Nachteilsausgleiche: Wenn sich die Schule in Probleme verstrickt, die es ohne sie gar nicht gäbe…

Peter Sutter, 25. März 2026

„Immer mehr Schülerinnen und Schüler“, so der „Tagesanzeiger“ vom 14. März 2026, „erhalten Nachteilsausgleiche. Diese betreffen vor allem die im Schulalltag zu bewältigenden Prüfungen und bestehen meistens aus zusätzlicher Zeit oder der Möglichkeit, besondere Hilfsmittel zu benützen, welche die übrigen Schülerinnen und Schüler der Klasse nicht benützen dürfen. Nachteilsausgleiche bekommen Kinder, die unter Beeinträchtigungen wie Dyslexie, ADHS, Dyskalkulie, Autismus, Bewegungsstörungen, Körper-, Seh- und Hörbehinderungen oder psychischen Erkrankungen unterschiedlicher Art leiden, wobei die jeweilige Einschränkung von entsprechenden Fachpersonen bescheinigt werden muss.“

Da Nachteilsausgleiche den betreffenden Kindern zu besseren Prüfungsresultaten verhelfen können gegenüber Kindern ohne Nachteilsausgleich, ist nun in den letzten Jahren ein regelrechter „Run“ auf Nachteilsausgleiche entbrannt, sodass in einzelnen Klassen bereits bis zu 9 Prozent der Kinder einen solchen zugesprochen bekommen haben, Tendenz steigend. So nimmt die Zahl der bewilligten Nachteilsausgleiche beispielsweise bei der beruflichen Grundbildung schweizweit jährlich um 8 bis 10 Prozent zu, es ist also nur eine Frage der Zeit, bis möglicherweise sämtliche Schülerinnen und Schüler einer Klasse die eine oder andere Erleichterung beim Absolvieren von Prüfungen in Anspruch nehmen dürfen.

Nachteilsausgleiche sind bei Lehrkräften wie auch Schulbehörden umstritten und haben bereits vielerorts zu höchst kontroversen Diskussionen geführt. Ein oft eingebrachtes Argument gegen Nachteilsausgleiche lautet, dass es vorwiegend Eltern aus privilegierten, akademischen und auch finanziell gut gestellten Bevölkerungsschichten sind, welche alles daran setzen, ihren Kindern solche Prüfungserleichterungen zu verschaffen, was dazu führt, dass die anderen Kinder innerhalb der Klasse noch mehr benachteiligt sind und zusätzlich unter Druck geraten. Höchst kontrovers wird auch darüber diskutiert, ob Nachteilsausgleiche im Zeugnis vermerkt werden sollen oder nicht. Die einen finden, dies sei nichts anderes als fair gegenüber jenen Mitschülerinnen und Mitschülern, die ihre Prüfungen unter „normalen“ Verhältnissen absolvieren müssen. Andere befürchten, dass ihre Kinder dann „abgestempelt“ sein und ihnen das auf dem weiteren Schul- und Bildungsweg sogar schaden könnte. Es kommt dazu, dass sich die Diagnosen oft in einem Graubereich bewegen und unter Umständen sogar auf die eine oder andere Weise „ermogelt“ werden können, indem zum Beispiel auf den entsprechenden Fragebögen zugespitzte oder arg übertriebene Antworten abgegeben werden. Von Seiten der Lehrpersonen ist auch oft der Einwand zu hören, dass das Gewähren von Nachteilsausgleichen mit einem enormen Zeitaufwand verbunden ist, müssen doch bei jedem Kind aufgrund seiner spezifischen Beeinträchtigungen individuell und je nach Schulfach und Art der Prüfung die entsprechenden Erleichterungen definiert, vorbereitet und auch kontrolliert werden. Auch Politikerinnen und Politiker beschäftigt das Thema mehr und mehr. So etwa reichte FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen anfangs Dezember 2025 im Nationalrat ein Postulat ein mit der Forderung, der Bundesrat solle über Zahlen und Tendenzen bei den Nachteilsausgleichen eine Übersicht erstellen und deren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt analysieren lassen.

Die Diskussion um Vor- und Nachteile von Nachteilsausgleichen wird vermutlich nicht so schnell abebben, sondern ganz im Gegenteil weiter und weiter ausufern. Möglicherweise wird es auch zunehmend zu Rechtsfällen kommen, vielleicht sogar zu erbitterten Streitigkeiten zwischen Eltern, Behörden, Schulleitungen und Lehrpersonen, die einem guten Schulklima alles andere als förderlich sind. Nicht auszuschliessen ist nämlich, dass es auch zu Konflikten zwischen den Kindern kommen kann: „Warum hast du einen Nachteilsausgleich und ich nicht? Ich möchte auch einen Papa, der sich für mich so einsetzt wie deiner für dich.“ Dann auch all jene Eltern, die vielleicht nicht einmal wissen, dass es so etwas gibt, geschweige denn, wofür es gut sein soll.

Und dies alles nur, weil in dieser ganzen Diskussion die wesentlichste und grundsätzlichste Frage ausgeklammert wird, die Frage nämlich, wie Kinder eigentlich lernen und welches die besten Voraussetzungen dafür sind, dass Lernen möglichst erfolgreich geschehen kann.

Die Antwort auf diese Frage findet man nicht in irgendwelchen wissenschaftlichen Abhandlungen, Statistiken oder an Pädagogischen Hochschulen. Man findet sie einzig und allein bei den Kindern selber, und zwar an jenem Zeitpunkt ihres Lernens, an dem ihre angeborenen, natürlichen Lernkräfte noch am freisten und spontansten wirken können und noch am wenigsten von aussen beeinflusst oder gesteuert werden.

Das Paradebeispiel für freies, natürliches und zugleich höchst erfolgreiches Lernen ist der Erwerb der Muttersprache in den ersten drei bis vier Lebensjahren. Nie mehr in seinem ganzen späteren Leben wird der Mensch so frei sein, sein Lernen nach seinen eigenen Regeln zu bestimmen, wie in dieser ersten Zeit seines Lebens. Und, oh Wunder: Dieses Lernen erfolgt in einer Perfektion, wie man sie sich vollkommener gar nicht vorstellen kann. Auf wundersame Weise scheint jedes Kind instinktiv ganz genau zu wissen, was es tun muss, um diese grösste und grundlegendste Lernleistung seines Lebens erfolgreich zu bewältigen. Innerhalb von drei bis vier Jahren erlernt es völlig selbstbestimmt seine Muttersprache, mit Abertausenden von Wörtern, jeder noch so beliebigen Anzahl von Satzkonstruktionen in allen möglichen Ausdruckweisen, emotionalen Färbungen, Möglichkeits- und Zeitformen. Ohne auch nur eine Minute lang zur Schule gegangen zu sein, ohne Kenntnis grammatischer Regeln, ohne Lehrer, ohne Lehrbuch, ohne von Erwachsenen erfundene Lernmethoden, ohne Prüfungen, ohne Zeitdruck, ohne Stress und ohne Nachteilsausgleiche.

Die Befähigung, vom allerfrühesten Beginn des Lebens an aus eigener Kraft lernen zu können, ist die Voraussetzung dafür, dass Menschen seit Millionen von Jahren stets alles Notwendige gelernt haben, was es zum Überleben braucht, eine Urzeit, bevor die erste Schule gegründet und der verhängnisvolle Irrtum in die Welt gesetzt wurde, Kinder würden nur dann etwas lernen, wenn Erwachsene dies für sie planen, organisieren und darüber entscheiden, wann, wie und was die Kinder lernen sollen. So gut es diese Erwachsenen auch gemeint haben mögen: Passiert ist genau das Gegenteil. Statt das Lernen zu fördern, haben sie ihm, indem sie ihm seine natürlichen Wurzeln entrissen haben, so viele Steine in den Weg gelegt, dass man die heutigen, auf Jahrgangsklassen und Lehrpläne fixierten Schulen, so zynisch dies auch klingen mag, eher als Lernverhinderungs- denn als Lernförderungsstätten bezeichnen muss. „Der grösste Fehler, den die Schulen machen“, so der bekannte australische Bildungsforscher John Hattie, „ist, dass sie glauben, ihre Aufgabe sei es, zu unterrichten. Nein, ihre Aufgabe ist es, den Kindern beim Lernen zu helfen.“ Auch der bekannte Entwicklungspsychologe Jean Piaget sagte: „Was man den Kindern beibringt, können sie nicht mehr selbst lernen.“ Und Johann Heinrich Pestalozzi meinte genau das Gleiche, als er sagte: „Das Lernen ist nicht ein Karren, den man schieben muss, es ist nur ein Karren, auf den aufzuladen ist, der sich aber von selber bewegt.“ Wie sehr sich das, was in der Schule als „Lernen“ bezeichnet wird, von dem entfernt hat, was natürliches Lernen eigentlich wäre, zeigt sich nicht zuletzt auch darin, dass die anfängliche Freude, die jedes Kind in seinen allerersten Schultag mitbringt, im Laufe der Schuljahre – so wie dies durch zahlreiche Studien belegt wurde und wir es ja auch aus dem Alltag zur Genüge wissen – von Jahr zu Jahr dermassen stark abnimmt, dass am Ende der Schulpflicht kaum mehr etwas davon übrig geblieben ist. Und Lernen ohne Freude ist kein gutes, erfolgreiches Lernen. „Lernen ohne Freude“, so Pestalozzi, „ist keinen Heller wert.“

Prüfungen, oft bis zu vier oder fünf pro Woche, bestimmen den Schulalltag dermassen stark, dass nur schon deshalb die meisten Kinder nur ungern zur Schule gehen oder viele von ihnen am liebsten gar nicht zur Schule gehen würden. Die Schule selber ginge ja noch, sagen viele Kinder, aber die Prüfungen, sie sind das wirklich Schlimme. Sie verursachen schlaflose Nächte, Bauch- und Kopfschmerzen, sie hängen wie grosse schwarze Wolken über dem Schulalltag und verursachen diese Grundangst, unter der die Kinder permanent leiden, diese Grundangst, nicht zu genügen, zu scheitern, sich gegenüber den Mitschülerinnen und Mitschülern als weniger wert oder gar „dumm“ zu fühlen und sich mit schlechten Noten zukünftige Berufs- und Lebenschancen zu vermasseln. Dabei ist es längst erwiesen – und sämtliche Lehrerinnen und Lehrer, Schulbehörden und Dozentinnen und Dozenten an den Lehrerausbildungsstätten wissen es -, dass das Allermeiste, was an „Wissensstoff“ für Prüfungen auf solche Art und Weise, also eigentlich nur aus Angst vor dem Scheitern, „gelernt“ wird, innert kürzester Zeit wieder vergessen wird, weil es nur in die Köpfe gepresst wurde und nicht in das tägliche Handeln, Denken und Leben Eingang gefunden hat. „Bulimielernen“ nennt man es oft. Zu Recht, denn die Kinder werden auf diese Weise geradezu dazu gezwungen, das „Gelernte“ so schnell wie möglich wieder zu vergessen, um neuen Wissensbrocken und neuem sogenanntem „Lernstoff“ wieder Platz zu machen. Aus pädagogischer Sicht ist das der helle Wahnsinn. Man betreibt einen immensen Aufwand, man verschwendet eine schier endlose Menge an Zeit und Energie für etwas, was am Ende zu nichts anderem führt, als dass kaum etwas Sinnvolles, fürs Leben Brauchbares übrig bleibt, die ganze anfängliche Lernfreude – und Lernfähigkeit – nach und nach verloren geht und eine Lebensphase, die eine der schönsten und glücklichsten sein könnte, dermassen stark belastet wird, dass viele Kinder und Jugendliche – auch dies ist durch zahlreiche Studien und Befragungen belegt – im Zusammenhang mit Schulprüfungen häufig von Suizidgedanken geplagt sind und es in Einzelfällen bereits mehrmals im Vorfeld von Prüfungen tatsächlich zu Suiziden gekommen ist. Und dies alles für etwas, das sich bereits längst als Mythos erwiesen hat und an dem auf unbegreifliche Weise dennoch daran festgehalten wird, als wäre die Abschaffung von Prüfungen gleichbedeutend mit dem Untergang des gesamten Schulsystems oder dem Ende allen Lernens. Dabei ist es doch gerade umgekehrt: Prüfungen dominieren den Schulalltag in einem dermassen umfassenden Ausmass, dass natürliches, freies, lustvolles, selbstbestimmtes und wirklich erfolgreiches Lernen praktisch kaum mehr stattfinden kann. „Bildung“, so Albert Einstein, „ist das, was übrig bleibt, wenn man alles, was man in der Schule gelernt hat, vergessen hat.“

Die Diskussion um die Nachteilsausgleiche ist daher eine reine Phantomdiskussion. Der immense Aufwand an Zeit und Energie, die hierfür verschwendet werden und was im schlimmsten Fall dazu führen könnte, dass am Ende alle Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, Schulbehörden und Politikerinnen und Politiker miteinander verstritten sind und die Kindern und Jugendlichen noch mehr unter der Schule leiden, als sie es sowieso schon bis zum Gehtnichtmehr tun, würde sich in dem Augenblick schlagartig als überflüssig erweisen, in dem man Schulprüfungen abschaffen würde. Es wäre eine unbeschreibliche Wohltat für alle und würde den Blick dafür wieder öffnen, welches die tatsächlichen Voraussetzungen dafür sind, dass Kinder und Jugendlichen auch im Alter von zehn oder vierzehn Jahren immer noch so selbstbestimmt, lustvoll und zugleich erfolgreich lernen könnten, wie sie das alle in ihren ersten Lebensjahren getan hatten, ohne je eine einzige Prüfung absolvieren zu müssen. Denn Lernen, welches echtes Lernen ist, bedarf keinerlei künstlicher Überprüfung. Es zeichnet sich eben gerade dadurcb aus, dass es sozusagen „in Leib und Seele“ Eingang gefunden hat und damit zum festen, unauslöschbaren Bestandteil des gesamten zukünftigen Lebens geworden ist. Wenn ein Kind im Alter von einem Jahr gelernt hat, aufrecht zu gehen und sich im Gleichgewicht zu halten, ohne sich irgendwo festhalten zu müssen, so wird es diese Fähigkeit zeitlebens nicht mehr verlieren. Und nie muss das Kind in Form irgendeiner „Prüfung“ beweisen, dass es das kann. Es käme auch niemand auf die absurde Idee, irgendeine Form von Prüfung zu erfinden, um zu beweisen, ob das Kind nun tatsächlich gehen kann oder nicht – es kann es einfach! Künstliche Prüfungen sind wie Krücken, mit denen man etwas zu beweisen versucht, was es gar nicht gibt. Denn selbst der „hellste“ Kopf in der Klasse, der während seiner ganzen Schulzeit in allen Prüfungen immer nur die besten Noten hatte, wird fast alles, was er dabei „gelernt“ hatte, zehn oder fünfzehn Jahre später wieder vergessen haben. Was für eine unfassbare Zeitverschwendung und Vergeudung menschlicher Ressourcen!

Lösen wir uns vom Mythos, Lernen könne nur durch Lehrpläne und Jahrgangsklassen und unter der Führung von speziell hierfür ausgebildeten Erwachsenen erfolgreich geschehen, und kehren wir wieder zurück zum ursprünglichen, natürlichen und selbstbestimmten Lernen der ersten Lebensjahre, nicht abgeschottet vom Leben, sondern mittendrin, dann werden sich nicht nur Nachteilsausgleiche in Luft auflösen, sondern auch sämtliche Scheindiagnosen wie ADHS, Dyskalkulie, Autismus und allem anderen, was laufend noch dazuerfunden wird, wie auch sämtliche Formen von Therapien, mit denen man bloss in den Schulen wachsende „Probleme“ und „Defizite“ zu bekämpfen versucht, die es ohne die Schule gar nicht gäbe. Denn therapieren und zurechtbiegen muss man nicht die Kinder, sondern die Schule selber und die gesamte Gesellschaft, die uns alle permanent unserer eigenen Wurzeln zu entreissen versucht. Und müssten wir uns dann nicht mehr mit allen diesen Scheinproblemen herumplagen und uns gegenseitig die Köpfe einschlagen, dann hätten wir endlich wieder genug Zeit und Energie, um zu erleben, dass Lernen nicht etwas ist, was vor allem mit Defiziten und Unterweisung zu tun hat, sondern das Grösste, Faszinierendste, Geheimnisvollste, Wunderbarste und Befreiendste, was man sich nur vorstellen kann.

Wie Lernen ohne Jahrgangsklassen und Lehrpläne, in einer offenen Lernwelt, ohne Zwang und Druck ganz frei, lustvoll und zugleich höchst erfolgreich geschehen könnte, beschreibe ich in meinem Buch DIE SCHULE NEU ERFINDEN – DAMIT DAS LERNEN WIEDER FREUDE MACHT. Es ist in jeder Buchhandlung oder im Internet erhältlich.

Hinweis: Im Februar 2026 wurde die VEREINIGUNG FÜR FREIES LERNEN (VFL) mit Sitz in Buchs SG (Schweiz) gegründet. Sie wird sich an einer öffentlichen Veranstaltung am 30. Mai 2026 erstmals der Öffentlichkeit präsentieren. Die VFL möchte den Blick öffnen auf eine Zukunft, in der es so etwas wie das heutige, auf Lehrpläne und Jahrgangsklassen fixierte Schulsystem nicht mehr geben wird. Die VFL möchte bereits vorhandene Reformansätze in dieser Richtung miteinander vernetzen und verstärken und durch öffentliche Veranstaltungen und eigene Publikationen einen konkreten Beitrag leisten zu einer umfassenden und tiefgreifenden Reform des Bildungssystems. Damit endlich jene Vision Wirklichkeit werden kann, die dem russischen Schriftsteller und Pädagogen Leo Tolstoi bereits im Jahre 1911 vorschwebte: «Die Schule ist künftig vielleicht nicht mehr das, was wir darunter verstehen, mit Fussböden, Bänken, Stühlen; sie wird vielleicht ein Theater, eine Bibliothek, ein Museum, eine Unterhaltung sein.» Weitere Informationen zur VFL: info@petersutter.ch.

Zehnjähriges Mädchen mit tetraspastischer Cerebralparese: Nur die Spitze des Eisbergs

Peter Sutter, 16. März 2026

Die „Sonntagszeitung“ vom 16. März 2026 berichtet von einem zehnjährigen Mädchen aus dem Aargau, das unter einer tetraspastischen Cerebralparese leidet und deshalb beim Eintritt in die erste Klasse von den Behörden einer heilpädagogischen Sonderschule zugewiesen wurde. Die Eltern wehrten sich dagegen durch alle Instanzen. Während des Verfahrens durfte das Mädchen provisorisch die normale Schule besuchen. Nach drei Jahren entschied jedoch auch das Bundesgericht, dass das Mädchen eine Sonderschule besuchen muss. Die Eltern gaben indessen nicht auf. Sie reichten eine Beschwerde beim UNO-Ausschuss für Kinderrechte ein. Die Behindertenorganisation Inclusion Handicap stellte den Anwalt. Inclusion Handicap will einen Präzedenzfall für die Schweiz oder gar weltweit erstreiten. Das Ziel: Sonderschulen für Behinderte für illegal erklären, denn, so David Krummen, Anwalt von Inclusion Handicap: „Die Separierung von Kindern mit Behinderungen im Bildungssystem widerspricht geltendem Recht.“

Wenige Woche nach Einreichung der Klage verbuchten die Eltern einen Zwischenerfolg: Die UNO räumte der Klage Chancen ein. Sie ordnete an, dass die Schweiz die Umsetzung des Bundesgerichtsurteils im Aargau stoppt. Das Mädchen soll in der Regelschule bleiben, bis die UNO entschieden hat. Den Beteiligten ist klar, dass das Urteil des Bundesgerichts durch diesen UNO-Zwischenentscheid de facto ausgehebelt wird. Denn: Verfahren des UNO-Ausschusses für Kinderrechte dauern im Schnitt rund dreieinhalb Jahre. Das Mädchen geht heute in die 4. Klasse. Beim Abschluss des Verfahrens kommt es nach dieser Rechnung schon in die 7. Klasse. Die Versetzung in eine Sonderschule nach sieben Jahren wäre kaum noch opportun.

Für die Aargauer Behörden kommt es indessen nicht in Frage, den UNO-Befehl umzusetzen. Sie sind nicht bereit, den Ausgang des Verfahrens abzuwarten. Simone Strub, Kommunikationschefin im Aargauer Bildungsdepartement, macht klar, dass man das Kind bereits im Sommer in die Sonderschule versetzen will. Die Umplatzierung erfolge „in der Überzeugung, dass ein spezialisiertes Angebot an einer Sonderschule das Beste für das Kindeswohl“ sei, sowohl in Bezug auf das Lernen als auch auf die soziale Einbindung. Auf der anderen Seite führen die Eltern und Inclusion Handicap an, dass das Mädchen „mit Freude zur Schule geht, die Integration gut funktioniert und die angepassten Lernziele mehrheitlich erreicht worden sind.“ Verbandsanwalt David Krummen vertritt aufgrund von entsprechenden Studien die Ansicht, dass Kinder mit Behinderungen in der Regelschule oft besser lernen und sich ihre sozialen Fähigkeiten stärker entwickeln als in einer Sonderschule. Der Verband fordere daher nichts weniger als „die Aufhebung des dualen Schulsystems mit Regelschule und Sonderschule“.

