Khaled aus Syrien: Neue Wege entstehen, indem man sie geht…

Peter Sutter, 6. Januar 2026

Vorliegende Geschichte beruht auf Tatsachen, erlebt von einer im Jahre 2012 aus Syrien in die Schweiz geflüchteten fünfköpfigen Familie, zwischen 2022 und 2026, in einer Ostschweizer Gemeinde.

Khaled* war vier Jahre alt, als seine Eltern mit ihm und seinem zwei Jahre älteren Bruder vor dem Krieg in Syrien in den Libanon flüchteten. Dort lebte die Familie fast ein Jahr lang in einem Flüchtlingscamp, bis sie im Rahmen eines UN-Hilfsprogramms in die Schweiz ausreisen konnte, um hier ein dauerhaftes Bleiberecht zu erhalten.

Zehn Jahre später: Khaled besucht die 1. Klasse der Oberstufe. Vorerst, wie bereits zuvor in der Primarschule, geht alles gut. Doch nach dem ersten Semester kommt es zu einem Lehrerwechsel, mit dem Schwierigkeiten ihren Anfang nehmen, die im Laufe der folgenden Schuljahre immer gravierendere Ausmass annehmen werden. Khaled wird schliesslich einer Sonderklasse zugewiesen, aber auch dort treten erneut Schwierigkeiten auf, die auch durch Intervention von Schulbehörden und mehreren Fachstellen keine Lösung finden. Kurz nach dem Beginn des 3. Oberstufenjahrs wird Khaled sodann gänzlich von der Schule weggewiesen und verbringt nun die folgenden drei Monate ohne Beschulung und auch ohne weitere Beschäftigung zuhause. Er und seine Eltern machen sich grösste Sorgen um seine Zukunft und bekommen während dieser Zeit auch keinerlei Unterstützung durch die Schule, ausser dass einer von Khaleds ehemaligen Mitschülern ihm einmal pro Woche Aufgaben bringt, die er zuhause erledigen kann. Seine ehemaligen Klassenkolleginnen und Klassenkollegen trifft er weiterhin in der Freizeit, auch verbringt er viel Zeit mit seiner Freundin.

Schwierig zu erfassen, wann genau und wie und weshalb alles angefangen hatte. Was auffällt: Auf Lehrerwechsel, von denen es im Verlauf der Oberstufenzeit mehrere gab, reagierte Khaled stets äusserst empfindlich. Alles schien auf der emotionalen Ebene von der Beziehung zum betreffenden Lehrer oder der betreffenden Lehrerin abzuhängen. Entweder war alles gut oder alles schlecht. Dies hatte jeweils auch unmittelbar frappante Auswirkungen auf die schulischen Leistungen. So führte einer der Lehrerwechsel dazu, dass Khaleds Noten in einzelnen Fächern um bis zu zwei Punkten absackten, etwa von 5.5 auf 3.5 oder von 5 auf 3. Bestimmt war Khaled keine „einfacher“ Schüler. Aber es schien so, dass einige seiner Lehrerinnen und Lehrer damit besser umgehen konnten, andere schlechter und wieder andere überhaupt nicht. Ging es nur im Entferntesten um Äusserungen, die Khaled als „rassistisch“ empfand, konnte das bei ihm, auch wenn es vielleicht gar nicht so krass gemeint war, heftigste Reaktionen auslösen und er, sonst eher ruhig und zurückhaltend, wurde plötzlich laut und aufbrausend. Insbesondere bei einer seiner Lehrerinnen führte dies immer wieder zu heftigen Konflikten. Gewiss soll und muss man nicht jegliches „Fehlverhalten“ eines Jugendlichen entschuldigen und rechtfertigen. Aber es macht zweifellos einen riesigen Unterschied, ob ein Kind im Alter von einem bis fünf Jahren in einer sicheren und behüteten Umgebung aufwachsen konnte oder unter der ständigen Bedrohung und Angst vor Gewalt und Krieg und dem kargen Leben in einem Flüchtlingslager – entscheidende Jahre der Persönlichkeitsbildung, die ein Kind wohl lebenslang prägen, ohne dass ihm selber ganz bewusst ist, was die täglichen Erlebnisse, Begegnungen, zwischenmenschlichen Kontakte und Alltagserfahrungen in seinem Innersten auslösen und wie er damit umgehen kann oder eben nicht.

