McDonalds‘ und die Künstliche Intelligenz

Mit etwa 50’000 Mitarbeitern ist McDonalds‘ einer der grössten Arbeitgeber in Russland. Die Mehrheit der Angestellten sind Studenten, die auf flexible Arbeitszeiten angewiesen sind. Ist das Studium beendet, verlassen viele Arbeitskräfte den Konzern wieder. Jedes Jahr müssen daher 20’000 Stellen neu besetzt werden. Um eine Vakanz zu füllen, müssten etwa 10 Bewerbungen geprüft werden, erklärt die Personalchefin für Russland, Tatjana Jasinowskaja. Das macht 200’000 Dossiers.

Um diese Masse bewältigen zu können, arbeite die Personalabteilung mit einer speziellen digitalen Plattform, die mit künstlicher Intelligenz wie beispielsweise einem «smarten Chat-Roboter» ausgestattet sei, erklärt der Fachmann für digitale Rekrutierung bei McDonald’s, Dmitri Treskunow. Der Roboter löse gleich mehrere Probleme auf einmal: Zum einen sorge die Interaktion mit der intelligenten Maschine dafür, dass der Rekrutierungsprozess nicht nur effizienter, sondern auch benutzerfreundlicher werde. Einfach einen Fragebogen auszufüllen, sei für viele junge Leute langweilig. Zum anderen profitiere McDonald’s von der Möglichkeit, die Fragen während des Bewerbungsprozesses anzupassen und so ein besseres Resultat zu erzielen. Das Programm lerne selbständig und führe die Kandidaten allein durch die erste Stufe der Bewerbung. Ist der Chat beendet, entscheidet die Software autonom, ob der Bewerber etwas taugt, und informiert alle infrage kommenden Restaurants, die eine solche Person suchen und in der Nähe des Wohnortes liegen. Das Urteil des Programms sei hart. Dabei lernt die Software auch von den Antworten, die bereits angestellte Mitarbeiter gegeben haben. Kündige einer von ihnen beispielsweise nach kurzer Zeit wieder, so werde der Algorithmus Personen, die ähnlich antworteten, in Zukunft ausschliessen. Das Programm kann so die Eignung für den Job und den Austrittszeitpunkt vorhersagen. Doch nicht nur die Bewerber werden gesiebt. Das System stellt auch fest, über welche Kanäle die «guten» Mitarbeiter gekommen sind. Es bestünden nämlich grosse Unterschiede zwischen verschiedenen Jobportalen, erklärt Treskunow. Durch das Programm können sodann Werbegelder besser investiert werden. In der zweiten Runde erhalten die Chefs die Kontaktdaten der Bewerber für offene Stellen. Erreicht das Restaurant den Kandidaten beim ersten Anruf nicht, dann schreibt das Programm automatisch eine Nachricht und fordert den Bewerber auf, das Restaurant anzurufen. Dasselbe passiert vor dem Bewerbungsgespräch. Der Aspirant bekommt eine automatische Benachrichtigung darüber, dass sein Gespräch am folgenden Tag stattfindet. Das System begleitet die Mitarbeiter auch nach der Anstellung weiter. So können über die Plattform Fortbildungen gebucht werden, und die Bewertungen der Mitarbeiter werden gespeichert. In Zukunft soll sogar das zweite Interview online durchgeführt werden. Die Fragen sollen ebenfalls von einer Maschine kommen und auf dem ersten Teil basieren. Dann kann sich der Restaurantchef das betreffende Video anschauen und sich für oder gegen den Kandidaten entscheiden. An ihren Arbeitsplatz müssen die neuen Angestellten dann aber schon selber kommen. Auch McDonald’s kann keinen Hamburger über das Internet braten.

(www.nzz.ch)

 

Ein Wunder, dass man bei so viel Künstlicher Intelligenz nicht längst schon eine Maschine erfunden hat, die das gewünschte Fertiggericht automatisch produziert und serviert. Dann könnte man sich das lästige und aufwendige Bewerbungsprozedere nämlich gänzlich ersparen und alles käme noch viel, viel billiger. Aber wer weiss, vielleicht überholt ja die Realität schon bald unsere kühnsten Visionen…

Alarmstufe Rot für unsere Welt

«Ich schlage Alarm. Ich rufe die Alarmstufe Rot für unsere Welt aus.»

