Archiv des Autors: Peter Sutter

Die „Sonntagszeitung“ vom 4. August 2024 und der Nahostkonflikt: Haben bald nur noch Hardliner das Wort?

Peter Sutter, 13. August 2024

Gleich zwei absoluten Hardlinern in Sachen Nahostkonflikt erteilt die „Sonntagszeitung“ vom 4. August 2024 das Wort und lässt damit jegliche Ausgewogenheit und demokratische Vielfalt auf geradezu fahrlässige Art vermissen. Es handelt sich einerseits um Shira Kaplan, ehemaliges Mitglied des israelischen Nachrichtendienstes (ausführliches Interview auf Seiten 2 und 3), anderseits um den Publizisten Markus Somm (Kolumne auf S. 17).

Schon der Titel des Interviews mit Shira Kaplan: „Was Israel durchmacht, wird auch auf die Schweiz zukommen“ spricht Bände. Einmal mehr das Beschwören der Opferrolle Israels ohne Hinweis darauf, dass die palästinensische Bevölkerung im Gazastreifen seit dem 7. Oktober 2023 wohl unvergleichlich viel mehr mitgemacht und unvergleichbar viel mehr Opfer erbracht hat als die Bevölkerung Israels während dieser Zeit. Und einmal mehr die Solidarisierung der Schweiz mit Israel: Was Israel durchmacht, könnte schon bald auch die Schweiz durchmachen müssen…

Zur gezielten Tötung des Hizbollah-Kommandanten Fuad Shukr und des Hamas-Führers Ismail Haniya meint Kaplan: „Der Schlag zeigte: Wir sind doch zu etwas fähig.“ Das mag sich auch die Regierung der USA nach den Atombombenabwürfen von Hiroshima und Nagasaki gedacht haben: Wir sind doch zu etwas fähig. Was für ein Armutszeugnis, wenn die beste eigene „Fähigkeit“ bloss darin besteht, andere vernichten oder demütigen zu können, statt etwa darin, eine menschenwürdige Politik zu betreiben, sich um gewaltlose Konfliktlösungen zu bemühen, Menschenleben zu retten. Genau das alles aber hat Israel mit diesen „präzisen Vernichtungsschlägen“ verhindert, indem Ismail Haniya ausgerechnet in dem Augenblick, als ein von ihm initiierter Vorschlag für einen Waffenstillstand im Gazastreifen kurz vor dem Durchbruch stand, „eliminiert“ wurde. Haben Kaplan und ähnlich Denkende nicht einen einzigen Funken psychologischen Verständnisses? Ist ihnen wirklich nicht bewusst, dass mit jeder Demütigung des „Gegners“ dessen Wut und Hass nur immer weiter angestachelt wird und das, was man angeblich zu vernichten versucht, dadurch nur immer noch stärker und mächtiger wird? Aber vermutlich wollen sie ja genau das und träumen schon von der letzten und grössten aller Schlachten mit dem Endsieg des „Guten“ gegen das „Böse“.

Nach zehn Monaten Gazakrieg und den quälenden Fragen „Was machen wir da eigentlich? Ist es gut oder schlecht?“ hätte nun, so Kaplan, glücklicherweise wieder das befreiende Gefühl Oberhand bekommen, „wir können etwas erreichen.“ PR-mässig, so Kaplan, sei die Tötung des Hamas-Führers in Teheran ein „Coup“ gewesen, den man zum Beispiel mit der Erschiessung von Osama bin Laden 2011 durch die USA vergleichen könne, und der „in aller Bescheidenheit“ gezeigt habe, wie „kreativ“ Israelis sind, wenn es darum ginge, „gute Lösungen zu finden“. Man kann nur noch leer schlucken…

Vehement wehrt sich Kaplan gegen jede Kritik an Israel „aus der sicheren europäischen Warte“: „Sorry, wir befinden uns zufälligerweise im Nahen Osten und stehen damit an der vordersten Front der westlichen Zivilisation.“ Einer westlichen Zivilisation, die unter Führung der USA seit 1945 über 40 völkerrechtswidrige Kriege und Militärschläge geführt hat und 50 Millionen unschuldige Todesopfer und 500 Millionen Verletzte, Verstümmelte und für den Rest ihres Lebens Traumatisierte zurückgelassen hat…

Noch bunter treibt es Markus Somm in seiner Kolumne unter dem Titel „Von Israel lernen heisst siegen lernen“. Von Michael Gorbatschow und seinem weltberühmten Zitat, wonach man Kriege nicht gewinnen, sondern nur verlieren kann, und echte Siege nur im Schaffen von Frieden bestehen, scheint er noch nie etwas gehört zu haben. „Diese Woche“, so Somm, „hat Israel von neuem bewiesen, dass es vermutlich die schlagkräftigste und intelligenteste Militärmacht der Gegenwart ist.“ Wie pervers muss man denken, dass man eine Militärmacht, die innerhalb von zehn Monaten über 40’000 unschuldige Kinder, Frauen und Männer auf dem Gewissen hat, als „Intelligent“ bezeichnen kann…

Wie für Kaplan, scheint auch für Somm das höchste Ziel die Demütigung des Gegners zu sein – ungeachtet aller daraus möglicherweise resultierender Gegenreaktionen in Form von Wut, Hass, Verbitterung, allfälligen Terroranschlägen oder gar kriegerischen Rachefeldzügen: „Was für eine Demütigung“, frohlockt Somm, „für das Regime der tödlichen Maulhelden in Teheran!“ Die Botschaft sei zwar „primitiv“, doch: „Manchmal ist primitiv besser als kompliziert.“ Merkt Somm eigentlich nicht, dass er mit seinen Ausführungen in höchstem Grade genau das betreibt, was er dem vermeintlichen „Gegner“ unterstellt, nämlich Hass, Aufruf zu Gewalt, Kriegstreiberei? Ist Somm nicht selber das krasseste nur vorstellbare Spiegelbild jener Feinde, die er an die Wand malt? „Wer meint, mit ihnen philosophische Verhandlungen führen zu können ohne ihnen die Hölle heiss zu machen“, so die offensichtlich höchste Stufe seiner Erkenntniskraft, „bleibt besser in der Kaninchenzucht.“ Krieg oder Frieden, so Somm, sei ja gar keine Frage mehr: „Der Krieg ist sowieso schon längst da. Wenn der Westen ihn gewinnen will – ob im Nahen Osten, in der Ukraine oder vielleicht bald in Asien -, dann helfen uns weder humanitäres Völkerrecht noch die UNO, regelbasierte Ordnungen oder gesundbetende Diplomatie, sondern allein eine hochgerüstete Armee und Politiker, die auch bereit sind, sie in Marsch zu setzen.“

Glücklicherweise ist Markus Somm keiner dieser Politiker, sonst wären wir vermutlich schon heute mitten im dritten Weltkrieg. Dass er regelmässig in der „Sonntagszeitung“ mit seinen ewiggestrigen, hasserfüllten und geschichtsverleugnenden Theorien seine Kolumne füllen darf, ist schon schlimm genug. Besser wäre es wohl, er würde seinen eigenen Tipp befolgen und sich zukünftig ausschliesslich der Kaninchenzucht widmen, wobei einem selbst diese Tiere noch leid tun müssten. Doch fast noch schlimmer als seine sonntägliche Hasspredigt ist, dass eine der meist gelesenen Schweizer Zeitungen in der gleichen Ausgabe zwei derartig einseitigen Stimmen das Wort erteilt und weit und breit auch nicht die klitzekleinste redaktionelle Einordnung, Relativierung oder kritische Gegenfrage zu lesen ist. Selbst die Leserschaft scheint vor so viel Gewaltverherrlichung förmlich erschlagen zu sein: In der Ausgabe vom 11. August findet sich zumindest kein einziger Leserbrief, welcher der Empörung über so viel Hass und so viel Einseitigkeit Raum zu verschaffen versucht…

Die Mücke

Was ist denn daran so schlimm, wenn dich mitten in der Nacht eine Mücke sticht? Im Gegenteil, sie hat sich vielleicht schon tagelang auf dieses Festmahl gefreut. Wir werden ja auch nicht zu Tode gequetscht, nur weil wir uns am Sonntag einen feinen Schmorbraten gönnen.

Peter Sutter, 3. August 2024

Olympische Spiele: Sie nennen es ein „Friedensfest“, tatsächlich aber ist es bloss eine andere Form von Krieg…

Und wieder sind der Jubel der einen und die bitteren Tränen der anderen nur um Millimeter und Tausendstelsekunden voneinander entfernt. Soeben sind acht der 55 Teilnehmerinnen des Frauentriathlons, Seite an Seite auf ihren Fahrrädern mit ihren Konkurrentinnen in horrendem Tempo um den Sieg kämpfend, auf dem nassen und glitschigen Boden ausgerutscht und mit voller Wucht knallhart auf dem Kopfsteinpflaster gelandet, ohne Hoffnung, jemals wieder zur Führungsspitze aufschliessen zu können – und schon durchläuft die strahlende Siegerin unter tosendem Applaus des Publikums das Zielband. Und während die weltbeste Turnerin mit einem Sprung, den noch nie zuvor eine ihrer Konkurrentinnen zu meistern vermochte, schon fast im Himmel des Olymps angelangt ist, muss eine andere Wettkämpferin, die als hoffnungsvolle, ehrgeizige junge Boxerin vom genau gleichen Traum der in unendlichem Glück schwimmenden Goldmedaillengewinnerin beseelt war, schon nach wenigen Sekunden aufgeben, weil ihr die Nase von ihrer Gegnerin dermassen brutal zertrümmert wurde und sie nun so benommen ist, dass sie sich beim nächsten noch so harmlosen Treffer ohne Zweifel kaum mehr wird auf den Beinen halten können. Man nennt es ein „Friedensfest“, bei dem sich die weltbesten Athletinnen und Athleten über alle Grenzen hinweg begegnen, um ihre körperlichen Kräfte, ihre Ausdauer, ihre Geschicklichkeit und ihren Mut aneinander zu messen. Tatsächlich aber ist es bloss eine andere Form von Krieg…

Am 26. September 2004 stürzte der belgische Radrennfahrer Tim Pauwels zu Tode, unmittelbar nachdem er einen Herzstillstand erlitten hatte. Am 26. November 2006 starb der Spanier Isaac Gálvez infolge eines Genickbruchs nach einem Sturz im Sechstagerennen von Genf. Am 31. März 2013 kollidierte der Uruguayer Marcélo Gracés bei der Vuelta Ciclista de Uruguay nach einem Lenkerbruch mit einem Begleitmotorrad und verstarb noch bei der Einlieferung ins Krankenhaus. Am 6. Oktober 2019 verlor der Italiener Giovanni Iannelli, nachdem er mit dem Kopf auf eine Betonplatte geprallt und sein Helm dabei zerbrochen war, das Leben. Am 16. Juni 2023 starb der Schweizer Gino Mäder bei der Tour de Suisse, einen Tag, nachdem er bei der Abfahrt vom Albulapass in eine 20 Meter tiefe Schlucht gestürzt war. Und das sind erst fünf von insgesamt 66 Todesfällen, die allein der Radrennsport in den vergangenen 20 Jahren gefordert hat, zu schweigen von einer noch viel höheren Anzahl von Verletzungen, die zwar nicht zum Tode führten, in vielen Fällen aber lebenslange schwerste Folgen für die Betroffenen hinterlassen haben. Und es ist ja nicht nur der Radrennsport, der so viele Opfer fordert. Auch die Liste von Todesfällen und schwersten Verletzungen in vielen anderen Disziplinen des Spitzensports wie Boxen, Kunstturnen, Tennis, Leichtathletik, Skifahren und vielen anderen wäre ellenlang. Mit Gesundheit hat der heutige Spitzensport auch nicht mehr das Geringste zu tun, eher mit dem Gegenteil…

Doch was treibt Menschen dazu an, solche Strapazen, Qualen, Leiden, Schmerzen, jahrelanges eisernes Training und das permanente Risiko schwerer oder sogar lebensgefährlicher Verletzungen auf sich zu nehmen? Es scheint dahinter so etwas wie eine Art ungeschriebenes Gesetz zu stecken, das man wohl am zutreffendsten als Konkurrenzprinzip bezeichnen könnte: Der Wettbewerb, der Wettkampf, das Feld, auf dem jeder Einzelne alles dafür gibt, besser, schneller, stärker, ausdauernder, mutiger zu sein als alle anderen, diese zu übertreffen, zu überflügeln, auszustechen, um am Ende – The winner takes it all, the loser’s standing small – als Einziger ganz zuoberst auf dem Podest zu stehen, auf alle anderen hinunterschauen zu können und vielleicht sogar in die Geschichte oder das Guinnessbuch der Weltrekorde einzugehen.

Doch ist der Spitzensport bei weitem nicht der einzige Lebensbereich, der von Wettbewerb und Konkurrenzprinzip beherrscht wird. Es beginnt schon in der Schule, beim gegenseitigen Kampf um möglichst gute Noten und die besten Zukunftschancen. Die ganze Arbeitswelt besteht aus nichts anderem als darum, besser und schneller zu sein als andere. Jedes Unternehmen will mehr Gewinn abwerfen und grössere Profite erwirtschaften als alle anderen. Jedes Land will im gegenseitigen Ranking der wirtschaftlich erfolgreichsten möglichst weit oben sein und alle anderen möglichst weit hinter sich zurücklassen. Jede Zeitung will mehr Leserinnen und Leserinnen als alle anderen, jeder Fernsehsender höhere Einschaltquoten als alle anderen, jeder Spielfilm und jede Theaterproduktion mehr Zuschauerinnen und Zuschauer als alle anderen, jede Flug- und jede Schifffahrtsgesellschaft mehr Passagiere als alle anderen, jeder neue Popstar ein grösseres Publikum und mehr verkaufte Tonträger als alle anderen Popstars je zuvor, jeder Teenager auf Tiktok mehr Smileys und Likes als alle anderen. Alles und jedes wird miteinander verglichen, bewertet, rangiert und ist von früh bis spät und rund um die Welt so sehr von Konkurrenzdenken und Wettbewerb geprägt, dass wir uns etwas von Grund auf anderes schon gar nicht mehr vorzustellen vermögen. Tief in uns allen scheint die Überzeugung verankert zu sein, genau dies, der gegenseitige Wettkampf um jeden Preis, entspringe der eigentlichen Natur des Menschen und sei die einzige und beste Art und Weise, um auf allen Lebensgebieten und Arbeitsfeldern dem Menschen die grösstmögliche Verwirklichung seiner Leistungsfähigkeiten und seiner Potenziale abzugewinnen.

Doch es ist nur jahrhundertelange Gewöhnung und weil wir nichts anderes kennen. Tatsächlich aber ist das Konkurrenzprinzip um jeden Preis so ziemlich das Absurdeste und Lebensfeindlichste, was man sich nur vorstellen kann. Denn es beruht auf einer fatalen Illusion, auf einer grandiosen Lüge, und nur weil alle diese Lüge für die Wahrheit halten, kann es weiterhin und in immer bedrohlicherem Ausmass sein Unwesen treiben.

