AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt: Auf welchen Wegen auch immer ist dennoch die Sehnsucht nach dem Paradies die stärkste aller Kräfte…

Peter Sutter, 13. September 2026

„Es war ein Beben mit Ankündigung, das die deutsche Politik am 6. September 2026 erlebte“, schreibt das schweizerische „Tagblatt“ am Tag darauf, „44,4 Prozent stimmten bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt für die AfD, rund doppelt so viele wie vor fünf Jahren. Das Ergebnis der regierenden Christdemokraten halbierte sich hingegen, sie kamen noch auf 18 Prozent. Linkspartei und Grüne erreichten jeweils 9 Prozent, die SPD 8, das Bündnis Sahra Wagenknecht 5 Prozent. Die AfD hat damit ein Ergebnis erzielt, wie CDU und SPD es ihren besten Zeiten erreichten. Die Wahlbeteiligung, die im Vergleich zu 2021 um 15 Prozentpunkte auf rund 75 Prozent anstieg, spricht dafür, dass es der AfD gelungen ist, zahlreiche bisherige Nichtwähler ins Wahllokal zu bringen.“

Gemäss Aussagen einzelner AfD-Politiker im Laufe des Wahlkampfs ist abzuschätzen, in welche Richtung sich die politischen Verhältnisse in Sachsen-Anhalt verändern könnten. So zum Beispiel plädiert der als zukünftiger Bildungsminister gehandelte Hans-Thomas Tillschneider, der Putin einen „richtigen Mann mit gesundem Wertegerüst“ bezeichnet, für mehr Russisch-Unterricht in den Schulen. Auch findet er, dass Integration, Sozialarbeit und psychologische Betreuung keine Aufgaben der Schule sein sollten, stattdessen will er „Heimat und Volksgut“ stärker im Unterricht verankern und Regenbogenflaggen von Schulen entfernen lassen. Matthias Büttner will eine freiwillige Bürgerwacht einführen, welche die Polizei und die Behörden bei der Aufrechterhaltung von „Sicherheit und Ordnung“ unterstützen soll. Als möglicher zukünftiger Innenminister dürfte Büttner vor allem auf eine härtere Abschiebepolitik setzen. Er fordert, Abschiebungen nach Syrien wieder aufzunehmen und „Ausreisepflichtige“ konsequenter zurückzuführen. Oliver Kirchner, möglicher neuer Wirtschaftsminister, würde sich vermutlich für eine Aufhebung der Sanktionen gegen Russland einsetzen, damit Sachsen-Anhalt wieder von russischem Gas versorgt werden kann. Auch eine Einschränkung der Windkraft zugunsten von Atomenergie wäre gemäss Parteiprogramm eine seiner Aufgaben. Martin Reichhardt, möglicher zukünftiger Gesundheitsminister, plädiert für 20 Prozent mehr Medizinstudienplätze, um zukünftig auf weniger ausländische Ärzte angewiesen zu sein. Angehende Mediziner sollen dazu verpflichtet werden, nach ihrem Studium mindestens zehn Jahre lang als Landarzt in Sachsen-Anhalt zu arbeiten. Auch will er sich dafür einsetzen, dass kleinere Spitäler erhalten bleiben.

Von einer „internationalen Signalwirkung“ des AfD-Wahlerfolgs in Sachsen-Anhalt spricht der schweizerische „Tagesanzeiger“ vom 7. September 2026 und weist darauf hin, dass sich unter anderem auch Elon Musk im Vorfeld der Wahlen positiv über die AfD geäussert habe. Auch Donald Trumps ehemaliger Grenzschutzchef Gregory Bovino hätte Ulrich Siegmund, dem Spitzenkandidaten der AfD, „viel Glück“ gewünscht und ihm „die Daumen gedrückt“.

