Das Coronavirus klüger als der Mensch?

Medikamente und Wirkstoffe der Grundversorgung kommen zu 80 Prozent aus China in die Schweiz. Nun droht infolge des Corona-Virus ein Engpass: Gegenwärtig fehlen in der Schweiz fast 1000 Medikamente. Der Containerumschlagplatz in Shanghai, dem grössten Hafen der Welt, steht seit Wochen praktisch still. Das Problem: Aus Kostengründen haben immer mehr europäische Firmen die Herstellung von Medikamenten und Wirkstoffen in den vergangenen Jahrzehnten nach China ausgelagert. „Wir alle sind schuld“, sagt Axel Müller vom Verband der Schweizer Generikahersteller, „denn Arzneimittel für die Grundversorgung dürfen nichts mehr kosten. Jetzt haben wir das Problem. Wir haben eine Monopolsituation, dass China 80 Prozent der Wirkstoffe liefert. Und wir sind zu 100 Prozent von China abhängig.“

(www.srf.ch)

Es sind ja nicht nur Medikamente. Es sind auch Textilien, Elektrogeräte, Autobestandteile und Spielwaren. Wie konnten wir nur so blind sein und uns darauf verlassen, dass sich Produktions- und Handelsketten beliebig global auslagern lassen und nicht irgendeines Tages ein unvorhersehbares Ereignis – im Falle von China könnten es zum Beispiel auch politische Umwälzungen sein – dies alles in Frage stellen würde? Doch scheint die Maxime „So billig wie möglich, alles andere ist Nebensache“ buchstäblich blind zu machen für alles andere. Wäre der winzige Coronavirus etwa klüger als der Mensch? Immerhin hat er uns etwas vor Augen geführt, was bisher kein Mensch geschafft hat: dass es nämlich höchste Zeit geworden ist, Produktion, Handel und Verkauf von Waren nicht in möglichst grossen, sondern in möglichst kleinen Räumen zu organisieren.

Michael Bloomberg: Jeden Tag um 107 Millionen Dollar reicher

US-Präsidentschaftskandidat Michael Bloomberg,78, Unternehmer, ist laut „Forbes“ der achtreichste Mann der Welt. Er hat ein Vermögen von 62 Milliarden Dollar und jeden einzelnen Tag vermehrt sich sein Vermögen um 107 Millionen Dollar.

(TAM, 29. Februar 2020)

Jeden Tag 107 Millionen Dollar geschenkt – ohne dafür auch nur den kleinsten Finger krumm machen zu müssen. Weshalb fragt niemand nach, woher dieses Geld kommt? Es gibt kein Geld, das vom Himmel fällt. Es gibt nur Geld, das durch harte Arbeit erwirtschaftet wird. Wenn Michael Bloomberg täglich 107 Millionen Dollar geschenkt bekommt, dann müssen genau diese 107 Millionen Dollar von unzähligen Fabrikarbeitern, Bäckern, Buschauffeuren, Krankenpflegerinnen und Putzfrauen erwirtschaftet worden sein, die für ihre Arbeit viel weniger Lohn bekommen als ihre Arbeit eigentlich Wert gewesen wäre. Die unaufhörliche kapitalistische Umverteilung von unten nach oben im Dienste der Reichen und Mächtigen. Kein Bankräuber und kein Ladendieb könnte seinem Land jemals so grossen materiellen Schaden zufügen, wie dies all jene Millionäre und Milliardäre tun, die, wie Michael Bloomberg, auf ganz „legale“ Weise Tag für Tag ein wenig reicher werden. Entpuppt sich auf diese Weise der Kapitalismus nicht schlicht und einfach als immense Legalisierung von Diebstahl und Bereicherung auf Kosten anderer?  Eigentlich müssten in den USA zwei voneinander getrennte Abstimmungen stattfinden: Zuerst müsste man über die Beibehaltung oder die Abschaffung des Kapitalismus abstimmen. Und erst dann müsste man den neuen Präsidenten oder die neue Präsidentin wählen.

Wohnen unter der Erdoberfläche – und wo bleibt die soziale Gerechtigkeit?

