Kündigung per SMS

Diese Woche erhielten 13 Frauen, die beim Onlinehändler Zalando in Arbon als Packerinnen tätig waren, ihre Kündigung innerhalb von fünf Tagen. Die Frauen, die für Zalando zu einem Stundenlohn von 23 Franken gearbeitet hatten, konnten es nicht fassen. Sie erhielten die Kündigung nicht in Briefform, auch nicht mündlich, sondern – per SMS! Mit einem SMS, das nicht einmal eine persönliche Anrede enthielt, sondern den einzigen Satz: «Hiermit kündigen wir Ihren Einsatz auf Freitag, den 10. Mai 2019.» Ohne Erklärung, ohne Begründung, ohne Entschuldigung, ja selbst ohne ein «Es tut uns leid, dass…»

(www.20minuten.ch)

Man stelle sich einmal vor, man würde einer Ärztin, einem Abteilungsleiter in einem Supermarkt oder einem Lehrer in dieser Form kündigen, einfach so per SMS und ohne Erklärung. Unvorstellbar! Das Beispiel zeigt, dass wir, auch wenn wir auf unsere Schweizer Demokratie noch so stolz sind, in unseren Köpfen doch immer noch zutiefst in einer Klassengesellschaft leben. In einer Klassengesellschaft, in der Packerinnen eines Onlinehändlers auf einem der untersten Ränge leben, dort, wo man mit den Menschen fast alles machen kann, was man will: sie härteste körperliche Arbeit zu Tiefstlöhnen verrichten lassen, ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, sie mit engen Zielvorgaben permanent unter zeitlichen Druck und Stress setzen und ihnen, sobald es sie nicht mehr braucht oder wenn sie der immensen Belastung nicht mehr gewachsen sind, per SMS auf die Strasse werfen.

Arbeitsverhältnisse dürfen keine Machtverhältnisse sein. Jeder und jede Beschäftigte hat den gleichen Anspruch auf menschenwürdige Arbeitsbedingungen, Wertschätzung und – in letzter Konsequenz – den gleichen Lohn. Denn keine berufliche Tätigkeit kann funktionieren ohne alle anderen. Auch ein so mächtiger Konzern wie Zalando baut seinen ganzen Reichtum und seinen ganzen Erfolg auf denen auf, die ganz unten sind. Würden die Packerinnen, Fabrikarbeiterinnen und Transporteure ihren Dienst versagen, würde das ganze Unternehmen innerhalb weniger Sekunden in sich zusammenfallen wie ein Kartenhaus. Wenn schon, müssten die Packerinnen mehr verdienen als die in der Administration und auf den Chefetagen Tätigen. Denn es ist wohl um einiges anstrengender, von früh bis spät Pakete herumzuschleppen und retournierte Artikel zu reinigen, als vor einem Computer zu sitzen und Telefonanrufe zu beantworten…

Konkurrenzprinzip auf die Spitze getrieben

12’000 Chinesinnen und Chinesen reisen in verschiedenen Gruppen an sechs Tagen in der Schweiz herum und besuchen ihre Wunschdestinationen, teilt Luzern Tourismus mit. Die Touristen sind Angestellte der amerikanischen Firma Jeunesse Global, eines weltweit tätigen Unternehmens mit Hauptsitz in Florida. Dieses hat seine erfolgreichsten Verkäuferinnen und Verkäufer in China zu einer «Belohnungsreise» eingeladen.

(Tages-Anzeiger, 9. Mai 2019)