Drei Monate unbeschäftigten Herumsitzens tun einem jungen Menschen in diesem Alter nicht gut. Dazu das schmerzliche Gefühl, aus der Gemeinschaft der Gleichaltrigen ausgeschlossen worden zu sein. Und zu alledem noch die Angst vor der Zukunft: Was wird später einmal aus mir, werde ich in dieser Gesellschaft einmal einen Platz finden, werde ich meinen Lebensunterhalt jemals selber verdienen können? Die ganze Familie leidet, die Eltern machen sich täglich Vorwürfe, versagt zu haben, ihrem Sohn vielleicht zu wenig abverlangt zu haben, zu gutgläubig gewesen zu sein, dass schon alles früher oder später gut herauskommen werde.

20. November 2024. Ich bekomme einen Telefonanruf von Khaleds Mutter, die ich etwa ein halbes Jahr zuvor im Zusammenhang mit einem Integrationsprojekt kennengelernt hatte, woraus eine schöne Freundschaft mit ihr und ihrer Familie entstanden war. Sie sei völlig verzweifelt, wisse nicht mehr ein noch aus, ob ich Zeit hätte, sie brauche dringend meinen Rat.

Noch am gleichen Tag, gegen Abend, sitzen Khaled, seine Eltern und sein jüngerer Bruder bei mir zuhause am Esstisch. Was sie mir erzählen, kann ich zunächst fast nicht glauben. So etwas habe ich noch nie gehört, obwohl ich selber während fast 40 Jahren als Oberstufenlehrer tätig gewesen war und einen umfassenden Einblick hatte in alle möglichen Entscheide betreffend „schwierige“ Schülerinnen und Schüler, Versetzungen, Klassenwechsel, Konflikte zwischen Eltern und Lehrkräften oder Schulbehörden, usw. Was war geschehen? Die Eltern hatten vor etwa zehn Tagen vom Schulpräsidenten die Einladung zu einer Besprechung erhalten, wie es mit Khaled in Bezug auf die Schule weitergehen sollte. Der Einladung folgend, sitzen die Eltern nun also am 18. November um 17.30 Uhr im Vorzimmer des Sitzungsraums der Schulverwaltung und harren der kommenden Dinge. Es vergeht fast eine Stunde, bis sich endlich die Tür zum Sitzungszimmer öffnet und die beiden eingelassen werden. An drei Seiten des Sitzungstischs sitzen insgesamt acht Personen, von der zuständigen Schulpsychologin über den Schulleiter der Oberstufe, einen Vertreter der Lehrerschaft bis zur Kantonalärztin, einer Mitarbeiterin des KJPD und weiteren Fachpersonen. Khaleds Eltern werden gebeten, auf den zwei freien Stühlen am unteren Ende des Tisches Platz zu nehmen. Der Schulpräsident kommt ohne längere Umschweife zur Sache: Das hier versammelte Gremium habe nach langer und ausgiebiger Diskussion beschlossen, Khaled in eine psychiatrische Klinik einzuweisen, dies sei, nach allen gescheiterten Versuchen innerhalb der vorhandenen schulischen Angebote, die einzige noch verbliebene Möglichkeit, um die gravierenden Defizite in Bezug auf sein Verhalten, seine Lernbereitschaft und seine labile Persönlichkeitsstruktur mit entsprechenden therapeutischen Massnahmen gezielt und professionell in den Griff zu bekommen. Alles haben Khaleds Eltern erwartet, nur das nicht. Wer diese Massnahme beschlossen habe, will der Vater wissen. „Niemand meldete sich, alle schauten sich nur gegenseitig an“, wird er mir zwei Tage später berichten. Auf die zweite Frage, worin das Ziel des Aufenthalts in der Klinik bestünde, kommt die Antwort, dass man das noch nicht sagen könne, da es zunächst noch abgeklärt werden müsse. Und auf die dritte Frage, wann der Eintritt in die Klinik erfolgen werde, wird den Eltern erklärt, dass dies durchaus noch etwa zehn Wochen dauern könnte, weil gerade in keiner der in Frage kommenden Institutionen ein Platz frei wäre.

