Proteste die sich an die falsche Adresse richten

Seit Tagen gibt es im Sudan heftige Proteste gegen das Regime von Diktator Omar al Baschir, ausgelöst durch eine Verdreifachung des Brotpreises. In Frankreich gegen nach wie vor täglich Tausende von «Gelbwesten» auf die Strasse, um gegen die Sozialpolitik von Präsident Macron zu protestieren. Unlängst gab es auch in Ungarn massive Proteste gegen ein neues Arbeitsgesetz, das jährlich bis zu 400 Überstunden ohne Bezahlung zulässt. Und im vergangenen September demonstrierten Tausende in Argentinien gegen die Sparpolitik ihres Präsidenten Macri. Und so weiter, und so weiter…

Der weltweite Unmut ist gross. Doch er richtet sich – meistens – an die falsche Adresse. Das Grundübel ist weder die Regierung von Frankreich, noch jene von Ungarn oder dem Sudan. Das Grundübel ist das kapitalistische Wirtschaftssystem, das Menschen und Volkswirtschaften weltweit in einen immer gnadenloseren gegenseitigen Konkurrenzkampf zwingt. Es ist natürlich einfacher, gegen einzelne Personen oder einzelne Gesetze zu demonstrieren als gegen etwas so Abstraktes wie ein Wirtschaftssystem. Dennoch werden die Proteste, die sich nur auf einzelne Länder beschränken, weitgehend ins Leere laufen, solange nicht an den Grundfesten des Kapitalismus gerüttelt wird. Was es bräuchte, wäre eine weltweite, grenzüberschreitende Bewegung zum Aufbau einer neuen, radikal nichtkapitalistischen Wirtschaftsordnung.

Linksgrüne Initiativen haben schweren Stand

Am 10. Februar gelangt die von den Jungen Grünen lansierte Zersiedelungsinitiative zur Abstmmung. Das Volksbegehren will die Baufläche in der Schweiz einfrieren; Neueinzonungen wären nur noch zulässig, wenn andernorts mindestens gleich viel gleichwertige Fläche ausgezont würde. Den propagierten Bauzonenstopp heissen gemäss einer Umfrage der Tamedia derzeit 54 Prozent der Stimmbevölkerung gut. Am stärksten zieht im Lager der Befürworter der Initiative das Argument, wonach jede Sekunde fast ein Quadratmeter Grünfläche überbaut werde und es so nicht weitergehen könne. Das Meinungsbild könne sich aber noch stark ändern, sagen die Politologen Lucas Leemann und Fabio Wasserfallen. Auch das Forschungsinstitut GFS Bern stuft ein Scheitern der Initiative als «wahrscheinlich» ein. Je länger der Abstimmungskampf dauere, umso mehr wachse die Bereitschaft, eine Initiative abzulehnen.

(Tages-Anzeiger, 28. Dezember 2018)

Die Zersiedelungsinitiative wäre nicht die erste «links-grüne» Initiative, die in den ersten Meinungsumfragen eine Mehrheit erreichte, schliesslich aber dennoch von der Stimmbevölkerung abgelehnt wurde. Man erinnere sich an die Abstimmung über die Einführung einer Einheitskrankenkasse, bei der die Befürworter in den ersten Meinungsumfragen eine deutliche Mehrheit bildeten. Oder an die 1:12-Lohnabstimmung der Juso, bei der die ersten Meinungsumfragen ein ganz knappes Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Befürwortern und Gegnern zeigten, die aber ebenfalls deutlich abgelehnt wurde. Wie ist das zu erklären? Die spontane Meinungsäusserung, die in den ersten Umfragen zum Ausdruck kommt, entspringt dem «Bauchgefühl»: Die Idee der Initiative erscheint sympathisch, sinnvoll, vernünftig, leuchtet ein. Dann aber kommt die kapitalistische Gehirnwäsche, die meistens an die Angst – dem wirkungsvollsten Entscheidungsfaktor – appelliert: Wie steht es um die Sicherheit der Arbeitsplätze bei einer Annahme der Initiative? Muss ich um meinen Job fürchten? Wie stark wäre die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz eingeschränkt? Worauf müssten wir verzichten? Was würde uns weggenommen? Was für Einschränkungen oder Bedrohungen kämen auf uns zu? Und weil in aller Regel die «bürgerlichen» Parteien und Verbände mehr Geld in eine Abstimmungskampagne werfen können als ihre «linksgrünen» Gegner, kippt eben die anfängliche Sympathie gegenüber der Initiative nach und nach in ihr Gegenteil um. Man müsste nur schon aus Fairnessgründen auf jegliche geldgesteuerte Abstimmungspropaganda verzichten: keine Plakate, keine Inserate, keine Internetwerbung. Einfach das Abstimmungsbüchlein, die persönliche Meinungsbildung und die öffentliche Diskussion. Damit sich nicht Angst, Geld und Machtgebaren als dominierende Kräfte durchzusetzen vermögen, sondern die besten, gescheitesten und kreativsten Ideen.