(UN-Generalsekretär António Gutteres in seiner Neujahrsbotschaft 2018)

Die Diskussion über den Klimawandel lenkt von der mindestens so grossen Gefahr eines Dritten – atomaren – Weltkriegs ab. Das Gefährliche ist, dass sich heute im Wesentlichen vier mächtige kapitalistische Players – neben zahlreichen weiteren, kleineren – gegenüberstehen: die USA, die EU, Russland und China. Die Gefährlichkeit dieser Konstellation liegt nicht darin, dass diese vier Players so verschieden wären, sondern im Gegenteil darin, dass sie so ähnlich – eben grundsätzlich kapitalistisch – sind. Sie alle streben endloses Wirtschaftswachstum, endlose Konsumsteigerung, endlose Produktivitätssteigerung und endlose Profitmaximierung an. Und jede dieser vier Mächte wäre am liebsten erfolgreicher und mächtiger als die anderen drei. Das muss früher oder später zu einem Zusammenprall führen, im schlimmsten Fall einem militärischen. Das Gefährliche ist, dass es zu diesen kapitalistischen Mächten keine echt erkennbare und vernünftige Alternative gibt in Form breiten, globalen, grenzüberschreitenden Bewegung für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

Mehr Reformen, mehr Kapitalismus

In der im Juni 2016 beschlossenen «Globalen Strategie für die Aussen- und Sicherheitspolitik der Europäischen Union» kommt der Begriff «Resilienz» 34 Mal vor. «Resilienz» wird – vor allem in Bezug auf die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse in den Ländern südlich und östlich der EU – definiert als «Fähigkeit von Staaten und Gesellschaften, Reformen durchzuführen und so internen und externen Krisen zu widerstehen und sich von ihnen erholen zu können.»

(Gernot Erler, «Weltordnung ohne den Westen»)

Was bedeuten «Reformen» in den Ländern südlich und östlich der EU? Gehen wir davon aus – und alles andere wäre wohl ein gewaltiger Trugschluss -, dass die EU insgesamt ein kapitalistisches Projekt ist, dann bedeuten «Reformen» nichts anderes, als dass die Prinzipien der freien Marktwirtschaft (sprich des Kapitalismus) so effizient wie möglich vorangetrieben werden sollen in jenen Ländern, die früher oder später den Anschluss an die EU suchen. Das heisst: mehr Wettbewerb, mehr Wirtschaftswachstum, mehr Konsum, Privatisierung ehemaliger Staatsbetriebe, Sparmassnahmen im öffentlichen Bereich, Erhöhung des Rentenalters, Reduktion von Reichtums-, Erbschafts- und Vermögenssteuern, usw. Dass mit solchen Massnahmen künftigen «internen und externen Krisen» vorgebeugt werden soll, das können wohl nicht einmal die Verfasser dieses Dokuments wirklich allen Ernstes glauben.