Mehr rote Signale kann man in so kurzer Zeit wohl kaum überfahren. Über die Köpfe der Eltern hinweg fassen acht „Fachpersonen“, von denen einige Khaled und seine Eltern nicht einmal persönlich kennen, einen so einschneidenden, gravierenden Entscheid. Khaled selber, der eigentliche Hauptbetroffene, ist gar nicht anwesend und hat somit keine Möglichkeit, Stellung zu nehmen. Niemand erklärt den Eltern, dass die Einweisung in eine psychiatrische Klinik ohne umfassende medizinische Abklärungen – die nie erfolgt sind – und gegen den Willen des Jugendlichen und seiner Eltern gar nicht erfolgen darf. Es gibt keine schriftliche Beschlussfassung. Es bleibt intransparent, welche der involvierten Personen oder Fachstellen den Antrag auf die Einweisung in eine Klinik gestellt hat. Folglich haben die Eltern auch keine Möglichkeit, gegen den Entscheid Einsprache zu erheben, umso weniger, als nicht einmal etwas Schriftliches vorliegt, worauf sie Bezug nehmen könnten. Und dass sie das Recht auf einen Rekurs haben, wird ihnen einfach vorenthalten. Zudem ist eine Verlängerung des bereits dreimonatigen Schulausschlusses um weitere zehn Wochen rechtlich gar nicht zulässig, aber auch das wird den Eltern nicht kommuniziert. So etwas kann man wohl nur mit einer Flüchtlingsfamilie machen, deren Leben schon vom ersten Tag an, an dem sie sich in der Schweiz aufgehalten haben, laufend von Ängsten belastet war: Von der Angst, irgendetwas falsch zu machen, sich falsch auszudrücken, falsch verstanden zu werden, mit Behörden in Konflikt zu geraten oder vielleicht sogar eine spätere Einbürgerung aufs Spiel zu setzen.

Am nächsten Tag rufe ich den Schulpräsidenten an. Teile ihm mit, dass Khaleds Eltern mich um Rat gefragt hätten. Dass ich selber Oberstufenlehrer gewesen sei und es manchmal auch mit „schwierigen“ Jugendlichen zu tun gehabt hätte, mir aber selbst im Traum niemals eingefallen wäre, einen Jugendlichen deswegen in eine psychiatrische Klinik einweisen zu wollen. Dass man doch jedem jungen Menschen eine zweite Chance geben sollte und die Möglichkeit, aus gemachten Fehlern etwas zu lernen. Ohne näher auf meine Einwände einzugehen, beteuert der Schulpräsident, dass der Entscheid „von einem achtköpfigen Gremium“ gefällt worden sei, und dies nach langer und ausgiebiger Diskussion. Schon liegt mir der Satz, auch acht Menschen könnten sich irren, auf der Zunge, da besinne ich mich eines Besseren, denn ich suche ja nicht eine Konfrontation, sondern eine konstruktive Lösung. „Ich bin sicher“, sage ich, „dass sich diese acht Personen alle nur erdenkliche Mühe gegeben haben, für Khaled eine gute Lösung zu finden. Dennoch finde ich, es gäbe bessere Ideen.“ Zum ersten Mal im Verlaufe dieses Telefongesprächs habe ich das Gefühl, dass mir der Schulpräsident ernsthaft zuzuhören beginnt. „Ich hätte eine Idee“, sage ich, „man könnte es noch einmal mit einem Besuch der Regelschule versuchen. Khaled könnte das dritte Oberstufenjahr regulär abschliessen und sich so die Aussicht erarbeiten, anschliessend eine Berufslehre in Angriff zu nehmen. Zur Vorbereitung dieses Schrittes könnte Khaled einen Brief aufsetzen mit zehn Punkten, in denen er sich zukünftig verbessern wolle. Sobald auch nur einer dieser Punkte verletzt würde, sollte der betroffene Lehrer bzw. die betreffende Lehrerin unverzüglich mit mir Kontakt aufnehmen, damit ich zusammen mit Khaled eine Lösung suchen könnte. Zudem würde ich mich zur Verfügung stellen, um während einer Stunde pro Woche mit Khaled zusammenzusitzen und an den Punkten zu arbeiten, wo noch Handlungsbedarf bestehe. Dieses Angebot scheint seine Wirkung nicht verfehlt zu haben. Und spätestens ab jetzt mischen sich in diese Geschichte nebst allen Schwierigkeiten und Hindernissen immer öfters auch groteske, nahezu absurde Elemente, zeigen sich in scheinbar unerschütterlichen Denkstrukturen immer öfters Risse und Schwachstellen. Denn in diesem Augenblick, man glaubt es kaum, meint der Schulpräsident, dass eine Coachingstunde pro Woche des Guten wohl zu viel wäre, eine Stunde pro zwei Wochen würde wohl durchaus genügen. Er, der eben noch die Ansicht vertrat, nur ein Rund-um-die-Uhr-Setting in einer psychiatrischen Klinik könne den enormen Defiziten Khaleds gerecht werden. Das Gespräch endet damit, dass mir der Schulpräsident verspricht, mit den acht Fachpersonen noch einmal das Gespräch zu suchen. Falls man keinen gemeinsamen Termin finden würde, nähme er mit den Einzelnen bilateral Kontakt auf.

