„Ausser sie haben das Glück, jemanden zu finden, der ihnen hilft, eine Wohnung zu finden.“

Peter Sutter, 23. April 2026

Folgender Text beruht auf einer wahren Begebenheit zwischen November 2025 und April 2026. Nur die Namen und Ortsbezeichnungen wurden geändert.

Medya ist Kurdin, geboren und aufgewachsen in der Osttürkei. Baris ist Türke und stammt aus der Küstenstadt Antalya. Die Liebe hat sie zusammengeführt, am 23. November 2025 war die Heirat. Seither ist für Medya die Hölle los. Ihre Eltern und ihre Geschwister wollen nichts mehr mit ihr zu tun haben, schlimmer noch: Zwei ihrer Brüder haben sogar gedroht, sie umzubringen. Nur ihre Mutter hatte für ihren Entscheid, Baris zu heiraten, Verständnis. Doch sie ist schwerkrank und bettlägerig. Zudem hat sie kein eigenes Telefon und der Vater weigert sich, sie mit Medya, wenn diese anruft, sprechen zu lassen.

Medya wusste: Ihr Leben in der Türkei hatte keine Zukunft. Wo immer sie mit Baris unterkommen würde, ihre Familie würde sie früher oder später auffinden und mit grösster Wahrscheinlichkeit ihren Drohungen Taten folgen lassen. So entschlossen sich Medya und Baris Ende Dezember 2025 zur Flucht in die Schweiz, in ein sicheres Land, weit fort von der Todesangst, die wie ein Damoklesschwert Tag und Nacht über Medya hing und nach und nach schon fast ihre ganze Lebenskraft zerstört hatte.

Die Schweiz, ein sicheres Land. Schön wäre es gewesen. Doch in der 3000-Seelen-Gemeinde N., wo ihnen das Sozialamt eine kleine Einzimmerwohnung zur Verfügung gestellt hatte, schien sich ihre Ankunft rasch herumgesprochen zu haben. Oder vielleicht hatte es auch auf andere Art seinen Weg gefunden. Wie dem auch sei: In der Nacht vom 7. auf den 8 Januar 2026 wurden Medya und Baris mitten in der Nacht aus dem Schlaf geweckt. Mehrere Schüsse kurz hintereinander, ein zersplittertes Fenster, Motorengeräusch eines wegfahrenden Autos, ein Drohschreiben am nächsten Morgen im Briefkasten: Sie gäben Medya allerhöchstens noch sieben Tage.

Als Baris, der jeweils von drei Uhr nachmittags bis elf Uhr nachts in einem Restaurant als Küchengehilfe arbeitet, am folgenden Tag kurz vor Mitternacht nach Hause kommt, ist das Fenster der Wohnung dunkel. Baris ahnt das Schlimmste, hat Medya doch noch nie, seit sie hier wohnen, das Licht gelöscht, bevor er nach Hause kam, sondern immer auf ihn gewartet, um vor dem Schlafengehen noch ein paar Worte zu wechseln. Nach dem Öffnen der Wohnungstür hört Baris‘ Herz für mehrere Sekunden zu schlagen auf: Medya liegt am Boden, seitlich weit ausgelaufenes Blut, ihr Unterarm tief aufgerissen, unmittelbar daneben das Küchenmesser und ein paar leere Medikamentenschachteln. Notruf. Spital. Fünf Stunden später liegt Mediya im Isolationszimmer der Psychiatrischen Klinik, neben ihr sitzend die Notärztin, mit leisen, einfühlsamen Worten bemüht, Medya, die immer noch am ganzen Körper zittert, zu versichern, sie sei hier an einem sicheren Ort und es könne ihr nichts mehr zustossen.

Und hier, in der Psychiatrischen Klinik, begegne ich Medya rund zwei Monate später, Ende März 2026, zum ersten Mal. Eigentlich wollte ich nur Nazanin aus Afghanistan besuchen, die eine Woche zuvor in die Klinik eingetreten war, aber dann hat mir Nazanin von Medya erzählt, und dann, plötzlich, war ich mittendrin….

Medyas Augen sind leer. Ihr Leben besteht jetzt gerade aus diesem Zimmer in der Klinik und aus den paar Stunden, die ihr Mann jeweils täglich bei ihr verbringt, bevor er wieder irgendwo in der Schwärze der Nacht verschwindet. Ein Leben zuvor gibt es nicht, da ist nur der Tag, an dem sie für immer aus ihrem Elternhaus verbannt wurde, die todkranke Mutter, die Todesdrohungen ihrer Brüder, die Schüsse in der Nacht. Und ein Leben danach gibt es erst recht nicht. Denn wo sollen sie und ihr Mann leben, wenn der Tag gekommen sein wird, an dem sie die Klinik verlassen muss? Der Gedanke an die vorherige Wohnung, wo die Schüsse fielen und am nächsten Morgen die Todesdrohung im Brieflasten lag, ist wie ein Dolch, der mitten durchs Herz geht. Eher bringe ich mich um, sagt Medya, als in jenes Haus zurückzukehren.