Staatlich bewilligter und begünstigter Raubzug

An der Schweiz haftet schon lange der Ruf, ein teures Pflaster zu sein. Da erstaunt es kaum, dass ein Silvesteraufenthalt in den Bergen im Normalfall eine ziemlich teure Angelegenheit wird. Doch wer ein paar hundert Franken für eine Hotelübernachtung bereits für teuer hält, hat sich noch nie mit den richtig exquisiten und luxuriösen Angeboten auseinandergesetzt, welche die Schweizer Hotellerie anbietet… Die britische Tageszeitung «The Telegraph» kürte die «Panorama Suite» vom Hotel The Alpina in Gstaad vor einem Jahr zur schönsten Suite der ganzen Schweiz sowie zu den 50 besten Hotel-Suiten weltweit. «Unprätentiös und geschmackvoll – für erstklassige Unterkünfte in den Elite-Skigebieten Europas keine Selbstverständlichkeit – ist die Panorama-Suite, die, wie vieles andere am Hotel, mit Altholz ausgestattet ist und der Schweizer Heimat sowie Landschaft subtilen Tribut zollt», schwärmt The Telegraph. Konkret handelt es sich um eine 400 Quadratmeter grosse Maisonette-Wohnung mit drei Schlafzimmern und zwei Etagen. Richtung Norden und Süden bietet die Suite einen schönen Panoramablick auf die Alpen. Neben einer Kaminlounge findet der Gast in der oberen Etage ein privates Spa mit Whirlpool, Fitness- und Massageraum….  Eine 308 Quadratmeter grosse Suite des Bürgenstock-Hotels verfügt über eine Dachterrasse mit Panoramablick auf den See und die Berge, einen Kamin, einen privaten Massageraum, eine Bibliothek, eine Sauna und ein Badezimmer mit einer Doppelwanne und einer Regendusche. Auf dem Buchungsportal booking.com wurde die Suite zuletzt zum Preis von 20’040 Franken inklusive «fabelhaftem Frühstück» angepriesen. Mitte November kostete die gleiche Suite für Silvester noch 75 Prozent mehr, nämlich satte 35’100 Franken…. 2013 eröffnete das Edelhotel Chedi vom Ägypter Samih Sawiris in Andermatt seine Pforten. Aus dem beschaulichen Bergdorf im Kanton Uri soll ein führendes Luxusresort werden, lautete damals das ambitionierte Ziel. Nach Jahren roter Zahlen läuft es dem Chedi gemäss Angaben von Sawiris inzwischen besser. Am 22. Dezember wurde nun die Skigebietsverbindung Andermatt-Sedrun fertiggestellt, was die Gegend zum grössten Skigebiet der Zentralschweiz macht. Preislich steht das Chedi den anderen Luxusresorts in der Schweiz in nichts nach: Eine Nacht in der Furka-Suite kostet im Durchschnitt 15’000 Franken pro Nacht, an Silvester dürften es noch etwas mehr sein. Die Suite ist 330 Quadratmeter gross und bietet maximal 8 Gästen Platz. Die Ausstattung beinhaltet unter anderem einen privaten Weinschrank sowie ein privates Spa mit Sauna, Dampfbad und Whirlpool… Richtig geräumig ist die Penthouse Suite des Grand Resort Bad Ragaz, die auf bis zu 600 Quadratmeter erweitert werden kann. Kostenpunkt: 15’000 Franken pro Nacht. In der günstigeren Variante gibt es 440 Quadratmeter zum Preis von 11’000 Franken. Das Luxuszimmer wird beworben mit einem exklusiven Interieur im Cavalli-Design mit edlen Materialien wie Palisanderholz, Rochenleder oder Nussbaumparkett. Die Suite befindet sich am höchsten Punkt des Resorts und bietet einen schönen Blick auf die umliegende Berglandschaft. In der erweiterten Version gibt es eine umlaufende Terrasse mit einem Outdoor-Jacuzzi. Hinzu kommen Whirlwanne, Glass-Sauna, Dampfbad und ein privater Butler-Service… Geht es um luxuriöse Hotelübernachtungen, dann darf natürlich auch der Nobel-Skiort St. Moritz nicht fehlen. Besonders edel ist hier die Hans-Badrutt-Suite des Hotel Palace, für welche jedoch mindestens 13’000 Franken hingeblättert werden müssen. Der Eingangsbereich ist marmoriert, auch das Bad ist aus italienischem Marmor. Es stehen ausserdem eine Bibliothek, ein Piano, eine geräumige Terrasse sowie ein Jacuzzi zur Verfügung. Im Preis inkludiert sind etwa ein Rolls-Royce-Transfer, ein Butler-Service und die Kinderbetreuung… Und gleich nochmal eine Nobel-Suite in St. Moritz, welche jedoch mit ihrem Preis von 7’490 Franken im Vergleich fast schon wie ein Schnäppchen wirkt. Ausgestattet ist sie mit zwei Schlafzimmern, einem grosszügigen Wohn- und Essbereich mit Kamin, Balkonen, zwei Bädern und einem Gäste-WC mit See- und Bergblick. Die Grösse beträgt insgesamt 218 Quadratmeter.