Der Fall wäre weltweit der erste, in dem der UNO-Ausschuss für Kinderrechte die Separation behinderter Kinder in Sonderschulen für unzulässig erklärt.

Auf den ersten Blick scheint es sich hier um einen einzigartigen Sonderfall zu handeln. Tatsächlich ist es aber bloss die Spitze eines riesigen Eisbergs. Wie viel Heterogenität die „Regelschule“ erträgt und welche Kinder mit welchen „Defiziten“ darin Platz haben sollen oder nicht – das ist das eigentliche Hauptthema fast aller bildungspolitischen Diskussionen seit Monaten, ja Jahren. Dabei wird die Forderung, Kinder mit „Defiziten“ oder „Beeinträchtigungen“ jeglicher Art nicht mehr in Regelklassen zu integrieren, sondern in separaten Klassen bzw. Lerngruppen zu unterrichten, immer lauter, nicht zuletzt auch seitens von Lehrpersonen, die sich über eine Überforderung der Regelklassen beklagen, wenn zu viele Kinder mit „besonderen Bedürfnissen“ darin Platz finden sollen.

Vielleicht wäre der Moment gekommen, anstelle der Frage, welche Kinder in die Regelschule passen und welche nicht, eine ganz andere, viel grundsätzlichere Frage zu stellen, nämlich die, ob Regelklassen überhaupt ein ideales Gefäss für gutes Lernen sind. Dies ist stark zu bezweifeln, denn Lernen verläuft nach höchst unterschiedlichen, von Kind zu Kind variierenden Regeln. Alle Kinder zeigen uns schon in ihren ersten Lebensjahren, dass erfolgreiches Lernen vor allem echter Neugierde, Freiheit und Selbstbestimmung entspringt und durch künstlich geschaffene äussere Strukturen und generalisierte Vorgaben nicht gefördert, sondern, im Gegenteil, eher gebremst oder gar verunmöglicht wird. Könnten alle Kinder auch nach ihrem fünften Lebensjahr weiterhin so frei und selbstbestimmt weiterlernen, wie sie das in den Jahren zuvor getan hatten, würden sich vermutlich alle Diskussionen über Inklusion contra Separation von einem Tag auf den andern in Luft auflösen.

Es ist gar nicht so schwierig, sich eine radikale Alternative zum heutigen Schulsystem vorzustellen. Wir müssen uns nur in Erinnerung rufen, dass während Millionen von Jahren Menschen ohne Schulen im heutigen Sinne gelernt haben. Sie schufen dabei alle Grundlagen der heutigen Zivilisationen, vermochten Bauwerke wie die ägyptischen Pyramiden oder die gotischen Kathedralen zu schaffen, entwickelten hochspezialisierte Landwirtschaftstechniken, besassen umfassende Kenntnisse in Astronomie, Physik und Mathematik, konnten sich in Sprachen mithilfe Hunderttausender von Wörtern auch über komplexeste Sachverhalte austauschen, ohne je eine einzige Schulstunde besucht zu haben. Lernen ist etwas, was Menschen ohnehin von sich aus zwangsläufig tun, ohne dass man sie dazu zwingen oder in Gruppen von 20 oder 25 Gleichaltrigen in ein Schulzimmer einsperren muss. Lernen ist Leben. Sobald der Mensch geboren wird – oder eigentlich schon längst zuvor -, beginnt er zu lernen, ganz von selber, lebenslang. Lernen kann man bestenfalls durch das Bereitstellen einer möglichst vielfältigen Lernwelt fördern, durch möglichst viele attraktive Lernangebote, durch einen möglichst ungehinderten Zugang zu allen Quellen von Wissen und Lebenserfahrungen anderer Menschen. Wo immer sich zwei Menschen begegnen und miteinander in Kontakt treten, geschieht Lernen ganz von selber. Lernende Menschen gleichen Schmetterlingen, die von Blüte zu Blüte fliegen, immer dorthin, wo gerade der süsseste Nektar lockt. Keinen einzigen Schmetterling muss man dazu zwingen, jedes Kind tut genau das Gleiche und fliegt immer dorthin, wo es sich die köstlichste geistige Nahrung holen kann.

So gesehen könnten die aktuellen Diskussionen zum Thema Inklusion contra Separation auch eine Chance sein für eine ganz grundlegende pädagogische Erneuerung unseres traditionellen, auf Jahrgangsklassen und Lehrpläne fixierten Schulsystems in Richtung einer offenen Lernwelt, in der Lernen ohne Zwang und Druck ganz frei, lustvoll und zugleich höchst erfolgreich geschehen kann. Mehr dazu in meinem Buch DIE SCHULE NEU ERFINDEN – DAMIT DAS LERNEN WIEDER FREUDE MACHT. Du kannst es in jeder Buchhandlung oder im Internet bestellen.

Hinweis: Im Februar 2026 wurde die VEREINIGUNG FÜR FREIES LERNEN (VFL) mit Sitz in Buchs SG (Schweiz) gegründet. Sie wird sich an einer öffentlichen Veranstaltung am 30. Mai 2026 erstmals der Öffentlichkeit präsentieren. Die VFL möchte den Blick öffnen auf eine Zukunft, in der es so etwas wie das heutige, auf Lehrpläne und Jahrgangsklassen fixierte Schulsystem nicht mehr geben wird. Die VFL möchte bereits vorhandene Reformansätze in dieser Richtung miteinander vernetzen und verstärken und durch öffentliche Veranstaltungen und eigene Publikationen einen konkreten Beitrag leisten zu einer umfassenden und tiefgreifenden Reform des Bildungssystems. Damit endlich jene Vision Wirklichkeit werden kann, die dem russischen Schriftsteller und Pädagogen Leo Tolstoi bereits im Jahre 1911 vorschwebte: «Die Schule ist künftig vielleicht nicht mehr das, was wir darunter verstehen, mit Fussböden, Bänken, Stühlen; sie wird vielleicht ein Theater, eine Bibliothek, ein Museum, eine Unterhaltung sein.» Nähere Informationen zur VFL: info@petersutter.ch.

                                              

Khaled aus Syrien: Neue Wege entstehen, indem man sie geht…

Peter Sutter, 6. Januar 2026

Vorliegende Geschichte beruht auf Tatsachen, erlebt von einer im Jahre 2012 aus Syrien in die Schweiz geflüchteten fünfköpfigen Familie, zwischen 2022 und 2026, in einer Ostschweizer Gemeinde.

Khaled* war vier Jahre alt, als seine Eltern mit ihm und seinem zwei Jahre älteren Bruder vor dem Krieg in Syrien in den Libanon flüchteten. Dort lebte die Familie fast ein Jahr lang in einem Flüchtlingscamp, bis sie im Rahmen eines UN-Hilfsprogramms in die Schweiz ausreisen konnte, um hier ein dauerhaftes Bleiberecht zu erhalten.

Zehn Jahre später: Khaled besucht die 1. Klasse der Oberstufe. Vorerst, wie bereits zuvor in der Primarschule, geht alles gut. Doch nach dem ersten Semester kommt es zu einem Lehrerwechsel, mit dem Schwierigkeiten ihren Anfang nehmen, die im Laufe der folgenden Schuljahre immer gravierendere Ausmass annehmen werden. Khaled wird schliesslich einer Sonderklasse zugewiesen, aber auch dort treten erneut Schwierigkeiten auf, die auch durch Intervention von Schulbehörden und mehreren Fachstellen keine Lösung finden. Kurz nach dem Beginn des 3. Oberstufenjahrs wird Khaled sodann gänzlich von der Schule weggewiesen und verbringt nun die folgenden drei Monate ohne Beschulung und auch ohne weitere Beschäftigung zuhause. Er und seine Eltern machen sich grösste Sorgen um seine Zukunft und bekommen während dieser Zeit auch keinerlei Unterstützung durch die Schule, ausser dass einer von Khaleds ehemaligen Mitschülern ihm einmal pro Woche Aufgaben bringt, die er zuhause erledigen kann. Seine ehemaligen Klassenkolleginnen und Klassenkollegen trifft er weiterhin in der Freizeit, auch verbringt er viel Zeit mit seiner Freundin.

Schwierig zu erfassen, wann genau und wie und weshalb alles angefangen hatte. Was auffällt: Auf Lehrerwechsel, von denen es im Verlauf der Oberstufenzeit mehrere gab, reagierte Khaled stets äusserst empfindlich. Alles schien auf der emotionalen Ebene von der Beziehung zum betreffenden Lehrer oder der betreffenden Lehrerin abzuhängen. Entweder war alles gut oder alles schlecht. Dies hatte jeweils auch unmittelbar frappante Auswirkungen auf die schulischen Leistungen. So führte einer der Lehrerwechsel dazu, dass Khaleds Noten in einzelnen Fächern um bis zu zwei Punkten absackten, etwa von 5.5 auf 3.5 oder von 5 auf 3. Bestimmt war Khaled keine „einfacher“ Schüler. Aber es schien so, dass einige seiner Lehrerinnen und Lehrer damit besser umgehen konnten, andere schlechter und wieder andere überhaupt nicht. Ging es nur im Entferntesten um Äusserungen, die Khaled als „rassistisch“ empfand, konnte das bei ihm, auch wenn es vielleicht gar nicht so krass gemeint war, heftigste Reaktionen auslösen und er, sonst eher ruhig und zurückhaltend, wurde plötzlich laut und aufbrausend. Insbesondere bei einer seiner Lehrerinnen führte dies immer wieder zu heftigen Konflikten. Gewiss soll und muss man nicht jegliches „Fehlverhalten“ eines Jugendlichen entschuldigen und rechtfertigen. Aber es macht zweifellos einen riesigen Unterschied, ob ein Kind im Alter von einem bis fünf Jahren in einer sicheren und behüteten Umgebung aufwachsen konnte oder unter der ständigen Bedrohung und Angst vor Gewalt und Krieg und dem kargen Leben in einem Flüchtlingslager – entscheidende Jahre der Persönlichkeitsbildung, die ein Kind wohl lebenslang prägen, ohne dass ihm selber ganz bewusst ist, was die täglichen Erlebnisse, Begegnungen, zwischenmenschlichen Kontakte und Alltagserfahrungen in seinem Innersten auslösen und wie er damit umgehen kann oder eben nicht.

Drei Monate unbeschäftigten Herumsitzens tun einem jungen Menschen in diesem Alter nicht gut. Dazu das schmerzliche Gefühl, aus der Gemeinschaft der Gleichaltrigen ausgeschlossen worden zu sein. Und zu alledem noch die Angst vor der Zukunft: Was wird später einmal aus mir, werde ich in dieser Gesellschaft einmal einen Platz finden, werde ich meinen Lebensunterhalt jemals selber verdienen können? Die ganze Familie leidet, die Eltern machen sich täglich Vorwürfe, versagt zu haben, ihrem Sohn vielleicht zu wenig abverlangt zu haben, zu gutgläubig gewesen zu sein, dass schon alles früher oder später gut herauskommen werde.

20. November 2024. Ich bekomme einen Telefonanruf von Khaleds Mutter, die ich etwa ein halbes Jahr zuvor im Zusammenhang mit einem Integrationsprojekt kennengelernt hatte, woraus eine schöne Freundschaft mit ihr und ihrer Familie entstanden war. Sie sei völlig verzweifelt, wisse nicht mehr ein noch aus, ob ich Zeit hätte, sie brauche dringend meinen Rat.

Noch am gleichen Tag, gegen Abend, sitzen Khaled, seine Eltern und sein jüngerer Bruder bei mir zuhause am Esstisch. Was sie mir erzählen, kann ich zunächst fast nicht glauben. So etwas habe ich noch nie gehört, obwohl ich selber während fast 40 Jahren als Oberstufenlehrer tätig gewesen war und einen umfassenden Einblick hatte in alle möglichen Entscheide betreffend „schwierige“ Schülerinnen und Schüler, Versetzungen, Klassenwechsel, Konflikte zwischen Eltern und Lehrkräften oder Schulbehörden, usw. Was war geschehen? Die Eltern hatten vor etwa zehn Tagen vom Schulpräsidenten die Einladung zu einer Besprechung erhalten, wie es mit Khaled in Bezug auf die Schule weitergehen sollte. Der Einladung folgend, sitzen die Eltern nun also am 18. November um 17.30 Uhr im Vorzimmer des Sitzungsraums der Schulverwaltung und harren der kommenden Dinge. Es vergeht fast eine Stunde, bis sich endlich die Tür zum Sitzungszimmer öffnet und die beiden eingelassen werden. An drei Seiten des Sitzungstischs sitzen insgesamt acht Personen, von der zuständigen Schulpsychologin über den Schulleiter der Oberstufe, einen Vertreter der Lehrerschaft bis zur Kantonalärztin, einer Mitarbeiterin des KJPD und weiteren Fachpersonen. Khaleds Eltern werden gebeten, auf den zwei freien Stühlen am unteren Ende des Tisches Platz zu nehmen. Der Schulpräsident kommt ohne längere Umschweife zur Sache: Das hier versammelte Gremium habe nach langer und ausgiebiger Diskussion beschlossen, Khaled in eine psychiatrische Klinik einzuweisen, dies sei, nach allen gescheiterten Versuchen innerhalb der vorhandenen schulischen Angebote, die einzige noch verbliebene Möglichkeit, um die gravierenden Defizite in Bezug auf sein Verhalten, seine Lernbereitschaft und seine labile Persönlichkeitsstruktur mit entsprechenden therapeutischen Massnahmen gezielt und professionell in den Griff zu bekommen. Alles haben Khaleds Eltern erwartet, nur das nicht. Wer diese Massnahme beschlossen habe, will der Vater wissen. „Niemand meldete sich, alle schauten sich nur gegenseitig an“, wird er mir zwei Tage später berichten. Auf die zweite Frage, worin das Ziel des Aufenthalts in der Klinik bestünde, kommt die Antwort, dass man das noch nicht sagen könne, da es zunächst noch abgeklärt werden müsse. Und auf die dritte Frage, wann der Eintritt in die Klinik erfolgen werde, wird den Eltern erklärt, dass dies durchaus noch etwa zehn Wochen dauern könnte, weil gerade in keiner der in Frage kommenden Institutionen ein Platz frei wäre.

Mehr rote Signale kann man in so kurzer Zeit wohl kaum überfahren. Über die Köpfe der Eltern hinweg fassen acht „Fachpersonen“, von denen einige Khaled und seine Eltern nicht einmal persönlich kennen, einen so einschneidenden, gravierenden Entscheid. Khaled selber, der eigentliche Hauptbetroffene, ist gar nicht anwesend und hat somit keine Möglichkeit, Stellung zu nehmen. Niemand erklärt den Eltern, dass die Einweisung in eine psychiatrische Klinik ohne umfassende medizinische Abklärungen – die nie erfolgt sind – und gegen den Willen des Jugendlichen und seiner Eltern gar nicht erfolgen darf. Es gibt keine schriftliche Beschlussfassung. Es bleibt intransparent, welche der involvierten Personen oder Fachstellen den Antrag auf die Einweisung in eine Klinik gestellt hat. Folglich haben die Eltern auch keine Möglichkeit, gegen den Entscheid Einsprache zu erheben, umso weniger, als nicht einmal etwas Schriftliches vorliegt, worauf sie Bezug nehmen könnten. Und dass sie das Recht auf einen Rekurs haben, wird ihnen einfach vorenthalten. Zudem ist eine Verlängerung des bereits dreimonatigen Schulausschlusses um weitere zehn Wochen rechtlich gar nicht zulässig, aber auch das wird den Eltern nicht kommuniziert. So etwas kann man wohl nur mit einer Flüchtlingsfamilie machen, deren Leben schon vom ersten Tag an, an dem sie sich in der Schweiz aufgehalten haben, laufend von Ängsten belastet war: Von der Angst, irgendetwas falsch zu machen, sich falsch auszudrücken, falsch verstanden zu werden, mit Behörden in Konflikt zu geraten oder vielleicht sogar eine spätere Einbürgerung aufs Spiel zu setzen.

Am nächsten Tag rufe ich den Schulpräsidenten an. Teile ihm mit, dass Khaleds Eltern mich um Rat gefragt hätten. Dass ich selber Oberstufenlehrer gewesen sei und es manchmal auch mit „schwierigen“ Jugendlichen zu tun gehabt hätte, mir aber selbst im Traum niemals eingefallen wäre, einen Jugendlichen deswegen in eine psychiatrische Klinik einweisen zu wollen. Dass man doch jedem jungen Menschen eine zweite Chance geben sollte und die Möglichkeit, aus gemachten Fehlern etwas zu lernen. Ohne näher auf meine Einwände einzugehen, beteuert der Schulpräsident, dass der Entscheid „von einem achtköpfigen Gremium“ gefällt worden sei, und dies nach langer und ausgiebiger Diskussion. Schon liegt mir der Satz, auch acht Menschen könnten sich irren, auf der Zunge, da besinne ich mich eines Besseren, denn ich suche ja nicht eine Konfrontation, sondern eine konstruktive Lösung. „Ich bin sicher“, sage ich, „dass sich diese acht Personen alle nur erdenkliche Mühe gegeben haben, für Khaled eine gute Lösung zu finden. Dennoch finde ich, es gäbe bessere Ideen.“ Zum ersten Mal im Verlaufe dieses Telefongesprächs habe ich das Gefühl, dass mir der Schulpräsident ernsthaft zuzuhören beginnt. „Ich hätte eine Idee“, sage ich, „man könnte es noch einmal mit einem Besuch der Regelschule versuchen. Khaled könnte das dritte Oberstufenjahr regulär abschliessen und sich so die Aussicht erarbeiten, anschliessend eine Berufslehre in Angriff zu nehmen. Zur Vorbereitung dieses Schrittes könnte Khaled einen Brief aufsetzen mit zehn Punkten, in denen er sich zukünftig verbessern wolle. Sobald auch nur einer dieser Punkte verletzt würde, sollte der betroffene Lehrer bzw. die betreffende Lehrerin unverzüglich mit mir Kontakt aufnehmen, damit ich zusammen mit Khaled eine Lösung suchen könnte. Zudem würde ich mich zur Verfügung stellen, um während einer Stunde pro Woche mit Khaled zusammenzusitzen und an den Punkten zu arbeiten, wo noch Handlungsbedarf bestehe. Dieses Angebot scheint seine Wirkung nicht verfehlt zu haben. Und spätestens ab jetzt mischen sich in diese Geschichte nebst allen Schwierigkeiten und Hindernissen immer öfters auch groteske, nahezu absurde Elemente, zeigen sich in scheinbar unerschütterlichen Denkstrukturen immer öfters Risse und Schwachstellen. Denn in diesem Augenblick, man glaubt es kaum, meint der Schulpräsident, dass eine Coachingstunde pro Woche des Guten wohl zu viel wäre, eine Stunde pro zwei Wochen würde wohl durchaus genügen. Er, der eben noch die Ansicht vertrat, nur ein Rund-um-die-Uhr-Setting in einer psychiatrischen Klinik könne den enormen Defiziten Khaleds gerecht werden. Das Gespräch endet damit, dass mir der Schulpräsident verspricht, mit den acht Fachpersonen noch einmal das Gespräch zu suchen. Falls man keinen gemeinsamen Termin finden würde, nähme er mit den Einzelnen bilateral Kontakt auf.

28. November, 16 Uhr. Khaled hat seinen wöchentlichen Gesprächstermin bei einer jungen Psychologin, die ihn schon seit einem halben Jahr begleitet. Diese war eine der acht Fachpersonen, welche gemeinsam die Einweisung Khaleds in die psychiatrische Klinik beschlossen, und, wie wir zwischenzeitlich erfahren haben, sogar jene Person im Gremium war, welche die Idee der Klinik eingebracht hatte. Ich habe sie vorgängig gefragt, ob es möglich wäre, dass Khaleds Eltern, eine Bekannte der Familie, die während vielen Jahren in Deutschland als aufsuchende Jugendarbeiterin tätig war, sowie ich Khaled bei seiner heutigen Sitzung begleiten dürften. Kein Problem, meinte die Psychologin, und so sitzen wir nun hier, in einer etwas anderen Konstellation. Es ist jetzt die Psychologin alleine, die zunächst immer noch an der Idee der Klinikeinweisung festhält, und es sind fünf Personen, die dies ganz und gar nicht eine gute Idee finden. Und plötzlich ist die Psychologin voll des Lobes für Khaled und sagt ihm sogar ganz direkt: „Du hast bisher alles richtig gemacht.“ Und auch Khaled bestätigt, dass er sich bei ihr stets verstanden fühle und immer gerne zu ihr komme.