Es ist die Illusion und die Lüge, dass alle zu allem fähig sind, wenn sie sich nur genug anstrengen, nur genug hart an sich arbeiten, nur genug Opfer erbringen, nur auf genug vieles verzichten. Denn jeder und jede, so wird es schon den kleinen Kindern erzählt, könne eines Tages ganz oben auf dem Podium stehen, es sei alles nur eine Frage des Willens und der richtigen Einstellung. Und so wie kleine Kinder an Märchen glauben, so glauben sie auch an dieses Märchen und beginnen davon zu träumen, selber eines Tages ein Prinz oder eine Prinzessin zu sein, der reichste und erfolgreichste Mensch der Welt – oder eben, als Gewinnerin oder Gewinner einer Goldmedaille in die Geschichte einzugehen. Und so sind dann auch allzu viele von ihnen bereit, ihre ganze Kindheit und Jugendzeit diesem Ziel zu opfern, schon im Alter von sechs Jahren um fünf Uhr morgens im kalten Wasser des Hallenbads als zukünftige Synchronschwimmerinnen Ausdauerübungen über sich ergehen zu lassen, bis ihnen fast die Luft ausgeht, sich als zukünftige Kunstturnerinnen und Kunstturner von ihren Trainern jede noch so herablassende Beschimpfung und Beleidigung gefallen zu lassen oder als zukünftige Fussballstars erbarmungslos über das Spielfeld hin und her gejagt zu werden, bis ihnen fast der Schnauf ausgeht.

Die Wahrheit ist, dass eben nicht alle alles erreichen können, selbst wenn sie sich bis zur totalen Selbstaufgabe anstrengen würden. Denn das Konkurrenzprinzip beruht darauf, dass ein jeder Sieg und ein jeder Erfolg des einen nur möglich wird durch die Niederlage und den Misserfolg eines anderen. Dass jedes Glücksgefühl der einen nur entstehen kann aus den Tränen, den Schmerzen und den Enttäuschungen vieler anderer. Dass die einen nur deshalb in der Sonne stehen können, weil sie es geschafft haben, alle anderen in den Schatten zu verdrängen. Dass die Siegerin nur deshalb ganz zuoberst auf dem höchsten Podest stehen kann, weil alle anderen nicht dort oben stehen. Dass einige wenige eben nur deshalb ihre Lebensträume verwirklichen können, weil unzählige andere dazu verdammt sind, sie für immer aufzugeben, auch wenn sie alles Menschenmögliche gegeben und sich mehr angestrengt haben, als sie es jemals für möglich gehalten hätten.

Auch in der Schule, wo jede gute Note nur deshalb eine gute Note ist, weil alle anderen schlechter sind. Auch in dem Modegeschäft, wo die Chefin jeweils am Ende des Monats eine Rangliste aufhängt, auf der ihre Mitarbeiterinnen gemäss des in diesem Monat erzielten Umsatzes abgestuft aufgeführt sind – verbunden mit dem stillen Vorwurf an die Letzte, sie hätte sich wohl einmal mehr viel zu wenig Mühe gegeben. Auch in der Gastronomie, im Tourismus, im Detailhandel, bei den Handwerksbetrieben: Erzielen die einen von ihnen bessere Monats- oder Jahresabschlüsse als in der entsprechenden Vorjahresperiode, dann geht das nur, wenn andere Betriebe im gleichen Zeitraum schlechtere Ergebnisse eingefahren haben. Doch solange die Lüge aufrecht erhalten bleibt, wonach alle alles erreichen können, wenn sie denn nur wollen, solange werden alle, welche die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen, stets die Schuld nur bei sich selber suchen und nie bei jener Lüge, die dahinter steckt und alles zusammenhält. Es wird denn auch nie das Ganze in Frage gestellt bzw. neuen Regeln unterworfen oder gar „therapiert“. Therapiert werden nur die einzelnen Individuen, die dem Gesamtsystem zu wenig Nutzen bringen oder bereits dermassen überarbeitet, ausgelaugt oder ihres gesamten Selbstwertgefühls beraubt sind, dass sie nicht mehr „systemkonform“ weiterfunktionieren können.

Das Konkurrenzprinzip und der allgemein gegenwärtige Wettbewerb machen den Menschen zum Feind seiner selbst. Wenn die chinesische Kunstturnerin länger und härter trainiert als je zuvor, zwingt sie, ob sie will oder nicht, alle ihre weltweiten Konkurrentinnen von Brasilien über Frankreich bis Russland dazu, ebenfalls noch länger und härter zu trainieren denn je. Wenn der Postbote des Unternehmens X in noch kürzerer Zeit noch mehr Pakete verteilt als je zuvor, dann zwingt er, ob er will oder nicht, alle Postboten und Postbotinnen der Firma Y dazu, ebenfalls in noch kürzerer Zeit noch mehr Pakete zu verteilen, weil ja alle miteinander unter dem gleichen permanenten Druck stehen, im gegenseitigen Konkurrenz- und Verdrängungskampf nicht unterzugehen. Ob Pizzakuriere, die keine Zeit mehr haben für eine Pause und unterwegs in eine mitgebrachte Flasche pinkeln müssen, ob die Arbeiterinnen und Arbeiter amerikanischer Schlachthöfe, die, weil auch ihnen nicht genügend Pausen gegönnt werden, in Windeln zur Arbeit gehen müssen, ob die Bananenarbeiterinnen in Costa Rica und jene an der Elfenbeinküste und jene auf den Philippinen, deren Unternehmen auf dem Weltmarkt gegenseitig um die grössten Marktanteile kämpfen, ob die Kinder in der Schule, die im permanenten gegenseitigen Wettkampf um die besten Noten und die besten Zeugnisse stehen: Je mehr sich die einen anstrengen, umso mehr sind die anderen gezwungen, sich noch mehr anzustrengen – das Konkurrenzprinzip ist das beste, effizienteste und raffinierteste Mittel, alle zu immer höheren Leistungen anzutreiben, die Peitsche in den Händen der Sklaventreiber des 21. Jahrhunderts, der gegenseitige Überlebenskampf in tödlichem Wasser, wo nicht genügend Rettungsringe für alle vorhanden sind und alle deshalb gezwungen sind, sich gegenseitig diese Rettungsringe unter Aufbietung aller Lebenskraft aus den Händen zu reissen.

Das besonders Fatale daran ist, dass sich dieser gegenseitige, tödliche Konkurrenzkampf aller gegen alle naturgemäss immer weiter verschärft. Da es an der Spitze immer enger wird, muss stets eine immer noch grössere Leistung erbracht werden, um sich gegenüber der Konkurrenz wenigstens einen auch noch so winzigen Vorteil zu verschaffen. Aufwand und Ertrag klaffen immer mehr auseinander, für einen immer kleineren Zugewinn auf der einen Seite müssen immer grössere Opfer auf der anderen Seite erbracht werden. Für den Rest des Lebens kaputttrainierte Körper, die explosionsartige Zunahme von Burnouts auf den Chefetagen, die immer weiter ansteigende Zahl von Depressionen und Suizidversuchen Jugendlicher, zunehmender Drogen- und Medikamentenkonsum, immer längere Warteschlangen vor den Türen von psychotherapeutischen Beratungsstellen, Behandlungszimmern, Therapieräumen und Kliniken: Das ist alles kein Zufall, sondern nur die ganze logische Folge des sich naturgemäss immer weiter verschärfenden Konkurrenzprinzips, vergleichbar einem Karussell, das sich immer schneller dreht und in dem es immer schwieriger wird, sich an den einzelnen Sitzen festzuklammern, um nicht in ein unbestimmtes, bedrohliches Nichts hinausgeschleudert zu werden.

Immer wieder wird behauptet, dies alles liege in der Natur des Menschen. Schon die kleinsten Kinder würden es lieben, sich in gegenseitigem Wettstreit zu messen. Was für eine Unterstellung, was für eine Projektion von Phantasien Erwachsener auf das eben erst erwachte Leben der Kinder. Gerade sie zeigen uns doch am deutlichsten, dass der gegenseitige Wettkampf um Erfolg und Misserfolg eben nicht in der Natur des Menschen liegt. Es stimmt, dass ein Kind zu weinen und zu schreien beginnt, wenn ein anderes zwei Spielzeuglastwagen hat und es selber keinen. Es will das, was andere auch haben. Aber das hat nichts zu tun mit Konkurrenzkampf, sondern nur mit dem elementaren Anspruch auf Gerechtigkeit. Lässt man die kleinen Kinder in Ruhe, so zeigen sie ein so hohes Mass an sozialem Verhalten und sind immer darauf bedacht, alles gerecht untereinander zu verteilen, dass wir Erwachsene nur staunen müssten und immer wieder von ihnen lernen könnten. Viel zu schnell aber leben wir ihnen das Gegenteil vor und müssen uns dann freilich nicht wundern, wenn auch die Kinder möglichst schnell in unsere Fussstapfen treten wollen und nach und nach der Wunsch, stärker, besser und reicher zu sein als andere, das ursprünglich so tief verwurzelte soziale Verhalten nach und nach zu verdrängen beginnt.

Auch ein Blick in die Geschichte der Menschheit zeigt, dass das Konkurrenzprinzip nur eine von vielen, aber beileibe nicht die einzige Möglichkeit ist, wie das Arbeiten und das Zusammenleben in einer Gesellschaft organisiert werden können. Wie der an der Universität Wien lehrende Soziologe Khaled Hakami kürzlich in einem Interview mit der „NZZ am Sonntag“ eindrücklich beschrieben hat, beruht zum Beispiel die Lebensphilosophie der Maniq, einem im südlichen Thailand wohnhaft indigenen Volk, auf einem von Grund auf anderen Wertesystem. Tätigkeiten der täglichen Arbeitswelt werden nicht unterschiedlich bewertet, nichts ist mehr oder weniger wert als anderes. Es gibt keine Hierarchien, keine Anführer, keine sozialen, politischen oder ökonomischen Unterschiede und praktisch keine Gewalt. Es gibt keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern und auch nicht zwischen Kindern und Erwachsenen. Ein Maniq würde nie auf die Idee kommen, auf einen Berg zu rennen oder an einen Strand zu wollen. Die Maniq arbeiten zwei bis vier Stunden am Tag, das reicht, um die nötigen Nahrungsmittel zu beschaffen. Den Rest der Zeit ruhen sie sich aus, liegen herum, rauchen, kuscheln und – modern ausgedrückt – chillen. Das Vergleichen ist ihnen fremd. Sie haben in ihrer Sprache, in der es weder einen Komparativ noch einen Superlativ gibt, nicht einmal die Möglichkeit dazu, ebenso wie es auch keine Vergangenheits- und Zukunftsformen gibt. Die Maniq kennen viele Spiele, aber kein einziges, bei dem man gewinnen oder verlieren kann – ihre Spiele enden dann, wenn einer keine Lust mehr hat. Jeglicher Wettbewerb ist ihnen völlig fremd. Zudem sind sie durch und durch friedfertig und gehen sich bei Streitigkeiten aus dem Weg. Auch kennen sie kein Konzept von Eigentum – wenn sie etwas brauchen, nehmen sie es sich einfach. An Dingen wie Smartphones, Messern oder anderen Objekten der „zivilisierten“ Welt zeigen sie absolut kein Interesse. „Unsere westliche Welt“, so Khaled Hakami, „ist für sie vollkommen bedeutungslos“, und er fügt hinzu, dass die Lebensphilosophie der Maniq, gesamtgeschichtlich betrachtet, nicht eine seltene Ausnahme bildet, sondern das verkörpert, was während der weitaus längsten Periode der Menschheitsgeschichte Normalität war: „So wie wir westliche Menschen heute ticken, haben die meisten Menschen, die je auf diesem Planeten gelebt haben, nie getickt.“

Es ist für uns westliche, „moderne“ Menschen, zutiefst beseelt von einem kaum je in Frage gestellten „Fortschrittsglauben“, offensichtlich kein Thema, dass sich Geschichte auch in eine andere Richtung bewegen könnte als nur in jener einer permanenten Profitmaximierung, Leistungssteigerung und technologischer Perfektionierung. Doch nur schon das Wort „Fortschritt“ zeigt uns, dass wir uns, mit dem ständigen Blick in eine noch „perfektere“ Zukunft, gleichzeitig auch von etwas anderem „fort“ bewegen, was nicht a priori schlechter gewesen sein muss als alles „Moderne“. Käme man zur Erkenntnis, dass wir an einer bestimmten Stelle der Menschheitsgeschichte falsch abgebogen sind, was sollte uns dann daran hindern, zu dieser Stelle zurückzugehen und nochmals nachzuschauen, ob es nicht vielleicht einen besseren Weg gegeben hätte. So wie sich jedes Individuum irren kann, so kann sich auch die Menschheit als Ganzes irren. Doch wäre es nicht ein Zeichen grösster Intelligenz, sich einen solchen Irrtum auch ehrlich einzugestehen und daraus die notwendigen Schlüsse zu ziehen?

Doch auch wenn wir nicht rechtzeitig zu einer solchen Einsicht gelangen, wird uns das Leben früher oder später schlicht und einfach dazu zwingen. Denn bald schon werden die Opfer des weltweiten Konkurrenz- und Wettkampfs aller gegen alle so gross sein, dass sich die daraus entstehenden Probleme auch rein ökonomisch nicht mehr werden bewältigen lassen. Und dann wird und muss das Zeitalter des Gegeneinander ein Ende haben und einem neuen Zeitalter des Miteinander Platz machen. Dann werden wir vielleicht eher wieder so leben wie die Maniq im Süden Thailands und alle unsere Begabungen und Lebenskräfte nicht mehr nur darauf verwenden müssen, potenzielle Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen, sondern dazu, unser Bestmögliches zum Gelingen und zum Wohl des Ganzen beizutragen. Doch müssen wir wirklich so lange warten, bis alles von selber zusammenbricht? Müssen wir wirklich noch so viele unzählige Opfer in Kauf nehmen? Wäre es nicht jetzt schon höchste Zeit für ein radikales Umdenken zum Wohle aller?

Und um auf den Ausgangspunkt dieses Artikels, die Olympischen Spiele, zurückzukommen: Höchstmögliche körperliche und akrobatische Leistungen werden auch in einem neuen Zeitalter des Miteinander zu bewundern sein. Aber nicht mehr in römischen Amphitheatern, bei Gladiatorenkämpfen, in Wettkampfarenen und bei olympischen Spielen im Kampf aller gegen alle um die paar wenigen goldenen, silbernen und bronzenen Medaillen, während alle anderen leer ausgehen. Sondern auf Plätzen mitten in den Städten, auf einem Dorffest oder in einem Zirkus, wo Menschen ihre besten und aussergewöhnlichsten Talente zur Schau stellen können, nie irgendwer mit irgendwem verglichen wird, alle Formen von Ranglisten für immer der Vergangenheit angehören und das Glück, der Triumph und der Erfolg der einen zugleich immer auch das Glück, der Triumph und der Erfolg aller anderen sind.