(www.watson.ch)
Jetzt wissen wir, weshalb in der Schweiz 300’000 Menschen von Sozialhilfe abhängig sind und weshalb 150’000 Menschen trotz einem Vollzeitjob von ihrem Lohn nicht leben können. Die beiden Kehrseiten der kapitalistischen Medaille: Reichtum und Armut. Was unten fehlt, wird oben in sinnloser Fülle angehäuft. Beraubung der arbeitenden Bevölkerung durch die Oberschicht der Reichen und Mächtigen, staatlich und wirtschaftspolitisch legitimiert und begünstigt. Wie lange kann das noch gut gehen?

«Demokratie» – eine Form der Diktatur der Reichen gegen die Armen

In der Schweiz ist alles besser. Hier sind die Berge noch schöner, die Strassen sauberer, das Wasser klarer, die Wiesen grüner, die Bürokratie kleiner, der Staat schlanker, die Bahn pünktlicher, die Menschen reicher, die Politik verlässlicher, die Uhren genauer… Kapitalismus und Marktwirtschaft haben einen hierzulande nie gekannten Wohlstand geschaffen… An Politikern, die unbequeme Positionen vertreten und den Mut aufbringen, eine saturierte Schweiz mit unangenehmen Wahrheiten zu konfrontieren, mangelt es schmerzlich… Die Schweiz ist ohne Zweifel ein «Erfolgsmodell». Es ist nichts als menschlich, das Gute bewahren zu wollen. Vor lauter Festhalten am Status quo droht allerdings der Verlust der Zukunftsfähigkeit. Eine Politikergeneration, die sich durch fehlenden Mut und Gestaltungswillen kennzeichnet, gepaart mit einer Gesellschaft, die sich wohlstandsverwöhnt zurücklehnt – das ist eine fatale Kombination.

(NZZ, 31. Dezember 2018)

Das ist das Heimtückische an einer «Demokratie» in einem reichen Land wie der Schweiz. Sie verschleiert die tatsächlichen Machtverhältnisse. Das, was wir «Demokratie» nennen, ist ins Tat und Wahrheit nichts anderes als eine Diktatur der Reichen gegen die Armen. Denn wir finden zum Beispiel weder in unseren Parlamenten noch in unserer Regierung einen Küchengehilfen, der für 3000 Franken im Monat in einem Luxushotel schuftet. Wir finden auch keine Coiffeuse, die für 4000 Franken im Monat den Schönen und Reichen ihre Haare stylt. Ebenfalls suchen wir in unseren Parlamenten und in unserer Regierung vergebens einen kongolesischen Minenarbeiter, der für die Rohstoffbeschaffung unserer Smartphones seine Gesundheit opfert, oder eine chinesische Fabrikarbeiterin, die sich während zwölf Stunden pro Tag abrackert, um all jene Wunderdinge herzustellen, die auf den Regalen unserer Spielwarenläden zu finden sind. Ebenfalls fehlt in unseren Parlamenten und in unserer Regierung ein brasilianisches Strassenkind, das nur durch Prostitution überleben kann. Und ebenfalls nirgendwo finden wir eine Maus, die zu medizinischen Zwecken misshandelt wird, oder eine Pflanze, die vom Aussterben bedroht ist. Die «Demokratie» eines reichen Landes, die so tut, als höre die Welt an ihren Landesgrenzen, kann niemals eine echte Demokratie sein. Eine echte Demokratie hätten wir erst in Form einer globalen Regierung und eines globalen Parlaments, in dem alle sozialen Bevölkerungsschichten, Volks-, Alters-, Geschlechts- und Berufsgruppen angemessen vertreten wären.

 

