Peter Sutter, 6. August 2026

Ceuta ist eine spanische Enklave in Nordafrika, an der Grenze zu Marokko. Seit 1993 ist Ceuta durch einen 24 Kilometer langen Grenzzaun von Marokko abgetrennt, um Flüchtlinge aus Afrika an dieser Stelle von einem Zutritt zu spanischem Territorium und damit zur EU abzuhalten. Dennoch gelang Einzelnen immer wieder die Flucht, oft waren es auch Hunderte zugleich, so etwa im Oktober 2005, als an einem einzigen Tag mehrere hundert Menschen versuchten, den Grenzzaun zu überwinden, worauf spanische Grenzwächter mit Gummigeschossen und marokkanische Soldaten mit scharfer Munition auf die Menschen schossen – mindestens acht Menschen starben, zahlreiche wurden verletzt. Danach wurde der Zaun von drei auf sechs Meter erhöht. Er besteht aus sogenanntem „NATO-Draht“, dessen rasiermesserscharfe Schneiden stärkere Verletzungen verursachen als gewöhnlicher Stacheldraht. Dennoch schafften es auch in der Folge immer wieder Geflüchtete, hauptsächlich Männer aus Subsahara-Afrika, auf europäisches Territorium zu gelangen, so zum Beispiel Ende Juli 2018 bei einem Massenansturm von über 800 Geflüchteten, denen es gelang, Löcher in den Grenzzaun zu schneiden – gegen die Polizisten, die sie daran zu hindern versuchten, setzten sie selbergebastelte Flammenwerfer ein.
Am 30. Juli 2026 erreichen die Fluchtversuche von Marokko nach Ceuta eine neue Dimension. Innerhalb von 24 Stunden landen rund 72’000 Geflüchtete in Ceuta, dieses Mal aber nicht über den Grenzzaun, sondern schwimmend, auf dem Weg vom marokkanischen Festland bis an die Küste der spanischen Enklave – rund 90 von ihnen kommen dabei ums Leben. Die Aufnahmezentren sind total überlastet, die meisten der Angekommenen, darunter viele Minderjährige, zahlreiche von ihnen ohne Eltern, müssen im Freien übernachten und bekommen nichts zu essen und zu trinken, weshalb die meisten schon bald nach Marokko zurückzukehren beginnen, bis nur noch ca. 2000 von ihnen in Ceuta verbleiben. Vermutet wird, dass dieser plötzliche Massenansturm die Folge eines vom Obersten Gerichts in Madrid am 16. Juni 2026 gefällten Entscheides gewesen sein könnte, wonach Flüchtlinge, die Ceuta schwimmend erreichen, nicht abgewiesen werden dürften, da sie nicht gewaltsam die spanische Grenze zu überwinden versucht hätten, ein Gerichtsentscheid, der sich wahrscheinlich in der Folge in den sozialen Medien verbreitet und bei den sodann Geflüchteten die Hoffnung ausgelöst hatte, auf diesem Weg den Zugang nach Europa zu erlangen.