Wunder geschehen. Eine Woche später – was immer auch in der Zwischenzeit geschehen sein mag, ich weiss es nicht – spricht kein Mensch mehr von der psychiatrischen Klinik. Stattdessen gibt es noch einmal eine Einladung vom Schulpräsidium. Im gleichen Raum, am gleichen Tisch. Anwesend sind der Schulpräsident, der Schulleiter der Oberstufe, der zugleich als Protokollführer amtet, Khaled, seine Eltern, die mit ihnen befreundete Jugendarbeiterin und ich. Schon beim Hereinkommen haben der Schulpräsident und der Schulleiter Khaled und seinen Eltern dermassen freundlich und schon fast überschwänglich die Hand geschüttelt, dass Khaleds Vater nach der Sitzung zu mir sagte, er hätte noch nie erlebt, dass Menschen so gegensätzliche Gesichter haben könnten, es sei ihm vorgekommen, als wären es total andere Menschen als zwei Wochen zuvor. Die Sitzung selber verläuft in entspannter Atmosphäre überraschend erfolgreich: Khaled wird unverzüglich in eine Timeout-Schule eintreten können, wo er seine infolge der langen Abwesenheit von der Schule entstandenen Lücken aufarbeiten und sich gezielt auf eine zukünftige Berufslehre vorbereiten kann.

5. Dezember 2024. Früher als erwartet findet das Eintrittsgespräch in die Timeout-Schule statt. Der Schulleiter und Khaled fangen sogleich gegenseitig Feuer. „Das packen wir“, sagt der Schulleiter und gibt Khaled zum Abschluss des Gesprächs ein kräftiges Give-me-five. Dann führt er uns durch die Schule. Es handelt sich um ein ehemaliges Primarschulhaus, jetzt der Lernort für maximal acht „schwierige“ Jugendliche, die aus was für Gründen auch immer in der Regelschule nicht „tragbar“ waren und nun hier gelandet sind, meistens für eine begrenzte Zeit, betreut von drei Lehrern, ohne Lehrpläne und Stundenpläne, einfach mit unterstützender, individueller Lernbegleitung, und dazwischen viel Spass und gemeinsame Aktivitäten. Eines der ehemaligen Schulzimmer wurde in eine Küche umgebaut, ein anderes in eine Werkstatt, ein drittes in einen Spielraum. Alles ganz so, wie man sich eine ideale Schule vorstellt. Offensichtlich muss man im traditionellen Schulsystem ein sehr „schwieriger“ Schüler gewesen sein und total „versagt“ haben, um in den Genuss einer wirklich pädagogischen Schule zu kommen, von der alle anderen nur träumen können. Nachdem der Schulleiter zum Abschied allen die Hand geschüttelt hat, kann es der jüngere Bruder von Khaled, der ebenfalls mitgekommen ist, nicht lassen, dem Schulleiter seinen riesigen Stoffhasen, den er mitgenommen hat, entgegenzustrecken, worauf dieser auch dem Hasen zum Abschied die Ohren schüttelt – alle lachen. Nur gute Gefühle begleiten uns auf dem Heimweg.

In den nächsten Wochen hören wir vom Schulleiter über Khaled nur Gutes. Khaled sei interessiert, lernfreudig und verhalte sich tadellos. Der Schulleiter könne nicht verstehen, weshalb die Lehrerinnen und Lehrer der Regelschule mit Khaled so grosse Probleme gehabt hätten, dass er schliesslich von der Schule geflogen und um ein Haar in einer psychiatrischen Klinik gelandet wäre. Die Vermutung, dass bei Khaled alles eine Frage der emotionalen Beziehung ist, bestätigt sich voll und ganz. Entweder ist alles gut oder alles schlecht. Aber nichts dazwischen.

Bis uns Ende März eine Nachricht ereilt, die alles wieder über den Haufen wirft: Khaled wurde im Gruppenraum der Schule erwischt, als er einem Mitschüler einen mit psychoaktiver Substanz gefüllten Beutel zuschob. Zutiefst bedauert der Schulleiter, Khaled den weiteren Besuch der Timeout-Schule verbieten zu müssen. Aber bei Drogen herrsche nun mal Nulltoleranz. Wenn er darüber hinwegsehen und das dann publik werden würde, wäre er wahrscheinlich schon in Kürze seinen Job los.

Und so sitzen wir alle kurz darauf wieder im Sitzungszimmer der Schulverwaltung. Es wäre eben vielleicht doch besser gewesen, Khaled in eine Klinik einzuweisen, meint der Schulpräsident, dann wäre das alles nicht passiert. Und ja, wahrscheinlich sei nun die Klinik in der Tat nur noch das Einzige und Letzte, was für Khaled in Frage käme.

Zwei Tage lang weibelt die mit Khaleds Eltern befreundete Jugendarbeiterin von Fachstelle zu Fachstelle, von Büro zu Büro, von Termin zu Termin. Es muss doch noch irgendeine Alternative zur psychiatrischen Klinik möglich sein. Und dann hat plötzlich eine Idee, die alles wieder in eine gute Richtung zu wenden vermag…

Zwei Wochen später finden wir uns wieder in besagtem Sitzungszimmer und der Schulleiter der Oberstufe strahlt übers ganze Gesicht. Es sei die Idee der Jugendarbeiterin gewesen. Angesprochen bin ich. Als pensionierter Oberstufenlehrer sei ich doch bestens dafür prädestiniert, Khaled mithilfe regelmässigen Privatunterrichts den noch fehlenden Schulstoff zu vermitteln, um ihm einen regulären Schulabschluss zu verschaffen und damit die Möglichkeit, anschliessend eine Berufslehre anzutreten, was infolge eines frühzeitigen Schulabbruchs und der nicht erfüllten neunjährigen Schulpflicht nicht mehr möglich gewesen wäre.

Und dann geht es Schlag auf Schlag. An drei Halbtagen pro Woche gehe ich mit Khaled den ihm noch fehlenden Schulstoff durch, bei mir zuhause, mit Kaffee und Gipfeli. Er erscheint stets pünktlich, verhält sich ohne jeglichen Tadel, bedankt sich jedes Mal aufs höflichste. Ich staune über sein Interesse, sein Konzentrationsvermögen, seine Intelligenz. Ich komme mit dem Liefern neuen Stoffs kaum nach, so ungestüm bewältigt er Aufgabe um Aufgabe, Kapitel um Kapitel in den uns zur Verfügung stehenden Lehrmitteln. Mir wird bewusst, wie effizient solches 1:1-Lernen ist im Vergleich zu einem Klassenunterricht. Hier gibt es keinerlei Ablenkung, keinerlei Störungen, keine Gruppendynamiken, keine Konflikte zwischen Erziehungspersonen und Jugendlichen, kein Mobbing, kein Konkurrenzdenken, nichts. Das Lernen ist zu 100 Prozent Lernen, ohne jeglichen Kompromiss abgestimmt auf das individuelle Lernvermögen, das Lerntempo und die Lernstrategien dieser einzelnen und keiner anderen Person. Ich wage zu behaupten, dass auf diese Weise in jeder einzelnen Stunde mehr echtes Lernen und mehr echte Lernfortschritte stattfinden als während eines ganzen Tages in einem „normalen“ Klassenunterricht. Und dies alles erst noch in einer von A bis Z freundlichen und wohltuenden Atmosphäre, ohne dass je ein ungutes Wort fällt, irgendwer getadelt oder bevormundet wird, jemals Gefühle von Langeweile, Überforderung oder Unterforderung aufkommen. Mein schon lange gehegter Traum von radikal neuen Formen von Lernen im Alltag, stets in 1:1-Konstellationen, in denen Wissen, Kenntnisse und Fähigkeiten auf ganz natürliche Weise von denen, die schon über sie verfügen, weitergegeben werden an jene, die noch nicht über sie verfügen, Learning by Doing, Lernen im Leben, bei dem es keine „Lehrer“ und keine „Schüler“ mehr gibt, sondern alle, unabhängig vom Lernen, stets zugleich lehrend und lernend sind, natürliches Lernen, so wie es jedes Kind von Geburt mit unendlich viel Freude und Erfolg praktiziert und wie es mit einem traditionellen, auf Lehrplänen und Jahrgangsklassen beruhenden Schulsystem nicht mehr das Geringste zu tun hat, dieser Traum nimmt in diesen Stunden mit Khaled eine immer realistischere Gestalt an. Und ebenso die Erkenntnis, dass es auf diese Weise auch gar keine „schwierigen“ Schülerinnen und Schüler mehr geben kann, sondern „schwierige“ Schülerinnen und Schüler stets bloss das Produkt einer Schule sind, welche die elementarsten Gesetzmässigkeiten natürlichen Lernens missachtet. Den Beweis dafür erbringen Khaled und ich an jedem dieser Tage aufs Neue: Alle Angebote des bestehenden Schulsystems, die ganze Palette an zur Verfügung stehendem Fachpersonal, alles ist gegenüber Khaled gescheitert, hat an ihm versagt und kam am Ende zu keiner anderen Lösung, als ihn entweder in eine psychiatrische Klinik zu schicken oder ihn, ohne Schulabschluss, sich selber und einem völlig ungewissen Schicksal zu überlassen. Das 1:1:Lernen wird nie scheitern und wird nie versagen und kann alles, was zuvor verloren ging, wieder neu aufbauen.

Die übrigen Wochentage verbringt Khaled mit einem Arbeitspraktikum auf einem therapeutischen Bauernhof, auch das von A bis Z eine Erfolgsgeschichte sowie eine weitere Bestätigung für die Bedeutung emotionaler Beziehungen beim Aufbau von Selbstvertrauen und der Entfaltung des vorhandenen individuellen Begabungspotenzials.

Drei Wochen, nachdem ich mit dem Privatunterricht für Khaled angefangen hatte, ist ein weiterer Berufskollege in unser Begleitteam eingestiegen, ebenfalls ein pensionierter Oberstufenlehrer, aber im Gegensatz zu mir als Sprachlehrer ein Lehrer der mathematisch-naturwissenschaftlichen Richtung, wodurch wir Khaled noch viel umfassender begleiten können, zumal seine Interessen ohnehin eher in die technisch-naturwissenschaftliche Richtung gehen.

Auch für den Schulleiter und den Schulpräsidenten ist eine neue Welt aufgegangen. Auch sie haben etwas gelernt, was sie wohl nie mehr vergessen werden: Es braucht nur wenig Mut und nur wenig Offenheit, um aus bestehenden Denkmustern auszubrechen und neue Wege zu entdecken, auf denen es keine Gewinner und Verlierer mehr gibt, sondern alle Beteiligten am Ende Gewinner sind.

Und ich habe sogar für den erteilten Unterricht einen richtigen schönen Lohn bekommen. Nie hätte ich mir an jenem 21. November 2024, als ich dem Schulpräsidenten in diesem ersten Telefonat zu verstehen gab, dass ich die Idee mit der psychiatrischen Klinik nicht besonders gut fände, träumen lassen, von eben diesem Schulpräsidenten später einmal als Lehrer angestellt zu werden, mit einem richtigen Arbeitsvertrag. Ich hatte bloss noch mein Lehrerdiplom vom Juni 1974 suchen müssen und es zum Glück auch tatsächlich gefunden, damit die auf der Schulverwaltung wussten, dass ich tatsächlich ein „richtiger“ Lehrer bin.

6. Januar 2026. Khaled besucht seit August 2025 das Freiwillige Zehnte Schuljahr. Konflikte, Schwierigkeiten, aussichtslose Situationen, Abstürze, verzweifelte Eltern, schlaflose Nächte, Zukunftsängste, nichts davon hat es jemals wieder gegeben. Er hat noch nie eine Note unter 5 gehabt und wird nach einem erfolgreich absolvierten Praktikum in einem Restaurant im kommenden August eine Berufslehre als Koch beginnen. Seine wilde Haarpracht von früher, hinter der man manchmal seine Augen fast nicht mehr gesehen hatte, ist einer hübschen Kurzhaarfrisur gewichen. Und er kann, was er während so langer nicht mehr konnte: Er kann wieder lachen.

Wie viele Schülerinnen und Schüler pro Jahr vor dem Abschluss ihrer obligatorischen Schulzeit von der Schule ausgeschlossen werden und demzufolge kaum eine Aussicht auf den Zugang zu einer Berufsausbildung haben, wird in der Schweiz nach wie vor nicht statistisch erfasst. Im Gegensatz etwa zu Deutschland, wo im Schuljahr 2023/24 rund 62’000 Jugendliche von einem frühzeitigen Schulausschluss betroffen waren. Aufgrund einzelner Hinweise in kantonalen Schulberichten kann davon ausgegangen werden, dass es sich in der Schweiz jährlich um mindestens 500 Jugendliche handelt, wobei diese Schätzung eher zu tief gegriffen sein dürfte. Aber auch wenn es „nur“ 300 oder 400 wären, ist doch jeder davon einer zu viel. Denn jeder frühzeitige Schulausschluss bedeutet nichts anderes als eine massive Zerstörung von Lebensperspektiven junger Menschen, die noch gar keine Chance bekommen haben, um unter möglichst günstigen Bedingungen ihr Begabungs- und Entwicklungspotenzial zu entfalten, wie das Beispiel von Khaled wohl eindrücklich zeigt. Eigentlich dürfte es nie soweit kommen, dass ein junger Mensch vor dem Erreichen seiner obligatorischen Schulzeit von der Schule ausgeschlossen wird, das Ziel einer jeden einzelnen Schule müsste sein, alles daran zu setzen, niemanden fallen zu lassen, dies umso mehr, als „schwieriges“ oder „untragbares“ Verhalten eines Jugendlichen ja immer mit einem Kontext in Verbindung steht, bei dem auch – wie ebenfalls das Beispiel von Khaled eindrücklich zeigt – das Verhalten von Lehrerinnen und Lehrern, Schulleitungen und Behörden einen wesentlichen Einfluss hat. Nebst der Zerstörung individueller Zukunftsperspektiven mit allen möglichen Folgen bis hin zu Depressionen, Suizidgedanken oder Suchtabhängigkeit können von der Schule ausgeschlossene Jugendliche auch zu eigentlichen „tickenden Zeitbomben“ heranwachsen: Bei sogenannten Amokläufen an Schulen, wie Beispiele vor allem aus den USA und Deutschland zeigen, sind die Täter häufig ehemalige Schüler jener Schulen, von denen sie frühzeitig ausgeschlossen wurden, und kehren Jahre später an den Ort dieses Geschehens zurück, um sich an völlig Unbeteiligten sozusagen für das erlittene Unrecht zu rächen.

Sollten dennoch alle Stricke reissen und die betroffenen Jugendlichen auch weiterhin in ihrer Klasse „untragbar“ bleiben, ist unsere Geschichte wohl ein schönes Beispiel dafür, dass es auch aus den schwierigsten Situationen heraus fast immer einen Weg zum Guten gibt. Es gibt schweizweit genügend pensionierte Lehrerinnen und Lehrer, die sich um jene Jugendlichen kümmern könnten, die aus irgendwelchen Gründen an ihrer Schule offensichtlich nicht mehr „tragbar“ sind. Und ich kann allen versichern: Eine schönere und dankbarere Aufgabe kann man sich als ehemaliger Lehrer eigentlich gar nicht wünschen. Es braucht hierfür gar nicht so viel, bloss ein bisschen Aufmerksamkeit, ein bisschen Offenheit, ein bisschen Mut und ein bisschen Liebe.

Doch abgesehen davon bleiben von unserer Geschichte doch auch noch ein paar unangenehme Fragen zurück. Wie ist es möglich, dass in einem aufgeklärten, fortschrittlichen, demokratischen Land Behörden mit Ausländerinnen und Ausländern dermassen anders umgehen als mit Einheimischen? Dass sie ihnen elementarste Rechte verweigern bzw. sie nicht einmal darüber informieren, dass sie diese Rechte haben und ohne Angst davon Gebrauch machen dürfen? Wie viele solche Beispiele, von denen jetzt eines zufällig ans Licht kam, gibt es möglicherweise noch zuhauf an vielen weiteren Orten, nicht nur an Schulen, sondern auch auf Gemeindeverwaltungen, Arbeitsämtern und im Asylwesen? Und was für Machtstrukturen sind das, denen die davon Betroffenen so hilflos ausgeliefert sind, jedoch von einem Schweizer mit einem einzigen Telefonanruf innerhalb ein paar weniger Minuten über den Haufen geworfen werden können?

An dieser Stelle kommt jeweils die Danksagung. Und die möchte ich keinesfalls unterlassen. Ich danke der mit Khaleds Eltern befreundeten Jugendarbeiterin, welche die geniale Idee hatte, mich als Privatlehrer von Khaled anzufragen, ich selber wäre gar nicht auf diese Idee gekommen. Ich danke meinem Lehrerkollegen, der einen wesentlichen Teil der privaten Beschulung von Khaled übernahm. Ich danke meinem langjährigen Freund, dem besten mir bekannten Spezialisten im Jugend- und Sozialbereich, der mir immer dann weiterhilft, wenn es um rechtliche Fragen geht, die ganz und gar nicht meine Stärke sind. Ich danke dem Schulleiter der Timeout-Schule, dass er Khaled so viel Mut machte und so traurig war, als er von Khaled Abschied nehmen musste. Ich danke dem Leiter des therapeutischen Bauernhofs und seiner Frau, sie haben Unschätzbares zum Gelingen unseres Projekts beigetragen. Ich danke dem Schulpräsidenten und dem Schulleiter der Oberstufe, dass sie die Offenheit und den Mut hatten, einen Weg zu gehen, der vielleicht noch von niemand anderem je zuvor begangen worden war. Und natürlich danke ich Khaled, der Hauptperson, der allen Schwierigkeiten zum Trotz durchgehalten hat, es hätte ja auch ganz anders herauskommen können. Und nicht zuletzt danke ich Khaleds Eltern für die feinen Spezialitäten aus Syrien, die sie jedes Mal auftischen, wenn ich, was nicht selten ist, bei ihnen auf Besuch bin. „Neue Wege“, sagte Franz Kafka, „entstehen, indem man sie geht.“

*Name geändert.

21jähriger Ex-Schüler tötet zehn Menschen an einem Grazer Gymnasium: Tausende tickender Zeitbomben…

Peter Sutter, 16. Juni 2025

Und wieder – wie schon dutzendfach in den vergangenen rund zehn Jahren, zunächst vor allem in den USA, nach und nach auch in anderen Ländern und nun auch im österreichischen Graz – ist es exakt das gleiche Schema: Ein Schüler, der aus seiner Schule hinausgeworfen wurde bzw. sie aufgrund extremer Belastungen wie Mobbing, Prüfungsangst oder ungenügenden Leistungen frühzeitig verlassen musste, kehrt Jahre später an eben diese Schule zurück und nimmt skrupellos Rache an Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften, von denen die meisten nicht die geringste Schuld an dem tragen, was ihm Jahre zuvor widerfahren war. Nach getaner Tat richtet er sich selbst.

Aus psychologischer Sicht ist längst sonnenklar, was da abläuft. Schulamokläufe, so der Schulpsychologe Hans-Joachim Röthlein, würden oft von jungen Männern begangen, die an ihrer Schule oder in deren Umfeld Demütigungen erlitten hätten. Sie seien zuerst voller Ärger und Wut, dass ihnen niemand helfe, und diese Gefühle würden dann später irgendwann in Hass umschlagen und in das Bedürfnis, sich zu rächen, und zwar genau an dem Ort, wo die Demütigung erfolgt sei. „Solche Taten“, sagt auch die österreichische Verhaltensanalystin Patricia Staniek, „sind das Resultat mehrerer Faktoren, die über längere Zeit auf eine Person einwirken. Täter berichten oft von Ausgrenzung und Demütigung. Solche Erfahrungen graben sich über Jahre tief in die Psyche ein. Einsamkeit und schwache soziale Bindungen können dazu führen, dass die Täter ein eigenes Narrativ entwickeln und sich einer feindlichen Welt gegenüber sehen. Täter kehren deshalb oft an jenen Ort zurück, wo sie ihr Leid erlebt haben. Solche Taten reifen oft über längere Zeit. Und irgendwann reichen dann die inneren Kompensationen einfach nicht mehr aus und die Tat erscheint als der letzte Ausweg. Es ist eine Form von Selbstradikalisierung: Die Täter glauben, auf diese Weise Bedeutung zu erlangen. Sie wollen sich sozusagen in die Gesellschaft, welche sie ausgestossen hat, auf möglichst wirkungsvolle und öffentlichkeitswirksame Weise einbrennen.“

Ebenso sonnenklar wie dieser Befund müsste dann logischerweise auch die Schlussfolgerung sein, die man daraus ziehen müsste, nämlich, nie ein Kind oder einen Jugendlichen gegen seinen Willen aus einer Gemeinschaft oder einem sozialen Netz herauszureissen, das ihn trägt und ihm in Form einer geregelten Alltagsstruktur insbesondere in schwierigen oder unsicheren Lebensphasen trotz allem eine gewisse Stabilität verleiht. Scheitern an zu hohen schulischen Anforderungen oder gar der gewaltsame Schulausschluss gegen den eigenen Willen sind so ziemlich das Schlimmste, Verhängnisvollste und Gefährlichste, was man einem jungen Menschen antun kann. Eigentlich müsste man ganz im Gegenteil jungen Menschen in einer besonders schwierigen Phase ihrer Persönlichkeitsentwicklung umso mehr Wertschätzung, Zuneigung und Vertrauen entgegenbringen und alles daran setzen, dass sie genau an einem solchen Punkt ihres Lebens, wo sie auf Anerkennung mehr als je zuvor angewiesen werden, nicht mit einem Gefühl totalen Scheiterns und einem möglicherweise daraus resultierenden Verlust ihres gänzlichen Selbstvertrauens konfrontiert werden. Das oberste Prinzip einer jeglichen pädagogischen Institution, die auf Menschenliebe gründet – und worauf sonst sollte sie gründen? – müsste darin bestehen, nie und unter gar keinen Umständen einen jungen Menschen fallen zu lassen, ihn auszusondern, „abzuschreiben“ oder aufzugeben. Denn tut sie das, ist das nicht weniger grausam, als wenn man jemandem, der sich mit letzter Kraft an einer schmalen Felskante festzuklammern versucht, so lange und so brutal auf den Händen herumtrampeln würde, bis er loslassen muss und in einen Abgrund stürzt. Es ist, könnte man sagen, nichts weniger als Seelenmord.