(Nachtrag am 3. August 2024: Anlässlich der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Paris inszenierten die Sängerin Juliette Armanet und der Pianist Sofiane Pamart auf einem Floss in der Seine treibend und mit einem brennenden Flügel John Lennons „Imagine“. Am polnischen TV-Sender TVP kommentierte ein Moderator diese Darbietung mit folgenden Worten: „Eine Welt ohne Himmel, ohne Nationen und ohne Religion, das ist eine Friedensvision, die alle ergreifen sollte.“ Im Anschluss an die Sendung wurde er entlassen.)

(Nachtrag am 4. August 2024: An den Olympischen Spielen in Paris stemmte sich die Slowakin Tamara Potocká nach ihrem Vorlauf über die 200 Meter Lagen aus dem Becken, brach zusammen und blieb bewusstlos liegen. Später sagte sie: „Ich habe mir gesagt, dass ich alles geben werde und meine Seele im Pool lassen werde.“)

(Nachtrag am 9. August 2024: Seit einer Woche wird heftigst diskutiert, ob die algerische Boxerin Imane Khelif aufgrund ihres männlichen Geschlechtsstatus an den Wettkämpfen der Frauen an den Olympischen Spielen teilnehmen dürfe oder nicht. Es sind zahlreiche Fälle dokumentiert, in denen Sportlerinnen in solchen Fällen schon Suizid begangen haben. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Im Grunde ist Wettbewerb immer unfair. Denn die Hochspringerin mit den längeren Beinen hat nun mal naturgemäss grössere Chancen als die mit den kürzeren Beinen. Der Skirennfahrer Beat Feuz saust dank seines überdurchschnittlichen Körpergewichts logischerweise schneller ins Tal als seine leichteren Mitkonkurrenten. Und die 14jährige Turnerin hat nun mal biegsamere Gelenke als die 24Jährige. Die einzige logische Schlussfolgerung aus dieser Erkenntnis ist, dass Vergleichen immer absurd und ungerecht ist, sei es in der Schule, am Arbeitsplatz oder im Sport. Kein Mensch verfügt in irgendeinem Leistungsbereich über die genau identischen Voraussetzungen wie ein anderer. Man kann schlichtweg, wie es eine Schweizer Redenwendung sagt, Äpfel nicht mit Birnen vergleichen, auch nicht ein Krokodil mit einem Regenwurm, auch nicht Max mit Röbi. Also: Finger weg vom Vergleichen, vom Wettbewerb, vom Konkurrenzprinzip, das immer nur dem „gerecht“ wird, der die besseren Voraussetzungen mitbringt.)

(Nachtrag am 18. August 2024. Was ebenfalls kaum je thematisiert wird, wenn die „erfolgreichsten“ Nationen nach Olympischen Spielen ihre Medaillen zusammenzählen und ihre Ranglisten von den Besten bis zu den Schlechtesten veröffentlichen: Der Leistungsförderung in den reicheren Ländern stehen unvergleichlich viel höhere finanzielle Mittel zur Verfügung. Ihre Sportlerinnen und Sportler sind weitgehend mit viel Geld und allen weiteren zur Verfügung stehenden Raffinessen und Tricks aufgepumpte Leistungsmaschinen, gegen welche die Menschen in den ärmeren Ländern, selbst wenn sie noch so sportlich begabt wären, nicht die geringste Chance haben. Was wieder den Vergleich mit dem Krieg nahelegt, wo Pfeil und Bogen von Naturvölkern hoffnungslos unterlegen sind im Kampf gegen die Panzer und Raketen aus den Ländern der Reichen. Was für ein unsichtbares Potenzial, von dem niemand spricht. Selbst siebenjährige Kinder irgendwo in Indonesien oder auf einer der Pazifikinseln, die auf ihrem täglichen Schulweg gefährlichste Felswände überwinden oder sich durch den dichtesten Dschungel voller gefährlicher Tiere hindurchkämpfen müssen, vollbringen vermutlich grössere körperliche Leistungen als manch eine Europäerin oder ein US-Amerikaner, der soeben von den Olympischen Spielen in Paris mit einer Medaille nach Hause gekommen und dort wie ein Gott empfangen worden ist. Hätte nicht auch jene zwölfjährige Inderin, die zur Coronazeit ihren an einen Rollstuhl gefesselten Vater über 800 Kilometer weit über Strassen und Wege voller Steine und Löcher stiess, eine olympische Goldmedaille verdient?)

Klimawandel und vieles mehr: Der Kapitalismus darf nicht zerbrechen, nur die Menschen, die zu zerbrechlich sind und eine zu wenig dicke Haut haben, um ihn zu überleben…

Peter Sutter, 1. August 2024

„Die Schweiz muss sich besser an die Hitze anpassen“, titelt das Gratisblatt „20 Minuten“ am 30. Juli 2024, dem Beginn einer prognostizierten Hitzewelle, bei der das Thermometer in einzelnen Regionen unseres Landes bis auf über 35 Grad ansteigen dürfte. „Wenn wir jetzt nichts unternehmen, wird die Hitzemortalität, die schon 2022 innerhalb eines einzigen Jahres schweizweit 623 Menschen das Leben gekostet hat, weiter zunehmen“, sagt die Umweltepidemiologin Ana Maria Vicedo-Cabrero und fordert eine „umfassende und systematische Strategie des öffentlichen Gesundheitswesens zum Schutze der Bevölkerung“. Als wirkungsvolle Massnahmen zur Prävention gegen mehr Sterbefälle nennt Vicedo-Cabrero unter anderem „angepasste Kleidung, Reduzierung körperlicher Aktivitäten und Verzicht auf Drogen- und Medikamentenkonsum“. Auch Grünen-Fraktionschefin Aline Trede ärgert sich, dass „zu wenig gemacht wird und vor allem zu wenig koordiniert“. Dabei, so Trede, seien die Grundlagen darüber, was helfe, schon längst klar. So etwa könnten „fliessendes Wasser, angepasste Bäume und Entsiegelungen“ in den Städten für deutlich mehr Abkühlung sorgen.

Der weltweite Kampf gegen den Klimawandel, von dem vor nicht langer Zeit noch die Rede war, scheint sich mittlerweile also nur noch darauf zu beschränken, mit was für Massnahmen die eigene Bevölkerung möglichst wirksam vor den Gefahren zunehmender Hitze geschützt werden kann. So empfiehlt auch das Bundesamt für Gesundheit: Mindestens 1,5 Liter Wasser sollten an einem Hitzetag getrunken werden, Alkohol sei zu meiden, der Konsum von zucker- und koffeinhaltigen Getränken sei zu reduzieren, fettarme Nahrung sei zu bevorzugen, der Körper sollte regelmässig durch kaltes Duschen oder Baden, Lotionen oder Kältepackungen abgekühlt werden, zu Hause sollten tagsüber die Fenster geschlossen werden, Lüften sollte man nur abends, nachts oder morgens früh, körperliche Aktivitäten sollten wenn möglich auf die Morgen- und Abendstunden verschoben werden.

Was für eine Diskrepanz zu jener in der Anfangszeit der grossen Klimademonstrationen immer wieder erhobenen Forderung nach einem „System Change“, einer grundlegenden gesellschaftlichen und ökonomischen Neuorientierung, ausgehend von der Erkenntnis, dass eine auf unbegrenztes Wachstum und unbegrenzte Profitmaximierung fixierte Wirtschaft und das Ziel einer massiven Reduktion der CO2-Emissionen unmöglich miteinander in Einklang gebracht werden können. Auf höchst erschreckende Weise scheint diese so grundlegende, zentrale und alles entscheidende Erkenntnis voll und ganz auf der Strecke geblieben zu sein: Von einem „System Change“ spricht heute fast niemand mehr. Die weit überwiegende Mehrheit der Menschen in den reichen Ländern und die Angehörigen einer wachsenden Oberschicht in den armen und ärmsten Ländern der Welt fliegen auf Teufel komm raus und in immer grösserer Zahl über alle Kontinente, als wäre nichts geschehen. Doch nicht nur das Reisen, auch unzählige andere Luxusvergnügungen, die sich eine privilegierte und immer reicher werdende Minderheit der Weltbevölkerung zu leisten vermag, schlagen alle Rekorde. Nur noch ein paar wenige „Unverbesserliche“ tragen die Hoffnungen, von denen eben noch Millionen junge Menschen weltweit erfüllt waren, in ihren Herzen und müssen zu immer drastischeren Mitteln greifen, um überhaupt irgendwie noch wahrgenommen zu werden, während Millionen andere längst schon alle Hoffnungen auf eine lebenswerte Zukunft wohl für immer begraben haben.

Selbst Menschen, die eben noch an vorderster Front für ein radikales „Umdenken“ und ein neues „Wertesystem“ eintraten und von denen einige sogar von einer baldigen „Zeitenwende“ träumten, scheinen sich kleinlaut damit abgefunden zu haben, dass sie heute bestenfalls noch „Expertinnen“ und „Experten“ sind beim Empfehlen von Massnahmen, mit denen sich eine sowieso schon höchst privilegierte, winzige Minderheit der gesamten Weltbevölkerung mit kühlem Wasser, Kältepackungen, Schatten, geschlossenen Fensterläden, wenig Bewegung, geringem Alkoholkonsum und fettarmer Ernährung gegen die zunehmende Hitze schützen kann, während siebenjährige Kinder in Indien bei 50 Grad auf endlosen Baustellen unter ihren Lasten fast zerbrechen, aus steinharter, tief vertrockneter Erde sich in immer weiter und weiter ausbreitenden Zonen des Südens kaum noch etwas Essbares herausarbeiten lässt, ganze Inselvölker ihre Häuser im Kampf gegen einen unerbittlich steigenden Meeresspiegel für immer zu verlieren drohen und selbst in den „wohlhabenden“ Ländern des Nordens Strassenarbeiter beim Ausgiessen von 160 Grad heissem Asphalt und Landarbeiterinnen beim Ausstechen von Spargeln selbst zur heissesten Mittagszeit wohl nur ein müdes Lächeln übrig haben können, wenn irgendein „Gesundheitsexperte“ in seinem vollklimatisierten Büro die Empfehlung herausgibt, schwere körperliche Arbeit sei in die frühen Morgenstunden oder späten Abendstunden zu verlegen.

Was für ein Triumph für all jene, die, als vor fünf Jahren Millionen von jungen Menschen weltweit mit dem Slogan „System Change“ auf die Strasse gingen, schon das Weiterbestehen des kapitalistischen Wirtschaftssystems in Gefahr sahen. Nun können sie wieder aufatmen. Die Gefahr ist vorüber. Statt die Ursache zu bekämpfen, werden wieder einzig und allein nur die Symptome bekämpft. Statt das System den Menschen anzupassen, wird nun wie eh und je wieder alles daran gesetzt, die Menschen dem System anzupassen. Auch der Skirennfahrerin, die nach einem lebensgefährlichen Sturz das Abtragen einer besonders gefährlichen Schanze fordert, wird von den Rennverantwortlichen gesagt, sie hätte offenbar ihren Beruf verfehlt. Der Kunstturnerin, die sich beim Training den Knöchel gebrochen hat, wird nicht erlaubt, das Training abzubrechen, es wird ihr einfach ein genug dicker Verband angelegt, sodass sie trotz fast unerträglicher Schmerzen das Training fortsetzen kann. Als sich der Postbote bei seinem Vorgesetzten über starke Rückenschmerzen beklagt, die infolge der immer schwereren Pakete und des zunehmenden Zeitdrucks seit Monaten immer mehr zugenommen hätten, wird ihm gesagt, er könne ja kündigen und bei der Konkurrenz eine neue Stelle antreten. Als ein siebzehnjähriger Lehrling auf einer Baustelle infolge einer Betonplatte, die auf seinen Rücken fiel, verstirbt, wird bloss sein direkter Vorgesetzter zur Rechenschaft gezogen, mit keinem Wort aber das dahinter steckende System ständig zunehmenden Zeitdrucks infolge der gnadenlosen Vorgaben von Bauherren, Immobilienfirmen und Investoren auch nur ansatzweise in Frage gestellt. Als ein dreijähriger Bub von einem Lastwagen überrollt wird und seinen schweren Verletzungen erliegt, wird dem Fahrer der Führerschein entzogen, doch an den internen Richtlinien der Firma, welche die Einhaltung der ohnehin schon äusserst knapp bemessenen maximal zulässigen Fahrzeiten bis fast auf die Sekunde reglementieren, wird auch nicht ein einziger Punkt oder ein einziges Komma geändert.

Total überarbeitete und ausgelaugte Angestellte in Führungspositionen, die sich jeden Tag nur noch qualvoll zur Arbeit schleppen, werden zum Psychiater oder in eine Burnoutklinik geschickt, um für ihren Job so schnell wie möglich wieder fit zu werden, ohne dass bei den Arbeitsabläufen der Firma auch nur das Geringste geändert würde. Der Pflegerin im Altersheim, die von einer extrem aggressiven und widerspenstigen Patientin fast zu Tode gebissen worden wäre und nun wünscht, zukünftig bei solchen Einsätzen von einem männlichen Mitarbeiter begleitet zu werden, wird beschieden, dass dies infolge der einzuhaltenden Sparmassnahmen leider nicht möglich sei. Eine Laborantin, die nach 20 Stunden Arbeitseinsatz ohne Pause eine Blutprobe verwechselt hat, was beinahe zum Tod des betroffenen Patienten geführt hätte, nimmt sich das Leben, aber auch ihre Nachfolgerin muss infolge Personalmangels Einsätze von über 20 Stunden ohne Pause leisten und sich dabei permanent davor fürchten, früher oder später ebenfalls einen lebensbedrohlichen Fehler zu begehen. Der Friseurin, die unter fast unerträglichen Schmerzen in den Fingergelenken und ebenso in den Beinen, bedingt durch stundenlanges Stehen, leidet, schlägt ihre Chefin vor, ihr Arbeitspensum zu reduzieren, ohne zu bedenken, dass die alleinerziehende Mutter dann viel zu wenig verdienen würde, um den Lebensunterhalt für sich und ihre Tochter bestreiten zu können. Als eine Umfrage bei vierzehnjährigen Schülerinnen ergibt, dass immer mehr von ihnen dermassen unter dem schulischen Leistungs- und Prüfungsdruck leiden, dass Suizidversuche in erschreckendem Ausmass zugenommen haben, empfiehlt die zuständige pädagogische Fachstelle nicht etwa die Überprüfung der schulischen Vorgaben, sondern, dass sich diese Mädchen halt, zum Beispiel durch sportliche Betätigung, schlicht und einfach eine „dickere Haut“ zulegen müssten. Wenn nach 300 fast pausenlos aufeinanderfolgenden Konzerten die Stimmbänder der Popsängerin versagen, wird ihr jede erdenkliche medizinische Hilfe zuteil, aber nur, damit sie so schnell wie möglich wieder auf der Bühne steht und auch die nächsten 300 Konzerte zur Zufriedenheit all derer, die damit ihr grosses Geld verdienen, einigermassen unbeschadet zu bewältigen vermag. Denn der Kapitalismus, auch wenn er noch so tödlich ist, darf nicht zerbrechen. Zerbrechen dürfen nur all jene, die offensichtlich zu schwach und zu zerbrechlich sind und eine zu wenig „dicke Haut“ haben, um ihn zu überleben.

