Archiv des Autors: Peter Sutter

Soziale Medien, Internet und das Elend der Welt: Heute kann niemand mehr behaupten, es nicht gewusst zu haben

Die sozialen Medien, sagt Herr B., würden viel mehr Schaden als Nutzen anrichten. Alle diese Bilder, die man in so kurzer Zeit gar nicht einordnen, richtig interpretieren und verarbeiten könne. Empörungswellen, die man nicht mehr unter Kontrolle haben könne. Fakenews und Falschmeldungen, die sich rasant schnell ausbreiten, Emotionen schüren, polarisieren und Feindbilder aufbauen. Deshalb, so Herr B., hätte er sich nun definitiv von sämtlichen sozialen Medien verabschiedet und es gehe ihm nun wieder viel besser…

Doch wie so manches, haben auch die sozialen Medien und all die Bilder, mit denen wir via Internet konfrontiert sind, nicht nur eine negative, sondern auch eine positive Seite. Bilder schüren Emotionen, das stimmt. Aber das muss nicht unbedingt etwas Schlechtes sein, im Gegenteil. Ohne das Video, in dem der Afroamerikaner George Floyd zu sehen ist, der am 25. Mai 2020 in Minneapolis während neun Minuten und 29 Sekunden von einem weissen Polizeibeamten so brutal zu Boden gedrückt wurde, dass er keine Luft mehr bekam und starb, und dies nur, weil er zuvor beim Einkauf von Zigaretten angeblich einen gefälschten 20-Dollar-Schein verwendet hatte, ohne dieses Video, das sich sodann wie ein Lauffeuer in Sekundenschnelle über den ganzen Erdball ausbreitete, wäre es wahrscheinlich kaum zur weltweiten Black-Lives-Matter-Bewegung gekommen, mit der bis heute Polizeigewalt und Rassismus angeprangert werden und an der heute niemand mehr, der sich mit diesem Thema ernsthaft befasst, vorbeizukommen vermag. Ohne die Bilder von Eisbären, die sich verzweifelt an schmelzenden, immer kleiner werdenden Eisschollen festklammern, bis sie zu Tode erschöpft in den Fluten des Meers versinken, wäre es möglicherweise auch nie zu jener weltweiten Klimabewegung gekommen, welche über alle Grenzen hinweg Millionen von Menschen auf die Strasse brachte im gemeinsamen Engagement für die Erhaltung der Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen. Ohne die Bilder von Kindern, die in quecksilberverseuchtem Schlamm ihre verlorenen Spielsachen suchen, wäre möglicherweise auch die Konzernverantwortungsinitiative, welche die Einhaltung von Menschenrechten und Umweltstandards von sämtlichen Konzernen mit Sitz in der Schweiz forderte, am 29. November 2020 nicht von einer Mehrheit der Schweizer Bevölkerung angenommen worden. Und ohne das Bild eines palästinensischen Mädchens im Gazastreifen, das inmitten schwerverletzter Menschen in unbeschreiblicher Verzweiflung nach seiner Mutter ruft und um alles in der Welt nicht begreifen kann, dass sie diese nie mehr sehen wird, wäre wohl der internationale Aufschrei und die wachsende Forderung nach einer sofortigen Waffenruhe im aktuellen Nahostkonflikt auch heute noch um einiges geringer. Das war übrigens schon in der Zeit, als es noch kein Internet und keine sozialen Medien gab, nicht anders. Ohne das Bild jenes vietnamesischen Mädchens, das weinend, mit schmerzverzerrtem Gesicht, splitternackt um sein Leben rennt, während man im Hintergrund schwarze Wolken aus von der US-Armee versprühtem Napalm drohend näherkommen sieht, wäre es wahrscheinlich auch nicht zu jener millionenfachen Antikriegsbewegung inmitten der USA gekommen, die schliesslich dazu führte, dem Krieg früher als geplant ein Ende zu setzen.

Das ist das Gute: Die Wahrheit lässt sich heute nicht mehr verstecken, anders als zur Zeit des Sklavenhandels, der Hexenverbrennungen, der unbeschreiblichen, von europäischen Kolonialherren begangenen Gräueltaten an den Menschen in Afrika oder der Judenverfolgungen durch das Naziregime. Die Wahrheit breitet sich heute in Sekundenschnelle bis in die entlegensten Täler, bis auf die entlegensten Inseln der Erde aus. Freilich gibt es auch falsche Meldungen, Kriegspropaganda, Versuche, die öffentliche Meinung in gefährliche Richtungen zu lenken. Doch es ist die Aufgabe von uns allen, all die Bilder, mit denen wir konfrontiert sind, auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, allem hartnäckig auf den Grund zu gehen, alles kritisch zu hinterfragen, uns nicht auf blindes Aufbauen von Feindbildern und Hass einzulassen. Was dann aber bleibt, sind all jene Bilder des Leidens und der Zerstörung, der Schmerzen und unsäglicher Ungerechtigkeiten, die wir nie mehr aus unseren Gedanken werden verdrängen können, die unauslöschliche Spuren hinterlassen und in uns jene Kraft entfachen können, die es braucht, um eine bessere, schönere und friedlichere Welt aufzubauen.

Denn es ist eben nicht so, dass, wie immer wieder behauptet wird, der Mensch ein von Natur aus böses, gewalttätiges Wesen ist, das durch Bilder der Gewalt nur wieder zu zusätzlicher, noch schlimmerer Gewalt angestachelt würde. Nein, die ganz überwiegende Mehrheit der Menschen sind in ihrem Herzen gut, haben eine tiefe Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit. Bilder der Gewalt, Bilder des Leidens, Bilder aus dem Krieg, Bilder zerstörter Landschaften fördern in ihnen nicht schlechte Eigenschaften, sondern steigern höchstens ihre Sehnsucht nach einer friedlicheren und gerechteren Welt ins Unermessliche.

