Peter Sutter, 25. März 2026
„Immer mehr Schülerinnen und Schüler“, so der „Tagesanzeiger“ vom 14. März 2026, „erhalten Nachteilsausgleiche. Diese betreffen vor allem die im Schulalltag zu bewältigenden Prüfungen und bestehen meistens aus zusätzlicher Zeit oder der Möglichkeit, besondere Hilfsmittel zu benützen, welche die übrigen Schülerinnen und Schüler der Klasse nicht benützen dürfen. Nachteilsausgleiche bekommen Kinder, die unter Beeinträchtigungen wie Dyslexie, ADHS, Dyskalkulie, Autismus, Bewegungsstörungen, Körper-, Seh- und Hörbehinderungen oder psychischen Erkrankungen unterschiedlicher Art leiden, wobei die jeweilige Einschränkung von entsprechenden Fachpersonen bescheinigt werden muss.“
Da Nachteilsausgleiche den betreffenden Kindern zu besseren Prüfungsresultaten verhelfen können gegenüber Kindern ohne Nachteilsausgleich, ist nun in den letzten Jahren ein regelrechter „Run“ auf Nachteilsausgleiche entbrannt, sodass in einzelnen Klassen bereits bis zu 9 Prozent der Kinder einen solchen zugesprochen bekommen haben, Tendenz steigend. So nimmt die Zahl der bewilligten Nachteilsausgleiche beispielsweise bei der beruflichen Grundbildung schweizweit jährlich um 8 bis 10 Prozent zu, es ist also nur eine Frage der Zeit, bis möglicherweise sämtliche Schülerinnen und Schüler einer Klasse die eine oder andere Erleichterung beim Absolvieren von Prüfungen in Anspruch nehmen dürfen.
Nachteilsausgleiche sind bei Lehrkräften wie auch Schulbehörden umstritten und haben bereits vielerorts zu höchst kontroversen Diskussionen geführt. Ein oft eingebrachtes Argument gegen Nachteilsausgleiche lautet, dass es vorwiegend Eltern aus privilegierten, akademischen und auch finanziell gut gestellten Bevölkerungsschichten sind, welche alles daran setzen, ihren Kindern solche Prüfungserleichterungen zu verschaffen, was dazu führt, dass die anderen Kinder innerhalb der Klasse noch mehr benachteiligt sind und zusätzlich unter Druck geraten. Höchst kontrovers wird auch darüber diskutiert, ob Nachteilsausgleiche im Zeugnis vermerkt werden sollen oder nicht. Die einen finden, dies sei nichts anderes als fair gegenüber jenen Mitschülerinnen und Mitschülern, die ihre Prüfungen unter „normalen“ Verhältnissen absolvieren müssen. Andere befürchten, dass ihre Kinder dann „abgestempelt“ sein und ihnen das auf dem weiteren Schul- und Bildungsweg sogar schaden könnte. Es kommt dazu, dass sich die Diagnosen oft in einem Graubereich bewegen und unter Umständen sogar auf die eine oder andere Weise „ermogelt“ werden können, indem zum Beispiel auf den entsprechenden Fragebögen zugespitzte oder arg übertriebene Antworten abgegeben werden. Von Seiten der Lehrpersonen ist auch oft der Einwand zu hören, dass das Gewähren von Nachteilsausgleichen mit einem enormen Zeitaufwand verbunden ist, müssen doch bei jedem Kind aufgrund seiner spezifischen Beeinträchtigungen individuell und je nach Schulfach und Art der Prüfung die entsprechenden Erleichterungen definiert, vorbereitet und auch kontrolliert werden. Auch Politikerinnen und Politiker beschäftigt das Thema mehr und mehr. So etwa reichte FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen anfangs Dezember 2025 im Nationalrat ein Postulat ein mit der Forderung, der Bundesrat solle über Zahlen und Tendenzen bei den Nachteilsausgleichen eine Übersicht erstellen und deren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt analysieren lassen.
Die Diskussion um Vor- und Nachteile von Nachteilsausgleichen wird vermutlich nicht so schnell abebben, sondern ganz im Gegenteil weiter und weiter ausufern. Möglicherweise wird es auch zunehmend zu Rechtsfällen kommen, vielleicht sogar zu erbitterten Streitigkeiten zwischen Eltern, Behörden, Schulleitungen und Lehrpersonen, die einem guten Schulklima alles andere als förderlich sind. Nicht auszuschliessen ist nämlich, dass es auch zu Konflikten zwischen den Kindern kommen kann: „Warum hast du einen Nachteilsausgleich und ich nicht? Ich möchte auch einen Papa, der sich für mich so einsetzt wie deiner für dich.“ Dann auch all jene Eltern, die vielleicht nicht einmal wissen, dass es so etwas gibt, geschweige denn, wofür es gut sein soll.
