Die kapitalistische Stadt

Das Projekt GPE (Grand Paris Express) ist eine Herkulesaufgabe: Innert 15 Jahren sollen mit Investitionen von 35 Milliarden Euro gut 200 Kilometer Metrolinien mit 68 Bahnhöfen neu gebaut werden. Das bedeutet praktisch eine Verdoppelung des gegenwärtigen Netzes der 118 Jahre alten Pariser Metro. GPE ist auf Jahre hinaus das mit Abstand grösste Infrastrukturprogramm in Europa. Kehrseite der Medaille: Die gegenwärtig ansässigen ärmeren Bevölkerungsgruppen haben zwar die Bauimmissionen zu ertragen, können aber von den besseren Verbindungen gar nicht profitieren, weil sie in den nächsten Jahren zunehmend durch wohlhabendere Schichten verdrängt werden dürften. Die neuen Bahnhöfe werden ihre Strahlkraft kaum verfehlen: Wenn die Pendelzeit um durchschnittlich die Hälfte verkürzt wird, werden hier begehrte neue Quartiere entstehen.

(Tagblatt, 30. Januar 2019)

Die kapitalistische Stadt. Der Kampf aller gegen alle. Alles, was sich die Reichen erobern, geht den Armen verloren. Doch keine Angst: Obdachlose werden in den neuen Metrostationen wohl kaum geduldet werden. Die Kehrseite des kapitalistischen Glanzes wird unsichtbar gemacht…

Wer hat, dem wird gegeben II

Im Grandhotel Quellenhof in Bad Ragaz gastieren Prominente wie Robbie Williams oder Justin Bieber. Auch Staatsmänner betten sich hier gerne zur Ruhe, sei es für das Weltwirtschaftsforum in Davos oder für einige Tage Entspannung. In den 106 Zimmern ist alles vom Feinsten: Marmor, Samt, Gold und edles Holz. Doch nun ist Schluss damit. Sämtliche Zimmer werden ausgeräumt. Über 200 Betten und 100 Polstergruppen müssen raus. Nach 25 Jahren wird das Hotel zum ersten Mal komplett geschlossen und soll nach fünf Monaten wieder in neuem Glanz eröffnet werden. Die Renovationskosten belaufen sich auf 45 Millionen Franken.

(Tagblatt, 30. Januar 2019)

Und dies in einem Land, wo sich immer mehr Menschen überhaupt keine Ferien mehr leisten können und schon gar nicht eine Übernachtung in einem Luxushotel wie dem Quellenhof, wo man für eine einzige Nacht gut und gerne etwa gleich viel bezahlt, wie andere während eines ganzen Monats verdienen. Vom ökologischen Unsinn, Zimmerausstattungen, die noch in bestem Zustand sind, herauszureissen und zu verscherbeln, erst gar nicht zu reden.

Am Gängelband der Wirtschaft

Als Reaktion auf den wegbrechenden Werbemarkt stellt die Zeitschrift «Annabelle» die «Funktionsweise der Redaktion» bis Sommer 2019 komplett um und entlässt 14 der insgesamt 39 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ob das bisherige Profil mit zahlreichen kritischen und sorgfältig recherchierten Artikeln beibehalten werden kann, ist fraglich.

(www.tagesanzeiger.ch, 29. Januar 2019)

So also entscheidet nicht die Qualität, sondern die Wirtschaft bzw. der «freie Markt», ob eine Zeitschrift oder Zeitung weiterbestehen kann oder nicht. Die immerhin über 220’000 Leserinnen und Leser mögen die «Annabelle» in ihrer bisherigen Form noch so geschätzt haben – für «Nischenprodukte» gibt es je länger je weniger Platz. Die Medien am Gängelband der Wirtschaft. Daumen rauf oder Daumen runter. Knallhart. Ist das etwas grundsätzlich anderes und Besseres als in einer Diktatur, wo ein Machthaber oder die herrschende Partei darüber entscheiden, welche Medien zugelassen sind und welche nicht? Im Endeffekt kommt es aufs selbe heraus, nur dass wir uns immer noch vorgaukeln, der «freie Markt» hätte etwas mit Demokratie zu tun.

Wo der Kapitalismus seine wildesten Blüten treibt

Eine chinesische Firma hat weibliche Angestellte gezwungen, einer Strasse entlang zu kriechen. Grund für die bizarre Strafe: Die Frauen hatten die Unternehmen-Ziele nicht erreicht. Dazu ein kurzes Video hier: https://www.blick.ch/news/ausland/bizarre-strafaktion-des-arbeitgebers-chinesische-angestellte-muessen-auf-der-strasse-kriechen-id15125660.html

(www.blick.ch)

Wenn Diktatur und Kapitalismus zusammenkommen, dann ist die Hölle los. Wohl kein Zufall, dass die Gedemütigten, der öffentlichen Schande Ausgesetzten allesamt Frauen sind und es sich bei ihren Vorgesetzten vermutlich ausschliesslich um Männer handelt…

«Ihr sagt, dass ihr eure Kinder über alles liebt.»

