Der heutige Kapitalismus: Raffiniert, cool und verführerisch

«Ich war als «digitale Nomadin» während vier Jahren für zwölf Betriebe tätig – mal als Freie, mal als Angestellte. Es begann im Alter von 23 Jahren, nach einem Studium in Philosophie, Psychologie und Design. In den Stellenausschreibungen war von einer «Content Managerin» oder «Redakteurin» die Rede – gesucht wurde immer irgendeine «Managerin». Aber in Realität musste ich in Excel-Tabellen Stichworte auflisten, um einen Google-Roboter zu füttern. Oder für irgendeine Marketingabteilung die immer gleichen Formulierungen übersetzen. Faktisch waren es Bullshit-Jobs, wie der US-amerikanische Soziologe David Graeber sagt: Arbeiten, die keinen Sinn haben, sondern lediglich der kapitalistischen Wirtschaft dienen. Coolness ist das grosse Wort, mit dem für solche Beschäftigungen geworben wird. Diese Coolness aber ist sehr oberflächlich und dient nur dazu, die prekären Arbeitsverhältnisse zu vertuschen. Es wird eine Scheinwelt inszeniert. Im Firmensitz werden Süssigkeiten angeboten, es gibt Pausenräume, in denen man gamen kann. Dabei wird eine Welt der Kindheit imitiert, was sich auch in der Kommunikation mit Emojis ausdrückt: Die Arbeitskräfte beschreiben ihre Gefühle nur noch mit Smileys, nicht mehr mit Worten. Das ist bedenklich und stimmte mich traurig. Die soziale Verlogenheit zeigt sich auch in der Sprache der Branche: Es ist die Sprache des Silicon Valley, die voller Superlative und schöner Bilder ist. Arbeitskräfte werden zu «Helden» stilisiert. Man tut so, als könnte jeder, der sich engagiert, ein Mark Zuckerberg oder ein Jeff Bezos werden. Und die «flexiblen Arbeitszeiten» bedeuten oft nichts anderes als Überstunden. Die Wahrheit ist, dass die Arbeitskräfte in prekären Verhältnissen sitzen bleiben und der Erfolg einer kleinen Elite zugutekommt. Diese Elite ist weiss, männlich und stammt aus wohlhabenden Familien.

Die zwölf Chefs der Start-ups, für die ich gearbeitet habe, waren ohne Ausnahme weisse Männer im Alter zwischen 30 und 45 Jahren und kamen aus Deutschland oder den USA. Man duzt sich, ist locker drauf. Am Anfang sieht es ganz danach aus, als wären Vorgesetzte und Arbeitskollegen Freunde. Doch bald zeigt sich, dass dem nicht so ist. Ein Chef wollte mich für 500 Euro monatlich arbeiten lassen. Ich lehnte ab. Da fragte er mich: «Mathilde, kannst du nicht oder willst du nicht?» Ich habe diese Frage nicht beantwortet und nahm schon meinen Mantel, um zu gehen. Da hielt er mir entgegen: Wenn ich nicht bereit sei, alles zu geben für eine grosse Karriere in dieser Branche, sei es besser, ich würde als Hostess bei einer Messe arbeiten. Als Hostess hätte ich vermutlich tatsächlich besser verdient, aber das war natürlich sehr sexistisch. Eigentlich ist das, was sich in der digitalen Arbeitswelt zeigt, nichts Neues – neu ist nur der Stil. Es ist vielmehr die Geschichte des Kapitalismus, die sich hier wiederholt: Die Kluft zwischen der Elite und den Leuten, die arbeiten, wird immer grösser

(Mathilde Ramadier, digitale Nomadin und Buchautorin, www.srf.ch, 12. Februar 2019)

So wandelt der Kapitalismus im Laufe der Zeit sein Gesicht. War es im 19. Jahrhundert die Kinderarbeit in den Fabriken, ist es heute die Ausbeutung der «digitalen Nomadin» in einer computerisierten, auf «Coolness» getrimmten, schillernden neuen Arbeitswelt. Doch die Grundmechanismen sind, wie Mathilde Ramadier zu Recht feststellt, immer noch genau die gleichen und die Kluft zwischen der «Elite» und den «Leuten, die arbeiten», wird an allen Ecken und Enden immer grösser. Dass der Widerstand gegen die Kapitalismus, der im 19. Jahrhundert mit der Arbeiterbewegung begann, seine Ziele noch längst nicht erreicht hat, dies hat nicht damit zu tun, dass der heutige Kapitalismus weniger zerstörerisch wäre als jener des 19. Jahrhunderts. Es hat nur damit zu tun, dass er viel raffinierter, «cooler» und verführerischer ist als jener des 19. Jahrhunderts.