Antonia Cornaro ist Expertin für Untergrund-Projekte und Co-Komitee-Chefin der Nichtregierungsorganisation International Tunneling and Underground Space Association ITA mit Sitz in Genf. Die studierte Stadtplanerin propagiert als Antwort auf den Klimawandel die Erforschung und den Ausbau von Flächen in der Erde in Form von Tunnels, Shoppingcentern, Datencentern – und Wohnunterkünften: „Ich bin überzeugt, dass in Zukunft der Untergrund für einen Teil der Menschheit eine Alternative zum Leben an der Erdoberfläche sein kann.“ Auch die australische Soziologin Marilu Melo glaubt an die wachsende Bedeutung der Beherbergung im Untergrund. Melo recht damit, dass es auch unter der Erde beides geben wird – Flächen für die Reichen, die mit der besten Technologie und Swimmingpools ausgerüstet sind, und solche für die ärmeren, mit entsprechend weniger Komfort.

(Tagblatt, 29. Februar 2020)

Wenn es um technologische Phantasien geht, scheint es für die zuständigen Forscher und Expertinnen keine Grenzen zu geben. Sehen die einen eine Zukunft der Menschheit in unterirdischen Wohnanlagen, träumen andere wiederum davon, dass sich die Menschen, wenn die Erde unbewohnbar geworden ist, auf anderen Planeten ansiedeln könnten, und dann gibt es sogar noch diejenigen, die das Ende der Menschheit voraussagen und als Ersatz für den Menschen eine Gesellschaft aus Robotern und Künstlicher Intelligenz propagieren. Nur auf einem Gebiet scheint das Denken hingegen noch in der Steinzeit steckengeblieben zu sein, auf dem Gebiet der sozialen Gerechtigkeit. So hartnäckig scheint sich die Tatsache der haarsträubenden weltweiten sozialen Ungleichheit – die sich zudem täglich weiter vergrössert – in unseren Köpfen eingebrannt zu haben, dass selbst bei so hochfliegenden Phantasien wie dem Wohnen unter der Erdoberfläche oder auf anderen Planeten niemand auf die Idee zu kommen scheint, entsprechende geistige Höhenflüge in Bezug auf die gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse anzustellen und vielleicht sogar die Vision weltweiter sozialer Gerechtigkeit zu entwickeln. Ob man wohl bei der Idee, auf andere Planeten auszuwandern, auch schon Planeten für die Reichen und Planeten für die Armen ausgesucht hat? Und ob man wohl bei der Idee, Menschen durch Roboter ersetzen, auch damit liebäugelt, Roboter zu entwickeln, die besondere Privilegien geniessen, und andere, die ihnen zu dienen und sich von ihnen beherrschen zu lassen haben?

2,8 Millionen Tonnen Lebensmittel im Abfall – dabei wäre die Lösung so einfach

2,8 Millionen Tonnen Lebensmittel werden in der Schweiz jährlich weggeworfen, das ist fast die Hälfte der auf den Feldern geernteten Früchte und Gemüse. Und das, während weltweit 850 Millionen Menschen hungern. „Es ist eben schon so“, sagt Patrick Stöpper vom Migros Genossenschaftsbund, „dass das Auge nicht nur mitisst, sondern auch mitkauft. Wenn wir die Kundschaft sensibilisieren wollten, auch Produkte zu kaufen, die nicht der Idealnorm entsprechen, dann müsste die ganze Branche am gleichen Strick ziehen. Man müsste gemeinsam ein Ziel definieren und alle, von den Verbänden über die Grossisten bis zu den Detaillisten, müssten dann gemeinsam auf dieses Ziel hinarbeiten.“

(Schweizer Fernsehen SRF1, DOK, 27. Februar 2020)

Weshalb haben sich die Verantwortlichen nicht schon längst an einen Tisch gesetzt, um dieser unsäglichen Verschwendung einen Riegel zu schieben? Zumal es ja auch eine Entwürdigung sämtlicher Produzenten und Produzentinnen bedeutet, wenn sozusagen die Hälfte ihrer Arbeit vergebens gewesen ist, indem die Hälfte von dem, was sie aus dem Boden herausholen, einfach fortgeworfen wird. Dass dieser Wahnsinn – man kann es wohl kaum anders bezeichnen – immer noch ungebrochen weitergeht oder sich sogar noch verschärft, dies hat einmal mehr mit dem „heiligen Freien Markt“ zu tun, der wie ein Gott über allem schwebt und dem auch noch die grössten menschlichen, sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Opfer dargebracht werden. Wäre es nicht an der Zeit, dass sich endlich, wie der junge Migros-Mitarbeiter es so überzeugend auf den Punkt gebracht hat, alle, von den Produzenten über die Detailhändler bis zu den Konsumenten und Konsumentinnen, an einen Tisch setzen und versuchen, das Problem gemeinsam zu lösen? Denn, wie schon der bekannte Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt sagte: „Was alle angeht, können nur alle lösen.“