Fliegen als Volkssport

Über die Weihnachtstage gelüstet es viele Schweizerinnen und Schweizer nach Sonne und Wärme. Bangkok ist auf der Liste der Reiseziele weit oben. Der Jahreswechsel am Strand unter Palmen ist im Trend – man gönnt sich ja sonst nichts. Flüge nach Thailand  bucht man für ein paar hundert Franken. Heute ist das Fliegen eine Art Volkssport. «Die Schweiz hat sich vom Land der Bahnfahrer zum Land der Vielflieger entwickelt», sagte Patrick Hofstetter, Leiter Klimapolitik beim WWF. Allein in den letzten fünf Jahren hat sich die mit dem Flugzeug zurückgelegte Strecke pro Kopf ungefähr verdoppelt. Sie ist heute grösser als jene, die wir mit Zug und Auto absolvieren. Das bleibt nicht ohne Folgen: Die CO2-Emissionen der Luftfahrt machen rund 18 Prozent des schweizerischen Klimaeffekts aus. Eine Umfrage im Auftrag der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES) zeigt, dass 60 Prozent der Befragten der Aussage zustimmen, wonach die Fliegerei das Klima aufheizt.  Aber nur knapp ein Viertel hat in den letzten zwei Jahren aus ökologischen Gründen auf eine Flugreise verzichtet. Wir verhalten uns wie unbelehrbare Raucher: Wir wissen, dass es schädlich ist, und tun es trotzdem.

(www.watson.ch)

Wir wissen, dass es schädlich ist, und tun es trotzdem. Wie mit dem Autofahren, dem Kaufen von Billigtextilien, dem Verzehr von Fleisch oder dem Fortwerfen des Smartphones, das bloss zwei Jahre alt ist. Wir wissen, dass all dies schädlich ist, und tun es trotzdem. Der kapitalistischen Propaganda ist es offensichtlich gelungen, einen Keil zu treiben zwischen unser Wissen und unser Handeln. Der momentane Genuss und die durch ihn früher oder später verursachten Zerstörungen sind weit und unsichtbar voneinander getrennt, im Gegenteil: Je drohender die Gefahren des Klimawandels, umso paradiesischer erscheinen die Bilder von Südseeinseln und Stränden. Je verheerender die Folgen der CO2-Emissionen, umso kuscheliger der Flugzeugsitz und umso verlockender die von den Flight Attendants servierten Köstlichkeiten. Das ist der Kapitalismus. Dass er immer nur die eine Seite der Medaille zeigt, nämlich die schöne, während er die hässliche vor uns verbirgt. So dass wir noch von Inseln träumen werden, die es in der Wirklichkeit vielleicht schon gar nicht mehr gibt…

Die Gelbwesten, die Bäume und der Wald

«Die Gelbwesten sind eine der breitesten Protestbewegungen seit Jahren. Und es ist das erste Mal seit langem, dass Leute ausserhalb der grossen Städte uns in Erinnerung rufen, dass etwas schiefläuft: Sie sind die Opfer der Schliessungen staatlicher Institutionen wie Spitäler, Polizeistellen, Schulen und Gemeindeämter. Gleichzeitig ist die Steuerbelastung hoch… Ich bin in einem Frankreich aufgewachsen, in dem die staatlichen Institutionen funktionierten. War eine Frau hochschwanger, war die nächste Klinik nicht weiter als eine halbe Stunde entfernt. Heute sind es zwei. Und dass die nächste Post eine halbe Stunde Autofahrt entfernt ist und doch nur zwei Stunden pro Woche offen hat, ist für die Leute wirklich ein Problem. Sie sagen: Jetzt will Paris noch den Benzinpreise erhöhen?… Die Gelbwesten finden sich in einem Land wieder, das immer weniger gut funktioniert. Sie erleben, dass es uns als Kollektiv schlechter geht als vor zwanzig Jahren… Wir haben grosses Interesse daran, Antworten zu finden, denn sonst steigt die Gefahr, dass die Proteste der Gelbwesten der extremen Rechten helfen, an die Macht zu kommen… Die Vorstellung, dass man, wenn man seinen Job gut macht, eine Wohnung, genug zu essen und seine Ferien habe, diese Vorstellung stimmt nicht mehr. Die Mieten sind gestiegen, man fliegt schneller aus der Wohnung. Auch die Arbeits- oder gar Obdachlosigkeit älterer Leute ist neu… Viele Leute rackern sich ab und sind nicht besonders erfolgreich. Wir haben uns ja auch daran gewöhnt, dass man uns als Konsumenten behandelt, denen man sagt: Ich werde dir ein gutes Gefühl geben, du bekommst, was du brauchst, der Kunde ist König! Daraus resultiert Frustration, denn wir sind nicht 24 Stunden am Tag Kunden von Coca-Cola… Die Kinder der ärmeren und schlecht gebildeten Schichten können nicht studieren. Ich glaube, dieses Gefühl der Ungerechtigkeit hat sich eingestellt, als wir gemerkt haben, dass die Idee der sozialen Würde nicht für alle gilt… Wir glaubten ans System, an die Demokratie, an die soziale Marktwirtschaft. Daran, dass man vorankommt. Jetzt merken wir, dass es komplizierter ist und wir viele Probleme haben, die wir nicht lösen können. Überall kracht es… Als wir 15 Jahre alt waren, war das Trinkwasser nicht bedroht. Der Klimawandel war keine Gefahr. Ich bin überzeugt, dass wir die Jungen bald mit radikalen Forderungen in den Strassen sehen werden. Und sie haben recht: Es geht um ihr Überleben. Kinder haben wir ja gerne gemacht, in Frankreich sind wir in dieser Beziehung wie die Kaninchen, und jetzt sagt man diesen Kindern: Ihr wart gute Haustiere, als ihr klein wart, aber was mit eurer Zukunft passiert, ist uns egal.»