Der Mensch wird zum Feind des Menschen

«Mein Körper ist gebrochen und nicht mehr zu reparieren», sagte Lindsey Vonn im Hinblick auf ihren Rücktritt als aktive Skirennfahrerin. Sie ist nicht die Einzige, es liessen sich beliebig viele weitere Namen aufzählen. Vreni Schneider, Dominique Gysin, Aksel Svindal. Das gängige Bild des zurückgetretenen Skirennfahrers. Sein Körper ist malträtiert von Tausenden Schlägen auf die Gelenke, geschunden vom Malochen im Kraftraum, zertrümmert von Dutzenden Stürzen. Doch es betrifft nicht nur Athleten im gestandenen Sportleralter, sondern auch ganz junge. Man würde derzeit, so Walter O. Frey, Chefarzt bei Swiss-Ski, Daten sammeln über 13- und 14-jährige Alpinfahrer. Fast die Hälfte der 200 Athleten hat dauernd Schmerzen…

(Tages-Anzeiger, 12. Februar 2019)

Das ist die fatale, auf die äusserste Spitze getriebene Folge des Konkurrenzprinzips: Die Beteiligten werden zu Widersachern ihrer selbst. Wenn sich A. so schnell wie er nur kann die Skipiste hinunterstürzt, muss B., um ihn bezwingen zu können, noch ein bisschen schneller sein, was wiederum A. dazu zwingt, ein noch höheres Risiko einzugehen und noch schneller zu fahren. Der Mensch wird zum Feind des Menschen. Niemals würde Tina Weirather Michaela Shiffrin im täglichen Leben auch nur das Geringste zuleide tun. Doch kaum sind sie auf der Skipiste, tun sie nichts anderes als sich gegenseitig grösst mögliches Leid zuzufügen, denn jedes Leiden bei der einen Skirennfahrerin verstärkt das Leiden bei der anderen und umgekehrt. Wie die russischen und rumänischen Kunstturnerinnen: Je härter und risikoreicher die einen trainieren, umso härter und risikoreicher müssen die anderen trainieren, um bei den nächsten Weltmeisterschaften erfolgreich zu sein. Und weil dabei die Sprünge immer anspruchsvoller werden, die gezeigten Figuren immer halsbrecherischer, dreht sich die Spirale, ohne dass die Kunstturnerinnen dies wirklich wollen, gegenseitig immer weiter in die Höhe. Das gleiche bei den chinesischen und japanischen Fabrikarbeiterinnen: Je länger und härter die einen arbeiten, umso länger und härter müssen die anderen arbeiten und umgekehrt. Oder in der Schule: Je mehr Schüler A. für die Prüfung, die auf den nächsten Tag angesetzt ist, büffelt, umso mehr muss Schüler B. büffeln, um möglichst eine gleich gute oder wenn möglich bessere Note zu erzielen. Weil sich in allen Gebieten der gegenseitige Konkurrenzkampf immer mehr verschärft – überall wird alles immer schneller, perfekter und immer mehr auf die Spitze getrieben -, wird das Konkurrenzprinzip früher oder später an einen Punkt gelangen, wo der Mensch schlicht und einfach nicht mehr kann und erschöpft und mit «gebrochenem Körper» liegenbleibt. Und was kommt darnach? Das Zeitalter der Kooperation, der Fürsorge, der Gemeinschaftlichkeit, des Gemeinwohls? Könnten wir nicht, um noch grösseres Leiden zu verhindern, schon heute damit beginnen? Was soll uns davon abhalten?