Als die Umweltepidemiologin Ana Maria Vicedo-Cabrero eine „umfassende und systematische Strategie des öffentlichen Gesundheitswesens zum Schutze der Bevölkerung“ gefordert hat, habe ich mir darunter eigentlich etwas anderes vorgestellt. Aber dass alles mit allem zusammenhängt und sich ohne eine Überwindung des kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells alle jetzt schon mehr als genug grossen Probleme, Belastungen und Zukunftsbedrohungen bis hin zu einer möglichen Auslöschung der gesamten Menschheit infolge von Armut, Hunger, Krieg und Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen nur immer weiter verschärfen werden, solange bloss reine Symptombekämpfung betrieben und den tatsächlichen Ursachen von allem auf den Grund gegangen wird, von diesem Gedanken scheint die weit überwiegende Mehrheit der Menschheit zurzeit meilenweit entfernt zu sein, geblendet durch die ungebrochen wiederholten Heilsversprechen einer Minderheit Privilegierter, die aus allem Elend immer noch genug Nutzen ziehen und deshalb kein Interesse haben an einer grundlegenden Veränderung der bestehenden Machtverhältnisse. Bis auch sie, wie Bertolt Brecht einst sagte, hoch auf ihren goldenen Karossen „von den schwitzenden Zugtieren mit in den Abgrund gerissen werden.“ Noch hätten wir es in der Hand, ein solches Ende zu verhindern. Doch was müsste geschehen, um es nicht so weit kommen zu lassen?

(Nachtrag am 20. August 2024: Der „Tagesanzeiger“ berichtet über ein neu entwickeltes Projekt, bei dem junge Menschen ab 16 Jahren zu „Wellguides“ ausgebildet werden, die mit Schülerinnen und Schülern über Ängste, Sucht und Essstörungen diskutieren sollen. Die „Wellguides“ zeigen, wie man mit seiner psychischen Gesundheit umgeht und wo man sich Hilfe holen kann, sie zeigen als sogenannte „Mental-Health-Influencerinnen“ in aufwendigen Powerpointpräsentationen voller koomplizierter Schemas, wie psychische Krankheiten entstehen, sprechen über Bewältigungsstrategien gegen Stress, weisen auf Internetquellen, Broschüren und Anlaufstellen hin und stellen meistens gleich auch noch die Schulsozialarbeiterin vor, die als Vertrauensperson stets zur Verfügung steht. Nur etwas wird mit keinem Wort erwähnt: Dass es sich bei alledem um reine Symptombekämpfung – und bloss ein weiteres lukratives Geschäftsfeld handelt – handelt, so lange nicht den tieferen Ursachen der psychischen Probleme auf den Grund gegangen wird. Typisch: In den Workshops ist immer wieder die Rede vom Einfluss der sozialen Medien und den durch Klimawandel und Kriege verursachten Ängste. Doch mit keinem Wort wird die Schule mit ihren steigenden Leistungsansprüchen, dem zunehmenden Stress, dem permanenten Prüfungsdruck und dem immer härteren gegenseitigen Konkurrenzkampf um gute Noten, Zeugnisse und Zukunftschancen erwähnt – und dies, obwohl in sämtlichen Umfragen bei Jugendlichen die Schule als Stressfaktor Nummer eins angegeben wird. Doch wird dieses System als etwas so Gottgegebenes, Unveränderbares und Unbeeinflussbares hingenommen, dass nur schon der erste Gedanke an eine mögliche Veränderung dieses Systems sozusagen einem generellen, heimlichen, nicht offen ausgesprochenen und doch einem alles beherrschenden Denkverbot unterworfen ist. Erneut hat auch innerhalb des vergangenen Jahrs die Zahl von Suizidversuchen Jugendlicher zugenommen und liegt jetzt bei fast fünf Prozent. Welche Prozentmarke muss wohl überschritten werden, bis endlich die „Heilige Kuh“ Schule geschlachtet werden kann?)

Mehr als 1000 Worte

Peter Sutter, 31. Juli 2024

Ich sitze in einem Zugabteil zusammen mit einer Mutter aus Japan mit ihren zwei Töchtern, die eine etwa zwölf, die andere etwa neun Jahre alt. Was für ein wunderbares, liebevolles und fröhliches Miteinander. Kaum sagt die eine etwas, lachen die beiden anderen aus vollem Herzen. Schöner kann man sich ein Zusammensein von drei Menschen gar nicht vorstellen. Und auf einmal kann ich nicht anders als ein wenig mitzulächeln, obwohl ich ja kein Wort verstehe. Die Kleine hat das augenblicklich wahrgenommen und wirft mir nun ihrerseits ein so herzliches Lächeln zu, als würde sie mich schon seit Jahren kennen. Jetzt spiegelt sich ihr Lächeln auch im Gesicht der Mutter und der Schwester. Und plötzlich bin ich für eine halbe Stunde Teil dieser Familie geworden. Als ich das Abteil verlasse, geben sie mir alle drei ein allerherzlichstes „Goodbye“ mit auf den Weg. Wir haben zwar kein einziges „richtiges“ Wort gewechselt, aber in unseren Blicken, unserem gegenseitigen Lächeln und einer tiefen, unaussprechlichen Verbundenheit ist zwischen uns vielleicht mehr entstanden als während einer stundenlangen Diskussion zwischen Menschen, die zwar die gleiche Sprache sprechen und wo jedes Wort seine ganz unmissverständliche Bedeutung hat, die aber dennoch so oft nie jene geheimnisvolle Tiefe erreicht, die ich in dieser halben Stunde Zugfahrt zwischen Pfäffikon und Zürich erfahren durfte.

„Wir brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben“: Die absurden Ideen des „Wirtschaftshistorikers“ Tobias Straumann zum Thema Kolonialismus…

Peter Sutter, 30. Juli 2024

„Die Menschen wollen hören, dass unser Wohlstand auf Blut aufgebaut ist“ – so der Titel eines zweiseitigen Interviews mit dem „Wirtschaftshistoriker“ Tobias Straumann in der „Sonntagszeitung“ vom 28. Juli 2024. Schon mit dieser Aussage suggeriert Straumann, dass eine kritische Sicht auf die Geschichte des Kolonialismus offenbar nicht so sehr mit historischen Gegebenheiten begründet sei, sondern vielmehr ein Zugeständnis sei an ein Publikum, welches hören wolle, dass der westliche Wohlstand möglicherweise auf Verbrechen in der Vergangenheit beruhen könnte. Was für eine absurde Behauptung! Tatsächlich ist es doch genau umgekehrt: Die meisten Menschen wollen eben gerade nicht ein schlechtes Gewissen haben und möglichst nicht daran erinnert werden, dass unser westlicher Wohlstand auch eine ganz andere, dunkle Seite haben könnte. Umso wichtiger ist die wissenschaftliche Aufarbeitung der Zusammenhänge zwischen Reichtum auf der einen, Elend und Ausbeutung auf der anderen Seite. Aber davon will Straumann, wie die folgenden Ausschnitte aus dem Interview zeigen, offensichtlich ganz und gar nichts wissen.

Auf die Frage, ob die Schweizerinnen und Schweizer ein Volk von Ausbeutern, Profiteuren und Komplizen des Kolonialismus sei, antwortet Straumann mit der Gegenfrage: „Wie kommen Sie darauf?“, um dann weiter auszuführen: „Ein solches Bild ist völlig übertrieben.“ Im Widerspruch dazu steht dann aber folgende Aussage: „Wir wissen schon lange, dass Schweizer Kaufleute bereits im 18. Jahrhundert sehr international orientiert waren und deshalb direkt oder indirekt mit Kolonialismus und Sklaverei zu tun hatten.“ Aha, also doch? Gänzlich kann ja auch Straumann nicht sämtliche historische Tatsachen ausblenden. Und doch geht durch seine ganzen Ausführungen hindurch ein fast reflexartiges sich Aufbäumen und die Zurückweisung all jener Theorien, wonach die Schweiz einen wesentlichen Anteil ihres Wohlstands kolonialer Ausbeutung in Vergangenheit und Gegenwart verdanke: „Dass die Schweiz mitverantwortlich sei für das Elend der Welt“, so Straubhaar, „diese Behauptung ist historisch und theoretisch falsch.“

Vielmehr sei, so Straumann, der heutige Wohlstand der Schweiz – und damit auch der anderen westlichen Länder des globalen Nordens – sozusagen fast ausschliesslich der Eigenleistung dieser Länder zu verdanken: „Länder werden nur reich, wenn sie konstant die Effizienz und die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft durch Forschung, Entwicklung und Innovation zu steigern vermögen.“ Deshalb kann Straumann auch den Thesen von Howard French, US-Publizist, Uniprofessor und Autor des Bestsellers „Afrika und die Entstehung der modernen Welt“, wonach erst die Gewinne aus dem transatlantischen Sklavengeschäft die europäische Industrialisierung ermöglicht hätten, ganz und gar nichts abgewinnen: „Diese These ist falsch, kein seriöser Historiker teilt sie.“

Was aber tatsächlich falsch ist, das ist nicht diese These von Howard French, sondern die Behauptung Straumanns, die europäische Industrialisierung – und damit die Grundlage des modernen Kapitalismus – hätte nichts zu tun mit dem transatlantischen Sklavengeschäft. Das pure Gegenteil ist der Fall. Nur dank der gnadenlosen Ausbeutung von rund 15 Millionen afrikanischen Sklavinnen und Sklaven auf den Plantagen und in den Bergwerken Amerikas konnten jene Profite erwirtschaftet werden, dank denen europäische Banken und Handelshäuser entstehen konnten und damit die finanzielle Basis für die Industrialisierung. Und nur weil alle hierzu benötigten Rohstoffe wie Baumwolle, Metalle, aber auch Landwirtschaftsprodukte wie Zucker, Kakao und Kaffee zu dermassen tiefen Preisen oder fast kostenlos aus dem Süden in den Norden verfrachtet wurden und dort zu industriellen Fertigprodukten verarbeitet und zu einem x-fach höheren Preis weiterverkauft werden konnten, wurden die Länder des Nordens immer reicher und verarmten die Länder des Südens gleichzeitig immer mehr – koloniale Ausbeutung, die bis zum heutigen Tag ungebrochen weitergeht: Wo früher in den Ländern des Südens Nahrungsmittel für die Eigenversorgung angebaut wurden, werden heute fast ausschliesslich Produkte angebaut, die für den Export in die reichen Länder bestimmt sind, der überwiegende Teil davon Luxusprodukte, die auf den Tischen der Reichen landen, und zwar in einem derartigen Überfluss, dass rund ein Drittel davon gar nicht konsumiert wird, sondern im Abfall landet – während gleichzeitig in den Ländern des Südens jeden Tag rund 10’000 Kinder schon vor dem Erreichen ihres fünften Lebensjahrs sterben, weil sie nicht genug zu essen haben.

Tatsachen, die heute in jeder einigermassen seriösen wissenschaftlichen Analyse zu finden sind. Ich frage mich, was für Bücher Tobias Straumann liest. Und ich frage mich, ob er sich noch nie gefragt hat, weshalb die Schweiz so reich ist. In Anbetracht der Tatsache, dass die Schweiz praktisch über keinerlei Bodenschätze verfügt und der Anteil der landwirtschaftlichen Nutzfläche weit geringer ist als in den meisten anderen Ländern, müsste die Schweiz nämlich eines der ärmsten Länder der Welt sein. Dass sie eines der reichsten ist, ist nur mit – kapitalistischen – Handels- und Ausbeutungsbeziehungen zu erklären: Grosskonzerne wie Nestlé verdanken ihre Riesengewinne nahezu ausschliesslich der Differenz zwischen tiefen Rohstoffpreisen und x-fach höheren Preisen für Fertigprodukte – von den zehn Franken, die wir bei Starbucks für eine Tasse Kaffee bezahlen, sieht die Kaffeebäuerin in Kenia, die zwölf Stunden pro Tag schuftet und mit ihrem Lohn dennoch ihre Familie kaum zu ernähren vermag, bloss ein paar wenige Rappen. Keinen Tropfen Öl finden wir in Schweizer Boden, kein Körnchen Gold und kein Körnchen Silber, keinen einzigen Diamanten, nicht ein Milligramm Lithium oder Kobalt – und doch verdienen Rohstoffkonzerne wie Glencore oder Xstrata mit dem Kaufen und Verkaufen dieser Produkte und mit ihrem Hin- und Herschieben über den gesamten Globus Milliardengewinne. Auch von den fast 8000 Milliarden Franken, welche auf Schweizer Banken liegen, stammt rund die Hälfte aus dem Ausland, gewonnen aus der Verwertung natürlicher Ressourcen und der Arbeitsleistung von Millionen von zu Hungerlöhnen schuftender Arbeiterinnen und Arbeiter in Ländern, wo es an allem mangelt. Laut der Entwicklungsorganisation Oxfam erwirtschaftet die Schweiz im Handel mit sogenannten „Entwicklungsländern“ einen 50 Mal höheren Gewinn, als sie diesen Ländern in Form von „Entwicklungshilfe“ wieder zurückerstattet. Wenn Straumann behauptet, der „Anteil der Schweizer Wirtschaft am globalen Kolonialismus“ sei „unbedeutend“ gewesen, so ist das nichts anderes als eine totale Geschichtsverfälschung. Kolonialismus besteht ja nicht nur darin, wie stark ein Land in den transatlantischen Sklavenhandel verstrickt war – obwohl auch hier die Schweiz durchaus ganz gehörig ihre Finger im Spiel hatte, wie mehrere neuere Studien belegen -, sondern vor allem auch darin, wie stark ein Land in das global installierte kapitalistische Wirtschafts-, Ausbeutungs- und Machtsystem integriert ist – und es wird wohl niemand ernsthaft bestreiten können, dass die Schweiz da an vorderster Front stets mit dabei ist, dieses Land, das Jean Ziegler dereinst sogar als „Gehirn des Monsters“ bezeichnete.