Am 4. August 2026 berichtet die Tagesschau des Schweizer Fernsehens SRF über die „Lehren, die aus dieser Krise gezogen wurden.“ Wer nun erwartet hätte, dass aufgrund dieses aussergewöhnlichen und aufsehenerregenden Ereignisses, das mit den Bildern tausender schwimmender und die Küste Ceutas hochkletternder Menschen sämtliche Medien tagelang beherrscht hatten, eine umfassende Diskussion über die wirtschaftlichen und sozialen Ursachen von Migration ausgelöst worden wäre, und wer die Hoffnung gehabt hätte, man würde nun – als „Lehre, die aus dieser Krise gezogen wird“ – gemeinsam Lösungen suchen, die bei den Grundursachen ansetzen und sich nicht einfach auf reine Symptombekämpfung beschränken, sieht sich schnell eines Besseren belehrt…
Bei der Konferenz der EU-Innenministerinnen und -minister, die als Folge des Flüchtlingsansturms auf Ceuta einberufen wurde, sei es, so hören wir, in erster Linie darum gegangen, „die hohen Wogen zu glätten“. Dazu der Kommentar der Nachrichtensprecherin…
„Nachdem die EU-Länder im Vorfeld nicht mit gegenseitigen Vorwürfen gespart haben, zeigt man sich jetzt, nach Abschluss der Online-Konferenz der europäischen Innenministerinnen und -minister, wieder viel geeinter und wertet die Ereignisse inzwischen als Bewährungsprobe für den Schutz der europäischen Aussengrenze, sodass insgesamt eine positive Bilanz gezogen werden kann.“
Eingeblendet wird EU-Migrationskommissar Magnus Brunner…
„Das System hat funktioniert. Ich denke, Europa hat diese Prüfung vorerst bestanden. Es gelang niemandem, in den Schengenraum einzureisen. Und die Sicherheitslage an der Grenze wurde schnell geklärt. Jetzt kommt es darauf an, dass die EU geschlossen handelt und die richtigen Schlüsse aus diesen Ereignissen zieht.“
Weiter erfährt man, dass die Regierung in Madrid alle Vorwürfe zurückweist, wonach der Schengenraum durch dieses Ereignis gefährdet gewesen sei. Die EU-Innenministerinnen und -minister würden nun die „notwendigen Konsequenzen ziehen, die Aussengrenzen besser schützen“ und „soziale Medien verstärkt auswerten“, um „neue Migrationsbewegungen frühzeitig zu erkennen.“
Jetzt kommt SRF-Korrespondent Matthias Strasser zu Wort…
„Ceuta hat in der EU politische Gräben sichtbar werden lassen, Gräben, die bewusst ausgehoben worden sind, allen voran von der italienischen Ministerpräsidentin Georgia Meloni. Und auch wenn sich die Europäische Kommission und die irische Ratspräsidentschaft inzwischen um versöhnlichere Töne bemühen, ist der Schaden dennoch angerichtet, denn die EU-Mitgliedstaaten haben eindeutig gezeigt, dass sie in der Migrationspolitik gar nicht an einem Strang ziehen wollen, wenn sie unter Druck kommen. Das haben auch jene Kräfte sehr gern registriert, die Europa mit Migration unter Druck setzen wollen.“
Die TV-Sprecherin bringt schliesslich noch Bundesrat Beat Jans ins Spiel und fragt sich: „Wie betroffen von diesem Ereignis ist die Schweiz und wie betroffen ist der Bundesrat?“
Beat Jans äussert sich…
„Mir ging es wie wahrscheinlich allen, ich war schockiert durch diese Bilder. Das Leid, das ausgelöst wurde dort, ist schrecklich, unerträglich, so etwas darf nie mehr passieren. Zum Glück haben Spanien und die ES-Agenturen entschlossen gehandelt, die Situation ist wieder unter Kontrolle, fast alle sind wieder zurück nach Marokko. Die gute Nachricht für die Schweiz ist, dass es zu keinem Zeitpunkt Hinweise gab, dass bei uns die irreguläre Einwanderung oder die Asylzahlen in die Höhe gehen würden, wir haben das sehr gerne beobachtet. Es gab zu keinem Zeitpunkt zusätzlichen Handlungsbedarf.“
Soweit also die Tagesschau des Schweizer Fernsehens vom 4. August 2026…
Noch einmal, von vorne. 72’000 Menschen hatten für eine kurze Zeit die Hoffnung auf ein besseres Leben. Mit leeren Bäuchen sind sie stundenlang geschwommen, haben gegen die Wellen angekämpft, Männer, Frauen, Kinder. Neben den Lebenden trieben im Wasser die Toten. Mindestens 88, vermutlich aber noch viele viele mehr, ungezählt, weggeschwemmt, namenlos. Und dann rennen sie die Küste hoch, und dann stehen überall Polizisten und Soldaten. Und die Bäuche sind immer noch leer. Sieben- und achtjährige Kinder, ohne Eltern, legen sich irgendwo in der Dunkelheit schlafen. Der Schmerz in den leeren Bäuchen wird grösser und grösser. 72’000 Träume zerplatzen, bevor sie überhaupt erst angefangen haben. Bald werden auch die noch die letzten 2’000 verschwunden sein. Vergessen für immer.