Und dies alles nur, weil in dieser ganzen Diskussion die wesentlichste und grundsätzlichste Frage ausgeklammert wird, die Frage nämlich, wie Kinder eigentlich lernen und welches die besten Voraussetzungen dafür sind, dass Lernen möglichst erfolgreich geschehen kann.
Die Antwort auf diese Frage findet man nicht in irgendwelchen wissenschaftlichen Abhandlungen, Statistiken oder an Pädagogischen Hochschulen. Man findet sie einzig und allein bei den Kindern selber, und zwar an jenem Zeitpunkt ihres Lernens, an dem ihre angeborenen, natürlichen Lernkräfte noch am freisten und spontansten wirken können und noch am wenigsten von aussen beeinflusst oder gesteuert werden.
Das Paradebeispiel für freies, natürliches und zugleich höchst erfolgreiches Lernen ist der Erwerb der Muttersprache in den ersten drei bis vier Lebensjahren. Nie mehr in seinem ganzen späteren Leben wird der Mensch so frei sein, sein Lernen nach seinen eigenen Regeln zu bestimmen, wie in dieser ersten Zeit seines Lebens. Und, oh Wunder: Dieses Lernen erfolgt in einer Perfektion, wie man sie sich vollkommener gar nicht vorstellen kann. Auf wundersame Weise scheint jedes Kind instinktiv ganz genau zu wissen, was es tun muss, um diese grösste und grundlegendste Lernleistung seines Lebens erfolgreich zu bewältigen. Innerhalb von drei bis vier Jahren erlernt es völlig selbstbestimmt seine Muttersprache, mit Abertausenden von Wörtern, jeder noch so beliebigen Anzahl von Satzkonstruktionen in allen möglichen Ausdruckweisen, emotionalen Färbungen, Möglichkeits- und Zeitformen. Ohne auch nur eine Minute lang zur Schule gegangen zu sein, ohne Kenntnis grammatischer Regeln, ohne Lehrer, ohne Lehrbuch, ohne von Erwachsenen erfundene Lernmethoden, ohne Prüfungen, ohne Zeitdruck, ohne Stress und ohne Nachteilsausgleiche.
Die Befähigung, vom allerfrühesten Beginn des Lebens an aus eigener Kraft lernen zu können, ist die Voraussetzung dafür, dass Menschen seit Millionen von Jahren stets alles Notwendige gelernt haben, was es zum Überleben braucht, eine Urzeit, bevor die erste Schule gegründet und der verhängnisvolle Irrtum in die Welt gesetzt wurde, Kinder würden nur dann etwas lernen, wenn Erwachsene dies für sie planen, organisieren und darüber entscheiden, wann, wie und was die Kinder lernen sollen. So gut es diese Erwachsenen auch gemeint haben mögen: Passiert ist genau das Gegenteil. Statt das Lernen zu fördern, haben sie ihm, indem sie ihm seine natürlichen Wurzeln entrissen haben, so viele Steine in den Weg gelegt, dass man die heutigen, auf Jahrgangsklassen und Lehrpläne fixierten Schulen, so zynisch dies auch klingen mag, eher als Lernverhinderungs- denn als Lernförderungsstätten bezeichnen muss. „Der grösste Fehler, den die Schulen machen“, so der bekannte australische Bildungsforscher John Hattie, „ist, dass sie glauben, ihre Aufgabe sei es, zu unterrichten. Nein, ihre Aufgabe ist es, den Kindern beim Lernen zu helfen.“ Auch der bekannte Entwicklungspsychologe Jean Piaget sagte: „Was man den Kindern beibringt, können sie nicht mehr selbst lernen.“ Und Johann Heinrich Pestalozzi meinte genau das Gleiche, als er sagte: „Das Lernen ist nicht ein Karren, den man schieben muss, es ist nur ein Karren, auf den aufzuladen ist, der sich aber von selber bewegt.“ Wie sehr sich das, was in der Schule als „Lernen“ bezeichnet wird, von dem entfernt hat, was natürliches Lernen eigentlich wäre, zeigt sich nicht zuletzt auch darin, dass die anfängliche Freude, die jedes Kind in seinen allerersten Schultag mitbringt, im Laufe der Schuljahre – so wie dies durch zahlreiche Studien belegt wurde und wir es ja auch aus dem Alltag zur Genüge wissen – von Jahr zu Jahr dermassen stark abnimmt, dass am Ende der Schulpflicht kaum mehr etwas davon übrig geblieben ist. Und Lernen ohne Freude ist kein gutes, erfolgreiches Lernen. „Lernen ohne Freude“, so Pestalozzi, „ist keinen Heller wert.“
