Das wahre Gesicht des Kapitalismus

«Es gibt Fälle, in denen Arbeitgeber Schwarzarbeiter je nach Gang der Geschäfte entlöhnen. An einem Tag zahlen sie ihnen 100 Franken, an einem anderen 50 Franken und an einem dritten gar nichts.» Das Zitat stammt nicht aus irgendeinem Drittweltland, sondern aus – dem kapitalistischen Musterland Schweiz! Und zwar von Stefan Oberlin, Sprecher der Zürcher Kantonspolizei. Tatsächlich haben die Verzeigungen wegen Beschäftigung von Ausländern ohne Bewilligung gemäss der soeben erschienenen Kriminalstatistik des Bundesamtes für Polizei (Fedpol) in den letzten zehn Jahren deutlich zugenommen. Beim «Ausüben einer nicht bewilligten Erwerbstätigkeit», also beim eigentlichen Schwarzarbeiten, betrug die Zunahme zwischen 2009 und 2018 mehr als zwanzig Prozent, bei der Beschäftigung von Schwarzarbeitern sogar mehr als 60 Prozent. Laurent Paoliello vom Departement für Sicherheit, Arbeit und Gesundheit des Kantons Genf weiss von Schwarzarbeiterinnen und -arbeitern, die 60-70 Stunden pro Woche arbeiteten und dafür 450 Franken erhielten. Das ergibt einen Stundenlohn von knapp 7 Franken. Und Serge Gnos von der Gewerkschaft Unia sagt: «Wir haben Kenntnis von Fällen, in denen Arbeiter unter hundslausigen Verhältnissen arbeiten und wohnen. Und für diese Bruchbuden müssen die Arbeiter den Arbeitgebern erst noch völlig überteuerte Mieten zahlen.»

(NZZ am Sonntag, 21. April 2019)

Hier, im rechtsfreien Raum, zeigt der Kapitalismus sein wahres Gesicht. Hätte man ihn nicht mit Gesetzen und Vorschriften gezügelt, würde er auch heute noch hierzulande so unerbittlich wüten wie im 19. Jahrhundert. Man hätte immer noch wöchentliche Arbeitszeiten von 100 Stunden, die Sechs- oder Siebentagewoche, Hungerlöhne und keine Existenzsicherung im Alter, bei Unfällen oder Krankheit. Wenn sich der Kapitalismus als «menschenfreundliche Wirtschaftsordnung» zu verkaufen versucht, so schmückt er sich dabei mit fremden Federn, den Federn der linken politischen Kräfte und der Gewerkschaften, die in jahrzehntelangem Kampf dem Kapitalismus sein vermeintliches so menschenfreundliches Antlitz verpasst haben…

Der Zins – des einen Fluch, des anderen Segen

Während der Zins des einen finanzieller Fluch, ist er des anderen finanzieller Segen. Wer ihn zu seinem Vorteil nutzt und damit seinen Vermögensaufbau betreibt, steht auf der finanziellen Sonnenseite des Lebens. Wer sich jedoch verschuldet, kann schnell in die Schuldenfalle gesogen werden. Das exponentielle Wachstum der Vermögen (durch Zins und Zinseszins) auf der einen Seite muss also auf der Gegenseite exponentiell wachsende Schulden (und damit auch Zinseslasten) hervortreiben. Diese müssen von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung, den Habenichtsen, erarbeitet werden. Somit ist die Akkumulation von Zins und Zinseszins die Hauptursache der sich beschleunigenden, auseinanderklaffenden Schere zwischen Arm und Reich. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die eingepreisten Zinsabgaben in Produkten und Dienstleistungen. Diejenigen, die sich über ihre Zinserträge auf einem Sparbuch oder aus Aktien freuen, übersehen die in den Preisen verdeckten Zinsabgaben völlig. Diese Abgaben liegen aber im Durchschnitt bei 35 Prozent. Das heisst, dass etwa ein Drittel des Produktpreises aus zinsbedingten Kapitalansprüchen besteht. Mit anderen Worten: Jeder dritte Euro, den wir beim Einkaufen ausgeben, fliesst direkt oder indirekt in Zinsen. Damit gehört die Mehrheit der Menschen ganz eindeutig zu den Verlierern des Systems. Erst ab einem Anlagevermögen von ca. 500’000 Euro beginnt sich das Blatt zu wenden. Dann übersteigen die jährlichen Zinseinnahmen langsam die direkten als auch indirekten (versteckten) Zinsausgaben. Zu diesen Glücklichen zählt jedoch weniger als ein Prozent der Bevölkerung. Der grosse Rest muss diese Zinsabgaben, direkt oder indirekt, erbringen – ohne Zinseinnahmen auf der anderen Seite. Jährlich findet so allein in Deutschland eine zinsbedingte Umverteilung von Arm zu Reich von mehr als 400 Milliarden Euro statt.