28. November, 16 Uhr. Khaled hat seinen wöchentlichen Gesprächstermin bei einer jungen Psychologin, die ihn schon seit einem halben Jahr begleitet. Diese war eine der acht Fachpersonen, welche gemeinsam die Einweisung Khaleds in die psychiatrische Klinik beschlossen, und, wie wir zwischenzeitlich erfahren haben, sogar jene Person im Gremium war, welche die Idee der Klinik eingebracht hatte. Ich habe sie vorgängig gefragt, ob es möglich wäre, dass Khaleds Eltern, eine Bekannte der Familie, die während vielen Jahren in Deutschland als aufsuchende Jugendarbeiterin tätig war, sowie ich Khaled bei seiner heutigen Sitzung begleiten dürften. Kein Problem, meinte die Psychologin, und so sitzen wir nun hier, in einer etwas anderen Konstellation. Es ist jetzt die Psychologin alleine, die zunächst immer noch an der Idee der Klinikeinweisung festhält, und es sind fünf Personen, die dies ganz und gar nicht eine gute Idee finden. Und plötzlich ist die Psychologin voll des Lobes für Khaled und sagt ihm sogar ganz direkt: „Du hast bisher alles richtig gemacht.“ Und auch Khaled bestätigt, dass er sich bei ihr stets verstanden fühle und immer gerne zu ihr komme.

Wunder geschehen. Eine Woche später – was immer auch in der Zwischenzeit geschehen sein mag, ich weiss es nicht – spricht kein Mensch mehr von der psychiatrischen Klinik. Stattdessen gibt es noch einmal eine Einladung vom Schulpräsidium. Im gleichen Raum, am gleichen Tisch. Anwesend sind der Schulpräsident, der Schulleiter der Oberstufe, der zugleich als Protokollführer amtet, Khaled, seine Eltern, die mit ihnen befreundete Jugendarbeiterin und ich. Schon beim Hereinkommen haben der Schulpräsident und der Schulleiter Khaled und seinen Eltern dermassen freundlich und schon fast überschwänglich die Hand geschüttelt, dass Khaleds Vater nach der Sitzung zu mir sagte, er hätte noch nie erlebt, dass Menschen so gegensätzliche Gesichter haben könnten, es sei ihm vorgekommen, als wären es total andere Menschen als zwei Wochen zuvor. Die Sitzung selber verläuft in entspannter Atmosphäre überraschend erfolgreich: Khaled wird unverzüglich in eine Timeout-Schule eintreten können, wo er seine infolge der langen Abwesenheit von der Schule entstandenen Lücken aufarbeiten und sich gezielt auf eine zukünftige Berufslehre vorbereiten kann.

