Es sei denn, die verstummten Stimmen des Dialogs, der Völkerverständigung, der Diplomatie, der Friedensförderung und des Pazifismus erwachen rechtzeitig zu neuem Leben…

Peter Sutter, 21. Februar 2026

Wenn sich, wie das zurzeit im Konflikt zwischen der Ukraine und Russland der Fall ist, die Fronten gegenseitig immer mehr verhärten, gegenseitige Schuldzuweisungen immer schärfere Ausmasse annehmen und die Gefahr eines noch weit grösseren Flächenbrandes mit unabsehbaren Folgen immer näher rückt, dann wäre nichts so gefragt wie Expertinnen und Experten, die sich um möglichst viel Sachlichkeit bemühen, auf reinen Mutmassungen beruhende Behauptungen kritisch hinterfragen, sich in beide Seiten mit ihrer je einseitigen Sichtweise hineinzudenken vermögen und vielleicht sogar den Versuch unternehmen, zwischen den verfeindeten Kontrahenten Fäden des Dialogs zu spinnen, um einer friedlichen, auf gegenseitigen Kompromissen beruhenden Lösung zumindest eine kleine Chance zu geben. Unabhängige Expertinnen und Experten könnten sich, im Dienste der Allgemeinheit, einen solchen „Luxus“ leisten, niemand zwingt sie, einseitig Stellung zu beziehen und damit weiteres Öl ins Feuer zu giessen.

Doch leider ist das Gegenteil der Fall. Immer häufiger finden wir unter den sogenannten „Experten“ Leute, die sich nicht weniger einseitig äussern als gewisse Politikerinnen und Politiker. Das ist insbesondere deshalb so bedenklich, weil man von ihnen ja etwas anderes erwarten würde, nämlich möglichst viel „Sachlichkeit“ und „Objektivität“. Dass Politikerinnen und Politiker von Natur aus einseitige Positionen vertreten, ist ja irgendwie noch nachzuvollziehen. Wenn aber scheinbar „unabhängige“ Expertinnen und Experten ins genau gleiche Horn blasen, denkt sich der durchschnittliche Fernsehzuschauer oder die durchschnittliche Zeitungsleserin, die meistens nicht genug Zeit haben, um sich selber ein umfassenderes Hintergrundwissen anzueignen: Aha, wenn der oder die das als „Fachperson“ sagt, muss es wohl so sein, die müssen es ja wissen, die tun ja nichts anderes, als sich den ganzen Tag lang mit ihren Themen ernsthaft und vertieft auseinanderzusetzen.

Wir begegnen diesen „Pseudoexperten“ mittlerweile auf Schritt und Tritt, während wirklich objektive Sachverständige, die nicht schon zum Vornherein einseitig für die eine oder andere Seite Stellung beziehen, immer seltener werden. In kriegerischen Zeiten ist dies besonders gefährlich, trägt es doch zu weiterer Eskalation und der permanenten Verfestigung von Feindbildern bei, statt diese zu entschärfen und abzubauen.

Einer von diesen „Pseudoexperten“ ist Marko Ković, Politik- und Kommunikationswissenschaftler an der Hochschule Luzern, den man immer wieder am Schweizer Fernsehen, zum Beispiel in der Sendung „Club“, zu sehen und zu hören bekommt. In der „Sonntagszeitung“ vom 15. Februar 2026 kommentierte er den Besuch von rund 30 Schweizer Trychlern, die Moskau einen Freundschaftsbesuch erstattet hatten, als etwas „Absurdes“ und bezeichnete sie als „nützliche Idioten“ des „Kremlchefs Putin“. Wie einseitig muss man ticken, einen Freundschaftsbesuch, bei dem es bloss darum ging, persönliche Kontakte zu knüpfen und zu bekunden, dass nicht jeder Schweizer in jedem Russen gleich einen Feind sieht, als etwas „Absurdes“ zu bezeichnen, gleichzeitig aber eine von den meisten europäischen Regierungen vorangetriebene militärische Aufrüstung in historisch nie dagewesenem Ausmass mit gigantischer Verschuldung für zukünftige Generationen als etwas „Normales“ zu akzeptieren.

