Alle sprechen – in Bezug auf die schweizerischen Parlamentswahlen vom 20. Oktober – vom erdrutschartigen Vormarsch der Grünen. Vom Erstarken der politischen Mitte. Von den massiven Verlusten der SVP. Von der markanten Erhöhung des Frauenanteils. Erstaunlicherweise aber spricht niemand davon, dass sich nur gerade mal 46 Prozent der Bevölkerung an diesen Wahlen beteiligt haben. Eine Quote, die auch im Vergleich mit anderen, auch aussereuropäischen Ländern, sehr zu denken geben müsste, widerspricht dies doch zutiefst dem Grundideal einer Demokratie, an der sich möglichst alle Bürgerinnen und Bürger aktiv und gleichberechtigt beteiligen. Alles deutet daraufhin, dass wir es hier mit dem Problem einer «zweigeteilten» Gesellschaft zu tun haben. Zahlreiche Untersuchungen, die zu diesem Thema auch schon auf gesamteuropäischer Ebene gemacht wurden, zeigen denn auch, dass vor allem «Ungebildete» und «Geringverdienende» überdurchschnittlich oft der Urne fernbleiben, jene Menschen also, die entweder an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden oder zu niedrigem Lohn und mit geringer gesellschaftlicher Wertschätzung meist überdurchschnittlich anstrengende Arbeit verrichten und auf diese Weise jenes Fundament bauen, auf dem die gesamte Gesellschaft mitsamt ihren «demokratischen» und politischen Strukturen überhaupt erst aufbauen kann. Kapitalismus und Demokratie vertragen sich eben nur äusserst schlecht. Es müsste der Tag kommen, an dem auch Bauarbeiter, Kehrichtmänner, Sozialhilfebezüger, Putzfrauen und Migrosverkäuferinnen in den Parlamenten sitzen. Von diesem Tag scheinen wir allerdings noch ziemlich weit entfernt zu sein…
Angst vor einer Revolution mit unabsehbaren Folgen?
«Es ist sicher nicht so, dass viele Menschen in armen Ländern arm sind, weil wir reich sind. Die Welt ist kein Nullsummenspiel, wo der eine gewinnt und der andere verliert.»
(Dina Pomeranz, Wirtschaftsprofessorin und Entwicklungsökonomin an der Universität Zürich, www.srf.ch)
Mehr als erstaunlich, dass angesehene Ökonominnen und Ökonomen in der heutigen Zeit immer noch solchen Unsinn verbreiten können. Die These, wonach es zwischen Reichtum hier und Armut dort keinen Zusammenhang geben soll, kann man nur schon mit einem einzigen Beispiel widerlegen. Nehmen wir ein Smartphone: Der kongolesische Minenarbeiter schürft jene seltenen Metalle aus der Erde, die es für die Herstellung eines Smartphones braucht. Er verrichtet während zwölf oder mehr Stunden pro Tag härteste Arbeit zu einem Hungerlohn, von dem er seine Familie kaum ausreichend ernähren kann. Er lebt in bitterster Armut. Chinesische Fabrikarbeiterinnen setzen die einzelnen Bestandteile des Smartphones zum fertigen Gerät zusammen, eine Arbeit, die während vieler Stunden pro Tag höchste Konzentration und Fingerfertigkeit erfordert. Doch auch sie bekommen dafür bloss einen Lohn, von dem sie höchstens mehr schlecht als recht leben können, nicht selten schlafen sie mit zahlreichen Arbeitskolleginnen in einem einzigen grossen Raum und verfügen praktisch über kein Privatleben. Eines Tages liegt das fertige Smartphone in einem europäischen, japanischen oder US-amerikanischen Geschäft. Und jedes verkaufte Gerät spült ein Vielfaches jenes Geldes, welches der kongolesische Minenarbeiter und die chinesischen Fabrikarbeiterinnen bekommen haben, in die Taschen von Managern, Verwaltungsräten und Aktionären multinationaler Konzerne. Beliebig viele weitere Beispiele liessen sich anfügen, von der Kaffeebohne über Schuhe und Textilien bis hin zu Sportartikeln und Spielwaren, von Tropenfrüchten und Fleischprodukten über Autobatterien bis zu Möbeln und Badezimmereinrichtungen. Beispiele, die uns deutlich machen, wie eng Reichtum auf der einen und Armut auf der anderen Seite miteinander verflochten sind – die beiden Kehrseiten der gleichen kapitalistischen Medaille, deren Grundprinzip die Ausbeutung der arbeitenden Menschen zugunsten einer immer uferloseren Anhäufung von Kapital in den Händen der Reichen und Reichsten ist. Haben Ökonomen und Ökonominnen wie Dina Pomeranz noch nie etwas davon gehört? Oder wollen sie es bewusst nicht wahrhaben? Oder wäre die Wahrheit, käme sie ans Licht, vielleicht zu schmerzlich? Oder hat man gar Angst davor, dass diese Wahrheit eine Revolution mit unabsehbaren Folgen auslösen könnte?
