Archiv des Autors: Peter Sutter

Reiche leben länger

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den USA haben herausgefunden, dass die Lebenserwartung höherer Einkommens- und Bildungsschichten um bis zu zwölf Jahre über jener der untersten sozioökonomischen Schicht liegen kann, was auf zahlreiche Faktoren wie gesündere Ernährung, bessere medizinische Versorgung oder günstigere Lebens- und Jobperspektiven zurückgeht. (Tagesanzeiger, 31. Juli 2023)

Dramatische Zunahme von Schulstress insbesondere bei weiblichen Teenagern: Ursachen bekämpfen statt Symptome

Peter Sutter, 29. November 2023

Gemäss „Tagesanzeiger“ vom 29. November 2023 leiden – aufgrund einer umfassenden Befragung aller 14Jährigen in der Stadt Zürich – mehr als die Hälfte der Mädchen „ziemlich“ bis „sehr“ unter dem Druck in der Schule, 2017 waren es noch halb so viele. Jedes dritte Mädchen zeigt Hinweise auf eine Angststörung, knapp die Hälfte der Mädchen hat mindestens einmal pro Woche Kopfschmerzen, zugenommen haben auch Bauch- und Rückenschmerzen, rund vier Prozent haben auch schon versucht, sich das Leben zu nehmen. Für Erholung und ausgleichende Freizeitaktivitäten bleibt kaum Zeit: Zwei Fünftel der Mädchen geben an, täglich zwei Stunden oder mehr für die Hausaufgaben aufwenden zu müssen. Auch die Knaben leiden, wenngleich in etwas geringerem Ausmass, zunehmend unter dem steigenden schulischen Leistungsdruck. Wenn nun der oberste kantonale Schulpsychologe postuliert, die Mädchen müssten mehr Eigenverantwortung übernehmen und lernen, etwa durch Ablenkung, Sport und Medienpausen einen Weg aus der Abwärtsspirale zu finden, so ist das nur zynisch. Auch ein grösseres Angebot an schulpsychologischen Sprechstunden oder Präventionsbotschaften in Form von Karten für die Hosentasche sind reine Symptombekämpfung.

Statt der Symptome müssten vielmehr die Ursachen bekämpft werden. Lernen könnte so schön sein und es wäre so einfach. Man müsste nur dort weitermachen, wo es in den ersten Lebensjahren begonnen hatte: lustvoll, voller Begeisterung, aus eigener Motivation, selbstbestimmt, ohne Zwang und zugleich so überaus erfolgreich. Und man müsste sich endlich von der unseligen Idee verabschieden, Kinder und Jugendliche bei ihrem Lernen miteinander zu vergleichen, zu bewerten, zu messen und sie damit in einen gegenseitigen Konkurrenzkampf zu zwingen, der so viele Leiden verursacht und letztlich die ganze ursprüngliche Lernfreude zerstört. Man müsste nur endlich das verwirklichen, was Johann Heinrich Pestalozzi schon vor über 250 Jahren gefordert hat: „Vergleiche nie ein Kind mit dem andern, sondern stets nur jedes mit sich selber.“