(Virginie Despentes, Autorin des Bestsellers «Das Leben des Vernon Subutex», in: NZZ am Sonntag, 30. Dezember 2018)

«Überall kracht es.» Und dies im Land der Französischen Revolution, die vor 230 Jahren mit ihrer Parole «Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit» ein unüberhörbares Signal an die ganze Welt sandte. Das ist das Wesen des Kapitalismus. Er hat nicht Fehler, er ist der Fehler. Und das zeigt sich eben in unzähligen «Einzelproblemen» von der Schliessung von Spitälern über ungerechte Bildungschancen bis hin zum Klimawandel, die auf den ersten Blick keinen Zusammenhang zu scheinen haben. Die Bäume und der Wald. Wenn wir nicht die Erneuerung des Waldes – sprich des Kapitalismus – anpacken, dann werden wir auch nicht die einzelnen Bäume retten können.

Die kapitalistische Welt ist eine zerstückelte Welt

Werfen wir einen Blick auf die Schlagzeilen der heutigen online-Plattform von «20minuten», dann lesen wir hier unter anderem: Mädchen (4) stirbt nach Unfall mit Skifahrer. Die Leute verzweifeln am neuen Netflix-Film. Berliner Autofahrer rast in Fussgängergruppe. Randalierer bricht tot vor Polizeiwache zusammen. Im Januar steht uns ein Super-Blutmond bevor. Zweiter Sturz beim Super-G in Bormio innert 24 Stunden. Der Vulkan Anak Krakatoa in Indonesien ist plötzlich 228 Meter kleiner. Migros verzichtet auf Feuerwerk-Verkauf. An der Fasnacht in Wohlen AG gibt’s nur noch Poulet. Sarah und Pietro Lombardi lassen sich 2019 scheiden. (www.20minuten.ch, 29. Dezember 2018)

Da freut sich der Kapitalismus. Denn diese Form von Kurzfutterhäppchen, mit denen die heutigen Medien – von der Gratiszeitung bis zum Fernsehen – immer häufiger daherkommen, entspricht ganz genau den Interessen des kapitalistischen Wirtschaftssystems und seiner Machterhaltung: Die Kurzfutterinformation gibt den Anschein, dass wir in einer bunten Welt von Zufälligkeiten leben, die je gegenseitig nichts miteinander zu tun haben. So bleibt der Blick auf das Geschehen der grossen wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhänge versperrt. Man hätte an diesem heutigen Samstag nämlich beispielsweise auch darüber berichten können, wie viele Kinder an diesem einzigen Tag vor Hunger gestorben sind, während die Börsen weltweit explodieren und wieder ein paar Hundert Milliardäre um ein paar weitere Millionen reicher geworden sind. Man hätte noch viele andere Zusammenhänge innerhalb des kapitalistischen Systems aufdecken können, aber hierfür hätte es mehr gebraucht als ein paar Schlagzeilen. Bezeichnenderweise schafft sich der Kapitalismus – aufgrund des Konkurrenzprinzips, dem die Medien in ihrem Wettlauf um die Gunst der Leserinnen und Leser unterworfen sind – genau diese Form von Kurzfuttermedienwelt, die ihn, den Kapitalismus, wiederum stützt und zementiert.