Wie wenn das Billigste immer das Beste wäre

59 Züge des Typs FV-Dosto bestellten die SBB 2010 für 1,9 Milliarden Franken beim kanadischen Bahnbauer Bombardier. Doch die Auslieferung der vermeintlichen Prestigezüge verzögert sich seit fünf Jahren. Erst seit Dezember 2018 verkehren die ersten zwölf FV-Dosto im fahrplanmässigen Betrieb, wegen technischer Probleme sind sie aber nur eingeschränkt einsetzbar. Täglich kommt es zu rund drei Störungen, eine davon ist ein Zugsausfall. Am meisten Probleme machen die Türen und die Leittechnik, zudem tritt extremes Schütteln auf, besonders bei niedriger Geschwindigkeit und der Fahrt über Weichen. Im Moment fahren in jedem Zug ein zusätzlicher Lokführer, zusätzliches Zugpersonal und ein Techniker von Bombardier mit. Gegenseitige Schuldzuweisungen und Streitigkeiten zwischen SBB und Bombardier, wer für welche Kosten aufzukommen hat, sind schon in vollem Gange.

(Tages-Anzeiger, 12. Februar 2019)

Die absurden Folgen des kapitalistischen Konkurrenzprinzips. Die SBB sind gehalten, den Auftrag an jenen Anbieter zu vergeben, der zum geringsten Preis das beste, komfortabelste und technisch ausgefeilteste Angebot macht. Ein Widerspruch in sich, müsste sich doch eigentlich durch die vielen in Aussicht gestellten Extraleistungen der Preis eher erhöhen. Aber so wie der Käufer – die SBB – gezwungen ist, den Auftrag an den kostengünstigsten Anbieter zu vergeben, so ist der Anbieter – hier die Firma Bombardier – gezwungen, zu einem möglichst tiefen Preis eine möglichst hohe Leistung zu versprechen, da er ja auf keinen Fall den Auftrag an die Konkurrenz verlieren will. Die hohe Leistung, der tiefe Preis und die Terminzusicherung werden unter dem Konkurrenzdruck in Aussicht gestellt, obwohl eigentlich allen, sowohl dem Anbieter wie dem Käufer, klar sein müsste, dass sie realistischerweise gar nicht erfüllt werden können. Beide, Anbieter wie Käufer, sitzen im gleichen Gefängnis des «freien Marktes», der sie zu sinnlosen, kopflosen, unrealistischen und letztlich viel aufwendigeren, ärgerlichen und kostspieligeren Massnahmen zwingt, aus dem zuletzt schliesslich alle als Verlierer hervorgehen: die SBB, weil sie die bestellten Züge nicht rechtzeitig bekommt und sich mit technischen Unzulänglichkeiten aller Art herumschlagen muss, die Bahnreisenden, die immer wieder mit Unannehmlichkeiten und Ausfällen der neuen Züge konfrontiert sind, und schliesslich auch der Hersteller der Züge, der unter gewaltigem öffentlichem Druck steht und für die schlecht oder zu spät erbrachten Leistungen finanziell aufkommen muss. Bei alledem war die Rede noch nicht einmal davon, weshalb es denn unbedingt eine kanadische Firma sein muss, welche diesen grössten je getätigten Auftrag der SBB zugesprochen bekommen hat. Wie wenn es in der Schweiz keine Firmen und keine Fachleute gäbe, die einen qualitativ und technisch ausgefeilten Zug bauen könnten…

Eine weltweite Abstimmung über den Kapitalismus

Forscher haben in einer neuen Studie vor den dramatischen Folgen des Insektensterbens gewarnt. 40 Prozent aller Insektenarten weltweit könnten innerhalb der nächsten Jahrzehnte aussterben, schreiben Wissenschafter in einer Studie, die im April in der Fachzeitschrift «Biological Conservation» publiziert wird. Derzeit nimmt die Gesamtmasse aller Insekten jährlich um etwa 2,5 Prozent ab. Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, könnten innerhalb eines Jahrhunderts weitgehend alle Insekten verschwunden sein, sagen die Wissenschafter um den Umweltbiologen Francisco Sánchez-Bayo von der Universität Sydney warnend. «Die Auswirkungen, die diese Entwicklung auf das Ökosystem des Planeten haben wird, sind katastrophal, um es gelinde auszudrücken», zitiert der «Guardian» aus der Studie. Insekten dienen vielen Tieren als Nahrung, etwa Amphibien, Vögeln und Fischen. Sollten Insekten sterben, verlieren also auch diese Tiere ihre Lebensgrundlage. Die meisten Pflanzen sind zudem auf die Bestäubung durch Insekten wie etwa Bienen, Wespen und Hummeln angewiesen. Die Wissenschafter machen für den Rückgang der Insekten vor allem die Intensivlandwirtschaft sowie die Urbanisierung verantwortlich, durch die die Insekten ihren natürlichen Lebensraum verlieren. Weitere Faktoren sind laut Angaben der Forscher unter anderem der Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden.