Gaza mitten in der Nacht: Ein dreijähriger Bub rennt um sein Leben

Peter Sutter, 27. November 2023

Mitten in der Nacht
rennt der dreijährige Bub in seinem
schwarzzerfetzten Hemd
barfuss
ohne Eltern
ohne Bruder
ohne Schwester
alle verloren
verzweifelt die
Strasse voller Leichen entlang aus dem
Norden wo jetzt
wieder Bomben fallen in den
Süden wo gleichermassen wieder
Bomben fallen werden
Hunger
Durst
Kälte
blutende Füsse ein
blutendes Herz
ein drei Jahre alter Bub ohne
alle Hoffnung
mitten in der Nacht kann ich immer noch
nicht schlafen das
Bild lässt mich nicht los und selbst
wenn ich schliefe ich sähe ihn
augenblicklich wieder im Traum die
Strasse voller Leichen entlang rennen
hilflos kritzle ich ein paar Gedanken auf ein leeres Blatt Papier
bloss um irgendetwas zu TUN
ich schaue hinaus doch alles
ist dunkel und ich frage mich
wie können die alle jetzt so
ruhig schlafen wenn doch der
kleine Palästinenserbub
und Hunderte andere Kinder
mitten in der Nacht
hungrig durstig frierend mit
blutenden Füssen
immer noch um ihr
Leben rennen
aber vielleicht steckt doch allem zum Trotz
tief in uns drinnen immer noch jene unendliche Sehnsucht nach einer
Welt voller Frieden und Gerechtigkeit
vielleicht träumen ja alle die jetzt schlafen von diesem
kleinen Buben der um sein Leben rennt auch wenn sie sich am
nächsten Morgen nicht mehr daran erinnern werden
vielleicht wird ja dieser Traum von einer
ANDEREN WELT
allem zum Trotz doch noch eines
Tages wahr
von einer Welt in der nie mehr ein dreijähriges Kind
mitten in der Nacht
ohne seine Eltern
hungrig und durstig und frierend um sein
Leben rennen muss und andere
mitten in der Nacht
hilflos ein paar Gedanken auf ein
leeres Blatt Papier kritzeln
bloss um irgendetwas zu TUN
der Traum von einer Welt in der endlich
ALLE friedlich
schlafen können.


Die Schweiz werde in den grossen Konflikten als Friedensvermittlerin keine Rolle mehr spielen – wer hat denn diese „Wahrheit“ in die Welt gesetzt und weshalb glauben schon fast alle daran?

Peter Sutter, 26. November 2023

Es sei, so Aussenminister Ignazio Cassis, nicht die Rolle der Schweiz, mit der Hamas zu verhandeln. Auch die NZZ am Sonntag vom 26. November 2023 stellt fest: „Die Schweiz spielt in den grossen Konflikten keine Rolle mehr als Vermittlerin“ und, noch deutlicher: „Die Welt braucht uns nicht mehr.“ Und auch Mitte-Präsident Gerhard Pfister bläst ins gleiche Horn: „Es braucht einen realistischen Blick und das Eingeständnis, dass wir nicht die grossen Friedensstifter sind, für die wir uns halten.“ Was für ein Armutszeugnis. Weshalb soll die Schweiz nicht das schaffen können, was soeben das vier Mal kleinere Katar geschafft hat, indem es im Kontakt mit der israelischen Regierung und der Hamas eine Waffenpause und den gegenseitigen Austausch von Geiseln und Gefangenen ausgehandelt hat? Wer hat denn diese Behauptung, die Schweiz werde zukünftig nicht mehr als Vermittlerin von Friedenslösungen eine Rolle spielen, in die Welt gesetzt? Irgendeine „höhere“, unsichtbare Macht? Irgendein „Zeitgeist“? Irgendeine „Zeitenwende“?

Frieden ist doch keine Frage von Zeitgeist oder Zeitenwende. Wer immer etwas zur Aussöhnung zwischen Völkern und Staaten beitragen kann, hat doch schlicht und einfach die moralische Pflicht, dies zu tun, auch wenn es anfänglich noch so aussichtslos erscheinen mag, selbst wenn es am Ende vielleicht scheitert. Aber man muss es doch wenigstens versuchen. Nur wenige Länder hätten hierfür so optimale Voraussetzungen wie die Schweiz mit ihrer jahrhundertelangen Neutralität und humanitären Tradition. Haben wir vergessen, wie unglaublich viel beispielsweise Mahatma Gandhi oder Martin Luther King mit ihrem unerschütterlichen Glauben an die Gewaltlosigkeit und ihrem radikalen Einstehen für Frieden und Gerechtigkeit erreicht haben? Müssten wir uns nicht vermehrt wieder solche charismatische Persönlichkeiten zum Vorbild nehmen und alles daran setzen, ihren Spuren zu folgen? Denn nicht die Geschichte sollte die Menschen lenken, sondern die Menschen sollten die Geschichte lenken.

Urban Studies an der Universität Basel: „Fanatismus“ oder längst fällige, vorurteilsfreie Aufarbeitung historischer Realitäten?

