Archiv des Autors: Peter Sutter

PLATTFORM FÜR EINE MENSCHENWÜRDIGE SCHWEIZER ASYLPOLITIK

Peter Sutter, im Juli 2026

Die im Lichte sieht man, die im Dunkeln sieht man nicht.
Wenn das Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.

Zitate von Bertolt Brecht, deutscher Dramatiker, 1998-1956

Seit zwei Jahren begleite ich ehrenamtlich Asylsuchende aus Afghanistan, dem Iran, der Türkei, Sri Lanka, Angola, Kamerun, Syrien und Eritrea. Im Zusammenhang mit der zunehmenden Verschärfung der schweizerischen Asylpolitik, äusserst willkürlichen Entscheiden des Staatssekretariats für Migration SEM und des Bundesverwaltungsgerichts sowie Fällen gewaltsamer Ausschaffungen, die jeglicher Menschenwürde spotten, habe ich zahlreiche Gespräche geführt, sowohl mit betroffenen Asylsuchenden, wie auch mit Menschen, die in irgendeiner Weise mit dem Asylwesen zu tun haben oder sich dafür interessieren.

So hat sich bereits ein grösserer Kreis von Personen gebildet, die zusammen mit mir der Meinung sind, dass über die tägliche Kleinarbeit hinaus, die oft bis an die Grenzen der individuellen Belastbarkeit geht und dennoch angesichts nicht nachvollziehbarer Asylentscheide häufig sehr frustrierend ist, auf politischer Ebene mehr Druck ausgeübt werden muss, um weiteren Verschärfungen der Asylpolitik entgegenzuwirken und den Weg zurückzufinden zu einer Asylpolitik, die sich an traditionellen humanitären Werten unseres Landes orientiert. 

Zu diesem Zweck plane ich den Aufbau einer Plattform für eine menschenwürdige Schweizer Asylpolitik, in der sich Asylsuchende, anerkannte Flüchtlinge, abgewiesene Asylsuchende, Menschen, die beruflich oder ehrenamtlich im Asylwesen tätig sind, sowie weitere Interessierte zusammenfinden, um den laufenden Verschärfungen nicht mehr länger tatenlos zuzuschauen, sondern aktiv etwas dagegen zu unternehmen, mit kleineren und grösseren konkreten Projekten, einer gezielten Vernetzung bereits bestehender Aktivitäten und Organisation sowie Medien- und Aufklärungsarbeit, um weit verbreiteten Feindbildern und Vorurteilen zu begegnen.

Im August findet 2026 findet ein erstes Treffen statt, vorerst in einem kleineren Kreis. Im September soll der Aufbau der Organisation mit der Bildung eines Vorstands, Statuten, Finanzplanung, Website, Medienmitteilungen, Formulierung der Zielsetzungen etc. erfolgen. Für den September/Oktober plane ich eine erste öffentliche Veranstaltung und eine Werbekampagne, um möglichst viele Mitglieder zu gewinnen.

Falls du Interesse hast, dich an diesem Projekt aktiv zu beteiligen, würde mich dies sehr freuen. Je mehr Menschen mitmachen, umso mehr können wir erreichen. Teile mir doch bitte mit, ob du an einer Mitarbeit interessiert bist. Du kannst jederzeit einsteigen, auch nach dem August 2026. Ich bin dir dankbar, wenn du bei deiner Rückmeldung erwähnen könntest, in welcher Form du dir eine Mitarbeit vorstellen könntest: Aktive Mitarbeit in Projekten, Mitarbeit im Vorstand oder in Arbeitsgruppen, Vertretung einer bestimmten Organisation, oder einfach Vereinsmitgliedschaft ohne Übernahme konkreter Aufgaben. Auskunft und Anmeldung: info@petersutter.ch.

Leitet dieses Schreiben doch bitte an möglichst viele weitere Interessierte weiter. Vielen Dank!

Von Christoph Kolumbus bis zur NATO-Ostflanke in Estland: Die wahre Ursache des Ukrainekriegs oder das Raubtier, das, je mehr es frisst, umso gefrässiger wird…

Peter Sutter, 19. Juli 2026

Wer verstehen will, wie und weshalb sich der Ukrainekonflikt dermassen zugespitzt hat, dass immer mehr besorgte Menschen den baldigen Beginn eines dritten Weltkriegs befürchten, muss ein bisschen weiter zurückblicken als bis zum 24. Februar 2022, dem Tag, an dem der sogenannte russische „Angriffskrieg“ gegen die Ukraine begann. Man könnte zum Beispiel bis ins Jahr 1991 zurückgehen, als die Sowjetunion zerfiel und sich die NATO in der Folge Land um Land immer weiter nach Osten auszudehnen begann. Oder bis ins Jahr 1945, dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Beginn des US-Imperialismus als zukünftiger Weltmacht Nummer eins. Noch erhellender aber ist ein Rückblick bis 1492, dem Jahr, als der italienische Seefahrer Christoph Kolumbus Amerika entdeckte. Obwohl es freilich nicht wirklich dieser Christoph Kolumbus war, der Amerika „entdeckte“. Denn bereits 500 Jahre früher, ums Jahr 1000, waren wikingische Seefahrer unter Leif Eriksson an der Küste Neufundlands gelandet. Und bereits weitere rund 12’000 Jahre früher waren die Vorfahren der späteren amerikanischen Urbevölkerung aus Nordostasien über die Beringstrasse, damals noch eine Landverbindung zwischen dem asiatischen und dem amerikanischen Kontinent, in Amerika eingewandert. Wenn man, streng historisch, jemanden als den „Entdecker“ Amerikas bezeichnen müsste, dann also die über die Beringstrasse eingewanderten Völker aus dem nördlichen Asien. Dennoch finden wir weder bei der Einwanderung asiatischer Völker im Norden Amerikas, noch bei der Landung der Wikinger in Neufundland, sondern erst bei der angeblichen „Entdeckung“ Amerikas durch Kolumbus jene tieferen Ursachen für den heutigen Ukrainekonflikt, die zu erkennen uns helfen wird, diesen Konflikt ganz anders zu verstehen, als wir uns dies anhand der täglichen Berichterstattung in den westlichen Medien gewohnt sind.

Denn Christoph Kolumbus kam nicht alleine nach Amerika. Ihm folgten zunächst ein paar hundert, bald einmal Zehntausende und nach nicht langer Zeit Hunderttausende weiterer Europäer nach Amerika, zunächst vor allem aus Spanien und Portugal, dann aus England und Frankreich und später aus vielen weiteren europäischen Ländern. Und sie kamen nicht, um bloss ein paar schöne Tage an einem der paradiesischen Strände in den Gegenden des heutigen Mexiko oder Brasilien zu verbringen und dann wieder zufrieden nach Hause zu gehen. Nein, sie kamen, um sich alles nur Erdenkliche an Reichtum und Schönheit, was sie in diesem „Paradies“ fanden, unter den Nagel zu reissen. „Terra nullius“ nannten sie, mit dem Segen des Oberhauptes der Heiligen Katholischen Kirche und somit sogar „göttlich“ legitimiert, alle von ihnen „entdeckten“ Ländereien, Nullerde, Nichtland, das niemandem gehörte und daher ihnen, den zukünftigen Herren und Besitzern, zur Inbesitznahme und wirtschaftlichen Ausplünderung unbegrenzt zur Verfügung stand. Den Kapitalismus hatte es zwar schon vorher gegeben. Aber erst jetzt zeigte er ohne jegliche falsche Rücksichtsnahme sein wahres Gesicht, sein wahres Wesen, das Wesen eines Raubtiers, das, je mehr es frisst, nur immer noch gefrässiger wird.

Gold, Silber, Diamanten, Kupfer, Zucker, Tabak, Baumwolle, Kaffee, Bananen – was immer aus der „Terra nullius“ herausgeschürft werden und in Geld verwandelt werden konnte, wurde nach Europa geschafft, wo der Reichtum der Reichen in gleichem Masse Tag für Tag anwuchs, wie auch die Armut der Armen in den ausgeplünderten Gebieten des Südens in gleichem Masse anwuchs bis zum heutigen Tag. Auf den Appetit gekommen, heischte das Raubtier immer mehr und noch mehr. Nach Amerika war Afrika an der Reihe, dann Südostasien, bis zuletzt all das, was wir heute als den „globalen Süden“ bezeichnen. Terra nullius. Das Geld, in welches die Schätze aus den leergefegten Paradiesen verwandelt wurden und immer noch werden, ist seinerseits zum Raubtier geworden, das sich nach allen Richtungen und in immer schnellerem Tempo ausdehnt und dabei immer noch gefrässiger und gefrässiger wird. Jedes Geldstück will zwei weitere Geldstücke, diese wiederum wollen noch einmal doppelt oder dreifach so viel. Banken als die wahren Tempel und Pyramiden der Neuzeit, Wolkenkratzer, von denen jeder neue noch höher sein will als alle bisherigen, acht- oder zwölfspurige Autobahnen, immer schnellere Höchstgeschwindigkeitszüge, immer längere Brücken und Tunnels, immer schnellere Internetverbindungen – das alles sind nur die äusseren Erscheinungsformen, dahinter, in allem, steckt die unersättliche Gier des Raubtiers, der alles unterworfen und geopfert wird: die Natur, die Erde, die Luft, der Raum, die Zeit…

„Der Kapitalismus“, sagte sogar Robert Habeck, der im Übrigen nicht einmal als besonders kapitalismuskritischer Politiker bekannt ist, „hinterlässt eine Spur der Verwüstung.“ So ist es. Man sieht es jedem Flecken Erde an, ob der Tsunami des Kapitalismus schon durchgezogen ist oder nicht. Wie ein milliardenfacher Heuschreckenschwarm frisst er sich von Land zu Land. Zurück bleiben ausgelaugte Böden, auf denen nicht einmal mehr ein einziger Grashalm zu wachsen vermag; ein paar kümmerliche, verkohlte Baumstümpfe als Erinnerung an jahrtausendealte Wunderwerke der Natur; in todbringender Hitze flimmernde Wüsten, in denen alles Leben einer gnadenlos sengenden Sonne schutzlos ausgeliefert ist; tief in die Erde gebohrte Tunnels, Gräben und Stollen, aus denen auch noch die letzten winzigen Reste von Gold oder Kupfer herausgequetscht wurden, bis alles in sich zusammenbrach, um dort, wo einst das Leben blühte, Landschaften zurückzulassen, die es früher nur auf fernen Planeten gegeben hatte, wo nicht einmal die primitivsten Lebewesen hätten entstehen können; ganze Ozeane, einst gefüllt mit einer unendlichen Vielfalt an Leben, wo heute nur noch die hartnäckigsten Überlebenskünstler der Tier- und Pflanzenwelt nicht schon längst ausgestorben sind und ihrerseits, um nicht das Schicksal aller anderen zu teilen, gezwungen sind, allen anderen, Schwächeren, den Garaus zu machen. Eine Spur der Verwüstung ohne jegliche Grenzen, Wunden, die nie mehr verheilen werden, die systematische Verwandlung des Paradieses in die Hölle.

Doch worauf würde sich das Raubtier stürzen, wenn eines Tages alles, was sich aus der Erde und der Kraft der arbeitenden Menschen herauspressen lässt, an einem Punkt angelangt sein würde, wo sich keine weiteren Beutestücke mehr schaffen liessen? Was könnte man ihm jetzt noch zum Frass vorwerfen?

Natürlich. Man muss den Menschen – genauer gesagt denen, welche über die hierfür nötigen finanziellen Mittel verfügen – bloss die Magie eines allgemein erstrebenswerten Idols vermitteln, das sie nie mehr ruhig schlafen lassen wird, bevor sie es erreicht haben – auch und wenn gerade es geradezu unmöglich ist, es tatsächlich zu erreichen, bzw. dies nur ein paar ganz wenigen vorbehalten sein wird. Es ist das Idol des reichen Menschen, der am schönsten Ort der Erde das grösste und schönste Haus besitzt, den grössten und schönsten Garten mit dem grössten und schönsten Swimmingpool und dem grössten und schönsten Automobil, das sich nur erträumen lässt. Und los ging das allgemeine Wettrennen. In immer verrückterem Ausmass begannen die Menschen – oder zumindest jene, die es sich leisten konnten – Dinge zu kaufen, die sie für ein gutes Leben in Würde und Sicherheit gar nicht wirklich brauchen, immer weitere, noch überflüssigere Dinge wurden erfunden und mit immer raffinierten Methoden der Verführung und Verlockung wurde den Menschen schon von klein auf eingepaukt, dass nur dies, der Erwerb möglichst vieler materieller Güter, ihnen ein wirklich glückliches Leben verschaffen würde. Jede noch so verrückte Art, aus Geld noch mehr Geld zu machen, auf Kosten von wem auch immer, wurde ergriffen, bis auch die Letzten nicht mehr wussten, was für Dinge für ein vernünftiges Leben überhaupt nötig und was für Dinge völlig überflüssig sind: Die TV-Bildschirme müssen immer grösser werden, bis sie eines Tages ganze Zimmerwände füllen werden; auch die Autos müssen immer grösser und schwerer werden und sich gegenseitig immer mehr Platz wegnehmen; auch kein Fahrrad sollte mehr unterwegs sein ohne Elektromotor, und gewiss würde man sich schon das Gehirn wunddenken, welche neue „Innovation“ man den Menschen schmackhaft machen könnte, wenn eines Tages auch noch das letzte Fahrrad ohne Motor nur noch im Museum zu bestaunen sein wird; auch müssen immer mehr Lebensmittel produziert werden, auch wenn ein Drittel davon gar nicht mehr gegessen werden kann und im Müll landet, auch immer mehr Kleider müssen produziert und vermarktet werden, egal ob sie überhaupt getragen oder ungebraucht in die nächste Mülltonne geworfen werden; auch die Häuser, selbst wenn sie noch tausend Jahre lang Wind und Wetter trotzen könnten, müssen in immer schnellerem Tempo wieder abgebrochen und durch neue, noch grössere, ersetzt werden. Das Raubtier heulte vor Wollust auf, sein Gewicht verdoppelte sich innerhalb weniger Jahre. Doch es hatte immer noch nicht genug…

Schickt die Menschen auf Reisen! Gaukelt ihnen vor, das wahre Glück liege in möglichst weiter Ferne. Und lasst sie während 47 Wochen pro Jahr so hart arbeiten und so sinnlose Dinge tun, dass all ihre Gedanken nur noch darum kreisen, wie und wo sie in den verbleibenden fünf Wochen ihr Leben so richtig voll und ganz „geniessen“ können, auch wenn ihnen dafür fast das ganze Geld, was sie sich während den anderen 47 Wochen von allem Übrigen abgespart haben, wieder abgeknöpft wird. Reisen wurde bald einmal zum eigentlichen kapitalistischen Pflichtprogramm, wer nicht reisen kann oder will, fühlt sich schon fast schuldig, so sehr, dass einige von ihnen, während sich ihre Nachbarn in alle Winde zerstreuen, in ihre winzigen und engen Wohnungen verkriechen, die Rollläden runterlassen und nicht einmal in der Nacht das Licht anzünden, um die Menschen rundum glauben zu machen, auch sie wären zu einer fernen Reise aufgebrochen. Schief schaut man heute nicht mehr jene an, die drei oder vier Mal pro Jahr ein Flugzeug besteigen oder sich an Bord eines Kreuzfahrtschiffs rund um die Uhr mit allen nur erdenklichen Köstlichkeiten verwöhnen lassen, um jene, wie es in den Hochglanzbroschüren der Tourismusindustrie so schön heisst, „letzten Paradiese“ aufzusuchen, „solange es sie noch gibt“. Schief schaut man jene an, die noch nie in ihrem ganzen Leben mit einem Flugzeug oder mit einem Kreuzfahrtschiff unterwegs waren oder noch nie in einem Wellnesshotel übernachteten. Was hätte dem nimmersatten Raubtier mehr Freude bereiten können als die Bilder von kilometerlangen Autokolonnen auf dem Weg nach Süden, die Bilder von bis auf den letzten Platz besetzten Passagierflugzeugen, die im Sekundentakt aus dem Himmel kommen und wieder im Himmel verschwinden, die Bilder aus europäischen, südamerikanischen oder asiatischen Grossstädten, in denen sich Millionen von Touristinnen und Touristen aus aller Welt gegenseitig auf den Füssen herumtrampeln. Doch auch das ist dem nimmersatten Raubtier immer noch nicht genug…

Es begann die allgemeine Vermarktung von allem, was sich in Geld verwandeln lässt, dem Futter für das nimmersatte Raubtier, von dem es nie genug geben kann, auch wenn es schon bis zum Mond angewachsen ist. Das Wasser, dereinst aus den Quellen der Berge und Wälder allen Menschen kostenlos zur Verfügung stehend, gibt es heute, nachdem es durch kilometerlange Rohre gepumpt und um die halbe Welt weitertransportiert wurde, nur noch für teures Geld im Supermarkt, in allen Farben angepriesen und versüsst mit Dutzenden verlockender Aromen. Heilende Kräuter, einst überall und allen Menschen kostenlos zugänglich, finden wir heute, im Labor künstlich nachgebildet, nur noch in hochspezialisierten Medikamenten, deren Preise immer weiter in die Höhe klettern und zu denen der Zugang für eine immer grössere Anzahl von Menschen längst schon nicht mehr möglich ist. Saatgut, über Tausende von Jahren von Generation zu Generation weitergegeben, muss heute selbst in den ärmsten Ländern der Welt für teures Geld von jenen multinationalen Konzernen zurückgekauft werden, die sich, als wäre die Erde ein nie versiegender Selbstbedienungsladen, das Erbgut von Jahrtausenden unter den Nagel gerissen haben und nicht einmal davor zurückschrecken, Millionen von Landarbeiterinnen und Landarbeitern in äusserste Verzweiflung und tödliche Verschuldung zu treiben. Doch nicht nur das Wasser, die heilenden Kräuter und das Saatgut landen in den gierigen Schlünden der multinationalen Konzerne, gleichermassen saugen sie auch alles andere sich in Geld Verwandelbare in sich auf, um die daraus gewonnenen Profite über kurz oder lang dem nimmersatten Raubtier zum Frass vorzuwerfen: Kaffee, Tee, Tabak, Baumwolle, Jutte, Palmöl, Weizen, Soja, tropische Früchte und Gemüse aller Art, Mango, Ananas, Erdnüsse, Salz, Pfeffer, Paprika, Zimt und viele weitere Gewürze, Blumen, Fische, Tiere und tierische Produkte, Leder, Perlen, Kautschuk, Edelholz, Erdöl, Erdgas, Lithium, Kupfer, Aluminium, Bauxit, Nickel, Gold, Silber, Diamanten, Eisen, Magnesium, Zink, Uran, Plutonium, Sand, Gips, Zement Marmor. Bis zum letzten Tropfen, bis zum letzten Gramm. Terra nullius, wie seit 500 Jahren. Als gäbe es keine Zukunft. Als würde sich die unbequeme und so lange verdrängte Warnung, die schon in der Bibel zu lesen ist, nun doch noch bewahrheiten, nämlich, dass „nach uns die Sintflut kommt“.

Bekanntlich lässt sich neues Geld am leichtesten dort erschaffen, wo bereits Geld im Übermass vorhanden ist. Aus einem wohlhabenden Schweizer, der etwa vier oder fünf Mal mehr verdient bzw. eine vier oder fünf Mal höhere Rente bezieht, als für die Erfüllung der grundlegenden Lebensbedürfnisse eigentlich nötig wäre, lässt sich logischerweise weitaus mehr neues Geld herausquetschen als aus einem Bettler irgendwo in Indien oder Bangladesch, bei dem aus der Sicht kapitalistischer Profimaximierungslogik sowieso schon Hopfen und Malz verloren ist. Und so betreten wir eine weitere Ära in der Geschichte des nimmersatten Raubtiers. Es ist die etwa zu Beginn der Neunzigerjahre begonnene Phase gesellschaftspolitischer Veränderungen, in der sich die allgemeinen Wertvorstellungen immer weiter weg von Gemeinschaftsdenken und Solidarität hin zu purem Egoismus, Einzelkämpfertum und „Selbstoptimierung“ verschoben haben, gemäss dem von der britischen Premierministerin im Jahre 1987 propagierten Slogan, wonach es „keine Gesellschaften gibt“, sondern „nur Individuen“. In immer drastischerem Ausmass erfolgte seither eine schleichende, nach wie vor anhaltende Verschiebung von Reichtum aus dem öffentlichen in den privaten Bereich. Während – um beim Beispiel der Schweiz zu bleiben – die frühere Erbschaftssteuer abgeschafft wurde, somit jedes Jahr rund 100 Milliarden Franken steuerfrei von der vorangegangenen an die nächste Generation weitergegeben werden und bloss Einkommen aus Arbeit, nicht aber solche aus Kapitalbeteiligungen besteuert werden – und dies, obwohl in der Schweiz insgesamt mehr Geld verdient wird durch Aktien oder andere Formen von Gewinnbeteiligungen als durch ganz „gewöhnliche“ Arbeitstätigkeit -, herrscht auf der anderen Seite im öffentlichen Bereich, bei Bildung, Kultur, Forschung und allgemeiner Infrastruktur, ein zunehmend eisiger wehender Wind. Allein im Jahre 2025 haben die 300 reichsten Schweizer ihr Gesamtvermögen um 38,5 Milliarden Franken steigern können, ohne hierfür auch nur eine Minute lang gearbeitet zu haben. Gleichzeitig ging von allen Seiten ein Riesengejammer los, als es um die Frage ging, wie man die durch Volksabstimmung beschlossene 13. AHV- Rente in der Höhe von jährlich 4,5 Milliarden Franken finanzieren könnte. Nun hat man sich darauf geeinigt, die nötigen Mittel durch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer und zusätzliche Lohnprozente sicherzustellen, ausgerechnet durch Beiträge jenes Bevölkerungsteils also, den man mit der 13. AHV-Rente eigentlich hätte entlasten wollen. Niemand schien auf die Idee gekommen zu sein, man könnte diese 4,5 Milliarden Franken ja beispielsweise auch bei den unversteuerten Erbschaften in der Höhe von jährlich 100 Milliarden abholen oder durch eine Erhöhung der Vermögenssteuer oder durch die Einführung einer Kapitalgewinnsteuer.

Bleiben wir für einen Moment in der Schweiz. Bei den 50- oder 100seitigen Hochglanzbroschüren, die wöchentlich ins Haus flattern oder der Tageszeitung beiliegen und in denen es von verlockendsten Angeboten, von denen neun Zehntel der Weltbevölkerung und wohl auch weit mehr als die Hälfte der einheimischen Bevölkerung nicht einmal zu träumen wagen, nur so wimmelt: Zwei Wochen Luxus pur im Wellnesshotel mit königlichem Frühstück, Pilates, Yoga, Thaimassage, Galadinner bei Kerzenlicht und geführten Ausflügen mit dem Hoteldirektor himself; Reisen auf dem Fluss oder, wem das zu wenig ist, bis an den Nordpol, mit garantiertem Nordlicht; Klinik S. in W., neu eröffnet für Ansprüche besonders gehobener Art, Privatsuite mit vier Zimmern, Blick auf den See und Zimmerservice rund um die Uhr, Schönheitsoperationen durch den renommierten Dr. G., soeben ausgezeichnet mit einem internationalen Preis für einen der Besten seines Fachs; Open-Air-Konzert mit Megastar F., auf einer extra für diese Tournee aufgebauten, auf 45 Sattelschleppern herangekarrten Bühne gigantischen Ausmasses, Tickets ab 300 Franken im Vorverkauf; die ultimative Hochzeitsfeier mit 10-Gang-Menü, alles von A bis Z professionell organisiert, inklusive Feuerwerk, Zaubershow und Abenteuerjagd nach dem Brautpaar; Ihre Traumvilla am Zürichsee, kein Wunsch bei der Ausstattung bleibt unerfüllt, zudem garantiert wird ein lückenloses, absolut knacksicheres Überwachungssystem, alles zusammen für läppische 4 Millionen Franken. Die Gewinne der Luxushotellerie, der Kreuzfahrtgesellschaften, der Versicherungen, der Chefärzte in den renommierten Privatkliniken, der Pharmaindustrie, der Banken und der Cateringfirmen für jeden noch so ausgefallenen Wunsch übersprudeln geradezu. Während 80 Familien in Zürich gerade wieder einmal zwei Stunden lang in knallender Sommerhutze für den Besichtigungstermin einer Dreizimmerwohnung vergeblich Schlange gestanden sind, die 55jährige, vor drei Jahren entlassene KV-Angestellte V. nach ihrer 538. Bewerbung die 538. Absage bekommen hat und Frau W., die für eine dringendst nötige Zahnoperation schlicht einfach nicht genug Geld hat, sich, in ihrem Bett liegend, vor Schmerzen krümmt und auch nachts um zwei noch immer nicht den Schlaf gefunden hat. Gute Zeiten für das nimmersatte Raubtier.

