Cortina d’Ampezzo und schon wieder eine nie dagewesene Serie von Stürzen in einem Abfahrtsrennen: 2000 Jahre und immer noch der gleiche Wahnsinn

Peter Sutter, 27. Januar 2024

Abfahrt der Frauen in Cortina d’Ampezzo am 27. Januar 2024: So viele Stürze in einem einzigen Rennen gab es wohl noch selten. Zuerst Mikaela Shiffrin. Sie stürzt im oberen Streckenteil und fliegt ins Fangnetz, der Aufprall ist so heftig, dass sie zunächst regungslos liegen bleibt. Als sie wieder aufstehen kann, lässt sich das linke Bein nicht mehr belasten, sie muss mit dem Helikopter abtransportiert werden, wie zwei Wochen zuvor ihr Freund Aleksander Kilde, der in Wengen schwer gestürzt war und den Rest des Winters verpassen wird. Dann Corinne Suter. Bei der Landung nach einem hohen Sprung kann sie zwar gerade noch knapp vor den Fangnetzen abbremsen, verletzt sich dabei aber am Knie und schreit vor Schmerz laut auf. Auch sie muss ins Spital gebracht werden. Schon am Abend werden die schlimmsten Befürchtungen Tatsache: Kreuzbandriss im linken Knie, Meniskusverletzung, Saisonende. Bereits vor Jahresfrist stürzte sie in Cortina d’Ampezzo und erlitt dabei eine Gehirnerschütterung. Dann Federica Brignone. Dann Emma Aicher. Dann Priska Nufer. Und schliesslich Michelle Gisin. Sie landet in den Netzen, kann jedoch selbständig ins Ziel fahren, verspürt aber starke Schmerzen im rechten Unterschenkel und wird bei den weiteren Rennen an diesem Wochenende nicht mehr starten können. Doch dieser Freitag ist keine Ausnahme. Er passt in diese, wie ein Journalist schreibt, „seltsame Skisaison“: Reihenweise sind sie in den vergangenen Wochen infolge von Stürzen und Verletzungen ausgeschieden: Nebst Aleksander Kilde auch Petra Vlhova, Wendy Holdener, Alexis Pinturault und Marco Schwarz, um nur die Bekanntesten unter ihnen zu nennen.

Und jedes Mal, wenn wieder ein Fahrer oder eine Fahrerin ins Netz fliegt oder regungslos auf der Piste liegen bleibt, geht ein Aufschrei durch das Publikum und alle schlagen sich die Hände vor die Augen, nur um das Entsetzliche nicht sehen zu müssen. Wie scheinheilig. Man baut die Pisten genau so, dass sie Stürze förmlich provoziert, und gibt sich dann völlig überrascht, wenn tatsächlich genau das passiert, was man eigentlich hätte verhindern können, aber offensichtlich gar nicht wirklich hat verhindern wollen. „Ich habe an dieser Stelle einen Fehler gemacht“ oder „Ich habe zu wenig aufgepasst“ oder „Ich war zu wenig konzentriert“, sagen die Fahrerinnen im Interview nach dem Rennen, ganz so, als ob sie sich für irgendetwas entschuldigen oder rechtfertigen müssten und nicht der einzige wirklich ausschlaggebende Fehler darin besteht, eine solche Art von sportlichem „Wettkampf“ überhaupt zu planen und durchzuführen, bei dem jede Fahrerin und jeder Fahrer schon lange vor dem Start ganz genau weiss, dass sie oder er schon das nächste Opfer sein könnte.

Doch nicht nur Skifahrerinnen und Skirennfahrer, sondern auch Motorradfahrer, Kunstturnerinnen, Leichtathleten, Schwimmerinnen und Tennisspieler. Sie alle bezahlen mit ihrer Gesundheit, manchmal sogar mit ihrem Leben, für die Schaulust des Publikums und für jene Gewinne, die dann früher oder später in die Kassen von Sportorganisatoren, Veranstaltern, Fernsehanstalten und all jener Firmen fliessen, die dank diesem oder jenem Event ihre Profite erzielen. Und, obwohl sie alle dafür so grosse Opfer erbringen: Niemand von ihnen wird gefragt, ob sie selber all das tatsächlich auch wollen. Weder die Skirennfahrerinnen, noch die angehenden, mit brutalsten Trainingsmethoden belasteten Kunstturnerinnen von Magglingen, noch die Fahrer der Tour de France oder der Tour de Suisse, die sich über himmelhohe Berge quälen und sich auf glitschigem Kopfsteinpflaster der Gefahr von Stürzen aussetzen müssen, worauf dann wieder die scheinheilige Menge aufschreit und so tut, als wären das bloss irgendwelche dumme Zufälle oder „Fehler“, aber nicht die ganz logische Folge genau dieser Art von zu möglichst werbewirksamen Grossveranstaltungen emporgepushten „Sportveranstaltungen“, bei denen der ganz besondere, heimliche „Kick“ vermutlich eben genau darin liegt, dass jederzeit etwas ganz Entsetzliches passieren könnte.

Vor 2000 Jahren warf man, zur Belustigung der Massen, in den Amphitheatern Roms die Menschen den Löwen und Tigern zum Frass vor. Heute wirft man junge Menschen, angelockt durch Geld, Prestige, Berühmtheit und die Aussicht auf den definitiven Sieg in einem immer härter und gnadenloser werdenden gegenseitigen Konkurrenzkampf aller gegen alle einem millionenfachen Fernsehpublikum zum Frass vor, einem Publikum, das zuhause auf dem Sofa gemütlich zuschauen kann, wie sich andere zu Tode quälen und ihr Leben aufs Spiel setzen – sehr viel weiter scheinen wir in diesen 2000 Jahren nicht gekommen zu sein…

Das zutiefst Verrückte daran ist, dass durch diese Art von Wettkampf Menschen buchstäblich dazu gezwungen werden, sich gegenseitig Leid zuzufügen – obwohl sie dies wohl kaum selber wirklich wollen. Aber wenn, angetrieben durch die Aussicht auf einen Sieg, der einzelne Sportler und die einzelne Sportlerin immer mehr an die äussersten Grenzen körperlicher Belastbarkeit gehen und auch noch die letzten, allergrössten Gefahren und Risiken auf sich nehmen, dann zwingen sie, ob sie wollen oder nicht, alle ihre Konkurrentinnen und Konkurrentin dazu, dies ebenfalls zu tun oder, wenn irgend möglich, diese Grenze noch weiter hinauszuschieben. Je schneller die eine Skifahrerin auf die nächste gefährliche Kurve zurast, umso mehr steht die nächste Fahrerin unter dem Druck, noch schneller auf diese Kurve zuzurasen und damit ein noch höheres Risiko einzugehen. Je härter der eine Tennisspieler die Bälle schlägt, umso härter muss der andere sie zurückschlagen – bis die Handgelenke, die Ellbogen, die Knie oder der Rücken eines Tages einfach nicht mehr mitmachen. Je riskantere Sprünge die eine Kunstturnerin beherrscht, umso mehr sind alle anderen gezwungen, noch riskantere Sprünge einzuüben, selbst wenn sie dadurch ihren Körper dermassen überdehnen müssen, dass sie möglicherweise bleibende Schäden davontragen werden. Je länger es die eine Synchronschwimmerin unter dem Wasser aushält, umso länger müssen alle anderen Synchronschwimmerinnen es auszuhalten versuchen, bis eine von ihnen das Bewusstsein verliert – das, was mit der amerikanischen Synchronschwimmerin Anita Alvarez an den Weltmeisterschaften 2022 geschah und ihr fast das Leben gekostet hätte.

Sie alle, Skirennfahrerinnen, Radrennfahrer, Turnerinnen, Gewichtheber und Synchronschwimmerinnen und alle anderen Spitzensportlerinnen und Spitzensportler, sind Teil eines gewaltigen Experiments, von dem man eigentlich schon längst weiss, welches seine Folgen sind: zerstörte Körper bis zum Lebensende, unerträgliche Schmerzen durch übermässiges Training oder Unfälle, Depressionen, Magersucht oder der Verlust jeglichen Selbstvertrauens infolge unerbittlich sich wiederholender Rückschläge und Misserfolge trotz grenzenloser Anstrengungen über Jahre, zerplatzte Zukunftsträume, eine gestohlene Kindheit, wenn schon im Alter von vier oder fünf Jahren fünfmal pro Woche trainiert werden muss, damit überhaupt die geringste Chance besteht, je einmal zu den Besten zu gehören.

Wie viele Stürze wie diese bei der gestrigen Abfahrt in Cortina d’Ampezzo, wie viele kaputttrainierte Kunstturnerinnen, wie viele zerschundene Gelenke von Tennisspielerinnen und wie viele Massenkarambolagen von Radrennfahrern werden wohl noch nötig sein, bis auch der Spitzensport endlich wieder dorthin zurückkehren wird, wo er einmal angefangen hatte: beim Wohlergehen und bei der Gesundheit der Menschen und, vor allem, bei ihrem Recht auf Selbstbestimmung: mit dem eigenen Körper nur das zu tun, was ihm guttut und sich nicht von äusseren Interessen, Profitzwecken und der Schaulust des Publikums instrumentalisieren und missbrauchen zu lassen.  

(Nachtrag am 29. Januar 2024: Auch beim Super-G der Frauen vom 28. Januar in Cortina d’Ampezzo kam es wieder zu fürchterlichen Stürzen. Die Kanadierin Valerie Grenier touchierte ein Tor und wurde richtiggehend durch die Luft geschleudert. Jasmin Flury kamen vor laufender Kamera die Tränen, weil kurz vor dem Interview auch die Norwegerin Kajsa Vickhoff gestürzt war. Sie fühle sich gerade leer, sagte Flury. Es hätte sie mehr mitgenommen, als sie gedacht hätte. Lara Gut-Behrami setzt die vielen Stürze an diesem Wochenende mit fehlender Erholung in Zusammenhang. Drei Rennen am gleichen Wochenende seien einfach zu viel. Dazu kämen Events wie die Startnummernauslosungen, so dass die Athletinnen kaum Zeit hätten, sich zu erholen.)

(Weiterer Nachtrag am 2. Februar 2024: Es sind schwer ertragbare Bilder, welche der vor drei Wochen verunfallte Skirennfahrer Aleksander Kilde in den sozialen Medien teilt. Eine tiefe, mehrere Zentimeter breite und bis auf die Knochen reichende Schnittwunde an seiner Wade. Die zweifach operierte und mit zahlreichen Stichen genähte Schulter. Nach dem medizinischen Eingriff an der Schulter hätte er Schmerzen gehabt wie noch nie in seinem ganzen Leben. Die Schmerzmittel hätten Panikattacken ausgelöst, durch die Schnittwunde an der Wade seien so viele Nerven beschädigt worden, dass er die Zehen lange nicht mehr hätte fühlen können. Die Topathleten hätten einfach ein zu brutales Programm, jeden Abend müssten sie an die Auslosung der Startnummern und dann an die Siegerehrung. Es gehe meist bis 16.30 Uhr, ehe alles erledigt sei. Und wenn man zu den Besten gehöre, dann spüre man nach dem Mammutprogramm erst recht die Erwartungen, erneut gewinnen zu müssen.)

(Noch ein Nachtrag am 2. Februar 2024: Laut einer Pressemitteilung hat der slowenische Skirennfahrer und WM-Silbermedaillengewinner von Åre (2019) bekanntgegeben, seine Karriere im Alter von 28 Jahren zu beenden. Seinen Rücktritt erklärt er mit anhaltenden physischen und psychischen Beschwerden. Er sei trotz aller Arbeit, Zeit und Energie, die er investiert habe, am Punkt angelangt, wo er nicht mehr könne. Er könne nicht mehr über die Gefühle hinwegsehen, die sein Körper ihm sende.)

(Nachtrag am 12. Februar 2024: Die Walliserin Malorie Blanc, Zweite in der Abfahrt bei den Junioren-WM Ende Januar in Frankreich, verletzt sich bei der zweiten Europacup-Abfahrt in Crans-Montana VS schwer: Nach einem Sprung gerät sie in Rücklage, kann sich nicht mehr aufrichten und stürzt ins Netz. Fazit: Kreuzband- und Aussenmeniskusriss sowie Zerrung des inneren Seitenbandes im linken Knie. Aus der Feuertaufe im Weltcup vom 16. bis 18. Februar wird nun nichts.)