Heute höre ich von immer mehr Menschen, dass sie keine Kraft mehr haben, dies alles zu ertragen, alle diese Bilder, alle diese Schmerzen. Sie sagen, das raube ihnen den Schlaf, sie verlören alle Hoffnung. Viele von ihnen verabschieden sich, wollen nichts mehr sehen und hören und schon gar nicht alle diese Bilder des Grauens und des Schreckens. Sie wollen wieder ganz einfach das Leben geniessen, sich an schönen Dingen erfreuen. Doch wir werden nicht glücklichere Menschen dadurch, dass wir die Augen vor dem Elend der Welt verschliessen und uns nur noch in unsere eigenen vier Wände, in Wellnessoasen, Luxusrestaurants oder idyllische Bergwelten zurückziehen und statt Zeitungen nur noch Liebesromane lesen. Glücklichere Menschen werden wir nur, wenn wir uns auf das Elend in der Welt einlassen, unsere Herzen berühren und uns wütend machen lassen, uns empören und uns einzumischen beginnen, um alles in unserer Macht Stehende zu tun, auch wenn es auf den ersten Blick noch so wenig zu sein scheint. Denn, wie eine als „Ubuntu“ bezeichnete und vor allem in Ländern der Subsahara weit verbreitete Lebensphilosophie besagt, kann niemand alleine wirklich glücklich sein, solange so viele andere traurig sind. Dass über die sozialen Medien und über das Internet heute jegliches Wissen weltweit zugänglich ist, auferlegt uns eine Verantwortung, aus der wir uns nicht einfach so davonstehlen können. Denn heute, im Gegensatz zu früher, kann niemand mehr behaupten, es nicht gewusst zu haben.

Parlamentswahlen in der Schweiz: 50 Millionen Franken, über 6000 Kandidierende – alles für nichts

Nun ist er ausgestanden, der über Monate hinweg von allen Parteien mit riesigem Aufwand geführte Wahlkampf für das schweizerische Parlament. Über 50 Millionen Franken hat die Übung gekostet. Mehr als 6000 Kandidatinnen und Kandidaten – mehr als je zuvor – haben gegenseitig um die insgesamt 246 Sitze im National- und Ständerat gekämpft. Tonnenweise Papier wurde verbraucht für Plakate, Flugblätter, Wahlzeitungen und Wahlzettel. Tausende Zeitungsinserate, Podiumsdiskussionen, Leserbriefe, Zeitungsartikel, Werbebriefe, Postkartenaktionen, Telefonaktionen, Wahlanalysen, Radiosendungen, Standaktionen, Gipfeli schon am frühen Morgen für Pendlerinnen und Pendler, Videofilme und Werbespots auf den sozialen Medien. Tausende Stimmenzählerinnen und Stimmenzähler. Gefühlte zehn „Arenas“ am Schweizer Fernsehen. Individuelle Werbebudgets von bis zu 365’000 Franken. Halbe Bahnhöfe, Strassenböschungen, Hausfassaden, Dorf- und Stadtplätze, Wiesen und Anhöhen bis in die entlegensten Täler überflutet mit grossflächigen Plakaten in allen Farben, voller wunderbarer Versprechungen, es ginge einzig und allein darum, dieser Politikerin oder diesem Politiker die Stimme zu geben, und schon wäre die Schweiz von morgen eine ganz andere als die Schweiz von heute.

Was sich an diesem 22. Oktober 2023 durch einen so gigantischen Aufwand, durch so viele alles beherrschende politische Debatten über Monate hinweg geändert hat: nichts. Weiterhin wird die soziale Ungleichheit immer dramatischere Ausmasse annehmen, obwohl schon heute weltweit nur in zwei Ländern, nämlich Singapur und Namibia, die Kluft zwischen Arm und Reich noch grösser ist als in der Schweiz. Weiterhin wird rund ein Neuntel der Bevölkerung von Armut betroffen sein und sich nur mit grösster Mühe und Not über Wasser halten können. Weiterhin werden weit über hunderttausend Menschen in diesem Land trotz voller Erwerbsarbeit nicht genug verdienen, um davon leben zu können. Weiterhin werden die 300 Reichsten des Landes – mit über 820 Milliarden Franken – über ein Vermögen verfügen, welches der gesamten jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes und sogar dem Jahresbudget der mit Abstand grössten Militärmacht der Welt, den USA, entspricht, und man braucht kein Wahrsager zu sein, um jetzt schon zu wissen, dass sich diese Summe Jahr um Jahr weiter massiv erhöhen wird. Weiterhin werden Arbeitgeberorganisationen die flächendeckende Einführung von Mindestlöhnen im Bereich von 20 bis 23 Franken zu verhindern wissen, während gleichzeitig für einzelne CEOs von Grossfirmen Stundenlöhne von bis zu 10’000 Franken ganz selbstverständlich sind und die tiefsten Löhne von den höchsten Löhnen in einzelnen Unternehmen – wie beispielsweise dem Pharmakonzern Roche – um das Dreihundertfache übertroffen werden. Weiterhin werden Jahr für Jahr rund 90 Milliarden Franken – und auch dies in wachsendem Ausmass – von der einen reichen Generation an die nächste reiche Generation steuerfrei weitervererbt, ohne dass diese einen Finger dafür krumm zu machen braucht. Weiterhin wird gesamtschweizerisch insgesamt mehr Geld durch Aktien, Obligationen, Mietzinsen und andere Kapitalgewinne verdient als durch tägliche selber geleistete Arbeit. Weiterhin wird die Chance eines Arbeiterkinds auf eine akademische Karriere um ein Vielfaches kleiner sein als jene eines Kindes von Eltern, die selber schon Akademikerin und Akademiker sind. Weiterhin werden der Druck und der Konkurrenzkampf in den Schulen und in der Arbeitswelt immer mehr zunehmen und immer mehr Menschen werden unter zu grosser psychischer Belastung, Depressionen und Burnouts leiden. Weiterhin wird der Individualverkehr mit all seinen schädlichen Auswirkungen auf die Menschen und auf die Natur von Jahr zu Jahr anwachsen und immer grössere Flächen, die für andere Nutzungen dringendst erforderlich wären, in Anspruch nehmen. Weiterhin werden multinationale Nahrungsmittel- und Rohstoffkonzerne, die ihren Sitz in der Schweiz haben, auf Kosten ausgeplünderter und verarmter Länder des Südens ihre Milliardengewinne generieren, und dies, obwohl in unserem Lande noch nie ein Tropfen Öl gefunden wurde, noch nie Gold ans Tageslicht befördert werden konnte und noch keine einzige Kaffee- oder Kakaobohne, keine einzige Ananas und keine einzige Erdnuss jemals geerntet wurden. Weiterhin wird die Schweiz im Handel mit Ländern des Südens rund 50 Mal höhere Gewinne erwirtschaften, als sie diesen Ländern in Form von Entwicklungshilfe wieder zurückgeben wird. Weiterhin werden, als direkte Folge aller dieser Formen von Ausbeutung, schweizweit täglich ein Drittel aller Nahrungsmittel unverwendet im Müll landen, während weltweit eine Milliarde Menschen hungern und jeden Tag rund zehntausend Kinder unter fünf Jahren sterben, weil sie nicht genug zu essen haben. Und weiterhin wird auch der Klimawandel nahezu ungehindert voranschreiten, werden Rohstoffe, für deren Bildung die Erde Millionen von Jahren gebraucht hat, in wenigen Jahrzehnten verprasst, wird immer mehr Energie verbraucht und werden die Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen infolge eines ungebrochenen Glaubens an ein endloses Wirtschaftswachstum systematisch zerstört.