Höchstwahrscheinlich haben all jene Angestellten, die zuhause bleiben mussten, ebenfalls ihr Bestes gegeben. Wenn sie «faul» wären, dann wären sie nämlich gar nichts erst angestellt bzw. bereits wieder entlassen worden. So funktioniert das kapitalistische Konkurrenzprinzip: Alle geben ihr Bestes, alle strengen sich an, alle wollen erfolgreich sein, doch nur die Besten werden belohnt, durch Anerkennung, durch Lob, durch Geschenke, durch Boni, durch höhere Löhne, durch beruflichen und sozialen Aufstieg, usw. Und weil jeder hofft, selber eines Tages zu den Besten und Erfolgreichsten zu gehören, ist er bereit, auch noch so grosse Strapazen und Entbehrungen auf sich zu nehmen. Das Gleiche im Spitzensport, wo sich junge Menschen über Jahre härtesten Trainings buchstäblich körperlich ruinieren, am Ende des Tages aber doch nur ein paar wenige von ihnen auf dem Podest stehen. Das Gleiche in der Schule, die ebenfalls einem Wettlauf gleicht, bei dem sich alle aus Leibeskräften die beste Mühe geben, am Ende aber wiederum nur ein par wenige mit guten Noten, Anerkennung und Lob dafür belohnt werden. Die grosse Widersprüchlichkeit des Konkurrenzprinzips besteht darin, dass die «Guten» nur deshalb «gut» sein können, weil die «Schlechten» «schlecht» sind. In die Schweiz reisen zu können, macht die 12’000 Chinesen und Chinesinnen nicht zuletzt deshalb stolz, weil alle übrigen Angestellten der Firma nicht mitreisen dürfen. Der Podestplatz im Kunstturnen ist nur deshalb so begehrt, weil er von allen anderen Konkurrentinnen und Konkurrenten nicht erreicht wurde. Die gute Note in der Schule hat nur deshalb einen so hohen Stellenwert, weil sie von den meisten Mitschülerinnen und Mitschülern nicht erreicht wurde. Mit anderen Worten: Die «Verlierer» bezahlen mit ihren Strapazen, ihren Enttäuschungen und ihren Misserfolgen den Erfolg und den Triumph der «Gewinnerinnen» und «Gewinner». Würden aber, wenn man das Konkurrenzprinzip abschaffen würde, die Menschen immer noch so viel leisten wie im heutigen kapitalistischen System, in dem sich alle gegen alle in einem permanenten Wettstreit befinden? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir nur einen Blick auf die ersten Lebensjahre des Menschen werfen. Kinder leisten in dieser Zeit eine unglaubliche Lernarbeit, sie sind dabei zugleich äusserst effizient und äusserst erfolgreich. Nie geht es dabei darum, dass ein Kind besser oder schneller sein möchte als ein anderes. Der Motor zur Leistung kommt aus seinem Allerinnersten, der Mensch will arbeiten, will tätig sein und braucht hierfür keine Konkurrenten und Konkurrentinnen. Und so würde wohl auch die Arbeitswelt bestens funktionieren, wenn alles auf Kooperation statt auf Konkurrenz aufgebaut wäre. Es würden dann nicht mehr die 12’000 «tüchtigsten» Angestellten der Firma Jeunesse Global in die Schweiz reisen, sondern es würden alle Angestellten ein Wochenende in einem chinesischen Wellnesshotel geschenkt bekommen…

Kapitalistisches Einheitsmenu

Allmählich begeben sich die schweizerischen politischen Parteien auf ihre Startpositionen für das Rennen in die Parlamentswahlen vom Oktober dieses Jahres. Doch was läuft hier eigentlich ab? So gross die Unterschiede zwischen den einzelnen Parteiprogrammen auf den ersten Blick scheinen mögen, so klein sind sie bei näherer Betrachtung. Denn alle Parteien – von der SVP bis zur SP – bewegen sich auf dem Boden und im Denkgerüst des Kapitalismus, keine der Parteien stellt den Kapitalismus grundsätzlich in Frage, auch nicht die SP, die zwar die «Überwindung des Kapitalismus» in ihr Parteiprogramm aufgenommen hat, in ihrer Alltagspolitik aber kaum etwas davon spüren lässt. Und so müssen wir uns schon fragen, ob man das Ganze noch wirklich als echte Demokratie bezeichnen kann. Denn in einer echten Demokratie müsste man nicht nur über die kleinen, sondern vor allem auch über die grossen Fragen debattieren können. Zum Beispiel über die Frage, ob wir weiterhin in einem kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem leben wollen oder nicht. Diese und viele, viele weitere Fragen, die damit zusammenhängen, bleiben aus der politischen Diskussion ausgeklammert und so wird sich, ganz unabhängig davon, wie viele Prozentpunkte die einzelnen Parteien in den Wahlen erreichen werden, an den bestehenden Verhältnissen kaum etwas Grundsätzliches ändern. In dieser Demokratie, die eigentlich eine Scheindemokratie ist, die so tut, als hätten wir eine echte Auswahl, während in Tat und Wahrheit die verschiedenen Parteien doch nichts anderes sind als einzelne Fraktionen einer grossen kapitalistischen Einheitspartei.