Der Hass im Internet und seine gesellschaftlichen Ursachen

„Es geht darum“, so die Psychotherapeutin Regula Schwager im „Club“ vom 25. Februar 2020 auf SRF 1, „dass man sich mithilfe des Cybermobbings ein Machtgefühl holt. Wer sich ohnmächtig fühlt und bei wem es im Leben nicht so richtig funktioniert, der hat nun über das anonyme Internet die Möglichkeit, seine Phantasien loszulassen gegen eine andere Person, die dann sozusagen zu seiner Projektionsfläche wird. Wer gegen einen anderen Menschen einen Shitstorm loslässt, fühlt sich nachher stark.“

Wie viele Angestellte werden von ihren Vorgesetzten schikaniert, nicht weil diese besonders „böse“ Menschen wären, sondern weil auch sie von ihren eigenen Vorgesetzten wiederum schikaniert werden und alle miteinander gegenseitig unter immer grösserem Zeit- und Leistungsdruck arbeiten müssen. Wie viele Menschen fühlen sich gedemütigt, weil sie viel weniger verdienen als andere, obwohl sie mindestens so lange und so hart arbeiten. Wie viele Menschen erfahren für ihre tägliche Arbeit, die sie mit grossem Einsatz leisten, nur wenig Wertschätzung, Dankbarkeit und Anerkennung. Wie viele Menschen haben eine Riesenwut im Bauch, weil sie, nachdem sie viele Jahre treu ihrer Firma gedient haben, plötzlich von einem Tag auf den andern ihren Job verloren haben. Und wie viele Menschen empfinden es als höchst erniedrigend, auf Sozialhilfe- oder Arbeitslosengeld angewiesen zu sein. Ist es da ein Wunder, wenn sie alle, die Frustrierten und Gedemütigten, sich dann nachts an ihre Computer setzen und ihren ganzen Frust, ihre Wut, ihre Verzweiflung und ihre Minderwertigkeits- und Ohnmachtsgefühle an anderen Menschen auslassen, um damit ihr kaputtes Selbstwertgefühl aufzumöbeln? Es greift zu kurz, diese „Internettäter“ als skrupellose, seelenlose Bösewichte abzustempeln. Böse sind nicht die Verbreiter von Beleidigungen und Hasstiraden im Internet. Böse ist die kapitalistische Leistungsgesellschaft, welche überhaupt erst dazu führt, dass sich so viele Menschen als nutzlos, minderwertig und ohnmächtig fühlen…

Das Corona-Virus: Wenn alle davon sprechen, braucht man von allem anderen nicht mehr zu sprechen

Selten war die Diskrepanz zwischen einem realen Ereignis und seiner medialen Präsenz so gross wie beim Corona-Virus. Wer heute die Zeitung aufschlägt oder sich die Nachrichten am Fernsehen oder im Internet anschaut, muss schon fast den Eindruck haben, es habe bald das letzte Stündchen der Menschheit geschlagen. Dabei hat das Corona-Virus bis heute gerade mal 2619 Menschenleben gefordert, rund 40 Mal weniger, als im gleichen Zeitraum an der normalen Grippe gestorben sind. Ebenfalls im gleichen Zeitraum haben weltweit rund 300’000 Menschen ihr Leben durch einen Verkehrsunfall verloren – Stimmen, die vor den tödlichen Folgen des motorisierten Privatverkehrs warnen oder gar dessen Abschaffung fordern, sucht man indessen vergebens. Und ebenfalls im gleichen Zeitraum, da das Corona-Virus 2619 Menschenleben gefordert hat, sind weltweit rund 600’000 Kinder vor dem Erreichen ihres fünften Lebensjahres gestorben, weil sie zu wenig zu essen hatten, kein sauberes Trinkwasser oder keine Medikamente gegen tödliche Krankheiten. Würde man noch den täglichen weltweiten CO2-Ausstoss, die Klimaerwärmung, das Schmelzen des Polareises und die Unsummen, die täglich für militärische Aufrüstung verschleudert werden, erwähnen, dann würde wohl der Corona-Virus nur noch als kleine Randnotiz der medialen Berichterstattung erscheinen. Aber vielleicht ist es ja gerade das: Wenn alle vom Corona-Virus sprechen, braucht man von allem anderen nicht mehr zu sprechen…

