Archiv des Autors: Peter Sutter

Der Trumpsche Zollhammer und die Schweiz: Heilsamer Schock, um über ein paar Dinge nachzudenken…

Peter Sutter, 19. August 2025

„Schock“, „Demütigung“, „Tritt in die Magengegend“ – mit solchen und ähnlichen Schlagzeilen kommentierten die Medien die von US-Präsident Donald Trump der Schweiz ausgerechnet am 1. August, ihrem Nationalfeiertag, aufgebrummten Zölle von 39 Prozent. Nur ein paar wenige Länder, unter anderem Brasilien, bedachte Trump mit noch höheren Zöllen. Niemals hätte die Schweiz, bisher eines der kapitalistischen Lieblingskinder der USA, damit gerechnet, dermassen hart bestraft zu werden. Es war wie ein jähes Erwachen aus einem jahrzehntelangen Traum, in dem fast immer nur Milch und Honig geflossen waren. Und da vermochten nicht einmal mehr zwei unmittelbar nach diesem Entscheid nach Washington ausgeflogene schweizerische Regierungsmitglieder etwas daran zu ändern. Die ganze Titelseite einer der meistgelesenen Schweizer Tageszeitungen, des „Blicks“, war von oben bis unten schwarz, darin riesengross die Zahl 39. Einige sagten sogar, es sei der schwärzeste Tag gewesen in der Geschichte unseres Landes. Etwas Vergleichbares hatte es noch nie gegeben. Nicht einmal der Untergang eines ganzen Dorfes vor wenigen Wochen unter einer gigantischen Schuttlawine hatte einen so grossen schweizweiten Schock ausgelöst…

Dabei ist, bei Lichte besehen, das, was der Schweiz durch den Trumpschen Zollhammer widerfahren ist, nur ein winziger Teil dessen, was für andere Länder oder ganze Kontinente der ganz alltägliche „Normalfall“ ist, und dies oft schon seit Jahrhunderten. Für all jene nicht oder wenig industrialisierten Länder des Globalen Südens etwa, die seit Jahrhunderten gezwungen sind, ihre wertvollen Bodenschätze und Rohstoffe für wenig Geld zu verscherbeln, um sich zu einem ungleich viel höheren Preis aus den reichen Ländern des Nordens die für ihre eigene Entwicklung notwendigen Industrieprodukte zu beschaffen, was zwangsläufig dazu führt, dass diese Länder darauf angewiesen sind, immer wieder Kredite vom IWF, von der Weltbank oder anderen Finanzinstituten aufzunehmen, die sie wiederum mit hohen Zinsen zurückzahlen müssen, worauf ihre Verschuldung noch weiter ansteigt und ihre Abhängigkeit von den jeweiligen Geldgebern noch weiter zunimmt, weil sie, um jeweils wieder weitere Kredite zu bekommen, laufend noch drastischere Sparprogramme umsetzen müssen, von welcher in erster Linie die sowieso schon am meisten benachteiligten Bevölkerungsschichten am allermeisten betroffen sind, was wiederum dazu führt, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich sowohl innerhalb jedes einzelnen der davon betroffenen Länder, aber auch zwischen den Industrieländern des Nordens und den Agrarländern des Südens insgesamt immer noch weiter und weiter vertieft. Wie „erfolgreich“ die Schweiz an vorderster Front an diesem Geschäft permanenter Bereicherung der Reichen durch Verarmung der Armen beteiligt ist, zeigt sich aufgrund einer Expertise der Entwicklungsorganisation Oxfam, die ausgerechnet hat, dass die Schweiz im Handel mit sogenannten „Entwicklungsländern“ mehr als 50 Mal höhere Profite erwirtschaftet, als sie diesen Ländern in Form von „Entwicklungshilfe“ wieder zurückgibt. Da diese Zahl schon ein paar Jahre zurückliegt, dürfte sie heute, nachdem die Schweiz die Gelder für die „Entwicklungshilfe“ noch weiter reduziert hat, sogar noch um einiges höher liegen.

Doch das ist längst noch nicht alles. Ausgerechnet viele der benachteiligten und unterprivilegierten Länder des Südens sind zudem häufig Opfer von Wirtschaftssanktionen, welche an vorderster Front von den USA gegenüber missliebigen Regierungen verfügt werden und an denen sich in aller Regel auch die übrigen westlichen Länder inklusive die Schweiz beteiligen, so etwa, um nur einige wenige zu nennen, gegenüber Kuba, Venezuela, dem Iran, Syrien oder dem Irak, wo allein zwischen 1991 und 1995 als Folge US-Wirtschaftssanktionen über eine halbe Million Kinder sterben mussten, was die damalige US-Aussenministerin Madeleine Albright in einem Interview mit einem TV-Reporter mit einer Aussage kommentierte, die zynischer nicht sein könnte. Auf die Frage nämlich, was sie zum Tod dieser halben Million Kinder meine, sagte sie, der Tod dieser Kinder habe sich gelohnt, weil er dazu beigetragen habe, die politischen und wirtschaftlichen Ziele der US-Aussenpolitik gegenüber dem Irak erfolgreich durchzusetzen.

Ja, es macht schon einen Unterschied, ob man zu den Siegern oder zu den Verlierern des kapitalistischen Weltwirtschaftssystems gehört, die Welt sieht dann, je nachdem, ob man von oben nach unten schaut oder von unten nach oben, schon ganz gehörig anders aus. So gesehen könnte man den von US-Präsident Trump über die Schweiz verfügten Zollhammer auch als so etwas wie einen heilsamen Schock sehen, der die bisher so verwöhnte, sich stets auf der Seite der Sieger befindliche Schweiz ein ganz klein wenig aufwachen und spüren lassen könnte, wie sich das Leben auf der gegenüberliegenden Seite dieses Grabens anfühlen muss und wie schmerzlich es sein kann, der Machtdemonstration eines Stärkeren mehr oder weniger ohnmächtig ausgeliefert zu sein.

Ein heilsamer Schock, der Anlass dazu sein könnte, für einmal darüber nachzudenken, warum ausgerechnet die Schweiz, einer der an Bodenschätzen und Rohstoffen ärmsten Flecken der Erde, dennoch das reichste Land der Welt geworden ist. Was hat die Schweiz so reich gemacht? Zum Beispiel Schokolade. Zum Beispiel Kaffee. Zum Beispiel Baumwolle. Zum Beispiel Erdöl. Zum Beispiel Gold, Eisen, Kupfer, Lithium, Kobalt. Zum Beispiel Diamanten. Alles Rohstoffe und Bodenschätze, von denen kein einziges Gramm und kein einziger Tropfen aus Schweizer Boden stammt, mit deren Kaufen, „Veredeln“, „Transformieren“ und Weiterverkaufen aber die Schweiz bzw. hier ansässige Rohstoff- und Nahrungsmittelkonzerne grössere Gewinne erzielen als fast alle anderen Länder der Welt. Nicht harte Arbeit und übermenschlicher Fleiss ist es. Vielmehr die Kunst, aus möglichst wenig möglichst viel zu machen und so reich zu werden dadurch, dass andere im Elend versinken. Ausgerechnet Länder wie Nigeria und Libyen, aus deren Böden jährlich jene Millionen Tonnen Erdöl herausgepresst werden, welche schweizerische Geldtöpfe bis zum Bersten füllen, verwandeln sich mehr und mehr in Zonen des Todes, wo nur schon das nackte Überleben zum puren Luxus geworden ist. Von den elf Franken, die man bei Starbucks in Zürich oder Basel für einen Crème Brulée Brown Sugar Frappuccino bezahlt, bekommt die Kaffeebäuerin, die sich von früh bis spät auf irgendeiner fernen Kaffeeplantage in Costa Rica oder Äthiopien bei weit über 40 Grad in der prallen Sonne von früh bis spät fast zu Tode schuftet, bloss gerade mal, wenn es gut kommt, fünf Rappen. Allein in den ersten eineinhalb Monaten des Jahres 2025 sind im Ostkongo, wo Rebellenverbände, Söldnertruppen und Mörderbanden als Vorhut der hinter ihnen im Unsichtbaren agierenden Regierungen und Konzerne im gegenseitigen Konkurrenzkampfe um die Aneignung besonders gewinnbringender Bodenschätze gegeneinander kämpfen, rund 7000 Menschen getötet worden, 450’000 Menschen sind obdachlose Binnenflüchtlinge im eigenen Land und 2,8 Millionen Menschen haben bereits ihre ursprünglichen Wohngebiete verlassen müssen, doch kein einziger Schweizer, der sich beim Morgenkaffee die neuesten Börsenkurse zu Gemüte führt, erfährt jemals, wie viele Menschen geopfert wurden, damit er, ohne einen Finger zu rühren, über Nacht um 2000 oder 5000 Franken reicher geworden ist. Ja, wenn man sich das alles vor Augen führt und noch dazu kommt, dass die Schweiz immer noch einer der weltweit wichtigsten Finanzplätze ist und bekanntlich nichts so hilfreich ist, um Reichtum zu schaffen, als schon möglichst viel davon zu besitzen, dann verwundert es eigentlich nicht mehr besonders, dass der Genfer Soziologe und Schriftsteller Jean Ziegler schon vor vielen Jahren in einem seiner Bücher die Schweiz als das „Gehirn des kapitalistischen Monsters“ bezeichnet hat. Vielleicht verstehen viele, die damals darüber bloss den Kopf geschüttelt haben, heute immer besser, dass das nicht übertrieben war, sondern die reine Wahrheit.

Der heilsame Schock des Trumpschen Zollhammers könnte daher auch Anlass dazu sein, sich über eine andere Weltwirtschaftsordnung Gedanken zu machen, die nicht mehr auf Ausbeutung, grenzenlosem Wirtschaftswachstum und dem Recht des Stärkeren beruhen würde, sondern auf einer global fairen und gerechten Verteilung der vorhandenen Ressourcen und Güter, auf Gemeinwohl, Frieden und sozialer Gerechtigkeit, auf gegenseitigen Handelsbeziehungen, bei denen alle Beteiligten auf gleicher Augenhöhe miteinander umgehen und über die gleich langen Spiesse verfügen.

Und so weitergedacht, käme man vielleicht auf eine zunächst als ganz verrückt erscheinende Idee, die sich aber bei näherem Hinsehen als durchaus realistisch, vernünftig und zukunftsträchtig erweisen könnte. Nämlich, dass die Schweiz das Lager wechseln und als erstes europäisches Land dem Bündnis der BRICS-Länder beitreten würde. Wie zukunftsträchtig das wäre, wird schnell deutlich, wenn man sich folgende Zahlen anschaut: Betrug im Jahre 1990 der Anteil der G7-Länder am weltweit gemessenen BIP (nach Kaufkraftparität) noch 47%, jener der BRICS-Länder 16%, so lagen die beiden Zahlen zwölf Jahre später bei 43% bzw. 19% und zwanzig Jahre später, nämlich 2022, bei 30% bzw. 32%, mit anderen Worten: Der Anteil aller BRICS-Länder am weltweiten BIP liegt heute bereits über jenem der G7-Länder. Zudem leben 48% der heutigen Weltbevölkerung in BRICS-Staaten – und es werden von Jahr zu Jahr mehr -, während in den G7-Staaten gerade mal 11% der Weltbevölkerung beheimatet sind. Zukunftsträchtig aber vor allem auch deshalb, weil zwar die Wirtschaftsweise der BRICS-Staaten ebenfalls grundsätzlich eine kapitalistische ist, aber viel stärker auf gegenseitige Solidarität zwischen Starken und Schwachen ausgerichtet ist, denn diese Länder haben eine grundsätzlich andere Geschichte, einen grundsätzlich anderen Erfahrungshintergrund, gehörten sie doch während den letzten 500 Jahren kolonialistischer Ausbeutung des Südens durch den Norden – von Brasilien über Südafrika, Äthiopien, Ägypten bis zu Indien und Indonesien – nicht zu den Siegern, sondern stets zu den Verlierern der Weltgeschichte.

Auf keinen Fall, so Remo Reginold, Direktor des Swiss Institute for Global Affairs, dürfe man die BRICS-Staatengruppe unterschätzen, ganz im Gegenteil: „Ich sehe die BRICS als ein Symbol für eine Entwicklung, die ein neues weltpolitisches Zeitalter einläutet.“ Reginold sieht in den BRICS-Staaten ein Konglomerat, eine Zusammenballung verschiedener Materialien unterschiedlicher Struktur, Grösse und Eigenschaften. Ziel der BRICS-Staaten sei es, durch eine Reform der UNO, der Weltbank und des IWF die Interessen des Globalen Südens besser zu repräsentieren. Es solle eine neue Form der internationalen Zusammenarbeit geschaffen werden, die sich nicht am westlichen Regelwerk orientiere. Die Schweiz müsse, so Reginold, genau wie alle anderen Länder des Westens, ihre „westliche Brille“ abnehmen, um die BRICS zu verstehen und ihre Zeichen richtig zu lesen. Stimmen wie eine solche von Remo Reginold sind leider in der schweizerischen Öffentlichkeit kaum je zu hören.

Und ja. Die Schweiz als erstes europäisches BRICS-Mitglied. Es wäre sogar, wenn man es sich recht überlegt, so etwas wie eine Rückkehr und eine Rückbesinnung auf die urschweizerischen Grundwerte von Gemeinschaftsdenken und Solidarität der Stärkeren mit den Schwächeren. Es würde die vom Westen bisher konsequent auf die Spitze getriebenen Fronten zwischen den Siegern und den Verlierern aufbrechen und wäre gerade für die Schweiz eine in ihrer Bedeutung gar nicht genug hoch einzuschätzende Chance, vieles von früher begangenem Unrecht wieder gut zu machen und sich mit all ihren zur Verfügung stehenden Kräften am Aufbau einer neuen, gerechten, friedlichen und ausbeutungsfreien zukünftigen Weltwirtschaftsordnung aktiv zu beteiligen. Es mag noch verrückt klingen und vermutlich noch lange nicht mehrheitsfähig sein. Aber sind nicht gerade die verrücktesten Ideen genau jene , die – wie einst der deutsche Philosoph Schopenhauer sagte – zunächst zwar belächelt werden, eine Zeitlang vielleicht sogar bekämpft, aber früher oder später doch zu einer Selbstverständlichkeit geworden sein werden, bei der man sich nur wundern wird, weshalb man nicht schon früher darauf gekommen ist…

22. Montagsgespräch vom 11. August 2025: Die Juso-Erbschaftssteuer – vernünftig oder gefährlich?

Das Buchser Montagsgespräch vom 11. August setzte sich mit der von den Juso initiierten Erbschaftssteuer auseinander, über die am 30. November dieses Jahres abgestimmt wird. Bei einer Annahme der Initiative käme es zur Einführung einer Steuer von 50 Prozent für Erbschaften und Schenkungen, die über einen Freibetrag von 50 Millionen Franken hinausgehen. Die dadurch jährlich anfallenden rund 6 Milliarden Franken wären zweckbestimmt für die Bekämpfung der Klimakrise. Von dieser neuen Steuer betroffen wären schweizweit etwa 2000 Personen oder 0,05 Prozent sämtlicher Steuerzahlerinnen und Steuerzahler.

Was könnte es angesichts der Tatsache, dass die 300 Reichsten der Schweiz heute bereits mehr als 833 Milliarden Franken besitzen, überhaupt für ein einleuchtendes Argument gegen diese Initiative geben, so ein erstes Votum in der Diskussion. Es wäre ja höchstens ein winziger Tropfen auf den heissen Stein, auf das zunehmende Auseinanderklaffen einer superreichen und jährlich immer noch reicher werdenden Minderheit und der breiten Bevölkerung, wo die Löhne seit Jahren weitgehend stagnieren.

Dieser Argumentation widersprach eine Unternehmerin in der Runde, die zu bedenken gab, dass Firmen ja nicht einfach das Ziel hätten, möglichst viel Reichtum für einzelne Privatpersonen zu schaffen, sondern dass sie eine soziale Verantwortung trügen und die von ihnen erzielten Gewinne wiederum für Investitionen nötig seien, um Arbeitsplätze für die Bevölkerung zu schaffen. Die grossen sozialen Unterschiede gäben aber auch ihr zu denken, allerdings würde sie anstelle einer Erbschafts- und Schenkungssteuer eher die Einführung einer Kapitalsteuer befürworten.

Im Laufe der weiteren Diskussion wurde auch die Frage aufgeworfen, ob die Einführung einer solchen Erbschaftssteuer nicht zu einer untragbaren Mehrfachbelastung der Betroffenen führen würde, die ja bereits Gewinn-, Einkommens- und Vermögenssteuer bezahlen würden. Diesem oft gegen die Initiative ins Feld geführten Behauptung wurde die Tatsache entgegen gehalten, dass die Erbschaftssteuer ja nicht von den jeweiligen Firmenbesitzern bezahlt werden müsste, sondern ausschliesslich von deren Nachkommen. Ebenfalls erinnerte ein Diskussionsteilnehmer daran, dass es ja bis 1991 in sämtlichen Kantonen eine Erbschaftsteuer gegeben hätte, ohne dass offensichtlich die Wirtschaft darunter zu leiden gehabt hätte. Die Erbschaftssteuer sei in der Folge in einem Kanton nach dem andern abgeschafft worden, nicht weil sie grundsätzlich wirtschaftsfeindlich sei, sondern als Folge eines Steuerwettbewerbs, bei dem jeder Kanton im Konkurrenzkampf mit den anderen bemüht ist, möglichst gewinnträchtige Firmen und reiche Privatpersonen anzulocken.

Ob die Drohungen einzelner Unternehmer, bei einer Annahme der Initiative die Schweiz zu verlassen, ernstzunehmen oder doch eher ein Versuch sind, durch Angstmacherei eine Annahme der Initiative zu verhindern, darüber waren die Meinungen geteilt.   

21. Montagsgespräch vom 16. Juni 2025: Ist eine Welt ohne Geld vorstellbar?

Am Buchser Montagsgespräch vom 16. Juni stellte Eric Zaindl, Ökonom und Buchautor, seine Vision einer „Welt ohne Geld“ vor, die er auch in Buchform veröffentlicht hat. Durch seine intensiven Recherchen und beruflichen Erfahrungen – vom Sachbearbeiter bis zum Geschäftsführer in verschiedenen Unternehmen – sei er zur Erkenntnis gelangt, dass eine geldfreie Welt möglich wäre. Oder dann eine Welt mit einem gerechteren Geldsystem, als das heute der Fall sei.

Zaindl zitierte den US-amerikanischen Unternehmer Henry Ford: „Würde die Menschheit das Geldsystem verstehen, hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh.“ In der Tat beruhe die Macht des herrschenden Geldsystems auf dem Nichtwissen der breiten Bevölkerung über die Mechanismen, die hinter der Geldschöpfung stecken. Über 90 Prozent der Gesamtmenge an Geld existiere gar nicht in physischer Form, sei reines Buchgeld, das auf der Basis von Krediten von Banken oder anderen Finanzinstitutionen geschaffen würde. Dabei ginge es oft um so gigantische Beträge, dass diese gar nie zurückbezahlt werden könnten, während kleinere, an KMU oder Privatpersonen verliehene Kredite stets samt Zins zurückzuerstatten seien. Gleichzeitig werde öffentlich der Anschein erweckt, als dass Geld Mangelware sei, was es im Alltag vieler Menschen auch tatsächlich sei, allerdings nicht für die geldschöpfenden Institutionen. Dieses Mangeldenken werde dann zur Ausrede genommen, zu wenig Geld für wichtige öffentliche Aufgaben zu haben, wie z.B. für die seit Jahrzehnten hinausgeschobene Lösung des Hungerproblems in sogenannten Entwicklungsländern. Viele der heutigen sozialen und wirtschaftlichen Probleme seien eine unmittelbare Folge dieses ungleichen Zugangs zu Geld. Es brauche daher grundlegend neue Ansätze, denn, wie auch Albert Einstein gesagt hätte: Probleme liessen sich nicht mit der gleichen Denkweise lösen, mit welcher sie entstanden seien.