Folgerichtiger Zusammenschluss von Klimabewegung und Gewerkschaften
Obwohl sie bisher konsequent zu den politischen Parteien Abstand genommen haben, sind die Klimaaktivisten kürzlich an den Schweizerischen Gewerkschaftsbund gelangt, um ihn zur Teilnahme an der grossen Kundgebung vom 20. Mai 2020 zu bewegen. Die Klimakrise, so erklären die Jugendlichen, sei untrennbar mit sozialen Fragen verknüpft. Damit wird die Kampfzone ausgeweitet – und das eigentliche Thema, das Klima, verliert an Bedeutung. Mit diesem Vorgehen begehen die Klimaaktivisten einen fatalen Fehler. Wenn sie die Klimaproblematik mit dem Klassenkampf koppeln, werden sie viele Wohlgesinnte abschrecken. Sie verlieren nicht nur viel Goodwill, sondern, schlimmer noch, ihre Kraft.
(Janine Hosp, Tages-Anzeiger, 18.Oktober 2019)
Leider droht in der gegenwärtigen Klimadebatte – dies zeigt auch obiger Artikel des Tages-Anzeigers – die eigentliche Hauptursache des Klimawandels immer mehr in den Hintergrund zu treten. Diese Hauptursache ist nämlich das kapitalistische Wirtschaftssystem mit seinen Dogmen des immerwährenden Wachstums und der immerwährenden Profitvermehrung – auf Kosten der Erde wie auch der Menschen und der Tiere. Die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen ist nur eines der vielen hässlichen Gesichter des Kapitalismus. Ein anderes ist die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft über alle Grenzen hinweg bis hin zu sklavenähnlichen Zuständen, die selbst in unserem 21. Jahrhundert für Millionen von Menschen bittere Tatsache sind. So ist es nichts anderes als folgerichtig, dass sich die Klimaaktivisten und Klimaaktivistinnen mit den Gewerkschaften zusammenschliessen möchten. Das mag sie möglicherweise einen Teil ihrer bisherigen Sympathisanten und Sympathisantinnen kosten. Längerfristig aber wird es sich lohnen – wenn es gelingt, von der reinen Symptombekämpfung zu den eigentlichen Hauptursachen des Klimawandels vorzustossen und nicht weniger zu fordern als eine Überwindung des Kapitalismus und den Aufbau einer von Grund auf neuen, am Wohl der Menschen, der Natur und zukünftiger Generationen orientierten Wirtschaftsordnung.
Man kann nicht die Armut bekämpfen, ohne gleichzeitig auch den Reichtum zu bekämpfen
«Wie die Menschheit Armut besser bekämpfen kann» – so der Titel eines Berichts im Tages-Anzeiger über die drei Preisträger des diesjährigen Wirtschaftsnobelpreises, Esther Duflo, Abhijit Banerjee und Michael Kremer. Die drei Ökonomen hätten wesentlich dazu beigetragen, dass Armut weltweit bekämpft werden könne, begründete die Königliche Schwedische Akademie der Wissenschaften ihren Entscheid. Duflo und Kremer haben einen neuen Ansatz eingeführt, um das Wesen der Armut besser zu verstehen. Einfach gesagt, geht es darum, das komplexe Thema in kleine und überschaubare Fragestellungen zu unterteilen. Zum Beispiel: Wie können Kinder und Jugendliche eine bessere Bildung erlangen? Wie lässt sich die Gesundheit von Kindern verbessern? Ähnliche Studien führte Banerjee durch und befasste sich dabei insbesondere mit der Vergabe von Mikrokrediten zwecks Bekämpfung der Armut.