Doch weit davon entfernt, dass diese Schlussfolgerung von den zuständigen Politikern, Schulbehörden, Lehrkräften, Schulleitern und pädagogischen Fachpersonen endlich gezogen wird, sucht man tausend andere Gründe und stellt tausend andere Forderungen in den Vordergrund, bloss um vom eigentlichen Grundproblem abzulenken. So wurde bereits einen Tag nach der Tat fast die gesamte öffentliche Diskussion auf die Frage fokussiert, woher der Täter die beiden von ihm benutzten Waffen beschafft haben könnte. „Nach dem Amoklauf“, so das „St. Galler Tagblatt“ vom 12. Juni 2025, „dominiert vor allem aber eine Frage: Wie konnte der Mann die Waffen beschaffen?“ Die Bürgermeisterin von Graf forderte umgehend ein breites Waffenverkaufsverbot. Die selbe Forderung erhoben auch Parlamentsabgeordnete der Grünen. Selbst ein bekannter Wiener Waffenhändler sagte: „Wir haben viel zu viele illegale Waffen.“ Die Leichtigkeit, mit der eine Privatperson in den Besitz einer Waffe gelangen könne, sei „absurd und weltfremd“.

Auch die Schlagzeilen und Titel der Zeitungsberichte zeigen, wie einseitig das Vorgefallene ausschliesslich auf seine Wirkung nach aussen reduziert wird und die dahinter liegenden Ursachen gar nicht erst Raum bekommen, um auch nur einigermassen ernsthaft diskutiert zu werden: „Elf Tote bei Amoklauf an einer Schule“, „Der Attentäter besass legal zwei Waffen“, „Siebzehn Minuten, die eine Stadt verändern“, „Wie gross ist das Risiko für ein Schusswaffendelikt?“, „Die 17 längsten Minuten von Graz“, „Wie sicher sind unsere Schulen?“, „Österreichs Waffenrecht wird hinterfragt“, „Der Schock in Österreich sitzt tief“, „Österreich ist erschüttert“ oder „Die halbe Welt schaut auf Graz“. Eine Schlagzeile wie „Zeit für eine radikale Schulreform“ oder „Wenn Opfer zu Tätern werden“ sucht man vergebens. Auch die Reaktion der staatlichen Behörden ist weit davon entfernt, eine dringend nötige Diskussion darüber anzustossen, wie eine Gesellschaft mit Menschen, die aus dem System zu fallen drohen, umgehen müsste, sondern manifestiert sich beinahe ausschliesslich auf die Inszenierung emotionaler Betroffenheit und Empörung: Während sich der österreichische Innenminister Karner auf die Frage eines Reporters nach den möglichen Motiven des Täters äusserst wortkarg zeigte und sich bloss auf die Aussage beschränkte, darüber zu werweissen sei sowieso alles nur „Spekulation“, sprach Bundespräsident Van der Bellen von einem „nicht in Worte zu fassenden Horror“, der „unser ganzes Land mitten ins Herz trifft“. Und Bundeskanzler Stocker sagte: „Unser Land steht in diesem Moment des Entsetzens still“ und ordnete unverzüglich eine dreitätige Staatstrauer an, liess sämtliche Veranstaltungen der nächsten Tage absagen und alle Flaggen und Fahnen in ganz Österreich auf Halbmast setzen, zudem wurde angekündigt, dass genau 24 Stunden nach der Tat im ganzen Land eine Schweigeminute stattfinden, alle öffentlichen Verkehrsmittel still stehen und alle Kirchenglocken im ganzen Land läuten würden. Im Interview mit einer grossen Tageszeitung sprach Stocker von einem „dunklen Tag in der Geschichte unseres Landes“ und meinte: „Eine Schule ist mehr als nur ein Ort des Lernens. Sie ist ein Raum des Vertrauens, der Geborgenheit und der Zukunft. Unsere Schulen müssen Orte des Friedens bleiben.“ Was er damit wohl sagen wollte? Dass man Schulen künftig besser vor „bösen“ Menschen wie einem solchen Amokläufer schützen müsste? Oder vielmehr, dass Schulen wieder ganz und gar Stätten von Vertrauen, Geborgenheit und Frieden sein müssten, um Schreckenstaten wie jener an der Grazer Schule schon von Anfang an den Boden unter den Füssen zu entziehen?

Die Bilder, die man jetzt überall sieht – Blumengebinde im Gedenken an die Opfer, Meere brennender Kerzen, sich gegenseitig aneinanderklammernde weinende Kinder, Jugendliche und Erwachsene, viele von ihnen schwarz gekleidet, Hunderte, die sich spontan gemeldet haben, um Blut zu spenden – erinnern mich an den Aufschrei bei jedem Autounfall mit Verletzten und Toten, als wäre das nicht die ganz logische Folge einer Verkehrspolitik, die viel zu einseitig auf das private Automobil setzt und schon längstens flächendeckende Alternativen dazu hätte entwickeln müssen. Ebenso erinnern sie mich an den Aufschrei der Zuschauerinnen und Zuschauer bei Skirennen, die sich jedes Mal, wenn eine Fahrerin oder ein Fahrer nach einem schweren Sturz bewegungslos auf der Piste liegen bleibt, die Hände über die Augen schlagen und eben das nicht sehen wollen, was sie mit ihrer eigenen Sensationslust und ihrer Vermarktung durch die unzähligen Profiteure solcher Anlässe selber verursacht haben. Oder an die tränenerstickten Worte eines Radprofis, der in einem dieser fürchterlichen und immer brutaler werdenden Strassenrennen seinen besten Freund verloren hat – statt dass man endlich in aller Ernsthaftigkeit, Offenheit und Selbstkritik über den Sinn oder Unsinn eines Spitzensports diskutieren würde, der infolge einer Eigendynamik zunehmender Brutalisierung immer mehr menschliche Opfer fordert.

Bezeichnend für dieses Verdrängen und Verschweigen der Ursachen all dessen, was im Nachhinein dann so tränenreich bedauert wird, ist auch die Tatsache, dass, wenn wieder einmal etwas ganz Schlimmes passiert ist, wie aus dem Nichts unzählige Fachleute auf der Bildfläche erscheinen, um sich um die Opfer des angerichteten Schadens zu kümmern: Unmittelbar nach der Tat waren Dutzende Spezialisten von Kriseninterventionsteams vor Ort, um geschockte und verzweifelte Eltern sowie Schülerinnen und Schüler zu betreuen. Fachleute betonen, dass solche Amoktaten eine extreme Langzeitwirkung hätten und bei vielen Menschen Schlafstörungen, Albträume oder Flashbacks auslösen würden. „Die denken“, so der Schulpsychologe Hans-Joachim Röthlein, „sie würden verrückt oder seien gar nicht mehr in der Lage, den Strom der Erinnerungen zu durchbrechen.“ Oft würden auch Ehen nach dem Tod von Kindern zerbrechen, Eltern könnten berufsunfähig werden und ganze Orte könnten von solchen Ereignissen über Jahre gekennzeichnet bleiben. Um die Menschen vor Ort zu beruhigen, liess sogar das kroatische Fernsehen einen Franziskanerpater auftreten, welcher seinen Landsleuten in ihrer Muttersprache erklären sollte, was geschehen sei. Würden all die Spezialisten und Fachleute, die jetzt von allen Seiten herbeieilen, um den Scherbenhäufen aufzuräumen, ihr Fachwissen nicht viel gescheiter dafür einsetzen, dass solche Scherbenhaufen gar nicht mehr erst entstehen?

Auch in der Schweiz wird im Zusammenhang mit dem Grazer Amoklauf beinahe ausschliesslich nur darüber diskutiert, wie die Sicherheitslage an den Schulen weiter verbessert werden könnte. So etwa schlägt der „Tagesanzeiger“ in einem Artikel unter dem Titel „Wie gross ist das Risiko für ein Schusswaffendelikt?“ unter anderem „definierte Abläufe für den Ereignisfall“, „geeignete Alarmsysteme“ und „von innen verschliessbare Türen in möglichst allen Räumen“ vor. Auch der „Blick“ fordert mit einer fetten Schlagzeile „möglichst hohe Sicherheit“ und schlägt hierzu ein „Notfallkonzept“ vor, das folgende Punkte beinhalten müsste: Sofortiges Ernstnehmen jeglicher Amokdrohungen, rascher Beizug der Spezialisten der zuständigen Kantonspolizei, unmittelbare Übergabe der Einsatzleitung an die Behörden, Regelung der Kommunikation mit den Eltern, wenn nötig Evakuierung des betroffenen Schulhauses. Als eine weitere mögliche Massnahme wird die Anstellung von Schulpolizisten vorgeschlagen, wie dies in den USA bereits an vielen Schulen erfolgt sei. Angesprochen darauf, dass es in der Schweiz bisher noch keinen vergleichbaren Amoklauf gegeben habe, weist Beat A. Schwendimann vom Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz darauf hin, dass in den letzten Jahren die „Präventionsarbeit gegen Gewalt und Amoklagen“ in vielen Schulen „verstärkt worden“ sei, wobei der Fokus „vermehrt auf Krisenintervention“ gelegt werde. Zu diesem Zweck würden „Kriseninterventionsteams“ eingerichtet, die „im Notfall sofort aktiviert werden“ könnten. Der Kanton Zürich beschäftige sogar extra einen „Beauftragten für Gewalt im schulischen Umfeld“ und stelle den Schulen „verschiedene Werkzeuge zur Verfügung“, zu denen unter anderem auch eine speziell zu diesem Zweck entwickelte „Notfall-App“ gehöre, die zur „Alarmierung und Kommunikation“ genutzt werden könne. Punktuell gäbe es zu diesem Thema auch spezifische Weiterbildungskurse für Lehrkräfte, wo auch „Merkblätter mit den wichtigsten Verhaltensregeln“ abgegeben würden. Bei alledem stünden die Schweizer Polizeikorps „in ständigem engem Austausch mit Schulen und Behörden“. Ein besonderes Augenmerk gelte dabei den sozialen Medien, denn dort nähmen „Cybermobbing, Drohungen oder die Nachahmung gefährlicher Trends und Challenges kontinuierlich zu.“

Doch sämtliche dieser Forderungen nach mehr Sicherheit können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das eigentliche Grundproblem nicht der zu leichte Zugang zu Waffen ist, auch nicht das Fehlen umfassender Sicherheitskonzepte, auch nicht das mangelnde Wissen über die Reihenfolge von Massnahmen in Notfallszenarien, auch nicht der Mangel an Alarmsystemen oder Überwachungskameras und auch nicht die zu lückenhafte Zusammenarbeit zwischen Behörden, Polizei und Schulen, sondern einzig und allein die Tatsache, dass mit jedem jungen Menschen, der gegen seinen Willen aus der Schule geworfen wird oder sie aufgrund von Mobbing. Ängsten oder Überbelastung selber freiwillig frühzeitig verlässt, in Form des Zusammenbruchs aller seiner Zukunftshoffnungen ein Seelenmord begangen wird, für den er sich früher oder auf die eine oder andere Art rächen wird, entweder mit Gewalt gegen andere in Form eines Amoklaufs oder mit Gewalt gegen sich selber in Form von Depressionen, Süchten oder dem lebenslang verbleibenden Gefühl des Scheitern, des Ungenügens und der Minderwertigkeit.

Es kann kaum etwas Widersprüchlicheres geben als ein Schulsystem, das Kinder und Jugendliche tagein tagaus dazu zwingt, Dinge zu lernen, die sie gar nicht lernen wollen, sie von früh bis spät dazu anhält, aus gemachten Fehlern zu lernen, und die gesamten damit verbundenen, oft viel zu hohen Anforderungen an die Kinder damit begründet, wie wichtig Selbsterkenntnis und Lernen für das ganze spätere Leben seien – selber aber in unbegreiflicher und höchst unprofessioneller „Renitenz“, ja geradezu „Lernverweigerung“ nicht bereit ist, aus gemachten Fehlern wie dem vorzeitigen Ausschluss „schwieriger“, „renitenter“ oder „untragbarer“ Schülerinnen und Schülern die simpelsten Lern- und Erfahrungserkenntnisse zu gewinnen, um so schreckliche Vorfälle wie Amokläufe an Schulen für immer zu verunmöglichen. Denn das psychologische Wissen, wie man so etwas wie einen Amoklauf präventiv verhindern kann, nämlich indem man keinen Menschen aus einem ihn tragenden Netz herausreissen und ins Nichts fallen lassen darf, ist längstens vorhanden, wie die oben beschriebenen Analysen von Fachleute beweisen – das Tragische ist bloss, dass ausgerechnet diese Analysen, die zur Lösung des Problems führen und sich nicht auf reine Symptombekämpfung reduzieren würden, stets wieder im Getöse des lautstarken, polternden und wahlpolitisch wirkungsvollen Rufs nach härteren Regeln, mehr Kontrollen, mehr Sicherheitsmassnahmen und dergleichen untergehen und gänzlich aus dem Blickfeld verschwinden. So werden laufend neue tickende Zeitbomben produziert – in der Schweiz jedes Jahr mehrere tausende, in Deutschland, wo es hierzu im Gegensatz zur Schweiz genauere Statistiken gibt, sind es rund 50’000 pro Jahr, welche die Schule frühzeitig verlassen und meistens ohne jegliche Zukunftsperspektive im Nichts verschwinden.

Doch es sind nicht nur die Amokläufe. Diese bilden bloss die ganz seltene und winzige allerhöchste Spitze eines Eisbergs, unter der sich in zahllosen „harmloseren“ und meist viel weniger sichtbaren Formen unendliches Leiden von Kindern und Jugendlichen unter einem Schulsystem manifestiert, dem es offensichtlich viel mehr um seinen eigenen Überlebenskampf geht als um das Überleben noch zutiefst verletzlicher, in ihrer Persönlichkeit noch viel zu wenig gefestigter und einer Vielzahl von Gefahren ausgesetzter Heranwachsender, die gerade in ihren schwierigsten Lebensphasen auf nichts so sehnlich angewiesen wären als auf Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Liebe, den Grundvoraussetzungen dafür, dass gesundes und selbstbewusstes Leben wachsen kann.

Viele Jahre früher, bevor dann ein paar ganz wenige von ihnen im allerschlimmsten Fall vielleicht einmal zu Amokläufern werden, signalisieren die meisten Kinder ihr Unbehagen an einer Schule, die der Entfaltung ihrer innersten Lern- und Lebensbedürfnisse viel zu wenig gerecht wird oder dieser sogar diametral im Wege steht, auf meist ganz feine, kaum wahrnehmbare Weise, so wie allerfeinste Seismographen, die ein zukünftiges Erdbeben schon früh ankündigen. Eines dieser Signale sind Bauchschmerzen – wohl kein Zufall, ist doch der Bauch – ganz sicher ist sich auch die gesamte Fachwelt bis heute noch nicht – möglicherweise der Sitz der menschlichen Seele. „Tatsächlich“, so Carsten Posovsky vom Universitäts-Kinderspital Zürich in einem Interview mit dem „St. Galler Tagblatt“ vom 11. Juni 2025, „sind Bauchschmerzen bei Kindern, vor allem chronische, ein häufiges Problem, am zweithäufigsten nach den Kopfschmerzen. Etwa jedes zehnte Kind ist davon betroffen. Als Gründe dafür vermutet man psychosoziale Belastungen wie Stress, etwa durch die Schule.“ Aber nicht einmal dieses erste, äusserlich zwar noch „harmlose“, für die betroffenen Kinder und auch ihre Eltern aber mit unermesslich viel Leiden verbundene Signal wird folgerichtig wahrgenommen – kaum jemand hinterfragt das herrschende Schulsystem und all die mit ihm künstlich aufgebauten Zwänge, Belastungen und Hindernisse, die einem freien, selbstbestimmten Lernen in den Weg gestellt werden. Hinterfragt wird nicht das System, dafür umso mehr das scheinbar „überforderte“ Kind selber. Dementsprechend wird auch gehandelt: Meist werden zunächst Medikamente verschrieben, dann werden, weil diese logischerweise nichts nützen und die Ursachen des Problems bloss zu überdecken versuchen, zum Beispiel „kognitive Verhaltenstherapien“ oder gar eine „darmzentrierte Hypnotherapie“ empfohlen. Wenn das alles immer noch nichts nützt, kommt dann – von vielen Fachleuten empfohlen, weil scheinbar mit „wissenschaftlich belegtem“ Nutzen – unter anderem der Einsatz von Pfefferminzöl zum Zug, welches eine „krampflösende Wirkung“ haben soll, „schmerzlindernd“ sei und zudem die Darmtätigkeit anrege. Zeigt das immer noch keine Wirkung, greift man sodann unter anderem nach „Probiotika“, besonders angezeigt beim sogenannten „Reizdarmsyndrom“. Schliesslich verbleiben dann noch die mögliche Verschreibung einer Psychotherapie mit dem Schwerpunkt „Stressabbau“, „Atemübungen“, „progressive Muskelentspannung“ oder „Traumreisen“. Es gibt sogar Fachleute, die allen Ernstes den „Verzicht auf jegliche Schonhaltung“ als das probateste Mittel gegen chronische Bauchschmerzen vorschlagen. Wer nach all dem Aufwand, den vielen Arztterminen, all den damit verbundenen Spannungen und Konflikten in den Familien, all den Frustrationen, den nicht erfüllten Hoffnungen und dem riesigen zeitlichen und finanziellen Aufwand dann immer noch nicht „geheilt“ ist – und das sind vermutlich weitaus die meisten -, gilt dann halt als „untherapierbar“ und geht weiterhin jeden Tag mit Bauch- oder Kopfschmerzen zur Schule. Und kein Mensch hinterfragt, warum denn alle diese Phänomene erst in der Schule entstanden sind und nicht schon in den ersten Lebensjahren, in denen die Kinder in kürzester Zeit, vollkommen lustvoll, beschwerdelos und schmerzfrei, weitaus mehr gelernt haben als in ihrem gesamten späteren Leben.

Ein weiteres Signal, mit dem Kinder ihr Unbehagen mit dem herrschenden Schulsystem bekunden, ist der Schulabsentismus. „Kinder“, so ein Artikel im „Tagesanzeiger“ vom 2. Juni 2025, „können so starke innere Blockaden entwickeln, dass sie nicht mehr zur Schule gehen wollen.“ Die Ursachen, so der an der Universität Leipzig zu Schulabsentismus forschende Heinrich Ricking, seien oft in der Schule selbst zu finden, etwa „beim Leistungsdruck, bei der Angst vor einem Versagen oder bei Mobbing“. Aber wie bei den Amokläufen und den Bauch- und Kopfschmerzen, ist es genau dasselbe auch beim Schulabsentismus: Bekämpft werden nur die Symptome, nicht die Ursachen. Therapiert werden nur die einzelnen Kinder und Jugendlichen, nie da System als solches. Stets versucht man die Kinder dem System anzupassen, statt das System den Kindern anzupassen, um jedem einzelnen von ihnen einen erfolgreichen Weg des Lernens, des Entdeckens und Förderns der individuellen Begabungen und einer positiven Entfaltung seiner Persönlichkeit möglich zu machen. Eine im Herbst 2023 im Kanton Zürich durchgeführte Befragung aller Vierzehnjährigen, welche eine erschreckende Zunahme von Depressionen, Süchten, Selbstverletzungen bis hin zu Suizidgedanken und Suizidversuchen im Zusammenhang mit schulischer Überbelastung zutage gebracht hatte, wurde selbst vom Hauptverantwortlichen sämtlicher kantonaler Jugendberatungsstellen bloss mit der Empfehlung kommentiert, die Jugendlichen müssten sich halt eine „dickere Haut“ zulegen, zum Ausgleich „mehr Sport treiben“ und die Schule nicht als ihren hauptsächlichen Lebensinhalt betrachten – einfach gesagt, wohl aber schwer umzusetzen, wenn man gezwungen ist, an sieben oder acht Stunden pro Tag in der Schule zu sitzen, zudem zuhause noch Hausaufgaben erledigen und jede Woche zwei oder drei Prüfungen absolvieren zu müssen, die allesamt auf die zukünftigen Berufs- und Lebenschancen einen zutiefst umfassenden Einfluss haben und deren Resultate, falls sie nicht den erhofften Erwartungen genügen, später kaum wieder rückgängig gemacht werden können.

