Archiv des Autors: Peter Sutter

Maja Göpel: Unsere Welt neu denken

Das anrollende Klimachaos, die zunehmenden Konflikte zwischen Arm und Reich und die Polarisierung unserer Gesellschaften zeigen deutlich: Weitermachen wie bisher ist keine Option. Das Buch veranschaulicht, welche Denkbarrieren wir aus dem Weg räumen sollten, um künftig klüger mit natürlichen Ressourcen, menschlicher Arbeitskraft und den Mechanismen des Marktes umzugehen – jenseits von Verbotsregimen und Wachstumswahn. ISBN 978-3-550-20079-3.

Rutger Bregman: Im Grunde gut

Dass der Mensch grundsätzlich böse sei, ist ein Grundpfeiler westlichen Denkens. Rutger Bregman fragt, wie es zu diesem Menschenbild kam. Und er wagt eine neue Geschichte – die des Menschen, der gut ist. Denn nicht Argwohn und Egoismus ermöglichten den Fortschritt der Menschheit, sondern Vertrauen und Kooperation. Bregman zeigt, dass eine menschliche, gerechte und ökologische Welt möglich wird, wenn wir erkennen: Wir sind besser, als wird denken. ISBN 978-3-499-00416-2.

Erstes Montagsgespräch am 4. September 2023: Wie könnte ein nichtkapitalistisches Wirtschafts- und Gesellschaftssystem aussehen?

Dass das kapitalistische Wirtschaftssystem sowohl in sozialer, wirtschaftlicher, vor allem aber auch in ökologischer Hinsicht viele Mangel aufweist, darüber war man sich in der Runde einig. Im Fokus stand die Kritik am kapitalistischen Wachstumsglauben, der zu einer immer grösseren Überproduktion und zu einem masslosen Verschleiss an Rohstoffen und Energie führt, mit den bekannten schädlichen Folgen für die Umwelt und die zukünftigen Lebensgrundlagen. Höchst ungerecht aber ist auch die Verteilung von Einkommen und Vermögen, so beträgt beispielsweise im Pharmakonzern Roche die Differenz zwischen den höchsten und den tiefsten Löhnen 307 zu 1! Zu reden gab auch der Umstand, dass im National- und Ständerat die Bevölkerungsgruppe der wenig verdienenden Berufsleute praktisch nicht vertreten ist. Allgemein sei die Gesellschaft zunehmend vom Druck am Arbeitsplatz und von gegenseitigem Konkurrenzkampf um den sozialen Aufstieg geprägt, was schon in der Schule beginne, wo die Kinder und Jugendlichen gegenseitig um gute Noten und Zukunftschancen wetteifern müssen. Als Lösungsansätze wurden in der Runde unter anderem folgende Punkte genannt: Mehr Transparenz in der politischen Werbung, denn oft werden Abstimmungen durch finanziell Mächtige so stark manipuliert, dass die Mehrheit der Bevölkerung Entscheide gegen ihre eigenen Interessen trifft, so zum Beispiel beim Thema Einheitskrankenkasse. Eine Wirtschaft, die nicht vor allem auf Profitmaximierung ausgerichtet ist, sondern auf das Wohlergehen der gesamten Gesellschaft. Ein neues Denken und eine neue Sprache als Grundlage für innovative Zukunftslösungen. Eine gerechtere Verteilung von Vermögen und Einkommen. Ein stärkeres Mitspracherecht der arbeitenden Bevölkerung in der Wirtschaft. Einig war man sich auch darin, dass die bestehenden Verhältnisse nicht von heute auf morgen umgekrempelt werden können. Doch es braucht so etwas wie «Leuchttürme», wie es einer der Diskussionsteilnehmer formulierte: Visionen, Zukunftsideen, an denen man sich orientieren kann und die Hoffnung vermitteln, dass eine Welt jenseits von reiner Gewinnmaximierung, endlosem Wachstum, sozialer Ungleichheit und einem immer härteren gegenseitigen Konkurrenzkampf möglich ist. Oder, mit den Worten von André Stern: «Zwischen der heutigen Welt und der zukünftigen ist ein riesiger Ozean, und da ist es schon klar, dass wir diesen Sprung nicht unter einem Mal schaffen, es braucht viele kleine Schritte.»

