Syrien: Jubeln und Frohlocken, dass wieder Krieg ist?

Peter Sutter, 7. Dezember 2024

Der durch die westliche Welt gehende Jubel über den Vormarsch eines islamistischen Rebellenbündnisses gegen Syriens Regierung unter Bashar al-Assad befremdet schon sehr.

Erstens ist der Zeitpunkt des Angriffs unmittelbar nach dem Sieg der israelischen Armee über die Hisbollah im Libanon und den massiven Bombardierungen von Stellungen der Hisbollah und der iranischen Revolutionsgarden in Syrien sowie syrischer Regierungstruppen durch die israelische Luftwaffe wohl alles anderes als ein Zufall. Man scheint die Gunst der Stunde nutzen zu wollen, das bereits geschwächte Assad-Regime weiter zu schwächen oder ihm gar den Garaus zu machen, was auch in den Worten des türkischen Präsidenten Erdogan zum Ausdruck kommt, wenn er davon spricht, der Marsch der Rebellen müsse „bis Damaskus“ gehen.

Zweitens werden durch die Wiederankurbelung des Kriegs nach einer längeren Phase relativer Ruhe und Stabilität wiederum Zehntausende von Syrierinnen und Syriern in die Flucht geschlagen und unsägliches Kriegselend angerichtet. Drittens gibt Erdogan offen zu, mit der Unterstützung der Rebellen auch die kurdischen SDF-Verbände zurückdrängen zu wollen.

Viertens mutet es schon mehr als seltsam an, wenn ausgerechnet die islamistische Gruppe HTS, die von den USA als Terrororganisation eingestuft und auf deren Anführer Abu Mohammed al-Julani ein Kopfgeld von 10 Millionen Dollar ausgesetzt wurde, nun vom Westen im Kampf gegen Assad dermassen hochgejubelt wird, obwohl die reale Gefahr besteht, dass die HTS, sollte sie diesen Kampf gewinnen und ihre Macht konsolidieren, in Syrien ein Kalifat nach dem Vorbild der Taliban aufbauen könnte.

Und fünftens wird aller Voraussicht nach auch der vom Westen sonst so geächtete Islamische Staat IS von dieser Machtverschiebung erneut profitieren. Jubeln kann da wohl nur, wer an machtpolitischem Eigennutz ein weitaus grösseres Interesse hat als an der friedlichen Zukunft eines schon mehr als genug leidgeprüften Landes.   

(„Die letzten Tage eines Diktators“, lese ich auf der Titelseite der „NZZ am Sonntag“ vom 8. Dezember 2024. Meine syrischen Freunde aber sagen, sie hätten bis 2024, vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs, ein gutes und friedliches Leben gehabt. Und da war Assad immerhin bereits 14 Jahre lang an der Macht. So grausam und blutrünstig, wie er nun vom Westen dargestellt wird, kann er wohl nicht gewesen sein.)

(„Das Drama der Christen im Nahen Osten“, so titelt die „Sonntagszeitung“ vom 8. Dezember 2024, und weiter unten spricht sie von Assad als „brutalem Machthaber und Kriegsverbrecher“. Die Verknüpfung der beiden Aussagen im gleichen Artikel könnte den Schluss nahe legen, Assad sei an der Vertreibung der christlichen Bevölkerung mitschuldig oder sogar dafür hauptverantwortlich. Tatsache ist aber, dass Aleppo bis zum Beginn des Bürgerkriegs 2011 eine christliche Hochburg war – und da befand sich Assad bereits elf Jahre an der Macht. Vom Vorwurf der Christenverfolgung müsste man ihn also mindestens freisprechen. Dies im Gegensatz zur HTS, welche den jetzigen Angriff auf das Assad-Regime anführt und selbst von den USA als Terrororganisation eingestuft wurde, deren erklärtes Ziel es sein, in Syrien ein Kalifat analog zu den Taliban in Afghanistan einzurichten. Oder ist Assad sowieso gar nicht dieser „grausame Diktator“, als welcher er nun vom Westen gebrandmarkt wird? Meine syrischen Freunde jedenfalls lebten in ihrem Land bis 2014 friedlich und gut, wie sie heute noch schwärmen. Und da war Assad immerhin bereits 14 Jahre lang an der Macht…)

Soll die Schweiz mehr Drohnen beschaffen statt mehr Kampfflugzeuge? Weitaus gescheiter als eine „Drohnendoktrin“ wäre wohl eine umfassende Friedensdoktrin…

Peter Sutter, 1. Dezember 2024

ETH-Professor Roland Siegwart zeigt sich in der „Sonntagszeitung“ vom 1. Dezember 2024 erstaunt, dass die Schweizer Armee nicht die Beschaffung von Drohnen anstelle von Kampfflugzeugen geprüft hat, denn aus seiner Sicht werden Drohnen in der zukünftigen Kriegsführung eine viel entscheidendere Rolle spielen als Kampfflugzeuge, da sie viel agiler und zudem weit kostengünstiger sind. Auch der Urner Ständerat Josef Dittli fordert eine umfassende „Drohnendoktrin“, welche sowohl den Angriff wie auch die Verteidigung umfasse, zumal die Schweiz in dieser Technologie führend sei. Er hat deshalb im Parlament einen Vorstoss durchgebracht, mit dem das VBS beauftragt wurde, einen „Drohnenbericht“ auszuarbeiten.

Doch während sich Politiker und Fachleute darüber streiten, welche Waffen in einem zukünftigen Krieg die wichtigere Rolle spielen werden, gäbe es doch noch eine andere Frage, die wohl um einiges wichtiger und entscheidender wäre, nämlich die Frage, ob denn Kriege in Zukunft überhaupt noch ein taugliches Mittel sein können, um Konflikte zwischen Ländern zu lösen. Oder ob es nicht viel zielführender und obendrein noch viel kostengünstiger wäre, überhaupt keine Kriege mehr zu führen, weder mit Drohnen noch mit Kampfflugzeugen. Statt einer „Drohnendoktrin“ würde ich eine „Friedensdoktrin“ vorschlagen und statt einen „Drohnenbericht“ viel lieber einen „Friedensbericht“. Denn es stimmt zwar schon, dass die Schweiz in der Entwicklung von Drohnen führend ist. Aber weitaus erfahrener ist sie, historisch gesehen, auf dem Gebiet der Friedensförderung und der gewaltlosen Konfliktlösung. Und wenn schon alle anderen Länder dem Irrsinn militärischer Hochrüstung hinterherrennen, müsste sich die Schweiz halt umso mehr auf ihre ureigenen Traditionen besinnen und umso stärker ihr ganzes Gewicht und Ansehen in die Waagschale werfen, um dem Krieg als primitivstem Mittel der Konfliktlösung endlich ein Ende zu bereiten. Ob es gelingen würde, weiss niemand. Aber versuchen könnte man es doch wenigstens.

Die „neue Härte“ der schweizerischen Asylpolitik: Ein Blick 500 Jahre zurück

Peter Sutter, 1. Dezember 2024

Alles Unheil begann am 12. Oktober 1492. Der Tag, an dem Christoph Kolumbus auf der karibischen Insel Guanahani landete und einen neuen Kontinent «entdeckte». Auf die Entdecker folgten unmittelbar die Eroberer, angelockt durch die sagenhaften Reichtümer Mittel- und Südamerikas: Gold, Silber, Edelsteine, fruchtbare Erde, auf der alles wuchs, was man sich nur erträumen konnte, Zucker, Reis, Baumwolle, Kaffee, Kautschuk, Tabak, Kakao, Gewürze, tropische Früchte aller Art. Es wurde zusammengerafft, was immer sich zusammenraffen liess, und eine endlos wachsende Menge an gewinnbringenden Produkten wanderte auf immer grösseren und zahlreicheren Schiffen zu den europäischen Häfen und Handelsstädten, wo mit dem Weiterverarbeiten, dem Verkaufen und der Vermarktung dieser Waren Reichtum geschaffen wurde, wie ihn die Welt noch nie zuvor gesehen hatte. Doch dies war erst der Anfang. Auf Süd- und Zentralamerika folgten Nordamerika, später Afrika, Indien, Süd- und Ostasien, unzählige Inseln im Pazifik, Australien und Neuseeland. Und zu Spanien und Portugal gesellten sich als weitere Kolonialmächte in der Folge vor allem England und Frankreich hinzu, aber auch Belgien, Holland, Italien, Deutschland und schliesslich auch die USA.