Ein anderer ist Georg Häsler, der sogenannte „Ukrainespezialist“ der Neuen Zürcher Zeitung. Seine Kommentare kann man nicht nur in Zeitungen lesen, er ist ebenfalls, wie Marko Ković, ein gern gesehener Gast am Schweizer Fernsehen. In einem Interview mit der „Republik“ vom 10. Februar 2026 sagte er unter anderem, die militärische Landesverteidigung sei „die zentrale Staatsaufgabe“ der Schweiz. Und weiter: „Es ist enorm stossend, dass die drei baltischen Staaten nicht auf der Liste der Länder sind, an die Schweizer Waffen auch im Kriegs­fall verkauft werden können. Das zeigt, dass es eben nicht darum geht, die gemeinsamen demokratischen Werte in Europa zu verteidigen.“ Auch für ihn scheint also fraglos klar zu sein, dass man Demokratie nur mit militärischen Mitteln verteidigen kann – selbst auf Kosten einer Erhöhung der Mehrwertsteuer, die er klar befürwortet, obwohl ebenso klar ist, dass eine solche Steuererhöhung für weite Teile der Bevölkerung eine massive Mehrbelastung und Verschlechterung ihrer Lebensqualität mit sich bringen würde. Zum Thema Neutralität sagt er: „Wenn also Russland die Ukraine überfällt, dann ist die Frage der Neutralität geklärt: Wir sind auf der Seite des Landes, das vom Selbst­verteidigungs­recht Gebrauch macht.“ Obwohl scheinbar „Experte“, scheint Häsler entweder noch nie etwas davon gehört zu haben oder aber es bewusst zu negieren, dass der Überfall Russlands auf die Ukraine eine lange Vorgeschichte hat, an welcher der Westen mit der NATO-Osterweiterung ab 1991, dem gewaltsamen Sturz der ukrainischen Regierung mithilfe der CIA im Frühjahr 2014 und der systematischen Diskriminierung der russischsprachigen Bevölkerung in der Ostukraine wesentlich mitbeteiligt und mitschuldig ist.

Ebenfalls in diese Reihe gehört der SRF-Korrespondent David Nauer. Im „Echo der Zeit“ vom 11. Juni 2022 verglich er Putin mit Zar Peter dem Grossen, der im 18. Jahrhunderte durch Eroberungskriege das russische Grossreich schuf. Die von Putin angeführten Gründe für den Überfall auf die Ukraine – unter anderem die NATO-Osterweiterung und den geplanten NATO-Beitritt der Ukraine – bezeichnete er als „zynische Verdrehungen der Realität“. „Imperiale Eroberungskriege“ in der Art des russischen Angriffs auf die Ukraine hätte es, so Nauer, seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben – offenbar ist Nauer entgangen, dass die USA seit 1945 mehr als 40 „imperiale Eroberungskriege“ geführt hat, von Vietnam und Laos über El Salvador, Nicaragua bis zum Irak, Afghanistan, Libyen und Jugoslawien – mit insgesamt rund 50 Millionen ziviler Todesopfer. Auch sprach Nauer von einem „enormen Russifizierungs-Druck“ in den russisch besetzten Gebieten der Ostukraine – vergass aber zu erwähnen, dass während der vorangegangen zehn Jahre in eben dieser Ostukraine das Russische als Amtssprache verboten worden war, sämtliche Bücher russischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus den Bibliotheken entfernt und die Aufführung musikalischer Werke von russischen Komponistinnen und Komponisten verboten worden war.