Fünfmal so gross wie die Titanic

In der Werft Meyer Turku in Finnland entsteht derzeit das grösste Kreuzfahrtschiff der Welt, die „Icon of the Seas“. Es ist 365 Meter lang und 50 Meter breit und damit fünfmal so gross wie die Titanic. Knapp 10’000 Personen haben haben darauf Platz. Das Schiff der Superlative soll 2024 in See stechen – mit 20 Sonnendecks, 16 Pools und einer Eishalle an Bord. Auf dem Oberdeck des Schiffs befindet sich ein riesiger schwimmender Wasserpark. Wie farbige Regenwürmer schlängeln sich die sechs Wasserrutschen über das Schiff. Darunter eine offene Freifallrutsche sowie eine Flossrutsche, auf der vier Personen gleichzeitig fahren können. Auf dem Bug des Kreuzfahrtschiffs hat die Reederei eine riesige Glaskuppel gebaut. Im sogenannten „Aquadome“ finden Akrobatik- und Tanzshows statt – und es gibt einen künstlichen Wasserfall. Verteilt auf den 20 Decks gibt es ein Dutzend Restaurants und Cafés. Und auch einen Minigolfplatz und einen Kletterpark. In einem heruntergekühlten Theater finden Eiskunstlauf-Shows statt. Auch die Flora darf nicht fehlen. Die Reederei betitelt die Grünanlage auf dem Schiff als „Central Park“. Dort sollen etwa 20’000 Pflanzen und etliche echte Bäume wachsen. 1,1 Milliarden Dollar soll der Bau der „Icon of the Seas“ kosten. Und bereits baut die Royal Caribbean in Finnland an ihrem nächsten schwimmenden Koloss, der „Utopia of the Seas“. Offiziell wird sie aber nur das zweitgrösste Schiff der Welt sein. (NZZ, 20. Juli 2023)

Ferienträume

Während immer mehr Touristinnen und Touristen aus den wohlhabenden Ländern Griechenland überschwemmen, können sich immer Griechinnen und Griechen Ferien in ihrem eigenen Land nicht mehr leisten. (Radio SRF1, 19. Juli 2023)

Schweizerische Post kauft 2400 Hektaren Mischwald

Die schweizerische Post kauft 2400 Hektaren Mischwald mit Kiefern, Lärchen, Fichten und Buchen im deutschen Bundesland Thüringen. Über den Kaufpreis und die Konditionen haben die Parteien Stillschweigen vereinbart. Für die CO2-Rechnung der Post mag der Kauf des deutschen Waldes gut sein, für das Klima freilich ändert sich damit nicht viel. Der besagte deutsche Wald entzieht der Atmosphäre nicht grundlegend mehr CO2, nur weil er der Schweizer Post gehört. (Tagblatt, 26. Juli 2023)

Kobalt aus dem Kongo

Obwohl die globale Automobilindustrie, das Geschäft mit Smartphones und die Rohstoffkonzerne Milliardengewinne erzielen, ist der Kongo, von wo 73 Prozent des hierfür hauptsächlich benötigten Kobalts herkommen, eines der ärmsten Länder der Welt. (NZZ, 9.7.2023)

Und immer noch werden die gleichen Märchen über den Reichtum und die Armut von Generation zu Generation weitererzählt…

 

Da behauptete doch unlängst einer dieser Multimillionäre allen Ernstes, die wahren Milchkühe seien die Reichen, sie würden nämlich mit ihren hohen Steuerabgaben den Sozialstaat hauptsächlich finanzieren und deshalb verdankten wir ihnen letztlich unseren Wohlstand. Nur hat er vergessen zu erwähnen, woher denn dieses Geld, das sie angeblich so grosszügig verteilen, ursprünglich gekommen ist. Aus Erbschaften zum Beispiel – gesamtschweizerisch fast 90 Milliarden Franken jährlich. Oder aus Aktiengewinnen – die gesamtschweizerisch insgesamt eine höhere Summe ausmachen als sämtliche Einkommen aus Arbeit. Oder aus Immobilienbesitz. Oder aus überdurchschnittlich hohen Löhnen auf Kosten der weniger gut Verdienenden. Kurz: Aus lauter Quellen, wo sich Geld angesammelt hat, welches auf die eine oder andere Weise nicht von ihnen selber, sondern von unzähligen anderen Menschen erarbeitet wurde.

