Und das im reichsten Land der Welt…

«Seit zwei Wochen essen wir nur noch Nudeln und Sauce», sagt die alleinerziehende A. (29). Sie bezieht seit kurzem Sozialhilfe, muss monatlich mit 1800 Franken auskommen und jeden davon umdrehen. «Im Januar wars besonders schlimm. Ich musste eine hohe Arztrechnung und die TV-Gebühr fürs ganze Jahr bezahlen. Zudem brauchte die Tochter ein neues Bett», erzählt die zweifache Mutter verzweifelt. Ausflüge mit den Kindern, die etwas kosten, lägen nicht drin. «Es ist ein Teufelskreis. Solange ich keinen Job bekomme, sehe ich kein Licht am Ende des Tunnels. Ich schäme mich so, dass ich meinen Kindern fast nichts bieten kann.»

(www.20minuten.ch)

Und das im reichsten Land der Welt…

«Factfulness» – Donald Trump lässt grüssen

Der Bestseller «Factfulness» von Hans Rosling will gemäss Titelseite zeigen, wie man die Welt so sehen lernt, «wie sie wirklich ist». Was folgt, ist indessen eine so haarsträubende Verdrehung der Tatsachen, dass man das Buch enttäuscht schon bald wieder beiseite legt.

Drei Beispiele: Aus der Kindersterblichkeit Malaysias, die gegenwärtig bei 14 von 1000 Neugeborenen liegt, zieht Rosling – ohne hierfür irgendwelche Quellen anzugeben – den Schluss, dass «die meisten Familien in Malaysia genug zu essen haben, dass keine Abwässer in ihr Trinkwasser gelangen, dass sie einen guten Zugang zu gesundheitlicher Versorgung haben und dass die Mütter lesen und schreiben können.» Stutzig geworden werfe ich einen Blick ins Internet und werde sogleich fündig: «Viele Kinder in Malaysia», so ist bei www.humanium.org zu lesen, «leiden unter Armut. Die UNICEF schätzt die Zahl der Kinder unter 15, die unter schwierigen Bedingungen leben und deren Grundbedürfnisse nicht gedeckt sind, auf mehr als 72’000. Mädchen ist der Zugang zu Schulbildung manchmal aus kulturellen Gründen gänzlich versagt.» Und die NZZ berichtet: «Umfrageergebnisse aus dem Jahr 2018 zeigen, dass sich 72% der Bevölkerung Malaysias Sorgen machen über ihre wirtschaftliche Situation, fünf Jahre zuvor waren es erst 44%.» Zweites Beispiel ist die Behauptung, dass sich «die Verhältnisse auf der Welt generell verbessern». Eine solche Aussage klingt zwar gut, stillt aber den Hunger keines einzigen jener Milliarde Menschen, die nicht genug zu essen haben. Drittes Beispiel: Rosling behauptet schlichtweg, es bestünde keine weltweite Kluft zwischen Arm und Reich. Als «Beweis» dafür führt er eine Statistik der Einkommensverhältnisse der gesamten Weltbevölkerung an, auf der tatsächlich in der Mitte der Kurve die meisten Menschen sind und im Vergleich dazu eine viel kleinere Zahl ganz links (arm) und ganz rechts (reich).Schaut man sich aber die Statistik genauer an, dann liegt die «Mitte» bei einem Tageseinkommen von 6 Dollar. Das heisst: die Hälfte der Weltbevölkerung, also rund 3,5 Milliarden, verdienen weniger als 6 Dollar pro Tag. Und weitere 2 Milliarden Menschen verdienen zwischen 6 und 32 Dollar pro Tag. Wenn man anderseits weiss, wie viele Millionäre und Milliardäre es weltweit gibt – und ihre Zahl wird laufend noch grösser -, dann ist es wohl mehr als vermessen, zu behaupten, es gebe keine Kluft zwischen Arm und Reich.