(Dominik Mikulaschek, «Du wist die Welt verändern?»)

Deshalb ist die Forderung, man müsse, um mehr Gerechtigkeit zu schaffen, die «Armut bekämpfen», nichts als hohles Gerede. Man kann, um Gerechtigkeit zu schaffen, die Armut nur dann wirksam bekämpfen, wenn man gleichzeitig auch den Reichtum ebenso vehement bekämpft. Armut und Reichtum sind die beiden Kehrseiten der kapitalistischen Medaille, untrennbar miteinander verbunden durch Zins und Zinseszins, der die grosse Mehrheit der Bevölkerung zu Sklaven macht einer kleinen Minderheit, die, hat sie erst einmal genug Geld zusammengescheffelt, nun einfach die Hände in den Schoss legen kann, um das Geld – beziehungsweise die anderen Menschen – für sich arbeiten zu lassen. Wir kommen daher, wenn wir eine gerechte Gesellschaft schaffen wollen, nicht darum herum, den Zins abzuschaffen. Der Besitz von Geld darf nicht mehr dazu führen, dass man ab einer gewissen Summe selber nicht mehr arbeiten muss und die Arbeit einfach an andere delegieren kann. Das Geld muss wieder das sein, was es einmal war: ein reines Tauschmittel auf dem Markt gleichberechtigter Produzenten und Konsumenten, ohne sich auf wundersame Weise selber zu vermehren oder dem, der es im Übermass besitzt, Macht zu verleihen über andere.

Tödliche kapitalistische Arbeitswelt

Rund 374 Millionen Menschen werden nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation ILO weltweit jedes Jahr durch die Arbeit krank oder verletzen sich bei Arbeitsunfällen. Jeden Tag sterben nach Schätzungen 6500 Menschen an Krankheiten, die durch ihre Arbeit verursacht wurden, und 1000 Menschen kommen bei Arbeitsunfällen um. Das sind insgesamt fast zwanzig Mal mehr, als durch kriegerische Konflikte weltweit ums Leben kommen! Wachsende Herausforderungen seien Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen, Krebs sowie Stress und psychosoziale Risiken, so die ILO. Das gehe unter anderem auf befristete Arbeitsverträge zurück, auf Arbeitgeber-Forderungen nach mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten und zunehmende Tele- oder Heimarbeit.

(Wirtschaftregional, 20. April 2019)