(Tages-Anzeiger, 15. Oktober 2019)
Interessant, dass für solche Erkenntnisse, die eigentlich längstens schon Allgemeinplätze sind, gleich ein Nobelpreis verliehen wird. Und dies, obwohl man eigentlich schon lange weiss, dass bessere Schulbildung oder eine besondere Gesundheitsversorgung zwar für die davon Betroffenen ein Segen sind, insgesamt aber das Grundproblem der Armut bei weitem nicht zu lösen vermögen. Dieses Grundproblem muss man eben gerade nicht in «kleine und überschaubare Fragestellungen» aufteilen, sondern im Gegenteil als globales Gesamtphänomen betrachten. Und dieses globale Gesamtphänomen besteht darin, dass in gleichem Masse, wie die Armut der Armen zunimmt, eben auch der Reichtum der Reichen zunimmt – die unaufhörliche kapitalistische Umverteilung, die darin besteht, dass die Reichen nur deshalb immer reicher werden, weil die Armen immer ärmer werden, und umgekehrt, auf welchen verschlungenen, geheimnisvollen und unsichtbaren Wegen auch immer. Reichtum und Armut sind die beiden unauflöslich miteinander verbundenen Kehrseiten der gleichen kapitalistischen Medaille. Um auf den Titel obigen Artikels zurückzukommen: Man kann nicht die Armut der Armen bekämpfen, ohne gleichzeitig auch den Reichtum der Reichen zu bekämpfen. Dies bedingt eine Abschaffung sämtlicher Ausbeutungsmechanismen, sei es in jedem einzelnen Land, aber auch von Land zu Land, sprich: eine Überwindung des weltweit herrschenden kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems.
Härter arbeiten, wenig verdienen und erst noch früher sterben…
Wie extrem der sozioökonomische Status, vor allem Einkommen, Arbeitsstatus und Bildung, die Überlebenschancen beeinflusst, zeigt sich im Osten Deutschlands besonders deutlich. Hier zählen 14 Prozent der Männer zur untersten Einkommens- und Bildungsschicht. Diese Gruppe hat im Vergleich zur höchsten Einkommens- und Bildungsschicht ein mehr als achtmal so hohes Sterberisiko.
Was für eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Diese 14 Prozent der Männer haben nicht nur ein viel tieferes Einkommen als die übrigen 86 Prozent. Sie verrichten zudem in aller Regel Arbeiten, die weit überdurchschnittlich stressig, anstrengend und monoton sind und daher häufig zu chronischen Beschwerden und Erkrankungen führen. Zudem sind sie von einer längeren Lebensarbeitszeit betroffen, da sie oft schon im Alter von 16 oder 20 Jahren zu arbeiten beginnen, während jene, die später bessere Jobs haben und mehr verdienen werden, noch in der Schule oder an der Universität sitzen. Weiter kommt dazu, dass sie über ein geringeres gesellschaftlichen Ansehen verfügen, sich wegen des geringeren Einkommens viel weniger leisten können und sich in ihrem Alltag weit mehr einschränken müssen als die anderen 86 Prozent. Wie wenn das alles nicht schon genug wäre, wird aber ihre Rente nach der Pensionierung um einiges tiefer sein als jene der ehemals Besserverdienenden. Und um dem allem noch die Krone aufsetzen, werden sie ihren Ruhestand weit weniger lange geniessen können und um vieles früher sterben als die ehemaligen Universitätsdozenten, Ärzte und Anwälte. Aber selbst das ist noch nicht alles. Führt man sich nämlich vor Augen, wie wichtig und grundlegend für das Funktionieren von Wirtschaft und Gesellschaft all jene Tätigkeiten – vom Bäcker über den Kehrichtmann und Fabrikarbeiter bis zum Lastwagenfahrer – sind, welche von den am schlechtesten Verdienenden verrichtet werden, dann wird dieses ganze unbeschreibliche Unrecht erst in seiner ganzen Tragweite sichtbar: Ausgerechnet jene, die von der Plackerei der «unteren» Schichten profitieren, auf sie existenziell angewiesen sind und ihnen trotzdem kaum je die gebührende Wertschätzung entgegenbringen, werden am Ende noch dafür belohnt, dass sie um Jahre länger leben dürfen als jene. Hat da irgendwer mal etwas von «ausgleichender Gerechtigkeit» im Kapitalismus gesagt? Schön wäre es…