«Terra nullius» nannten die Europäer die von ihnen aufgefundenen Territorien: Niemandsland, das von dem in Besitz genommen und nach Belieben ausgeplündert werden durfte, der es als erster «entdeckt» hatte, denn die, welches es zuvor besessen hatten, waren aus der Sicht der Eroberer gar keine wirklichen Menschen, sondern eher so etwas wie Tiere, die zu beherrschen, zu domestizieren und deren Arbeitskraft bis zur totalen Erschöpfung und frühem Tod auszubeuten ihre neuen Herren und Gebieter geradezu als ihren «göttlichen Auftrag» betrachteten, dem sie so eifrig nachzukommen trachteten, dass sie nicht einmal vor den denkbar unmenschlichsten Grausamkeiten zurückschreckten. Schon fünfjährige Kinder wurden gezwungen, in den Silber- und Goldbergwerken Südamerikas zu schuften und meist eines viel zu frühen Todes zu sterben, wenn nicht durch Erschöpfung, dann durch das Einatmen giftiger Dämpfe, durch Gasexplosionen oder den Einsturz nur ganz notdürftig oder gar nicht gesicherter Schächte. Die Arbeitsbedingungen auf den Zuckerrohr-, Tabak- und Kaffeeplantagen waren derart hart, dass dies zu einer massiven Dezimierung der indigenen Bevölkerung innerhalb weniger Jahrzehnte führte, nicht zuletzt auch deshalb, weil sich Fehl- und Unterernährung immer weiter auszubreiten begannen, dadurch, dass auf den Böden, welche zuvor der Eigenversorgung der einheimischen Bevölkerung gedient hatten, fast nur noch Nahrungsmittel für den Export angebaut werden durften.

Unter den wohl schwersten je zuvor begangenen Menschenrechtsverletzungen wurden, nachdem ein grosser Teil der indigenen Arbeitskräfte in Mittel- und Südamerika weggestorben waren, im Laufe von rund drei Jahrhunderten 15 Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner zu Zwangsarbeit auf Plantagen und in Bergwerken in Amerika verdammt, um jene Profite zu erschuften, die ausschliesslich in den Taschen der immer reicher werdenden europäischen Oberschichten landeten. Sklavinnen und Sklaven, die sich den unmenschlichen Arbeitsbedingungen zu verweigern versuchten, wurden gekreuzigt, mit den Füssen an Bäumen aufgehängt, zu Tode gefoltert oder es wurde ihnen Schiesspulver in den After gestopft, das vor schaulustigen Mengen zur Explosion gebracht wurde.

Was die Spanier und Portugiesen in Mittel- und Südamerika vorgemacht hatten, wurde von den Engländern in Nordamerika weitergeführt, wo innerhalb von hundert Jahren praktisch die gesamte Urbevölkerung ausgerottet wurde. Indien verkam unter britischer Herrschaft durch gnadenlose Ausplünderung seiner natürlichen und wirtschaftlichen Ressourcen innerhalb von hundert Jahren von einem der reichsten zu einem der heute ärmsten Länder der Welt. Ganz Afrika nahmen sich die europäischen Kolonialmächte wie nimmersatte Raubtiere zum Frass vor. Im von Belgien unterjochten Kongo wurden Arbeitern, die bis zum Tagesende das geforderte Arbeitssoll nicht erreicht hatten, die Hände abgehackt. Ein Aufstand des von Deutschland versklavten Volks der Herero in Südwestafrika wurde gnadenlos niedergeknüppelt, die Aufständischen in Wüstengebiete vertrieben und von den Wasserstellen weggejagt, sodass Abertausende elendiglich verdursteten. Es war der erste grosse Völkermord des 20. Jahrhundert, den nur 15‘000 der ursprünglich 80’000 Herero überlebten.

Und so verwandelte sich nach und nach der Reichtum des von der Erde, der Natur und dem Klima gesegneten Südens in den Reichtum des Nordens, der in Anbetracht mangelnder Bodenschätze, wenig fruchtbarer Böden und unwirtlicheren Klimas eigentlich viel ärmer sein müsste, stets nach dem Prinzip, sich die Schätze des Südens kostenlos oder – durch möglichst niedrige Preise für Rohstoffe, Sklavenarbeit oder Hungerlöhne – zu möglichst günstigen Bedingungen anzueignen und sie hernach zu Fertigprodukten zu verarbeiten und diese auf dem Weltmarkt mit möglichst profitablen Renditen weiterzuverkaufen. Und das ist bis auf den heutigen Tag so weitergegangen. Kaufen wir bei Starbucks einen Kaffee für zehn Franken, so fliessen neun Franken und 95 Rappen in die Taschen von Handelsketten, Geschäftsbesitzern, multinationalen Konzernen und Börsenspekulanten, während die Landarbeiterin in Honduras, Kenia oder Madagaskar, die im Schweisse ihres Angesichts die Kaffeebohne erntet, von diesen zehn Franken gerade mal fünf Rappen sieht. Früher hatten alle Menschen in Afrika genug zu essen, während es in Europa immer wieder zu Hungersnöten kam. Heute ist es genau umgekehrt. Kein Kontinent leidet so sehr an Mangel- und Unterernährung wie Afrika, gleichzeitig landen in keinem Kontinent so viele Lebensmittel ungebraucht im Müll wie in Europa.

Doch das ist noch längst nicht alles. Dank der so entstandenen Profite konnten sich die Länder des Nordens im Gegensatz zu den Ländern des Südens auch die nötigen Mittel leisten, um ihre Privilegien gegen andere, die sie ihnen vielleicht hätten streitig machen können, abzusichern und zu schützen. Wirtschaftliche Vorherrschaft ging stets Hand in Hand mit militärischer Vorherrschaft und tut es bis heute. War Grossbritannien während 300 Jahren die Weltmacht Nummer eins – sowohl in wirtschaftlicher wie auch militärischer Hinsicht –, so sind es seit dem Zweiten Weltkrieg die USA. So ist es kein Zufall, dass die USA während der vergangenen rund 80 Jahre für die weitaus grösste Anzahl von – grösstenteils völkerrechtswidrigen – Militärschlägen und Kriegen verantwortlich sind, mit rund 50 Millionen Todesopfern und einer zehn Mal so hohen Anzahl Verletzter, dazu zahlreiche verdeckte, meist vom CIA durchgeführte Operationen, mit denen nicht wenige demokratisch gewählte Regierungen gewaltsam gestürzt wurden. Und es ist auch alles andere als ein Zufall, dass fast alle diese Kriege, von Vietnam über den Irak bis zu Afghanistan, Syrien und dem Sudan, in den Ländern des Südens stattfinden, nicht in den Ländern des Nordens, die genug Macht und Mittel besitzen, um dies zu verhindern. Und es ist wiederum auch kein Zufall, dass sich die Auswirkungen des Klimawandels genau in jenen Ländern am verhängnisvollsten auswirken, die sie – im Gegensatz zu den Industriestaaten mit ihrer wachstumsgetriebenen Produktion von Abgasen und Schadstoffen – am allerwenigsten verursachen. Nebst all den weiteren Verwüstungen, welche 500 Jahre koloniale Ausbeutung hinterlassen haben: Wassermangel, durch Pestizide und andere Chemikalien vergiftete Erde, durch Monokulturen ausgelaugte Böden, auf denen kaum mehr etwas wächst.

Geld ist Macht. Wer mehr Geld hat, hat nicht nur stärkere Waffen, er verfügt auch über die nötigen finanziellen und wirtschaftlichen Instrumente und Machtmittel wie etwa die Weltbank oder den IWF, die für jeden Kredit, den sie einem sowieso schon zutiefst entrechteten und ausgebeuteten Land leihen, einen so hohen Zins abverlangen, dass die Verarmung, die Fremdbestimmung und die Abhängigkeit dieser Länder nur immer noch grösser und grösser wird. In aller Regel verfügen die, welche mehr Geld und damit mehr Macht haben, auch über den grösseren Einfluss auf die Medien, welche weitgehend dazu dienen, die Macht der Mächtigen nicht allzu sehr in Gefahr zu bringen. Ein Beispiel: Jeden Tag sterben weltweit rund 10‘000 Kinder vor dem Erreichen ihres fünften Lebensjahrs, weil sie nicht genug zu essen haben. Das von den Medien in der westlichen Welt verbreitete, in der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung verankerte Bild, diejenigen, die zu wenig zu essen hätten, seien selber daran schuld bzw. lebten halt in Ländern mit unfähigen, korrupten Regierungen, seien in technischer Hinsicht hoffnungslos im Rückstand oder seien, im Gegensatz zu uns, immer wieder von besonders verhängnisvollen Naturkatastrophen betroffen, lenkt davon ab, dass alles nicht eine Frage der Mengen ist, sondern eine Frage der Verteilung. In jedem kapitalistischen System, ob klein oder gross, herrscht das Grundprinzip, dass Waren nicht dorthin fliessen, wo die Menschen sie am dringendsten brauchen, sondern dorthin, wo die Menschen genug Geld haben, um diese Waren zu kaufen, und sich deshalb dort die grössten Profite machen lassen. Das führt dazu, dass am einen Ort ein immer grösserer Mangel herrscht, während am anderen Ende immer neue, längst schon überflüssige Dinge erfunden und ausgedacht werden müssen, damit die Menschen überhaupt noch etwas kaufen. Auch das herrschende Justizsystem, das einseitig auf die Ahndung von Individualgewalt ausgerichtet ist und den Einfluss von Systemgewalt gänzlich ausblendet, ist Teil dieses allumfassenden Machtsystems. Um es wiederum an einem Beispiel zu verdeutlichen: Klaut ein Sozialhilfebezüger ein Paar Turnschuhe, dann wird der Sozialhilfebezüger verurteilt, nicht aber das herrschende Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das so gravierende soziale Ungleichheiten zur Folge hat, dass eben nur ein stets am finanziellen Limit kämpfender Sozialhilfebezüger auf die Idee kommt, Turnschuhe zu klauen, gewiss aber nicht ein Bankdirektor, der ein so hohes Einkommen hat, dass er oft sogar nicht einmal mehr weiss, was er damit überhaupt anfangen soll.

