Die wundersame Wandlung der ukrainischen Asow-Brigade: „Liebe ist stärker als alles“…

Peter Sutter, 17. Juli 2026

Unter dem Titel „Asow-Brigade wirbt mit Kampfjet-Socken und Kapuzenpullis um Nachwuchs“ berichtete die schweizerische „Sonntagszeitung“ vom 28. Juni 2026 über die Marketing-Methoden dieses ukrainischen Armeeverbands „im Überlebenskampf gegen Wladimir Putin“, mit denen geholfen werden soll, „Rekruten zu gewinnen“ und „die Moral des Landes hochzuhalten“…

Das milde Licht, die Espressobar, die sauber sortierten Kapuzenpullis: Man könnte dieses Geschäft im Herzen von Kiew für einen angesagten Concept-Store halten, wie es trotz des Krieges so viele gibt in der ukrainischen Hauptstadt… Der Flagship-Store des 1. Korps „Asow“ hat vor einem Jahr eröffnet, und er steht modellhaft für eine bemerkenswerte Entwicklung der ukrainischen Armee: Die grossen und landesweit populärsten militärischen Verbände der Ukraine treten nicht mehr nur als Kampfverbände auf. Sie operieren nach den Regeln der Unternehmenskommunikation, nach den Prinzipien der Corporate Identity und der Mission Statements: als eigene Marken… In einer Ecke im Asow-Laden sitzen die Architekten dieser Verwandlung auf schweren Ledermöbeln. Die meisten sind Akademiker, oft mit Wirtschaftserfahrung. Einer von ihnen ist Mykyta Puz, Mitarbeiter von „4308“, einer Art Kultur- und Bildungsplattform des Asow-Korps… Angesichts der vielen Deserteure und der Schwierigkeit, genügend Soldaten zu rekrutieren, verlassen sich die Militärverbände zunehmend nicht mehr auf den Staat, seine Propaganda und seine Rekrutierungsbemühungen, sondern setzen auf eigene gezielte Ansprache der künftigen Rekruten, ja des ganzen Landes. Die grossen Verbände wie die Asow-Brigade haben deshalb ganze Stäbe für Marketing, Merchandising und strategische Kommunikation geschaffen. Obwohl sie offiziell dem ukrainischen Oberkommando unterstellt sind, treten sie immer mehr wie eigenständige Konzerne auf… Im Asow-Store etwa gibt es Espresso und Urban Clothing mit Drohnen-Aufdruck, sie wollen damit Veteranen, Soldaten und zivile Laufkundschaft gleichermassen ansprechen. Wer Asow-Kleidung trägt, drückt seine Solidarität mit dem Verband, ja, mit der ukrainischen Sache aus, sagt Puz. Und nicht nur das. Das Asow-Online-Merch bietet Kampfjet-Socken der Firma Dodo Socks an, Folklore-Schals mit Sturmgewehrmotiv und ein Puzzle mit dem Logo der umkämpften Region Donezk: Must-have-Accessoires aus „Donnyland“, wie die Ukrainer einen Teil des Donbass nannten, um Donald Trump auf ihre Seite zu ziehen… Im vergangenen Jahr hat Asow zudem mit dem Label Riot Division einen viel beachteten Image-Film gedreht. Generation auf Generation ukrainischer Krieger nimmt darin den Kampf gegen das Böse auf, verkörpert durch den