Trotzdem zum Abschluss noch ein Lichtblick. Rolf (Name geändert) ist einer dieser paar tausend Jugendlichen in der Schweiz, die jährlich vor dem Abschluss der obligatorischen Schulpflicht die Schule verlassen müssen, weil sie nicht mehr länger „beschulbar“ sind. Auch bei Rolf war es eine Kette disziplinarischer Vorfälle, welche schliesslich eines Tages das Fass zum Überlaufen brachten, worauf die Schulleitung in Absprache mit den zuständigen Behörden und involvierten Fachpersonen den definitiven Schulausschluss verfügte. Für Rolf und seine Eltern brach eine Welt zusammen. Es war drei Monate vor dem Ende des neunten Schuljahrs, läppische drei Monate also von insgesamt neun Jahren fehlten ihm nun also, um nach abgeschlossener Schulpflicht eine Berufslehre antreten zu können. Dabei wäre seine Traumlehrstelle als Chemielaborant bereits in Griffnähe gelegen, und zwar aufgrund einer Schnupperwoche, bei der Rolf einen tadellosen Eindruck hinterlassen hatte, nicht nur was Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, sondern vor allem auch was seine immense Wissbegierde bei naturwissenschaftlichen Themen betraf. Einer seiner früheren Lehrer, an die er sich heute noch gerne erinnert, hatte einmal gesagt, bei allem, was Rolf interessiere, zeige er enormes Interesse und erreiche dann auch in kürzester Zeit höchst erstaunliche Lernfortschritte – wenn ihn hingegen etwas nicht interessiere, dann könne man noch so lange auf ihn einreden, sein Widerstand bis hin zu Aggressivität und Gewalttätigkeit werde dadurch nur immer noch grösser. Nun also sass Rolf zuhause und sowohl er wie auch seine Eltern wussten weder ein noch aus, seine ganze Zukunft bestand nur noch aus einem unendlichen schwarzen Loch ohne jeden Ausweg. Bis eine Bekannte der Familie eine geniale Idee hatte. Ich sei doch pensionierter Oberstufenlehrer, meinte sie. Und siehe da: Zwei Wochen später erteilte mir der Leiter jener Schule, die ihn eben noch auf die Strasse gestellt hatte, den Auftrag, Rolf an drei Halbtagen pro Woche privat zu unterrichten, um ihm auf diese Weise zu einem Abschluss seiner obligatorischen Schulpflicht zu verhelfen – während der übrigen Zeit würde man ihm eine Arbeitsstelle auf einem therapeutischen Bauernhof verschaffen, in unmittelbarer Nähe seines Wohnorts. Nun kommt er also zu mir, drei Mal die Woche, und wir sausen im Eilzugstempo durch den restlichen Fächerkanon der 3. Oberstufe, kann er sich nun doch ohne jegliche Ablenkung von aussen und haargenau in dem für seinen Lernrhythmus stimmenden Tempo vorwärtsbewegen. Ich staune über seine Intelligenz, seinen Wissensdurst und sein Begabungspotenzial. Meine Vermutung, dass es keine schwierigen Schüler gibt, sondern nur eine schwierige Schule, die es jungen Menschen verunmöglicht, so zu lernen, wie sie das von Natur aus am liebsten und am erfolgreichsten täten, hat sich einmal mehr bestätigt. Der Junge, an dem sich das gesamte Schulsystem so schwer getan und sich zuletzt völlig erfolglos die Zähne ausgebissen hatte, sitzt nun da, in meiner Stube, und ist kein bisschen „schwieriger“ als irgendein anderer meiner ganz „normalen“ Schüler, denen ich nebst Rolf ebenfalls regelmässig Privatunterricht erteile. Und seine Mutter hat mir vor zwei Tagen sogar ganz begeistert erzählt, Rolf hätte sich innert kürzester Zeit in einen gänzlich anderen Menschen verwandelt. Er trägt jetzt eine neue Frisur, sodass man nun dort, wo vorher nur ein Riesenwuschel Haare gewesen war, endlich wieder seine Augen sehen kann, er hat sich neue Kleider gekauft und zum ersten Mal nach fast einem halben Jahr kann er auch endlich wieder richtig aus vollem Herzen lachen. Immerhin eine von den paar tausend tickenden Zeitbomben weniger…

(Ergänzung am 25. Juni 2025: Am 11. Mai 205 wurde im zürcherischen Berikon ein 15jähriges Mädchen von ihrer 14jährigen Freundin erstochen. Und genauso wie bei den Amokläufen reagiert die Öffentlichkeit mit blankem Entsetzen und Fassungslosigkeit. „Niemand versteht, wie dies geschehen konnte. Sie waren zwei grossartige Freundinnen“, so der Präsident des Portugiesischen Vereins Zürich. Doch genauso wie bei den Amokläufen muss man nur ein bisschen genauer hinschauen, um es zu verstehen. Es scheint nämlich, so wie in einem Artikel des „St. Galler Tagblatts“ vom 24. Juni zu lesen ist, bei beiden „unfassbaren“ Taten im Grunde um genau das Gleiche zu gehen. Um das, was man, um es auf ein einziges Wort zu reduzieren, als „Demütigung“ bezeichnen könnte. Vieles deutet darauf hin, dass die Täterin seit längerer Zeit unter einer starken psychischen Belastung litt, weil sie sich als minderwertig fühlte und ihre Selbstzweifel immer stärker geworden waren, unter anderem deshalb, weil sie sich aufgrund schlechter Noten schuldig fühlte, ihre Eltern enttäuscht zu haben. Sie hätte auch schon seit Längerem nicht mehr zur Schule gehen wollen und ihr Leben nicht mehr so wie bisher weiterführen wollen. Dazu der Forensiker Josef Sachs, der sich seit Jahrzehnten mit Gewalttaten und deren Ursachen und Auslösern beschäftigt: „Enttäuschung über die eigene Lebenssituation, die im Vergleich mit Kolleginnen schlechter erscheint, kann der Auslöser für eine solche Gewalttat sein. Das Gefühl, nicht zu genügen oder nicht respektiert zu werden, kann Teil des Motivgefüges sein. Offenbar war das Opfer sehr fröhlich, kam bei Kolleginnen und in der Schule gut an – ein grosser Unterschied zur Beschreibung der 14jährigen Täterin, die fast der Gegenentwurf ihrer Freundin ist, sauer auf sich selbst und unzufrieden mit ihrem Leben. Dieser Gegensatz scheint so stark gewesen zu sein, dass die Täterin ihr eigenes Elend umso stärker spürte. Es könnte auch sein, dass die glückliche Freundin ihr nicht helfen konnte und sich die Enttäuschung somit noch zusätzlich verstärkte.“ Wie bei den Amokläufen also letztlich nichts anderes als ein Hilfeschrei in höchster Verzweiflung, ein von unvorstellbaren seelischen Schmerzen erfüllter Ruf nach Aufmerksamkeit. Denn, so Josef Sachs: „Es gibt Menschen, für die es schlimmer ist, gar keine Aufmerksamkeit zu erhalten, als eine negative Aufmerksamkeit.“ Die öffentliche Debatte für die Tat von Berikon kreist derzeit aber ausschliesslich darum, welches Strafmass für die Täterin angemessen sei – vergleichbar mit den Diskussionen rund um den Amoklauf von Graz, wo ebenfalls reine Symptombekämpfung im Vordergrund steht anstelle eines vertieften Eingehens auf die tatsächlichen Ursachen und der daraus zu ziehenden Konsequenzen. Debattieren müsste man, anstelle von Schutz- oder Strafmassnahmen, endlich über die Folgen eines Erziehungs- und Gesellschaftssystems, das junge Menschen dazu zwingt, permanent gegenseitig um Erfolg und Anerkennung zu kämpfen, ein Kampf, aus dem junge Menschen, noch mitten in ihrer Persönlichkeitsentwicklung viel zu wenig gefestigt, entweder, mit allen damit verbundenen Konsequenzen, als gefeierte „Sieger“ oder aber als gedemütigte „Verlierer“ hervorgehen, ein Kampf, der immer erbitterter geführt wird und zweifellos, so lange nicht radikal neue Wege gegenseitiger Solidarität und Gemeinschaftsdenkens gesucht und im Alltag umgesetzt werden werden, zu einer immer höheren Zahl von Opfern führen wird. Denn, wie Johann Heinrich Pestalozzi schon vor über 250 Jahren sagte: „Der Mensch ist gut und will das Gute. Und wenn er böse ist, so hat man ihm den Weg verrammelt, auf dem er gut sein wollte.“)

Wenn Kinder Erwachsenen Grenzen setzen, nennt man es „Frechheit“, „Ungehorsam“ oder „Renitenz“. Wenn Erwachsene Kindern Grenzen setzen, nennt man es „Erziehung“…

Peter Sutter, 10. Juni 2025

Wann immer Eltern oder andere Erziehungspersonen mit anderen Eltern oder Erziehungspersonen über den Umgang mit Kindern und Jugendlichen sprechen und dabei früher oder später dann jemand die Aussage macht, es sei unerlässlich, wichtig und diene sogar letztlich dem Wohl des Kindes, ihm dann und wann seine „Grenzen aufzuzeigen“ oder ihm „Grenzen zu setzen“, dann kann er sich in 99 von 100 Fällen der vollen Zustimmung in der jeweiligen Gesprächsrunde gewiss sein. Es gibt wenige pädagogische „Leitsätze“, über die es einen dermassen breiten Konsens gibt und die so selten hinterfragt werden.

Gerade deshalb will ich es versuchen. Denn wenn jemand etwas sagt und alle anderen ausnahmslos nicken, dann macht mich das meistens ein wenig misstrauisch. Gibt es tatsächlich keine andere Sichtweise? Ist es eine unumstössliche, durch nichts zu widerlegende Tatsache, dass es eine wichtige, ja geradezu unerlässliche Erziehungsaufgabe der Erwachsenen sei , Kindern und Jugendlichen immer wieder „Grenzen zu setzen“? Und weshalb denn sollte das überhaupt nötig sein? Gäbe es keine Alternativen dazu?

Beginnen wir bei der Frage, wem denn überhaupt das „Recht“ zusteht, anderen Grenzen zu setzen. Sogleich wird klar, dass es stets die Erwachsenen sind, welche sich für befugt fühlen, Kindern und Jugendlichen Grenzen zu setzen. Das Umgekehrte ist undenkbar. Eltern, Lehrkräfte oder andere „Erziehungspersonen“ könnten sich gegenüber Kindern oder Jugendlichen noch so herablassend, beleidigend oder ausfällig benehmen, sie noch so ungerecht behandeln, sie ungerechtfertigt beschuldigen, sie mit gröbsten Worten beschimpfen, sie sogar verprügeln oder misshandeln – nie haben die Kinder und Jugendlichen das „Recht“ darauf, ihren Eltern „Grenzen“ zu setzen. Und auch die Definition der „Grenzen“, die nicht überschritten werden dürfen, ist einzig und allein eine Sache der Erwachsenen. Eltern, aber auch Lehrkräfte oder andere Erziehungspersonen sind dabei – ohne jegliche Kontrolle von aussen – weitestgehend frei und können willkürlich darüber entscheiden, wie eng oder wie weit sie diese Grenzen ziehen: Was in der einen Familie oder in der einen Schulklasse noch längstens erlaubt ist, zieht in der anderen Familie schon eine grobe Zurechtweisung und in der anderen Schulklasse bereits eine Bestrafung nach sich.

Adultismus nennt man das. Dass Erwachsene mehr Rechte haben als Kinder oder Jugendliche, und zwar einzig und allein deshalb, weil sie älter sind. Das zeigt sich auch in der Art und Weise, wie entsprechendes Verhalten begründet bzw. geahndet wird: Versuchen Kinder, ihren Eltern Grenzen zu setzen, etwa indem sie ihnen widersprechen, sich ihren Anordnungen widersetzen oder sich schlichtweg verweigern, herumbrüllen oder auf andere Weise ausfällig werden, wird dies als „Ungehorsam“, „Frechheit“ oder „Renitenz“ bezeichnet, je nach Alter auch als „Trotzphase“ oder „typisch pubertäres Verhalten“, usw., während umgekehrt das Ansinnen von Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen Grenzen zu setzen, stets beschönigend als „Erziehung“ bezeichnet wird, selbst dann, wenn die entsprechenden Massnahmen jegliches vernünftiges Mass überschreiten oder aus reinem Affekt, Hilflosigkeit oder Überforderung erfolgen – bis vor Kurzem wurden sogar Ohrfeigen oder andere Formen von physischer Gewalt selbst von gewissen „Erziehungsfachleuten“ als durchaus legitimes Instrument verharmlost oder geradezu glorifiziert, welches halt zeitweise unumgänglich sei, um die Kinder „auf den richtigen Weg“ zu bringen – ich erinnere mich sogar an einen Vater, der mir einmal erklärte, er ohrfeige seine Kinder bloss deshalb, weil er sie so sehr liebe.

Da aber alle Kinder von Natur aus über einen überaus starken Gerechtigkeitssinn verfügen, geht alles, was ihnen von Erwachsenen angetan wird, nur weil diese älter sind und mehr „Macht“ haben als sie selber, nicht spurlos an ihnen vorüber. Entweder, wenn sie wenig Selbstvertrauen haben, unterwerfen sie sich dieser Vormacht der Erwachsenen, fühlen sich selber schuldig, versuchen, sich möglichst so zu verhalten, dass sie nicht anecken und die Erwartungen der Erwachsenen möglichst adäquat erfüllen. Oder aber, die Wut darüber, ungerecht behandelt zu werden, staut sich in ihrem Inneren auf und bricht dann, oft ganz plötzlich oder unerwartet, zu einem späteren Zeitpunkt an einem anderen Ort umso stärker wieder auf, etwa in der Form von Gewalt oder Bevormundung gegenüber einem jüngeren Geschwister.

Man mag an dieser Stelle einwenden, grobe körperliche Gewalt wie eine Ohrfeige könne man nicht vergleichen mit einem vernünftigen, massvollen „Grenzensetzen“, wie es eben so oft und in so grosser Übereinstimmung als sinnvolle „Erziehungsmassnahme“ begründet wird. Es geht aber in beiden Fällen um Vorrechte von Erwachsenen gegenüber Jüngeren, ohne dass diese auch nur im Entferntesten das Recht hätten, vergleichbare Massnahmen gegenüber Älteren zu ergreifen. Ob es die Ohrfeige ist oder „nur“ die Aufforderung, wegen zu zappligen, lauten und „störenden“ Verhaltens den Mittagstisch zu verlassen und ins Kinderzimmer zu gehen: Das daraus resultierende Gefühl ist im Prinzip das selbe: Das „fehlbare“ Kind fühlt sich zurückgesetzt, gedemütigt, muss seine eigenen Gefühle zurückstecken, sein Verhalten verändern, sich anpassen, sich unterwerfen – oder aber, es muss irgendeine Form von Bestrafung in Kauf nehmen. Und es geht sogar noch weiter: Weil es einigen Kindern leichter fällt, sich anzupassen, anderen dagegen viel schwerer, erfährt das sogenannt „aufmüpfige“ oder „unfolgsame“ Kind immer wieder eine Zurücksetzung und Entwertung seiner selbst, am schlimmsten in der Form von Liebesentzug, wenn das Kind spürt, dass es, ohne dass dies offen ausgesprochen werden müsste, bloss aufgrund seines Verhaltens – das ja nie ein bewusstes „Fehlverhalten“ ist, sondern stets bloss der Ausdruck seiner individuellen Persönlichkeit bzw. seines individuellen Charakters – weniger geliebt wird als ein anderes. Das ist wohl die tiefste, schlimmste und folgenreichste Verletzung, die man einem Kind zufügen kann, und hat häufig lebenslange Folgen: Menschen, die sich als Kinder weniger geliebt fühlten als andere, schleppen diesen Liebesentzug oft lebenslang mit, wie auf der endlosen Suche nach einem verlorenen Schatz, den man dann entweder irgendwann in der Gestalt eines Menschen, der die verlorene Liebe bedingungslos zurückbringt, wieder findet, oder aber dieses Loch mit tausenden Ablenkungen, Beschäftigungen oder Süchten aller Art zu füllen versucht und dennoch diese Leere wie ein lebenslanger Schatten nie gänzlich verschwindet.

Egal, wie man Grenzen zieht: Es sind immer Trennlinien zwischen dem „Guten“ und dem „Bösen“. Sobald es eine Grenze gibt, bin ich entweder „drinnen“ oder „draussen“, entweder akzeptiert oder nicht akzeptiert, entweder geliebt oder nicht geliebt, entweder ein Einheimischer oder ein Flüchtling, entweder legal oder illegal, entweder einer, der ins System passt, oder einer, der nicht ins System passt, entweder ein Angekommener oder ein Randständiger, entweder ein Insider oder ein Outsider, entweder einer, der es geschafft hat, oder einer, der versagt hat. Nur eine Auflösung sämtlicher Grenzen, sowohl auf den Landkarten wie auch in den Köpfen der Menschen, kann umfassende Gerechtigkeit und Menschenwürde schaffen.

Im Jahr 2019 lief in den Kinos der deutsche Spielfilm „Systemsprenger“. Er zeigt den Leidensweg der neunjährigen Benni zwischen wechselnden Pflegefamilien, Aufenthalten in der Psychiatrie und Heimen und der erfolglosen Teilnahme an mehreren Therapieprogrammen. Es handelt sich um eine erfundene Geschichte, die aber auf zahlreichen Dokumenten, Berichten und psychologischen Gutachten von Kindern und Jugendlichen mit vergleichbaren Lebensgeschichten beruht.

Je mehr Grenzen man Benni zu setzen versucht, umso wilder gebärdet sie sich. Ihre Wutausbrüche sind auf ein Trauma zurückzuführen, welches sie als Baby erlitten hatte. Ihr war eine Windel ins Gesicht gepresst worden, sodass sie beinahe erstickt wäre. Dieses Trauma hatte auch zur Folge, dass Benni Berührungen im Gesicht nicht erträgt und diese bei ihr eine sofortige heftige, panische und traumatische Reaktion auslösen. Ihre wiederholten Wutausbrüche nehmen dermassen drastische Formen an, dass sie schliesslich aus der Schule fliegt, die mit der kleinen „Bestie“ völlig überfordert ist, und im Folgenden auch durch sämtliche Raster der deutschen Kinder- und Jugendhilfe zu fallen droht, gefangen in einem heillosen Teufelskreis zwischen ihrer Sehnsucht nach Geborgenheit in einer richtigen Familie und ihrem totalen Unvermögen, die Bedürfnisse anderer Menschen angemessen zu respektieren. Am liebsten würde sie bei ihrer Mutter Bianca leben, doch diese ist mit dem unberechenbaren und gewalttätigen Verhalten ihrer Tochter hoffnungslos überfordert, hat noch mit zwei weiteren Kindern alle Hände voll zu tun und erfährt zudem von ihrem Lebensgefährten Jens, der auf die Entgleisungen der kleinen „Systemsprengerin“ ausschliesslich mit Härte, Strafen und Zurechtweisungen reagiert, keinerlei Unterstützung. Schliesslich eskaliert die Situation vollends, als Jens, weil er sich nicht mehr anders zu helfen weiss, Bennie in einen Schrank einsperrt und von der Polizei abholen lässt. Nach mehreren weiteren gescheiterten Therapieversuchen erklärt sich Bianca, die sich inzwischen von Jens getrennt hat, bereit, Benni bei sich aufzunehmen, zieht ihr Angebot aber aus Angst davor, Bennis Wutausbrüchen nicht gewachsen zu sein, kurz darauf wieder zurück. Auch die Unterbringung bei einer früheren Pflegemutter schlägt fehl, als Benni ein dort wohnendes Pflegekind bei einem weiteren Wutausbruch schwer verletzt. Nun kommen als letzte Optionen nur noch die Einweisung in eine geschlossene pädagogische Einrichtung oder ein längerer Auslandsaufenthalt in Betracht. In äusserster Verzweiflung sucht Benni Schutz bei Micha, einem Sozialarbeiter, von dem sie sich anlässlich einer ihrer zahlreichen Therapien einigermassen verstanden gefühlt hatte. Micha und seine Frau erklären sich bereit, Bennie für eine Nacht bei sich aufzunehmen. Am nächsten Morgen, Micha und seine Frau schlafen noch, gibt Benni dem schreienden Aaron das Fläschchen, sie streichelt das Baby und spielt zärtlich und liebevoll mit ihm die längste Zeit. Wie durch ein Wunder darf Aaron Benni im Gesicht berühren, ohne dass dies bei ihr eine traumatische Reaktion auslöst. Doch als die Mutter auftaucht und Benni auffordert, ihr das Baby in die Arme zu geben, reagiert Benni mit einem weiteren masslosen Wutausbruch, brüllt Aarons Mutter an und schliesst sich mit ihm im Badezimmer ein. Micha, durch den Tumult erwacht, tritt aus Angst um seinen Sohn die Badetür ein. Benni ist aber schon aus dem Badezimmer geflüchtet und rennt Richtung Wald, Micha ihr hinterher. Benni bleibt kurz stehen, überschüttet Micha mit einer Flut von Schimpfwörtern und rennt dann weiter in den Wald. Stunden später wird sie unterkühlt aufgefunden und ins Krankenhaus gebracht. Der Versuch, als letzte Massnahme Benni auf einen Auslandaufenthalt nach Afrika zu schaffen, scheitert, als sie sich im Flughafen weigert, ihr Kuscheltier röntgen zu lassen, und aus dem Sicherheitsbereich wegrennt. Der Film endet, als sie auf der Flucht, laut lachend, in die Luft springt – in diesem Augenblick friert das Bild ein und bekommt Risse, als sei sie gegen eine Glasscheibe gesprungen.