Richtet man den Fokus auf die historischen, politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gesamtzusammenhänge, muss man unweigerlich zum Schluss gelangen,  dass die reichen Länder des Nordens nur deshalb so reich sind, weil die armen Ländern des Südens so arm sind. All die Privilegien, welche die Menschen in den reichen Ländern geniessen, sind nichts anderes als die Frucht eines mindestens 500 Jahre andauernden Raubzugs, in dem der natürliche Reichtum des Südens in den künstlichen Reichtum des Nordens verwandelt wurde. Deshalb sind Flüchtlinge aus den Ländern des Südens, die in die Länder des Nordens «einzudringen» versuchen, nicht Menschen, die uns etwas «wegnehmen» wollen, sondern nur Menschen, die sich einen ganz winzigen Teil dessen zurückzuholen versuchen, was wir ihnen über Jahrhunderte, unter Anwendung unbeschreiblicher Gewalt, weggenommen haben. Würde sich diese Erkenntnis in der breiten Bevölkerung durchsetzen, hätten die SVP und alle anderen politischen Parteien, die ihre Argumentationen auf einer systematischen Täter-Opfer-Umkehr aufbauen, früher oder später keine einzige Stimme mehr. Aber die, welche heute noch an der Macht sind und ihre Privilegien einzig und allein jahrhundertelanger Ausbeutung und jahrhundertelangen Diebstahls verdanken, werden alles daran setzen, dies zu verhindern.

Böses Erwachen nach der Wahl von Donald Trump: Höchste Zeit für eine radikale Selbstkritik

Peter Sutter, 20. November 2024

Gross war auch in der Schweiz in linken und intellektuellen Kreisen das Entsetzen über die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten. Gründe dafür wurden hauptsächlich bei den viel zu vielen „ungebildeten“ Menschen gesucht, die sich von diesem „Populisten“ und „Demagogen“ – einige bezeichnen ihn sogar als „Faschisten“ – hätten über den Tisch ziehen lassen. Nur von Selbstkritik war praktisch nichts zu hören.

Dabei wäre es aus linker und intellektueller Sicht höchste Zeit, sich auch ein paar selbstkritische Fragen zu stellen. War Kamala Harris tatsächlich eine glaubwürdige Alternative? Wie geschickt haben sich die Linken und Intellektuellen im Wahlkampf verhalten? Müsste man nicht, statt sich in oberflächlichen Schuldzuweisungen zu verlieren, grundsätzlich die Frage stellen, in was für einer Welt wir denn eigentlich leben und weshalb so viele Menschen offensichtlich schon so verzweifelt sind, dass sie in Politikern wie Donald Trump so etwas wie die letzte Hoffnung auf ein besseres Leben setzen? Müsste man dann nicht, wenn man dieser Frage konsequent nachginge, früher oder später zum Schluss gelangen, dass die Schuld an allem vermutlich nicht vor allem bei einem besonders „demagogischen“ Präsidentschaftskandidaten und einem angeblich „ungebildeten“ und „manipulierbaren“ Volk liegt, sondern möglicherweise viel eher bei einem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, welches auf eine immer grössere soziale Ungleichheit, ein immer unverschämteres Hinabdrücken und eine immer arrogantere Entmündigung jener Abermillionen von Menschen hinausläuft, die mit ihrer täglichen Schufterei das ganze Gebäude, auf deren obersten Etagen sich neben den Reichen und Reichsten auch die überwiegende Mehrheit der sogenannten Linken und Intellektuellen sonnen, überhaupt noch vor dem drohenden Zusammenbruch bewahren? Wenn dann ausgerechnet jene, die von der Schufterei und dem täglichen knallharten Überlebenskampf derer an den untersten Rändern der Gesellschaft profitieren und sich auf deren Kosten jeden noch so unnötigen Luxus leisten können, diese dermassen Ausgebeuteten, wie das Joe Biden gegen Ende des Wahlkampfs tat, als „Müll“ bezeichnen, dann muss das Fass überlaufen.

Mittlerweile hat sich, genährt durch Armut, Ausbeutung, fehlende Wertschätzung, laufend steigende Lebenskosten und die permanente Konfrontation mit jenen privilegierteren Gesellschaftsschichten, die einen viel schöneren und weniger belasteten Alltag vorleben – den man selbst bei grösster Anstrengung nie erreichen und gegenüber dem man lebenslang im Hintertreffen bleiben wird – ein immenses revolutionäres Potenzial aufgebaut. Und genau dieses scheint nun Trump ganz einfach besser abgefangen zu haben als seine Kontrahentin – indem er sich als Systemkritiker und Gegner des „Establishments“ darstellte – obwohl er freilich selber auch ein Teil davon ist -, während Kamala Harris keine eigenen Visionen entfaltete, sondern bloss nachplapperte, was unzählige andere Politikerinnen und Politiker des herrschenden Mainstreams schon lange zuvor vorausgeplappert hatten und höchstwahrscheinlich auch weiterhin ausplappern werden. Die Unzufriedenheit in den benachteiligten Bevölkerungsgruppen ist mittlerweile dermassen gross, dass nur ein Politiker oder eine Politikerin, die Hoffnung auf „neue“ und „andere“ Zeiten zu wecken vermag, Chancen hat, gewählt zu werden. An jeden noch so kleinen Strohhalm würden sich die Menschen klammern, bloss um die Hoffnung nicht zu verlieren, dass sich etwas ändern wird – denn eigentlich, denken sie, kann es nur besser werden. Doch diese Hoffnung ist trügerisch. Denn auch Trump wird nicht viel zu verändern vermögen, solange nicht das kapitalistische Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell grundlegend überwunden wird. Und so stürzen die Menschen von einer Hoffnung zur nächsten und sind jedes Mal von Neuem enttäuscht, wenn sich ihre Hoffnungen nicht erfüllen. So wie damals bei Barack Obama, in den insbesondere die Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner immense Erwartungen gesetzt hatten, um anschliessend umso mehr enttäuscht zu sein und nicht mehr eine Demokratin – Hillary Clinton – zu wählen, sondern, mit Donald Trump, einen Republikaner. Gleichzeitig versinken durch diese wiederholten Enttäuschungen und zerstörten Hoffnungen immer mehr Menschen in Resignation und Verzweiflung.

„Es ist die Rache ganz normaler Leute“, sagt Scott Jennings, einst Berater von Ex-Präsident George W. Bush, „die zermürbt und beleidigt wurden. Sie sind kein Müll, keine Nazis. Sie sind einfach gewöhnliche Menschen, die jeden Tag zur Arbeit gehen, um ihren Kindern ein besseres Leben zu bieten. Diesen Leuten hat man zu erkennen gegeben, dass sie den Mund halten sollen. Dabei haben sie sich nur über Dinge beklagt, die sie im Alltag belasten: Hohe Preise, Kriminalität, die Folgen illegaler Einwanderung.“ Sie fühlen sich von den geistigen „Eliten“, den Akademikerinnen und Akademikern, den etablierten, gutverdienenden und bloss auf den Erhalt ihrer eigenen Privilegien und Machtpositionen bedachten Politikerinnen und Politikern im Stich gelassen. Das heisst nicht, dass eine Linke, die wieder erfolgreich politisieren will, auf jede Forderung und sämtliche Ängste der Bevölkerung „populistisch“ und unkritisch eingehen müsste. Aber sie müsste alles daran setzen, sich für Menschenwürde, soziale Gerechtigkeit und das Wohl der Einzelnen einzusetzen. Und gleichzeitig müsste sie darüber aufklären, dass beispielsweise Kriminalität stets gesellschaftliche Ursachen hat und auch Migrantinnen und Flüchtlinge nichts anderes sind als Opfer des gleichen, auf 500 Jahren Ausbeutung und Kolonialismus beruhenden kapitalistischen Wirtschaftssystems und dass eine nachhaltige Lösung nicht darin bestehen kann, rund um die reichen Länder herum immer höhere Mauern zu bauen, sondern nur darin, eine weltweit gerechte Wirtschaftsordnung aufzubauen, so dass niemand mehr gezwungen ist, seine eigene Heimat zu verlassen, bloss um einigermassen überleben zu können.