(Nachtrag am 14. Februar 2024: Beim ersten Abfahrtstraining der Frauen in Crans-Montana stürzt die Rumänin Ania Monica Caill kurz nach der Ziellinie schwer, bleibt liegen und muss ins Spital von Sitten transportiert werden, wo eine Schulterverletzung diagnostiziert wird. Die Schweizer Fahrerin Jasmine Flury ärgert sich. Sie verstehe nicht, weshalb man kurz vor dem Ziel diesen Buckel aufgebaut habe, mit dem die Fahrerinnen gefährlich in die Höhe katapultiert werden. Nach dem Training zeigt sich der Pistenverantwortliche dann doch noch einsichtig und meint, Jasmin Flury hätte ja eigentlich Recht, der Sprung vor der Ziellinie mache aus sportlicher Sicht überhaupt keinen Sinn und sei nur deshalb aufgebaut worden, weil man dank ihm mehr Werbung platzieren könne. Nachdem sich auch andere Fahrerinnen über den Zustand der Piste kritisch geäussert haben, sagt OK-Vizechef Hugo Steinegger hingegen: „In diesem Winter wird sehr, sehr schnell gejammert. Einige müssen sich schon fragen, ob sie eigentlich den richtigen Job gewählt haben.“ OK-Chef Marius Robyr sagt: „Warum gleich Drama machen? Das verstehe ich nicht. Ich frage mich, ob die Frauen Angst haben vor dieser technisch schwierigen Strecke. Man muss doch dem Publikum auch ein Spektakel bieten. Und ein Sprung macht das Rennen eben attraktiver – ich sehe da kein Problem.“ Auch behauptet er, nichts sei gefährlich gewesen und es sei auch „nichts passiert“ – dies trotz des schweren Sturzes von Ania Monica Caill. Und Jean-Philippe Vuillet, der jahrelang als Renndirektor bei der FIS gearbeitet hat, sagt: „Ich glaube schon, dass die Leute, welche die Piste machen, wissen, was sie tun.“)

(Nachtrag am 25. Februar 2024: Nun hat es auch die österreichische Speed-Athletin Michelle Niederwasser erwischt: Sie kann an den nächsten Rennen in Kvitfjell, Are und Saalbach nicht teilnehmen. Seit ihrem Sturz bei der Abfahrt in Cortina d’Ampezzo hat sie so grosse Knieschmerzen, dass das Weiterführen ihrer Saison unmöglich ist. Niederwieser war eine von vielen Athletinnen, die in Cortina stürzte.)

(Nachtrag am 27. Februar 2024: Am kommenden Wochenende werden in Aspen (USA) zwei Riesenslaloms und ein Slalom durchgeführt, aus der Sicht des Slalom- und Riesenslalomspezialisten Manuel Feller sei dies geradezu „fahrlässig“ in Anbetracht dessen, dass die Kräfte einiger Fahrer gegen Saisonende „langsam aber sicher ausgehen“ und die Verletzungsgefahr durch Unfälle infolge der viel zu kurzen Regenerationszeit zwischen den einzelnen Rennen immer grösser werde. Feller verzichtet deshalb auf den Riesenslalom am Samstag und fährt nur die beiden anderen Rennen.)

(Nachtrag am 27. Februar 2024: Bei seinem fürchterlichen Lauberhorn-Sturz am 13. Januar hatte sich Aleksander Kilde schwer verletzt. Die Diagnose: tiefe Schnittwunde an der Wade und eine ausgekugelte Schulter. «Ich habe nie zuvor solche Schmerzen erlebt», sagte er wenige Tage später in einem Interview, das er aus seinem Spitalbett gab. Nach sieben Wochen im Rollstuhl macht er nun wieder die ersten Schritte. «Babyschritte. Buchstäblich», schreibt er zu einem Video, das zeigt, wie er zunächst beide Beine nacheinander vorsichtig belastet und sich dabei an einer Stange festhält, ehe er ganz vorsichtig und hochkonzentriert ein paar kleine Schritte geht – noch etwas wackelig, aber ohne sich festzuhalten. Ob er es jemals wieder zurück in den Weltcup schaffen wird, muss sich noch zeigen.)

(Nachtrag am 9. März 2024: Walter Reusser, CEO Sport bei Swiss-Ski, hat kürzlich eingeräumt, „die eine oder andere der jungen Schweizer Skirennfahrerinnen“ sei „zu früh in den Weltcup geschickt“ worden, nur weil Startplätze frei gewesen seien. „Von den Jahrgängen 1996 bis 1999“, so Reusser, „kam keine einzige Fahrerin ohne gröbere Verletzung durch.“)

„BLICK“ VOM 14. FEBRUAR 2025: AUCH IN DER SKISAISON 24/25 EIN SCHRECKEN OHNE ENDE…

Clarisse Brèche (23) startet in Saalbach (Ö) erstmals bei einer Ski-WM. Die Premiere endet bitter für die Französin. Im Riesenslalom am 13. Februar gerät sie in Rücklage und stürzt. Dabei verkantet ihr rechter Ski leicht im Schnee, sie kassiert einen Schlag aufs Knie. Und verletzt sich so schwer. Brèche zieht sich einen Riss des vorderen Kreuzbandes im rechten Knie zu. Aus dem Saisonhighlight wird das Saisonende.

Alexis Pinturault. Nicht schon wieder, denkt sich mancher Ski-Fan. Im Super-G von Kitzbühel (Ö) am 24. Januar stürzt Alexis Pinturault (33) heftig. Letztes Jahr erwischte es ihn am Lauberhorn, er brach sich die linke Hand und riss sich links das Kreuzband. Nun verletzt er sich auch auf der Streif.  Der Franzose zieht sich einen Bruch des inneren Schienbeinkopfs und eine Meniskusverletzung im rechten Knie zu. Er muss rund sechs Wochen pausieren, ehe er mit der Rehabilitation beginnen kann. Die Saison ist für ihn gelaufen.

Stephanie Jenal. Im zweiten Abfahrtstraining von Garmisch-Partenkirchen (D) am 24. Januar passierts. Bei einer der vielen schnellen Kurven hat Stephanie Jenal (26) zu viel Innenlage. Sie verliert das Gleichgewicht und donnert in die Fangnetze. Die Schweizerin wird nach der Erstversorgung mit dem Helikopter ins Spital geflogen. Und bekommt dort eine bittere Diagnose: Patellasehnenriss im linken Knie. Damit ist ihre Saison wohl gelaufen.

Tereza Nova. Im gleichen Training wie Jenal erwischt es auch Tereza Nova (26). Sie prallt mit voller Wucht in die Fangnetze, wird ebenfalls mit dem Helikopter abtransportiert. Wie der tschechische Skiverband tags darauf mitteilt, erleidet sie Kopfverletzungen. Um eine Schwellung in ihrem Hirn zu reduzieren, wird Nova operiert und in ein künstliches Koma versetzt.

Felix Hacker. Das Abschlusstraining für die Abfahrt in Kitzbühel (Ö) endet für einen Einheimischen besonders bitter. Hacker (25) verletzt sich am 22. Januar ohne zu stürzen schwer. Bei der Ausfahrt des Steilhangs kassiert er einen Schlag ins Knie, bricht die Fahrt sofort unter Schmerzen ab und zeigt an, dass er Hilfe braucht. Wenig später bekommt er im Spital die brutale Diagnose Kreuzband- sowie Meniskusriss im linken Knie. Eine Operation ist nötig. Für Hacker, der zu diesem Zeitpunkt im Europacup neben der Gesamtwertung auch diejenigen in Abfahrt und Super-G anführt, endet die Saison abrupt.

Jacob Schramm. Ebenfalls im zweiten Kitzbühel-Training erwischt es Jacob Schramm (26) heftig. Der Deutsche stürzt in einer Passage nach dem Seidlalm-Sprung. In Rücklage geraten, fliegt er nahezu ungebremst ins Fangnetz. Er muss mit dem Helikopter geborgen werden. Und bekommt wenig später eine brutale Diagnose. Im rechten Knie reisst er sich beide und im linken Knie das vordere Kreuzband, zudem erleidet er eine Gehirnerschütterung. Schramms Saison ist vorbei. Er ist nach dem Schweizer Josua Mettler der zweite Athlet, der sich in diesem Winter in beiden Knien die Kreuzbänder reisst.

Jasmina Suter. «Ich habe mit Sicherheit nach dem letzten Wochenende nicht damit gerechnet», schreibt Jasmina Suter (29) auf Instagram. Was die Schweizerin damit meint? In der Abfahrt von Cortina d’Ampezzo (It) am 18. Januar verletzt sie sich den Meniskus im linken Knie. Passiert ist es nicht bei einem Sturz, sondern bei der harten Landung nach einem Sprung. Suter muss sich einer Operation unterziehen, wie lange sie ausfällt, ist offen. Trotz Rückschlag ist sie zuversichtlich. «Ich bin in den besten Händen, um stark und gesund zurückzukommen», schreibt Suter.

Blaise Giezendanner. Ohne zu stürzen verletzt sich Blaise Giezendanner (33) am 18. Januar in der Lauberhornabfahrt schwer. In Langentrejen kassiert der französische Speedspezialist einen Zwick ins Knie, bricht die Fahrt sofort ab und zeigt im Schnee liegend an, dass er Hilfe braucht. Erst wird er am Pistenrand betreut, dann mit dem Helikopter abtransportiert. Im Spital erhält er die bittere Diagnose Kreuzbandriss im rechten Knie. Die Saison ist vorbei, Giezendanner muss sich einer Operation unterziehen.

Vincent Kriechmayr. Am Lauberhorn wird Vincent Kriechmayr (33) das Ziel-S zum Verhängnis. Bei der Einfahrt wird er zusammengedrückt und stürzt heftig. Danach klagt der Österreicher über Schmerzen im Knie, das Schlimmste wird befürchtet. Stunden später ist klar, Kriechmayr hat Glück im Unglück gehabt. Diagnose: starke Zerrung des Innenbands. Und das 17 Tage vor Beginn der Heim-WM. Die Österreicher zittern um ihren Speed-Star. Der verspricht, dass er alles daran setzen wird, «bis zur WM wieder so fit wie möglich zu sein». Ob er in Saalbach tatsächlich am Start stehen wird, wird sich zeigen.

Erik Arvidsson. Schon wieder Verletzungspech für Erik Arvidsson (28). Letzte Saison stürzte er im Training vor dem später abgesagten Speed-Auftakt in Beaver Creek (USA) und riss sich das Kreuzband – Saisonende. Nun wird er auch in diesem Winter keine weiteren Rennen bestreiten. «Statt in dieser Woche beim Lauberhornrennen im Starthaus zu stehen, muss ich mich leider erneut unters Messer legen», schreibt der amerikanische Speedspezialist Mitte Januar auf Instagram. Und verrät: Sein letztes Rennen (23. in der Gröden-Abfahrt) hat er unwissentlich mit einem gerissenen Kreuzband bestritten! Die Verletzung hat er sich erneut in Beaver Creek zugezogen, als er sich im Training das Knie verdrehte. «Zu diesem Zeitpunkt vermuteten wir, dass mein vor zwölf Monaten operiertes Kreuzband etwas gereizt wurde», so Arvidsson. Doch nach der ersten Trainingsfahrt in Bormio (It) schwillt das Knie dermassen an, dass es genauer untersucht wird. Die bittere Diagnose: Das Kreuzband ist erneut gerissen. «Herzzerreissend» beschreibe nicht einmal annähernd, wie es sich anfühle, nach zwölf Monaten harter Arbeit wieder am gleichen Punkt zu sein, meint Arvidsson.

Kristin Lysdahl. Unschönes Jahresende für Kristin Lydahl (28). Die norwegische Technikerin, die seit einiger Zeit um den Anschluss an die Weltspitze kämpft, hängt beim Riesenslalom in Semmering (Ö) am 28. Dezember mit dem linken Arm an einem Tor an und bricht sich dabei die Hand. «Meine Schiene sieht aus wie eine Zuckerstange», nimmt sie es mit Humor und verspricht, bald zurück zu sein.

Gino Caviezel. Der Super-G von Bormio (It) geht am 29. Dezember nach den Stürzen in den Trainings und der Abfahrt ebenfalls nicht ohne Crash über die Bühne. Mit Startnummer 1 hängt Gino Caviezel (32) an einem Tor an, er stürzt fürchterlich und schlittert anschliessend über den San-Pietro-Sprung hinunter. Minutenlang wird er am Pistenrand gepflegt, ehe er per Helikopter abtransportiert und kurz darauf nach Zürich geflogen wird. Am Abend teilt Swiss-Ski mit: «Die ersten Untersuchungen zeigen eine Schulterluxation, welche wieder eingesetzt wurde, sowie eine komplexe Knieverletzung, die noch weiter untersucht wird.»

Simon Jocher. Ohne zu stürzen, verletzt sich Simon Jocher (28) am 28. Dezember in der Abfahrt von Bormio. Der Deutsche zieht sich eine schwere Prellung des rechten Fersenbeins zu. Nach eigenen Angaben verletzt er sich beim San-Pietro-Sprung, fährt danach aber noch ins Ziel und wird 13. «Ich habe gemerkt, er geht richtig weit», berichtet er über seinen Sprung. «Bei der Landung habe ich direkt einen Stich in der Ferse gespürt.» Wie lange er ausfällt, ist offen. Weitere Untersuchungen sollen zeigen, ob nichts gebrochen ist.

Cyprien Sarrazin. Im zweiten Training zur Weltcup-Abfahrt in Bormio kommt Cyprien Sarrazin (30) am 27. Dezember brutal zu Fall. Kurz vor der Einfahrt ins Schlussstück der Stelvio gerät der Franzose bei einem Sprung in Rücklage und knallt aus grosser Höhe voll auf den Rücken. Danach schlittert er über die Piste und durchneidet mit seinen Ski das Sicherheitsnetz. Erst dahinter kommt er zum Liegen. Er wird mit dem Helikopter ins Spital geflogen. Die erste Diagnose: Subduralhämatom, also eine Blutansammlung zwischen den Hirnhäuten. Sarrazin wird noch gleichentags notoperiert. Danach liegt er kurzzeitig im künstlichen Koma und wird auf der Intensivstation überwacht. Einen Tag nach dem Sturz ist Sarrazin wieder bei Bewusstsein. An Neujahr gibts ein weiteres erfreuliches Update. Sarrazin kann die Intensivstation verlassen. In seinem Team stellt man sich auf eine lange Reha-Phase.