(www.nzz.ch, 11. Februar 2019)

 

Intensivlandwirtschaft, Urbanisierung, Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden: Alles Folgen des Kapitalismus und seiner unersättlichen Profitgier. Die Basis, auf der alles aufbaut und ohne die es kein Leben gibt, die Erde, wird immer zerbrechlicher. Wie hoch können wir die kapitalistischen Türme der masslosen Gewinnsucht noch in den Himmel bauen, bis alles zusammenbricht? Man sollte eine weltweite Abstimmung durchführen zur Frage, ob das kapitalistische Wirtschaftssystem weitergeführt werden sollte oder nicht. Aber an dieser Abstimmung müssten alle teilnehmen können, auch die Insekten, die Vögel und die Blumen. Wetten, dass das Ergebnis leicht bei 99 Prozent Neinstimmen liegen würde…

 

 

 

«Der verwöhnte Westen muss sich warm anziehen»

Politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und militärische Vorherrschaft durch Technologie – auf diese Formel lassen sich die chinesischen Ambitionen bringen, glaubt man einem Spezialisten der Fachzeitschrift «Foreign Affairs». So hat technologische Vormachtstellung für das Reich der Mitte weit mehr als eine ökonomische Dimension. Hierfür bedarf es einer mindestens so konsequenten Innenpolitik, soll das ganze Gebäude nicht am Widerstand der Bevölkerung zerbrechen. Mittlerweile soll die ganze Kommunikation auf Social Media kontrollierbar sein, die Sammlung von Kauf-, Bewegungs-, Gesundheits-, Steuer- und anderer Daten durch den Staat ist umfassend und Internetzensur ohnehin Realität. Mit Gesichtserkennung, Mobilitätsdaten sowie künstlicher Intelligenz werden «Cities» erst richtig «smart». Die neuen Technologien erlauben somit die Steuerung nicht nur der individuellen Bewegungen, sondern überhaupt der öffentlichen Meinung. China hat verstanden, dass sich mit den neuen Technologien alle Bereiche – die Wirtschaft, die Gesellschaft, die Politik und das Militär – in ihrer Gänze durchdringen lassen. Wer mit dem technologischen Vorsprung nicht nur die Verteidigung nach aussen, sondern ebenso die Kontrolle nach innen und auch den wirtschaftlichen Nutzen im Griff hat, hat den Schlüssel zur Supermacht in der Hand. Der verwöhnte Westen und ganz besonders Europa müssen sich warm anziehen.

(Katja Gentinetta, politische Philosophin, in: NZZ am Sonntag, 10. Februar 2019)

Wenn Katja Gentinetta postuliert, der «verwöhnte Westen» müsse sich «warm anziehen», um sich gegen die aufkommende Supermacht China behaupten zu können, so würde dies ja im Klartext bedeuten, dass auch wir im Westen eine vergleichbare Vorherrschaft der Technologie über Politik und Gesellschaft anstreben müssten, denn dies ist ja das angebliche Erfolgsrezept Chinas. Ein gefährlicher Gedanke, wenn wir an all die Auswüchse des chinesischen Überwachungsstaates denken. Wäre es nicht gescheiter, dem chinesischen «Erfolgsmodell» bewusst etwas radikal anderes entgegenzusetzen, nämlich die Abkehr vom «Weltmachtdenken» und die Vision einer einzigen Welt gleichberechtigter Partner, um in globaler Zusammenarbeit und gegenseitigem Erfahrungsaustausch zwischen allen Regionen und Ländern der Erde über Sinn und Zweck technologischer und gesellschaftlicher Errungenschaften zum Wohle der Menschheit nachzudenken.