Die Reichen hätten sich ihren Reichtum aus eigener Kraft verdient? Fehlanzeige. Es ist fast ausschliesslich geklautes Geld. Geld, das sich am einen Ende so gigantisch auftürmt, weil es an so vielen anderen Orten so schmerzlich fehlt. Armut und Reichtum sind die beiden unauflöslich miteinander verbundenen Kehrseiten der gleichen – kapitalistischen – Medaille. Genau so, wie es der arme Mann zum reichen in der Parabel von Bertolt Brecht sagte: „Wärst du nicht reich, dann wär ich nicht arm.“ Doch immer noch reden Politikerinnen und Politiker, Wirtschaftsleute und Verantwortliche von Sozial- und Hilfsorganisationen stets nur davon, es ginge darum, die Armut zu bekämpfen. Falsch. Es geht darum, den Reichtum zu bekämpfen. Wenn man den Reichtum bekämpft, dann verschwindet die Armut ganz von selber.

Wer behauptet, die Reichen würden den Sozialdienst und unseren Wohlstand finanzieren, hat nur insofern nicht ganz Unrecht, als tatsächlich ein progressives Steuersystem höhere Einkommen und Vermögen höher belastet. Ja, sie geben einen Teil des „Geklauten“ tatsächlich der Gesellschaft wieder zurück, aber das Allermeiste behalten sie für sich selber, denn sonst wären sie ja nicht so unglaublich reich und könnten sich nicht so unzählige Luxusvergnügen leisten wie Kreuzfahrten, das Übernachten in den besten Luxushotels der Welt oder den jährlichen Flug auf die Malediven und so vieles mehr, von dem die ärmere Hälfte der Bevölkerung nicht einmal zu träumen wagt.

Die Reichen trügen eine „Bürde“, die schwer auf ihren Schultern laste. Auch so eine aus der Luft gegriffene Behauptung. Nein, Reiche tragen keine Bürden. Wenn jemand eine Bürde trägt, dann die rund 140’000 Menschen in der Schweiz, die trotz voller Erwerbsarbeit zu wenig verdienen, um davon eine Familie ernähren zu können. Vollends absurd schliesslich die auch oft gehörte Behauptung, Reiche würden mehr bezahlen, als sie verdienen. Wenn das tatsächlich so wäre, dann müssten sie ja alle schon längst verhungert sein.

Die absurdeste Behauptung aber, um den eigenen Reichtum zu rechtfertigen, stellte der genannte Multimillionär mit der Aussage auf, Reiche seien eben ganz „besondere“ Menschen, würden sich von der Masse abheben und gezielt andere Wege gehen. Als wäre zukünftiger Reichtum bereits in den Genen angelegt und bleibe denen, die es nie zu grösserem Reichtum bringen, nichts anderes übrig, als sich mit ihrer Situation abzufinden und erst noch das Gefühl zu haben, selber daran schuld zu sein.

In solchen Momenten denke ich: Eigentlich befinden wir uns, sozialpolitisch gesehen, in dem, was man durchaus als „Entwicklungsland“ bezeichnen könnte: Elementarste wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenhänge werden kaum je thematisiert, auch nicht – und ganz besonders nicht – von denen, die sich „Wirtschaftswissenschaftler“ und „Wissenschaftlerinnen“ nennen und von denen einer kürzlich allen Ernstes die These aufstellte, der Schweizer Bevölkerung sei es materiell noch nie so gut gegangen wie heute – ohne zu erwähnen, dass die hohen Durchschnittseinkommen und Durchschnittsvermögen nichts anderes sind als die Folge der immer weiter in die Höhe schnellenden Spitzenvermögen und Spitzeneinkommen, was all denen, die unvermindert am unteren Ende dieser Skala verharren – jener Million Menschen in der Schweiz, welche von bitterer Armut betroffen sind -, nicht einmal auch nur der schwächste Trost sein kann.

