Fragen, fragen und allem auf den Grund gehen wie die Kinder: Ohne das bleibt gesellschaftlicher Fortschritt eine Illusion…

Peter Sutter, 29. April 2026

Wochenlang gab es in den Schweizer Medien kaum mehr ein anderes Thema, nachdem in der Nacht vom 31. Dezember 2025 auf den 1. Januar 2026 bei einem Brand in der Bar „Le Constellation“ in Crans-Montana, Kanton Wallis, 41 Menschen, darunter 20 Minderjährige, ums Leben gekommen und weitere 115 Personen verletzt worden waren, viele von ihnen so schwer, dass sie nur knapp vor dem Tod gerettet werden konnten.

Als hätte es nicht nur in Crans-Montana gebrannt, breitete sich die Berichterstattung über dieses Ereignis in Kürze wie ein Lauffeuer in sämtlichen Richtungen aus, fast alle europäischen Medien griffen das Thema ebenfalls auf und berichteten darüber in aller Ausführlichkeit.

Bei alledem stand durchwegs immer wieder die gleiche Frage im Mittelpunkt: Wer trug die Schuld an dieser Katastrophe, die so viele junge Menschen unversehens mitten aus dem Leben gerissen hatte zu einem Zeitpunkt, da sie überschwänglich und nichtsahnend den Beginn eines neuen Jahres feierten, die meisten von ihnen wohl voller Träume, Sehnsüchte und Hoffnungen, was ihnen dieses neue Jahr alles bringen würde.

Ja, die Schuldfrage. Wochenlang wurde sie hin- und hergewälzt, von den Eltern der betroffenen Jugendlichen zu den Betreibern der Bar, von den Politikern zu den Medien, von den Anwälten zu den Beamten der Sicherheitsbehörden, von den Gesetzgebern zu den Gemeinde- und Baubehörden und wieder zurück zu den Barbetreibern, alle von ihnen abwechslungsweise an den Pranger gestellt und dann jeweils umso heftiger von allen Seiten mit Vorwürfen, Beschuldigungen und Hass überhäuft. Bis es sogar fast zu einer zwischenstaatlichen Krise gekommen wäre, als Anwälte aus Italien die Schweiz mit Millionenklagen einzudeckeln versuchten und sich plötzlich nicht nur die vor Ort Betroffenen, sondern gar die Schweiz als Ganzes an den Pranger gestellt sah. Um dann zuletzt, oh Wunder, die ganze Wut wiederum auf eine einzige Angestellte der Bar zu lenken, die anscheinend jene Champagnerflasche geöffnet hatte, welche, viel zu nahe an den entflammbaren Deckenelementen, mit ihrem Feuerwerkskörper den Brand ausgelöst hatte, diese Angestellte, die sodann selber in den Flammen ums Leben gekommen war und zuletzt von allen anderen als die eigentliche Hauptschuldige angesehen wurde, ohne die es niemals zu dieser Katastrophe gekommen wäre.