Die Bilder. Das Leiden. Der Schmerz in den leeren Bäuchen. Dies alles könnte endlich die so lange verdrängte Frage wieder aufwerfen, weshalb so viele Menschen weltweit auf der Flucht sind, rund 125 Millionen, mehr denn je, und das sind bloss die offiziell registrierten – von allen anderen Abermillionen gar nicht zu reden, die zwischen Ländern hin- und herfliehen, je nachdem, wo gerade der Krieg und der Hunger und die Dürre und die Menschenjäger am schlimmsten wüten, bis sie todkrank, todmüde oder gestorben irgendwo liegen bleiben, namenlos, für immer vergessen.
Die Frage, wie gross die Verzweiflung sein muss, bis ein Mensch versucht, einen sechs Mutter hohen Zaun zu überwunden aus messerscharfem Stahl, der schon bei der kleinsten Berührung tiefst schmerzende Wunden aufreisst.
Die Frage, wo diese 72’000 Menschen mit ihren zerbrochenen Lebensträumen nächste Woche, übernächste Woche sein werden, wo sie schlafen werden, all die sieben- und achtjährigen Buben und Mädchen ohne Eltern, wer sich um sie kümmern wird, ob ihnen jemand etwas zu essen und zu trinken geben wird, eine Decke in der Nacht, wenn sie frieren, oder vielleicht sogar ein Bett, und wer sich ihrer Verletzungen annehmen wird, oder ob sie überhaupt noch leben werden…
Die Frage, wie das sogenannte „Migrationsproblem“ wirklich nachhaltig gelöst werden könnte, statt bloss die schlimmsten Auswüchse zu bekämpfen. Denn solange das Wohlstandsgefälle zwischen reichen und armen Ländern so gross ist und immer noch grösser wird, solange so viele Kriege wüten, die bloss den Interessen der Rüstungskonzerne und ihrer Aktionäre dienen, solange die kolonialistische Ausbeutung ungehindert weitergeht, solange Bodenschätze, Rohstoffe und Nahrungsmittel weiterhin den Ländern des Globalen Südens entrissen und in die immer exorbitanteren Profite multinationaler Konzerne umgewandelt werden und solange infolge des kapitalistischen Wachstumswahns die Klimaerhitzung immer weiter vorangetrieben und immer grössere Regionen unbewohnbar werden, solange werden Menschen aus den benachteiligten Ländern und Regionen des Südens und des Ostens auch nicht aufhören, ihr Glück in den bevorzugten und privilegierten Ländern und des Westens zu suchen, egal wie dicke Mauern, wie tiefe Gräben und wie hohe Grenzzäune dazwischen aufgebaut werden.
Doch statt diese Fragen endlich anzupacken, werden sie weiterhin systematisch verdrängt. Hauptsache, wir haben alles „im Griff“.
Für EU-Migrationskommissar Magnus Brunner hat das System „funktioniert“. Was für eine Leistung. Man gibt Menschen tagelang nichts zu essen und zu trinken und dann suchen sie sich einen anderen Ort, wo sie wahrscheinlich auch kaum etwas zu trinken und zu essen bekommen, aber vielleicht nicht gerade überhaupt nichts. „Hurra, es funktioniert!“, frohlockt ein dickbeleibter EU-Kommissar, der wahrscheinlich in seinem ganzen bisherigen Leben noch nie auch nur einen Tag lang zu wenig zu essen hatte. Aber das Ganze ist für ihn ja sowieso nur eine „Prüfung“. Wahrscheinlich haben die 72’000 Verzweifelten das Ganze bloss inszeniert, um zu „prüfen“, wie gut die europäische Asylgesetzgebung „funktioniert“. Schön, dass sich Magnus Brunner nun wünscht, die EU möge „aus diesen Ereignissen die richtigen Schlüsse ziehen.“ Das wünschte ich mir auch…
SRF-Korrespondent Matthias Strasser, wahrscheinlich auch einer, der noch nie Hunger hatte, spricht von den „politischen Gräben“ in der EU. Er würde gescheiter von den Gräben zwischen den reichen und den armen Ländern sprechen, von den Gräben zwischen Reichtum und Armut. Diese „Gräben“ innerhalb der EU, behauptet er, seien von der italienischen Ministerpräsidentin Georgia Meloni aufgerissen worden, bloss bleibt er dem verdutzten TV-Publikum jede Erklärung schuldig, was für Gräben das sein sollen und wie und warum Meloni sie aufgerissen haben sollte. Wie gut Strasser darin ist, Behauptungen in den Raum zu stellen, ohne irgendwelche Begründungen hierfür zu liefern, zeigt sich auch in seiner zweiten Behauptung, wonach es „Kräfte“ geben solle, die „Europa mit Migration unter Druck setzen wollen“. Ob er wohl an all die Rüstungs-, Rohstoff- und Nahrungsmittelkonzerne denkt, welche wesentlich mitschuldig daran sind, dass in vielen Ländern die Lebensverhältnisse so katastrophal sind, dass die Menschen gar keine andere Wahl haben, als in einem fernen Land eine bessere Zukunft zu suchen?