Es fing alles vor wenigen Monaten an, Ende Herbst vielleicht, als sich die ersten Jugendlichen weigerten, zu ihren Eltern ins Auto zu steigen. Eine Mutter sagt, ihr Sohn habe von einem Tag auf den andern beschlossen, vegan zu leben; ein Vater meint, seine zwölfjährige Tochter habe ihm an Weihnachten vorgerechnet, wie sehr ein Thailand-Urlaub der Umwelt schade, und stattdessen vorgeschlagen, im Frühling lieber ins Tessin zu fahren. Und wenn man die Eltern danach fragt, woher der Gesinnungswandel ihrer Kinder stamme, dann hört man diesen einen Namen: Greta. Greta Thunberg. Das kleine Mädchen aus Schweden. Dieses Mädchen bestieg vor wenigen Tagen einen Zug in Stockholm und fuhr in Begleitung ihres Vaters nach Davos ans WEF, wo sie von Journalisten umringt wurde wie US-Präsident Donald Trump ein Jahr zuvor. Sie konnte keinen Schritt mehr tun, ohne Mikrofonstangenwald unter der Nase, war bald auf den Titelseiten der Zeitungen, bald im Fernsehen: Greta hier, Greta dort, Greta Superstar – ein mürrisches Mädchen, das sich weigerte, auf Fotos zu lächeln, und auf die Frage, was sie denn ändern wolle, antwortete: «Alles.» Mit ihrer stoischen Art rüttelte sie eine ganze Generation von Jugendlichen wach, von der es noch bis vor kurzem hiess, sie sei so unpolitisch und nur daran interessiert, welche Filter sie am besten für ihre Selfies verwende. «Ich will», sagt Greta Thunberg, «dass ihr handelt, als würde euer Haus brennen. Denn das tut es.» Und: «Wir zerstören nicht nur die Welt, auf der wir leben, sondern auch uns selbst.» Und weiter: «Wir Kinder tun oft nicht, was ihr Erwachsenen von uns verlangt. Aber wir ahmen euch nach. Und weil ihr Erwachsenen euch nicht für meine Zukunft interessiert, werde ich eure Regeln nicht beachten.» Und schliesslich: «Ihr sagt, dass ihr eure Kinder über alles liebt. Und trotzdem stehlt ihr ihnen ihre Zukunft direkt vor ihren Augen.»

(NZZ am Sonntag, 27. Januar 2019)

Ist er das, der lange ersehnte Anfang einer weltweiten Revolution für das Leben? Zu hoffen ist, dass die Welle nicht schon bald wieder abebbt, sondern immer stärker wird und immer weitere Bevölkerungskreise erfasst. Logisch wäre es, denn die Sehnsucht des Menschen nach einer Welt von Gerechtigkeit, Frieden und Einklang mit der Natur ist unendlich und wartet nur darauf, aus den Klauen des kapitalistischen Profit- und Wachstumswahns befreit zu werden. Denn, wie schon der bekannte Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi sagte: «Der Mensch ist gut und will das Gute. Und wenn er böse ist, so hat man den Weg verrammelt, auf dem er gut sein wollte.»

Eine Wohnung für 238 Millionen Dollar

Für 238 Millionen Dollar hat der Hedgefonds-Chef Ken Griffin, dessen Vermögen auf zehn Milliarden Dollar geschätzt wird, eine Wohnung in New York gekauft. 2230 Quadratmeter, über mehrere Stockwerke verteilt. Das Gebäude hat einen Golf-Simulator und weitere Annehmlichkeiten. Noch nie wurde in den USA so viel Geld für eine Privatimmobilie ausgegeben.

(Tages-Anzeiger, 26. Januar 2019)

Und das, während es im gleichen Land 3,5 Millionen Obdachlose gibt und ein Grossteil der Bevölkerung so knapp bei Kasse sind, dass sie fast ihren ganzen Monatslohn jeweils dafür verwenden müssen, die Schulden des vorangegangenen Monats abzuzahlen.