Und es ist ja nicht nur die Schweiz. Soeben hat eine Handvoll Superreicher aus mehreren Ländern eine ganze Insel vor der Küste von Honduras gekauft, um dort ihren eigenen zukünftigen Privatstaat namens Próspera – das spanische Wort für „glücklich“ oder „wohlhabend“ – aufzubauen, in dem keine demokratischen Gesetze irgendeines bestehendes Staates gelten werden, sondern nur ihre eigenen. So wird es ihnen möglich sein, dort unter anderem ein zurzeit weltweit aus ethischen Gründen nirgendwo umsetzbares Projekt zur Erhöhung menschlicher Leistungsfähigkeit durch das Implantieren von Computerchips zu realisieren. Immer mehr Superreiche verabschieden sich vom Rest der Welt, bunkern sich hinter meterdicken Betonmauern ein und horten dahinter so viele Lebensmittel, dass sie selbst einen weltweiten Atomkrieg noch jahrelang überleben könnten, oder lassen sich, wie Elon Musk, ihre eigenen Weltraumraketen bauen, um sich zu gegebener Zeit endgültig von diesem Planeten zu verabschieden und zum Beispiel, wie allen Ernstes schon spekuliert wurde, auf dem Mars eine neue Zivilisation aufzbauen. Andere investieren Millionenbeträge in die Longevity-Forschung, mit dem Ziel, den Tod zu besiegen und unsterblich zu werden. Und dies in einer Welt, in der jeden Tag rund 15’000 Kinder vor dem Erreichen ihres fünften Lebensjahrs qualvoll sterben, weil sie nicht genug zu essen haben. Nicht, weil es weltweit insgesamt zu wenig Nahrungsmittel gäbe, sondern nur, weil das nimmersatte kapitalistische Raubtier an jenen Orten, wo es seine Fresssucht befriedigen kann, so allumfassend wütet, dass für einen immer grösseren Teil der Weltbevölkerung schlicht und einfach nichts mehr übrig bleibt, nicht einmal ein paar winzige Brosamen von den übervollen Tischen der Reichen.

„Das ist das Ende der Geschichte“, frohlockte der US-amerikanische Ökonom Francis Fukuyama angesichts des Zusammenbruchs der Sowjetunion im Jahre 1991. Es war auch eine der grössten Sternstunden des nimmersatten Raubtiers, dem nun von einem Tag auf den andern mehr als ein Fünftel des Staatsgebiets der früheren Sowjetunion zur freien Ausplünderung zur Verfügung stand. Terra nullius. Man sprach von einem „Wind of Change“, man nannte es „Abwicklung“, „Übergang in die Marktwirtschaft“, „Beginn eines neuen Zeitalters“, man sprach von „Reformen“, „Strukturanpassungen“ und was der unzähligen schönen Worte noch sind, tatsächlich aber war es nichts anderes als eine Neuauflage der Eroberung und Kolonisation des globalen Südens, das Primat gnadenloser Profitmaximierung auf Kosten sozialer Basisstrukturen, sozialer Sicherheit und sozialer Gerechtigkeit. Das zeigte sich dann acht Jahre später noch einmal in aller Deutlichkeit, ja offenen Brutalität, als die NATO unter Führung der USA die Bundesrepublik Jugoslawien einem grossflächigen Bombardement mit immensen Schäden an den Infrastrukturen des Landes und an der Zivilbevölkerung unterzog, bloss weil sich Jugoslawien, im Gegensatz zur ehemaligen Sowjetunion und den Staaten Osteuropas, nicht den Fressgelüsten des nimmersatten Raubtiers freiwillig ergeben hatte. Damit aber waren auch alle Zweifel verflogen und die EU wie auch die NATO hatten sich als diensteifrigste Komplizen an der Seite des nimmersatten Raubtiers entpuppt. Naiv ist, wer ihnen heute noch Glauben schenkt, wenn sie von „Freiheit“, „Gerechtigkeit“, „Frieden“ oder „Menschenrechten“ faseln. Was die Aussage von Francis Fukuyama betrifft, so ist anzumerken, dass er damit nur Recht gehabt hätte, wenn das Endziel des Kapitalismus eine Welt in Frieden und Gerechtigkeit wäre – das wäre, ideal betrachtet, ein schönes Ende der Geschichte. Aber der Kapitalismus ist nicht so. Im Gegenteil, sein Endziel ist nicht Frieden und Gerechtigkeit, sondern Profitmaximierung um jeden Preis, Bereicherung der Reichen auf Kosten der Armen, Krieg gegen die Natur und gegen die Menschen. „Der Kapitalismus“, so der französische Historiker und Pazifist Jean Jaurès, „trägt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen.“ Wie zutreffend und aktuell diese Aussage ist, wird deutlich, wenn wir uns die rund vierzig von den USA seit 1945 angezettelten Kriege mit insgesamt über 50 Millionen Toten und 500 Millionen Verletzten, von Vietnam über Afghanistan und den Irak bis Libyen, etwas genauer vor Augen führen: Hinter ihnen standen und stehen immer wieder Bündnisse zwischen Rüstungs-, Sicherheits-, IT- und Baukonzernen, deren gemeinsames Interesse darin besteht, Kriege zu inszenieren und über möglichst lange Zeit mit möglichst viel Zerstörungsgewalt zu führen: Je grösser und kostspieliger und damit profitträchtiger für die Rüstungsfirmen die Zerstörung eines Landes erfolgt, umso grösser, kostspieliger und damit profitträchtiger hernach die Aufträge an die Bau-, Sicherheits- und IT-Konzerne, um alles Kaputtgemachte wieder neu aufzubauen. So zynisch und menschenverachtend dies auch erscheinen mag, hält es offensichtlich nicht einmal die höchsten hierfür verantwortlichen Politiker davon ab, dies ganz offiziell und scheinbar ohne schlechtes Gewissen zuzugeben, so etwa, als der damalige US-Aussenminister Antony Blinken anlässlich einer öffentlichen Regierungserklärung bekannt gab, eine möglichst lange Weiterführung des Ukrainekriegs entspräche durchaus den Wirtschaftsinteressen der USA.

In neuester Zeit nimmt die Gier des nimmersatten Raubtiers immer absurdere und verhängnisvollere Züge an. Der Wahn, aus Geld immer mehr Geld zu schaffen, und der Irrglaube an ein endloses Wirtschaftswachstum haben dazu geführt, dass sich im Kapitalismus die Geldwirtschaft längst schon von der Realwirtschaft verabschiedet hat. Nur noch der kleinste Teil finanzieller „Erfolgsbilanzen“ beruht auf realem Wirtschaftswachstum, der weitaus grössere und immer weiter anwachsende Teil ist reine Spekulation, Seifenblasen, die alle früher oder später zu zerplatzen drohen, ein Kartenhaus, das nur noch dank immer waghalsigerer Tricks daran gehindert werden kann, einzubrechen und einen unabsehbaren Scherbenhaufen zu hinterlassen. Mit der zunehmenden Digitalisierung aller Lebens- und Arbeitsbereiche dringt das nimmersatte Raubtier zudem immer weiter bis in unsere innerste Geistes- und Seelenwelt vor, reduziert alles Menschliche ausschliesslich auf das technisch und materiell Plan- und Berechenbare und verweist alles, was sich an Kreativität, Gemeinschaftsgefühl, Solidarität, Mitgefühl sowie dem Aufdecken und der Kritik an gesellschaftlichen Missständen und Fehlentwicklungen diesem Zeitgeist entgegenzustellen droht, ins Reich der Phantasie, der Nostalgie und reiner Bedeutungslosigkeit. Wie erfolgreich dieses Verdrängen jeglichen möglichen Widerstands gegen die herrschenden, mit dem nimmersatten Raubtier verbandelten Machtsysteme und der mit ihnen gleichgeschalteten Medien und öffentlichen Meinungsträger funktioniert, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass in diesen Tagen, Wochen und Monaten, in denen wir möglicherweise näher am Ausbruch eines dritten Weltkriegs stehen als je zuvor, kaum noch irgendwelche nennenswerten Friedensdemonstrationen stattfinden, ganz im Gegensatz etwa zu den Jahren 2001 und 2003, als anlässlich der Kriegsvorbereitungen der USA gegen Afghanistan und den Irak noch Millionen von Friedensdemonstrantinnen und Friedensdemonstranten die europäischen Grossstädte fluteten.

Wie perfekt, geradezu lautlos und ohne nennenswerten Widerstand auch die absurdesten Formen von Fremdbestimmung und Machtkonzentration heute über die Bühne gehen können, zeigt sich nicht zuletzt in dem, was man fälschlicherweise als „Künstliche Intelligenz“ bezeichnet, viel zutreffender aber wohl als „Künstliche Dummheit“ bezeichnet werden müsste. Extra hierfür gebaute Rechenmaschinen, die ein Mehrfaches an Strom verbrauchen als ganze Kleinstädte, ermöglichen es ein paar wenigen Verrückten, „Trainingsprogramme“ zu entwickeln und durchzuführen, mit denen scheinbar „intelligente“ Maschinen über Monate hinweg in tausenden winzigen Einzelschritten aufgrund Abertausender von Bildern mühsam erlernen sollen, den Unterschied zwischen einer Katze und einem Hund zu erkennen, eine Fähigkeit, über die jedes Kind im Alter von wenigen Monaten verfügt, ohne dass es hierfür eines besonderen Trainingsprogramms bedarf und ohne dass es irgendwem in den Sinn käme, dies als „Natürliche Intelligenz“ zu bezeichnen. Wie Sektenmitglieder, die an einen unsichtbaren Gott glauben, umschwirren mittlerweile selbst schon Unzählige, die anfänglich noch etwas skeptisch waren, jene heiligen Stätten, an denen die angeblichen „Errungenschaften“ der „Künstlichen Intelligenz“ angepriesen und in alle Himmel hinauf gelobt werden, obwohl es sich dabei doch um nichts anderes handelt als um ein gigantisches Sammelsurium alles über Jahrhunderte hinweg bereits Geschriebenen, Gesagten und Gedachten, nun sozusagen in Zement gegossen und mit einem riesigen Warnschild versehen: Bitte nicht mehr weiterdenken! Denn alles Gedachte steht ja jetzt zur Verfügung, kann mit wenigen Mausklicks abgerufen werden, und jeglicher Versuch, mit den eigenen, individuellen Ressourcen an Kreativität, Wissensdurst oder Skepsis gegenüber in Stein gegossener „Wahrheiten“ weiterzudenken oder weiterzuforschen, wäre reine Zeitverschwendung. Selbst Professoren an Schweizer Universitäten sind der felsenfesten Überzeugung, die „Künstliche Intelligenz“ werde früher oder später die menschliche Intelligenz übertreffen oder gar ersetzen. Und einer von ihnen meinte sogar unlängst, es sei wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich die „Künstliche Intelligenz“, losgelöst von den Menschen, von der Erde entfernen und im Universum neue Systeme übernatürlicher Intelligenzien verbreiten werde, die sich heute noch niemand vorstellen könne. Was für wunderbare Aussichten für das nimmersatte Raubtier, das seine Nahrung dann nicht mehr bloss auf der Erde, sondern auf einer immer grösseren Anzahl von Planeten bis hin an die Grenzen des Universums finden wird!

Das Dumme ist nur: Am Ende hängt dann doch alles, auch die phantastischsten Visionen, letztlich wieder davon ab, ob die materiellen Voraussetzungen für alle diese Gedankenflüge überhaupt gegeben sind oder nicht. Denn keine einzige Rechenmaschine kann auch nur einen Tag lang weiterarbeiten und KI-Trainingsprogramme füttern, wenn für den Weiterbetrieb von AKWs, welche die nötige Energie liefern, das nötige Uran oder Plutonium eines Tages aufgebraucht sein wird. Auch die Reichsten der Reichen werden eines Tages keine weiteren Betonbunker mehr bauen können, spätestens dann, wenn das letzte Sandkorn vom letzten verbliebenen Strand in Kambodscha, Malaysia oder Vietnam nach Europa verschifft sein wird. Und auch die sich im Besitz von Elon Musk befindliche grösste Rakete der Welt wird keinen einzigen Meter von der Erde abheben können, wenn nirgendwo mehr die für die Steuerungssysteme der Rakete unerlässliche Menge an Lithium und Kobalt gefunden werden kann.

Und jetzt sind wir wieder zurück am 19. Juli 2026. Man muss nicht viel von der Vergangenheit wissen, um es in aller Deutlichkeit zu sehen: Wenn jemand Interesse hat an einem grossen Krieg, der über die Ukraine hinausgeht und sich im schlimmsten Falle zu einem dritten Weltkrieg ausweiten könnte, dann ist es nicht Russland. Russland hat alles, was es braucht, um auch in 50 oder 100 Jahren noch lebensfähig zu sein. Das Interesse an einem solchen Krieg liegt einzig und allein beim Westen, beim nimmersatten Raubtier, das auch nach 500 Jahren seit der Ankunft von Kolumbus in Amerika immer noch nicht genug zu fressen bekommen hat und dessen Appetit sogar noch grösser ist als je zuvor. „Russlands Bodenschätze“, so die damalige US-Aussenministerin Madeleine Albright im Jahre 2000, „sind zu gewaltig, als dass sie den Russen allein gehören dürfen.“ Folgerichtig fordern namhafte US-Politiker seit Jahrzehnten die Eroberung und Zerstückelung Russlands in einzelne „Filetstücke“, die dann entsprechend der gegebenen wirtschaftlichen Ressourcen einzeln planmässig ausgebeutet werden können. Zitate dazu finden sich zuhauf. So etwa von Ben Hodges, dem ehemaligen Oberbefehlshaber der US-Armee in Europa: „Ziel der USA ist Russlands Spaltung und Zerfall.“ Oder vom früheren US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzesinski, der im Juni 2009 Folgendes sagte: „Die neue Weltordnung wird gegen Russland errichtet, auf den Ruinen Russlands und auf Kosten Russlands.“ Oder, ganz aktuell, von Kaja Kallas, der EU-Vizepräsidentin: „Das Ziel muss sein, Russland zu zerschlagen und in kleinere Länder aufzuspalten.“ Dass die Ukraine im Rahmen dieser Strategien mit dem Ziel einer Eroberung und Zerstückelung Russlands über mindestens zehn Jahre hinweg vom Westen als Brückenkopf und Aufmarschgebiet für einen späteren Krieg gegen Russland instrumentalisiert wurde, ist offensichtlich und wurde auch von Jens Stoltenberg, dem vormaligen NATO-Generalsekretär, mehrfach bekräftigt: „Seit 2014 haben wir die Ukraine massiv mit Waffen versorgt. Das ist natürlich eine sehr bewusste, starke Provokation. Es war uns bewusst, uns in einen Bereich einzumischen, den jeder russische Führer als untragbar ansehen muss.“ Was auch von Douglas McGregor, einem pensionierten Colonel und ehemaligem Sicherheitsberater der US-Regierung, bestätigt wurde: „Denken Sie daran, wir haben acht Jahre damit verbracht, diese Armee in der Ukraine zu dem einzigen Zweck aufzubauen, um Russland anzugreifen. Dafür wurde sie entwickelt. Deshalb haben die Russen sie angegriffen.“ Die Stossrichtung ist klar und findet sich fast im Tagesrhythmus in den offiziellen Erklärungen der führenden deutschen Politiker. So etwa Roderich Kiesewetter: „Der Krieg muss nach Russland getragen werden. Russische Militäreinrichtungen und Hauptquartiere müssen zerstört werden. Wir müssen alles tun, damit die Ukraine in die Lage versetzt wird, nicht nur Ölraffinerien in Russland zu zerstören, sondern Ministerien, Kommandoposten, Gefechtsstände. Europa muss auf die Kapitulation Russlands hinarbeiten.“ Oder Sigmar Gabriel, ehemaliger Bundesvorsitzender der SPD und deutscher Vizekanzler: „Ich hätte nicht gedacht, das einmal sagen zu müssen: Aber wir werden Russland noch einmal so niederringen müssen, wie wir das im Kalten Krieg mit der Sowjetunion gemacht haben.“ Und wenn man dann in der Tagespresse so ganz beiläufig von einer „NATO-Ostflanke in Estland“ liest, verschwinden auch noch die letzten Zweifel, ist eine „Ostflanke“ doch eindeutig ein Wort aus dem Kriegsvokabular, und hat nichts zu tun mit gerechtfertigter Selbstverteidigung. Man muss schon von Blindheit geschlagen sein bzw. von der laufenden Propagandamaschine westlicher Führungskräfte geblendet, um dies alles nicht zu sehen und immer noch an das Märchen zu glauben, wonach Wladimir Putin der Inbegriff alles Bösen sei, bloss darauf bedacht, nach einem Sieg gegen die Ukraine eines nach dem andern die weiteren europäischen Länder anzugreifen und seinen Grossmachtinteressen zu unterwerfen – während es in Tat und Wahrheit doch genau umgekehrt ist.

Dieses oder nächstes Jahr entscheidet sich nicht nur, ob es einen dritten Weltkrieg geben wird oder nicht. Dieses oder nächstes Jahr entscheidet sich auch, ob und wie das Zeitalter des Kapitalismus zu Ende geht. Denn dieses Ende steht zweifellos unmittelbar bevor. Das nimmersatte Raubtier ist jetzt an einem Punkt angelangt, an dem seine unersättliche Fresssucht in den Zustand eines Wahnsinnigen gekippt ist, der sich entweder eigenhändig selber zur Strecke bringt oder aber sich in einem letzten Akt der Verzweiflung in die Illusion getrieben hat, es könnte den ganzen verbliebenen Rest der Welt in sich hineinfressen und dennoch am Ende selber am Leben bleiben.

Drei Szenarien sind denkbar: Das erste ist ein Sieg des Westens gegen Russland gemäss dem Plan, dieses zu zerstückeln und sich seiner Bodenschätze zu bemächtigen. Ein wenig wahrscheinliches Szenario, würde Russland dies doch kaum zulassen, vorher käme es zum dritten Weltkrieg, der wahrscheinlich ein atomarer wäre und von dem Albert Einstein einmal sagte: „Ich weiß nicht, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber der vierte Weltkrieg wird mit Stöcken und Steinen ausgetragen.“

Das zweite Szenario ist ein Sieg Russlands, der in der Kontrolle über die gesamte Ukraine bestehen würde, mit unterschiedlichen denkbaren Auswirkungen auf den zukünftigen Status dieses Staates. Was auch nicht besonders wahrscheinlich erscheint und den Westen zu unabschätzbaren und höchst gefährlichen Reaktionen verleiten könnte.

Das dritte Szenario mag auf den ersten Blick utopisch erscheinen, wäre aber vermutlich das einzig wirklich vernünftige. Russland und der Westen reichen sich die Hände und läuten gemeinsam ein neues Zeitalter ein. Sie hätten die Erfahrung und das Wissen. Der Kommunismus sowjetischer Art scheiterte im Jahre 1991. Rund 35 Jahre später wird auch der Kapitalismus für immer gescheitert sein. Es gibt in allen Systemen und in allen Ländern der Welt weit mehr als genug gescheite Menschen, die ganz genau wissen und es kann genau erklären können, weshalb sowohl der Kommunismus nach sowjetischer Art als auch der Kapitalismus nach westlicher Art früher oder später unweigerlich scheitern mussten. An ihnen ist es, eine neue Welt aufzubauen, aufgrund der Erkenntnisse über alle in der Vergangenheit gemachten Fehler, Missetaten und Verbrechen. Und es gibt weit mehr als genug weise Philosophen, die über Jahrtausende weit mehr als genug weise Lehren verbreitet und weit mehr als genug weise Bücher geschrieben haben, aus denen sich lernen lässt, wie eine zukünftige Welt in Frieden und Gerechtigkeit aussehen könnte.

Die Welt befindet sich an einem Scheidepunkt. Zugleich in höchster Gefahr. Und gleichzeitig in einem seltenen Moment der Geschichte, in der auch das Gute eine Chance bekommen könnte, die sich vielleicht nicht so schnell wiederholen wird. „Du hast die Wahl“, so der US-amerikanische Philosoph und Sprachwissenschaftler Noam Chomsky, „du kannst sagen: Ich bin Pessimist, das wird alles nichts, ich verzichte und garantiere damit, dass das Schlimmste kommt. Oder du orientierst dich an den Hoffnungsschimmern und den vorhandenen Möglichkeiten und sagst, dass wir vielleicht eine bessere Welt errichten werden. Eigentlich hast du gar keine Wahl.“

Die wundersame Wandlung der ukrainischen Asow-Brigade: „Liebe ist stärker als alles“…

Peter Sutter, 17. Juli 2026

Unter dem Titel „Asow-Brigade wirbt mit Kampfjet-Socken und Kapuzenpullis um Nachwuchs“ berichtete die schweizerische „Sonntagszeitung“ vom 28. Juni 2026 über die Marketing-Methoden dieses ukrainischen Armeeverbands „im Überlebenskampf gegen Wladimir Putin“, mit denen geholfen werden soll, „Rekruten zu gewinnen“ und „die Moral des Landes hochzuhalten“…

Das milde Licht, die Espressobar, die sauber sortierten Kapuzenpullis: Man könnte dieses Geschäft im Herzen von Kiew für einen angesagten Concept-Store halten, wie es trotz des Krieges so viele gibt in der ukrainischen Hauptstadt… Der Flagship-Store des 1. Korps „Asow“ hat vor einem Jahr eröffnet, und er steht modellhaft für eine bemerkenswerte Entwicklung der ukrainischen Armee: Die grossen und landesweit populärsten militärischen Verbände der Ukraine treten nicht mehr nur als Kampfverbände auf. Sie operieren nach den Regeln der Unternehmenskommunikation, nach den Prinzipien der Corporate Identity und der Mission Statements: als eigene Marken… In einer Ecke im Asow-Laden sitzen die Architekten dieser Verwandlung auf schweren Ledermöbeln. Die meisten sind Akademiker, oft mit Wirtschaftserfahrung. Einer von ihnen ist Mykyta Puz, Mitarbeiter von „4308“, einer Art Kultur- und Bildungsplattform des Asow-Korps… Angesichts der vielen Deserteure und der Schwierigkeit, genügend Soldaten zu rekrutieren, verlassen sich die Militärverbände zunehmend nicht mehr auf den Staat, seine Propaganda und seine Rekrutierungsbemühungen, sondern setzen auf eigene gezielte Ansprache der künftigen Rekruten, ja des ganzen Landes. Die grossen Verbände wie die Asow-Brigade haben deshalb ganze Stäbe für Marketing, Merchandising und strategische Kommunikation geschaffen. Obwohl sie offiziell dem ukrainischen Oberkommando unterstellt sind, treten sie immer mehr wie eigenständige Konzerne auf… Im Asow-Store etwa gibt es Espresso und Urban Clothing mit Drohnen-Aufdruck, sie wollen damit Veteranen, Soldaten und zivile Laufkundschaft gleichermassen ansprechen. Wer Asow-Kleidung trägt, drückt seine Solidarität mit dem Verband, ja, mit der ukrainischen Sache aus, sagt Puz. Und nicht nur das. Das Asow-Online-Merch bietet Kampfjet-Socken der Firma Dodo Socks an, Folklore-Schals mit Sturmgewehrmotiv und ein Puzzle mit dem Logo der umkämpften Region Donezk: Must-have-Accessoires aus „Donnyland“, wie die Ukrainer einen Teil des Donbass nannten, um Donald Trump auf ihre Seite zu ziehen… Im vergangenen Jahr hat Asow zudem mit dem Label Riot Division einen viel beachteten Image-Film gedreht. Generation auf Generation ukrainischer Krieger nimmt darin den Kampf gegen das Böse auf, verkörpert durch den schachspielenden Tod, das alles in karger Küstenlandschaft zu düsterem Cello. Es war eine schwülstig-patriotische Interpretation von Ingmar Bergmans Mysterienspiel „Das siebente Siegel“ – der Film schaffte es sogar auf Festivals in Schweden, den USA, Frankreich, Brasilien und weiteren Ländern… Zur Imagepflege nach innen veröffentlichen viele Einheiten inzwischen eigene Werbeclips, abgestimmt auf die Lage an der Front und die Stimmung im Land. Als es einmal besonders finster für die ukrainische Seite aussah, zeigte die 3. Sturmbrigade in einem Clip die Russen als Zombies. In anderen Clips wird für den Eintritt in die Armee als einem „smarten Karriereschritt“ geworben… Inzwischen hat auch Walentyn Dsjubenko, Sozialphilosoph, Religionshistoriker und Vizechef der Abteilung für strategische Kommunikation des Asow-Korps, in der Sitzecke Platz genommen. Sein jüngster Clip: ein hyperrealistischer Kampfeinsatz, Dreck, Blut, Leichen, ein Mann in Flammen. Darüber, sanft wie der Hauch des Todes, ein Wiegenlied und der Slogan: „Liebe ist stärker als alles.“ Flankiert wird die Kampagne durch Online-Videos, in denen Soldaten erzählen, wofür sie kämpfen, was ihnen Kraft gibt: der Gedanke an ihre Familie, an besondere Orte, an ihre Hobbys. Das Leben muss weitergehen, so die Aussage… „Unser Ziel ist: Russen töten“, sagt Bataillonskommandant Walentyn Zubko, Kampfname „Dandy“. Und wenn marktwirtschaftliche Anreize die Trefferquote erhöhen, dann seien diese willkommen. Auch seine Einheit nutze die staatliche E-Commerce-Plattform „Brave 1 Market“, geschaffen vom damaligen Digitalminister Mychajlo Fedorow. Auf „Brave 1 Market“ können ukrainische Einheiten eintragen, wie viele Russen sie verletzt oder getötet und wie viele Drohnen oder Panzer sie zerstört haben. Für jeden verifizierten Abschuss werden ihnen Punkte gutgeschrieben. Ein getöteter Russe könne 12 Punkte bringen, ein verletzter 8 und die Ausschaltung eines FPV-Drohnenpiloten gar 25. Dieses Guthaben können die ukrainischen Brigaden in neue Geräte umtauschen: Drohnen, gepanzerte Fahrzeuge, Munition… Ganz weit vorn in Sachen Selbstvermarktung ist das Chartija-Korps. Zu Beginn des Kriegs vom Charkiwer Agrarunternehmer Wsewolod Koschemjakoo gegründet, ist Chartija nicht nur in den Korps-Status mit Zehntausenden Soldatinnen und Soldaten aufgerückt, sondern geht auch in Marketing-Fragen weiter als andere. So wurden bereits Kooperationen mit Brauereien, Bäckereien und Tankstellen geschlossen, besonders gut läuft das Geschäft mit dem speziell kreierten Chartija-Bier, dem Charija-Osterkuchen und einem Chartija-Special aus Premium Sprit, einer Tasse Kaffee und Honig. Chartija hat sogar einen eigenen TV-Sender. Dieser wird geleitet vom Starautor, Musiker, Friedenspreisträger und Soldat Serhij Zhadan…

