aber es sind leider trotz allem viel zu viele, die ihre Machtposition nicht dazu benützen, anderen Gutes zu tun, sondern dazu, sie zu missbrauchen gegenüber anderen, die sich in einer schwächeren Position befinden.

Doch was ist es, was einen Menschen dazu antreibt, ein Amt oder eine berufliche Position anzustreben, die mit möglichst viel Machtfülle ausgestattet ist? Ich vermute, dass es häufig persönliche Defizite, Schwächen, vielleicht sogar früh im Leben empfundene Demütigungen, Ungerechtigkeiten und Gefühle von Ohnmacht sein könnten. So etwa, um nur ein einziges Beispiel zu nennen, ist bekannt, dass Javier Milei als Kind täglich von seinem Vater aufs brutalste mit einem Gürtel verprügelt wurde. Ein mit Macht über andere Menschen ausgestattetes Amt kann möglicherweise solchen Menschen das wohltuende Gefühl verleihen, „wichtig“, angesehen, ja vielleicht sogar bewundert zu werden und damit sozusagen Rache zu nehmen an denen, unter deren Gewalt und Macht man selber gelitten hatte. Das mag ja bis zu einem gewissen Grad durchaus legitim sein, wer will schon nicht geliebt und bewundert werden. Wenn aber die dahinter liegenden Defizite zu gross sind und nie in der eigenen Persönlichkeitsfindung überwunden werden konnten, ist die Gefahr von Machtmissbrauch immens: Dass es dem „Mächtigen“ nicht so sehr um das Wohl anderer geht, sondern nur um das Wohl seiner selbst, seines Ego. Daraus kann sich unter Umständen so etwas wie eine „Sucht“ entwickeln: Je mehr Macht, umso mehr Machthunger, der sich aber nie endgültig stillen lässt, solange das eigene Ich nicht im Gleichgewicht ist und stets mit noch grösseren Machtgefühlen befriedigt werden muss.

Schuld daran, dass vor allem Machtgierige zu Macht gelangen, um damit ihre persönlichen Defizite zu kompensieren, sind aber nicht nur diese selber. Schuld daran, dass zu viele Machtgierige an der Macht sind und zu wenig liebevolle und sich an erster Stelle um das Wohl anderer Kümmernde, sind auch jene, die den Machtgierigen das Feld überlassen für ihre ungehinderte Machtentfaltung. „Alles, was das Böse braucht, um zu triumphieren“, so der ehemalige UNO-Generalsekretär Kofi Anan, „ist das Schweigen der Mehrheit.“ Albert Einstein sagte es so: „Die Welt ist viel zu gefährlich, um darin zu leben. Nicht wegen der Menschen, die Böses tun, sondern wegen den Menschen, die daneben stehen und sie gewähren lassen.“ Und fast mit den gleichen Worten sagte es auch Sophie Scholl, eine Studentin an der Universität München, die berühmt geworden ist als Widerstandskämpferin gegen das Naziregime und ihren Mut mit dem Leben bezahlen musste: „Der grösste Schaden entsteht durch die schweigende Mehrheit, die nur überleben will, sich fügt und alles mitmacht.“

Es ist, so anmassend diese Vermutung auf den ersten Blick klingen mag, vielleicht auch eine Frage der Intelligenz. Darüber muss offen, ehrlich und selbstkritisch nachgedacht werden, auch wenn dadurch kaum je hinterfragte Denkmuster ins Wanken geraten, dann gerade erst recht. Denn es gibt ganz verschiedene Formen und Definitionen von Intelligenz, und es ist eben nicht das Gleiche, von welcher dieser Formen und Definitionen man ausgeht. Als sich Analena Baerbock in einem Streitgespräch mit Robert Habeck als die bessere Kandidatin als zukünftige deutsche Aussenministerin zu profilieren versuchte, sagte sie, sie selber komme aus dem „Völkerrecht“, er, Habeck, komme hingegen aus dem „Kuhstall“. Diese Form von „Intelligenz“, welche Baerbock mit dieser Aussage für sich in Anspruch nahm, ist pure Arroganz und somit nicht eine Form von echter Intelligenz, sondern eher von ihrem Gegenteil. Denn „Intelligenz“ ohne Empathie, Bescheidenheit, Einfühlungsvermögen, Selbstkritik, ohne Bereitschaft zuzuhören, andere Meinungen ernst zu nehmen und die eigene Meinung immer wieder kritisch zu hinterfragen, ist nicht echte Intelligenz, da kann man noch so lange Völkerrecht studiert und noch so viele gescheite Bücher gelesen haben.

Wenn sich Machtgier und Dummheit verbinden, dann kann daraus eine höchst gefährliche Mischung entstehen, welche den Machtmissbrauch noch viel gefährlicher macht, als er an sich schon ist. Eine Mischung, die darin besteht, dass „Machtmenschen“ häufig völlig unzugänglich sind für rationale Argumente, wie auch für das Erkennen und Einbeziehen historischer Hintergründe und gesamtgesellschaftlicher Zusammenhänge, und sich stattdessen viel lieber hinter ihrer Macht und ihrer vermeintlichen „Intelligenz“ verstecken, immer höhere und dickere Mauern um sich herum aufbauen und ihre „Widersacher“ im Sinne einer klassischen Projektion eigener Defizite auf andere Menschen als „dumm“, „ungebildet“ oder gar „primitiv“ abqualifizieren und sie auf diese Weise aus dem politischen Diskurs ausschliessen.

Erst dann, wenn immer mehr Menschen an die Macht gelangen, welche ihre Macht nicht für die eigenen egoistischen Ziele missbrauchen, sondern dafür einsetzen, um für möglichst viele andere Menschen möglichst viel Gutes zu tun, und erst dann, wenn an die Stelle vermeintlicher „Intelligenz“ echte Weisheit in die Welt der Politik einkehrt, kann sich tiefgreifend etwas verändern. Denn schon vor über 2000 Jahren wusste der griechische Philosoph Platon: „Diejenigen, die zu klug sind, um sich in der Politik zu engagieren, werden dadurch bestraft werden, dass sie von Leuten regiert werden, die dümmer sind als sie selbst.“