Wenn die freie Marktwirtschaft – der Kapitalismus – so segensreich wäre, wie seine Befürworter behaupten, dann würden wohl nicht jedes Jahr weltweit 374 Millionen Menschen infolge von Überarbeitung krank. Der immense – und laufend noch wachsende – Druck am Arbeitsplatz ist die Folge des kapitalistischen Konkurrenzprinzips, wonach der einzelne Arbeiter, die einzelne Arbeiterin, wie auch die jeweiligen Firmen in einem immer härteren gegenseitigen Wettkampf stehen. In einer nichtkapitalistischen Wirtschaftsordnung dagegen gäbe es keinen gegenseitigen Konkurrenzkampf, weder zwischen den Firmen noch zwischen den Arbeitnehmenden. Die Firmen würden nur gerade dus und so viel produzieren, was die Menschen auch tatsächlich brauchen, nicht mehr und nicht weniger, und zwar weltweit. Das Verhältnis zwischen den Firmen wie auch zwischen den Arbeitnehmenden wäre nicht mehr durch Wettbewerb und Konkurrenzkampf geprägt, sondern durch Kooperation und Gemeinwohl. Es wäre eine Wirtschaft im Dienste der Menschen, in der niemand mehr durch Arbeit krank würde, sondern im Gegenteil die Arbeit Teil eines ganzheitlichen, sinnerfüllten, gesunden Lebens wäre, in welchem die Menschen ihre besten Kräfte und Begabungen verwirklichen könnten.

Freiheit für alle statt Privilegien für wenige

«Ich engagiere mich in der Klimastreikbewegung aus purer Freude am Leben. Ich denke, uns ist allen ein Drang inne, nach Freiheit zu streben. Diese können wir aber nicht erreichen ohne die Freiheit unserer Mitmenschen, aller Tiere und der Umwelt.»

(Jonas Kampus, 17jähriger Klimaaktivist, in der SP-Zeitschrift «links» vom April 2019)

Gegner von Regeln und Vorschriften oder gar Verboten zum Schutz des Klimas argumentieren oft mit dem Begriff «Freiheit»: Solche Einschränkungen, sagen sie, würden die Freiheit des Einzelnen einschränken. Die Freiheit, sich mit dem Auto frei und ungehindert zu bewegen. Die Freiheit, mit dem Flugzeug an jeden beliebigen Ort rund um den Erdball zu reisen. Die Freiheit, alles, was man sich wünscht, möglichst schnell und billig kaufen zu können. Die Freiheit, in beliebiger Menge Fleisch zu essen. Doch in globaler Sicht handelt es sich bei alledem nicht um echte Freiheiten, sondern bloss um Privilegien, die sich die einen leisten können, weil sie sich andere nicht leisten können. Würden nämlich sämtliche Erdbewohner und Erdbewohnerinnen so viel Auto fahren, so viel mit dem Flugzeug reisen, so viel konsumieren und so viel Fleisch essen wie die Schweizerinnen und Schweizer, dann wäre die Umwelt schon längst kollabiert. Der Klimaaktivist Jonas bringt es auf den Punkt: Wenn er freitags oder samstags auf die Strasse geht, dann aus Freiheitsliebe – aus Liebe zu einer Freiheit, an der alle ihren gerechten Anteil haben, alle Menschen in allen Ländern der Erde, alle Lebewesen, die Natur, die Erde und alle zukünftigen, noch nicht geborenen Generationen.

Dinge wichtiger als Menschen

Nach dem Brand der Kathedrale Notre-Dame in Paris richten sich die Blicke bereits auf den Wiederaufbau des berühmten Kirchenbaus. Präsident Macron rief zu Spenden auf, um die Wiederherstellung der gotischen Kirche zu finanzieren. Spendenzusagen folgten prompt: Der Server der französischen Stiftung für Kulturerbe, auf dem für Notre-Dame gespendet werden kann, brach zeitweise zusammen. Die Milliardäre François Pinault und Bernard Arnault, beide Eigner von Luxusgüterkonzernen, die Kosmetik-Dynastie Bettencourt sowie der Ölkonzern Total sagten Spenden von insgesamt 600 Millionen Euro zu.