Tatsachen, von denen Straumann offensichtlich nichts wissen will. Stattdessen versteigt er sich zu Behauptungen wie „Handel entsteht dann, wenn beide Seiten einen Gewinn daraus ziehen“, „Die überwiegende Mehrheit der Weltbevölkerung hat heute einen viel höheren Lebensstandard als praktisch alle Menschen, die vor 1800 lebten“, „Der Westen ist die einzige Kultur, welche die Sklaverei wirklich abgeschafft hat“ und „Selbstkritik ist eine grosse Stärke der westlichen Kultur“. Aussagen, die jeglicher wissenschaftlicher Seriosität zutiefst widersprechen: Erstens wäre es ja schön, wenn Handel immer beiden Seiten zugute käme, aber diese Idealvorstellung existiert wohl nur in der naiven Traumwelt eines „Wissenschaftlers“, der selber zu jener Gesellschaftsschicht gehört, die von finanziellen Alltagssorgen fast gänzlich befreit ist und offensichtlich nicht mehr mitbekommt, dass die meisten „Handelsbeziehungen“ stets auch mehr oder weniger krasse „Ausbeutungsbeziehungen“ sind, in denen höchst selten alle über die gleich langen Spiesse verfügen, um ihre Interessen auch tatsächlich adäquat durchzusetzen. Zweitens trifft es zwar zu, dass ein grosser Teil der Weltbevölkerung über ein historisch einmalig hohes Niveau von Wohlstand verfügt, aber eine solche Behauptung verliert ganz und gar ihre Glaubwürdigkeit, wenn man nicht gleichzeitig auch darauf hinweist, dass die Einkommens- und Vermögensunterschiede weltweit ebenfalls in der Geschichte noch nie so gross waren wie heute und dass der „durchschnittliche“ Wohlstand all jenen über 800 Millionen Menschen, die jeden Abend hungrig schlafen gehen, ganz und gar nichts nützt, und zudem der heutige „Wohlstand“ zu einem überwiegenden Teil auf einer derart massiven Ausbeutung der natürlichen Lebensgrundlagen beruht, dass von diesem „Wohlstand“ für zukünftige Generationen nur wenig oder vielleicht sogar überhaupt nichts mehr übrig bleiben wird. Drittens ist es geradezu zynisch, davon zu sprechen, der Westen sei die einzige „Kultur“, welche die Sklaverei abgeschafft habe. Bevor man sie nämlich abschaffen konnte, musste man sie erst einmal schaffen, und dies war ganz und gar ein Werk kapitalistisch-westlicher „Kultur“. Zudem verschweigt Straumann an dieser Stelle, dass sklavenartige Arbeitsverhältnisse bis in die Gegenwart andauern: Noch heute müssen gemäss Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation ILO weltweit 28 Millionen Menschen Zwangsarbeit verrichten, auf Baustellen, in Steinbrüchen, auf Feldern, in Minen, in Textilfabriken, als Hausangestellte oder in der Prostitution. 160 Millionen Kinder zwischen 5 und 17 Jahren sind gezwungen, einer Erwerbsarbeit nachzugehen, weil ihre Familien sonst nicht überleben könnten, viele von ihnen müssen unter gefährlichen Bedingungen arbeiten, sind giftigen Substanzen ausgesetzt oder müssen viel zu schwere Lasten tragen. Viertens ist auch die Behauptung, Selbstkritik sei eine „grosse Stärke der westlichen Kultur“ in Anbetracht der Tatsache, dass die USA als führende westlich-kapitalistische Staatsmacht seit 1945 über 40 völkerrechtswidrige Kriege und Militärschläge mit über 50 Millionen Todesopfern angezettelt haben, ohne dass dies jemals zu Einsicht, Reue oder einer grundsätzlichen Neubesinnung geführt hätte, mehr als vermessen.

Befremdlich ist nicht nur, dass ein „Wirtschaftshistoriker“ mit Fakten und Zusammenhängen, die doch eigentlich sein Forschungsgebiet sein müssten, dermassen einseitig und geradezu demagogisch umgeht, bloss um sein eigenes Weltbild aufrechtzuerhalten und gegen jegliche Störfaktoren zu verteidigen. Mindestens so befremdlich ist, dass ein allgemein als seriös und „objektiv“ wahrgenommenes Informationsmedium wie die „Sonntagszeitung“ solchen Ausschweifungen ganze zwei Zeitungsseiten zur Verfügung stellt, ohne wenigstens in Form eines redaktionellen Kommentars die eine oder andere Aussage zu relativieren, zu ergänzen oder kritisch zu hinterfragen. Auf erschreckende Weise wird in solchen Momenten deutlich, wie weit Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien offensichtlich schon zu einem Machtsystem verschmolzen sind, das bereits als völlig „normal“ und „alternativlos“ hingenommen wird und keine grundsätzlich anderen Sicht- und Denkweisen mehr zulässt. Mitgeschrieben von einem „Wirtschaftshistoriker“, von dem man eigentlich erwarten würde, ein bisschen etwas sowohl von Wirtschaft wie auch von Geschichte zu verstehen, und der sogar so anmassend ist, seine eigene „Wahrheit“ als die einzig richtige darzustellen und allen anderen vorzuwerfen, sie hätten bloss populistische Motive und würden nur deshalb die Geschichte des Kolonialismus kritisch analysieren, weil dies gerade „im Trend“ und nun leider auch „auf die Schweiz übergeschwappt“ sei.

Die Blaue Moschee in Hamburg: Der „Terrorismus“ in unseren Köpfen und die Frage, ob nicht alles auch ganz anders sein könnte…

Peter Sutter, 26. Juli 2024

„Der Aussenposten des Iran muss schliessen“, so berichtet der schweizerische „Tagesanzeiger“ vom 25. Juli 2024. Gemeint ist das vom deutschen Innenministerium erlassene Verbot des Islamischen Zentrums Hamburg, welches nach Ansicht der deutschen Behörden „Terror und Islamismus“ propagiere. Vermummte und bewaffnete Beamte seien um 6 Uhr früh vorgefahren, mit Trennschleifern und einer Ramme, zur Razzia in der Imam-Ali-Moschee, auch genannt „Blaue Moschee“, Sitz des Trägervereins Islamisches Zentrums Hamburg (IZH). Wenig später hätten Polizisten die ersten „Kartons mit Beweismaterial“ herausgetragen, darunter „einen Sack voller Geldmünzen“. Ebenso seien fünf weitere Vereine verboten worden, die „teilweise oder komplett unter der Kontrolle des IZH“ stünden. Die Polizisten hätten zudem insgesamt weitere 53 „dem IZH ideologisch nahestehende Einrichtungen in acht deutschen Bundesländern“ untersucht. Das deutsche Innenministerium begründe das Verbot damit, dass das IZH „gegen die verfassungsmässige Ordnung der Bundesrepublik Deutschland und den Gedanken der Völkerverständigung gerichtet“ sei und ausserdem „gegen Strafgesetze“ verstosse. Dem IZH werde „Terrorunterstützung“ vorgeworfen, insbesondere die Unterstützung der in Deutschland verbotenen libanesischen Hizbollah. Das IZH, so die deutsche Innenministerin Nancy Faeser, propagiere eine „islamistische, totalitäre Ideologie“, die sich „gegen die Menschenwürde, gegen Frauenrechte, gegen eine unabhängige Justiz und gegen unseren demokratischen Staat“ richte. Dazu käme ein „aggressiver Antisemitismus“. Als weiterer zentraler Grund für das Verbot wird ins Feld geführt, dass das IZH den deutschen Behörden als „Aussenposten des iranischen Regimes“ gelte, das „unter dem Deckmantel einer ganz normalen Moscheegemeinschaft und Bildungsinstitution“ agiere.

Auch das schweizerische „Tagblatt“ vom 25. Juli spricht vom IZH als „Irans Vorposten in Europa“, als „Spionagenest“ und „Propagandazentrale der Mullahs“, welche „totalitäre Herrschaftsmodelle“ propagiere, „gegen Juden und gegen Israel“ hetze und die in Deutschland verbotene „Terrororganisation“ Hizbollah unterstütze. Der Hamburger Verfassungsschutz beobachte das IZH bereits seit 1993. Anfang 2020 sei in der Blauen Moschee eine Trauerfeier für Qassem Soleimani abgehalten worden, den General der iranischen Revolutionsgarden, den das amerikanische Militär auf Befehl des damaligen US-Präsidenten Donald Trump getötet hatte. Lange Zeit aber sei das IZH zumindest von Teilen der Hamburger Politik „als Partner betrachtet“ worden, bis 2022 hätte das IHZ der Schura angehört, einem Rat islamischer Gemeinschaften, mit denen Hamburg einen Staatsvertrag abgeschlossen hatte, um Fragen von beiderseitigem Interesse, wie etwa den Religionsunterricht, zu regeln. Erst 2022 seien das IZH und einige kleinere Organisationen aus der Schura ausgetreten, nachdem „Politiker von CDU und Grünen ihren Rauswurf gefordert“ hätten.

Beim Lesen der beiden Artikel macht mich einiges stutzig: Wenn das IZH bereits seit 1993 unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stand, also seit über 30 Jahren, dann können ja die Gründe für das jetzt vollzogene Verbot nicht allzu schwergewichtig gewesen sein, sonst hätte man ja dieses Verbot schon viel früher erlassen. Völlig befremdlich erscheint mir auch, dass ausgerechnet die Trauerfeier für Qassem Soleimani anstössig gewesen sein soll, während das wirklich Anstössige daran wohl eher darin bestehen dürfte, dass dieser Repräsentant der iranischen Revolutionsgarden auf Befehl der US-Regierung umgebracht worden war – man stelle sich einmal vor, die iranische Regierung würde die Ermordung des deutschen Bundespräsidenten in Auftrag geben! Ebenfalls zu denken geben muss die Tatsache, dass das IZH bis 2022 bei der Schura mitmachte und sich somit einem interreligiösen Dialog verpflichtet hatte, der erst durch die Initiative deutscher Politiker zerstört wurde. Vielsagend erscheint mir auch, dass zwar immer wieder von „totalitärer Ideologie“, „Antisemitismus“, „Verstössen gegen Menschenwürde und Demokratie“, „Verletzung der verfassungsmässigen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland“ und dergleichen die Rede ist, es sich dabei aber offensichtlich bloss um Unterstellungen und Vermutungen zu handeln scheint, während sich die tatsächlichen „Beweise“ für all das vorerst auf einen „Karton mit Beweismaterial“ und einen „Sack voller Geldmünzen“ beschränken.

Etwas differenzierter wird das Verbot der IZH in der „Zeit online“ vom 24. Juli dargestellt: „Die Blaue Moschee“, so ist zu lesen, „ist nicht nur ein politischer, sondern auch ein religiöser Ort. Das, was Gläubige dort vom Imam zu hören bekommen, ist laut dem Bundesinnenministerium nicht verbotswürdig. In Verlautbarungen treten die Verantwortlichen gemässigt auf. Die Predigten lassen sich sogar auf dem YouTube-Kanal des Islamischen Zentrums abrufen. Zum Gebet kommen nicht nur Radikale, viele Besucherinnen und Besucher sind konservativ oder moderat. Man kann das Islamische Zentrum deshalb nicht verbieten, ohne einen Plan zu entwickeln, wie man die Lücke schliesst, die man damit in das religiöse Gefüge und die Glaubenspraxis von 30’000 Menschen reisst. Sollte sich bei diesen der Eindruck verfestigen, ein Verbot des IZH sei ein Angriff auf ihre Religion als Ganzes, dann könnten sich Teile der schiitischen Gemeinde radikalisieren. Die Hamburger Innenbehörde hat sich mit dem Szenario noch nicht auseinandergesetzt, wie Insider aus Behördenkreisen sagen. Das sollte sie aber – eine mögliche Radikalisierung einzelner Schiiten abseits der Blauen Moschee würde nicht vor den Augen der Sicherheitsbehörden ablaufen, sondern verdeckt in Hinterzimmern.“

Könnte es sein, dass das Verbot des Islamischen Zentrums Hamburg nicht nur mit diesem selber bzw. seiner ihm unterstellten zunehmenden Radikalisierung zu tun hat, sondern ebenso auch mit einer zunehmenden Radikalisierung deutscher bzw. westlicher Regierungspolitik, verstärkt durch eine zunehmend polarisierte, auf das Schüren von Feindbildern ausgerichtete und von den Medien systematisch geschürte öffentliche Meinungsbildung? Vieles deutet darauf hin. Es ist wohl kein Zufall, dass zum Beispiel auch die Tageszeitung „Junge Welt“ seit 1998 regelmässig im Verfassungsschutzbericht erwähnt wird. Ihr wird zur Last gelegt, sich an marxistischen Gesellschaftsanalysen zu orientieren, eine Überwindung des Kapitalismus zu fordern und eine sozialistische Gesellschaftsordnung anzustreben, was angeblich gegen eine „freiheitliche demokratische Grundordnung“ verstosse und deshalb als „linksextremistisch“ einzustufen sei. Vergeblich klagte die „Junge Welt“ unlängst gegen diese Diffamierung, welche sie sowohl bei ihrer redaktionellen Meinungsfreiheit, bei der Suche nach Autorinnen und Autoren wie auch beim Gewinnen von Werbepartnern stark einschränke: Am 18. Juli 2024 wies das Verwaltungsgericht Berlin die Klage ab und beurteilte die Beobachtung der „Jungen Welt“ durch den Verfassungsschutz als gerechtfertigt, Differenzierungen zwischen Marxismus, Leninismus und Stalinismus, wie sie der „Jungen Welt“ bei ihrer redaktionellen Arbeit wichtig sind, liess das Gericht nicht gelten. Ebenso, wie ganz allgemein Differenzierungen in der öffentlichen Meinungsbildung eine zunehmend schwindende Bedeutung haben: Beinahe unterschiedslos werden immer öfters Begriffe wie Islam, Islamismus und Terrorismus in den gleichen Topf geworfen, auch zwischen „links“ und „linksextrem“ wird kaum mehr ein Unterschied gemacht, mit dem Begriff „Nazi“ wird immer inflationärer um sich geworfen und jeder, der es auch nur ansatzweise wagt, den von der israelischen Regierung im Gazastreifen begangenen Völkermord anzuprangern, wird sogleich als „Antisemit“ abgestempelt. Hauptsache, wir sind die Guten und alle anderen sind die Bösen. Bezeichnend ist auch, dass die kürzlich erfolgte Zusicherung des neuen iranischen Präsidenten Massud Peseschkian, sein Land werde keine Atombomben bauen, keinerlei Eingang fand in die westlichen Mainstreammedien. Dies, nachdem die Atombombengefahr durch Iran seit Jahrzehnten von westlichen Politikern und Medien an die Wand gemalt wurde und auch als Grund für harte wirtschaftliche Sanktionen diente. Aber einer Mitteilung wert ist offensichtlich nur das, was möglichst haargenau ins bestehende Feindbild hineinpasst.

Auch der Begriff des „Terrorismus“ ist, aus westlich-kapitalistischer Warte, so klar und eindeutig besetzt, definiert und tief in den Köpfen verankert, dass man sich gegenteilige Interpretationen schon gar nicht mehr zu denken wagt. Einfach gesagt: Das „Gute“ ist die „demokratisch-freiheitliche“ Ordnung des Westens und ihrer Wertewelt, angeführt von den USA als Weltmacht Nummer eins. Alles, was sich gegen diese Wertewelt auflehnt, ob die iranischen Revolutionsgarden, Putin, die libanesische Hizbollah, ewiggestrige Marxisten und Kommunisten oder die Blaue Moschee in Hamburg ist „Terrorismus“ und daher mit allen Mitteln zu bekämpfen.