Medyas flehender Blick sagt alles: Es wäre für sie wie der Rettungsring, den man einer sich kurz vor dem Ertrinken befindlichen Schiffbrüchigen zuwerfen würde. Ja, sage ich, ich werde mal schauen. Wohnungen zu finden, ist zwar schwierig, und kostengünstige erst recht, und solche für Flüchtlinge schon fast aussichtslos. Doch versuchen kann man es immer. Zumal von der Gemeinde N. nach wie vor eine Kostengutsprache vorliegt und es, sollte tatsächlich eine Wohnung gefunden werden, nur noch eine Frage von ein paar Formularen wäre, und alles Weitere würde sich von selber ergeben. Wir brauchen schlicht und einfach eine Wohnung, dann muss Medya nicht mehr im Wasser ums Überleben strampeln, sondern sitzt an Bord des Schiffs und kann sich nach allen Schrecken endlich ein bisschen ausruhen und von einer schöneren Zukunft zu träumen beginnen.

Wir brauchen schlicht und einfach innert nützlicher Frist eine Wohnung. Das ist alles.

Als ich am nächsten Tag nochmals in der Klinik vorbeischaue, ist Medya wie verwandelt. Sie hat sich schön geschminkt, die Leere in ihren Augen ist entschwunden. So viel kann ein ganz klein wenig Hoffnung bewirken.

Wir brauchen schlicht und einfach innert nützlicher Frist eine Wohnung. Das ist alles.

Zuerst nehme ich mit dem Sozialamt von N. Kontakt auf. Ja, erklärt mir die zuständige Beamtin, sobald eine Wohnung gefunden sei, wäre alles andere kein Problem. Aber die Wohnung müssten Medya und Baris selber suchen, dafür sei das Sozialamt nicht zuständig. Ich bekomme immerhin Kontaktdaten von vier Organisationen, die vielleicht bei der Wohnungssuche behilflich sein könnten. Nach vier Telefonaten die grosse Ernüchterung: Keine der angefragten Stellen erklärt sich für die Wohnungssuche zuständig. Es liege einzig und allein an Medya und Baris, auf dem freien Markt eine Wohnung zu finden. Immerhin weist mich eine der angefragten Organisationen darauf hin, dass sich Wohnungssuchende jeweils an einem Donnerstagnachmittag in W., einer nahegelegenen Kleinstadt, melden könnten, um sich über das Ausfüllen der notwendigen Formulare, Referenzschreiben oder einschlägige Internetplattformen zu informieren, was bei einer Wohnungssuche allenfalls hilfreich sein könnte. Doch davon verspreche ich mir nicht viel, vor allem auch in Anbetracht des Gesundheitszustands von Medya und der fehlenden Sprachkenntnisse von Baris, der ohnehin mit der ganzen Situation heillos überfordert zu sein scheint.

Der freie Wohnungsmarkt. „Suche Wohnung in.. ab.. für zwei Personen“ – das Internet spuckt ein paar Vorschläge aus, neun Zehntel davon sind viel zu teuer. Wo ich Interesse ankreuze und den entsprechenden Button anklicke, geht es meistens bloss ein paar Minuten, bis eine Rückmeldung eintrifft: „Alle Besichtigungstermine ausgebucht“, „Angebot nicht mehr aktuell“, „Wohnung bereits vergeben“. Nach einer halben Stunde der erste Hoffnungsschimmer: „Melden Sie sich über diese Telefonnummer..“ Was ich unverzüglich tue, um sogleich zu hören: „Diese Nummer ist nicht mehr gültig.“ Bei einer anderen Nummer darf ich wenigstens nach einem Piepston auf ein Band sprechen, werde aber auch fünf Tage später immer noch keinen Rückruf bekommen haben. Andere haben vielleicht mehr Biss. Ich aber gebe nach 50 Minuten auf und fühle mich wie ein Nachtfalter, der 50 Mal an die gleiche Fensterscheibe geprallt ist und am Ende halbtot liegenbleibt.