«Wir brauchen einen Konsumstreik»
Henrik Nordborg glaubt nicht daran, dass sich Wirtschaftswachstum und Klimaschutz unter einen Hut bringen lässt. Der Klima-Professor von der Hochschule für Technik Rapperswil HSR sagt: «Global gesehen sind der CO2-Ausstoss und die Wirtschaftsleistung gekoppelt.» Jede Tonne CO2 erhöhe das weltweite Bruttoinlandprodukt um etwa 2800 Dollar. Laut dem Physiker hat sich seit dem Auftauchen von Klima-Aktivistin Greta Thunberg zwar vieles verändert. Auch Aktionen wie jene von Extinction Rebellion begrüsst er. Die Politik reagiere jedoch viel zu langsam auf die Erwärmung der Erde: «Wir steuern auf eine Katastrophe zu.» Junge Menschen würden sich darum so für das Klima einsetzen, weil sie wüssten, dass sie sonst sterben müssten. Einen Ausweg sieht Nordborg darin, dass die Bevölkerung den Konsum massiv herunterfährt: «Wir brauchen einen Konsumstreik. Heute arbeiten wir, um immer mehr zu konsumieren. Aus diesem Hamsterrad müssen wir ausbrechen. Wenn die Leute nicht mehr fliegen, keine neuen Autos mehr kaufen, kein Fleisch mehr essen oder nicht dauernd neue Kleider kaufen, hat das die direkteste Wirkung aufs Klima.» Auch einfach auf E-Autos umzustellen, sei nicht die Lösung. Diese seien zwar schön und gut, doch deren Herstellung verschlinge ebenfalls Energie. Dabei sei ein Konsumstreik vollkommen legal: «Es ist nicht illegal, einfach zu Hause zu bleiben.» Hörten hinreichend viele Menschen auf, zu konsumieren, würden viele Geschäftsmodelle nicht mehr funktionieren: «Eine Airline kriegt schnell Probleme, wenn die Auslastung sinkt. Es ist nicht so, dass Konsumenten keine Macht haben.»
Vielleicht ist das der beste und wirkungsvollste Weg zur längst fälligen Überwindung des Kapitalismus, zum Aufbau eines neuen, nicht mehr an Profit und Wachstum, sondern am elementaren Wohl von Mensch und Natur orientierten Wirtschafts- und Gesellschaftssystems.
Klimawandel in Kenia: «Dann können wir wohl am Ende nur auf unseren Tod warten.»
Früh am Morgen, so berichtet ARD-Korrespondentin Caroline Hoffmann aus Nairobi, treibt Roba Guyo seine kleine Ziegenherde in die dürre Landschaft hinaus. Immer weiter muss er laufen, denn durch die dauernde Hitze wächst kaum Grün an den dornigen Sträuchern, die Erde ist staubig und trocken. Sein Leben lang ist er schon Hirte, aber so schlimm wie jetzt war es noch nie. Roba Guyo ist verzweifelt. «Die Herausforderung durch das Klima macht mich fertig», sagt er. Das größte Problem sei die Trockenheit. «Wir können nichts anderes, wir haben nichts anderes gelernt.» Auf dem Boden liegen überall ausgebleichte Knochen der Tiere herum, die die große Dürre von 2017 nicht überlebt haben. Roba Guyo verlor damals den größten Teil seiner Herde. Den kleinen Rest treibt er jetzt zum Wasserloch. Nur um zehn Uhr morgens dürfen die Hirten es nutzen, so hat es das Dorf Badanreero im Norden Kenias beschlossen. Das Wasser ist zu kostbar. Im Dorf gibt es sogar Waffen, um den Teich zu verteidigen. Erst vor kurzem wurden in den benachbarten Hügeln vier Menschen bei einem Kampf ums Wasser getötet. Immer wieder trocknet das Loch komplett aus. Trocken sei es hier schon immer gewesen, doch das Klima verschärfe sich, erzählt Roba Guyo. Die Hitze werde extremer. Wenn Regen komme, gebe es aufgrund des trockenen Bodens Springfluten. Dima Guyo, die Frau des Hirten, kann es einfach nicht verstehen. «Die Menschen im Norden müssen ihr Verhalten ändern und aufhören mit den Dingen, die am Ende diese Hitze produzieren», sagt sie. «Unsere Tiere sollen nicht sterben.» Und sie denkt vor allem auch an die Kinder, die sich in der Schule vor Hitze kaum konzentrieren können und manchmal auch einfach umfallen. «Wenn sich gar nichts ändert», sagt sie, «dann können wir wohl am Ende nur auf unseren Tod warten.»
