Ein fataler Entscheid mit tödlichem Ausgang

Nachdem am 4. August ein Zugbegleiter von einer defekten Tür eingeklemmt, mitgeschleift wurde und verstarb, haben die SBB Sonderkontrollen durchgeführt. Dabei seien bei 384 kontrollierten Zügen und 1536 Türen 512 Mängel entdeckt worden. 66 Mal sei beim Einklemmschutz ein Mangel in der Funktionsweise erkannt worden, wobei 7 nicht funktioniert hätten. Die SBB prüfe zurzeit, ob der Abfertigungsprozess weiter verbessert werden könnte.

(www.20minuten.ch)

512 Mängel bei 384 Zügen, die erst noch nicht einmal aufgedeckt worden wären, hätte nicht der tragische Tod des Zugbegleiters zu eben diesen Kontrollen geführt. Das ist mehr als bedenklich – vor allem, wenn man bedenkt, wie viele weitere Züge es noch gibt, die nicht kontrolliert wurden. Doch dies alles ist weder ein seltsamer Zufall noch ein nicht lösbares technisches Problem. Sondern die ganz logische und direkte Folge jenes ominösen Jahrs 1999, als die SBB in eine öffentlich-rechtliche Aktiengesellschaft ausgegliedert und in die Departemente Personenverkehr, Güterverkehr und Infrastruktur aufgespalten wurde – etwas, was langjährige SBB-Mitarbeiter heute noch mit dem «Zerschlagen einer Familie» vergleichen. Künftig würde jedes Departement auf eigene Rechnung geführt mit dem Ziel, möglichst keines oder ein möglichst geringes Defizit zu schreiben. Und da beim Ressort Unterhalt keine Einnahmen zu erzielen sind, wurde das Personal entsprechend zurückgefahren und Instandhaltung, Reparaturen und Unterhalt auf das absolut unerlässliche Minimum reduziert. Eines von vielen Beispielen, und dieses sogar mit buchstäblich tödlichem Ausgang, wenn man von der fatalen Irrmeinung ausgeht, man könne Prinzipien der Privatwirtschaft unbesehen auf eine öffentliche Dienstleistung übertragen. Ob man vielleicht, nach allen negativen Erfahrungen, eines Tages wieder zur Vernunft kommt und die verschiedenen Departemente wieder unter ein einziges Dach zusammenführt?

Die Zimmermädchen von Ibiza und Formentera: Irgendwo muss ja der erste Funke springen

Tausende Feriengäste werden am Wochenende auf den Mittelmeerinseln Ibiza und Formentera ihre Zimmer selbst herrichten müssen. Die 8000 Zimmermädchen in den Hotels fühlen sich von den Hoteliers nämlich schlecht behandelt und rufen mitten in der Hochsaison zum Streik auf. Geringe Löhne, harte Akkordarbeit, unbezahlte Überstunden, keine freien Tage, mangelhafte soziale Absicherung, Diskriminierung – die Liste der Klagen ist lang. «Wir halten den Tourismus, den wichtigsten Motor der nationalen Wirtschaft, in Gang», klagt eines der Zimmermädchen. Doch die Zimmermädchen würden mancherorts wie Sklavinnen behandelt. Etliche Hoteliers bekamen in den letzten Monaten bereits die Wut der Zimmermädchen zu spüren. Mit Transparenten postierten sich die Zimmermädchen, die sich unter dem Namen «Las Kellys» organisiert haben, vor Hotels und verlangten «würdige Arbeitsbedingungen». Dazu gehöre, dass die Arbeitsbelastung verringert werde, sagt Milagros Carreño. Die 54Jährige arbeitet seit 30 Jahren als Zimmermädchen und ist Sprecherin der «Kellys» auf Ibiza. «Normalerweise müssen wir 21 oder 22 Zimmer am Tag säubern, aber manche Kolleginnen müssen bis zu 30 Zimmer herrichten. Carreños Fazit: «Das ist unmenschlich.» Die Folge dieser beschwerlichen Arbeit und Hetzjagd von Zimmer zu Zimmer seien chronische Gesundheitsschäden. Viele Frauen würden die Arbeit nur mit Pillen durchstehen. Laut einer Umfrage der Gewerkschaften schlucken 70 Prozent der Zimmermädchen Tabletten.