Würden die Menschen überhaupt noch arbeiten, wenn der Anreiz, damit Geld zu verdienen, nicht mehr vorhanden wäre? Eine Diskussionsteilnehmerin wies darauf hin, dass der Mensch ein zutiefst soziales Wesen sei und nicht von Natur aus egoistisch und habgierig. Es würde wohl ein Füreinander und Miteinander entstehen, wenn das Gelddenken wegfallen und der Leistungsdruck, sprich das Müssen, durch ein Dürfen ersetzt würde. Ein Wirtschaftssystem ohne Geld, so Zaindl, würde zudem zu einem viel nachhaltigeren Umgang mit den vorhandenen Ressourcen führen, da das Ziel der Produktion dann nicht mehr in einer möglichst gewinnbringenden Vermarktung der Güter und damit verbundenem Überkonsum liegen würde, sondern in der Erfüllung der menschlichen Grundbedürfnisse weltweit. Es brauche angesichts der immensen Herausforderungen unserer Zeit dringend neue Ideen, so ein Diskussionsteilnehmer, der in diesem Zusammenhang an ein bekanntes Zitat des deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer erinnerte: „Ein neuer Gedanke wird zuerst verlacht, dann bekämpft, bis er nach längerer Zeit als selbstverständlich gilt.“

7. Juli 2025: Sommersalat, Heilbutt, der nächste Friedensnobelpreis und Kinder ohne Füsse, ohne Beine, ohne Hände…

Peter Sutter, 21. Juli 2025

Es war der 7. Juli 2025 als
auch noch das allerletzte Wort in der
Sprache der Menschen
ausgegangen war
das allerletzte Wort um gerade noch knapp das
Unaussprechliche auszusprechen
fortan
gab es
keine Worte mehr und
selbst wenn sie noch so tief unter den
Trümmern zerbombter Städte Dörfer Landschaften
vorhanden gewesen wären
selbst dann hätte man jedem einzelnen dieser Worte
tausend weitere hinzufügen müssen die in
keiner einzigen der bisher bekannten Sprachen je
zu finden sind
Wieder
als wäre nichts geschehen
sassen die längst in alle Winde verjagt Geglaubten am
gleichen Tisch wie
vor tausend Jahren
Tafelrunden auf den Burgen längst vergangener Zeiten nach
geschlagener Schlacht das Festmahl
ES WAR DIE ZEIT DER MONSTER
hatte ein italienischer Freiheitskämpfer in hellster Klarsicht
zutiefst erschaudernd ob der eigenen Erkenntnis schon
vor beinahe hundert Jahren in sein Tagebuch geschrieben
als hätte er so weit in die Zukunft blicken können
ES WAR DIE ZEIT DER MONSTER
DIE ALTE ZEIT LAG IM STERBEN
DOCH DIE NEUE ZEIT
KÄMPFTE ERST GERADE DARUM
GEBOREN ZU WERDEN
An diesem 7. Juli 2025 liess der
mächtigste Mann der Welt
im Blue Room des Weissen Hauses in Washington
zu Ehren seiner auserwählten Gäste
Sommersalat und gebratenen Heilbutt auftragen
den erlesensten Fisch und dazu die Gläser voll
köstlichsten Weins
wieder eine reine Männerrunde
als hätte es nie etwas anderes gegeben
wo sind die Frauen
wo sind die Kinder?
An diesem 7. Juli 2025 waren
in Gaza
vier Fünftel aller Blumen
aller Bäume aller
Tiere für immer
verbrannt
die Schmerzensschreie
Zehntausender Kinder unter den tonnenschweren
Trümmern aller ihrer
Kindheitsträume von einer bunten Zukunft voller
Liebe und voller Lachen und voller Lebensfreude
für immer
verstummt
An diesem 7. Juli 2025
morgens um drei
als die Mächtigsten der Mächtigen noch in
tiefstem Schlaf lagen
das Festmahl vom Vorabend schwer verdauend
hatte es angefangen
Tausende Männer Frauen Kinder mit
leergebrannten Bäuchen
staubtrockener Kehle
von hinten auf sie einschlagend bis an die
Zähne bewaffnete Soldaten
vorwärtsgeprügelt in Richtung der Ausgabestellen für ein paar
wenige Essenspakete die nur für die
Stärksten und Schnellsten von ihnen
zu ergattern waren
und von vorne das Kanonenrohr eines sich ihnen
langsam und bedrohlich nähernden Panzers
dann
auf einmal
Schreie die man eigentlich bis zum
anderen Ende der Welt hätte
hören müssen als der
Kugelregen im Dunkeln unsichtbarer
Maschinengewehre auf sie
niederprasselte
Schreie die man
eigentlich bis ans
andere Ende der
Welt hätte hören müssen
Bis zu diesem 7. Juli 2025 als
im Blue Room des Weissen Hauses in Washington
Sommersalat und gebratener Heilbutt aufgetragen wurden
waren es in den davor liegenden bloss fünf Wochen schon
über 700 Kinder Frauen Männer gewesen
mit ihren leergebrannten Bäuchen und der staubtrockenen Kehle
beim Anstehen um ein paar bitter ersehnte Essensbrocken
totgeschossen
mehr als 5000 darüber hinaus
verstümmelt
zerfetzt
von den letzten überlebenden sich kaum mehr auf den
Beinen haltenden Sanitätern zu jenen
Steinhaufen geschleppt die einst
Spitäler gewesen waren
Kinder ohne Füsse
ohne Beine
ohne Hände
Babys mit von Kopf bis Fuss verbrannter Haut notdürftig in
ein paar dreckige Lumpen gehüllt
An diesem 7. Juli 2025
500 Jahre nachdem er sie ausgesprochen hatte war die
Prophezeiung des englischen Dramatikers William Shakespeare
in nie erahnter Gründlichkeit zu Wirklichkeit geworden
DIE HÖLLE WAR LEER DENN ALLE TEUFEL WAREN JETZT AUF DER ERDE
waren jetzt auf der Erde verkleidet als
ehrenwerte Männer mit dem
göttlichen Auftrag die Welt von allem
Bösen zu befreien
ALLES WAS VON GAZA ÜBRIG GEBLIEBEN IST VERNICHTEN WIR
hatte der israelische Finanzminister keinen Monat zuvor gesagt und
ES IST UNSERE HEILIGE PFLICHT DIE MENSCHEN DORT VERHUNGERN ZU LASSEN
pflichtete ihm einer seiner Gesinnungsgenossen im israelischen Parlament bei und
WIR WERDEN NICHT EIN EINZIGES GRAMM HILFSGÜTER DORTHIN SCHICKEN BIS DIE GANZE BEVÖLKERUNG AUF DIE KNIE FÄLLT UND FLEHT – GAZA MUSS DEM ERDBODEN GLEICHGEMACHT WERDEN DENN SO ETWAS WIE UNSCHULDIGE MENSCHEN GIBT ES DORT NICHT
liess der bis vor Kurzem amtierende israelische Minister für Sicherheit verlauten und JEDES BABY IN GAZA IST UNSER FEIND
sagte auch einer seiner besten Kollegen aus der gleichen Partei der selbsternannten Gotteskämpfer
und dennoch
stand die Erde nicht still sondern
drehte sich weiter als wäre nichts geschehen
Schaut den Mann rechts auf dem Bild und
schaut den Mann links auf dem Bild
Der eine überreicht dem andern einen Briefumschlag und der andere tut so als
wüsste er nicht was darin geschrieben ist obwohl er den Brief höchstwahrscheinlich
sogar selber geschrieben hatte um als
Friedensfürst in die Geschichte einzugehen in der Galerie der Träger eines
Friedensnobelpreises ganz so
wie sein vielgerühmter Vorgänger Barack Obama der
jeden Morgen schon vor dem Frühstück mit leichtem Knopfdruck die
nichtsahnenden Opfer des
eben gerade angefangenen neuen Tages ausgewählt hatte damit die
Steuerungssysteme der Drohnen auch rechtzeitig mit allen
notwendigen Daten bestückt werden konnten um den
vermeintlichen Terroristen unweit eines Brunnens inmitten einer
winzigen Dorfgemeinschaft weitab in der afghanischen Wüste
punktgenau zu treffen und dabei halt auch
ein paar unweit davon spielende Kinder ebenfalls in den Tod zu reissen oder
wenn es sein musste auch mal eine ganze Hochzeitsgesellschaft
ICH BIN EBEN GUT IM TÖTEN
hatte Obama ganz offiziell und mit triumphierendem Blick vor gar nicht
langer Zeit verkündet doch
wer will sich in dieser sich immer schneller drehenden Welt noch daran erinnern
Denn noch feiert die Geschichte die Sieger und
nicht die Verlierer noch feiert sie die
Täter und nicht ihre
Opfer
Doch es ging an diesem 7. Juli 2025
im Blue Room des Weissen Hauses in Washington
nicht nur um
Sommersalat Heilbutt und den nächsten Friedensnobelpreis
es ging auch um den
PLAN RAFAH
um die logistische Herausforderung einer
Zwangsumsiedlung der in Gaza noch übrig gebliebenen
zwei Millionen Männer Frauen Kinder aus der Hölle des
Nordens in die Hölle der im südlichsten Teil des Landes gelegenen
Stadt Rafah wo ebenfalls jetzt schon kein Stein mehr auf dem
anderen geblieben ist
so zusammengepfercht in eine
einzige Stadt ohne jegliche Überlebenschance und hermetisch dort abgeriegelt so dass kein Fuss jemals diesen Ort wieder wird verlassen können
EIN KONZENTRATIONSLAGER FÜR ZWEI MILLIONEN TODGEWEIHTE
unter diesen Umständen also sodann
sollen diese Todgeweihten
zuletzt
so der Mann mit dem lächelnden Gesicht auf der
rechten Seite des Bildes
FREI ENTSCHEIDEN KÖNNEN
OB SIE DORT BLEIBEN WOLLEN ODER VIELLEICHT DOCH
LIEBER DIESE STADT VERLASSEN MÖCHTEN
NIEMAND WERDE SIE VON DIESEM FREIEN ENTSCHEID ABHALTEN
DENN SCHLIESSSLICH SEI DIES DAS DEMOKRATISCHE RECHT JEDES EINZELNEN
IM LANDE ISRAEL DER EINZIGEN WIRKLICHEN DEMOKRATIE IM NAHEN OSTEN
Die weitere Umsiedlung allfällig noch Lebender in
andere Länder sei
als weiterer logistischer Schritt ebenfalls bereits
INTERNATIONAL ABGESPROCHEN
und werde zweifellos
ALLEN PALÄSTINENSERN EINE BESSERE ZUKUNFT BIETEN
was doch das einzige wirkliche Ziel der Regierung Israels sei und auch vom Mann auf der linken Seite des Bildes voll und ganz bestätigt wurde mit den Worten
ETWAS GUTES WIRD PASSIEREN
Aber es müsse
rasch gehen denn die multinationalen
Konzerne der Bau- und Tourismusindustrie wollen nicht länger
unnötig warten bis sie endlich an der Stelle wo einst Gaza war die
grösste Riviera aller Zeiten mit den schönsten Badestränden und den luxuriösesten Hotels und den teuersten Restaurants für die
Reichsten der Reichen aus aller Welt
bauen können
und länger unnötig warten wollen auch nicht all die weltweit Millionen von Aktionären die sich
eben noch berauscht von ihren Milliardengewinnen aus den Exporten israelischer
Waffen und Militärtechnologie in fast alle westlichen Länder aufgrund dessen dass sich
israelische Rüstungstechnik dermassen erfolgreich bewährt hat und weiterhin bewährt im Kampf gegen Kinder und Blumen schon nach dem
nächsten grossen und vielleicht noch viel grösseren Rausch sehnen wie
Raubtiere die
je dicker sie werden
umso gefrässiger sind und
ihr Appetit nur immer noch weiter zunimmt denn je mehr die einen Reichtum schaffen indem sie ganze Länder dem Erdboden gleichmachen umso mehr Reichtum schaffen die anderen um auf den zurückgebliebenen Ruinen hernach wieder
alles neu aufzubauen
und ja
nicht die lächelnden Männer
im Blue Room des Weissen Hauses in Washington bei Sommersalat und Heilbutt
werden die Schaufeln und Presslufthämmer in die Hand nehmen und in
glühenden Steinwüsten ihre Gesundheit und ihr Leben aufs Spiel setzen um die in den
klimatisierten Grossraumbüros internationaler Stararchitekten entworfenen Pläne der grössten Riviera aller Zeiten in die Wirklichkeit umzusetzen
Denn die edlen Herren selber werden indessen gewiss in irgendeinem Land am
anderen Ende der Welt noch ein weiteres ausgehungertes Volk finden wo der Entscheid jedes Einzelnen ob er leben oder lieber sterben möchte die Menschen dazu verdammt
auch noch die entwürdigendsten und erbärmlichsten Arbeitsbedingungen in
Kauf zu nehmen
dann
zwischen den endlosen Trümmern die zuerst einmal
beiseitegeschafft werden müssen und vielleicht ja sogar zu einer Art Vergnügungshügeln mit Seilbahnen und riesigen Rutschbahnen für die Kinder der Reichen aus Amerika Indien oder der Schweiz oder sogar Skipisten oder Biketrails aufgetürmt werden
dann
zwischen den endlosen Trümmern werden sie
vielleicht wieder
ans Tageslicht kommen
winzige
Kinderfüsse
Kinderhände vom
7. Juli 2025 und so vielen anderen Nächten zwischen drei und vier in der Zeit davor
Doch selbst ohne den Krieg in Gaza und selbst ohne alle anderen
derzeit weltweit wütenden fast 60 Kriege von Ecuador über die Westsahara Nigeria den Sudan und Myanmar bis nach Papua-Neuguinea an die man sich offensichtlich schon
so sehr gewöhnt hat dass kaum irgendwer davon noch spricht
Es wäre selbst ohne alle diese Kriege immer noch
unvorstellbar verheerend genug denn
alle drei Sekunden ein Kind
weltweit 15’000 Kinder jeden Tag erleiden vor dem Erreichen ihres fünften Lebensjahrs den erdenklich qualvollsten Tod durch Verhungern weil sie
seit ihrer Geburt nie genug zu essen bekamen
nicht weil es insgesamt auf der Erde zu wenig Nahrung gäbe sondern nur
weil die Güter nicht dorthin fliessen wo sie
am dringendsten gebraucht werden sondern dorthin wo die
Reichen und Mächtigen ihren
bereits in sinnlosem Übermass vorhandenen Reichtum immer noch
weiter und weiter ins
Unermessliche steigern
Nein
nicht in einer finsteren Höhle
hoch in den Bergen Afghanistans
nicht in einem von verzweifelten Händen geschaufelten
unterirdischen Tunnel an der Grenze zwischen Palästina und Ägypten
nicht an einem geheimen
Sammelort todesmutiger Guerrilleros irgendwo im
Dschungel Boliviens oder Ecuadors ist
das Böse
nein
Das Böse manifestiert sich ganz offen und ohne jede Scham in den
ganz offiziellen und legalen Zentren des Wohlstands an den alles entscheidenden
Schalthebeln und Zentren der
Macht und des über Jahrhunderte zusammengestohlenen Reichtums
nicht unter Kopftüchern oder Turbanen
nicht hinter finsteren Masken oder
eingehüllt in schwarze Tücher
treibt es sein Unwesen
nein
seine Zeichen sind weder Messer noch Kalaschnikows
und seine Kämpfer gehen nicht zu Fuss sondern
reisen im Privatflugzeug von Metropole zu Metropole
gierig und süchtig nach allem
was noch lebt
dezent schwarze und dunkelblaue Anzüge
Krawatten in allen Farben
Aktenkoffer sind ihre Zeichen und
flink herbeieilende Bedienstete welche die Türen zu ihren
schwarzen Staatskarrossen öffnen und schliessen
der Heilbutt im Blue Room des Weissen Hauses
meterlange Bankette mit aus aller Welt zusammengestohlenen Köstlichkeiten
die zu letzter Perfektion getriebene Kunst des Lügens
Doppelmoral und Scheinheiligkeiten und das permanente
Verdrehen der Wahrheit in ihr Gegenteil das
Auslöschen jeglicher
unangenehmer und verdächtiger Erinnerungen und Spuren der Vergangenheit
dies alles sind die Rückzugsgebiete in denen sich das Böse
in das Gute verkleidet sich vor der Wahrheit
versteckt hat und sein Unwesen treibt
wilder und ungebändigter denn je
Massenmörder im Nadelstreifenanzug
Sitzungsräume in den hell erleuchteten obersten Etagen multinationaler Konzerne wo
nicht nur die Vernichtung der Gegenwart sondern gleich auch noch die
Vernichtung jeglicher Zukunft planmässig vorangetrieben wird
DAS BÖSE VON HEUTE
schrieb der italienische Schriftsteller Umberto Eco
HAT ÄUSSERLICH NICHTS MIT DEM BÖSEN AUS DER VERGANGENHEIT ZU TUN ABER DER GEIST DER DAHINTERSTECKT DIE TOTALE KONTROLLE UND AUSBEUTUNG IST IMMER NOCH DERSELBE DAZU BRAUCHT ES WEDER UNIFORMEN NOCH STECHSCHRITT NOCH DEN EROBENEN GRUSS DENN ES IST SO MODERN UND SO RAFFINIERT VERPACKT UND WIRD MIT DERMASSEN ALLEN MITTELN DER VERFÜHRUNG DER ZENSUR UND DER LÜGEN SO ERFOLGREICH VERKAUFT DASS DIE MENSCHEN LÄNGST NICHT MEHR WAHRZUNEHMEN VERMÖGEN WELCHES SEINE TATSÄCHLICHEN TREIBENDEN KRÄFTE SIND
Und während dieses Böse immer unverschämter und
auch noch die alleräussersten Grenzen sprengend sein
Unwesen treibt
haben am gleichen 7. Juli 2025
in den reichen Ländern des Nordens die
Sommerschulferien angefangen
In Windeseile als ginge es ums nackte Überleben wurden die Koffer gepackt bis sie
fast aus den Nähten platzten
Kleider für den Strand
Kleider für das Windsurfen
Kleider für das Tête-à-Tête an der Hotelbar
Kleider für die Dinnerpartys
Kleider für den Tennisplatz für den Golfplatz für das Fitnesstraining für die Stadtbesichtigung und für das Shoppen
Liebesromane Kriminalromane Rezeptbücher und Anleitungen für mehr Lebensgenuss und
fast noch euphorischer als die Aktionäre der Waffenfabriken und der Baukonzerne werden auch in diesem Sommer wieder die
Aktionäre der Flugunternehmen der globalen Hotelketten und der in immer schnellerem Tempo aus den letzten verbliebenen Paradiesen schiessenden Tourismusdestinationen jubeln vielleicht sogar mit
Sommersalat und Heilbutt
wer weiss
DIE WELT
sagte Albert Einstein
IST VIEL ZU GEFÄHRLICH UM DARIN ZU LEBEN
NICHT NUR WEGEN DER MENSCHEN DIE BÖSES TUN
SONDERN VOR ALLEM AUCH WEGEN DER MENSCHEN DIE
DANEBEN STEHEN UND SIE
GEWÄHREN LASSEN…

Mythen statt Fakten

So wenig man mit Ökonomen über Wirtschaft, mit Bankern über das Geldsystem, mit Politikern über soziale Gerechtigkeit, mit Ärzten über Gesundheit und mit Pfärrern über Religion diskutieren kann, so wenig kann man mit Lehrern über die Schule und das Lernen diskutieren. Denn überall ist die Gedankenbildung nicht von Fakten geprägt, sondern von Mythen. Nun werden alle diese Mythen auch noch mit KI für die Ewigkeit festgeschrieben.