So richtig sympathisch werden dem Leser und der Leserin bei der Lektüre dieses Artikels die Asow-Leute: moderne, an Marketingstrategien orientierte Menschen, Akademiker mit Wirtschaftserfahrung, Kommunikationsspezialisten, Sozialphilosophen, Religionshistoriker, Menschen, die von der „Liebe“ als einer Kraft sprechen, die „stärker ist als alles andere“. Sonja Zekri, die Verfasserin des Artikels, scheint es entweder nicht zu wissen, es vergessen zu haben oder es schlicht nicht wahrhaben zu wollen: Die Asow-Brigade gehörte vor zwölf Jahren und viele Jahre darnach und teilweise noch bis heute unter den verschiedenen ukrainischen Kampfverbänden im Umgang mit der russischen Zivilbevölkerung in der Ostukraine zu den grausamsten und berüchtigtsten, wie folgende Ausschnitte aus Berichten des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte zwischen 2014 und 2022 zeigen…

Im Mai 2014 entführten Mitglieder des Bataillons Asow eine Frau aus Saporischschja unweit von ihrem Haus und unterzogen sie einer vier bis fünf Stunden andauernden Folter. Die maskierten Entführer, die angaben, auf Befehl des ukrainischen Geheimdienstes SBU zu handeln, fesselten Hände und Füsse des Opfers mit Kabelbindern, die durch eine Metallkette festgezogen wurden. Daraufhin traten sie die Frau, schlugen sie mit Gewehrkolben, trieben ihr Nadeln unter die Nägel und folterten sie nach der „Schwalben-Methode“. Bei dieser Folter wird das Opfer an seinen auf dem Rücken zusammengebundenen Händen aufgehängt und verprügelt. Einer der Entführer drohte der Frau mit einer Gruppenvergewaltigung durch orale und vaginale Penetration… Am 10. August 2014 reiste ein Mann aus Hryhoriwka in das Dorf Mnohopillia, um seine Mutter zu besuchen. Am Eingang des Dorfes wurde der Zivilist an einem Kontrollpunkt ukrainischer Soldaten angehalten, darunter Angehörige des Bataillons Asow. Bataillonsmitglieder fesselten daraufhin Hände und Beine des Mannes mit einem Seil, schossen in seine Richtung und schlugen auf ihn ein. Dann banden sie ihm ein Seil um den Hals und schleiften ihn über ein Feld, bis er keine Luft mehr bekam und das Bewusstsein verlor… Im September 2014 wurde ein Mann mit einer geistigen Behinderung von acht bis zehn Angehörigen des Bataillons Asow und des Bataillons Donbas vergewaltigt und anderen Formen sexueller Gewalt ausgesetzt. Als Resultat verschlechterte sich sein Gesundheitszustands so sehr, dass er stationär in einer psychiatrischen Klinik behandelt werden musste… Am 28. Januar 2015 wurde ein Bürger Mariupols wegen Unterstützung der Volksrepublik Donezk von drei Soldaten des Bataillons Asow festgenommen und bis zum 6. Februar 2015 im Keller einer Sportschule ununterbrochen verhört und gefoltert. Das Opfer klagte darüber, mit Handschellen an eine Metallstange gefesselt und daran während längerer Zeit hängen gelassen worden zu sein. Berichten zufolge schlugen die Angehörigen des Bataillons Asow ausserdem die Genitalien des Mannes und folterten ihn mit Strom, einer Gasmaske und Waterboarding. Infolgedessen gestand das Opfer, Informationen über Standorte von Kontrollpunkten der ukrainischen Regierung an bewaffnete Gruppen weitergegeben zu haben und wurde am 7. Februar an den ukrainischen Geheimdienst SBU übergeben… Am 3. August 2015 wurde in Charkiw ein Mann auf dem Weg zu einer friedlichen Demonstration von maskierten und uniformierten Männern in einem Militärfahrzeug mit der Aufschrift „Asow“ entführt. Diese sollen ihn auf dem Stadtfriedhof zusammengeschlagen und dort liegen gelassen haben… Im November 2015 wurde ein vom Bataillon Asow festgenommener Mann einer Scheinhinrichtung unterzogen und man drohte ihm an, ihn zu vergewaltigen. Es wurde ihm ins Gesicht geschlagen, seine Rippen wurden gebrochen und seine Beine mit einem Bajonettmesser durchbohrt… Im Mai 2017 wurde eine Frau in Mariupol auf eine Position des Regiments Asow gelockt, wo sie entführt und mit verbundenen Augen an einen unbekannten Ort transportiert wurde. Dort schlug man ihr mit einem Gewehrkolben gegen das Knie und bedrohte sie mit dem Tod, was das Opfer zur Kooperation mit den Entführern zwang. Nach der Übergabe an die Polizei wurde die Frau ohne Anwalt verhört und gezwungen, ein Vernehmungsprotokoll zu unterschreiben, mit dem sich selbst belastete…

Die von der ukrainischen Armee und paramilitärischen Gruppen wie dem Asow-Bataillon gegen die russischsprachige Zivilbevölkerung in der Ostukraine ausgeübten Gewalttaten, für welche die Täter nie zur Rechenschaft gezogen worden sind, hatten zwischen 2014 und 2022 rund 14’000 Todesopfer zur Folge, nebst einer unvergleichlich höheren Zahl von Verletzten und Traumatisierten. Diese systematische Diskriminierung und Verfolgung der russischsprachigen Bevölkerung der Ostukraine durch die ukrainische Regierung und ihrer militärischen Verbände waren einer der Hauptgründe für den angeblichen „Angriffskrieg“ Russlands gegen die Ukraine am 24. Februar 2022. Medienberichte wie der hier kommentierte vom 17. Juli 2026 in der „Sonntagszeitung“ dienen dazu, das in der westlichen Öffentlichkeit vorherrschende Bild, wonach die Ukraine ein völlig unschuldiges Opfer eines „bösen“ Aggressors in Form von Wladimir Putin ist, zu zementieren, indem die Vorgeschichte des Konflikts und alles, was vor dem 24. Februar 2022 gewesen war, systematisch ausgeblendet wird.

Verbrechen schlimmsten Ausmasses werden nicht nur nicht erwähnt, sondern oft sogar geradezu noch glorifiziert. So ebenfalls im vorliegenden Artikel der „Sonntagszeitung“, in dem der „Starautor, Musiker, Friedenspreisträger und Soldat Serhij Zhadan“ erwähnt wird, welcher heute den TV-Sender des Chartija-Korps leitet. Hier hat die westliche Geschichtsklitterung volle Arbeit geleistet. Indem nämlich einer der übelsten russophoben Propagandisten zum Kämpfer für Frieden und Menschenrechte emporstilisiert wurde. Kaum jemand wird sich jemals daran erinnern, was genau in dem Buch „Himmel über Charkiw“ zu lesen ist, für welches Zhadan den „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2022“ erhielt. Wortwörtlich stehen dort nämlich folgende Worte, mit denen er ganz direkt die russischsprachige Bevölkerung der Ostukraine anspricht: „Brennt in der Hölle, ihr Schweine!“ In weiteren Passagen des Buches bezeichnet er dann die Russen abwechslungsweise als „Hunde“, „Verbrecher“, „Tiere“, „Unrat“ sowie als „Barbaren, die gekommen sind, um unsere Geschichte, unsere Kultur und unsere Bildung zu vernichten.“ Aber es kommt noch viel besser: In seiner Dankesrede für die Verleihung der Friedenspreises des Deutschen Buchhandels vom 24. Oktober 2022 ging ausgerechnet Zhadan, der Angehörige eines anderen Volks pauschal als „Unrat“ bezeichnet, auf die „heimatbildende Funktion von Sprache“ ein: „Wir alle“, sagte er, „sind über unsere Sprache miteinander verbunden. Manchmal scheint uns die Sprache schwach. Aber vielfach ist sie es, die Kraft spendet. Solange wir unsere Sprache haben, so lange haben wir immerhin die vage Chance, uns erklären, unsere Wahrheit sagen, unsere Erinnerung ordnen zu können. Deswegen sprechen wir und hören nicht auf. Die Stimme gibt der Wahrheit eine Chance. Und es ist wichtig, diese Chance zu nutzen. Vielleicht ist das überhaupt das Wichtigste, was uns allen passieren kann.“ Seine Erkenntnisse scheinen sich offensichtlich nur auf seine eigene Sprache, das Ukrainische, zu beschränken. In nahezu unbeschreiblicher Arroganz nimmt er das Recht auf die „heimatbildende Funktion der Sprache“ für sich selber in gleich extremer Weise in Anspruch, wie er es ebenso extrem anderen, nämlich den russischsprachigen Menschen seines eigenen Landes, abspricht. Bereits am 25. April 2019 – drei Jahre vor dem russischen „Angriffskrieg“! – hatte das ukrainische Parlament ein neues Sprachengesetz verabschiedet. Seither gilt in der Ukraine das Ukrainische als alleinige Staatssprache, in den Schulen, der öffentlichen Verwaltung, unter leitenden Angestellten, in der Wissenschaft, in der Kulturszene, in Regierung und Parlament. Aus den öffentlichen Bibliotheken wurden 100 Millionen Bücher russischsprachiger Autorinnen und Autoren entfernt, selbst Liebesromane und Kinderbücher. Ebenso dürfen Werke russischer Komponistinnen und Komponisten nicht mehr öffentlich aufgeführt werden. Und dies, obwohl die Muttersprache von 30 Prozent der ukrainischen Bevölkerung das Russische ist. Das Sprachengesetz hat die Ukrainerinnen und Ukrainer zutiefst in Bürgerinnen und Bürger erster und zweiter Klasse gespalten. Was der ukrainischsprachigen Bevölkerungsmehrheit an Bedeutung, Einfluss und Macht in Gestalt ihrer Sprache zugesprochen wurde, ist der russischsprachigen Bevölkerungsminderheit in gleichem Masse abgesprochen, weggenommen und geraubt worden…

Angesichts so viel ungeheuerlicher Geschichtsklitterung, mit der sich auch eine „Sonntagszeitung“ und eigentlich gleichermassen alle anderen Mainstreammedien der Schweiz zu Komplizen der gegenwärtigen, höchst gefährlichen Kriegstreiberei des Westens gegen Russland machen, habe ich am 29. Juni 2026 der „Sonntagszeitung“ einen Leserbrief geschickt, in dem ich auf die vom Asow-Bataillon zwischen 2014 und 2022 begangenen Verbrechen verwies sowie darauf, dass die Diskriminierung und Verfolgung der russischsprachigen Bevölkerung in der Ostukraine einen der wesentlichen Gründe für den angeblichen „Angriffskrieg“ Russlands vom Februar 2022 bildeten. Mein Leserbrief endet mit folgenden Worten: „Warum will man im Westen die Vorgeschichte des Ukrainekonflikts und alles, was vor dem 24. Februar 2022 gewesen war, so beharrlich nicht zur Kenntnis nehmen? Sind wir tatsächlich in all der langen Zeit, die seit 1914, dem Ausbruch des Erstens Weltkriegs, verstrichen ist, immer noch nicht entscheidend vorwärts gekommen, tappen wir immer und immer wieder in die gleichen Fallen und müssen wir allen Ernstes auch heute noch vor dieser schockierenden Erkenntnis kapitulieren, die bereits im Jahre 1914 US-Senator Hiram Johnson für die Nachwelt zu Protokoll gab, als er sagte, das erste Opfer im Krieg sei immer die Wahrheit?“

Wie ich eigentlich nicht anders erwartet hatte, druckte die „Sonntagszeitung“ meinen Leserbrief nicht ab. Der Zement permanenter Geschichtsklitterung zeigt kaum noch Risse. Versuche, dagegen anzurempeln, kommen mir vor wie ein Schmetterling, der so lange gegen die gleiche Mauer anfliegt, bis er total erschöpft oder tot am Boden liegen bleibt. Das Schweigen ist eine der schlimmsten und effizientesten Formen von Gewalt.

Am 13. Juli 2026 schreibe ich an die Leserbriefredaktion der „Sonntagszeitung“…

Ich habe Ihnen am 1. Juli einen Leserbrief zum Thema Asow-Brigaden geschickt. Leider wurde er nicht veröffentlicht. Im Gegensatz zu fast allen Leserbriefen zu gesellschaftlichen und pädagogischen Themen, die ich Ihnen jeweils zustelle und von denen die meisten auch tatsächlich veröffentlicht werden, scheint es sich hier offenbar um ein besonders brisantes Thema zu handeln, wird doch durch meinen Leserbrief die allgemein herrschende Meinung, am Ukrainekrieg trage ausschliesslich Russland die Schuld, erheblich relativiert. Darf das nicht öffentlich gemacht werden? Ich habe mich an die vorgeschriebene Länge gehalten, sprachlich sollte der Leserbrief in Ordnung sein, er enthält keine persönlichen Angriffe oder Unterstellungen und ich habe mich ausschliesslich an absolut vertrauenswürdige Quellen gehalten (UNO-Kommission für Menschenrechte, jederzeit auffindbar u.a. auf Wikipedia). Können Sie mir die Gründe nennen, die gegen eine Veröffentlichung des Leserbriefs gesprochen haben?

Den vorliegenden, heute, am 17. Juli 2026, auf meiner Homepage veröffentlichten Artikel, werde ich zudem an die Chefredaktion der „Sonntagszeitung“ schicken. Für die „Sonntagszeitung“ arbeiten zurzeit 40 bis 50 Redaktorinnen. Ich nehme an, dass sie alle eine seriöse Ausbildung für diesen Beruf durchlaufen haben. Dass sie alle wissen, was journalistische Sorgfaltspflicht bedeutet. Dass ihnen allen bewusst sein müsste, dass es zu jedem Standpunkt einen Gegenstandpunkt gibt. Dass immer auch die Möglichkeit besteht, einem tendenziell einseitigen Bericht einen persönlichen Kommentar gegenüberzustellen. Und dass stets die Suche nach der Wahrheit das oberste Gebot sein müsste. „Suche die Wahrheit immer von unten nach oben“, so der australische Journalist John Pilger, *nicht von oben nach unten. Journalisten sind niemals echte Journalisten, wenn sie Agenten der Macht sind, egal wie sehr sie diese Rolle verschleiern. Echte Journalisten sind die Vertreter der Menschen.“

Ist es vorstellbar, dass kein einziger, keine einzige zurzeit für die „Sonntagszeitung“ arbeitende Redaktorin in diesem Sinne heute noch eine „echte Journalistin“ ist? Und was, wenn dem tatsächlich so wäre?

17. Juli 2026, 17.38 Uhr. Wow. Die Chefredaktion der „Sonntagszeitung“ meldet sich noch gleichentags mit folgender Antwort: Der Artikel, auf den Sie sich beziehen, stammt von Sonja Zekri. Sonja Zekri ist Autorin der Süddeutschen Zeitung; die SonntagsZeitung hat den Artikel von dort übernommen. Ich schlage vor, dass Sie sich bei Frau Zekri direkt melden. 

18.21 Uhr. Ich schreibe an die Chefredaktion der *Sonntagszeitung“: „Sie übernehmen also kommentarlos Artikel aus einer deutschen Tageszeitung? Wo doch mittlerweile allgemein bekannt ist, wie sehr sich die Medien in Deutschland kritiklos in die Phalanx kriegstreibender Politiker wie Merz, Wadephul, Pistorius, Kiesewetter, Strack-Zimmermann etc. eingereiht haben. Schweizerische Neutralität, schweizerische Diplomatie, schweizerische humanitäre Tradition, schweizerische Eigenständigkeit – alles auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet? Nicht mal wenigstens ein klitzekleiner redaktioneller Kommentar zu einem derart tendenziösen Artikel aus deutscher Feder???“

18.28 Uhr. Ich schicke Frau Zekri meinen Artikel, Kopie an den Chefredaktor der „Sonntagszeitung“.

19. Juli 2026, 20.17: Arthur Rutishauser, Chefredaktor der „Sonntagszeitung*, schreibt: „Vielen Dank für Ihre Nachricht und Ihr Feedback. Gerne möchte ich Ihnen hierzu einige Hintergrundinformationen geben. Seit über zehn Jahren betreiben wir ein gemeinsames Auslandskorrespondentennetz mit der Süddeutschen Zeitung. Diese Kooperation hat handfeste Kosten- und Effizienzgründe. Die einzige Alternative hierzu wäre der verstärkte Abdruck von Agenturberichten. Dies wäre jedoch kaum weniger problematisch, als Korrespondentenplätze zusammenzulegen und dadurch erhebliche Effizienzgewinne zu erzielen. Was Ihre Meinung zum Konflikt zwischen Russland und der Ukraine anbetrifft, gibt es hierzu sehr unterschiedliche Perspektiven und Facetten, die in der Berichterstattung aufeinandertreffen.“

20. Juli 2026, 5.58 Uhr. Ich schreibe an Arthur Rutishauser: „Ihre Antwort erstaunt mich. Haben Sie tatsächlich nur die Wahl zwischen der Übernahme eines Artikels von der Süddeutschen Zeitung und dem Abdruck eines Agenturberichts? Gibt es unter den rund 40 Redaktorinnen und Redaktoren, die für die Sonntagszeitung arbeiten, tatsächlich niemanden, der in der Lage ist, aufgrund eigener Recherchen einen Artikel über die Asow-Brigade zu schreiben? Es geht hier übrigens nicht um Meinungen, sondern um Fakten. Die von der Asow-Brigade an der russischsprachigen Bevölkerung begangenen Verbrechen sind keine Meinungen, sondern Fakten. Ebenso die Zahl von 14’000 Todesopfern zwischen 2014 und 2022 durch die ukrainische Armee und paramilitärische Verbände. Es ist unseriös, einen Artikel über die Asow-Brigade zu schreiben, ohne dies zu erwähnen. Tragen Sie als Chefredaktor nicht die Hauptverantwortung für die in Ihrer Zeitung erscheinenden Artikel? Wie konnte es passieren, dass dieser tendenziöse, schönfärberische Artikel einer deutschen Autorin erscheinen konnte, in dem elementare Fakten, die ein besseres Verständnis über die Hintergründe dieses Konflikts ermöglichen könnten, einfach ausgeblendet werden? Nächstens könnten Sie ja auch von der NATO einen Artikel anfordern, es käme wahrscheinlich nicht viel anders heraus.“

30. Juli 2026, 19.25 Uhr. Von der Leserbriefredaktion der „Sonntagszeitung“ habe ich nie eine Antwort bekommen, ebenso wenig wie von der Verfasserin des Artikels, Sonja Zekri. Vom Chefredaktor der „Sonntagszeitung“ habe ich auch nichts mehr gehört. Sie alle sind wohl von der Hoffnung getragen, dass das Gras früher oder später über alles hinwegwächst. Vielleicht haben sie ja sogar Recht.

Jean Ziegler: Die Schande Europas – von Flüchtlingen und Menschenrechten

Jean Ziegler hat als Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrats die EU-Flüchtlingslager auf Lesbos besucht. Anhand erschütternder Einzelschicksale schildert er eingehend seine Begegnungen mit Flüchtlingen, die von ihrem Leidensweg berichten, mit engagierten Vertretern von Hilfsorganisationen und Menschenrechtsaktivisten, mit Anwälten und Regierungsvertretern. Sein Buch legt Zeugnis ab von dem moralischen Verfall, auf den Europa zusteuert, und ist ein eindringlicher Aufruf, der Praxis des „Push-Backs“ und der Realität der Hotspots ein Ende zu machen – denn sie sind die Schande Europas. Penguin Verlag; ISBN 978-3-328-10884-9.

Der 18. Juni 2026: Denn der blaue Himmel gehört uns allen…

Peter Sutter, 19. Juni 2026

Donnerstag, 18. Juni 2026, 9 Uhr. Pünktlich ist Farid (Name geändert) in dem kleinen Seerestaurant, wo wir abgemacht haben, eingetroffen. Noch ist es angenehm warm, später wird die Temperatur an diesem wolkenfreien Sommertag auf über 30 Grad klettern. Wir bestellen einen Kaffee. Und sogleich kommt Farid ohne Umschweife zur Sache und erzählt mir seine Geschichte…

Vor zehn Jahren in die Schweiz geflüchtet, ist Farid nach definitiver Ablehnung seines Asylgesuchs durch das Staatssekretariat für Migration (SEM) und das Bundesverwaltungsgericht seit fünf Jahren im Ausschaffungszentrum H. wohnhaft, ohne jegliche Zukunftsperspektive. Ohne Aufenthaltsbewilligung ist es Farid nicht erlaubt, eine Arbeit aufzunehmen und zu seinem Lebensunterhalt selber etwas beizutragen. Theoretisch müsste er zwar die Schweiz verlassen und in sein Heimatland zurückkehren. Zurzeit finden aber angesichts der prekären politischen Lage in seinem Heimatland und den aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen weder freiwillige Rückreisen, noch zwangsweise durchgeführte Rückschaffungen in den Iran statt. Wie auch für Tausende andere durch die Schweizer Behörden abgewiesene Asylsuchende, die aus unterschiedlichen Gründen nicht in ihre Heimat zurückkehren bzw. dorthin ausgeschafft werden können und nicht selten bis über sieben oder gar zehn Jahre hinweg in einem der zahlreichen schweizerischen Ausschaffungszentren untergebracht sind, besteht Farids Alltag aus nichts anderem, als den ganzen Tag untätig herumzusitzen – in den total überfüllten Zentren mit engsten Platzverhältnissen der ideale Nährboden für gegenseitige Streitereien, Aggressionen und Gewalttätigkeiten, Suizidversuche und Übergriffe gegen Mädchen und Frauen, oft unter Alkoholeinfluss.

Der Grund, weshalb Farid aus dem Iran flüchtete, war seine politische Tätigkeit als Anhänger der dem Regime feindlich gesinnten Volksmujahedin. Farid kramt aus einem ungeordneten Stapel teilweise völlig zerknitterter Papiere, die er zu unserem Gespräch mitgebracht hat, einen Brief des „Vereins des Iranischen Widerstands“ vom 20. April 2020 hervor, dem Folgendes zu entnehmen ist…

Hiermit bescheinigen wir, dass Herr Farid J., geboren am 4. April 1979, im Iran als aktiver Anhänger von Mujahedin KL tätig war. Er war Mitglied eines Teams, das zuständig war, unsere Aufträge zu erfüllen. Unsere Aufträge bestanden darin, Plakate aufzuhängen und Informationen gegen die iranischen Fundamentalisten zu verbreiten. Nach einigen aktiven Jahren wurde er durch den iranischen Geheimdienst erkannt. Er wurde am 17. Mai 2015 verhaftet und war elf Tage lang in Haft. Er ist auch in der Schweiz politisch gegen das islamische Regime im Iran tätig. Daher muss davon ausgegangen werden, dass er wegen der Häufigkeit und Intensität seiner politischen Aktivitäten bei einer eventuellen Rückkehr in den Iran zur Rechenschaft gezogen würde. Im Namen des iranischen Volks bedanken wir uns für seine Leiden, Bemühungen für Frieden und Freiheit, die er während der letzten Jahre in Kauf genommen hat. Wir hoffen, dass alle diese Bemühungen irgendwann dieses diktatorische Regime besiegen werden und wir ein Land ohne Gewalt und Unterdrückung erleben werden, in dem die Menschenrechte für die ganze Bevölkerung verwirklicht sein werden.

Farids 16jährige Tochter lebt bei ihrer – inzwischen von Farid geschiedenen – Mutter in Teheran, unter misslichsten Verhältnissen. Nur mithilfe eines Onkels, der sich, so gut es geht, um die beiden kümmert, können sie einigermassen überleben. Die Schule kann Farids Tochter nicht mehr besuchen, da sie zu weit von ihrem Wohnort entfernt ist und die Fahrpreise für sie unerschwinglich sind.

Schliesslich kommt Farid auf seine 36jährige Schwester zu sprechen. Von seiner ganzen Verwandtschaft ist ihre Situation mit Abstand die schlimmste: Nachdem sie während acht Jahren als Zahnarztgehilfin gearbeitet hatte, wurde sie vor rund einem Jahr wie aus heiterem Himmel eines Tages verhaftet und ins Teheraner Evin-Gefängnis gesteckt. Einmal pro Woche darf sie während ein paar Minuten Besuch von Familienmitgliedern empfangen. Das Letzte, was Farid gehört hat – die Kontakte zu seinen Verwandten im Iran beschränken sich ohnehin durch fehlende Internetverbindungen, technische Probleme, zeitweiliger Zensur wie auch infolge von Stromausfällen auf ein absolutes Minimum -, ist, dass seine Schwester seit ihrer Inhaftierung vor einem Jahr rund 20 Kilo an Gewicht verloren hat. Der Grund für ihre Inhaftierung und Gefängnisstrafe ist einzig und allein ihr Name. Da Farid als Mitglied der Mujahedin registriert ist, gilt für alle, die den gleichen Familiennamen tragen, automatisch die Sippenhaft. Das ist auch der Grund, weshalb einige andere Familienmitglieder inzwischen untergetaucht sind und die gegenseitige Hilfe und Unterstützung zwischen den Familienmitgliedern, der im Zusammenleben iranischer Familien traditionell ein sehr hoher Wert zukommt, praktisch vollständig auseinandergebrochen ist.