5. Dezember 2024. Früher als erwartet findet das Eintrittsgespräch in die Timeout-Schule statt. Der Schulleiter und Khaled fangen sogleich gegenseitig Feuer. „Das packen wir“, sagt der Schulleiter und gibt Khaled zum Abschluss des Gesprächs ein kräftiges Give-me-five. Dann führt er uns durch die Schule. Es handelt sich um ein ehemaliges Primarschulhaus, jetzt der Lernort für maximal acht „schwierige“ Jugendliche, die aus was für Gründen auch immer in der Regelschule nicht „tragbar“ waren und nun hier gelandet sind, meistens für eine begrenzte Zeit, betreut von drei Lehrern, ohne Lehrpläne und Stundenpläne, einfach mit unterstützender, individueller Lernbegleitung, und dazwischen viel Spass und gemeinsame Aktivitäten. Eines der ehemaligen Schulzimmer wurde in eine Küche umgebaut, ein anderes in eine Werkstatt, ein drittes in einen Spielraum. Alles ganz so, wie man sich eine ideale Schule vorstellt. Offensichtlich muss man im traditionellen Schulsystem ein sehr „schwieriger“ Schüler gewesen sein und total „versagt“ haben, um in den Genuss einer wirklich pädagogischen Schule zu kommen, von der alle anderen nur träumen können. Nachdem der Schulleiter zum Abschied allen die Hand geschüttelt hat, kann es der jüngere Bruder von Khaled, der ebenfalls mitgekommen ist, nicht lassen, dem Schulleiter seinen riesigen Stoffhasen, den er mitgenommen hat, entgegenzustrecken, worauf dieser auch dem Hasen zum Abschied die Ohren schüttelt – alle lachen. Nur gute Gefühle begleiten uns auf dem Heimweg.

In den nächsten Wochen hören wir vom Schulleiter über Khaled nur Gutes. Khaled sei interessiert, lernfreudig und verhalte sich tadellos. Der Schulleiter könne nicht verstehen, weshalb die Lehrerinnen und Lehrer der Regelschule mit Khaled so grosse Probleme gehabt hätten, dass er schliesslich von der Schule geflogen und um ein Haar in einer psychiatrischen Klinik gelandet wäre. Die Vermutung, dass bei Khaled alles eine Frage der emotionalen Beziehung ist, bestätigt sich voll und ganz. Entweder ist alles gut oder alles schlecht. Aber nichts dazwischen.

Bis uns Ende März eine Nachricht ereilt, die alles wieder über den Haufen wirft: Khaled wurde im Gruppenraum der Schule erwischt, als er einem Mitschüler einen mit psychoaktiver Substanz gefüllten Beutel zuschob. Zutiefst bedauert der Schulleiter, Khaled den weiteren Besuch der Timeout-Schule verbieten zu müssen. Aber bei Drogen herrsche nun mal Nulltoleranz. Wenn er darüber hinwegsehen und das dann publik werden würde, wäre er wahrscheinlich schon in Kürze seinen Job los.

Und so sitzen wir alle kurz darauf wieder im Sitzungszimmer der Schulverwaltung. Es wäre eben vielleicht doch besser gewesen, Khaled in eine Klinik einzuweisen, meint der Schulpräsident, dann wäre das alles nicht passiert. Und ja, wahrscheinlich sei nun die Klinik in der Tat nur noch das Einzige und Letzte, was für Khaled in Frage käme.

Zwei Tage lang weibelt die mit Khaleds Eltern befreundete Jugendarbeiterin von Fachstelle zu Fachstelle, von Büro zu Büro, von Termin zu Termin. Es muss doch noch irgendeine Alternative zur psychiatrischen Klinik möglich sein. Und dann hat plötzlich eine Idee, die alles wieder in eine gute Richtung zu wenden vermag…

Zwei Wochen später finden wir uns wieder in besagtem Sitzungszimmer und der Schulleiter der Oberstufe strahlt übers ganze Gesicht. Es sei die Idee der Jugendarbeiterin gewesen. Angesprochen bin ich. Als pensionierter Oberstufenlehrer sei ich doch bestens dafür prädestiniert, Khaled mithilfe regelmässigen Privatunterrichts den noch fehlenden Schulstoff zu vermitteln, um ihm einen regulären Schulabschluss zu verschaffen und damit die Möglichkeit, anschliessend eine Berufslehre anzutreten, was infolge eines frühzeitigen Schulabbruchs und der nicht erfüllten neunjährigen Schulpflicht nicht mehr möglich gewesen wäre.