Die Menschen an den unteren Rändern der kapitalistischen Klassengesellschaft, die einen Politiker wie Donald Trump zu ihrem Präsidenten wählen, sind nicht dumm. Im Gegenteil, sie durchschauen in aller Regel die Machtspiele der Reichen und Mächtigen sehr genau, besser sogar als all jene, die ein Leben lang – abgeschirmt vom täglichen Überlebenskampf auf der Strasse oder in herabgekommenen Wohnquartieren oder bei Arbeitstagen von 14 Stunden in Fabriken oder auf Gemüsefeldern bei Hitze und Kälte – in irgendwelchen Universitäten herumsitzen und so komplizierte Studien und Bücher verfassen, dass ein normaler Mensch sie nicht einmal verstehen, geschweige denn ihnen irgendeinen Sinn abgewinnen kann. Die Menschen an den unteren Rändern der kapitalistischen Klassengesellschaft würden auch Politikerinnen und Politkern wie Nelson Mandela, Martin Luther King oder Lula da Silva ihre Stimme geben. Aber wenn sie nur die Auswahl zwischen Donald Trump und Kamala Harris haben, dann wählen sie halt das kleinere Übel, und das ist eben der, welcher ein bisschen stärker auf die Pauke haut.

Das gilt ja alles nicht nur für die USA. Wie ja auch der Kapitalismus nicht nur in den USA wütet und immer verrücktere Blüten treibt, wenn auch dort besonders schlimm. Auch die deutsche AfD ist ein Auffangbecken für die immer zahlreicheren Opfer dieses auf reine Profitmaximierung und Ausbeutung von Mensch und Natur fixierte Wirtschaftsmodell, dessen Widersprüche immer klarer zutage treten. Und auch in Deutschland wird die Wut derer, die sich dagegen aufbäumen, nur immer noch stärker, wenn sie von den herrschenden Eliten als dumm, manipulierbar oder gar faschistisch beschimpft werden, ausgerechnet von jenen Eliten, die im Namen von „Demokratie“ und „Menschenwürde“ mit moralischem Zeigefinger gegen ihre politischen Kontrahenten auftreten, tatsächlich aber nichts anderes sind als Komplizen eines gnadenlosen weltweiten Ausbeutungssystems, an dessen oberem Ende sich immer mehr Multimilliardäre ansammeln und an dessen unterem Ende jeden Tag weltweit rund 10’000 Kinder vor dem Erreichen ihres fünften Lebensjahrs qualvoll sterben müssen, weil sie nicht genug zu essen haben.

Auch der Erfolg der schweizerischen SVP beruht nicht nur auf falschen Versprechen und falschen Hoffnungen, sondern vor allem auf dem Versagen jener linken politischen Kräfte, die sich schon längst von ihren ursprünglichen revolutionären Idealen verabschiedet, sich himmelweit von den Sorgen und Nöten der „einfachen“ Menschen entfernt haben und sich lieber in ihre Ferienhäuschen in der Toscana zurückziehen, um dort und an vielen anderen genussvollen Orten von all den Privilegien zu profitieren, welche ihnen das sich nahtlose Einfügen in das kapitalistische Machtsystem beschert hat.

Wie sehr die Linke ihren ursprünglichen revolutionären Schwung verloren hat, zeigt sich ja auf geradezu absurde Weise bei all jenen Themen, auf die sie sich in letzter Zeit immer akribischer fokussiert. Doch mit Gendersternchen lässt sich nun mal weder das Patriarchat noch der mit ihm unauflöslich verbundene Kapitalismus mit sämtlichen seiner Ausbeutungsmechanismen wirkungsvoll überwinden. Und das müsste doch das eigentliche Hauptziel einer glaubwürdigen Linken sein. Und steht sogar immer noch, wie ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten, im Parteiprogramm der schweizerischen Sozialdemokratischen Partei…

Die Revolution kann man nicht mieten, um sie für immer zu behalten. Man muss sie immer wieder neu erkämpfen, jeden Tag ab dem Punkt Null. Jetzt gerade droht das in allen Menschen im tiefsten Inneren steckende revolutionäre Potenzial, die Sehnsucht nach sozialer Gerechtigkeit, Frieden und einem guten Leben für alle, der Linken ganz gehörig zu entgleiten und in die Hände der Rechten geraten zu sein. Will sie es wieder zurückholen, muss sie sich ganz gehörig auf die Socken machen. Denn die unten sind längst bereit. Nur die oben haben immer noch nicht begriffen, dass die Zukunft der Menschheit nicht in Raffgier und Macht um der Macht willen liegen kann, sondern nur darin, alles Vorhandene möglichst gerecht miteinander zu teilen…

Sonntagszeitung vom 17. November 2024: Wenn die Empörung über die Empörung grösser ist als die Empörung über deren Ursachen…

Peter Sutter, 17. November 2024

„Blutrünstige Graffitti“, ein „Klima der Einschüchterung“, „aktivistische Professoren“, „falsche Anschuldigungen“, „extreme Positionen“ – so wird in der Sonntagszeitung vom 17. November die Empörung beschrieben, die bei den Pro-Palästina-Protesten an Westschweizer Unis wahrzunehmen ist. Doch weshalb so viel Empörung?

Rechnet man zu den durch militärische Gewalt getöteten Menschen jene hinzu, die infolge von Hunger und fehlender medizinischer Versorgung bisher ihr Leben verloren haben, sind es rund 90‘000, zu einem grossen Teil Frauen und Kinder, unschuldige Menschen, die mit den Terroranschlägen vom 7. Oktober 2023 nichts zu tun haben. Auch wurden Dutzende von Schulen, Krankenhäusern, Moscheen, Geschäften, Bibliotheken und Bildungseinrichtungen zerstört, ebenso der überwiegende Teil der gesamten Infrastruktur wie die Versorgung mit Wasser, Nahrungsmitteln und Energie. Zudem hat die Schweiz als einziges Land der Welt die Zahlungen an das palästinensische Hilfswerk UNRWA ausgesetzt, was den Hungertod von Millionen von Menschen zur Folge haben könnte.

Und da soll man nicht empört sein und nicht in aller Schärfe demonstrieren dürfen gegen ein Regime, das solche Verbrechen begeht, alle bisherigen Forderungen nach einem Waffenstillstand in den Wind geschlagen hat und nicht einmal – erstmalig in der fast 80jährigen Geschichte der UNO – davor zurückschreckt, den UNO-Generalsekretär nicht mehr einreisen zu lassen, obwohl dieser kein anderes Ziel verfolgt, als diesem unermesslichen Leiden endlich ein Ende zu setzen.

Leider gerade ein Aufnahmestopp für Kinder über zwei Jahren…

Peter Sutter, 13. November 2024

Die Schweiz im November 2024: Kein Witz…

Joel, der vor drei Wochen zwei Jahre alt geworden ist, hat sich mit der Scherbe eines zerbrochenen Glases eine Schnittwunde am Daumen zugezogen. Die stark blutende Wunde notdürftig mit einem Verband versehen, melden wir uns, weil es Sonntag ist und alle Arztpraxen geschlossen sind, beim Notfalldienst des Kantonsspitals in der Nachbargemeinde. Die Auskunft am Schalter: Heute sei gerade kein Kinderarzt im Dienst, aber nun ja, man werde schauen, ob ein anderer diensthabender Arzt die Wunde anschauen könnte, doch man könne nichts versprechen, alle seien völlig ausgelastet. Aber dann doch noch: Nach zwei Stunden Warten schaut sich ein Arzt die Wunde an und verschliesst sie mit Klebestreifchen. Es wird uns eine Nachkontrolle zwei Tage später beim örtlichen Kinderarztzentrum empfohlen.

Zwei Tage später: Die Frau am Telefon des Kinderarztzentrums teilt uns mit, dass die Praxis infolge Überlastung kürzlich einen Aufnahmestopp verfügt hätte. Neue Kinder würden nur noch aufgenommen, wenn sie jünger als zwei Jahre sind. Pech gehabt, Joel ist drei Wochen zu alt.

