Indien: Naturschutz contra Menschenschutz

Als grosse Errungenschaft wurde im Jahre 2006 in Indien die Forest Rights Act gefeiert. Sie gab Millionen von Ureinwohnern die Möglichkeit, ihre Wohngebiete in den Urwäldern amtlich registrieren zu lassen und dann dort zu bleiben. Doch mittlerweile sind nur etwa 40 Prozent der von Ureinwohnern eingebrachten Anträge genehmigt worden. Widerstände gibt es von der Bürokratie, von Unternehmen, die Bodenschätze ausbeuten wollen, von Regierungen einzelner Bundesstaaten, die Land für Strassen und andere Infrastrukturanlagen sichern wollen, und von Umweltorganisationen, welche den Schutz seltener Tiere wie dem Tiger höher gewichten als die traditionellen Lebensweisen von Stammesgesellschaften. Diese Umweltorganisationen bekamen nun vom Obersten Gericht teilweise Recht: In 16 Bundesstaaten müssen die Behörden bis am 24. Juli die Wegweisung von Ureinwohnern und anderen Landlosen durchsetzen. Mehr als eine Million Menschen würden somit ihre Wohngebiete verlieren, klagt die Menschenrechtsorganisation Survival International.

(www.srf.ch)

Wie wenn man Menschenschutz von Naturschutz trennen könnte. Das Beispiel zeigt: Während der Kapitalismus ein weltumspannendes, homogenes System ist, das überall nach den gleichen Regeln funktioniert und überall die gleichen Interessen der Profitvermehrung verfolgt, sind seine Gegner in unzählige Parteien, Organisationen, Grüppchen und Gruppen zersplittert, die, wie das Beispiel der indischen Ureinwohner zeigt, oft sogar untereinander zerstritten sind, sich gegenseitig bekämpfen und um eine möglichst grosse Anhängerschaft wetteifern. Soll der Kapitalismus wirksam bekämpft werden, dann müssten sich weltweit alle antikapitalistischen Kräfte zu einer grossen Sammelbewegung zusammenschliessen im Kampf für eine andere Welt, in der die Interessen von Mensch und Natur nicht mehr auseinanderdividiert werden, sondern alles mit allem in einen grossen, harmonischen Einklang gebracht wird.

Mehrheit der Bevölkerung begrüsst Klimastreiks

Im Auftrag des «Spiegel» hat das Umfrageinstitut Civey 7500 Internetnutzer gefragt, ob sie Schülerstreiks für den Klimaschutz unterstützen. Das Votum war gespalten – doch die Mehrheit (51 Prozent) erklärte, dass sie die Protestaktion unterstützen. 42 Prozent sprachen sich dagegen aus. Schaut man sich die Antworten genauer an, wird deutlich, dass die Haltung zu den Schulstreiks auch vom Alter abhängt. Je jünger die Befragten sind, umso größer ist die Unterstützung. In der Altersgruppe unter 30 liegt die Zustimmung bei 64 Prozent – die Ablehnung bei nur 31 Prozent. Ab einem Alter von 65 Jahren sind die Gruppen von Befürwortern und Gegnern des Schulstreiks praktisch gleich groß.

(www.spiegel.de)

Aufmüpfige Jugendliche, welche die Schule schwänzen und mit Transparenten, Pfeifen, Pauken und Megaphonen auf die Strasse gehen – leicht könnten die Erwachsenen solcherlei als «pubertäres Getue» abtun. Doch weit gefehlt! In Deutschland zumindest wissen die jugendlichen Klimastreikenden eine Mehrheit der Bevölkerung auf ihrer Seite. Heisst das nicht, dass die Menschen im Innersten vielleicht viel radikaler sind, als wir gemeinhin annehmen? Und dass demzufolge politische Parteien vielleicht nicht zuletzt deshalb bei der Bevölkerung auf viel zu wenig Resonanz stossen, weil sie schlicht und einfach viel zu angepasst und «brav» sind.