Die Geschichte von Benni zeigt auf eindringliche, geradezu erschütternde Weise: Je mehr Grenzen ihr gesetzt werden, umso schlimmer wird es. Denn damit bekommt sie immer nur genau das Gegenteil dessen, was sie eigentlich bräuchte: Liebe. Hass und Gewalt sind nichts anderes als die unersättliche Sehnsucht nach verweigerter oder verlorener Liebe. „Der Mensch ist gut und will das Gute“, sagte schon Johann Heinrich Pestalozzi, vor über 250 Jahren, „und wenn er böse ist, so hat man ihm den Weg verrammelt, auf dem er gut sein wollte.“ Und die deutsche Rockband „Die Ärzte“ beschrieb in einem ihrer bekanntesten Songs das Gleiche mit diesen Worten: „Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe, deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit.“ Nicht Grenzen, nicht Belehrungen, nicht Bevormundung, nicht Machtdemonstration, nicht Härte ist das, was Bennie wirklich braucht. Das Einzige, was auch die tiefsten Verletzungen und Wunden zu heilen vermag, ist die Liebe.

Gehen wir zurück an den Ursprung, an die Quelle, an den Punkt, wo alles angefangen hat. „Drei Dinge sind uns aus dem Paradies geblieben“, so der italienische Dichter Dante Alighieri: „Kinder, Blumen und Sterne.“ Um die tiefsten Geheimnisse zu ergründen, müssen wir nicht die Erwachsenen fragen, sondern die Kinder. Was sie fühlen und denken, kommt aus dem Paradies, aus dem tiefsten Grund der Seele, aus dem Universum.

Fragst du die Kinder, wirst du kein einziges finden, das sich wünscht, Grenzen gesetzt zu bekommen. Jedes Kind wünscht sich, Grenzen aufzubrechen, Grenzen zu überwinden, Grenzen zu sprengen – und damit ihrem grössten Idol nachzueifern, Pippi Langstrumpf, die sogar mit blossen Händen ein ausgewachsenes Pferd in die Höhe zu stemmen vermag und von der ihre Schöpferin Astrid Lindgren sagt, „egal, ob sie singt, tanzt, spielt oder isst, sie ist immer mit ganzem Herzen dabei.“ Pippi liebt das Leben und das strahlt sie auch mit jeder Zelle ihres Körpers aus. Sie kann allem etwas Positives abgewinnen und begeistert sich auch für die kleinsten Dinge. Um die Meinung anderer Leute kümmert sie sich nicht, sondern hört in sich selber hinein, was gut für sie ist und was nicht. Und so passiert es halt auch immer wieder, dass sie sich mit Autoritäten anlegt, dennoch oder gerade deshalb geht sie unbeirrbar ihren Weg. Sich selber bezeichnet sie als „Sachensucherin“, denn die Welt, so erklärt sie ihrem Freund Tommy, sei voll von Sachen, und es sei wirklich nötig, dass jemand sie finde. Ihr Leitsatz lautet: „Das haben wir noch nie probiert, also geht es sicher gut.“ Denn sie glaubt an die Macht der Phantasie. Sie will zeitlebens ihr inneres Kind bewahren, ihren spontanen Ideen folgen und sich die Dinge vor ihren eigenen Augen so lebendig vorstellen, als wären sie schon Wirklichkeit. „Alles, was an Grossem in der Welt geschah“, so Astrid Lindgren, „vollzog sich zuerst in der Phantasie der Menschen.“ Auch der deutsche Dichter Hermann Hesse war überzeugt: „Damit das Mögliche entstehen kann“, schrieb er, „muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.“

In der Tat. Genau das, das Überwinden und Sprengen von Grenzen, ist die Voraussetzung für jegliche Veränderung, für jeglichen gesellschaftlichen Fortschritt. Grenzen setzen hingegen heisst nichts anderes, als das Bestehende vor Neuem und Unkonventionellen zu schützen und auf diese Weise dafür zu sorgen, dass alles so weitergeht, wie es bisher gegangen ist, selbst wenn es sich nicht bewährt hat, selbst wenn es kläglich gescheitert ist. Veränderungen haben immer dann stattgefunden, wenn einzelne Menschen den Mut und genug Selbstbewusstsein hatten, um vorhandene Gesetze, Regeln oder Grenzen, wenn sie sich mit ihren innersten Gefühlen von Liebe und Gerechtigkeit nicht im Einklang befanden, zu verletzen, zu missachten, zu sprengen: In der um 400 v.Chr. vom griechischen Dichter geschriebenen Komödie „Lysistrata“ gelingt es einem Bündnis pazifistischer Frauen, mittels einer Sitzblockade vor dem Parthenon, der Schatzkammer Athens, sowie durch gemeinsame sexuelle Verweigerung gegenüber ihren Ehemännern den Krieg zwischen Athen und Sparta zu beenden. Ebenfalls aus der griechischen Mythologie kennen wir die unerschrockene, einzig und allein ihrem Gewissen folgende Antigone, welche sich weigerte, den Körper ihres geliebten Bruder Eteokles nach einem tödlichen Bruderzwist wilden Tieren zum Frass vorwerfen zu lassen, und stattdessen darauf beharrte, dass er ebenso wie sein Bruder mit allen Ehren begraben wurde, obwohl ihr Vater, der König Kreon, ihr dies mit der Androhung einer Todesstrafe verboten hatte. Der US-Amerikaner Henry David Thoreau verweigerte um 1850 das Bezahlen seiner Steuern, um damit gegen den Krieg der USA gegen Mexiko und den unmenschlichen Sklavenhandel zu protestieren. In die Geschichte eingegangen sind auch die Geschwister Hans und Sophie Scholl, die mutig und kompromisslos mit der Verbreitung von Flugblättern und anderen Protestaktionen gegen die Diktatur des Nationalsozialismus ankämpften und dies mit ihrem Tod bezahlen mussten. Berühmt geworden ist auch Rosa Parks, eine 42jährige Schwarze, die sich am 1. Dezember 1955 im US-amerikanischen Montgomery auf der Fahrt in einem städtischen Bus weigerte, ihren Sitzplatz einem weissen Fahrgast zu überlassen, der sich auf das Gesetz berief, wonach Schwarze ihre Plätze für Weisse freigeben müssten, wenn es nicht genug Sitzplätze für alle hätte – dieser Akt von „Grenzverletzung“ war der Auslöser für eine sich in der Folge massenhaft ausbreitende Bürgerrechtsbewegung, welche schliesslich unter der Führung von Martin Luther King die Gleichberechtigung der schwarzen mit der weissen Bevölkerung in den USA entscheidend voranbrachte. Aktuell geben die Hilfs- und Widerstandsaktionen einzelner Aktivistinnen und Aktivisten für sich in Gefahr oder Not befindliche Flüchtlinge zu reden, die sich mutig darüber hinwegsetzen, dass solche Aktionen gemäss EU-Gesetzen „illegal“ sein sollen, besonders bekannt geworden ist die Fluchthelferin Carola Rackete, die, nebst vielen anderen, wegen ihres humanitären Engagements sogar zu einer längeren Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Das sind nur ein paar wenige herausragende Beispiele von Menschen, stellvertretend für unzählige andere, die sich im Laufe der Geschichte mit ihrem mutigen Eintreten für Menschenwürde und Gerechtigkeit immer wieder über bestehende Gesetze, Regeln und Vorschriften hinwegsetzten und damit der Tradition eines Rechts auf „zivilen Ungehorsams“ zum Durchbruch verhalfen, auf welches sich bis heute weltweit Menschen berufen, die nicht bereit sind, ihr persönliches Gewissen übergeordneten Gesetzen zu opfern, welche die Menschenwürde zutiefst missachten. Denn „wenn Unrecht zu Recht wird“, so der deutsche Dramatiker Bertolt Brecht, „wird Widerstand zur Pflicht.“

Die „NZZ am Sonntag“ berichtete am 1. Juni 2025 über die dramatische Zunahme körperlicher Misshandlungen von Kindern und Jugendlichen in Schweizer Familien im Verlauf der letzten paar Jahre. „Oft haben Kleinkinder, die noch nicht einmal laufen können, Brüche“, berichtet Dörthe Harms Huser, leitende Kinderärztin am Kantonsspital Baden, „bei anderen sind auf der Haut Abdrücke einer Gürtelschnalle zu sehen, häufig haben wir es auch mit bereits älteren Brüchen zu tun, die nie behandelt wurden. Kinder werden geschlagen, gekratzt, gebissen, geschüttelt.“ Fachleute sagen, dass es zusätzlich über die in die Spitäler eingelieferten Fälle hinaus eine hohe Dunkelziffer gäbe. Harms Huser erklärt sich die erschreckende Zunahme körperlicher Gewalt gegen Kinder und Jugendliche unter anderem damit, dass sich die Lebensumstände vieler Familien in den letzten Jahren massiv verschärft hätten: Alles werde teurer, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf werde für viele zur kaum mehr zu bewältigenden Herausforderung, wirtschaftliche Unsicherheiten und die Angst vor einem Jobverlust wie auch die geopolitische Lage brächten zusätzliche Schwierigkeiten und Belastungen mit sich und sehr viele Menschen erführen trotz einem riesigen Aufwand an Arbeit und persönlichem Einsatz in ihrem Alltag nur wenig Wertschätzung. Dies alles seien aus ihrer Sicht Faktoren, die mit dem dramatischen Anstieg von Kindsmisshandlungen in Zusammenhang stünden.

Die in einer Gesellschaft herrschende Gewalt kommt – wie es das Wort „herrschend“ schon sagt – nie von unten nach oben, sondern immer nur von oben nach unten, von denen, die mehr Macht haben, gegen die, welche weniger Macht haben, bis hinunter zu den Kindern und Jugendlichen, denen, die am Ende all das ausbaden müssen, was an Druck, Demütigung, Bevormundung und übertriebenen, unrealistischen Forderungen und Erwartungen stufenweise von ganz oben bis ganz nach unten weitergegeben wird. Wer sich im Zusammenleben mit Kindern und Jugendlichen darauf ausrichtet, diese immer wieder in „Schranken“ zu weisen und ihnen „Grenzen“ zu setzen, macht sich unweigerlich, ob er will oder nicht, zum Komplizen dieses Machtsystems. Grenzen setzen sollte man nicht Kindern und Jugendlichen, die aus zeitweiligem Übereifer, aus Ungeduld, Bewegungsfreude oder Abenteuerlust da und dort über die „Stränge“ hauen, bestehende Normen oder Gewohnheiten in Frage stellen oder sich ihnen verweigern. Grenzen setzen müsste man vielmehr dringendst einem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Machtsystem, das in erster Linie darauf ausgerichtet ist, auf Kosten von Lebensfreude, Lebensgenuss und Zwischenmenschlichkeit aus den Menschen auf Schritt und Tritt das Maximum an ökonomisch verwertbarer und materiellen Profit schaffender Leistung herauszupressen und sie dabei einem beständigen gegenseitigen Konkurrenzkampf auszusetzen, aus dem ausgerechnet jene am erfolgreichsten hervorgehen, die sich am wenigsten um das Wohl anderer kümmern. Rebellierende und widerspenstige Kinder, welche bestehende Normen, scheinbare Selbstverständlichkeiten und herrschende Denkgewohnheiten in den Köpfen der Erwachsenen in Frage stellen, sind das wunderbare Geschenk, welches die Kinder uns aus dem „Paradies“ mitgebracht haben, um uns für all die Widersprüche und all die Fremdbestimmung, an die wir uns im Laufe des Älterwerdens nach und nach gewöhnt haben, immer wieder von neuem die Augen zu öffnen. „Macht“, sagte der berühmte britische Schauspieler und Regisseur Charlie Chaplin, „brauchst du nur, wenn du etwas Böses vorhast. Für alles andere reicht Liebe um es zu erledigen.“

(Was für das „Grenzen setzen“ gilt, gilt auch für einen weiteren Leitsatz, der in Zusammenhang mit dem Erziehungsverhalten von Erwachsenen gegenüber Kindern und Jugendlichen oft zu hören ist und ebenfalls meist auf ungeteilte Zustimmung seitens der Erwachsenen stösst: nämlich, die Erziehungspersonen müssten möglichst „am gleichen Strick ziehen“. Das wird dann in der Praxis meist so verstanden, dass alle, die gegenüber einem bestimmten Kind eine pädagogische Funktion haben – von den Eltern und der Lehrperson über Schulpsychologen und Vertreterinnen weiterer Fachstellen bis hin zu den zuständigen Behördemitgliedern – möglichst konsequent die gleiche Haltung vertreten und möglichst niemals „ausscheren“ sollten, um dem Kind gar keine andere Wahl zu lassen, als sich der entsprechenden „Erziehungsmassnahme“ zu unterwerfen. Auch hier wird stets mit dem „Wohl des Kindes“ argumentiert. Für ein Kind aber, wenn es sich aufgrund seiner aktuellen Lebenssituation gerade weniger zu Anpassung und Unterwerfung, sondern eher zu Widerstand und Auflehnung hingezogen fühlt, kann so etwas unter Umständen als katastrophale Bevormundung und Fremdbestimmung empfunden werden, verbunden mit einem extremen Ohnmachtsgefühl, wenn es sich ganz alleine einer Übermacht von Erwachsenen gegenübersieht, denen es ausgeliefert ist, ohne dagegen etwas tun zu können, Erwachsenen, die es doch angeblich alle so „gut“ mit ihm meinen. Der vielgelobte Strick wird dann zu einem tödlichen Instrument, mit dem die Erwachsenen, wenn sie gemeinsam nur genug fest daran ziehen, im schlimmsten Fall das Kind „erwürgen“ und – ebenfalls ein Begriff, der in der pädagogischen „Fachliteratur“ nicht selten auftaucht – „seinen Willen brechen“ können, alles zum angeblichen „Wohl“ des Kindes.)

Von der Psychotherapie über die Schule bis zur Familie: Wenn die Liebe fehlt, dann fehlt alles…

Peter Sutter, 27. Januar 2025

Die Psychologin hat mehrere Blätter vollgekritzelt. Kreise, die sich überschneiden, andere Kreise, die sich bloss berühren, wieder andere, die weit voneinander entfernt sind. Kleinere und grössere Figürchen, die sich berühren oder einander mit grimmigem Gesicht anschauen. Dazwischen kleinere und grössere Pfeile, von links nach rechts, von oben nach unten, andere wiederum, die ihre Richtung wechseln und am Schluss wieder dort landen, wo sie angefangen haben. Dort musst du noch einmal anfangen, sagt die Psychologin zur fünfzehnjährigen Charlotte, die infolge einer schon länger anhaltenden Depression heute zur Therapiestunde gekommen ist, dort – und sie zeigt auf einen winzigen Punkt neben einem der weiblich dargestellten Figürchen – musst du noch einmal anfangen. Überlege dir bis zum nächsten Mal, was dir damals durch den Kopf ging. Überprüfe, ob du das, was du dachtest, auch noch deiner heutigen Sicht entspricht. Führe das Tagesprotokoll weiter, schreibe jeden Abend etwas auf, was dich besonders gefreut hat, und etwas, worüber du dich besonders genervt hast. Ergänze auch noch einmal die Zeichnung vom letzten Mal, da fehlt immer noch ein typisches Wort deines Bruders in der Sprechblase. Nimm dir fünf Dinge vor, die du in deinem Leben ändern möchtest. Lies den Text über die Spiegelbilder und überlege dir, wie du auf andere wohl wirkst, wenn du manchmal so ausrastet, wie du mir das erzählt hast.

Eine Woche später. Eigentlich wäre heute der nächste Termin bei der Psychologin. Doch Charlotte hat ihr eine Nachricht geschickt, sie sei krank, sie könne heute nicht kommen. Ich will überhaupt nicht mehr zu dieser Psychologin gehen, sagt sie zu mir. Immer stochert sie in der Vergangenheit und das will ich nicht, ich habe es ihr auch gesagt, aber sie hat gesagt, es sei eben wichtig, auch wenn es mir unangenehm sei. Ich will auch nicht, dass sie mich immer als diese kleine hilflose Figur zeichnet, das bin nicht ICH. Ich will auch nicht, dass sie mir immer irgendwelche Aufgaben gibt, die mir keinen Spass machen. Ich will einfach meine Ruhe haben. Ich will einfach Spass haben. Ich will einfach leben. Immer sagt sie, was ich alles in meinem Leben ändern müsse. Ich WILL gar nichts ändern. Immer gibt sie mir zu verstehen, dass alles viel besser wäre, wenn ich ANDERS wäre als so, wie ich bin. Ich WILL aber gar nicht anders sein. Ich will SO sein, wie ich BIN. Nein, ich werde definitiv nie mehr zu dieser Psychologin gehen.

Es ist nicht die erste Geschichte dieser Art. Immer und immer wieder höre ich in letzter Zeit solche Geschichten. Sie haben drei oder vier Monate auf einen Gesprächstermin gewartet, voller Hoffnung, endlich professionelle Hilfe zu bekommen. Und dann sagen sie schon nach dem ersten oder dem zweiten Gespräch wieder ab. Weil sie spüren, dass es nicht das ist, was sie wirklich brauchen.

Ich habe keine Ausbildung in Psychologie oder Psychiatrie. Aber vielleicht gerade deshalb spüre ich, dass hier etwas nicht gut ist. Ich glaube an die Wirkkraft der Liebe. Ich glaube, dass es genügt, einen Menschen zu lieben, ihm zu verstehen zu geben, dass er so, wie er ist, GUT ist. Dass er nicht ANDERS werden soll, sondern so bleiben soll, wie er IST. Menschen können nicht ANDERE Wege gehen, sondern nur ihre EIGENEN.

Charlotte hat mir heute ihr Leben erzählt, zwei Stunden lang. Ich habe ihr einfach zugehört. Vor mir ist das Bild eines Menschen entstanden, der zu jedem Zeitpunkt seines bisherigen Lebens alles immer genau richtig gemacht hat, denn was immer du tust in deinem Leben, du tust es nur deshalb, weil du hundertprozentig davon überzeugt bist, dass es in diesem Moment das einzige Richtige ist. Es hat immer einen tieferen Grund. Es können nach herkömmlicher Vorstellung „Fehler“ sein, es können scheinbar „unnötige“ Umwege sein, es können „Rückschläge“ oder „Misserfolge“ oder „Enttäuschungen“ oder „Illusionen“ sein oder was immer, aber es ist stets DEIN Weg, und es gibt keinen anderen.

Was du trotz aller Schwierigkeiten in deinem Leben schon geschafft hast, sage ich zu Charlotte, und ich nehme sogleich ihren fragenden, zweifelnden Blick wahr, als würde sie es nicht so recht glauben wollen, weil es ihr vielleicht noch nie jemand mit diesen Worten gesagt hat. Schon als ich dich, fahre ich fort, zum ersten Mal mit deinem jüngeren Bruder spielen sah, ist mir aufgefallen, wie geduldig zu bist, wie liebevoll du mit ihm umgehst, wie viel es braucht, um dich aus der Fassung zu bringen. Weisst du, wie schön es für andere Menschen sein muss, mit dir zusammen zu sein, dich kennen zu lernen, zusammen mit dir etwas auszuhecken, zusammen mit dir einen Plan zu schmieden…

Ich glaube, dass die LIEBE genügt. Ich glaube, dass Menschen, die sich geliebt fühlen, fähig sind, sich selber zu therapieren, weil die Liebe zu sich selber die einzige Kraft ist, die sie dazu wirklich befähigt. Ich glaube, dass auch ein trauriges Kind aus einem ärmeren Land, wo es keine professionelle Psychotherapien gibt, wieder glücklicher zu werden vermag, wenn es in einer liebevollen Umgebung aufwachsen kann. Und gleichzeitig glaube ich, dass ein Kind selbst im reichsten Land der Welt und mit noch so aufwendiger und „professioneller“ therapeutischer Unterstützung, wenn diese nicht von Liebe getragen ist und das Kind auch in seinem übrigen Alltag keine Liebe findet, nicht wirklich glücklich und gesund werden kann.

