Von Frankreich über Portugal und Spanien bis Albanien: „Entweder werden wir als Narren miteinander untergehen oder als Brüder und Schwestern gemeinsam überleben.“

Peter Sutter, 23. Oktober 2026

Seit Wochen dominieren die gewalttätigen Proteste in Frankreich die Schlagzeilen. Sie begannen mit Protesten von Schülerinnen und Schülern gegen Lehrermangel und schlechte Lernbedingungen. Mittlerweile geht es aber immer mehr auch um die steigenden Lebenskosten und den konstanten Verlust an Kaufkraft. Längst sind nicht mehr bloss Jugendliche auf den Strassen, die Bewegung ergreift immer weitere Teile der Bevölkerung. „Das französische Fernsehen“, so der „Tagesanzeiger“ vom 19. Oktober 2026, „fing am Samstag auch die Zeugnisse von Erwachsenen, gestandenen Menschen ein, die zugaben, in einem geplünderten Laden ebenfalls zugegriffen zu haben. Man kann also davon ausgehen, dass die soziologische Schnellstudie der Zornigen, der Chaoten und der Gelegenheitsdiebe einige neue Kategorien hervorbringen wird. Was sie wohl alle eint, ist die Unzufriedenheit mit den herrschenden Lebensverhältnissen.“ Am Wochenende vom 17./18. Oktober erreichte die Gewalt auf den Strassen Frankreichs einen Grad von Gewalt, der bereits weit über jene hinausgeht, die an früheren Protesten zum Ausbruch kamen: Demonstrantinnen und Demonstranten setzten unter anderem das Rathaus der Stadt Limoges im Brand, das Gebäude stürzte ein. Zahlreiche Menschen wurden bei den gewaltsamen Zusammenstössen zwischen der Polizei und den Demonstrierenden verletzt, immer wieder verloren die Polizeikräfte die Herrschaft über die Ausschreitungen, gleich einer Feuerwehr, der es nicht gelingt, ein immer weiter um sich greifendes Feuer einzudämmen, geschweige denn zu löschen.

Doch nicht nur in Frankreich, auch in Italien kam es in den vergangenen Wochen zu zahlreichen Protesten und Ausschreitungen, unter anderem in Mailand, Bologna, Brescia, Bergamo und Turin, wo ebenfalls hauptsächlich gegen die steigenden Lebenshaltungskosten demonstriert wurde. Am heftigsten ging es in Mailand zu und her, wo zahlreiche Geschäfte geplündert und Polizisten mit Steinen beworfen wurden – nach Polizeiangaben wurden mehr als 270 Jugendliche und junge Erwachsene festgenommen. Damit nicht genug: Auch in Belgien kam es zu Ausschreitungen, wie man sie in diesem Ausmass bisher nicht gekannt hat, auch dort ging es zunächst um steigende Bildungskosten und den erschwerten Zugang zu den Hochschulen, in einer zweiten Phase aber, wie in Frankreich und Italien, um staatliche Sparmassnahmen, Haushaltskürzungen sowie von der Regierung geplante Reformen, die insbesondere für Menschen mit geringem Einkommen fatale Auswirkungen hätten. Auch in Portugal standen Zehntausende auf den Strassen und protestierten gegen die stark gestiegenen Lebenshaltungskosten und insbesondere gegen die Krise auf dem Wohnungsmarkt, wo sich die Immobilienpreise seit 2017 mehr als verdoppelt haben. Nicht anders als in Spanien, wo es bei einer anhaltenden Protestwelle, die seit Ende September zusätzlich an Dynamik zugenommen hat und am 3. Oktober mit Demonstrationen in mehr als 50 Städten ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten, ebenfalls zunächst um die hohen Mieten und die zunehmende Wohnungsnot ging, dann aber auch um die Bildungspolitik einzelner Regionalregierungen. Auch in Albanien gehen neuerdings immer mehr Menschen auf die Strasse. Auslöser für die Proteste, die bereits Ende Mai begannen und sich ebenfalls gegen schlechte Studienbedingungen und steigende Lebenskosten richten, waren die Pläne für ein Luxushotelprojekt in einem Naturschutzgebiet, das mit Ivanka Trump, der Tochter des US-Präsidenten, und ihrem Ehemann Jared Kushner in Verbindung steht und sich wegen Korruptionsvorwürfen und mangelnder Transparenz öffentlicher Kritik ausgesetzt sieht.

