LESERBRIEFE

von Peter Sutter

Werden wir immer dümmer?

2. August 2026

«Werden wir immer dümmer?», fragt sich Valentina Reese in der „Sonntagszeitung“ vom 2. August aufgrund sinkender Resultate bei IQ-Tests. Im Verlaufe meiner pädagogischen Tätigkeit ist meine Skepsis gegenüber jeglichem Versuch, Intelligenz zu messen und mit einem Quotienten zu bewerten, immer grösser geworden. Ich stelle mir Intelligenz vielmehr als etwas ganz und gar Individuelles und Unvergleichbares vor. Zudem greift jede Art von Intelligenztest immer nur einen winzigen Teil aus dem Gesamtspektrum am denkbaren Intelligenzpotenzial heraus, in den westlichen Industrieländern in erster Linie kognitive Fähigkeiten wie das Erkennen von Mustern, das Lösen mathematischer Aufgaben oder das räumliche Vorstellungsvermögen. Dies allein aber genügt bei Weitem nicht für das Bewältigen aller täglichen Herausforderungen und das Weiterleben von Generation zu Generation, wofür Verantwortungsbewusstsein, Fürsorge, Durchhaltevermögen in schwierigen Situationen, Offenheit für Kritik und Denkanstösse von aussen, Dialogbereitschaft sowie Sorgfalt im Umgang mit Menschen, Dingen und der Natur weitaus wichtiger sind als die Fähigkeit, eine Mathematikaufgabe in möglichst kurzer Zeit zu lösen. So gesehen erscheint mir Intelligenz nicht etwas Statisches, Mess- und Definierbares zu sein, sondern ein jedem Menschen angeborenes Potenzial, das sich vor allem dadurch zu entfalten mag, wenn man ein Grundvertrauen in seine eigene Fähigkeiten hat und nicht das lähmende und zermürbende Gefühl, weniger intelligent zu sein als andere.

Afrikaner in der Schweiz: Vom Glück, ein Fussballspieler zu sein und nicht ein namenloser Asylsuchender

21. Juli 2026

«So sieht eine Fussballmannschaft aus», schreibt die «Sonntagszeitung», «die ein Land hinter sich bringt und Hunderttausende mitten in der Nacht auf die Strasse lockt.» Doch dieses Gemeinschaftsgefühl und der Stolz auf eine Mannschaft, die mit Spielern aus dem Kosovo, Senegal, Kamerun, Nigeria, Angola, dem Kongo und dem Sudan weit internationaler zusammengesetzt ist als jedes andere Nationalteam, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es von dieser Medaille auch noch eine andere Seite gibt, nämlich die in hoher Anzahl von der Schweiz durchgeführten zwangsweisen Ausschaffungen von Asylsuchenden in ihre Herkunftsländer. So etwa wurde Ende April eine Familie mit drei Kindern zwischen zwei und acht Jahren von 20 Polizisten morgens um zwei Uhr aus dem Asylzentrum Neuenhof AG weggeführt und gegen ihren Willen nach Burundi ausgeschafft – die Schweiz ist derzeit das einzige europäische Land, welches trotz prekärster Menschenrechtslage Ausschaffungen nach Burundi vollzieht. Jeden Tag werden aus der Schweiz durchschnittlich zwölf Personen mit Polizeigewalt ausgeschafft, mehr als aus jedem anderen europäischen Land. Schön ist, dass wir auf unser international so bunt gemischtes Fussballteam so stolz sind. Noch schöner wäre es, wenn die Schweiz die gleiche Offenheit auch gegenüber aus Krieg, Hunger und Verfolgung geflüchteten Menschen an den Tag legen und wieder zu einer an humanitären Werten orientierten Asylpolitik zurückkehren würde, auf die sie einmal so stolz gewesen war.