Peter Sutter, 5. Juli 2025

Entmenschlichung und Schuldzuschreibungen als Voraussetzung für den Krieg der „Guten“ gegen die „Bösen“…

Peter Sutter, 3. Juli 2025

Sterben bei einem russischen Drohnenangriff zwei ukrainische Kinder, wird garantiert augenblicklich in fast allen westlichen Medien ausführlichst darüber berichtet, meist verbunden mit dem Hinweis darauf, dass nur ein so abgrundtief böser Mensch wie der russische Präsident Putin so gewissenlos sein könne, solche „Kriegsverbrechen“ anzuordnen. Sterben zur gleichen Zeit im Gazastreifen infolge eines israelischen Luftangriffs hundert oder hundertfünfzig palästinensische Kinder, sucht man eine vergleichbare Berichterstattung vergebens. Und findet man nach langem Suchen dennoch irgendwo am Rande einer Zeitungsseite einen winzigen Hinweis darauf, dann wird dort kaum je zu lesen sein, dass nur ein so abgrundtief böser und gewissenloser Mensch wie der israelische Premierminister Netanyahu fähig sein könne, für solche Verbrechen die Hauptverantwortung zu tragen.

Rational erklären lässt sich das nicht. Die Auswirkungen des Ukrainekriegs auf die dortige Zivilbevölkerung seit dem Februar 2022 lassen sich nicht im Allerentferntesten vergleichen mit der Zerstörungswut und dem menschlichen Elend, das Netanyahu im Gazastreifen innerhalb von eineinhalb Jahren angerichtet hat. An dieser Stelle irgendwelche Vergleichszahlen anführen zu wollen, wäre völlig müssig, jedes Kind kennt sie, sie übersteigen jegliches einigermassen humane Vorstellungsvermögen um ein Vielfaches. Dennoch ist der eine, Putin, aus der Sicht des Westens einer der schlimmsten Kriegsverbrecher, den man so schnell wie nur irgend möglich für immer hinter Gittern sehen möchte. Während der andere, Netanyahu, von den gleichen westlichen Regierungen mit allen Ehren empfangen wird, ihm rote Teppiche ausgerollt werden, ihm unter dem Blitzlichtgewitter Dutzender Journalisten minutenlang die Hand geschüttelt und ihm ganz offiziell dafür gedankt wird, sich unerschütterlich von seiner an „demokratischen Werten“ orientierten Regierungspolitik durch niemanden und durch nichts abbringen zu lassen.

Dass es bei alledem um nichts anderes geht als um nackte westlich-kapitalistisch-imperialistische Machtpolitik, die mit „Demokratie“ und „Menschenrechten“ nicht das Geringste zu tun hat – um dies zu erkennen, braucht es weder viel Intelligenz, noch viel Phantasie. Es müsste also, rein theoretisch, die Möglichkeit bestehen, die ganze Scheinheiligkeit und Unehrlichkeit der westlichen Machtpolitik zu entlarven und breiteste Bevölkerungsschichten dazu zu bringen, sich gegen deren Vorherrschaft aufzulehnen und sie zu Fall zu bringen, besteht doch ansonsten, wenn man sie weiterhin gewähren lässt, in letzter Konsequenz die allergrösste Gefahr eines dritten Weltkriegs, der dann, wie Bertolt Brecht dereinst so treffend schrieb, nicht nur den goldenen Wagen, auf dem die Reichen sitzen, sondern auch die den Wagen ziehenden „schwitzenden Zugtiere mit in den Abgrund reissen“ würde.

Trotz alledem scheint ein solcher Volksaufstand zurzeit noch in weiter Ferne zu liegen. Ganz im Gegenteil neigen die Menschen in den westlichen Ländern mehrheitlich immer noch dazu – und sei es nur durch ihr Schweigen und ihre Passivität -, die Politik jener mitzutragen, von denen sie täglich ausgebeutet, instrumentalisiert und über den Tisch gezogen werden. Dies deutet darauf hin, dass es etwas anderes geben muss, was stärker ist als alle Intelligenz, alle Vernunft und aller gesunde Menschenverstand. Dieses Stärkere muss so tief im Denken und Fühlen der Menschen verankert sein, dass es zum Vornherein ihre Meinungen, ihre Einstellungen, ihre Denkweise und ihr Handeln dermassen systematisch und allumfassend auf einen einzigen gangbaren Weg reduziert, dass ihnen der Zugang zu grundsätzlich anderen, davon abweichenden Wegen offensichtlich gar nicht mehr denkbar erscheint.

Was aber könnte dieses „Andere“ sein? Eine mögliche Antwort auf diese Frage erschliesst sich auf höchst erschreckende und zugleich erhellende Weise, wenn wir Aussagen westlicher und europäischer Politiker in Bezug auf das russische und das palästinensische Volk miteinander vergleichen: In Bezug auf beide Volksgruppen ist nämlich Immer wieder die Rede von „Tieren“, „Hunden“ oder anderen „nichtmenschlichen“ Kreaturen. So etwa sagte Yoaw Gallant, bis 2024 israelischer Verteidigungsminister: „Wir kämpfen gegen menschliche Tiere und handeln entsprechend.“ Ähnliche Aussagen sind auch immer wieder von anderen israelischen Spitzenpolitikern zu hören, so etwa von Ezra Yachim, einem bekannten Armeeveteranen, der zur „Vernichtung aller Palästinenserinnen und Palästinenser“ und zur „Auslöschung sämtlicher Erinnerungen an dieses Volk“ aufrief, denn „diese Tiere dürfen nicht länger leben.“ Das Bild einer „höherwertigen“ jüdischen Kultur und Zivilisation gegenüber einem „minderwertigen“ Volk von Tieren, Barbaren oder rückständigen „Wilden“ zieht sich durch alles hindurch und gipfelt in der Aussage Netanyahus, die Juden seien das „Volk des Lichts“ und die Palästinenser das „Volk der Finsternis“ – von hier ist es nur ein winziger Schritt bis hin zur Schlussfolgerung, dass es sozusagen der göttliche Auftrag dieses „Volks des Lichtes“ sei, das „Volk der Finsternis“ für immer auszulöschen, und zwar so gründlich, dass, wie es der Likud-Abgeordnete Moshe Feiglin forderte, „nicht ein einziges Kind in Gaza übrig bleiben“ dürfe und „sämtliche Babys bereits möglichst früh nach der Geburt getötet werden müssen“.

Fast identisch tönt es, wenn sich westliche Politiker über das russische Volk äussern, wenn auch oft nur hinter vorgehaltener Hand, möchte man doch nicht des blanken Rassismus bezichtigt werden. Aber, stets ein wenig verschnörkelt und abgemildert, ist es im Grunde dennoch nichts anderes als blanker Rassismus, wenn Bilder von Russen als Horden von Vergewaltigern und potenziellen Mördern an die Wand gemalt werden, die gesamte, vom Westen mitverantwortete Vorgeschichte des Ukrainekriegs systematisch ausgeklammert und der Öffentlichkeit vorenthalten wird, oder wenn über friedliche und unschuldige russische Sportlerinnen und Künstler gnadenlos Boykotte verhängt und tausendfach hoffnungsvolle Lebensträume zerstört werden und jedes von einer russischen Drohne getötete Kind mehr Empörung und mediale Wirkung erfährt als der gleichzeitige Tod von Hunderten durch israelische Bomben oder Raketen getötete Kinder im Gazastreifen.

Würden sich die westlichen Hardliner getrauen, ganz offen das auszusprechen, was sie tatsächlich denken, dann käme wohl etwa das heraus, was der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan in seinem Buch „Himmel über Charkiw“ geschrieben hat: „Brennt in der Hölle, ihr Schweine!“, schreibt er und meint damit die Russen, welche er dann im Folgenden zusätzlich auch noch als „Hunde“, „Verbrecher“, „Tiere“ und „Unrat“ bezeichnet, sowie als „Barbaren, die gekommen sind, um unsere Geschichte, unsere Kultur und unsere Bildung zu vernichten.“ Dieses Buch hat Serhij Zhadan nicht etwa eine Anklage wegen Rassismus, Verleumdung oder Volksverhetzung eingebracht, sondern – man höre und staune – den Friedenspreis 2022 des Deutschen Buchhandels! Ob sich wohl FDP-„Sicherheitspolitikerin“ Agnes Strack-Zimmermann von Zhadans Buch inspirieren liess? Oder ob sie ganz von selber auf die glorreiche Idee gekommen ist, unlängst den russischen Aussenminister Sergei Lawrov als „Hund“ zu bezeichnen, ausgerechnet ihn, einen der klügsten, erfahrensten und besonnensten Spitzenpolitiker in so wirren Zeiten.

Genau so, wie Netanyahu aus der Herabwürdigung und Verachtung des palästinensischen Volks den göttlichen Auftrag ableitet, dieses Volk von „Tieren“ auszulöschen, genau so leitet offensichtlich auch der sich als Inbegriff des „Guten“ verstehende „Wertewesten“ die Legitimation ab, Russland zu zerschlagen. Absurder und widersprüchlicher geht es nicht: Die westlichen Regierungen schüren in der Bevölkerung – ohne hierfür auch nur über die geringsten konkreten Beweise zu verfügen – mithilfe einer nunmehr fast gänzlich durchgepaukten Gleichschaltung der Medien zunehmend die Angst vor einem baldigen Angriff Russlands gegen den Westen. Tatsächlich aber sind sie es selber, die gegenüber Russland eine extrem aggressive und bedrohliche Position einnehmen und – angeblich zu „Verteidigungszwecken“ – eine militärische Aufrüstung in historisch nie dagewesenem Ausmass vorantreiben, obwohl die NATO jetzt schon rund zehn Mal mehr Geld für ihre Streitkräfte ausgibt als Russland.

Wer bedroht eigentlich wen? Wird geheimhin Russland als „böser und gefährlicher Aggressor“ hingestellt, der nicht nur Europa, sondern möglicherweise die gesamte Welt mit seinem imperialistischen Machtgehabe bedrohe, kommt man schnell zu einem gänzlich anderen Bild, wenn man sich die Aussagen namhafter westlicher Politikerinnen und Politiker im Verlaufe der vergangenen Jahrzehnte etwas genauer anschaut: „Um Amerikas Vormachtstellung in Eurasien zu sichern“, so der frühere US-Sicherheitsberater Zbignew Brzezinski, „braucht es die NATO-Osterweiterung. Eurasien ist das Schachbrett, auf dem sich auch in Zukunft der Kampf um die globale Vorherrschaft abspielen wird.“ Ebenfalls von Brzensinski stammt diese Aussage: „Die neue Weltordnung wird gegen Russland errichtet, auf den Ruinen Russlands und auf Kosten Russlands.“ Madeleine Albright, frühere US-Aussenministerin, befand bereits vor über 20 Jahren: „Russlands Bodenschätze sind zu gewaltig, als dass sie den Russen allein gehören dürfen.“ Auch für Ben Hodges, den ehemaligen Befehlshaber der US-Armee in Europa, ist klar: „Ziel der USA muss Russlands Spaltung und Zerfall sein.“ Und genau gleich tönt es von Paul Wolfowitz, dem ehemaligen US-Unterstaatssekretär und persönlichen Berater von Präsident George W. Bush: „Die USA müssen in jeder Region der Welt die militärische Vormachtstellung innehaben und den aufstrebenden regionalen Mächten entgegentreten, die eines Tages die globale oder regionale Vorherrschaft der USA herausfordern könnten, vor allem Russland und China. Zu diesem Zweck sollte das US-Militär in Hunderten von Militärstützpunkten auf der ganzen Welt in Stellung gebracht werden und die USA sollten darauf vorbereitet sein, bei Bedarf Kriege nach Wahl zu führen. “ Was die Ukraine, das angeblich unschuldige Opfer der russischen Kriegsmaschinerie, betrifft, so erfahren wir vom früheren US-Sicherheitsberater Douglas McGregor Folgendes: „Denken Sie daran, wir haben acht Jahre damit verbracht, diese Armee in der Ukraine zu dem einzigen Zweck aufzubauen, um Russland anzugreifen. Dafür wurde sie entwickelt. Deshalb haben die Russen sie angegriffen.“ Nicht anders Jens Stoltenberg, der ehemalige NATO-Generalsekretär: „Seit 2014 haben wir die Ukraine massiv mit Waffen versorgt. Das ist natürlich eine sehr bewusste, starke Provokation. Es war uns bewusst, uns in einen Bereich einzumischen, den jeder russische Führer als untragbar ansehen muss. Mit einem Bruchteil des amerikanischen Verteidigungsbudgets konnten wir die russische Armee erheblich beschädigen und degradieren. Und deshalb sollten wir damit auch weitermachen.“ Und auch die neuesten Aussagen deutscher Spitzenpolitiker sprechen genau die gleiche Sprache. „Ich hätte nicht gedacht“, so Sigmar Gabriel, ehemaliger Bundesvorsitzender der SPD und früherer deutscher Vizekanzler, „das einmal sagen zu müssen: Aber wir werden Russland noch einmal so niederringen müssen, wie wir das im Kalten Krieg mit der Sowjetunion gemacht haben.“ Der CDU-Politiker Roderick Kiesewetter fordert: „Der Krieg muss nach Russland getragen werden. Russische Militäreinrichtungen und Hauptquartiere müssen zerstört werden. Wir müssen alles tun, damit die Ukraine in die Lage versetzt wird, nicht nur Ölraffinerien in Russland zu zerstören, sondern Ministerien, Kommandoposten, Gefechtsstände.“ Auch für Johann Wadephul, den neuen deutschen Aussenminister, ist klar: „Russland wird immer ein Feind für uns bleiben.“ Und selbst der neue deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz erkennt keinerlei Nutzen in möglichen Friedensverhandlungen, denn: „Kriege enden nur mit militärischer Erschöpfung.“

Eine derart aggressive Kriegspolitik müsste, rational betrachtet, unüberhörbares Entsetzen und eine nie dagewesene Empörung in all jenen europäischen Ländern auslösen, wo die Menschen jetzt schon bald mittels höherer Steuern, eingeschränkter Sozialleistungen, reduzierter Renten, Sparmassnahmen bei den öffentlichen Diensten und Infrastrukturen und weiteren schmerzlichen Einschnitten bei der sozialen Sicherheit auf Generationen hinaus nur deshalb so viele Opfer erbringen werden müssen, weil ihre Regierungen zurzeit einer friedlichen Konfliktlösung nicht die geringste Chance geben, sondern alles auf die Karte Krieg setzen, und sei es nur, um sich gegen einen möglichen durch ihre eigene Aggressionspolitik provozierten Militärschlag Russlands zu „verteidigen“. Etwas so zutiefst Irrationales ist nur möglich, wenn etwas anderes stärker ist als jede Vernunft: Und genau das eben ist die systematische menschliche Herabwürdigung des potenziellen „Gegners“, bis auch dem Hinterletzten klar ist: Die Welt kann nur gerettet werden, wenn man sich dieser „gefährlichen“, „brutalen“, „primitiven“ und mehr Tieren als Menschen gleichenden Völker so rasch und gründlich wie möglich für immer entledigt, seien es nun die Russen oder die Palästinenser oder irgend ein anderes „minderwertig“ Volk von „Hunden“, das früher oder später noch aufzufinden sein wird. Es ist exakt die gleiche Taktik, die bereits Hitler so erfolgreich angewendet hatte, indem er in Bezug auf die Völker des Ostens nie von etwas anderem sprach als von „Untermenschen“, „Unrat“, „Ungeziefer“, die Juden als „Judenschweine“ bezeichnete und durch diese systematische Entmenschlichung der zukünftigen Opfer den Boden dafür vorbereitete, dass deutsche Soldaten, Angehörige eines hoch gebildeten und kulturell hochstehenden europäischen Volks, scheinbar ohne schlechtes Gewissen in einen Krieg ziehen konnten gegen Menschen, die aus der Sichtweise eben dieses „Kulturvolks“ gar keine wirklichen Menschen waren. So gesehen muss man zum Schluss gelangen, dass sich, so „extrem“ diese Behauptung auf den ersten Blick auch erscheinen mag, die meisten derzeitigen westlichen Regierungen, inklusive die Schweiz, ganz schön brav auf den Spuren Hitlers und dessen nationalsozialistischen Gedankenguts bewegen, gleichzeitig selber aber keine Mühe scheuen, im Sinne einer Projektions- und Ablenkungsstrategie ihre politischen Gegner als „Nazis“ zu diffamieren und sich auf diese Weise ihre eigene Weste sauber zu halten.

Die Entmenschlichung ist der Schlüsselpunkt. Man kann keine Kriege führen, ohne zuvor die potenziellen Opfer systematisch entmenschlicht zu haben. Denn der Mensch ist in seinem Innersten zu gut, als dass er gegen andere Menschen kämpfen oder sie töten möchte, das haben zahllose Experimente und Studien eindeutig bewiesen. Der Mensch ist von Natur aus ein friedfertiges Wesen. Will man Krieg, muss man ihn zur „Kriegstüchtigkeit“ systematisch erziehen. Das einfachste Mittel zu einer solchen Umerziehung besteht darin, den Menschen einzubläuen, dass sie nicht gegen andere Menschen kämpfen werden, sondern gegen Tiere, Hunde, Ratten, Kakerlaken, Ungeziefer, Unrat. Dann sind alle Hemmschwellen weg und es kann so richtig losgehen – jetzt gerade live zu verfolgen, wenn sich israelische Soldaten auf ihren Videobotschaften grölend, derbste Witze reissend, sich die Schenkel klopfend und sich gegenseitig zuprostend präsentieren, während im Hintergrund die Häuser von palästinensischen Dörfern brennen. Die Entmenschlichung der Opfer geht Hand in Hand mit der Entmenschlichung der Täter…

Das ist nichts Neues. Stets war die Entmenschlichung der erste entscheidende Schritt zur Verwirklichung der schlimmsten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit. Angefangen mit der von den europäischen Kolonialmächten sogar angeblich „wissenschaftlich“ bewiesenen These, bei der indigenen Urbevölkerung Amerikas handle es sich nicht um wirkliche Menschen, sondern eher um eine Art von Tieren, bei denen, wie es der angesehene französische Graf Buffon im ersten Jahrhundert der Kolonialisierung Amerikas durch Spanien, Portugal, England und Frankreich formulierte, „keinerlei Anzeichen von Seele“ festzustellen sei. Auch der berühmte französische Philosoph Montesquieu sprach im Zusammenhang mit den Indios von „degradierten“ Menschen. Selbst der als einer der grössten Denker in die Geschichte der westlichen Wertewelt eingegangene deutsche Philosoph Friedrich Hegel unterstellte den Indios „körperliche und geistige Impotenz“. Auch für Thomas Jefferson, US-Präsident von 1801 bis 1809, stand fest, dass die indigene Urbevölkerung Nordamerikas „auf einer früheren Stufe der Menschheitsentwicklung stehen geblieben“ sei und erst der europäische Mensch „die höchste Stufe dieser Entwicklung erreicht“ hätte. US-Aussenminister Henry Clay sagte im Jahre 1826, „vollblütige Indianer“ seien „von Natur aus minderwertig“ und ihr „Verschwinden aus der menschlichen Familie“ wäre „kein grosser Verlust für die Menschheit“.