(Tages-Anzeiger, 17. April 2019)

Laut einer neuesten Umfrage haben 21 Prozent der französischen Bevölkerung zu wenig Geld, um sich drei Mahlzeiten pro Tag leisten zu können. Hunderttausende von Kindern kommen ohne Frühstück in die Schule. 41 Prozent haben Schwierigkeiten, einmal pro Jahr in den Urlaub zu fahren. 14 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze. Zwischen 3000 und 4000 Pariserinnen und Pariser haben kein Dach über dem Kopf und nächtigen auf der Strasse. Ob sich wohl François Pinault, Bernard Arnault, die Dynastie Bettencourt und der Ölkonzern Total auch schon mal Gedanken darüber gemacht haben, für die notleidende Bevölkerung Frankreichs 600 Millionen Euro zu spenden? Wohl kaum. Offensichtlich sind ihnen Dinge wichtiger als Menschen…

Wie das Kaninchen vor der Schlange

Auch in Norwegen, Schweden, Dänemark und Finnland sind rechtspopulistische Parteien auf dem Vormarsch. Es scheint einen unbeirrbaren Block aus Protestwählern zu geben, der zahlenmässig bei einem Sechstel bis einem Fünftel der Bevölkerung liegt und der seine Stimme immer einer laut und bestimmt auftretenden rechtspopulistischen Partei geben wird, wie zerzaust auch immer sich ihm diese präsentiert… Trotz nationaler Unterschiede gibt es zwischen den verschiedenen rechtspopulistischen Kräften Parallelen: die scharfe Rhetorik, die sich an Ausländern, an der EU und seit neuestem an der «Klimahysterie» abarbeitet und die die Angst vor der Globalisierung und vor Statusverlust instrumentalisiert. Das oft reaktionäre Bild von Familie und Heimat. Die Pose, der Anwalt des kleinen Mannes zu sein, der verraten wird von den städtischen «Eliten»… Das Fatale dabei: Viele der anderen Parteien haben sich längst auf das Spiel der Rechtsaussen eingelassen. Dänemarks Sozialdemokraten etwa eben sich im Gegenzug bisweilen populistischer als die Populisten. Angriffe auf Kulturschaffende durch norwegische Regierungspolitiker, politisch sanktionierte Hetze gegen Migranten in Dänemark – Dinge, die früher kaum denkbar gewesen wären, sind heute normal, die Gesellschaften sind nach rechts gerückt… Weder die Isolierung noch das Einbinden der Rechtspopulisten scheinen in Nordeuropa einen Unterschied zu machen, ihre Wahlergebnisse bleiben stabil. Aber das wird sich wohl auch nicht ändern, solange sich alle Politik nur mehr in einem Reagieren auf den Rechtspopulismus erschöpft, solange sämtliche politische Akteure dasitzen wie das Kaninchen vor der Schlange.

(Tages-Anzeiger, 16. April 2019)

Migration. EU. Klimakrise. Globalisierung. Städtische Eliten – vernachlässigte Landbevölkerung: Alle Probleme, welche die rechtspopulistischen Parteien beackern, sind Probleme des Kapitalismus und würden in einer nichtkapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung automatisch von der Bildfläche verschwinden. Das müsste eigentlich die Stunde der Linken sein. Doch weit gefehlt. Der «Linken» – oder dem, was von ihr übrig geblieben ist – scheint es ganz und gar am eigenen Mut zu fehlen. Statt einen neuen Gesellschaftsentwurf zu propagieren, hockt sie wie das Kaninchen vor der Schlange oder, schlimmer noch, biedert sich aus Angst vor weiteren Wählerverlusten, den Rechtspopulisten an. Höchste Zeit für eine Neuorientierung, für eine Radikalisierung und für eine umfassende Aufklärung darüber, dass all die grossen und kleinen Probleme, mit denen wir uns heute herumschlagen, nichts anderes sind als die Folge eines Wirtschaftssystems, das vor lauter Profitgier und Gewinnsucht die Menschen, denen es angeblich dienen will, ganz und gar vergessen hat.

Berlin auf dem Weg in den Sozialismus?