Der Terroranschlag in Hanau DE: die tieferliegenden Ursachen von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus

Die Empörung über den Terroranschlag eines Rechtsextremisten gegen elf Menschen ausländischer Herkunft im hessischen Hanau ist riesig. Politiker und Politikerinnen landauf landab verurteilen die Tat aufs schärfste, überall werden Mahnwachen abgehalten, Tausende gehen auf die Strasse. Der Ruf nach einem härteren Vorgehen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ist unüberhörbar. Und doch ist das alles nicht anderes als reine Symptombekämpfung. Denn das Grundproblem ist nicht der wachsende Fremdenhass und die zunehmende Gewalt gegen Ausländerinnen und Ausländer. Das Grundproblem ist das kapitalistische Wirtschaftssystem. Dieses kapitalistische Wirtschaftssystem hat nämlich eine wachsende soziale Ungleichheit zur Folge, sowohl in jedem einzelnen Land, wie auch weltweit, wo sich in immer weniger Händen immer grösserer Reichtum ansammelt, während sich gleichzeitig die Zonen von Elend, Armut und sozialer Ausgrenzung immer weiter ausdehnen. Auch in Deutschland sind immer mehr Menschen von den Schattenseiten jenes Wohlstands, in dem sich die Reichen und Reichsten sonnen, existenziell betroffen: Sie kommen finanziell kaum über die Runde, haben vielleicht ihren Job verloren, leiden unter sozialer Ausgrenzung. Dies alles führt zu Ohnmacht, Verzweiflung, Wut und Hass. Und an wem soll man diese Wut auslassen, wenn nicht an jenen, die sich erfrechen, von dem Kuchen, der immer kleiner wird, auch noch ein Stück abzuschneiden, Menschen, die von weit her gekommen sind, viele von ihnen „illegal“, und so tun, als wären sie hier zuhause. Armut und soziale Ausgrenzung sind der eigentliche Nährboden für Fremdenhass und Gewalt gegen Ausländer und Ausländerinnen. Das war schon in den Dreissiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht anders, als die Juden und Jüdinnen zur Projektionsfläche jenes Hasses wurden, der durch die miserable Wirtschaftslage Deutschlands verursacht war. Gegen Rechtsextremismus polizeilich härter vorzugehen, mag ein probates kurzfristiges Mittel sein, um weitere Bluttaten wie jene von Hanau zu verhindern. Gleichzeitig aber, auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene, ist alles daran zu setzen, das kapitalistische, auf soziale Ungleichheit ausgerichtete Wirtschaftssystem durch eine neue globale Ordnung zu ersetzen, in der jeder Mensch unabhängig von dem Ort, wo er geboren wurde, ein gutes Leben führen kann. Dann würden Fremdenhass und Rassismus endgültig der Vergangenheit angehören. Und die Ausländerinnen und Ausländer – als Projektionsfläche von Hass und Gewalt – wären gar nicht mehr da, weil sie nämlich alle in ihren Heimatländern, wo sie geboren wurden, ein gutes Leben führen könnten und nicht mehr gezwungen wären, in ein fernes, unbekanntes Land auszuwandern.

US-Vorwahlkampf der Demokraten: Wem die Argumente ausgehen, der greift zu den alten Feindbildern

Am „Super Tuesday“, dem 3. März, wird in rund einem Drittel der US-Bundesstaaten gewählt; und mit einem Sieg in den bevölkerungsreichsten Staaten Kalifornien und Texas würde der selbsternannte demokratische Sozialist Bernie Sanders zum klaren Spitzenreiter der Demokraten aufsteigen.

(W&O, 22. Februar 2020)