Ein Fass voller Löcher

Nicht nur in der Schweiz wird fleissig gebaut, auch weltweit entstehen ständig neue Städte, Strassen, Flughäfen oder künstliche Inseln. Für all das wird Sand gebraucht, denn der Rohstoff ist Hauptbestandteil in Beton, Asphalt und Glas. Weil der Bauboom gigantisch ist, wird auch gigantisch viel Sand verbraucht. Bis zu 50 Milliarden Tonnen sind es weltweit in nur einem einzigen Jahr, schätzen die Experten der UNO-Umweltbehörde. Jedes Jahr steigt der Verbrauch um weitere 5.5 Prozent. Ein Beispiel ist Singapur: Der ehrgeizige Stadtstaat hat seine Landfläche in den letzten 60 Jahren um ein Viertel vergrössert und will weiter wachsen. Treibstoff des Baubooms ist Sand.

Den Sand hat das Land selbst nicht. Das hat Singapur zum grössten Sandimporteur der Welt gemacht. Das Problem ist nur, dass der Rohstoff endlich ist. Zwar gibt es in Wüsten mehr als genug der feinen Körner, doch Wüstensand ist zu rund, zu wenig griffig und daher für den Bau unbrauchbar. Es bleibt nur der Sand, den Flüsse und Küsten zu bieten haben, doch der wird langsam knapp. Die Natur kommt mit der Produktion nicht mehr nach. Die Folgen des Abbaus können dramatisch sein. In Marokko beispielsweise haben Schmuggler nach Angaben der UNO-Umweltbehörde den Sand an einem Küstenstreifen schon so weit abgetragen, dass nur noch Steine übriggeblieben sind. Für den Tourismus ist die Region somit verloren. Der Abbau von Dünen an Meeresküsten führt auch zu mehr Überschwemmungen. Und am Fluss Mekong trägt der Sandabbau in Laos, Thailand oder Kambodscha schon jetzt dazu bei, dass das riesige Flussdelta in Vietnam abgetragen wird. Dadurch geht fruchtbares Land für den Reisanbau verloren, der Millionen von Menschen ernährt.

Doch weil der Rohstoff Sand begehrt und die Regulierung vielerorts schwach ist, geht der Raubbau weiter. Die UNO wirbt nun für internationale Regeln, die den Abbau begrenzen. Sie appelliert an Bauunternehmen, nach Ersatzstoffen zu suchen, Asche etwa oder Sägemehl. Denn sonst sei der ganze Fortschritt buchstäblich auf Sand gebaut.

(www.srf.ch)

Das dramatische Beispiel zeigt, dass alles, was eine noch so «grüne» Politik im Köcher hat, viel zu kurz greift. Förderung erneuerbarer Energien, CO2-Abgaben auf Flugtickets, Elektromobile statt Benzinautos, Recycling von Rohstoffen, Fleisch aus tiergerechter Haltung – alles gut und recht, aber wirksam aufhalten lässt sich damit die kapitalistische Zerstörungswut nicht im Entferntesten. Es ist wie ein Fass voller Löcher: Ist das eine Loch gestopft, fliesst das Wasser bei den anderen Löchern nur umso stärker heraus. Was wir brauchen, sind nicht Pflästerli, um die einzelnen Löcher zu stopfen – diesen Wettlauf würden wir nie gewinnen. Was wir brauchen, ist ein neues Fass, sprich: eine neue Wirtschaftsordnung, die sich den Gesetzen der Natur und der Erde unterwirft. Genau so, wie wir das, wären wir nicht so überheblich, von den alten Kulturvölkern, welche Tiere und Pflanzen als höchste Gottheiten verehrten, hätten lernen können…

«Unser Sicherheitsnetz ist fast zum Zerreissen gespannt.»