Den Gipfel aber setzt Bundesrat Beat Jans obendrauf. Er sei durch diese Bilder „schockiert“ gewesen, wie auch durch das „Leid, das dort ausgelöst wurde.“ Das muss ich drei Mal lesen und verstehe es immer noch nicht. Was für ein Leid wurde dort „ausgelöst“? Die nächsten Sätze bringen dann eine gewisse Klarheit. Dieses Leid sei so „schrecklich“ und „unerträglich“ gewesen, dass so etwas „nie mehr passieren dürfe“. Aha, er meint offensichtlich das Leid, das diese Bilder der EU und uns Menschen in Europa zugefügt haben sollen. Das dürfe nie mehr passieren, mit anderen Worten: Nie mehr dürften einfach so innerhalb von 24 Stunden 72’000 Menschen aus Afrika nach Europa kommen. Dieses „Leid“ müsse uns Europäern fortan erspart bleiben. Doch „zum Glück“, so Jans, habe Spanien richtig reagiert, und für die Schweiz hat er sogar „gute Nachrichten“: Zu keinem Zeitpunkt habe es Hinweise gegeben, dass „bei uns die irreguläre Einwanderung oder die Asylzahlen in die Höhe gehen würden, wir haben das sehr gerne beobachtet. Es gab zu keinem Zeitpunkt zusätzlichen Handlungsbedarf.“ Hurra! Das passt ja ausgezeichnet zu seinem im November 2024 öffentlich abgegebenen Statement, wonach die Schweiz mittlerweile „bei Ausschaffungen von Asylsuchenden europaweit führend“ sei, aber es immer „noch nicht genug“ sei. Hauptsache, es gibt nie „zusätzlichen Handlungsbedarf“. Auch nicht, wenn zu den bereits weltweit genug zahlreichen Hungerkrisen noch ein paar weitere dazukämen. Hauptsache, der Schweizer hat immer noch seine Bratwurst auf dem Teller.
Weshalb kommen in der Tagesschau des Schweizer Fernsehens eigentlich nur Politiker zu Wort, und nur solche aus europäischen Regierungen oder EU-Kommissionen, allenfalls noch ein Mainstream-Journalist? Weshalb kommt niemand von denen zu Wort, die von alledem ganz direkt und am schmerzlichsten betroffen sind? Warum gibt es keine Interviews mit geflüchteten Kindern, die ohne ihre Eltern in Ceuta gelandet sind oder vielleicht überhaupt keine Eltern mehr haben? Warum gibt man auch Vertretern von Hilfswerken, Flüchtlingsorganisationen oder beispielsweise dem Roten Kreuz keine Stimme? Ich könnte mir vorstellen, dass es in jedem europäischen Land nebst jenen, die eine möglichst harte und kompromisslose Haltung gegenüber Flüchtlingen befürworten, auch Menschen gibt, die sich für eine möglichst menschenwürdige Asylpolitik einsetzen und durchaus bereit wären, auch einen höheren Anteil von Flüchtlingen an der Gesamtbevölkerung in Kauf zu nehmen, selbst wenn sie selber hierfür auf einiges verzichten müssten – weshalb sieht und hört man in Nachrichtensendungen wie dieser ganz und gar nie etwas davon?
