Sudan: Die derzeit weltweit grösste humanitäre Katastrophe und weshalb wir alle daran mitschuldig und dafür mitverantwortlich sind…

Peter Sutter, 1. Januar 2026

Kevin Carter, der Fotograf dieser Aufnahme eines sterbenden Kinds im Sudan, nahm sich drei Monate später das Leben, so sehr bereute er es, dass er diesem Kind nicht hatte helfen können.

Wochenzeitung, 21. März 2024: „Als der Krieg begann“, so der 32jährige Ibrahim Mustafa, „wusste ich sofort, dass ich helfen musste.“ Mustafa lebt mit seiner Familie im Flüchtlingslager Kalma, unweit von Nyala, der Hauptstadt Süddarfurs. 2003 wurde er aus seiner Heimat in Ostdarfur vertrieben, sein Vater wurde umgebracht. Mustafa arbeitet ehrenamtlich in einem von drei Spitälern im Camp. Den Menschen fehle es an allem: an sauberem Trinkwasser, an Nahrung, an medizinischer Versorgung. „Wenn du hier krank wirst und wir dich nicht behandeln können, bist du verloren“, sagt Mustafa. Seit Kriegsbeginn habe sich die Zahl der Geflüchteten im Camp mehr als verdoppelt, auf über 250’000. Bis zu 400 Patientinnen und Patienten würden er und zwei weitere Ärzte jeden Tag behandeln. Viele kämen mit Hautinfektionen und Durchfall. Immer mehr Kinder seien chronisch unterernährt. „Wir haben keine Bluttransfusionen und keine Medikamente“, sagt Mustafa, „wir schauen einfach zu, wie die Menschen dahinsiechen.“

Wochenzeitung, 21. März 2024: „Der Sudan“, so Niemat Ahmadi, Gründerin der Darfur Women Action Group, „ist für Frauen derzeit der vielleicht gefährlichste Ort auf der Welt. Insbesondere in den Gebieten, die von den RSF-Milizen kontrolliert werden, werden sie Opfer systematischer Vergewaltigungen. Das beweisen Fälle in al-Dschunaina oder Zalingei, in denen Frauen entführt wurden, um sie als Sklavinnen für sexuelle Dienste und Hausarbeit zu missbrauchen. Und die Menschen haben Angst, davon zu berichten, weil sie Vergeltungsmassnahmen vonseiten der Milizen befürchten.“

Sonntagszeitung, 14. April 2024: Als in Khartum am 15. April 2023 die ersten Schüsse fielen, zeigte sich General Abdel Fattah al-Burhan, Oberbefehlshaber der Sudanesischen Streitkräfte SAF, noch siegessicher. Gekommen ist es anders. Ein Jahr nach Ausbruch der Kämpfe ist die SAF weit davon entfernt, die Oberhand zu gewinnen. Ihr Gegner, Mohamed Hamdan Dagalo, Befehlshaber der RSF-Milizen, behauptet sich unerwartet stark. „Die beiden Männer“, so Alan Boswell, Experte für das Horn von Afrika beim Thinktank International Crisis Group, „zerstören dabei alles, was sie sich eigentlich einverleiben wollten.“ Inzwischen haben sich die beiden Rivalen in ein militärisches Patt hineingekämpft, unter dem die Zivilbevölkerung unermesslich leidet: Verfolgung, Massaker, Folter, Vergewaltigungen, Hunger. Und das Elend wird immer grösser.“ Mehr als die Hälfte der Bevölkerung, 25 Millionen, brauchen laut UNO dringend Hilfe. Fast fünf Millionen Menschen stehen am Rand einer Hungersnot, viele Familien bleiben tagelang ohne Essen. „Doch das Schlimmste“, so Shaswar Saraf, Notstandskoordinator des International Rescue Committees IRC, „wird noch kommen, weil Bauern ihre Felder nicht bestellen können, die Märkte verschwunden sind und die Gesundheitsversorgung kollabiert ist.“

Tagesanzeiger, 24. Mai 2024: Die beiden Generäle haben ganze Arbeit geleistet, um den Staat am Nil, mit fast 50 Millionen Einwohnern, zugrunde zu richten. Die Hauptstadt Khartum: zerbombt. Truppen liefern sich Gefechte um strategische Knotenpunkte, Territorien, Wasserstellen. Kolonnen von Pick-ups, mit Waffen und Kämpfern, rasen über staubige Pisten in dem riesigen Land, Zivilpersonen geraten zwischen die Fronten. Das alles geschieht, während sich die Weltöffentlichkeit auf andere Konflikte konzentriert, was bedeutet, dass die Generäle im Sudan kaum Druck von aussen verspüren.