Und so weiter. Rosling verbiegt die Realität bis zum Geht-nicht-mehr, verzerrt Statistiken, verbreitet Allgemeinplätze ohne Begründungen und Angaben von Quellen. Quintessenz seiner Ausführungen: Der Kapitalismus ist gut und macht die Welt immer besser. Um dies zu illustrieren, führt Rosling das Beispiel einer Familie an, die bisher mit einem Dollar pro Tag auskommen musste. Dank einer guten Ernte hat die Familie Glück und kann nun in die nächsthöhere Einkommensstufe aufsteigen. «Sie haben es geschafft. Sie haben ihr Einkommen vervierfacht und verdienen jetzt vier Dollar pro Tag.» Und so, folgert Rosling, sei es möglich, mit Glück und Arbeit von Stufe zu Stufe hochzusteigen. Rosling vergisst zu erwähnen, dass ein solcher Aufstieg nur den allerwenigsten Menschen vergönnt ist und 99 Prozent der Menschen weltweit gesehen lebenslang auf jener Stufe verbleiben, in die sie hineingeboren wurden.

Was soll ein solches Buch? Aufklärend ist es wohl kaum, dafür umso systembewahrender. Ist das der neue Stil – Donald Trump lässt grüssen -, die Verhältnisse so lange zurechtzubiegen, bis sie ins eigene Weltbild passen (genau das, was Rosling seinen Gegnern vorwirft). «Dieses Buch», so Rosling, «ist die definitiv letzte Schlacht in meiner lebenslangen Mission, die verheerende Unwissenhat in der Welt zu bekämpfen.» Bleibt zu hoffen, dass weder Trump noch Rosling diese Schlacht gewinnen.

Wer hat, dem wird gegeben I

Laut der Internationalen Energieagentur in Paris könnte man mit 786 Milliarden Dollar bis 2030 rund 1 Milliarde Menschen den Zugang zur Elektrizität und zugleich 2,8 Milliarden Menschen sauberes Kochen ermöglichen. Dagegen betragen die Kosten für den Aufbau einer Infrastruktur für Elektroautos für etwa 1 Milliarde Menschen gemäss Goldman Sachs fast das Achtfache, nämlich rund 6 Billionen Dollar.

(www.nzz.ch)

Das ist das Fatale am Kapitalismus: Die Investitionen, das Kapital und die Waren fliessen nicht dorthin, wo die Menschen sie am dringendsten bräuchten, sondern dorthin, wo es genug Menschen gibt, welche sich die entsprechenden Produkte, Dienstleistungen und Angebote leisten können. Deshalb sind der Überfluss in den Zentren der reichen Länder und das Elend des grössten Teils der Bevölkerung in den armen Ländern die Kehrseiten der gleichen kapitalistischen Medaille: Wer hat, dem wird gegeben. Und wer nichts hat, wird auch noch das Letzte genommen, was er hatte.

Neue Mehrheiten für eine Überwindung des Kapitalismus

Eine Umfrage der Harvard Universität aus dem Jahr 2016 unter 18- bis 29-jährigen US-Amerikanern und -Amerikanerinnen kam zu folgenden Ergebnissen: 51 Prozent der Befragten lehnten den Kapitalismus ab und 33 Prozent unterstützten den Sozialismus. Im Vorzeigeland des Kapitalismus gilt Sozialismus offensichtlich nicht mehr als unamerikanisch.

(www.journal21.ch)

Wer hätte das gedacht. Eine Mehrheit der jungen US-Amerikaner und -Amerikanerinnen lehnt den Kapitalismus ab. Ein ähnliches Ergebnis gab es in Deutschland, dort spricht sich sogar eine Mehrheit der Gesamtbevölkerung für eine Überwindung des Kapitalismus aus. Würde man eine solche Umfrage in Russland, Bolivien oder Simbabwe durchführen, käme man wahrscheinlich zum gleichen, vermutlich sogar noch deutlicheren Resultat. Woran also liegt es, dass der Kapitalismus nicht schon längstens überwunden und durch eine von Grund auf neue, andere Wirtschaftsordnung ersetzt wurde? Die Schwierigkeit liegt darin, dass wir so durch und durch von klein auf Teil dieses Systems sind, dass wir uns etwas anderes gar nicht mehr vorzustellen vermögen. 500 Jahre kapitalistische Gehirnwäsche lassen sich nicht von einem Tag auf den anderen ungeschehen machen. Es braucht daher eine intensive Aufklärungsarbeit und das sorgfältige Erarbeiten einer Alternative zum Kapitalismus, die sich nicht an alten, überholten und gescheiterten Modellen orientiert, sondern noch einmal ganz vorne, beim Nullpunkt, beginnt. Denn es kann ja nicht sein, dass der Kapitalismus, so wie der US-amerikanische Politikwissenschafter Francis Fukuyama einmal sagte, das Ende der Geschichte ist.