Doch könnte man das Ganze nicht auch in der genau entgegengesetzten Richtung sehen? Wo, wie und weshalb entsteht denn überhaupt „Terrorismus“? Weshalb lebten in Palästina alle Menschen friedlich miteinander und gab es dort keine „Terroristen“, bevor die jüdischen Siedler ins Land kamen und die arabische Bevölkerung aus ihren Wohngebieten zu verdrängen begannen? Entstanden „terroristische“ Volksbefreiungsbewegungen in südamerikanischen Ländern nicht ausgerechnet immer gerade dort, wo Militärdiktaturen am verheerendsten wüteten? War die libanesische Hizbollah nicht eine militante Antwort auf den völkerrechtswidrigen Einmarsch israelischer Truppen in den Süden Libanons im Jahre 1982? Sind „terroristische“ Verbände wie die ISIS nicht letztlich eine Folge des völkerrechtswidrigen Kriegs der USA gegen den Irak im Jahr 2003? „Terrorismus“ ist die Waffe in der Hand der Ohnmächtigen, der Ausgestossenen, der Ungeliebten, der Gedemütigten, derer, die so verzweifelt sind, dass sie am Ende sogar bereit sind, ihr eigenes Leben zu opfern, bloss um die Welt ein bisschen gerechter zu machen. „Wenn man einem Menschen verbietet, das Leben zu leben, das er für richtig hält“, sagte Nelson Mandela, „hat er keine andere Wahl, als zum Rebell zu werden.“

Das grösste terroristische Netzwerk aller Zeiten ist nicht Al-Qaida, IS oder andere „islamistische“ Gruppierungen. Auch nicht die Hizbollah oder die Hamas. Auch nicht die Farc oder andere lateinamerikanische Widerstandsbewegungen. Auch nicht die Blaue Moschee in Hamburg. Und schon gar nicht linke Zeitungen wie die „Junge Welt“. Das grösste terroristische Netzwerk aller Zeiten ist das zunächst von Grossbritannien, später von den USA angeführte kapitalistische Wirtschafts- und Machtsystem, das beinahe die gesamte indigene Urbevölkerung Amerikas ausgelöscht, rund 15 Millionen afrikanische Kinder, Frauen und Männer als Sklavinnen und Sklaven nach Amerika deportiert, den amerikanischen wie auch den afrikanischen Kontinent innerhalb weniger hundert Jahre seiner sämtlichen Reichtümer beraubt und die Früchte und Bodenschätze des Südens in den Luxus des Nordens verwandelt hat. Es ist das kapitalistische Wirtschafts- und Machtsystem, das mit seiner Speerspitze in Form des US-Imperialismus verantwortlich ist für über 40 völkerrechtswidrige Kriege und Militärschläge allein seit 1945, denen insgesamt rund 50 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind und das 500 Millionen verletzte, verstümmelte und traumatisierte Menschen zurückgelassen hat. Es ist das kapitalistische Wirtschafts- und Machtsystem, das bis heute Tag still und heimlich jeden Tag rund 10’000 Kinder schon vor ihrem fünften Lebensjahr ermordet, weil all die Lebensmittel, mit denen diese Kinder ernährt werden könnten, in ferne Länder geschafft werden, wo sie möglichst gewinnbringend verkauft werden. Und es ist dieses kapitalistische Wirtschafts- und Machtsystem, das unbeirrt am Dogma eines endlosen Wachstums festhält und aus reiner Profitgier die Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen systematisch zerstört.

Wenn der Kapitalismus ins Gesicht des vermeintlichen „Terrorismus“ schaut, dann schaut er ins Spiegelbild seines eigenen Gesichts. Damit aber kann er sich gleichzeitig aller seiner Verbrechen entschuldigen und entledigen, denn wenn das andere das „Böse“ ist, dann muss er selber logischerweise das „Gute“ sein. Und er wird, mit jeder Polizeitruppe, die frühmorgens um sechs Uhr ausrückt, mit jeder Drohne, die irgendwo über „Feindesland“ abgeworfen wird, mit jeder Zeitung, die verboten wird, mit jeder Nachricht, die gezielt verschwiegen wird, mit jeder Zahl, die ins Gegenteil verdreht wird, und mit jedem Satz und jeder Schuldzuschreibung, mit der Wörter zusammengeworfen werden, die nichts miteinander zu tun haben, alles daran setzen, dass die Wahrheit so lange wie nur irgend möglich nicht ans Licht kommt.

(Dies alles soll freilich nicht darüber hinweg täuschen, dass auch im Islam – wie übrigens in jeder anderen Religion ebenso – extremistische Tendenzen oder Bewegungen nie ganz ausgeschlossen werden können und fanatische oder gar Hass predigende Wortführer durchaus eine höchst gefährliche und schädliche Wirkung entfalten können. Deswegen aber gleich ganze Kirchenhäuser zu schliessen, den Dialog abzubrechen und Beschuldigungen auf ganze Religionsgemeinschaften auszudehnen, ist zweifellos der genau falsche Weg und führt in aller Regel zu Radikalisierungen, Abspaltungen und all dem, was man eigentlich verhindern möchte. Der seit Jahrzehnten an vielen Orten der Welt höchst erfolgreich geführte interreligiöse Dialog, um sich gegenseitig besser zu verstehen und voneinander zu lernen, ist wohl eine der wichtigsten Errungenschaften unserer Zeit und darf auf keinen Fall leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden.)

Topmodel Bella Hadid eine Antisemitin? Höchst tendenziöse Berichterstattung in der „Sonntagszeitung“ vom 21. Juli 2024…

Peter Sutter, 21. Juli 2024

Unter dem Titel „Noch jemand wach im Marketing?“ wirft Marlene Knobloch in der „Sonntagszeitung“ vom 21. Juni Bella Hadid, mit der Adidas seine neuen Sneaker bewirbt, „Antisemitismus“ vor, weil sie auf Demos den Slogan „From the River to the Sea, Palestine will be free“ brülle. Knobloch wirft die Frage auf, ob es wohl „eine gute Idee“ gewesen sei, als „Gesicht für diese Werbekampagne“ eine „palästinensische Aktivistin“ zu wählen, die „regelmässig gegen den israelischen Staat austeilt“. Ohne auch nur einen einzigen weiteren Beleg für die angeblich antisemitische Haltung von Bella Hadid anzuführen, vergleicht Knobloch im gleichen Atemzug diese Werbekampagne mit jener aus dem Jahre 2013, als das damalige Adidas-Markengesicht Kanye West ein Hakenkreuz auf eine Schuhskizze gekritzelt und einem Adidas-Mitarbeiter geraten haben solle, jeden Tag ein Bild von Hitler zu küssen.

Warum verschweigt Knobloch, dass man den erwähnten Slogan auch ganz anders interpretieren kann? So versteht ihn der amerikanische Historiker Robin D.G. Kelley als „Forderung nach einem einheitlichen, demokratischen und säkularen Staat, in dem die Juden volle Gleichberechtigung geniessen sollten.“ Die israelischen Historiker Amos Goldberg und Alon Confino weisen darauf hin, dass man, wenn man den Slogan als Forderung nach der Zerstörung Israels interpretiert, dann konsequenterweise auch die israelische Forderung nach einem „Gross-Israel vom Mittelmeer bis zum Jordan“ als Aufruf zur Vernichtung des palästinensischen Volkes ansehen müsste. Und Ruth Dreifuss, ehemalige Schweizer Bundesrätin mit jüdischen Wurzeln, sagt: “Ich verstehe diese Parole so, dass die Region vom Jordan bis zum Mittelmeer frei sein soll von Krieg und Diskriminierung. Das wäre eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts.”

Wozu eine so tendenziöse Berichterstattung? Wird nicht ohnehin schon genug Öl ständig von allen Seiten ins Feuer gegossen? Seriöser, nicht aufs sensationslüsterne Zuspitzung bedachter Journalismus müsste doch bestehende Feindbilder durch möglichst sachliche Informationsvermittlung abbauen, statt sie zusätzlich zu schüren.

Ferienbeginn: Vom ersten Hamsterrad ins zweite Hamsterrad…

Peter Sutter, 13. Juli 2024, aktualisiert am 6. Juli 2026

48 Wochen lang warten wir auf ihn, träumen wir von ihm, nehmen ihm zuliebe alle Mühsal in Kauf, haben ihn uns im Innersten, in schlaflosen Nächten, schon in den schönsten Farben ausgemalt, ihn minutiös vorausgeplant, sein Reiseziel in wochenlangen Preis- und Qualitätsvergleichen auserkoren und in den letzten Tagen zuvor in Erwartung auf ihn den Sekundenzeiger auf unserer Uhr kaum mehr aus den Augen gelassen: Es ist der erste Tag der Ferien, der erste Tag, an dem das Leben so richtig beginnen kann und all die so lange aufgestauten und nicht ausgelebten Träume endlich Wirklichkeit werden dürfen…

Und dann, kaum zwei, drei Mal durchgeatmet, stieben wir, nachdem alle Koffer gepackt, das Auto auf Hochglanz poliert und die Nachbarin organisiert ist, welche in der Zwischenzeit den Briefkasten leeren und die Blumen tränken wird, in alle Richtungen davon, die einen nach Norwegen oder Island, die anderen auf die Kanarischen Inseln, wieder andere in die Toscana oder an die portugiesische Atlantikküste und noch einmal andere nach Bali oder auf die Malediven…

Bis dann so oft die Ernüchterung bald schon einmal auf dem Fuss folgt, spätestens beim stundenlangen Warten in endlosen Autokolonnen oder bei der Ankunft im Hotelzimmer, das so ganz anders aussieht als auf den schönen Bildern auf der Homepage oder im Hochglanzprospekt, oder am total überfüllten Badestrand, wo wir kaum einen Platz finden, um uns noch irgendwo dazwischen hinein zu quetschen, oder auf einem Zeltplatz, wo Mücken und das Schnarchen des Nachbarn uns immer und immer wieder den Schlaf verderben, oder in einer Garage, wo erst nach stundenlangem Warten jemand auftaucht, um unser kaputtes Auto zu reparieren, oder auf einem Tourismusbüro, wo wir alles daran setzen, ein besseres Hotel zu bekommen, bis wir uns, genervt und mit durchgeschwitzten Kleidern, damit abfinden müssen, dass die ganze Destination bis auf das letzte Bett ausgebucht ist. Windeln wechseln im Sand, Wandern unter stechender Sonne mit quengelnden Kindern, viel zu schwere Rucksäcke, endloses Suchen nach einem Parkplatz, zermürbende, ellenlange Diskussionen darüber, welches Restaurant zum Abendessen aufgesucht werden soll, kein frisches Brot im Campingladen, unterschiedlichste, nie unter einen Hut zu bringende Erwartungen an den nächsten Tag – selten wird so viel gestritten wie in den Ferien, zu keiner anderen Zeit gehen in so kurzer Zeit so viele Beziehungen in die Brüche…

Nur zu oft wird die Ferienreise, statt zum so sehnlich erhofften Ausbruch aus dem Hamsterrad, bloss zu einem zweiten Hamsterrad, das sich fast noch schneller dreht als das erste. Statt uns von Fremdbestimmung und Ausbeutung erholen zu können, unterwerfen wir uns bloss neuer Fremdbestimmung und Ausbeutung, lassen uns mithilfe raffiniertester Propagandatricks mit Spezialrabatten, Sonderangeboten, Vergünstigungen und Billigflügen an die entferntesten Destinationen verführen, nehmen längste Reisen in Kauf, stehen stundenlang in der prallen Sonne, bloss um ein paar Überbleibsel längst untergegangener Kulturen zu bestaunen, ertragen Hitze und Lärm, die uns, wären wir zu Hause geblieben, ganz und gar erspart gewesen wären, kaufen für die jammernden Kinder im Souvenirladen Spielsachen, die schon bald wieder kaputt sein oder in unserer Wohnung sinnlos herumliegen werden, lesen Bücher, die wir ebenso gut auch zu Hause lesen könnten, und bezahlen für einen Teller Pommes das Zwanzigfache dessen, was sie gekostet hätten, wenn wir sie daheim im Supermarkt gekauft hätten. Bis wir dann zwei oder drei Wochen später, nicht selten erschöpfter als zuvor, wieder nach Hause zurückkehren, wo uns alles zuvor Aufgestaute und Verdrängte, all die nicht gelösten Konflikte doppelt und dreifach wieder einholen, Berge von Wäsche, Hunderte von Emails, die abgearbeitet werden müssen, und Dutzende von Rechnungen, die zu bezahlen sind. „Ich brauche“, sagte mir unlängst eine Bekannte, „meistens mindestens zwei Wochen, um mich von den Ferien wieder ganz zu erholen.“ Und es ist kein Zufall, dass es eine Frau war. Die Doppelt- und Dreifachbelastungen, denen so viele Frauen schon übers ganze Jahr ausgesetzt sind, erreichen zu Ferienzeiten geradezu weitere Rekordwerte.

Das kapitalistische Spiel mit dem Zuckerbrot und der Peitsche. Wenn du nur genug hart arbeitest, darfst du dafür drei Wochen lang am Strand liegen und dich rund um die Uhr bedienen lassen. Wie die Wurst an der Schnur, die man dem Hund stets eine Nasenlänge und in immer schnellerem Tempo vor seinem weit offenen Maul herzieht und ihm erst zu fressen gibt, wenn ihn schon fast all seine Kräfte verlassen haben. Wie die Strafe, mit der König Tantalos in Homers Odyssee gepeinigt wurde: Jedes Mal, wenn er sich nach dem Wasser zu seinen Füssen bückte, entwich es ein wenig tiefer nach unten, jedes Mal, wenn er seine Hand zu den Früchten emporreckte, die über ihm an den Zweigen baumelten, wurden diese wie durch Zauberhand ein wenig weiter in die Höhe gehoben. Und auch genau so, wie die Priester von der hohen Kanzel über Jahrhunderte zum „gewöhnlichen“ Volk predigten: Wenn du dein Leben lang nur genug hart arbeitest und auf möglichst viel verzichtest, kommst du dann wenigstens als Lohn dafür nach deinem Tod in den Himmel…

An fünf Tagen pro Woche und während 48 Wochen pro Jahr wird alles daran gesetzt, möglichst viel Arbeit in möglichst viel Kapital zu verwandeln, indem Menschen für ihre Plackerei von früh bis spät viel weniger Geld bekommen, als ihre Arbeit eigentlich wert wäre. An den übrigen zwei Tagen pro Woche und während der übrigen vier oder fünf Wochen pro Jahr wird sodann alles daran gesetzt, den gleichen Menschen mithilfe einer in solcher Fülle noch nie dagewesenen Freizeit- und Tourismusindustrie möglichst viel von dem Geld, das nach all der Aussaugerei noch übrig geblieben ist, wieder abzuknöpfen. Denn auch das Buchen von Hotelzimmern, das ermüdende Autofahren oder qualvolle Warten in stehenden Kolonnen, das Besänftigen meckernder Kinder, das Aufbauen eines Zeltes bei Wind und Wetter, das improvisierte Kochen, Putzen und Waschen mit einfachsten Mitteln auf dem Campingplatz, Fussmärsche und Radtouren in Lärm und Abgasen – auch dies alles sind, fern aller Musse, Formen von Arbeit, die sich beständig in den Reichtum anderer verwandelt, unsichtbar und an unzähligen anderen Orten, hinter dicksten Mauern versteckt.