Dringend: Stimmrechtalter Null

In der Schweizer Politik vertieft sich der Graben zwischen Jung und Alt. Die Rentner verlieren derzeit kaum eine Abstimmung, während sich die Jungen bei gewissen Fragen nur schwer durchsetzen können. Dies zeigen die Vox- und Voto-Analysen zu den Urnengängen der jetzigen Legislatur. Demnach hat die Gruppe der über 60Jährigen nur einmal den Kürzeren gezogen, beim Nein zur Abschaffung der Heiratsstrafe. Die Jungen wurden demgegenüber bei jedem fünften Urnengang in die Minderheit versetzt. Sie hätten etwa die letzte AHV-Reform, den fixen Atomausstieg und die Initiative für eine grüne Wirtschaft angenommen. Umgekehrt wehrten sie sich erfolglos gegen Sozialdetektive und neue Überwachungsmittel für den Nachrichtendienst.

(NZZ am Sonntag, 24. Februar 2019)

Niemanden scheint es zu interessieren, ob der 85Jährige, der seinen Stimmausweis ausfüllt, noch in vollem Besitz seiner geistigen Kräfte ist und ob er die Vorlage, über die er abstimmt, wirklich verstanden hat oder ob er bloss von seinem Sohn oder seiner Tochter dazu gedrängt wurde, so oder anders abzustimmen. Wenn aber jemand auf die Idee kommt, das Stimmrechtsalter auf 16, 14 oder gar auf Null herabzusetzen, dann ertönen von allen Seiten kritische Stimmen: Unter 18 Jahren sei doch niemand reif, sich eine glaubwürdige eigene Meinung zu bilden, und viel zu stark wäre das Abstimmungsverhalten eines 14- oder 16Jährigen von seinen Eltern, älteren Geschwistern oder anderen Erwachsenen beeinflusst. Führen wir uns die gegenwärtige Klimastreikbewegung, die ausschliesslich von Jugendlichen initiiert wurde, vor Augen, kommen wir zu einem gänzlich anderen Bild: Sehr wohl sind Kinder und Jugendliche in der Lage, sich mit politischen Fragen ernsthaft auseinanderzusetzen. Vor allem aber sind sie es, die Entscheidungen, welche heute getroffen werden, noch am längsten ausfressen müssen, zu einem Zeitpunkt noch, wenn die Älteren, die heute abstimmen, längst schon gestorben sind. Wenn ich mir die kleine Samira, die jetzt fünfeinhalb Jahre alt ist, vorstelle, dann kann man mit ihr schon ganz vernünftig über gewisse «politische» Themen sprechen, es gibt Abstimmungen, bei denen sie schon eine ganz klare Meinung hätte. Weshalb sollte sie ihre kindliche Stimme nicht abgeben dürfen? Sie müsste ja nicht zu allen Abstimmungen Stellung nehmen, das tun Erwachsene übrigens auch nicht. Freilich setzt das voraus, dass Eltern ihre Kinder nicht einseitig beeinflussen, sondern möglichst objektiv über die Vor- und Nachteile der betreffenden Sachvorlage informieren. Das soll nicht möglich sein? Dann muss man es eben möglich machen, zum Beispiel durch spezifische Elternkurse zum Thema «Demokratie in der Familie und Demokratie in der Gesellschaft». Das Gleiche gilt für die Schule: Es wäre die Kunst der Lehrkräfte, die Kinder in einfachen Worten über den Inhalt einer Abstimmungsvorlage aufzuklären, ohne ihnen dabei die eigene Meinung aufzudrängen. Eine anspruchsvolle Aufgabe, aber unerlässliche Voraussetzung einer umfassenden Demokratisierung der Gesellschaft, welche keine Diskriminierungen kennt, weder nach Hautfarbe, nach sozialem Status, nach Religion, noch nach Alter.

Selbstoptimierung als kapitalistischer Volkssport

Ob bei der Arbeit, in der Schule und Familie, in der Therapie oder beim Stylisten, in der Kneipe oder im Club, im Fitnessstudio oder im Doppelbett: In allen Sphären des Lebens setzt sich die Leistungssteigerung durch. Überall wird optimiert, verglichen und bewertet, um noch besser zu funktionieren, mit dem Ziel, aus seinem persönlichen Dasein das Maximum herauszuholen. Nicht nur die beste Version seiner selbst sein, sondern die immer perfektere, lautet die Maxime… Programme auf dem Laptop, Apps auf dem Smartphone, die Kalorien oder Schritte zählen, Schlafphasen messen, Produktivität protokollieren, Tippfehler auswerten.. Neu ist die Fülle an technischen Möglichkeiten, mit deren Hilfe personenbezogene Daten getrackt, aufgezeichnet, analysiert, ausgewertet werden. So wird die Selbstoptimierung zum neuen Volkssport… Allein in den USA sind es mittlerweile 35 Millionen Menschen, die computergesteuert am eigenen Ich basteln. Und auch die Firmen springen auf: Bereits 2013 hat die Berliner Sparkasse über 300 Mitarbeitende mit digitalen Schrittzählern ausgestattet. 10’000 Schritte am Tag sollen ihre «Fitness steigern und die Krankheitsquote senken». Die amerikanische Apothekenkette CVS verlangt von Mitarbeitenden, die eine betriebliche Krankenversicherung abschliessen, deren Gewichtsdaten, Blutzuckerspiegel- und Körperfettwerte. Wer sich weigert, zahlt 50 Dollar mehr im Monat… In den bunten Welten von YouTube, Instagram, Facebook und Konsorten scheint alles wunderbar klar, übersichtlich und positiv. Du kannst, wenn du nur willst. Du musst nur den inneren Schweinehund besiegen, dann wird das schon…