Neues Handynetz braucht 15’000 zusätzliche Antennen

Die Frequenzen für den Mobilfunk der 5. Generation (5G) sind diese Woche versteigert worden. Nun wollen sich die Firmen Salt, Sunrise und Swisscom an den Aufbau des Zukunftsnetzes machen. Dafür braucht es beinahe noch einmal so viele Handyantennen, wie bereits in der Schweiz stehen. «Wir gehen davon aus, dass ohne Anpassung der Anlagegrenzwerte rund 15’000 zusätzliche Mobilfunkstandorte gebaut werden müssen», sagt Christian Grasser, der Geschäftsführer des Branchenverbands Asut. Gemäss neuesten Zahlen umfasst das Netz heute bereits 18’823 Antennen.

(NZZ am Sonntag, 10. Februar 2019)

Ist das kein Thema für den Klimaschutz? Was geschieht mit all den Geräten der 4G-Generation, die man nun von einem Tag auf den andern nicht mehr braucht? Verschlingt der Bau 15’000 zusätzlicher Mobilfunkantennen nicht eine Unmenge an Rohstoffen und Energie? Wie steht es mit der Strahlenbelastung der Bevölkerung? Und wie geht das alles weiter, brauchen wir für die 6G-Technologie, die unweigerlich schon in ein paar Jahren Thema sein wird, weitere 15’000 oder gar noch mehr neue Mobilfunkantennen? Wenn man die Fachleute fragt, was denn der Nutzen der neuen 5G-Technologie sei, dann schlucken sie meist leer, müssen einen Moment überlegen und sagen dann: «Es macht alles viel schneller als bisher. Brauchten Sie bisher ein paar Minuten, um einen Film auf Ihr Handy herunterzuladen, so geht das mit 5G in ein paar Sekunden.» Dann überlegen sie nochmals kurz und ergänzen: «Und auch für die selbstfahrenden Autos braucht es die 5G-Technologie.» 15’000 neue Antennen. Der technische «Fortschritt» ist zum Selbstläufer geworden. Niemand hat uns gefragt, ob es uns wichtig ist, einen Film in ein paar Sekunden herunterzuladen. Niemand hat uns gefragt, ob wir darauf verzichten wollen, auch in Zukunft unsere Autos selber zu steuern. Wie gebannt blicken wir auf die kommenden Nationalrats- und Ständeratswahlen und rühmen uns der schweizerischen Demokratie. In Tat und Wahrheit aber ist unsere Demokratie durch die wachsende Macht globaler Konzerne, des Kapitals, der Digitalisierung und ganz allgemein des technischen «Fortschritts« schon lange ausgehebelt worden.

Die internationale Finanzwelt entdeckt die deutschen Pflegeheime

Wenn ihre Frühschicht mal besonders schlimm ist, wenn dauernd das Handy klingelt, während sie mit einem Demenzpatienten redet, wenn sie eine alte Frau aus dem Bett in den Rollstuhl wuchtet, währenddessen eine andere nach ihr wegen Schmerztabletten klingelt, und ein alter Mann sie zum dritten Mal nach seiner Frau fragt, obwohl sie ihn bereits zweimal zu ihr ins Zimmer gebracht hat, während einer solchen Schicht also, wo sie bereits nach zweieinhalb Stunden schweißgebadet über die Flure rennt, möchte sich Verena Kaiser am liebsten nur noch hinsetzen und heulen.