Und dann geht es Schlag auf Schlag. An drei Halbtagen pro Woche gehe ich mit Khaled den ihm noch fehlenden Schulstoff durch, bei mir zuhause, mit Kaffee und Gipfeli. Er erscheint stets pünktlich, verhält sich ohne jeglichen Tadel, bedankt sich jedes Mal aufs höflichste. Ich staune über sein Interesse, sein Konzentrationsvermögen, seine Intelligenz. Ich komme mit dem Liefern neuen Stoffs kaum nach, so ungestüm bewältigt er Aufgabe um Aufgabe, Kapitel um Kapitel in den uns zur Verfügung stehenden Lehrmitteln. Mir wird bewusst, wie effizient solches 1:1-Lernen ist im Vergleich zu einem Klassenunterricht. Hier gibt es keinerlei Ablenkung, keinerlei Störungen, keine Gruppendynamiken, keine Konflikte zwischen Erziehungspersonen und Jugendlichen, kein Mobbing, kein Konkurrenzdenken, nichts. Das Lernen ist zu 100 Prozent Lernen, ohne jeglichen Kompromiss abgestimmt auf das individuelle Lernvermögen, das Lerntempo und die Lernstrategien dieser einzelnen und keiner anderen Person. Ich wage zu behaupten, dass auf diese Weise in jeder einzelnen Stunde mehr echtes Lernen und mehr echte Lernfortschritte stattfinden als während eines ganzen Tages in einem „normalen“ Klassenunterricht. Und dies alles erst noch in einer von A bis Z freundlichen und wohltuenden Atmosphäre, ohne dass je ein ungutes Wort fällt, irgendwer getadelt oder bevormundet wird, jemals Gefühle von Langeweile, Überforderung oder Unterforderung aufkommen. Mein schon lange gehegter Traum von radikal neuen Formen von Lernen im Alltag, stets in 1:1-Konstellationen, in denen Wissen, Kenntnisse und Fähigkeiten auf ganz natürliche Weise von denen, die schon über sie verfügen, weitergegeben werden an jene, die noch nicht über sie verfügen, Learning by Doing, Lernen im Leben, bei dem es keine „Lehrer“ und keine „Schüler“ mehr gibt, sondern alle, unabhängig vom Lernen, stets zugleich lehrend und lernend sind, natürliches Lernen, so wie es jedes Kind von Geburt mit unendlich viel Freude und Erfolg praktiziert und wie es mit einem traditionellen, auf Lehrplänen und Jahrgangsklassen beruhenden Schulsystem nicht mehr das Geringste zu tun hat, dieser Traum nimmt in diesen Stunden mit Khaled eine immer realistischere Gestalt an. Und ebenso die Erkenntnis, dass es auf diese Weise auch gar keine „schwierigen“ Schülerinnen und Schüler mehr geben kann, sondern „schwierige“ Schülerinnen und Schüler stets bloss das Produkt einer Schule sind, welche die elementarsten Gesetzmässigkeiten natürlichen Lernens missachtet. Den Beweis dafür erbringen Khaled und ich an jedem dieser Tage aufs Neue: Alle Angebote des bestehenden Schulsystems, die ganze Palette an zur Verfügung stehendem Fachpersonal, alles ist gegenüber Khaled gescheitert, hat an ihm versagt und kam am Ende zu keiner anderen Lösung, als ihn entweder in eine psychiatrische Klinik zu schicken oder ihn, ohne Schulabschluss, sich selber und einem völlig ungewissen Schicksal zu überlassen. Das 1:1:Lernen wird nie scheitern und wird nie versagen und kann alles, was zuvor verloren ging, wieder neu aufbauen.

Die übrigen Wochentage verbringt Khaled mit einem Arbeitspraktikum auf einem therapeutischen Bauernhof, auch das von A bis Z eine Erfolgsgeschichte sowie eine weitere Bestätigung für die Bedeutung emotionaler Beziehungen beim Aufbau von Selbstvertrauen und der Entfaltung des vorhandenen individuellen Begabungspotenzials.

Drei Wochen, nachdem ich mit dem Privatunterricht für Khaled angefangen hatte, ist ein weiterer Berufskollege in unser Begleitteam eingestiegen, ebenfalls ein pensionierter Oberstufenlehrer, aber im Gegensatz zu mir als Sprachlehrer ein Lehrer der mathematisch-naturwissenschaftlichen Richtung, wodurch wir Khaled noch viel umfassender begleiten können, zumal seine Interessen ohnehin eher in die technisch-naturwissenschaftliche Richtung gehen.