Der kapitalistische Mensch

Kaum waren die Geschenke ausgepackt, brach das Shoppingfieber erneut aus. In vielen Warenhäusern und Läden begann am 27. Dezember die grosse Rabattschlacht. Mit Vergünstigungen von bis zu 50 Prozent und Sonderangeboten lockten die Geschäfte am Donnerstag Familien, Paare und Teenager in die Läden. Im Manor an der Zürcher Bahnhofstrasse etwa herrschte um die Mittagszeit grosser Trubel. «Jetzt waren zwei Feiertage und man sieht: Die Kunden sehnen sich nach Shopping», sagte Stephan Böger, Direktor von Manor Zürich. Vor allem stürzten sie sich auf Schnäppchen in der Parfümerieabteilung, auf die teilweise bis zu 50 Prozent vergünstigte Herbst- und Wintermode sowie auf Kochutensilien wie Bratpfannen. Auch im Zürcher Shoppingzentrum Sihlcity war schon um 10 Uhr morgens einiges los. Im Spielzeugladen kurvten Mütter mit Kinderwagen und kleinen Kindern an der Hand herum, die mit Playmobil liebäugelten. Kaniau Jakaf (21) war im Body Shop auf Geschenksuche. Die Schnäppchenjäger reisten aus der ganzen Schweiz nach Zürich.  

(www.20minuten.ch)

Das kapitalistische Wirtschaftssystem braucht den kapitalistischen Menschen, sonst würde es nicht funktionieren. Dieser kapitalistische Mensch gibt der Wirtschaft seine Arbeitskraft – er ist der eigentliche Arbeitgeber – und bekommt dafür die Entlöhnung eines Teils der von ihm erbrachten Leistung – der andere Teil fliesst in die Taschen der Geschäftsführer, Firmenbesitzer und Aktionäre. In seiner Freizeit ist der kapitalistische Mensch Konsument und gibt den grössten Teil seiner Entlöhnung wieder aus – für zahllose nötige und unnötige Dinge. Und auch beim Konsumieren fliesst wieder ein Teil des Geldes in die Taschen der Geschäftsführer, Firmenbesitzer und Aktionäre. Die Devise für den kapitalistischen Menschen lautet, dass er möglichst fleissig arbeiten und möglichst viel konsumieren soll – dafür sorgt der Riesenpropagandaapparat der Werbung. So dient der kapitalistische Mensch zweifach der Vermehrung des Kapitals in den Händen der Reichen und Mächtigen, während er selber – je nach der Höhe seiner Entlöhnung – mehr oder weniger stark an den Segnungen der Warenwelt partizipiert – zumindest in einem Masse, dass er zufrieden ist und nicht gegen das System aufbegehrt.

Ein weiteres Argument für einen weltweiten Einheitslohn

Wer bei einer grossen Schweizer Firma den Kundendienst anruft, dürfte eigentlich erwarten, dass das Anliegen in der Schweiz behandelt wird. Viele Unternehmen haben den Kundendienst aber längst ausgelagert. Vor allem in der Telekommunikationsbranche und im Bereich der Luftfahrt zeigt sich, dass Firmen mit Sitz in der Schweiz nicht nur auf Schweizer Kundendienste setzen. So etwa hat Sunrise Call-Centers in Deutschland, Kosovo Rumänien und der Türkei. Salt betreibt Call-Centers in Griechenland und Portugal. Die Hälfte der Anfragen an UPC Schweiz landen in Deutschland, Marokko, Rumänien und der Slowakei. Der Flughafen-Dienstleister Swissport hat die Gepäcksuche von Zürich nach Bukarest ausgelagert. Kundenanfragen an Easyjet Switzerland landen in Deutschland, Marokko, Polen und Südafrika.