Aber sie heult nicht. Sie will es auch nicht. «Ich muss den Leuten doch eine positive Stimmung vermitteln. Ich muss doch sagen, dass wir das schaffen», sagt sie. Aber sie schafft es nicht. Eigentlich. Seit längerem denkt sie darüber nach, ob sie den Beruf hinschmeißt. Verena Kaiser ist Mitte 50, arbeitet seit über 30 Jahren in einem Pflegeheim. Sie mag ihren Job. Sie mag es, dass sie die Leute anstrahlen, wenn sie mal länger weg war und sagen: «Da bist Du ja wieder. Du kannst mir den Rücken einschmieren.» Am Morgen kommt sie eine halbe Stunde früher, bevor die Frühschicht um 6.30 Uhr beginnt. Das ist ihre Freizeit, aber sie arbeitet dann bereits. Unbezahlt. Sie macht es, weil sie sonst keine Zeit hat, einen Bewohner des Pflegegrads 5 zu betreuen. Die schwersten Fälle. Dann kann jemand nicht mehr stehen oder gehen, liegt meist im Bett, oft desorientiert, kaum ansprechbar. Verena Kaiser reinigt die Haut, massiert die Gelenke, dreht den Körper, damit keine Druckgeschwüre (Dekubitus) entstehen. Das Ganze ist eine Prophylaxe gegen Altersleiden, wie Versteifungen, Lungenentzündungen oder eben Dekubitus, aber diese Vorsorge braucht Zeit, 40 Minuten, und die hat Verena Kaiser in der Frühschicht nicht. Auf ihrer Station kümmert sie sich zu zweit um 37 Bewohner. Doch manchmal muss ihre Kollegin auf einer anderen Station aushelfen, weil der Personaleinsatz so knapp kalkuliert ist, denn Personalkosten machen 70 bis 80 Prozent der Kosten eines Heimes aus, weshalb viele Anbieter möglichst wenig Leute beschäftigen wollen. Verena Kaiser schmiert dann für 17 Bewohner allein die Brote, räumt Tische ab, bringt Hilfsbedürftige zur Toilette, während stets das Handy schrillt. «Ich laufe wie ein Karnickel über die Flure, das von einem Wolf gejagt wird», sagt sie. An ihren eigenen Ruhestand will sie gar nicht denken. Sie fürchtet sich davor. Mit ihrer 30-Stunden-Woche verdient sie etwa 1900 Euro brutto im Monat, eine Lohnerhöhung gab es seit 2002 nicht. Ihre Rente wird niedrig ausfallen, vermutlich sogar Grundsicherung, wie die Sozialhilfe im Alter heißt. Einen Platz im Vitanas-Heim wird sie sich nicht leisten können, denn da müsste sie etwa 1800 Euro im Monat zuzahlen…

Verena Kaiser arbeitet in einem Ableger der Heim-Kette Vitanas. Sie gehört dem US-Finanzinvestor Oaktree, der sie vor anderthalb Jahren für 500 Millionen Euro übernommen hat. Mit fast 8400 Betten und knapp 6000 Beschäftigten zählt der US-amerikanische Fonds, der über 100 Milliarden Dollar verwaltet, zu den größten Pflegeheim-Anbietern Deutschlands. Oaktree ist nicht der einzige Abgesandte des großen Geldes, der aus der Betreuung alter Menschen Gewinn ziehen will.  Der schwedische Investor EQT sicherte sich in großem Stil Pflegeheime in Bayern und Nordrhein-Westfalen, sein Konkurrent, der schwedische Investor Nordic Capital, kaufte Alloheim, den zweitgrößten Heimanbieter, der französische Pflege-Konzern Korian übernahm Curanum und Casa Reha stieg zur Nummer eins unter den deutschen Pflegekonzernen auf. Und die deutsche Wohnen, einer der größten Vermieter Deutschlands, kaufte 45 Prozent des Hamburger Anbieters Pflege und Wohnen wiederum von Oaktree. Die internationale Finanzwelt entdeckt die deutschen Pflegeheime. Laut einer Studie der Beratungsfirmen Deloitte, dem RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und dem Institute for Health Care Business liegt das Risiko für die Pleite eines Heimes bei zwei Prozent. Bei Kliniken sind es zehn Prozent. Goldene Zeiten für Investoren. Kurz nach der Übernahme von Oaktree tauchten die Berliner Vitanas-Heime in den Medien auf. Von unzufriedenen Bewohnern berichteten die Zeitungen, von liegengebliebenen Fahrstühlen, die nicht repariert wurden, von Mittagessen, die nicht abgeräumt wurden, von verkoteten Zimmern, die nicht gesäubert wurden. Angehörige schrieben Briefe, die Berliner Heimaufsicht wollte prüfen. Das internationale Geld will die letzte Zeit eines Menschen auf Erden offenbar ziemlich traurig gestalten. Fragt man Verena Kaiser, was sich durch den Einstieg von Oaktree geändert hat, sagt sie: «Es ist alles viel schlimmer geworden, die Arbeitsverdichtung, die Hetze, der Zeitdruck.»