Diese Debatte, fast ausschliesslich geprägt von der Schuldfrage, hätte aber von Anfang an auch ganz anders geführt werden können. Man hätte sich, statt „Schuldige“ ausfindig zu machen, zum Beispiel fragen können, unter welchem wirtschaftlichen Druck Gastronomiebetriebe wie die Bar „Le Constellation“ stehen. Um im gegenseitigen Konkurrenzkampf gegenüber anderen Betrieben mit ähnlichem Zielpublikum bestehen zu können, ist nämlich jeder Anbieter gezwungen, die Kosten möglichst tief zu halten und die Eintritts- und Konsumationspreise möglichst weit anzuheben, aber doch nicht so weit, dass sie niemand mehr bezahlen kann – ein beständiges Zittern ums Überleben, weil ja alle anderen Betriebe nach dem gleichen Prinzip handeln und im immer rasanteren Tempo des gegenseitigen Wettrennens am Ende nur diejenigen überleben können, welche sich am dichtesten an die gerade noch erträgliche Schmerzgrenze herantasten oder diese sogar überschreiten. Und dann wird eben gezwungenermassen gespart, wo immer es möglich ist: Bei den Baustoffen und den Materialien der Innenausstattung, bei der Elektroinstallation, bei den Kochgeräten, beim Einkauf der Lebensmittel und der Getränke oder bei den Sicherheitsmassnahmen – vor allem wenn diese durch zu rigorose Vorschriften wie die Mindestzahl von Notausgängen bzw. Grösse der Fluchtwege die Limite der zugelassenen Personenzahl zu sehr beschränken und damit die wichtigste Einnahmequelle gefährden. Zudem muss ohne Unterlass alles getan werden, um die Attraktivität des eigenen Betriebs gegenüber den Konkurrenzbetrieben laufend zu erhöhen, denn das Publikum ist wählerisch und kein Betrieb kann es sich leisten, auf so gefährliche Dinge wie Feuerwerk auf Champagnerflaschen zu verzichten, solange nicht alle anderen Betriebe dies ebenfalls tun. Den weitaus grössten Posten im Kosten-Nutzen-Kalkül, an dem so weit als möglich geschraubt werden kann, bilden indessen die Lohnkosten, sprich: das Personal so lange wie möglich und zu so tiefen Löhnen arbeiten zu lassen, wie es das Gesetz gerade noch zulässt, oder, wenn es sein muss, auch weit darüber hinaus. So wie es der besagten Kellnerin ergangen war, die am Ende an der ganzen Katastrophe die Hauptschuld getragen haben soll: Nach 20-Stunden-Arbeitstagen über Wochen hinweg war sie in jener Nacht so erschöpft und befand sich mutmasslich geradezu in einer Art von Delirium, als sie, auf die Schultern eines Barbesuchers gehievt, jene ominöse Champagnerflasche mit dem Feuerwerkskörper viel zu nahe an der mit billigen, entflammbaren Elementen bestückten Decke zur Explosion brachte, welche schliesslich das ganze Unheil zur Folge hatte.

Die Brandkatastrophe von Crans-Montana ist ein Paradebeispiel dafür, wie mit solchen besonderen Ereignissen, Katastrophen, Unfällen, Verbrechen aller Art bis hin zum Krieg umgegangen werden kann: Entweder versucht man so schnell wie möglich Schuldige – bzw. einen einzelnen Hauptschuldigen – ausfindig zu machen, was allen anderen erlaubt, sich weitgehend unbelastet, ohne schlechtes Gewissen und ohne jegliches Zugeständnis einer Mitverantwortung aus dem Spiel zu nehmen. Oder aber man geht den Ursachen und Zusammenhängen vertieft und möglichst hartnäckig auf den Grund, um am Ende – was freilich weitaus unangenehmer und schmerzlicher sein kann – möglicherweise zu entdecken, dass es nicht einen einzigen Schuldigen gibt, sondern sich viele andere oder vielleicht sogar alle anderen auf die eine oder andere, mehr oder weniger versteckte und unsichtbare Weise, mitschuldig gemacht haben, meist sogar, ohne dass ihnen dies bewusst gewesen war.

Sehen wir uns die beiden Herangehensweisen anhand von vier weiteren, ganz unterschiedlichen Beispielen etwas genauer an: der häuslichen Gewalt von Männern gegen Frauen in Form von Femiziden, der „Ausländerkriminalität“, den Amokläufen an Schulen und dem Ukrainekonflikt.