Die wundersame Verwandlung der ukrainischen Asow-Brigade

18. Juli 2026

«Die populärsten militärischen Verbände der Ukraine», so Sonja Zekri in der „Sonntagszeitung“, «treten nicht mehr nur als Kampfverbände auf. Sie operieren nach den Regeln der Unternehmenskommunikation als eigene Marken.» So auch die Asow-Brigade, die sogar eine eigene Kultur- und Bildungsplattform geschaffen hat. In «Asow-Stores» werden unter anderem Espresso, Urban Clothing, Kampfjetsocken, Folkloreschals mit Sturmgewehr und ein Puzzle mit dem Logo der Region Donezk feilgeboten, alles ganz «friedlich» und «sympathisch». Leider hat Sonja Zekri nicht erwähnt, dass die Asow-Brigade bereits Jahre vor der russischen Invasion mit äusserster Brutalität gegen die russischsprachige Bevölkerung in der Ukraine vorgegangen war. In UNO-Berichten ist unter anderem von Gruppenvergewaltigungen, tagelangen Folterungen, Entführungen, Schleifen von an Seilen Gebundenen über Getreidefelder bis zur Bewusstlosigkeit, stundenlangem Aufhängen mit auf dem Rücken zusammengebundenen Händen, Schüsse in die Knie und Brechen von Armen und Beinen die Rede. Die von der ukrainischen Armee und paramilitärischen Gruppen gegen die russischsprachige Zivilbevölkerung in der Ostukraine ausgeübten Gewalttaten hatten zwischen 2014 und 2022 rund 14’000 Todesopfer zur Folge und waren einer der Hauptgründe für die russische Invasion im Februar 2022. Warum will man dies im Westen so beharrlich nicht zur Kenntnis nehmen? «Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit», sagte schon im Jahre 1914 US-Senator Hiram Johnson. Wie Recht er doch hatte!

«Man kann Probleme nicht mit der gleichen Denkweise lösen, mit der sie entstanden sind.»

12. Juli 2026

In der aktuellen Diskussion um die Klimaerwärmung geht leicht vergessen, dass diese nur eines von vielen Anzeichen dafür ist, dass das Gleichgewicht zwischen dem Menschen und der Natur schon längst aus allen Fugen geraten ist. Viele Menschen, vor allem in den reichen Ländern des Nordens und des Westens, haben sich in den letzten Jahrzehnten an einen Lebensstil gewöhnt, der sich nur mit einer unverantwortbaren Übernutzung der vorhandenen natürlichen Ressourcen aufrechterhalten lässt. Berechnet man, wie viele Ressourcen der Schweizer Bevölkerung jährlich zur Verfügung stehen, um auf natürliche Weise wieder regeneriert werden zu können, so gelangt man zur schockierenden Erkenntnis, dass die Schweiz am 11. Mai dieses Jahres bereits sämtliche dieser Ressourcen aufgebraucht hatte. Mit anderen Worten: Während zwei Dritteln des Jahres leben wir nur noch auf Kosten der ärmeren Länder und der zukünftigen Generationen. Daher besteht die einzige wirklich nachhaltige Massnahme gegen die Klimaerwärmung und die Übernutzung der natürlichen Ressourcen in einer radikalen Rückbesinnung darauf, wo die Grenze liegt zwischen unnötigem Luxus und der Sicherstellung der unerlässlichen Lebensgrundlagen. Rein technologische Lösungsvorschläge wecken bloss falsche Illusionen und bergen überdies die Gefahr, dass sich die bereits erfolgten Fehlentwicklungen weiter verschärfen, denn, wie  schon Albert Einstein sagte: «Man kann Probleme nicht mit der gleichen Denkweise lösen, mit der sie entstanden sind.»