680 Wirbeltierarten sind seit dem Jahr 1500 ausgestorben – aufgrund menschlicher Aktivitäten. Bis zu einer Million weitere Spezies von Tieren und Pflanzen sind vom Aussterben bedroht, sie könnten teilweise bereits innert der nächsten Jahrzehnte verschwinden. Urbane Flächen haben sich seit 1992 mehr als verdoppelt, und jedes Jahr gelangen zwischen 300 und 400 Millionen Tonnen Schwermetalle, Lösungsmittel, giftige Rückstände und andere Abfälle aus Industrieanlagen ins Wasser. Global erreichen 80 Prozent der Abwässer ungereinigt die Natur, über 85 Prozent der Feuchtgebiete sind verschwunden: Das sind nur einige der erschreckenden Zahlen, mit denen der erste globale Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES aufwartet. Der Bericht zeichnet ein düsteres Bild. «Die Vielfalt innerhalb der Arten, zwischen den Arten und jene der Ökosysteme nimmt rasch ab, ebenso wie viele fundamentale Leistungen, die wir von der Natur beziehen», fasst Sandra Díaz von der Universidad Nacional de Córdoba in Argentinien einige seiner Kernaussagen zusammen. «Unser Sicherheitsnetz ist fast zum Zerreissen gespannt.» Es braucht, so das Fazit der Fachleute, einen grundlegenden Wandel in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, um Biodiversität und die Leistungen der Natur für den Menschen – und damit unsere Zukunft – zu sichern.

(www.nzz.ch)

Kein Wunder, ist von verschiedensten Seiten immer wieder die Forderung zu vernehmen, wir sollten keine Kinder mehr in die Welt setzen, da sie ohnehin keine Zukunft mehr hätten. Tatsächlich braucht es eine Unmenge an Optimismus, um angesichts solcher Katastrophenmeldungen nicht in eine bodenlose Resignation zu verfallen. Und dennoch, trotz allem: Resignation hat nur da ihren Platz, wo wir nicht mehr an etwas anderes zu glauben wagen als an die Fortsetzung des kapitalistischen Wirtschaftssystems, das uns mit seiner unersättlichen Profitgier und seinem sinnlosen Wachstumswahn überhaupt erst an diesen Punkt gebracht hat, an dem wir uns heute befinden. Es ist genau so, wie es der oben zitierte Bericht des Weltbiodiversitätsrats sagt: Es braucht einen grundlegenden Wandel in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, um die Zukunft der Menschheit zu sichern. Vielleicht die grösste Herausforderung, vor der die Menschheit jemals gestanden ist. Der Beginn eines neuen Zeitalters. Das Ende des Kapitalismus. Alles andere wäre tatsächlich nichts anderes als eine Bankrotterklärung des Menschen.

 

Das Arte

 

 