Doch was bleibt, nach allem, übrig? Was suchen wir in der Ferne, was uns in der Nähe scheinbar so schmerzlich fehlt? Was wissen wir nachher, was wir vorher nicht gewusst haben? Zu wie vielen tiefen Begegnungen ist es tatsächlich gekommen? War es die Reise wirklich wert, der ganze Aufwand, das ganze Geld? Sind nicht die Reisen ins Innere die schönsten Reisen, die wertvollste Bereicherung des Lebens – und erst noch, ohne dass wir dafür etwas bezahlen müssen? Dieser Sommermorgen, an dem ich noch vor den Vögeln erwachte und drei Stunden lang an einem Artikel weiterschrieb, bevor ich mich noch einmal zur Ruhe legte, während es allmählich hell wurde. Diese Wolkengebilde drüben über dem Berg nach einem Gewitter, die sich gegenseitig auftürmen, ineinander verquirlend und immer wieder neue kunstvollste Bilder kreierend, die mich unlängst derartig in Bann zogen, dass ich sogar Angst hatte, viel zu viel zu verpassen, wenn ich sie nicht stundenlang bestaunen würde, Bilder, die es nur ein einziges Mal gibt und die sich niemals mehr in der gleichen Weise wiederholen werden. Dieser Sommertag, an dem ich an der Blumenwiese beim Bahnhof vorbeischlenderte und dachte, keine Blumenwiese in Mexiko, Namibia oder Vietnam kann schöner sein. Dieser Regentag, an dem ich zwei Stunden bei einer ehemaligen Schülerin verbrachte, die gerade ihre über alles geliebte Katze verloren hatte und der zu allem Überdruss infolge eines dummen Zwischenfalls mit ihrem Vermieter auch noch die Wohnung gekündigt worden war. Die Spaziergänge mit dem 95jährigen Pierre, der seit einem halben Jahr an den Rollstuhl gefesselt ist und sich immer schon eine ganze Woche lang auf diese Spaziergänge freut wie ein kleines Kind, besonders auf all die Rosen in den Gärten auf unserem Weg, an denen er so genüsslich schnuppert – ohne diese Spaziergänge würde er den ganzen Sommer lang einsam und traurig in seinem Zimmer sitzen wie in einem Gefängnis. Und dann dieser Sommerabend mit Amin, dem Papa der vierköpfigen afghanischen Flüchtlingsfamilie, die seit zwei Monaten in meinem Haus lebt. Diese unfassbaren Geschichten, die sich kaum in Worte fassen lassen…

Und jetzt, plötzlich, prallen die eine Geschichte, die Geschichte der Luxusreisen der reichen Menschen aus dem Norden in den Süden, und die andere Geschichte, die Geschichte der Flüchtlinge, die so verzweifelt und mit Todesmut einen Weg zu finden suchen aus dem Süden in den Norden, auf geradezu gespenstische Weise aufeinander: Wenn an den Badestränden von Teneriffa, wo sich die sonnenhungrigen Menschen aus Deutschland, Schweden oder der Schweiz ihre Cocktails servieren lassen, immer wieder mal die Leiche eines afrikanischen Kindes an Land geschwemmt wird und sich die riesigen Kreuzfahrtschiffe des Nordens, vollgespickt mit erlesensten Köstlichkeiten aus aller Welt, und die winzigen, ganz und gar nicht gegen die hohen Wellen gewappneten Boote der Flüchtlinge geradezu auf Augenhöhe begegnen. Noch nie waren weltweit so viele Menschen aus reichen Ländern oder aus den reichen Oberschichten armer Länder weltweit unterwegs. Und noch nie gab es, gleichzeitig, weltweit so viele Flüchtlinge aus Krisen-. Kriegs- und Hungergebieten und aus Ländern, die vom zunehmenden Klimawandel immer stärker betroffen sind. Nur dass für die Menschen aus den Zonen des Reichtums alle Grenzen geöffnet sind und sie sogar mit allen Mitteln dazu angespornt werden, diese Grenzen zu überschreiten, um sich mehr denn je all die Annehmlichkeiten der von ihnen besuchten Länder einzuverleiben und sich von den dort lebenden Menschen auch noch die absurdesten Luxusbedürfnisse befriedigen zu lassen. Während den Menschen, die auf dem umgekehrten Weg auf der Reise sind, immer höhere Mauern entgegengebaut werden, Grenzen immer dichter und mit immer tödlicheren Mitteln befestigt werden und man ihnen keine Blumen und keine Willkommensgrüsse entgegenschickt, sondern nur Bluthunde auf sie hetzt, ihnen die Kleider vom Leibe reisst, sie vergewaltigt und zu Tode prügelt.

Doch ebenso wenig, wie die reicheren Menschen der Welt ihren Alltagssorgen dadurch entfliehen können, indem sie immer längere Reisen unternehmen, so wenig können sie dabei auch ihr schlechtes Gewissen beruhigen, selbst wenn sie es noch so zu verdrängen versuchen. Zwar werden die Fluchtwege aus den reichen in die ärmeren Zonen der Welt von den in die Gegenrichtung laufenden Fluchtwegen geradezu chirurgisch voneinander getrennt, sodass es möglichst selten zu so unliebsamen Begegnungen kommt wie jenen paar wenigen auf den Kanarischen Inseln, welche die ganze aufgeladene Ferienfreude auf einen Schlag vernichten würden. Doch im Allerinnersten wird es auf die Dauer wohl niemanden wirklich in Ruhe lassen, da können wir eine noch so grosse Hektik entfalten, uns mit noch so vielen künstlichen Verlockungen abzulenken versuchen und noch so viele Schlaf- und Beruhigungsmittel in uns hineinpumpen. Haben wir auch nur ein einziges dieser Bilder gesehen, auch nur eine einzige dieser Geschichten gehört, werden wir sie zeitlebens nie mehr wirklich vergessen können, tief in unserem Innersten werden sie uns nie mehr in Ruhe lassen.

Menschen auf der Flucht. Noch nie in so grosser und immer weiter wachsender Zahl. Die einen im Kampf ums nackte Überleben. Die anderen auf der Jagd nach nie wirklich erfüllbaren Illusionen. Und manchmal kommt es mir vor, als seien sie letztlich auf der Flucht vor sich selber, verzweifelt in der Aussenwelt etwas suchend, was sie in ihrer Innenwelt immer noch nicht gefunden haben und auf diese Weise auch niemals finden werden. In der berühmten Geschichte von Antoine de Saint-Exupéry steht der kleine Prinz an einem Bahngeleise, auf dem ein Zug pfeilschnell in die eine Richtung donnert und ein anderer kurz darauf in die entgegengesetzte Richtung. Und der kleine Prinz fragt höchst verwundert: „Warum kommen sie denn so schnell wieder zurück, waren sie dort, wo sie waren, nicht zufrieden gewesen?“

Der erste Ferientag. Die Koffer sind zwar schon gepackt, doch die Reise wird erst übermorgen beginnen. Der viereinhalbjährige Bosni und Luca, der gleichaltrige Nachbarsbub, haben mich zum nahegelegenen Schulhausplatz mitgenommen. Das Ziel ihrer Reise: Ein Brunnen in Form eines etwa drei Meter langen, zwei Meter breiten und einen Meter hohen Steins, aus dem an der obersten Stelle Wasser heraussprudelt, das dann durch eine schmale Rinne bis zum Boden hinunterfliesst. Die beiden Buben klettern auf den Stein, benetzen ihn mit dem Wasser aus dem Rinnsal, bis er an einigen Stellen ganz dunkel geworden ist. Dann versuchen sie, das Wasser an einer etwas schmaleren Stelle aufzuhalten, sodass sich oberhalb davon ein kleiner Stausee zu bilden beginnt. Verschieden grosse Steine, aufgelesen aus dem Untergrund rund um den Brunnen, sollen das bewerkstelligen, die schwereren muss ich ihnen hinaufreichen. Mit Holzschnitzeln werden sodann die Ritzen zwischen den Steinen solange vollgestopft und akribisch beobachtet, wie viel Wasser immer noch durch die Sperre hindurchläuft, bis es endlich fast nur noch ein paar Tropfen sind. Ich bin fast ganz sicher, das Spiel würde endlos weitergehen und die beiden Buben kämen noch auf tausend andere Ideen, wenn jetzt nicht Zeit um Abendessen wäre.

Auch bei der viereinhalbjährigen Fatima und ihrem zweieinhalbjährigen Bruder Nic sind am nächsten Tag die Koffer schon gepackt, aber auch bei ihnen geht die Reise erst am Tag darauf los. Heute spielen die beiden Kinder im Stadtpark. Fatima hat mich zu einem Wäldchen mit dichtem Gebüsch geführt, durch welches, wie in einem Labyrinth, kleine Wege kreuz und quer hindurch gehen. „Komm!“, ruft sie, und ist schon hinter einem kleinen Strauch verschwunden, huscht wie ein Wiesel über die kleinen Wege und am liebsten immer dort, wo es am engsten ist und ich mich wegen der tief hängenden Zweige am meisten bücken muss, was sie besonders lustig findet. Kurz darauf plantschen die Kinder im knöcheltiefen Wasser des Baches, der sich durch das Wäldchen hindurchschlängelt. An einer Stelle, wo das Wasser etwas tiefer ist, hat Nic augenblicklich ein lustiges Spiel herausgefunden: Er wirft einen graugrünen runden Stein mit feinen schwarzen Linien, der ganz genau in seine kleine Hand passt, ins Wasser, worauf Sand und Erde aufgewirbelt werden, sodass man wegen der Trübung des Wassers den Stein nicht mehr sehen kann. Dann sucht er mit seiner Hand den Stein an der Stelle, wo er ihn vermutet. Manchmal ist es schon beim ersten Versuch der richtige, manchmal ein ganz anderer, was dem kleinen Nic jedes Mal ein so fröhliches Lachen entlockt, dass man allein darüber schon lange philosophieren könnte, was denn daran so lustig ist, aber wahrscheinlich ist es einfach der Moment, da der Stein in seiner Hand so ganz anders aussieht, als er eigentlich erwartet hätte. Manchmal aber ist es auch ein Stein, der fast gleich aussieht wie der richtige, aber doch nicht der richtige ist. Dann schaut Nic ihn lange und gründlich an, bis er dann aufgrund eines winzigen Merkmals zu erkennen vermag, ob es der richtige ist oder nicht. Einmal gleicht ein vermeintlich falscher dem richtigen Stein so sehr, dass wir auf einmal beide nicht mehr sicher sind, welcher es nun ist, und da muss auch ich laut herauslachen. Und auch dieses Spiel würde wahrscheinlich noch stundenlang weitergehen, wenn nicht die Mama inzwischen das Abendessen gekocht hätte und auf uns warten würde.

Eines Tages werden die Menschen nicht mehr auf der Flucht sein. Weder vom Norden nach dem Süden, noch vom Süden in den Norden. Weder aus dem Reichtum in vermeintliche Paradiese früherer Jahrtausende, noch aus Armut, Hunger und Verzweiflung in eine ersehnte glücklichere Zukunft. Weder auf der Flucht vor anderen, noch auf der Flucht vor sich selber. Wenn alles wieder im Lot ist. Wenn Arbeit, Freizeit, Lebensfreude, Spiel und Genuss nicht mehr verschiedene, voneinander getrennte Dinge sind, sondern alles nur einzelne Facetten eines grossen Ganzen. Wenn sich jeder Mensch in seiner täglichen Arbeit leidenschaftlich, selbstbestimmt und ohne äussere Zwänge so verwirklichen kann, dass er seine Träume und Sehnsüchte nicht mehr länger in andere Zeiten und andere Welten hinausschieben muss. Wenn alles weltweit unter alle so gerecht verteilt ist, dass nicht die einen so viel Geld haben, dass sie damit gar nicht genug lange und weit reisen können, während andere im gleichen Land selbst in der Ferienzeit in kleinen, stickigen Wohnungen ausharren müssen und sich nicht einmal einen Ausflug zur Grossmutter leisten können, die hundert Kilometer weit von ihnen entfernt wohnt, und wieder andere nicht einmal dort, wo sie geboren wurden, ein gutes und schönes Leben für sich und ihre Kinder und ihre Zukunft haben können. Wenn alle Grenzen offen sind, die Menschen aber dennoch nicht wie wildgewordene Wespen quer über alle Kontinente rasen, sondern Reisen wieder etwas Langsames, Behutsames, Sanftes, Genussvolles geworden ist, alle Wunder der Natur in ihrer Einmaligkeit, Schönheit und Unversehrtheit so heilig haltend, dass sie auch noch in hundert oder tausend Jahren die Augen und die Seelen der Menschen erfreuen werden. Wenn wir alle, alles miteinander teilend, ohne schlechtes Gewissen und ohne immer und immer wieder verdrängte und hinausgeschobene Sehnsüchte jeden Tag des Lebens so geniessen können wie die Kinder, die soeben zur Welt gekommen sind. Wenn es keine Ferien mehr braucht, weil das ganze Leben nichts anderes ist als eine einzige grosse, genussvolle und sinnerfüllte Ferienzeit.

NACHTRAG AM 6. JULI 2026: WENN IHRE VERDAUUNG IN DEN FERIEN VERRÜCKT SPIELT

„Seit ein paar Jahren“, so schreibt eine 45Jährige an den „Ratgeber“ des „St. Galler Tagblatts“ vom 4. Juli 2026, „habe ich in den Ferien oft hartnäckige Verstopfungen. Oft beginnen sie schon auf der Anreise. Inzwischen trüben sie sogar die Vorfreude auf die bevorstehende Reise. Was kann ich tun, um dieses Problem loszuwerden?“

Und hier die Antwort des „Ratgebers“:

Mit diesem Problem sind Sie nicht allein. Das Phänomen ist als sogenannte Reiseobstipation bestens bekannt und tritt bei vielen Menschen auf. Unser Darm ist sehr sensibel und reagiert bei vielen Menschen schon auf kleine Veränderungen in der täglichen Routine. Zum Ferienbeginn sind wir nicht selten gestresst, müssen noch packen und an viele Dinge gleichzeitig denken. Am Abreisetag selbst stehen wir dann vielleicht besonders früh auf, essen zu einer ungewohnten Zeit, möglicherweise sitzen wir lange im Auto oder im Zug. Alles Faktoren, die unserem Darm signalisieren, dass da etwas nicht in gewohntem Rahmen abläuft. Unterwegs kommt hinzu, dass ein WC – im Idealfall ein sauberes im entscheidenden Moment nicht immer verfügbar ist, was die Verstopfung ebenfalls begünstigt. Es gibt viele Gründe, warum Ihr Darm in solchen Situationen den Dienst verweigert. Nun kann man dem Stress und den Unsicherheiten, die eine Ferienreise mit sich bringen kann, nicht immer ausweichen. Ein Stück weit gilt es, die Verstopfung zu akzeptieren, im Wissen, dass sie sich in der Regel nach ein paar Tagen wieder legt. Was Sie dennoch tun können, um aktiv entgegenzuwirken: möglichst viel bewegen, ausreichend trinken und ballaststoffreich essen, damit der Darm etwas zu tun hat. Sorgen Sie auch bei der Zusammenstellung Ihrer Hausapotheke dafür, dass neben Schmerzmitteln, Material zur Wundversorgung und Sonnenschutz auch ein Durchfallmittel dabei ist. Denn je länger die Ferien andauern, desto häufiger ist es nämlich bei vielen Menschen nicht die Verstopfung, sondern im Gegenteil der Durchfall, der Probleme verursacht. Gerade im Ausland können verunreinigte Speisen und Getränke Durchfall verursachen. Eiswürfel bergen ebenfalls ein erhöhtes Risiko. Nicht immer ist aber ein Infekt für den Durchfall verantwortlich, auch die Hitze, ungewohnte Lebensmittel oder scharfe Gewürze können dem Darm zusetzen.