Nicht anders erging es den afrikanischen Ureinwohnerinnen und Ureinwohnern. Auch sie wurden nicht als eigentliche Menschen betrachtet, sondern im besten Falle als Arbeitstiere auf den Plantagen und in den Bergwerken der europäischen Kolonisten in Nord- und Südamerika, wo sie so gnadenlos ausgebeutet wurden, dass die meisten von ihnen schon nach wenigen Jahren durch Erschöpfung starben, oder aber, wenn nicht durch Zwangsarbeit, dann durch grausamste Folterungen bis zum Tod wegen geringsten Ungehorsams oder anderer klitzekleiner Vergehen. Alle diese an der amerikanischen und afrikanischen Urbevölkerung während rund 500 Jahren begangenen Verbrechen stiessen nur deshalb nicht einmal bei europäischen Rechtsgelehrten, Schriftstellern und Philosophen auf grösseren Widerstand, weil „Wissenschaftler“ aufgrund medizinischer Untersuchungen zum Schluss gekommen waren, das Gehirn nichtweisser Menschen sei gegenüber jenem der weissen Menschen dermassen klein und unterentwickelt, dass man die beiden Volksgruppen gar nicht der gleichen Kategorie Lebewesen zuordnen könne.

Die Geschichte der Entmenschlichungen im Laufe der Jahrhunderte ist endlos und würde zahllose Bibliotheken füllen, die aus allen Nähten platzen würden. Es soll, stellvertretend für Abertausende andere Fälle, nur kurz an zwei paar besonders krasse Beispiele erinnert werden: Etwa an das von US-amerikanischen Bomberpiloten mit „Entenjagden“ verglichene Niedermähen von Vietcongkämpfern im Vietnamkrieg oder von Heerscharen fliehender irakischer Soldaten im Krieg von 2003. Oder an die Foltermethoden im US-Gefangenenlager von Abu Greib, wo gefangene Irakis, von denen sich die allermeisten nicht des geringsten Vergehens schuldig gemacht hatten und bis heute nie rechtmässig verurteilt worden sind, gezwungen wurden, zum Ergötzen der zuschauenden US-Soldaten gefesselt und nur mit Windeln bekleidet wie Hunde am Boden herumzukriechen – hatte man diese Menschen bereits vor ihrer Festnahme zu Tieren degradiert, war es nur logisch, sie nun auch in der Gefangenschaft als Tiere zu behandeln, ganz so, wie es der frühere israelische Verteidigungsminister Gallant gesagt hat: „Wir kämpfen gegen menschliche Tiere und handeln entsprechend.“

Auch eines der allergrössten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit, nämlich die Machtergreifung der Männer gegen die Frauen, die weltweite Errichtung des bis zur Stunde mit allem nur erdenklichen Leiden verbundenen Patriarchats, beruht letztlich auf nichts anderem als auf Entmenschlichung. Schon der im 4. Jahrhundert vor Christus lebende griechische Philosoph Aristoteles definierte Frauen als „unvollkommene Männer“. Über Jahrtausende hinweg wurde gepredigt, Frauen seien weniger wert als Männer und deshalb dazu bestimmt, sich dem Willen der Männer unterzuordnen. Auch reiche ihre Intelligenz nicht dazu aus, sich politisch zu betätigen oder in irgendeiner anderen Weise am öffentlichen Leben teilzunehmen – ein Dogma, das selbst in einem so „fortschrittlichen“ und „aufgeklärten“ Land wie der Schweiz zur Folge hatte, dass Frauen erst im Jahre 1971 (!) das politische Stimm- und Wahlrecht zugesprochen wurde.

Seinen wohl grausamsten Höhepunkt erreichte die Entmenschlichung der Frauen und die Errichtung des Patriarchats in den sogenannten „Hexenprozessen“, denen allein zwischen 1550 und 1650 rund 50’000 Frauen auf bestialischste Weise, meist nach wochen- oder monatelanger Folterung und der anschliessenden Verbrennung auf dem Scheiterhaufen, zum Opfer fielen, und dies mitten in Europa zu einer Zeit, die in den Geschichtsbüchern bis heute als „Aufbruch in ein neues Zeitalter“ und „Beginn der Moderne“ gefeiert wird. Die Verfolgung und Vernichtung der sogenannten „Hexen“, deren einziges „Verbrechen“ darin bestand, besonders starke und mutige Frauen zu sein, zeigt auf ganz besonders drastische Weise einen zweiten Aspekt der Entmenschlichung, der über die Jahrhunderte hinweg neben der Herabwürdigung ganzer Volksgruppen aufgrund ihrer Hautfarbe, Religion oder ethnischen Herkunft eine mindestens so wichtige Rolle spielte: Die Zuschreibung des sogenannten „Bösen“. Frauen, und insbesondere starke und emanzipierte Frauen, waren aus Sicht des patriarchalen Machtsystems nicht nur, im Vergleich zum Mann, „minderwertige“ Geschöpfe, sondern zugleich auch der Inbegriff des „Teuflischen“, direkt mit Satan Verbündete, die nicht nur über die gefährliche und zerstörerische Gabe verfügten, mit ihren weiblichen Reizen Männer zu verführen und zu Ehebruch anzustiften, sondern auch unheimliche magische Kräfte besassen, um beispielsweise kleine Kinder oder die Kühe im Stall zu vergiften oder gar Blitze, Unwetter, Überschwemmungen, Brände oder andere Katastrophen herbeizuzaubern.

Und jetzt ist es perfekt. Denn wenn die Entmenschlichung in Form von blankem Rassismus und der Herabwürdigung ganzer Volks- und Menschengruppen noch nicht genug wirkungsvoll ist, um ihre Vernichtung zu rechtfertigen, dann wird wohl die Zuschreibung des „Bösen“ auch noch die letzten Zweifel aus dem Weg schaffen. Ja, „Minderwertiges“, „Unrat“, „Ungeziefer“ muss vernichtet werden, aber das „Böse“ erst recht, da steht ja schon in den heiligen Schriften und ist Pflicht jedes „guten“ Menschen, wenn er nicht selber zum Komplizen des Bösen werden will.

Und so wurden sie dann alle erfunden, über die Jahrhunderte hinweg, alle diese Märchen von den „Guten“ und von den „Bösen“, und dass das „Gute“ das „Böse“ vernichten müsse und dass das „Gute“ am Ende immer über das „Böse“ siegen werde. Das Märchen von jüdischen Ärzten in Deutschland, die unter ihren Glaubensgenossen Giftmischungen verteilt hätten, mit denen das Trinkwasser verseucht worden sei, was zum Ausbruch der grossen Pestepidemie zwischen 1347 und 1350 geführt hätte – als Rechtfertigung für die erste grosse Judenverfolgung und das Verbrennen der angeblichen „Giftmischer“ auf öffentlichen Plätzen. Das Märchen von den afrikanischen Kannibalen, die ihre eigenen Kinder aufessen – als Rechtfertigung für die Weissen, im Zuge der Eroberung und Kolonialisierung Afrikas gegenüber der dortigen Bevölkerung ebenso grausam vorzugehen wie diese angeblich gegenüber ihren eigenen Artgenossen, wohingegen längst erwiesen ist, dass „Kannibalismus“ in der Geschichte der Menschheit bis heute nur in ganz seltenen Fällen in Form des Verzehrs von Leichenteilen zu medizinischen Zwecken vorgekommen ist, und zwar nicht nur in Afrika, sondern weltweit, nicht zuletzt auch bei den Vorfahren der heutigen Europäer. Das frei erfundene Märchen eines angeblichen Angriffs nordvietnamesischer Schnellboote auf zwei US-Kriegsschiffe im Golf von Tonkin am 2. und 4. August 1964 – als Rechtfertigung für den Eintritt der USA in den Vietnamkrieg mit insgesamt über vier Millionen Todesopfern, zur Hauptsache Zivilpersonen. Das ebenfalls reiner Phantasie entsprungene und jeglicher Realität entbehrende Märchen, wonach irakische Soldaten bei der Invasion Kuweits im August 1990 Frühgeborene aus ihren Brutkästen gerissen und auf dem Boden hätten sterben lassen – als Rechtfertigung für das militärische Eingreifen der USA in den Grenzkonflikt zwischen Kuweit und dem Irak. Die ebenfalls von der US-Administration frei erfundene und bis heute nicht bewiesene Behauptung, Osama bin Laden sei der Hauptdrahtzieher hinter den Anschlägen auf das WTC-Center vom 11. September 2001 gewesen – als Rechtfertigung für die ein ganzes Land in den Abgrund stürzende US-Invasion in Afghanistan, wo sich bin Laden angeblich versteckt gehalten hätte. Das von der gleichen US-Administration nur zwei Jahre später gegenüber der Weltöffentlichkeit als – wie man heute weiss – reine Lüge aufgetischte „Beweismaterial“ für die Entwicklung von Massenvernichtungswaffen durch den irakischen Diktator Saddam Hussein – als Rechtfertigung für einen zweiten grossen Krieg der USA und ihrer Verbündeten gegen den Irak, mit insgesamt rund einer weiteren Million von Todesopfern und Millionen von Schwerverletzten. Das Märchen von den Hamaskämpfern, die beim Überfall auf grenznahe jüdische Siedlungen anfangs Oktober 2023 Babys bei lebendigem Leib die Köpfe abgeschlagen hätten, ohne dass dies jemals hatte bewiesen werden können – als Rechtfertigung dafür, dass die israelische Armee innerhalb der folgenden eineinhalb Jahr bereits rund 70’000 Menschen, etwa ein Drittel davon Kinder, im Gazastreifen ermordet hat. Das vor wenigen Wochen erneut aufgewärmte Märchen von der Entwicklung einer iranischen Atombombe – als Rechtfertigung für die Bombardierung weiter Teile des Landes durch die Luftwaffe ausgerechnet jenes Staates Israel, der selber seit Jahrzehnten über mindestens 200 Atombomben verfügt, im Bunde mit den USA, wohl nicht so sehr, um das angebliche iranische „Atomwaffenprogramm“ zu vernichten, als vielmehr zu dem einzigen und alleinigen Zweck, die militärische Vorherrschaft des Westens im Nahen Osten auf Dauer zu sichern und zu festigen, das, was der neue deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz als „Drecksarbeit“ bezeichnete, und weswegen er sich gegenüber Israel so dankbar zeigte, weil dieser Staat einen Job erfülle, den eigentlich die ganze westliche Welt erfüllen müsste, die Zeit dafür aber offensichtlich noch nicht ganz reif sei.

Dazu all die hartnäckig aufrechterhaltenen Märchen, Lügen und künstlich aufgebauten Feindbilder, wonach jeder Moslem ein potenzieller „Terrorist“ sei, Menschen aus „weniger entwickelten Ländern“ im Gegensatz zu anderen „bildungsfern“ oder „kulturlos“ seien und Flüchtlinge sowie ganz generell „Ausländerinnen“ und „Ausländer“ grundsätzlich „kriminell“ seien – man beachte, dass es analog zum Begriff der „Ausländerkriminalität“ keinen entsprechenden Begriff der „Inländerkriminalität“ gibt und auch das Wort „Männergewalt“ in den Medien höchst selten anzutreffen ist, obwohl der Anteil von Gewalttaten, die von Männern begangen werden, im Vergleich zu von Frauen begangenen Gewalttaten um ein Vielfaches höher ist als der Anteil der von „ausländischen“ Personen begangenen Gewalttaten im Vergleich zu den von Einheimischen begangenen Gewalttaten.

Besonders aufschlussreich ist auch der unter anderen vom früheren US-Präsident benutzte Begriff des „Reichs des Bösen“ in Bezug auf die Sowjetunion. Sah Reagan das „Böse“ insbesondere in der Ideologie des Kommunismus als Bedrohung des Kapitalismus, so hätte eigentlich logischerweise mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, dem Amtsantritt Putins und dessen Angebot einer gemeinsamen europäischen Sicherheitsstruktur ein neues Zeitalter in der Beziehung zu einem neuen, nicht mehr kommunistisch, sondern sogar geradezu überbordend kapitalistisch ausgerichteten Russland erfolgen müssen. Tatsächlich aber gilt Russland nach wie vor in der Rhetorik der führenden westlichen Politiker als ein „Reich des Bösen“, woraus sich der Schluss ziehen lässt, dass es auch zu Zeiten Reagans und der Sowjetunion aus der Sicht des Westens augenscheinlich nicht so sehr um die Systemkonkurrenz zwischen Kommunismus und Kapitalismus ging, sondern viel mehr um diese dumpfe, unbewusste, rassistische Glorifizierung der „höherwertigen“ eigenen Kultur gegenüber „minderwertigeren“ Kulturen des Ostens oder des Südens. Besser als die „Sicherheitsexpertin“ Florence Gaub, von ihren Bewunderern auch „wunderbare wissenschaftliche Diva“ genannt, kann man diese Haltung nicht auf den Punkt bringen. Florence Gaub nämlich sagte im Rahmen einer Diskussionssendung auf ZDF anfangs April 2022 Folgendes: „Wir dürfen nicht vergessen, dass Russen, obwohl sie europäisch aussehen, keine Europäer im wahrsten Sinne des Wortes sind. Sie behandeln das Leben nämlich nicht als modernes liberales postmodernes Projekt.“

Dass sich der Westen nicht zu schade ist, immer dann, wenn es um die Diffamierung Russlands geht, selbst mit Rassisten übelster Sorte gemeinsame Sache zu machen, zeigt das Beispiel von Alexei Nawalny, der von den westlichen Regierungen während langer Zeit zu dem Verfechter von Demokratie und Menschenrechten im Kampf gegen das Regime Putins hochgejubelt und im Jahre 2021 sogar mit dem EU-Menschenrechtspreis ausgezeichnet wurde. Dass der gleiche Nawalny gegenüber ethnischen Minderheiten innerhalb Russlands eine extrem rassistische Haltung einnahm, Tiflis als „Hauptstadt der Nagetiere“ bezeichnete, welche „mit Marschflugkörpern zerstört werden“ müsste, und der „nordkaukasischen Gesellschaft“ zum Vorwurf machte, sie hätten „den Wunsch, wie Vieh zu leben“, weshalb man „nicht normal mit diesen Völkern koexistieren“ könne und man diese und auch „alles andere, was uns stört, unbeirrt per Deportation entfernen“ müsse, schien offensichtlich die von Russophobie angetriebenen Eliten des Westens nicht weiter zu stören, auch nicht, dass Nawalny wegen seiner rassistischen Äusserungen aus der demokratisch-oppositionellen Jabloko-Partei ausgeschlossen und ihm selbst von Amnesty International der Status eines politisch Verfolgten aberkannt worden war. Dass die Wahrheit nicht ans Licht kommen darf, habe ich selber ganz direkt erfahren, indem kein einziger meiner Leserbriefe, in der ich auf diese Doppelrolle Nawalnys hinzuweisen versuchte, jemals von irgendeiner der grösseren Schweizer Tageszeitungen veröffentlicht wurde und ich auf mehrere Nachfragen, ob es nicht im Interesse demokratischer Meinungsbildung liegen müsste, nicht nur halbe, sondern ganze Wahrheiten offenzulegen, bis heute nie eine Antwort bekommen habe.

Die Zuschreibung des Bösen an andere und der systematische Aufbau von negativ besetzten Feindbildern dient nicht nur der Verunglimpfung des potenziellen aktuellen oder zukünftigen Opfers eigener Machtpolitik, sondern gleichzeitig auch dazu, permanent von den eigenen Missetaten und Verbrechen abzulenken. Im Gegensatz zu all den Märchen, Lügen und anderen erfundenen Geschichten über „nichtweisse“ oder „nichteuropäische“ Unmenschen, sind in Tat und Wahrheit die allerschlimmsten und grausamsten Verbrechen ausgerechnet von Trägern jener „Kultur“ begangen worden, die sich selber bei jeder Gelegenheit als etwas scheinbar „Höherwertiges“ definiert. Von der Behandlung irakischer Gefangener im US-Gefängnis von Abu Greib und von den jegliches menschliches Vorstellungsvermögen sprengenden Grausamkeiten, die an den sogenannten „Hexen“ begangen wurden, war schon die Rede. Zahllose weitere ähnliche Geschichten könnte man erzählen, sie würden endlose Bibliotheken füllen. An dieser Stelle nur zwei weitere, besonders drastische Beispiele, auch sie nicht aus der Kategorie der Phantasie und der Märchen, sondern einwandfrei historisch belegt. So etwa praktizierten die Sklavenhalter auf den Kaffeeplantagen Haitis noch im 19. Jahrhundert ein besonders bestialisches „Spiel“: Sie machten sich einen Spass daraus, widerspenstigen Sklaven Schwarzpulver in den After zu pressen und dieses dann zu entzünden, was sie „einen Neger hüpfen lassen“ nannten. Das zweite Beispiel betrifft das Terrorregime der Belgier im Kongo, wo auf Befehl des belgischen Königs noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts jeweils am Ende des Arbeitstags jenen Arbeitern, welche das geforderte Tagessoll an gesammeltem Kautschuk nicht erfüllt hatten, die Hände abgehackt wurden.

Gemäss der allgemein verbreiteten Ansicht, bei den Bewohnerinnen und Bewohnern der von den europäischen Seefahrern und Kolonisten „entdeckten“ Länder handle es sich nicht um eigentliche Menschen, sondern eher um eine Art von Tieren, wurden auch deren Lebensgebiete durch keinen Geringeren als den Papst als höchster Instanz für „Recht“ und „Moral“ zu sogenannter „Terra nullius“ erklärt, „Niemandsland“ also, das niemandem gehörte und von den europäischen Eindringlingen ganz offiziell zu deren eigenem Staatsgebiet erklärt werden durfte. Wie sehr sich solche Denkvorstellungen über die Jahrhunderte bis in unsere Gegenwart weitergerettet haben, zeigte sich auf schockierende Weise im Februar 2025, als US-Präsident Trump allen Ernstes vorschlug, die gesamte palästinensische Bevölkerung aus dem Gazastreifen wegzuschaffen, um dort die schönste und luxuriöseste Feriendestination aller Zeiten in Form einer „Riviera“ für die Reichsten der Reichen zu bauen. Die Idee der „Terra nullius“, dass die Palästinenser, die es offiziell ja gar nicht gibt und sowieso eher Tiere als Menschen sind, kein Anrecht auf einen eigenen Staat haben sollen und nicht einmal darauf , dort zu leben, wo sie geboren wurden und aufgewachsen sind, scheint noch immer so aktuell zu sein wie zur Zeit der Kolonialisierung Amerikas, Afrikas und Südostasiens, sonst wäre der Aufschrei gegen diesen Plan in den westlichen Medien nicht dermassen zaghaft ausgefallen. Ganz im Gegenteil: Die schweizerische „Sonntagszeitung“ widmete sogar ganze zwei Seiten einem Interview mit dem niederländisch-jüdischen Schriftsteller Leo de Winter, welcher 2002 mit dem „Weltliteraturpreis“ ausgezeichnet wurde. In diesem Interview schwärmt Leo de Winter von Donald Trump als einem „Dichter“, der sogar „neue Wörter“ kreiere, in dessen „ganz grossen Träumen“ es „keine Grenzen“ mehr gäbe und der „höchst intelligent“ sei. Auf den Ruinen der zerstörten palästinensischen Wohnhäuser die „besten, schönsten und grössten Hotels, die es je auf der Welt gegeben hat“, zu bauen, findet Leo de Winter einen „schönen Gedanken“. Und dem Vorschlag Trumps, die verbliebenen Palästinenserinnen und Palästinenser nach Indonesien zu verfrachten, wo es noch „Tausende sehr schöne,  unbewohnte Inseln“ gäbe, würde er sich ebenfalls vorbehaltlos anschliessen. Dieses Interview stand einfach so Wort für Wort im grössten Schweizer Sonntagsblatt, ohne jeglichen kritischen Kommentar seitens der Redaktion. Es ist an Widersprüchlichkeit wohl kaum zu übertreffen, dass auf der einen Seite in jedem einigermassen seriösen Schulbuch kein guter Faden gelassen wird an der um 1500 vom Papst erlassenen Doktrin der „Terra nullius“, mehr als 500 Jahre später offensichtlich in breiten Kreisen westlicher „Eliten“ kaum Anstoss daran genommen wird, dass die Phantasien Trumps nichts anderes sind als eine Wiedererweckung genau dieser gänzlich menschenverachtenden Ideologie.