Viertel nach zehn. Ich verabschiede mich von Farid, nachdem ich ihm versprochen habe, alle seine Dokumente zu studieren und abzuklären, ob ich ihm in irgendeiner Weise behilflich sein kann. Mein nächster Termin ist in W., der Zug fährt in sieben Minuten. Vorher hole ich mir am Bahnhofkiosk einen Kaffee und ein Gipfeli. Aber ich weiss schon jetzt: Farids Geschichte, wie auch alle anderen Geschichten geflüchteter Menschen, die ich Woche um Woche zu hören bekomme, wird nie aus meinem Kopf verschwinden. Da kann der Himmel noch so blau sein, alle Menschen rundherum noch so fröhlich, das Gipfeli und der Kaffee noch so schmackhaft. Im Gegenteil: Es schmerzt alles sogar noch doppelt und dreifach. Sehe ich die fröhlich lachenden Teenager rund um den Bahnhof, muss ich zwangsläufig an Farids Tochter denken, die vielleicht schon gar nicht mehr weiss, wie es sich anfühlt, unbeschwert und fröhlich leben zu können. Höre ich zwei Jugendliche über ihre Zukunftspläne diskutieren, kommt mir schon wieder Farids Tochter in den Sinn und dass sie sämtliche ihrer Zukunftspläne, die doch eigentlich alle Menschen in diesem Alter haben möchten, höchstwahrscheinlich schon längst begraben hat. Esse ich das Gipfeli, muss ich zwangsläufig daran danken, dass sogar das Brot im Iran wie auch in vielen anderen Ländern so teuer geworden ist, dass es sich ein grosser Teil der Bevölkerung kaum mehr leisten kann. Und sehe ich den blauen Himmel über mir, fährt mir zwangsläufig der Gedanke durch den Kopf, dass Farids Schwester diesen blauen Himmel wahrscheinlich seit mehr als einem Jahr nie mehr sehen durfte.

Ich sitze im Zug nach W. Links und rechts neben mir schmieden die Reisenden Ferienpläne, schwärmen von irgendeinem tollen Liebesfilm, freuen sich über eine Gehaltserhöhung, beklagen sich über Kopfschmerzen oder ärgern sich darüber, dass der neue Mikrowellenherd, den sich kürzlich bestellt haben, schon nach wenigen Tagen kaputt gegangen ist.

Doch die Begegnung mit Farid geht mir nicht aus dem Kopf. Wie schon wieder heisst das Gefängnis in Teheran, wo seine Schwester innerhalb eines Jahres 20 Kilo an Gewicht verloren hat? Ich finde es in meinen Notizen: „Evin-Gefängnis“. Mal schauen, was im Internet darüber zu erfahren ist. Während die schweizerische Bilderbuchlandschaft am Fenster vorüberzieht, lese ich…

Das Evin-Gefängnis ist das bekannteste und berüchtigtste iranische Gefängnis. Es liegt am nördlichen Stadtrand von Teheran und entstand 1971. Ursprünglich für 320 Insassen ausgelegt, waren dort während der Schah-Zeit-Zeit bis zu 1500 Menschen inhaftiert und seit dem Beginn der Islamischen Revolution 1979 bis zu 15′.’000 Menschen. Das Gefängnis ist für die Inhaftierung und Hinrichtung politischer Gefangener berüchtigt… Das Gefängnis darf von aussen und innen nicht fotografiert werden; Aufnahmen sind daher selten. Die Fotografin Zahra Kazemi wurde 2003 wegen Aufnahmen von diesem Gefängnis zu Tode gefoltert. Marina Nemat, die zwei Jahre im Evin-Gefängnis verbracht hatte und ihre Erlebnisse in einer 2006 erschienenen Biografie veröffentlichte, schrieb, dass von ihren Zellengenossinnen im Trakt 246 keine die Haftzeit überlebt habe. Während der Haftzeit von Nemat war nach ihren Angaben der Trakt, der in Schah-Zeiten mit 50 Personen belegt war, mit 650 Frauen belegt… Für seine Einzelzellen mit der Grundfläche 1 × 2 m berüchtigt ist der Trakt 209, der dem Geheimdienst untersteht und in dem politische Gefangene, sogenannte „Staatsfeinde“, inhaftiert sind. Folter und sexueller Missbrauch (u. a. harte Gegenstände in das Rektum oder in die Vagina schieben), um die Gefangenen zu Geständnissen zu zwingen, sind im Evin-Gefängnis eine gängige Praxis. „Gefangene wurden monatelang in kleine Särge mit den Maßen 50 × 80 × 140 cm gesteckt. 1984 waren 30 Gefangene in solchen Särgen. Manche wurden verrückt,“ so Abbas Amir-Entezam, 1979 stellvertretender Premierminister unter Mehdi Bazargan, der selber 27 Jahre lang im Evin-Gefängnis inhaftiert war… Roxana Saberi beschreibt darüber hinaus die Weisse Folter, eine Kombination aus Manipulation, Einschüchterung und Isolation, die zu falschen Geständnissen oder Verleumdung von Freunden und Kollegen führt. „Viele Gefangene verschweigen gegenüber dem Gefängnisarzt die Wahrheit über ihren Gesundheitszustand. Sie haben Angst davor, dass die genannten Krankheiten oder verwendeten Medikamente als Ursache ihres ungewollten Todes im Gefängnis erklärt werden könnten,“ so Mehdi Khazali, Sohn des Ajatollah Abolghassem Khazali. Hinrichtungen werden vor Ort durchgeführt, meistens durch Hängen… Während der israelischen Bombenangriffe im Juni 2025 wurden Teile des Evin-Gefängnisses beschädigt, dabei sollen 71 Menschen getötet worden sein. Nach dem Angriff beschrieben die Insassen eine gewaltsame Evakuierung. Sie wurden in das Grossraumgefängnis von Teheran und das Frauengefängnis von Qarchak verlegt, die Berichten zufolge total überfüllt und unhygienisch waren und in denen es an Lebensmitteln und sauberem Wasser mangelte. Darüber hinaus berichteten die Gefangenen, dass ihnen eine medizinische Behandlung und der Zugang zu lebenswichtigen verschreibungspflichtigen Medikamenten verweigert wurde.

Fast hätte ich verpasst, in W. rechtzeitig aus dem Zug auszusteigen. Auf dem Bahnsteig steht eine Schulklasse – mir scheint, noch nie seien am gleichen Tag so viele Klassen auf Schulreise gewesen -, lachend, scherzend, kichernd, Eis schleckend, in den Smartphones gruselige Dinge guckend. Wieder einmal, wie so oft in letzter Zeit, kommt es mir, als wäre ich im falschen Film oder würden mich Welten trennen zwischen dem, was mir gerade durch den Kopf geht, und dem, was ich rundum sehe und höre.

Später, auf der Rückfahrt von W., bekomme ich auf mein Handy, wie täglich mehrmals, eine Nachricht von SRF aktuell. Dieses Mal geht es um die kommende Ferienzeit. Der Titel des Artikels: „So reist die Schweiz – in Zeiten von Krisen und Unsicherheiten“…

Die Badehosen sind sortiert, die Zeitung ist umgeleitet, die Koffer sind schon fast gepackt. Die Ferienzeit steht bevor. Die Menschen in der Schweiz haben Lust zu verreisen und sind auch weiterhin bereit, ziemlich viel Geld für ihre Ferien auszugeben. Das zeigt eine Umfrage des Finanzdienstleisters „Swiss Bankers“. Gleichzeitig passen viele ihre Reisepläne an und gestalten sie flexibler – auch wegen der aktuellen geopolitischen Lage. Im Folgenden die spannendsten Trends im Überblick… Die Reiselust der Schweizerinnen und Schweizer ist trotz der unsicheren Weltlage ungebrochen, ein Drittel von rund 1000 Befragten unternahm in den vergangenen zwölf Monaten drei oder mehr Reisen. Und auch für 2026 planen viele Menschen grössere Reisen in ihrer Haushaltskasse ein. Am häufigsten liegt das kalkulierte Ferienbudget für das Jahr 2026 zwischen 2000 und 4000 Franken… Nicht überraschend vermeiden die meisten Menschen Reisen in Regionen, in denen politische oder sogar kriegerische Konflikte herrschen. Besonders häufig genannt werden dabei der Nahe Osten sowie Russland und die Ukraine… In der folgenden Reihenfolge nannten die Befragten ihre Präferenzen zur Frage „Sicherheit beim Reisen“: Politische Stabilität im Reiseland, niedrige Kriminalitätsrate, gute medizinische Versorgung vor Ort, persönliche Unversehrtheit am Reiseziel, finanzielle Absicherung bei Problemen, geringe Gefahr von Naturereignissen.

Ich versuche mir vorzustellen, was bewirkt werden könnte, wenn all die Zeit, die Energie, die Phantasie und das Geld, was die Menschen hierzulande in die Planung und Durchführung von Ferienreisen stecken, dazu aufgewendet würden, um Menschen in Not zu helfen oder ihnen Gutes zu tun, Menschen, für die schon ein Stück Brot oder ein Stück blauer Himmel der reinste Luxus wären, von Ferienreisen ganz zu schweigen.

Als Erstes kommt mir eine Unterschriftensammlung für Farids Schwester in den Sinn, um sie aus dem Evin-Gefängnis zu holen. Klar, das wäre nur eine von Tausenden, aber das hätte sicher eine Signalwirkung auch für alle anderen ihrer Leidensgenossinnen. Amnesty International macht solche Kampagnen, nicht selten mit Erfolg. Und ja, wenn jede und jeder dieser rund zwei Millionen Schweizerinnen und Schweizer, die schon bald zu ihrer nächsten Ferienreise aufbrechen werden, auch nur einen einzigen Brief an die iranische Regierung und an die dortige Gefängnisleitung schicken würden, wäre das schon um ein Vielfaches mehr und gewiss auch um einiges wirkungsvoller als das, was heute mit einer doch recht bescheidenen Anzahl von Aktivistinnen und Aktivisten möglich ist.

Als Zweites kommt mir eine Verbesserung der rechtlichen Situation abgewiesener Asylsuchender in den Sinn. Diese verlieren nämlich nach einem letztinstanzlichen Urteil des Bundesverwaltungsgerichts selbst dann jegliche weitere rechtliche Unterstützung bzw. Beratung, wenn Urteile auf falschen Tatsachen beruhen, fehlerhaft sind oder Papiere gefehlt haben, die mit wenig Aufwand noch zu beschaffen gewesen wären. Das würde freilich einiges kosten, aber vermutlich einen winzigen Bruchteil dessen, was Schweizerinnen und Schweizer Jahr für Jahr für ihre Ferienreisen ausgeben.

Als Drittes kommt mir eine umfassende gesellschaftliche Debatte über die weltpolitische Rolle der Schweiz in den Sinn. Darüber, auf welcher Seite unser Land stehen soll, auf der Seite der Reichen und Mächtigen dieser Welt, oder auf der Seite der Schwachen, Unterdrückten, Hungernden, Verfolgten, unrechtmässig Gefangenen. Nur schon am Beispiel des Iran können wir rasch erkennen, was für fatale Auswirkungen die Fortführung jener westlichen, von den USA angeführten Machtpolitik hat, welche nicht zuletzt auch von der Schweiz stillschweigend mitgetragen wird, vor allem immer dann, wenn dabei auch für unser Land an Machtvermehrung und Profiten etwas herausspringt. Es ist kein Zufall, dass es im Iran seit Jahren nicht mehr so viele Hinrichtungen gegeben hat wie unmittelbar nach den israelischen und US-amerikanischen Luftangriffen im Juni 2025. Gewalt von aussen hat stets Gewalt nach innen zur Folge. Je mehr ein Regime von aussen unter Druck gerät, umso mehr Repression übt es gegenüber potenziellen „Staatsfeinden“ im Inneren aus, auch wenn diese nur, wie Farids Schwester, den falschen Namen tragen. Jede Bombe, die von oben auf ein Dach fällt, verwandelt sich unten, unsichtbar vor den Augen der Weltöffentlichkeit, in ein Folterwerkzeug, mit dem das herrschende Regime jedes noch so fürchterliche Verbrechen rechtfertigen kann. Das Gleiche gilt für all jene Wirtschaftssanktionen, die, wiederum von den USA verhängt und von den meisten westlichen Regierungen wie auch der Schweiz mitgetragen, seit Jahrzehnten die Wirtschaftsstrukturen ganzer Länder zerstört, seit 1945 zum Tod von insgesamt rund 20 Millionen unschuldiger Menschen geführt haben und ebenfalls laufend zum Erstarken autoritärer Machthaber und der von ihnen ausgeübten Repressionen gegen ihre eigene Völker wesentlich beitragen. Ein Paradigmawechsel, weg von einer destruktiven Denkweise, mit der bloss immer wieder aus Unheil neues Unheil entsteht, ist dringendst nötig, und gerade zugunsten eines solchen Umdenkens weg von einer Kriegspolitik zu einer echten Friedenspolitik könnte die Schweiz als neutrales Land mit grosser diplomatischer Erfahrung eine wichtige Rolle spielen. Aber das geht nicht von selber, und es genügt auch nicht, wenn sich allein die Politik darum kümmert, grosse, breit abgestützte basisdemokratische Widerstandsbewegungen sind hierfür unerlässlich.

Zuhause angekommen, sortiere ich zunächst all meine Notizen vom heutigen Tag. Vielleicht wäre ja für Farid ein Härtefallgesuch möglich, dann könnte auch seine Tochter in die Schweiz kommen und sich ihren sehnlichsten Wunsch, Krankenschwester zu werden, verwirklichen. Und vielleicht würde sich Amnesty International für eine Kampagne für Farids Schwester gewinnen lassen. Mal schauen, die nächsten Tage.

Auch ich reise gerne, lache gerne, geniesse den Morgenkaffee, das Gipfeli, die Sommersonne und den blauen Himmel. Nur die Reihenfolge würde ich ändern. Zuerst alles dafür tun und alle zur Verfügung stehende Zeit, Kraft und Phantasie dafür aufwenden, dass nicht nur ein kleiner privilegierter Teil der gesamten Weltbevölkerung in den Genuss aller dieser schönen Dinge gelangen darf, sondern ein gutes Leben für alle Menschen über alle Grenzen hinweg – unter Verzicht auf übertriebenen Reichtum ebenso wie unter Wegfall von Armut, Hunger und Verfolgung – Wirklichkeit wird. Dann, ja dann, wenn es so weit ist, würde ich noch so gerne das Leben in vollen Zügen geniessen, im Wissen, dass es niemanden mehr gibt, der an irgendeiner weit entfernten, verlorenen und vergessenen Ecke der Welt darauf verzichten muss. Denn der blaue Himmel gehört uns allen.

31. Montagsgespräch am 8. Juni 2026: Die Bilderberg-Gruppe – wer und was steckt dahinter?

Die Bilderberg-Gruppe ist ein jährliches, informelles Treffen von 130 bis 150 einflussreichen Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Medien, Militär und Akademie, hauptsächlich aus Europa und Nordamerika. Seit 1954 dient das geschlossene und von der Öffentlichkeit weitgehend abgeschirmte Treffen dem vertraulichen Meinungsaustausch über globale Wirtschafts- und Gesellschaftsfragen. Die Bilderberg-Gruppe und die Frage, wer und was genau dahintersteckt und mit welchen Zielsetzungen, war das Thema des Buchser Montagsgesprächs vom 8. Juni.

Dass die Bilderberg-Gruppe hinter verschlossenen Türen tagt und kaum etwas davon an die Öffentlichkeit dringt, weckt, dies wurde auch in der Montagsrunde deutlich, unterschiedlichste Vermutungen und Spekulationen. Handelt es sich bloss um einen Debattierclub ohne irgendwelche Auswirkungen auf Politik und Wirtschaft? Oder ist die Bilderberg-Gruppe, wie manche vermuten, so etwas wie eine geheime Weltregierung? Auch wenn man wohl kaum von einer „Weltregierung“ sprechen könne, so falle doch, so ein Votum aus der Runde, der enge Bezug der Bilderberg-Gruppe sowohl zur NATO wie auch zu grossen Rüstungskonzernen auf, was auf intensive Lobbyarbeit hinter den Kulissen, unbeachtet von der Weltöffentlichkeit, hindeute.

Grossen Raum in der Diskussion nahm die Frage nach den „westlichen Werten“ ein, gehört doch auch die Bilderberg-Gruppe zu jenen Organisationen und „Thinktanks“, die Begriffe wie Freiheit, Menschenrechte und Demokratie als ihre wichtigsten Leitgedanken nennen. Hierbei, so die übereinstimmende Meinung der Anwesenden, handle es sich aber oft um blosse Doppelmoral. Besonders drastisch, so einer der Diskussionsteilnehmer, zeige sich dies bei den Folgen jener seit Jahrzehnten vom Westen, insbesondere von den USA gegen zahlreiche Länder verhängten Wirtschaftssanktionen, die seit dem Zweiten Weltkrieg insgesamt rund 20 Millionen Todesopfer zur Folge gehabt hätten, allein im Irak zwischen 1991 und 1995 eine halbe Million, vorwiegend Kinder.

Gegen Ende der Diskussionsrunde kam man auf weitere globale Entwicklungen in Politik, Wirtschaft und Technologie zu sprechen, die durch eine weitgehende Eigendynamik geprägt seien und auf die man als einzelnes Individuum kaum oder gar nicht Einfluss nehmen könne, was bei vielen Menschen zu Ohnmachtsgefühlen führe und zu einem Rückzug ins Private. Umso wichtiger, so ein Votum zum Abschluss der Gesprächsrunde, sei es, von den politischen Machtträgern Transparenz und Ehrlichkeit zu verlangen, damit die Demokratie nicht zur Farce werde. Auch wäre wohl die Zeit gekommen, sich von einer rein materialistischen Denkweise zu lösen und sich vermehrt wieder dem zwischenmenschlichen Dialog, den Sinnfragen und dem Aufbau konstruktiver Gegenmodelle zu einer einseitig auf Wachstum und materiellen Profit ausgerichteten Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik zuzuwenden.    

„Dummheit ist lernbar“: Wie sich mit moralischer Empörung ganze Lebenswerke zerstören lassen…

Peter Sutter, 7. Juni 2026

Wäre ich bei einer Zeitung zuständig für die Rubrik „Du fragst, ich antworte“ und hätte ich den Brief eines jungen Mannes bekommen, der sich in einer Notlage befinde, weil er sich in ein fünfjähriges Mädchen verliebt habe, würde ich ihm möglicherweise folgenden Rat erteilen…

Wenn du ein liebendes Wesen bist und dich, als Mann, in eine Frau oder einen anderen Mann verlieben kannst, oder vielleicht sogar manchmal in einen Regenbogen, einen Schmetterling oder ein Vergissmeinnicht, dann liegt es doch auf der Hand, dass du dich auch mal in ein Kind verlieben kannst. Das ist nichts Widernatürliches, im Gegenteil, es ist auch nichts Krankhaftes oder schon gar nicht etwas „Perverses“. Das Entscheidende ist nur, wie du damit umgehst und dass du dir auch nicht im Entferntesten irgendetwas nur deshalb erlaubst, weil du älter bist und dir deshalb eine „Machtposition“ gegenüber dem Kind zugestehen würdest. Das tun nämlich schon genug andere. Zum Beispiel, wenn sie ein fremdes Baby mitten ins Gesicht küssen, dem dreijährigen Kind ihrer Nachbarin mit der Hand durchs Haar wuscheln oder, als Grossvater, dem vierjährigen Enkel scherzend einen „liebevollen“ Klaps auf den Hintern geben, ohne vorher gefragt zu haben, ob das Kind das überhaupt will. Ganz zu schweigen von all den Beleidigungen, Zurechtweisungen, Beschimpfungen oder gar Schlägen oder anderen körperlichen Übergriffen durch Erwachsene, denen Kinder völlig schutzlos ausgeliefert sind, bis hin zu schweren Misshandlungen, die gemäss Statistiken sogar an Häufigkeit stetig zunehmen und bei denen seltsamerweise kaum je von einem „krankhaften“ oder „perversen“ Verhalten der betreffenden Erwachsenen die Rede ist. Dagegen ist doch deine spielerische Verliebtheit in dieses fünfjährige Mädchen, wenn du dir dabei keine Grenzüberschreitungen erlaubst, das Harmloseste, was man sich nur vorstellen kann. Im Übrigen rate ich dir: Erzähle niemandem davon, behalte deine Verliebtheit am besten ganz einfach als kleines süsses Geheimnis für dich.

Es ist in der Tat höchst erstaunlich, widersprüchlich und mit dem gesunden Menschenverstand kaum nachzuvollziehen, welche Verhaltensweisen im Bereich des – seelischen und körperlichen – Umgangs von Erwachsenen mit Kindern gesellschaftlich akzeptiert sind und welche nicht. Berührt ein Lehrer in der Turnstunde ein Mädchen zur Hilfestellung bei einer schwierigen Übung kurz an einer „falschen“ Stelle, gehen sogleich endlose Diskussionen los rund um die Frage, ob es sich dabei nun um einen sexuellen Übergriff gehandelt haben könnte oder bloss um eine notwendige, unverzichtbare Massnahme zwecks Schutz und Sicherheit des betreffenden Kindes. In der letzten Zeit häufen sich auch Fälle von männlichen Kitaangestellten, denen sexuell übergriffiges Verhalten gegenüber Kindern zur Last gelegt wird – nicht wenigen der Betroffenen wird es in der Folge verwehrt, weiterhin einen Beruf auszuüben, bei dem sie mit Kindern in Kontakt sind, und bereits gibt es Kitas, die generell keine Männer mehr anstellen, weil sich Eltern weigern, ihr Kind einem Mann anzuvertrauen. Gewiss, grenzüberschreitendes, verletzendes, übergriffiges Verhalten und Machtmissbrauch von Erwachsenen gegenüber Kindern dürfen in keinster Weise verharmlost werden. Schaut man sich aber die in den Medien und in der Öffentlichkeit diskutierten Fälle etwas genauer an, stellt sich zwangsläufig die Frage, ob da nicht manchmal mit allzu grossen Kanonen auf allzu kleine Spatzen geschossen wird. So etwa habe ich in einem dieser Zeitungsartikel als Hinweis auf „pädophiles“ Verhalten die Beobachtung eines Vorgesetzten vorgefunden, welcher einen Kita-Angestellten dabei ertappt hatte, wie er sich über ein Kind gebeugt habe und erschrocken hochgefahren sei, als der Vorgesetzte den Raum betrat. Sich zu einem Kind hinunterbeugen kann wohl kaum etwas Verwerfliches sein, und erschrak der betreffende Angestellte vielleicht nur deshalb so sehr, weil er befürchtete, das Hinunterbeugen könnte schon als Hinweis auf ein mögliches übergriffiges Verhalten gedeutet werden? In einem anderen Artikel fand ich fünf Symbolbilder im Zusammenhang mit übergriffigem Verhalten. Auf vier Bildern war überhaupt kein Erwachsener zu sehen, nur Kinder mit Stofftieren oder anderen Spielsachen. Auf dem fünften Bild sah man einen Kitaangestellten, der einem Kind, das auf seinem Schoss sass, ein Bilderbuch erzählte…

Das bringe ich dann mit dem besten Willen nicht zusammen mit so vielen anderen Vorkommnissen im Umgang von Erwachsenen mit Kindern und Jugendlichen, die offensichtlich als völlig „normal“ und „selbstverständlich“ akzeptiert sind und, wenn überhaupt, nicht im Geringsten eine so grosse Empörung auslösen wie die beschriebenen Fälle von „Pädophilie“. Ich denke an einen Lehrer, der einer Schülerin einen Schlüsselbund ins Gesicht warf, bloss weil sie zu Beginn der Lektion nicht augenblicklich still sein und ihm zuhören wollte. An einen anderen, der eine ganze Klasse zum Nachsitzen verdonnerte, weil sich drei Schüler übermässig rüpelhaft benommen hatten – obwohl Kollektivstrafen schon längstens gesetzlich verboten sind. Aber das sind noch harmlose Fälle im Vergleich zu jenem Lehrer, der einen Jugendlichen ausländischer Herkunft im Verlaufe des Unterrichts dermassen grob beschimpfte und ihm zu verstehen gab, dass aus ihm nie „etwas Rechtes“ werden würde, dass sich dieser anschliessend von einer Brücke stürzte und schwerverletzt neben dem Bahngeleise liegen blieb, ohne dass dies irgendwelche Konsequenzen für den Lehrer gegeben hätte, er durfte, als wäre nichts gewesen, bis zu seiner Pensionierung weiterhin unterrichten. Bezeichnenderweise werden in der von der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) geführten schwarzen Liste von Lehrpersonen mit einem Tätigkeitsverbot als Kriterien ausschliesslich „Sexualdelikte“, „psychische Probleme“ und „Suchterkrankungen“ aufgeführt, nicht aber so jeglicher pädagogischer Wertehaltung widersprechende Verhaltensweisen wie herabwürdigende Behandlung von Schülerinnen und Schülern, Entmutigung, Misstrauen, Schwächung von Selbstvertrauen, Nachsitzen und andere überrissene Strafen, Kollektivstrafen, Erteilen von Strafaufgaben, Arrest und Zwangsarbeit während der Freizeit, Führen von Strafregistern, Gesprächsverweigerung gegenüber Kindern, Jugendlichen oder Eltern oder Aufforderung zu gegenseitigem Verpetzen – lauter Grenzverletzungen und Eingriffe in die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen, die nicht selten gravierende lebenslange Folgen haben können, vor allem in Form von zerstörtem Selbstvertrauen.