Weit über Deutschland hinaus feiern Parteien und politische Gruppierungen am rechten Rand des Parteienspektrums den AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt geradezu euphorisch. Während sich in linken Kreisen, bei Menschenrechtsorganisationen, Umweltbewegungen und Gewerkschaften nicht nur angesichts des AfD-Wahlerfolgs in Sachsen-Anhalt, sondern auch angesichts eines seit Jahren anhaltenden Aufstiegs rechter und rechtspopulistischer Kräfte in Europa wie auch weltweit, zunehmend Ernüchterung, Ratlosigkeit und nicht selten eine gewisse Ohnmacht in Bezug auf zukünftige politische Gestaltungsmöglichkeiten breit machen.

Zeit, einen Augenblick innezuhalten. Und nicht nur in die Zukunft zu schauen, sondern für einmal vor allem in die Vergangenheit. Denn was am 6. September 2026 im deutschen Bundesland Sachsen-Anhalt geschah und überall dort, wo rechte und rechtspopulistische Kräfte immer mehr Oberhand gewinnen, hat eine mindestens 30jährige Vorgeschichte.

Die tiefere Ursache der massgeblichen politischen Veränderungen und der zunehmenden Verschiebung von links nach rechts in den vergangenen Jahrzehnten wurzelt im Zusammenbruch des Kommunismus zwischen 1989 und 1991. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es zum Kapitalismus stets ein gesellschaftspolitisches Gegenmodell, ganz unabhängig davon, wie überzeugend dies war und wie gut oder schlecht es funktionierte. Es gab nicht nur den Kapitalismus, es gab auch den Kommunismus. Und es gab zahllose weitere politische Bewegungen und Strömungen dazwischen, von denen die einen mehr in Richtung Kapitalismus tendierten, die anderen mehr in Richtung Kommunismus. Es gab eine mehr oder weniger kämpferische, oft auch gespaltene und zerstrittene, sich in unterschiedliche Flügel teilende Sozialdemokratie. Es gab die Befreiungstheologie in Lateinamerika mit Leonardo Boff, Paolo Freire und Ernesto Cardenal, welche eine Synthese zwischen dem Urchristentum und der Vision einer klassenlosen Gesellschaft schufen, welche Millionen von Menschen in ihren Bann zog. Es gab den Religiösen Sozialismus, ebenfalls eine Verbindung christlicher und sozialistischer Elemente, in der Schweiz vor allem vertreten durch Leonhard Ragaz. Es gab die Studentenbewegungen an den europäischen Universitäten, wo Marxisten, Leninisten, Trotzkisten und Anarchisten nächtelang über die Zukunft der Welt philosophierten. Die Bücherläden waren voll mit politischer Literatur, von Bertrand Russell über Karl Marx, Jean-Jacques Rousseau und Erich Fromm bis Theodor W. Adorno. Che Guevara, Mahatma Gandhi und Martin Luther King waren Namen, von denen jedes Kind früher oder später schon einmal gehört hatte. Es gab den Eurokommunismus, eine Symbiose zwischen marktwirtschaftlichen Ansätzen und sozialistischen Idealen, der während rund zwei Jahrzehnten in Italien, Spanien und Frankreich zu den einflussreichsten politischen Bewegungen zählte. Es gab sozialistische und sozialdemokratische Politiker wie Olaf Palme, Willy Brandt oder Bruno Kreisky, die weit über ihre Parteien hinaus in breitesten Bevölkerungskreisen höchstes Ansehen genossen. Es gab das jährlich in einem Land des Globalen Südens stattfindende Weltsozialforum als globale soziale Bewegung für Abrüstung, Frieden und eine gerechte Weltwirtschaftsordnung jenseits des Kapitalismus. Es gab die Sozialistische Internationale, einen globalen Zusammenschluss von über hundert Parteien und Organisationen aus allen Kontinenten, mit dem Ziel, sozialistische und basisdemokratische Prinzipien weltweit zu fördern. Und es gab die 1983 anlässlich der 6. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Vancouver initiierte Bewegung für „Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung“, anknüpfend an frühere Impulse von Dietrich Bonhoeffer und Carl Friedrich von Weizsäcker, neu belebt angesichts aktueller globaler Herausforderungen wie Hunger, soziale Ungerechtigkeit, Wettrüsten und Umweltzerstörung.