Femizide. Alle ein bis zwei Wochen wird in der Schweiz eine Frau von ihrem Lebenspartner getötet. Seit längerer Zeit nimmt die Häufigkeit von Femiziden sogar zu. Wie im Fall der Brandkatastrophe von Crans-Montana, beschränkt sich die öffentliche Diskussion aber auch hier fast ausschliesslich auf die Suche nach den Schuldigen und bleibt meistens bei der Feststellung einer für Männer typischen, offenbar „angeborenen“ und ihrer „Natur“ entspringenden Gewaltbereitschaft stehen. Interessanterweise stellt niemand die Frage, weshalb die Häufigkeit von Femiziden laufend zunimmt. Auch wenn man ausschliesslich von einer „naturbedingten“ Gewaltbereitschaft von Männern ausgehen würde, könnte man damit ja keineswegs diese Zunahme der Häufigkeit erklären. Femizide müssen also zwingend noch andere Ursachen haben als bloss diese „natürliche“ Gewaltbereitschaft von Männern. Einen möglichen Hinweis fand ich unlängst in einem Zeitungsartikel, wo erwähnt wurde, dass auffallend viele der betreffenden Männer zum Zeitpunkt ihrer Tat arbeitslos waren. Ein möglicher Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit bzw. den äusseren Lebensumständen der Täter und der Wahrscheinlichkeit, dass diese einen Femizid begehen würden, sei aber wissenschaftlich bislang noch nicht untersucht worden. Das muss zu denken geben, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass es bereits unzählige Studien betreffend Nationalität bzw. ethnischer Herkunft der Täter gibt, die den Schluss nahelegen, Femizide würden vor allem von Angehörigen „fremder“ Herkunft begangen. Warum gibt es nicht eine einzige Studie über den Zusammenhang zwischen Femizid und dem gesellschaftlichen Umfeld, in dem diese geschehen? Könnte es sein, dass ein Mann, der den ganzen Tag beschäftigungslos zu Hause herumsitzt, während sein bester Freund gerade wieder mal eine saftige Gehaltserhöhung erhalten hat und mit seinem neuen BMW Abend für Abend in der Stadt seine Runden dreht, sich gegenüber diesem minderwertig und in seinem Selbstwertgefühl zutiefst gekränkt fühlt? Könnte es sein, dass sich solche Gefühle fehlenden Selbstwerts noch verstärken, wenn dieser Mann in sozialen Medien oder am Fernsehen pausenlos mitansehen muss, wie andere Männer Karriere machen, irgendwann vielleicht sogar Millionäre sind, sich die teuersten Luxusvillen bauen lassen mit riesigen Swimmingpools und jedes Jahr drei oder vier Mal nach fernen, paradiesischen Südseeinseln fliegen? Könnte es sein, dass sich auf diese Weise Rachegefühle gegenüber einer Gesellschaft entwickeln, in der Einkommen und Vermögen dermassen ungerecht verteilt sind? Könnte es sein, dass ein so sich bildendes extremes Ohnmachtsgefühl irgendwann in das Verlangen nach einer extremen Machtdemonstration umzukippen droht? Und ist es denkbar, dass dieses bereits bis zum Rande gefüllte Fass voller Demütigung und verlorenem Lebenssinn genau in dem Punkt überlaufen könnte, an dem dieser Mann zuletzt auch noch das Letzte, was ihn aufrecht gehalten hat, nämlich seine Frau oder Lebenspartnerin, verlieren könnte, weil sie mit einem Versager wie ihm nichts mehr zu tun haben möchte? Und wäre es dann allenfalls nachvollziehbar, dass er schliesslich allen Hass, alle aufgestauten Rachegefühle nicht etwa an denen auslässt, die das alles verursacht haben, sondern am schwächsten Glied in der Kette von oben nach unten, nämlich, tragischerweise, ausgerechnet an seiner eigenen Lebenspartnerin, an welcher er nun das Exempel eines wiedergewonnen Machtgefühls auf die denkbar brutalste Weise vollziehen kann? Solche Fragen zu stellen, heisst nicht, irgendwelche Gewalttaten verharmlosen, zu entschuldigen oder gar rechtfertigen zu wollen. Sie dienen einzig und allein dazu, möglichen tiefergehenden Ursachen und Zusammenhängen von Verbrechen oder anderen Untaten auf den Grund zu gehen und daraus im besten Falle Schlüsse zu ziehen und Lösungsansätze zu finden, die über das blosse Verurteilen der „Schuldigen“ hinausgehen und letztlich den potenziellen Opfern mehr nützen als die vorschnelle und diskussionslose Verurteilung der jeweiligen „Bösewichte“?