Die einseitige, oft geardezu künstlich aufgebauschte moralische Entrüstung im Zusammenhang mit Pädophilie – während man vor viel extremeren Formen übergriffigen Verhaltens grosszügig die Augen verschliesst – wird sogar nicht selten auch für politische Zwecke instrumentalisiert. So geschehen zum Beispiel im Mai 2017, als Natalie Rickli im Namen der SVP folgendes Postulat an den Schweizer Bundesrat einreichte, in dem sie dem weit über die Schweiz hinaus bekannten Lehrer und Reformpädagogen Jürg Jegge, der in seinem 1976 veröffentlichten Buch „Dummheit ist lernbar“ eine höchst fundierte und bis heute hochaktuelle Kritik des schweizerischen Schulsystems vorgenommen hatte, „pädokriminelles“ Verhalten vorwarf und den Bundesrat zur entsprechenden „Aufarbeitung des Falls Jürg Jegge und weiterer Missbrauchsfälle im Lichte der Reformpädagogik“ aufforderte…

Der Bundesrat wird aufgefordert, in einem Bericht den Fall Jürg Jegge und weitere Missbräuche von Pädokriminellen und entsprechende Vorfälle in Institutionen (Schulen, Kirchen, Heime, Vereine, usw.) während der Sechziger- bis Achtzigerjahre im Lichte der Reformpädagogik aufzuarbeiten…. Der sexuelle Missbrauch von verschiedenen Jungen durch Jürg Jegge wurde nur dank eines Opfers publik, das ein Buch über die Übergriffe verfasst hat. Vorher wurde Jürg Jegge als Reformpädagoge und „Lehrer der Nation“ gefeiert. Er gibt die Missbräuche zu, redet diese aber schön und zeigt keine Reue… Diese Aussagen zeigen, wie wichtig es ist, nicht nur den Fall Jegge, sondern die Geschehnisse der damaligen Zeit und die Auswirkungen der Reformpädagogik zu untersuchen, so wie dies beispielsweise in Deutschland getan wurde…

Gibt man heute im Internet den Namen Jürg Jegge ein, so stösst man schon im ersten der angezeigten Artikel auf den Hinweis „Sexueller Missbrauch minderjähriger Schüler“. An zweiter Stelle erscheint der Link zu einem SRF-Artikel mit dem Titel „Sexueller Missbrauch in Jürg Jegges geschlossenem System“, daneben, unter dem Titel „Ausführliche Informationen zu Jürg Jegge“, findet man als erstes der aufgelisteten Stichwörter, unter denen zusätzliche Fenster geöffnet werden können: „Jürg Jegges Missbrauch.“ An vierter Stelle gelangt man zu einem Artikel der NZZ mit dem Titel „Jürg Jegge und der Missbrauch“. An fünfter Stelle liest man auf der Internetseite von „Meilleur-en-suisse“: „So lebt es sich als Unhold der Nation.“ An sechster Stelle folgt ein Zitat aus dem „Tagesanzeiger“: „Jürg Jegge rechtfertigt sexuelle Übergriffe“. An siebter Stelle meldet die Justizdirektion des Kantons Zürich: „Untersuchungsbericht Jürg Jegge liegt vor“. Und an achter Stelle spricht die „Aargauer Zeitung“ vom „gefallenen Starpädagogen“. Wer sich auf Wikipedia ein möglicherweise etwas differenzierteres Bild machen möchte, findet dort dann folgende Ausführungen…

Im April 2017 veröffentlichte Jegges ehemaliger Schüler Markus Zangger zusammen mit dem Journalisten Hugo Stamm das Buch „Jürg Jegges dunkle Seite“, in dem er ihm jahrelangen psychischen und sexuellen Missbrauch vorwirft. Hierauf führte die Staatsanwaltschaft eine Untersuchung mit Hausdurchsuchung und Befragungen durch. In ihrer Medienmitteilung vom 5. Oktober 2017 gab die Staatsanwaltschaft bekannt: „Nach intensiven Ermittlungen und Befragungen von Personen, die als Jugendliche mit dem Beschuldigten Kontakt hatten, kam die Staatsanwaltschaft zum Schluss, dass gemäss Angaben der befragten Personen keine oder bereits verjährte strafbare Handlungen stattgefunden hatten.“ Sie stellte das Verfahren ein, die Kosten wurden Jegge auferlegt… Nach dem Erscheinen des Buches hatte auch die Bildungsdirektion des Kantons Zürich einen Untersuchungsbericht in Auftrag gegeben, der 2018 veröffentlicht wurde. In diesem Bericht wurden sämtliche relevanten Akten gesichtet und Gespräche mit den involvierten Personen geführt. Im Bericht steht, es enthalte „kein einziger Protokollvermerk auch nur eine Andeutung, dass Missbrauchsverdacht bestanden haben könnte. Aber aus zahlreichen Protokollvermerken geht hervor, dass über den Unterrichtsstil von Jegge sehr intensiv und ebenso kontrovers diskutiert wurde, und dies über Jahre.“ Den damaligen Behörden sei allenfalls vorzuwerfen, dass sie Jegge „zu grosse Freiheiten zugestanden“ hätten… Jegges Hauptverlag Zytglogge hatte gleich nach Bekanntwerden der Vorwürfe alle seine noch erhältlichen Bücher aus dem Programm genommen. An deren Stelle publizierte der Verlag 2018 ein Buch mit dem Titel „Ist Dummheit lernbar? Re-Lektüre eines pädagogischen Bestsellers“, in dem Jegges Buch einer teilweise geradezu furiosen Kritik unterzogen wurde, mit Beiträgen von insgesamten elf Autorinnen und Autoren, darunter so prominente Namen wie Jürgen Oelkers oder Peter Schneider. Im Vorwort des Buches schreibt Mitherausgeber Damian Miller, „Dummheit ist lernbar“ entspräche den „Stilmerkmalen des Volksmärchens“, was weitgehend eine Erklärung sei für die Attraktivität dieses Buches.

Die Rechnung Natalie Ricklis und aller anderen, denen dieser unbequeme, zugleich aber höchst erfolgreiche Pädagoge schon lange ein Dorn im Auge gewesen war, ist aufgegangen: Jürg Jegges Ruf wurde komplett ruiniert, aber nicht nur sein persönlicher Ruf, sondern im gleichen Aufwisch die gesamte Reformpädagogik der Sechziger bis Achtziger Jahre. Wer heute nach Informationen zu Jürg Jegge, seinem Buch „Dummheit ist lernbar“ und zu den Inhalten der Reformpädagogik sucht, trifft an erster Stelle bzw. fast ausschliesslich auf angeblichen sexuellen Missbrauch Jugendlicher und erfährt nichts mehr darüber, dass Jürg Jegge ein hervorragender Pädagoge war, wie kein anderer das Selbstvertrauen seiner Schülerinnen und Schüler zu stärken vermochte und selbst Jugendliche, die miserable Schulkarrieren hinter sich hatten, überaus erfolgreich in ihr zukünftige Berufsausbildung hineinführen konnte – so manche spätere Erfolgsgeschichte „gescheiterter“ Jugendlicher, sowohl was Beruf wie auch Privatleben betrifft, verdankten sie diesem Lehrer, einem wahren Lern- und Lebensbegleiter, der unermüdlich an das Gute im Menschen glaubte und sich stets an den Stärken und nicht an den Schwächen der ihm anvertrauten jungen Menschen orientierte. Man erfährt auch nichts mehr über sein Buch „Dummheit ist lernbar“, das man auch heute noch geradezu als eines der Standardwerke schweizerischer pädagogischer Literatur bezeichnen müsste, ist die darin aufgezeigte Kritik an einem Schulsystem, das sich viel zu stark auf die Defizite von Kindern und Jugendlichen ausrichtet und dem es viel zu wenig gut gelingt, das immense Begabungspotenzial, das in jedem Kind von Anbeginn seines Lebens schlummert, umfassend auszuschöpfen, auch und ganz besonders heute noch hochaktuell.

Die Demontage von Jürg Jegge und die Diffamierung der gesamten Reformpädagogik, alles zusammen in den gleichen Topf geworfen, ist richtiggehend ein Lehrstück dafür, wie unbequeme, nicht an die herrschende Norm angepasste Menschen und von ihnen entwickelte, gelebte und in die Praxis umgesetzte Innovationen, die gängigen Wertvorstellungen zuwiderlaufen bzw. ihrer Zeit weit vorauseilen, systematisch zerstört und ihrer gesellschaftlichen Relevanz beraubt werden können. Am Ende stehen nicht die am Pranger, welche mit Unterstellungen, dem Schüren von Feindbildern, Schuldzuweisungen und blossen Verdächtigungen dringende gesellschaftspolitische Fortschritte und Innovationen blockieren und unterdrücken, sondern ausgerechnet jene, welche sich mit Liebe und Leidenschaft für eine bessere und menschlichere Zukunft engagieren. Fast wie im 17. und 18. Jahrhundert bei den Hexenprozessen, bei denen nicht die Folterer und Mörder unschuldiger Frauen am Pranger standen und verurteilt wurden, sondern ihre Opfer, deren einziges „Verbrechen“ darin bestand, tiefere Kenntnisse über das Wirken natürlicher Heilkräfte gehabt zu haben, was in zu grossem Widerspruch stand zu den Erkenntnissen aus den Anfängen „moderner“ Wissenschaften.

Wie sehr sich unter dem öffentlichen Druck selbst Erziehungs- und Bildungsverantwortliche, die vorher von Jürg Jegge und seinen Ideen voller Begeisterung gewesen waren, nun nach und nach von ihm abzuwenden begannen und ihre Ansichten gleich Windfahnen wechselten, zeigt folgender Kommentar von Heinz Moser im „Infosperber“ vom 24. Oktober 2017, einem im Allgemeinen durchaus kritischen und differenzierten Publikationsorgan. Zu Jürg Jegges Hauptwerk „Dummheit ist lernbar“ äusserte sich Moser wie folgt…

Hinweise zu Handlungen, die mit Missbrauch und sexuellen Übergriffen verbunden sein könnten, finden sich im Buch keine. Erst aus der Rückschau wird es einem unbehaglich, wenn man liest, wie Jegge die Lehrperson – und damit auch sich selbst – überhöht. Denn Jegge vertritt eine problematische Beziehungspädagogik. Sie kommt zum Tragen, wenn bei Kindern alle Versuche zum Aufbau tragfester Beziehungen gescheitert sind. Jegge wörtlich: „Ich habe dem Kind nun beim Aufbau dieser Beziehung zu helfen. Das klingt sehr schön, aber was heisst das konkret?“ Er beantwortet dies gleich selbst damit, dass der Lehrer jetzt eine Art „Dreierrolle“ Lehrer/Therapeut/älterer Kamerad einzunehmen habe. Damit dürften Lehrpersonen jedoch vollständig überfordert sein: Lehrpersonen sind Fachleute für das Unterrichten. Dazu benötigen sie zwar psychologische Kenntnisse. Aber sie sind keine Therapeuten. In der Vermischung dieser Rollen liegt sicher eine der Ursachen, die den Missbrauch begünstigten – vor allem wenn dann auch noch der Unterschied zwischen Lehrer und Schüler zur Kameradschaft umgedeutet wird. Da plaudert dann Jegge in seinem Buch: „Natürlich werde ich nicht sagen: ‚Komm einmal her, wir machen jetzt ein Seelenstündlein‘. Aber es gibt ja genug Gelegenheiten: Kasten aufräumen, Schulzimmer in Ordnung bringen. Mithelfen bei Vorbereitungen für bestimmte Unterrichtseinheiten, im Lager usw. Es gibt auch Schüler, die sich schlicht bei mir zum Kaffee einladen“. Offensichtlich hat es Jegge versäumt, für sich selbst klar festzulegen, welches die Grenzen solcher „Gelegenheiten“ sind.

Was bitte, soll daran „problematisch“ sein, wenn ein Lehrer die Rolle eines „Therapeuten“ oder „älteren Kameraden“ einnimmt? Gegenseitiges Vertrauen und eine auf Wertschätzung und Zuwendung basierende Beziehung zwischen dem Kind und seiner „Erziehungsperson“ bilden doch – dies ist sogar wissenschaftlich längst erwiesen – eine der wesentlichsten Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen und eine positive Persönlichkeitsentwicklung, im Besonderen für Kinder und Jugendliche, die wenig Selbstvertrauen und Glauben an ihre eigenen Stärken haben, und genau mit solchen Jugendlichen hatte es Jegge in seiner Tätigkeit vor allem zu tun. Lehrpersonen sollen damit „überfordert“ sein? Was für ein Unsinn, genau das ist doch ihr beruflicher und gesellschaftlicher Hauptauftrag, der allerdings von nicht wenigen Lehrpersonen oft viel zu wenig wahrgenommen wird. Lehrer sollen „keine Therapeuten“ sein? Was ist denn das für ein Verständnis einer therapeutischen Beziehung. Jede Personen, die für eine andere Person Verantwortung übernimmt und sich wertschätzend um die Bedürfnisse und Entwicklung dieser Person kümmert, übernimmt damit doch automatisch eine Art „therapeutischer“ Funktion, was soll daran falsch oder schlecht sein? Die „Vermischung“ von Rollen sei zu vermeiden? Wie soll das gehen? Ein Mensch begegnet doch immer einem anderen Menschen in seiner Ganzheit, sonst ist er nicht authentisch. Das hier geforderte „Trennen“ von Rollen kann sogar höchst problematische Folgen haben, so wie das auch von neueren Studien belegt wird: Weil Kinder ihre Lehrpersonen meist in der Rolle derer erleben, von welchen sie geprüft, kontrolliert, bewertet oder oft sogar bestraft werden, wenden sich Kinder und Jugendliche, wenn sie ein persönliches, sie belastendes Problem haben, kaum je an ihre Lehrerinnen oder Lehrer, weitaus häufiger holen sie sich bei ihren Klassenkolleginnen oder Klassenkollegen Rat. Das ist dann das Resultat, wenn sich ein Lehrer bloss für eine der möglichen Rollen entscheidet und nicht stets in seiner Ganzheit und Authentizität dem Kind gegenübertritt. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an das vielleicht schönste Kompliment, das mir eine Schülerin vor vielen Jahren einmal machte, als sie sagte: „Sie sind nicht ein Lehrer, Sie sind ein Mensch!“ Es muss ja schon sehr zu denken geben, wenn für viele Schülerinnen und Schüler ein Lehrer und ein Mensch nicht das Gleiche sind. Und weiter: Das fehlende Trennen von Rollen soll „Missbrauch begünstigen“? Wiederum eine völlig aus der Luft gegriffene Schlussfolgerung. Echte Zuwendung, Wertschätzung, Liebe in einem umfassenden Sinne, wie sie auch von Pestalozzi so eindringlich gefordert wurde, hat doch nichts zu tun mit „Missbrauch“. Ganz im Gegenteil: Von „Missbrauch“ müsste man eigentlich eher dann sprechen, wenn ein Lehrer seine Rolle als „Erzieher“ dazu missbraucht, in Form von Strafen, Herabwürdigung, fehlender Wertschätzung gegenüber den ihm anvertrauten Kindern und Jugendlichen Macht auszuüben, die er nur deshalb in Anspruch nimmt, weil er älter ist und die Privilegien des „Vorgesetzten“ bzw. „Übergeordneten“ geniesst, zum Beispiel, wenn er selber ganz selbstverständlich, was gang und gäbe ist, nach der Pause zehn Minuten zu spät in den Unterricht kommt, seinem Schüler aber, der das Schulzimmer nur eine Minute zu spät betritt, eine saftige Strafe aufbrummt. Und mit den Vorschlägen, gemeinsam mit dem Schüler einen Kasten aufzuräumen oder gar – oh Schreck! – einen Kaffee zu trinken, soll Jegge es „versäumt* haben, für sich selbst „klar festzulegen“, welches die „Grenzen solcher Gelegenheiten“ sind? Das ist nun schon dermassen absurd, dass man eigentlich nur noch lachen kann. Aber eigentlich ist es nicht lustig. Um Jürg Jegge von seinem „Thron“ zu stürzen, brauchte es nicht nur politische Hardliner wie die SVP-Frau Natalie Rickli, sondern auch all jene früheren Weggefährten, die jetzt, wenn es ihnen selber an den Kragen gehen könnte, den Kollegen von früher wie eine heisse Kartoffel fallen lassen und ihnen dabei jedes noch so absurde Argument noch so gelegen kommt.

Führen wir uns den Auszug aus dem im Jahre 2018 von der Bildungsdirektion des Kantons Zürich veröffentlichten Untersuchungsbericht zum „Fall“ Jürg Jegge noch einmal vor Augen, er besagt eigentlich alles: In diesem Bericht wurden sämtliche relevanten Akten gesichtet und Gespräche mit den involvierten Personen geführt. Im Bericht steht, es enthalte kein einziger Protokollvermerk auch nur eine Andeutung, dass Missbrauchsverdacht bestanden haben könnte. Aber aus zahlreichen Protokollvermerken geht hervor, dass über den Unterrichtsstil von Jegge sehr intensiv und ebenso kontrovers diskutiert wurde, und dies über Jahre. Den damaligen Behörden sei allenfalls vorzuwerfen, dass sie Jegge zu grosse Freiheiten zugestanden hätten. Im Klartext: Die Missbrauchsvorwürfe hatten sich bereits 2018 in Nichts aufgelöst. Diese Tatsache aber genügte offensichtlich nicht für die Rehabilitation von Jürg Jegge. In den Medien, in der Öffentlichkeit, in unseren Köpfen haben Verdächtigungen, Verleumdungen und negativ geschürte Emotionen tiefere und bleibendere Spuren hinterlassen als die Tatsachen. Im nächsten Satz heisst es, über Jegges Unterrichtsstil sei „intensiv“ und „kontrovers“ diskutiert worden, und dies „über Jahre“. Das ist nicht in Frage zu stellen, hat aber nichts zu tun mit den Missbrauchsvorwürfen, sondern einzig und allein mit der Tatsache, dass Jegge den Mut und den Weitblick besass, ein Schulsystem zu kritisieren, das sich aus seiner – zutiefst pädagogischen Sicht – viel zu wenig an den tatsächlichen Lern- und Lebensbedürfnissen von Kindern und Jugendlichen orientiert. Wenn den Behörden „allenfalls vorzuwerfen“ ist, sie hätten Jegge „zu grosse Freiheiten“ zugestanden, so hat auch diese Aussage wohl kaum etwas mit den möglichen – und wahrscheinlich gar nicht vorhandenen – sexuellen „Verfehlungen“ zu tun, sondern damit, dass er sich, aus seinem pädagogischen Verantwortungsgefühl heraus, immer wieder gezwungen sah, an die Grenzen schulischer Systemzwänge zu gehen und manchmal auch darüber hinaus, und sich die „Systembewahrer“ logischerweise gewünscht hätten, einem solchen „widerspenstigen“ Lehrer engere Grenzen zu setzen, was freilich nicht nur das Schicksal Jürg Jegges ist, sondern auch sämtlicher anderer Lehrerinnen und Lehrer, die aufgrund ihrer pädagogischen Wertehaltung unweigerlich früher oder später mit dem herrschenden Schulsystem in Konflikt geraten.

Und so ist die Welt wieder in Ordnung. Der störrische Lehrer, der „Lehrer der Nation“, ist zum „Unhold der Nation“ geworden. Bravo! Nun können die Lehrerinnen und Lehrer wieder Schlüssel in die Gesichter ihrer Schülerinnen und Schüler werfen, ihnen Kollektivstrafen aufbrummen, sie zu Zwangsarbeit in ihrer Freizeit verknurren und sie so brutal klein machen, dass sie ihr ganzes Selbstwertgefühl verlieren. Und niemand schreit auf. Aber wehe, ein Kitaangestellter beugt sich zu tief über ein Kind, um es aufzuwecken, oder kommt gar auf den perversen Gedanken, ein Kind auf seinem Schoss sitzen zu lassen, während er ihm aus einem Bilderbuch erzählt…

Es sind genau 50 Jahre her, als Jürg Jegge sein Buch „Dummheit ist lernbar“ veröffentlichte. Es lag damals viel Hoffnung in der Luft, das Schulsystem könnte sich in der Richtung weiterentwickeln, wie Jegge es in seinem Buch skizzierte. Diese Hoffnung hat sich inzwischen leider zerschlagen. Heute befindet sich das einst gefeierte Werk des mittlerweile von seinem „Thron gestossenen Lehrers der Nation“ auf der Abschussliste, vielleicht noch auf den hintersten Regalen eines Buchantiquariats und man muss schon dankbar dafür sein, dass man es überhaupt noch käuflich erwerben kann. Öffnet man die Webseite des „Zytglogge-Verlags“, in dem Jegges Buch, das inzwischen über 200’000 Mal verkauft wurde und dabei nur von Alexanders Neills‘ Beststeller „Antiautoritäre Erziehung“ übertroffen wurde, erstmals erschien, kann man Folgendes lesen…

Nachdem bekannt wurde, dass Jegge Schüler sexuell missbraucht hat, sucht man immer wieder nach Erklärungen, wieso „Dummheit ist lernbar“ zur Geburtsurkunde eines „neuen Pestalozzi“ werden konnte. Die grosse Bekanntheit, breite Akzeptanz und die unkritische Auseinandersetzung mit dem Buch nähren die Annahme, dass „Dummheit ist lernbar“ die Leserinnen und Leser von links bis rechts faszinierte, trotz der darin enthaltenen vernichtenden Lehrer- und Schulkritik. Was aber hat diese Faszination und Bewunderung ausgelöst?

Krasser lässt sich der „Wertewandel“, der in diesen 50 Jahren stattgefunden haben muss, wohl nicht erahnen. Der gleiche Verlag, der das Buch damals veröffentlichte und in allen Tönen anpries, fragt sich heute, 50 Jahre später, nach den Gründen dieser damaligen, also auch seiner eigenen, Faszination. Es hätte, so der Verlag, damals an einer „kritischen Auseinandersetzung“ mit dem Buch gefehlt. Doch wer hätte diese vornehmen sollen, wenn nicht der Verlag selber, der das Buch ja dann konsequenterweise gar nicht hätte veröffentlichen dürfen. Endgültig entlarvend ist der Vorwurf, das Buch enthalte eine „vernichtende Lehrer- und Schulkritik“. Kritisches Hinterfragen etablierter Machtsysteme, vor 50 Jahren offensichtlich noch eine Art Tugend – sonst hätte das Buch wohl kaum einen derartigen Erfolg feiern können -, wird heute als „Vernichtung“ bezeichnet.

Zum Glück steht auf meinem Bücherregal noch ein schon etwas vergilbtes Exemplar dieses „Teufelswerks“. Ich schlage es auf und beginne es wieder zu lesen. Und bin noch immer genauso fasziniert wie vor 50 Jahren…

„Wenn wir Leseaufgaben bekamen, machte ich sie überhaupt nicht mehr“, erzählt Ruedi, „denn ich dachte ja, ich sei dumm, für was also lernen. So verlor ich langsam mein Selbstvertrauen. Wenn es in der Schule so weitergehen würde, was würde ich wohl für einen Beruf erlernen können? Wenn ich daran dachte, war ich seelisch einfach fertig. Als ich das nächste Mal ein Zeugnis bekam, stand darin: Versetzung in die Sonderklasse B. Da sagte mein Vater: „Mit dir ist alles verloren.“… Fritz war in seiner Klasse immer der Letzte, der Dümmste. Sogar seine Zeichnungen wurden zusehends ärmer, er hatte keine Freude mehr, nicht einmal mehr am Zeichnen, und schliesslich behauptete er, überhaupt nichts zu können. So sass er Tag für Tag in der Schule und hatte unvorstellbare Angst: Angst, „dranzukommen“, Angst, etwas nicht zu können, Angst, ausgelacht zu werden, Angst, eine Strafe zu erhalten. Er erzählte später, er hätte oft nächtelang nicht geschlafen. Aus Angst. Nun sitzt er in der Sonderklasse, völlig überzeugt, dass er nichts kann und nie etwas können wird. Er hat sich selbst aufgegeben… Ein Kind, das wirkliche Geborgenheit, wirkliche Sicherheit erlebt, weiss sich um seiner selbst willen geliebt. Es hat die Gewissheit: Man mag mich leiden, so wie ich nun eben bin. Viele Kinder haben ebendieses Bewusstsein nicht entwickeln können. Ob sie akzeptiert werden, hängt davon ab, ob es ihnen gelingt, den herrschenden Verhaltens- und moralischen Normen zu entsprechen… So finden sich unter „frechen“, „verhaltensauffälligen“ usw. Schülern sehr viele ängstliche, unglückliche Kinder, die nur eines suchen: Sicherheit, Geborgenheit, Liebe. Aber sie wissen ihr Bedürfnis nicht anders auszudrücken als durch Frechheit… Selbstaufgabe kann sich auf zweierlei Arten äussern. Ein Mensch kann den Kontakt mit seiner Umwelt auf ein Minimum beschränken oder ganz aufgeben und sich völlig in sich selbst zurückziehen. Er kann aber auch auf andere Weise aus den zwischenmenschlichen Beziehungen aussteigen. Eben, indem er beispielsweise kriminell wird. Auf den Trümmern seines Ich baut er gewissermassen eine zweite, negative Identität auf; „So werde ich doch wenigstens ein guter Gauner.“ In beiden Fällen ist der Ausgangspunkt derselbe. Er hat es völlig aufgegeben, aus sich selbst noch irgend etwas Positives zu machen… Die Beschränkung sogenannter „lernschwacher“ Kinder ist keineswegs Schicksal. Sie ist das Resultat eines Prozesses, bei dem die Kinder in ihrer Entfaltung behindert und eingeschränkt wurden, durch sozio-kulturelle und seelische Faktoren… Man mag mich wegen meiner Kritik an der Schule einen Nestbeschmutzer nennen, doch wer das tut, beweist damit höchstens, dass er Veränderungen gegenüber grundsätzlich negativ eingestellt ist. Denn einer Schule, die nicht kritisiert werden darf, wird offenbar keine Entwicklungsfähigkeit zugetraut…

Jeder und jede, die Jegges Buch liest, mag selber entscheiden, ob es sich dabei um eine Form von „Vernichtung“ handelt, wie es der Zytglogge-Verlag auf seiner aktuellen Website schreibt, oder ob der damalige Erfolg des Buches bloss damit zu erklären ist, dass es, wie Damian Miller in seinem Jegge-Verriss behauptet, im „Stile eines Volksmärchens“ geschrieben ist, oder es sich bei diesem Buch doch nicht viel eher um ein pädagogisches Standardwerk handelt, das seine Aktualität und Dringlichkeit bis heute nicht verloren hat und gerade in der heutigen Zeit, da sich das bestehende Schulsystem immer tiefer in seine eigenen Widersprüchlichkeiteb verstrickt und immer schmerzlicher an seine Grenzen gelangt – nicht nur für die Kinder und Jugendlichen selber, sondern auch für die Eltern, die Lehrerinnen und Lehrer und die Schulbehörden -, unbedingt von möglichst vielen Lehrerinnen, Lehrern sowie allen anderen im Schul- und Erziehungswesen Tätigen wieder neu gelesen werden müsste.