Prüfungen, oft bis zu vier oder fünf pro Woche, bestimmen den Schulalltag dermassen stark, dass nur schon deshalb die meisten Kinder nur ungern zur Schule gehen oder viele von ihnen am liebsten gar nicht zur Schule gehen würden. Die Schule selber ginge ja noch, sagen viele Kinder, aber die Prüfungen, sie sind das wirklich Schlimme. Sie verursachen schlaflose Nächte, Bauch- und Kopfschmerzen, sie hängen wie grosse schwarze Wolken über dem Schulalltag und verursachen diese Grundangst, unter der die Kinder permanent leiden, diese Grundangst, nicht zu genügen, zu scheitern, sich gegenüber den Mitschülerinnen und Mitschülern als weniger wert oder gar „dumm“ zu fühlen und sich mit schlechten Noten zukünftige Berufs- und Lebenschancen zu vermasseln. Dabei ist es längst erwiesen – und sämtliche Lehrerinnen und Lehrer, Schulbehörden und Dozentinnen und Dozenten an den Lehrerausbildungsstätten wissen es -, dass das Allermeiste, was an „Wissensstoff“ für Prüfungen auf solche Art und Weise, also eigentlich nur aus Angst vor dem Scheitern, „gelernt“ wird, innert kürzester Zeit wieder vergessen wird, weil es nur in die Köpfe gepresst wurde und nicht in das tägliche Handeln, Denken und Leben Eingang gefunden hat. „Bulimielernen“ nennt man es oft. Zu Recht, denn die Kinder werden auf diese Weise geradezu dazu gezwungen, das „Gelernte“ so schnell wie möglich wieder zu vergessen, um neuen Wissensbrocken und neuem sogenanntem „Lernstoff“ wieder Platz zu machen. Aus pädagogischer Sicht ist das der helle Wahnsinn. Man betreibt einen immensen Aufwand, man verschwendet eine schier endlose Menge an Zeit und Energie für etwas, was am Ende zu nichts anderem führt, als dass kaum etwas Sinnvolles, fürs Leben Brauchbares übrig bleibt, die ganze anfängliche Lernfreude – und Lernfähigkeit – nach und nach verloren geht und eine Lebensphase, die eine der schönsten und glücklichsten sein könnte, dermassen stark belastet wird, dass viele Kinder und Jugendliche – auch dies ist durch zahlreiche Studien und Befragungen belegt – im Zusammenhang mit Schulprüfungen häufig von Suizidgedanken geplagt sind und es in Einzelfällen bereits mehrmals im Vorfeld von Prüfungen tatsächlich zu Suiziden gekommen ist. Und dies alles für etwas, das sich bereits längst als Mythos erwiesen hat und an dem auf unbegreifliche Weise dennoch daran festgehalten wird, als wäre die Abschaffung von Prüfungen gleichbedeutend mit dem Untergang des gesamten Schulsystems oder dem Ende allen Lernens. Dabei ist es doch gerade umgekehrt: Prüfungen dominieren den Schulalltag in einem dermassen umfassenden Ausmass, dass natürliches, freies, lustvolles, selbstbestimmtes und wirklich erfolgreiches Lernen praktisch kaum mehr stattfinden kann. „Bildung“, so Albert Einstein, „ist das, was übrig bleibt, wenn man alles, was man in der Schule gelernt hat, vergessen hat.“
Die Diskussion um die Nachteilsausgleiche ist daher eine reine Phantomdiskussion. Der immense Aufwand an Zeit und Energie, die hierfür verschwendet werden und was im schlimmsten Fall dazu führen könnte, dass am Ende alle Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, Schulbehörden und Politikerinnen und Politiker miteinander verstritten sind und die Kindern und Jugendlichen noch mehr unter der Schule leiden, als sie es sowieso schon bis zum Gehtnichtmehr tun, würde sich in dem Augenblick schlagartig als überflüssig erweisen, in dem man Schulprüfungen abschaffen würde. Es wäre eine unbeschreibliche Wohltat für alle und würde den Blick dafür wieder öffnen, welches die tatsächlichen Voraussetzungen dafür sind, dass Kinder und Jugendlichen auch im Alter von zehn oder vierzehn Jahren immer noch so selbstbestimmt, lustvoll und zugleich erfolgreich lernen könnten, wie sie das alle in ihren ersten Lebensjahren getan hatten, ohne je eine einzige Prüfung absolvieren zu müssen. Denn Lernen, welches echtes Lernen ist, bedarf keinerlei künstlicher Überprüfung. Es zeichnet sich eben gerade dadurcb aus, dass es sozusagen „in Leib und Seele“ Eingang gefunden hat und damit zum festen, unauslöschbaren Bestandteil des gesamten zukünftigen Lebens geworden ist. Wenn ein Kind im Alter von einem Jahr gelernt hat, aufrecht zu gehen und sich im Gleichgewicht zu halten, ohne sich irgendwo festhalten zu müssen, so wird es diese Fähigkeit zeitlebens nicht mehr verlieren. Und nie muss das Kind in Form irgendeiner „Prüfung“ beweisen, dass es das kann. Es käme auch niemand auf die absurde Idee, irgendeine Form von Prüfung zu erfinden, um zu beweisen, ob das Kind nun tatsächlich gehen kann oder nicht – es kann es einfach! Künstliche Prüfungen sind wie Krücken, mit denen man etwas zu beweisen versucht, was es gar nicht gibt. Denn selbst der „hellste“ Kopf in der Klasse, der während seiner ganzen Schulzeit in allen Prüfungen immer nur die besten Noten hatte, wird fast alles, was er dabei „gelernt“ hatte, zehn oder fünfzehn Jahre später wieder vergessen haben. Was für eine unfassbare Zeitverschwendung und Vergeudung menschlicher Ressourcen!