Aber jetzt ist ja alles wieder gut. Wir haben wieder alles im Griff. Die EU hat auch diesen Härtetest erfolgreich bestanden und wird das mit vereinten Kräften auch in Zukunft immer wieder schaffen. Es herrscht wieder der „Normalzustand“. Und wir können wieder ruhig schlafen. Denn keine Angst. Der tägliche Tod, der an allen anderen Fronten weitergeht, wird kaum jemals jene Schlagzeilen und Bilder liefern, wie man sie in den Tagen nach dem 30. Juli 2026 weltweit sehen konnte und wie wir sie, wie Bundesrat Jans überzeugt ist, auch nie mehr sehen werden. Der Tod geht ab jetzt wieder ganz still und unbesehen von der Öffentlichkeit seinen Gang. Mit jedem kleinen Fischerboot, das bei der Überfahrt über das Mittelmeer, von Westafrika nach den Kanarischen Inseln oder im Ärmelkanal zwischen Frankreich und England kentert und unzählige namenlose Tote auf den Meeresgründen hinterlässt, an die sich niemals mehr irgendwer erinnern wird. Mit jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind, das von den kroatischen Grenzpolizisten mit ihren Bluthunden nach Bosnien zurückgeprügelt wird und dort dann mit gebrochenen Armen und Beinen mitten in einem undurchdringlichen Wald, ohne Wasser, ohne Nahrung, liegenbleibt, vergessen, verloren für immer. Mit jeder Frau und mit jedem Mädchen, das an der Grenze zu Belarus von polnischen Grenzwächtern oder militanten Schlägertrupps, welche heimlich mit ihnen kooperieren, brutalst vergewaltigt und dann an einen weit abgelegenen, von niemandem erreichbaren Ort hingeworfen wird, als wäre es ein Knochen, den man nach dem Festmahl den Hunden zum Frass vorwirft. Mit jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind, das, in Bussen oder Lieferwagen eng ineinandergepfercht, mit verbundenen Augen an die tunesisch-libysche Grenze gekarrt und dort in die glühendheisse Wüste geschickt wird, aus denen nur die wenigsten jemals lebend zurückkehren werden – alles gesponsert von der EU im Rahmen des Frontex-Grenzschutzes, von dem EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, bezugnehmend auf die „exzellente tunesisch-europäische Zusammenarbeit“, einmal voller Stolz sagte, dass es sich hierbei um ein ganz besonders „menschliches und vorbildliches“ Beispiel in der Kooperation zweier Kontinente handle.
Du kannst in der TV-Tagesschau 72’000 Menschen sehen, die um ihr Leben schwimmen, und trotzdem nicht das Geringste empfinden. Wenn du aber nur eine einzige dieser 72’000 Geschichten wirklich kennen würdest, könntest du nächtelang kein Auge mehr zutun. So wie diese Familie mit ihrem winzigen Haus in Ceuta, ein kurzes Aufleuchten von Menschlichkeit, bevor wieder alles im Dunklen versank. An der Türschwelle dieses Häuschens sass ein etwa siebenjähriger Bub, der bitterlich weinte. Unterwegs auf dem Meer hatte er seine Schwester verloren, seine Eltern waren schon lange zuvor gestorben. Diese Familie hätte ihm in ihrem Häuschen gerne einen Platz gegeben und für seinen Lebensunterhalt gesorgt. Aber das geht in Ceuta nicht. Flüchtlingen zu helfen ist verboten. Hätten sie ihn aufgenommen, wären sie im Gefängnis gelandet.