(www.20minuten.ch)

Der kapitalistische Gewinnmaximierungswahn treibt allenthalben seine wildesten Blüten. Nicht zuletzt den Trend, alle Tätigkeiten, die sich an einem anderen Ort erledigen lassen, dorthin auszulagern, wo die Lohnkosten niedriger sind. Dies verhindern kann nur ein weltweiter Einheitslohn – damit die Preise, die Löhne und der Wert von Arbeit und Produkten über alle Grenzen hinweg identisch sind.

«Manche Kunden sind einfach nie zufrieden.»

Im November begann für die Paketzusteller – egal bei welchem Post-Dienst sie arbeiten – die Weihnachtszeit und damit eine noch stressigere Zeit als ohnehin im Rest des Jahres. In einer Schicht müssen dann schon mal bis zu 250 Pakete ausgeliefert werden – rund 30 mehr als sonst. Nicht selten muss der Paketzusteller sechs Stockwerke hochsteigen, oft mit Paketen, die er kaum hochkriegt, weil sie sie so schwer sind. «Am schlimmsten», meint ein Paketzusteller, «sind grosse, schwere Bestellungen von solchen Dingen wie Teppichen, Säcken voll Katzenstreu oder kiloweise Hundefutter. Manchmal muss ich fast erbrechen, bis ich oben bin.» Und ein anderer sagt: «So viele Menschen bestellen einfach nur des Bestellens wegen. Die bekommen dann fast jeden Tag ein Paket. Da muss dringend ein Umdenken stattfinden.» Und ein weiterer Paketzusteller sagt: «Manche Kunden sind einfach nie zufrieden.»

(www.watson.ch)

Konnte man im 19. Jahrhundert noch die bleichen und ausgemergelten Kinder spätabends aus den Fabriken strömen sehen, so hat der moderne Kapitalismus die Ausbeutung unsichtbar gemacht. Damit der putzige Teddybär rechtzeitig unter dem Weihnachtsbaum liegt und die Kinderaugen zum Strahlen bringt, musste sich im fernen China eine Arbeiterin unter immensem Zeitdruck ihre Finger und ihren Rücken kaputt arbeiten, musste ein Hafenarbeiter in Shanghai beim Verladen der Spielwarencontainer Schwerarbeit leisten, musste eine Angestellte von Amazon im Sekundentakt Paket um Paket vom einen Fliessband zum anderen schieben, mussten im Paketzentrum der DHL unzählige Überstunden geleistet werden und verlor der Paketzubringer beim Klingeln an der Wohnungstür fast seine Nerven, weil er gegenüber seinem Zeitplan bereits über eine Stunde im Rückstand war. Auch dem Essen im Restaurant sieht man den Lärm und die Hitze in der Küche nicht an. Auch dem Kaffee sieht man den Schweiss der Plantagenarbeiter und -arbeiterinnen nicht an. Auch dem Smartphone sieht man nicht an, unter was für unmenschlichen Bedingungen die Rohstoffe, die es für seine Herstellung braucht, gewonnen werden. Auch der Zeitung sieht man den Stress auf den Redaktionen und in den Druckereien nicht an. Das macht den Kapitalismus – zumindest für alle jene, die auf der Sonnenseite sind – so akzeptierbar: Dass er sich so angenehm anfühlt und so attraktiv aussieht, obwohl unsägliches Leiden dahinter verborgen ist.

Wenn wir nichts unternehmen, sind wir geliefert

Die kanadische Fischerei- und Meeresbehörde DFO hat in den Gewässern vor Neufundland und Labrador ein besorgniserregendes Planktonsterben festgestellt. Laut dem DFO-Forscher Pierre Pepin ist dort die gesamte Biomasse des Zooplanktons in den letzten drei bis vier Jahren um 50 Prozent zurückgegangen. Neben dem Absterben des Zooplanktons, also dem tierischen Plankton, hat Pepin auch einen Rückgang des Phytoplanktons, des pflanzlichen Planktons, festgestellt. Plankton ist die Grundlage der gesamten Nahrungskette der Ozeane. Fische, Seevögel, Wale und Seehunde: Sie sind alle vom Plankton abhängig. Was der Rückgang bedeutet, veranschaulicht Pepin mit einem Vergleich: Es sei, als ob man in einen Lebensmittelladen gehe und alle Gestelle nur halbvoll wären. Er befürchtet, dass sich in der Nahrungskette der Ozeane etwas Grundlegendes geändert hat. Pepins Besorgnis teilt der schottische Meeresbiologe Howard Dryden. Er warnt davor, dass die Ozeane bis 2045 so vergiftet sein werden, dass innert fünf Jahren die meisten Fische, Vögel und Meeressäuger aussterben werden. Das hätte laut Dryden auch für das Leben an Land verheerende Folgen.