Wochenzeitung, 20. Juni 2024: Adam Hasan, 61, ist mit seiner zwölfköpfigen Familie aus der 700 Kilometer entfernten Hauptstadt Khartum in die Nuba-Berge ganz im Süden des Landes geflüchtet. Wie seine Familie, haben seit Kriegsbeginn im April 2023 rund 700’000 Geflüchtete hier Zuflucht gefunden. Hier haben zwar weder die Sudanesischen Streitkräfte SAF noch die Rebellenmilizen der RSF das Sagen, die humanitäre Lage ist jedoch auch hier dramatisch. Adam Hasan lässt der Gedanke, seine Familie vielleicht schon bald nicht mehr ernähren zu können, kaum mehr schlafen… Elf Millionen sind gemäss UNO vor den Kämpfen bereits geflohen, die meisten innerhalb des Landes. Und von allen Grausamkeiten ist der Hunger am Ende die wohl tödlichste. Etwa 18 Millionen Menschen leiden derzeit an Unterernährung… Immer noch kommen jeden Tag neue Flüchtende in den Nuba-Bergen an, vollkommen erschöpft nach tagelangen Fussmärschen, mit nichts als der Kleidung, die sie tragen. Manchmal, wenn die Kinder vor Hunger weinen, gibt Hasan ihnen Wasser aus einem nahegelegenen Brunnen. Aber das helfe nicht. Seit Wochen schaue er zu, wie die Kraft immer mehr aus ihren Körpern weiche… Mitunter wird der Hunger in diesem Krieg auch als Waffe eingesetzt: Um den Gegner von Nachschub und Versorgung abzuschneiden, werden im ganzen Land Ernten verbrannt, Hilfskonvois blockiert, Saatgut geplündert. Wegen der Gewalt können Bauern und Bäuerinnen nicht auf ihre Felder… Alle zwei Tage verlassen Adam Hasan und seine Kinder das Lager, um in sengender Hitze durch die ausgedörrte Landschaft zu streifen und zu suchen, was die Natur in den letzten Wochen vor der Regenzeit noch zurückgelassen hat. Doch die Erträge werden von Woche zu Woche geringer, die Wege immer weiter, der Hunger immer grösser. Es ist Monate her, seit letztmals Hilfe von aussen kam… Ein kleines Gesundheitszentrum ist die einzige medizinische Einrichtung in diesem Teil der Nuba-Berge, hier arbeiten eine Krankenschwester, ein Pfleger und Kuku, ein Ernährungsberater. Die Unterernährung, erklärt Kuku, sei im Vergleich zum Vorjahr auf fast das Dreifache angestiegen, 50 Kinder seien bereits gestorben. Zudem hätten unterschiedliche Regenmengen im Vorjahr sowie eine Heuschreckenplage zusätzlich zu schwächeren Ernten geführt. Aufgrund des Kriegs hätten auch weite Teile der Ackerflächen gar nicht bestellt werden können, nun ernährten sich die Menschen vor allem von Blättern und Palmfrüchten. Kuku weiss, dass sich Hungersnöte meist schleichend entwickeln und irgendwann nicht mehr aufzuhalten sind. Vor einem Monat ist die Fertignahrung für Kinder ausgegangen. Nicht einmal mehr Elektrolytlösungen gegen den Durchfall könne er mittlerweile ausgeben. Für jene, die die knapp fünf Dollar für den Transport ins nächste Krankenhaus in sechs Autostunden Entfernung nicht bezahlen können, bestehe deshalb nur noch wenig Hoffnung… Die Lage ist auch deshalb so kritisch, weil die Nuba-Berge nach jahrzehntelangen kriegerischen Konflikten heute weitgehend isoliert sind. Es gibt kaum Strom, kein Telefonnetz und nur zwei grössere Spitäler für die 2,2 Millionen Menschen in der Region. Während der Regenzeit drohen auch die wenigen verfügbaren Strassen unpassierbar zu werden. Hilfe kann, wenn überhaupt, bloss aus dem benachbarten Südsudan in die Berge gelangen – wobei die Zufahrtsstrasse seit Jahren nie offiziell für minenfrei erklärt wurde…

Tagesanzeiger, 13. August 2024: Bei Adré im Tschad stehen UNO-Hilfskonvois bereit. Sie könnten einfach über die Grenze in den Sudan fahren und wären eine Stunde später in der Stadt El Geneina, wo die Hilfslieferungen sehnlichst erwartet werden. Doch die SAF hat eine Passage am Grenzübergang Adré untersagt. Was könnte die Schwäche der UNO gegenüber einer nur dank militärischer Gewalt sich an der Macht behauptender Putschregierung drastischer versinnbildlichen als die Tatsache, dass diese Hilfskonvois nun gezwungen sind, einen grossen Umweg nach Norden zu fahren, zum Grenzübergang Tine, der unter Kontrolle der SAF steht. Zumal diese Route durch Überflutungen stark erschwert ist und dadurch wertvolle Zeit verloren geht… Hinter vorgehaltener Hand ist für alle klar: Die SAF will nicht, dass Nahrungsmittellieferungen in Gebiete gelangen, in denen die RSF herrscht, wie umgekehrt auch die RSF alles tut, um Logistik und Nachschubwege der SAF zu stören.

NZZ am Sonntag, 15. September 2024: Seit siebzehn Monaten kämpfen die paramilitärischen RSF-Milizen gegen die Sudanesischen Streitkräfte der SAF. Es ist der zurzeit brutalste Krieg der Welt. Zehntausende sind in den Kämpfen umgekommen, viel mehr noch sterben an den Folgen von Ernteausfällen und fehlender medizinischer Versorgung. Inzwischen wird von 150’000 Toten ausgegangen. Gleichzeitig sind rund zehn Millionen Menschen vertrieben worden. Zwei Millionen sind in die fragilen Nachbarländer geflohen, vor allem nach Tschad, einem der ärmsten Länder der Welt… Eine der am schwersten betroffenen Volksgruppen sind die Massalit, an denen die RSF seit Kriegsbeginn brutalste Massaker verüben… Infolge zu geringer finanzieller Mittel für die humanitäre Hilfe – zurzeit sind gemäss UNO nur 40 Prozent der nötigen Hilfsmassnahmen gedeckt – mussten die in den Flüchtlingslagern verteilten Essensrationen jüngst auf 1100 Kalorien pro Tag und Person reduziert werden, bei einem existenziellen Grundbedarf von 2000 Kalorien. Zudem kommen vielerorts die monatlichen Lieferungen nicht mehr regelmässig an, so etwa sind im Lager von Aboutengue seit drei Monaten keine neuen Rationen mehr eingetroffen. Es begehen gemäss „Human Rights Watch“ beide Seiten – sowohl die SAF wie auch die RSF – laufend schwerste Menschenrechtsverletzungen, Menschen werden gefoltert und misshandelt, Leichen verstümmelt, Verwundete werden gezwungen, ihre eigenen Gräber zu schaufeln… Überaus prekär ist die Gesundheitsversorgung, gemäss „Ärzte ohne Grenzen“ sind 80 Prozent der Gesundheitseinrichtungen kollabiert.