Das alles ist mehr oder weniger Geschichte. Selbst wenn Einzelnes davon – wie etwa das Weltsozialforum oder die Sozialistische Internationale – immer noch Jahr für Jahr organisiert wird, so verfügen Anlässe dieser Art höchstens noch um einen Bruchteil jener weltpolitischen Strahlkraft, die sie einmal hatten, und die frühere Hoffnung, jenseits des Kapitalismus könnte sich eine neue Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung entwickeln, die von Grund auf durch soziale Gerechtigkeit, weltweiten Frieden und ein Leben im Einklang mit der Natur geprägt sein würde, hat sich fast gänzlich in Luft aufgelöst.

Rund 30 Jahre haben genügt, um den Traum einer neuen Welt jenseits des Kapitalismus fast gänzlich zu zerstören. 30 Jahre, in denen der Kapitalismus trotz all seiner weltweit so zerstörerischen menschlichen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Folgen in unseren Köpfen bereits so sehr zum „Normalfall“ geworden ist, dass wir uns etwas anderes offensichtlich schon gar nicht mehr vorzustellen vermögen. Der „Normalfall“, dass – infolge der weltweit so ungleichen, ausschliesslich von Profitinteressen geleiteten Verteilung von Nahrungsmitteln – jeden Tag weltweit rund 15’000 Kinder unter fünf Jahren qualvoll sterben, weil sie nicht genug zu essen haben. Der „Normalfall“, dass – infolge von kolonialistischer Ausplünderung und von Kriegen um Ressourcen und Bodenschätze – weltweit bereits weit über 120 Millionen Menschen, mehr denn je zuvor, in die Flucht getrieben worden sind und man die meisten jener, welche nach monate- oder jahrelangen auf der Flucht erlittenen Schmerzen und Entbehrungen schliesslich eines Tages an unsere Türen klopfen, an die Türen der reichen Länder, wo das Raubgut gelagert ist, das man ihnen und ihren Vorfahren über Jahrhunderte geklaut hat, dass man sie dann, wenn sie an diese Türe klopfen, mit Bluthunden und Eisenstangen fortjagt und wieder in ihr Elend zurückschickt, von den unzähligen weiteren Millionen von Flüchtlingen gar nicht zu reden, welche die Türen der reichen Länder gar nie erreichen werden, weil sie unterwegs schon gestorben sind oder keine andere Wahl haben, als von einem Kriegs- und Hungerland ins andere hin- und hergehetzt zu werden, oft über Jahre. Der „Normalfall“, dass, während Milliarden von Menschen in bitterster Armut leben und nicht genug zu essen haben, mehr Geld denn je in die militärische Aufrüstung gesteckt wird – sodass heute für Waffen weltweit täglich sage und schreibe tausend Mal mehr Geld ausgegeben wird als für die Friedensmissionen der UNO. Der „Normalfall“, dass, entgegen aller Vernunft und allem gesunden Menschenverstand, blindlings am Dogma eines endlosen Wirtschaftswachstums unerbittlich festgehalten und dadurch bewusst in Kauf genommen wird, die natürlichen Ressourcen der Erde auf dermassen rücksichtslose Weise auszuplündern und damit gleichzeitig die Klimaerwärmung dermassen systematisch voranzutreiben, dass selbst das nackte Überleben unserer Kinder und Kindeskinder mehr und mehr in Frage gestellt ist. Der „Normalfall“, dass sich materieller Reichtum und damit politische Macht in exorbitanter Weise in den Händen einer kleinen Minderheit der Weltbevölkerung verdichten, von denen sich die Allerreichsten, ohne mit der Wimper zu zucken, selbst ganze Kreuzfahrtschiffe oder Weltraumraketen kaufen können, während selbst in den reichsten Ländern Millionen von Menschen am Abend an einem leeren Tisch sitzen und sich das letzte Stück Brot teilen, bevor sie hungrig zu Bett gehen.