Demokratie. Wie schön. So können wir uns wenigstens in der Illusion wiegen, wir lebten in einem der freiesten Länder der Welt und seien immer noch, mehr als alle anderen Bewohnerinnen und Bewohner dieses Planeten, unsere eigenen Herren und Meister. Auch wenn es in der Realität genau umgekehrt ist und wir immer tiefer in den Strudel des globalisierten Kapitalismus hineingezogen werden. Und das wird immer so weitergehen, solange nicht eine radikal neue weltweite politische Bewegung zur Überwindung des Kapitalismus entsteht und unsere traditionellen politischen Parteien uns bloss eine scheinbar demokratische Vielfalt vorgaukeln, während sie in Tat und Wahrheit doch nichts anderes sind als einzelne Fraktionen einer grossen Kapitalistischen Einheitspartei. 50 Millionen Franken. Über 6000 Kandidierende. Wäre dieses Potenzial nicht genug gross gewesen, um uns, statt uns mit Plakaten, Flugblättern, Inseraten und an Podiumsdiskussionen gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, mit der viel entscheidenderen Frage zu konfrontieren, ob das herrschende kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, an welches wir uns offensichtlich schon so sehr gewöhnt haben, dass wir uns etwas von Grund auf anderes schon gar nicht mehr vorstellen können, tatsächlich in der Lage sein kann, alle die grossen sozialen, ökonomischen und ökologischen Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen?

Fuss um Fuss (1976)

Dieses Gedicht entstand auf einer Wanderung über die Alpen, von Buchs im St. Galler Rheintal nach Bellinzona im Tessin, rund 300 Kilometer innerhalb von zwei Wochen.

Fuss um Fuss
Meter um Meter
der Sonne entgegen
neuer Geruch
die feuchte Erde am Morgen
Wasser
nach staubtrockener Strasse
wie es anders wird gegen Süden
die Bäume
die Schmetterlinge
die Menschen
am Nachtfeuer sich wärmend
zu ahnen beginnen
was Leben wäre
ohne
die tägliche Gewohnheit
übervoller Teller
so
Fuss um Fuss
Meter um Meter
der Sonne entgegen
in neues Land
lernend
Schritt um Schritt
kein Weg
nicht der Bruchteil eines Weges
ausgelassen
abgekürzt
ALLES
ausgekostet
Holzbrücken
die alten Verbindungswege
als es noch keine Autos gab
auf den Spuren der Menschen von damals
durch tiefe Schluchten
über kaum mehr begangene Pässe
nachts
wenn die Angst
vor Steinlawinen und Sturzbächen
längst vergessenes
Ausgeliefertsein an die Natur
in Erinnerung ruft
sich um tausend Jahre zurückversetzen
so
Fuss um Fuss
Meter um Meter
und nach halb durchwachter Nacht
am neuen Morgen
neue Gesichter
neue Menschen
auf der steilen schmalen
Pflastersteingasse
eine neue Sprache.

Frühling (1975)

Das
altvertraute Rauschen
vom Dorfbach
in den Ohren
des kleinen Mädchens
welches
eben zur Schule ging
es war Frühling geworden
und
das kleine Mädchen
hatte es gemerkt
war
ob dem Rauschen am Dorfbach
stehen geblieben
sah ihm zu
dem lebendigen Wasser
wo
gestern noch Schnee lag
und
hätte beinahe
die Schule vergessen
dort
sass es dann später
lauschte
mit denselben wachen Ohren
seinem Lehrer
wie er vom Frühling redete
vom Wasser
vom Rauschen
doch auf die Fragen des Lehrers
wusste es
nichts zu sagen
ein wenig
zuckte
das kleine Mädchen zusammen
der Blick des Lehrers
hatte es getroffen
es war
Frühling geworden.