In der Schweiz wächst die Zahl an Luxuswohnungen, die keine Mieter und auch keine Käufer finden, weil sie viel zu teuer sind, kontinuierlich. Luxusvillen an Stadträndern vereinnahmen Bodenflächen, auf denen Wohnungen für die zehnfache Anzahl von Personen gebaut werden könnten. Gleichzeitig nimmt der Mangel an bezahlbarem Wohnraum für einen wachsenden Teil der Bevölkerung mit mittleren und tiefen Einkommen stetig zu. Gleichzeitig gibt es landesweit etwa eine Million meist ziemlich geräumige Einfamilienhäuser, in denen nur noch eine oder zwei Personen leben, zehntausende Zimmer in diesen Häusern stehen leer. Gleichzeitig reisst man landauf landab Mehrfamilienhäuser ab, die noch gut hundert Jahre lang bewohnbar wären, baut an deren Stelle neue, „moderne“ Blocks oder „saniert“ ältere Wohnungen, die ebenfalls noch lange bewohnbar wären, um daraus dann neue, mit jeglichem Schnickschnack versehene Wohnungen zu bauen, die zu so hohen Mietpreisen angeboten werden, dass die gleichen Leute, die über Jahrzehnte dort gelebt hatten, sich nicht einmal mehr ihre frühere Wohnung leisten können. Gleichzeitig besitzen Gutbetuchte schweizweit Tausende von Zweit- und Drittwohnungen, die während der meisten Zeit des Jahres leer stehen. Gleichzeitig schiessen wie Pilze an allen Ecken und Ende des Landes Büro- und Geschäftshäuser in die Höhe, obwohl immer mehr der bereits bestehenden Büro- und Geschäftsflächen gar nicht mehr gebraucht werden. Streifst du an einem gewöhnlichen Wochentag durch eines der sich immer weiter ins Grüne hinausfressenden Einkaufszentren, findest du dich in Möbelhäusern, gefühlt so gross wie halbe Fussballfelder, ausser drei Verkäuferinnen siehst du vielleicht ausser dir noch vier oder fünf andere Kundinnen und Kunden, in komfortablen, mit weichen Teppichen ausgestatteten, Tag und Nacht gut geheizten Räumen, in denen locker mehr als all jene Menschen untergebracht werden könnten, die anderweitig auf der Strasse oder in einer Notunterkunft leben. Und da gibt es immer noch Leute, die behaupten, die sogenannte „Freie Marktwirtschaft“ sei besser als jedes andere Wirtschaftsmodell geeignet, um ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage herzustellen.

Wir brauchen schlicht und einfach für Medya und Baris innert nützlicher Frist eine Wohnung. Das ist alles.

Eine Bekannte macht mich zufällig darauf aufmerksam, dass eine Psychiatrische Klinik normalerweise über einen Sozialdienst verfüge, der in diesem Falle vielleicht hilfreich sein könnte. Tatsächlich, es gelingt mir, mit dem an der betreffenden Klinik tätigen Sozialarbeiter Kontakt aufzunehmen. Doch einmal mehr Fehlanzeige. Das, erklärt er mir, liege ausserhalb seines Zuständigkeitsbereichs. Eine Wohnung müssten Medya und Baris schon selber finden, da könne er leider nicht helfen. „Dann gibt es also niemanden, der ihnen nun helfen könnte, eine Wohnung zu finden?“, frage ich. Ja, so sei es, leider. Aber das heisse mit anderen Worten, dass nicht nur Baris und Medya, sondern auch alle anderen in einer vergleichbaren Situation sich Befindlicher im Klartext kaum je eine Chance haben könnten, ein passende Wohnung zu finden? Ja, meint der Sozialarbeiter, das sei so, leider. „Ausser“, fügt er hinzu, „sie haben das Glück, jemanden zu finden wie Sie, der ihnen behilflich ist.“

Mir geht durch den Kopf: Wofür hat sich dieser Herr während vier Jahren – auf Kosten der Allgemeinheit – zum Sozialarbeiter ausbilden lassen? Und was haben eigentlich die zwei Monate Klinikaufenthalt Medya gebracht? Hätte man diese Zeit, statt Medya mit ständig neu dosierten Medikamenten abzufüllen und ihr während täglich einer halben Stunde „professionell“ zu erklären, mit was für Strategien sie ihre Traumas aufarbeiten und überwinden könnte, nicht gescheiter dafür aufgewendet, sich um eine hoffnungsvolle Zukunftsperspektive anschliessend an den Austritt von der Klinik zu kümmern?

Heute sind Medyas Augen wieder leer. Voll sind nur die Bankkonten der Psychiaterinnen, der Psychologen und des Sozialarbeiters, die Gewinnsäulen der Pharmakonzerne und die Taschen ihrer Aktionärinnen und Aktionäre sowie aller anderen an den sprudelnden Gewinnen aus dem Gesundheitssystem Beteiligten, von den Baufirmen über die Immobilienkonzerne bis zu den Spezialfirmen, die für das Marketing, die digitale Aufrüstung und die Sicherheitssysteme von Spitälern, Kliniken und anderen Gesundheitseinrichtungen zuständig sind.

Am nächsten Tag kommt dann doch noch ein Rückruf von der Immobilienfirma, bei der ich aufs Band gesprochen hatte: „Tut uns leid, wir haben die Wohnung vergeben. Aber in diesem Preissegment ist momentan sowieso nichts auf dem Markt.“ Also nicht einmal das Glück, jemanden gefunden zu haben, der ihnen hilft, hat etwas gebracht.

Morgen muss Medya die Klinik verlassen. Und sie weiss immer noch nicht, wo sie die nächste Nacht verbringen wird.

Wir hätten schlicht und einfach für Medya und Baris innert nützlicher Frist eine Wohnung gebraucht. Das wäre alles gewesen.