30 Jahre, während denen es dem Kapitalismus offensichtlich gelungen ist, den Widerstand gegen ihn so systematisch in sich aufzusaugen, dass kaum mehr etwas von ihm übrig geblieben ist. Da brauchen wir nicht einmal gross in die Welt hinauszuschauen, ein kritischer Blick auf unser eigenes Land, die Schweiz, genügt vollauf. Die „Linke“ bzw. das, was von ihr übrig geblieben ist, diese frühere mehr oder weniger antikapitalistische politische Kraft, hat sich grösstenteils in den kapitalistischen Mainstream aufgelöst, abgesehen von ein paar „Unverbesserlichen“, die kaum wirkungsvoll in Erscheinung treten und von der überwiegenden Mehrheit der anderen, jener, die sich dem Zeitgeist angepasst haben, höchstens noch ein mitleidvolles Lächeln geschenkt bekommen, öfters aber bloss nur noch ein Kopfschütteln. Im Parteiprogramm der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz steht zwar immer noch das Ziel einer „Überwindung des Kapitalismus“, auch die „Abschaffung der Armee“ kann man dort immer noch als Parteiziel finden, in der Realität hingegen ist nichts mehr davon zu spüren. Arrivierte SP-Politiker, die in ihrer Jugend Mitglied der Jungsozialisten waren, reagieren, darauf angesprochen, oft geradezu mit einer Art von Selbstverleugnung: Jaja, da seien sie eben noch naiv und unerfahren gewesen, inzwischen seien sie vernünftiger geworden und sowieso hätten sich ja die Zeiten seither „grundlegend verändert“. Fast wie eines dieser Aushängeschilder der deutschen Grünen, Joschka Fischer, der in seiner Jugend Steine gegen Polizisten warf und den Wehrdienst verweigerte, später aber einer der vehementesten Befürworter des völkerrechtswidrigen NATO-Kriegs gegen Jugoslawien war und heute dafür plädiert, möglichst viele junge Männer an der Seite der Ukraine in den Krieg gegen Russland zu schicken. Selbst die wichtigsten Exponentinnen und Exponenten der Schweizer Sozialdemokratie scheinen sich kaum mehr an die ursprünglichen humanistischen und pazifistischen Visionen der Linken und der Arbeiterbewegung zu erinnern. Voller Stolz verkündete Bundesrat und Justizminister Beat Jans Ende November 2024, die Schweiz sei bezüglich gewaltsamer Ausschaffungen von Asylsuchenden in ihre Heimatländer – weitgehend unabhängig von den Fluchtursachen – „europaweit führend“, es sei aber „noch nicht genug“ und man müsse „noch viel weiter gehen“. Auch Elisabeth Baume-Schneider, Sozialministerin, schien es, als es um die Finanzierung der 13. AHV-Rente im Umfang von jährlich rund vier Milliarden Franken ging, nicht in den Sinn zu kommen, man könnte dieses Geld beispielsweise ganz locker durch die Besteuerung der jährlichen Erbschaften im Betrag von rund 100 Milliarden oder etwa durch die Einführung einer Kapitalgewinnsteuer hereinholen, was ebenfalls ein leichtes Spiel wäre in Anbetracht der Tatsache, dass allein im Jahre 2025 die 300 Reichsten der Schweiz um ganze 38,5 Milliarden Franken reicher wurden, ohne dafür einen Finger krümmen zu müssen. Aber nein, auch die Sozialdemokratin Baume-Schneider spricht sich dafür aus, das nötige Geld mittels einer Erhöhung von Mehrwertsteuer und Lohnabzügen zu beschaffen, also ausgerechnet bei denen, die man mit der 13. AHV-Rente eigentlich hätte ein wenig entlasten wollen. Wie sehr der Sozialdemokratie ihr theoretisches Gerüst verloren gegangen ist, zeigt sich auch in ihrer Beurteilung des Ukrainekonflikts. Es braucht nicht viel historisches Wissen, um zur Einsicht zu gelangen, dass nicht Russland, sondern die NATO mit ihrer aggressiven Expansionspolitik zwischen 1991 und 2014 sowie die Diskriminierung der russischsprachigen Bevölkerung in der Ostukraine zwischen 2014 und 2022 – mit insgesamt rund 14’000 Todesopfern – die eigentliche Hauptursache des Ukrainekriegs bildeten. Doch härtnäckigst verweigert sich die SP solchen grundlegenden Einsichten und verficht unisono mit westlichen Kriegstreibern eine einseitige Politik der militärischen Aufrüstung und moralischen Verurteilung Russlands.