Bäume in Afrika (1974)

Die Kinder
vor meinem Fenster
spielen
auf dem einzigen
Baum
unserer
Wiese
Stunden
voller Sonnenschein und Lachen
während
drüben am Stadtrand
Schaufeln Bagger Lastwagen
die Erde aufreissen
die Bäume
die Blumen
die Erde
fortschaffen
in Afrika
habe ich gelesen
sind Bäume etwas
Heiliges.

Im vollen leeren Zug (1970)

Wintergefroren
die Scheiben
Gesichter
von Erwachsenen
geschlossen
Abteil um Abteil
im
vollen
leeren
Zug
verlorene Zeit
zwischen dem Abschiednehmen
und dem
Signal zur Abfahrt
wozu gut?
Ein Blick auf die Uhr
und ein Gähnen
hinter Zeitungen und Mänteln sich
behaglich verstecken
Worte meiden
die doch nichts sagen
so
warten
da
begann das kleine Mädchen
zu singen
so ganz allein
so ganz
hell und rein
in die Stille hinein
eine Weile regte sich nichts
aber dann
auf einmal
es war
wie wenn ein Bann sich löste
nach und nach
immer mehr
da ein Mantel
dort eine Zeitung
Gesichter
Menschen
die zu spüren anfingen
dass sie irgendetwas
tief im Innern
miteinander verband
Augen die einander fanden
Lächeln
das sich traf
da war es stumm
noch wintergefroren
die Scheiben
Abteil um Abteil
Gesichter
von Erwachsenen
im
leeren
vollen
Zug
einander gefunden
zwischen dem Abschiednehmen
und dem
Signal zur Abfahrt.

Preisverleihung an renommierte palästinensische Autorin abgesagt – die Begründung: „Antisemitismus“

Eigentlich hätte der preisgekrönte Roman „Eine Nebensache“ der palästinensischen Autorin Adania Shibli an der Frankfurter Buchmesse mit dem seit über dreissig Jahren an Autorinnen und Autoren aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der arabischen Welt alljährlich verliehenen „LiBeraturpreis“ ausgezeichnet werden sollen. Doch nun wurde, wie die „Wochenzeitung“ am 19. Oktober 2023 berichtet, die Preisverleihung abgesagt. Die Begründung: Der Autorin wird Antisemitismus vorgeworfen.

Im ersten Teil von „Eine Nebensache“ erzählt Adania Shibli die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte eines israelischen Offiziers, der im Jahre 1949 durch die Wüste Negev reiste. Dieser Teil des Romans endet mit der Vergewaltigung und Ermordung eines Beduinenmädchens. Im zweiten Teil des Romans liest eine junge Palästinenserin einen Artikel über diese Begebenheit und will mehr über das ermordete Mädchen erfahren. Sie macht sich auf den Weg von Ramallah in die Wüste, in einem gemieteten Auto und mit einem von einer Kollegin ausgeliehenen israelischen Ausweis, der ihr Zugang zu jenen Zonen ermöglicht, die ihr mit ihren eigenen Papieren versperrt geblieben wären. Begleitet von Angst, passiert sie die Grenzposten, fährt durch die Hitze und sucht in Museen und Archiven nach Antworten.

Dies war den Verleihern des „LiBeraturpreises“ offensichtlich zu viel des Bösen, sprich: des „Antisemitismus“. Adania Shibli wird den Preis nicht bekommen. Und dies, obwohl das Buch bei seiner Ersterscheinung in Englisch im Jahre 2020 in die Endauswahl für den US-Literaturpreis National Book Award sowie ein Jahr später auf die Longlist des internationalen Booker Prize gekommen war und bei seiner Erscheinung in Deutsch im Frühling 2022 von der deutschsprachigen Kritik als ein Meisterwerk gefeiert wurde. „Inmitten der lauten und polarisierenden Stimmen, die den Nahostkonflikt umgeben“, schrieb die „Süddeutsche Zeitung“ damals, „ist Shibli eine leise, eine suchende, eine präzise Detailbeobachterin.“

Anlass genug, um sich mit dem Begriff des „Antisemitismus“ etwas näher auseinanderzusetzen. „Antisemitismus“ ist untrennbar verbunden mit der Erfahrung des Holocausts, der planmässigen Vernichtung von über sechs Millionen Jüdinnen und Juden durch die Nationalsozialisten zwischen 1938 und 1945, einem der fraglos grössten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit. Im Klartext: Wer immer sich gegenüber Angehörigen des jüdischen Volks negativ oder abwertend äussert, greife somit, ausgehend von diesem Geschichtsbild, auf die gleichen Denkmuster zurück, welche damals zur Verfolgung und Vernichtung eines grossen Teils des jüdischen Volkes geführt hätten. Doch mehr als das: Auch wer an der heutigen israelischen Regierung und ihrer Politik Kritik übt, sieht sich schnell einmal mit dem Vorwurf des „Antisemitismus“ konfrontiert. Denn schliesslich, so die entsprechende Argumentation, sei der Staat Israel nichts anderes als die endlich Wirklichkeit gewordene Heimat eines Volkes, das über Jahrhunderte hinweg nicht nur in Europa, sondern auch weltweit als Minderheit immer wieder grausamster Verfolgung und Vernichtung ausgesetzt gewesen war. Und so wird der „Schutzschild“, mit dem die Opfer des Holocausts und ihre Nachkommen von weiterer Diskriminierung, Ausgrenzung oder gar Verfolgung geschützt werden sollen, gleichzeitig auch zum Schutzschild eines modernen Staatsgebildes, das aus dieser Geschichte hervorgegangen ist. Wer es wagt, am heutigen Staat Israel Kritik zu üben – so wie es gerade in diesen Tagen unter anderem die bekannte Klimaaktivistin Greta Thunberg gewagt hat -, setzt sich damit automatisch dem Vorwurf des „Antisemitismus“ aus, selbst wenn dieser Staat seit seiner Gründung seinerseits einem anderen Volk, nämlich dem palästinensischen, genau jenes Recht auf Autonomie, Selbstbestimmung und die Bildung eines eigenen Staates verweigert, das er für sich selber so selbstverständlich in Anspruch nimmt.