(Liewo, 24. Februar 2019)

Was früher der Nationalstaat mit seiner Erziehung zu Gehorsam und Patriotismus oder die Kirche mit ihrer Erziehung zu Gläubigkeit, Fleiss und Selbstaufopferung war, sind heute die digitalen Programme der Selbstoptimierung. Die Freiheit, die wir uns mit dem Ablegen früherer Zwänge und Selbstbestimmung erkämpften, haben wir mittlerweile – ganz freiwillig und «selbstbestimmt» – wieder aufgegeben. Heute ist es nicht mehr Väterchen Staat oder der Pfarrer auf der Kanzel, der uns predigt, wie wir zu leben haben. Es sind die Apps auf unserem Smartphone, die diese Rollen übernommen haben und uns buchstäblich auf Schritt und Tritt vorschreiben, wie wir zu leben haben. So raffiniert ist der Kapitalismus. Dass wir meinen, wir lebten in einer Freiheit, die es in diesem Ausmass nie zuvor gegeben hat, während wir in Tat und Wahrheit an unserem eigenen Gefängnis basteln, dessen Stäbe immer enger und enger werden. Und wie beim Nationalismus und bei der Gläubigkeit: Alles Individuelle, Störende, Querliegende wird weggewischt, die Menschen werden sich gegenseitig und den Ebenbildern, denen sie nacheifern, immer ähnlicher – bis in letzter Konsequenz alle genau gleich sind. Wir sind geschockt, wenn wir die Soldaten Nordkoreas  im Fernsehen an ihrem Führer vorbeimarschieren sehen, alle wie ferngesteuert bis in die Fingerspitzen im gleichen Takt. Und tun selber, indem wir dem perfekt funktionierenden kapitalistischen Menschen nacheifern, nichts anderes…

«Der höchstgelegene Spielplatz Europas»

Der Sohn des – mit einem geschätzten Vermögen von 49 Milliarden Dollar – reichsten Inders, Akash Ambani, und die Tochter des grössten indischen Diamantenunternehmers, Shloka Mehta, laden zu ihrer zweitägigen Pre-Wedding-Party nach St. Moritz ein. 850 Gäste werden erwartet, dazu 500 eigens anreisende Bedienstete… Ein Dutzend Sattelschlepper haben in den vergangenen Tagen unablässig Material aus Grossbritannien und Irland herangekarrt…  In St. Moritz wollen Akash Ambani und Shloka Mehta ihren Gästen ein «Winter-Wonderland» bieten. Weil ihnen das in glitzerndes Weiss gehüllte Engadin offenbar nicht zauberhaft genug ist, haben sie ihr eigenes Märchenland herstellen lassen – von einer britischen Eventagentur, die auch für das englische Königshaus tätig ist. Die Kosten belaufen sich auf schätzungsweise 100 Millionen Dollar… Die gigantische Dimension der Eventhalle am Ufer des St. Moritzersees ist auch für den weltbekannten Nobelkurort neu. Vom gefrorenen See und von den Terrassen des Fünfsternhotels Badrutt’s Palace aus betrachtet, wirkt sie mit ihrem halbrunden, durchsichtigen Eingangsbereich wie ein Raumschiff aus einer fernen Galaxie, das in den Alpen notlanden musste. Die fast 2000 Quadratmeter grosse Halle wurde von den Designern zweigeteilt. Vorne ist eine Weihnachts-Chilbi mit spiralförmiger Rutschbahn und Karussell, dahinter befinden sich, durch einen weissen Vorhang getrennt, die Konzertbühne und die Eisbahn. Damit die Gäste, die mit zwei gecharterten Flugzeugen eingeflogen werden, nicht frieren, blasen Dutzende Heizkanonen warme Luft in die Halle. Neben der Halle befindet sich ein Vergnügungspark mit Riesenrad… Die Hoteliervereinigung betont, dass die Wertschöpfung «riesig» sein werde. Für diese ausgabefreudigen Gäste sei darum kein Aufwand zu gross. Und auch der Gemeindepräsident weiss, dass St. Moritz solche Events braucht, weil sich das Dorf im Kampf um die reichen Gäste aus aller Welt nicht nur auf seine gloriose Vergangenheit abstützen dürfe: «St. Moritz ist der höchstgelegene Spielplatz Europas. Und hier sollen alle mitspielen dürfen.»