Zurück zum Anfang des Artikels, in dem ich von der teilweise geradezu überrissenen moralischen Empörung sprach bei nur geringsten Hinweisen auf möglicherweise pädophiles Verhalten von Erziehungspersonen bei gleichzeitig nahezu völliger Blindheit gegenüber anderen, von Erwachsenen gegenüber Kindern und Jugendlichen ausgeübten Formen von Gewalt, bei denen kaum jemand auf den Gedanken kommt, sie als „krankhaft“ oder „pervers“ zu bezeichnen. Dann sprach ich davon, dass auf dem Hintergrund dieses Zeitgeists moralischer Empörung das Lebenswerk eines der bedeutendsten Schweizer Pädagogen systematisch zerstört wurde, ohne dass bis heute jemals auch nur annähernd eine Rehabilitation stattgefunden hätte. Im Gegenteil: Wahrscheinlich lesen heute mehr Menschen den Verriss von Jegges Buch als das Buch selber und machen sich über das Buch lieber ein Bild aufgrund dessen, was andere über Jürg Jegge sagen und schreiben, als aufgrund dessen, was er selber gesagt und geschrieben hat. Von der Reformpädagogik selber gar nicht zu reden, dafür interessiert sich ja heute sowieso kein Schwein mehr, ist sie doch mittlerweile etwa in gleich verallgemeinernder und fahrlässiger Art und Weise mit dem Ruch von Pädophilie verknüpft wie etwa auch der Begriff „Ausländer“ mit dem Begriff „Kriminalität“ verknüpft ist. Obwohl man, würde man diese Vorurteile und Feindbilder beiseite schieben, schnell einmal entdecken würde, dass genau in der Reformpädagogik der Sechziger bis Achtziger Jahre all jene Ansätze zu finden sind, welche das heutige Schulsystem für eine pädagogische Erneuerung dringendst brauchen könnte.

Moralische Empörung, die übers Ziel hinausschiesst. Normalisierung vielerlei Formen alltäglicher Gewalt. Willkürliche, von den jeweils herrschenden Machtverhältnissen abhängige Definition betreffend „perverse“ oder „normale“ menschliche Verhaltensweisen. Anpassungen und Verbiegungen moralischer Grundwerte je nach Zeitgeist. Wortgläubigkeit. Kritisches Übernehmen von Meinungen und Behauptungen über Menschen, die man selber gar nicht kennt. Verallgemeinerungen. Jürg Jegge hatte schon Recht: Dummheit ist lernbar. Das wirklich Dumme ist nur, dass wir in diesen 50 Jahren, seit dieses Buch erschien, nicht viel weiter gekommen zu sein scheinen. Zumindest nicht so weit, wie wir mit permanenter Selbstkritik, Unvoreingenommenheit und Wahrheitsliebe im Verlaufe von 50 Jahren eigentlich hätten kommen können.

Entscheidend ist, aus welcher Himmelsrichtung du kommst: Doch die Blumen, die Fische im Meer und die Wolken am Himmel erzählen eine ganz andere Geschichte…

Peter Sutter, 2. Juni 2026

Wie, von wo und aus welchen Gründen Menschen in die Schweiz kommen, was sie hier suchen, was sie hier finden, ob sie hier ankommen oder nicht, ob sie hier bleiben dürfen oder nicht und wenn ja, unter welchen Bedingungen sie hier dann leben – das soll an folgenden Beispielen, die ausnahmslos auf Tatsachen beruhen, aufgezeigt werden. Einige dieser Menschen kenne ich persönlich, die Geschichten anderer habe ich diversen Zeitungsberichten entnommen. Die Namen sind alle geändert.

Cindy, eine der jährlich rund 100’000 aus beruflichen Gründen in die Schweiz kommenden Ausländerinnen und Ausländern, stammt aus Michigan, USA. Sie hat einen Universitätsabschluss in Risk and Compliance Management. Als sie anfangs April 2026 nach der Ankunft in Kloten aus dem Flugzeug steigt, um eine Woche später ihren Job in einer Zürcher Bank anzutreten, wird sie von zwei Mitgliedern der Swiss Association of Relocation Agents herzlichst begrüsst. Die Aufgabe der bei dieser Organisation tätigen sogenannten „Relocatorinnen“ besteht darin, internationalen, vorwiegend aus den USA stammenden sogenannten „Expats“ ihr Einleben in der Schweiz so angenehm und leicht wie möglich zu gestalten. Sie helfen bei der Wohnungssuche, bei der Suche nach einem Hausarzt und organisieren für die Kinder einen Platz an einer geeigneten Schule, wenn möglich an einer der International Schools, die für die Bedürfnisse von Expats optimal zugeschnitten sind. Oft melden Einreisende schon zum Vornherein ihren Wohnungswunsch ganz konkret und nennen das gewünschte Quartier oder gar die gewünschte Strasse, worauf die Relocatorinnen alle Hebel in Bewegung setzen, um die entsprechende Wohnung sicherzustellen, das Geld spielt meistens keine Rolle. Auf speziellen Wunsch wird auch schon vor der Ankunft die Anmeldung zu einem Golf- oder Segelclub vorgenommen. Die mittlerweile 50 im Raum Zürich tätigen Relocation-Anbieter versprechen, sich auch um jeden noch so ausgefallenen Wunsch ihrer Kundschaft zu kümmern. So zum Beispiel im Fall einer Kundin aus Miami, die für vier Wochen in die USA zurückgeflogen war und der nach ihrer dortigen Ankunft mit Schrecken einfiel, die Oleandersträucher auf der Terrasse ihrer Zürcher Wohnung könnten angesichts der nahenden Wintertemperaturen erfrieren. Unverzüglich organisierte die für sie zuständige Relocatorin eine Gartenbaufirma, die mit einem Kran die schutzbedürftigen Sträucher von der Terrasse holte und sie für den Winter einlagerte, zudem konnte sie mit dem Arbeitgeber der betroffenen Frau die Übernahme der angefallenen Kosten regeln. „Die meisten Expats“, so eine schon seit mehreren Jahren als Relocatorin tätige Zürcherin voller Begeisterung, „fühlen sich dank unserem Engagement in der Schweiz megahappy.“

Daryna ist eine von rund 60’000 Ukrainerinnen und Ukrainern, die im März 2022, nach dem Ausbruch des Kriegs zwischen Russland und der Ukraine, mit ihrer vierzehnjährigen Tochter in die Schweiz gekommen ist, dank der schnell und unbürokratisch von der Schweizer Regierung erlassenen Gewährung eines ausschliesslich für Menschen aus der Ukraine geltenden Sonderstatus S, was nichts anderes bedeutete als eine generelle Aufenthaltsbewilligung für Menschen aus diesem Land, ohne dass im Einzelnen abgeklärt wurde, ob sie aus einem besonders gefährdeten Gebiet kamen oder nicht. Daryna und ihre Tochter fanden sogleich eine Schweizer Gastfamilie, die sie mit offenen Armen empfing. Am selben Ort, wo sie sich niederlassen konnten, bestand auch bereits eine ausschliesslich für ukrainische Flüchtlinge gegründete Hilfsorganisation, welche Daryna und ihre Tochter mit Kleidern und anderen Gütern täglichen Bedarfs versorgte, einen Ausflug mit Zug- und Schifffahrt für sie und auch alle anderen in der Region lebenden Flüchtlinge aus der Ukraine organisierte, ein Malatelier, ebenfalls ausschliesslich für Flüchtlinge aus der Ukraine, einrichtete und sich um die Aufnahme ukrainischer Kinder in die Dorfschule kümmerte, zudem stellten sich mehrere pensionierte Lehrerinnen und Lehrer zur Verfügung, um ukrainischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen unentgeltlich Deutschstunden zu geben. Im Frühjahr 2027 werden die meisten für Ukrainerinnen und Ukrainer ausgestellten S-Bewilligungen mehr oder weniger automatisch in B-Bewilligungen und somit ein dauerhaftes Bleiberecht in der Schweiz übergehen, ohne dass hierfür auch nur eine einzige Voraussetzung erfüllt werden müsste, die für Flüchtlinge aus anderen Ländern üblich sind.

Jalila wurde im Jahre 2002 in Pakistan geboren, wohin ihre aus Afghanistan stammende Familie ein Jahr zuvor wegen des Kriegs in ihrem Heimatland geflüchtet war. Kurz nach der Geburt verstarb ihre Mutter, ihr Vater war bereits zwei Monate zuvor bei einem Terroranschlag ums Leben gekommen. Das elternlose Kind und ihr Bruder wurden sodann von Verwandten aufgenommen, bekamen aber von klein auf zu spüren, dass sie nicht „richtige“ Familienmitglieder waren: Für kleinste Vergehen wurden sie immer wieder mit Prügeln und Nahrungsentzug bestraft. Als Jalila fünfzehn Jahre alt war, sah sich die Familie aufgrund zunehmend unerträglicher Lebensverhältnisse, Hunger und Verfolgung durch rivalisierende Stämme in der Nachbarschaft gezwungen, sich erneut auf die Flucht zu begeben, diesmal über den Iran, die Türkei, Griechenland, Italien bis in die Schweiz, wo die Familie im Herbst 2018 das Recht auf Asyl erhielt und seither hierzulande einigermassen Fuss gefasst hat. Doch auch heute noch, acht Jahre später, wird Jalila Nacht für Nacht von ihren Erinnerungen an jene Zeit verfolgt: All jene Nächte im Flüchtlingscamp auf der Insel Lesbos, die Schreie der Kinder, die im Dunkeln der Nacht vergewaltigt wurden, jener frühe Morgen, als das ganze Lager blitzartig in Brand geriet und sie nur mit einem Riesenglück überlebten, die folgenden Tage im Regen und in der Kälte, zerschmetterte Körper, abgetrennte, auf der Meeresoberfläche treibende Beine oder Arme, nachdem eines der Flüchtlingsboote zwischen Griechenland und Italien gekentert war. Doch das Schlimmste bleibt für Jalila bis heute die Trennung von ihrer besten, ebenfalls aus Afghanistan stammenden Freundin Afia, die sie im Flüchtlingslager von Lesbos kennengelernt hatte. Afia war für Jalila der allererste Mensch, dem sie alles erzählen konnte, was ihr an Gewalt, Trauer, Einsamkeit, Schmerzen und Hoffnungslosigkeit von klein auf widerfahren war. Der erste Mensch, der ihr richtig zuhörte. Der erste Mensch, der ihr Mitgefühl entgegenbrachte und mit dem sie alles noch so Schlimme teilen konnte. Und auch Afia hatte in Jalila zum ersten Mal in ihrem Leben jemanden gefunden, dem sie all das mitteilen konnte, was sie bisher nur für sich alleine behalten und in sich hineingefressen hatte: Die frühesten Kindheitserinnerungen an den gewalttätigen Onkel, der sie immer so grob anfasste, wenn gerade niemand schaute, um dann gleich wieder seine scheinheilige Sanftmut an den Tag zu legen, sobald sich jemand anders zeigte; der Hochzeitstag, an dem sie für ewig an einen Mann angekettet wurde, den sie zutiefst hasste, tausend Gäste, denen sie ein strahlendes Gesicht zeigen musste, während ihr Inneres ganze Meere weinte; die vier Tage und Nächte in einem Kellerloch ohne Licht, wo sie rund um die Uhr von einem Dutzend Männer abwechslungsweise vergewaltigt wurde. Doch immer wieder kamen Afia und Jalila auch ins Lachen, liessen ihrer Phantasie über Geschichten von Königinnen, Prinzen und Himmelsgeistern freien Lauf, als würden sie sich auf Wolken schwingen, um all die schlimmen Erinnerungen zu verscheuchen und für immer zu vergessen. Und immer wieder kamen sie ins Schwärmen von einer gemeinsamen glücklichen Zukunft, am liebsten in der Schweiz, wo sie zusammen eine Wohnung mieten und jeden Abend so viele Gäste wie möglich einladen und verwöhnen würden. Doch dann wurden ihre Wege von einem Tag auf den andern aufs schmerzlichste auseinandergerissen: Während es Jalila und ihrer Familie gelang, von Lesbos aus nach Italien und in die Schweiz weiterzufliehen, erhielt Afia von den griechischen Migrationsbehörden den internationalen Schutzstatus für Flüchtlinge, wodurch es ihr fortan verwehrt war, in irgendeinem anderen europäischen Land Schutz zu suchen, und sie nun gezwungen war, in Griechenland auszuharren, wo Flüchtlinge 30 Tage nach Abschluss ihres Asylverfahrens jegliche finanzielle Unterstützung durch den Staat verlieren und viele von ihnen, nachdem sie sich erfolglos um Wohnungs- und Jobsuche bemüht haben, auf der Strasse landen, wo nicht wenige von ihnen früher oder später Menschenhändlern zum Opfer fallen und in der Zwangsprostitution landen. Doch die Aussicht, ihr bisher so sehr von Gewalt, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit überschattetes Leben würde nahtlos so weitergehen, war für Afia unerträglich. Nach dem schmerzvollen Abschied von Jalila trachtete sie sogleich nach der nächsten Gelegenheit, Griechenland zu verlassen. Und tatsächlich: Drei Wochen später konnte sie mithilfe eines indonesischen Küchengehilfen im Vorratsraum eines Kreuzfahrtschiffs einen Platz ergattern und traf nach der Ankunft in Italien auf einen polnischen Lastwagenfahrer, der sie hinter einer Ladung Zementsäcke versteckte und auf diesem Weg in die Schweiz brachte, wo sich Jalila und Afia kurz darauf wieder trafen. Als wäre der Himmel auf die Erde gefallen, blühte der Traum von einer gemeinsamen glücklichen Zukunft in der Schweiz wieder auf, noch viel stärker als zuvor. Unverzüglich stellte Afia einen Antrag auf Asyl und war voller Hoffnung, Denn immer wieder hatten in den vergangenen Jahren junge, alleinstehende, schwer traumatisierte Afghaninnen wie Afia auch dann in der Schweiz ein Bleiberecht erhalten, wenn sie über ein griechisches Aufenthaltsrecht verfügten. Doch die in den letzten paar Jahren immer weiter um sich greifenden Verschärfungen in der Schweizer Flüchtlingspolitik haben dazu geführt, dass das, was noch vor zehn Jahren die Regel war, heute zur ganz seltenen Ausnahme gehört: Afias Asylgesuch wurde abgelehnt. Der Traum Jalilas und Afias von einer gemeinsamen glücklichen Zukunft in der Schweiz wurde innerhalb eines einzigen Augenblicks für immer zertrümmert. Da sich Afia in ihrer totalen Verzweiflung weigerte, freiwillig nach Griechenland zurückzukehren, tauchten drei Wochen später im Ausschaffungszentrum, wo man sie untergebracht hatte, ohne jegliche Vorankündigung eines Morgens um fünf Uhr drei Polizisten auf, stürmten in Afias Zimmer, rissen sie aus dem Schlaf und führten sie, als wäre sie eine hochgefährliche Schwerverbrecherin, in Handschellen zum Flugzeug, das sie kurz darauf nach Griechenland zurückbrachte. Ein paar Tage lang war Jalila drauf und dran, ihr zu folgen. Doch dann entschied sie sich, in der Schweiz zu bleiben. Endlose Traurigkeit wird so oder so ihr ganzes zukünftiges Leben überschatten. Entweder, weil sie, wenn sie zu Afia nach Griechenland zieht, selber eine Zukunft ohne jegliche Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben haben wird. Oder aber, bei einem Verbleiben in der Schweiz, das Glück, von dem sie gemeinsam träumten, ihr alleine vorbehalten ist und sie mit der unerträglichen Last weiterleben muss, dass es ihrer besten Freundin wohl für immer versagt bleiben wird.

Asma, 26 Jahre alt, ist eine von derzeit über 20 Millionen Menschen im Sudan, die unter so extremem Nahrungsmangel leiden, dass sie sich keinen Tag lang sicher fühlen können, ob sie den nächsten Tag noch überleben werden. Denn zum Hunger kommt die ständige Angst, unter den Beschuss herumstreunender Mörderbanden zu geraten oder ins Kreuzfeuer der gegeneinander kämpfenden Regierungstruppen auf der einen Seite und der paramilitärischen Rebellenmilizen auf der anderen Seite. Asma lebt zurzeit, zusammen mit weiteren 70’000 Geflüchteten, in einem Lager, wo sie vor drei Wochen eingetroffen ist, nachdem sie einen fast zweiwöchigen Fussmarsch nur knapp überlebt hatte. Unterwegs war sie mehrmals brutal vergewaltigt worden. Ihr siebenjähriger Sohn wurde ihr, nachdem sie sich bis zur totalen Erschöpfung dagegen zur Wehr gesetzt hatte, von zwei schwerbewaffneten Männer entrissen und wird wohl unweigerlich, wie Zehntausende andere, zum Kindersoldaten erzogen, dem nichts anderes übrig bleiben wird, als möglichst viele andere zu töten, um selber am Leben zu bleiben. Ihr zweijähriges Mädchen musste sie tot am Wegrand liegen lassen, die verzweifelten Schreie des sterbenden Kindes dröhnen noch immer in ihren Ohren. Asma ist nur noch Haut und Knochen, nachdem sie sich seit Wochen ausschliesslich von Blättern und Palmfrüchten ernährt hat. Doch auch im Lager fehlt es an allem, seitdem die UNHCR infolge zunehmender Finanzknappheit die Überlebenshilfe von monatlich 11 US-Dollar pro Flüchtling auf 4 US-Dollar reduziert hat und sich auch die finanziellen Mittel aller anderen Hilfsorganisationen immer mehr dem Ende zuneigen. Was nicht nur für die Versorgung mit Nahrungsmitteln katastrophale Folgen nach sich zieht, sondern auch für Hygiene und Gesundheitsversorgung, so dass sich Malaria, Cholera und andere tödliche Krankheiten immer weiter ausbreiten. Und die Schweiz? Das Land, das sich so liebevoll um seine Expats kümmert und von einem Tag auf den andern 60’000 Menschen aus der Ukraine bedingungslos Schutz bot? Die erste Massnahme in Bezug auf den Sudan bestand darin, im Februar 2024 sämtliche Verfahren für Flüchtlinge aus dem Sudan auszusetzen. Erst nachdem das Leiden im Sudan auch weiterhin immer dramatischere Ausmasse annahm und die UNO von der derzeit „weltweit schlimmsten humanitären Krise“ sprach, kam der Bundesrat zehn Monate später auf seinen Entscheid zurück. Bis zur Stunde wurde aber erst einer äusserst geringen Anzahl sudanesischer Flüchtlinge in der Schweiz Schutz gewährt. Die Schweiz verfolgt eine andere Stossrichtung: Ein im November 2025 vom Staatssekretariat für Migration (SEM) mit Ägypten abgeschlossenes Migrationsabkommen zielt darauf ab, dass aus dem Sudan geflüchtete Menschen in Ägypten bleiben und nicht nach Europa weiterziehen. Angesichts der extrem repressiven Asylpolitik Ägyptens bedeutet dies aber nicht viel anderes, als dass die dortigen Zukunftsperspektiven für geflüchtete Sudanesinnen und Sudanesen praktisch bei Null liegen und die meisten von ihnen früher oder später ohnehin zwangsweise wieder in den Sudan zurückgeschafft werden. Immer mehr junge Menschen sehen keinen anderen Ausweg mehr, als sich das Leben zu nehmen, andere unternehmen einen letzten verzweifelten Rettungsversuch, indem sie die gefährliche Reise nach Libyen in Kauf nehmen. Doch das ist dann meistens die definitive Endstation auf der Reise in die Hoffnung, setzt doch die libysche Regierung, ebenfalls unterstützt und finanziert von der EU, alles daran, Flüchtlinge von einer Weiterreise nach Europa abzuhalten, Abertausende vegetieren monate- oder gar jahrelang in notdürftig zusammengebastelten Zelten aus Plastik dahin, andere werden an die Grenze zur libyschen Wüste verfrachtet und dort mit verbundenen Augen ausgesetzt – Angestellte der wenigen dort verbliebenen Hilfsorganisationen finden dann Tage oder Wochen später ihre Leichen, schon halb von Sand überdeckt, verkrüppelte Männer, Kinder und Mütter, die sich bis zum letzten Atemzug aneinander geklammert hatten. Gewiss, die schweizerische Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) hat seit 2023 schon insgesamt 184 Millionen Franken für humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit im Sudan und dessen Nachbarländern bereitgestellt und unterstützt unter anderem auch Organisationen in Ägypten, die Jugendlichen Schutz und Hilfe anbieten. Aber wie klein sind diese Tropfen im uferlosen Meer unbeschreiblichen Elends, für das sich kaum mehr Worte finden lassen. Und endgültig die Sprache muss es einem verschlagen, wenn dann gleichzeitig zu alledem noch zu erfahren ist, dass allein die Schweiz zwischen Januar und September 2025 Gold im Wert von sage und schreibe 27 Milliarden Franken via Arabische Emirate aus dem Sudan importiert hat, mehr als doppelt so viel wie im Durchschnitt der vorangegangenen zehn Jahre. 27 Milliarden Franken innerhalb von neun Monaten, das ist das Fünfeinhalbfache dessen, was die DEZA im Verlaufe von drei Jahren für die Nothilfe im Sudan aufgewendet hat! Und das ist noch nicht alles. Mit den Einnahmen aus dem Goldverkauf, das der Sudan aus westlichen Ländern wie der Schweiz erhält, werden sodann, wie könnte es anders sein, jene Waffen gekauft, die eine stetige Weiterführung des blutigen Bürgerkriegs überhaupt erst ermöglichen. Jetzt müsste nur jemand noch auf die verrückte Vermutung kommen, auch die Schweiz könnte eines jener Länder sein, das in den Sudan Waffen liefert und somit nach dem Geschäft mit dem Gold ein zweites Mal massgeblich wirtschaftlich profitieren würde von all dem Elend in dem gerade von der schlimmsten humanitären Krise der Welt betroffenen Land. Aber nein, es wäre nicht bloss eine Vernutung, es ist Tatsache: Unbemerkt und fern aller Öffentlichkeit gelangen Schweizer Waffen in den Sudan, freilich nicht direkt, das würde einen zu grossen Schrei des Entsetzens auslösen, sondern ganz fein und diskret via Arabische Emirate, sodass niemand etwas davon merkt. Und nun will die Schweizer Regierung allen Ernstes die bisher gültigen gesetzlichen Grundlagen von Waffenexporten noch weiter aufweichen, sodass man dann in naher Zukunft diese Waffen nicht mehr heimlich über Drittstaaten, sondern ganz offiziell direkt mitten in die Kriegsgebiete hinein liefern könnte. Und damit schliesst sich der Kreis. Denn letztlich liegt alles Geld im gleichen Topf. Nur dass man es ihm nicht ansieht, woher es gekommen ist. Aber ganz gewiss wird ein Teil des Geldes, das den Gold- und Waffengeschäften zwischen dem Sudan und der Schweiz und dem Tod Hunderttausender unschuldiger Kinder, Frauen und Männer zu „verdanken“ ist, früher oder später in jenen Kassen landen, aus denen jenes Geld geschöpft wird, mit denen Cindy und allen anderen so willkommenen Expats in der Schweiz auch noch die verrücktesten Wünsche erfüllt werden. Damit sie sich bei uns so richtig „megahappy“ fühlen können.