Sonntagszeitung, 9. Februar 2025: Die Vereinten Nationen berichten über Massenexekutionen im Norden von Khartum, in Gebieten, die von den Streitkräften der SAF zurückerobert wurden. Offenbar soll Rache geübt werden an Bewohnern, die als Kollaborateure der RSF-Milizen verdächtigt werden.

Tagesanzeiger, 16. April 2025: Weg, nur weg aus der Todesfalle Zamzam – viele Bewohner des Flüchtlingscamps in der Region Darfur sind nach den Angriffen vom Wochenende Richtung Westen geflohen. Nothelferin Marion Ramstein von „Ärzte ohne Grenzen“ berichtet: „Sie kamen an in einem fortgeschrittenen Stadium von Dehydrierung, Erschöpfung und Stress, nur mit ihren Kleidern auf dem Leib, ohne etwas zu essen oder zu trinken. Sie schlafen unter Bäumen und auf dem Boden. Viele haben auf der Flucht Familienmitglieder verloren, schwerverletzt liegen geblieben oder getötet.“ Vor den jüngsten Angriffen hatten im Lager von Zamzam mehr als 500’000 Menschen gelebt, von extremem Hunger betroffen. Dann musste dort – so wird vermutet, denn das Gebiet ist abgeriegelt und für Reporter unerreichbar – ein schreckliches Massaker mit rund 400 getöteten Zivilpersonen, darunter auch Kindern, stattgefunden haben, worauf die Bewohner panikartig in alle Richtungen flohen.

Tagesanzeiger, 3. November 2025: Nachts sieht die 12jährige Alsawy in ihren Träumen, wie Kugeln durch Menschen dringen und Häuser in Flammen aufgehen. Sie hört Gewehre rattern, Bomben einschlagen und Balken krachen. Sobald sie die Augen öffnet, verschwinden die Bilder – der Lärm bleibt. Hinter der Grenze, bloss wenige Kilometer entfernt, toben die Kämpfe weiter. „Meine Verwandten und ich“, erzählt Alsawy, „rannten auf die Strasse, versteckten uns hinter Bäumen. Später, auf der Flucht, attackierten uns die Rebellen immer wieder, sie warfen uns zu Boden, meinem Bruder zerschossen sie mit einer Pistole die Hände, mein Vater ist verschwunden.“ Auch die 35jährige Khadija hat Allerschlimmstes erlebt: „Die RSF schossen meinem Mann in die Knie, mir brachen sie die Beine und schlugen auf mein Gesicht ein.“ Doch die Gewalt stoppt nicht an der Grenze, nicht in den Flüchtlingscamps ausserhalb der Kriegsgebiete, vor allem nicht für Frauen und Mädchen, die sich kaum getrauen, ausserhalb ihrer Zelte Feuerholz zu sammeln, werden sie doch immer wieder Opfer sexueller Gewalt.

Wochenzeitung, 6. November 2025: Da sind die traumatisierenden Bilder in den sozialen Medien. Von teils blutjungen Kämpfern, die jubelnd ihre Gewehre präsentieren, während hinter ihnen aus brennenden Autos schwarzer Rauch aufsteigt. Dazwischen: leblose, teils verkohlte Körper. Es gibt Videos von Massenerschiessungen, die Opfer unbewaffnet und in ziviler Kleidung. Unerträgliche, menschenverachtende Grausamkeit. Weitere Anhaltspunkte übertreffen selbst noch schlimmste Befürchtungen. Denn aufgrund mehrerer voneinander unabhängiger Schätzungen haben sich in der Stadt al-Fashir zum Zeitpunkt ihrer Einnahme durch die RSF am 27. Oktober noch 250’000 Zivilpersonen befunden. In den umliegenden Zufluchtsorten sind bislang aber bloss zwischen 30’000 und 60’000 neu Geflüchtete angekommen. Wo sind alle anderen? „Sie haben Tausende und Abertausende umgebracht“, schlussfolgert Nathaniel Raymond, Direktor des Humanitarian Research Lab an der Yale-Universität in den USA. Schon bald nach Kriegsbeginn im April 2023 hätten er und viele weitere Organisationen den UNO-Sicherheitsrat vor den drohenden Entwicklungen in Darfur berichtet. „Wir sprechen“, so Raymond, „von einem der am präzisesten vorhergesagten Massenmorde in der Menschheitsgeschichte.“ Dennoch sind echte internationale Bemühungen, die Gewalt zu stoppen, bislang ausgeblieben.

Tagesanzeiger, 10. November 2025: Die RSF-Milizen haben al-Fashir nach der Einnahme vollkommen von der Aussenwelt abgeschnitten, es besteht keinerlei Kommunikation, keine unabhängigen Einblicke, was in der Stadt seither geschehen ist. Nur die Sicht aus dem Weltall kann die RSF nicht blockieren: Auf Satellitenbildern sind dunkle Verfärbungen im Sand zu sehen, mutmasslich Blut getöteter Opfer. Vieles deutet darauf hin, dass die RSF derzeit damit beschäftigt ist, Spuren von Massakern zu beseitigen, auch entlang des Erdwalls rund um die Stadt. Einer der Zielorte der Geflüchteten ist Tawila, in etwa 60 Kilometern Entfernung von al-Fashir. Doch der Fussweg dorthin führt durch ein Gebiet, das im Wesentlichen von der RSF und ihren Verbündeten kontrolliert wird. Immer wieder plündern bewaffnete Männer die Menschen aus, Schmuck, Geld, Telefone, alles verlieren sie, Frauen werden vergewaltigt, immer wieder kommt es zu Folterungen und Erpressungen Geflüchteter, wie Überlebende in Tawila berichten. Eine von ihnen ist die 26jährige Asmaa. Ihren Mann hat sie auf der Flucht verloren: „Er konnte nur das Lösegeld für mich und unsere Kinder aufbringen.“ Deshalb hätten ihn die Erpresser vor ihren Augen erschossen. Auch andere Geflüchtete berichten von Erschiessungen, von Toten, die im Staub am Wegrand liegen bleiben. Viele, die in Tawila ankommen, sind so dehydriert, dass sie nicht mehr reden können. Zahlreiche Familien haben Kinder bei sich, die nicht ihre eigenen sind, ihre Eltern sind verschwunden, wurden getötet, entführt oder sind auf dem Weg verloren gegangen. Von den ankommenden Kindern sind viele stark ausgehungert, viele konnten sich während der 500 Tage langen Belagerung al-Fashirs durch die RSF nur mit Tierfutter ernähren oder durch das Kauen von Tierhäuten.