Zwei Mädchen gegen ihren Willen mit elf Buben in der gleichen Schulklasse

22. Juni 2026

Das Beispiel von zwei Mädchen, die gegen ihren Willen und entgegen dem Wunsch ihrer Eltern zusammen mit elf Buben einer dritten Klasse zugeteilt wurden, wirft über diesen Einzelfall hinaus grundsätzliche Fragen zu einem Schulsystem auf, das in seiner Grundstruktur auf dem Prinzip der Jahrgangsklasse beruht. Aufgrund fast aller Probleme, mit denen sich Schulen heute herumschlagen – von den sogenannten «Lernstörungen» und «Verhaltensstörungen» bis zum Spannungsfeld zwischen Integration und Separation – müsste man schon längst zum Schluss gekommen sein, dass Jahrgangsklassen nicht die idealen Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen bieten. Denn kein Kind lernt auf die gleiche Weise wie ein anderes, jedem Kind ist von Natur aus ein individueller «Lernplan» eingeboren, und nur wenn die äusseren Bedingungen diesem entsprechen, kann sich sein Lernen optimal entfalten – so, wie dies in den ersten Lebensjahren beim selbstbestimmten Erlernen der Muttersprache und aller weiteren für das spätere Leben notwendigen Grundfertigkeiten der Fall ist. Für gutes Lernen braucht es weder Jahrgangsklassen, noch künstliche, von Erwachsenen geschaffene Lehrpläne, sondern einzig und allein eine lernanregende Umgebung und Erwachsene, welche die Kinder bei ihrem eigenständigen Lernen ermutigend begleiten. So etwas Absurdes, dass man zwei Mädchen gegen ihren Willen mit elf Buben in eine Schulklasse setzt, wäre dann in einer zukünftigen Welt freien und selbstbestimmten Lernens völlig undenkbar.

Markus Somm und Jean Ziegler

14. Juni 2026

Markus Somm nennt seine Gedanken zum Tode von Jean Ziegler eine Art von «Liebeserklärung» und fügt hinzu: «Tatsächlich bewunderte ich ihn.» Um sogleich aber umso heftiger gegen ihn loszupoltern: Weil Ziegler gut hätte schreiben können, sei es ihm gelungen, «sich selbst von jedem Unsinn zu überzeugen». Somm kenne niemanden, der sich «in seinen politischen Ideen so geirrt hat wie Jean Ziegler». Seine Bücher würden «vor unverschämten und unbelegten Verleumdungen nur so saften». Und als Professor habe er «die falschen Lehren vermittelt». Vermutlich führt Somm gegen Ziegler nur deshalb so grobes Geschütz auf, weil er, als Historiker und selber ursprünglich ein Linker, nur allzu genau wissen muss, dass Ziegler mit seiner Grundthese, wonach extreme Armut bloss die Kehrseite extremen Reichtums ist, im Grunde Recht hatte. Kein anderer hat uns Privilegierte so unermüdlich mit der Tatsache konfrontiert, dass weltweit täglich rund 15’000 Kinder vor dem Erreichen ihres fünften Lebensjahrs sterben, weil sie nicht genug zu essen haben – nicht weil es weltweit zu wenig Nahrungsmittel gibt, sondern nur deshalb, weil im Kapitalismus die Güter nicht dorthin fliessen, wo sie am dringendsten gebraucht werden, sondern dorthin, wo sich damit am meisten Geld verdienen lässt. Ziegler nannte es «Mord». Gibt es dafür ein treffenderes Wort? Leider findet man heute nur noch wenige so zutiefst gerechtigkeitsliebende und mutige Politiker wie Jean Ziegler. Er wird uns schmerzlich fehlen.

Der Mensch, ein „merkwürdiges Wesen“?