schachspielenden Tod, das alles in karger Küstenlandschaft zu düsterem Cello. Es war eine schwülstig-patriotische Interpretation von Ingmar Bergmans Mysterienspiel „Das siebente Siegel“ – der Film schaffte es sogar auf Festivals in Schweden, den USA, Frankreich, Brasilien und weiteren Ländern… Zur Imagepflege nach innen veröffentlichen viele Einheiten inzwischen eigene Werbeclips, abgestimmt auf die Lage an der Front und die Stimmung im Land. Als es einmal besonders finster für die ukrainische Seite aussah, zeigte die 3. Sturmbrigade in einem Clip die Russen als Zombies. In anderen Clips wird für den Eintritt in die Armee als einem „smarten Karriereschritt“ geworben… Inzwischen hat auch Walentyn Dsjubenko, Sozialphilosoph, Religionshistoriker und Vizechef der Abteilung für strategische Kommunikation des Asow-Korps, in der Sitzecke Platz genommen. Sein jüngster Clip: ein hyperrealistischer Kampfeinsatz, Dreck, Blut, Leichen, ein Mann in Flammen. Darüber, sanft wie der Hauch des Todes, ein Wiegenlied und der Slogan: „Liebe ist stärker als alles.“ Flankiert wird die Kampagne durch Online-Videos, in denen Soldaten erzählen, wofür sie kämpfen, was ihnen Kraft gibt: der Gedanke an ihre Familie, an besondere Orte, an ihre Hobbys. Das Leben muss weitergehen, so die Aussage… „Unser Ziel ist: Russen töten“, sagt Bataillonskommandant Walentyn Zubko, Kampfname „Dandy“. Und wenn marktwirtschaftliche Anreize die Trefferquote erhöhen, dann seien diese willkommen. Auch seine Einheit nutze die staatliche E-Commerce-Plattform „Brave 1 Market“, geschaffen vom damaligen Digitalminister Mychajlo Fedorow. Auf „Brave 1 Market“ können ukrainische Einheiten eintragen, wie viele Russen sie verletzt oder getötet und wie viele Drohnen oder Panzer sie zerstört haben. Für jeden verifizierten Abschuss werden ihnen Punkte gutgeschrieben. Ein getöteter Russe könne 12 Punkte bringen, ein verletzter 8 und die Ausschaltung eines FPV-Drohnenpiloten gar 25. Dieses Guthaben können die ukrainischen Brigaden in neue Geräte umtauschen: Drohnen, gepanzerte Fahrzeuge, Munition… Ganz weit vorn in Sachen Selbstvermarktung ist das Chartija-Korps. Zu Beginn des Kriegs vom Charkiwer Agrarunternehmer Wsewolod Koschemjakoo gegründet, ist Chartija nicht nur in den Korps-Status mit Zehntausenden Soldatinnen und Soldaten aufgerückt, sondern geht auch in Marketing-Fragen weiter als andere. So wurden bereits Kooperationen mit Brauereien, Bäckereien und Tankstellen geschlossen, besonders gut läuft das Geschäft mit dem speziell kreierten Chartija-Bier, dem Charija-Osterkuchen und einem Chartija-Special aus Premium Sprit, einer Tasse Kaffee und Honig. Chartija hat sogar einen eigenen TV-Sender. Dieser wird geleitet vom Starautor, Musiker, Friedenspreisträger und Soldat Serhij Zhadan…