Tagesanzeiger, 2. Dezember 2025: Aisha kam ohne ihre drei Kinder im Alter von sechs, elf und sechzehn Jahren nach der Flucht von al-Fashir in Tawila an. Sie erzählt, dass bewaffnete Kämpfer, mutmasslich von den RSF, sie auf der Flucht gestoppt und vor die Wahl gestellt hätten, entweder selber zurückzubleiben und erschossen zu werden oder die Kinder bei den Kämpfern zu lassen und selber weiterzugehen. Tag und Nacht quälen sie nun ihre Ängste, was mit ihren Kindern geschehen werde, ob sie, wie immer wieder zu hören ist, zu Kämpfern ausgebildet oder aber auf einem Sklavenmarkt landen werden… „Es gibt wohl kein einziges Kind aus al-Fashir“, so Sheldon Yett, Chef des UNO-Kinderhilfswerks Unicef im Sudan, „das nicht auf die eine oder andere Weise miterlebt hat, wie Eltern, Verwandte oder Nachbarn getötet wurden.“ Viele Kinder schaffen es gar nicht bis Tawila, sie irren ziellos herum, verhungern oder verdursten auf dem Weg. Viele erleiden sexuelle Gewalt: Eine in Darfur tätige Ärztin berichtet, das jüngste Mädchen, welches sie nach sexueller Gewalt behandelt habe, sei gerade mal vier Jahre alt gewesen. Und wie wenn das alles nicht schon weit mehr als genug wäre, kommt hinzu, dass finanzielle Mittel aus den reichen Ländern des Nordens immer spärlicher fliessen, allein der Unicef fehlen zurzeit 75 Prozent der für den Sudan dringendst benötigten Mittel, andere UNO-Organisationen kämpfen mit ähnlichen Defiziten.

Médecins sans frontières, Dezember 2025: Während der Kämpfe um El Geneina von April bis Juni 2023 waren überall Scharfschützen im Einsatz. „Man konnte“, so Sylvain Perron, Leiter der MSF-Projekte im Sudan, „nirgendwo hin, ohne Verletzungen oder den Tod zu riskieren.“ Als die RSF obsiegt und die SAF sich zurückgezogen hatte, begannen die ethnischen „Säuberungen“ und systematischen Massenvergewaltigungen gegen die Massalit. „Die einst hauptsächlich von Massalit bewohnten Viertel in El Geneina“, so Perron, „sind heute verlassen und völlig zerstört, sie haben weder Fenster noch Türen, meist stehen nur noch ein paar Wände.“

Wochenzeitung, 7. Dezember 2025: „Als 2003 der Darfur-Krieg ausbrach“, so Kholood Khair, politische Analystin und Gründerin des sudanesischen Thinktanks Confluence Advisory, „war die internationale Aufmerksamkeit sehr gross, trotz der Kriege in Afghanistan und im Irak zur gleichen Zeit. Aber heute, wo der Sudan eine der schlimmsten humanitären Katastrophen weltweit erlebt, hat die Welt beschlossen, uns zu vergessen.“

In der Tat scheint die Welt beschlossen zu haben, die Menschen im Sudan zu vergessen. Selbst wir, die Menschen in Europa, in der Schweiz, in den „fortschrittlichen“, „demokratischen“, „zivilisierten“ Ländern des Westens, die sich bei jeder Gelegenheit als die Vorkämpfer und Bewahrer von „Menschenwürde“ und „Menschenrechten“ darstellen, scheinen von dieser zurzeit schwersten humanitären Katastrophe nahezu unberührt zu sein. Ist ja auch so weit weg, dieses Sudan, und sowieso: Was haben wir schon damit zu tun. Sollen die doch mit ihren Problemen selber fertig werden, wir haben ja selber genug Probleme am Hals…

Wir hätten damit nicht das Geringste zu tun? Wie viel nackten Egoismus, wie viel Empathielosigkeit, wie viel Gewissenslosigkeit, wie viel Blindheit gegenüber sämtlichen historischen, weltpolitischen und globalwirtschaftlichen Zusammenhängen und Hintergründen braucht es, um so etwas zu behaupten!

Zutiefst mitverantwortlich und mitschuldig sind wir nur schon durch unsere gemeinsame Geschichte, durch 500 Jahre Kolonialismus, gnadenlose Ausbeutung der Länder des globalen Südens, insbesondere Afrikas, durch die Länder des globalen Nordens, die in gleichem Masse immer reicher wurden, wie gleichzeitig die Länder des Südens immer tiefer in Armut und Elend versanken. Diese gemeinsame Geschichte lässt sich nicht ausblenden, nicht vergessen und nicht rückgängig machen, umso weniger, als die kolonialistische Ausbeutung ja mittlerweile nicht etwa ein Ende gefunden hat, sondern in Form der „Globalisierung“ des Kapitalismus auf unzähligen Wegen, oft fast unsichtbar, dafür aber umso heimtückischer und mit umso verheerenderen Folgen, bis heute unvermindert andauert.