(Tages-Anzeiger, 23. Februar 2019)

Ein weiteres Beispiel dafür, dass den Reichen weltweit alle Türen und Grenzen offenstehen, während den Armen überall Mauern, Grenzwälle und Stacheldrahtzäune in den Weg gestellt werden. Aber es ist noch viel schlimmer: Wenn wir uns fragen, woher die Reichen ihren Reichtum haben, so ist dieses Geld zweifellos nicht durch die Arbeit der eigenen Hände erworben worden, sondern auf all jenen verschlungenen und unsichtbaren Wegen, mit denen das kapitalistische Macht- und Wirtschaftssystem seine unaufhörliche Umverteilung von den Armen, Besitzlosen zu den Reichen, Besitzenden betreibt. Kurz: Zu 99 Prozent handelt es sich beim Reichtum der Reichen um gestohlenes Geld, das am einen Ort nur deshalb in so unglaublicher Menge vorhanden ist, weil es an anderen Orten in ebenso unglaublichem Ausmass fehlt. Schuld daran ist das Grundprinzip des Kapitalismus, wonach man nicht durch Arbeit reich wird, sondern durch Besitz – über Zinsen, Derivate, Obligationen, Aktien, Börsengewinne, Erbschaft und zahllosen weiteren Instrumenten der wundersamen kapitalistischen Geldvermehrung. Daher ist der Kapitalismus nichts anderes als die legalisierte Beraubung der Armen durch die Reichen. Wenn eines Tages die letzte Stunde des Kapitalismus geschlagen haben wird, dann wird man auf unsere heutige Zeit ebenso fassungslos zurückblicken wie wir heutigen Menschen auf die Verbrechen des Nationalsozialismus.

Im Schatten des Klimawandels

Die Kautschukplantagen der Firma Socfin in Liberia umfassen eine Fläche von 1300 Quadratkilometern, das ist fast die Grösse des Kantons Aargau. Liberia ist eines der zehn wichtigsten Produktionsländer für Kautschuk, stellt selber aber keine Pneus her. Der Kautschuk geht über Antwerpen in die USA, wo er für die Produktion von Pneus der Firmen Michelin und Continental verwendet wird. Die in Liberia gebrauchten Pneus müssen importiert werden, in der Regel handelt es sich um Occasionen, abgefahrene Pneus aus Europa… 2010 wurden die Kautschukplantagen massiv erweitert. Dabei wurden 25 Dörfer von Bulldozern niedergewalzt und die Bewohnerinnen und Bewohner, obwohl sie ein verbrieftes Recht auf ihre Grundstücke besassen, in die Flucht geschlagen. Auch Wasserquellen, Gräber und Kultstätten wurden zerstört… Ein Plantagenarbeiter verdient pro Tag 4 Dollar. Dafür muss er über 650 Bäume ernten und Kessel von 30 Kilo Gewicht über Hunderte von Metern an die nächste Sammelstelle schleppen. Erreicht er das Soll nicht, wird der Lohn um die Hälfte gekürzt. Selbst in der mörderischen Mittagshitze jagen die Arbeiter wie gehetzte Tiere von Baum zu Baum, um das Tagessoll zu erfüllen. Ein Manager der Firma würde wohl sagen, diesen Arbeitern gehe es ja im Vergleich zu den Plantagenarbeitern des 19. Jahrhunderts noch gut, damals nämlich hätte man den Arbeitern, die ihr Tagessoll nicht erreichten, die Hände abgehackt… Der Hauptsitz der Firma Socfin befindet sich im schweizerischen Fribourg. Dieser Standort wurde ausgewählt, weil in der Schweiz die Gewinnsteuern für Rohstoffkonzerne besonders niedrig sind. Die beiden Firmenbesitzer sind Multimilliardäre und frönen so exklusiven Hobbys wie Yachten und Oldtimern. Der Verwaltungsratspräsident hat seinen Wohnsitz im exklusiven Rougement bei Gstaad. Als ein Team der «Rundschau» sein Haus aufsucht, um mit ihm ein Interview zu führen, wird ihnen von dessen Ehefrau mitgeteilt, er sei gerade abwesend. Die Frau regt sich darüber auf, dass das TV-Team ihr Grundstück betreten hat. Offenbar ist ihr der Zynismus dieses Verhaltens nicht bewusst oder sie hat keinerlei Kenntnisse davon, dass vor neun Jahren 25 liberianische Dörfer dem Erdboden gleichgemacht wurden, damit die Firma Socfin jenen Reichtum schaffen konnte, von dem sie und ihr Mann im fernen Rougement nun profitieren…