Da Joel und seine Eltern erst seit Kurzem in der Schweiz leben und noch keinen Hausarzt bzw. keine Hausärztin finden konnten, rufe ich meine Hausärztin an, ob sie ausnahmsweise Joels Wunde kurz anschauen könnte. Würde sie ja gerne, aber heute und morgen sei alles voll und am Donnerstag und Freitag sei die Praxis geschlossen. Man empfiehlt uns den Notfallarzt in der fünf Kilometer entfernten Nachbarsgemeinde.

Dort heisst es: Aussichtslos, heute und morgen keine freien Termine. Aber wir könnten es ja in L., einer weiteren unserer Nachbargemeinden, versuchen. Dort praktiziere eine Kinderärztin. Das Problem sei nur, dass man sie kaum erreichen könne, da die Stelle ihrer Praxisassistentin zurzeit gerade nicht besetzt sei. Und jetzt, frage ich? Nun ja, heisst es, dann würde uns halt der Notfallarzt gegen Abend noch irgendwo hineinquetschen, aber es könnte sein, dass wir bis zu zwei Stunden warten müssten.

Wir müssen dann nur eine Stunde warten, der Arzt wirft einen kurzen Blick auf die schon gut verheilte Wunde und lässt uns nach einer Minute wieder gehen.

Das schweizerische Gesundheitssystem am 12. November 2024 in der Schweiz, einem der reichsten Länder der Welt. Ich bin fast ganz sicher, drei- oder vierhundert Jahre früher hätte man in jedem noch so kleinen Dorf eine Naturheilerin gefunden, die für eine kleine Schnittwunde am Daumen eines zweijährigen Kindes ein passendes Kräutchen parat gehabt und den Finger mit dem Blättchen einer wohltuenden Pflanze umwickelt hätte. Aber die hat man ja dann alle als Komplizinnen des Teufels zu Tode gefoltert und auf den Scheiterhaufen verbrannt…

Möglichst viel Sport und Biogemüse, um gesund zu bleiben? Alles pure Illusion…

Peter Sutter, 4. November 2024

Meistens, wenn ich älteren Menschen begegne, geht es im Gespräch früher oder später um das Thema Gesundheit, vorher kommt höchstens noch das Wetter oder die Information darüber, wo man die letzten Ferien verbrachte und wohin die nächste Ferienreise gehen soll.

Oft geht es um künstliche Knie- oder Hüftgelenke, zu hohen Blutdruck, Rückenbeschwerden, Kopfschmerzen, Übergewicht oder Schlaflosigkeit. Für viele Menschen, nicht nur für ältere, scheint die Gesundheit fast so etwas wie ihre Hauptbeschäftigung zu sein, schon fast eine Art Religion. Sie besuchen regelmässig für teures Geld ein Fitnessstudio, rackern sich dort an allen möglichen und unmöglichen Geräten fast bis zur Erschöpfung ab und schwingen sich dann, kaum zuhause, zusätzlich noch auf ihren privaten Hometrainer, stemmen Gewichte, machen Liegestütze, Kniebeugen und vieles mehr. Sie ernähren sich ausschliesslich gesund und natürlich biologisch, nehmen möglichst wenig Fett und Zucker zu sich, kontrollieren fast täglich ihr Gewicht. Sie überwachen mit einer immer grösseren Anzahl immer raffinierterer elektronischer Geräte den Zustand ihres Körpers, sind Tag und Nacht auf zwei Stellen nach dem Komma informiert über ihren Puls, ihren Blutdruck, die Zusammensetzung des Blutes und eilen voller Panik in die nächste Notfallstation, wenn irgendeiner dieser Messwerte auf einmal aussergewöhnlich nach oben oder nach unten ausschlägt. Schrittzähler klären sie jeden Abend darüber auf, ob sie an diesem Tag genug Bewegung gehabt und eine genug grosse Anzahl von Schritten zurückgelegt haben. In speziell hierfür eingerichteten Kliniken lernen sie schlafen oder ihr Übergewicht abbauen, in anderen Kliniken werden ihnen Süchte aller Art, Depressionen und Burnouts ausgetrieben. Hotels werben mit Wellnessoasen, Massagen, Yoga und sündhaft teuren Wohlfühlpaketen rund um die Uhr. Falten und andere störende Alterserscheinungen werden wegoperiert, Brillen durch Kontaktlinsen ersetzt, für jede Art von Bewegung ein hierauf spezialisierter Schuh und ein passender Dress gekauft. Und vor allem: Sie treiben Sport, auf Teufel komm raus, fast in jeder Sekunde ihrer Freizeit, legen täglich zwanzig oder fünfzig Längen im Schwimmbecken zurück, klettern möglichst schnell auf möglichst viele hohe Berge, joggen, bis ihnen der Schnauf ausgeht, rasen mit ihren Rennvelos in einem so horrenden Tempo durch die Landschaft, dass man meinen könnte, es ginge ums nackte Überleben. Und doch, seltsamerweise, sind sie nicht wirklich gesund und werden es auch nicht, wie man ja erwarten müsste, immer öfters. Wären sie wirklich gesund, dann würde die Anzahl von Menschen, die regelmässig Medikamente schlucken, nicht in einem so erschreckenden Ausmass laufend zunehmen.

Denn es ist eben alles pure Illusion. Man kann nicht körperlich gesund sein, wenn man nicht gleichzeitig auch geistig-seelisch-sozial gesund ist. Selbst wenn sich alle noch so akribisch gesammelten Messwerte vom Blutdruck über das Körpergewicht bis zum Zustand der Darmflora innerhalb der definierten Normen bewegen, heisst das noch lange nicht, dass man wirklich gesund ist. «Mens sana in corpore sano», sagten schon die alten Römer: Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Das bedeutet nicht nur, dass ein gesunder Geist einen gesunden Körper braucht, sondern eben auch umgekehrt, dass der Körper nicht gesund sein kann, wenn nicht auch der Geist gesund ist.

Und zu diesem Geist gehören eben nicht nur der Intellekt und die Gefühle, sondern auch das Soziale, das sich von der Ganzheitlichkeit des Lebens nicht abtrennen, abspalten oder verdrängen lässt, wie es uns im Zeitalter permanenter «Selbstoptimierung» stets vorgegaukelt wird und letztlich einzig und allein der «Gesundheit» all jener dient, die auf die eine oder andere Weise aus dem Gesundheitsmarkt und der Gesundheitsindustrie einen materiellen Nutzen ziehen und deshalb alle diese Verrücktheiten angeblicher «Gesundheitsförderung» immer noch weiter und weiter auf die Spitze treiben.

Reich sein und keine Gefühle und kein Mitleid haben mit Armen. Üppige Mahlzeiten einzunehmen in einer Welt, wo jeden Tag eine Milliarde Menschen hungrig zu Bett gehen. Fleisch essen, Auto fahren und fliegen, wo man doch weiss, dass dadurch sämtliche Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen zerstört werden. Reich werden durch Anteilscheine an Rüstungskonzernen, dank dem Tod Abertausender unschuldiger Kinder, Frauen und Männer. In schamloser Höhe auf Kosten anderer Dividenden und Kapitalgewinne einstreichen, ohne selber dafür arbeiten zu müssen. Lebensgeschichten von Flüchtlingen zu kennen mit all den viel zu vielen Narben auf ihren Körpern und in ihren Seelen, ohne alles in Bewegung zu setzen, um solchen aus Not, Verfolgung und Kriegen entflohenen Menschen eine neue Heimat zu bieten oder aber, alles zu tun im Kampf für eine gerechtere Welt, in der alle Menschen so gut leben können, dass niemand mehr gezwungen sein wird, seine Heimat zu verlassen und an einem ihm gänzlich fremdem Land eine neue Existenz aufzubauen. All das, alles blinde Leben auf der Sonnenseite ohne Mitgefühl für die Menschen auf der Schattenseite, kann nicht wirklich gesund machen, auch wenn man noch so viele Joggingrunden dreht, noch so viele Schlaftherapien absolviert und noch so ausgeklügelte und «gesunde» Nahrung zu sich nimmt.