8. Juni 2026

Die Ausführungen des Neurowissenschaftlers Lutz Jäncke zeigen auf erschreckende Weise, was passieren könnte, wenn die herrschende Technologiegläubigkeit noch extremere Formen als bisher annehmen würde. Jäncke sagt, der Mensch sei ein «merkwürdiges Wesen», das ihn «skeptisch stimmt». Demzufolge hat er mehr Vertrauen in die Maschine als in den Menschen: «Vielleicht ist es gut, dass die Maschine irgendwann schlauer sein wird als der Mensch». Jäncke selber scheint schon so sehr zum Produkt seiner eigenen Denkweise geworden zu sein, dass er all das, was die Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen mitsamt seiner ganzen Unberechenbarkeit und Unvollkommenheit ausmacht, gar nicht mehr wahrzunehmen vermag. Wenn Jäncke dann im Weiteren findet, der «einzelne Mensch mag als Schriftsteller, Philosoph, Arzt, Lehrer oder Journalist toll sein», nicht aber als «Gesamtkonstrukt», dann scheint er in seinem so einseitig technokratisch ausgerichteten und auf intellektuelle Einzelleistungen fixierten Welt- und Menschenbild sogar gänzlich vergessen zu haben, dass es nebst berühmten Einzelpersonen vor allem auch noch ein paar Milliarden Mütter, Väter, Handwerker, Gemüsepflückerinnen, Bäcker, Pflegerinnen und Fabrikarbeiter braucht, damit das tägliche Überleben der Menschheit überhaupt gesichert ist. Im Gegensatz zu Jäncke glaube ich, dass der Mensch durchaus ein vernünftiges Wesen ist, dessen Fähigkeit zur Vernunft sich zwar noch perfektionieren, niemals aber durch eine Maschine ersetzen lässt.

Heute darfst du nicht einmal mehr ein Aussenseiter sein

17. April 2026

«Mittlerweile», so der Aargauer Chefpsychiater Marc Walter in der «Sonntagszeitung» vom 22. Februar, «haben pro Jahr 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz eine psychische Störung.» Nicht einmal ein Aussenseiter darf man heute noch sein, schon wird den Eltern empfohlen, sich bei einer Fachperson zu erkundigen, was man dagegen tun könne. Dabei gibt es nun mal Menschen, die lieber alleine sind, während sich andere in einer Gruppe besser fühlen. Was ist «normal», was ist «abnormal», was ist «richtig», was ist «falsch» und wer bestimmt das? Sollten wir uns nicht gegenseitig einfach so leben lassen wie wir sind, in unserer ganzen Verschiedenartigkeit – solange wir dabei niemandem etwas zuleide tun? Ich war schon als kleines Kind ein Aussenseiter und bin es heute, über 70 Jahre später, immer noch. Lieber spielte ich alleine als mit anderen zusammen, und wenn, dann nie mit Jungs, sondern immer nur mit Mädchen. Während meine Schulkameraden Fussball spielten, sass ich alleine mitten im Wald und machte mir Gedanken über Gott und die Welt. Später, als die anderen miteinander ihr Bier trinken gingen, sass ich, immer noch alleine, zuhause und schrieb meine ersten Gedichte. Kürzlich riet mir ein Freund, und er meinte es sicher gut, mich gelegentlich mal auf Autismus abklären zu lassen. Nein danke, sagte ich, es geht mir gut. Ich möchte kein anderer sein als der, der ich bin. Denn, wie der irische Schriftsteller Oscar Wilde sagte: «Sei du selbst, alle anderen gibt es schon.»

Stromschläge gegen Depressionen

12. April 2026

Stromschläge gegen Depressionen. Lorazepam gegen Schlaflosigkeit. Ritalin gegen Lernstörungen. Achtsamkeitsübungen gegen Stress. Sport gegen Fettleibigkeit. Für jedes Problem eine passende Therapie. Dennoch nehmen gemäss Statistiken seelische und körperliche Belastungen und Defizite weiterhin zu. Was läuft da schief? Ich erinnere mich an eine junge Frau, die aufgrund ihres bisherigen, fast ausschliesslich von psychischer und körperlicher Gewalt geprägten Lebens all ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft verloren hatte. Eine langjährige Psychotherapie, die sie bloss als schmerzliches Herumstochern in ihrer Vergangenheit empfunden hatte, war ergebnislos abgebrochen worden, auch von den unzähligen Medikamenten, die ihr nicht geholfen hatten, wollte sie nichts mehr wissen. Während wir über anderes sprachen, machte sie immer wieder wirre, düstere Zeichnungen. Als ich ihr eines Tages sagte, dass mir diese Zeichnungen wie Kunstwerke aus einer anderen Welt vorkämen, war sie zunächst sprachlos. So etwas hätte noch nie jemand zu ihr gesagt. Überhaupt hätte noch nie jemand irgendetwas Gutes über sie gesagt. Und dann begann sie zu erzählen, stundenlang. Heute sagt sie, ich hätte ihr das Leben gerettet. Vielleicht sind eben doch die zwischenmenschliche Anteilnahme und der Glaube an das Gute im Menschen die wirksamsten aller Heilmittel, kurz: die Liebe. Und das Beste: Niemand muss ein halbes Jahr auf einen Therapieplatz warten. Die Liebe steht jederzeit und überall kostenlos zur