(Schweizer Fernsehen SRF1, «Rundschau», 20. Februar 2019)

Alles spricht vom Klimawandel. Doch der Klimawandel ist nur eine von zahllosen Folgeerscheinungen des globalisierten kapitalistischen Wirtschaftssystems. Eine andere Folgeerscheinung ist, wie das Beispiel der Kautschukgewinnung in Liberia zeigt, die – nach wie vor gewaltige – Ausbeutung der Länder der «Dritten Welt» durch die Länder der «Ersten Welt». Dass uns – in den reichen Ländern des Nordens – der Klimawandel wachgerüttelt hat, ist nur allzu verständlich, sind wir doch selber unmittelbar davon betroffen. Ebenso sollten uns aber Zustände wie die Kautschukproduktion in Liberia oder die Tatsache, dass jeden Tag weltweit 10’000 Kinder in ihrem ersten Lebensjahr sterben, wachrütteln. Die Überwindung des Kapitalismus, des gemeinsamen Übels aller dieser Missstände, kann nur gelingen, wenn sich Menschen über alle Grenzen hinweg gegenseitig solidarisieren und gemeinsam am Aufbau einer neuen, nicht an Gewinnsucht, Ausbeutung und Wachstum, sondern am Wohl von Mensch und Natur orientierten Wirtschaftsordnung beteiligen.

«Kündige deinen Job, bevor du stirbst»

Berühmt geworden ist die Japanerin Kona Shiomachis durch ein Manga, das sie auf Twitter anonym veröffentlicht hatte. Aussage des Mangas: «Kündige deinen Job, bevor du stirbst». Doch dieser Manga ist nur ein Ausdruck dieses für uns Europäer so fremdartigen Phänomens. In Europa würde der Titel «Kündige deinen Job, bevor du stirbst» als reißerisch, als aufmerksamkeitsheischend aufgefasst werden, doch er ist wörtlich zu nehmen, denn die japanische Regierung geht von 200 Toten durch Überarbeitung jedes Jahr aus, auch wenn es wahrscheinlich bedeutend mehr sind. Ebenso bleibt unklar, ob auch alle von Überarbeitung verursachten Selbstmorde berücksichtigt sind.

(www.heise.de)

Die Spitze des kapitalistischen Eisbergs. Wir können uns zwar über die japanischen Verhältnisse die Augen reiben – aber steuern wir, mit dem immer weiter steigenden Druck und dem Konkurrenzkampf am Arbeitsplatz, nicht genau in die gleiche Richtung?

Wachstum auf Kosten anderer

Die Coop Gruppe steigerte 2018 den Gesamtumsatz um 5 Prozent auf 30,7 Milliarden Franken. Kräftig zugelegt hat insbesondere die Transgourmet-Gruppe. Die in zahlreichen europäischen Ländern im Grosshandel tätige Coop-Tochter steigerte ihren Nettoerlös um 6,9 Prozent auf 9,7 Milliarden Franken. Damit hat sie ihre Position als zweitgrösstes Unternehmen im europäischen Abhol- und Belieferungsgrosshandel weiter ausbauen können. Wachstum, so Joos Sutter, Vorsitzender Coop-Geschäftsleitung, sei nur noch im Ausland möglich, der inländische Markt sei gesättigt. Man prüfe deshalb nun den Eintritt in eine Reihe weiterer europäischer Länder.