Peter Sutter, 26. November 2023

Seit es in der Schweiz Universitäten gibt, waren diese ein Abbild westlich-kapitalistischer Machtverhältnisse, wo stets die Lehre der freien Marktwirtschaft verbreitet wurde, als gäbe es nichts Vernünftiges ausserhalb davon. Ausbeutungsverhältnisse zwischen profitierenden und ausgebeuteten Ländern waren selten ein Thema und im Geschichtsstudium lernt man sogar bis heute, die Schweiz sei nie aktiv an Kolonialismus und Sklavenhandel beteiligt gewesen. Und dies, obwohl der Historiker Hans Fässler bereits 2005 in seinem Buch „Reise in Schwarz-Weiss“ die engen Verstrickungen der Schweiz mit dem transatlantischen Sklavengeschäft aufgezeigt hat und die Schweiz als Drehscheibe im globalen Rohstoffhandel und als weltweit führender Finanzplatz mehr als die meisten anderen Ländern bis heute von den durch den Kolonialismus geschaffenen Abhängigkeits- und Ausbeutungsstrukturen profitiert, was sich nur schon darin zeigt, dass die Schweiz im Handel mit „Entwicklungsländern“ gemäss der Entwicklungsorganisation Oxfam einen 50 Mal höheren Profit erwirtschaftet, als sie diesen Ländern in Form von „Entwicklungshilfe“ wieder zurückgibt.

Dies alles löste nie einen Aufschrei aus. Erst jetzt, seitdem aus dem Fach Urban Studies an der Universität Basel im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt Begriffe wie „Landkarten als Terrains der Macht“, „systematischer Rassismus“ oder „Apartheid“ zu vernehmen sind, bricht die grosse Empörung aus und die „Sonntagszeitung“ spricht gar von einem „Fanatismus an der Universität Basel“. Die Frage ist bloss, was denn wohl fanatischer ist, ein über so lange Zeit aufrechterhaltendes Vertuschen historischer Realitäten oder der Mut, die Aufarbeitung dieses wichtigen Themas endlich vorurteilsfrei in Angriff zu nehmen.

Voice of Germany: Die Absurdität des Wettbewerbs

Peter Sutter, 25. November 2023

Von sämtlichen Hobbysängerinnen und Hobbysängern, die sich für den Songcontest „Voice of Germany“ 2023 angemeldet hatten, durften 150 an den sogenannten „Blind Auditions“ teilnehmen. Ende November kämpfen nun 36 Kandidatinnen und Kandidaten um den Einzug ins Halbfinale, wo noch zwölf von ihnen dabei sein werden, um dann ein letztes Mal gegeneinander anzutreten, bis der Sieger oder die Siegerin des diesjährigen Contests definitiv feststeht.

Noch sitzt sie auf einem der vier Stühle, wo die Gewinnerinnen und Gewinner der ersten Runde vor dem Einzug ins Halbfinale Platz genommen haben. Eben noch hat ihre Engelsstimme, ohne auch nur einen einzigen Misston, die Herzen des Publikums berührt. Doch jetzt stampft ihr Herausforderer mit lauter Stimme und wild gestikulierend über die Bühne, viele im Publikum beginnen zu kreischen, immer mehr haben sich von ihren Sitzen erhoben, klatschen und stampfen begeistert mit. Und schon längst weiss sie, dass es nur noch eine oder zwei Minuten gehen wird, bis sie ihren Sitz räumen und ihrem Herausforderer Platz machen muss, mit zu grosser Wucht ist er aufgefahren, hat von allem Besitz ergriffen, alles Vorherige weggefegt und die Erinnerung an ihre eben noch so leisen, sphärenhaften Töne ausgelöscht. Mit Tränen in den Augen verlässt sie die Bühne, der monatelange Traum, eine weltberühmte Sängerin zu werden, hat sich innerhalb von drei Minuten in Nichts aufgelöst. Strahlend sitzt der Wilde jetzt auf dem Stuhl, wo eben noch der Engel sass. Doch bereits steht die nächste Herausforderin am Mikrofon und das gnadenlose Spiel geht unerbittlich weiter…