Arbeit auf Abruf: Und das im reichsten Land der Welt

Die 28-jährige Portugiesin C. lebt seit eineinhalb Jahren in der Schweiz. Sie reinigt Wohnungen, Treppen, Eingangsbereiche privater Häuser. Der Mindeststundenlohn gemäss Gesamtarbeitsvertrag beträgt 18.80 Franken. Bei der erlaubten Höchstarbeitszeit von 42 Stunden macht das bescheidene 3158 Franken pro Monat. «Wie viele Stunden ich im Monat arbeite, ist völlig unterschiedlich», sagt C. «Ich weiss es nie im Voraus.» Ihr Chef informiere sie immer erst am Abend vorher oder sogar am Morgen früh per Telefon oder SMS, wo sie sein müsse. Und: «Er sagt oft zwei Stunden vorher die Arbeit wieder ab, die er mir vorher zugesagt hat, und zahlt dafür keinen Lohn. Es kam sogar schon vor, dass er mich morgens um fünf Uhr anrief, dass ich um 7 Uhr nicht kommen müsse.» Da war sie manchmal schon auf dem Weg zur Arbeit – und erhielt trotzdem keinen Lohn. Auch rechnete der Arbeitgeber die Reisezeiten von einem Kunden zum anderen nicht als Arbeitszeit an. «Ich habe praktisch kein Privatleben. Ich kann keine Freundschaften pflegen, nichts abmachen.» Noch schlimmer sind die finanziellen Folgen: In schlechten Monaten kann sie kaum ihre festen Kosten zahlen. «Ich muss mich stark einschränken, sogar beim Essen.» Kino, Theater, der ersehnte Deutschkurs – all das liegt nicht drin. C. ist desillusioniert: «Ich dachte immer, in der Schweiz sei alles gut organisiert, und die Regeln würden eingehalten. Jetzt habe ich ein anderes Bild.» C. ist mit ihrem Schicksal nicht allein. Unsichere Arbeitsverhältnisse, die zu wenig Lohn zum Leben bringen, nehmen in der Schweiz zu. Das zeigt eine Studie, die das Forschungsunternehmen Ecoplan Ende 2017 im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft veröffentlicht hat. Noch 2010 waren 100’000 Personen in einem prekären Arbeitsverhältnis. Bis 2016 war diese Zahl auf 113’000 angestiegen. Prekäre Arbeitsverhältnisse finden sich vor allem im Gastgewerbe, im Immobiliensektor und bei den sonstigen Dienstleistungen. Dazu zählt das Reinigungsgewerbe. Ein besonderes Problem besteht bei der Reinigung von Hotels. M., eine Spanierin, die in einer grossen Hotelkette in Zürich arbeitet, sagt: «Oft werden wir aufgeboten, aber wenn die Gäste die Zimmer noch nicht verlassen haben, können wir nicht anfangen mit Putzen. Manchmal müssen wir zwölf Stunden vor Ort sein, bezahlt ist aber nur die Hälfte, also dann, wenn wir tatsächlich putzen.»

(Sonntagszeitung, 5. Mai 2019)

Und das im reichsten Land der Welt…

Denkverbote und Gesinnungsterror wie einst in der DDR

Kevin Kühnert, Chef der deutschen Jusos, forderte unlängst in einem Interview mit der «Zeit», Grossunternehmen müssten dem Staat übergeben werden. Eine Kollektivierung von Unternehmen wie zum Beispiel BMW sei auf demokratischem Weg anzustreben. Die Verteilung der Profite müsse demokratisch kontrolliert werden, dies schliesse aus, dass es dann noch einen kapitalistischen Eigentümer eines Betriebs gebe. Zudem fordert Kühnert die Enteignung von Wohnungsbesitzern, niemand dürfe mehr Wohnraum besitzen, als er selber bewohne. Die Empörung über Kühnerts Forderungen ist quer durch alle Parteien gross. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer von der CSU nennt Kühnerts Thesen ein «verschrobenes Retro-Weltbild eines verirrten Fantasten.» Aber auch zahlreiche Mitglieder der Mutterpartei SPD lassen an Kühnerts Positionen keinen guten Faden. Michael Frenzel, Präsident des SPD-Wirtschaftsforums, fordert sogar den Parteiausschluss Kühnerts.

(www.welt.de)