(Nachtrag am 3. August. Mittlerweile kursieren verschiedene Erklärungsversuche, weshalb plötzlich innerhalb so kurzer Zeit so viele Menschen aus Marokko nach Ceuta flüchteten. Eine mögliche Erklärung lautet, der Entscheid des obersten spanischen Gerichtshofs vom 16. Juni 2026, wonach Geflüchtete, die über den Seeweg spanisches Territorium erreichen, nicht sofort zurückgeschickt werden dürften, könnte ein falsches Signal ausgelöst haben – falsch deshalb, weil eine Ankunft in Ceuta nicht automatisch den Zugang zu einem europäischen Land bedeutet, denn ohne Visum kommt kein einziger Migrant aus Ceuta auf das europäische Festland. Eine andere Erklärung besagt, dass der wenige Tage zurückliegende Besuch von Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez beim Erzrivalen Algerien die marokkanische Regierung zu einer Vergeltungsaktion bewogen haben könnte. Beide Erklärungsversuche werfen indessen nur weiteres Licht auf die hoffnungslose und verzweifelte Lage jener Menschen, die keinen Moment zögerten, auch noch den letzten Funken Hoffnung auf ein besseres Leben blindlings zu ergreifen, ohne sich im Entferntesten bewusst zu sein, dass sie vielleicht bloss als Spielball divergierender Staats- und Machtinteressen dienen könnten. Bezeichnend ist auch, dass am Ende mit Spanien vor allem jenes Land am Pranger steht, welches als zurzeit einziges europäisches Land den Mut gezeigt hat, von Grund auf neue Wege im Umgang mit Migrantinnen und Migranten zu suchen, indem diese nicht mehr vor allem verfolgt, kriminalisiert und vertrieben werden, sondern die Chance bekommen, aus der Illegalität in die Legalität aufzutauchen und einer regulären Beschäftigung nachzugehen, was nicht nur diesen selber, sondern auch ihrem Aufnahmeland in jeglicher – gesellschaftlicher wie auch ökonomischer – Weise zweifellos zugute kommt. Doch statt sich an Spanien ein Vorbild zu nehmen, haben 22 der 27 Staats- und Regierungschefs der EU der spanischen Regierung gemeinsam einen Brief geschrieben, in dem das Verhalten Spaniens inbezug auf die Massenflucht nach Ceuta unverhohlen kritisiert wird. Wie gut, haben alle nun einen Schuldigen gefunden und müssen sich nicht mehr mit ihrer eigenen – nur zu oft von Menschenverachtung und blindem Fremdenhass geprägten – Asylpolitik auseinandersetzen.)
(Nachtrag am 7. August. Die Spekulationen und Schuldzuweisungen gehen weiter. Die sozialen Medien geraten ins Kreuzfeuer der Kritik: Sie hätten Falschinformationen verbreitet und falsche Hoffnungen geschürt, auf Instagram seien sogar genaue Anleitungen betreffend Fluchtrouten bekannt gemacht worden. Andere vermuten, die USA könnten hinter dem Aufruf zur Flucht gestanden haben, als Reaktion auf den derzeit sich auf einem „eisigen Tiefstand“ befindlichen Beziehungen zwischen Trump und Sánchez. Wieder andere könnten sich sogar vorstellen – das musste ja früher oder später noch kommen -, dass Russland mit eigenen Bots dem Ganzen massiv nachgeholfen haben könnte. Bei all den gegenseitigen Schuldzuweisungen und Rechtfertigungsversuchen geht einmal mehr beinahe gänzlich vergessen, wie gross das Elend, die Verzweiflung und zugleich die Hoffnung auf ein besseres Leben bei jenen Menschen sein müssen, die auch noch ihre allerletzten Kräfte mobilisieren, um aus der Hölle ins vermeintliche Paradies zu gelangen: Neun Kilometer weit sind sie unter widrigsten Bedingungen durch das Meer geschwommen, darunter viele Minderjährige und Elternlose, zwischen fünf und sechs Stunden waren sie im Wasser, viele von ihnen hatten seit Tagen nichts mehr gegessen, mindestens 75 von ihnen – NGOs sprechen von bis zu 140 – überlebten es nicht. Und das war noch nicht alles. Die meisten von ihnen waren zuvor schon stundenlang auf den Autobahnen Richtung Ceuta unterwegs gewesen, teilweise auf den Ladeflächen von Kipplastern, bis zu 70 Menschen pro Fahrzeug aufs engste zusammengepfercht. Man stelle sich einmal vor, 140 europäische Touristen würden bei einer Kreuzfahrt zwischen Italien und Griechenland ums Leben kommen – ich sehe schon die Strassen und Plätze in dieser oder jener europäischen Grossstadt, gefüllt mit unzähligen Kerzen, Blumen und untröstlich weinenden Menschen.)