(Stern, 7/2019)

Wie immer im Kapitalismus. Unten wird geschuftet bis zum Tod, oben halten sie die Hände auf und das Geld sprudelt ganz von selber vom Himmel. Die beiden Kehrseiten der kapitalistischen Medaille: Schweiss und Tränen der einen verwandeln sich in das Gold der anderen…

Globalisierung: LInks und Rechts vertauscht

«Man kann nicht für oder gegen die Globalisierung sein. Denn sie ist eine Tatsache», sagt Tiana Angelina Moser, GLP-Nationalrätin, in der Diskussionssendung «Arena» des Schweizer Fernsehens vom 8. Februar 2019 zum Thema «Schweizer Werte».

Das wäre das Gleiche, wie wenn man sagen würde: Man kann nicht für oder gegen den Kapitalismus sein, denn er ist eine Tatsache. «Globalisierung» ist nämlich bloss ein anderes Wort für Kapitalismus. Was sich gegenwärtig weltweit ausbreitet, ist nämlich nicht irgendetwas, sondern nichts anderes als der Kapitalismus mit seiner unerschöpflichen Gier nach Wachstum und Profit. Der schönfärberische Begriff Globalisierung – im Sinne von engerem Handel, Austausch und Kontakten über alle Grenzen hinweg – täuscht darüber hinweg, dass die «Globalisierung» bloss die freundliche, attraktive Maske ist, hinter der sich in Tat und Wahrheit die hässliche Fratze des nach wie vor äusserst brutalen und räuberischen Kapitalismus versteckt. So dass selbst junge, intelligente und aufgeschlossene Menschen wie Tiana Angelina Moser zum Schluss kommen, man könne da gar nicht dafür oder dagegen sei, es sei schlicht und einfach eine Tatsache. Wenn wir aber nicht mehr den Begriff der Globalisierung vorschieben, sondern das Kind beim Namen nennen, es nämlich als das bezeichnen, was es ist, nämlich Kapitalismus, dann kann man sehr wohl dafür oder dagegen sein, die Frage ist nur, ob man es will. Aber gottgegeben ist der Kapitalismus keineswegs, es gab in der Geschichte der Menschheit unzählige andere Epochen und Wirtschaftssysteme, die gekommen und auch wieder gegangen sind. Das Groteske an der aktuellen Situation ist, dass «Linke» und «Grüne» in grosser Zahl die Globalisierung – und damit eben den Kapitalismus – verherrlichen, während die «Rechten» mit ihrer Kritik an der Globalisierung das Potenzial einer wachsenden Zahl an unzufriedenen Bürgern und Bürgerinnen auffangen und sich damit eigentlich jene Wut zunutze machen, die sich gegen das kapitalistische System richten müsste.

Weshalb spricht man immer nur von Frauenquoten?

Seit den amerikanischen Kongresswahlen sind drei Monate vergangen, aber erst jetzt gibt es ein genaueres Bild vom enormen Finanzaufwand hinter diesem politischen Kräftemessen. Wie das Center for Responsive Politics, ein Washingtoner Think-Tank, aufgrund der bei der Föderalen Wahlkommission eingereichten Finanzdeklarationen errechnete, hat der Wahlkampf die Rekordsumme von 5,7 Milliarden Dollar verschlungen. Das sind happige 40 Prozent mehr als bei den Kongresswahlen von 2016. Eingeschlossen in dieser Zahl sind nicht nur die direkten Ausgaben der Kandidaten für Sitze in Senat und Repräsentantenhaus, sondern auch die Kampagnen der Parteien und von Drittgruppen, die seit einer Liberalisierung der Finanzierungsregeln fast unbegrenzt Geld in Wahlkämpfe pumpen können. Aus europäischer Warte immer wieder verblüffend sind die Summen, die einzelne Politiker aufwenden, um ein Amt zu erobern. Das teuerste Rennen im November war jenes um einen der beiden Senatssitze von Florida, das mit der knappen Abwahl des demokratischen Amtsinhabers endete. Die Kandidaten, Parteien und Drittgruppen steckten 209 Millionen in diesen Titanenkampf, ein weiterer Rekord. Bei einem heiss umstrittenen Rennen im 435-köpfigen Repräsentantenhaus werden normalerweise um die zwei Millionen Dollar pro Kandidat aufgewendet, wobei es aber auch da exorbitante Fälle gibt. Ein reicher demokratischer Weinhändler aus Maryland überwältigte seine republikanische Gegnerin, indem er das Zwanzigfache ihres Budgets einsetzte.