„Die Schule ist künftig vielleicht nicht mehr das, was wir darunter verstehen“

7. April 2026

Seit Jahren wird in Fachkreisen und in der Politik darüber gestritten, ob am Konzept einer integrativen Schule festgehalten oder davon Abschied genommen werden soll. Viel wesentlicher aber wäre die Frage, ob Schulen der herkömmlichen Art gutem und erfolgreichem Lernen überhaupt förderlich sind. Vieles spricht dagegen. Während Millionen von Jahren haben die Menschen ohne Schulen gelernt und dabei sämtliche geistigen, kulturellen und ökonomischen Grundlagen der heutigen Zivilisationen geschaffen. Lernen, Neugierde und Wissensdurst liegen in der Natur des Menschen. Auch die Kinder lernen in den ersten Lebensjahren von der Muttersprache bis zum aufrechten Gang alles für ihr späteres Leben Notwendige aus eigener Kraft. Menschen muss man nicht zum Lernen zwingen, man muss nur die äusseren Bedingungen so gestalten, dass sich Lernen möglichst frei entfalten kann, durch möglichst vielfältige Lernangebote aller Art von Sprachkursen und Sportvereinen über Bibliotheken, Kulturzentren und Quartervereinen bis zu Lernbörsen zum gegenseitigen Austauschen und Weitergeben von Fertigkeiten, Kenntnissen, Wissen und Lebenserfahrungen. So könnte die Vision von Leo Tolstoi, die er bereits im Jahre 1911 in seinen Pädagogischen Schriften beschrieben hatte, vielleicht doch noch Wirklichkeit werden: «Die Schule ist künftig vielleicht nicht mehr das, was wir darunter verstehen, mit Fussböden, Bänken, Stühlen; sie wird vielleicht ein Theater, eine Bibliothek, ein Museum oder eine Unterhaltung sein.»

Bis zu 5000 Franken für Gymi-Vorbereitungskurs

11. März 2026

Bis zu 5000 Franken blättern Eltern für Gymi-Vorbereitungskurse hin. Während Monaten opfern viele Jugendliche fast ihre gesamte Freizeit, verzichten auf ihre liebsten Hobbys, gehen nicht mehr Fussball spielen, lesen keine Bücher mehr, treffen sich nicht mehr mit Freundinnen und Freunden. Der Druck ist gewaltig. Mindestens zwei Fälle von Jugendlichen im Kanton Zürich, die sich kurz vor der Gymiprüfung das Leben nahmen, sind mir bekannt. Verständlicherweise ist nun immer öfters der Ruf nach einer Abschaffung der Gymiprüfung zu hören. Doch würde sich dadurch der Druck nur weiter in die voranliegenden Schuljahre verlagern. Ich würde deshalb einen Schritt weitergehen und nicht nur die Abschaffung der Gymiprüfung fordern, sondern die Abschaffung des gymnasialen Bildungswegs als solchem. Denn bereits heute kann jegliches Berufsziel auch über den Weg einer Berufslehre mit nachfolgender Weiterbildung erreicht werden. Dies wäre nicht nur gut für die Chancengleichheit – heute ist die Aussicht eines Kindes akademisch gebildeter Eltern, ans Gymnasium zu kommen, rund sieben Mal grösser als die eines Arbeiterkinds -, es wäre auch gut für eine möglichst ganzheitliche, Praxis und Theorie miteinander verknüpfende Grundausbildung, gut für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, gut für die Wertschätzung des Handwerks, gut für das Wohlbefinden Jugendlicher in einer Zeit lebensprägender Persönlichkeitsentwicklung und nicht zuletzt auch gut als Instrument gegen den zunehmenden Fachkräftemangel.  