Besonders aufschlussreich sind die Ausführungen eines weiteren sogenannten „Osteuropa-Experten“, Marcel Hirsiger, Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz sowie „Senior Fellow“ am „Swiss Institute for Global Affairs“. In einem Gastkommentar unter dem Titel „Putins Scheinverhandlungen sind ein Teil seines Feldzugs gegen Europa“ im „St. Galler Tagblatt“ vom 5. Februar 2026 schreibt er unter anderem Folgendes: „Wenn in diesen Tagen die Ukraine mit Russland und den USA Gespräche führt, ist schon zum Voraus klar, wie wenig Substanzielles dabei erreicht werden kann. Russland hat in den vergangenen Monaten nicht nur sämtliche Friedensbemühungen des Westens torpediert, sondern aus Verhandlungen und Gesprächen einen Teil seines hybriden Kriegs gegen Europa gemacht… Das Muster der russischen Pseudo-Diplomatie ist inzwischen gut erkennbar… In diesem Zusammenhang ist es auch fahrlässig, überhaupt noch von Verhandlungen zu sprechen, wenn Vertreter des russischen Regimes am Tisch sitzen…“ Wiederum eine totale Realitätsverleugnung. Tatsache nämlich ist, dass nicht Russland, sondern der Westen Friedensbemühungen torpedierte, und zwar mindestens zwei Mal: Das erste Mal im Dezember 2021, als Putin der US-Regierung eine friedliche Lösung des Ukraine-Konflikts vorschlug, bei der die Ukraine den Status eines neutralen Staates erhalten hätte – eine Idee übrigens, welche auch der frühere US-Aussenminister Henry Kissinger im Sinne einer „Brücke“ zwischen Ost und West stets vehement verfochten hatte, die aber im Dezember 2021 von US-Präsident Joe Biden kommentarlos zurückgewiesen wurde. Das zweite Mal im März 2022, als Unterhändler der Konfliktparteien in Istanbul bereits ein unterschriftsreifes Friedensabkommen erarbeitet hatten, welches sodann vom britischen Premierminister Boris Johnson dermassen brüsk abgeschmettert wurde, dass auch die übrigen westlichen Länder schliesslich nichts mehr davon wissen wollten. Zudem ist die stets von westlicher Seite wiederholte Behauptung, Putin plane die Eroberung ganz Europas – die auch durch noch so viele Wiederholungen nicht wahrer wird -, gänzlich aus der Luft gegriffen, es gibt dafür keinen einzigen stichhaltigen Hinweis, selbst sämtliche US-Geheimdienste, und die müssen es eigentlich wissen, sagen, dass es hierfür keine Beweise gäbe. Während es umgekehrt – und das ist das Verrückte – unzählige Aussagen von US-Politikern über Jahrzehnte hinweg gibt, wonach Russland in Einzelteile „zerstückelt“ werden oder sogar „zerstört“ werden müsse, was ja sogar auch die vormalige deutsche Aussenministerin Analena Baerbock vor nicht allzu langer Zeit selber bekräftigte, als sie sagte, das Ziel des Westens müsse es sein, die russische Wirtschaft zu „ruinieren“. Eine solche Widersprüchlichkeit kann man eigentlich nur psychologisch erklären, mit dem Mechanismus einer „Projektion“, mithilfe derer jemand die Art und Weise, wie er selber denkt, auf einen – tatsächlichen oder erfundenen – „Feind“ projiziert. Abgesehen davon gibt es ja auch eine ganz logische Erklärung dafür, weshalb das Interesse des Westens, sich Russland einzuverleiben, ungleich viel grösser ist als umgekehrt, wenn man an die unermesslichen Bodenschätze dieses Riesenreichs denkt, während sich Russland mit der Eroberung europäischer Staaten, die über keinerlei Bodenschätze verfügen und zudem von wirtschaftlichen wie auch gesellschaftlichen Erschütterungen mehr als genug geplagt sind, nur unnötige Lasten auferlegen würde.