Mitverantwortlich und mitschuldig an fast allen ethnischen und militärischen Konflikten in den ehemaligen Kolonien Europas sind die ehemaligen Kolonialmächte nicht zuletzt auch dadurch, dass sie in den von ihnen besetzten und ausgebeuteten Regionen künstliche Grenzen hinterlassen und dadurch ganze Völker entweder auseinandergeschnitten oder gegenseitig in gewalttätige Auseinandersetzungen gestürzt haben, die bis in die Gegenwart unvermindert anhalten. Die Wurzeln des innersudanischen Konflikts zwischen dem Norden und dem Süden, der insgesamt bereits bis zu einer Million Menschenleben gefordert hat und bis heute ungelöst ist, liegt in der Kolonialpolitik der Briten, die im Sudan ein System der Segregation eingeführt hatten: Sie teilten die multiethnische sudanesische Bevölkerung in zwei Kategorien ein. Die erste Kategorie umfasste diejenigen, die vom Kolonialsystem profitierten und als Verbündete der Briten galten, während auf der anderen Seite diejenigen standen, die marginalisiert und von sämtlichen Privilegien ausgeschlossen wurden. Mit der Erlangung der Unabhängigkeit wurde offensichtlich, dass es zwei voneinander getrennte Gesellschaften gab. Unmittelbar nach der Unabhängigkeit des Sudan im Jahre 1956 brach der Krieg aus, weil ein grosser Teil der im Süden lebenden, diskriminierten und vom Reichtum ausgeschlossenen Bevölkerung mit Waffengewalt einen Platz innerhalb des Staates erstreiten und die bestehenden Ungerechtigkeiten aufheben wollte. Dieser Krieg breitete sich nach und nach auf alle Teile des Landes aus, insbesondere auf Darfur, die Region des Blauen Nils, die Nuba-Berge und Kordofan. Und diese Art von Krieg wird immer wieder durch andere lokale Gründe angeheizt oder durch andere Länder, die von aussen eingreifen und von den vorhandenen Reichtümern profitieren wollen.

Mitverantwortlich und mitschuldig an den aktuellen Machtverhältnissen und ihren zerstörerischen Folgen im Sudan wie ebenso in anderen ehemaligen Kolonien sind auch die von den früheren Kolonialmächten aufgezwungenen Machtstrukturen. „Als es 1924 im Sudan zu einer friedlichen Volkserhebung kam“, so der Historiker Roman Decker, „schlugen die britischen Kolonialherren diese brutal nieder. In der Folge herrschten sie nach dem verhängnisvollen Prinzip des Teilens und Herrschens, das darauf beruht, sich selber dadurch an der Macht zu behaupten, indem die verschiedenen Bevölkerungsgruppen mit ihren unterschiedlichen Interessen gegeneinander ausgespielt werden, statt diese Interessen auszugleichen und miteinander in Einklang zu bringen. Nach der Unabhängigkeit des Sudan im Jahre 1956 übernahmen Diktatoren wie Omar Al-Bashir diese Technik der Machterhaltung, indem sie die verschiedenen ethnischen und religiösen Bevölkerungsgruppen gegeneinander ausspielten.“ Dass dieses europäische, kolonialistische Machtprinzip des Teilens und Herrschens dem Wesen des afrikanischen Menschen im Grunde fremd ist, zeigen – und das ist immerhin ein vielversprechender Hoffnungsschimmer – aus der Mitte der sudanesischen Zivilgesellschaft wiederholt aufkeimende Solidaritätsbewegungen, in der vor allem Frauen, wie schon in der Revolution 2019 gegen Omar Al Baschir, eine tragende Rolle spielen. Schon drei Mal – 1964, 1985 und 2018/19 – hat sich die sudanesische Bevölkerung mit friedlichen Mitteln von Militärdiktaturen zu befreien vermocht. „Sie braucht dafür allerdings“, so Roman Deckert, „die Solidarität der restlichen Menschheit, statt, wie es heute noch der Fall ist, stillschweigender Komplizenschaft mit den Kriegstreibern.“ Womit wohl die Mitverantwortung und Mitschuld der „demokratischen“ westlichen Welt – und nicht zuletzt der Schweiz mit ihrer zurzeit kaum mehr wahrnehmbaren „humanitären Tradition“ – ausserhalb jeglicher Frage steht.