Ich möchte nicht ein pauschales Urteil fällen. Ich weiss, dass es unzählige Therapeutinnen und Therapeuten gibt, die genau mit diesem Ansatz arbeiten. Aber ich weiss ebenfalls, dass es auch viel zu viele andere gibt. Psychologinnen und Psychologen, die zwar über ein immenses Fachwissen verfügen, dennoch aber nicht die Gabe besitzen, andere Menschen wirklich bedingungslos zu lieben. Auch Lehrerinnen und Lehrer, die sich jahrelang an einer pädagogischen Hochschule ausbilden liessen und jeden noch so kleinen Schritt innerhalb ihrer Lektionsvorbereitungen, wissenschaftlich exakt, didaktisch begründen können, aber dem erstbesten Schüler, der sich nicht an die von ihnen vorgegebenen Regeln hält, zu verstehen geben, dass sie ihn halt schon ein bisschen weniger gut mögen als die anderen, die schön brav und fleissig sind. Und auch Eltern, die auf jeder noch so kleinen „Unzulänglichkeit“ ihrer Kinder herumhacken und ihnen nie ganz einfach unendlich viel Dankbarkeit dafür entgegenbringen, dass sie so wunderbare Wesen sind, von denen es jedes Einzelne nur ein einziges Mal auf dieser Erde gibt. Einen Menschen bedingungslos lieben, und darum geht es, bedeutet eben, auch seine scheinbaren „Fehler“, „Schwächen“ oder „Unzulänglichkeiten“ zu lieben, die ja alle Teil seiner gesamten Persönlichkeit sind.

Doch woher die Liebe holen, wenn sie nicht da ist? Das, denke ich, ist ganz einfach. Denn jeder Mensch hat sie als das grösste Geschenk, das man sich nur vorstellen kann, schon vor seiner Geburt mitbekommen. Es geht nicht darum, etwas künstlich zu schaffen, was noch nicht da wäre, da nützen auch die besten Universitäten nichts. Es geht ganz einfach bloss darum, das, was schon da ist, nicht zu verlieren. „Drei Dinge sind uns aus dem Paradies geblieben“, sagt der italienische Dichter Dante Alighieri, „Blumen, Sterne und Kinder“. Wenn wir uns dessen bewusst sind und lebenslang aus dem Paradies geborene Kinder bleiben, dann bleibt auch die Liebe in uns erhalten. Und dann, wenn auch Charlotte und alle anderen traurigen Kinder und Jugendlichen von dieser Liebe umgeben sind, brauchen sie nie mehr in eine Psychotherapiestunde mit Pfeilen, Figürchen und Kreislein zu gehen und können dennoch zu gesunden und glücklichen Menschen heranwachsen.

3sat, 22. September 2024: „Alles im Wunderland“ – eine bitterböse Schulkritik…

Peter Sutter, 27. September 2024

Selten habe ich eine so brillante und scharfsinnige Kritik am herrschenden Erziehungs- und Schulsystem angetroffen wie an diesem 22. September 2024 auf 3sat, in der Satiresendung „Die Anstalt“ zum Thema „Alles im Wunderland“ mit Max Uthoff. Im Folgenden einige zentrale Passagen aus seinen Aussagen zu den Themen Erziehung und Schule.

Diese seltsame Sucht nach mehr Autorität in der Politik, woher kommt das? Könnte es sein, dass sich da auch das Grösserwerden im eigenen Haushalt abbildet? Und zwar nicht nur in rechten Haushalten. Alice landet im Wunderland und trifft stets auf grössere Gestalten, ältere Gestalten, die sie unentwegt herabwürdigen. Was meinen Sie? Würden Sie mit einem Erwachsenen, den Sie lieben, ebenso sprechen wie mit Ihren Kindern? Würden Sie zu einem Tiefbauingenieur, mit dem Sie liiert sind, sagen: „Sei artig!“ oder „Benimm dich!“ Würden Sie einer Ärztin, mit der Sie verheiratet sind, sagen: „Das tut man aber nicht!“ oder „Da war jetzt aber jemand besonders unartig!“ Wir beugen uns von oben herab zu den Kindern und sagen ihnen, was sie zu denken und zu fühlen haben. Bizarre Feststellungen wie „Das hat doch gar nicht weh getan!“ oder „Sag mal, wie alt bist du eigentlich?“ oder „Na, wie heisst das Zauberwort?“

Immer diese vermeintliche Weisheit der weissen Königinnen und der verrückten Hutmacher, die glauben, im Recht zu sein. Einzige Begründung: Alter. Das Ansammeln von Lebensjahren reicht aus als Begründung für Zurechtweisung, wir beugen uns von oben herab zu den Kindern und beurteilen sie aus unserer Sicht, was sich Adultismus nennt, weil wir glauben, die sind noch nicht fertig, da müsse man noch herumschrauben. Aber die sind schon fertig, wir sollten sie nur in erster Linie in Ruhe lassen…

Und in der Schule geht es weiter mit den Demütigungen. Was ist eine Fünf in Mathe anders als eine Demütigung. Und Schülerinnen und Schüler, die eine bessere Note haben, freuen sich in diesem Moment ja nur, weil sie die Erwartungshaltung der Gesellschaft oder der Eltern erfüllen. Dieses permanente System der Bewertung von kleinen Menschen, nicht etwa nach Talenten, Solidarität, Kollegialität, nein, wir ersetzen die kindliche Neugierde durch formatiertes Wissen, weil wir vergessen, dass wir vor unserer Formatierung auch einmal neugierig gewesen waren. Nutzloses Wissen, dass zurecht sogleich wieder vergessen geht, weil nur Wissen, dass man intrinsisch und mit Neugierde lernt, dauerhaft bei einem bleibt. Fast das gesamte Wissen, das wir in der Schule lernen, kann man in 20 Sekunden googeln. Das Wissen der Welt verdoppelt sich alle 15 Jahre. Heute ginge es vor allem darum, zu lernen, wie man sich gewisses Wissen vom Leibe halten kann.

Immer noch beurteilen wir Schülerinnen und Schüler danach, wie gut sie gewisse Informationen abrufen können, die sie zeitlebens nie mehr brauchen werden. Und stellen Sie sich nicht vor, dass die Kinder es nicht merken. Meine jüngste Tochter kam nach Hause, da war sie in der 2. Klasse, acht Jahre alt, stellte sich vor uns hin und sagte: „Mama, Papa, die Schule steht meinem Leben im Weg.

Wenn wir unseren Kinder schon in frühen Jahren die Erkenntnis von Søren Kierkegaard vermitteln würden, der Vergleich ist das Ende des Glücks und aller Anfang der Unzufriedenheit, dann würden sie ihre Brotzeitboxen augenblicklich zusammenklappen und nach Hause gehen…

Wie sollen wir eine Demokratie mit Leben füllen, wenn alles, was wir Kindern bis zum 18. Lebensjahr zumuten, die Wahl eines Klassensprechers ist, der nichts zu entscheiden hat. Die bayrische Staatsregierung will nun vermehrt den Kindern Demokratie näherbringen, und wie machen sie es? Indem sie ihnen zusätzlich zum normalen Unterrichtsstoff jetzt jede Woche eine Viertelstunde Verfassungsgeschichte lehren. Das ist etwa so, wie wenn man jemandem das Schwimmen beibringen wollte, indem man ihm einen nassen Waschlappen ins Gesicht wirft...

Und diese lächerliche Panik, die uns immer wieder bei diesen dussligen Pisastudien erfasst. Man hat festgestellt, dass der Schüler in Mathe nicht so gut ist, und was macht man? Jetzt gibt es einfach noch mehr von diesem erfolglosen Matheunterricht, in der Hoffnung, dass noch mehr vom selben zu einem guten Ergebnis führen wird. Gekürzt wird dafür bei so „sinnlosen“ Fächern wie Kunst und Musik.

Unser Schulsystem regeneriert in seiner Mehrstufigkeit die bestehende Klassengesellschaft. Und es ist in der Benachteiligung von Menschen mit Migrationsgeschichte zutiefst rassistisch…

Der Unterricht beginnt am Morgen zu einer Zeit, da die meisten Schlafforscher noch nicht einmal ihren ersten Kaffee getrunken haben…

Es gibt weltweit keine einzige Studie, die klar belegt, dass Hausaufgaben irgendeinen pädagogischen Nutzen haben, trotzdem können wir nicht damit aufhören…

Die einzige Begründung, die uns für für den menschenverachtenden-Ellbogen-Demütigungsvergleich in Schule und Gesellschaft einfällt, ist: Es hat uns ja auch nicht geschadet. Also: Der Vergleich ist nötig, schon bei den Kleinsten, der Druck für später, denn auch für uns Erwachsene gilt: Der Vergleich ist der Schmierstoff des Systems…

Eigentlich schon verrückt, dass all dies zur besten Sendezeit über Zehntausende von Bildschirmen flimmern kann und auch das Studiopublikum begeistert mitklatscht, ohne dass es längst fällige, radikale Reformen dieses Systems auszulösen vermag, das Uthoff so meisterhaft und zutreffend kritisiert. Aber auch die Worte von Johann Heinrich Pestalozzi, des wohl berühmtesten Pädagogen aller Zeiten, der schon vor über 250 Jahren genau das Gleiche sagte – „Vergleiche nie ein Kind mit dem andern, sondern stets nur jedes mit sich selber“ – sind bisher im Leeren verhallt. Die Kräfte des Bewahrenden und die Macht der Gewohnheit müssen schon nahezu unerschütterlich übermächtig sein und zutiefst resistent gegenüber jeglicher Vernunft.

Die klein-grosse Geschichte eines Schulverweigerers, der heute Dozent an der Hochschule für Gestaltung in Luzern ist und als DER Experte für chinesische Buchkunst gilt…

Peter Sutter, 22. August 2024

Lieber Heinz. Die „Kleine Geschichte“, die du mir heute geschickt hast, ist für mich eine ganz wirklich Grosse Geschichte. Würde man das, was sich aus ihr lernen lässt, wirklich ernst nehmen, würde unser traditionelles, auf Jahrgangsklassen und Lehrpläne zugeschnittenes Schulsystem augenblicklich wie ein längst veraltetes und morsch gewordenes Kartenhaus in sich zusammenbrechen. Danke für deinen Mut und deine Konsequenz, sie sollten allen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, ein leuchtendes Vorbild sein…

Und das ist die klein-grosse Geschichte vom Schulverweigerer, der heute Dozent für Gestaltung an der Hochschule Luzern ist und als DER Experte für chinesische Buchkunst gilt:

Ende der 70er Jahre unterrichtete ich während zwei Jahren an einer Realschule in einer Vorortgemeinde von Luzern. Eine ältere Lehrerin hatte verlangt, nur noch Mädchen zu unterrichten, und das wurde ihr erlaubt. Unglaublich. Also hatte der Neue, also ich, nur Jungs. In meiner Klasse war der Christian, ein lieber Junge, aber das Schulische verweigerte er konsequent – allerdings gar nicht auf eine renitente Art. Er fragte mich einfach, ob er zeichnen dürfe, und zwar wandgross. Das erlaubte ich ihm und spannte ein grosses Papier auf. Wochenlang tat er nun nichts anderes, er zeichnete eine Schlacht, die Preussen gegen die Ulanen, Hunderte von Figuren. Als ruchbar wurde, dass bei mir einer nur zeichne, gab es natürlich Zoff mit der Schulleitung. Doch das war mir egal. Als Christian die Zeichnung fertig hatte, fragte er, ob er seine Nähmaschine in die Schule mitnehmen dürfe. Auch das erlaubte ich ihm, worauf er für etwa 30 Stofftiere Fussballtrikots nähte und dann auf grünem Stoff Matches nachstellte und diese fotografierte.

Auch nach der Zeit, während der er bei mir in der Schule war, hatte ich immer wieder Kontakt mit ihm. Und eines Tages eröffnete er mir, dass er gerne auf dem zweiten Bildungsweg das Lehrerpatent machen würde. Ich sagte ihm, dass er drauf achten müsse, dass die Prüfungskommission nicht merken würde, dass er „nur“ einen Realschulabschluss hatte. Tatsächlich schaffte er es, flog dann aber wegen seiner schlechten Französischkenntnisse hinaus. Inzwischen hatte er aber ein Diplom in Italienisch und Spanisch, was für einen Primarlehrer wohl mindestens so wichtig ist wie das Französische.

Irgendwann rief er mich an, ob er mir die Arbeiten zeigen dürfe, die er für die Aufnahme für den Vorkurs an der Schule für Gestaltung habe anfertigen müssen. Nach dem erfolgreich abgeschlossenen Vorkurs ging er zum Weiterstudium nach Dresden. Dann hörte ich lange nichts mehr von ihm und als er eines Tages wieder auftauchte, erzählte er mir, er sei vier Jahre lang in China gewesen und nun als Dozent an einer Hochschule in Dresden tätig.

Mittlerweile ist Christian 60 Jahre alt und Dozent an der Hochschule für Gestaltung in Luzern. Er sei, habe ich erfahren, DER Experte, wenn es um chinesische Buchkunst gehe.

Ich will absolut nichts für mich in Anspruch nehmen, aber manchmal frage ich mich schon, was wohl gewesen wäre, wenn ich ihn nicht so lange Zeit ausschliesslich zeichnen und nähen gelassen hätte…

Miguel und die Deutschprüfung zum Thema „Nomen“: Wenn Steine, statt sie wegzuräumen, mitten in den Weg des Lernens gelegt werden…

Peter Sutter, 22. August 2024

Der elfjährige Miguel ist vor drei Jahren mit seiner Familie aus Mexiko in die Schweiz gekommen. Jetzt ist er in der fünften Klasse. Morgen steht eine Deutschprüfung zum Thema „Nomen“ an. Wir schauen uns die Lernziele an. Er ist voller Eifer, möchte unbedingt eine gute Note machen. Akribisch notiert er sich die Tipps, die ich ihm gebe, alles in Spanisch, damit er es sich besser einprägen kann.

Eines der Lernziele lautet: Nomen mit dem richtigen Artikel versehen. Also: Was ist korrekt, „der Ball“ oder „das Ball“? Miguel fragt mich, ob es dafür eine Regel gäbe. Leider nicht, sage ich, man muss das bei jedem Wort wieder neu lernen. Es gibt keinen logischen Zusammenhang. Es ist leider auch nicht so, dass es in jeder Sprache gleich ist, im Spanischen ist es „la pelota“, also weiblich, im Deutschen „der Ball“, also männlich. Wie dumm, meint Miguel, warum haben die das nicht miteinander abgemacht, als sie die Sprachen erfunden haben, es wäre doch so viel einfacher. Enttäuscht notiert er in sein Heft „ninguna regla“ – keine Regel. Zweifellos wird er in diesem Teil der Prüfung keine hohe Punktzahl erreichen. Schlicht und einfach deshalb, weil er im Vergleich zu seinen Mitschülerinnen und Mitschülern mit deutscher Muttersprache alle diese Artikel noch viel zu wenig oft gehört hat, um diese sozusagen „automatisiert“ zu haben.

Ein weiteres Lernziel lautet, in einem Text, in dem alle Wörter mit Grossbuchstaben geschrieben sind, die Nomen zu erkennen und diese zu unterstreichen. Eine seltsame Aufgabe, denn normalerweise werden ja in einem Text nie alle Wörter mit Grossbuchstaben geschrieben. Miguel ist offensichtlich verwirrt. Wir lesen eine Beispielübung zu diesem Lernziel und ich stelle fest, dass er – völlig verständlich – die Bedeutung etwa der Hälfte der Wörter gar nicht kennt. Da kommen Wörter vor wie „nacheifern“, „unterstellen“ oder „aufgeben“, die Miguel noch nie gehört hat. Wie soll er nun in einem Text die Nomen erkennen können, wenn er so viele Wörter nicht einmal versteht? Es nützt auch nichts, wenn ich ihm die Bedeutung dieser Wörter erkläre, denn in der Prüfung werden wieder ganz andere Wörter vorkommen, die Miguel ebenfalls noch nie gehört hat. Ich erkläre ihm dann, dass man Nomen dadurch erkennt, dass man sie mit einem Artikel versehen kann. Das probiert er sogleich aus und es funktioniert tatsächlich. Weil er aber die Sätze in ihrem Gesamtzusammenhang nicht erkennt und intuitiv merkt, welches die Nomen sind, muss er nun diese Regel bei jedem einzelnen Wort ausprobieren, was äusserst zweitaufwendig ist. Wenn er das in der Prüfung so machen will, dann wird er für diese einzige Aufgabe vermutlich so viel Zeit brauchen, dass ihm für die restlichen Aufgaben kaum mehr viel Zeit zur Verfügung stehen wird.

Ein drittes Lernziel lautet, aus Adjektiven oder Verben durch Anhängen eines entsprechenden Suffixes ein Nomen zu bilden, also zum Beispiel aus „nachhaltig“ die „Nachhaltigkeit“, oder aus „üben“ die „Übung“. Wieder fragt mich Miguel nach einer Regel. Und wieder muss ich ihn enttäuschen. Es gibt keinen logischen Grund, weshalb es „Nachhaltigkeit“ heisst und nicht „Nachhaltigung“, warum „Übertreibung“ und nicht „Übertreibigkeit“. Man muss die Wörter einfach genug oft gehört haben, es muss einfach genug tief ins Ohr bzw. ins Unbewusste eingedrungen sein, anders kann es sich nicht im Gedächtnis festhalten, ganz abgesehen davon, dass Miguel ja nicht einmal weiss, was „nachhaltig“ bedeutet und es eigentlich völlig absurd ist, wenn er nur Nomen aus Wörtern bilden soll, die für ihn überhaupt keinen Sinn machen. Wieder notiert er in sein Heft „ninguna regla“ und ahnt wahrscheinlich bereits, dass er auch in diesem Teil der Prüfung nicht sehr viele Punkte erreichen wird.

Die weiteren Lernziele sind ähnlich. Wenn es keine muttersprachliche, über viele Jahre schon ab der Geburt nach und nach gewachsene Verankerung im Sprachgedächtnis gibt, kann Miguel noch so viele Regeln auswendig lernen, sich noch so sehr anstrengen – immer wird er hoffnungslos im Nachteil sein gegenüber seinen Mitschülerinnen und Mitschülern deutscher Muttersprache. Nicht weil er weniger „gescheit“ wäre, nicht weil er weniger „sprachbegabt“ wäre, nicht weil er ein schlechteres Gedächtnis hätte, sondern schlicht und einfach deshalb, weil das Deutsche nicht seine Muttersprache ist, die er schon als Baby sozusagen mit der Muttermilch in sich aufgesogen hat. Fazit: Man kann Miguel deshalb gar nicht mit seinen Mitschülerinnen und Mitschülern vergleichen, ebenso wenig, wie man eine Schnecke mit einem Hasen, ein Gänseblümchen mit einer Rose, Äpfel mit Birnen vergleichen kann.

Und doch tut man es. Miguel muss exakt die gleiche Prüfung absolvieren wie alle seine Mitschülerinnen und Mitschüler deutscher Muttersprache. Wozu? Weshalb? Und mit welchen Folgen? Mit Lernförderung hat dies nicht das Geringste zu tun. Lernförderung wäre, Miguel bei seiner individuellen Sprachentwicklung – bei der er im Übrigen innerhalb der drei Jahre, die er bisher in der Schweiz gelebt hat, schon unglaubliche Fortschritte gemacht hat – gezielt zu unterstützen, ihm dabei ganz viele positive Erlebnisse und Gefühle zu vermitteln, ihn dabei immer mehr zu stärken und ihm das Gefühl zu vermitteln, ein unglaublich begabter, intelligenter Mensch zu sein, denn das ist er zweifellos. Aber diese Deutschprüfung zum Thema „Nomen“, mit der er morgen konfrontiert sein wird, wird genau das Gegenteil bewirken. Es wird zweifellos für ihn, der doch so gerne eine gute Note schaffen würde, eine riesige Enttäuschung sein, es wird an seinem Selbstvertrauen nagen und er wird sich vielleicht sogar im schlimmsten Fall die Frage stellen, ob er vielleicht tatsächlich ein bisschen dümmer ist als Röbi, Marianne und Christine, die mit ihren Fünfeinhalbern und Sechsern erhobenen Hauptes nach Hause gehen und von ihren Eltern beglückwünscht werden, während Miguels Papa und Mama die Stirn runzeln und vielleicht nicht einmal so richtig verstehen können, weshalb Miguel keine bessere Note hätte schaffen können, auch wenn er sich noch so sehr angestrengt hätte.