An dieser Stelle kommen wir nicht umhin, schliesslich auch noch die ganz grundsätzliche Frage aufzuwerfen, auf was für einem Weltbild denn eigentlich die „Logik“ beruht, dass man Menschen, wenn man sie zu „Hunden“, „Enten“ oder „Kakerlaken“ degradiert, einfacher, schneller, leichter und mit weniger schlechtem Gewissen sollte töten dürfen, als wenn es sich um „richtige“ Menschen handeln würde. Es spricht daraus nicht nur eine abgrundtiefe Verachtung und Entwürdigung der betroffenen Volksgruppen, sondern zugleich eine abgrundtiefe Verachtung und Entwürdigung der Schöpfung insgesamt, dürften doch Tiere, bloss weil sie von den „Herren der Schöpfung“ als etwas „Minderwertiges“ angeschaut werden, ebenso wenig sinnlosem Morden ausgeliefert werden wie Menschen. Was hier praktiziert wird, ist eine zutiefst respekt- und würdelose Normalisierung all dessen, was in Form von Tiertransporten unter katastrophalen Bedingungen, schmerzvollsten Tierexperimenten und Massentötungen in Tierfabriken bereits heute tagtäglich millionenfach mehr als zur Genüge erfolgt. Ein unfassbarer Rückfall in finsterste Vergangenheiten. Müsste doch, wenn sich die Menschheit nur ein ganz klein wenig in positiver Weise weiterentwickeln möchte, genau das Gegenteil stattfinden: Nicht die Entwertung von Menschen dadurch, dass man sie mit Tieren vergleicht. Sondern der Aufbau und die Heranbildung einer Haltung allumfassenden Respekts und tiefster Ehrfurcht vor all den Wundwerken der Schöpfung, mit denen wir – und an vorderster Stelle die westlich-kapitalistische „Wertewelt“ mit ihren Dogmen der Profitmaximierung um jeden Preis und eines unbegrenzten Wirtschaftswachstums mit unabsehbaren Folgen auf zukünftige Generationen – bereits so viel Schaden angerichtet haben, dass immer mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kaum mehr daran glauben, dass sich dieser ganze Schaden überhaupt jemals noch rechtzeitig wieder gut machen lässt. „Der Tag wird kommen“, sagte Leonardo da Vinci, eines der grössten Universalgenies aller Zeiten, schon vor über 500 Jahren, „an dem das Töten eines Tiers genauso als Verbrechen betrachtet wird wie das Töten eines Menschen.“

Das Einzige, was uns weiterbringen würde, wäre, aus der Geschichte zu lernen. Tragischerweise ist zurzeit genau das Gegenteil der Fall: Im Gazastreifen findet unter den Augen der Weltöffentlichkeit, Tag und Nacht über sämtliche Medien im Sekundentakt live ins Haus geliefert, ein Völkermord statt, wie es ihn seit Jahrhunderten kaum mehr gegeben hat, und kein einziger der „Koryphäen“ unter den Politikern und Wortführern der westlichen „Wertewelt“ scheint über das minimalste Mass an Empathie zu verfügen, dieses Verbrechen angesichts seiner unbeschreiblichen Ausmasse an Zerstörungskraft in aller Deutlichkeit als das zu benennen und zu verurteilen, was es ist: Ein planmässiger Völkermord, in nichts weniger grausam und verbrecherischer als der von den Nationalsozialisten begangene Völkermord an Juden, Roma, Sinti und anderen ethnischen Minderheiten, von denen heute schon gar niemand mehr spricht. Gleichzeitig rufen fast alle europäischen Regierungen blindlings zu einer immer stärker sich selber potenzierenden und sich in Richtung Unendlichkeit bewegender „Kriegstüchtigkeit“ auf, als hätte es nie einen Zweiten Weltkrieg gegeben und als hätte niemals selbst ein CSU-Politiker wie Franz Josef Strauss, der spätere langjährige Ministerpräsident Bayerns, noch im Jahre 1949 eindringlich davor gewarnt, jemals wieder die gleichen Fehler zu begehen wie in der Vergangenheit, und dies mit folgenden Worten: „Wer noch einmal eine Waffe in die Hand nimmt, dem soll die Hand abfallen.“ Weshalb gehen die tiefsten Weisheiten, die kluge Menschen schon seit Hunderten von Jahren immer wieder kund getan haben, stets wieder vergessen, und weshalb holt man an deren Stelle aus der Mottenkiste der Vergangenheit ausgerechnet immer wieder all jene Lügen, Trugschlüsse und falschen Heilsversprechen hervor, die schon tausende Male versagt haben und tausende Male gescheitert sind?

Ja, weshalb? Der Grund dürfte, und damit komme ich zum Anfang dieses Artikels zurück, eben genau darin liegen, dass irgendetwas anderes stärker sein muss als alle Vernunft und jeglicher gesunde Menschenverstand: Die gezielte und planmässige Entmenschlichung und Zuschreibung des Bösen an jene Volksgruppen, die man in Zukunft ohne jegliches schlechte Gewissen diskriminieren, bekämpfen oder sogar liquidieren möchte. Wie subtil und nahezu unbemerkt von der grossen Mehrheit der Bevölkerung dies geschieht, hat sich gerade unlängst, nämlich Ende April 2025, wieder einmal gezeigt, als die Zahlen über die im Jahre 2024 schweizweit begangenen rassistischen Vorfälle veröffentlicht wurden. In diesem Jahr gab es in der Schweiz insgesamt 1211 registrierte Vorfälle von Rassismus. 66 davon betrafen Jüdinnen und Juden, die übrigen 1145 betrafen Schwarze sowie Muslime oder Personen aus dem arabischen Raum. Dennoch weigert sich der Bundesrat, der vor etwa einem halben Jahr auf Drängen der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrats eine Vollzeitstelle für einen Antisemitismus-Beauftragten geschaffen hat, bis heute, analog dazu auch Stellen für Fachpersonen zu schaffen, welche für die Bekämpfung und Aufklärung von Rassismus gegen Schwarze, Moslems und Menschen aus dem arabischen Raum zuständig wären. Was für eine schreiende Ungerechtigkeit anhand dieser offen auf dem Tisch liegenden Zahlen. Aber es scheint eben diskriminierte Minderheiten zu geben, die eine sehr starke Lobby haben bis hin zu den die öffentliche Meinung nachhaltig prägenden Medienschaffenden, und andere diskriminierte Minderheiten, welche nur eine schwache oder überhaupt keine Lobby haben. Viel weiter sind wir in den 500 Jahren seit der Entdeckung und Eroberung Amerikas, wo die europäischen Eindringlinge bloss auf Tiere stiessen, die so aussahen wie Menschen, offensichtlich nicht einmal in jenem Land gekommen, das sich der Welt so gerne als „demokratisches Musterland“ präsentiert. Und wenn sich dann jemand wie ich darüber empört und dieser Aussenpolitischen Kommission einen ganz netten Brief schreibt, um sich zu erkundigen, ob nebst dem Antisemitismusbeauftragten auch vergleichbare Stellen zum Schutz anderer Minderheiten geplant seien, funktioniert diese „Demokratie“ tatsächlich ganz „mustergültig“: Man bekommt einfach keine Antwort, nicht einmal von den Vertreterinnen und Vertretern der „linken“ und „grünen“ Parteien in der Kommission.

Neueste Meldung vom 27. Juni 2025: Mitten im feuchtheissen Sumpf der Everglades will die Regierung von Florida ein Lager für auszuweisende Immigranten bauen. „Es scheint eine Art Wettbewerb ausgebrochen zu sein unter den Heimatschützern von Donald Trump“, schreibt der „Tagesanzeiger“, „wer wohl die zynischste und sadistischste Idee hat.“ Der Name des Projekts, „Alligator Alcatraz“, soll an das ehemalige Inselgefängnis in der Bucht von San Francisco erinnern, von wo aus jeder Fluchtversuch zum Vornherein zum Scheitern verurteilt war, da ausserhalb der Gefängnismauern nichts war ausser reissenden Meeresströmungen voller Haie. Beim neu geplanten Lager für auszuweisende Immigranten werden das, was beim Inselgefängnis die Haie waren, nun Sümpfe, Boas und Krokodile sein – „Die Betreiber“, so der „Tagesanzeiger“, „sind ganz begeistert.“ Im Netz kann man sich bereits eine Animation des Projekts anschauen. Das Video ist mit wuchtigen Beats unterlegt. Gebaut werden soll an einem verlassenen Flughafen in dem Feuchtgebiet, damit Häftlinge eingeflogen werden können. In dem Clip sind auch Szenen von Festnahmen zusammengeschnitten, bei denen die Beamten der Einwanderungsbehörde ICE landesweit zu Razzien ausrücken, ihre bevorzugten Ziele sind Latinos. Viele von ihnen werden behandelt wie Schwerverbrecher, auch wenn sie sich keinerlei Vergehens schuldig gemacht haben. Selbst bestimmte Motive von Tattoos genügen schon, um sich verdächtig zu machen. Mindestens 3000 Menschen sollen jeden Tag aufgegriffen werden – die grösste Ausweisungsaktion in der Geschichte der USA, direkt angeordnet vom obersten Chef, Donald Trump, der im Zusammenhang mit „illegal“ sich in den USA aufhaltenden Immigranten – wen wunderts noch – von „Tieren“ spricht, welche „das Blut des Landes vergiften“ würden.

Eigentlich wäre es ganz einfach: Die Menschen müssten nur herausfinden, was sie im tiefsten Grunde ihres Wesens eigentlich sind: Durch und durch friedfertige, genügsame, soziale und empathische Wesen – wie es uns jedes neu geborene Kind, immer und immer wieder, weltweit vier Mal pro Sekunde, unablässig aufs Neue zu beweisen versucht, auf die Erde geschickt von einem lieben Gott, von den Engeln oder von wem auch immer, in der trotz allem immer noch nicht aufgegebenen Hoffnung darauf, dass die Menschen endlich zur Vernunft kommen. Es wäre so einfach. Wir müssten nichts Neues erfinden, sondern bloss all den über Jahrhunderte auf unseren Seelen aufgetürmten Schutt beiseite räumen, um all die Behauptungen von „guten“ und „bösen“ Menschen, von „wertvollen“ und „wertlosen“, von „höherwertigen“ und „minderwertigen“ Lebewesen als das zu entlarven, was sie tatsächlich sind: reine Lügen im Interesse jener, die sich Macht und Privilegien auf Kosten anderer angeeignet haben und, um diese Macht und diese Privilegien nicht zu verlieren, vor keinem so noch schlimmen Verbrechen zurückschrecken, ja nicht einmal davor, die gesamte Menschheit in einen alles vernichtenden Weltkrieg zu stürzen, im irren Glauben daran, dass sie selber, geschützt in bombensicheren und mit all dem über Jahrhunderte von ihnen angehäuften Raubgut angefüllten Festungen, zu keinerlei Schaden kämen. Es wäre wirklich sehr einfach, dies alles zu verstehen. Aber gerade weil es so einfach wäre, haben die Mächtigen dieser Welt so grosse Angst davor, dass die Wahrheit bald schon ans Licht kommen könnte.

All die Verrücktheiten, die wir in immer schnellerem Tempo tagtäglich erleben, all die Drohungen, Schuldzuweisungen, künstlich aufgebauten Feindbilder, die ganze Angstmacherei, das ganze Kriegsgeheul, all das, was uns in die dunkelsten Zeiten unserer Geschichte zurückzuwerfen versucht, all das ist nichts anderes als das hoffentlich letzte Aufbäumen einer Epoche in der Geschichte der Menschheit, die sich unweigerlich immer mehr ihrem Ende nähert. Es ist, wie der italienische Schriftsteller Antonio Gramsci so treffend sagte, die Zeit, „in der die alte Welt stirbt, während die neue noch darum kämpft, geboren zu werden – es ist die Zeit der Monster.“ Wenn alle, welche die Hoffnung auf den Beginn dieser neuen Zeit inzwischen aufgegeben haben, wieder zurückkehren und sich mit aller Leidenschaft am Aufbau dieser neuen Zeit beteiligen, dann ist es machbar, vielleicht viel einfacher und viel schneller, als wir uns das heute, in einer so verrückten Zeit, überhaupt vorzustellen vermögen. Doch die Kraft des Guten kann, wenn man daran glaubt, ebenso viel oder wohl noch viel mehr in Bewegung als die Kraft des Bösen. „Hoffnung“, so die deutsche Schriftstellerin Sybille Berg, „geben mir die Menschen, die Tiere und die Bäume und all die Dinge, die schön sind und zum Teil auch immer gut. Und die feste Überzeugung, dass die meisten Menschen Frieden wollen und ihre Ruhe, und dass die Kinder es gut haben und die Nachbarn auch. Vielleicht wird ja nicht alles schlimmer, sondern besser. Die Chancen sind gleich gross.“

(Ergänzung am 6. Juli 2025: Auch der argentinische Präsident Milei bedient sich der Methode der Entmenschlichung im Umgang mit seinen politischen Gegnern. Die unbequeme Journalistin Maria O’Donell bezeichnete er als „Äffin“ und alle, die mit seinen politischen Ideen nicht einverstanden seien, nannte er „dreckige Ratten“.)

21. Montagsgespräch vom 16. Juni 2025: Ist eine Welt ohne Geld vorstellbar?

Am Buchser Montagsgespräch vom 16. Juni stellte Eric Zaindl, Ökonom und Buchautor, seine Vision einer „Welt ohne Geld“ vor, die er auch in Buchform veröffentlicht hat. Durch seine intensiven Recherchen und beruflichen Erfahrungen – vom Sachbearbeiter bis zum Geschäftsführer in verschiedenen Unternehmen – sei er zur Erkenntnis gelangt, dass eine geldfreie Welt möglich wäre. Oder dann eine Welt mit einem gerechteren Geldsystem, als das heute der Fall sei.

Zaindl zitierte den US-amerikanischen Unternehmer Henry Ford: „Würde die Menschheit das Geldsystem verstehen, hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh.“ In der Tat beruhe die Macht des herrschenden Geldsystems auf dem Nichtwissen der breiten Bevölkerung über die Mechanismen, die hinter der Geldschöpfung stecken. Über 90 Prozent der Gesamtmenge an Geld existiere gar nicht in physischer Form, sei reines Buchgeld, das auf der Basis von Krediten von Banken oder anderen Finanzinstitutionen geschaffen würde. Dabei ginge es oft um so gigantische Beträge, dass diese gar nie zurückbezahlt werden könnten, während kleinere, an KMU oder Privatpersonen verliehene Kredite stets samt Zins zurückzuerstatten seien. Gleichzeitig werde öffentlich der Anschein erweckt, als dass Geld Mangelware sei, was es im Alltag vieler Menschen auch tatsächlich sei, allerdings nicht für die geldschöpfenden Institutionen. Dieses Mangeldenken werde dann zur Ausrede genommen, zu wenig Geld für wichtige öffentliche Aufgaben zu haben, wie z.B. für die seit Jahrzehnten hinausgeschobene Lösung des Hungerproblems in sogenannten Entwicklungsländern. Viele der heutigen sozialen und wirtschaftlichen Probleme seien eine unmittelbare Folge dieses ungleichen Zugangs zu Geld. Es brauche daher grundlegend neue Ansätze, denn, wie auch Albert Einstein gesagt hätte: Probleme liessen sich nicht mit der gleichen Denkweise lösen, mit welcher sie entstanden seien.

Würden die Menschen überhaupt noch arbeiten, wenn der Anreiz, damit Geld zu verdienen, nicht mehr vorhanden wäre? Eine Diskussionsteilnehmerin wies darauf hin, dass der Mensch ein zutiefst soziales Wesen sei und nicht von Natur aus egoistisch und habgierig. Es würde wohl ein Füreinander und Miteinander entstehen, wenn das Gelddenken wegfallen und der Leistungsdruck, sprich das Müssen, durch ein Dürfen ersetzt würde. Ein Wirtschaftssystem ohne Geld, so Zaindl, würde zudem zu einem viel nachhaltigeren Umgang mit den vorhandenen Ressourcen führen, da das Ziel der Produktion dann nicht mehr in einer möglichst gewinnbringenden Vermarktung der Güter und damit verbundenem Überkonsum liegen würde, sondern in der Erfüllung der menschlichen Grundbedürfnisse weltweit. Es brauche angesichts der immensen Herausforderungen unserer Zeit dringend neue Ideen, so ein Diskussionsteilnehmer, der in diesem Zusammenhang an ein bekanntes Zitat des deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer erinnerte: „Ein neuer Gedanke wird zuerst verlacht, dann bekämpft, bis er nach längerer Zeit als selbstverständlich gilt.“

21jähriger Ex-Schüler tötet zehn Menschen an einem Grazer Gymnasium: Tausende tickender Zeitbomben…

Peter Sutter, 16. Juni 2025

Und wieder – wie schon dutzendfach in den vergangenen rund zehn Jahren, zunächst vor allem in den USA, nach und nach auch in anderen Ländern und nun auch im österreichischen Graz – ist es exakt das gleiche Schema: Ein Schüler, der aus seiner Schule hinausgeworfen wurde bzw. sie aufgrund extremer Belastungen wie Mobbing, Prüfungsangst oder ungenügenden Leistungen frühzeitig verlassen musste, kehrt Jahre später an eben diese Schule zurück und nimmt skrupellos Rache an Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften, von denen die meisten nicht die geringste Schuld an dem tragen, was ihm Jahre zuvor widerfahren war. Nach getaner Tat richtet er sich selbst.

Aus psychologischer Sicht ist längst sonnenklar, was da abläuft. Schulamokläufe, so der Schulpsychologe Hans-Joachim Röthlein, würden oft von jungen Männern begangen, die an ihrer Schule oder in deren Umfeld Demütigungen erlitten hätten. Sie seien zuerst voller Ärger und Wut, dass ihnen niemand helfe, und diese Gefühle würden dann später irgendwann in Hass umschlagen und in das Bedürfnis, sich zu rächen, und zwar genau an dem Ort, wo die Demütigung erfolgt sei. „Solche Taten“, sagt auch die österreichische Verhaltensanalystin Patricia Staniek, „sind das Resultat mehrerer Faktoren, die über längere Zeit auf eine Person einwirken. Täter berichten oft von Ausgrenzung und Demütigung. Solche Erfahrungen graben sich über Jahre tief in die Psyche ein. Einsamkeit und schwache soziale Bindungen können dazu führen, dass die Täter ein eigenes Narrativ entwickeln und sich einer feindlichen Welt gegenüber sehen. Täter kehren deshalb oft an jenen Ort zurück, wo sie ihr Leid erlebt haben. Solche Taten reifen oft über längere Zeit. Und irgendwann reichen dann die inneren Kompensationen einfach nicht mehr aus und die Tat erscheint als der letzte Ausweg. Es ist eine Form von Selbstradikalisierung: Die Täter glauben, auf diese Weise Bedeutung zu erlangen. Sie wollen sich sozusagen in die Gesellschaft, welche sie ausgestossen hat, auf möglichst wirkungsvolle und öffentlichkeitswirksame Weise einbrennen.“

Ebenso sonnenklar wie dieser Befund müsste dann logischerweise auch die Schlussfolgerung sein, die man daraus ziehen müsste, nämlich, nie ein Kind oder einen Jugendlichen gegen seinen Willen aus einer Gemeinschaft oder einem sozialen Netz herauszureissen, das ihn trägt und ihm in Form einer geregelten Alltagsstruktur insbesondere in schwierigen oder unsicheren Lebensphasen trotz allem eine gewisse Stabilität verleiht. Scheitern an zu hohen schulischen Anforderungen oder gar der gewaltsame Schulausschluss gegen den eigenen Willen sind so ziemlich das Schlimmste, Verhängnisvollste und Gefährlichste, was man einem jungen Menschen antun kann. Eigentlich müsste man ganz im Gegenteil jungen Menschen in einer besonders schwierigen Phase ihrer Persönlichkeitsentwicklung umso mehr Wertschätzung, Zuneigung und Vertrauen entgegenbringen und alles daran setzen, dass sie genau an einem solchen Punkt ihres Lebens, wo sie auf Anerkennung mehr als je zuvor angewiesen werden, nicht mit einem Gefühl totalen Scheiterns und einem möglicherweise daraus resultierenden Verlust ihres gänzlichen Selbstvertrauens konfrontiert werden. Das oberste Prinzip einer jeglichen pädagogischen Institution, die auf Menschenliebe gründet – und worauf sonst sollte sie gründen? – müsste darin bestehen, nie und unter gar keinen Umständen einen jungen Menschen fallen zu lassen, ihn auszusondern, „abzuschreiben“ oder aufzugeben. Denn tut sie das, ist das nicht weniger grausam, als wenn man jemandem, der sich mit letzter Kraft an einer schmalen Felskante festzuklammern versucht, so lange und so brutal auf den Händen herumtrampeln würde, bis er loslassen muss und in einen Abgrund stürzt. Es ist, könnte man sagen, nichts weniger als Seelenmord.

