Der Pisa-Ländervergleich: Die Absurdität von Ranglisten und ihre verheerenden Auswirkungen

Peter Sutter, 6. Dezember 2023

Am 5. Dezember 2023 war es wieder einmal so weit: Die Ergebnisse der regelmässig weltweit durchgeführten „Pisastudie“ wurden präsentiert. Nun weiss jedes Land wieder auf den Rangplatz genau, wo es im Vergleich zu den anderen Ländern steht und ob es zu den „Siegern“ oder den „Verlierern“ gehört.

Doch der Pisa-Ländervergleich ist ebenso absurd wie das schulische Notensystem. Man könnte selbst aus Menschen mit dem exakt gleichen IQ eine Rangliste erstellen, weil es immer noch winzigste Unterschiede gibt zwischen den „Besseren“ und den „Schlechteren“. Ranglisten sagen nichts aus über tatsächlich vorhandene Kompetenzen, sondern nur darüber, um wie viel besser oder schlechter diese sind im Vergleich mit anderen. Doch so absurd solche Ranglisten sind, so fatal sind ihre Auswirkungen. Sie befeuern einen Konkurrenzkampf aller gegen alle, bei dem es schon längst nicht mehr um das Wohl von Kindern und Jugendlichen geht, sondern nur noch darum, welches Land die besten Resultate erzielt und sich gegenüber den anderen als „Sieger“ fühlen kann. Wohin das führt, sehen wir am besten am Beispiel von Singapur, das regelmässig auf Platz eins oder zwei des Pisa-Ländervergleichs anzutreffen ist. Und das ist der Preis, den die Kinder und die Jugendlichen dafür zu bezahlen haben: Unerbittlicher Drill im Schulunterricht, der Verlust jeglicher ursprünglicher Lernfreude, privater Nachhilfeunterricht schon für Grundschulkinder nicht selten bis 23 Uhr, keine Zeit für Erholung und lustvolle Freizeitbetätigung, massive Zunahme von Depressionen, die weitaus höchste Suizidrate bei Jugendlichen seit dem Beginn der Aufzeichnungen im Jahre 2000. Kann es allen Ernstes im Interesse unseres Bildungssystems liegen, solchen „Vorbildern“ nachzueifern?

Dramatische Zunahme von Schulstress insbesondere bei weiblichen Teenagern: Ursachen bekämpfen statt Symptome

Peter Sutter, 29. November 2023

Gemäss „Tagesanzeiger“ vom 29. November 2023 leiden – aufgrund einer umfassenden Befragung aller 14Jährigen in der Stadt Zürich – mehr als die Hälfte der Mädchen „ziemlich“ bis „sehr“ unter dem Druck in der Schule, 2017 waren es noch halb so viele. Jedes dritte Mädchen zeigt Hinweise auf eine Angststörung, knapp die Hälfte der Mädchen hat mindestens einmal pro Woche Kopfschmerzen, zugenommen haben auch Bauch- und Rückenschmerzen, rund vier Prozent haben auch schon versucht, sich das Leben zu nehmen. Für Erholung und ausgleichende Freizeitaktivitäten bleibt kaum Zeit: Zwei Fünftel der Mädchen geben an, täglich zwei Stunden oder mehr für die Hausaufgaben aufwenden zu müssen. Auch die Knaben leiden, wenngleich in etwas geringerem Ausmass, zunehmend unter dem steigenden schulischen Leistungsdruck. Wenn nun der oberste kantonale Schulpsychologe postuliert, die Mädchen müssten mehr Eigenverantwortung übernehmen und lernen, etwa durch Ablenkung, Sport und Medienpausen einen Weg aus der Abwärtsspirale zu finden, so ist das nur zynisch. Auch ein grösseres Angebot an schulpsychologischen Sprechstunden oder Präventionsbotschaften in Form von Karten für die Hosentasche sind reine Symptombekämpfung.

Statt der Symptome müssten vielmehr die Ursachen bekämpft werden. Lernen könnte so schön sein und es wäre so einfach. Man müsste nur dort weitermachen, wo es in den ersten Lebensjahren begonnen hatte: lustvoll, voller Begeisterung, aus eigener Motivation, selbstbestimmt, ohne Zwang und zugleich so überaus erfolgreich. Und man müsste sich endlich von der unseligen Idee verabschieden, Kinder und Jugendliche bei ihrem Lernen miteinander zu vergleichen, zu bewerten, zu messen und sie damit in einen gegenseitigen Konkurrenzkampf zu zwingen, der so viele Leiden verursacht und letztlich die ganze ursprüngliche Lernfreude zerstört. Man müsste nur endlich das verwirklichen, was Johann Heinrich Pestalozzi schon vor über 250 Jahren gefordert hat: „Vergleiche nie ein Kind mit dem andern, sondern stets nur jedes mit sich selber.“