So richtig sympathisch werden dem Leser und der Leserin bei der Lektüre dieses Artikels die Asow-Leute: moderne, an Marketingstrategien orientierte Menschen, Akademiker mit Wirtschaftserfahrung, Kommunikationsspezialisten, Sozialphilosophen, Religionshistoriker, Menschen, die von der „Liebe“ als einer Kraft sprechen, die „stärker ist als alles andere“. Sonja Zekri, die Verfasserin des Artikels, scheint es entweder nicht zu wissen, es vergessen zu haben oder es schlicht nicht wahrhaben zu wollen: Die Asow-Brigade gehörte vor zwölf Jahren und viele Jahre darnach und teilweise noch bis heute unter den verschiedenen ukrainischen Kampfverbänden im Umgang mit der russischen Zivilbevölkerung in der Ostukraine zu den grausamsten und berüchtigtsten, wie folgende Ausschnitte aus Berichten des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte zwischen 2014 und 2022 zeigen…

Im Mai 2014 entführten Mitglieder des Bataillons Asow eine Frau aus Saporischschja unweit von ihrem Haus und unterzogen sie einer vier bis fünf Stunden andauernden Folter. Die maskierten Entführer, die angaben, auf Befehl des ukrainischen Geheimdienstes SBU zu handeln, fesselten Hände und Füsse des Opfers mit Kabelbindern, die durch eine Metallkette festgezogen wurden. Daraufhin traten sie die Frau, schlugen sie mit Gewehrkolben, trieben ihr Nadeln unter die Nägel und folterten sie nach der „Schwalben-Methode“. Bei dieser Folter wird das Opfer an seinen auf dem Rücken zusammengebundenen Händen aufgehängt und verprügelt. Einer der Entführer drohte der Frau mit einer Gruppenvergewaltigung durch orale und vaginale Penetration… Am 10. August 2014 reiste ein Mann aus Hryhoriwka in das Dorf Mnohopillia, um seine Mutter zu besuchen. Am Eingang des Dorfes wurde der Zivilist an einem Kontrollpunkt ukrainischer Soldaten angehalten, darunter Angehörige des Bataillons Asow. Bataillonsmitglieder fesselten daraufhin Hände und Beine des Mannes mit einem Seil, schossen in seine Richtung und schlugen auf ihn ein. Dann banden sie ihm ein Seil um den Hals und schleiften ihn über ein Feld, bis er keine Luft mehr bekam und das Bewusstsein verlor… Im September 2014 wurde ein Mann mit einer geistigen Behinderung von acht bis zehn Angehörigen des Bataillons Asow und des Bataillons Donbas vergewaltigt und anderen Formen sexueller Gewalt ausgesetzt. Als Resultat verschlechterte sich sein Gesundheitszustands so sehr, dass er stationär in einer psychiatrischen Klinik behandelt werden musste… Am 28. Januar 2015 wurde ein Bürger Mariupols wegen Unterstützung der Volksrepublik Donezk von drei Soldaten des Bataillons Asow festgenommen und bis zum 6. Februar 2015 im Keller einer Sportschule ununterbrochen verhört und gefoltert. Das Opfer klagte darüber, mit Handschellen an eine Metallstange gefesselt und daran während längerer Zeit hängen gelassen worden zu sein. Berichten zufolge schlugen die Angehörigen des Bataillons Asow ausserdem die Genitalien des Mannes und folterten ihn mit Strom, einer Gasmaske und Waterboarding. Infolgedessen gestand das Opfer, Informationen über Standorte von Kontrollpunkten der ukrainischen Regierung an bewaffnete Gruppen weitergegeben zu haben und wurde am 7. Februar an den ukrainischen Geheimdienst SBU übergeben… Am 3. August 2015 wurde in Charkiw ein Mann auf dem Weg zu einer friedlichen Demonstration von maskierten und uniformierten Männern in einem Militärfahrzeug mit der Aufschrift „Asow“ entführt. Diese sollen ihn auf dem Stadtfriedhof zusammengeschlagen und dort liegen gelassen haben… Im November 2015 wurde ein vom Bataillon Asow festgenommener Mann einer Scheinhinrichtung unterzogen und man drohte ihm an, ihn zu vergewaltigen. Es wurde ihm ins Gesicht geschlagen, seine Rippen wurden gebrochen und seine Beine mit einem Bajonettmesser durchbohrt… Im Mai 2017 wurde eine Frau in Mariupol auf eine Position des Regiments Asow gelockt, wo sie entführt und mit verbundenen Augen an einen unbekannten Ort transportiert wurde. Dort schlug man ihr mit einem Gewehrkolben gegen das Knie und bedrohte sie mit dem Tod, was das Opfer zur Kooperation mit den Entführern zwang. Nach der Übergabe an die Polizei wurde die Frau ohne Anwalt verhört und gezwungen, ein Vernehmungsprotokoll zu unterschreiben, mit dem sich selbst belastete…

Die von der ukrainischen Armee und paramilitärischen Gruppen wie dem Asow-Bataillon gegen die russischsprachige Zivilbevölkerung in der Ostukraine ausgeübten Gewalttaten, für welche die Täter nie zur Rechenschaft gezogen worden sind, hatten zwischen 2014 und 2022 rund 14’000 Todesopfer zur Folge, nebst einer unvergleichlich höheren Zahl von Verletzten und Traumatisierten. Diese systematische Diskriminierung und Verfolgung der russischsprachigen Bevölkerung der Ostukraine durch die ukrainische Regierung und ihrer militärischen Verbände waren einer der Hauptgründe für den angeblichen „Angriffskrieg“ Russlands gegen die Ukraine am 24. Februar 2022. Medienberichte wie der hier kommentierte vom 17. Juli 2026 in der „Sonntagszeitung“ dienen dazu, das in der westlichen Öffentlichkeit vorherrschende Bild, wonach die Ukraine ein völlig unschuldiges Opfer eines „bösen“ Aggressors in Form von Wladimir Putin ist, zu zementieren, indem die Vorgeschichte des Konflikts und alles, was vor dem 24. Februar 2022 gewesen war, systematisch ausgeblendet wird.