Wo das Verrückte «normal» ist – der Kapitalismus mit all seinen zerstörerischen Auswirkungen auf Mensch und Natur -, da wird eine Stimme der Vernunft als «verrückt» erklärt. Ist das nicht Gesinnungsterror, sind das nicht Denkverbote, die kein bisschen weniger schlimm sind als jene in der damaligen DDR, die genau von den gleichen Politikern, die heute das Hohe Lied auf den Kapitalismus singen, so vehement als das Reich des «Bösen» angeprangert wird. Kann heute wirklich allen Ernstes noch jemand behaupten, es solle alles am besten so weitergehen wie bisher, nämlich auf dem kapitalistischen Weg der Selbstzerstörung? Sind nicht Menschen wie Kevin Kühnert, die sich die Freiheit herausnehmen, aus den gängigen Denkschablonen auszubrechen und frei zu denken, das Wichtigste auf dem Weg und in den Übergang in eine neue, bessere Zeit? Denn wer etwas Neues wagen will, muss dieses Neue zuerst einmal denken und ihm Sprache verleihen. Danke, Kevin Kühnert, für deinen Mut. Mögest du, wie Greta Thunberg, zum Vorbild werden für Abertausende andere.

Entwicklungshilfe: «hart erarbeitetes Geld»

Diskussionssendung «Arena» vom 3. Mai 2019 am Schweizer Fernsehen zum Thema «Zu viel Geld für die arme Welt?». Es geht um die vom Bundesrat vorgeschlagenen 3 Milliarden Franken Entwicklungshilfe für die nächsten vier Jahre. Zu viel, meint die SVP und möchte den Betrag reduzieren. SVP-Nationalrat Thomas Aeschi: «Das ist Geld, das von den Schweizern und Schweizerinnen hart erarbeitet wurde. Statt es irgendwo in die Welt hinauszuschicken, würden wir es besser für die Sicherung unserer Altersvorsorge verwenden.»

Thomas Aeschi und seinen Gesinnungsgenossen scheint es entgangen zu sein, dass die heutigen Verhältnisse – hier das reiche Europa, dort das arme Afrika – nichts anderes sind als die Folge von 500 Jahren Kolonialismus und wirtschaftlicher Ausbeutung. So lange nämlich schon rackern sich die Menschen in Afrika buchstäblich zu Tode, um jene Bodenschätze aus der Erde zu holen und jene Lebensmittel anzupflanzen und zu ernten, die sodann in die reichen Länder des Nordens verfrachtet werden und eben dazu geführt haben, dass die dereinst armen Länder des Nordens zu den reichsten Ländern wurden, während umgekehrt das von Klima und Naturschätzen gesegnete Afrika zum Armenhaus der Welt wurde. Wenn wir heute über drei Milliarden Franken Entwicklungshilfe diskutieren, dann handelt es sich um eine winzige, kaum nennenswerte Wiedergutmachung eines jahrhundertalten Verbrechens. Und wenn Leute wie Aeschi so tun, als sei dieses Geld ein «Geschenk» der «Fleissigen» an die «Faulen», dann ist es doch in Tat und Wahrheit genau umgekehrt: Es bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass der Räuber einen winzigen Teil seiner Beute dem Beraubten wieder zurückgibt und erst noch die Frechheit besitzt, dass der Beraubte dafür dankbar sein müsse. Wenn uns dann die Statistik noch sagt, dass die Schweiz, immerhin das reichste Land der Welt, erst an achter Stelle der Geberländer – gemessen an ihrem Bruttosozialprodukt – steht und wenn man noch daran denkt, dass dieses Land nächstens Kampfflugzeuge für acht Milliarden Franken anschaffen möchte, dann ist da schon einiges in Schieflage geraten….

Honduras: Kaffeeplantagen vom Klimawandel betroffen

Das Leben als Bauer in Honduras war nie einfach. In jüngster Zeit verstärkt eine neue Bedrohung den Teufelskreis aus Armut, einer pflichtvergessenen Regierung und schwankenden Preisen für Agrarprodukte: Der Klimawandel zerstört ganze Kaffeeplantagen. Darüber sind sich auch Klimawissenschaftler einig. Steigende Temperaturen, extremere Wetterphänomene, unvorhersehbare Wettermuster wie der Ausfall von Regen oder Starkregen zu aussergewöhnlichen Zeiten, stören den Wachstumszyklus der Kaffeesträucher und fördern die Ausbreitung von Krankheiten. Ganze Ernten werden vernichtet, die Bauernfamilien stehen vor dem Nichts, viele suchen ihr Heil in der Flucht über die US-amerikanische Grenze. Zentralamerika leidet besonders stark unter dem Klimawandel. Und da ein grosser Teil der Bevölkerung von der Landwirtschaft lebt, laut Weltbank sind es 28 Prozent, ist die Lebensgrundlage von Millionen Menschen gefährdet.