Drohende Zerstörung der Lebensgrundlage von Millionen Menschen

Wie viele Bergregionen weltweit kämpft auch China mit den steigenden Temperaturen und dem dadurch verursachten Abschmelzen der Gletscher in den Hochgebieten des Landes. Das schreitet nun aber sehr viel schneller voran als bisher befürchtet, wie Satellitenbilder zeigen, welche die Umweltorganisation Greenpeace veröffentlicht hat. Zwei von drei Gletschern könnten in den kommenden Jahrzehnten verschwinden. In keiner Region der Welt wären die Folgen des Klimawandels so drastisch – 1,8 Milliarden Menschen in Asien sind vom Wasser aus dem Hochgebirge abhängig, für die Bewässerung der Felder, zur Gewinnung von Trinkwasser und für die Industrie.

(Tages-Anzeiger, 21. Januar 2019)

Das zeigt, wie wichtig der internationale Klimastreik von Schülerinnen und Schülern ist. Es zeigt aber auch vor allem, dass eine Abwendung dieser vielleicht grössten Katastrophe, mit der die Menschheit jemals konfrontiert war, nicht möglich ist ohne Systemwandel – weg vom Kapitalismus hin zu einer von Grund auf neuen Wirtschaftsordnung, die nicht mehr auf Wachstum und Profitgier basiert, sondern auf den Lebensbedürfnissen der heutigen und zukünftiger Generationen.

So dass niemand auf die Idee kommt, es könnte alles mit allem zusammenhängen…

Die Tränen kullern Lindsey Vonn über die Wangen. Einzig die verspiegelte Sonnenbrille verhindert, dass Millionen Menschen beim TV-Interview in ihre Augen blicken. Die 34-Jährige schüttet im ORF trotzdem ihr Herz aus: «Eigentlich wollte ich nicht aufhören. 
Aber ich kann nicht mehr, die Schmerzen sind zu gross. Ich weiss nicht, was ich noch 
machen soll.» Auf die Frage, ob sie nun 
sofort aufhören würde, sagt Vonn: «Ich denke schon.» Kurze Zeit später gibt sich der US-Star vorsichtiger. «Ich muss es mir genau überlegen. In Ruhe. Es ist keine leichte Entscheidung. Ich brauche einige Tage und werde es euch wissen lassen.» In diesem Moment ist ihr grosses Ziel, den Rekord von Ingemar Stenmark (86 Siege) zu brechen, ganz weit weg. Vonn steht bei 82 Erfolgen.

Nun geht es um Vonns Gesundheit. Und da ist die Ski-
Diva nach ihren unzähligen Verletzungen nicht mehr bereit, alles aufs Spiel zu setzen. «Ich wollte nicht, dass ich mit 50 oder 60 nicht mehr laufen kann», sagt sie schluchzend. Der Hintergrund: Es gilt als sicher, dass Vonn mit Spätfolgen ihrer Karriere rechnen muss. Sie selbst sagte jüngst: «Ich werde Arthritis bekommen. Und Probleme mit meinen 
Gelenken.» Für die Ärzte ist klar: Vonn sollte sofort mit Spitzensport aufhören. Doch sie hat noch Ziele. Auch bei der WM. Da winkt möglicherweise zum 8. Mal Edelmetall. Und: In Lake Louise (Ka), wo zuletzt eine Strecke nach ihr benannt wurde, will sie im kommenden Dezember endgültig «Goodbye» sagen.

(www.blick.ch)

Die Arbeiterin am Fliessband, die in der Nacht vor lauter Rückenschmerzen nicht schlafen kann. Der Bauarbeiter, der zentnerschwere Balken schleppen muss. Die Skirennfahrerin, die so grosse Knieschmerzen hat, dass sie schon fast nicht mehr gehen kann. Sie alle machen sich kaputt im kapitalistischen Hamsterrad, an deren anderem Ende das Geld, viel Geld, nur so sprudelt und in tausend andere Taschen fliesst von Menschen, die dafür keinen Finger krumm machen müssen, stets gut schlafen können und nie Rücken- oder Knieschmerzen haben. Täter und Opfer, fein säuberlich voneinander getrennt, so dass niemand auf die Idee kommt, es könnte alles mit allem zusammenhängen…

Was alle angeht können nur alle lösen

Die Handelskrise zwischen den USA, China und der EU beunruhigt den Bundesrat zunehmend. Im vergangenen Jahr sei es zu einer «Eskalation von Massnahmen und Gegenmassnahmen zwischen den grossen Handelsmächten» gekommen, die «das Risiko einer schweren Handels- und damit Weltwirtschaftskrise bergen.» In dem Konflikt hat die US-Regierung unter Donald Trump vor knapp einem Jahr neue Zölle auf Waschmaschinen und Solarmodule erhoben, wenig später kamen hohe Zölle auf Stahl- und Aluminiumprodukte hinzu. China, die EU und weitere Staaten reagierten mit ähnlichen Massnahmen.