Immer wieder diese Etikette des „selbsternannten Sozialisten“, und dies sogar in einer Schweizer Tageszeitung und ohne Anführungszeichen. Die andere Etikette, die Bernie Sanders immer wieder angeheftet wird, ist die des „Kommunisten“. Und dies alles nur, weil er sich für ein staatliches Gesundheitssystem, für höhere Stipendien und für eine stärkere Besteuerung der Reichen und Reichsten ausspricht. Offenbar fehlen seinen Gegnern die guten Argumente und so greifen sie eben zum altbekannten Mittel des Feindbilds. Mit den Begriffen „Sozialismus“ und „Kommunismus“ soll die Assoziation an die frühere Sowjetunion geweckt werden, die in den Köpfen zahlloser Amerikaner und Amerikaner als das Böse schlechthin eingebrannt ist. Und dann sogar noch „selbsternannt“. Als wäre es nicht das Normalste in der Welt, dass ein Politiker seine Ziele ganz alleine aufgrund seiner eigenen, persönlichen Präferenzen definiert. Von wem soll er denn ernannt sein, wenn nicht von sich selber? Dann müsste man konsequenterweise Donald Trump und Mike Bloomberg als „selbsternannte Kapitalisten“ bezeichnen. Doch offensichtlich weckt der Begriff „Kapitalismus“ trotz aller Verbrechen und Ungerechtigkeiten, die in seinem Namen begangen wurden und weiterhin begangen werden, immer noch weniger Aversionen als der Begriff des „Sozialismus“. Doch vielleicht ist es nur noch eine Frage kurzer Zeit, bis sich das ändern könnte. Dass Bernie Sanders trotz oder vielleicht gerade wegen seiner Etikette des „Sozialisten“ vor allem bei jüngeren Wählerinnen und Wählern punktet, gibt Anlass zu viel Hoffnung auf einen Zeitenwandel, der, wenn er in den USA tatsächlich geschähe, wohl unabsehbare Folgen für die ganze Welt hätte…

Ohne Zeitungen können wir endlich wieder mit gutem Gewissen rund um die Welt fliegen

„Um den Treibstoffverbrauch der Flugzeuge zu senken, brauchen wir vor allem leichtere Flugzeuge. Auch die Innenausstattung spielt eine wichtige Rolle. Das geht weiter bis in jeglichen Kleinkram hinein. Wir überlegen uns zum Beispiel, ob wir noch Zeitungen an Bord bringen sollen, denn schliesslich hat jede Zeitung ihr Gewicht.“

(Thomas Frick, Leiter Flugbetrieb Swiss, in der Nachrichtensendung „10vor10“ des Schweizer Fernsehens SRF1 am 20. Februar)

Offensichtlich sind Zeitungen an Bord des Flugzeugs das grössere Problem als die Einführung neuer, leichterer Flugzeuge. Und dies, obwohl die Herstellung dieser neuen Flugzeuge ja keineswegs klimaneutral erfolgt, sondern hierfür eine Unmenge an Rohstoffen, Energie und Geld verschlungen wird – ganz abgesehen von all dem Schrott und von den Kosten, welche dadurch entstehen, dass die alten, noch voll funktionsfähigen, aber zu schweren Flugzeuge ausrangiert werden müssen. Aber ja, ohne Zeitungen können wir ja dann getrost und ohne schlechtes Gewissen wieder weiterhin um die ganze Welt fliegen, in Flugzeugen, die viel viel leichter sind als die alten und viel viel weniger Treibstoff brauchen…

Ein neues Zeitalter, in dem der Mensch überflüssig geworden ist?

„Das Silicon-Valley ist fasziniert vom sogenannten Transhumanismus: Diese Ideologie, die besagt, der Mensch müsse seine Fähigkeiten – intellektuell, physisch oder psychisch – durch den Einsatz von Technik erweitern und fortentwickeln; in einer Art technisierter Evolution. Ich war letzthin an eine Diskussionsrunde eingeladen, an der ein Transhumanist darüber dozierte, dass die Menschen endlich die Fackel an die Technologie weitergeben müssen. Die Technologie trete die Nachfolge der Menschheit an, die Menschen müssten sich selbst überwinden. Als ich mich dann für den Menschen einsetzen wollte, erwiderte der Transhumanist, diese Frage würde ich nur deshalb stellen, weil ich ein Mensch sei.“

(Douglas Rushkoff, Autor und Musiker, in: Sonntagszeitung 16. Februar 2020)