Doch weit davon entfernt, dass diese Schlussfolgerung von den zuständigen Politikern, Schulbehörden, Lehrkräften, Schulleitern und pädagogischen Fachpersonen endlich gezogen wird, sucht man tausend andere Gründe und stellt tausend andere Forderungen in den Vordergrund, bloss um vom eigentlichen Grundproblem abzulenken. So wurde bereits einen Tag nach der Tat fast die gesamte öffentliche Diskussion auf die Frage fokussiert, woher der Täter die beiden von ihm benutzten Waffen beschafft haben könnte. „Nach dem Amoklauf“, so das „St. Galler Tagblatt“ vom 12. Juni 2025, „dominiert vor allem aber eine Frage: Wie konnte der Mann die Waffen beschaffen?“ Die Bürgermeisterin von Graf forderte umgehend ein breites Waffenverkaufsverbot. Die selbe Forderung erhoben auch Parlamentsabgeordnete der Grünen. Selbst ein bekannter Wiener Waffenhändler sagte: „Wir haben viel zu viele illegale Waffen.“ Die Leichtigkeit, mit der eine Privatperson in den Besitz einer Waffe gelangen könne, sei „absurd und weltfremd“.

Auch die Schlagzeilen und Titel der Zeitungsberichte zeigen, wie einseitig das Vorgefallene ausschliesslich auf seine Wirkung nach aussen reduziert wird und die dahinter liegenden Ursachen gar nicht erst Raum bekommen, um auch nur einigermassen ernsthaft diskutiert zu werden: „Elf Tote bei Amoklauf an einer Schule“, „Der Attentäter besass legal zwei Waffen“, „Siebzehn Minuten, die eine Stadt verändern“, „Wie gross ist das Risiko für ein Schusswaffendelikt?“, „Die 17 längsten Minuten von Graz“, „Wie sicher sind unsere Schulen?“, „Österreichs Waffenrecht wird hinterfragt“, „Der Schock in Österreich sitzt tief“, „Österreich ist erschüttert“ oder „Die halbe Welt schaut auf Graz“. Eine Schlagzeile wie „Zeit für eine radikale Schulreform“ oder „Wenn Opfer zu Tätern werden“ sucht man vergebens. Auch die Reaktion der staatlichen Behörden ist weit davon entfernt, eine dringend nötige Diskussion darüber anzustossen, wie eine Gesellschaft mit Menschen, die aus dem System zu fallen drohen, umgehen müsste, sondern manifestiert sich beinahe ausschliesslich auf die Inszenierung emotionaler Betroffenheit und Empörung: Während sich der österreichische Innenminister Karner auf die Frage eines Reporters nach den möglichen Motiven des Täters äusserst wortkarg zeigte und sich bloss auf die Aussage beschränkte, darüber zu werweissen sei sowieso alles nur „Spekulation“, sprach Bundespräsident Van der Bellen von einem „nicht in Worte zu fassenden Horror“, der „unser ganzes Land mitten ins Herz trifft“. Und Bundeskanzler Stocker sagte: „Unser Land steht in diesem Moment des Entsetzens still“ und ordnete unverzüglich eine dreitätige Staatstrauer an, liess sämtliche Veranstaltungen der nächsten Tage absagen und alle Flaggen und Fahnen in ganz Österreich auf Halbmast setzen, zudem wurde angekündigt, dass genau 24 Stunden nach der Tat im ganzen Land eine Schweigeminute stattfinden, alle öffentlichen Verkehrsmittel still stehen und alle Kirchenglocken im ganzen Land läuten würden. Im Interview mit einer grossen Tageszeitung sprach Stocker von einem „dunklen Tag in der Geschichte unseres Landes“ und meinte: „Eine Schule ist mehr als nur ein Ort des Lernens. Sie ist ein Raum des Vertrauens, der Geborgenheit und der Zukunft. Unsere Schulen müssen Orte des Friedens bleiben.“ Was er damit wohl sagen wollte? Dass man Schulen künftig besser vor „bösen“ Menschen wie einem solchen Amokläufer schützen müsste? Oder vielmehr, dass Schulen wieder ganz und gar Stätten von Vertrauen, Geborgenheit und Frieden sein müssten, um Schreckenstaten wie jener an der Grazer Schule schon von Anfang an den Boden unter den Füssen zu entziehen?

Die Bilder, die man jetzt überall sieht – Blumengebinde im Gedenken an die Opfer, Meere brennender Kerzen, sich gegenseitig aneinanderklammernde weinende Kinder, Jugendliche und Erwachsene, viele von ihnen schwarz gekleidet, Hunderte, die sich spontan gemeldet haben, um Blut zu spenden – erinnern mich an den Aufschrei bei jedem Autounfall mit Verletzten und Toten, als wäre das nicht die ganz logische Folge einer Verkehrspolitik, die viel zu einseitig auf das private Automobil setzt und schon längstens flächendeckende Alternativen dazu hätte entwickeln müssen. Ebenso erinnern sie mich an den Aufschrei der Zuschauerinnen und Zuschauer bei Skirennen, die sich jedes Mal, wenn eine Fahrerin oder ein Fahrer nach einem schweren Sturz bewegungslos auf der Piste liegen bleibt, die Hände über die Augen schlagen und eben das nicht sehen wollen, was sie mit ihrer eigenen Sensationslust und ihrer Vermarktung durch die unzähligen Profiteure solcher Anlässe selber verursacht haben. Oder an die tränenerstickten Worte eines Radprofis, der in einem dieser fürchterlichen und immer brutaler werdenden Strassenrennen seinen besten Freund verloren hat – statt dass man endlich in aller Ernsthaftigkeit, Offenheit und Selbstkritik über den Sinn oder Unsinn eines Spitzensports diskutieren würde, der infolge einer Eigendynamik zunehmender Brutalisierung immer mehr menschliche Opfer fordert.

Bezeichnend für dieses Verdrängen und Verschweigen der Ursachen all dessen, was im Nachhinein dann so tränenreich bedauert wird, ist auch die Tatsache, dass, wenn wieder einmal etwas ganz Schlimmes passiert ist, wie aus dem Nichts unzählige Fachleute auf der Bildfläche erscheinen, um sich um die Opfer des angerichteten Schadens zu kümmern: Unmittelbar nach der Tat waren Dutzende Spezialisten von Kriseninterventionsteams vor Ort, um geschockte und verzweifelte Eltern sowie Schülerinnen und Schüler zu betreuen. Fachleute betonen, dass solche Amoktaten eine extreme Langzeitwirkung hätten und bei vielen Menschen Schlafstörungen, Albträume oder Flashbacks auslösen würden. „Die denken“, so der Schulpsychologe Hans-Joachim Röthlein, „sie würden verrückt oder seien gar nicht mehr in der Lage, den Strom der Erinnerungen zu durchbrechen.“ Oft würden auch Ehen nach dem Tod von Kindern zerbrechen, Eltern könnten berufsunfähig werden und ganze Orte könnten von solchen Ereignissen über Jahre gekennzeichnet bleiben. Um die Menschen vor Ort zu beruhigen, liess sogar das kroatische Fernsehen einen Franziskanerpater auftreten, welcher seinen Landsleuten in ihrer Muttersprache erklären sollte, was geschehen sei. Würden all die Spezialisten und Fachleute, die jetzt von allen Seiten herbeieilen, um den Scherbenhäufen aufzuräumen, ihr Fachwissen nicht viel gescheiter dafür einsetzen, dass solche Scherbenhaufen gar nicht mehr erst entstehen?

Auch in der Schweiz wird im Zusammenhang mit dem Grazer Amoklauf beinahe ausschliesslich nur darüber diskutiert, wie die Sicherheitslage an den Schulen weiter verbessert werden könnte. So etwa schlägt der „Tagesanzeiger“ in einem Artikel unter dem Titel „Wie gross ist das Risiko für ein Schusswaffendelikt?“ unter anderem „definierte Abläufe für den Ereignisfall“, „geeignete Alarmsysteme“ und „von innen verschliessbare Türen in möglichst allen Räumen“ vor. Auch der „Blick“ fordert mit einer fetten Schlagzeile „möglichst hohe Sicherheit“ und schlägt hierzu ein „Notfallkonzept“ vor, das folgende Punkte beinhalten müsste: Sofortiges Ernstnehmen jeglicher Amokdrohungen, rascher Beizug der Spezialisten der zuständigen Kantonspolizei, unmittelbare Übergabe der Einsatzleitung an die Behörden, Regelung der Kommunikation mit den Eltern, wenn nötig Evakuierung des betroffenen Schulhauses. Als eine weitere mögliche Massnahme wird die Anstellung von Schulpolizisten vorgeschlagen, wie dies in den USA bereits an vielen Schulen erfolgt sei. Angesprochen darauf, dass es in der Schweiz bisher noch keinen vergleichbaren Amoklauf gegeben habe, weist Beat A. Schwendimann vom Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz darauf hin, dass in den letzten Jahren die „Präventionsarbeit gegen Gewalt und Amoklagen“ in vielen Schulen „verstärkt worden“ sei, wobei der Fokus „vermehrt auf Krisenintervention“ gelegt werde. Zu diesem Zweck würden „Kriseninterventionsteams“ eingerichtet, die „im Notfall sofort aktiviert werden“ könnten. Der Kanton Zürich beschäftige sogar extra einen „Beauftragten für Gewalt im schulischen Umfeld“ und stelle den Schulen „verschiedene Werkzeuge zur Verfügung“, zu denen unter anderem auch eine speziell zu diesem Zweck entwickelte „Notfall-App“ gehöre, die zur „Alarmierung und Kommunikation“ genutzt werden könne. Punktuell gäbe es zu diesem Thema auch spezifische Weiterbildungskurse für Lehrkräfte, wo auch „Merkblätter mit den wichtigsten Verhaltensregeln“ abgegeben würden. Bei alledem stünden die Schweizer Polizeikorps „in ständigem engem Austausch mit Schulen und Behörden“. Ein besonderes Augenmerk gelte dabei den sozialen Medien, denn dort nähmen „Cybermobbing, Drohungen oder die Nachahmung gefährlicher Trends und Challenges kontinuierlich zu.“

Doch sämtliche dieser Forderungen nach mehr Sicherheit können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das eigentliche Grundproblem nicht der zu leichte Zugang zu Waffen ist, auch nicht das Fehlen umfassender Sicherheitskonzepte, auch nicht das mangelnde Wissen über die Reihenfolge von Massnahmen in Notfallszenarien, auch nicht der Mangel an Alarmsystemen oder Überwachungskameras und auch nicht die zu lückenhafte Zusammenarbeit zwischen Behörden, Polizei und Schulen, sondern einzig und allein die Tatsache, dass mit jedem jungen Menschen, der gegen seinen Willen aus der Schule geworfen wird oder sie aufgrund von Mobbing. Ängsten oder Überbelastung selber freiwillig frühzeitig verlässt, in Form des Zusammenbruchs aller seiner Zukunftshoffnungen ein Seelenmord begangen wird, für den er sich früher oder auf die eine oder andere Art rächen wird, entweder mit Gewalt gegen andere in Form eines Amoklaufs oder mit Gewalt gegen sich selber in Form von Depressionen, Süchten oder dem lebenslang verbleibenden Gefühl des Scheitern, des Ungenügens und der Minderwertigkeit.

Es kann kaum etwas Widersprüchlicheres geben als ein Schulsystem, das Kinder und Jugendliche tagein tagaus dazu zwingt, Dinge zu lernen, die sie gar nicht lernen wollen, sie von früh bis spät dazu anhält, aus gemachten Fehlern zu lernen, und die gesamten damit verbundenen, oft viel zu hohen Anforderungen an die Kinder damit begründet, wie wichtig Selbsterkenntnis und Lernen für das ganze spätere Leben seien – selber aber in unbegreiflicher und höchst unprofessioneller „Renitenz“, ja geradezu „Lernverweigerung“ nicht bereit ist, aus gemachten Fehlern wie dem vorzeitigen Ausschluss „schwieriger“, „renitenter“ oder „untragbarer“ Schülerinnen und Schülern die simpelsten Lern- und Erfahrungserkenntnisse zu gewinnen, um so schreckliche Vorfälle wie Amokläufe an Schulen für immer zu verunmöglichen. Denn das psychologische Wissen, wie man so etwas wie einen Amoklauf präventiv verhindern kann, nämlich indem man keinen Menschen aus einem ihn tragenden Netz herausreissen und ins Nichts fallen lassen darf, ist längstens vorhanden, wie die oben beschriebenen Analysen von Fachleute beweisen – das Tragische ist bloss, dass ausgerechnet diese Analysen, die zur Lösung des Problems führen und sich nicht auf reine Symptombekämpfung reduzieren würden, stets wieder im Getöse des lautstarken, polternden und wahlpolitisch wirkungsvollen Rufs nach härteren Regeln, mehr Kontrollen, mehr Sicherheitsmassnahmen und dergleichen untergehen und gänzlich aus dem Blickfeld verschwinden. So werden laufend neue tickende Zeitbomben produziert – in der Schweiz jedes Jahr mehrere tausende, in Deutschland, wo es hierzu im Gegensatz zur Schweiz genauere Statistiken gibt, sind es rund 50’000 pro Jahr, welche die Schule frühzeitig verlassen und meistens ohne jegliche Zukunftsperspektive im Nichts verschwinden.

Doch es sind nicht nur die Amokläufe. Diese bilden bloss die ganz seltene und winzige allerhöchste Spitze eines Eisbergs, unter der sich in zahllosen „harmloseren“ und meist viel weniger sichtbaren Formen unendliches Leiden von Kindern und Jugendlichen unter einem Schulsystem manifestiert, dem es offensichtlich viel mehr um seinen eigenen Überlebenskampf geht als um das Überleben noch zutiefst verletzlicher, in ihrer Persönlichkeit noch viel zu wenig gefestigter und einer Vielzahl von Gefahren ausgesetzter Heranwachsender, die gerade in ihren schwierigsten Lebensphasen auf nichts so sehnlich angewiesen wären als auf Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Liebe, den Grundvoraussetzungen dafür, dass gesundes und selbstbewusstes Leben wachsen kann.

Viele Jahre früher, bevor dann ein paar ganz wenige von ihnen im allerschlimmsten Fall vielleicht einmal zu Amokläufern werden, signalisieren die meisten Kinder ihr Unbehagen an einer Schule, die der Entfaltung ihrer innersten Lern- und Lebensbedürfnisse viel zu wenig gerecht wird oder dieser sogar diametral im Wege steht, auf meist ganz feine, kaum wahrnehmbare Weise, so wie allerfeinste Seismographen, die ein zukünftiges Erdbeben schon früh ankündigen. Eines dieser Signale sind Bauchschmerzen – wohl kein Zufall, ist doch der Bauch – ganz sicher ist sich auch die gesamte Fachwelt bis heute noch nicht – möglicherweise der Sitz der menschlichen Seele. „Tatsächlich“, so Carsten Posovsky vom Universitäts-Kinderspital Zürich in einem Interview mit dem „St. Galler Tagblatt“ vom 11. Juni 2025, „sind Bauchschmerzen bei Kindern, vor allem chronische, ein häufiges Problem, am zweithäufigsten nach den Kopfschmerzen. Etwa jedes zehnte Kind ist davon betroffen. Als Gründe dafür vermutet man psychosoziale Belastungen wie Stress, etwa durch die Schule.“ Aber nicht einmal dieses erste, äusserlich zwar noch „harmlose“, für die betroffenen Kinder und auch ihre Eltern aber mit unermesslich viel Leiden verbundene Signal wird folgerichtig wahrgenommen – kaum jemand hinterfragt das herrschende Schulsystem und all die mit ihm künstlich aufgebauten Zwänge, Belastungen und Hindernisse, die einem freien, selbstbestimmten Lernen in den Weg gestellt werden. Hinterfragt wird nicht das System, dafür umso mehr das scheinbar „überforderte“ Kind selber. Dementsprechend wird auch gehandelt: Meist werden zunächst Medikamente verschrieben, dann werden, weil diese logischerweise nichts nützen und die Ursachen des Problems bloss zu überdecken versuchen, zum Beispiel „kognitive Verhaltenstherapien“ oder gar eine „darmzentrierte Hypnotherapie“ empfohlen. Wenn das alles immer noch nichts nützt, kommt dann – von vielen Fachleuten empfohlen, weil scheinbar mit „wissenschaftlich belegtem“ Nutzen – unter anderem der Einsatz von Pfefferminzöl zum Zug, welches eine „krampflösende Wirkung“ haben soll, „schmerzlindernd“ sei und zudem die Darmtätigkeit anrege. Zeigt das immer noch keine Wirkung, greift man sodann unter anderem nach „Probiotika“, besonders angezeigt beim sogenannten „Reizdarmsyndrom“. Schliesslich verbleiben dann noch die mögliche Verschreibung einer Psychotherapie mit dem Schwerpunkt „Stressabbau“, „Atemübungen“, „progressive Muskelentspannung“ oder „Traumreisen“. Es gibt sogar Fachleute, die allen Ernstes den „Verzicht auf jegliche Schonhaltung“ als das probateste Mittel gegen chronische Bauchschmerzen vorschlagen. Wer nach all dem Aufwand, den vielen Arztterminen, all den damit verbundenen Spannungen und Konflikten in den Familien, all den Frustrationen, den nicht erfüllten Hoffnungen und dem riesigen zeitlichen und finanziellen Aufwand dann immer noch nicht „geheilt“ ist – und das sind vermutlich weitaus die meisten -, gilt dann halt als „untherapierbar“ und geht weiterhin jeden Tag mit Bauch- oder Kopfschmerzen zur Schule. Und kein Mensch hinterfragt, warum denn alle diese Phänomene erst in der Schule entstanden sind und nicht schon in den ersten Lebensjahren, in denen die Kinder in kürzester Zeit, vollkommen lustvoll, beschwerdelos und schmerzfrei, weitaus mehr gelernt haben als in ihrem gesamten späteren Leben.