Die Kernforderung des Berliner Bündnisses «Deutsche Wohnen & Co. enteignen», das aus zivilgesellschaftlichen Mieterinitiativen hervorgegangen ist, ist die Enteignung gewinnorientierter Immobilienkonzerne, die jeweils mehr als 3000 Wohnungen in Berlin besitzen. Das Bündnis strebt zu diesem Zweck einen Volksentscheid in Berlin an. Hintergrund ist die massive Erhöhung der Wohnungsmieten in den vergangenen zehn Jahren und das Fehlen preisgünstiger Wohnungen für Minderbemittelte. Von einer Enteignung betroffen wäre vor allem Deutsche Wohnen als wichtigster privatwirtschaftlicher Akteur auf dem Berliner Wohnungsmarkt. Die Firma besitzt etwa 112’000 der mehr als 200’000 Wohnungen, die im Fokus der Enteignungsabsichten stehen. Laut der kürzlich veröffentlichten Bilanz 2018 stieg der operative Gewinn von Deutsche Wohnen um elf Prozent auf 480 Millionen Euro. Das Unternehmen kündigte daraufhin eine Erhöhung der Aktiendividende an. Die Erfolgsaussichten des Volksbegehrens sind nicht schlecht: Zwei repräsentative Umfragen im Auftrag von «Berliner Zeitung» und «Tagesspiegel» ergaben im Januar, dass 44 bzw. 54,8 Prozent der Berliner Enteignungen auf dem Wohnungsmarkt für sinnvoll halten. Das Bündnis bezieht sich in seiner Argumentation auf Artikel 15 des Grundgesetzes: «Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden.»

(www.tagesschau.de)

Hoppla. Da ist man, mitten im Kapitalismus, auf ein in der Verfassung festgeschriebenes Grundgesetz gestossen, das von den heute in Deutschland herrschenden politischen Kräften bis weit in die Mitte oder gar in die «Linke» hinein schlichtweg als «sozialistisch» oder gar «kommunistisch» bezeichnet werden dürfte. Aber, oh Wunder: Rund die Hälfte der Bevölkerung steht dem Ansinnen, über 100’000 Wohnungen vom Privatbesitz in öffentlichen Besitz überzuführen, positiv gegenüber. Denkt also die Hälfte der Bevölkerung «sozialistisch» oder gar «kommunistisch»? Oder orientiert sie sich ganz einfach an jener Vision einer gerechten und menschenwürdigen Gesellschaft, die in der deutschen Bundesverfassung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs festgeschrieben wurde? Höchste Zeit, dass das Rad auf ein vernünftiges Mass zurückgedreht wird. Und da könnte man, wenn man sich diesen Artikel 15 des Grundgesetzes vor Augen führt, noch einige Überraschungen erleben…

Hatte Karl Marx vielleicht doch recht?

Irgendwann sei Schluss. Die Großunternehmen würden immer größer und immer mächtiger. Unerträglich! Mit der Zeit würden die Widerstände gegen das herrschende System so stark, dass es kollabieren müsste. So beschrieb Karl Marx das Endspiel des Kapitalismus. Es komme zu einer immer stärkeren «Konzentration der Kapitalien… Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten… wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtung, der Degradation, der Ausbeutung, aber auch die Empörung», so heißt es im ersten Band von «Das Kapital», erschienen 1867. Am Ende komme, was kommen müsse – die Revolution. Der gesellschaftliche Kollaps sei die quasi notwendige Folge eines Prozesses, der zur immer weitergehenden «Konzentration der Produktionsmittel» führe. Wenige Firmen würden sehr groß und mächtig, alle anderen hätten keine Chance. Oder, wie Marx drastisch formulierte: «Je ein Kapitalist schlägt viele andere tot.»

(www.spiegel.de)