Kommst du aus dem Westen, bezahlen sie dir sogar einen Kran, nur um die Pflanzen auf deinem Balkon in Sicherheit zu bringen. Kommst du aus dem Norden, darfst du gerne für deinen SUV meinen zweiten Parkplatz benützen und sogar, wenn du magst, mein Ferienhaus oben in St. Moritz. Kommst du aus dem Osten, wirst du dich schon eher mit Stacheldraht, Selbstschussanlagen und Handschellen auseinandersetzen müssen als mit Aperol Spritz oder Freikarten für das Zürcher Opernhaus. Und wenn du halt dummerweise aus dem Süden kommst: Sorry, dann gibt es dich wahrscheinlich gar nicht.

Ist schon klar, rein mathematisch-physikalisch: Wenn sich von den jährlich 100’000 Expats, die in die Schweiz kommen, nicht wenige sogar an bester Lage eine Wohnung leisten können, die manchmal über mehrere Wochen hinweg leer steht, und wenn für 60’000 Ukrainerinnen und Ukrainer Platz in der Grösse einer mittleren Kleinstadt über Nacht zur Verfügung steht und gleichzeitig jährlich weitere 14 Millionen ausländische Touristinnen und Touristen unsere Bergtäler bis in die höchsten Höhen, alle noch verbliebenen Seeufer, Partymeilen und Tanzflächen in Beschlag nehmen, dann bleibt halt für alle anderen nur noch sehr, sehr wenig Platz. Oder gar keiner.

Die Blumen vor meinem Fenster erzählen eine andere Geschichte. Die Samen, denen sie entwachsen sind, kamen ohne jeglichen Unterschied aus allen Himmelsrichtungen, egal ob aus dem Westen, dem Norden, dem Osten oder dem Süden. Haben sich erst einmal die Blumen in ihrer ganzen Pracht entfaltet, sieht man keiner einzigen von ihr an, woher sie gekommen war. Wie man es auch den Vögeln nicht ansieht, die uns jeden Morgen begrüssen, auch nicht den Fischen in den Flüssen, den Seen und dem Meer. Auch nicht den Wolken, die von allen Richtungen in alle Richtungen über den Himmel ziehen. Und auch nicht dem Wasser, das stets wieder dorthin zurückfliesst, woher es gekommen war.

Pony Hütchen auf dem rosaroten Fahrrad: Damit die Welt wärmer wird und die schönen Momente ihre Seltenheit mehr und mehr verlieren….

Peter Sutter, 24. Mai 2026

Pony (Name geändert) war vor 44 Jahren eine meiner Schülerinnen. Gestern hat sie mir Folgendes geschrieben, was mich überaus nachdenklich stimmte und in mir viele schon fast vergessene Fragen neu aufgeworfen hat…

Weniger Privilegierte wie ich haben ständig mit Vorurteilen und schlechtem „Gerede“ zu kämpfen. Wie oft musste ich schon hören „die ist doch selber schuld“ – das tut weh, obschon ich weiss, dass ich vieles selbst verschuldet habe. Nur das „warum“ interessiert niemanden – fast niemanden. Mir geht’s mental gerade nicht so gut – die IV schickte mich wieder zu dieser Beratungsfirma, wo ich schon einmal war. Die machen nichts anderes als Job-Coaching. Na toll, was ich bis jetzt erlebe? Schöne Reden, das kommt schon, wir helfen Ihnen, sie müssen nur Initiative zeigen und motiviert sein. Super – was mach ich denn schon all die Jahre? Oder anders gesagt, was mach ich denn falsch? Liegt es wirklich an mir – oder einfach an der Gesellschaft, an den heutigen Umständen? Was zählt man noch als 59-Jährige! So wie’s aussieht nichts, sofern man nicht den gewünschten Hintergrund, Bildungsstand usw. hat. Chancen geben ist wohl komplett aus dem Gedächtnis vieler gestrichen. Sei es geschäftlich, sei es privat. Ein Volk von geld- und machtgierigen, egoistischen Wesen, die herzlos durch ihr Leben hetzen. Nur den eigenen Nutzen im Kopf… Was ich der Dame von der Beratungsfirma zeigte (letzte Bewerbungen, Zeugnisse), fand sie supertoll – „ja genau so, Sie wissen ja, wie’s geht, Sie machen es genau richtig, aber Sie müssen es halt auch wollen und Willen zeigen!“ Ich fühle mich so frustriert ob all diesen Worten – echte Hilfe ist das keine. Die IV zahlt der Beraterin für dieses Coaching 30 Stunden à CHF 155.-. Terminiert auf ein halbes Jahr. Was dann kommt – sofern ich keinen Job finde, wissen die „Götter“. Auf meine Frage dazu hiess es nur: „Dann schauen wir halt weiter“. Kein Plan in Sicht. Dann noch die Aussage: Sollte ich etwas bekommen, mit Hilfe der IV, bekäme ich 20.- Taggeld pro Arbeitstag. Was für ein Hohn, da könnte auch Wut aufkommen.. Das Job Coaching darf 155.- pro Stunde Aufwand verrechnen und mir gibt man dann 20.- pro Tag?! Ein wenig lächerlich, und der Arbeitgeber müsste dann für mich nicht einmal etwas bezahlen. Das nennt man „Arbeitsversuch“, tönt ja gut, nur muss man erst mal was finden. Sie selber suchen nicht für mich, geben nur Ratschläge und ich darf „Kärtchen“ aussuchen, was meine Kompetenzen sind, etc. Ich komme mir fast vor wie im Kindergarten, dabei bin ich doch schon 59 und weiss inzwischen, was ich kann und nicht kann… So in etwa läuft’s gerade bei mir – jede Woche einen solchen Termin, der mir ausser Frust nicht wirklich etwas bringt. Kein Wunder, ist meine Stimmung gerade im Keller und vergrabe ich mich zuhause vor dem PC. Wenn ich nicht noch ein paar Menschen hätte in dieser eiskalten Welt da draussen, die mich zwischendurch wieder zum Lächeln bringen, ich weiss nicht, was ich täte. Denn die schönen Momente sind wirklich sehr selten geworden…

Ja, liebe Pony. Manchmal scheint mir, die ganze Welt steht auf dem Kopf. „Dankbar“ sollst du sein, wenn dir jemand eine Arbeitsstelle zur Verfügung stellt, damit du arbeiten „darfst“, als wäre das irgendeine Gnade, die man dir dann grosszügigerweise gewähren würde, gleich einem Glücksspiel. Dabei müssten doch, ganz im Gegenteil, all jene, denen du dein Potenzial an Arbeitskraft anbietest, dir dafür dankbar sein, dieses Potenzial, alle deine Begabungen und Ressourcen in Anspruch nehmen zu dürfen. Was für eine verkehrte Welt. Wer gibt denn da und wer nimmt? „Arbeitgeber“ nennt man sie, als würden sie dir etwas geben. „Arbeitnehmerin“ nennen sie dich, als würdest du irgendwem irgendetwas wegnehmen. Dabei ist es doch genau umgekehrt: Du bist die, welche Arbeit gibt, die Firma bzw. dein möglicher zukünftiger Chef ist es, der deine Arbeit nimmt. Wie Recht du hast, wenn du fragst, ob es wirklich nur an dir liege, wenn du arbeitslos bist, oder vielleicht doch eher bei der „Gesellschaft“ und den „Umständen“? Natürlich liegt es nicht an dir, natürlich liegt es einzig und allein an den Umständen. Schau in die Tierwelt: Gibt es „arbeitslose“ Bienen, Ameisen oder Regenwürmer? Natürlich nicht. Leben und Arbeiten wären von Natur aus identisch. Nur der Mensch hat das künstlich getrennt. Indem jene, die genug Geld und Macht besitzen, je nach Gutdünken den einen viel Arbeit „geben“, anderen wenig und wiederum anderen gar keine, als wären es ganz besonders gutmeinende, grosszügige, weitherzige Mitmenschen, denen vor allem das Wohl anderer am Herzen liegt, während sie, welche dir Arbeit „geben“, von der Arbeit, die sie dir in Tat und Wahrheit nehmen, selber am meisten profitieren – bis zu dem Punkt, dass sie eines Tages, wenn sie ein genügend grosses Mass an Arbeit „gegeben“ haben, selber gar nicht mehr arbeiten müssen und dennoch mehr Geld „verdienen“ als all jene, die sich von früh bis spät in Büros, Fabriken, Spitälern, Restaurants, Hotels, auf Baustellen oder Gemüsefeldern für wenig Lohn oft so unerbittlich abrackern müssen, dass sie nicht selten krank werden oder sogar frühzeitig sterben.

Am 18. Mai 1947 stimmte die Schweizer Bevölkerung über die Volksinitiative „Recht auf Arbeit“ ab, laut der folgender Artikel in die schweizerische Bundesverfassung hätte aufgenommen werden sollen: „Das Recht auf Arbeit und deren gerechte Entlöhnung sind zu gewährleisten.“ Nicht verwunderlich, dass die „Arbeitgeber“ aus allen Rohren gegen diese Initiative schossen, hätte die Annahme der Initiative doch zur Folge gehabt, dass man die Menschen nicht mehr im gegenseitigen Kampf um den Zugang zur Arbeitswelt gegeneinander hätte ausspielen und sie in zwei voneinander getrennte Bevölkerungsgruppen hätte aufspalten können, in „Erwerbstätige“ als die gesellschaftlich „Erfolgreichen“ und „Erwerbslose“ als die gesellschaftlichen „Versager“, „Gescheiterten“, „Ausgegliederten“ und „Randständigen“. Und so wurde denn diese Initiative im Mai 1947 mit 68,8 Prozent Neinstimmen von der Schweizer Bevölkerung abgelehnt und ist seither nie mehr auf dem politischen Parkett erschienen, obwohl es doch bei Weitem das Einfachste und Natürlichste wäre und in jedem Ameisenhaufen, jedem Bienenstock und selbst unter Blattläusen und Borkenkäfern als allgemein gültiges Gesetz die „Vollbeschäftigung“ das Selbstverständlichste ist, was man sich nur vorstellen kann. Denn eigentlich ist es ja verrückt, auf die Fähigkeiten und Begabungen einer so riesigen Zahl Menschen zu verzichten und sie brach liegen zu lassen, während man gleichzeitig den anderen Teil der Bevölkerung bis zum Überdruss schuften lässt und wie Zitronen bis zum Äussersten auspresst. Das Gleiche wäre, wenn ein schwerer Karren von nur wenigen Menschen in die Höhe geschoben werden müsste und die anderen, obwohl sie genug stark wären, gezwungen würden, danebenzustehen und nicht mit anpacken zu dürfen.

Leider gibt die Demokratie, so wie sie bei uns die Regel ist, stets den Mehrheiten Recht, während es doch bei allen gesellschaftlichen Fortschritten zunächst stets Minderheiten waren, die mit ihrem Mut zu neuem Denken wichtige Veränderungen in Gang zu bringen vermochten. „Zuerst ignoriert man es“, so Mahatma Gandhi, „dann belächelt man es, dann bekämpft man es und am Ende wird es zur Selbstverständlichkeit.“ Das Recht auf Arbeit ist immer noch auf der ersten Stufe, es wird schlicht und einfach ignoriert. Die im Mai 1947 durch die Mehrheit der Bevölkerung verhängte Denksperre hat uns somit bereits seit fast 80 Jahren den Blick darauf verbaut, dass alles auch ganz anders sein könnte, als es ist, und sich nicht unzählige Menschen wie du, Pony, jahre- oder oft sogar fast lebenslang damit abfinden zu müssen, „überflüssig“ und von niemandem gebraucht zu werden – mit verheerenden Folgen auf das Selbstwertgefühl aller Betroffenen, schlummert doch in jedem Menschen die tiefe Sehnsucht, für andere wichtig zu sein und mit eigener Kraft zum Wohl der Gemeinschaft beizutragen.

Könnte man nicht, nach fast 80 Jahren, trotz alledem noch einmal versuchen, diese Denksperre abzubauen? Eigentlich wäre es sogar ganz einfach. Man müsste das Ganze nur von „unten“ statt von „oben“ anschauen. Von oben, das ist die heutige Realität. Oben, auf den Chefetagen der Konzerne und in den Sitzungszimmern und den Büros von kleineren und grösseren Firmen, wird, aufgrund knallharter Kosten-Nutzen-Berechnung, entschieden, wie viele Arbeitsstellen in diesem oder im anderen Betrieb besetzt werden können, kein Prozentpunkt zu wenig und kein Prozentpunkt zu viel. Da können noch so viele Bewerbungen ins Haus flattern, noch so viele gute Arbeitszeugnisse und Qualifikationen vorliegen und kann die Motivation der Stellenbewerbenden noch so gross sein. Ich kenne eine Zwanzigjährige mit vielen Talenten, die auf tausend Bewerbungen tausend Absagen bekommen hat. Jetzt liegt sie nur noch den ganzen Tag in ihrem abgedunkelten Zimmer im Bett und versucht, sich mit einer IV-Rente knapp über Wasser zu halten.

Alles von „unten“ anzuschauen, würde hingegen bedeuten: nicht von den nackten Gewinn- und Verlustzahlen her, sondern von den Menschen her. Du Pony, das weiss ich, hast viele bemerkenswerte Fähigkeiten und Begabungen, deine Empathie zum Beispiel, dein Interesse an anderen Menschen, deinen Humor und deine Gabe, hinter die Oberfläche der Dinge zu schauen und hinter die Masken jener, die von ihrem eigenen Ich oft mehr verstecken als preisgeben. Irgendwo, da bin ich mir ganz sicher, gibt es einen Platz, wo man genau so einen Menschen wie dich dringend brauchen könnte. Diesen Platz müsste man jetzt suchen und würde ihn gewiss früher oder später auch finden, zum Wohle des betreffenden Betriebs, zum Wohle von dir selber, zum Wohle der übrigen in dieser Firma Arbeitenden und zum Wohle der ganzen Gesellschaft letztlich, die sich dann nicht mehr um diesen riesigen bürokratischen Kram, Arbeitslosenkassen, sinnlose Bewerbungen ohne jegliche Aussicht auf Erfolg und dergleichen kümmern müsste, und auch die unzähligen Therapien, mit denen man kaputte Menschen, die ihr gesamtes Selbstwertgefühl verloren haben, wieder mühsam aufzurichten versucht, all das wäre dann überflüssig. Und es würde nicht einmal mehr kosten, ganz im Gegenteil: Je gleichmässiger alles auf alle verteilt ist und damit sowohl bei den einen der Druck von zu viel Arbeit wie auch bei den anderen die Demütigung durch das Fehlen jeglicher Arbeit wegfallen, umso gesünder werden die Menschen, nicht nur körperlich, sondern vor allem auch seelisch. Und selbst wenn es dann im einen oder anderen Betrieb ein paar Leute „zu viel“ hätte, als es „ökonomisch“ vertretbar erscheinen mag: Es wäre doch ein Leichtes, mit ein bisschen mehr Flexibilität und Solidarität zwischen den einzelnen Firmen finanzielle „Probleme“ solcher Art aufzufangen zugunsten dem Gemeinwohl und dem Wohl jedes Einzelnen.

Weisst du, liebe Pony, eigentlich ist es absolut verrückt. Von Natur aus sind wir alle ohne Ausnahme mit wunderbaren Gaben beschenkt worden. Doch manchmal, und das ist das Tragischste, wissen wir nicht einmal selber, welche Begabungen in uns schlummern. Weil uns andere Menschen, manchmal die eigenen Eltern und sehr oft sogar die Lehrerinnen und Lehrer in der Schule nur immer gesagt haben, was wir nicht können, und kaum je, wozu wir fähig sind, wie schön unsere Stimmen klingen, wie wohl man sich in unserer Gegenwart fühlt, wie geschickt wir sind, was für originelle Ideen wir haben, wie viel wir in einem kurzen Leben schon alles gelernt haben, wie schön wir sind.

Eigentlich, wenn ich es mir so recht überlege, gibt es dich und mich und alle anderen Menschen nicht nur einmal, sondern zwei Mal. Das eine Mal in einer künstlichen Welt, in der man durch andere eingeteilt, bewertet, kontrolliert, klein oder gross gemacht, hinaufgestellt oder hinuntergeworfen wird und sich am Ende, wenn man zu oft Pech gehabt hat, genau so fühlt, wie du dich jetzt, im Alter von 59 Jahren, fühlst, In dieser „eiskalten Welt“, wo die „die Stimmung gerade im Keller“ ist und „die schönen Momente wirklich sehr selten geworden sind“.

Aber glücklicherweise gibt es dich noch ein zweites Mal. Und deshalb nenne ich dich auch Pony. Deinen bürgerlichen Namen, den dir deine Eltern gegeben haben, trägt du nur in der ersten der beiden Welten, in deiner Geburtsurkunde, in deinen Zeugnissen, in deinen Bewerbungen und in deinen Absagen, in den Protokollen der IV und des Sozialamts und in deiner Steuererklärung. Deinen zweiten Namen, Pony, trägst du im Himmel. Pony, das bist du, so wie du von Natur aus gedacht bist, kein bisschen weniger wichtig oder weniger wertvoll als alle, die in der ersten, der künstlichen Welt, „erfolgreicher“ waren oder „mehr erreicht“ haben als du und so oft in deinem Leben scheinbar über dir standen und auf dich hinabgeschaut haben, sodass du dich so oft so klein fühltest. In Wirklichkeit, in der Wirklichkeit des Himmels, gibt es keine wertvolleren oder weniger wertvollen Menschen, so wie es auch bei den Fliegen, den Fröschen oder den Grashalmen keine wertvolleren oder weniger wertvollen gibt. Am Ende werden alle Doktortitel, alle prahlerischen Statussymbole, alles auf Kosten anderer angehäufte Geld, alle Arroganz der Mächtigeren gegenüber den weniger Mächtigen und alle Heiligenscheine für immer in Nichts aufgelöst sein.

Der Name Pony, du erinnerst dich, ist kein Zufall. Vor 44 Jahren warst du in dem Theaterstück „Emil und die Detektive“, das deine Klasse zum Jahresabschluss aufgeführt hatte, das Pony Hütchen und bist mit einem rosaroten Fahrrad zur Erheiterung des ganzen Publikums laut klingelnd auf die Theaterbühne geradelt. In diesem Moment stand die Zeit still und du warst die, welche du schon vorher und auch damals und bis heute geblieben bist als Geschenk des Himmels, als Funke des Universums. Dein Lachen ist noch immer genau dasselbe bis heute, auch dein Humor, auch deine unendliche Neugierde auf die Wunder des Lebens. Mit unseren bürgerlichen Namen und Lebensgeschichten gibt es uns immer nur eine ganz kurze Zeit auf dieser Erde. Als Pony, Fatima während der untergehenden Sonne oder als der kleine Sebastian, der jeden Abend nach dem Einschlafen von Wolke zu Wolke jenem kristallenen See entgegenfliegt, den er einmal im Traum gesehen hatte, sind wir unsterblich und wird es uns auch in tausend oder zehntausend Jahren immer noch geben.

Meine Vision bleibt, dass diese künstliche Welt, in der viel zu viele Menschen täglich gedemütigt und ihrer Lebensfreude beraubt werden, nach und nach verschwindet und niemand mehr auf den Tod warten muss, um sich selber wieder zu finden. Sondern dass wir auch mitten auf der Erde hier und heute so leben können, wie wir von Natur aus gedacht waren. Ohne Wenn und Aber, ohne Gut oder Schlecht, ohne Höher oder Tiefer, ohne Oben oder Unten. Ganz so wie die Blumen auf der Wiese, die Grashalme im Wind und die Vögel, die uns jeden Morgen mit ihrem Gesang begrüssen. Ganz so wie Pony auf dem rosaroten Velo. Damit die Welt wieder wärmer wird und die schönen Momente ihre Seltenheit mehr und mehr verlieren.

Der an Grausamkeit alles Bisherige sprengende Femizid von Binningen BL: „Es war weder Affekt noch Panik, sondern die methodische Vernichtung einer Frau, die es gewagt hatte, die Ordnung eines Mannes zu gefährden.“

Peter Sutter, 18. Mai 2026

Unter dem Titel „Er vernichtete ihr Leben – weil sie sich nicht unterordnen wollte“ berichtete der „Tagesanzeiger“ am 15. Mai 2026 über einen Femizid, der an Grausamkeit sämtliche Vorstellungskraft übersteigt, begangen von einem Schweizer an seiner Frau, einer gebürtigen Serbin, am 13. Februar 2024 in Binningen, Kanton Basel-Land…