Ein weiteres Signal, mit dem Kinder ihr Unbehagen mit dem herrschenden Schulsystem bekunden, ist der Schulabsentismus. „Kinder“, so ein Artikel im „Tagesanzeiger“ vom 2. Juni 2025, „können so starke innere Blockaden entwickeln, dass sie nicht mehr zur Schule gehen wollen.“ Die Ursachen, so der an der Universität Leipzig zu Schulabsentismus forschende Heinrich Ricking, seien oft in der Schule selbst zu finden, etwa „beim Leistungsdruck, bei der Angst vor einem Versagen oder bei Mobbing“. Aber wie bei den Amokläufen und den Bauch- und Kopfschmerzen, ist es genau dasselbe auch beim Schulabsentismus: Bekämpft werden nur die Symptome, nicht die Ursachen. Therapiert werden nur die einzelnen Kinder und Jugendlichen, nie da System als solches. Stets versucht man die Kinder dem System anzupassen, statt das System den Kindern anzupassen, um jedem einzelnen von ihnen einen erfolgreichen Weg des Lernens, des Entdeckens und Förderns der individuellen Begabungen und einer positiven Entfaltung seiner Persönlichkeit möglich zu machen. Eine im Herbst 2023 im Kanton Zürich durchgeführte Befragung aller Vierzehnjährigen, welche eine erschreckende Zunahme von Depressionen, Süchten, Selbstverletzungen bis hin zu Suizidgedanken und Suizidversuchen im Zusammenhang mit schulischer Überbelastung zutage gebracht hatte, wurde selbst vom Hauptverantwortlichen sämtlicher kantonaler Jugendberatungsstellen bloss mit der Empfehlung kommentiert, die Jugendlichen müssten sich halt eine „dickere Haut“ zulegen, zum Ausgleich „mehr Sport treiben“ und die Schule nicht als ihren hauptsächlichen Lebensinhalt betrachten – einfach gesagt, wohl aber schwer umzusetzen, wenn man gezwungen ist, an sieben oder acht Stunden pro Tag in der Schule zu sitzen, zudem zuhause noch Hausaufgaben erledigen und jede Woche zwei oder drei Prüfungen absolvieren zu müssen, die allesamt auf die zukünftigen Berufs- und Lebenschancen einen zutiefst umfassenden Einfluss haben und deren Resultate, falls sie nicht den erhofften Erwartungen genügen, später kaum wieder rückgängig gemacht werden können.

Trotzdem zum Abschluss noch ein Lichtblick. Rolf (Name geändert) ist einer dieser paar tausend Jugendlichen in der Schweiz, die jährlich vor dem Abschluss der obligatorischen Schulpflicht die Schule verlassen müssen, weil sie nicht mehr länger „beschulbar“ sind. Auch bei Rolf war es eine Kette disziplinarischer Vorfälle, welche schliesslich eines Tages das Fass zum Überlaufen brachten, worauf die Schulleitung in Absprache mit den zuständigen Behörden und involvierten Fachpersonen den definitiven Schulausschluss verfügte. Für Rolf und seine Eltern brach eine Welt zusammen. Es war drei Monate vor dem Ende des neunten Schuljahrs, läppische drei Monate also von insgesamt neun Jahren fehlten ihm nun also, um nach abgeschlossener Schulpflicht eine Berufslehre antreten zu können. Dabei wäre seine Traumlehrstelle als Chemielaborant bereits in Griffnähe gelegen, und zwar aufgrund einer Schnupperwoche, bei der Rolf einen tadellosen Eindruck hinterlassen hatte, nicht nur was Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, sondern vor allem auch was seine immense Wissbegierde bei naturwissenschaftlichen Themen betraf. Einer seiner früheren Lehrer, an die er sich heute noch gerne erinnert, hatte einmal gesagt, bei allem, was Rolf interessiere, zeige er enormes Interesse und erreiche dann auch in kürzester Zeit höchst erstaunliche Lernfortschritte – wenn ihn hingegen etwas nicht interessiere, dann könne man noch so lange auf ihn einreden, sein Widerstand bis hin zu Aggressivität und Gewalttätigkeit werde dadurch nur immer noch grösser. Nun also sass Rolf zuhause und sowohl er wie auch seine Eltern wussten weder ein noch aus, seine ganze Zukunft bestand nur noch aus einem unendlichen schwarzen Loch ohne jeden Ausweg. Bis eine Bekannte der Familie eine geniale Idee hatte. Ich sei doch pensionierter Oberstufenlehrer, meinte sie. Und siehe da: Zwei Wochen später erteilte mir der Leiter jener Schule, die ihn eben noch auf die Strasse gestellt hatte, den Auftrag, Rolf an drei Halbtagen pro Woche privat zu unterrichten, um ihm auf diese Weise zu einem Abschluss seiner obligatorischen Schulpflicht zu verhelfen – während der übrigen Zeit würde man ihm eine Arbeitsstelle auf einem therapeutischen Bauernhof verschaffen, in unmittelbarer Nähe seines Wohnorts. Nun kommt er also zu mir, drei Mal die Woche, und wir sausen im Eilzugstempo durch den restlichen Fächerkanon der 3. Oberstufe, kann er sich nun doch ohne jegliche Ablenkung von aussen und haargenau in dem für seinen Lernrhythmus stimmenden Tempo vorwärtsbewegen. Ich staune über seine Intelligenz, seinen Wissensdurst und sein Begabungspotenzial. Meine Vermutung, dass es keine schwierigen Schüler gibt, sondern nur eine schwierige Schule, die es jungen Menschen verunmöglicht, so zu lernen, wie sie das von Natur aus am liebsten und am erfolgreichsten täten, hat sich einmal mehr bestätigt. Der Junge, an dem sich das gesamte Schulsystem so schwer getan und sich zuletzt völlig erfolglos die Zähne ausgebissen hatte, sitzt nun da, in meiner Stube, und ist kein bisschen „schwieriger“ als irgendein anderer meiner ganz „normalen“ Schüler, denen ich nebst Rolf ebenfalls regelmässig Privatunterricht erteile. Und seine Mutter hat mir vor zwei Tagen sogar ganz begeistert erzählt, Rolf hätte sich innert kürzester Zeit in einen gänzlich anderen Menschen verwandelt. Er trägt jetzt eine neue Frisur, sodass man nun dort, wo vorher nur ein Riesenwuschel Haare gewesen war, endlich wieder seine Augen sehen kann, er hat sich neue Kleider gekauft und zum ersten Mal nach fast einem halben Jahr kann er auch endlich wieder richtig aus vollem Herzen lachen. Immerhin eine von den paar tausend tickenden Zeitbomben weniger…

(Ergänzung am 25. Juni 2025: Am 11. Mai 205 wurde im zürcherischen Berikon ein 15jähriges Mädchen von ihrer 14jährigen Freundin erstochen. Und genauso wie bei den Amokläufen reagiert die Öffentlichkeit mit blankem Entsetzen und Fassungslosigkeit. „Niemand versteht, wie dies geschehen konnte. Sie waren zwei grossartige Freundinnen“, so der Präsident des Portugiesischen Vereins Zürich. Doch genauso wie bei den Amokläufen muss man nur ein bisschen genauer hinschauen, um es zu verstehen. Es scheint nämlich, so wie in einem Artikel des „St. Galler Tagblatts“ vom 24. Juni zu lesen ist, bei beiden „unfassbaren“ Taten im Grunde um genau das Gleiche zu gehen. Um das, was man, um es auf ein einziges Wort zu reduzieren, als „Demütigung“ bezeichnen könnte. Vieles deutet darauf hin, dass die Täterin seit längerer Zeit unter einer starken psychischen Belastung litt, weil sie sich als minderwertig fühlte und ihre Selbstzweifel immer stärker geworden waren, unter anderem deshalb, weil sie sich aufgrund schlechter Noten schuldig fühlte, ihre Eltern enttäuscht zu haben. Sie hätte auch schon seit Längerem nicht mehr zur Schule gehen wollen und ihr Leben nicht mehr so wie bisher weiterführen wollen. Dazu der Forensiker Josef Sachs, der sich seit Jahrzehnten mit Gewalttaten und deren Ursachen und Auslösern beschäftigt: „Enttäuschung über die eigene Lebenssituation, die im Vergleich mit Kolleginnen schlechter erscheint, kann der Auslöser für eine solche Gewalttat sein. Das Gefühl, nicht zu genügen oder nicht respektiert zu werden, kann Teil des Motivgefüges sein. Offenbar war das Opfer sehr fröhlich, kam bei Kolleginnen und in der Schule gut an – ein grosser Unterschied zur Beschreibung der 14jährigen Täterin, die fast der Gegenentwurf ihrer Freundin ist, sauer auf sich selbst und unzufrieden mit ihrem Leben. Dieser Gegensatz scheint so stark gewesen zu sein, dass die Täterin ihr eigenes Elend umso stärker spürte. Es könnte auch sein, dass die glückliche Freundin ihr nicht helfen konnte und sich die Enttäuschung somit noch zusätzlich verstärkte.“ Wie bei den Amokläufen also letztlich nichts anderes als ein Hilfeschrei in höchster Verzweiflung, ein von unvorstellbaren seelischen Schmerzen erfüllter Ruf nach Aufmerksamkeit. Denn, so Josef Sachs: „Es gibt Menschen, für die es schlimmer ist, gar keine Aufmerksamkeit zu erhalten, als eine negative Aufmerksamkeit.“ Die öffentliche Debatte für die Tat von Berikon kreist derzeit aber ausschliesslich darum, welches Strafmass für die Täterin angemessen sei – vergleichbar mit den Diskussionen rund um den Amoklauf von Graz, wo ebenfalls reine Symptombekämpfung im Vordergrund steht anstelle eines vertieften Eingehens auf die tatsächlichen Ursachen und der daraus zu ziehenden Konsequenzen. Debattieren müsste man, anstelle von Schutz- oder Strafmassnahmen, endlich über die Folgen eines Erziehungs- und Gesellschaftssystems, das junge Menschen dazu zwingt, permanent gegenseitig um Erfolg und Anerkennung zu kämpfen, ein Kampf, aus dem junge Menschen, noch mitten in ihrer Persönlichkeitsentwicklung viel zu wenig gefestigt, entweder, mit allen damit verbundenen Konsequenzen, als gefeierte „Sieger“ oder aber als gedemütigte „Verlierer“ hervorgehen, ein Kampf, der immer erbitterter geführt wird und zweifellos, so lange nicht radikal neue Wege gegenseitiger Solidarität und Gemeinschaftsdenkens gesucht und im Alltag umgesetzt werden werden, zu einer immer höheren Zahl von Opfern führen wird. Denn, wie Johann Heinrich Pestalozzi schon vor über 250 Jahren sagte: „Der Mensch ist gut und will das Gute. Und wenn er böse ist, so hat man ihm den Weg verrammelt, auf dem er gut sein wollte.“)

Macht den Platz in den Gefängnissen frei für die wahren Übeltäter unserer Zeit…

Peter Sutter, 10. Juni 2025

Weltweit macht man Jagd auf Taschendiebe, Obdachlose, Ausgehungerte, Flüchtlinge, die sich in purer Verzweiflung bloss einen winzigen Teil dessen, was ihnen und ihren Vorfahren über Jahrhunderte geraubt wurde, zurückzuholen versuchen. Alles ein gigantisches Ablenkungsmanöver. Holt sie alle raus aus den Gefängnissen! Damit endlich der Platz frei wird für die wahren Übeltäter unserer Zeit. Für Politiker, die aus purer Liebe zur Macht nicht einmal davor zurückschrecken, Zehntausende unschuldiger Kinder in den Tod zu schicken. Für all jene, die in diesen Tagen nichts Gescheiteres wissen, als einen nächsten grossen Krieg vorzubereiten, vernichtender, zerstörerischer, tödlicher denn alle anderen Kriege je zuvor. Für all jene Unsichtbaren und Namenlosen, die, von den steigenden Aktienkursen der Rüstungskonzerne profitierend, auf fernen Inseln aus dem Blut und den Seelen getöteter Kinder ihre Villen bauen, ausschweifendste Partys feiern und sich rund um die Uhr von den Leidensgenossinnen und Leidensgenossen all jener bedienen, verwöhnen und füttern lassen, die man an anderen Ecken der Welt in Minen tief unter der Erde, auf glühendheissen Baustellen, auf endlosen Plantagen und dicht an dicht eingesperrt in riesigen Fabrikhallen so hart, so lange und so erbarmungslos schuften lässt, bis sie eines viel zu frühen Todes sterben.

Wenn Kinder Erwachsenen Grenzen setzen, nennt man es „Frechheit“, „Ungehorsam“ oder „Renitenz“. Wenn Erwachsene Kindern Grenzen setzen, nennt man es „Erziehung“…

Peter Sutter, 10. Juni 2025

Wann immer Eltern oder andere Erziehungspersonen mit anderen Eltern oder Erziehungspersonen über den Umgang mit Kindern und Jugendlichen sprechen und dabei früher oder später dann jemand die Aussage macht, es sei unerlässlich, wichtig und diene sogar letztlich dem Wohl des Kindes, ihm dann und wann seine „Grenzen aufzuzeigen“ oder ihm „Grenzen zu setzen“, dann kann er sich in 99 von 100 Fällen der vollen Zustimmung in der jeweiligen Gesprächsrunde gewiss sein. Es gibt wenige pädagogische „Leitsätze“, über die es einen dermassen breiten Konsens gibt und die so selten hinterfragt werden.

Gerade deshalb will ich es versuchen. Denn wenn jemand etwas sagt und alle anderen ausnahmslos nicken, dann macht mich das meistens ein wenig misstrauisch. Gibt es tatsächlich keine andere Sichtweise? Ist es eine unumstössliche, durch nichts zu widerlegende Tatsache, dass es eine wichtige, ja geradezu unerlässliche Erziehungsaufgabe der Erwachsenen sei , Kindern und Jugendlichen immer wieder „Grenzen zu setzen“? Und weshalb denn sollte das überhaupt nötig sein? Gäbe es keine Alternativen dazu?

Beginnen wir bei der Frage, wem denn überhaupt das „Recht“ zusteht, anderen Grenzen zu setzen. Sogleich wird klar, dass es stets die Erwachsenen sind, welche sich für befugt fühlen, Kindern und Jugendlichen Grenzen zu setzen. Das Umgekehrte ist undenkbar. Eltern, Lehrkräfte oder andere „Erziehungspersonen“ könnten sich gegenüber Kindern oder Jugendlichen noch so herablassend, beleidigend oder ausfällig benehmen, sie noch so ungerecht behandeln, sie ungerechtfertigt beschuldigen, sie mit gröbsten Worten beschimpfen, sie sogar verprügeln oder misshandeln – nie haben die Kinder und Jugendlichen das „Recht“ darauf, ihren Eltern „Grenzen“ zu setzen. Und auch die Definition der „Grenzen“, die nicht überschritten werden dürfen, ist einzig und allein eine Sache der Erwachsenen. Eltern, aber auch Lehrkräfte oder andere Erziehungspersonen sind dabei – ohne jegliche Kontrolle von aussen – weitestgehend frei und können willkürlich darüber entscheiden, wie eng oder wie weit sie diese Grenzen ziehen: Was in der einen Familie oder in der einen Schulklasse noch längstens erlaubt ist, zieht in der anderen Familie schon eine grobe Zurechtweisung und in der anderen Schulklasse bereits eine Bestrafung nach sich.

Adultismus nennt man das. Dass Erwachsene mehr Rechte haben als Kinder oder Jugendliche, und zwar einzig und allein deshalb, weil sie älter sind. Das zeigt sich auch in der Art und Weise, wie entsprechendes Verhalten begründet bzw. geahndet wird: Versuchen Kinder, ihren Eltern Grenzen zu setzen, etwa indem sie ihnen widersprechen, sich ihren Anordnungen widersetzen oder sich schlichtweg verweigern, herumbrüllen oder auf andere Weise ausfällig werden, wird dies als „Ungehorsam“, „Frechheit“ oder „Renitenz“ bezeichnet, je nach Alter auch als „Trotzphase“ oder „typisch pubertäres Verhalten“, usw., während umgekehrt das Ansinnen von Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen Grenzen zu setzen, stets beschönigend als „Erziehung“ bezeichnet wird, selbst dann, wenn die entsprechenden Massnahmen jegliches vernünftiges Mass überschreiten oder aus reinem Affekt, Hilflosigkeit oder Überforderung erfolgen – bis vor Kurzem wurden sogar Ohrfeigen oder andere Formen von physischer Gewalt selbst von gewissen „Erziehungsfachleuten“ als durchaus legitimes Instrument verharmlost oder geradezu glorifiziert, welches halt zeitweise unumgänglich sei, um die Kinder „auf den richtigen Weg“ zu bringen – ich erinnere mich sogar an einen Vater, der mir einmal erklärte, er ohrfeige seine Kinder bloss deshalb, weil er sie so sehr liebe.

Da aber alle Kinder von Natur aus über einen überaus starken Gerechtigkeitssinn verfügen, geht alles, was ihnen von Erwachsenen angetan wird, nur weil diese älter sind und mehr „Macht“ haben als sie selber, nicht spurlos an ihnen vorüber. Entweder, wenn sie wenig Selbstvertrauen haben, unterwerfen sie sich dieser Vormacht der Erwachsenen, fühlen sich selber schuldig, versuchen, sich möglichst so zu verhalten, dass sie nicht anecken und die Erwartungen der Erwachsenen möglichst adäquat erfüllen. Oder aber, die Wut darüber, ungerecht behandelt zu werden, staut sich in ihrem Inneren auf und bricht dann, oft ganz plötzlich oder unerwartet, zu einem späteren Zeitpunkt an einem anderen Ort umso stärker wieder auf, etwa in der Form von Gewalt oder Bevormundung gegenüber einem jüngeren Geschwister.

Man mag an dieser Stelle einwenden, grobe körperliche Gewalt wie eine Ohrfeige könne man nicht vergleichen mit einem vernünftigen, massvollen „Grenzensetzen“, wie es eben so oft und in so grosser Übereinstimmung als sinnvolle „Erziehungsmassnahme“ begründet wird. Es geht aber in beiden Fällen um Vorrechte von Erwachsenen gegenüber Jüngeren, ohne dass diese auch nur im Entferntesten das Recht hätten, vergleichbare Massnahmen gegenüber Älteren zu ergreifen. Ob es die Ohrfeige ist oder „nur“ die Aufforderung, wegen zu zappligen, lauten und „störenden“ Verhaltens den Mittagstisch zu verlassen und ins Kinderzimmer zu gehen: Das daraus resultierende Gefühl ist im Prinzip das selbe: Das „fehlbare“ Kind fühlt sich zurückgesetzt, gedemütigt, muss seine eigenen Gefühle zurückstecken, sein Verhalten verändern, sich anpassen, sich unterwerfen – oder aber, es muss irgendeine Form von Bestrafung in Kauf nehmen. Und es geht sogar noch weiter: Weil es einigen Kindern leichter fällt, sich anzupassen, anderen dagegen viel schwerer, erfährt das sogenannt „aufmüpfige“ oder „unfolgsame“ Kind immer wieder eine Zurücksetzung und Entwertung seiner selbst, am schlimmsten in der Form von Liebesentzug, wenn das Kind spürt, dass es, ohne dass dies offen ausgesprochen werden müsste, bloss aufgrund seines Verhaltens – das ja nie ein bewusstes „Fehlverhalten“ ist, sondern stets bloss der Ausdruck seiner individuellen Persönlichkeit bzw. seines individuellen Charakters – weniger geliebt wird als ein anderes. Das ist wohl die tiefste, schlimmste und folgenreichste Verletzung, die man einem Kind zufügen kann, und hat häufig lebenslange Folgen: Menschen, die sich als Kinder weniger geliebt fühlten als andere, schleppen diesen Liebesentzug oft lebenslang mit, wie auf der endlosen Suche nach einem verlorenen Schatz, den man dann entweder irgendwann in der Gestalt eines Menschen, der die verlorene Liebe bedingungslos zurückbringt, wieder findet, oder aber dieses Loch mit tausenden Ablenkungen, Beschäftigungen oder Süchten aller Art zu füllen versucht und dennoch diese Leere wie ein lebenslanger Schatten nie gänzlich verschwindet.