Verbrechen schlimmsten Ausmasses werden nicht nur nicht erwähnt, sondern oft sogar geradezu noch glorifiziert. So ebenfalls im vorliegenden Artikel der „Sonntagszeitung“, in dem der „Starautor, Musiker, Friedenspreisträger und Soldat Serhij Zhadan“ erwähnt wird, welcher heute den TV-Sender des Chartija-Korps leitet. Hier hat die westliche Geschichtsklitterung volle Arbeit geleistet. Indem nämlich einer der übelsten russophoben Propagandisten zum Kämpfer für Frieden und Menschenrechte emporstilisiert wurde. Kaum jemand wird sich jemals daran erinnern, was genau in dem Buch „Himmel über Charkiw“ zu lesen ist, für welches Zhadan den „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2022“ erhielt. Wortwörtlich stehen dort nämlich folgende Worte, mit denen er ganz direkt die russischsprachige Bevölkerung der Ostukraine anspricht: „Brennt in der Hölle, ihr Schweine!“ In weiteren Passagen des Buches bezeichnet er dann die Russen abwechslungsweise als „Hunde“, „Verbrecher“, „Tiere“, „Unrat“ sowie als „Barbaren, die gekommen sind, um unsere Geschichte, unsere Kultur und unsere Bildung zu vernichten.“ Aber es kommt noch viel besser: In seiner Dankesrede für die Verleihung der Friedenspreises des Deutschen Buchhandels vom 24. Oktober 2022 ging ausgerechnet Zhadan, der Angehörige eines anderen Volks pauschal als „Unrat“ bezeichnet, auf die „heimatbildende Funktion von Sprache“ ein: „Wir alle“, sagte er, „sind über unsere Sprache miteinander verbunden. Manchmal scheint uns die Sprache schwach. Aber vielfach ist sie es, die Kraft spendet. Solange wir unsere Sprache haben, so lange haben wir immerhin die vage Chance, uns erklären, unsere Wahrheit sagen, unsere Erinnerung ordnen zu können. Deswegen sprechen wir und hören nicht auf. Die Stimme gibt der Wahrheit eine Chance. Und es ist wichtig, diese Chance zu nutzen. Vielleicht ist das überhaupt das Wichtigste, was uns allen passieren kann.“ Seine Erkenntnisse scheinen sich offensichtlich nur auf seine eigene Sprache, das Ukrainische, zu beschränken. In nahezu unbeschreiblicher Arroganz nimmt er das Recht auf die „heimatbildende Funktion der Sprache“ für sich selber in gleich extremer Weise in Anspruch, wie er es ebenso extrem anderen, nämlich den russischsprachigen Menschen seines eigenen Landes, abspricht. Bereits am 25. April 2019 – drei Jahre vor dem russischen „Angriffskrieg“! – hatte das ukrainische Parlament ein neues Sprachengesetz verabschiedet. Seither gilt in der Ukraine das Ukrainische als alleinige Staatssprache, in den Schulen, der öffentlichen Verwaltung, unter leitenden Angestellten, in der Wissenschaft, in der Kulturszene, in Regierung und Parlament. Aus den öffentlichen Bibliotheken wurden 100 Millionen Bücher russischsprachiger Autorinnen und Autoren entfernt, selbst Liebesromane und Kinderbücher. Ebenso dürfen Werke russischer Komponistinnen und Komponisten nicht mehr öffentlich aufgeführt werden. Und dies, obwohl die Muttersprache von 30 Prozent der ukrainischen Bevölkerung das Russische ist. Das Sprachengesetz hat die Ukrainerinnen und Ukrainer zutiefst in Bürgerinnen und Bürger erster und zweiter Klasse gespalten. Was der ukrainischsprachigen Bevölkerungsmehrheit an Bedeutung, Einfluss und Macht in Gestalt ihrer Sprache zugesprochen wurde, ist der russischsprachigen Bevölkerungsminderheit in gleichem Masse abgesprochen, weggenommen und geraubt worden…