„Ausländerkriminalität“. Nur allzu bekannt sind die Beispiele von aus dem Maghreb stammenden Asylsuchenden, welche sich im Umfeld von Asylzentren durch Ladendiebstähle, Einbrüche in Wohnungen und Einfamilienhäuser oder das Aufknacken von Autos negativ bemerkbar machen. Sogleich ist dann die Rede von „Ausländerkriminalität“, als gäbe es einen wesensmässigen Zusammenhang zwischen Kriminalität und nationaler Herkunft. Auch hier bleibt die öffentliche Diskussion weitestgehend beim Benennen und an den Pranger stellen der „Schuldigen“ stehen. Doch auch hier könnte man das Feld öffnen für so manche weiterführende Fragen, die den Blick über die blosse Schuldfrage und Reduktion auf Einzeltäter hinaus massgeblich erweitern könnte: Ist es nicht verständlich, wenn der Mann, dem ausser einem täglichen Taschengeld von acht Franken keine weiteren finanziellen Mittel zur Verfügung stehen, gelegentlich mal der Versuchung unterliegt, sich den einen oder anderen winzigen Teil aus all dem Luxus, der ihm täglich vor die Augen geführt wird, „widerrechtlich“ anzueignen? Könnte man ihm nicht sogar das „Recht“ zugestehen, dies zu tun, in Anbetracht der Tatsache, dass der überwiegende Teil des Reichtums, über den die reichen Länder des Nordens heute verfügen, aus nichts anderem entstanden ist als aus der systematischen Ausplünderung von Bodenschätzen und natürlichen Rohstoffen des Südens, insbesondere Afrikas, über Jahrhunderte hinweg bis zum heutigen Tag? Und wüsste man denn nicht schon längst, dass Kriminalität stets in einem direkten Zusammenhang mit Armut steht und insbesondere überall dort am meisten verbreitet ist, wo die Unterschiede zwischen Arm und Reich am grössten sind? Kürzlich war in den Zeitungen zu lesen, dass in Grossbritannien die von einheimischen Rentnerinnen und Rentner begangenen Ladendiebstähle in Supermärkten innerhalb eines Jahres massiv zugenommen hätten. Vermutlich nicht, weil die Britinnen und Briten besonders bösartige Menschen sind, sondern schlicht und einfach deshalb, weil die Renten infolge staatlicher Sparmassnahmen mehr und mehr gekürzt werden.

Amokläufe an Schulen. Auch hier bleibt die Diskussion zumeist bei der Suche nach Schuldigen stehen. Das ist dann meistens ein „psychisch gestörter“ Jugendlicher, dem in der Folge, damit sich so etwas nicht wiederholt, entsprechende Straf- oder Therapiemassnahmen verordnet werden. Dabei wäre es so naheliegend, einfach und plausibel, über dieses simple Erklärungsmuster und die daraus gezogenen Schlüsse hinauszuschauen. In allen mir bekannten Fällen war der Täter ein ehemaliger Schüler jener Schule, die er früher selber besucht hatte – ausgerechnet an diesen Ort kehren diese Amokläufer zurück, um dort, meist wahllos, Jugendliche und Lehrkräfte, die sie meist selber gar nicht mehr kennen, niederzuknallen. Das kann kein Zufall sein. Und tatsächlich: Schaut man sich die Biografien dieser Täter näher an, so sind es fast immer gescheiterte Schüler. Entweder waren sie von Mitschülern oder Lehrern gemobbt worden oder sie waren wegen ungenügender Leistungen, Verstössen gegen die Disziplinarordnung oder wegen zu langer unbegründeter Absenzen von der Schule geflogen. Weiter zeigt sich, dass das Selbstwertgefühl der betroffenen Jugendlichen zu dem Zeitpunkt, als sie mit dem Rausschmiss aus der Schule und allen daraus folgenden Vorwürfen und Beschuldigungen seitens Eltern, Verwandten und Bekannten konfrontiert waren, noch sehr zerbrechlich war, sodass man durchaus von einem traumatisierenden Eingriff in ihre Persönlichkeitsentwicklung sprechen kann. Rache an dem Ort, wo dieser Eingriff geschah, ist eine Art von „Lösung“ dieses Traumas, den zum Glück nur ganz wenige Vereinzelte wählen, und dies meist, nachdem sie über viele Jahre hinweg auf andere Art und Weise versucht haben, das Trauma zu bewältigen, ohne aber, dass es ihnen gelungen wäre. Der Amoklauf an der früheren Schule, wo das Unheil begann, ist sozusagen der allerletzte verzweifelte „Lösungsversuch“, der ja selten gar mit dem eigenen Tod endet.