Josua Mettler. An der gleichen Stelle wie Sarrazin erwischt es im Bormio-Training mit Josua Mettler (26) auch einen Schweizer. Er prallt ins Sicherheitsnetz, bleibt zunächst einen Moment sitzen, ehe er aufsteht und selber mit den Ski Richtung Ziel runterfährt. Allerdings hat er dabei offensichtlich Schmerzen. Mettler kehrt für weitere Untersuchungen in die Schweiz zurück. Und erhält dort eine schreckliche Diagnose. Er riss sich das vordere Kreuzband, das Innenband und den Innenmeniskus – in beiden Knien! Eine Operation ist auf beiden Seiten unumgänglich. Die Saison endet für Mettler auf brutale Art und Weise.

Pietro Zazzi. Im gleichen Training wie Sarrazin und Mettler erwischts auch Pietro Zazzi (30). Der Italiener stürzt an einer anderen Stelle, verletzt sich aber ebenfalls schwer. Seine Saison ist mit einem Schien- und Wadenbeinbruch beendet.

Andrea Ellenberger. Die Schweizer Riesenslalom-Spezialistin Andrea Ellenberger (31) stürzt im Training in Obdach (Ö) am 27. Dezember schwer. Anstatt sich weiter auf das letzte Rennen des Jahres in Semmering (Ö) vorzubereiten, wird sie für weitere Untersuchungen in die Schweiz zurückgeflogen. Dort folgt die brutale Diagnose: Unterschenkel-Fraktur rechts, Kniestauchung links sowie mehrere starke Prellungen. Der Bruch wird noch gleichentags operiert, für Ellenberger steht eine mehrmonatige Rehabilitationsphase an. Die Saison ist damit gelaufen. Mitte Januar meldet sie sich mit einem kleinen Update auf Instagram. «Die Operation ist gut verlaufen, aber mein Bein braucht noch viel Ruhe und ich habe immer noch mit Schmerzen zu kämpfen», schreibt Ellenberger. Es sei eine Herausforderung,

Lisa Grill. Der 27. Dezember fordert ein weiteres Verletzungsopfer. Die Österreicherin Lisa Grill (24) stürzt beim Freifahren und zieht sich dabei einen Schien- und Wadenbeinbruch zu. Sie wird noch gleichentags operiert und fällt sechs bis acht Monate aus.

Alexander Schmid. Verletzungspech auch im deutschen Skiteam. Kurz vor Weihnachten macht sich Alexander Schmid (30) bei einem Sturz im Riesenslalomtraining das linke Knie kaputt. Diagnose: Riss des vorderen Kreuzbandes sowie Verletzungen an den Menisken. Der Parallel-Weltmeister von 2023 muss operiert werden, die Saison ist vorbei.

Raphael Haaser. Mitte Dezember scheidet Raphael Haaser (27) beim Riesenslalom von Val d’Isère (Fr) aus, weil er ein Tor verpasst. Danach kann er sein Bein nicht strecken, verspürt aber keine Schmerzen. Trotzdem wird er für Untersuchungen ins Spital gebracht. Dort diagnostizieren die Ärzte eine Überdehnung des Kreuzbandes. Haaser muss sechs Wochen pausieren und zittert um die Teilnahme an der Heim-WM im Februar.

Arnaud Boisset. Am 6. Dezember fliegt Arnaud Boisset (26) in der Abfahrt von Beaver Creek (USA) heftig ab und knallt mit dem Kopf auf die Piste. Er kommt glimpflich davon, meldet sich wenig später mit blutigen Schrammen im Gesicht vom Spitalbett. Diagnose: Schwere Gehirnerschütterung und Prellungen in Gesicht und Schulterbereich. Boisset nimmt sich Zeit, um sich vom Sturz zu erholen, steht zwei Wochen später erstmals wieder auf den Ski.

Guglielmo Bosca. Einen Tag vor Boisset erwischt es Guglielmo Bosca (31) im Abfahrtstraining heftig. Der Italiener zieht sich bei seinem Sturz am 5. Dezember einen komplizierten Wadenbeinbruch zu. Seine Saison ist vorbei.

Noémie Kolly. Die Schweizer B-Kader-Fahrerin Noémie Kolly (26) stürzt am 4. Dezember im Super-G-Training. Dabei verletzt sie sich schwer am linken Knie. Ihre Saison endet mit einem Kreuzbandriss und einem Riss des Aussenbandes.

Urs Kryenbühl. Urs Kryenbühl (30) verletzt sich Anfang Dezember im ersten Abfahrtstraining von Beaver Creek (USA). Der Schweizer Speed-Spezialist kassiert einen Schlag und muss seine Fahrt abbrechen. Diagnose: Komplexe Knieverletzung und Saisonende.

Teresa Runggaldier. In der letzten Saison hat Teresa Runggaldier (25) 15 Speedrennen im Weltcup absolviert. Ihr Bestresultat: 11. in der Abfahrt von Crans-Montana VS. In diesem Winter werden keine weiteren Einsätze auf dieser Stufe dazukommen, denn die Italienerin stürzt Anfang Dezember im Training. Diagnose: Kreuzbandriss und Wadenbeinbruch. Ihre Saison endet, bevor sie richtig angefangen hat.

Sebastian Holzmann. Ein Trainingssturz wird Anfang Dezember auch Sebastian Holzmann (31) zum Verhängnis. Der deutsche Slalom-Spezialist reisst sich das Kreuzband – und wird für den Rest der Saison zum Zuschauen verdammt.

Marcel Hirscher. Mit 35 Jahren und für Holland statt Österreich startend will es Marcel Hirscher noch einmal wissen. Der achtfache Gesamtweltcupsieger kehrt fünf Jahre nach dem Rücktritt in den Weltcup zurück. Es wird ein kurzes Abenteuer. Im Sölden-Riesenslalom wird er 23., danach verpasst er im Slalom einmal die Quali für den 2. Lauf und scheidet einmal aus, ehe es zum verhängnisvollen Zwischenfall im Training kommt. Bei einem «klassischen Innenski», wie es Hirscher selber nennt, reisst er sich Anfang Dezember das Kreuzband. Ob er sich nach dieser Verletzung noch einmal in den Weltcup zurückkämpfen wird, ist offen.

Mikaela Shiffrin. Vor ihrem Heimpublikum jagt Mikaela Shiffrin (29) am 30. November in Killington (USA) den historischen 100. Weltcupsieg. Anstelle eines Happy Ends gibts das grosse Drama. Die Amerikanerin führt zwar zur Halbzeit, stürzt dann aber im 2. Lauf des Riesenslaloms. Dabei zieht sie sich – wohl mit dem Ende ihres Skistocks verursacht – ein Loch im Bauch zu. Das wird zunächst konservativ behandelt, am 12. Dezember muss sich Shiffrin dann aber einer unerwarteten Operation unterziehen. «Es stellte sich heraus, dass sich ein kleiner Hohlraum gebildet hatte, der tiefer als der Wundtrakt lag und mit alten Hämatomen gefüllt war», so Shiffrin. Ende Januar gibt sie ihr Weltcup-Comeback.

Leona Popovic. Im Slalom-Training in Killington hat sich Leona Popovic (27) eine Ruptur des medialen Meniskus am linken Knie zugezogen. Bei der notwendigen Operation wurde auch gleich das vordere, sehr dünne Kreuzband rekonstruiert. Für die kroatische Technikerin ist die Saison gelaufen.

Tommaso Sala. In der Vorbereitung auf den Slalom in Gurgl (Ö) am 24. November endet die Saison von Tommaso Sala (29). Ohne Sturz reisst sich der italienische Slalom-Spezialist das Kreuzband. «Die Saison endete leider früher als erwartet», schreibt er auf Instagram. «In diesem Jahr habe ich mich mehr denn je mit Herz und Seele darauf vorbereitet und war bereit, die Früchte zu ernten.» Dazu stellt er ein Video, das den verhängnisvollen Moment zeigt.

Manuel Feller. Manuel Feller (32) scheidet beim Slalom von Gurgl mit einem Einfädler aus. In der Folge hat der österreichische Technik-Spezialist mit Hüftproblemen zu kämpfen. Diese zwingen ihn glücklicherweise nur zu einer kurzen Pause, er muss lediglich auf den Riesenslalom in Beaver Creek verzichten. Danach greift er wieder im Weltcup an.

Christian Borgnaes. «Nicht der Start in die neue Saison, auf den ich gehofft hatte», schreibt Christian Borgnaes (28) Ende Oktober nach dem Riesenslalom von Sölden (Ö) auf Instagram. Der Däne bricht sich beim Touchieren einer Torstange die linke Hand und muss operiert werden. Die Saison ist damit nicht vorbei. Er verpasst zwar das Rennen in Beaver Creek, danach kehrt der Riesenslalom-Spezialist an den Start zurück.

Loïc Meillard. Beim Einfahren in Sölden passierts. Loïc Meillard (28) kassiert einen derart heftigen Schlag in den Rücken, dass er auf einen Start im Riesenslalom verzichten muss. Bei Untersuchungen wird in der Hülle der Bandscheibe zwischen den Wirbeln R5 und S1 ein Riss der Bandscheibe festgestellt. Drei Wochen später steht Meillard bereits wieder am Start. Der Rücken bereitet aber weiterhin Probleme. Deutlich zu sehen ist das etwa beim Slalom von Alta Badia (It) kurz vor Weihnachten. Kaum im Ziel, beugt sich Meillard vorne über, geht so in eine Schonhaltung.

From the river to the sea, Palestine will be free: Was bedeutet die an Pro-Palästina-Kundgebungen skandierte Parole wirklich?

Peter Sutter, 26. Januar 2024

Ralph Lewin, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, interpretiert die an Pro-Palästina-Kundgebungen skandierte Parole „From the river to the sea, Palestine will be free“ im „Tagesanzeiger“ vom 26. Januar 2024 so, dass damit die Auslöschung des israelischen Staates gefordert werde. Das ist, gelinde gesagt, ein mehr als scheinheiliger Vorwurf. Genau das Umgekehrte könnte man nämlich auch Israel zum Vorwurf machen. So präsentierte der israelische Premier Netanyahu anlässlich einer Sitzung der UN-Vollversammlung im vergangenen September eine Landkarte Israels, auf der sämtliche palästinensische Gebiete Israel zugerechnet wurden. Der israelische General Giova Eiland meinte in einem Zeitungsinterview, Israel habe gar keine andere Wahl, als den Gazastreifen in einen Ort zu verwandeln, an dem es „vorübergehend oder dauerhaft unmöglich ist, zu leben.“ Und Nir Barkat, der derzeitige Wirtschaftsminister Israels, liess verlauten, Israel werde die Palästinenser „vom Angesicht der Erde tilgen.“ In der Psychologie nennt man so etwas „Projektion“: Die eigene Geisteshaltung wird auf den Feind projiziert und diesem zum Vorwurf gemacht.

Dass man besagte Parole auch ganz anders verstehen kann, zeigt eine Aussage von Ruth Dreifuss, ehemaliger Schweizer Bundesrätin mit jüdischen Wurzeln: „Ich verstehe diese Parole so, dass die Region vom Jordan bis zum Mittelmeer frei sein soll von Krieg und Diskriminierung. Dies bedeutet nichts anderes als die friedliche Lösung des Nahostkonflikts.“

Vom Sternchen bis zum Glottisschlag: Kritische Anmerkungen zur Gendersprache

Peter Sutter, 22. Januar 2024

Gendersprache: Ein heikles Thema. Ein schwieriges Feld von gegenseitigen Schuldzuweisungen, Verhärtungen, Feindbildern und der Tendenz, in die eine oder andere Ecke gedrängt oder in die eine oder andere Schublade eingeordnet zu werden. Ein Wespennest. Wenn ich im Folgenden dazu einige kritische Anmerkungen äussere, dann im vollen Bewusstsein, dass die Diskussion über eine angemessene, möglichst geschlechterneutrale Sprache noch in vollem Gange ist und vielleicht das eigentliche „Ei des Kolumbus“ noch nicht wirklich gefunden worden ist. Ein Lernprozess voller „Fehler“, Versuche und Irrtümer, aus denen stets wieder neue Erkenntnisse gewonnen werden können. Was nicht heissen soll, dass dieser Prozess unnötig oder überflüssig wäre, im Gegenteil: Die Diskussion ist wichtig, ja unverzichtbar. Nur sollte sie nicht in einer Atmosphäre gegenseitiger Rechthaberei bis hin zu Intoleranz oder gerade Fundamentalismus geführt werden, sondern eher mit einer gewissen spielerischen Leichtigkeit, Heiterkeit und Neugierde auf stets unerwartete Überraschungen, ganz so, wie auch Kinder mit der Sprache spielen, wenn sie diese in ihren ersten Lebensjahren, stets auch durch Versuch und Irrtum, erlernen. In diesem Sinne verstehe ich folgende Thesen als Beiträge zu einer Diskussion, die unbedingt kontrovers geführt werden muss. Jede These kann wieder zu einer Gegenthese führen, daraus entsteht im besten Falle etwas Neues, nur so kommen wir weiter.

These 1: Künstliche Zeichen wie Gendersternchen, Doppelpunkte, Binnen-I oder Glottisschlag geben dem Thema mehr Gewicht, als es eigentlich verdient. Wenn ich ein Buch aufschlage und mir schon dutzendfach Gendersternchen entgegenspringen, oder wenn ich einem Vortrag zuhöre, bei dem der Glottisschlag konsequent angewendet wird, dann wird damit, optisch oder akustisch speziell hervorgehoben, das Bild einer Gesellschaft vermittelt, die vor allem dadurch geprägt ist, dass es unterschiedliche Geschlechtszugehörigkeiten gibt. Dass es aber nebst Diskriminierungen aufgrund der Geschlechterzugehörigkeit noch zahlreiche andere, gesellschaftlich mindestens so relevante Formen von Diskriminierungen und Macht- oder Abhängigkeitsverhältnissen gibt – aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht, aufgrund der beruflichen Tätigkeit, aufgrund eines vorhandenen oder fehlenden Bildungsabschlusses, aufgrund der ethnischen Herkunft oder aufgrund des Alters – verschwindet dabei vollkommen aus dem Blickfeld.

