Was geschieht, wenn Bibeltreue und Bibelkritische, evangelikal und liberal Denkende, Agnostiker, Katholikinnen, Reformierte und ein Gymnasiast, der nur das glaubt, was sich wissenschaftlich beweisen lässt, am gleichen Tisch sitzen? Die Antwort gab das Buchser Montagsgespräch vom 9. März zum Thema «Christ sein in der heutigen Zeit»: eine höchst spannende und vielseitige Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Lebensgeschichten und ihrem Bezug zu Glauben, Religion und Christentum.
Schon die eingangs gestellte Frage betreffend das eigene Glaubensverständnis weckte unterschiedlichste Aussagen wie etwa «Für mich ist das Wichtigste, dass ich mein Leben Jesus anvertraut habe», «Für mich war das Schlüsselerlebnis, als ich im Alter von 33 Jahren Gott entdeckte», «Für mich steht im Mittelpunkt, dass Gott mich sieht und mich so annimmt, wie ich bin», «Ich spüre Gott vor allem angesichts des Wunders der Schöpfung», «Ich kann mir vorstellen, dass es früher einmal einen Gott gab, aber ich weiss nicht, ob es ihn immer noch gibt», «Mein Lebensziel besteht darin, in den Himmel zu kommen», «Mir hilft die Bibel zu einem guten Leben» oder «Meine Zweifel rühren daher, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass Gott allmächtig ist und gleichzeitig so viel Leid auf der Erde zulässt».
Bei der Frage, ob das Christentum die einzige «wahre» Religion sei, gingen die Meinungen stark auseinander. Einige äusserten die Überzeugung, jedes in der Bibel geschriebene Wort sei unmittelbar von Gott inspiriert, andere vertraten die Ansicht, es handle sich bloss um ein «Menschenwerk», geprägt durch den damaligen Zeitgeist. Auch wurde intensiv diskutiert, wodurch sich ein «guter Christ» auszeichne. Sollte er zum Beispiel immer nachgiebig sein alles verzeihen? Nein, meinte ein Diskussionsteilnehmer, darauf hinweisend, dass selbst Jesus zornig und mit heftigen Worten die Geldwechsler, die im Tempel ihre üblen Geldgeschäfte trieben, aus der heiligen Stätte fortjagte und ihnen vorwarf, sie würden sich zwar als Gläubige bezeichnen, ihr Handeln zeige aber das Gegenteil.
Wird, wie man oft hört, die Welt vom «Bösen» oder gar vom «Teufel» beherrscht? Nein, so mehrere der Anwesenden, es gäbe auch viel Gutes und es läge an jedem Einzelnen, die Welt ein bisschen besser zu machen. Wichtig sei für sie vor allem, so eine der Diskussionsteilnehmerinnen, ein positives Menschenbild, das sich nicht an den Schwächen der Menschen, sondern an ihren Stärken orientiere, an ihrem Potenzial zu Solidarität, Mitgefühl und Nächstenliebe.
Viele Wege führen nach Rom. Mit dieser bekannten Redewendung könnte man dieses Montagsgespräch wohl am besten zusammenfassen: Nichts ist in Stein gemeisselt, religiöse Überzeugungen und religiöses Handeln entwickeln sich individuell, je nach der persönlichen Lebensgeschichte. Deshalb, so ein Theologe in der Runde, sei gegenseitige Toleranz so wichtig: «Am meisten stört mich, wenn mir jemand meinen Glauben abspricht, nur weil ich ein bisschen anders glaube als er.»