Der Ukrainekonflikt. Es mag auf den ersten Blick überraschen, dass ich an dieser Stelle den Ukrainekonflikt als Beispiel nenne und ihn mit dem Brand in Crans-Montana, Femiziden, „Ausländerkriminalität“ und Amokläufen an Schulen in Verbindung setze. Aber auf diese Weise lassen sich bestimmte Grundmuster, wie man mit Verbrechen, Untaten, aussergewöhnlichen Ereignissen, Konflikten, Ängsten und Bedrohungen aller Art umgeht, viel besser erkennen, als wenn wir dies nur anhand eines einzelnen Beispiels tun. Denn im Grunde ist es dasselbe: Die öffentliche Diskussion – zumindest was die grosse Mehrheit der Bevölkerung, der Medien und der Politik betrifft – erschöpft sich auch im Falle des Ukrainekonflikts weitgehend mit der Benennung eines „Schuldigen“, in diesem Falle ist es Russland bzw. der russische Präsident Wladimir Putin als Inbegriff des „Bösen“. Jüngstes Beispiel für diese Fixierung auf den alleinigen „Schuldigen“ ist der soeben herausgekommene Spielfilm „Der Magier im Kreml“, der von seinem Regisseur Olivier Assayas wie folgt kommentiert wird: „Jude Law in der Hauptrolle des Putin hat den Film bereichert, indem er nicht auf eine exakte Darstellung von Putin setzte, sondern auf das, wofür diese Figur steht: ein Modell moderner Diktatur – eine Machtfigur, die in Kauf nimmt, als Inbegriff des Bösen ihrer Zeit wahrgenommen zu werden.“ Alles, was dieses Bild relativieren könnte, wird in diesem Film ausgeblendet: Dass Putin nach seinem Amtsantritt im Jahre 2000 dem Westen eine gemeinsame europäische Sicherheitsstruktur vorschlug, was vom Westen abgelehnt wurde; dass Putin 2008 einen Beitritt Russlands zur NATO wünschte, was ebenfalls vom Westen verworfen wurde; dass Putin noch im Dezember 2021 der US-Regierung eine friedliche Lösung des Ukrainekonflikts mit Einbezug des Schutzes der russischen Bevölkerung innerhalb der Ukraine vorschlug, was ebenfalls vom Westen zurückgewiesen wurde, obwohl es die letzte Chance gewesen wäre, den drei Monate später ausgebrochenen Krieg zu verhindern.

Noch drastischer – und mit noch weit mehr tödlichen Folgen – als die zuvor erwähnten Beispiele zeigt der Ukrainekonflikt, wohin eine Strategie, die auf rein personaler Schuldzuweisung ohne jeglichen Einbezug gesellschaftlicher und historischer Zusammenhänge beruht, führen kann. Möglichst rasch einen Hauptschuldigen zu suchen – am liebsten in einer einzigen Person, an der dann alle anderen ihre Wut und ihren Hass auslassen können, von der Kellnerin in der Bar „Le Constellation“ über den kriminellen Marokkaner, der im Bahnhofshop ein Paar Turnschuhe geklaut hat, bis zu Wladimir Putin – hat offensichtlich eine viel höhere Wirksamkeit als jede noch so fundierte Analyse gesellschaftlicher und historischer Hintergründe. Das ist mir jenes Tages so richtig tief bewusst geworden, als ich mit einem Bekannten, den ich insgesamt als sehr belesen und informiert bezeichnen würde und der sogar eine akademische Ausbildung erfolgreich absolviert hat, über den Ukrainekonflikt diskutierte. Unsere Diskussion begann mit seiner Aussage: „Putin ist der Hitler des 21. Jahrhunderts“. Ich versuchte ihm dann zu erklären, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahre 1991 mit dem Verlust eines Fünftels ihres vorherigen Staatsgebiets möglicherweise nicht nur bei einem früheren KGB-Agenten, sondern wahrscheinlich sogar auch bei jedem anderen Russen ein Gefühl von Niederlage und Demütigung ausgelöst haben dürfte, das wahrscheinlich auch er als Schweizer empfinden würde, wenn wir von einem Tag auf den andern einen Fünftel unseres Staatsgebiets verlieren würden und jene, die dieses Land bekämen, aus vollem Herzen jubeln würden, sie hätten einen der grössten Siege in der Geschichte der Menschheit errungen. Weiter versuchte ich ihm nahezubringen, dass dieser Wladimir Putin trotz einer solchen Demütigung seines Landes in den ersten Amtsjahren unermüdlich um ein friedliches Miteinander mit dem Westen rang, bei dessen Staatsführern jedoch nie auch nur das geringste Gehör fand. Ich fragte ihn dann auch, ob der den US-Präsidenten George W. Bush, der aufgrund unwahrer Behauptungen im Jahre 2003 einen erwiesenermassen völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Irak vom Zaun riss, dem in der Folge eine halbe Million unschuldiger Männer, Frauen und Kinder zum Opfer fielen, ebenfalls als einen „Hitler des 21. Jahrhunderts“ bezeichnen würde. Er hörte mir geduldig zu, ich hoffte, er wäre zu einem etwas differenzierteren Weltbild gelangt, doch nein: Sein einziger und abschliessender Satz, dem ich dann nichts mehr hinzufügen mochte, bestand aus diesen Worten: „Aber dennoch ist trotz alledem Putin der Hitler des 21. Jahrhunderts.“