These 2: Mit der gleichgewichtigen Verwendung männlicher und weiblicher Personenbezeichnungen haben wir doch eigentlich schon eine sehr gute Lösung gefunden. Die Praxis, nicht mehr von „Künstlern“ zu sprechen, sondern von „Künstlerinnen und Künstlern“, hat sich erfreulicherweise innerhalb relativ kurzer Zeit weitgehend durchgesetzt. Selbst eben noch hartnäckige Verfechter einer rein männlichen Sprache – ich denke da etwa an gewisse SVP-Politiker – verwenden heute in politischen Diskussionen ganz selbstverständlich beide Bezeichnungen, so als hätten sie nie etwas anderes getan. Der grosse Vorteil dieser Variante liegt auch darin, dass sie sowohl im mündlichen wie auch im schriftlichen Gebrauch gleichermassen funktioniert, dies im Gegensatz etwa zum Binnen-I oder anderen Variationen. Bei Aufzählungen von mehreren Personengruppen bietet sich ja auch, um Schwerfälligkeiten zu vermeiden, die Lösung an, abwechslungsweise männliche und weibliche Bezeichnungen zu verwenden, also zum Beispiel: „An diesem Projekt beteiligten sich Sozialarbeiter, Künstlerinnen, Politiker und Rentnerinnen.“ Die Verwendung beider Geschlechtsbezeichnungen hat übrigens eine längere Tradition, als uns zumeist bewusst ist. So etwa ist in einer Nürnberger Polizeiverordnung aus dem Jahre 1478 von „Bürgern und Bürgerinnen“, dem „Gast und der Gästin“ die Rede.

These 3: Das „dritte Geschlecht“ bzw. „nonbinäre“ Personen werden dadurch nicht ausgeschlossen. Dies ist wahrscheinlich der heikelste und schwierigste Punkt. Aber sind „drittes Geschlecht“ oder „nonbinäre“ Geschlechtszugehörigkeit nicht letztlich auch Spielformen und Variationen „weiblicher“ und „männlicher“ Elemente? Ist das „dritte Geschlecht“ etwas, was mit Weiblichem und Männlichem rein gar nichts zu tun hat, ein „Neutrum“ sozusagen? Gibt es nicht auch bei „hundertprozentigen“ Männern viele mit mehr oder weniger starken „weiblichen“ Wesenszügen, wie das Umgekehrte eben auch bei Frauen vorkommt? Kann man die Menschen überhaupt fixen Kategorien zuordnen, oder gibt es nicht viel mehr fliessende Übergänge zwischen ihnen, eine unendliche Vielzahl von Spielformen der Natur? Und wäre es dann nicht so, dass sich alle von ihnen, wenn man männliche und weibliche Bezeichnungen nennt, mitgemeint fühlen können? So betrachtet, wäre wahrscheinlich das Sternchen die einzige wirklich konsequente Lösung, wenn man dann alle anderen bisherigen Bezeichnungen einfach weglassen würde, nur wäre das in der Praxis kaum umsetzbar.

These 4: Sprachliche Neuerungen müssen auch gesellschaftlich umsetzbar sein. Auch dies zugegebenermassen ein heikler Punkt. Aber was nützt es, noch so „gerechte“ Lösungen zu erfinden, wenn sie dann so exotisch daherkommen, dass sie von einer grossen Mehrheit der Bevölkerung gar nicht akzeptiert werden? Ich kann mir vorstellen, dass sich die gleichwertige Verwendung männlicher und weiblicher Personenbezeichnungen früher oder später flächendeckend durchsetzen wird – wir sind schon auf dem besten Weg dazu -, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Bauarbeiter in der Znünipause, wenn sie über ihre Freundinnen und Kollegen sprechen, jemals den Glottisschlag verwenden werden. Zu ausgefallene Forderungen können auch das Gegenteil bewirken. So gibt es bereits heute Menschen, die sich über die Diskussionen rund um die „Gendersprache“ dermassen aufregen, dass sie aus Prinzip nur noch männliche Formen verwenden. Und das kann ja wohl nicht das Ziel sein.

These 5: Man kann die Verwendung stets beider Geschlechtsbezeichnungen, wenn man sie zu sehr auf die Spitze treibt, auch übertreiben und bewirkt damit dann eher das Gegenteil. So habe ich kürzlich in einem „modernen“ Geschichtsbuch gelesen, „spanische Konquistadoren und Konquistadorinnen“ hätten zwischen 1500 und 1600 ganz Lateinamerika erobert, und in einem Zeitungsartikel war von weltweit „2640 Milliardärinnen und Milliardären“ die Rede, obwohl es vermutlich keine einzige Konquistadorin gab und 99 Prozent der weltweiten Milliardäre Männer sind. So „übereifriges“ Gendern ist dann sogar in höchstem Grade geschichts- und realitätsverfälschend und verschleiert letztlich ausgerechnet jene – patriarchalen – Machtverhältnisse, die ja angeblich sichtbar gemacht und bekämpft werden sollen.

These 6: Sprachliche Änderungen allein genügen nicht, um gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken. Dies zeigt sich unter anderem darin, dass zum Beispiel die ungarische und die türkische Sprache keine grammatischen Mittel für einen Geschlechtsunterschied kennen, in diesen Ländern aber die Frauen kein bisschen weniger benachteiligt sind als in anderen Ländern. Wenn nicht mehr von „Kellnerinnen“, sondern nur noch von „Serviceangestellten“ die Rede ist, so ändert auch dies alleine noch nichts an der Tatsache, dass die betroffenen Frauen weiterhin unter harten Arbeitsbedingungen und fehlender gesellschaftlicher Wertschätzung bei gleichzeitig überaus geringem Lohn zu leiden haben. Es fragt sich schon, ob man die ganze Zeit und die ganze Energie, die für „Sprachdiskussionen“ aufgewendet werden, nicht viel gescheiter für reale gesellschaftspolitische Veränderungen aufbringen würde.

These 7: Rechthaberei und Moralisieren sind keine guten Instrumente, um notwendige gesellschaftliche Veränderungen in Gang zu bringen. Um nicht missverstanden zu werden: Die Diskussionen rund um die „Gendersprache“ sind wertvoll und unverzichtbar. Wenn sie aber in reines Moralisieren, Intoleranz oder gar in Formen von Fundamentalismus ausarten, werden sie eher das Gegenteil von dem bewirken, was sie ursprünglich bezweckten. Auch die Toleranz ist ein Wert, dem wir Sorge tragen müssen.

Von zwanzigstündigen Arbeitstagen bis zur kapitalistischen Brandrede: Ein kritischer Rückblick auf das World Economic Forum im Januar 2024

Peter Sutter, 22. Januar 2024

Minus 13 Grad misst das Thermometer heute in Davos. Schlotternd steht er in einem offenen, ungeheizten Holzhäuschen, verkauft während acht Stunden pro Tag heissen Tee und warme Suppe. Er trägt eine dünne, ungefütterte Jacke. Nein, es hätte ihm niemand gesagt, dass er im Freien arbeiten müsse. Auch die Taxifahrerinnen und Taxifahrer schlottern, während sie mitten in der Nacht auf Kundschaft warten, aus Kostengründen haben sie die Heizungen in ihren Fahrzeugen abgestellt. Unweit davon geht in einem der Häuser, wo Angestellte untergebracht sind, um zwei Uhr nachts in einem der Zimmer das Licht an. Das Zimmermädchen aus Kroatien, das nach einem zwanzigstündigen Arbeitstag soeben zu Bett gegangen ist, muss schon wieder aufstehen, hat einen Telefonanruf erhalten, sie müsse möglichst schnell zwanzig Hemden und mehrere Anzüge aufbügeln. Andere feine Herren aus der erlauchten WEF-Gästeschar geben auch schon mal den Auftrag, ihnen die Schuhe zu binden, weil so etwas offensichtlich ganz und gar unter ihrer Würde liegt. Die mit silbernen und goldenen Kleiderbügeln, Fitnessräumen, Wellnessbädern, Sauna und Bibliotheken ausgestatteten Chalets, wo viele der WEF-Gäste inklusive den von ihnen mitgebrachten Butlern, Fitnesstrainern, Ärzten, Chauffeuren, Köchen, Sicherheitspersonal und weiteren Angestellten logieren, müssen täglich von unten bis oben geschrubbt werden, oft müssen in den einzelnen Chalets nach dem Weggang von Gästen, die übermässig geraucht haben, Teppiche und Sofas gereinigt und sämtliche Holzverkleidungen, Balken und Wände abgeschliffen werden.

Nichts könnte die kapitalistische Klassengesellschaft noch drastischer ins Scheinwerferlicht rücken als das jährliche World Economic Forum in Davos. Buchstäblich ganz oben, dort, wo sich der berühmte Roman „Der Zauberberg“ von Thomas Mann abspielt und wo sich schon seit eh und je die Reichen und Mächtigen ihre Stelldicheins gaben, haben sie sich wieder versammelt, um sich gegenseitig zu feiern. Der Mann im Holzhäuschen und das Zimmermädchen aus Kroatien befinden sich auf der Pyramide der weltweiten kapitalistischen Klassengesellschaft, verglichen mit Millionen und Milliarden anderer, immer noch relativ weit oben. Von den anderen Millionen und Milliarden spricht schon gar niemand mehr, sie sind unsichtbar, obwohl sie auf ihren Schultern diese ganze höchste Spitze tragen und in Textilfabriken, auf Kakaoplantagen, schwindelerregenden Baustellen und in lebensgefährlichen Bergwerken von Lateinamerika über Afrika bis Ostasien bis zur Erschöpfung Tag und Nacht an jenem Fundament bauen, ohne welches die feinen Herren und Damen in Davos noch so lange und vergeblich von Wirtschaftswachstum, freier Marktwirtschaft und steigenden Bruttosozialprodukten faseln könnten, weil es das alles ohne diese Milliarden Unsichtbaren und Vergessenen nämlich schon längst gar nicht mehr gäbe.

Eigentlich müssten glaubwürdige politische und wirtschaftliche „Führungskräfte“ die eifrigsten und demütigsten Diener ihrer Völker sein. Nicht umsonst ist die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Minister“ der „Diener seines Volks“. Tatsächlich aber ist es im Kapitalismus genau umgekehrt: Die politischen und wirtschaftlichen „Führer“ sind im extremsten Ausmass Profiteure und Nutzniesser ihrer Völker, geniessen die höchsten Privilegien, haben am meisten Macht, wohnen in den schönsten und teuersten Häusern, geniessen die köstlichsten Speisen, verfügen über die beste Gesundheitsversorgung, können sich die erlesensten Reisen und Luxusvergnügungen leisten und entscheiden sogar eigenmächtig über Krieg oder Frieden, ohne je selber in den Krieg ziehen zu müssen. Und das alles mit gestohlenem Geld. Gestohlen aus jahrhundertelanger kolonialer Ausbeutung, gestohlen aus rücksichtslosem Raubbau an Bodenschätzen, gestohlen aus der Zerstörung zukünftiger Lebensgrundlagen, gestohlen aus all dem, worauf die weniger privilegierten Bevölkerungsschichten in jedem einzelnen Land von Brasilien über Nigeria, von Kanada bis Grossbritannien, von Spanien und dem Libanon bis Russland und Japan verzichten müssen in einer Welt, in der, wie die Entwicklungsorganisation Oxfam unlängst öffentlich bekannt gemacht hat, sämtliche Milliardäre über alle Grenzen hinweg innerhalb der letzten drei Jahre ihr Vermögen um 3,3 Billionen US-Dollar steigern konnten, während die fünf Milliarden ärmsten Menschen im gleichen Zeitraum 20 Milliarden US-Dollar Vermögen verloren haben und man schon unendlich blind sein muss, um nicht zu erkennen, dass die wachsende Armut der Armen und der wachsende Reichtum der Reichen keine Zufälle sind, sondern die beiden unauflöslich miteinander verbundenen Kehrseiten der gleichen kapitalistischen Münze, und dass jedes Geldstück, das in den Taschen der Armen fehlt, früher oder später wieder in den Taschen der Reichen zu finden ist.