Weshalb um alles in der Welt muss es immer Sieger und Verlierer geben? Weshalb müssen 999 Träume platzen, damit am Ende EIN Traum in Erfüllung geht? Wozu all die Tränen, die Enttäuschungen, das gebrochene Selbstvertrauen? Ist es für das TV-Publikum so viel prickelnder, schafft es so viel höhere Einschaltquoten, wenn man die Menschen gegeneinander um Sieg und Niederlage kämpfen lässt, als wenn man sie ganz einfach gemeinsam ein grosses Fest der Talente feiern liesse, das Fest einer unendlichen Vielfalt an Begabungen, die man so wenig miteinander vergleichen kann, wie man auch die Menschen als solche in ihrer Einzigartig ganz und gar nicht miteinander vergleichen kann? Lässt sich das, was der berühmte Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi vor über 250 Jahren in Bezug auf die Kinder sagte, nämlich, dass man keines mit einem anderen vergleichen dürfe, sondern stets nur jedes mit sich selber, nicht gleichermassen auf die Erwachsenen zu? Oder haben wir uns an die gesellschaftliche „Normalität“ ständigen Bewertens, Messens, Vergleichens und Aufspaltens der Menschen in Gewinner und Verlierer schon so sehr gewöhnt, dass wir sie unbesehen auch in all jenen Lebensbereichen anwenden, wo sie rein gar nichts zu suchen haben?

Ich rede nicht von denen, die nicht gut singen, nicht gut tanzen oder keine schönen Gedichte schreiben können. Wenn jemand nur schiefe Töne hervorbringt, beim Tanzen über seine eigene Beinen stolpert oder Gedichte schreibt, die keine einzige Seele berühren, dann darf man ihm ruhig sagen, dass er sich vielleicht besser andere Wege suchen soll, um herauszufinden, wo seine tatsächlichen Begabungen schlummern. Wenn aber ein Engel singt und jeder Ton durch Mark und Bein geht, dann wurde in diesem Augenblick ein Star geboren und ein Talent entdeckt, das man dann doch nicht mir nichts dir nichts gleich wieder zuschütten darf, bloss weil eine andere Stimme noch ein ganz klein wenig schöner klingt oder ein anderer Song einen Rhythmus hat, der das Publikum viel schneller von den Stühlen zu reissen vermag. Weshalb kann man Talentshows nicht so gestalten, dass es zwar durchaus eine hohe Messlatte geben darf, dass aber, wer diese erreicht, zum Talent erkoren wird und so etwas wie einen „Mastertitel“ zugesprochen bekommt, den ihm dann niemand mehr wegnehmen kann. Dann würden, je nach dem Gesamtpotenzial der vorhandenen Begabungen, in der einen dieser Talentshows vielleicht neunzig „Mastertitel“ verliehen, in einer anderen vielleicht tatsächlich nur ein einziger. Kein einziger Traum, der auf einer tatsächlichen Begabung beruht, müsste dann platzen, alle, die es verdient haben, könnten sich freuen, alle wären erfolgreich und die alte Geschichte vom Siegen und Verlieren wäre damit endlich überwunden.

Wie absurd, einer einzigen von 150 Stimmen zu Weltruhm zu verhelfen und gleichzeitig 149 Stimmen für immer verstummen zu lassen. Wie wenn du in einen Wald gehen und „Voice of Forest“ spielen würdest, alle Vögel des Waldes gegenseitig um die Wette singen liessest, bis am Ende nur noch ein einziger von ihnen übrig geblieben wäre und alle anderen, zu Tode erschöpft, für immer aufgehört hätten, ihre Lieder weiter zu singen. Glücklicherweise kommen Tiere nicht auf so absurde Gedanken…

Naomi Klein: Die Schock-Strategie – Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus

Nach dem Schock, nach der Krise kommt der Wiederaufbau. Sei es nach Kriegen, Umweltkatastrophen, Wirtschaftscrashs oder nach einer Viruspandemie – in der Folge bricht sich ungezügelter Kapitalismus Bahn, vorgeblich im Interesse einer prosperierenden Gesellschaft. Doch tatsächlich werden so nachhaltige Strukturen zerstört und Menschen- und Arbeitnehmerrechte beschnitten. Naomi Kleins messerscharfe Analyse dieses Mechanismus hat heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren, im Gegenteil – sie ist aktueller denn je. ISBN 978-3-455-01608-6.