Es ist geschichtlich nachvollziehbar, dass Jüdinnen und Juden auf alles, was in Richtung „Antisemitismus“ gehen könnte, überaus sensibel reagieren. Doch müssten die gleichen Massstäbe eigentlich auch gegenüber allen anderen Menschen, Völkern und Kulturen gelten. Respekt, Toleranz, Menschenwürde, Schutz vor Verfolgung und Diskriminierung sind universelle Werte. Als amerikanische Bomberpiloten anfangs 1991 Scharen flüchtender irakischer Soldaten vor sich hertrieben, verglichen sie diese mit „Fliegen“. Im US-Militärgefängnis von Guantanamo mussten irakische Häftlinge, nachdem sie beinahe zu Tode gefoltert worden waren, vor den Augen sich belustigender Gefängniswärter Kunststücke aufführen und sich dabei wie Zirkustiere gebärden. Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan durfte in seinem Buch „Himmel über Charkiw“ sämtliche Russen als „Schweine“, „Hunde“, „Verbrecher“, „Tiere“, „Unrat“ und „Barbaren“ bezeichnen, die „in der Hölle brennen sollen“ – und wurde dafür erst noch mit dem Friedenspreis 2022 des deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Der israelische Verteidigungsminister Yoav Gallant bezeichnete vor wenigen Tagen die Bewohnerinnen und Bewohner des Gazastreifens als „Hunde“, und genau so, sagte er, müsse man sie auch behandeln. Der israelische Finanzminister Belazel Smotrich stellte die Behauptung auf, es gäbe gar kein palästinensisches Volk. Und in der Schweiz wurden über viele Jahre Menschen aus Italien als „Tschinggen“ und Menschen aus dem Balkan als „Jugos“ bezeichnet und dies stets mit einem negativen, diskriminierenden, ausgrenzenden Beiklang, obwohl die schweizerische Wirtschaft existenziell auf die Arbeitskräfte aus diesen Ländern angewiesen war. Ist das alles weniger schlimm als das, was man unter „Antisemitismus“ versteht?

„Antisemitismus“ ist eines dieser Reiz- oder Signalwörter, die in der heute so aufgeheizten und polarisierten Weltlage nur allzu schnell instrumentalisiert werden, um „Freunde“ und „Feinde“ möglichst klar voneinander zu unterscheiden und jeden zwischenmenschlichen Dialog schon zum Vornherein zu verunmöglichen. Umso wichtiger ist es, solche Begriffe, die man sich mittlerweile gegenseitig wie Waffen um die Köpfe schlägt, immer wieder kritisch zu hinterfragen. Um auf diese Weise vielleicht neue Wege aufzuspüren, welche die Menschen nicht immer weiter gegenseitig auseinandertreiben, sondern, im Gegenteil, eines Tages, wenn sich erst einmal alle diese Feindbilder aufgelöst haben, wieder zusammenbringen.

Vom 11. September 2001 über den 24. Februar 2022 bis zum 7. Oktober 2023: Als hätte an einem einzigen Tag die ganze Weltgeschichte neu angefangen

Zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse hätte, wie der „Spiegel“ am 18. Oktober 2023 berichtete, Slavoj Žižek, Philosoph aus dem Gastland Slowenien, mit seiner Eröffnungsrede zum Nahostkonflikt grosse Empörung ausgelöst. Žižek hätte zwar die terroristischen Angriffe der Hamas auf die israelische Bevölkerung klar verurteilt, dann aber betont, man müsste auch den Palästinensern zuhören und deren Hintergrund beachten, wenn man den Konflikt verstehen wolle. Hierauf hätten einige Gäste den Saal verlassen. Der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker hätte Žižek vorgeworfen, die Verbrechen der Hamas zu relativieren, hätte dann ebenfalls den Saal verlassen, sei aber wieder in Begleitung von Frankfurter Lokalpolitikern zurückgekehrt. Becker hätte im Anschluss an die Veranstaltung der Deutschen Presse-Agentur gesagt, man könne über alles sprechen, auch über die Rechte und das Leid der Palästinenser, aber nicht in einer Gleichsetzung und Gleichstellung zu Unrecht und zu massiver Gewalt und Terrorismus. Auch das freie Wort habe dort eine Grenze, wo es in einem Kontext Dinge relativiere, verharmlose und gleichsetze, wo man sie nicht gleichsetzen könne.

Das gleiche Phänomen in der Diskussionssendung „Club“ des Schweizer Fernsehens am 17. Oktober. Nur schon beim leisesten Versuch in der Runde, das Geschehene in einen historischen Kontext zu stellen und an das jahrzehntelange Leiden der palästinensischen Bevölkerung zu erinnern, verdreht Jonathan Kreutner, Generalsekretär des schweizerischen israelitischen Gemeindebundes, die Augen und beginnt ganz unruhig auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen. Offensichtlich ist für ihn nur schon das Wort „Kontext“ des Teufels. Eindringlich betont er, der Überfall der Hamas auf die israelische Zivilbevölkerung sei in seiner Brutalität, Menschenfeindlichkeit und Einzigartigkeit in nichts mit alledem zu vergleichen, was über Jahrzehnte hinweg im Nahen Osten geschehen sei.