«Man arbeitet ständig mit einem Damoklesschwert über dem Kopf»

Der Redaktor einer Lokalredaktion der NZZ beklagt den steigenden Spardruck. Nicht nur der Personalabbau wirke sich negativ auf die Qualität der Zeitung aus. «Man arbeitet ständig mit einem Damoklesschwert über dem Kopf, das geht nicht spurlos an den Leuten vorbei.» Neuester Coup: Die NZZ hat das Korrektorat seiner Regionalmedien unlängst nach Bosnien ausgelagert, wo 16 Angestellte der Firma «Tool e Byte» in Banja Luka täglich bis 20 Uhr 80 Zeitungsseiten korrigieren, anschliessend geht der Auftrag an ein deutschsprachiges Team in Peru weiter. «Tool e Byte» erwartet einen weiteren Boom im Korrekturgeschäft und baut gegenwärtig zusätzlich Korrekturabteilungen in Madagaskar, Vietnam und auf den Philippinen auf.

(Wochenzeitung, 25. Januar 2019)

Nächstens könnte man ja noch das Verfassen der Artikel ebenfalls auslagern und so die Lohnkosten für Journalistinnen und Redaktoren einsparen: Man schickt dann bloss Stichwörter und Notizen und lässt die Artikel von Germanistikstudentinnen in Bosnien oder Vietnam schreiben. Und weshalb nicht gleich auch das Lesen der Zeitung ins Ausland verlagern – man würde damit viel mehr Zeit zur Verfügung haben für produktive, gewinnbringende Aktivitäten…

Wunschberuf oder Knochenjob?

Zahlen der Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit in Europa OECD zeigen: Junge Menschen im Alter von 17 bis 18 Jahren interessieren sich häufig  für Jobs, die in der modernen Arbeitswelt gar nicht gefragt sind. So streben etwa mehr als 15 Prozent der Jugendlichen eine Karriere im Kultur-, Medien- und Sportbereich an – obwohl sich die Zahl der in diesen Sektoren benötigten Personen bis 2014 drastisch reduzieren wird. «Es existiert ein Missmatch zwischen den Berufsvorstellungen der Jungen und der Realität», hält Andreas Schleicher, Chef für den Bereich Bildung und Fähigkeiten bei der OECD, fest.

(Tages-Anzeiger, 25. Januar 2019)

Das ist eine Realität: Es gibt so und so viele künstlerisch und sozial begabte junge Menschen, die nicht in die «kalte», hektische und fremdbestimmte kapitalistische Arbeitswelt hineinpassen oder im schlimmsten Fall sogar an ihr zerbrechen. Gibt es – so lange sich die kapitalistische Arbeitswelt nicht von Grund auf ändert – eine kurzfristig umsetzbare Lösung dieses Problems? Eine Lösung könnte vielleicht darin liegen, dass jeder Mensch zu 50 Prozent in seinem «Traumberuf» tätig sein könnte und zu 50 Prozent in einem Beruf, der für das Funktionieren von Wirtschaft und Gesellschaft unerlässlich ist. Der halbtags als Videokünstler Tätige würde dann zum Beispiel während des anderen halben Tages bei der Kehrichtabfuhr arbeiten, und so weiter. So wären alle zufrieden und dennoch würde die Arbeitswelt nicht stillstehen. Ist die heutige kapitalistische Arbeitswelt sehr ungerecht – viele Menschen können zu 100 Prozent in ihrem Wunschberuf arbeiten, viele andere sind dazu verdammt, eine Tätigkeit auszuüben, die ihnen überhaupt keine Freude bereitet und sie krank macht -, so wäre diese alternative Arbeitswelt ungleich viel gerechter, könnten doch alle Menschen mindestens während der halben Arbeitszeit eine Tätigkeit ausüben, die ihnen Freude macht, um dann eben während der übrigen Zeit einen vielleicht auch mühsamen und unangenehmen Teil der gesellschaftlich notwendigen Arbeit mitzutragen.

Ein Kieselstein, der ins Wasser geworfen wird

Der Protest junger Menschen gegen die aktuelle Klimapolitik wird in Belgien immer grösser. Rund 32’000 Kinder und Jugendliche gingen am Donnerstag in der Hauptstadt Brüssel beim «Marsch für das Klima» auf die Strasse, wie die belgische Nachrichtenagentur Belga unter Berufung auf Polizeiangaben berichtete. Sie schwänzten zum Teil den Schulunterricht und demonstrierten für eine ambitioniertere Klimapolitik. Erstmals nahmen auch Studenten an dem Protest teil. Es war erst die dritte Auflage des Klima-Marschs in Belgien. In der Vorwoche hatten 12’500 Jugendliche mitgemacht, beim ersten Mal 3000.