(NZZ am Sonntag, 20. Januar 2019)

Der so genannte «freie Markt» des Kapitalismus ist so etwas wie ein «friedlicher» Kriegszustand: Jedes Land sieht alle anderen Länder als Konkurrenten. Jedes Land will möglichst viel und zu möglichst hohen Preisen verkaufen und möglichst wenig zu möglichst tiefen Preisen einkaufen. Ein radikales Umdenken tut Not: An die Stelle der globalen Konkurrenzwirtschaft, in der jeder den anderen «fertigmachen» will, muss so etwas treten wie ein globaler Tauschhandel, der von gegenseitiger Fairness geprägt ist. Ein Friedenszustand anstelle eines Kriegszustands. Denn, wie schon der bedeutende Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt sagte: «Was alle angeht, können nur alle lösen.

Jeder noch so lange Weg beginnt mit einem ersten Schritt

In 16 Schweizer Städten sind am Freitag Tausende Schülerinnen und Schüler auf die Strasse gegangen, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Laut den Organisatoren waren es 22’000 Jugendliche, davon alleine in Lausanne 8’000. Die Klimastreiks sind nicht auf die Schweiz beschränkt. Auch in Deutschland gingen in fünfzig Städten Tausende Schüler auf die Strasse. Weitere Klimastreiks fanden in Australien, Belgien, Österreich und Irland statt.

(Tages-Anzeiger, 19. Januar 2019)

Zuerst war es eine, die schwedische Schülerin Greta Thunberg. Jetzt sind es Zehntausende, die gegen die Blindheit und Profitgier der Erwachsenen auf die Strasse gehen. Wenn es stimmt, dass Kinder und Jugendliche auf wunderbare Weise einen tieferen Einblick in das Geheimnis des Lebens haben als Erwachsene und vom herrschenden Denk- und Machtsystem noch weniger vereinnahmt sind, dann kann man wohl ohne Übertreibung sagen, dass wir in diesen Tagen Historisches erleben. Es ist die erste internationale Protestbewegung gegen das kapitalistische System der Verschwendung, Raffgier und Profitsucht, welche von Kindern und Jugendlichen angeführt wird. Bereits haben zahlreiche Eltern angekündigt, sie würden sich ihren Kindern anschliessen und sich an zukünftigen Klimastreiks beteiligen. Die Welt wird auf den Kopf gestellt…

Information als öffentliches Gut

Für Aufsehen sorgte im vergangenen Frühjahr der Fall der «Denver Post», der führenden Zeitung im US-Gliedstaat Colorado. Vom Eigentümer Alden zu harschen Sparmassnahmen verdonnert, berichten heute 70 Journalisten (2015 waren es noch 165) über die 700’000 Einwohner zählende Stadt Denver. Unbequeme Redaktionsleiter, welche die Sparmassnahmen öffentlich kritisiert hatten, wurden gefeuert. Noch 2012 hatte die «Denver Post» einen Pulitzerpreis für ihre Berichterstattung gewonnen. Mittlerweile sticht die Zeitung eher durch die Profite, die sie ihren Investoren verschafft, aus dem Mainstream in den USA heraus. Alden fährt in Colorado 19 Prozent Gewinn ein. Er presst die «Denver Post» bis aufs Letzte aus und erhöhte gleichzeitig die Abo-Gebühr. Medienleute in den USA sind besorgt, dass Titeln wie «USA Today» bei einer Übernahme ein ähnliches Schicksal droht. Alle treibt die Frage um: Was geschieht mit der werthaltigen Publizistik?