Gefordert wird zunehmend ein grosses Köpferollen. Sichtlich nervös treten überall die hohen Politikerinnen und Politiker vor die Mikrofone, umringt von Dutzenden von Journalisten, im Blitzlichtgewitter der Medien, die ihre Statements in Sekundenschnelle landesweit verbreiten. Es werde alles wieder gut, versichern sie, alles sei nicht so schlimm, man habe alles im Griff, eine massive Aufstockung der Polizeikräfte stehe unmittelbar vorbei, Tausende neuer Wohnungen seien geplant, auch umfassende Reformen an den Schulen und Universitäten. Doch hinter ihnen lauern bereits zähnefletschend die Oppositionsparteien, die nun ihre grosse Stunde kommen sehen und einer immer massiver und zahlreicher aufbegehrenden Bevölkerung das Blaue vom Himmel versprechen: Man müsse bloss die alten Regierungen stürzen und ihnen, der Opposition, die Macht anvertrauen, und alles werde augenblicklich wieder gut.

Was für ein Trugschluss. Längst müsste man wissen, dass Regierungswechsel alleine kaum je all die Erwartungen zu erfüllen vermögen, die in sie hineinprojiziert werden, und wenn, dann höchstens ganz marginal. Und doch geht das Spiel mit den Wechseln zwischen regierenden und oppositionellen Regierungen und Parteien, die sich gegenseitig bekämpfen und von denen jede behauptet, über die wahren Lösungen der Probleme zu verfügen, immer noch unvermindert weiter, im weitverbreiteten Glauben daran, alle Probleme rührten bloss daher, dass die sich jeweils gerade an der Macht befindlichen Politiker und Politikerinnen „unfähig“ oder „nicht willens“ seien, sie zu lösen – im Gegensatz zu denen, die auf sie folgen werden.

Tatsächlich aber liegt die eigentliche Grundursache aller Probleme nicht bei der Unfähigkeit einzelner politischer Machtträgerinnen und Machtträger, sondern bei den Zwängen und Gesetzmässigkeiten einer – kapitalistischen – Wirtschafts- und Gesellschaftsideologie, die fast ausschliesslich auf kurzfristige materielle Gewinnmaximierung ohne jegliche Rücksicht auf alle daraus resultierenden zerstörerischen Auswirkungen auf die Menschen und auf die Natur ausgerichtet ist. Schlagendes Beispiel dafür ist der spanische Premierminister Pedro Sánchez, jener unter den europäischen Spitzenpolitikern, der wohl am weitesten „links“ steht und dessen sozialistische Partei sich das Ziel sozialer Gerechtigkeit und Wohlfahrt ganz zuoberst auf ihre Fahne geschrieben hat – trotzdem gehört ausgerechnet Spanien zu jenen europäischen Ländern, wo die Wohnungsnot und der Mangel an erschwinglichem Wohnraum in jüngster Vergangenheit ganz besonders drastische Ausmasse angenommen hat.