Er könnte ein ganz normaler junger Mann sein, er trägt Anzug und Hemd, unter dem Arm eine Aktenmappe. Als er sich aufrecht hinsetzt, öffnet er mit geübter Geste den obersten Knopf seines Jacketts, als komme er zu einer Sitzung mit Investoren. Nur ist das kein Konferenzraum, sondern ein Saal im Strafgericht. „Der Fall hat Fiktion zu Realität werden lassen“, sagt Gerichtspräsident Daniel Schmid bei der Urteilsverkündigung. „So etwas habe ich persönlich in meiner ganzen Karriere nicht erlebt.“… Am Mittag des 13. Februar 2024 hat M.R. seine Ehefrau und die Mutter seiner beiden Kinder in ihrem gemeinsamen Haus in Binningen zuerst verprügelt und dann erwürgt. Was danach geschah, sprengt jegliche menschliche Vorstellungskraft: Im Keller zerstückelte er die Leiche mit Messern und einer Gartenschere und versuchte danach, Leichenteile in einer Flüssigkeit aufzulösen. Die Frau, die er einst seine „blonde Göttin“ nannte; die Mutter seiner „beiden Engel“, damals zwei und vier Jahre alt. Er habe seine Frau „über alles geliebt“, beteuert er am ersten Verhandlungstag… Wie konnte aus diesem scheinbaren Traumpaar dieser absolute Albtraum werden? Es war eine Beziehung zwischen zwei Menschen, deren Herkunft kaum unterschiedlicher hätte sein können. M.R., Sohn eines Wirtschaftsanwalts, wächst in privilegierter Idylle auf – Wandern, Segeln, Pfadfinder. Ein Leben nach Schweizer Bilderbuchstandards. Er absolviert die Universität St. Gallen, wird Unternehmensberater. Bescheidenheit und harte Arbeit seien seine Werte, so die Verteidigung. Doch frühere Weggefährten beschreiben ihn als seltsam unnahbar, fast künstlich fokussiert… Sie ist das Gegenteil: Tochter serbischer Einwanderer, aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen in Pratteln. K.J. ist eine warmherzige, aufgeschlossene Person, die Menschen für sich einnimmt. Als Kind möchte sie Astronautin werden, auch später will sie hoch hinaus, ergattert mit 18 erste Modeljobs. 2007 kandidiert sie für die Miss-Schweiz-Wahl. Sie ist eine Teamplayerin; auf den Hotelfluren bringt sie ihren Konkurrentinnen bis spät in die Nacht bei, wei man auf High Heels geht. Später etabliert sie sich als erfolgreiche Catwalk-Coachin und Bookerin… Im März 2016 trifft K.J. auf einem SKiausflug M.R. Danach geht alles schnell. Sie beendet ihre langjährige Beziehung in Zürich, die beiden kaufen ein Haus in Binningen, bereits im Sommer ziehen sie ein. So unterschiedlich ihre Herkunft, so leidenschaftlich sind sie verbunden. Sie zeigt ihm das serbische Dorf, aus dem ihre Eltern stammen, er stellt sie seiner Familie vor. Und natürlich schmieden sie Pläne für eine grosse gemeinsame Zukunft… Im August 2017 wird geheiratet. Einmal im Hotel Giessbach mit 100 Gästen samt serbischer Verwandtschaft. Die Männer trinken Schnaps bis in die frühen Morgenstunden. Dann feiern sie noch einmal, in Bosnien. Die beiden versprechen sich, zusammen durch dick und dünn zu gehen. Von da an wird es in den Medien still um K.J. Es scheint, als hätte sie nun ihre ganze Energie in das Projekt Familie gesteckt. Doch kaum hat es begonnen, zeichnen sich schon Risse ab: extreme Gefühle, extreme Kontraste. Manche sagen: Die Beziehung wurde schnell toxisch. Er ist analytisch, kontrollierend und kaltblütig. Sie, die Leidenschaftliche, eigenständig und emotional. Freunde sagen, er sei dominant gewesen, habe sie auch in Anwesenheit von Freunden oft korrigiert. Sie aber hatte eigene Pläne, ordnete sich nicht widerspruchslos unter. Das dürfte ihn zunehmend frustriert haben… Von aussen habe man ihnen die Probleme nicht angemerkt, sagen Freunde. Aber bereits ab 2018 machen sie eine Paartherapie. Sie wollen Kinder, es dauert eine Weile, bis es auch klappt. Aber dann bekommen sie 2020 ein Mädchen und 2021 das zweite. Doch in der Beziehung läuft es nicht gut. Finanzen sind ein Thema, Erziehung, Eifersucht. Und Gewalt… M.R. wahrt die Maske des bürgerlichen Ehemanns selbst dann noch, als das Blut an seinen Händen bereits entfernt ist. Nachdem er die Leiche zerteilt hat, duscht er und geht joggen. Dabei deponiert er ihr Mobiltelefon auf einem Lieferwagen, um eine falsche Fährte zu legen. Danach holt er die Kinder mit dem Lastenvelo in der Kita ab und geht mit ihnen ins Restaurant. Als ihre Eltern auf der Suche nach ihrer Tochter bei ihm aufkreuzen, spielt er den ahnungslosen Schwiegersohn, führt sie sogar durch den Keller. Dann bringt er die Kinder ins Bett. Erst später findet der Vater in einem Plastiksack die Überreste seiner Tochter… „So verhält sich nur jemand, der sich schon zuvor gedanklich mit dieser Tat beschäftigt hat“, urteilt Richter Schmid. Es war weder Affekt noch Panik, sondern die methodische Vernichtung einer Frau, die es gewagt hatte, seine Ordnung zu gefährden… Die Verteidigung beschreibt M.R. als jemanden, der immer besonnen, geduldig, nicht aus der Ruhe zu bringen gewesen sei. Nie zuvor habe er Gewalt angewendet. Diesen Eindruck versucht er auch vor Gericht zu erwecken: Er bleibt stoisch, wenn er spricht, beteuert er seine vermeintliche Liebe… Die Akten sagen etwas anderes. Auch bei seinen Ex-Freundinnen sei es zu Wutanfällen und häuslicher Gewalt gekommen. Eine habe er ebenfalls gewürgt und gegen eine Wand gedrückt. Einmal sei er ihr nach dem Besuch bei den Eltern im Streit über den Fuss gefahren. Auf der nächstfolgenden Fahrt habe er gedroht, sie aus dem Auto zu werfen… Auch in der Ehe mit K.J. ist häusliche Gewalt belegt. Im Juli 2023 gibt es einen Polizeieinsatz im gemeinsamen Haus in Binningen. Eine Strafanzeige erfolgt nicht. M.R. habe nach einem solchen Konflikt einmal gesagt: „Du solltest froh sein, dass nichts Schlimmeres passiert ist.“… Spätestens ab August 2023 beschäftigt sich K.J. ernsthaft mit dem Thema Trennung. Sie konsultiert einen Scheidungsanwalt, informiert sich über die gemeinsamen Finanzen. Eine Trennung sei aber für M.R. keine Option gewesen, so die Paartherapeutin… Im Dezember 2023 kommt es wieder zu einem Gewaltvorfall, sie trägt Würgemale am Hals davon. Er behauptet, sie habe sich diese selbst zugefügt. Aber sie hat genug und warnt ihn: Wenn es noch einmal vorkomme, werde er die Kinder verlieren. Ein letztes Mal versuchen sie kurz vor der Tat, die Beziehung zu kitten. Sie verbringen ein Paarwochenende auf dem Bürgenstock, aber zu später Stunde reist er ab. Sie versucht, ihn zurückzuholen, vergeblich… Ein Wort, das bei der Urteilsverkündigung mehrfach fällt, ist „Realitätsverweigerung“. Selbst im Gerichtssaal bleibt M.R. in seiner Welt gefangen. Er schüttelt ungläubig den Kopf, als die Rechtsmedizin die Fakten präsentiert. Nach seiner Verhaftung sagt er gegenüber der Staatsanwaltschaft: „Ich betone, dass ich mithelfen möchte, die Wahrheit zu finden. Für mich ist das auch eine Reise, sie mit euch zu entdecken.“ Dann tut er das Gegenteil und behauptet, K.J. am Mittag des 13. Februar tot am Fuss der Treppe vorgefunden und danach „in Panik zerstückelt“ zu haben. Zweieinhalb Wochen später wiederholt er diese Behauptung vehement. Dann räumt er plötzlich ein, sie hätten mittags ein Gespräch geführt. Es sei aber „gesittet, zivilisiert, vorbildlich“ verlaufen, bevor K.J. das Zimmer verlassen und ihn danach unvermittelt mit einem Messer angegriffen habe. Im Abwehrkampf habe er sie aus Versehen erwürgt. Auch auf dieser Version der Tötung aus Notwehr besteht er über zehn Einvernahmen hinweg. Später gibt er zu, dass es zum Streit gekommen sei, behauptet aber immer noch, sie habe ihn angegriffen… Wenn man ihm vorhielt, dass seine Schilderungen in keiner Weise mit der Rechtsmedizin vereinbar seien, bezichtigte er die Ermittler, „gepfuscht“ zu haben. Seinen Hang zur Überheblichkeit zeigte sich vor Gericht darin, dass er in einer der ersten Einvernahmen bei der Lektüre des Protokolls sogar die Kommafehler des Befragenden korrigierte. Das könne nur jemand, der seine Intelligenz masslos überschätze. so Richter Schmid. M.R. verharrte in einer totalen Realitätsverweigerung : In seinen Haftentlassungsgesuchen äusserte er die Vorstellung, er könne bald mit seinen Töchtern im Haus weiterleben – dem Ort, an dem er ihre Mutter auf so bestialische Weise ermordet hatte… Bei der Verkündigung der lebenslangen Freiheitsstrafe schildert Schmid, was das Gericht als gegeben erachtet: Am Morgen des 13. Februars 2024 bereitet sich K.J. auf ein Gespräch mit ihrem Mann vor, es soll um ihre Beziehung und Finanzen gehen. Als sie ihn zur Rede stellt, schlägt er ihr mit den Fäusten ins Gesicht und würgt sie bis zur Bewusstlosigkeit. Dann, aus Angst vor der Polizei, beschliesst er, sie endgültig zu beseitigen. Er greift zu einem Strangulationsobjekt und erdrosselt sie von hinten. „Die gezielte Tötung war der bewusste Versuch, häusliche Gewalt zu vertuschen“, sagt das Gericht. Er habe sie für ihre Trennungsabsicht bestrafen und vernichten wollen. „Wäre es nur um die Vernichtung von Beweisen gegangen, hätte es auch einfachere Möglichkeiten gegeben, den Leichnam zu beseitigen“, sagt Schmid. Er habe sich aber für die skrupelloseste, kaltblütigste Variante entschieden. „Eine grössere Geringschätzung menschlichen Lebens ist kaum denkbar“, so Schmid.

Gemäss forensisch-psychiatrischem Gutachten, welches dem Gerichtsurteil zugrunde liegt, müsse man bei M.R. von einer „Akzentuierung narzisstischer und zwanghafter Persönlichkeitszüge“ ausgehen. In Bezug auf sein Risikoprofil sei ein „Potenzial für schwerste Gewaltanwendung“ vorhanden. Risikoeigenschaften seien bei ihm seine „gesteigerte Rigidität“, ein „gesteigertes Kontrollbedürfnis“, „Egozentrik“, „wutgeprägte Reaktivität“ und eine „Manipulationstendenz“. Im Urteil des Bundesgerichts ist zudem die Rede von „sadistisch-soziopathischen Zügen“.

Wäre die gleiche Tat von einem Afghanen, einem Syrier, einem Eritreer oder einem Marokkaner begangen worden, wäre die allgemeine Schlussfolgerung wohl nahezu unvermeidlich gewesen und für alle, die schon immer von „fremden“ und „gewaltbereiten“ Kulturen gesprochen hatten, wäre eine solche Tat bloss ein weiterer Beweis dafür gewesen, wie Recht sie mit ihrer Behauptung gehabt hatten. Wenn aber der Täter ein Schweizer ist, dann muss es, so wird allgemein angenommen, andere Ursachen haben als die Nationalität oder die ethnische bzw. kulturelle Herkunft. Denn ein Schweizer, so die herrschende Mehrheitsmeinung, kann, im Gegensatz zu einem „Fremden“, nicht von Natur aus „böse“ oder gewalttätig sein. Es muss sich um eine individuelle „Störung“ oder „Erkrankung“ handeln, um einen „Soziopathen“, einen übertriebenen „Narzissten“, um einen „Egozentriker“ oder einen Menschen mit krankhaft „sadistischen“ Zügen. Dieses Denkmuster ist nicht nur in der breiten Bevölkerung überaus häufig anzutreffen, sondern wird auch von nicht wenigen Fachleuten vertreten, so zum Beispiel von Frank Urbaniok, der weitherum sogar als einer der europaweit führenden Forensiker angesehen wird und zu diesem Thema unlängst auch ein Buch veröffentlicht hat, in dem er höchst fragwürdige statistische Zusammenhänge zwischen ethnischer Herkunft und Gewaltbereitschaft herstellt, ohne auf die Lebensumstände der jeweiligen „Tätergruppe“ näher einzugehen.

Das wäre beruhigend und würde uns in unserem Selbstverständnis, im Gegensatz zu Menschen aus „anderen“ Kulturen im Grunde „gut“ zu sein, wohl genügend bestärken, um uns alle weiteren Fragen, die dieses Bild stören könnten, sozusagen zum Vornherein zu ersparen.

Doch entgegen solcher Beschönigungen wage ich zu behaupten, dass die von M.R. verübte Tat in gleichem Masse etwas typisch „Schweizerisches“ ist, als es auch etwas typisch „Marokkanisches“, „Afghanisches“ oder „Eritreeisches“ wäre, wenn die gleiche Tat von einem Mann begangen worden wäre, der aus einem dieser „anderen“, „fremden“ Länder stammt. Denn in jedem Fall ist es nicht die „Natur“ des einzelnen Individuums, welche die Voraussetzungen für solche Taten schafft, sondern es sind die gesellschaftlich-sozial-politisch-wirtschaftlich-kulturellen Verhältnisse oder Einflüsse, unter denen Menschen aufwachsen und von denen ihre Lebensgeschichten geprägt sind.

Schauen wir uns doch eine solche „schweizerische“ Lebensgeschichte am Beispiel von M.R. etwas genauer an. Er ist ja nicht ein Versager, ganz im Gegenteil. Er hat die „schweizerischen“ Werte von klein auf aufgesogen und funktioniert ganz so, wie ein „guter“, „erfolgreicher“ Schweizer zu funktionieren hat. Aus dem Zeitungsartikel des „Tages-Anzeigers“ geht hervor, dass er „ein ganz normaler junger Mann“ sein könnte, mit „Anzug“, „Hemd“ und „Krawatte“, „unter dem Arm eine Aktenmappe“, der „mit geübter Geste den obersten Knopf seines Jacketts öffnet“, als käme er zu einer „Sitzung mit Investoren“. Er gilt als intelligent, gebildet, ist Sohn eines Wirtschaftsanwalts, übte als Jugendlicher Hobbys wie Wandern und Segeln aus und war bei den Pfadfindern. Später absolvierte er die Wirtschaftsuniversität St. Gallen, die renommierteste Ausbildungsstätte für angehende Wirtschaftsexperten, wurde Unternehmensberater und führte in jeglicher Hinsicht ein „Leben nach Schweizer Bilderbuchstandards“. Hätte er am 13. Februar 2024 nicht seine Frau getötet, wäre er wohl heute noch ein Vorbild für alle, die in der Schweiz erfolgreich Karriere machen wollen – alle seine früheren gewalttägigen Übergriffe gegenüber Lebenspartnerinnen, selbst das willentliche Überfahren des Fusses einer dieser Frauen, schienen seinem Image nicht wirklich geschadet zu haben.

M.R. hatte alles „richtig“ gemacht. Aber genau das ist das Heimtückische, die dahinter liegende Zeitbombe. Denn während es in Bezug auf seine Bilderbuchkarriere genau das Richtige war, war es gleichzeitig auf einer anderen Ebene etwas Höchstgefährliches. Das, was in den Beschreibungen früherer Weggefährten als „seltsam unnahbar“ und „fast künstlich fokussiert“ beschrieben wird und sich etwa darin äusserte, dass er unmittelbar nach der bestialischen Ermordung seiner Frau duschen und joggen ging und bei den Gerichtsverhandlungen keinerlei Emotionen zeigte, sondern sich akribisch auf das Korrigieren von Rechtschreibefehlern in den Gerichtsprotokollen stürzte. Der ganz „normale“ Ehemann und Familienvater, der sich auf einmal als Monster entpuppt – so wie es immer wieder berichtet wird, wenn Nachbarn von Männern, die scheinbar aus heiterem Himmel eine Gewalttat begehen, in Fernseh- oder Zeitungsinterviews aussagen, sie hätten sich so etwas nicht im Traum vorstellen können – von aussen hätte ihnen dieser Mann stets einen ganz „normalen“ Eindruck gemacht, sei jeden Morgen pünktlich zur Arbeit gegangen und jeden Abend pünktlich von der Arbeit zurückgekommen. Immer mit korrekt getragenem Anzug. Mit Hemd und Krawatte. Und immer mit der Aktenmappe unter dem Arm. Was diese Männer nach aussen als so „normal“ erscheinen lässt, kann sie gleichzeitig von Fall zu Fall so gefährlich machen für andere, die in der sozialen Hierarchie tiefer stehen als sie selber, meistens die eigene Lebenspartnerin oder die eigenen Kinder.

Männer wie M.R., die ihre eigene Frau oder Lebenspartnerin ermorden, mögen zwar zahlenmässig unter sämtlichen Männern eine seltene Ausnahme bilden. Und doch finden wir das dahinterliegende Gewaltmuster, in unterschiedlicher Abstufung und in mannigfachen, weniger extremen Ausprägungen, quer durch die ganze Gesellschaft in erschreckendem Ausmass. Frauenmörder bilden bloss die relativ seltene und ganz winzige Spitze eines riesigen, fast gänzlich unsichtbaren Eisbergs, ohne den es diese Spitze selber gar nicht gäbe.

Wer kennt sie nicht, all die Männer, welche unterschiedlichste Formen von Gewalt gegen Frauen ausüben. Oft sind es Akademiker in höheren gesellschaftlichen Positionen. Sie tragen ihr „Wissen* und ihre „Bildung“, die meistens aus nicht viel anderem als einer überdurchschnittlich hohen Anzahl an einer Universität verbrachten Jahre besteht, wie einen Heiligenschein mit sich mit. Weniger „gebildete“ Menschen werden oft von ihnen belächelt oder als etwas „Minderwertiges“ betrachtet. Häufig verwenden sie bewusst eine kaum verständliche, von Fremdwörtern durchtränkte Sprache, zynische Bemerkungen sind besonders typisch für sie. Man trifft sie nicht selten auch unter Computerspezialisten, Bankern, Lehrern, Anwälten, Ärzten, Psychiatern oder Politikern an. Frauen solcher Männer haben nicht viel zu lachen, vor allem, wenn sie, aus der Sicht ihrer Männer, weniger „gebildet“ sind und kein höheres Studium absolviert haben. Ich kenne Männer, die ihren Frauen buchstäblich bei jedem Satz, den sie sagen wollen, ins Wort fallen, bis sie früher oder später überhaupt nichts mehr sagen. Andere rollen mit den Augen oder setzen ein hämisches Lächeln auf, wenn ihre Frauen etwas sagen, was nicht ihrer eigenen Meinung entspricht. Wieder andere lassen ihre Stimme anschwellen, wenn ihnen in der Diskussion mit ihrer Frau die Argumente ausgehen. Einen kenne ich, der seiner Frau jedes Mal, wenn sie etwas aus seiner Sicht „Unpassendes“ von sich gibt, mit der flachen Hand so heftig auf den Oberschenkel schlägt, dass sie heute in der Anwesenheit ihres Mannes nur noch ganz selten etwas sagt und vor allem nicht dann, wenn es um so heikle Themen wie Kindererziehung, Schule oder Politik geht. Kein Wunder, dass solche Frauen dann manchmal unter Atemnot oder Appetitlosigkeit leiden, häufig schlecht schlafen oder psychologische Beratung brauchen – eine, die später schwer alkoholabhängig wurde, erzählte mir einmal, dass sie immer dann, wenn ihr von der Arbeit heimgekehrter Mann die Haustür öffnete, am ganzen Körper zu zittern begann. Eine andere berichtete über zunehmende Sprachstörungen, aus lauter Angst, sie würde ein Wort falsch aussprechen und dafür einen strafenden Blick ihres Mannes kassieren. Bezeichnend ist, dass viele solcher Ehen früher oder später zerbrechen, vor allem dann, wenn die Frauen genug selbstbewusst sind und sich nicht mehr alles gefallen lassen. Auch ist immer wieder festzustellen, dass viele solcher Männer entweder schon in der ersten, spätestens aber in der zweiten Ehe eine Frau ausländischer Herkunft haben, die der Landessprache nicht mächtig ist und sich daher schon von Anfang an in einer unterlegenen Position befindet, vor allem dann, wenn ihr Aufenthaltsstatus an den Ehevertrag gebunden ist. Und dann sind noch all die Männer – und es sind wohl nicht wenige -, die ihre potenzielle Gewaltbereitschaft an Prostituierten ausleben, die ihnen noch viel schutz- und hilfloser ausgeliefert sind als die eigene Frau oder Lebenspartnerin.

Solche Männer, die Frauen zwar nicht töten, sie aber auf vielerlei Arten erniedrigend oder herablassend behandeln, mit Frauenmördern wie M.R. in Verbindung zu setzen, mag auf den ersten Blick verstörend erscheinen. Aber ist seelische Erniedrigung nicht ebenso verwerflich wie körperliche Erniedrigung? Hinterlassen Beleidigungen, Herabsetzungen, Drohungen, Wutausbrüche, Machtgebaren, Zurechtweisungen oder Belehrungen nicht ebenso tiefe Wunden? Können nicht auch Wörter eine Form von Waffen sein, die zwar nicht den Körper verletzen, aber die Seele umso tiefer? Gewiss, längst nicht alle Männer entsprechen diesem Bild, hoffentlich sogar immer weniger. Und doch sind es leider immer noch viel zu viele.

Ich habe die Behauptung aufgestellt, dass es keine stichhaltige Begründung dafür gibt, eine von einem Afghanen oder Marokkaner begangene Gewalttat grundsätzlich anders zu erklären als eine von einem Schweizer begangene Gewalttat. Also das Erste als etwas Typisches für eine „fremde“ Kultur mit „anderen“ Werten zu deuten und das Zweite als individuelle „Störung“ oder „Entgleisung“ ausserhalb der geltenden gesellschaftlichen Normen. Ich bleibe bei dieser Behauptung. Denn auch die von einem Schweizer begangene Gewalttat hat, wie die Gewalttat eines Afghanen, eines Marokkaners oder des Angehörigen irgendeiner anderen Nationalität oder ethnischen Herkunft etwas zu tun mit der Kultur und den gesellschaftlichen Werten, die in der jeweiligen Gesellschaft bzw. dem jeweiligen Land herrschen. Kein Mann wird als Frauenmörder oder Frauenschänder geboren, weder in Afghanistan noch in Marokko noch in der Schweiz oder an irgendeinem anderen Ort der Erde. Erst die äusseren Umstände führen dazu, was für ein Mensch er 15, 20 oder 30 Jahre später einmal sein wird.

Zurück zu M.R. Denn es gibt kein besseres Beispiel, um auf Frage nach dem schweizerischen „Wertesystem“ und seinem möglichen Einfluss auf männliche Persönlichkeitsentwicklung eine Antwort zu finden. Im forensisch-psychiatrischen Gutachten, das vom Bundesgericht veranlasst wurde, findet sich unter anderem die Aussage, bei M.R. handle es sich um eine „höchst rational denkende Person mit der Eigenschaft einer ausgeprägten kognitiv-technischen Perspektive“. Hunderte Alarmlampen müssen aufleuchten, wenn wir diese Aussage Wort für Wort zur Kenntnis nehmen. Denn sie besagt nichts anderes, als dass M.R. genau jene Erwartung erfüllt hat, welche die meisten Eltern an ihre Kinder stellen, wenn es um ihre berufliche Zukunft geht, und die auch den wichtigsten Zielen des gesamten Erziehungs-, Schul- und Bildungssystems unseres Landes bzw. unserer „Kultur“ entspricht: „Rational“, „kognitiv“ und „technisch“, so muss der Mensch sein, wenn er es in dieser Gesellschaft zu etwas bringen will. Konkret: Er muss möglichst gut sein in Mathematik und Naturwissenschaften, muss möglichst fehlerfrei schreiben können – wobei es weniger um den Inhalt geht als um die korrekte Rechtschreibung – und muss vor allem über ausgezeichnete Kenntnisse im Umgang mit technischen bzw. digitalen Geräten, Hilfs- und Lernmitteln verfügen. Alles andere ist Nebensache. Wohin das führen kann, zeigte sich bei M.R. exemplarisch und geradezu aufs absolut Absurdeste in dem Augenblick, da es, während der Gerichtsverhandlung, um das Schicksal seiner Kinder ging, dies ihm aber weniger wichtig erschien als die fehlenden Kommas im Gerichtsprotokoll.

Doch es geht in Sachen „Kultur“ noch viel weiter: Bei der Aneignung der geforderten Lern- und Bildungsziele ist schon das Kind in frühem Alter, dann als Jugendlicher und als junger Erwachsener einem permanenten Wettkampf mit den jeweiligen Gleichaltrigen ausgesetzt, die alle auf das gleiche Ziel zustreben, das aber nur von den Schnellsten und am besten auf die Überwindung der jeweiligen Hürden Getrimmten auch tatsächlich erreicht werden kann, ein beständiger Kampf aller gegen alle. Das macht die Menschen hart und rücksichtslos. Mitgefühle, Liebesfähigkeit, Empathie, Gemeinschaftsdenken und Solidarität mit Schwächeren – all dies wird zum „Luxusgut“, das sich niemand mehr leisten will oder kann, und bleibt daher nach und nach auf der Strecke. Nicht einmal in der Ausbildung zu sozialen Berufen wie Kindergärtnerin, Lehrer, Sozialarbeiter oder Pflegerin sind menschliche und zwischenmenschliche Fähigkeiten und Begabungen gefragt, auch hier geht der Weg zum Berufsziel einzig und allein über die Bewältigung möglichst hoher Hürden, zumeist in Form von Wissensprüfungen in einem derart sinnlosen Umfang, dass fast alles, was für diese Prüfungen auswendig zu lernen ist, in Kürze wieder vergessen geht. Wer die endlose Hürdenstrecke dennoch erfolgreich bewältigen will, wird geradezu dazu gezwungen, sich Tricks oder Schummeleien aller Art anzueignen, der spätere „Erfolg“ in Form des betreffenden Berufsdiploms wird jedes noch so fragwürdige Mittel im Nachhinein rechtfertigen. Und genau diese Form von „Selektion“ ist es, die dann dazu führt, dass die bereits zum Vornherein durch ihre familiäre Herkunft Privilegierten, die Trickreichsten, Kämpferischsten und Rücksichtslosesten an die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Spitzenpositionen gelangen, während die Rücksichtsvollen, Feinfühligen und mit weniger Selbstsicherheit Ausgestatteten auf der Strecke bleiben. Auch hier gibt es freilich Ausnahmen, aber diese bestätigen bloss die Regel.

In umso grellerem Licht erscheint diese „Kultur“ des Kampfs aller gegen alle mit ihren verheerenden Auswirkungen auf alles Zwischenmenschliche, wenn wir uns jetzt dem Opfer zuwenden, einer Serbin, aufgewachsen „unter bescheidenen Verhältnissen“. Niemand könnte den Gegensatz zu ihrem gefühlskalten, „seltsam unnahbaren“ und „künstlich fokussierten“ Ehemann besser verkörpern als sie. Alle, die sie näher kannten, schwärmten von ihrer geradezu leidenschaftlichen Empathie, Wärme, Offenheit und persönlichen Ausstrahlung, ihrer äusseren und inneren Schönheit in Vollendung. Die perfekte Teamplayerin: „Auf den Hotelfluren bringt sie ihren Konkurrentinnen bis spät in die Nacht bei, wie man auf High Heels geht.“ Sie versucht also nicht, ihre Konkurrentinnen auszustechen, ihnen Steine in den Weg zu legen oder ihre Selbstsicherheit zu schwächen, sondern macht – offensichtlich völlig immun gegenüber dem allgemeinen und insbesondere auch im Show- und Modebusiness knallhart herrschenden Konkurrenzprinzip – genau das Gegenteil: Sie hilft ihren Konkurrentinnen bis spät in der Nacht, mehr Sicherheit zu gewinnen und mehr Körperbeherrschung aufzubauen, und riskiert damit bewusst ihnen gegenüber einen möglichen „Wettbewerbsnachteil“. Spätestens jetzt müssten unsere letzten Vorurteile in sich zusammenfallen. Denn ist nicht Serbien jenes Teilgebiet des ehemaligen jugoslawischen Bundesstaates, das auch hierzulande während der Jugoslawienkriege nur allzu gerne als so etwa wie ein Reich des „Bösen“ angeschaut wurde, im Gegensatz etwa zu Slowenien oder Kroatien, die als die „Guten“ galten? Ein Vorurteil, unter dem auch die in der Schweiz lebenden Serbinnen und Serben bis heute leiden. Und jetzt kommt eine Serbin und stellt alles auf den Kopf. „Werte“ und „Kulturen“ prallen aufeinander, aber auf einmal in der genau entgegengesetzten Richtung als in der, welche in unserer Schweizer „Wertewelt“ immer noch so tief verankert ist.

Wenn der Tod von K.J. auch nur im Entferntesten einen „Sinn“ gehabt haben sollte, dann vielleicht den, dass wir endlich zu einer Überwindung dieses über eine viel zu lange Zeit in unsere Köpfe eingebrannte Bild von den „guten Einheimischen“ und den „bösen Fremden“ gelangen und, statt immer nur auf andere zu zeigen, uns selber bei der Nase nehmen, um unsere vielgelobte eigene „Wertewelt“ kritischer als bisher unter die Lupe zu nehmen und daraus die notwendigen Schlüsse zu ziehen. Damit so etwas wie am 13. Februar 2024, aber auch alle weniger brutalen Formen von Gewalt, Demütigung und Erniedrigung von Frauen durch Männer für immer der Vergangenheit angehören. Denn, so Mahatma Gandhi: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für die Welt.“ Es gibt noch viel zu tun.