«Wenn wir es zulassen, dass das Ökosystem der Meere zerstört wird, wird auch das Ökosystem auf dem Festland wenige Jahre später versagen», sagte Dryden. «Uns bleiben nur etwa 10 Jahre um eine Wende herbeizuführen und nicht nur Plastik zu eliminieren, sondern auch giftige Chemikalien wie sie in tausenden Produkten von Lippenstift bis Sonnencremes enthalten sind.» Schaffe man das nicht, werde es zu einem Kollaps des gesamten marinen Ökosystems kommen. «Um es unverblümt zu sagen: Wenn wir nichts unternehmen, um die Situation zu verbessern, sind wir geliefert.»

(www.20minuten.ch)

Ist der Mensch dazu verdammt, sich sein eigenes Grab zu schaufeln? Fast möchte man es glauben. Wo ist die menschliche Intelligenz stecken geblieben, in welche Sackgassen hat sie sich verirrt, wohin haben sich Kreativität, Phantasie und alternatives Denken zurückgezogen? Weshalb glauben so viele Menschen, dass sich ein Wirtschaftssystem, das von Menschen in die Welt gesetzt und über Jahrhunderte weitergeführt wurde, nicht ebenfalls von Menschen auch wieder umgebaut oder abgebaut und durch etwas Neues, Besseres ersetzt werden kann? Denn das ist der einzige Ausweg. Es sind zu viele Baustellen offen. Ein paar Tausend Produkte vom Lippenstift bis zu Sonnencrèmes zu eliminieren, um das Planktonsterben zu stoppen, genügt nicht. Das ist nur eines von mehreren Millionen sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Problemen, mit denen die heutige Menschheit konfrontiert ist. Symptombekämpfung allein wird nicht genügen. Es braucht eine grundlegende Neuorientierung, ein von Grund auf neues, anderes Wirtschaftssystem, das nicht auf Wachstum und Gewinnmaximierung aufgebaut ist, sondern sich an den Lebensbedürfnissen der Natur, der Tiere und der Menschen heute und in Zukunft orientiert.

Der kapitalistische Mensch mit seinem Schrei nach immer mehr und mehr

Die Arbeit an Sonn- und Feiertagen nimmt in der Schweiz rasant zu. Jedes Unternehmen, das Bedarf nach einem Sondereinsatz am Wochenende hat, kann sich diesen vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) bewilligen lassen. Eine Analyse dieser Daten zeigt, dass in den letzten drei Jahren die Anzahl bewilligter Gesuche um über 30 Prozent auf mehr als 2000 anstieg. Alleine für Feiertagsarbeit wurden 800 Gesuche bewilligt, wie das Seco bestätigt. Gründe für den Anstieg seien das Konsumbedürfnis sowie eine «technische oder wirtschaftliche Unentbehrlichkeit», so das Seco.

Gemäss der «SonntagsZeitung» haben Zulieferbetriebe wie Grossmetzgereien und Verteilzentren von Coop oder Migros besonderen Bedarf nach Feiertagsarbeit. Eine Migros-Sprecherin sagt dazu: «Sowohl bei den Produktionsbetrieben als auch bei den Logistikunternehmen entsteht der Bedarf, um die gesteigerte Nachfrage der Konsumenten nach Frischprodukten auch an Sonn- und Feiertagen abdecken zu können.»… Auch die Sonntagsarbeit nimmt massiv zu. Wurden 2016 noch rund 1800 Gesuche gutheissen, stieg die Zahl nun auf rund 2300 an. Die Gesuche betreffen neu 83’000 Arbeitsplätze gegenüber 75’000 im Jahr 2016.