Mitverantwortlich und mitschuldig an der Gewalt, den Zerstörungen, der humanitären Katastrophe und den kriegerischen Auseinandersetzungen im Sudan sind auch die Wirtschaftsinteressen zahlreicher Länder, die auf den ersten Blick „nichts damit zu tun haben“. „Der Krieg im Sudan“, so die „Wochenzeitung“ am 6. November 2025, „spielt sich nicht im luftleeren Raum ab, er ist eng verwickelt mit handfesten internationalen Interessen.“ Dabei geht es insbesondere um Bodenschätze wie Erdöl, Eisen, Uran, vor allem aber Gold. Dieses wird zum grössten Teil in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) exportiert. Noch nie gelangte Gold in so grossen Mengen aus dem Sudan in die VAE wie im Jahre 2024, teilweise auf direktem Wege, teilweise über Schmuggelrouten. Einer der wichtigsten Abnehmer von Gold aus den VAE ist – wen wunderts – die Schweiz! Allein im Jahre 2025 wurde gemäss der Entwicklungsorganisation „Swissaid“ Gold im Wert von 27 Milliarden Franken aus den VAE importiert, was einer Verdoppelung innerhalb von zehn Jahren entspricht. Kein Zufall: Die Schweiz ist weltweit führend in der Verarbeitung, der Vermarktung und im Handel mit Gold. Lässt sich das mit der Menschenrechtslage im Sudan vereinbaren und mit der Tatsache, dass die sudanesischen Konfliktparteien vor allem dank dem Verkauf des Goldes ihre militärische Aufrüstung vorantreiben können? Dazu das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco): „Das Seco hat nicht die Aufgabe, die Warenflüsse und die Herkunft importierter Güter zu überwachen und kann daher die Herkunft von in die Schweiz importiertem Gold nicht mit Sicherheit garantieren.“ Und das Bundesamt für Zoll- und Grenzsicherheit sieht ebenfalls keinen Anlass, an der bestehenden Situation etwas zu ändern: „Grundsätzlich handelt es sich bei Goldlieferungen um normalen Handelswarenverkehr. Einfuhren aus den VAE sind weder sanktioniert noch sonst von Einfuhrbeschränkungen betroffen.“ Fakt ist: Die Exporte von Gold aus dem Sudan finanzieren und verlängern den Krieg zwischen den Regierungstruppen der SAF und den RSF-Milizen, indem aus den Gewinnen des Goldexports der Kauf von Waffen und Rüstungsgütern finanziert wird. Man könnte es auch so sagen: Die Schweiz beteiligt sich, nebst anderen Ländern, massgeblich an der Finanzierung und damit an der Unterstützung jener militärischen Kräfte im Sudan, die das Land in die derzeit weltweit grösste humanitäre Katastrophe gestürzt haben… „Wirtschaftlich“, so Marc Ummel von der Hilfsorganisation Swissaid, „erobert die jeweilige Kriegspartei mit jedem Vorrücken ausser Territorien auch die dortigen Goldminen. Sie gelangt auf diese Weise an mehr Gold und dieses Gold bringt wieder mehr Geld für Waffen und somit für die Weiterführung des Kriegs.“ Zudem macht der seit Jahren steigende Goldpreis den Zugang zu den Vorkommen immer lukrativer. Eng dabei miteinander verknüpft sind das unbeschreibliche Elend des Kriegs und das Elend der Arbeiter, welche im Goldabbau tätig sind bzw. aus existenziellen Gründen gar keine andere Wahl haben: „Wir hören immer wieder von Minen, die kollabieren“, so Marc Ummel, „und dass Menschen darin sterben.“ Oft müssen Löcher bis zu fünfzig Meter tief gegraben werden. Oft nur notdürftig werden die Schächte mit Holzbalken gesichert, es besteht jederzeit eine erhebliche Einsturzgefahr. „Die Leute, die in diese Löcher gehen“, so Ummel, „riskieren ihre Gesundheit und ihr Leben, um ihre Familien zu ernähren.“

Mitverantwortlich und mitschuldig an der Gewalt, den unbeschreiblichen Zerstörungen und dem Tod Zehntausender von Sudanesinnen und Sudanesen sind auch sämtliche Waffenproduzenten, Rüstungskonzerne sowie Staaten mit eigenen Rüstungsindustrien, welche allesamt ein wirtschaftliches Interesse daran haben, dass es auch weiterhin weltweit genug Kriege gibt – nicht nur im Sudan, sondern auch in möglichst vielen anderen Ländern -, in denen eine möglichst grosse Menge an Waffen zum Einsatz gelangen, um die entsprechenden Profite zu schaffen. Solche Strategien werden heute nicht einmal mehr nur heimlich verfolgt, sondern sind zunehmend Teil ganz offiziell verbreiteter Verlautbarungen „demokratischer“, sich im Übrigen bei jeder Gelegenheit auf Menschenwürde und Menschenrechte berufender Regierungen. So erklärte der ehemalige US-Aussenminister Antony Blinken in einem TV-Interview zum Ukrainekrieg ganz unverblümt, er hoffe, dass der Krieg in der Ukraine noch möglichst lange weitergehe, denn das sei gut für die Arbeitsplätze in der US-amerikanischen Rüstungsindustrie – er hätte auch sagen können, es sei gut für die Geldbeutel der Aktionäre von Rüstungskonzernen. Und auf die Frage eines Lesers an die Redaktion des schweizerischen „Tagesanzeigers“ im November 2025, ob sich der Einstieg als Aktionär in die boomende Rüstungsindustrie zurzeit lohne, gab der zuständige Journalist ohne jegliche moralische oder ethische folgende Antwort: „Der VanEck Defense UCITS ETF A mit ISIN IEOOOYYE6WK5 gibt Ihnen die Möglichkeit, diversifiziert in Unternehmen aus dem Bereich Rüstung und Verteidigung zu investieren. Dieser ETF bildet den Market Vector Global Defense Industry Index nach und besteht aus Firmen, die direkt oder indirekt in der Militär- oder Verteidigungsindustrie tätig sind. Angesichts der geopolitischen Lage könnte ein solches Portfolio weiterhin zulegen.“ Weiterhin zulegen werden zweifellos auch die Waffenlieferungen all jener Länder von Katar über Ägypten bis zum Iran an den Sudan bzw. an die SAF und die RSF, um den dortigen Krieg – im gegenseitig immer lukrativeren Handel zwischen Gold und Waffen – weiterhin zu befeuern und möglichst lange aufrechtzuerhalten. Und wer gedacht hätte, die Schweiz würde sich da vornehm zurückhalten, sieht sich ein weiteres Mal massiv getäuscht: Seit anfangs 2025 hat die Schweiz Kriegsmaterial im Wert von 2,5 Millionen Franken in die Vereinigten Arabischen Emirate geliefert, ein klarer Verstoss gegen die Sanktionen, welche der UNO-Sicherheitsrat gegen die Konfliktparteien im Sudan ausgesprochen hat, ist doch allgemein bekannt, dass die Waffen, die in den VAE landen, früher oder später auch im Sudan wieder auftauchen werden. Doch obwohl auch mehrere Schweizer Hilfswerke auf die Problematik des „Blutgolds“ im Tausch mit Waffenlieferungen hinweisen, wird ihre Kritik kaum Erfolg haben, wird das Schweizer Parlament doch aller Voraussicht anlässlich einer der nächsten Sessionen die Regeln für die Exporte von Kriegsmaterial weiter lockern. Dabei wäre die Schweiz mit ihrer – zumindest auf dem Papier noch vorhandenen – Neutralität doch wie kein anderes Land berufen, im Sudankonflikt oder auch in anderen Konflikten weltweit eine vermittelnde Rolle zu spielen. Doch der „Zeitgeist“ scheint es anders zu wollen, „Abrüstung“, „Friedensförderung“, „Diplomatie“ und „Pazifismus“ sind schon fast Schimpfworte und selbst an diese Aussage des früheren US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower scheint sich heute kaum mehr irgendwer zu erinnern: „Jede Kanone, die gebaut wird, jedes Kriegsschiff, das vom Stapel gelassen wird, jede abgefeuerte Rakete bedeutet letztlich einen Diebstahl an denen, die nichts zu essen haben, frieren und keine Kleidung besitzen. Eine Welt unter Waffen verpulvert nicht nur Geld allein. Sie verpulvert auch den Schweiss ihrer Arbeiter, den Geist ihrer Wissenschaftler und die Hoffnung ihrer Kinder.“ Was würde Eisenhower wohl sagen, wenn er heute noch leben würde und wüsste, dass der Betrag, welcher der UNO jährlich für Friedensmissionen zur Verfügung steht, nicht zehn und auch nicht hundert, sondern tausend Mal kleiner ist als die Summe, welche jährlich weltweit für die Beschaffung von Waffen aufgewendet wird?