Auch für den Schulleiter und den Schulpräsidenten ist eine neue Welt aufgegangen. Auch sie haben etwas gelernt, was sie wohl nie mehr vergessen werden: Es braucht nur wenig Mut und nur wenig Offenheit, um aus bestehenden Denkmustern auszubrechen und neue Wege zu entdecken, auf denen es keine Gewinner und Verlierer mehr gibt, sondern alle Beteiligten am Ende Gewinner sind.

Und ich habe sogar für den erteilten Unterricht einen richtigen schönen Lohn bekommen. Nie hätte ich mir an jenem 21. November 2024, als ich dem Schulpräsidenten in diesem ersten Telefonat zu verstehen gab, dass ich die Idee mit der psychiatrischen Klinik nicht besonders gut fände, träumen lassen, von eben diesem Schulpräsidenten später einmal als Lehrer angestellt zu werden, mit einem richtigen Arbeitsvertrag. Ich hatte bloss noch mein Lehrerdiplom vom Juni 1974 suchen müssen und es zum Glück auch tatsächlich gefunden, damit die auf der Schulverwaltung wussten, dass ich tatsächlich ein „richtiger“ Lehrer bin.

6. Januar 2026. Khaled besucht seit August 2025 das Freiwillige Zehnte Schuljahr. Konflikte, Schwierigkeiten, aussichtslose Situationen, Abstürze, verzweifelte Eltern, schlaflose Nächte, Zukunftsängste, nichts davon hat es jemals wieder gegeben. Er hat noch nie eine Note unter 5 gehabt und wird nach einem erfolgreich absolvierten Praktikum in einem Restaurant im kommenden August eine Berufslehre als Koch beginnen. Seine wilde Haarpracht von früher, hinter der man manchmal seine Augen fast nicht mehr gesehen hatte, ist einer hübschen Kurzhaarfrisur gewichen. Und er kann, was er während so langer nicht mehr konnte: Er kann wieder lachen.

Wie viele Schülerinnen und Schüler pro Jahr vor dem Abschluss ihrer obligatorischen Schulzeit von der Schule ausgeschlossen werden und demzufolge kaum eine Aussicht auf den Zugang zu einer Berufsausbildung haben, wird in der Schweiz nach wie vor nicht statistisch erfasst. Im Gegensatz etwa zu Deutschland, wo im Schuljahr 2023/24 rund 62’000 Jugendliche von einem frühzeitigen Schulausschluss betroffen waren. Aufgrund einzelner Hinweise in kantonalen Schulberichten kann davon ausgegangen werden, dass es sich in der Schweiz jährlich um mindestens 500 Jugendliche handelt, wobei diese Schätzung eher zu tief gegriffen sein dürfte. Aber auch wenn es „nur“ 300 oder 400 wären, ist doch jeder davon einer zu viel. Denn jeder frühzeitige Schulausschluss bedeutet nichts anderes als eine massive Zerstörung von Lebensperspektiven junger Menschen, die noch gar keine Chance bekommen haben, um unter möglichst günstigen Bedingungen ihr Begabungs- und Entwicklungspotenzial zu entfalten, wie das Beispiel von Khaled wohl eindrücklich zeigt. Eigentlich dürfte es nie soweit kommen, dass ein junger Mensch vor dem Erreichen seiner obligatorischen Schulzeit von der Schule ausgeschlossen wird, das Ziel einer jeden einzelnen Schule müsste sein, alles daran zu setzen, niemanden fallen zu lassen, dies umso mehr, als „schwieriges“ oder „untragbares“ Verhalten eines Jugendlichen ja immer mit einem Kontext in Verbindung steht, bei dem auch – wie ebenfalls das Beispiel von Khaled eindrücklich zeigt – das Verhalten von Lehrerinnen und Lehrern, Schulleitungen und Behörden einen wesentlichen Einfluss hat. Nebst der Zerstörung individueller Zukunftsperspektiven mit allen möglichen Folgen bis hin zu Depressionen, Suizidgedanken oder Suchtabhängigkeit können von der Schule ausgeschlossene Jugendliche auch zu eigentlichen „tickenden Zeitbomben“ heranwachsen: Bei sogenannten Amokläufen an Schulen, wie Beispiele vor allem aus den USA und Deutschland zeigen, sind die Täter häufig ehemalige Schüler jener Schulen, von denen sie frühzeitig ausgeschlossen wurden, und kehren Jahre später an den Ort dieses Geschehens zurück, um sich an völlig Unbeteiligten sozusagen für das erlittene Unrecht zu rächen.