Karl Marx deckte mit grossem Scharfsinn die inneren Widersprüche des Kapitalismus auf und prophezeite, dass dieser infolge seiner Widersprüche früher oder später kollabieren würde. Heute sind wir auf dem besten Weg dazu und es ist wohl nicht übertrieben, die Behauptung aufzustellen, dass wir uns gegenwärtig in der Endphase des Kapitalismus befinden, in welcher er noch einmal, ein letztes Mal und heftiger denn je, seine wildesten Blüten treibt. Aber was kommt darnach? Einfach die Hände in den Schoss zu legen und abzuwarten, bis alles Bisherige zusammenbricht, könnte sich als überaus verhängnisvoll erweisen, ist doch denkbar, dass nach dem Zusammenbruch des Kapitalismus das blanke Chaos herrscht, der Kampf aller gegen alle ums Überleben, weltweite Armut, Hunger, Not und Kriege. Höchste Zeit, hier und jetzt mit dem Aufbau einer alternativen, nichtkapitalistischen Wirtschaftsordnung anzufangen, welche den Kapitalismus nach und nach ersetzen könnte, so dass es zu einem möglichst sanften und schmerzlosen Übergang in ein nachkapitalistisches Zeitalter kommen kann.

Klimaschutzbewegung von «dunkelroten Ökosozialisten» unterwandert?

Dass die «Bewegung für den Sozialismus» aktiver Bestandteil der Schweizer Klimabewegung ist, dass an den Klimademonstrationen immer wieder Transparente mit Forderungen wie «System Change not Climate Change» oder «Kapitalismus versenken, Klima retten» zu sehen sind und dass eine Handvoll Aktivistinnen und Aktivisten an der UBS-Filiale in der Zürcher Bahnhofstrasse am 6. April rote Handabdrücke anbrachten, um die Beziehungen der Banken zu globalen Energie- und Rohstoffkonzernen anzuprangern – dies alles kommt bei gewissen «bürgerlichen» Politikern und Politikerinnen, die der Klimaschutzbewegung ohnehin skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen, gar nicht gut an, schon sprechen sie von «dunkelroten Ökosozialisten», von denen die Klimabewegung unterwandert sei.

Bemerkenswerter Weise scheinen diese Kritiker von einem drohenden Klimakollaps, der die ganze Menschheit in den Abgrund reissen könnte, weniger Angst zu haben als vor dem «Sozialismus». Ebenso bemerkenswert ist, dass all jene, denen beim Wort «Sozialismus» alle Haare zu Berge stehen, offensichtlich kein Problem mit der Tatsache haben, im Kapitalismus zu leben, immerhin einem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das in seiner heutigen globalen Ausbreitung nachweislich dafür verantwortlich ist, dass die Unterschiede zwischen Arm und Reich noch nie so gross waren wie heute, und das in seiner unersättlichen Profitsucht und seinem unendlichen Wachstumswahn die Hauptursache für die ökologischen Bedrohungen bildet, mit denen wir heute konfrontiert sind.

Vielleicht ist bei alledem die Idee einer Alternative zum Kapitalismus in der Form einer Art von «Sozialismus» gar nicht so dumm. Umso mehr, als dass das, was den jungen Aktivisten und Aktivistinnen der «Bewegung für den Sozialismus» vorschwebt, ganz und gar nicht ein Rückfall in eine frühere, historisch überholte Epoche ist. Hierfür sind sie viel zu pragmatisch und zukunftsgerichtet. «Sozialismus» könnte vielmehr so etwas sein wie ein «Arbeitstitel» einer neuen, nichtkapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die sorgsam bedacht wäre, alle früher gemachten Fehler und Unzulänglichkeiten zu vermeiden und die nicht «von oben herab» verordnet wäre, sondern, wie Aktivisten und Aktivistinnen der Klimabewegung immer wieder betonen, «von unten herauf» zu entwickeln wäre, aus dem Engagement all jener, die nicht auf eine Zukunft der Menschheit verzichten möchten. Und da wäre es dann schön, wenn all jene, die heute nur als Kritiker und Gegner der aktuellen Klimabewegung auftreten, ebenfalls mit dabei wären, um ihre Vorbehalte konstruktiv und zielführend einzubringen. Denn, wie schon Friedrich Dürrenmatt sagte: «Was alle angeht, können nur alle lösen.»