(NZZ, 19. Januar 2019)

Zunächst das «Gesundschrumpfen», dann das Totsparen und am Ende die Vernichtung: Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis Zeitungen aus Papier nicht nur in den USA, sondern auch hierzulande nur noch im Museum bestaunt werden können. Ein weiterer Sieg des Kapitalismus. Denn die gute, sorgfältig recherchierte, differenzierte und kritische Zeitung – geschrieben von speziell und aufwendig hierfür ausgebildeten Journalistinnen und Journalisten – passt nicht in das Weltbild des Kapitalismus, ist ihm ein Dorn im Auge, empfindet er als Bedrohung seiner Alleinmacht. Die kapitalistische Kultur ist die Kultur der Vereinzelung, der Kurzlebigkeit, der emotionsgeladenen Schlagzeilen, der Zerstückelung der Welt in Einzelbilder, Sensationen und Horrorgeschichten, der Verwandlung von Information in eine Ware, die – wie Zahnbürsten, Autos und Sportartikel – mit dem kleinstmöglichen Aufwand den grösstmöglichen Profit erzielen soll.

Doch in einer echten Demokratie müsste Information – wie Wasser, Luft, Nahrung, Wohnen, Bildung und medizinische Grundversorgung – ein öffentliches Gut sein, in dem Profitdenken und Gewinnsucht nichts zu suchen haben. Journalisten und Journalistinnen sollten zu nichts anderem verpflichtet sein als zur Suche nach Wissen, Wahrheit und Aufklärung. Die kritischen, kreativen, quer- und andersdenkenden Schreiberinnen und Schreiber müssten die gefragtesten sein. Ohne Zeitdruck könnten sie individuell recherchieren, ihre eigenständigen Texte verfassen und eine grosse Vielfalt an Ideen und Meinungen in die Öffentlichkeit tragen, statt, wie dies unter dem heutigen Zeitdruck immer häufiger der Fall ist, sich ihre Texte gegenseitig abzuschreiben und einen Einheitsbrei zu produzieren, bei dem sich die Inhalte der Medien immer weniger voneinander unterscheiden.

Zeichen einer neuen Zeit

Trotz der Drohung der Schulbehörden, im Zeugnis der betroffenen Schülerinnen und Schüler eine unentschuldigte Absenz einzutragen, haben sich heute Morgen in Zürich wieder rund 1500 Jugendliche zum Klimastreik versammelt. Sie wollen damit erst aufhören, wenn die Stadt Zürich griffige Massnahmen gegen die Klimaerwärmung beschlossen hat.

(www.20minuten.ch)

Hut ab. Da ist etwas Revolutionäres im Gange. Da lassen sich 1500 Jugendliche nicht mehr kleinkriegen, nicht mehr einschüchtern, nicht mehr disziplinieren. Das könnte der Anfang von etwas ganz Grossem sein: Immer mehr Menschen, auch Erwachsene, würden dem Beispiel der aufmüpfigen Jugendlichen folgen. Es könnte eine weltweite Protestbewegung nie dagewesenen Ausmasses bewirken. Es wäre, weitergedacht und immer in der Annahme, Mut und Beharrlichkeit würden sich nicht unterkriegen lassen, der Anfang eines neuen Zeitalters. Denn irgendwo muss es ja anfangen. Und warum nicht bei einer schwedischen Schülerin, die immer noch ausharrt gegen die Mächtigen ihres Landes und die mittlerweile zur Ikone geworden ist für Abertausende Jugendliche in zahllosen Städten Europas. Man muss, um die Menschheit zu retten, wie Antigone in der klassischen Tragödie gegen ihren Widersacher Kreon das eigene Gewissen über den blinden Gehorsam stellen. Anders geht es nicht.

(Die Drohung mit den unentschuldigten Absenzen läuft auf eine Spaltung der Jugendlichen hinaus. Hier die Braven, Gehorsamen, die sich bald schon mit einem lupenreinen Zeugnis um eine Lehrstelle bewerben werden. Dort die Frechen, Ungehorsamen, die mit ihrem Zeugnis voller unentschuldigter Absenzen Mühe bekunden werden, eine Lehrstelle zu bekommen. Ein gewaltiger Druck, ein immenses Dilemma, geht es doch um die persönliche Zukunft jedes Einzelnen, letztlich um seine Existenz. Die einzige Lösung liegt darin, dass sich alle Jugendlichen an den Streiks beteiligen. Wenn nämlich alle Lehrstellenbewerber unentschuldigte Absenzen in ihren Zeugnissen haben, dann kann dies kein Kriterium mehr dafür sein, ob man eine Lehrstelle bekommt oder nicht.)