Sollten dennoch alle Stricke reissen und die betroffenen Jugendlichen auch weiterhin in ihrer Klasse „untragbar“ bleiben, ist unsere Geschichte wohl ein schönes Beispiel dafür, dass es auch aus den schwierigsten Situationen heraus fast immer einen Weg zum Guten gibt. Es gibt schweizweit genügend pensionierte Lehrerinnen und Lehrer, die sich um jene Jugendlichen kümmern könnten, die aus irgendwelchen Gründen an ihrer Schule offensichtlich nicht mehr „tragbar“ sind. Und ich kann allen versichern: Eine schönere und dankbarere Aufgabe kann man sich als ehemaliger Lehrer eigentlich gar nicht wünschen. Es braucht hierfür gar nicht so viel, bloss ein bisschen Aufmerksamkeit, ein bisschen Offenheit, ein bisschen Mut und ein bisschen Liebe.

Doch abgesehen davon bleiben von unserer Geschichte doch auch noch ein paar unangenehme Fragen zurück. Wie ist es möglich, dass in einem aufgeklärten, fortschrittlichen, demokratischen Land Behörden mit Ausländerinnen und Ausländern dermassen anders umgehen als mit Einheimischen? Dass sie ihnen elementarste Rechte verweigern bzw. sie nicht einmal darüber informieren, dass sie diese Rechte haben und ohne Angst davon Gebrauch machen dürfen? Wie viele solche Beispiele, von denen jetzt eines zufällig ans Licht kam, gibt es möglicherweise noch zuhauf an vielen weiteren Orten, nicht nur an Schulen, sondern auch auf Gemeindeverwaltungen, Arbeitsämtern und im Asylwesen? Und was für Machtstrukturen sind das, denen die davon Betroffenen so hilflos ausgeliefert sind, jedoch von einem Schweizer mit einem einzigen Telefonanruf innerhalb ein paar weniger Minuten über den Haufen geworfen werden können?

An dieser Stelle kommt jeweils die Danksagung. Und die möchte ich keinesfalls unterlassen. Ich danke der mit Khaleds Eltern befreundeten Jugendarbeiterin, welche die geniale Idee hatte, mich als Privatlehrer von Khaled anzufragen, ich selber wäre gar nicht auf diese Idee gekommen. Ich danke meinem Lehrerkollegen, der einen wesentlichen Teil der privaten Beschulung von Khaled übernahm. Ich danke meinem langjährigen Freund, dem besten mir bekannten Spezialisten im Jugend- und Sozialbereich, der mir immer dann weiterhilft, wenn es um rechtliche Fragen geht, die ganz und gar nicht meine Stärke sind. Ich danke dem Schulleiter der Timeout-Schule, dass er Khaled so viel Mut machte und so traurig war, als er von Khaled Abschied nehmen musste. Ich danke dem Leiter des therapeutischen Bauernhofs und seiner Frau, sie haben Unschätzbares zum Gelingen unseres Projekts beigetragen. Ich danke dem Schulpräsidenten und dem Schulleiter der Oberstufe, dass sie die Offenheit und den Mut hatten, einen Weg zu gehen, der vielleicht noch von niemand anderem je zuvor begangen worden war. Und natürlich danke ich Khaled, der Hauptperson, der allen Schwierigkeiten zum Trotz durchgehalten hat, es hätte ja auch ganz anders herauskommen können. Und nicht zuletzt danke ich Khaleds Eltern für die feinen Spezialitäten aus Syrien, die sie jedes Mal auftischen, wenn ich, was nicht selten ist, bei ihnen auf Besuch bin. „Neue Wege“, sagte Franz Kafka, „entstehen, indem man sie geht.“

*Name geändert.