Lösen wir uns vom Mythos, Lernen könne nur durch Lehrpläne und Jahrgangsklassen und unter der Führung von speziell hierfür ausgebildeten Erwachsenen erfolgreich geschehen, und kehren wir wieder zurück zum ursprünglichen, natürlichen und selbstbestimmten Lernen der ersten Lebensjahre, nicht abgeschottet vom Leben, sondern mittendrin, dann werden sich nicht nur Nachteilsausgleiche in Luft auflösen, sondern auch sämtliche Scheindiagnosen wie ADHS, Dyskalkulie, Autismus und allem anderen, was laufend noch dazuerfunden wird, wie auch sämtliche Formen von Therapien, mit denen man bloss in den Schulen wachsende „Probleme“ und „Defizite“ zu bekämpfen versucht, die es ohne die Schule gar nicht gäbe. Denn therapieren und zurechtbiegen muss man nicht die Kinder, sondern die Schule selber und die gesamte Gesellschaft, die uns alle permanent unserer eigenen Wurzeln zu entreissen versucht. Und müssten wir uns dann nicht mehr mit allen diesen Scheinproblemen herumplagen und uns gegenseitig die Köpfe einschlagen, dann hätten wir endlich wieder genug Zeit und Energie, um zu erleben, dass Lernen nicht etwas ist, was vor allem mit Defiziten und Unterweisung zu tun hat, sondern das Grösste, Faszinierendste, Geheimnisvollste, Wunderbarste und Befreiendste, was man sich nur vorstellen kann.
Wie Lernen ohne Jahrgangsklassen und Lehrpläne, in einer offenen Lernwelt, ohne Zwang und Druck ganz frei, lustvoll und zugleich höchst erfolgreich geschehen könnte, beschreibe ich in meinem Buch DIE SCHULE NEU ERFINDEN – DAMIT DAS LERNEN WIEDER FREUDE MACHT. Es ist in jeder Buchhandlung oder im Internet erhältlich.
Hinweis: Im Februar 2026 wurde die VEREINIGUNG FÜR FREIES LERNEN (VFL) mit Sitz in Buchs SG (Schweiz) gegründet. Sie wird sich an einer öffentlichen Veranstaltung am 30. Mai 2026 erstmals der Öffentlichkeit präsentieren. Die VFL möchte den Blick öffnen auf eine Zukunft, in der es so etwas wie das heutige, auf Lehrpläne und Jahrgangsklassen fixierte Schulsystem nicht mehr geben wird. Die VFL möchte bereits vorhandene Reformansätze in dieser Richtung miteinander vernetzen und verstärken und durch öffentliche Veranstaltungen und eigene Publikationen einen konkreten Beitrag leisten zu einer umfassenden und tiefgreifenden Reform des Bildungssystems. Damit endlich jene Vision Wirklichkeit werden kann, die dem russischen Schriftsteller und Pädagogen Leo Tolstoi bereits im Jahre 1911 vorschwebte: «Die Schule ist künftig vielleicht nicht mehr das, was wir darunter verstehen, mit Fussböden, Bänken, Stühlen; sie wird vielleicht ein Theater, eine Bibliothek, ein Museum, eine Unterhaltung sein.» Weitere Informationen zur VFL: info@petersutter.ch.