Doch solche Dinge interessieren die versammelte „Weltelite“ auf dem Zauberberg nicht. Allein die Pressenachricht von Oxfam über die weltweit wachsende Kluft zwischen Arm und Reich hätte wie eine Bombe einschlagen und ganze bisherige Weltbilder einstürzen lassen müssen. Doch nichts von alledem geschieht. Was die eigenen vermeintlichen „Wahrheiten“ in Frage stellen könnte, wird systematisch verdrängt. Was man nicht hören will, vor dem verschliesst man die Ohren. Lieber wiederholt man zum tausendsten Mal die ewiggleichen Geschichten von gestern und vorgestern, so wie der ukrainische Präsident Selenski, der immer noch die Forderung erhebt, sein Land müsse den Krieg gegen Russland „gewinnen“ – als ob es so etwas gäbe wie „gerechte“ und „ungerechte“ Kriege, als ob man allen Ernstes Kriege überhaupt „gewinnen“ könne und als ob nicht ein jeder Krieg nichts anderes ist als eine einzige grosse Niederlage und Kapitulation jeglicher Menschlichkeit. Oder, wie es Michail Gorbatschow, der letzte Präsident der Sowjetunion, so wunderbar sagte: „Sieger ist nicht, wer Schlachten gewinnt. Sieger ist, wer Frieden stiftet.“ Doch lieber vom Frieden spricht Selenski vom Krieg und lieber bastelt er an den alten, bewährten Feindbildern eifrig weiter, nennt Putin ein „Raubtier“ und stellt sich damit in eine Reihe mit dem ukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan, der in seinem Roman „Himmel über Charkiw“ sämtliche Russen als „Hunde“, „Schweine“, „Verbrecher“, „Unrat“ und „Barbaren, die unsere Geschichte, unsere Kultur und unsere Bildung vernichten wollen“ bezeichnete und nicht einmal davor zurückschreckte, zu fordern, alle diese „Schweine“ sollten „in der Hölle brennen“ – und für all dies den Friedenspreis 2022 des Deutschen Buchhandels zugesprochen bekam. Solche einseitigen und letztlich menschenfeindlichen Weltbilder scheinen der heutigen „Weltelite“ zu gefallen: Nach Selenskis Rede am ersten Tag des WEF erhob sich das Publikum zu Standing Ovations – eine Ehre, die letztmals im Jahre 1992 dem südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela zuteil kam, was auf erschreckende Weise zeigt, wie stark sich die Welt in diesen 32 Jahren offensichtlich verändert hat. Und dabei wüsste man doch schon längst, dass, so der bekannte Buchautor Thomas Pfitzer, „der Aufbau von Feindbildern“ nichts anderes ist als die „wirksamste Methode zur Manipulation der Massen.“

Doch Selenski ist nicht der Einzige, der am WEF ungehindert seine „Wahrheiten“ verbreiten darf und dafür erst noch mit Begeisterung und Applaus bedacht wird. Auch dem frisch gewählten argentinischen Präsidenten Javier Milei, der im Wahlkampf mit einer Kettensäge posierte, alles, was nur im Entferntesten mit staatlichen Massnahmen für soziale Gerechtigkeit zu tun hat, als Teufelszeug verwirft, den menschengemachten Klimawandel leugnet, den Kapitalismus als einzige Wirtschaftsform, welche die Menschen aus der Armut zu befreien vermöge, glorifiziert und, kaum war er gewählt, nicht nur das Bildungsministerium, sondern auch das Umweltministerium, das Kulturministerium, das Gesundheitsministerium, das Ministerium für Arbeit und soziale Entwicklung und das Ministerium für Wissenschaft und Technologie abschaffte, auch ihm wird aufmerksam zugehört, auch ihm stellt niemand eine kritische Frage und auch er erhält am Ende seiner Rede einen warmen, übereinstimmenden Applaus. Nicht anders als der israelische Präsident Isaac Herzog, der, ganz auf den Spuren von kalten Kriegern wie Ronald Reagan, den Iran als das „Reich des Bösen“ bezeichnet und einmal mehr die Behauptung in die Welt setzt, israelische Babys seien von den Hamaskämpfern am 7. Oktober 2023 geköpft und ganze Familien verbrannt worden, obwohl für beides bis heute keine eindeutigen Beweise vorliegen und selbst US-Präsident Joe Biden zugeben musste, er hätte die Bilder, von denen er gesprochen hätte, selber gar nie gesehen. Dass dann aber aus dem Munde eines israelischen Präsidenten, der hauptverantwortlich ist für den Tod von über zehntausend unschuldigen palästinensischen Kindern im Gazastreifen, unverfroren die Aussage kommt, Israel kämpfe diesen Krieg „für das ganze Universum und für die ganze freie Welt“ und es deshalb auch „keinen Waffenstillstand“ geben dürfe, ist nun an Menschenverachtung und Zynismus nicht mehr zu überbieten. Doch auch dieser Rede wird andächtig zugehört und es scheint niemandem auch nur im Entferntesten in den Sinn zu kommen, sie auch nur mit einem einzigen Buh-Ruf zu unterbrechen.

Doch während man Selenski, Milei, Herzog und allen anderen „Führungsfiguren“, welche für sich in Anspruch nehmen, die westliche „Wertewelt“, „Freiheit“ und „Demokratie“ zu verkörpern, eine so grosse Plattform für die Verbreitung ihrer „Wahrheiten“ bietet und damit auch die mediale Präsenz weit in die ganze Welt hinaus, praktiziert man auf der anderen Seite im Umgang mit all jenen Stimmen, welche diese Einheitlichkeit stören oder gar in Frage stellen könnten, das pure Gegenteil: Mit Vertreterinnen und Vertretern von Umwelt- oder Antiglobalisierungsbewegungen wird nicht mehr das Gespräch gesucht, sie bleiben in der Kälte von Davos aussen vor, nicht einmal die Strasse von Klosters nach Davos dürfen sie für einen friedlichen Protestspaziergang benützen, sondern werden, während die Privathubschrauber der „Weltelite“ über ihre Köpfe hinwegfliegen, auf Spazierwege verwiesen, und dies, obwohl es bei einer 2020 noch bewilligten Kundgebung von 200 Personen auf der Hauptstrasse keinen einzigen Zwischenfall gegeben hatte. Und auch die eben noch so gefeierte und im Rampenlicht stehende Greta Thunberg wurde nicht mehr eingeladen, und dies nur, weil sie die ungeheuerliche Frechheit besass, die israelische Regierung wegen der Bombardierung des Gazastreifens zu kritisieren.

Derweilen bekommt man beim Anblick der Bilder vom WEF den Eindruck, als ginge es dabei um so etwas wie die Begegnung zwischen eng vertrauten Menschen, die sich schon eine Ewigkeit lang nicht mehr gesehen haben und nun ausser sich vor Freude sind, sich endlich wieder zu treffen, so innig sind die Umarmungen und die gegenseitigen Freundschafts-, ja fast Liebesbezeugungen. Es sind sich ja alle so wunderbar einig. Kein Wunder, nachdem man sich allem, was diese Einigkeit in Frage stellen könnte, so systematisch verschlossen hat und sich nicht einmal die Mühe nimmt, andere Meinungen zu widerlegen, sondern das tut, was noch viel schlimmer ist: nämlich, alles Störende schlicht und einfach totzuschweigen, als würde es gar nicht existieren.

„Die geheimen Verbote“, sagte die DDR-Bürgerrechtskämpferin Bärbel Bohley im Jahre 1991, „das Beobachten, der Argwohn, das Isolieren und Ausgrenzen, das Brandmarken und Mundtotmachen derer, die sich nicht anpassen – das wird wiederkommen, glaubt mir. Auch das ständige Lügen wird wiederkommen, die Desinformation, der Nebel, in dem alles seine Kontur verliert.“ Und Paul Watzlawick, österreichisch-amerikanischer Philosoph, Psychotherapeut und Kommunikationswissenschaftler, sagte: „Der Glaube, es gäbe nur eine Wirklichkeit, ist die gefährlichste Selbsttäuschung.“ Worte, die aktueller nicht sein könnten. Die aber zugleich auch Anlass zur Hoffnung geben, dass auch das Gegenteil wieder denkbar werden könnte. Denn wenn sich die allgemein propagierten und gefeierten „Wahrheiten“ zu stark und immer mehr nur noch in eine einzige Richtung bewegen, dann müssen auf der anderen Seite früher oder später auch die Kräfte wachsen, die das durchschauen und in Frage stellen. Die Wahrheit lässt sich nicht beliebig lange unterdrücken. Oder, wie der frühere US-Präsident Abraham Lincoln sagte: „Man kann alle Leute eine Zeitlang an der Nase herumführen, und einige Leute die ganze Zeit, aber nicht alle Leute die ganze Zeit.“ Im Allerinnersten scheinbar ewiger „Wahrheiten“ steckt schon der Kern ihrer Überwindung. Wenn die Zustände zu extrem werden, wird es Zeit für etwas von Grund auf Neues: „In einer Zeit der Täuschung“, so der englische Schriftsteller und Journalist George Orwell, „wird das Aussprechen der Wahrheit zum revolutionären Akt.“ Dann wäre das WEF 2024 vielleicht im besten Falle nicht nur das Ende einer alten, sich noch einmal in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit aufbäumenden Zeit gewesen, sondern zugleich der Anfang einer neuen Zeit voller Hoffnung auf eine Zukunft, in der frierende Suppenverkäufer und Taxifahrer, Zimmermädchen, die um zwei Uhr nachts zwanzig Hemden und mehrere Anzüge aufbügeln müssen, der weltweit tägliche Hungertod von 10’000 Kindern in den Ländern des Südens bei gleichzeitig nie da gewesenem Überfluss in den Ländern des Nordens, das wahnwitzige Festhalten an der Ideologie eines immerwährendes Wirtschaftswachstum und der aller menschlichen Vernunft widersprechende Glaube, Konflikte zwischen Ländern oder Völkern könnten durch militärische Gewalt sinnvoll gelöst werden, für immer der Vergangenheit angehören werden.

Von der Ukraine bis nach Palästina: Nicht in die Vergangenheit sollten wir schauen, sondern in die Zukunft

Peter Sutter, 29. Januar 2024

Der Vorwurf des Westens an die Adresse Russlands, wegen des völkerrechtswidrigen Überfalls auf die Ukraine am 24. Februar 2022 für diesen Konflikt die alleinige Schuld zu tragen, wird von Russland mit der Begründung zurückgewiesen, diese Militäraktion sei nur die Reaktion gewesen auf eine seit Jahrzehnten gegenüber Russland feindselige Politik der Westmächte, die sich vor allem in der kontinuierlichen Erweiterung der Nato bis an die Grenzen Russlands manifestiert hätte, dies entgegen dem Versprechen führender westlicher Politiker nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, die Nato unter keinen Umständen in Richtung Osten auszudehnen. Somit sei nicht Russland der Hauptschuldige, sondern der Westen, der Russland zu diesem Angriffskrieg provoziert hätte. Dem wiederum könnte die Gegenseite entgegenhalten, Russland hätte im Jahre 1994 der Ukraine volle Souveränität zugesichert und damit auch das Recht, jederzeit über seine Aussen- und Sicherheitspolitik autonom entscheiden zu können. Doch auch gegen diese Feststellung gäbe es auf der anderen Seite wieder Gegenargumente und je weiter man in die Geschichte zurückgehen würde, ergäben sich immer wieder neue und andere „Beweise“ dafür, wer nun der eigentliche Hauptschuldige am heutigen Krieg in der Ukraine sei.

Genau das Gleiche beim Nahostkonflikt. Konfrontiert man die israelische Regierung mit dem Vorwurf eines Völkermords an der palästinensischen Bevölkerung im Gazastreifen, so wird dieser Vorwurf mit der Behauptung zurückgewiesen, dies alles sei nur eine legitime Reaktion auf die Terrorattacke der Hamas gegenüber israelischen Zivilpersonen am 7. Oktober 2023. Der wahre Schuldige also sei nicht Israel, sondern die Hamas. Palästinenserinnen und Palästinenser auf der anderen Seite könnten dann wiederum die jahrzehntelange Unterdrückung und Diskriminierung ihres Volkes durch Israel ins Feld führen und kämen genau zum gegenteiligen Schluss: Der wahre Schuldige sei weder die Hamas noch das palästinensische Volk, sondern einzig und allein die israelische Besatzungspolitik. Israel wiederum könnte ins Feld führen, sein Existenzrecht sei wiederholt von palästinensischer Seite in Frage gestellt worden, während dann wiederum die Gegenseite daran erinnern könnte, dass frühere Versuche einer friedlichen Lösung wiederholt an der Haltung israelischer Extremisten gescheitert seien. Auch hier: Je nachdem, an welchem Punkt der Vergangenheit man ansetzt, kann man immer wieder die eine oder dann wieder die andere Seite als die einzig und allein Schuldigen darstellen.

Das Graben in der Vergangenheit bringt uns nicht weiter. Hat die eine Seite einen Punkt erreicht, von dem aus gesehen die Schuldfrage zur Gänze klar zu sein scheint, wird die andere Seite einfach wieder ein paar Jahre weiter zurück in die Vergangenheit gehen und schon ist alles wieder auf den Kopf gestellt. Man könnte das Spiel endlos weitertreiben, bis zu Adam und Eva, und käme doch nie an ein endgültiges Ziel. Deshalb müssen wir uns von diesem Weg verabschieden.

Es braucht eine grundlegend neue Sicht. Statt in die Vergangenheit, müssen wir in die Zukunft schauen. „Mehr als die Vergangenheit“, sagte Albert Einstein, „interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.“ Wenn uns das gelingt und wir, statt Schuldige für vergangenes Unrecht zu suchen, uns Lösungen für die Zukunft vorzustellen versuchen, wird alles auf einmal in einem ganz anderen Licht erscheinen. Und wir werden wieder erkennen, dass das Wesentliche nicht das ist, was uns Menschen voneinander trennt, sondern das, was uns miteinander verbindet. Und wir werden uns auf wunderbare Weise an all das wieder zu erinnern beginnen, was uns, im Augenblick unserer Geburt, miteinander verbunden hatte, als es in unseren Köpfen weder Grenzen, noch Nationen, noch irgendwelche Feindbilder, noch Zäune und Mauern gab, die uns voneinander trennten. Uns gemeinsam an diesen Traum erinnernd, werden wir lernen, uns nicht mehr gegenseitig zu hassen, zu verachten oder gar zu vernichten, sondern miteinander zu verschmelzen als Bewohnerinnen und Bewohner einer grossen gemeinsamen Erde, auf der wir alle miteinander und füreinander gemeinsam verantwortlich sind.