Das ist nicht das einzige Mal, dass das Ausblenden und Verleugnen eines historischen Kontextes so vehement verfochten wird. Auch am 24. Februar 2022, als russische Truppen die Ukraine überfielen, war es so. Wer nur den leisesten Hinweis darauf zu äussern wagte, auch die vom Westen vorangetriebene Osterweiterung der NATO könnte in der Zuspitzung dieses Konflikts eine Rolle gespielt haben, musste sich sogleich alle möglichen Beschimpfungen gefallen lassen und wurde selbst auch dann noch als „Putintroll“ oder „Putinversteher“ diffamiert, wenn er den Angriff Russlands noch so klar verurteilte. Und nicht anders war es am 11. September 2001, bei den Anschlägen auf das World Trade Center in New York. Sowohl dieses Ereignis wie auch der Überfall Russlands auf die Ukraine und der Angriff der Hamas auf die israelische Zivilbevölkerung wurden von westlicher Seite, verbunden mit der entsprechenden Darstellung in den Medien, als totale Einzelereignisse in den Raum gestellt, die rein gar nichts mit vorangegangenen Geschehnissen zu tun hätten und einzig und allein mit der abgrundtiefen Bösartigkeit, Menschenfeindlichkeit und Zerstörungswut jener zu erklären sei, welche diese Taten verübt hätten. Als hätte die Weltgeschichte in diesen Augenblicken immer wieder beim Nullpunkt noch einmal neu angefangen.

Und weil ja diese Verbrechen angeblich alles Bisherige in den Schatten stellen und sich jeglicher rationaler Erklärung und jedes historischen Kontexts entziehen, ist dann auch, so die logische Schlussfolgerung, ein jedes Mittel recht, um das begangene Unrecht zu sühnen. Im Falle des 11. September 2001 war es der völkerrechtswidrige Krieg der USA zunächst gegen Afghanistan, dann gegen den Irak, alles aufgrund dubioser Mutmassungen und einer gezielten Lügenpropaganda, mit Hunderttausenden unschuldiger Opfer und einem jahrzehntelangen „Krieg gegen den Terrorismus“, der eine unvergleichlich viel höhere Zahl an Terroristen zur Folge hatte, als jemals durch ihn „eliminiert“ worden sind. Und im Falle des 7. Oktober 2023 die Bombardierung des Gazastreifens durch die israelische Armee und das Abschneiden der dortigen Zivilbevölkerung von der Versorgung mit Trinkwasser, Nahrungsmitteln, Medikamenten und Strom. Und wiederum Abertausende unschuldiger Opfer, welche die Zahl der vom Überfall der Hamas Betroffenen bereits jetzt um ein Vielfaches übertrifft. Ebenso wie die Zahl der Opfer des Afghanistan- und des Irakkriegs in nichts zu vergleichen ist mit der Zahl der Opfer, welche die Anschläge auf das World Trade gefordert hatten.

Zurück zu Slavoj Žižek. Mit keinem Wort hatte er den Angriff der Hamas auf Israel zu rechtfertigen versucht. Das Einzige, was er tat, war die Aufforderung, auch die Sorgen und die Ängste der palästinensischen Bevölkerung ernst zu nehmen, um den Konflikt besser verstehen zu können. Auf tragische Weise werden in der gegenwärtigen aufgeheizten, polarisierten, von gegenseitigen Feindbildern bestimmten Weltlage immer wieder zwei Dinge miteinander vermischt, die nichts miteinander zu tun haben. Das eine ist der Versuch, Einzelereignisse in einen historischen und gesellschaftspolitischen Zusammenhang zu stellen, um sie besser einordnen zu können. Das andere ist, Gewalt, Verbrechen oder Kriege auf irgendeine Weise zu „rechtfertigen“. Eine Rechtfertigung ist immer falsch, denn Gewalt, Verbrechen oder Kriege lassen sich auch mit den besten Argumenten niemals rechtfertigen. Aber das Erklären, das Hinterfragen, die Zusammenhänge, der Kontext – dies alles ist gerade deshalb um so viel wichtiger, weil es das einzige Mittel ist, um aus vergangenem Unrecht und vergangenen Fehlern zu lernen und nicht immer wieder in die gleiche Falle zu tappen, die letztlich zu nichts anderem führt als zur gegenseitigen Vernichtung bis zum bitteren Ende.

In der „Rundschau“ des Schweizer Fernsehens vom 18. Oktober sagt ein etwa zwölfjähriger Palästinenserbub: „Ich sage der Welt, hört endlich mit dem Krieg auf, es reicht, es sind schon viel zu viele gestorben.“ Der Bruder des Jungen hat Knochenbrüche, sein Onkel hat zwanzig Stiche am Kopf, sein Vater ist tot. Trotzdem schwört er nicht auf Rache. Was für ein unfassbarer Kontrast zu all den blutrünstigen, rachebeseelten Politikern hüben und drüben aller Fronten, die doch eigentlich dafür verantwortlich sein müssten, eine Welt zu schaffen, in der alle Menschen in Sicherheit und Frieden leben können.

Altes und neues Denken: Eine Polarisierung, die Mut macht

Wir leben in einer Zeit der Polarisierungen: Corona, Genderdebatte, Klimawandel, Krieg in der Ukraine, Krieg im Nahen Osten – immer unversöhnlicher und gehässiger prallen Meinungen und Gegenmeinungen aufeinander, gegenseitige Schuldzuweisungen und Feindbilder beherrschen das Feld, nur selten wird der Dialog gesucht und das ehrliche Bemühen, Ursachen auf den Grund zu gehen und gemeinsam Lösungen zu suchen.