Seither beschäftigt mich mehr denn je die Frage, wie derart tiefsitzende, gegenüber allen noch so fundierten und sachlichen Fakten anscheinend völlig immune Denkmuster überwunden werden können. Oder ob die Reflexe von personaler Schuldzuweisung und die Fixierung auf das absolute „Böse“ so tief in den Genen oder wo immer verwurzelt sind, dass da schlicht und einfach nichts zu machen ist und jedes Bemühen, es aufzubrechen, bloss reine Zeitverschwendung wäre. Ich weiss es nicht. Ich habe bis jetzt keine Lösung gefunden. Aber ich bin überzeugt, dass es, wenn in Zukunft mehr gesellschaftlicher Fortschritt stattfinden sollte als bisher, unumgänglich ist, auf breiter Ebene die Fixierung auf einseitige Schuldzuweisungen und Feindbilder zu überwinden und einer vertieften, offenen und vor allem selbstkritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen viel, viel mehr Raum, Gewicht und Einfluss zu geben als bisher.

Denn personale Schuldzuweisungen und die Fixierung auf das vermeintlich „Böse“ zielen nicht nur an der Realität vorbei, sie verhindern – was noch viel schlimmer ist – gute, zukunftsgerichtete Lösungen. Eine sinnvolle und zukunftsgerichtete Schlussfolgerung aus der Brandkatastrophe von Crans-Montana hätte zum Beispiel darin bestehen können, neue Formen wirtschaftlicher Zusammenarbeit und gegenseitiger Unterstützung zu entwickeln, damit die einzelnen Betriebe einer Branche nicht mehr diesem tödlichen gegenseitigen Konkurrenzkampf ausgeliefert sind, der sie an allen Ecken und Enden zum Sparen auf Kosten von Gesundheit oder gar Leben zwingt. Stattdessen hat man den als „Schuldigen“ ausfindig Gemachten horrende Bussen aufgebrummt, während sich Dutzende von Anwälten eine goldene Nase verdient haben – ohne dass damit auch nur ein einziges Problem gelöst worden wäre, die Betriebe weiterhin gezwungen sind, sich mit immer sinnloseren Attraktionen gegenseitig zu überbieten und ihre Angestellten rund um die Uhr schuften zu lassen, bis wieder eines Tages etwas vielleicht noch viel Schlimmeres passieren wird.

Wenn Arbeitslosigkeit, zu niedrige Löhne, zu hoher Druck am Arbeitsplatz, zu enge Wohnverhältnisse oder zu grosse soziale Unterschiede als Faktoren erkannt werden, die eine höhere Anzahl von Femiziden zur Folge haben können, dann müssten schleunigst Massnahmen getroffen werden, um die Arbeitswelt menschlicher zu gestalten, Arbeit gerechter zu verteilen, existenzsichernde Löhne zu gewährleisten, erschwinglichen Wohnraum zu garantieren und anderes mehr. Stattdessen lanciert man Plakatkampagnen, produziert Abertausende von Flyern und schickt tendenziell „gewaltbereite“ Männer in „Präventionskurse“ – ohne damit auch nur eine einzige der tatsächlichen Ursachen anzupacken und mit alledem sogar noch das Feindbild des „bösen“, therapiebedürftigen Mannes zusätzlich zu verstärken.