Mitverantwortlich und mitschuldig an der Gleichgültigkeit und am Schweigen über all das, was die Menschen im Sudan derzeit durchmachen müssen, sind insbesondere auch die westlichen Medien und die Art und Weise, wie oder wie eben nicht über die Vorgänge im Sudan berichtet wird. Während sich insbesondere in den meisten europäischen Ländern durch die private wie auch öffentliche Berichterstattung nach und nach das fiktive Feindbild eines bösen Russland etabliert hat, das drauf und dran sein soll, ganz Europa, wenn nicht letztlich sogar die ganze Welt zu erobern, gibt es auch nicht ansatzweise einen entsprechend kritischen Blick auf das ganz reale Böse, dem Millionen von Sudanesinnen und Sudanesen wie auch Abermillionen weiterer Menschen in Ländern, wo politische Verfolgung, Gewalt, Armut, Hunger und Kriege sozusagen der Normalzustand sind, tagtäglich schutzlos ausgeliefert sind. Den Begriff „Sicherheit“ gibt es in den westlichen Medien fast nur noch in Form eines durch und durch missbräuchlichen Verständnisses, wonach Sicherheit vor allem durch möglichst massive militärische Aufrüstung zu erreichen sei, obwohl doch gerade eine solche letztlich zu noch viel grösserer Unsicherheit führen muss, ist doch echte Sicherheit auf die Dauer nur zu erreichen in einer Welt grösstmöglicher sozialer Gerechtigkeit und einem guten Leben für alle Menschen, ganz unabhängig davon, wo und wann sie geboren werden, wodurch sich früher oder später jede Waffe, jede Armee und jedes Geldstück, das in militärische Rüstung gesteckt wird, als höchst bedenklich, sinnlos, überflüssig und geradezu gefährlich erweisen müsste.