Territorien, Grenzen, Nationalstaaten sind nichts Gottgegebenes. Sie sind künstliche Erfindungen von Menschen in ganz bestimmten Zeitpunkten der Geschichte. „Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab“, schrieb der Genfer Schriftsteller und Philosoph Jean-Jacques Rousseau vor fast 300 Jahren, „und der auf den Gedanken kam zu sagen, dieses Stück Land gehöre ihm, und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Elend und Schrecken wären dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand diese Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte, sich davor zu hüten, diesem Betrüger Glauben zu schenken und zu vergessen, dass zwar die Früchte dieser Erde allen Menschen, die Erde als Ganzes aber niemandem gehört.“ Während Zehntausenden von Jahren hatten die Menschen nach anderen Prinzipien gelebt, privates Eigentum war unbekannt, alles wurde mit allen geteilt. Als die europäischen Kolonisten in die Lebensgebiete der indigenen Bevölkerung Nordamerikas eindrangen und als sie mit allen Mitteln versuchten, diese „unzivilisierten Wilden“ dem „fortschrittlichen“ Denken des „zivilisierten“ Europa zu unterwerfen, bestand die grösste Schwierigkeit darin, diesen Menschen beizubringen, anstelle des Wortes „wir“ das Wort „ich“ und anstelle des Ausdrucks „es ist unseres“ den Ausdruck „es ist meines“ zu verwenden.

Der unvoreingenommene Blick in die Zukunft könnte uns die Augen für diese Erkenntnis öffnen. Dass es je länger je weniger darauf ankommen wird, ob ein Mensch Bürger oder Bürgerin dieses oder jenes Staates ist, auf dieser oder der anderen Seite einer Grenze oder einer Mauer lebt, sich zu dieser oder jener Nation, Landeshymne oder Landesflagge bekennt, eine „Schweizerin“ oder ein „Türke“ ist, ein „Chilene“ oder eine „Japanerin“. Sondern dass es einzig und allein nur darauf ankommt, ob die Menschen dort, wo sie geboren wurden, in Frieden, Sicherheit und unter menschenwürdigen Verhältnissen leben können. Staatliche Grenzen, Territorien, die man für sich in Anspruch nimmt und die man, selbst durch das Opfern von Menschenleben, gegen die Ansprüche anderer zu verteidigen und zu sichern trachtet, würden mit der Zeit ebenso in Bedeutungslosigkeit versinken wie all die unsichtbaren Grenzen, welche schon heute von Störchen, Kranichen, Schwalben, Lerchen und Nachtigallen über alle Kontinente hinweg überflogen werden und von deren Verschwinden auch schon John Lennon in seinem legendären Lied „Imagine“ träumte: Es gäbe keine Länder mehr, keine Religionen, kein Besitztum, nichts, wofür man sterben oder töten müsste, alle würden alles miteinander teilen und es gäbe nur noch eine einzige grosse, gemeinsame Welt. Lässt uns der Blick in die Vergangenheit verzweifeln und in den ewig gleichen Kreisen von Pessimismus und Hoffnungslosigkeit verharren, so würde dem gegenüber der Blick in die Zukunft wohl ungeahnte Energien freisetzen, um ein so in unseren Köpfen entstehendes Bild nicht nur zu erträumen, sondern auch tatsächlich in die Wirklichkeit umzusetzen. Voraussetzung dafür ist nur, dass wir, wie der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt einmal sagte, nicht aufhören dürfen, uns „die Welt so vorzustellen, wie sie am vernünftigsten wäre“.

Zurück zur Ukraine. Nichts spricht dagegen und wäre im Gegenteil sogar in höchstem Masse demokratisch, als die Bewohnerinnen und Bewohner der umkämpften Gebiete darüber abstimmen zu lassen, ob sie lieber zum einen oder zum anderen Staat gehören oder ob sie vielleicht sogar eine eigene, unabhängige Republik bilden wollen. Denn die entscheidende Frage ist nicht, ob über diesem oder jenem Dorf, über dieser oder jener Stadt, an diesem oder jenem Fluss, über diesem oder jenem Weizenfeld die ukrainische Flagge weht oder die russische. Das einzige wirklich Entscheidende ist, ob in diesem oder jenem Dorf, in dieser oder jener Stadt, an diesem oder jenem Fluss und auf diesem oder jenem Weizenfeld für die dortigen Menschen ein gutes, sorgenfreies Leben möglich ist oder nicht. Eine solche Abstimmung müsste freilich unter UNO-Aufsicht erfolgen und selbstverständlich müssten sich sowohl die Ukraine als auch Russland damit einverstanden erklären, das Resultat, wie immer es herauskäme, zu akzeptieren. Niemand könnte dabei verlieren, alle könnten nur gewinnen. Auch was Palästina betrifft, wäre es völlig zweitrangig, ob ein Einparteienstaat oder eine Zweitstaatenlösung verwirklicht würde. Das einzige wirklich Entscheidende wäre, dass beide Völker in Frieden, Gerechtigkeit und gegenseitigem Respekt leben könnten, ohne gegenseitigen Hass, ohne Diskriminierung und ohne jegliche Missachtung der elementaren Menschenrechte. Und dies, der Blick in die Zukunft statt in die Vergangenheit, hätte wohl auch für alle anderen Kriege um Grenzen, Ressourcen, Territorien und Macht, die weltweit gegenwärtig wüten, die genau gleiche Gültigkeit.

„Du hast die Wahl“, so der US-amerikanische Publizist Noam Chomsky, „du kannst sagen: Ich bin Pessimist, das wird alles nichts, ich verzichte und garantiere damit, dass das Schlimmste kommt. Oder du orientierst dich an den Hoffnungsschimmern und den vorhandenen Möglichkeiten und sagst, dass wir vielleicht eine bessere Welt errichten werden.“ Worauf sollen wir noch warten?

Selenski und die Schweiz: Friedensverhandlungen ohne den Einbezug sämtlicher Konfliktparteien?

Peter Sutter, 26.Januar 2024

Aus der Sicht des ukrainischen Präsidenten Wolodomir Selenski scheint sein Staatsbesuch in Bern am 14. Januar 2024 im Vorfeld des WEF ein voller Erfolg gewesen zu sein. So hat sich die Schweiz, wie Bundespräsidentin Viola Amherd bekanntgab, bereit erklärt, nicht nur den Wiederaufbau der Ukraine finanziell zu unterstützen, sondern auch, einen Friedensgipfel auf höchster Ebene zur Lösung des Ukrainekonflikts zu organisieren. Auf die Frage, welche Länder am geplanten Friedensgipfel dabei sein könnten, sagte Selenski, das seien prinzipiell alle Länder, welche die territoriale Integrität der Ukraine anerkennen würden. Mit anderen Worten: Russland soll in die geplanten Friedensverhandlungen nicht einbezogen werden.

Doch kann man allen Ernstes Friedensverhandlungen führen wollen, wenn die eine der beiden Konfliktparteien gar nicht mit dabei ist? Und kann es die Aufgabe der neutralen Schweiz sein, solche „Friedensverhandlungen“ an der Seite der einen der beiden Konfliktparteien zu organisieren und gleichzeitig die andere Konfliktpartei davon auszuschliessen? Erstaunlicherweise scheinen solche Fragen in der gegenwärtigen aufgeheizten Stimmung kaum eine Rolle zu spielen. Selenski hat es einmal mehr meisterhaft verstanden, dank seinem diplomatischen Geschick und einer perfekt organisierten Charmeoffensive die Schweiz in sein Boot zu holen. Mit Aussagen wie „Neutral zu sein bedeutet für die Schweiz nicht, die Realität zu ignorieren“ definiert er gleich von Anfang an, worin diese „Realität“ besteht, nämlich einzig und allein aus seiner persönlichen Sicht und Darstellung des Ukrainekonflikts, bei der jeglicher Widerspruch schon von Anfang an gänzlich ausgeschlossen wird. Dass er dabei äusserst geschickt vorgeht, zeigt sich auch darin, dass er sich bereits vor der Pressekonferenz mit Viola Amherd mit verschiedenen Politikerinnen und Politikern, so etwa Nationalratspräsident Eric Nussbaumer und Ständeratspräsidentin Eva Herzog, sowie den Parteispitzen getroffen hatte. Und dies offensichtlich mit grossem Erfolg. Selbst Mattea Meyer, Co-Präsidentin der SP, schwärmte auf X, sie sei vom Treffen mit Selenski „beeindruckt“ gewesen, wobei man sich unwillkürlich fragen muss, was genau sie so beeindruckt haben und was sie wohl erfahren haben könnte, was sie nicht sowieso schon wusste. Einzig die SVP verweigert sich dem Spektakel, hat aber offensichtlich auch nicht den Mut, eine klare Gegenposition einzunehmen, sondern erklärt ihr Fernbleiben mit Terminschwierigkeiten.

Was ist da von der vielgelobten schweizerischen Neutralität übrig geblieben? Die einzige wirklich glaubwürdige Antwort der Schweiz auf das Anliegen Selenskis hätte doch lauten müssen: Selbstverständlich beteiligen wir uns noch so gerne an Friedensverhandlungen. Wir wären, als neutrales Land, sogar auch dazu bereit, die Organisation und die Führung dieser Verhandlungen zu übernehmen. Aber nur unter einer Bedingung: Dass auch die andere Konfliktpartei, nämlich Russland, in die Verhandlungen einbezogen wird. Denn nur so kann eine dauerhafte, nachhaltige Lösung des Konflikts erreicht werden.

Man kann sich schon, wie die offizielle Schweiz dies gegenwärtig tut, zu hundert Prozent auf die Seite Selenskis und der Ukraine stellen. Aber das geht nur, wenn man unglaublich viele Fakten ausblendet, vor ihnen die Augen verschliesst und absolut nichts davon wissen will. Man muss die Augen davor verschliessen, dass entgegen den Zusicherungen führender westlicher Politiker zur Zeit des Zusammenbruchs der Sowjetunion, die Nato nicht weiter nach Osten auszudehnen, genau dies in der Folge getan wurde und unweigerlich dazu führen musste, dass sich Russland in seiner Souveränität zunehmend bedroht fühlte. Man muss die Augen davor verschliessen, dass Putin kurz nach seinem Amtsantritt als russischer Präsident dem Westen eine gemeinsame europäische Sicherheitsstruktur und ein Ende der gegenseitigen Aufrüstung vorgeschlagen hatte, ohne dass der Westen auf dieses Anliegen eingegangen wäre. Man muss die Augen davor verschliessen, dass die USA höchstwahrscheinlich beim gewaltsamen Sturz des russlandfreundlichen ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch anfangs 2014 eine wesentliche Rolle spielten. Man muss die Augen davor verschliessen, dass nationalsozialistisch ausgerichtete Kampfverbände innerhalb der ukrainischen Armee seit 2014 im Donbass schwere Kriegsverbrechen begingen. Man muss die Augen davor verschliessen, dass die ukrainische Regierung spätestens ab 2019 mit rigorosen Gesetzen die Gleichberechtigung der russischen Sprache und Kultur innerhalb der Ukraine zu bekämpfen begann. Und man muss vor allem auch die Augen davor verschliessen, dass Putin noch im Dezember 2021 der US-Regierung eine friedliche Lösung des Ukrainekonflikts vorschlug, was von dieser kommentarlos zurückgewiesen wurde. Selbst wenn man das alles berücksichtigen würde, könnte man damit freilich dennoch nicht den Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 rechtfertigen. Aber man würde sich dann wenigstens davor hüten, die alleinige Schuld an diesem Konflikt ausschliesslich Russland in die Schuhe zu schieben. Sondern sich eingestehen, dass diese in der Budapester Zeitung vom 7. April 2023 veröffentlichte Aussage der tatsächlichen Wahrheit wohl um ein Vielfaches näher kommt: „Russland ist der Täter, der Westen aber ist der Verursacher.“

Man braucht nicht einem russischen Propagandasender aufzusitzen, um sich eine eigene kritische Meinung bilden zu können. Es genügt, die kritischen Stimmen innerhalb der eigenen westlichen Welt wahrzunehmen. So etwa sagte der US-Historiker George F. Kennan schon im Jahre 1997: „Die Entscheidung, die Nato bis an die Grenzen Russlands zu erweitern, ist der verhängnisvollste Fehler und wird die russische Aussenpolitik in eine Richtung zwingen, die uns entschieden missfallen wird.“ Joe Biden, damals Senator, sagte, ebenfalls 1997: „Das Einzige, was Russland zu einer heftigen Reaktion provozieren kann, ist die Erweiterung der Nato auf die baltischen Staaten.“ Papst Franziskus sagte im Mai 2022: „Der Krieg in der Ukraine wird von den Interessen mehrerer Imperien angetrieben und nicht nur von denen Russlands. Vielleicht war es die Nato, die vor Russlands Tor bellte und Putin dazu veranlasste, die Invasion der Ukraine zu entfesseln.“ Der ehemalige US-Aussenminister Henry Kissinger sagte: „Wenn die Ukraine überleben und gedeihen soll, darf sie nicht der Vorpfosten der einen gegenüber der anderen Seite sein, sondern eine Brücke zwischen beiden Seiten.“ Und Yves Rossier, früherer Schweizer Botschafter in Moskau, meinte: „Wir dürfen nicht alles glauben, was uns im Westen erzählt wird.“

Gestern hat das WEF in Davos angefangen, dieses jährliche Stelldichein der Reichen und Mächtigen dieser Welt. Viele von ihnen, vielleicht sogar die meisten, werden sich hunderte Male einhellig zulächeln und zuprosten und sich gegenseitig auf die Schultern klopfen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es dabei um etwas viel Tiefgründigeres gehen wird als um das, was andernorts als „Smalltalk“ bezeichnet wird, nur dass es millionenfach mehr kostet und eine millionenfach grössere mediale Präsenz einnehmen wird. Wäre es für die Menschheit nicht unvergleichlich viel gewinnbringender, stattdessen jedes Jahr ein fünftägiges historisches Seminar abzuhalten, um auf diese Weise der Wahrheit ein bisschen näher auf die Spur zu kommen, gegenseitige Feindbilder abzubauen und tatsächlich gemeinsame Lösungen für eine Zukunft in Frieden und Gerechtigkeit aufzubauen?