Wirklich gesund werden können wir nur, wenn wir uns in Erinnerung rufen, dass der Mensch eben nicht ein pures Einzelwesen ist, sondern immer auch Teil eines grossen Ganzen, in dem wir alle gegenseitig füreinander verantwortlich sind, sich alle, denen es besser geht, um jene kümmern müssen, denen es schlechter geht, und wir nur dann wirklich gesund sein können, wenn alle anderen – inklusive Erde, Pflanzen und Tiere – ebenfalls gesund sind, und dies nicht nur innerhalb eines einzelnen Dorfes, einer einzelnen Stadt oder eines einzelnen Landes, sondern weltweit. Solange Milliarden von Menschen, die unter Armut, Hunger, Verfolgung, wirtschaftlicher Ausbeutung, Erniedrigung und Kriegen leiden, nicht gesund sein können, können auch wir, die Reichen und Privilegierten, nicht wirklich gesund sein. Und jegliches Verdrängen, jede Selbstverleugnung, jeder Versuch, die Augen davor zu verschliessen, würde uns nur noch kränker machen.

13. Montagsgespräch vom 14. Oktober 2024: KI – Chancen, Grenzen und Gefahren

KI könne, so wurde mehrfach gesagt, in einzelnen Lebensbereichen wie auch in der Arbeitswelt wichtige Fortschritte beflügeln, so etwa bei der Entwicklung von Hörgeräten, in der Unterstützung von komplizierten chirurgischen Eingriffen, bei der Betreuung oder bei therapeutischen Massnahmen im Alters-, Pflege- oder Behindertenbereich, in der Verwaltung durch Verschlankung von Abläufen sowie in der Landwirtschaft.

Wo es um Informationsbeschaffung geht, sei der Faktencheck wichtig. Nicht alles, was KI liefere, sei vertrauenswürdig. Vor allem seien die Quellen nicht transparent, sodass auch extreme und einseitige Inhalte einfliessen könnten. Den Schreibprogrammen standen mehrere Diskussionsteilnehmende skeptisch gegenüber. Wer Texte von KI schreiben lasse und nicht mehr selber formuliere, könne unter Umständen wichtige Grundfertigkeiten wie etwa die Kreativität mit der Zeit einbüssen. Auch würden von KI zusammengestellte Briefe die Authentizität der Schreibenden verwässern. Hätte man früher aufgrund eines besonders freundlich formulierten Briefs auf den Charakter der betreffenden Person schliessen können, so handle es sich heute meistens um vorgegebene Textbausteine, hinter denen sich die Schreibenden verstecken könnten. Zu befürchten sei auch der Verlust zahlloser Arbeitsplätze durch KI.

KI berge, so mehrere Voten, Gefahren im Bereich von Betrügereien, indem man zum Beispiel bereits Stimmen täuschend echt nachahmen könne. Auch die Machtkonzentration bei ein paar wenigen Grosskonzernen, die weitgehend über Inhalt und Verwendung von KI entscheiden, sei problematisch, weil nicht transparent sei, wer dahinter stecke und welche Interessen dabei verfolgt würden, insbesondere dann, wenn es darum ginge, Kontrolle über andere Menschen auszuüben und diese zu manipulieren. Besonders gefährlich könnte KI im Bereich von Kriegsführung sein, wenn Entscheide so schnell gefasst würden, dass der Mensch gar keine Chance mehr hätte, rechtzeitig einzugreifen und Schlimmes zu verhindern. Aus ökologischer Sicht zu denken geben müsste auch der massive Energie- und Wasserverbrauch, der für die Entwicklung von KI erforderlich sei. Fazit: KI könne in einzelnen konkreten Anwendungen durchaus wertvolle Dienste leisten. Wer aber, wie etwa KI-Forscher Demis Hassbis von der EPF Lausanne, davon träume, dass erst KI die Menschheit zur „vollen Entfaltung“ bringen könne, bewege sich wohl eher im Bereich von Religion als von Wissenschaft. Denn das, was den Menschen ganz wesentlich von der Maschine unterscheide, darin war sich fast die gesamte Diskussionsrunde einig, nämlich das Emotionale, die Gefühle und das Zwischenmenschliche, könnte niemals durch KI ersetzt werden. Es wäre ja auch absurd, wenn der Mensch technischen „Fortschritt“ bloss zu dem Zwecke vorantreiben würde, um sich letztlich selber überflüssig zu machen.

Eine Kellnerin und hundert Gäste: Kapitalistisch-patriarchale Klassengesellschaft pur an einem Sonntagnachmittag im Bahnhofrestaurant

Peter Sutter, 29. September 2024

Alle Tische sind besetzt und am Eingang stehen schon ungeduldig ein paar weitere, die unbedingt auch noch einen Platz wollen. Und wenn sie dann einen haben: Alles muss möglichst rasch gehen, denn der Zug wartet nicht und wird auf die Sekunde abfahren…

Die Kellnerin hetzt von Tisch zu Tisch, hier abräumen und einen Berg Teller zur Geschirrsammelstelle schleppen, dort eine Bestellung aufnehmen, hier einem älteren englischsprachigen Ehepaar die Speisekarte erklären, dort einen Tisch putzen und neues Gedeck sowie die Speisekarte auflegen, hier die bestellten Speisen und Getränke servieren, dort den Rechnungsbetrag einziehen, am einen Tisch bar, am nächsten mit der Kreditkarte und wieder an einem anderen mit Twint. Steht sie an einem der Tische und nimmt die Bestellungen auf, schnippen hinter ihr schon drei weitere Gäste mit den Fingern, rufen „Bedienung!“, wollen ebenfalls so schnell wie möglich etwas bestellen oder schon wieder bezahlen, um den Tisch freizugeben für die Nächsten. Was für eine unglaubliche Leistung. Nur mit der alleräussersten Anstrengung schafft sie es, die Gäste immer gerade so weit zufriedenzustellen, dass nicht plötzlich einer ausrastet und die Nerven verliert, weil er zu lange warten musste. Wie ein auf die maximale Höchststufe getrimmter Roboter hetzt sie mit den schnellstmöglichen Schritten von Tisch zu Tisch, die längeren Strecken zur Speiseausgabe und wieder zurück zu den Tischen oder hinüber zur Geschirrsammelstelle legt sie meistens im Laufschritt zurück. Kein Wunder, ist sie total ausser Atem, als sie an meinem Nebentisch eine Bestellung aufnimmt und zuerst einmal tief Luft holen muss, bevor sie die Frage des älteren Herrn beantworten kann, welchen Wein sie ihm zu dem von ihm ausgesuchten Menu empfehlen würde. Als der Herr zwischendurch ungeduldig auf seine Uhr schaut, sagt sie, es tue er leid, dass er so lange warten musste, aber es sei im Moment einfach unglaublich viel los. Vermutlich wären selbst drei Angestellte, wenn man die Arbeit der Kellnerin auf diese verteilen würde, immer noch mehr als ausgelastet…

Aber das Verrückteste ist, dass sie, kaum ist sie an einem Tisch angekommen, jedes Mal die Ruhe selbst ist. Als könnte sie pausenlos vom Modus höchster Geschwindigkeit ohne Übergang in einen Modus absoluter Ruhe und Gelassenheit wechseln. Mit unfassbarer Geduld wartet sie, stets freundlich lächelnd, bis sich die Gäste, oft nach langem Hin und Her, für eines der Menus sowie Getränke und mögliche Zusatzwünsche entschieden haben, während an allen Ecken und Enden viele andere ebenfalls darauf warten, bedient zu werden. Mir fällt auf, dass sie sogar manchmal dem einen oder anderen Gast die Hand auf die Schulter legt, sich auf einen kurzen Smalltalk einlässt oder laut auflacht, wenn an einem Tisch die eine oder andere witzige Bemerkung fällt. Nun ja, die Gastgeberin in Reinkultur, wie man sie sich perfekter nicht vorstellen könnte: Einerseits eine Arbeitsmaschine auf Höchsttouren, anderseits mit so viel Wärme, Fröhlichkeit und persönlicher Ausstrahlung ausgestattet, dass nicht nur den kulinarischen, sondern auch den emotionalen Bedürfnissen der Gäste nur das Allerbeste geboten wird. Und ja, was denn sonst: eine Ausländerin!

Und auf einmal frage ich mich: Wo sind denn die anderen Angestellten des Restaurants? Meine Blicke überfliegen den grossen, fast bis auf den letzten Platz gefüllten Saal. Und ja, ob man es glauben will oder nicht: In der einen Hälfte des Saales mit mindestens hundert Plätzen sehe ich nur sie an der Arbeit. In der anderen Hälfte des Saales, mit ebenfalls rund hundert Plätzen, sind es drei Männer, die ich dort arbeiten sehe und die sich um einiges langsamer und gemächlicher von Tisch zu Tisch bewegen. Ist das von den Vorgesetzten bewusst so geplant? Oder ist es etwas, was sich einfach sozusagen von selber daraus ergibt, wenn eine Frau sich bis zum Äussersten aufopfert und die Männer so die Möglichkeit bekommen, sich immer weiter nach und nach zurückzuziehen?