Wir brauchen den mündigen Menschen – alles andere ist Augenwischerei
Rund 30 Millionen Passagiere fliegen jedes Jahr ab Schweizer Flughäfen. Mit einer Flugticketabgabe will der Ständerat diese Zahl reduzieren und damit auch die Menge der verursachten Treibhausgase. Doch Urs Ziegler, Leiter der Sektion Umwelt beim Bundesamt für Zivilluftfahrt, verspricht sich von einer solchen Massnahme nicht allzu viel: «Es ist fraglich, ob eine Reduktion der CO2-Emissionen der Luftfahrt mit den vom Ständerat beschlossenen Massnahmen erreicht wird.» Wenn tatsächlich zehn Prozent der Passagiere aufgrund der Abgabe auf einen Flug verzichten würden, bedeute dies noch lange nicht, dass deshalb weniger Flugzeuge fliegen würden. Auch die Swiss rechnet nur mit einer marginalen Reduktion der Emissionen. Als weitere Folge könnte aber die Zahl der Passagiere, die aus der Schweiz über Umwege ans Ziel fliegen, steigen und sich damit die globale CO2-Bilanz noch verschlimmern.
(NZZ am Sonntag, 13. Oktober 2019)
Die wirksamsten Massnahmen gegen den Klimawandel wären Einsicht, Vernunft und gesunder Menschenverstand. Einschränkungen nur über den Geldbeutel herbeizwingen zu wollen, ist der falsche Weg. Denn es gibt stets noch genug Vermögende, die sich, auch wenn alles teurer wird, weiterhin jedes erdenkliche Luxusvergnügen leisten können. Finanzielle Anreize gehen von einem unmündigen Bürger, einer unmündigen Bürgerin aus, die selber nicht denken kann, sondern sich so verhält wie ein Hund, der stets dorthin eilt, wo die schmackhafteste Wurst auf ihn wartet. Abgesehen davon ist der finanzielle Ansatz ohnehin ein Fass ohne Boden: Man müsste dann nämlich konsequenterweise auch alle Tropenfrüchte massiv verteuern, sämtliche Fleischwaren, alle Smartphones, Tablets und Computer, die Kreuzfahrten, alle aus China und anderen fernen Ländern importierten Spielzeuge und Luxusgüter. Wir brauchen den mündigen Menschen, der selber denkt und sein Konsum- und Freizeitverhalten nicht daran orientiert, wie teuer oder billig etwas ist, sondern, wieweit es der Umwelt und dem Klimaschutz schadet oder nützt.
Digitalisierung und Klimawandel
Eine weisse Wolke am blauen Himmel ist etwas Luftiges, Leichtes, manchmal Verspieltes, beinahe Immaterielles. Wohl deshalb verorten viele die Cloud, die Datenwolke, intuitiv ebenfalls irgendwo «am Himmel» und nutzen die Segnungen der Digitalisierung, ohne an Online-Umweltverschmutzung zu denken. Dabei entfallen auf die globale IT-Branche weltweit rund sieben Prozent des Stromverbrauchs… Gesamthaft wächst der Datenberg gewaltig. Die Internet-Nutzung in all ihren Facetten verdoppelt sich etwa alle ein bis zwei Jahre. Die Daten- und Energiemengen wachsen in astronomische Höhen. Die grossen Treiber sind einerseits die stark zunehmende private und betriebliche Nutzung von Handys, Tablets, PC etc., anderseits die totale globale Vernetzung, das «Internet der Dinge» (IoT), das Cloud-Computing, das Video-Streaming. Zudem ist jeder kleinste Klick im Internet nur dank einer massiven Infrastruktur möglich: Router, Übertragungsnetze, Antennen, Rechenzentren und riesige Serverfarmen… Die gesamte Informations- und Kommunikationsbranche verursacht knapp halb so viel Treibhausgasemissionen wie der gesamte Motorfahrzeugverkehr – und deutlich mehr als die Verkehrsflugzeuge: Der Anteil der Luftfahrt an den globalen CO2-Emissionen liegt bei 2,5 Prozent, der IT-Sektor pustet 3,7 Prozent CO2 in die Atmosphäre… Riesig ist die graue Energie, die für die Produktion eines Smartphones benötigt wird: Insgesamt werden etwa 30 verschiedene Metalle benötigt, um ein Handy zu produzieren. Und im Laufe seines Lebens verbraucht ein Smartphone alles in allem etwa 73,3 Kilogramm an Ressourcen – während es selbst nur etwa 80 Gramm wiegt… Bei jedem Eintritt in die Online-Welt wird eine gewaltige Maschinerie in Gang gesetzt: Wäre das Internet ein Land, hätte es den sechsthöchsten Stromverbrauch… Die Rechenzentren als Datenfabriken des digitalen Zeitalters fressen viel Strom, etwa drei Prozent des schweizerischen Stromverbrauchs; besonders problematisch ist die dauernde Kühlung. Beim Energieverbrauch im IT-Sektor findet ein Wettlauf mit der Zeit statt. Einerseits werden die Geräte effizienter und die Rechenzentren sparsamer, anderseits wachsen die Rechenleistung der Geräte, die Anwendungsfelder und die Datenmenge dramatisch. Eine einzige Überweisung der virtuellen Kryptowährung Bitcoin verbraucht so viel Strom, wie ein US-Amerikaner in einer Woche.