Die Überzeugung, alles sei nur eine Frage von „guten“ oder „schlechten“ Parteiprogrammen und von „guten“ oder „schlechten“ Politikern und Politikerinnen, beruht letztlich auf dem Glauben daran, der Kapitalismus sei die einzige mögliche, richtige und realistische Wirtschafts- und Gesellschaftsform, geradezu eine Art von Mythos, der sich mittlerweile so tief in in unser tägliches Denken und Handeln hineingefressen hat, dass die Idee, es könnte ausserhalb des Kapitalismus noch etwas anderes geben, praktisch nicht mehr existiert oder, wenn sie dennoch da und dort kurz aufblitzt, unmittelbar als „naiv“, „realitätsfern“ oder gar „zerstörerisch“ abgeschmettert wird, um nur ja das herrschende Denkgebäude auch nicht ansatzweise in Frage stellen zu müssen. Und so hält sich die Hoffnung weiterhin aufrecht, man müsse bloss, um bestehende Missstände zu überwinden, „schlechte“ Politiker durch „gute“ ersetzen – obwohl schon tausendmal bewiesen wurde, dass dies nicht funktioniert. Denn im Kapitalismus sind die einzelnen Machtträger nichts anderes als die einzelnen Köpfe einer Hydra: Schlägt man einer ihrer Köpfe ab, wachsen unverzüglich Dutzende neue Köpfe nach – solange die Hydra weiterexistiert und man es ihr erlaubt, weiterhin mehr oder weniger ungehindert ihr Unwesen zu treiben.

Es ist kein Zufall, dass alles, was auch nur im Entferntesten dazu dienen könnte, die tatsächlichen Ursachen gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und ökologischer Probleme und Missstände aufzudecken und die tieferen Zusammenhänge und Wechselwirkungen, die unser Leben im Kleinen wie im Grossen bestimmen, vorurteilsfrei zu analysieren, im Verlaufe der vergangenen rund 30 Jahre Schritt um Schritt ausgetilgt worden ist. Man stelle sich einmal vor, es gäbe heute an unseren Universitäten noch so etwas wie Lehrstühle für Marxismus, Anarchismus oder andere kapitalismuskritische Denkrichtungen – völlig undenkbar! Alles auch nur minimalst „Widerständige“ wurde systematisch geglättet und in ein einziges, scheinbar alternativloses Flussbett gezwängt, ohne dass auch nur ein einziger der sich in diesem Fluss gleichförmig bewegenden Fische auf den Gedanken käme, sich zu fragen, an welches letzte Ziel dieser Fluss eines Tages gelangen wird. Wäre das alles viel kleiner, würde man es als „Sekte“ bezeichnen. Weil es aber so unermesslich und allumfassend gross ist und es ausserhalb davon gar nichts mehr gibt, gilt es – trotz seiner immer offensichtlicher zu Tage tretender zerstörerischer Auswirkungen – weiterhin als alternativlose „Normalität“.

Ohne radikale Gesellschafts- und Kapitalismuskritik aber drehen wir uns nur endlos weiter im gleichen Kreis, bleiben unfähig, die „Schuld“ im System zu sehen und verharren stattdessen in der Suche nach der Schuld bei den „anderen“ Menschen. Für die Linken sind die Rechten die „Schuldigen“, für die Rechten die Linken, für die Demonstrierenden die Polizisten, für die Polizisten die Demonstrierenden, für die Alten die Jungen und für die Jungen die Alten. Und stets dienen denen, welche in den Machthierarchien schon ein bisschen weiter oben angekommen sind, jene als die „Schuldigen“, die ein bisschen weiter unten sind und auf denen man nach Belieben herumtrampeln kann, um sich selber ein wenig besser zu fühlen: Die „Gebildeten“ auf den „Ungebildeten“, die „Angepassten“ auf den „Rebellischen“, die „Inländer“ auf den „Ausländern“, die „Einheimischen“ auf den Migrantinnen und Flüchtlingen. Und hat einer „von unten“ es erst einmal geschafft, ein paar Stufen weiter nach „oben“ zu kommen, so wird er in aller Regel seinerseits zu einem, der wiederum auf den Nächstunteren herumzuhacken und sich von ihnen abzuheben beginnt.