Doch gleichzeitig gibt es noch eine andere Polarisierung, die – im Gegensatz zu allen anderen Polarisierungen – Mut machen könnte: die Polarisierung zwischen einem alten Denken, das auf der Macht des Stärkeren beruht, und einem neuen Denken, das auf Aussöhnung, Frieden und Gerechtigkeit ausgerichtet ist. Und fast scheint mir, dass, je unbändiger sich das alte Denken noch einmal in seiner ganzen Gewalttätigkeit aufbäumt, gleichzeitig das neue Denken immer weitere Kreise zieht und immer stärker wird.

Deshalb mag es sich lohnen, Beispiele für altes Denken genauer anzuschauen, seine Widersprüche aufzudecken und daraus zu lernen, wie das neue Denken aussehen müsste, um das alte nach und nach überwinden zu können. Ein solches Beispiel alten Denkens habe ich bei der Lektüre des „Tagesanzeigers“ vom 16. Oktober 2023 gefunden, wo der 81jährige deutsche CDU-Politiker Wolfgang Schäuble, eine „deutsche Politiklegende“, wie es heisst, auf zwei ganzen Zeitungsseiten sein Gedankengut ausbreitet.

Herr Geissler, Sie sagen: „Der Terrorismus durch Hamas ist allgegenwärtig, das ist am 7. Oktober brutal deutlich geworden, orchestriert aus dem Iran.“ Und ich frage Sie: Weshalb greifen Sie, in Bezug auf den Iran, so schnell zu Schuldzuweisungen? Meines Wissens ist da bis zur Stunde noch gar nichts bewiesen.

Sie sagen: „Die Terroristen müssen entschieden bekämpft werden und die amerikanische Präsenz in der Region muss erhöht werden, um ein klares Signal zu senden, das dann hoffentlich nicht nur die unmittelbar Involvierten verstehen, sondern auch der Kreml.“ Und ich frage Sie: Weshalb spielen Sie bewusst mit dem Feuer? Wenn Sie eine Erhöhung der amerikanischen Präsenz fordern, könnte dann von anderer Seite nicht konsequenterweise auch eine Erhöhung der russischen Präsenz gefordert werden? Und was wären die möglichen Folgen? Und weshalb ziehen Sie Russland ins Spiel, das sich bisher jeglicher einseitiger Schuldzuweisung entzogen hat, sich im Gegenteil für eine Vermittlerrolle angeboten hat und überdies seit Jahren sehr gute und konstruktive Beziehungen zur israelischen Regierung unterhält?

Sie sagen: „Auch wenn der Ukrainekrieg und der Krieg im Nahen Osten auf den ersten Blick nicht zusammenhängen, so sind sie durch die globalen Machtstrukturen doch miteinander verknüpft. Das bedeutet, dass wir unsere Anstrengungen, die freie, demokratisch-rechtsstaatliche Ordnung zu verteidigen, noch einmal intensivieren müssen. Das bedeutet auch, dass wir wieder lernen müssen, dass Friedenspolitik vor allem auch Machtpolitik ist und die Fähigkeit zu echter Abschreckung.“ Und ich frage Sie: Wissen Sie nicht oder wollen Sie nicht wissen oder haben Sie es vergessen, dass die USA seit dem Zweiten Weltkrieg unvergleichlich viel mehr völkerrechtswidrige Kriege vom Zaun gerissen hat als Russland und allein im Irakkrieg 2003, der von den USA aufgrund einer reinen Lügenpropaganda angezettelt wurde, über eine halbe Million unschuldiger Menschen ihr Leben verloren? Müssten Sie, wenn Sie von „globalen Machtstrukturen“ sprechen, nicht ehrlicherweise auch solche Beispiele erwähnen? Und ist Ihnen tatsächlich ernst mit der Behauptung, Friedenspolitik sei vor allem Machtpolitik? Haben Sie aus der Geschichte nichts gelernt? War die reine Machtpolitik, die Politik der Abschreckung, die Durchsetzung des Rechts des Stärkeren nicht stets wieder die Ursache weiterer, oft noch schlimmerer Konflikte und Kriege? Können Sie sich nicht vorstellen, dass man, um Frieden zu schaffen, vor allem bestehende und sich immer wieder neu bildende Gewaltspiralen endlich durchbrechen, eine neue Sprache und ein neues Denken finden müsste?

Sie sagen: „Verantwortung scheint uns immer noch wahnsinnig schwer zu fallen. Selbst wenn Sie heute 20jährige Deutsche fragen, ob sie zur Verteidigung ihres Landes auch mit der Waffe kämpfen würden, stossen Sie meist bloss auf Ablehnung.“ Und ich frage Sie: Würden Sie Ihre eigenen Kinder und Kindeskinder gerne in den Krieg schicken? Oder gehören Sie auch zu jenen Menschen, die, wie Erich Maria Remarque einmal schrieb, Krieg zwar befürworten, aber nur, weil sie selber nicht hingehen müssen? Und ist das, was Sie bedauern, nämlich dass die meisten 20jährigen Deutschen keine Lust verspüren, eine Waffe in die Hand zu nehmen, nicht etwas Grossartiges und so etwas wie der Ausdruck davon, dass wahrscheinlich immer mehr Menschen die Illusion aufgegeben haben, zwischenstaatliche Konflikte liessen sich durch Waffengewalt und Krieg sinnvoll lösen?

Sie sagen: „In den Jahrzehnten der Teilung haben sich viele Menschen, die in der DDR lebten, stärker vom Westen bedroht gefühlt als von der Sowjetunion. Eigentlich verrückt, aber so war es.“ Und ich frage Sie: Was finden Sie daran so verrückt? Haben Sie sich jemals ernsthaft und vorurteilslos mit der Geschichte der DDR beschäftigt? So schlimm, wie die westliche Propaganda dies immer wieder darzustellen versucht, war das Leben in der DDR wohl nicht. Von vielen sozialen Errungenschaften, die dort selbstverständlich waren, kann eine wachsende Zahl von Menschen in der heutigen Bundesrepublik nur träumen.