(www.20minuten.ch; Tages-Anzeiger, 24. Dezember 2018)

Woher eigentlich kommt dieser Drang nach immer mehr und immer schneller und immer grösser? Der Kapitalismus mit seinem Dogma des unbegrenzten Wachstums braucht, damit er erfolgreich funktionieren kann, den kapitalistischen Menschen, der – wie ein Süchtiger – nach immer mehr und mehr schreit. Egal zu welchen sozialen, menschlichen und ökologischen Kosten…

Erschwingliche Kreuzfahrt dank Hungerlöhnen und extremen Arbeitszeiten

Sie bereisen die ganze Welt, legen quasi jeden Tag in einem anderen Hafen an und sehen fast nie etwas vom Land. Sie arbeiten täglich bis zu zwölf Stunden, an sieben Tagen die Woche: die Aushilfen in Küche und Wäscherei an Bord von deutschen Kreuzfahrtschiffen. Meist stammen sie aus Niedriglohnländern wie Indonesien, den Philippinen oder Indien. Ihr Zuhause an Bord sind fensterlose Kabinen, mit Stockbett, Spind und Mini-Schreibtisch. Ein enger Raum, den sich bis zur vier Personen teilen müssen. Sie schuften tief im Bauch des Schiffes, bis zu zehn Monate am Stück, ehe sie wieder nach Hause zu ihren Angehörigen fliegen dürfen. So sieht es in der Parallelwelt auf Traumschiffen aus. In den Restaurants, Bars und Shops nehmen die Passagiere das Personal meist als gut gelaunte Crew war, denen ein «Good morning, Sir» leicht über die Lippen geht. Unter Deck herrscht eine Zweiklassengesellschaft: Die wenigen höher qualifizierten Angestellten, wie zum Beispiel ein Versorgungsoffizier, bleiben nicht länger als drei Monate an Bord. Sie sind meist EU–Bürger. Küchen- und Deckhilfen verpflichten sich neun bis elf Monate am Stück. Sie verdienen weniger und erhalten vom Arbeitgeber nach Verlassen des Schiffes keine soziale Absicherung.

Kein Kreuzfahrtschiff fährt mehr unter deutscher Flagge. Aus Kostengründen schippert die Aida-Flotte unter italienscher Flagge. Denn Schiffseigner müssen in Italien keine Lohnsteuer abführen. MSC Cruises sitzt in der Schweiz, deren Schiffe sind in Panama und Malta registriert. Die Gehälter liegen deutlich unter dem deutschen Mindestlohn, der im Jahr 2018 8,84 Euro pro Stunde beträgt. Löhne zwischen 3 und 5 Dollar die Stunde sind keine Seltenheit. Das entspricht einem Stundenlohn von umgerechnet 2,65 bis 4,40 Euro. Die extremen Arbeitszeiten und die geringen Löhne tragen dazu bei, dass Kreuzfahrten heute für viele erschwinglich sind.

(www.stern.de)

Doppelte und dreifache Ausbeutung. Denn die oben sind ja nicht deshalb so reich, weil sie so viel geschuftet hätten. Sie sind deshalb so reich, weil sie das unglaubliche Glück hatten, nicht in Indonesien oder den Philippinen, sondern in Schweden oder der Schweiz geboren zu sein. Und nun werden sie, nachdem sie schon eine glückliche Kindheit hatten und ihnen alles Lebensnotwendige in Hülle und Fülle zur Verfügung steht, erst noch damit belohnt, dass sie sich solche Luxusvergnügungen wie eine Kreuzfahrt leisten können. Während die unten sich noch so abrackern können und trotzdem nie in den Genuss eines Lebens gelangen werden, das sich nur im Allerentferntesten mit jenem der Glücklichen und Reichen oben an Deck vergleichen lässt. Was für eine ungerechte Welt…