Und alle anderen Parteien haben keine eigenen Ideen?

27. Januar 2026

Das SVP-Bildungspapier greift wichtige Themen auf, so etwa die Kopflastigkeit und Realitätsferne der Schule oder die Überforderung durch zwei Fremdsprachen bereits in der Primarschule. Andere Forderungen aber lassen sich aus pädagogischer Sicht kaum nachvollziehen. So zum Beispiel das Festhalten am traditionellen Notensystem, mit dem Lernleistungen von Kindern miteinander verglichen und bewertet werden, statt sich auf eine bestmögliche individuelle Lernförderung jedes einzelnen Kindes auszurichten. Auch die Forderung, Kinder mit schwächeren Lernleistungen vermehrt «nachsitzen» zu lassen, tönt eher nach Bestrafung als nach echter Lernförderung. Völlig widersinnig erscheint mir auch die Forderung nach einer «Obergrenze» für den Ausländeranteil in Schulklassen – sollen sich die überzähligen Kinder dann einfach in Luft auflösen? Wenn sogar noch verlangt wird, Eltern, die sich weigern würden, ihr Kind in einen Sprachkurs zu schicken, allenfalls die Aufenthaltsbewilligung zu entziehen, muss man sich schon fragen, ob die SVP noch nicht mitbekommen hat, dass Eltern, egal ob Schweizer oder ausländische, in aller Regel jede Gelegenheit ergreifen, um ihre Kinder bestmöglich zu fördern, und solche Drohungen deshalb völlig unnötig sind und sich zweifellos nur kontraproduktiv auswirken würden. Bei alledem frage ich mich, ob denn alle anderen Parteien keine Ideen für Schulreformen haben. Es kann doch nicht sein, dass die SVP alleine darüber bestimmt, wie die Schule von morgen aussehen soll.

Was aus dem Unglück von Crans-Montana auch noch zu lernen wäre

5. Januar 2026

Spontan und unbürokratisch haben Deutschland, Frankreich, Italien und Belgien nach dem Unglück in Crans-Montana Schwerverletzte aufgenommen. Auch Rumänien und Luxemburg haben Ambulanzfahrzeuge und Hubschrauber zur Verfügung gestellt. Zahlreiche weitere Länder haben Unterstützung angeboten: Dänemark, Griechenland, Finnland, Irland, Kroatien, die Niederlande, Litauen, Nordmazedonien, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Schweden, Slowenien, Tschechien und die Türkei. Was für ein schönes Beispiel internationaler Solidarität! Weitaus weniger spontan und unbürokratisch ging es vor rund drei Monaten bei der Aufnahme schwerverletzter Kinder aus dem Gazastreifen zu und her. Die längste Zeit, während viele weitere Kinder ihren tödlichen Verletzungen erlagen, verstrich, bis sich schliesslich gerade mal acht von 26 Kantonen bereit erklärten, insgesamt 20 Kinder aufzunehmen. Alle anderen winkten ab: Die Asylsituation sei zu angespannt, es fehle an der nötigen Infrastruktur, das Gesundheitssystem sei ohnehin überlastet und die Finanzierung sei nicht gesichert. Jetzt gerade wird in der Schweizer Öffentlichkeit eifrig diskutiert, was aus dem Unglück von Crans-Montana zu lernen sei. Es ist zu hoffen, dass nicht nur gelernt wird, was für Materialien bei der Einrichtung öffentlicher Lokale zu verwenden seien. Sondern auch, dass echte Solidarität nicht an irgendwelchen Grenzen Halt machen darf, und schon gar nicht an den Grenzen zwischen den reichsten und den ärmsten Ländern der Welt.