Egal, wie man Grenzen zieht: Es sind immer Trennlinien zwischen dem „Guten“ und dem „Bösen“. Sobald es eine Grenze gibt, bin ich entweder „drinnen“ oder „draussen“, entweder akzeptiert oder nicht akzeptiert, entweder geliebt oder nicht geliebt, entweder ein Einheimischer oder ein Flüchtling, entweder legal oder illegal, entweder einer, der ins System passt, oder einer, der nicht ins System passt, entweder ein Angekommener oder ein Randständiger, entweder ein Insider oder ein Outsider, entweder einer, der es geschafft hat, oder einer, der versagt hat. Nur eine Auflösung sämtlicher Grenzen, sowohl auf den Landkarten wie auch in den Köpfen der Menschen, kann umfassende Gerechtigkeit und Menschenwürde schaffen.

Im Jahr 2019 lief in den Kinos der deutsche Spielfilm „Systemsprenger“. Er zeigt den Leidensweg der neunjährigen Benni zwischen wechselnden Pflegefamilien, Aufenthalten in der Psychiatrie und Heimen und der erfolglosen Teilnahme an mehreren Therapieprogrammen. Es handelt sich um eine erfundene Geschichte, die aber auf zahlreichen Dokumenten, Berichten und psychologischen Gutachten von Kindern und Jugendlichen mit vergleichbaren Lebensgeschichten beruht.

Je mehr Grenzen man Benni zu setzen versucht, umso wilder gebärdet sie sich. Ihre Wutausbrüche sind auf ein Trauma zurückzuführen, welches sie als Baby erlitten hatte. Ihr war eine Windel ins Gesicht gepresst worden, sodass sie beinahe erstickt wäre. Dieses Trauma hatte auch zur Folge, dass Benni Berührungen im Gesicht nicht erträgt und diese bei ihr eine sofortige heftige, panische und traumatische Reaktion auslösen. Ihre wiederholten Wutausbrüche nehmen dermassen drastische Formen an, dass sie schliesslich aus der Schule fliegt, die mit der kleinen „Bestie“ völlig überfordert ist, und im Folgenden auch durch sämtliche Raster der deutschen Kinder- und Jugendhilfe zu fallen droht, gefangen in einem heillosen Teufelskreis zwischen ihrer Sehnsucht nach Geborgenheit in einer richtigen Familie und ihrem totalen Unvermögen, die Bedürfnisse anderer Menschen angemessen zu respektieren. Am liebsten würde sie bei ihrer Mutter Bianca leben, doch diese ist mit dem unberechenbaren und gewalttätigen Verhalten ihrer Tochter hoffnungslos überfordert, hat noch mit zwei weiteren Kindern alle Hände voll zu tun und erfährt zudem von ihrem Lebensgefährten Jens, der auf die Entgleisungen der kleinen „Systemsprengerin“ ausschliesslich mit Härte, Strafen und Zurechtweisungen reagiert, keinerlei Unterstützung. Schliesslich eskaliert die Situation vollends, als Jens, weil er sich nicht mehr anders zu helfen weiss, Bennie in einen Schrank einsperrt und von der Polizei abholen lässt. Nach mehreren weiteren gescheiterten Therapieversuchen erklärt sich Bianca, die sich inzwischen von Jens getrennt hat, bereit, Benni bei sich aufzunehmen, zieht ihr Angebot aber aus Angst davor, Bennis Wutausbrüchen nicht gewachsen zu sein, kurz darauf wieder zurück. Auch die Unterbringung bei einer früheren Pflegemutter schlägt fehl, als Benni ein dort wohnendes Pflegekind bei einem weiteren Wutausbruch schwer verletzt. Nun kommen als letzte Optionen nur noch die Einweisung in eine geschlossene pädagogische Einrichtung oder ein längerer Auslandsaufenthalt in Betracht. In äusserster Verzweiflung sucht Benni Schutz bei Micha, einem Sozialarbeiter, von dem sie sich anlässlich einer ihrer zahlreichen Therapien einigermassen verstanden gefühlt hatte. Micha und seine Frau erklären sich bereit, Bennie für eine Nacht bei sich aufzunehmen. Am nächsten Morgen, Micha und seine Frau schlafen noch, gibt Benni dem schreienden Aaron das Fläschchen, sie streichelt das Baby und spielt zärtlich und liebevoll mit ihm die längste Zeit. Wie durch ein Wunder darf Aaron Benni im Gesicht berühren, ohne dass dies bei ihr eine traumatische Reaktion auslöst. Doch als die Mutter auftaucht und Benni auffordert, ihr das Baby in die Arme zu geben, reagiert Benni mit einem weiteren masslosen Wutausbruch, brüllt Aarons Mutter an und schliesst sich mit ihm im Badezimmer ein. Micha, durch den Tumult erwacht, tritt aus Angst um seinen Sohn die Badetür ein. Benni ist aber schon aus dem Badezimmer geflüchtet und rennt Richtung Wald, Micha ihr hinterher. Benni bleibt kurz stehen, überschüttet Micha mit einer Flut von Schimpfwörtern und rennt dann weiter in den Wald. Stunden später wird sie unterkühlt aufgefunden und ins Krankenhaus gebracht. Der Versuch, als letzte Massnahme Benni auf einen Auslandaufenthalt nach Afrika zu schaffen, scheitert, als sie sich im Flughafen weigert, ihr Kuscheltier röntgen zu lassen, und aus dem Sicherheitsbereich wegrennt. Der Film endet, als sie auf der Flucht, laut lachend, in die Luft springt – in diesem Augenblick friert das Bild ein und bekommt Risse, als sei sie gegen eine Glasscheibe gesprungen.

Die Geschichte von Benni zeigt auf eindringliche, geradezu erschütternde Weise: Je mehr Grenzen ihr gesetzt werden, umso schlimmer wird es. Denn damit bekommt sie immer nur genau das Gegenteil dessen, was sie eigentlich bräuchte: Liebe. Hass und Gewalt sind nichts anderes als die unersättliche Sehnsucht nach verweigerter oder verlorener Liebe. „Der Mensch ist gut und will das Gute“, sagte schon Johann Heinrich Pestalozzi, vor über 250 Jahren, „und wenn er böse ist, so hat man ihm den Weg verrammelt, auf dem er gut sein wollte.“ Und die deutsche Rockband „Die Ärzte“ beschrieb in einem ihrer bekanntesten Songs das Gleiche mit diesen Worten: „Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe, deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit.“ Nicht Grenzen, nicht Belehrungen, nicht Bevormundung, nicht Machtdemonstration, nicht Härte ist das, was Bennie wirklich braucht. Das Einzige, was auch die tiefsten Verletzungen und Wunden zu heilen vermag, ist die Liebe.

Gehen wir zurück an den Ursprung, an die Quelle, an den Punkt, wo alles angefangen hat. „Drei Dinge sind uns aus dem Paradies geblieben“, so der italienische Dichter Dante Alighieri: „Kinder, Blumen und Sterne.“ Um die tiefsten Geheimnisse zu ergründen, müssen wir nicht die Erwachsenen fragen, sondern die Kinder. Was sie fühlen und denken, kommt aus dem Paradies, aus dem tiefsten Grund der Seele, aus dem Universum.

Fragst du die Kinder, wirst du kein einziges finden, das sich wünscht, Grenzen gesetzt zu bekommen. Jedes Kind wünscht sich, Grenzen aufzubrechen, Grenzen zu überwinden, Grenzen zu sprengen – und damit ihrem grössten Idol nachzueifern, Pippi Langstrumpf, die sogar mit blossen Händen ein ausgewachsenes Pferd in die Höhe zu stemmen vermag und von der ihre Schöpferin Astrid Lindgren sagt, „egal, ob sie singt, tanzt, spielt oder isst, sie ist immer mit ganzem Herzen dabei.“ Pippi liebt das Leben und das strahlt sie auch mit jeder Zelle ihres Körpers aus. Sie kann allem etwas Positives abgewinnen und begeistert sich auch für die kleinsten Dinge. Um die Meinung anderer Leute kümmert sie sich nicht, sondern hört in sich selber hinein, was gut für sie ist und was nicht. Und so passiert es halt auch immer wieder, dass sie sich mit Autoritäten anlegt, dennoch oder gerade deshalb geht sie unbeirrbar ihren Weg. Sich selber bezeichnet sie als „Sachensucherin“, denn die Welt, so erklärt sie ihrem Freund Tommy, sei voll von Sachen, und es sei wirklich nötig, dass jemand sie finde. Ihr Leitsatz lautet: „Das haben wir noch nie probiert, also geht es sicher gut.“ Denn sie glaubt an die Macht der Phantasie. Sie will zeitlebens ihr inneres Kind bewahren, ihren spontanen Ideen folgen und sich die Dinge vor ihren eigenen Augen so lebendig vorstellen, als wären sie schon Wirklichkeit. „Alles, was an Grossem in der Welt geschah“, so Astrid Lindgren, „vollzog sich zuerst in der Phantasie der Menschen.“ Auch der deutsche Dichter Hermann Hesse war überzeugt: „Damit das Mögliche entstehen kann“, schrieb er, „muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.“

In der Tat. Genau das, das Überwinden und Sprengen von Grenzen, ist die Voraussetzung für jegliche Veränderung, für jeglichen gesellschaftlichen Fortschritt. Grenzen setzen hingegen heisst nichts anderes, als das Bestehende vor Neuem und Unkonventionellen zu schützen und auf diese Weise dafür zu sorgen, dass alles so weitergeht, wie es bisher gegangen ist, selbst wenn es sich nicht bewährt hat, selbst wenn es kläglich gescheitert ist. Veränderungen haben immer dann stattgefunden, wenn einzelne Menschen den Mut und genug Selbstbewusstsein hatten, um vorhandene Gesetze, Regeln oder Grenzen, wenn sie sich mit ihren innersten Gefühlen von Liebe und Gerechtigkeit nicht im Einklang befanden, zu verletzen, zu missachten, zu sprengen: In der um 400 v.Chr. vom griechischen Dichter geschriebenen Komödie „Lysistrata“ gelingt es einem Bündnis pazifistischer Frauen, mittels einer Sitzblockade vor dem Parthenon, der Schatzkammer Athens, sowie durch gemeinsame sexuelle Verweigerung gegenüber ihren Ehemännern den Krieg zwischen Athen und Sparta zu beenden. Ebenfalls aus der griechischen Mythologie kennen wir die unerschrockene, einzig und allein ihrem Gewissen folgende Antigone, welche sich weigerte, den Körper ihres geliebten Bruder Eteokles nach einem tödlichen Bruderzwist wilden Tieren zum Frass vorwerfen zu lassen, und stattdessen darauf beharrte, dass er ebenso wie sein Bruder mit allen Ehren begraben wurde, obwohl ihr Vater, der König Kreon, ihr dies mit der Androhung einer Todesstrafe verboten hatte. Der US-Amerikaner Henry David Thoreau verweigerte um 1850 das Bezahlen seiner Steuern, um damit gegen den Krieg der USA gegen Mexiko und den unmenschlichen Sklavenhandel zu protestieren. In die Geschichte eingegangen sind auch die Geschwister Hans und Sophie Scholl, die mutig und kompromisslos mit der Verbreitung von Flugblättern und anderen Protestaktionen gegen die Diktatur des Nationalsozialismus ankämpften und dies mit ihrem Tod bezahlen mussten. Berühmt geworden ist auch Rosa Parks, eine 42jährige Schwarze, die sich am 1. Dezember 1955 im US-amerikanischen Montgomery auf der Fahrt in einem städtischen Bus weigerte, ihren Sitzplatz einem weissen Fahrgast zu überlassen, der sich auf das Gesetz berief, wonach Schwarze ihre Plätze für Weisse freigeben müssten, wenn es nicht genug Sitzplätze für alle hätte – dieser Akt von „Grenzverletzung“ war der Auslöser für eine sich in der Folge massenhaft ausbreitende Bürgerrechtsbewegung, welche schliesslich unter der Führung von Martin Luther King die Gleichberechtigung der schwarzen mit der weissen Bevölkerung in den USA entscheidend voranbrachte. Aktuell geben die Hilfs- und Widerstandsaktionen einzelner Aktivistinnen und Aktivisten für sich in Gefahr oder Not befindliche Flüchtlinge zu reden, die sich mutig darüber hinwegsetzen, dass solche Aktionen gemäss EU-Gesetzen „illegal“ sein sollen, besonders bekannt geworden ist die Fluchthelferin Carola Rackete, die, nebst vielen anderen, wegen ihres humanitären Engagements sogar zu einer längeren Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Das sind nur ein paar wenige herausragende Beispiele von Menschen, stellvertretend für unzählige andere, die sich im Laufe der Geschichte mit ihrem mutigen Eintreten für Menschenwürde und Gerechtigkeit immer wieder über bestehende Gesetze, Regeln und Vorschriften hinwegsetzten und damit der Tradition eines Rechts auf „zivilen Ungehorsams“ zum Durchbruch verhalfen, auf welches sich bis heute weltweit Menschen berufen, die nicht bereit sind, ihr persönliches Gewissen übergeordneten Gesetzen zu opfern, welche die Menschenwürde zutiefst missachten. Denn „wenn Unrecht zu Recht wird“, so der deutsche Dramatiker Bertolt Brecht, „wird Widerstand zur Pflicht.“

Die „NZZ am Sonntag“ berichtete am 1. Juni 2025 über die dramatische Zunahme körperlicher Misshandlungen von Kindern und Jugendlichen in Schweizer Familien im Verlauf der letzten paar Jahre. „Oft haben Kleinkinder, die noch nicht einmal laufen können, Brüche“, berichtet Dörthe Harms Huser, leitende Kinderärztin am Kantonsspital Baden, „bei anderen sind auf der Haut Abdrücke einer Gürtelschnalle zu sehen, häufig haben wir es auch mit bereits älteren Brüchen zu tun, die nie behandelt wurden. Kinder werden geschlagen, gekratzt, gebissen, geschüttelt.“ Fachleute sagen, dass es zusätzlich über die in die Spitäler eingelieferten Fälle hinaus eine hohe Dunkelziffer gäbe. Harms Huser erklärt sich die erschreckende Zunahme körperlicher Gewalt gegen Kinder und Jugendliche unter anderem damit, dass sich die Lebensumstände vieler Familien in den letzten Jahren massiv verschärft hätten: Alles werde teurer, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf werde für viele zur kaum mehr zu bewältigenden Herausforderung, wirtschaftliche Unsicherheiten und die Angst vor einem Jobverlust wie auch die geopolitische Lage brächten zusätzliche Schwierigkeiten und Belastungen mit sich und sehr viele Menschen erführen trotz einem riesigen Aufwand an Arbeit und persönlichem Einsatz in ihrem Alltag nur wenig Wertschätzung. Dies alles seien aus ihrer Sicht Faktoren, die mit dem dramatischen Anstieg von Kindsmisshandlungen in Zusammenhang stünden.

Die in einer Gesellschaft herrschende Gewalt kommt – wie es das Wort „herrschend“ schon sagt – nie von unten nach oben, sondern immer nur von oben nach unten, von denen, die mehr Macht haben, gegen die, welche weniger Macht haben, bis hinunter zu den Kindern und Jugendlichen, denen, die am Ende all das ausbaden müssen, was an Druck, Demütigung, Bevormundung und übertriebenen, unrealistischen Forderungen und Erwartungen stufenweise von ganz oben bis ganz nach unten weitergegeben wird. Wer sich im Zusammenleben mit Kindern und Jugendlichen darauf ausrichtet, diese immer wieder in „Schranken“ zu weisen und ihnen „Grenzen“ zu setzen, macht sich unweigerlich, ob er will oder nicht, zum Komplizen dieses Machtsystems. Grenzen setzen sollte man nicht Kindern und Jugendlichen, die aus zeitweiligem Übereifer, aus Ungeduld, Bewegungsfreude oder Abenteuerlust da und dort über die „Stränge“ hauen, bestehende Normen oder Gewohnheiten in Frage stellen oder sich ihnen verweigern. Grenzen setzen müsste man vielmehr dringendst einem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Machtsystem, das in erster Linie darauf ausgerichtet ist, auf Kosten von Lebensfreude, Lebensgenuss und Zwischenmenschlichkeit aus den Menschen auf Schritt und Tritt das Maximum an ökonomisch verwertbarer und materiellen Profit schaffender Leistung herauszupressen und sie dabei einem beständigen gegenseitigen Konkurrenzkampf auszusetzen, aus dem ausgerechnet jene am erfolgreichsten hervorgehen, die sich am wenigsten um das Wohl anderer kümmern. Rebellierende und widerspenstige Kinder, welche bestehende Normen, scheinbare Selbstverständlichkeiten und herrschende Denkgewohnheiten in den Köpfen der Erwachsenen in Frage stellen, sind das wunderbare Geschenk, welches die Kinder uns aus dem „Paradies“ mitgebracht haben, um uns für all die Widersprüche und all die Fremdbestimmung, an die wir uns im Laufe des Älterwerdens nach und nach gewöhnt haben, immer wieder von neuem die Augen zu öffnen. „Macht“, sagte der berühmte britische Schauspieler und Regisseur Charlie Chaplin, „brauchst du nur, wenn du etwas Böses vorhast. Für alles andere reicht Liebe um es zu erledigen.“

(Was für das „Grenzen setzen“ gilt, gilt auch für einen weiteren Leitsatz, der in Zusammenhang mit dem Erziehungsverhalten von Erwachsenen gegenüber Kindern und Jugendlichen oft zu hören ist und ebenfalls meist auf ungeteilte Zustimmung seitens der Erwachsenen stösst: nämlich, die Erziehungspersonen müssten möglichst „am gleichen Strick ziehen“. Das wird dann in der Praxis meist so verstanden, dass alle, die gegenüber einem bestimmten Kind eine pädagogische Funktion haben – von den Eltern und der Lehrperson über Schulpsychologen und Vertreterinnen weiterer Fachstellen bis hin zu den zuständigen Behördemitgliedern – möglichst konsequent die gleiche Haltung vertreten und möglichst niemals „ausscheren“ sollten, um dem Kind gar keine andere Wahl zu lassen, als sich der entsprechenden „Erziehungsmassnahme“ zu unterwerfen. Auch hier wird stets mit dem „Wohl des Kindes“ argumentiert. Für ein Kind aber, wenn es sich aufgrund seiner aktuellen Lebenssituation gerade weniger zu Anpassung und Unterwerfung, sondern eher zu Widerstand und Auflehnung hingezogen fühlt, kann so etwas unter Umständen als katastrophale Bevormundung und Fremdbestimmung empfunden werden, verbunden mit einem extremen Ohnmachtsgefühl, wenn es sich ganz alleine einer Übermacht von Erwachsenen gegenübersieht, denen es ausgeliefert ist, ohne dagegen etwas tun zu können, Erwachsenen, die es doch angeblich alle so „gut“ mit ihm meinen. Der vielgelobte Strick wird dann zu einem tödlichen Instrument, mit dem die Erwachsenen, wenn sie gemeinsam nur genug fest daran ziehen, im schlimmsten Fall das Kind „erwürgen“ und – ebenfalls ein Begriff, der in der pädagogischen „Fachliteratur“ nicht selten auftaucht – „seinen Willen brechen“ können, alles zum angeblichen „Wohl“ des Kindes.)