Von der „Kriegspolitik“ zur „Friedenspolitik“: Glücklicherweise gibt es noch Menschen, die von einer anderen Welt träumen

Peter Sutter, 13. Januar 2024

In der Diskussionssendung „Arena“ des Schweizer Fernsehens SRF1 vom 12. Januar 2024 wurde schwerpunktmässig über die zukünftige schweizerische „Sicherheitspolitik“ diskutiert. Eingeladen war, nebst den Parteispitzen der Bundesratsparteien, auch Bundesrätin Viola Amherd, die Vorsteherin des VBS, des Bundesamts für „Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport“, die Chefin jenes Ministeriums also, das in den meisten Ländern als „Verteidigungsministerium“ bezeichnet wird. Dementsprechend ging es dann in der Diskussion fast ausschliesslich um Fragen militärpolitischer Natur: Ob der für die Schweizer Armee vorgesehene Prozentsatz der jährlichen Bundesausgaben für die Aufrechterhaltung der „Sicherheit“ in einer „schwieriger gewordenen Zeit“ immer noch genüge, ob es für die Gewährleistung der „Sicherheit“ vor allem eine möglichst grosse Anzahl von Panzern oder Kampfflugzeugen brauche oder doch eher mehr Investitionen in die „Cybersicherheit“, ob die Schweiz stärker als bisher mit der Nato zusammenarbeiten oder doch eher auf ihrem „neutralen“ Status beharren müsste, und so weiter…

Ich sehe die dem Erdboden gleichgemachten Wohnquartiere im Gazastreifen und die Menschen, die zwischen den Trümmern verzweifelt nach Verschütteten suchen. Ich höre die Schreie der Kinder, die, mangels Medikamenten, in palästinensischen Spitälern ohne Narkose operiert werden müssen. Und auch die verzweifelten und angstvollen Gesichter ukrainischer und russischer Soldaten in den Schützengräben der Ostukraine bei Temperaturen von bis zu minus 15 Grad gehen mir nicht aus dem Kopf. Von alledem war während der eineinhalb Stunden Arena-Diskussion in behaglicher Atmosphäre nicht annähernd etwas zu spüren.

Müsste man nicht endlich damit aufhören, über die „optimale“ Vorbereitung auf einen möglichen zukünftigen Krieg zu diskutieren, und sich stattdessen voll und ganz auf die Frage konzentrieren, wie Kriege als so ziemlich das Absurdeste, was Menschen sich gegenseitig antun können, für immer aus der Welt zu schaffen wären? Um „Sicherheit“ nicht mehr bloss als etwas zu verstehen, was sich ein einzelnes Land gegenüber anderen Ländern sichern bzw. sich leisten kann, sondern als etwas, was für alle gleichermassen und jederzeit Gültigkeit haben muss. Als etwas, was erst dann endgültig Wirklichkeit wäre, wenn es keinen einzigen Krieg mehr gäbe und niemand mehr vor irgendwem Angst haben müsste. Als etwas, was allen nur Vorteile brächte und niemandem einen Nachteil.

Was für eine wunderbare Chance böte sich damit doch gerade der Schweiz, diesem Mikrokosmos gelebter direkter Demokratie, eines ausgeklügelten föderalistischen Staatssystems, strikter Neutralität, friedlichen Zusammenlebens unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Sprachen, so langer humanitärer Tradition und so vielfältiger Erfahrungen im Bereich von Mediation, Diplomatie, Völkerverständigung und Konfliktlösung durch Kompromisse. Es kann doch nicht sein, dass alle diese Errungenschaften ausgerechnet in einer Zeit, da sie dringender gefragt wären denn je, nach und nach unter den Tisch gewischt werden und sich die Schweiz immer stärker einem globalen Mainstream anzupassen beginnt, mit dem an allen Ecken und Enden auch noch die verrücktesten Feindbilder aufgebaut und noch die verrücktesten Argumente hergeholt werden, um militärische Aufrüstung und das Führen „guter“ Kriege zu rechtfertigen. Um nicht missverstanden zu werden: Es gibt genug Negatives, was man der Schweiz vorwerfen könnte, ihre oft fragwürdige Rolle als globaler Finanzplatz zum Beispiel, ihren Anteil an kolonialer Ausbeutung bis in die Gegenwart, ihre oft menschenfeindliche Haltung gegenüber Ausländerinnen und Ausländern, die einerseits ökonomisch ausgebeutet, gleichzeitig aber in vielerlei Hinsicht diskriminiert werden, und noch vieles mehr. Aber das sollte uns nicht die Augen vor dem riesigen Potenzial verschliessen, mit dem die Schweiz eine noch viel aktivere und mutigere Rolle bei der internationalen Konfliktlösung und Friedensförderung spielen könnte, als sie dies bis anhin getan hat.

Kriege kann man nicht abschaffen, indem man sie, einfach gesagt, verbietet. Es geht vielmehr darum, weltweit so gute Voraussetzungen für die Lebensbedingungen der Menschen wie auch für das Zusammenleben von Völkern und Staaten zu schaffen, dass Kriege eines Tages sozusagen überflüssig werden und immer die schlechteste aller möglichen Alternativen wären. Und da ist an allen Ecken und Enden Handlungsbedarf. Es geht zum Beispiel um eine gerechte Verteilung der Ressourcen, um soziale Gerechtigkeit, um die Bekämpfung von Armut und Hunger, um den Kampf gegen Umweltzerstörung, Ressourcenverschleiss und Klimawandel, um die Förderung von Selbstbestimmung und Basisdemokratie und die Überwindung von ausbeuterischen, patriarchalen, rassistischen Machtstrukturen und imperialen Grossmachtphantasien, aber etwa auch um Völkerverständigung durch möglichst viele zwischenmenschliche Begegnungen und gemeinsame länderübergreifende Kulturprojekte sowie eine dringend notwendige Stärkung der UNO, die bei der Lösung von Konflikten zwischen Staaten oder Völkern eine viel aktivere und bestimmendere Rolle übernehmen müsste. Auch könnte sich die Schweiz für eine Wiederbelebung und für ein Wiedererstarken der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) einsetzen, eine Organisation, in der sich vor noch nicht allzu langer Zeit Schweizer Diplomaten und Diplomatinnen wie Thomas Greminger, Heidi Grau, Tim Guldimann, Peter Burkhard, Gerard Stoudmann und Heidi Tagliavini überaus erfolgreich engagiert haben. Auf allen diesen Gebieten könnte die Schweiz wertvolle Arbeit leisten. Denn so wie Kriege nicht eines Tages vom Himmel fallen, sondern oft über lange Zeit hinweg vorbereitet und vorangetrieben werden, so entsteht eben auch der Frieden nicht von selber, sondern setzt voraus, dass sich möglichst viele Menschen an möglichst vielen verschiedenen Orten auf vielfältigste Weise beharrlich dafür einsetzen. Ziehen politische Kräfte einseitig in Richtung von Krieg und dem Aufbau von Feindbildern, so müssen umso mehr andere politische Kräfte in die entgegengesetzte Richtung ziehen.

Dies ist dringend nötig. Denn zu vieles läuft heute in die falsche Richtung. Jüngstes Beispiel sind die polnische, die finnische, die schwedische und die Regierungen der baltischen Staaten, die ihren Bürgerinnen und Bürgern einzureden versuchen, Putin könnte ihre Länder schon bald im Visier haben, um seine Macht weiter nach Westen auszudehnen. Und dies, obwohl es hierfür keinen einzigen konkreten Anhaltspunkt gibt. Im Gegenteil. Wer sich nur ein wenig um Hintergrundinformationen bemüht, weiss, dass Putin im Dezember 2021 der US-Regierung einen Vorschlag unterbreitete, den Ukrainekonflikt friedlich beizulegen, ein Vorschlag, der allerdings von den USA zurückgewiesen wurde, aber deutlich zeigt, dass der militärische Angriff auf die Ukraine nicht Putins erste Option gewesen war. Man kann Feindbilder und Kriege eben auch herbeireden – die Geister, die man ruft -, was zugegebenermassen freilich nie nur für die eine oder andere Seite zutrifft, aber eine Gewaltspirale in Gang zu setzen droht, durch welche dann aus gegenseitigem Drohen und gegenseitiger Angst im schlimmsten Fall ein Krieg entstehen kann, den im Grunde eigentlich gar niemand wollte. Aber ebenso wie den Krieg kann man auch – durch den Abbau von Feindbildern – den Frieden „herbeireden“, und genau dies ist deshalb umso wichtiger.

Im Verlaufe der Arena-Diskussion erinnerte SVP-Präsident Marco Chiesa daran, dass die SP in ihrem Parteiprogramm immer noch die Abschaffung der Armee fordere – ein Anliegen, dem in der Volksabstimmung vom 26. November 1989 immerhin über 35 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer zustimmten. Chiesa bezeichnete die SP-Copräsidentin Mattea Meyer, bezugnehmend auf den Pazifismus der SP, als „Träumerin“. Was für ein Kompliment! In einer Welt voller Hass, Gewalt und Krieg gibt es nichts Wichtigeres als Menschen, die von einer Welt ohne Hass, Gewalt und Krieg träumen. Denn nur wenn man sich etwas anderes vorstellen kann, besteht die Chance, dass dieses andere auch tatsächlich eines Tages Wirklichkeit werden kann.

Ninja Warrior schon für Kinder ab fünf Jahren: Wie die Welt einmal mehr aus allen Fugen geraten ist

Peter Sutter, 10. Januar 2024

„Seit Juli 2020“, so wirbt der Privatsender RTL+ für eines seiner neuen Sendegefässe, „heisst es auch für die Kids: Ring frei für die Ninja Warriors! Jetzt können auch 10- bis 13Jährige beweisen, was sie draufhaben. Die hell erleuchtete Arena mit den stählernen Hindernissen und den frisch gefüllten Wasserbassins steht bereit. Das Spannende am Spiel ist, dass man live mitverfolgen kann, wie lange die Kraft der Kinder reicht. Aus ganz Deutschland können sich bewegungsfreudige Kinder für eine Teilnahme bewerben. Wer sein sportliches Können zeigen darf, kann sich auserwählt fühlen. Der zu absolvierende Parcours besteht aus anspruchsvollen Hindernissen zum Schwingen, Klettern, Klimmen und Springen. Dabei handelt es sich um die gleichen Aufbauten, die auch die Erwachsenen bezwingen müssen. Die zu überwindenden Hindernisse sind der Fünfsprung, die Ringrutsche, die Trapezstangen zum Schwingen und Ins-Netz-Springen, die schwebenden Tritte, der Radschwung mit Seil und eine 4,25 Meter hohe Wand mit Griffen. Zuletzt erklimmen die Kinder den acht Meter hohen Mount Midoriyama. Das Finale bestreiten die zwei Besten der Staffel, bis ein Sieger oder eine Siegerin feststeht, die hierfür mit einer Prämie von 5000 Euro belohnt wird.“

Auch in der Schweiz wird Ninja Warrior für Kinder immer populärer. Im Oktober 2022 wurde in Basel ein Ninja Kids Camp organisiert, an dem Kinder bereits ab fünf Jahren teilnehmen konnten. Und immer mehr Veranstalter bieten Trainingsmöglichkeiten schon für Kinder ab sechs Jahren an. Kinderarbeit ist zwar gesetzlich verboten, doch sobald es um Sport geht, scheinen der Phantasie, wie man schon aus den Jüngsten der Jungen auch noch das Letzte an körperlicher Höchstleistung herauspressen kann, offensichtlich kaum mehr irgendwelche Grenzen gesetzt zu sein. Wenn man die Kinder sich unter Aufbietung ihrer alleräussersten Kräfte von Ring zu Ring, von Stange zu Stange hangeln sieht, das Zaudern vor meterweiten Sprüngen und ihre schmerzverzerrten Gesichter, dann kann man sich wohl so manche andere „Kinderarbeit“ vorstellen, die weitaus weniger anstrengend und gefährlicher wäre. Und wenn man dann die Coaches und die Eltern sieht, die unten, auf dem sicheren Boden, ihre Kinder und Schützlinge anfeuern, bejubeln und beklatschen, dann fragt man sich schon unwillkürlich, wer sich denn hier auf Kosten von wem das grösste Vergnügen bereitet und ob diese Kinder aus eigenen Stücken ebenfalls jemals auf eine so verrückte Idee gekommen wären. Zumal hier das ursprüngliche kindliche Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung und die Bereitschaft, es allen recht zu machen und die in sie gesetzten Erwartungen nur ja nicht zu enttäuschen, auf geradezu schamlose Weise ausgenützt und missbraucht wird: Sie hätte keine Angst vor den Hindernissen gehabt, meint ein zehnjähriges Mädchen im Anschluss an einen von ihr erfolgreich absolvierten Durchgang. Auch keine Angst, die Kraft in den Armen und Beinen könnte nicht ausreichen, um die steilen Wände zu überwinden oder sich an den „Bienenwaben“ nicht mehr festklammern zu können. Auch keine Angst, zwischen den Kugeln, über die sie hinunterspringen musste, hinunterzufallen und sich die Beine zu verkeilen. Auch keine Angst davor, sich zu verletzen. Sie hätte einzig und allein nur davor Angst gehabt, sich an einem der Hindernisse nicht mehr in die Höhe zerren zu können, ins Wasserbecken zu fallen und damit ihre Eltern, ihren Coach und alle ihre Freundinnen und Freunde zu enttäuschen.