Wenn Armut die Ursache von Kriminalität ist und endlich erkannt würde, wie sehr unser Reichtum eine Folge ist von Armut und Ausbeutung anderswo, dann müssten schleunigst Massnahmen ergriffen werden für eine gerechtere Wirtschaftsordnung, für soziale Umverteilung, für eine viel massivere Besteuerung der Reichen. „Kriminelle“ Asylsuchende an den Pranger zu stellen, die Asylgesetze zu verschärfen und rund um den gestohlenen Reichtum herum immer höhere Mauern aufzubauen, um den Bestohlenen den Zutritt zu der ihr entrissenen Beute zu verunmöglichen, löst keines der Probleme, sondern verstärkt alle nur umso mehr.

Wenn die Demütigung bzw. der Rausschmiss eines sich noch mitten in seiner Persönlichkeitsentwicklung Jugendlichen aus der Schule die mögliche Ursache späterer Amokläufe sein könnte, dann nützt es nichts, in den Schulen bessere Alarmsysteme zu installieren, rund um Schulhäuser Sicherheitskräfte patrouillieren zu lassen oder Lehrkräften beizubringen, wie sie sich im Falle anonymer Drohungen zu verhalten haben, solange nicht die Schule ein Ort ist, wo sich alle Jugendlichen, unabhängig davon, wie „schwierig“ sie sind, verstanden, aufgehoben und respektiert fühlen und das höchste Prinzip darin besteht, nie einen Menschen aufzugeben.

Und wenn sich auf breiter Basis die Erkenntnis durchsetzt, dass die „Schuld“ am Ukrainekrieg nicht bei einem einzelnen „Hitler des 21. Jahrhunderts“ liegt und schon gar nicht bei jenem Land, das er regiert, sondern dahinter eine lange Vorgeschichte liegt, dann werden auch Lösungen möglich, die durch gegenseitige Kompromisse den Weg in eine gemeinsame friedliche Zukunft öffnen können, statt sich darauf zu versteifen, mit einem immer grösseren technischen und finanziellen Aufwand und der Opferung einer immer grösseren Zahl von Menschen das vermeintlich „Böse“ zu bekämpfen, führt doch jede Form von Gewalt auf der einen Seite – und auch das weiss man eigentlich schon seit Jahrtausenden – zu immer mehr Gewalt auf der anderen.

Ohne unermüdliche Analysen gesellschaftlicher und historischer Zusammenhänge anstelle von vorschnellen Schuldzuweisungen bleibt gesellschaftlicher Fortschritt eine Illusion. Es ist eine tragische Erkenntnis, dass die Menschheit zwar in Bezug auf technologische Entwicklungen innerhalb weniger Jahrzehnte Fortschritte erzielt hat, die man sich vor Kurzem nicht einmal mit der grössten Phantasie vorzustellen wagte, dass aber gleichzeitig auf dem Gebiet des menschlichen Zusammenlebens und der friedlichen Konfliktlösungen nach wie vor Denkmuster vorherrschen, die aus weit zurückliegenden Epochen stammen.

Der gesellschaftlich unerlässliche Schritt von der Schuldebene zur Verstehensebene, vom Einzeldenken zum Gemeinschaftsdenken, von den Feindbildern zu den Freundesbildern und letztlich vom Krieg zum Frieden kann freilich nicht von selber und nicht von heute auf morgen geschehen. Er braucht eine grosse gemeinsame Anstrengung, ein systematisches Überwinden von Denkstrukturen, die sich über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende verfestigt haben, tiefe Lern- und Erfahrungsprozesse gegenseitigen Zuhörens, die Bereitschaft, die Ursache von „Fehlern“ oder „Unzulänglichkeiten“ zuallererst bei sich selber zu suchen, die Erkenntnis, dass man seine Mitwelt nur verändern kann, wenn man auch sich selber verändert.