Mitverantwortlich und mitschuldig am Schweigen gegenüber dem Leiden der Menschen im Sudan und der fast gänzlichen Absenz politischer Bemühungen um ein Ende des Konflikts ist auch das, was man – und hier müssen wir in ganz besonderem Masse auch an die Schweiz denken – als latenten Rassismus bezeichnen müsste, tiefsitzende, unbewusste, über Jahrhunderte geprägte Denkmuster, die darüber bestimmen, welcher „Wert“ Menschen in unserer Wahrnehmung zukommt, je nach ihrer ethnischen, geografischen oder sozialen Herkunft. Wir brauchen uns nur für einen kurzen Augenblick vorzustellen versuchen, Lebensbedingungen, wie sie zurzeit für die Menschen im Sudan an der Tagesordnung sind, würden in einzelnen Regionen der Schweiz den Alltag der Menschen bestimmen: Rund um die Stadt St. Gallen würden sich Mörderbanden besammeln, um eines frühen Morgens unvermittelt von allen Seiten in die Stadt zu stürmen und auf alles zu schiessen, was sich bewegt, die Strassen wären schon voller Leichen und zwischen ihnen würden sich die überlebenden Schwerverletzten an den Stadtrand schleppen, sich dort in Geräteschuppen oder Gartenhäuschen verstecken, nur in den Kleidern, in denen sie am Abend zuvor schlafen gegangen waren, ohne Wasser und ohne Nahrung. Einzelne würden sich in nahegelegene Wälder flüchten, zahllose Kinder wären ganz alleine laut schreiend und weinend unterwegs, ohne Geschwister und ohne Eltern, in tödlicher Angst vor den Mörderbanden, vor denen man nirgendwo sicher sein kann… Nur schon der Gedanke ist so unerträglich, dass wir ihn wohl nicht einmal ein paar Sekunden lang zulassen könnten, er würde all das, was in unserem Denken und Empfinden als das einzig Mögliche und Selbstverständliche Platz hat, auf einen Schlag in tausend Stücke zerreissen. Zu wissen, dass genau dies für Millionen von Menschen ebenso das einzig Mögliche und Selbstverständliche ist wie für uns der Morgenkaffee, das Gipfeli und die warme Dusche, dies zu wissen oder zumindest zu erahnen, können wir wohl nur aushalten, wenn wir davon ausgehen, dass diese Menschen, knapp 7000 Kilometer von uns entfernt, ganz andere Menschen sind als wir und deshalb auch ganz andere Bedürfnisse haben als wir. Früher nannte man sie „Wilde“ oder „Tiere“, das würde heute zwar niemand mehr so sagen, aber tief in unserer innersten Wahrnehmung hat sich die Vorstellung von „wertvolleren“ und „weniger wertvollen“ Menschen bis heute gegenüber früheren Jahrhunderten nicht wirklich tiefgreifend geändert, anders ist es kaum zu erklären, wie unterschiedlich und willkürlich insbesondere die Schweiz mit Flüchtlingen umgeht, je nachdem, aus welcher Richtung sie kommen und bei uns Schutz suchen: Wurde im Frühjahr 2022 auf der einen Seite sozusagen von einem Tag auf den andern rund 60’000 Menschen aus der Ukraine in der Schweiz völlig unbürokratisch Asyl gewährt und erhielten diese sogar einen extra für sie zugeschnittenen, neu geschaffenen Schutzstatus, erliess das Staatssekretariat für Migration auf der anderen Seite im Juni 2024 ein Moratorium für Flüchtlinge aus dem Sudan, das heisst, dass diese in der Schweiz weder Asyl noch eine vorläufige Aufnahme bekommen sollen. Zwar werden sie nach der Anhörung ihrer Fluchtgründe vorerst einer provisorischen Unterkunft zugewiesen, müssen aber jederzeit damit rechnen, wieder ausgeschafft zu werden. Zudem wurde die Schweizer Botschaft in Karthum bereits im Sommer 2023 geschlossen, wer entsprechende Papiere braucht, muss sich nach Nairobi begeben, der fast 2000 Kilometer entfernten Hauptstadt Kenias. Auch dringendst benötigte Nothilfe hat es in einer Zeit, da immer mehr finanzielle Mittel in die Rüstung gesteckt werden und gleichzeitig ganze Länder wie zum Beispiel Bangladesch überhaupt keine Schweizer Entwicklungshilfegelder mehr bekommen, immer schwerer, die parlamentarischen Hürden überhaupt noch zu überwinden: Wollte der Bundesrat angesichts von 21 Millionen akut von Hunger Betroffenen für den Sudan Soforthilfe von 50 Millionen Franken freigeben – ohnehin bloss ein fast unsichtbar winziger Tropfen auf einen immer heisser glühenden Stein -, so wurde er unverzüglich von der parlamentarischen Finanzdelegation zurückgepfiffen, die bloss die Hälfte der Summe bewilligen wollte. Nun muss das Parlament noch einmal über die Bücher, während gleichzeitig schon wieder Tausende zu Opfern von Verfolgung, Gewalt und Hunger geworden sein werden.

Mitverantwortlich und mitschuldig an den derzeitigen und vor allem auch zukünftigen Lebensverhältnissen im Sudan machen sich die nördlichen Industrieländer aber auch insbesondere durch die von der Wahnidee eines endlosen Wirtschaftswachstums weiter und weiter vorangetriebene Klimaerwärmung: Während die Produktion einer immer grösseren Zahl längst überflüssiger Luxusprodukte im Norden ins schier Unendliche wächst, trocknen gleichzeitig die Böden in den Ländern des Südens zunehmend aus, wird Wasser immer knapper, nehmen Dürren von Jahr zu Jahr weiter zu, werden die Wege zu den Orten, wo noch Nahrungsmittel wachsen und geerntet werden können, länger und länger. Hunger und Kriege sind die beiden Hälften der Zange, zwischen denen Abermillionen von Menschen weit jenseits der Erfüllung ihrer minimalsten Lebensbedürfnisse zunehmend zerquetscht werden, nicht nur im Sudan, aber dort in einem so erschreckenden Ausmass, dass man sich gar nicht vorzustellen wagt, wie die Welt in zehn oder 20 Jahren im schlimmsten Fall aussehen könnte.

Es fällt schwer, dies zu sagen: Aber wir alle, die schweigen, nichts dagegen unternehmen oder sogar aus dem Elend anderer materiellen Profit ziehen, machen uns dadurch zu Komplizen zweier der weltweit schlimmsten Kriegsverbrecher, die gerade daran sind, Millionen ihrer eigenen Landsleute auszulöschen und die, welche es bisher noch überlebt haben, den schlimmsten nur erdenklichen Qualen auszusetzen. In einer Welt, in der alles mit allem wirtschaftlich und technologisch weitaus umfassender miteinander verbunden ist als je zuvor, sind auch die menschlichen und gesellschaftlichen Verflechtungen tiefgreifender als je zuvor. Nichts kann von allem anderen isoliert und unabhängig voneinander betrachtet werden, alles hängt mit allem zusammen. So, wie es der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt einmal so treffend sagte: „Was alle angeht, können nur alle lösen.“ Ob Krieg oder Frieden, ob Hunger oder genügend Nahrung, ob Verfolgung oder Sicherheit, ob Skrupellosigkeit oder Fürsorge, ob Hass oder Liebe, ob Einsamkeit oder Geborgenheit, ob Ausbeutung oder Gerechtigkeit – nichts kann am einen Ort gelöst werden, ohne gleichzeitig auch an allen anderen Orten gelöst zu werden. Im Zeitalter der totalen Information kann niemand mehr behaupten, er hätte es nicht gewusst. Wir alle, ob im Norden oder Süden, im Westen oder Osten, sind gemeinsam dafür verantwortlich, wie die Welt in fünf, zehn oder zwanzig Jahren aussehen wird, ob es eine Hölle sein wird wie das, was heute im Sudan der ganz „normale“ Alltag ist, oder ob es endlich dieses Paradies sein wird, von dem weltweit alle Kinder im Augenblick ihrer Geburt voller Sehnsucht träumen und die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben, dass es eines Tages doch noch Wirklichkeit wird.