Aber noch viele weitere Fragen schwirren mir durch den Kopf: Um wie viel höhere Einkommen als diese Kellnerin haben wohl all jene, die auf den „höheren Ebenen“ dieses Gastrounternehmens angesiedelt sind, als Verwalter, Geschäftsführer, Buchhalter und was immer bis hinauf zum Manager und noch weiter hinauf zu den Besitzern, wahrscheinlich Aktionäre, die von jedem Franken, welche die Kellnerin bis zum Umfallen erschuftet, die Hälfte einsacken, ohne dafür auch nur einen Fuss vor den andern setzen und ohne Riesenberge von Geschirr schleppen zu müssen und ohne der permanenten Ungeduld all jener ausgesetzt zu sein, die auf keinen Fall ihren Zug verpassen dürfen? Müssten nicht eigentlich sie, die dank möglichst niedriger Lohnkosten ihren Profit aus dem Unternehmen quetschen, und nicht die Kellnerin, dafür entschuldigen, wenn ein Gast zu lange warten musste?

Kapitalistisch-patriarchale Klassengesellschaft wie seit eh und je, drastischer könnte ich sie an diesem Sonntagnachmittag in diesem Bahnhofrestaurant nicht mitbekommen haben. Und als dann, als Tüpfelchen auf dem i, nicht etwa die Kellnerin, sondern einer der Männer, den ich bis jetzt fast immer nur neben der Kasse herumstehen gesehen habe, mit der Rechnung zu mir an den Tisch kommt und dies vermutlich nicht zuletzt mit der Erwartung auf ein nettes Trinkgeld verbindet, verliere ich für einen kurzen Augenblick jeglichen Glauben daran, dass die Gleichberechtigung von Frauen in den vergangenen zehn oder zwanzig Jahren tatsächlich auf breiter Ebene Fortschritte gemacht hat. Zumindest nicht in diesem Bahnhofrestaurant an diesem Sonntagnachmittag. Und wahrscheinlich ebenso wenig an unzähligen anderen Orten der kapitalistischen Arbeitswelt. Bevor ich das Restaurant verlasse, gehe ich zur Kellnerin, danke ihr für ihre unglaubliche Arbeitsleistung und ihre unfassbare Freundlichkeit inmitten von soviel Stress und drücke ihr fünf Franken in die Hand. „Danke“, sagt sie, „ich versuche einfach, mein Bestes zu geben.“ Es sind vermutlich nicht viele, die ihr an diesem Sonntagnachmittag dafür gedankt haben, dass sie sich trotz eines so miesen Lohnes dermassen für das Wohl ihrer Gäste aufopfert und damit jene Basisarbeit leistet, ohne welche sämtliche ihrer Vorgesetzten, Chefs und Besitzer auch nicht einen einzigen Franken verdienen könnten…

Zuletzt stellt sich mir unweigerlich die Frage, wie viele der Gäste, die sich heute in diesem Restaurant von Ausländerinnen und Ausländerinnen bedienen lassen, möglicherweise die Gleichen sind, die bei jeder anderen Gelegenheit mit denen mitbrüllen, die sich die „Ausländer-raus-Parolen“ auf die Fahnen geschrieben haben. Würden sie dann, wenn alle Ausländerinnen und Ausländer endlich „raus“ wären, wohl das Essen im Restaurant selber kochen und sich selber bedienen? Würden sie, wenn alle Ausländerinnen und Ausländer „raus“ wären, ihre Strassen und Häuser wieder selber bauen, und würden sie, wenn sie einmal alt geworden wären und im Alters- oder Pflegeheim leben würden, ihre Windeln selber wechseln? Wohl kaum. Wächst doch die Zahl jener, die genug Geld haben, um sich an allen Ecken und Enden von anderen bedienen zu lassen, in gleichem Masse, wie die Zahl jener abnimmt, die überhaupt noch bereit sind – und wenn, dann nur, weil sie keine andere Wahl haben -, zu miesen Bedingungen andere rund um die Uhr bedienen zu müssen und sich dabei erst noch alle möglichen Schikanen gefallen zu lassen. Bis dann vielleicht eines Tages diese Kellnerin noch die Einzige sein wird und ganz alleine über zweihundert Gäste bedienen wird, während draussen beim Eingang weitere zweihundert ungeduldig warten, damit sie ihren Zug auf keinen Fall verpassen werden…

Bahira und Ahmad aus Syrien, seit zehn Jahren in der Schweiz: Integration gegen so viele Hindernisse…

Peter Sutter, 28. September 2024

Heute habe ich Bahira und Ahmad besucht. Sie mussten 2014 aus Syrien fliehen, als der Krieg zwischen Regierungstruppen und Aufständischen fast über Nacht wie ein gewaltiger Tsunami über sie hereingebrochen war. Ein halbes Jahr lang lebten sie im Libanon, dann erhielten sie im Rahmen eines UNO-Programms für Kriegsflüchtlinge eine Aufenthaltsbewilligung für die Schweiz, mussten aber ein weiteres Jahr warten, bis die notwendigen Formalitäten erledigt waren und sie tatsächlich in die Schweiz einreisen konnten. Ihre Kinder sind heute 16 und 14 Jahre alt. Ahmad, der vor seiner Flucht aus Syrien als Koch in einem guten Restaurant gearbeitet hatte,  hat eine Stelle als Bäcker, verdient aber, weil er keine Lehre absolviert hat, pro Monat tausend Franken weniger als sein Schweizer Arbeitskollege, der genau die gleiche Arbeit leistet. Bahira, die vor der Flucht als Lehrerin gearbeitet hatte, konnte in der Schweiz nur unter Schwierigkeiten gelegentlich einen kleinen, befristeten Job finden. Zurzeit betreut sie stundenweise eine ältere, pflegebedürftige Frau. Fast alle Bewerbungen für eine grössere und dauerhafte Anstellung blieben unbeantwortet, auf einige erhielt sie eine Absage, meistens mit dem Hinweis auf ihr Kopftuch, das in dem betreffenden Job nicht toleriert würde. Bahira ist gebürtige Syrerin, Ahmad ist Palästinenser, seine Grosseltern mussten 1948 aus ihrer Heimat fliehen, und in seinem Pass stehen unter der Bezeichnung «Nationalität» drei X, was so viel bedeutet wie «staatenlos», etwas, was ihn bis heute zutiefst schmerzt, weil es ihm das Gefühl vermittelt, weniger wert zu sein als andere Menschen. Die Familie leidet unter grossem finanziellen Druck, kann sich nur das Allernötigste leisten, Bahira und Ahmad haben es aber geschafft, sich bis heute nicht zu verschulden, nicht zuletzt auch dank der Übernahme einiger Kosten durch die Caritas, ohne die es zeitweise gar nicht gut ausgesehen hätte.

Voller Stolz zeigt mir Bahira ein Buch, das sie im Verlaufe der vergangenen Jahre geschrieben hat und das kürzlich in arabischer Sprache veröffentlicht wurde. Sie beschreibt darin ihre Geschichte als Flüchtlingsfrau in Form eines Romans. Leider hat sie erst zehn Exemplare verkaufen können. Ihr grösster Traum wäre es, dieses Buch auch in einer deutschen Übersetzung erscheinen zu lassen. Eine Bekannte von ihr hat bereits damit angefangen, den Text zu übersetzen, Bahira sucht nun aber jemanden mit Deutsch als Muttersprache für eine abschliessende Gesamtüberarbeitung des Texts. Was für ein Strahlen in ihren Augen, als ich ihr anbiete, diese Aufgabe zu übernehmen.