(www.telebasel.ch)

Das unhinterfragte Dogma des kapitalistischen Wirtschaftssystems: Alles muss von Jahr zu Jahr wachsen. Dabei wird verschwiegen, das jedes Wachstum auf der einen Seite ein Schrumpfen auf der anderen zur Folge hat. So schön es für Coop ist, im ausländischen Grosshandel zu wachsen, so schmerzlich ist es für all jene Firmen, die bisher diesen Wirtschaftszweig bedienten und nun dem neuen Eindringling Platz machen müssen. Es ist eine Art Krieg in Friedenszeiten: Wer besser ausgerüstet ist und bessere Waffen hat, kann neues Gelände erobern – die Schwächeren und Kleineren bleiben auf der Strecke. In einem nichtkapitalistischen Wirtschaftssystem würden sich Firmen und Betriebe nicht konkurrenzieren und gegenseitig verdrängen. Alles wäre auf Gleichgewicht und Kooperation ausgerichtet und das verrückte Wachstumsdogma – das ohnehin früher oder später an eine natürliche Grenze stossen muss – gehörte endgültig der Vergangenheit an.

1’745’383 Stimmen für die Bienen

Neun Monate haben die Politikerin Agnes Becker und ihre Mitstreiter für den Erfolg ihres «Volksbegehrens Artenvielfalt – Rettet die Bienen» gekämpft. Nun steht fest, dass es das erfolgreichste ist, das es jemals in Bayern gegeben hat. 1’745’383 Stimmberechtigte haben sich in den vergangenen zwei Wochen in die Unterstützerlisten eingetragen. Das sind 18,4 Prozent der gesamten Bevölkerung. Laut Initianten des Volksbegehrens sind 50 Prozent der Bienenarten bedroht und 80 Prozent der Falter bereits verschwunden. Die Initiatoren von «Rettet die Bienen» wollen nun mehrere Gesetze ändern. Bis 2030 sollen mindestens 30 Prozent der Agrarflächen biologisch bewirtschaftet werden. Aktuell sind es 6,6 Prozent. Weitere Forderungen im Begehren sind ein Schutzstreifen von fünf Metern neben Gewässern sowie das Aus für die meisten Leuchten im Außenbereich. Begründung: Solche Strahler seien für Insekten Todesfallen.

(www.sueddeutsche.www)

Schön und gut. Aber eigentlich hätten sich diese 1’745’383 Stimmberechtigten für die Überwindung des Kapitalismus aussprechen müssen. In den neun Monaten, da sie für die Rettung der Bienen gekämpft haben, ist die Klimaerwärmung weiter vorangeschritten, sind über vier Millionen Kinder weltweit in ihrem ersten Lebensjahr gestorben, hat sich die Kluft zwischen Arm und Reich weltweit weiter massiv verschärft und sind für militärische Aufrüstung weltweit über eine Billion Dollar ausgegeben worden, mehr als die Hälfte davon allein von den USA. Es wäre an der Zeit, dass sich die Bewegungen für Klimaschutz, Naturschutz, gegen atomare Aufrüstung, für soziale Gerechtigkeit, für die Rechte von Frauen und Kindern und für Schutz und Sicherheit von Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen über alle Grenzen hinweg zu einer grossen gemeinsamen Bewegung zur Überwindung des Kapitalismus zusammenschliessen würden, denn alles hängt mit allem zusammen und auch die Bienen allein werden nicht überleben, wenn alles andere rundherum zugrunde geht…

Ein Fernsehgerät für 100’000 Franken

Die neuesten Fernsehgeräte von Samsung mit 65, 75 und 82 Zoll kosten zwischen 5000 und 10’000 Franken, das Gerät mit 98 Zoll belastet das Konto des Käufers sogar mit 100’000 Franken.

(NZZ am Sonntag, 17. Februar 2019)

Man spricht immer davon, wie wichtig es sei, die Armut zu bekämpfen. Mindestens so wichtig wäre es aber, den übertriebenen Reichtum zu bekämpfen. So lange es Menschen gibt, die sich ein Fernsehgerät für 100’000 Franken leisten können, müssen wir uns nicht wundern, wenn eine Milliarde Menschen von weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen. Auf was für verschlungenen und unsichtbaren Wegen auch der Reichtum der einen mit der Armut der anderen zusammenhängt.