Das Plädoyer für den Menschen schien den Transhumanisten zu irritieren. Offenbar wäre es ihm lieber gewesen, seinen Vortrag vor einer Gruppe von Robotern zu halten, die dann allesamt Fragen gestellt hätten, die ihm sympathischer gewesen wären. Denn genau das schwebt ihm ja vor: Eine Welt, in der sich der Mensch „überwindet“ und nach und nach von der Technologie überflüssig gemacht wird. Sind wir nicht bereits auf dem besten Weg dorthin? In Japan gibt es Hotels, in denen man an der Reception nicht mehr von einem Menschen, sondern von einem Roboter empfangen wird. In den USA gibt es Schulen, wo sich ein Kind, das Probleme hat, nicht mehr an seine Lehrerin, einen Schulsozialarbeiter oder eine Schulpsychologin aus Fleisch und Blut wenden kann, sondern mit einem Roboter Vorlieb nehmen muss, der mit sämtlichen Problemen, die ein Kind in einem bestimmten Alter haben kann, gefüttert ist. In vielen Alters- und Pflegeheimen kommen bereits heute Roboter zum Einsatz, welche die Pflege- und Betreuungsarbeit übernehmen, die zuvor vom Pflegepersonal geleistet wurde. Selbst Operationen werden immer öfters von Robotern ausgeführt, der Arzt oder die Ärztin sitzt am Bildschirm, von wo aus alles gesteuert wird. Ganze Häuser werden schon nicht mehr von Maurern, Zimmerleuten und Gipsern gebaut, sondern von ferngesteuerten Robotern. Und selbst die Kunst ist für die Künstliche Intelligenz kein Tabu mehr: Roboter malen Bilder, schreiben Bücher und komponieren ganze Musikwerke. Geht die Entwicklung im gleichen Tempo weiter wie in den vergangenen zehn Jahren, dann könnten die Transhumanisten tatsächlich Recht bekommen und der Mensch wäre eines Tages gänzlich überflüssig geworden. Doch wer und was treibt diese ganze Entwicklung überhaupt an? Wer und wann und weshalb hat uns Menschen den Auftrag gegeben, uns selber überflüssig zu machen? Die Antwort ist einfach: Alles hat damit angefangen, dass es ein Ziel gibt, mit dem alle einverstanden sind, das Ziel nämlich, alle Produktions- und Arbeitsläufe permanent zu „optimieren“, das heisst: immer schneller und billiger zu machen. Und sobald auch nur eine einzelne Firma, ein einziges Unternehmen damit angefangen hat, sind alle anderen gezwungen, es ihm gleich zu tun oder noch besser: es zu überflügeln, was wiederum dazu führt, dass das erste Unternehmen, das damit angefangen hat, sich noch etwas Raffinierteres als alle anderen einfallen lassen muss, um nicht auf der Strecke zu bleiben – das kapitalistische Konkurrenzprinzip, in dem jeder der Widersacher des anderen ist, ein Karussell, das sich naturgemäss immer schneller dreht und dabei nicht bloss eine endlos wachsende Menge an zunehmend überflüssigen Produkten herstellt, sondern auch eine zunehmende Zahl an Opfern, die das immer schneller werdende Tempo nicht mehr mitzuhalten vermögen. Und weil der arbeitende Mensch der grösste Kostenfaktor ist, geht es eben darum, mit immer weniger Menschen eine immer grössere Arbeitsleistung zu schaffen bzw. immer mehr Tätigkeiten, die bisher von Menschen erbracht wurden, an Roboter, Computer und Maschinen zu delegieren. Und so geht das immer weiter: Wenn Firma A ihre Häuser nur noch mithilfe von Robotern baut, müssen auch alle anderen Firmen ihre Häuser mit der Zeit mithilfe von Robotern bauen lassen, wenn nicht, wird ihr Konkurrenznachteil früher oder später so gross, dass sie auf der Strecke bleiben. Wenn wir daher diese Entwicklung, diesen „Transhumanismus“ nicht einfach widerspruchslos über uns hinwegrollen lassen und uns, als Menschen, überflüssig machen wollen, dann genügt es nicht, den Mahnfinger gegenüber dem einen oder anderen Exzess zu erheben. Es geht um etwas viel Grundlegenderes: Es geht darum, Arbeit, Produktion und Wirtschaft auf eine neue Grundlage zu stellen und das bisherige Konkurrenzprinzip, in dem jeder der Feind des anderen ist, durch das Prinzip der Kooperation und des Gemeinwohls zu ersetzen, nicht nur von Mensch zu Mensch, sondern auch von Unternehmen zu Unternehmen, von Land zu Land. Das schliesst technische Fortschritte ganz und gar nicht aus. Aber nicht in Form einer Dampfwalze, die ungefragt über uns Menschen hinwegrollt und uns in letzter Konsequenz überflüssig zu machen droht. Sondern in Form nützlicher Werkzeuge, die ein gutes Leben ermöglichen, und zwar weltweit. Um diese Transformation zu schaffen, braucht es nicht die Überwindung des Menschen, sondern, ganz im Gegenteil, seine ganze Phantasie, seine Kreativität, seine Sensibilität, seine soziale und praktische Intelligenz – genau all das, was niemals eine Maschine, ein Computer oder ein Roboter zu leisten vermögen!