Für all dies braucht es die nötigen Zeiten und Räume, Stunden und Tage, denn es geht letztlich um nichts weniger als das gemeinsame Überleben. Wie wäre es, den Freitag zu einem „Zukunftstag“ zu erklären? Montag bis Donnerstag die Arbeitszeit, das Wochenende zur individuellen Freizeitgestaltung. Der Freitag als Tag des Nachdenkens, der Begegnung und des Gesprächs mit Andersdenkenden, des Erfahrungsaustausch zwischen den Generationen, zwischen unterschiedlicher beruflicher Tätigkeit, zwischen all den Kulturen, Sprachen und Lebensweisen, die in jeder Stadt und jeder Gemeinde zusammentreffen und so wunderbare Quellen für gemeinsames und gegenseitiges Lernen sein könnten. Dieser Weg zunehmender Erkenntnis ist ohne Zweifel der vielfach längere als jener der reflexartigen Schuldzuweisungen, der jegliches Weiterdenken zwangsläufig zum Erliegen bringt. Es ist ein vielfach längerer Weg, ein „Umweg“, könnte man sagen, über spitze Steine, an Abgründen vorbei, durch knietiefen Schlamm und durch die kältesten Nächte. Aber er lohnt sich tausendfach.

Der wohl schönste Nebeneffekt einer solchen Bewusstseinsveränderung liegt darin, dass auf diesem Weg alles, was mit Hass zu tun hat, immer schwächer wird, und alles, was mit Liebe zu tun hat, immer stärker. Richtet man den Fokus nicht auf den einzelnen „Missetäter“, sondern auf das gesellschaftliche Umfeld und die äusseren Einflüsse, die ihn zu diesem Missetäter gemacht haben, verlagern sich die Grenzen zwischen dem „Guten“ und dem „Bösen“ immer mehr. Und die Erkenntnis, dass der Mensch im Grunde gut ist, wird immer stärker. Denn kein einziger Mensch wird als Mörder oder als Tyrann oder als unverbesserlicher Rechthaber oder als Wesen ohne jegliches Mitgefühl geboren, erst die Lebensumstände machen ihn dazu. Selbst wenn wir den Geschichten der „bösesten“ und „grausamsten“ Menschen auf den Grund gehen, werden wir früher oder später herausfinden, dass ganz am Anfang die Liebe war, so wie bei jenem berüchtigten Hamasführer, von dem alle sagten, er sei der Teufel in Person. Wenn man weiss, dass sowohl seine Eltern, wie auch seine Frau und alle seine Kinder von israelischen Armeeangehörigen getötet wurden, braucht es nicht viel Phantasie, um seinen Hass gegen alles, was mit Israel zu tun hat, nachzufühlen. Letztlich ist sein Hass nichts anderes als der Ersatz für die verlorene Liebe. Und so ist es mit allem. Haben wir den Schutt an Gewalt, Hass und Zerstörung beiseite geräumt, so finden wir darunter, früher oder später, immer und immer wieder die Liebe. Und das ist dann die Aufgabe, die uns weiterbringt: unter dem Hass die Liebe zu entdecken. Das, was uns alle miteinander verbindet, trotz aller oberflächlicher Gegensätzlichkeiten. Bis wir am Ende bei der Erkenntnis angelangt sind: Dieser Mörder, dieser Tyrann, dieser Menschenfeind könnte auch ich sein, wenn ich zu einem anderen Zeit an einem anderen Ort geboren worden wäre. Nur wenn wir das, was durch die unterschiedlichsten Lebensumstände auseinandergesplittert und uns zu gegenseitigen Feinden gemacht hat, wieder zusammenfügen zu einem Ganzen, kann etwas zutiefst Neues entstehen und die Hoffnung auf eine schönere und friedlichere Zukunft. Oder, wie es der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt einmal sagte: „Was alle angeht, können nur alle lösen.“ Nicht gegeneinander, nur miteinander.

Um diesen Weg zu gehen, müssen wir nicht etwas anderes sein oder werden, als wir sind. Wir müssen nur so bleiben, wie wir einmal gedacht waren. So, wie es der italienische Dichter Dante Alighieri einmal so wunderschön zum Ausdruck brachte: „Dreierlei ist uns aus dem Paradies geblieben: Kinder, Blumen und Sterne.“ Wenn wir uns das Paradies nicht nur als schöne Erinnerung an eine verlorene Vergangenheit bewahren wollen, sondern zugleich als Hoffnung auf eine schönere und friedlichere Zukunft neu erdenken möchten, dann müssen wir als Erwachsene nur die Kinder bleiben, die wir einmal waren. Fragen, fragen und alles wissen wollen, allem auf den Grund gehen, ohne zu verurteilen, ohne einzuordnen, ohne zu schubladisieren, ohne in Gut und Böse aufzuspalten.