30 Jahre, in denen sich die ehemals linken und antikapitalistischen Parteien und Bewegungen Europas nach und nach in den kapitalistischen Mainstream einbinden liessen und die vom Kapitalismus Ausgebeuteten und Entrechteten, für deren Interessen sie sich dereinst eingesetzt hatten, wie heisse Kartoffeln fallen liessen, ihrem Schicksal hilflos ausgeliefert bleibend. Fast alle früheren Marxisten, Trotzkisten und Anarchisten sind heute Kapitalisten. Begriffe wie „Sozialismus“, „Weltveränderung“ oder „Pazifismus“ sind fast schon Schimpfwörter, Wörter wie „Solidarität“ oder nur schon „sozial“ auch schon ziemlich suspekt. Wer für einen Einheitslohn über alle beruflichen Tätigkeiten hinweg plädiert, muss fast damit rechnen, als „geistesgestört“ betrachtet zu werden, zumindest aber als völlig „naiv“ und „weltfremd“ – während die gleichen Leute, die mit solchen Wörtern um sich werfen, keinen Anstoss daran zu nehmen scheinen, dass der höchste Lohn im Basler Pharmaunternehmen Roche den niedrigsten innerhalb des gleichen Unternehmens um das 307fache übertrifft. Die kapitalistische Gehirnwäsche funktioniert mittlerweile dermassen perfekt, dass selbst die minimalsten Gerechtigkeitsgefühle weitgehend ausser Kraft gesetzt zu sein scheinen, auch oppositionelles und systemkritisches Denken als solches, eine Gleichschaltung nie dagewesen Ausmasses im Kleinen wie im Grossen: 2003, kurz vor dem völkerrechtswidrigen Angriff der USA auf den Irak, fanden sich auf dem Bundesplatz in Bern über 100’000 Friedensdemonstrantinnen und Friedensdemonstranten ein. Heute, angesichts eines drohenden, von Seiten der USA und insbesondere Deutschlands provozierten dritten Weltkriegs, sind es noch ein paar hundert.

„Das ist das Ende der Geschichte“, verkündete der US-Ökonom Francis Fukuyama anlässlich des Zusammenbruchs der Sowjetunion im Jahre 1991. Er hätte Recht gehabt, wenn die Ausschaltung aller antikapitalistischen Kräfte zur Verwirklichung des Paradieses auf Erden geführt hätte. Doch leider war das Gegenteil der Fall. Das Ende der Geschichte ist nicht dann erreicht, wenn aller Widerstand gegen den Kapitalismus zusammengebrochen ist und dieser seine Zerstörungskraft in vollem Umfang ungehindert zu entfalten vermag. Im Gegenteil, in diesem Moment sind wir vom Paradies weiter entfernt denn je.

Das Paradies aber ist es, wonach sich alle Menschen im Innersten sehnen. Und dieses Paradies ist nicht, wie uns die Reichen und Mächtigen seit Jahrtausenden weismachen wollen, irgendwo im Jenseits. Nein, es ist hier auf der Erde. Alles, was es zu seiner Verwirklichung braucht, ist vorhanden. Es geht nur darum, die vorhandenen Schätze so gerecht zu verteilen, dass alle Menschen, egal wo und wann sie geboren wurden, den gleichen bedingungslosen Anteil daran haben. Das ist das pure Gegenteil von Kapitalismus.