Toni Keppeler, Laura Nadolski und Cecibel Romero: Kaffee – eine Geschichte von Genuss und Gewalt

Diese umfassende Geschichte des Kaffees erzählt von den Ursprüngen und der Verbreitung des Kaffees, aber auch vom Leid, das mit dem Anbau der Kaffeebohne und ihrer Verarbeitung verbunden ist, von Umweltzerstörung, Armut und Gewalt. Kaffee ist auch heute noch eine Kolonialware. Doch es geht auch anders, wie der wachsende Markt für umwelt- und sozialverträglich produzierten Kaffee zeigt. ISBN 978-3-03973-003-2.

Objektive, unvoreingenommene und aufklärende Berichterstattung wichtiger denn je

Fällt es mir erst jetzt, zurzeit des Nahostkonflikts, immer wieder so deutlich auf, oder war es immer schon so? Anstelle sachbezogener Informationsvermittlung beinhalten Zeitungsartikel häufig ziemlich einseitige, voreingenommene, um nicht zu sagen tendenziöse Aussagen. Dazu im Folgenden zwei Beispiele aus dem „Tagblatt“ vom 18. November 2023.

Zunächst der Wochenkommentar von Patrik Müller zum „Fall der Klimaaktivistin Greta Thunberg“ mit dem bereits schon reichlich tendenziösen Titel VORSICHT VOR MORALAPOSTELN UND FANATIKERINNEN.

Müller unterstellt Greta Thunbergs Klimabewegung „religiöse Züge“, ohne dies allerdings näher zu begründen, und nennt sie eine „Erlöserfigur“, bedient sich also selber eines religiösen Vokabulars, ausgerechnet das, was er ihr vorwirft. Weiter schreibt er, am WEF in Davos seien ihr alle „zu Füssen gelegen“ und hätten ihr „entrückt“ zugehört – was erstens krass übertrieben ist und zweitens offen lässt, ob dies nun ein Vorwurf an Greta Thunberg sein soll oder eher an ihr Publikum. Auch wirft er Greta Thunberg vor, sie sei an einer Veranstaltung „in ein Palästinensertuch gehüllt“ aufgetreten, „Seite an Seite mit Aktivisten, die antisemitische Parolen skandierten“, von denen eine sogar behauptet hätte, Israel begehe im Gazastreifen „Völkermord“ – erstens ist es Greta Thunbergs gutes Recht, aus Solidarität mit den berechtigten Anliegen des palästinensischen Volks nach politischem Selbstbestimmungsrecht ein Palästinensertuch zu tragen, zweitens kann man sie nicht für Aussagen von anderen Menschen verantwortlich machen, die zufällig neben ihr standen, sonst müsste man noch manchen Politiker für irgendetwas verantwortlich machen, bloss weil er irgendwo mal an der Seite von irgendwem stand, und drittens ist das, was diese Aktivistin sagte, nämlich, dass Israel im Gazastreifen Völkermord begehe, nichts anderes als das, was unlängst auch mehrere Minister der spanischen Regierung sowie 30 unabhängige Berichterstatter der UNO gesagt haben. Müller wirft sodann die Frage auf, weshalb sich Greta Thunberg nicht auf ihr „Kerngeschäft“ beschränke. Doch weshalb soll sie sich nicht zum Nahostkonflikt äussern und eine pointierte Haltung einnehmen dürfen? Will man ihr dies nur deshalb verwehren, weil man sie ausschliesslich auf die Rolle der Klimaaktivistin reduzieren möchte? Oder hat man Angst davor, sie könnte dank ihrer Popularität andere Menschen zu sehr beeinflussen? Schliesslich steigert sich Patrik Müller zur Behauptung, die zwanzigjährige Greta Thunberg sei „komplett überfordert“. Ich sehe die Überforderung allerdings eher bei denen, die nichts Gescheiteres wissen, als eine so mutige, idealistische junge Frau, der es nicht egal ist, wie unsere Erde in zehn, zwanzig oder dreissig Jahren aussehen wird, mit weit hergeholten Unterstellungen, Schlagwörtern und Schuldzuweisungen in ein schiefes Licht zu rücken, bloss weil sie Dinge sagt, die nicht allen passen.