Ja. Ein Entwicklungsland, wo immer noch, seit Generationen, die gleichen Märchen über den Reichtum und die Armut weitererzählt werden. Und das Verrückte ist: Fast alle glauben es, selbst die Armen und Bestohlenen selber. Wie lange noch?

Der namenlose Spitzenakrobat ohne Publikum

Vier Visiere, je etwa 45 Meter hoch, stehen seit ein paar Monaten auf dem Baugrund des geplanten Hochhauses, um die Ausmasse des Gebäudes zu markieren, vier Türme aus einem Stahlrohrgerüst, schmal und schwankend in die Höhe ragend, gesichert durch Drahtseile an jeder Ecke. Nun, da der Baubeginn unmittelbar bevorsteht, müssen die Visiere wieder abgebaut werden. Und als ich heute zufällig an der Stelle vorbeikomme, traue ich meinen Augen kaum…

Zuoberst auf einem der schwankenden Stahlrohrtürme steht ein Bauarbeiter und ist damit beschäftigt, die Stahlrohre von oben nach unten auseinanderzuschrauben und mithilfe eines Seils in die Tiefe zu lassen. Er balanciert auf zwei Brettern, die auf den obersten Stangen aufliegen. Eine Herkulesaufgabe in schwindelerregender Höhe, hat doch jede der Stangen, die er unter Aufbietung aller seiner Kräfte auf die jeweilige nächstuntere Stange legen muss, ein Riesengewicht. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie er die zwei Bretter, sobald die oberen Stangen abgetragen sind, auf die nächstunteren Stangen zu legen vermag, die sich etwa zwei Meter unterhalb der Stelle befinden, wo er jetzt gerade steht. Muss er sich den schräg angebrachten Querstangen hinunterzuhangeln versuchen? Aber wie soll er gleichzeitig die Bretter von oben nach unten bringen können? Und wenn eines unten ist, wie holt er dann das andere? Aber noch mehr beschäftigt mich die Frage, wie er überhaupt zuoberst auf den Gerüstturm gelangen konnte. Er musste sich über 45 Meter hinauf Stange um Stange hinaufgehievt haben, um jeweils wieder die nächsten zwei Meter zur nächsthöheren Stange zu überwinden. Und die Bretter, die jetzt zuoberst liegen, zog er die gleich mit in die Höhe oder gelangten die erst ganz am Schluss auf die oberste Stelle, aber wie kam dann das Seil in die Höhe, musste er dieses mit hinauf schleppen, von Stange zu Stange in immer gefährlicherer Höhe balancierend? Und das alles in einer Hitze von weit über 30 Grad…

In keinem Zirkus habe ich jemals eine solche Nummer gesehen. Und doch gibt es da weit und breit kein Publikum, keinen Applaus, keine Standing Ovations. Der Bauarbeiter, der heute dieses Gerüst abträgt, tut schlicht und einfach seine Arbeit, an der äussersten Grenze körperlicher Belastbarkeit, tödlicher Gefahr ausgesetzt. Wie unzählige andere Arbeiterinnen und Arbeiter, hierzulande und weltweit, die Tag für Tag ohne jeglichen Applaus und ohne jegliches Publikum still und fleissig namenlos ihre Schwerstarbeit verrichten. Damit dann andere, wenn die Visiere abgetragen und das neue Hochhaus dort gebaut sein wird, mit dem Vermieten von Büros, Geschäftslokalen und Wohnungen um ein Vielhundertfaches dessen an Profiten einfahren werden, als der namenlose Spitzenakrobat dieses 16. August 2023 jemals auf seinem Lohnkonto sehen wird. Darüber, wie der Kapitalismus funktioniert, braucht man keine Bücher und keine wissenschaftlichen Arbeiten zu lesen. Es genügt, an all den Brennpunkten, wo seine Widersprüche so gnadenlos aufeinanderprallen, nicht achtlos vorüberzugehen…