(Jürg Müller-Muralt, www.infosperber.ch, 12. Oktober 2019)
Es müsste mal ein Gremium kritischer Nutzerinnen und Nutzer digitaler Medien zusammensitzen und darüber nachdenken, welches sinnvolle Nutzungen sind und auf welche Nutzungen man problemlos verzichten könnte, ohne dass die Lebensqualität erheblich darunter leiden würde. Wetten, dass man den IT-Konsum damit auf maximal zehn Prozent des heutigen Gebrauchs reduzieren könnte. Muss man sich, zum Beispiel, auf seinem Smartphone jederzeit und überall jeden beliebigen Spielfilm anschauen können? Bestehen nicht 90 Prozent der täglich verschickten SMS aus reinem Schrott, den man auf ein paar wenige Worte pro Tag reduzieren könnte? Muss man sich seine Fahrkarte zwingend per Smartphone kaufen oder täte es auch der gute alte Billettautomat am Bahnhof? Gibt es irgendeinen plausiblen Grund, von jeder Ferienreise Hunderte von Bildern zu schiessen, von denen man vermutlich die wenigstens jemals noch anschauen wird? Der Beispiele gäbe es noch viele. Und ein riesiger Handlungsbedarf, nicht zuletzt im Hinblick auf die drohende Klimaerwärmung…
«System Change» – kein Sonntagsspaziergang
Weite Teile der Klimajugend fordern einen «System Change». Und auch die Sozialdemokratische Partei der Schweiz hat die «Überwindung des Kapitalismus» als politisches Ziel in ihr Parteiprogramm aufgenommen. Bloss: Was heisst das konkret, die Überwindung des Kapitalismus? Das wäre alles andere als ein Sonntagsspaziergang. Es wäre vielmehr eine so umfassende und komplexe Angelegenheit, dass die gängigen Kommunikationsmittel auch nicht im Entferntesten genügen würden, sich vertieft mit diesem Thema zu beschäftigen. Weder eine Nachricht auf Twitter, noch ein Post auf Facebook, noch ein Flyer, ein Transparent oder eine Fahne vermögen auch nur einen Bruchteil dessen zu vermitteln, wie eine Welt ohne Kapitalismus aussehen würde und auf welchem Wege man dorthin gelangen könnte. Es bräuchte ein mindestens 500 Seiten dickes Buch, um Ziele und Methoden dieser politischen Arbeit einigermassen angemessen abzuhandeln. Doch wer liest heute noch 500seitige Bücher und vor allem müsste ein solches Buch überhaupt erst einmal geschrieben werden. Was also tun?
Eine Möglichkeit wären vielleicht so etwas wie Zukunftswerkstätten, die sich diesem Thema widmen könnten und an denen sich all jene Kinder und Jugendlichen der Klimabewegung beteiligen würden, die von einem «System Change» träumen. Das wären so etwas wie Wurzeln einer neuen, nichtkapitalistischen Zeit, aus denen dann nach und nach der Stamm und all die Äste und Zweige hervorspriessen würden, die den Baum schliesslich in einer ganzen Vollkommenheit erstrahlen lassen. Dies hat sogar gegenüber dem 500seitigen Buch den grossen Vorteil, dass nicht eine einzelne Person, sondern Millionen von kreativen, phantasievollen, vom herrschenden Denksystem noch weitgehend unverdorbenen jungen Menschen am Aufbau dieser neuen Zeit mitarbeiten könnten – denn woher sonst soll das Neue kommen, wenn nicht aus den Menschen, die hier und heute geboren wurden?