Man könne dem Stress und den Unsicherheiten, die eine Ferienreise mit sich bringen kann, „nicht immer ausweichen“, konstatiert der „Ratgeber“. Wenn aber der Darm, bekanntlich der Sitz der Seele, so rebellisch auf Ferienreisen reagiert, dass er uns nicht nur die Vorfreude darauf, sondern den Genuss der Ferienzeit selber so erheblich zu beeinträchtigen oder gar zu zerstören droht, und wenn man dann weiter in Betracht zieht, wie erschöpft und ausgelaugt man häufig am Ende der Ferienreise zuhause wieder anlangt, dann stellt sich doch die ganz simple Frage, ob es auf den Brief der 45jährigen Feriengeplagten nicht möglicherweise eine viel einfachere Antwort hätte geben können. Nämlich ganz einfach: „Bleiben Sie zuhause, geniessen Sie das Leben in Ihrer vertrauten Umgebung ohne Verstopfungen und Durchfall und überlassen Sie den Ferienstress doch einfach den anderen.“

Gesperrte UNRWA-Gelder: Was auf den ersten Blick nach einem gutschweizerischen Kompromiss aussieht, ist in Tat und Wahrheit nichts anderes als eine jeglicher Verhältnismässigkeit spottende Absage an die jahrhundertealte demokratische, humanitäre und neutralitätspolitische Tradition unseres Landes…

Peter Sutter, 12. Juli 2024

Der Zürcher SP-Gemeinderat Severin Meier möchte, wie der „Tagesanzeiger“ am 12. Juli 2024 berichtet, mittels eines Postulats an den Stadtrat bewirken, dass „die Stadt Zürich angesichts der humanitären Situation in Gaza prüfen soll, wie schnellstmöglich ein substanzieller Betrag zugunsten des UNO-Palästinenserhilfswerks UNRWA getätigt werden könnte“. Denn die Lage in Gaza sei, so Meier, „verheerend“: 81 Prozent der Haushalte hätten keinen Zugang zu sauberem Wasser, 1,1 Millionen Menschen hätten ihre Essensvorräte aufgebraucht, eine Hungersnot stehe kurz bevor. Da der Bundesrat nur einen kleinen Teil der ursprünglich vorgesehenen Mittel von 20 Millionen Franken der UNWRA zur Verfügung stellen möchte, müssten nun halt, so Meier, die Städte einspringen, um Schlimmeres zu verhindern. Doch die Vertreterinnen und Vertreter der Mitte und der FDP halten dagegen: Beide Parteien sehen es ausschliesslich als Aufgabe des Bundes, Aussenpolitik zu betreiben. FDP-Gemeinderat Michael Schmid meinte sogar, die Stadt würde durch eine Zustimmung zu diesem Postulat ihre Kompetenzen überschreiten und die Aussenpolitik der Schweiz „übersteuern“. Der Stadtrat hat nun theoretisch zwei Jahre Zeit, um sich des Anliegens des Postulats anzunehmen. Meier und seine Mitunterzeichnenden hoffen indessen, dass der Stadtrat entgegen dieser Bedenken das Postulat aufgrund der Notlage in Gaza rascher umsetzen werde.

Blenden wir zurück: Ende Januar 2024 erhebt die israelische Regierung den Vorwurf, zwölf Mitarbeiter der UNRWA seien an den von der Hamas verübten Terrorattacken gegen israelische Zivilpersonen am 7. Oktober 2023 beteiligt gewesen, ohne allerdings hierfür Beweise vorzulegen. Der Vorwurf wird unmittelbar von zahlreichen westlichen Regierungen, inklusive der Schweiz, übernommen und eine Streichung bzw. Kürzung der finanziellen Unterstützung der UNRWA beschlossen. Die bürgerliche Mehrheit in der Aussenpolitischen Kommission des schweizerischen Nationalrats entscheidet, dass vorerst kein Geld aus der Schweiz an die UNRWA fliessen soll. Man wolle zuerst mit „anderen Partnern“ sprechen – gemeint ist unter anderem die rechte israelische Lobbyorganisation UN Watch, die schon seit längerem gegen die UNWRA agiert.

Am 28. März 2024 erklärt der Schweizer Diplomat Philippe Lazzarini, langjähriger Chef der UNRWA, in einem Interview mit der „Wochenzeitung“: „Was wir heute in Gaza beschreiben müssen, ist eine drohende Hungersnot, die absolut unfassbar ist. Mehr als eine Million Menschen befinden sich in einer katastrophalen, akuten Hungersituation. Wo bleibt die Weltempörung? Es ist, als ob wir der Tragödie, die sich vor unseren Augen abspielt, fast völlig unbeteiligt zusehen würden. Die Hungersnot könnte zwar noch abgewendet werden. Doch dazu müssten wir den Gazastreifen mit Nahrungsmitteln überschwemmen. Als ich letzte Woche nach Gaza einreisen wollte, wurde ich von den israelischen Behörden ohne jegliche Begründung daran gehindert. Die Anschuldigungen gegen die UNRWA-Mitarbeitenden haben sich bis heute nicht bewahrheitet. Es läuft eine unabhängige Untersuchung zu diesem Vorwurf, aber bislang haben weder Israel noch andere Staaten Beweise vorgelegt – obwohl sie dazu aufgerufen wurden. Ich bin überrascht, wie sehr Anschuldigungen und Behauptungen für bare Münze genommen werden.“

Am 24. April berichtet Radio SRF, Beweise für eine Verwicklung der UNWRA in die Terroranschläge vom 7. Oktober 2023 würden nach wie vor fehlen, doch dies hätte bislang keine Sinnesänderung bei den bürgerlichen Politikern bewirkt. Auch wird im Bericht darauf hingewiesen, dass Bundesrat Ignazio Cassis schon immer ein UNRWA-Kritiker gewesen sei. So hätte er auf einer Reise nach Jordanien im Jahre 2018 die UNRWA als Teil, nicht aber als Lösung des Nahostproblems bezeichnet, worauf es internationale Kritik gehagelt hätte.

Am 30. April weist der „Tagesanzeiger“ auf die zentrale Figur hin, welche zur negativen Haltung der bürgerlichen Parteien gegenüber der UNRWA entscheidend beigetragen hätte. Es handelt sich um Hilel Neuer, einen kanadischen Anwalt, der alles daran setze, sein Publikum davon zu überzeugen, dass die UNRWA zerschlagen gehöre, weil sie von der radikalislamischen Hamas unterwandert sei. Von Genf aus steuert Neuer, der auch Direktor der rechten Nichtregierungsorganisation UN Watch ist, die Kampagne gegen das Hilfswerk. In der Budgetdebatte der letzten Wintersession hätte sich SVP-Nationalrat David Zuberbühler explizit auf Recherchen von UN Watch berufen, um für das Ende der UNRWA-Gelder zu weibeln.

Im gleichen „Tagesanzeiger“-Artikel vom 30. April lesen wir, dass Schweizer Entwicklungs- und Hilfsorganisationen zwei Petitionen mit über 45’000 Unterschriften an den Bundesrat eingereicht hätten, welche einen sofortigen Waffenstillstand in Gaza und die Freigabe der UNRWA-Gelder forderten. Auch wird darauf hingewiesen, dass keine andere Organisation auch nur annähernd über jene Logistik verfüge, welche von der UNRWA über Jahrzehnte hinweg aufgebaut worden ist, um Hungerhilfe wie auch Bildungs- und Schulprogramme für die palästinensische Bevölkerung im Gazastreifen effizient umzusetzen. Auch in einem Untersuchungsbericht der UNO werde die Tätigkeit der UNRWA als „unersetzlich“ und „unverzichtbar“ beschrieben.

Am 1. Mai schreibt der „Tagesanzeiger“: „Das Ausmass der Verzweiflung in Gaza ist unvorstellbar. Nach Angaben der UNO sind mehr als eine Million Menschen vom Hungertod bedroht, und die medizinische Versorgung steht vor dem Kollaps. Ohne rasche Hilfslieferungen droht eine humanitäre Katastrophe unvorstellbaren Ausmasses.“ Etwas überraschend habe nun die Aussenpolitische Kommission des Nationalrats beschlossen, „der Organisation nicht komplett den Stecker zu ziehen“. Konkret verlangt sie, dass der Bundesrat einen Teil der Gelder für humanitäre Hilfe an die UNRWA freigeben soll. Allerdings dürften die Mittel nur für Nothilfe und humanitäre Hilfe eingesetzt werden, nicht aber für längerfristige Aufbauprojekte. Mittelfristig solle die UNRWA nicht mehr direkt finanziert werden.

Am 8. Mai beschliesst der Bundesrat, einen Beitrag von 10 Millionen – also die Hälfte der ursprünglich budgetierten 20 Millionen – an die UNRWA zu leisten. Der Beitrag ist auf reine Nothilfe zwischen Mai und Dezember 2024 beschränkt. Für die definitive Freigabe der Mittel brauche es aber noch die Zustimmung der Aussenpolitischen Kommissionen der beiden Räte, die etwa Mitte Juni zu erwarten sei.

In der „New York Times“, auf welche ein Artikel der „NZZ“ vom 30. Mai Bezug nimmt, wirft UNRWA-Chef Lazzarini Israel vor, Zivilpersonen verfolgt, gefoltert und getötet zu haben, um falsche Zeugenaussagen zu erzwingen, mit denen die UNRWA belastet werden sollte. Israel, so Lazzarini, betreibe die systematische Zerschlagung der UNRWA. Seit dem 7. Oktober 2023 seien mindestens 192 UNRWA-Mitarbeiter in Gaza getötet und mehr als 170 UNRWA-Gebäude beschädigt oder zerstört worden, darunter auch Schulen. Etwa 450 Vertriebene hätten den Tod gefunden, als sie in Schulhäusern und anderen Einrichtungen der UNRWA Schutz gesucht hätten. Zudem würden israelische Streitkräfte Angestellte des Hilfswerks regelmässig schikanieren und jeden inhaftieren lassen, der sich über Folter und Misshandlungen in israelischem Gewahrsam beklage. Mittlerweile hätten die gezielten Aktionen gegen die UNRWA auch Ost-Jerusalem erreicht. Immer wieder komme es zu gewalttätigen Demonstrationen gegen das Hilfswerk. Unter dem Beifall eines Mitglieds des Bürgermeisteramts seien mindestens zwei Brandanschläge auf ein Gebäude der UNRWA verübt worden. Ungewöhnlich scharf attackiert Lazzarini auch den Bundesrat und das Parlament: In Bern habe „«“jede Menge Lobbying zugunsten Israels“ stattgefunden. Bei der Entscheidung, der UNRWA die Gelder zu kürzen, habe sich die Politik einseitig von Israel beeinflussen lassen. Mit Neutralität habe das nichts mehr zu tun. Mit einer solchen Politik untergrabe man die Politik der Guten Dienste.

Man kann Lazzarini nur zustimmen. Gerade mal zwölf (!) von insgesamt 13’000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der UNRWA sollen in die Terrorattacken vom 7. Oktober 2023 verwickelt gewesen sein, und nicht einmal das konnte die israelische Regierung bis zur Stunde beweisen. Wären es mehr als zwölf gewesen, hätte die israelische Regierung wohl kaum davor zurückgeschreckt, eine auch weitaus höhere Zahl zu nennen. Zudem wurden neun dieser zwölf Angestellten unverzüglich entlassen und Untersuchungen gegen sie eingeleitet. Alles steht auf dermassen fadenscheinigen Behauptungen, dass es ausserordentlich schwerfällt, zu glauben, Israel ginge es auch nur im Entferntesten um so etwas wie „Gerechtigkeit“. Vielmehr deutet alles darauf hin, dass es der Regierung Israels einzig und allein darum geht, die UNRWA als wichtigste Organisation für die humanitäre Unterstützung der palästinensischen Bevölkerung – mit Nahrungsmittelhilfe für 830’000 Menschen, Schulbildung für eine halbe Million Kinder und grundlegende medizinische Versorgung für 3,5 Millionen Menschen – systematisch zu schwächen oder gar zu zerstören. Dass die offizielle Schweiz dieses Spiel mit dem Leben und Tod von Millionen Menschen mitspielt und – im Gegensatz etwa zu Norwegen, Schweden, Spanien, Irland, Belgien, Österreich, Deutschland und Kanada – die Zahlungen an die UNRWA nach wie vor aussetzt, spottet jeglicher Vernunft, jeglichem Augenmass und jeglicher Solidarität mit Millionen von unschuldigen Menschen, die von unvorstellbarer Not betroffen sind. Und ausgerechnet die SVP, welche sich, wenn es ihr nicht in den Kram passt, stets mit Händen und Füssen gegen eine Einmischung des „Auslandes“ in die „inneren Angelegenheiten“ der Schweiz zur Wehr setzt, schenkt einem einzigen aus Kanada herbeigeflogenen und für seine engen Verbindungen zur israelischen Militärregierung bestens bekannten Anwalt mehr Gehör als einer von über 45’000 Schweizerinnen und Schweizern unterzeichneten Petition sowie ihrem eigenen Landsmann Philippe Lazzarini, der das UNRWA-Hilfswerk seit vier Jahren mit grosser Umsicht, grossem Engagement und Sachverständnis führt. Dass die Zahlungen an die UNRWA um die Hälfte gekürzt wurden und selbst dies noch am Widerstand bürgerlicher Politikerinnen und Politiker scheitern könnte, sieht nur auf den ersten Blick nach einem gutschweizerischen Kompromiss aus. In Tat und Wahrheit ist es eine jeglicher Verhältnismässigkeit spottende Absage an die jahrhundertealte demokratische, humanitäre und neutralitätspolitische Tradition unseres Landes. Denn, wie auch Lazzarini sagt: „Wenn wir die UNRWA in einer solchen Krise wie der heutigen abschaffen, werden wir die Verzweiflung der Menschen nur noch vergrössern, die Saat für künftige Ressentiments, Rache und Gewalt nur noch weiter säen und jeden zukunftsgerichteten politischen Prozess schon zum Vornherein untergraben.“