(www.watson.ch)

 

Wirf einen Kieselstein ins Wasser – es bildet sich eine kreisförmige Welle, die sich nach allen Seiten hin immer weiter ausdehnt, den ganzen See durchgleiten wird und schliesslich alle Ufer rund um den ganzen See berührt…

China: Jagd auf die Armen als Volkssport

China betritt mit einem Schuldenpranger über das Smartphone neue Dimensionen: Eine App zeigt auf einer Karte Menschen mit ausstehenden Schulden an. Die Handy-Nutzer werden zum Spitzeln aufgefordert. Die App, die das Provinzgericht der nordchinesischen Provinz Hebei vorstellte, zeigt auf einer Karte an, wo sich im Umkreis von 500 Metern Menschen mit ausstehenden Schulden befinden. Gemäss der Zeitung «Chinadaily» wurden die Smartphone-Nutzer dazu aufgefordert, sich als Spitzel zu betätigen. Der Pranger soll dem Staat helfen, verschuldete Personen anzuzeigen, die eigentlich Geld hätten. Die Bürgerspitzel sind aufgefordert, eine Meldung zu machen, wenn ein Schuldner etwa teure Möbel anschafft oder luxuriös essen geht. Damit das «Verpfeifen» einfacher sei, könnten Informationen über die Schuldner auf der App eingesehen werden, schreibt die Zeitung weiter. «Diese App ist als eine unserer Massnahmen zu sehen, um ein sozial glaubwürdiges Umfeld zu schaffen», lässt sich ein Sprecher des Provinzgerichts zitieren. Der chinesische Überwachungsstaat machte bereits letztes Jahr mit Schuldenprangern Schlagzeilen. Die Provinz Anhui forderte etwa dazu auf, Fotos von Schuldnern ins Internet zu stellen.

Jede kapitalistische Gesellschaft – ob in der Schweiz oder in China – produziert Arme und Reiche, Verlierer und Gewinner. Fragt man sich, woher der Reichtum der Reichen kommt, dann gelangt man, auf welchem Weg auch immer, zum gleichen Schluss: Das Geld der Reichen ist gestohlenes Geld. In einer gerechten Gesellschaft wären nämlich alle Menschen gleich reich bzw. gleich arm. Wenn nun ein Teil der Gesellschaft reicher ist als der Durchschnitt, dann ist diese Differenz schlicht und einfach das, was auf der anderen, der ärmeren Seite des Durchschnitts fehlt. Zur Rechtfertigung ihres überdurchschnittlichen Reichtums ist den Reichen jede noch so weit hergeholte Lüge recht: Zum Beispiel, vier-, fünf- oder zehnfach höhere Löhne als der Durchschnittslohn seien durch «längere Ausbildung», «höhere Qualifikation» oder «grössere Verantwortung» zu rechtfertigen. Oder, geerbtes Geld sei genau so legitim wie durch Arbeit erwirtschaftetes Geld. Oder: Zinsen auf Kapital, Aktien oder Obligationen sei etwas Gottgegebenes. Tatsächlich also sässen die Reichen auf der Anklagebank. Um Gerechtigkeit zu schaffen, müssten sie alles Geld, das über dem durchschnittlichen Einkommen und Vermögen liegt, der Gesellschaft bzw. den Ärmeren zurückgeben. Die kapitalistische Gesellschaft aber verkehrt alles ins Gegenteil: Beobachtet, verfolgt, registriert, gejagt, angeklagt werden nicht die Reichen, sondern die Armen. Das ist nichts weniger als eine Form von Krieg. Krieg der Reichen gegen die Armen. Krieg der Ausbeuter gegen die Ausgebeuteten. Diese werden gleich dreifach bestraft und gedemütigt: Zuerst, indem man ihnen unterdurchschnittlich tiefe Löhne zahlt, obwohl sie zum aller grössten Teil schwerste und verantwortungsvollste Arbeit leisten. Zweitens, indem sie folglich kein Vermögen bilden, kaum erben und nirgends Geld gewinnbringend anlegen können. Drittens, indem sie zu potenziellen Betrügern gestempelt und durch Behörden und Gesellschaft beobachtet, verfolgt und gejagt werden. In China wird das mittlerweile auf die Spitze getrieben. Aber wer verspricht, das Beispiel Chinas könnte nicht bald schon weltweit Schule machen? Mit der Zulassung von Sozialdetektiven ist ja auch die Schweiz schon auf dem besten Wege dazu…

Jeder Nachbar oder Mitpassagier kann sich in der chinesischen Provinz Hebei als Spitzel betätigen.

Der Messenger-Dienst WeChat ist die meistgenutzte Handy-App Chinas.

Die Bevölkerung in China ist aufgefordert, dem Staat beim Schuldenpranger mitzuhelfen.

Auf dem der Smartphone-App werden Schuldner im Umkreis von 500 Metern angezeigt.