Und weil eben diese Sehnsucht unausrottbar ist, wird der Widerstand gegen den Kapitalismus, gegen die soziale Ungerechtigkeit, gegen den Krieg, gegen Unterdrückung und Verfolgung niemals aufhören, solange es Menschen gibt. Wenn die „Linken“ diese Aufgabe nicht mehr wahrnehmen, sich von den Reichen und Mächtigen kaufen lassen und sich mit ihnen ins selbe Bett legen, dann bleibt den Menschen in ihrer Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden nichts anderes übrig, als jenen politischen Kräften ihre Stimmen zu geben, welche noch als Einzige dieser Hoffnung Nahrung geben. Deshalb, und nur deshalb, haben die AfD und andere rechte und rechtspopulistische Parteien und Bewegungen derzeit so viel Aufwind, liessen sie es sich doch nicht zweimal sagen, sich in jenes Vakuum zu stürzen, welches die ehemals antikapitalistischen politischen Kräfte hinterlassen hatten.

Das Verhängnisvolle daran ist, dass diese rechten und rechtspopulistischen Parteien und politischen Kräfte nicht, wie die früheren antikapitalistischen Bewegungen, eine internationale Perspektive zur Grundlage haben, sondern eine eng nationalistische. Statt den Kapitalismus als Grundproblem zu erkennen und deshalb dessen Überwindung anzustreben, biegen sie die „Schuld“ vom System auf das Individuum um und gaukeln Lösungen von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Problemen durch härtere Einreisebedingungen, eine restriktivere Asylpolitik, das schnellere Abschieben „missliebiger“ Flüchtlinge oder die Rückbesinnung auf „heimatliche“ Werte vor, was zwar bei zahlreichen Wählerinnen und Wählern gut ankommt, die Probleme und deren eigentliche Ursachen aber nicht von Grund auf und nachhaltig anzugehen vermag. In diesem Sinne bieten sie auch nicht eine echte Alternative zum Kapitalismus an, der auf dem Überlebenskampf aller gegen alle beruht, sondern geben diesem sogar noch zusätzlichen Auftrieb.

Und so bleibt die Sehnsucht nach einer Überwindung des Kapitalismus und die Verwirklichung des Paradieses auf Erden nach wie vor unerfüllt. Erstens durch den Kapitalismus und seine zerstörerischen Auswirkungen als solchen. Zweitens durch die Verschmelzung der früheren antikapitalistischen Bewegungen und Kräfte mit dem kapitalistischen Machtsystem. Drittens durch die Verlockungen rechter und rechtspopulistischer Parteien, die nur von den Versäumnissen aller anderen profitieren, ohne aber selber eine glaubwürdige Alternative bieten zu können.

Diese glaubwürdige Alternative gilt es aufzubauen. Der Kapitalismus kann nicht das Ende der Geschichte sein. Auch der Krieg kann nicht das Ende der Geschichte sein. Das Ende der Geschichte ist das Paradies. Das Paradies hier auf der Erde. Es zu finden, geht nur, wenn wir aus der Vergangenheit lernen. Fronten, Mauern und Grenzen zwischen denen, die die „Wahrheit“ gefunden haben, und denen, die sie verteufeln, werden früher oder später weichen müssen. Nicht das Trennende müssen wir suchen, sondern das Verbindende. Denn genau das, was uns Menschen über alle Grenzen hinweg verbindet, die Liebe, ist das einzige wirklich zutiefst Revolutionäre. Vielleicht sind wir, nach allem, dem Paradies schon viel näher, als wir ahnen. Und vielleicht, ja vielleicht öffnen sich die Türen dorthin genau in dem Augenblick, in dem wir schon alle Hoffnung aufgeben haben. Denn „das Böse“, so Hannah Arendt, „ist immer nur extrem, aber niemals radikal, es hat keine Tiefe. Es kann die ganze Welt verwüsten, gerade weil es wie ein Pilz an der Oberfläche weiterwuchert. Tief aber und radikal ist immer nur das Gute.“