Sie sagen: „Ob die Welt der Neutralität noch zur Welt des 21. Jahrhunderts passt, ist eine andere Frage. In einer globalisierten Welt sind alle grossen Herausforderungen kollektiv, nicht nur die Verteidigung. Da kann es im Grunde keine Neutralität mehr geben.“ Und ich frage Sie: Was verstehen Sie unter der Welt des 21. Jahrhunderts? Eine Welt, in der Neutralität keinen Platz mehr hat, also nur das kriegerische Gegeneinander von Staaten und Machtblöcken? Kann das unsere Zukunft sein? Sie reden davon, dass in einer globalisierten Welt alle grossen Herausforderungen kollektiv seien. Das stimmt, würde aber logischerweise zur Schlussfolgerung führen, dass alle Völker und Staaten nicht gegeneinander und nicht durch Kriege, sondern nur gemeinsam und durch Frieden diese grossen gemeinsamen Herausforderungen meistern können.

Sie sagen: „Die Zerstörung der ökologischen Lebensgrundlagen schreitet schneller voran, als selbst pessimistische Wissenschaftler vorausgesagt haben. Ich bin immer traurig, wenn ich über die Alpen fliege und und unten kaum noch Weiss sehe.“ Und ich frage Sie: Wie können Sie sich da überhaupt noch in ein Flugzeug setzen, wenn Sie das, was Sie dabei selber anrichten, so traurig macht?

Altes und neues Denken. Der Weg ist noch weit. Doch nähern wir uns immer mehr dem Punkt, wo wir uns definitiv entscheiden müssen und es zwischen dem alten und dem neuen Denken kaum noch irgendwelche Kompromisse oder Zwischenwege geben wird. Denn, wie schon Martin Luther King sagte: „Entweder werden wir als Brüder und Schwestern gemeinsam überleben oder aber als Narren miteinander untergehen.“

Zweites Monatsgespräch vom 2. Oktober 2023: Wie lässt sich der europaweite Vormarsch rechter und rechtspopulistischer Parteien erklären?

Wie lässt sich der europaweite Vormarsch rechter und rechtspopulistischer Parteien erklären? Dies die Frage, mit der sich das zweite Buchser Monatsgespräch vom 2. Oktober auseinandersetzte. In unsicheren Zeiten, so ein Erklärungsversuch, sei man besonders empfänglich für einfache Rezepte und schnelle Lösungen. Der Neoliberalismus hat zahlreiche Verliererinnen und Verlierer produziert, Existenzängste sind weitverbreitet, auch die Angst vor sozialem Abstieg. Dies seien Voraussetzungen dafür, dass rechte Parteien auf viel Zuspruch stossen würden, was sich zurzeit besonders deutlich in Deutschland zeigt, wo die AfD in jenen Landesteilen, wo Arbeitslosigkeit, tiefe Löhne und fehlende soziale Sicherheit am weitesten verbreitet sind, die höchsten Umfragewerte erzielt. Schuldzuweisungen und das Schüren von Feindbildern seien typische Merkmale dafür, wie rechte Parteien politisieren. So etwa stellt die SVP eine angeblich wachsende „Ausländerkriminalität“ ins Zentrum ihrer Propaganda, obwohl tatsächlich die Beschuldigtenrate bei Straftaten von Ausländerinnen und Ausländern relativ zur Gesamtbevölkerung seit 2012 leicht rückläufig ist, während sie bei Schweizerinnen und Schweizern in diesem Zeitraum konstant geblieben ist. Auch malt die SVP gerne das Schreckgespenst einer „10-Millionen-Schweiz“ an die Wand, setzt sich aber gleichzeitig für tiefere Unternehmenssteuern ein, um zusätzliche Firmen in die Schweiz zu locken, welche ihrerseits zusätzliche Arbeitskräfte benötigen und damit Zuwanderung begünstigen. Intensiv wurde diskutiert, wie einer solchen auf Schuldzuweisungen und Feindbildern aufbauenden Politik am wirkungsvollsten begegnet werden könnte. Eine Anbiederung nach rechts und eine Übernahme populistischer Wahlparolen ist gewiss keine taugliche Lösung, denn letztlich würde immer das „Original“ davon profitieren und nicht jene, die es nachahmen, was sich auch in den aktuellen Meinungsumfragen widerspiegle, die eine Steigerung des SVP-Wähleranteils von 3,1 Prozent und ein Minus von 1,3 Prozent beim FDP-Wähleranteil prognostizieren. Zudem würde sich dadurch das politische Spektrum immer weiter nach rechts verschieben. Auch eine Bekämpfung, eine Gesprächsverweigerung oder gar ein Verbot rechter Parteien, wie es in Deutschland im Zusammenhang mit der AfD diskutiert wird, könne nicht die Lösung sein. Vielmehr müsse es darum gehen, die Diskussion zu versachlichen, Feindbilder und Schuldzuweisungen abzubauen, bestehende Denkvorstellungen auch selbstkritisch zu hinterfragen, Aufklärung zu betreiben in Bezug auf die Art und Weise, wie unser Wirtschaftssystem funktioniert und welches seine Profiteure und welches seine Opfer sind. Nicht gegenseitige Grabenkämpfe, sondern nur ein konstruktiver Dialog zwischen unterschiedlichen Meinungen würde die Chance bieten, von einem Gegeneinander zu einem Miteinander zu gelangen. Daher wird die Teilnahme von Vertreterinnen und Vertretern eines breiten politischen Spektrums an den Montagsgesprächen ausdrücklich gewünscht.