(NZZ, 9. Februar 2019)

Und da behaupte noch jemand, die USA seien eine Demokratie. Müsste man da nicht eher von einer Plutokratie sprechen? Weshalb spricht man immer nur von Frauenquoten? Müsste man nicht auch Quoten für Bauarbeiter, Krankenpflegerinnen, Zeitungsverkäufer, Friseusen und Köche einführen – damit ein Parlament tatsächlich ein repräsentatives Abbild der Gesamtbevölkerung wäre? Für die 5,7 Milliarden Dollar Wahlhilfe gäbe es zweifellos genügend andere, sinnvollere Verwendungszwecke… 

Unterschied in der Parteipräferenz zwischen männlichen und weiblichen Grosspendern (>200 Dollar), in Prozentpunkten

1994199519961997199819992000200120022003200420052006200720082009201020112012201320142015201620172018Jahr0246810

 

Das Meeting im Luxushotel und Frau H.

Als wäre der Wirbel um die 200’000 teure Kaderveranstaltung in einem vietnamesischen Luxushotel  nicht genug: Die Manager der Post-Tochter Swiss Post Solutions (SPS) stehen schon fürs nächste Reisli in den Startlöchern: Die knapp 100 Kaderleute treffen sich im 4-Stern-Tagungshotel Seeheim, rund 50 Kilometer südlich von Frankfurt. Motto des Strategieseminars: «One level up» – oder anders gesagt: besser werden. Der erste Tag startet für die Manager um 12 Uhr mit dem «Come Together» und gemeinsamem Lunch. Danach folgen die Begrüssungsrede von SPS-Chef Jörg Vollmer und One-level-up-Veranstaltungen nahezu im Viertelstundentakt. Den ersten Tag lassen die SPS-Manager ab 18.30 Uhr mit einem Networking-Event und Dinner im Schloss Auerbach ausklingen. Und wer noch mag, darf den Abend in der Vinothek der Hotelbar fortsetzen. Mit «One level up» geht es erst um 9 Uhr weiter. Die Kosten für diesen Anlass belaufen sich auf gegen 45’000 Franken. Hinzu kommen die Reisekosten. Das Meeting dient laut der Post vor allem der Vorstellung und Diskussion der Strategie für das Jahr 2019 und darüber hinaus. «One Level Up» sei gewählt worden, um Motivation und ein positives Momentum auszudrücken.

(www.20minuten.ch)

Was wohl Frau H. sagen würde, wenn sie das wüsste? Sie ist eines der zahllosen Opfer der «Umstrukturierungen», welche die Post in den letzten Jahren vorgenommen hat. So auch in der Region Solothurn, wo mehrere Posttouren an eine Transportfirma übergeben wurden, welche den Auftrag an eine Drittfirma weitergab, welche ihrerseits ein Subunternehmen beauftragte, bei dem schliesslich Frau H., die früher eine Poststelle bedient hatte, nun arbeitet. Sie muss bei Firmenkunden in Solothurn Pakete abholen, Postbriefkästen leeren und Briefe und Pakete von Poststellen auf dem Land ins nächste Zentrum transportieren. Für ihre täglich vierstündige Tour wird Frau H. mit 100 Franken entschädigt. Mit diesem Geld muss sie erst mal alles selbst bezahlen: Leasingrate des Fahrzeugs, Versicherung, Motorfahrzeugsteuer, Benzin. So bleiben pro Tag gerade mal noch 55 Franken übrig. Macht pro Stunde knapp 14 Franken brutto…

(www.beobachter.ch)