Wie absurd. Lehrkräfte beklagen sich über mangelnde Deutschkenntnisse „fremdsprachiger“ Kinder. Aber sie tun alles, damit es nur noch schlimmer wird. Denn Prüfungen wie diese haben nicht den geringsten Lerneffekt, sie zerstören bloss bereits Vorhandenes. Es ist im Grunde doch völlig zweitrangig, ob es korrekt „der Ball“, „die Ball“ oder „das Ball“ heisst. Es spielt im wirklichen Leben auch nicht die geringste Rolle, ob man das Wort „Ball“ mit einem kleinen oder grossen Anfangsbuchstaben schreibt. Zu 99 Prozent ist das Wesentliche, dass Miguel weiss, was ein „Ball“ ist. Wenn er beim Spielen seinen Ball nicht mehr findet, dann zählt, wenn er das Nachbarkind fragt, ob es ihn irgendwo gesehen habe, einzig und allein, dass er dieses Wort kennt und verwenden kann, alles andere, die grammatikalische „Perfektion“, ist völlig nebensächlich – wie es auch überhaupt nicht wesentlich ist, ob man „ich bin gesessen“ oder „ich bin gesitzt“ sagt, das Entscheidende ist doch einzig und allein, dass mein Gesprächspartner versteht, was für eine Botschaft ich ihm übermitteln will – die Perfektion kommt mit der Zeit ganz von selber, so wie wir das beim natürlichen Lernen der ersten Lebensjahre beobachten können: Auch im Alter von vier oder fünf Jahren sagen viele Kinder noch „Ich bin gesitzt“ – ein oder zwei Jahre später sagt ein jedes von ihnen „ich bin gesessen“, ohne dass hierfür irgendein von aussen vorgeschriebenes „Lernziel“, eine Prüfung oder eine Note nötig gewesen wäre, sondern nur ganz einfach dadurch, dass das Kind genug oft das „Richtige“ gehört und sich dieses Richtige dadurch früher oder später „automatisiert“ hat. Und genau so lernt auch Miguel. Auch er wird eines Tages wissen, dass der Ball „männlich“ ist und die Zitrone „weiblich“ und man nicht „Nachhaltigung“ sagt, sondern „Nachhaltigkeit“. Aber hierfür bräuchte es rein gar nichts in der Art wie die Deutschprüfung, die er morgen absolvieren muss und die ihm heute schon so viel Bauchweh bereitet.

Die Schule schafft es, diesem einen Prozent Unwesentlichen gegenüber dem 99 Prozent Wesentlichen unvergleichlich viel zu viel Gewicht zu geben und damit den lernenden Kindern unnötig viel zu viele Steine in den Weg zu legen, über die sie stolpern können, statt alle diese Steine möglichst aus dem Weg zu räumen und die Flügel der Kinder, egal woher sie kommen und egal, welche Lernerfahrungen sie schon gesammelt haben, auf dem Weg ihres Lernens immer mehr zu stärken. Denn die brutale Folge ist, dass Miguel wegen der schlechten Note in der „Nomenprüfung“, die fast zwangsläufig auf ihn zukommen wird, mehr oder weniger viel von seinem Selbstvertrauen verlieren wird, sein Verhältnis zur Sprache dadurch auch mehr und mehr negativ belastet werden könnte, er auch in einer weiteren Prüfung vermutlich wieder scheitern wird und die Konsequenz von alledem darin besteht, dass er irgendwann als Schüler mit „schwachen“ sprachlichen Leistungen taxiert wird und ihm deshalb dann zahlreiche zukünftige Lern-, Entwicklungs- und Bildungswege verwehrt bleiben werden, die für andere ganz selbstverständlich sind. Nicht weil er weniger intelligent, weniger ehrgeizig, fleissig und wissbegierig wäre, sondern einzig und allein deshalb, weil er das „Pech“ hatte, erst im Alter von acht Jahren in jenes „Sprachbad“ eintauchen zu können, in dem sich alle anderen schon acht Jahre lang bewegt hatten. So absurde und lernfeindliche Dinge wie eine Deutschprüfung, bei der Kinder wie Miguel resigniert zum Schluss gelangen müssen, dass es leider „ninguna regla“ gibt, müssten für immer der Vergangenheit angehören…

(Nachtrag am 5. September 2024. Mein Brief an die Deutschlehrerin von Miguel: „Er hat sich voller Eifer auf diesen Test vorbereitet, er wollte unbedingt eine gute Note machen. Aber beim Üben wurde mir bewusst, dass dies für ihn, da ja Deutsch nicht seine Muttersprache ist, nahezu unmöglich ist. Er kennt einfach noch nicht die korrekten Artikel bzw. das Geschlecht der Nomen. Kann er auch nicht, weil es ja hierfür keine logischen Regeln gibt und er einfach, im Gegensatz zu seinen Mitschülerinnen und Mitschüler mit deutscher Muttersprache, dies noch nicht „im Ohr“ hat, noch nicht verinnerlicht hat, es noch nicht in seinem Gedächtnis verankert und in seinem Unterbewusstsein angekommen ist. Er könnte stundenlang üben, aber es würde nicht viel nützen. Das Gleiche, wenn er in einem Text, in dem alle Wörter mit Grossbuchstaben geschrieben sind, die Nomen erkennen soll. Wenn er etwa die Hälfte der Wörter gar nicht versteht und deshalb auch keinen Sinnzusammenhang hat, kann er, wiederum im Gegensatz zu seinen deutschsprachigen Mitschülerinnen und Mitschülern, nicht intuitiv erfassen, welches die Nomen sein könnten, also muss er bei jedem einzelnen Wort ausprobieren, ob man ihm einen Artikel voranstellen könnte oder nicht. Das braucht aber so viel Zeit, dass ihm dann wahrscheinlich viel zu wenig Zeit bleibt, um auch noch die übrigen Aufgaben zu bewältigen. Auch herauszufinden, wie man aus Adjektiven Nomen bilden kann, ist für ein Kind, dessen Muttersprache nicht Deutsch ist, extrem anspruchsvoll. Wenn er nicht einmal die Bedeutung des Wortes „nachhaltig“ kennt, wie soll er dann wissen, dass das zugehörige Nomen „Nachhaltigkeit“ heisst? Es könnte ja ebenso gut „Nachhaltigung“ lauten, er verfügt deshalb über keine Regel, auf die er sich abstützen kann. Bei allen Aufgaben des Tests ist das fremdsprachige Kind zum Vornherein überfordert und gegenüber den deutschsprachigen Mitschülerinnen und Mitschülern krass benachteiligt. Und so kam es, wie ich erwartet hatte: Trotz fleissigem Üben und seinem starken Willen und Ehrgeiz schaffte er nur eine 3,5, die – wie er mir sagte – viertschlechteste Note der Klasse, und war entsprechend enttäuscht. Ich habe mir dann überlegt, ob man nicht für diese Kinder einen separaten Test machen könnte, in dem sie zeigen können, was sie schon alles können und gelernt haben, und nicht damit konfrontiert werden, was sie noch nicht können und noch nicht lernen konnten. Folgende Testaufgaben könnte ich mir für anderssprachige Kinder vorstellen: Sie sollen zu vorgegebenen Nomen ein passendes Adjektiv setzen, also zum Beispiel zu „Ball“ das Adjektiv „rund“ oder zu „Haus“ das Adjektiv „hoch“. Eine andere Aufgabe könnte sein, dass sie 10 Nomen bekommen, die sie in einem Lückentext an der richtigen Stelle einsetzen müssten. Oder Sätze mit korrekten Aussagen (z.B. Viele Flüsse fliessen ins Meer) von Sätzen mit falschen Aussagen (z.B. Kieselsteine sind grösser als Berge) unterscheiden, immer mit einem ihren Möglichkeiten angepassten Wortschatz. Oder von 5 Nomen (z.B. Rose – Apfelbaum – Igel – Löwenzahn – Gras) herausfinden, welches von ihnen nicht zu den anderen vier passt. Wahrscheinlich würden sie auch dann nicht alles korrekt lösen können, aber mindestens hätten sie eine echte Chance auf eine gute Note, und das würde ihr Selbstvertrauen stärken, welches ja die wichtigste Voraussetzung ist für erfolgreiches Lernen. Mir ist völlig klar, dass es eine grosse Herausforderung für die Lehrkräfte wäre, für anderssprachige Kinder andere Prüfungen zu machen. Aber ich denke, es würde sich lohnen. Um das Selbstvertrauen dieser Kinder zu fördern, sie auf ihrem individuellen Weg des Lernens, auf dem sie nun einmal unmöglich gleich weit sein können wie ihre Mitschülerinnen und Mitschüler, welche in die deutsche Sprache von klein auf hineinwachsen konnten, zu unterstützen und zu begleiten, damit sie auf ihrem „Leiterchen“ ebenso erfolgreich in die Höhe klettern wie die anderen auf ihren „Leiterchen“. Es versteht sich von selber, dass Sie allein als einzelne Lehrerin diese Herausforderung nicht stemmen können. Aber es wäre vielleicht ein Thema im Lehrerkollegium oder anlässlich einer Weiterbildung.“)

„Neue Autorität“: Ein neuer Begriff geistert durch die pädagogische Landschaft – doch was steckt dahinter?

Peter Sutter, 29. August 2024

Voll des Lobes ist Thomas Minder, Präsident des Verbands der schweizerischen Schulleiterinnen und Schulleiter, in einem im Elternmagazin „Fritz und Fränzi“ vom 17. April 2024 veröffentlichten Artikel über die sogenannte „Neue Autorität“, mit der sich, wie es der Titel des Artikels besagt, Eltern, Lehrkräfte und ganz allgemein Erziehungspersonen wieder „Respekt“ verschaffen können, ohne sich deswegen dem Vorwurf ausgesetzt zu sehen, „autoritär“ zu sein. Die „Neue Autorität“ ist ein pädagogisches Konzept, das in den 1980er Jahren vom israelischen Psychologen Haim Omer entwickelt wurde und sich seither in der pädagogischen Fachwelt und bei zahlreichen Erziehungspersonen grosser Beliebtheit erfreut. Ein Konzept, auf das wohl all jene, die schon seit Jahren bedauern, Erwachsene verfügten, im Gegensatz zu früher, nicht mehr über genügend Wirksamkeit, um sich gegen rebellische, widerspenstige oder sonstwie „schwierige“ Kinder und Jugendliche durchzusetzen, lange schon sehnlichst gewartet hatten. Doch je näher man sich mit den Hintergründen dieser Theorie auseinandersetzt, umso erstaunter muss man feststellen, dass sich dahinter uralte, längst überholte Muster im Umgang von Erwachsenen mit Kindern und Jugendlichen verbergen und bloss, in ein „modernes“ Kleid verpackt, dadurch etwas harmloser erscheinen sollen. Alter Wein in neuen Schläuchen…

„Oft ist zu hören, dass Kinder den Erwachsenen nicht den nötigen Respekt zollen“, so ist im ersten Abschnitt des Artikels zu lesen. Und damit ist von Anfang an schon die falsche Spur gelegt und man wird wieder gedanklich in frühere, angeblich bessere Zeiten zurück katapultiert, als die Welt eben noch in „Ordnung“ war und Erwachsene über genügend Respekt verfügten, um ihre Vorstellungen von Moral und „richtigem“ Verhalten bei ihren Kindern bzw. Schülerinnen und Schülern durchzusetzen. Doch müsste es eigentlich schon längst allgemeines Gedankengut sein, dass man so etwas wie Respekt nur erwarten darf, wenn man ihn gegenüber anderen ebenso konsequent an den Tag legt. Respekt darf nie etwas Einseitiges sein, und schon gar nicht so etwas wie ein „Recht“, über das ältere Menschen gegenüber jüngeren verfügen, bloss weil sie älter sind. Es gibt keinen einsichtigen Grund dafür, dass Erwachsene Kindern und Jugendlichen nicht genau den gleichen Respekt entgegen bringen sollten, den sie auch von diesen gegenüber ihnen erwarten. Im Gegenteil: Etwas glaubwürdig vertreten kann man nur, wenn man es mit dem eigenen Beispiel vorlebt. Nicht nur Kinder und Jugendliche können von Erwachsenen etwas lernen, genau so vieles und genau so Wichtiges können auch Erwachsene von Kindern und Jugendlichen lernen. Wo immer der Altersunterschied zwischen Kindern und Erwachsenen dazu missbraucht wird, dass die einen über die anderen Macht ausüben, dadurch besondere Privilegien geniessen und im Zweifelsfall immer Recht haben, ist es eine Verletzung elementarer Menschenrechte. Nähme man das ernst, müsste kein Mensch mehr von „neuer Autorität“ sprechen, man könnte sich diesen ganzen Artikel ersparen und auch die gesamte dahinter steckende Theorie.

„Man kann nur auf Menschen einwirken“, so ist im Weiteren zu lesen, „mit denen man eine Beziehung pflegt.“ Darum sei es so schwierig, einer unbekannten Person, die sich im öffentlichen Raum nicht gebührend verhält, zu sagen, sie solle mit dem störenden Verhalten aufhören: „Folglich müssen wir in den Schulen stetig an der Beziehung zu unseren Schützlingen arbeiten.“ Wieder wird unhinterfragt davon ausgegangen, „nicht gebührendes und störendes Verhalten“ sei ausschliesslich den jüngeren Menschen, in diesem Falle den Schülerinnen und Schülern, zuzuschreiben, und es sei deshalb ausschliesslich die Pflicht der Erwachsenen bzw. der Lehrpersonen, gegen solches „Fehlverhalten“ einzuschreiten. Kein Wort davon, dass auch Erwachsene und selbst Lehrpersonen durchaus in gewissen Situationen „ungebührendes und störendes“ Verhalten an den Tag legen können, und zwar immer dann, wenn sie die Kinder und Jugendlichen nicht respektvoll behandeln bzw. ihre Privilegien als sozusagen öffentliche „Erziehungspersonen“ in Form von Zurechtweisungen, Moralisieren oder gar irgendwelchen Strafmassnahmen missbrauchen. Und ebenfalls kein Wort davon, dass die sogenannte „Widerspenstigkeit“ oder das sogenannte „Fehlverhalten“ von Kindern und Jugendlichen meist nichts anderes ist als eine natürliche Reaktion auf Bevormundung, Fremdbestimmung oder Machtdemonstration seitens der Erwachsenen, gegen die sich die jungen Menschen gar nicht anders wehren können als durch „Frechheit“ oder „Ungehorsam“. Trügerisch ist auch die Verknüpfung mit dem Begriff der „Beziehung“. Persönliche „Beziehung“ soll also dazu dienen, dem jungen Menschen das „richtige“ Verhalten beizubringen. Dabei beruhen echte menschliche Beziehungen stets auf Gegenseitigkeit und schliessen das Durchsetzen von Machtinteressen der einen gegen die andere Seite zum Vornherein aus. Ins Auge sticht auch das Wort „Schützling“, das man früher meist im Zusammenhang mit „Mündel“ und „Schutzbefohlenen“ verwendete und damit meinte, einzig die für sie verantwortliche Erziehungs- bzw. Autoritätsperson wisse, was für diese gut sei und was nicht.

Einen wichtigen Teil der Zielsetzungen der „Neuen Autorität“ bildet die Forderung nach dem Aufbau von Netzwerken, in denen sich Lehrpersonen und Eltern verbinden und gegenseitig unterstützen sollten, um geeint auftreten und die „notwendigen Veränderungen so lange einfordern zu können, bis die Veränderung eintritt“, denn als „Einzelperson“ sei man meistens überfordert. „Ein starkes Team“, so Minder, „ist hilfreich, die gemeinsame Haltung und die verbindenden Werte sind ein starkes Signal, das nach aussen wirkt, uns als Lehrerteam aber auch intern stärkt.“ Kein Wort davon, dass eigentlich vor allem auch die Kinder und Jugendlichen auf Netzwerke und gegenseitige Unterstützung angewiesen wären, da ja gerade sie als „Einzelpersonen“ möglichem Machtmissbrauch seitens von Erwachsenen in hohem Masse schutzlos ausgeliefert sind – man denke nur an die immer noch in vielen Schulen weit verbreiteten, oft völlig überrissenen Strafmassnahmen nur schon wegen geringster „Vergehen“, an das totale Ausgeliefertsein der Kinder und Jugendlichen an ausschliesslich von Erwachsenen vorgegebene Lehrpläne und schulische Inhalte oder, als besonders krasses Beispiel, an den schon fast als „normal“ akzeptierten Machtmissbrauch seitens von Trainerinnen und Trainern im Spitzensport. Nicht nur im Zusammenhang mit der „Neuen Autorität“, sondern ganz allgemein ist gerade aus Lehrerteams immer wieder zu hören, es sei wünschbar, dass „alle am gleichen Strick ziehen.“ Wenn man sich das dann aber konkret vorstellt, gibt das kein schönes Bild. Denn der „Strick“, an dem Lehr- und Erziehungspersonen gemeinsam ziehen, wird nicht selten zu einem Strick, dessen anderes Ende sich um den Hals der Kinder legt, und je fester das „Erziehungsteam“ daran zieht, desto grösser ist die Gefahr, dass die Kinder dadurch in ihrer Gedanken- und Bewegungsfreiheit unnötig eingeschränkt werden. Ganz abgesehen davon, dass ein Lehrerteam, bei dem alle gleich denken und handeln, nicht gerade das adäquate Abbild einer demokratischen Gesellschaft ist, in der es nun mal ganz unterschiedliche, sich gelegentlich auch gegenseitig widersprechende Ansichten über Erziehung, Moral und Wertesysteme gibt, die man nicht unterdrücken oder gar ausschliessen, sondern vielmehr in einen gemeinsamen fruchtbaren Dialog bringen sollte.

Geradezu zynisch wird es, wenn sich die „Neue Autorität“ auf den sogenannten „gewaltfreien Widerstand“ und dessen berühmtesten Repräsentanten, nämlich Mahatma Gandhi, beruft. Es braucht schon ein ungeheures Mass an Geschichtsblindheit, den „Kampf“ von Erziehungspersonen für das moralische „Wohlverhalten“ von Kindern und Jugendlichen auch nur im Entferntesten mit dem Kampf Gandhis gegen die britische Kolonialherrschaft zu vergleichen. Als wären Kinder und Jugendliche Inbegriffe des Bösen oder geradezu Monster, die man nicht anders bezwingen kann als durch beharrliche „Befehlsverweigerung“ und zivilen Ungehorsam oder, wie es im vorliegenden Artikel von Thomas Minder auf den Punkt gebracht wird: „Wir geben nicht auf, wir sind da und gehen nicht weg, selbst dann nicht, wenn es schwierig wird.“ Auf diese Weise wird die Realität nicht nur ausgeblendet, sondern geradezu in ihr Gegenteil verkehrt: Der „passive Widerstand“ von Lehrpersonen gegenüber Kindern dient ja nicht dazu, bestehende Machtverhältnisse zu beseitigen, sondern, im Gegenteil, dazu, sie zu verfestigen, zu zementieren und obendrein zu legitimieren, nur eben mit „moderneren“ Mitteln, die in der heutigen Zeit eher akzeptiert werden als der frühere Prügelstock und die frühere Schamecke. Für die Kinder aber wird es dadurch noch schwieriger, sich gegen ungerechtfertigten Machtmissbrauch seitens der Erwachsenen zu wehren: Es ist viel einfacher, sich gegen einen Lehrer zu wehren, der Ohrfeigen verteilt, weil das Kind da nämlich in aller Regel die Eltern und sogar das Gesetz auf seiner Seite hat. Ungleich aber viel schwieriger ist es, sich gegen den Machtmissbrauch eines sanft lächelnden und scheinbar „liebevollen“ Lehrers zu wehren, der seine Machtstellung auf ganz feine, subtile, geradezu unsichtbare Weise ausübt, nur schon dadurch, dass er den umfassenden Repressionsapparat des bestehenden Schulsystems nie grundsätzlich in Frage stellt und damit das pure Gegenteil dessen verkörpert, wofür Mahatma Gandhi ein Leben lang kämpfte.

Man hätte es eigentlich viel einfacher haben können als durch diesen Rückgriff auf die scheinbar „zeitgemässen“ Theorien eines israelischen Psychologen, hinter denen sich nun all jene bequem verstecken können, die immer noch nicht eingesehen haben, dass „Erziehung“, auch wenn sie noch so gut gemeint ist, nie etwas zu tun haben darf mit der Durchsetzung und Aufrechterhaltung bestehender Machtverhältnisse seitens Erwachsener gegenüber Kindern und Jugendlichen, auch und gerade wenn diese noch so subtil und scheinbar „liebevoll“ daherkommen. Statt Haim Omer würde man gescheiter wieder einmal den guten alten Johann Heinrich Pestalozzi lesen. Der wusste nämlich schon vor über 250 Jahren, dass nur die echte, bedingungslose und zweckfreie Liebe zählt und dass die Aufgabe der Erwachsenen nicht darin bestehen darf, die Kinder auf irgendeinen scheinbar „richtigen“ Weg zu ziehen, sondern einzig und allein darin, mit ihnen gemeinsam diesen Weg zu gehen, beständig gegenseitig voneinander zu lernen und, statt „widerspenstige“, „ungehorsame“ oder „freche“ Kinder mit allen Mitteln anpassen und zurechtbiegen zu versuchen, gerade sie in ganz besonderem Masse als Chance zu erkennen, Seite an Seite mit ihnen die Welt jeden Tag ein bisschen neu kennenzulernen und ein bisschen besser, schöner und friedlicher zu gestalten…