Wettlauf der Postboten: Krankmachendes Konkurrenzprinzip

K.F. ist Paketbote bei der Distributionsbasis Hinwil ZH – und hat langsam genug. «Was wir Postboten erleben, ist pure Ausbeutung», sagt er und führt aus: «Begonnen hat es vergangenen September mit der Einführung des Systems ‹mytime›. Damit wird unsere effektive Arbeitszeit registriert. Das heisst aber noch lange nicht, dass sie auch gutgeschrieben wird. Wie viele der geleisteten Stunden am Ende wirklich verbucht werden, entscheidet nämlich das computergesteuerte System selber. Indem es Durchschnittswerte aller Paketboten pro Tour ausrechnet – und diese dann für einzelne Mitarbeiter quasi zum Gesetz werden. Ein Beispiel: Brauchen Pöstler auf einer Tour montags für 240 Pakete durchschnittlich 7 Stunden, nimmt das System diese Zeit für die Berechnung einer Durchschnittszeit auf. Erbt nun ein weiterer Pöstler die Tour, muss er unter Leistungsdruck die gleiche Zeit schaffen. Benötigt er aber 8 Stunden, ist das sein persönliches Problem. Gutgeschrieben werden nur die 7 Stunden von den Vorgängern. Die übriggebliebene Stunde muss B. der Post schenken. Quasi zur Strafe, weil er zu langsam war. Ist er indes schneller, kommen seine Teamkollegen unter Druck, denn die Durchschnittszeit sinkt so für den kommenden Montag für diese Tour. Für F. ein Skandal: «Das Nachsehen haben am Ende alle Pöstler – die älteren oder nicht topfiten Mitarbeiter, weil sie unter enormen Leistungsdruck geraten. Und die schnellen Pöstler, weil sie damit ihrem Team schaden.» Alle Postboten stünden seither miteinander in Konkurrenz, die teils kiloschweren Postpakete schnellstmöglich zum Kunden zu bringen. Frauen treten gegen Männer an, Alte gegen Junge, Ortskundige gegen solche, die eine Tour nur selten machen. Besonders arm dran sind die älteren Mitarbeiter. Das sagt auch M.P., der im Raum Basel als Paketbote angestellt ist. Er ist 62 Jahre alt und muss die gleiche Leistung erbringen wie ein junger Pöstler: «Ich habe seit Einführung des neuen Systems darum Hunderte Stunden gratis gearbeitet, weil es für mich extrem schwer ist, die Vorgaben des Systems zu erfüllen.»

(www.blick.ch)

Es ist dieses verheerende kapitalistische Konkurrenzprinzip, das die Menschen in einen gnadenlosen gegenseitigen Wettkampf zwingt: Wer härter und schneller arbeitet als andere, zwingt diese dazu, noch härter und noch schneller zu arbeiten, womit er selber, der die anderen dazu angetrieben hat, nun seinerseits unter noch grösseren Druck gerät, noch härter und noch schneller zu arbeiten – bis an die äusserste Grenze des physisch und psychisch gerade noch Aushaltbaren. Dieses Prinzip durchzieht die gesamte kapitalistische Arbeitswelt und führt dazu, dass immer mehr Menschen an übermässigem Stress und Erschöpfung leiden und die Freude an ihrer Arbeit verlieren.

In einer nichtkapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung wäre das Konkurrenzprinzip ausgehebelt. Menschen wären nicht mehr gezwungen, gegeneinander zu arbeiten, sie würden miteinander und füreinander arbeiten und jeder und jede würde dabei aufgrund ihrer Fähigkeiten, ihrer Begabungen und ihrer Belastbarkeit ihr Bestes geben. Der Erfolg eines Unternehmens oder Projekts wäre dann auf alle gleichmässig verteilt und niemand müsste sich als Versager oder Verlierer vorkommen. Dass dadurch die «Produktivität» des gesamten Systems leiden würde, diese Befürchtung ist wohl unbegründet. Im Gegenteil: Zufriedene, weder über- noch unterforderte Menschen erbringen wohl die bessere Gesamtleistung als Menschen, die ständig bis an den Rand ihrer Belastbarkeit oder darüber hinaus getrieben werden.