Über die gegenseitige Zerfleischung all jener, die letztlich alle mehr oder weniger stark leidende Opfer dieses Gesamtsystems sind, können sich eigentlich bloss jene freuen, welche dank diesem System übermässig privilegiert sind und sich auf Kosten anderer bereichert haben und weiterhin bereichern, indem sie ihren übermässigen Luxus dank überbordender Kapitalgewinne genau jenen kapitalistischen Umverteilungsmechanismen verdanken, an deren anderem Ende Wohnungsmieten, Lebenshaltungskosten, Benzinpreise und Krankenkassenprämien unaufhörlich in die Höhe klettern, dieses Grundprinzip des Kapitalismus, das Bertolt Brecht in seiner Parabel des armen und des reichen Mannes so treffend auf den Punkt brachte, wenn der arme Mann zum reichen sagt: „Wärst du nicht so reich, wäre ich nicht so arm.“ Diesen Reichen, die ihren Reichtum, ihre Privilegien und ihre Machtpositionen nichts anderem verdanken als der Arbeit und der Armut anderer, kann es noch so recht sein, wenn sich die Wut der Ausgebeuteten an den Politikern auslässt, an Meloni, Merz, Sanchez, Macron und wie sie alle heissen – nichts kann den am meisten vom System profitierenden Nutzniessern willkommener sein als Prügelknaben in Form von Politikern, auf denen man nach Belieben herumhacken kann, ist es ihnen, den eigentlichen Nutzniessern des Systems, dadurch doch weiterhin möglich, sich im Unsichtbaren zu verstecken und weiterhin von ihren Privilegien schamlos zu profitieren, ohne diese auch nur im Entferntesten rechtfertigen oder sich dafür bei den von ihnen Ausgebeuteten entschuldigen zu müssen.

Es ist an der Zeit, die alten Bücher von Karl Marx, Rosa Luxemburg, Bertolt Brecht, Erich Fromm, Ernesto Cardenal, Leo Tolstoi oder Hannah Arendt vom Büchergestell herunterzuholen, den Staub von ihnen abzuklopfen und sie wieder neu zu lesen. Denn sie sind aktueller denn je. Nur so werden wir erkennen, dass das Böse unserer Zeit – wie auch mehrerer vergangener Jahrhunderte – nicht primär von einzelnen „Bösewichten“ ausgeht, denen wir bloss so schnell wie möglich das Handwerk legen müssten, um alles wieder in Ordnung zu bringen. Sondern von dem alles durchdringenden System einer auf gegenseitige Zerstörung statt auf gemeinsames Überleben ausgerichteten Wirtschafts-Unordnung, in welcher diese einzelnen „Bösewichte“ bloss Figuren auf einem Schachbrett sind, die jederzeit durch andere ausgewechselt werden können, ohne dass sich an den Spielregeln selber etwas ändert. Strassenproteste können dann trotzdem weiterhin stattfinden, aber sie werden nicht mehr das Zentrale sein, sondern nur die weniger wichtige Nebensache von etwas viel Radikalerem, nämlich der tiefgreifenden Umgestaltung der bestehenden Macht- und Ausbeutungsverhältnisse, die auf allen Ebenen, im Grossen wie im Kleinen, erfolgen muss, und an der sich letztlich alle beteiligen müssen, weil es letztlich alle betrifft. Oder, wie es der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt einmal sagte: „Was alle angeht, können nur alle lösen.“

Wir haben die Wahl: Entweder schlagen wir uns weiterhin gegenseitig die Köpfe ein, im Irrglauben, jeder „andere“ sei unser Feind. Oder wir beginnen zu erkennen, dass es zwischen allen Menschen über alle Grenzen hinweg weitaus mehr gibt, was sie miteinander verbindet, als was sie voneinander trennt. „Entweder werden wir als Narren miteinander untergehen“, so der US-amerikanische Bürgerrechtskämpfer Martin Luther King, „oder wir werden als Brüder und Schwestern gemeinsam überleben.“