Kapitalistisches Konkurrenzprinzip: eine Form von Krieg

In der Schweiz steigt die Verbreitung der E-Trottinette. Die international grössten Anbieter sind vor allem in Zürich tätig. Die US-Firma Lime etwa hat die hiesige Flotte jüngst ausgebaut, rund 400 Stück sollen in der Stadt Zürich verteilt sein. Hinzu kommt die kalifornische Konkurrenzfirma Bird. Diese ist mit einer geringeren Stückzahl vor wenigen Wochen ebenfalls in Zürich gestartet. Ob die Rechnung aufgeht, bleibt offen. Denn den Verleihdiensten für E-Scooter könnte das gleiche Schicksal drohen wie denjenigen für Velos: Viele starten, nur wenige sind erfolgreich. Tony Ho, beim E-Scooter-Hersteller Segway Ninebot für das internationale Geschäft zuständig, zweifelt daran, ob eine Firma nur mir E-Trottinetten überleben könne. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Anbieter in finanzielle Schwierigkeiten geraten würden. «Wir dürften in dem Scooter-Krieg die einzige Firma sein, die Geld verdient», so Ho. Stellte das Unternehmen 2017 noch 200’000 Scooter her, sind es in diesem Jahr bereits rund 1 Million Stück.

(Tages-Anzeiger, 29. Dezember 2018)

Na also. Selbst einer, der mitten im Geschäft ist, nennt das kapitalistische Konkurrenzprinzip eine Form von «Krieg», in dem alle gegen alle kämpfen und aus dem schliesslich nur die Stärksten, Billigsten und Schnellsten als Sieger hervorgehen und alle anderen früher oder später auf der Strecke bleiben – mit unabsehbaren wirtschaftlichen, ökologischen, sozialen und menschlichen Folgen…

Wo sind die Ökonomen, die sich für eine nichtkapitalistische Wirtschaftsordnung einsetzen?

Der Tages-Anzeiger vom 29. Dezember 2018 stellt die «zehn einflussreichsten Ökonomen der Schweiz» vor: Ernst Fehr, «einer der einflussreichsten Ökonomen des deutschsprachigen Raums». Daniel Lampert, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. Thomas Jordan, Präsident der Schweizerischen Nationalbank. Rudolf Strahm, ehemaliger SP-Nationalrat und Kolumnist des «Tages-Anzeigers». Eric Scheidegger, das «ordnungspolitische Gewissen im Staatssekretariat für Wirtschaft» und «Gegner zu vieler staatlicher Eingriffe». Dina Pomeranz, «Professorin und internationale Expertin für Entwicklungsländer». Christoph Schaltegger, «die ökonomische Nüchternheit in Person». Rainer Eichenberger, dessen Leidenschaft die «Abklärung von Kosten und Nutzen von Politik» ist. Monika Bütler, von der NZZ zur «einflussreichsten Ökonomin der Schweiz» gekürt. Tobias Straumann, Kolumnist der «NZZ am Sonntag».

Was auffällt: Unter den angeblich «zehn einflussreichsten Ökonomen der Schweiz» sind gerade mal zwei Frauen. Was weiter auffällt: Keiner der acht Ökonomen und der zwei Ökonominnen stellt das kapitalistische Wirtschaftssystem grundlegend in Frage. Wie wenn es nur eine einzige Religion gäbe, nur eine einzige Gottheit. In Anbetracht der verheerenden Auswirkungen des kapitalistischen Wirtschaftssystems in Gegenwart und Zukunft wäre es dringendst nötig, dass von zehn einflussreichen Ökonomen und Ökonominnen mindestens eine oder einer die Vision einer nichtkapitalistischen Wirtschaftsordnung vertreten würde. Aber offensichtlich hat die kapitalistische Gehirnwäsche quer durch die Bevölkerung, die Politik, die Wirtschaft und die Wissenschaft schon eine so durchgehende Wirkung erzielt, dass uns diese Einseitigkeit schon gar nicht mehr besonders auffällt…