Angesichts so viel ungeheuerlicher Geschichtsklitterung, mit der sich auch eine „Sonntagszeitung“ und eigentlich gleichermassen alle anderen Mainstreammedien der Schweiz zu Komplizen der gegenwärtigen, höchst gefährlichen Kriegstreiberei des Westens gegen Russland machen, habe ich am 29. Juni 2026 der „Sonntagszeitung“ einen Leserbrief geschickt, in dem ich auf die vom Asow-Bataillon zwischen 2014 und 2022 begangenen Verbrechen verwies sowie darauf, dass die Diskriminierung und Verfolgung der russischsprachigen Bevölkerung in der Ostukraine einen der wesentlichen Gründe für den angeblichen „Angriffskrieg“ Russlands vom Februar 2022 bildeten. Mein Leserbrief endet mit folgenden Worten: „Warum will man im Westen die Vorgeschichte des Ukrainekonflikts und alles, was vor dem 24. Februar 2022 gewesen war, so beharrlich nicht zur Kenntnis nehmen? Sind wir tatsächlich in all der langen Zeit, die seit 1914, dem Ausbruch des Erstens Weltkriegs, verstrichen ist, immer noch nicht entscheidend vorwärts gekommen, tappen wir immer und immer wieder in die gleichen Fallen und müssen wir allen Ernstes auch heute noch vor dieser schockierenden Erkenntnis kapitulieren, die bereits im Jahre 1914 US-Senator Hiram Johnson für die Nachwelt zu Protokoll gab, als er sagte, das erste Opfer im Krieg sei immer die Wahrheit?“

Wie ich eigentlich nicht anders erwartet hatte, druckte die „Sonntagszeitung“ meinen Leserbrief nicht ab. Der Zement permanenter Geschichtsklitterung zeigt kaum noch Risse. Versuche, dagegen anzurempeln, kommen mir vor wie ein Schmetterling, der so lange gegen die gleiche Mauer anfliegt, bis er total erschöpft oder tot am Boden liegen bleibt. Das Schweigen ist eine der schlimmsten und effizientesten Formen von Gewalt.

Am 13. Juli 2026 schreibe ich an die Leserbriefredaktion der „Sonntagszeitung“…

Ich habe Ihnen am 1. Juli einen Leserbrief zum Thema Asow-Brigaden geschickt. Leider wurde er nicht veröffentlicht. Im Gegensatz zu fast allen Leserbriefen zu gesellschaftlichen und pädagogischen Themen, die ich Ihnen jeweils zustelle und von denen die meisten auch tatsächlich veröffentlicht werden, scheint es sich hier offenbar um ein besonders brisantes Thema zu handeln, wird doch durch meinen Leserbrief die allgemein herrschende Meinung, am Ukrainekrieg trage ausschliesslich Russland die Schuld, erheblich relativiert. Darf das nicht öffentlich gemacht werden? Ich habe mich an die vorgeschriebene Länge gehalten, sprachlich sollte der Leserbrief in Ordnung sein, er enthält keine persönlichen Angriffe oder Unterstellungen und ich habe mich ausschliesslich an absolut vertrauenswürdige Quellen gehalten (UNO-Kommission für Menschenrechte, jederzeit auffindbar u.a. auf Wikipedia). Können Sie mir die Gründe nennen, die gegen eine Veröffentlichung des Leserbriefs gesprochen haben?

Den vorliegenden, heute, am 17. Juli 2026, auf meiner Homepage veröffentlichten Artikel, werde ich zudem an die Chefredaktion der „Sonntagszeitung“ schicken. Für die „Sonntagszeitung“ arbeiten zurzeit 40 bis 50 Redaktorinnen. Ich nehme an, dass sie alle eine seriöse Ausbildung für diesen Beruf durchlaufen haben. Dass sie alle wissen, was journalistische Sorgfaltspflicht bedeutet. Dass ihnen allen bewusst sein müsste, dass es zu jedem Standpunkt einen Gegenstandpunkt gibt. Dass immer auch die Möglichkeit besteht, einem tendenziell einseitigen Bericht einen persönlichen Kommentar gegenüberzustellen. Und dass stets die Suche nach der Wahrheit das oberste Gebot sein müsste. „Suche die Wahrheit immer von unten nach oben“, so der australische Journalist John Pilger, *nicht von oben nach unten. Journalisten sind niemals echte Journalisten, wenn sie Agenten der Macht sind, egal wie sehr sie diese Rolle verschleiern. Echte Journalisten sind die Vertreter der Menschen.“

Ist es vorstellbar, dass kein einziger, keine einzige zurzeit für die „Sonntagszeitung“ arbeitende Redaktorin in diesem Sinne heute noch eine „echte Journalistin“ ist? Und was, wenn dem tatsächlich so wäre?