Esslieferdienste: Der halsbrecherische Wettbewerb um die Kundschaft

Wachstum steht über allem bei den Lieferdiensten, die den Konsumenten zu mehr Take-away verführen wollen und sich gegenseitig einen halsbrecherischen Wettbewerb liefern. Die Kosten lassen sich umso besser amortisieren, je mehr Kunden man hat. Es wird deshalb enorm viel Geld in Marketing und Vertrieb gesteckt – in der Hoffnung, dass das Ganze später einmal Gewinne abwirft. Dieses Vorgehen lässt sich gut bei der in Berlin ansässigen Firma Delivery Hero beobachten. Bei einem erwarteten Umsatz von 1,1 Mrd. € wird 2019 ein Betriebsverlust von rund 300 Mio. € erwartet. Zu jedem Euro Umsatz macht Delivery Hero somit mehr als 25 Cent Verlust. Die Idee ist, dass dafür der Umsatz ab 2020 jedes Jahr um 80 Mio. € höher liegt als ohne diese Ausgaben. Derzeit beruht vieles auf dem Prinzip Hoffnung…

(www.nzz.ch)

 

Halsbrecherischer Wettbewerb. Mörderischer Preiskampf. Alle gegen alle. Fressen und gefressen werden. Verluste in Kauf nehmen, um später einmal Gewinne schreiben zu können. Hoffen, dass die Konkurrenten nicht mithalten können und irgendwann aufgeben. Esslieferdienste, Wo wir auch hinblicken in die kapitalistische Wirtschaft, überall das gleiche gnadenlose Konkurrenzprinzip, der Kampf aller gegen alle. Entweder man zerstört die anderen oder man zerstört sich selber. Wie lange kann das noch gutgehen?

Ohne Systemveränderung keine Problemlösung

2018 geht turbulent zu Ende, und auch im nächsten Jahr wird es stürmisch bleiben. Die drei bedeutendsten europäischen Länder befinden sich in einer Krise. Diese Krisen haben zwar jeweils ganz eigene Ursachen, aber führen zu durchaus ähnlichen Ergebnissen: zur Blockade des politischen Systems. Die Franzosen haben wieder einmal das getan, was sie am liebsten tun: Sie spielten die grosse Revolution nach und offenbarten damit die Schwäche nicht nur ihres Präsidenten, sondern der gesamten Republik. Grossbritannien hadert mit der konkreten Ausgestaltung des Brexit, die je nach Lesart zu hart oder zu weich, auf jeden Fall nicht angemessen ist. Und Deutschland durchleidet ratenweise das Ende einer überlangen Kanzlerschaft mit allen Zerfallserscheinungen. Diese drei Nationen sind auf absehbare Zeit mit sich selbst beschäftigt, mit allen Konsequenzen für Europa als Ganzes.

(www.nzz.ch)

 

Man könnte noch Italien mit seinem Budgetstreit und der erodierenden Linken, Ungarn mit seinen Grossdemonstrationen gegen ein neues Arbeitsgesetz und Griechenland mit seinen einschneidenden Sparmassnahmen und der hohen Arbeitslosigkeit hinzufügen. Ja, es kriselt an allen Ecken und Enden. Was im obigen Artikel der NZZ allerdings nicht zutrifft, ist die Behauptung, jede dieser Krisen habe eine «ganz eigene Ursache». Nein, die Ursache ist immer die gleiche. Es ist schlicht und einfach das kapitalistische Wirtschaftssystem, das die einzelnen Länder und Volkswirtschaften in einen permanenten gegenseitigen Konkurrenzkampf zwingt, bei dem es für jeden Gewinner immer auch einen Verlierer gibt. Die Menschen spüren das, sie fühlen sich einem Spiel ausgeliefert, auf das sie keinen Einfluss haben, das entlädt sich in Frustrationen und Wut, doch gegen wen soll man sich wehren, wen bekämpfen? Im Moment ist es so, dass sich die aufgeladene Wut vor allem gegen die so genannten «Eliten» wendet, das hat schon Donald Trump erfolgreich vorgemacht – indem er gegen eine «Elite» polemisierte, zu welcher er ironischerweise auch selber gehört. Es ist aber auch das Erfolgsrezept der deutschen AfD, der britischen Brexit-Befürworter, der französischen «Gelbwesten» und weiterer ähnlicher Bewegungen. Eigentlich müsste sich die Wut gegen das kapitalistische Wirtschaftssystem richten, welches an allem Schuld ist. Es ist aber eben einfacher, gegen eine Regierung oder bestimmte Personen anzukämpfen als gegen etwas so Abstraktes wie ein «System». Und doch wird sich an den heutigen Problemen so lange nichts ändern, als die Menschen ihre Wut bloss gegeneinander auslassen, statt eine radikale Systemveränderung in Angriff zu nehmen.