Zweitens ein Artikel von Julian Schütt mit dem Titel „Wenn die Hamas fortbesteht, geht unsere Zivilisation zu Ende“.

Ohne die Terrorattacke vom 7. Oktober auch nur im Entferntesten rechtfertigen zu wollen, muss man schon daran erinnern, dass dies nicht das einzige und nicht einmal das schlimmste Verbrechen war, von dem die Welt in diesem Jahrhundert bis jetzt betroffen war. Denken wir nur, um ein einziges Beispiel zu nennen, an den Irakkrieg 2003, der von den USA in Verletzung des internationalen Völkerrechts und aufgrund einer reinen Lügenpropaganda angezettelt wurde und den Tod von über einer halben Million unschuldiger Zivilpersonen zur Folge hätte. Da hätte man dann noch mehr Grund gehabt, ein „Ende unserer Zivilisation“ heraufzubeschwören. Weiter behauptet Schütt: „Schweizer Demonstranten, die einen sofortigen Waffenstillstand fordern, und Politiker, die im Namen der ganzen Schweiz jener antiisraelischen UNO-Resolution zustimmten, behandeln die Hamas als ernst zu nehmende Gesprächspartnerin und helfen ihr so.“ Da wird nun wirklich alles in einen Topf geworfen. Erstens behandeln bei weitem nicht alle Schweizer Demonstranten, die einen sofortigen Waffenstillstand fordern, die Hamas als ernst zu nehmende Gesprächspartnerin, sondern haben im Gegenteil grösstenteils den Angriff der Hamas stets aufs Schärfste verurteilt, trotzdem fordern sie einen sofortigen Waffenstillstand, was wohl angesichts der aktuellen Lage das einzige Vernünftige ist, oder sollen noch weitere Tausende unschuldige Männer, Frauen und Kinder sterben? Zweitens war die UNO-Resolution, der die Schweizer Delegation zustimmte, alles andere als antiisraelisch. Diese Resolution verurteilt “jegliche Gewalt gegen israelische und palästinensische Zivilpersonen” (damit also auch den Angriff der Hamas), fordert die „sofortige und bedingungslose Freilassung aller Zivilpersonen“, die „illegal festgehalten“ werden, verlangt „ungehinderten Zugang für humanitäre Hilfe in den Gazastreifen“, eine „sofortige Waffenruhe“ und eine „Einstellung aller Feindseligkeiten“. Was soll an dieser Resolution „antiisraelisch“ sein? Schliesslich schreibt Schütt: „Die Schweizer Politik, besonders auf der linken Seite, täte gut daran, wirksamer gegen den grassierenden Antisemitismus und gegen antiisraelische Tendenzen in unserem Land vorzugehen.“ Wieder wird alles durcheinandergemischt. Erstens kommt – wie gerade eine kürzlich publizierte Untersuchung ergeben hat – Antisemitismus weitaus häufiger von der politischen Rechten als von der politischen Linken. Zweitens kann man Antisemitismus und antiisraelische Tendenzen nicht im gleichen Atemzug nennen, im Gegenteil, eine klare Differenzierung ist wichtig. Antisemitismus bedeutet, das jüdische Volk als etwas Minderwertiges zu bezeichnen, dies ist fraglos klar zu verurteilen. Wer aber die heutige Machtpolitik der israelischen Regierung kritisiert, ist deswegen noch lange kein Antisemit. Man darf die israelische Regierung genauso kritisieren, wie man auch jede andere Regierung der Welt kritisieren darf. Leider wird Kritik an der israelischen Regierung häufig mit dem Argument abgeblockt, dies sei etwas Antisemitisches, was ganz und gar nicht der Fall ist.

Einseitige Schuldzuweisungen, fehlende Differenzierung und Vermischung von Begriffen, die nichts miteinander zu tun haben, bringen uns nicht weiter. In einer emotional so aufgeladenen Zeit wie der unseren ist möglichst objektive, unvoreingenommene und aufklärende Berichterstattung wichtiger denn je.