Peter Sutter, 16. März 2026
Die „Sonntagszeitung“ vom 16. März 2026 berichtet von einem zehnjährigen Mädchen aus dem Aargau, das unter einer tetraspastischen Cerebralparese leidet und deshalb beim Eintritt in die erste Klasse von den Behörden einer heilpädagogischen Sonderschule zugewiesen wurde. Die Eltern wehrten sich dagegen durch alle Instanzen. Während des Verfahrens durfte das Mädchen provisorisch die normale Schule besuchen. Nach drei Jahren entschied jedoch auch das Bundesgericht, dass das Mädchen eine Sonderschule besuchen muss. Die Eltern gaben indessen nicht auf. Sie reichten eine Beschwerde beim UNO-Ausschuss für Kinderrechte ein. Die Behindertenorganisation Inclusion Handicap stellte den Anwalt. Inclusion Handicap will einen Präzedenzfall für die Schweiz oder gar weltweit erstreiten. Das Ziel: Sonderschulen für Behinderte für illegal erklären, denn, so David Krummen, Anwalt von Inclusion Handicap: „Die Separierung von Kindern mit Behinderungen im Bildungssystem widerspricht geltendem Recht.“
Wenige Woche nach Einreichung der Klage verbuchten die Eltern einen Zwischenerfolg: Die UNO räumte der Klage Chancen ein. Sie ordnete an, dass die Schweiz die Umsetzung des Bundesgerichtsurteils im Aargau stoppt. Das Mädchen soll in der Regelschule bleiben, bis die UNO entschieden hat. Den Beteiligten ist klar, dass das Urteil des Bundesgerichts durch diesen UNO-Zwischenentscheid de facto ausgehebelt wird. Denn: Verfahren des UNO-Ausschusses für Kinderrechte dauern im Schnitt rund dreieinhalb Jahre. Das Mädchen geht heute in die 4. Klasse. Beim Abschluss des Verfahrens kommt es nach dieser Rechnung schon in die 7. Klasse. Die Versetzung in eine Sonderschule nach sieben Jahren wäre kaum noch opportun.
Für die Aargauer Behörden kommt es indessen nicht in Frage, den UNO-Befehl umzusetzen. Sie sind nicht bereit, den Ausgang des Verfahrens abzuwarten. Simone Strub, Kommunikationschefin im Aargauer Bildungsdepartement, macht klar, dass man das Kind bereits im Sommer in die Sonderschule versetzen will. Die Umplatzierung erfolge „in der Überzeugung, dass ein spezialisiertes Angebot an einer Sonderschule das Beste für das Kindeswohl“ sei, sowohl in Bezug auf das Lernen als auch auf die soziale Einbindung. Auf der anderen Seite führen die Eltern und Inclusion Handicap an, dass das Mädchen „mit Freude zur Schule geht, die Integration gut funktioniert und die angepassten Lernziele mehrheitlich erreicht worden sind.“ Verbandsanwalt David Krummen vertritt aufgrund von entsprechenden Studien die Ansicht, dass Kinder mit Behinderungen in der Regelschule oft besser lernen und sich ihre sozialen Fähigkeiten stärker entwickeln als in einer Sonderschule. Der Verband fordere daher nichts weniger als „die Aufhebung des dualen Schulsystems mit Regelschule und Sonderschule“.
Der Fall wäre weltweit der erste, in dem der UNO-Ausschuss für Kinderrechte die Separation behinderter Kinder in Sonderschulen für unzulässig erklärt.
Auf den ersten Blick scheint es sich hier um einen einzigartigen Sonderfall zu handeln. Tatsächlich ist es aber bloss die Spitze eines riesigen Eisbergs. Wie viel Heterogenität die „Regelschule“ erträgt und welche Kinder mit welchen „Defiziten“ darin Platz haben sollen oder nicht – das ist das eigentliche Hauptthema fast aller bildungspolitischen Diskussionen seit Monaten, ja Jahren. Dabei wird die Forderung, Kinder mit „Defiziten“ oder „Beeinträchtigungen“ jeglicher Art nicht mehr in Regelklassen zu integrieren, sondern in separaten Klassen bzw. Lerngruppen zu unterrichten, immer lauter, nicht zuletzt auch seitens von Lehrpersonen, die sich über eine Überforderung der Regelklassen beklagen, wenn zu viele Kinder mit „besonderen Bedürfnissen“ darin Platz finden sollen.