Weshalb also müssen wir uns die Welt ausschliesslich von solchen Hardlinern erklären lassen, die sich weitgehend ausserhalb jeglichen Realitätsbezugs bewegen, mit ihrer einseitigen, propagandistischen Haltung aber höchst gefährlich zu einer Eskalation eines bereits schon mehr als genug angeheizten Konflikts beitragen? Es gäbe doch genug andere Experten, die uns viel differenziertere und konstruktivere Kommentare und Analysen liefern könnten. Zum Beispiel Thomas Greminger, ab 2010 Botschafter der Schweiz bei der OSZE, den Vereinten Nationen und mehreren Internationalen Organisationen in Wien, der massgeblich daran beteiligt war, 2014 die Beobachtermission für die Ukraine zu errichten. Oder Laurent Goetschel, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Basel und Direktor der Schweizerischen Friedensstiftung Swisspeace. Oder Yves Rossier, ehemaliger Schweizer Botschafter in Moskau, von dem unter anderem folgende Aussagen stammen: „Russland wollte in die NATO, aber die Amerikaner waren dagegen. Russland wollte auch in die EU. Das waren verpasste Chancen. Das Interesse Russlands an Europa war aufrichtig, da bin ich mir sicher.“ Und: „Statt sich der NATO anzunähern, hätte die Ukraine eine neutrale Rolle finden sollen, als Brücke zwischen Ost und West, was sie auch in der Vergangenheit war.“ Und: „Jede Friedenslösung muss Russland einbinden und sie muss gerecht sein. Es gibt keinen Frieden ohne Gerechtigkeit.“ Und: „Wir dürfen nicht alles glauben, was uns im Westen erzählt wird.“ Solche Stimmen sind heute nur noch ganz selten oder fast gar nicht mehr zu hören. Weshalb sind sie verstummt? Was treibt nicht nur die Politiker, sondern auch die Medien dazu an, die öffentliche Meinung nur noch in eine einzige, angeblich „einzig wahre“ Richtung zu lenken? Mit welchem Recht werfen westliche Politiker und Medien Russland vor, statt objektiver Berichterstattung bloss Propaganda zu betreiben, während sie selber doch gar nichts anderes tun, bloss unter dem Deckmantel scheinbarer „Demokratie“, was möglicherweise noch viel gefährlicher und verhängnisvoller ist, weil Menschen in eindeutig autokratisch regierten Ländern wenigstens bewusst ist, dass sie nicht alles glauben dürfen, was ihnen die Regierungen erzählen, während die Menschen in den angeblich „demokratischen“ Ländern darauf vertrauen, dass ihnen nichts anderes erzählt wird als die pure Wahrheit und alles dieser Widersprechende nur feindliche Propaganda oder allenfalls noch irgendeine abstruse „Verschwörungstheorie“ sein kann.

Die offiziellen westlichen Stimmen wollen uns weismachen, Russland werde spätestens 2028 für einen grossen europäischen Krieg gerüstet sein, und deshalb müsse der Westen jetzt sofort und in einem nie dagewesenen Ausmass aufrüsten, um dies zu verhindern. Aber vermutlich ist es viel eher so, dass der Westen – zumindest nach der Vorstellung einiger seiner einflussreichsten Führungscliquen – genau diese zwei Jahre noch braucht für den endgültigen Aufbau des notwendigen Feindbilds und die nötige militärische Stärke, um selber einen Krieg gegen Russland erfolgreich führen zu können. Eine höchst gefährliche, ja lebensbedrohende Spirale dreht sich dadurch immer schneller nur noch in einzige, scheinbar unausweichliche Richtung, denn, so der deutsche Theologe und Schriftsteller Eugen Drewermann: „Wenn ein Staat aufrüstet, wird der Nachbarstaat Angst haben und ebenfalls aufrüsten, beide geben einander das Gesetz des Handelns immer weiter voran und am Ende muss der Krieg sein, damit man die vorgeschossenen Investitionen zurückfordern kann als Sieger auf dem Schlachtfeld. Aber auf diese Art kommt niemals Frieden, nur die ewige Gegenwart des Kriegs.“

Es sei denn, die verstummten Stimmen des Dialogs, der Völkerverständigung, der Diplomatie, der Friedensförderung und des Pazifismus erwachen rechtzeitig zu neuem Leben. Denn es ist eben nicht so, wie der ehemalige deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz uns weismachen wollte, als er behauptete, der Pazifismus sei „aus der Zeit gefallen“. Im Gegenteil: Der Pazifismus war vielleicht noch nie so wichtig und so aktuell wie heute. Denn bald schon könnte die Menschheit an jenen Kipppunkt gelangen, an dem sich entweder ein alles vernichtender dritter Weltkrieg entzündet, oder aber endlich die Türe aufgehen wird zu einer Welt voller Liebe, Gerechtigkeit und Frieden, von der jedes Kind noch geträumt hat in dem Augenblick, da es geboren wurde, und uns damit die Gewissheit gegeben ist, dass das Helle, das Gute und der Frieden soviel tiefer in unseren Seelen stecken als alles Dunkle, Böse und der Krieg. Und dass es niemals im Interesse der überwiegenden Mehrheit der ganz „gewöhnlichen“ und „einfachen“ Menschen über alle Grenzen hinweg, sondern nur im Interesse einer ganz kleinen, schamlos davon profitierenden Minderheit Reicher und Mächtiger liegen kann, wenn es immer und immer wieder – scheinbar unausweichlich – Kriege gibt. Denn, so der deutsch-österreichische Zukunftsforscher Robert Jungk: „Wer den Frieden will, muss den Frieden vorbereiten, nicht den Krieg.“