Bahira erzählt: «Das Leben in Syrien war vor dem Beginn des Kriegs wunderbar. Wir waren nicht reich, aber wir hatten alle genug für ein gutes Leben. Der Krieg kam sozusagen über Nacht und zerstörte unser ganzes früheres Leben… An die Zeit im Libanon haben wir nur schlechte Erinnerungen. Ohne Aufenthaltsbewilligung hielten wir uns ganz knapp über Wasser, ich als schwarz angestellte Hilfslehrerin und Ahmad als Hilfskoch, für den er keinen Lohn, sondern nur ein gelegentliches Trinkgeld erhielt… Die Aussicht, in der Schweiz ein neues Leben aufbauen zu können, erfüllte uns mit grosser Hoffnung, doch kaum waren wir in der Schweiz, holte uns auch schon die bittere Realität wieder ein. Im Aufnahmezentrum für Asylsuchende kam ich mir vor wie in einem Gefängnis. Ich verstand auch nicht, weshalb man uns die Handys wegnahm. Eines Tages hatte ich das dringende Bedürfnis, meine Mutter anzurufen, irgendwie spürte ich, dass es ihr nicht gut ging, ich schrie und weinte, doch man weigerte sich, mir das Handy zu geben. Eine Woche später erfuhr ich, dass meine Mutter genau an diesem Tag infolge eines Verkehrsunfalls gestorben war… Ein halbes Jahr verbrachten wir dann in einem Flüchtlingsheim, in dieser Zeit verfiel ich in eine tiefe Depression, unter der ich etwa drei Jahre lang litt, bevor ich mich davon einigermassen wieder erholen konnte… Oft wurde mir gesagt, ich müsste doch froh sein, in der Schweiz leben zu können, das müsste doch für jemanden wie uns das Paradies sein. Aber leider muss ich, wenn ich an mein Leben in Syrien vor dem Ausbruch des Kriegs zurückdenke, sagen: Damals lebte ich tatsächlich im Paradies, in der Schweiz aber fühlte ich mich anfänglich wie in der Hölle… Wir fühlten uns sehr alleine, niemand half uns, von allen Seiten spürten wir Ablehnung, auch als wir dann nach dem Aufenthalt im Heim in eine kleine Wohnung umziehen konnten. Alles war schwierig, für alles mussten wir kämpfen, und immer standen uns die noch fehlenden Deutschkenntnisse im Weg… Wir nahmen viel Feindseligkeit war, mehrere Male riefen Nachbarn sogar die Polizei, nur weil unsere Kinder beim Spielen ein bisschen laut gewesen waren… Wir kannten die Gepflogenheiten ganz und gar nicht, wir wussten nicht, wie man eine Frage formuliert oder wie man die Menschen ansprechen muss, damit sie sich nicht angegriffen oder verletzt fühlen. Die Blicke, die wir, wenn wir im Dorf einkaufen oder spazieren gingen, wahrnahmen, vermittelten uns stets das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, doch niemand sagte uns, was dieses Falsche gewesen sein könnte… Unsere Versuche, mit Schweizer Familien Kontakt aufzunehmen, scheiterten allesamt, auch für die Kinder war es schwer, mit anderen Kindern Freundschaften zu knüpfen… Schlimm war es jeweils, wenn die Angestellten des Sozialamts zu uns nach Hause kamen und wir alles zeigen mussten und dann manchmal zum Beispiel beanstandet wurde, wenn wir einen Markenartikel gekauft hatten, obwohl wir diesen zu einem sehr günstigen Preis bekommen hatten. Diese Feindseligkeit und das Misstrauen, das wir auf Schritt und Tritt verspürten, war für uns ganz neu, von unserem früheren Leben in Syrien kannten wir es ganz und gar nicht, dort lebten die Menschen friedlich und mit grosser gegenseitiger Offenheit. Egal, zu welchem Volk oder zu welcher Religion man gehörte, alle akzeptierten alle…»

Ahmad erzählt: «In Syrien lebten wir an einer Strasse, da kannten sich alle. Gingst du am Morgen durch die Strasse, wurdest du von allen Menschen freundlich begrüsst, alle lachten, scherzten und diskutierten miteinander. Hier in der Schweiz redet nicht einmal der Nachbar, der neben uns wohnt, mit uns. Und wenn wir am Morgen das Haus veranlassen, sagt uns niemand guten Tag… Das Schlimmste war, als unser Bub noch klein war und auf dem Pausenplatz einen Streit mit einem einheimischen Buben hatte. Am nächsten Tag kam der ältere Bruder des Schweizer Kindes auf den Pausenplatz und verprügelte meinen Sohn. Um diesen Konflikt nicht eskalieren zu lassen und ein friedliches Miteinander möglich zu machen, suchte ich am nächsten Tag die Eltern dieses Buben auf, um alles in Ruhe zu besprechen. Kaum stand ich am Gartentor, kam der Vater schon drohend auf mich zu und warnte mich: Das sei sein Grundstück und wenn ich es zu betreten wage, werde er die Polizei rufen. Ich ging nachhause und dieser Mann hat nie mehr mit mir gesprochen. Und auch ich habe weiter nichts unternommen, denn wir haben alle grosse Angst vor der Polizei.»

Ob dieser Mann, wenn er am nächsten Tag zur Bäckerei gehen wird, sich wohl auch weigern wird, ein Brot zu kaufen und zu essen, das von Ahmad gebacken wurde?

Nach zehn Jahren wollen sich Mariam und Ahmad einbürgern lassen, sie zeigen mir einen Stapel an Formularen, die sie nun ausfüllen müssen. Jetzt schon haben sie Angst vor einem negativen Entscheid. Sie brauchen drei Referenzpersonen, aber wie sollen sie diese finden, wenn sie niemanden kennen? Und wie sollen sie beweisen, dass sie schon gut integriert sind, wenn man ihnen genau das so schwer macht, ihnen so viele Hindernisse in den Weg stellt und ihnen so deutlich zu verstehen gibt, dass die meisten Menschen offensichtlich ja gar nicht wollen, dass sie sich in die hiesige Gesellschaft integrieren?

Es ist nun im Verlaufe der letzten vier Wochen dies das zweite Mal, dass ich Bahira und Ahmad besucht habe. Ich habe zwei wundervolle Menschen kennengelernt. Geradezu verblüfft war ich, als Bahira beim zweiten Besuch gesagt hat, dass sie gar nicht so perfekt sein könne und es auch gar nicht wolle, wie man das offensichtlich von ihnen erwarte. 80 Prozent Perfektion sei genug, sagte sie, den Rest an Unzulänglichkeiten müsse man halt akzeptieren, egal, ob man ein «Schweizer» oder eine «Ausländerin» sei, so viel Toleranz müsse sein, und kein Volk sei besser oder schlechter als ein anderes. So viel Selbstbewusstsein hätte sie mittelweile wieder erlangt, nachdem sie dieses während so langer Zeit beinahe verloren hätte. Verblüfft war ich über ihre «80-Prozent-Regel» vor allem auch deshalb, weil ich selber schon vor vielen Jahren genau auf die gleiche Regel gekommen war und das für mich, der ich zuvor immer übertrieben perfekt sein sollte, so etwas wie eine wunderbare Befreiung war und man dann alles viel gelassener und toleranter sehen kann.

Und noch etwas hat mich verblüfft. Bei meinem ersten Besuch sprachen nur Bahira und ich miteinander, Ahmad sass auf einem Sofa, las in einem Buch und beteiligte sich mit keinem Wort an unserem Gespräch. Beim zweiten Besuch sass er schon von Anfang an mit uns zusammen am Tisch und hätte am liebsten gar nicht mehr aufgehört, von all dem zu erzählen, was er in der Schweiz bisher alles erlebt hat. Wahrscheinlich war es das allererste Mal in diesen zehn Jahren, dass ihm ein Schweizer zwei Stunden lang aufmerksam zugehört hat. Nächstes Mal wollen sie mich zum Essen einladen und nächstens möchten sie mich auch einmal bei mir zu Hause besuchen. So schnell und leicht kann das Eis schmelzen, auch wenn es zehn Jahre lang immer dicker geworden ist…

Während dieser beiden Gespräche mit Bahira und Ahmad musste ich ein paar Mal weinen. Und ein paar Mal war ich richtig wütend. Und ein paar Mal schämte ich mich richtiggehend, ein Schweizer zu sein, nicht zuletzt deshalb, weil doch immer alle Schweizerinnen und Schweizer, welche südliche Länder bereisen, so begeistert von der Gastfreundschaft der dortigen Menschen schwärmen, während sie umgekehrt in ihrem eigenen Land Menschen aus fernen Ländern so unglaublich viel Kälte entgegenbringen…

Am späteren Abend schickt mir Bahira noch ein Video. Es zeigt, wie engagiert sich freiwillige Helferinnen und Helfer der syrischen Community Wiens bei den Aufräumarbeiten nach den jüngsten Überschwemmungen beteiligt haben. Doch im Gegensatz zu dem 26jährigen syrischen Asylbewerber, der vor drei Tagen im deutschen Solingen drei Menschen umgebracht und damit eine gesamteuropäische Diskussion zwecks dramatischer Verschärfungen in der Asylpolitik ausgelöst hat, werden solche Nachrichten keine ebenso weit verbreiteten Diskussionen in die entgegengesetzte Richtung auslösen. Und erst recht nicht werden auch die Geschichten von Bahira und Ahmad auch nur annähernd so hohe Wellen werfen. Selbst wenn gerade dadurch, nämlich durch das Öffnen der Türen, durch gegenseitige Wertschätzung, durch das einander Zuhören und Ernstnehmen Vorfälle wie jener in Solingen höchstwahrscheinlich am wirkungsvollsten verhindert werden könnten…