Vielleicht wäre der Moment gekommen, anstelle der Frage, welche Kinder in die Regelschule passen und welche nicht, eine ganz andere, viel grundsätzlichere Frage zu stellen, nämlich die, ob Regelklassen überhaupt ein ideales Gefäss für gutes Lernen sind. Dies ist stark zu bezweifeln, denn Lernen verläuft nach höchst unterschiedlichen, von Kind zu Kind variierenden Regeln. Alle Kinder zeigen uns schon in ihren ersten Lebensjahren, dass erfolgreiches Lernen vor allem echter Neugierde, Freiheit und Selbstbestimmung entspringt und durch künstlich geschaffene äussere Strukturen und generalisierte Vorgaben nicht gefördert, sondern, im Gegenteil, eher gebremst oder gar verunmöglicht wird. Könnten alle Kinder auch nach ihrem fünften Lebensjahr weiterhin so frei und selbstbestimmt weiterlernen, wie sie das in den Jahren zuvor getan hatten, würden sich vermutlich alle Diskussionen über Inklusion contra Separation von einem Tag auf den andern in Luft auflösen.
Es ist gar nicht so schwierig, sich eine radikale Alternative zum heutigen Schulsystem vorzustellen. Wir müssen uns nur in Erinnerung rufen, dass während Millionen von Jahren Menschen ohne Schulen im heutigen Sinne gelernt haben. Sie schufen dabei alle Grundlagen der heutigen Zivilisationen, vermochten Bauwerke wie die ägyptischen Pyramiden oder die gotischen Kathedralen zu schaffen, entwickelten hochspezialisierte Landwirtschaftstechniken, besassen umfassende Kenntnisse in Astronomie, Physik und Mathematik, konnten sich in Sprachen mithilfe Hunderttausender von Wörtern auch über komplexeste Sachverhalte austauschen, ohne je eine einzige Schulstunde besucht zu haben. Lernen ist etwas, was Menschen ohnehin von sich aus zwangsläufig tun, ohne dass man sie dazu zwingen oder in Gruppen von 20 oder 25 Gleichaltrigen in ein Schulzimmer einsperren muss. Lernen ist Leben. Sobald der Mensch geboren wird – oder eigentlich schon längst zuvor -, beginnt er zu lernen, ganz von selber, lebenslang. Lernen kann man bestenfalls durch das Bereitstellen einer möglichst vielfältigen Lernwelt fördern, durch möglichst viele attraktive Lernangebote, durch einen möglichst ungehinderten Zugang zu allen Quellen von Wissen und Lebenserfahrungen anderer Menschen. Wo immer sich zwei Menschen begegnen und miteinander in Kontakt treten, geschieht Lernen ganz von selber. Lernende Menschen gleichen Schmetterlingen, die von Blüte zu Blüte fliegen, immer dorthin, wo gerade der süsseste Nektar lockt. Keinen einzigen Schmetterling muss man dazu zwingen, jedes Kind tut genau das Gleiche und fliegt immer dorthin, wo es sich die köstlichste geistige Nahrung holen kann.
So gesehen könnten die aktuellen Diskussionen zum Thema Inklusion contra Separation auch eine Chance sein für eine ganz grundlegende pädagogische Erneuerung unseres traditionellen, auf Jahrgangsklassen und Lehrpläne fixierten Schulsystems in Richtung einer offenen Lernwelt, in der Lernen ohne Zwang und Druck ganz frei, lustvoll und zugleich höchst erfolgreich geschehen kann. Mehr dazu in meinem Buch DIE SCHULE NEU ERFINDEN – DAMIT DAS LERNEN WIEDER FREUDE MACHT. Du kannst es in jeder Buchhandlung oder im Internet bestellen.
Hinweis: Im Februar 2026 wurde die VEREINIGUNG FÜR FREIES LERNEN (VFL) mit Sitz in Buchs SG (Schweiz) gegründet. Sie wird sich an einer öffentlichen Veranstaltung am 30. Mai 2026 erstmals der Öffentlichkeit präsentieren. Die VFL möchte den Blick öffnen auf eine Zukunft, in der es so etwas wie das heutige, auf Lehrpläne und Jahrgangsklassen fixierte Schulsystem nicht mehr geben wird. Die VFL möchte bereits vorhandene Reformansätze in dieser Richtung miteinander vernetzen und verstärken und durch öffentliche Veranstaltungen und eigene Publikationen einen konkreten Beitrag leisten zu einer umfassenden und tiefgreifenden Reform des Bildungssystems. Damit endlich jene Vision Wirklichkeit werden kann, die dem russischen Schriftsteller und Pädagogen Leo Tolstoi bereits im Jahre 1911 vorschwebte: «Die Schule ist künftig vielleicht nicht mehr das, was wir darunter verstehen, mit Fussböden, Bänken, Stühlen; sie wird vielleicht ein Theater, eine Bibliothek, ein Museum, eine Unterhaltung sein.» Nähere Informationen zur VFL: info@petersutter.ch.