17. Juli 2026, 17.38 Uhr. Wow. Die Chefredaktion der „Sonntagszeitung“ meldet sich noch gleichentags mit folgender Antwort: Der Artikel, auf den Sie sich beziehen, stammt von Sonja Zekri. Sonja Zekri ist Autorin der Süddeutschen Zeitung; die SonntagsZeitung hat den Artikel von dort übernommen. Ich schlage vor, dass Sie sich bei Frau Zekri direkt melden

18.21 Uhr. Ich schreibe an die Chefredaktion der *Sonntagszeitung“: „Sie übernehmen also kommentarlos Artikel aus einer deutschen Tageszeitung? Wo doch mittlerweile allgemein bekannt ist, wie sehr sich die Medien in Deutschland kritiklos in die Phalanx kriegstreibender Politiker wie Merz, Wadephul, Pistorius, Kiesewetter, Strack-Zimmermann etc. eingereiht haben. Schweizerische Neutralität, schweizerische Diplomatie, schweizerische humanitäre Tradition, schweizerische Eigenständigkeit – alles auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet? Nicht mal wenigstens ein klitzekleiner redaktioneller Kommentar zu einem derart tendenziösen Artikel aus deutscher Feder???“

18.28 Uhr. Ich schicke Frau Zekri meinen Artikel, Kopie an den Chefredaktor der „Sonntagszeitung“.

19. Juli 2026, 20.17: Arthur Rutishauser, Chefredaktor der „Sonntagszeitung*, schreibt: „Vielen Dank für Ihre Nachricht und Ihr Feedback. Gerne möchte ich Ihnen hierzu einige Hintergrundinformationen geben. Seit über zehn Jahren betreiben wir ein gemeinsames Auslandskorrespondentennetz mit der Süddeutschen Zeitung. Diese Kooperation hat handfeste Kosten- und Effizienzgründe. Die einzige Alternative hierzu wäre der verstärkte Abdruck von Agenturberichten. Dies wäre jedoch kaum weniger problematisch, als Korrespondentenplätze zusammenzulegen und dadurch erhebliche Effizienzgewinne zu erzielen. Was Ihre Meinung zum Konflikt zwischen Russland und der Ukraine anbetrifft, gibt es hierzu sehr unterschiedliche Perspektiven und Facetten, die in der Berichterstattung aufeinandertreffen.“

20. Juli 2026, 5.58 Uhr. Ich schreibe an Arthur Rutishauser: „Ihre Antwort erstaunt mich. Haben Sie tatsächlich nur die Wahl zwischen der Übernahme eines Artikels von der Süddeutschen Zeitung und dem Abdruck eines Agenturberichts? Gibt es unter den rund 40 Redaktorinnen und Redaktoren, die für die Sonntagszeitung arbeiten, tatsächlich niemanden, der in der Lage ist, aufgrund eigener Recherchen einen Artikel über die Asow-Brigade zu schreiben? Es geht hier übrigens nicht um Meinungen, sondern um Fakten. Die von der Asow-Brigade an der russischsprachigen Bevölkerung begangenen Verbrechen sind keine Meinungen, sondern Fakten. Ebenso die Zahl von 14’000 Todesopfern zwischen 2014 und 2022 durch die ukrainische Armee und paramilitärische Verbände. Es ist unseriös, einen Artikel über die Asow-Brigade zu schreiben, ohne dies zu erwähnen. Tragen Sie als Chefredaktor nicht die Hauptverantwortung für die in Ihrer Zeitung erscheinenden Artikel? Wie konnte es passieren, dass dieser tendenziöse, schönfärberische Artikel einer deutschen Autorin erscheinen konnte, in dem elementare Fakten, die ein besseres Verständnis über die Hintergründe dieses Konflikts ermöglichen könnten, einfach ausgeblendet werden? Nächstens könnten Sie ja auch von der NATO einen Artikel anfordern, es käme wahrscheinlich nicht viel anders heraus.“

30. Juli 2026, 19.25 Uhr. Von der Leserbriefredaktion der „Sonntagszeitung“ habe ich nie eine Antwort bekommen, ebenso wenig wie von der Verfasserin des Artikels, Sonja Zekri. Vom Chefredaktor der „Sonntagszeitung“ habe ich auch nichts mehr gehört. Sie alle sind wohl von der Hoffnung getragen, dass das Gras früher oder später über alles hinwegwächst. Vielleicht haben sie ja sogar Recht.