Was für eine verrückte Welt. Ich möchte nicht wissen, was diese „Arenen“ für Ninja-Warrior-Spektakel voller ausgeklügelter Hindernisse, künstlicher Berge und riesiger Schwimmbecken mit aufgeheiztem Wasser, das ganze Personal, die Trainingshallen, die Werbung und die ganze Ausrüstung wohl kosten mögen. Gleichzeitig werden aus Spargründen kaputte Geräte auf öffentlichen Kinderspielplätzen oft monatelang nicht ersetzt oder repariert, in den Schulen werden, ebenfalls aus Spargründen, Klassenlager, Exkursionen, Sportveranstaltungen oder Turnlektionen gestrichen, während an allen Ecken und Enden der Aufschrei ertönt, die heutigen Kinder würden sich zu wenig bewegen, sässen nur noch vor dem Computer, seien in immer grösserer Zahl von Fettleibigkeit betroffen, könnten keine Purzelbäume mehr schlagen und oft sogar im Alter von drei Jahren immer noch nicht selbständig eine Treppe hochsteigen. Aber egal, sie können ja dann wenigstens vor dem Fernseher sitzen und sich daran ergötzen, wie andere Kinder im Übermass all das bekommen und ihnen im Übermass all das zugemutet wird, was ihnen, den zuhause Gebliebenen, gleichzeitig in ebenso extremem Übermass verweigert und vorenthalten wird.

Das „Bündnis Sahra Wagenknecht“: Ein Hoffnungsschimmer, der leider schon bald wieder verglühen könnte

Peter Sutter, 9. Januar 2024

„Es ist ein bisschen auch ein historischer Tag“, sagte Sahra Wagenknecht am 8. Januar 2024 anlässlich der Gründung ihrer neuen Partei, welche nun offiziell den Namen „Bündnis Sahra Wagenknecht – für Vernunft und Gerechtigkeit“ trägt. „Damit“, so Wagenknecht, „legen wir den Grundstein für eine Partei, die das Potenzial hat, das bundesdeutsche Parteienspektrum grundlegend zu verändern und vor allem die Politik in unserem Land grundsätzlich zu verändern“. 

Tönt ja eigentlich ganz gut. Doch schaut man sich das Ganze etwas genauer an, tauchen unweigerlich erhebliche Zweifel auf, ob das mit der „grundsätzlichen Veränderung“ deutscher Bundespolitik auch tatsächlich klappen könnte. Zu Recht spricht der „Deutschlandfunk“ von einem „vagen Parteiprogramm“. Tatsächlich steht da nichts wirklich Neues drin. Eher ist es ein Abklatsch bereits bestehender Parteiprogramme, aus denen das herausgepickt wurde, was zurzeit gerade möglichst viele Stimmen potenzieller Wählerinnen und Wähler mobilisieren könnte. So etwa könnte die Forderung nach „sozialer Gerechtigkeit“ auch im Programm der Linken oder der SPD stehen. Die Forderung nach einer Zuwanderungspolitik, welche „auf eine Grössenordnung begrenzt bleiben muss, die unser Land und unsere Infrastrukturen nicht überfordert“, würde man, ähnlich lautend, auch im Programm der AfD finden. Die Forderung nach einer Energiepolitik, die „sich nicht allein auf erneuerbare Energiequellen beschränkt“, scheint fast wörtlich aus den Parteiprogrammen der CDU oder der FDP zu stammen. Und die Forderung nach einer Politik, die sich nicht bloss auf die „Interessen skurriler Minderheiten“ fokussiert, erinnert stark an die Brandreden von CSU-Chef Markus Söder. Am unkonventionellsten tönen noch die Passagen zum Thema Friedenspolitik, wo es unter anderem heisst, Konflikte seien grundsätzlich nicht durch „militärische Mittel zu lösen“, die Bundeswehr müsste sich auf die „direkte Landesverteidigung beschränken“ und „keine Auslandeinsätze leisten“, aber auch das geht nicht über das hinaus, was vor vielen Jahren bereits im Parteiprogramm der Grünen stand. Wohl nicht zu Unrecht bezeichnet die Politikwissenschaftlerin Andrea Römmerle Wagenknechts Parteiprogramm deshalb als „Blumenstrauss, der von links bis rechts reicht.“

Schade. Von einer neuen Partei, welche die Politik „grundsätzlich verändern“ möchte, hätte ich mehr erwartet. Vor allem zuallererst eine möglichst umfassende und unvoreingenommene Analyse des bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystems. Eine solche Analyse, die sich über eine blosse Symptombekämpfung aktueller sozialer, gesellschaftlicher, ökonomischer und ökologischer Missstände und Fehlentwicklungen hinausbewegt hätte, wäre nämlich unweigerlich zum Schluss gekommen, dass letztlich der Kapitalismus mit seinen heiligen Dogmen der endlosen Profitmaximierung, der institutionalisierten Umverteilung allen Reichtums von der Arbeit zum Kapital, der systematischen Ausbeutung von Mensch und Natur zugunsten multinationaler Konzerngewinne und des irrwitzigen Glaubens an ein uneingeschränktes Wirtschaftswachstum die eigentliche Grundursache allen Übels ist. Und dass eine wirklich „neue Politik“ nur eine Politik sein kann, die sich auf die radikale Überwindung des Kapitalismus und den Aufbau eines von Grund auf neuen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems ausrichten müsste, in dem nicht mehr die Profitinteressen der Reichen und Mächtigen an oberster Stelle stehen, sondern die elementaren Lebensbedürfnisse der Menschen und der Natur über alle Grenzen hinweg.

So wie der Kapitalismus ein globales Macht- und Ausbeutungssystem bildet, dem nationale Grenzen so ziemlich gleichgültig sind, genau so müsste auch eine neue politische Bewegung, die daran wirklich grundlegend etwas verändern möchte, ebenfalls global organisiert und vernetzt sein. Die Gründung einer nationalen politischen Partei – und in diesem Punkt unterscheidet sich das Bündnis Sahra Wagenknecht nicht grundsätzlich von allen anderen politischen Parteien Deutschlands – ist eigentlich schon ein Grundbekenntnis zum herrschenden kapitalistischen Machtsystem. Das zeigt sich nicht zuletzt auch dadurch, dass die Wagenknecht-Partei gleichzeitig „soziale Gerechtigkeit“ und eine restriktive Asylpolitik fordert, mit anderen Worten: soziale Gerechtigkeit in erster Linie für die deutsche Bevölkerung, nicht aber für all jene, die vom europäischen Wohlstandskuchen, der zu einem überwiegenden Teil aus der kolonialen und nachkolonialen Ausbeutung des globalen Südens gebacken wurde, ausgeschlossen sind. Das heisst nicht, dass eine politische Partei, die eine konsequente kapitalismuskritische Haltung verfolgen würde, die schrankenlose Aufnahme sämtlicher Asylsuchender propagieren müsste, aber sie müsste im Zusammenhang mit Asyl- und Migrationsfragen stets auf die globalen Zusammenhänge und Ursachen der Problematik hinweisen und in aller Beharrlichkeit auf eine Überwindung sämtlicher Ausbeutungsverhältnisse hinarbeiten, nicht nur im eigenen Land, sondern auch weltweit. Das schliesst nicht die Bildung einzelner nationaler politischer Parteien aus, aber diese machen, im Hinblick auf eine längerfristige Überwindung des Kapitalismus, nur dann Sinn, wenn sie gleichzeitig und parallel dazu in ein global agierendes Netz solidarischer Kräfte, Bewegungen, Parteien und Gruppierungen eingebunden sind. Denn, wie schon der schweizerische Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt sagte: „Was alle angeht, können nur alle lösen.“

Es sieht ganz so aus, als hätte sich auch das Bündnis Sahra Wagenknecht – anstelle eines kohärenten, in sich schlüssigen und konsequenten Grundsatzprogramms – vor allem dem Ziel verschrieben, bei kommenden Wahlen möglichst viele Stimmen zu gewinnen, um eine möglichst „starke politische Kraft“ zu werden. Dies schafft man freilich am einfachsten dadurch, dass man sich an allen Ecken und Enden von links bis rechts möglichst viele Menschen abholt, die von den von ihnen bisher bevorzugten Parteien so sehr enttäuscht sind, dass sie alle ihre Hoffnungen noch so gerne auf eine neue, unverbrauchte politische Kraft setzen. Nur leider wird dadurch das gleiche Spiel bloss weitergehen. Denn auch ein Bündnis Sahra Wagenknecht wird – so lange das herrschende kapitalistische Macht- und Ausbeutungssystem nicht grundsätzlich überwunden wird – selbst die allerschönsten Versprechen nicht einhalten und auch die grössten Hoffnungen auf bessere Zeiten nicht erfüllen können und somit auch ihre eigenen neuen Wählerinnen und Wähler früher oder später masslos enttäuschen müssen.

Es sei denn, es gelänge Sahra Wagenknecht und ihrer Partei rechtzeitig, tatsächlich eine grundsätzlich „neue Politik“ zu kreieren, die nichts mehr zu tun hat mit jener „Scheindemokratie“, die zurzeit nur noch einer möglichst „legitimen“ Aufrechterhaltung der kapitalistischen Machtverhältnisse dient. Hierzu bedarf es auch einer radikal neuen Sprache und eines radikal neuen Denkens. Denn, wie schon Albert Einstein sagte: „Probleme lassen sich nie mit der gleichen Denkweise lösen, durch welche sie entstanden sind.“

Die Chance für eine wirkliche Zeitenwende sind vielleicht grösser, als uns dies zumeist bewusst ist. So haben bereits im Jahre 2020 – die Zahlen würden heute vermutlich noch um einiges höher liegen – im Rahmen einer Befragung durch die Kommunikationsagentur Edelman nur 12 Prozent der Deutschen die Aussage, das gegenwärtige „System“ arbeite für sie, bejaht. 55 Prozent der Befragten sagten, dass der Kapitalismus in seiner heutigen Form „mehr schadet als nützt.“ Damit lag Deutschland fast im globalen Mittel, welches bei 56 Prozent lag. 2024 soll, wie unlängst berichtet wurde, das Jahr sein, in dem es weltweit mehr demokratische Abstimmungen und Wahlen geben wird als je zuvor. Weshalb findet nicht endlich eine weltweite Abstimmung darüber statt, ob der Kapitalismus in seiner heutigen globalen Form weitergeführt werden soll oder nicht? Viel Aufklärungsarbeit müsste vermutlich noch geleistet werden, aber wenn das Bündnis Sahra Wagenknecht hierzu einen Beitrag leisten könnte, dann, aber nur dann, hätte sich die Gründung dieser neuen Partei mehr als gelohnt.

Weshalb Europa keine Atombombe braucht und weshalb eine neue Denkweise gerade jetzt dringender nötig ist denn je

Peter Sutter, 7.Januar 2024

Im Hinblick darauf, dass Donald Trump im November zum US-Präsidenten gewählt werden und dann seine Drohung eines Austritts der USA aus der Nato wahr machen könnte, vertritt der deutsche Historiker Herfried Münkler die Ansicht, Europa brauche die Atombombe, um Russland von einer militärischen Expansion in Richtung Polen, Moldawien und die baltischen Staaten abzuhalten. Ähnlich haben sich Frankreichs ehemaliger Armeechef Jacques Lanxade, sein deutscher Kollege Klaus Naumann sowie eine Reihe von Sicherheitsexperten in Europa und in den USA geäussert. So berichtet die „NZZ am Sonntag“ vom 7. Januar 2024 unter dem Titel „Warum Europa eine Atombombe braucht“.

Doch es gäbe eine viel einfachere, vernünftigere, menschenfreundlichere und erst noch um ein Vielfaches billigere Lösung des Problems. Man müsste nämlich bloss die gegenseitige Angst voreinander durch gegenseitige gemeinsame Vertrauensbildung ersetzen. Statt sich gegenseitig zu bedrohen, müsste man, ganz einfach, nur miteinander reden. Man müsste nur erkennen, dass das Interesse eines gemeinsamen Wohlergehens unvergleichlich viel mehr Gewicht haben müsste als jede noch so wilde Spekulation in Bezug auf eine eigene militärische Übermacht.

Wenn man sich die immensen Fortschritte der Menschheit im Bereich der Wissenschaften, der Technik und der Medizin vor Augen führt, dann kann man sich nur wundern, weshalb wir ausgerechnet auf dem Gebiet zwischenstaatlicher Konfliktlösung immer noch in jahrhundertealten, tausendfach gescheiterten Denkmustern gefangen sind. „Man kann Probleme“, sagte Albert Einstein, „niemals mit der gleichen Denkweise lösen, durch welche sie entstanden sind.“

Europa rühmt sich so gerne seiner demokratisch-zivilisatorischen Vorreiterrolle. Wäre für Europa nicht spätestens jetzt die Zeit gekommen, auch in Bezug auf ein friedliches Zusammenleben aller Nationen eine mutige Vorreiterrolle einzunehmen? Damit so etwas Absurdes wie Kriege und  Atombomben für immer der Vergangenheit angehören.