So viel zum Thema Klimawandel. Genügt das immer noch nicht, um auch noch dem letzten Skeptiker die Augen zu öffnen?

Drei Wege zur Überwindung des Kapitalismus

Fakt ist, dass sich der Kapitalismus nur unter der Bedingung von mehr oder weniger konstantem Wachstum stabilisieren kann. Die kapitalistische Marktwirtschaft basiert auf der Konkurrenz derer, die die Produktionsmittel besitzen. Diese Konkurrenz resultiert in der Notwendigkeit, immer mehr Profit zu generieren – also Kapital anzuhäufen – damit ein Teil davon wieder in die Optimierung des Produktionsprozesses und der Produktivität investiert werden und so dem Unternehmen gegenüber der Konkurrenz einen Wettbewerbsvorteil verschaffen kann. Dieser Druck, immer mehr Kapital zu akkumulieren, führt, neben der Ausbeutung der Arbeiterinnen und Arbeiter, auch unweigerlich zum Zwang, kontinuierlich mehr Produkte und Dienstleistungen zu produzieren und zu verkaufen. Der Kapitalismus muss also immer mehr produzieren, um zu überleben. Dabei spielen die Bedürfnisse der Menschen keine Rolle: Wenn die Bedürfnisse befriedigt sind, müssen künstlich neue geschaffen werden, um die Maschinerie am Laufen zu halten. Die Konsequenz dieser Dynamik ist, dass die zur Waren- und Dienstleistungsproduktion benötigten Rohstoffe und Energiequellen immer intensiver ausgebeutet werden müssen, was – wie inzwischen offensichtlich ist – zu einem Ausmass von Naturzerstörung führt, das nicht nur die Existenzbedingungen des Kapitalismus, sondern auch jene der Menschen und des Planeten selbst erodiert.

(Michael Tulpe und Xavi Balaguer in: «antikap»  Nr. 9, Frühling 2019)

Es gibt, wenn die Menschheit überleben will, keine Alternative zur Überwindung des Kapitalismus. Doch auf welchem Wege soll diese erfolgen? Drei Szenarien sind vorstellbar: Entweder bildet sich eine neue, globale, antikapitalistische Partei, die in allen Ländern die absolute Mehrheit der Parlamentssitze anstrebt, damit die neue Weltordnung länderübergreifend umgesetzt werden kann. Oder man lässt den Dingen ihren Lauf, bis das kapitalistische System an seinen eigenen Widersprüchen zerbricht – die Folgen dieses Szenarios könnte allerdings eine historische Phase des Chaos, der Gewalt und der Zerstörung sein, bevor aus den Trümmern des Alten etwas Neues entstehen könnte. Oder, drittes Szenario, die Menschen solidarisieren sich über alle geografischen, religiösen, sozialen und nationalen Grenzen hinweg in der Erkenntnis, dass wir alle im gleichen Boot sitzen und nicht gegeneinander, sondern nur miteinander eine von Grund auf neue Weltordnung aufbauen können. Es liegt auf der Hand, dass dieses dritte Szenario den beiden anderen vorzuziehen ist: So wie die nachkapitalistische Zukunftsvision eine Vision von Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Frieden ist, so soll auch der Weg dorthin ein Weg der Menschlichkeit, Gerechtigkeit und des Friedens sein. Anstelle der bisherigen – kapitalistischen – Machtverhältnisse sollen nicht neue – nichtkapitalistische – Machtverhältnisse treten, sondern eine Überwindung sämtlicher Machtverhältnisse zwischen Menschen und Menschengruppen, sämtlicher Ausbeutung von Menschen durch Menschen, sämtlicher Unterdrückung von Menschen durch Menschen. Denn, wie schon der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt sagte: «Was alle angeht, können nur alle lösen.»