Endlich. Nun müssten nur noch die Köche und das Servicepersonal auf die Barrikaden – sie hätten allen Grund dazu. Ist doch das Hotel im Kleinen sozusagen ein massstabgetreues Abbild des Kapitalismus im Grossen: Hier das bis zum Äussersten ausgewundene Personal, dort die Gäste, welche – auf was für Irrwegen auch immer – sich genügend überschüssiges Geld ergattert haben, um die Dienste der im Hotel Beschäftigten in Anspruch nehmen zu können. Und schliesslich Manager, Verwaltungsräte und Aktionäre, die, ohne sich besonders anstrengen zu müssen, dennoch ein Vielfaches dessen «verdienen», was die Angestellten am Ende des Monats in ihrer Lohntüte finden. Wenn wir bedenken, dass die Hotels auf Ibiza und Formentera nur ein paar ganz wenige Ausbeutungsinstrumente des weltweiten kapitalistischen Systems sind und sich das, was dort bittere Realität ist, von Land zu Land millionenfach wiederholt, von den Minenarbeitern im Kongo über die Textilarbeiterinnen in Taiwan bis zu den Plantagenarbeitern in Mittel- und Südamerika, dann wäre der Gedanken wohl nicht allzu weit hergeholt, der Aufstand der Zimmermädchen auf Ibiza und Formentera könnte vielleicht zum Anfang einer weltweiten Bewegung, eines weltweiten Generalstreiks, einer weltweiten Revolution werden. Irgendwo muss ja der erste Funke springen. Und weshalb sollten ihm nicht unzählige weitere folgen? Was ein einzelner Mensch bewirken kann, wissen wir spätestens seit der schwedischen Umweltaktivistin Greta Thunberg. Könnte nicht Milagros Carreño zu einer ähnlichen Symbolfigur werden? An den Schmerzen, an den Demütigungen und am Unrecht, das ihren zahllosen Leidensgenossinnen und Leidensgenossen weltweit zugefügt wird, fehlt es wohl kaum…

Kooperation statt gegenseitiger Konkurrenzkampf

Man wird häufig unterbrochen, erhält widersprüchliche Anweisungen, muss parallel an zu viele Dinge denken oder steht ständig unter Zeitdruck: Wer dies an seinem Arbeitsplatz erlebt, steht unter Stress. Gemäss der Schweizerischen Gesundheitsbefragung traf dies im Jahr 2017 auf 21 Prozent der Erwerbstätigen zu. Das sind drei Prozent mehr als noch im Jahr 2012. Mit 25 Prozent signifikant mehr Stress als der Durchschnitt erleben Verkäufer, Köche, Friseure, Kosmetiker und Angestellte in ähnlichen Berufen, wie das Bundesamt für Statistik gestern auf Anfrage mitteilte. Überdurchschnittlich viel Stress (22,8) erleben auch Führungskräfte oder Hilfsarbeiter (22,3 Prozent).

«Der zunehmende Stress in der Arbeitswelt wird mehr und mehr zu einem Gesundheitsrisiko für die Arbeitnehmenden und produziert hohe volkswirtschaftliche Kosten», schreibt die Gewerkschaft Travailsuisse. Mehr als die Hälfte der Frauen und Männer fühlt sich meistens oder immer unter Zeitdruck. Rund jeder siebte Angestellte bangt ständig um den Arbeitsplatz. Ausländer und Personen mit tiefem Bildungsniveau haben am meisten Angst vor einem Jobverlust. Emotional erschöpft fühlen sich 20 Prozent der Erwerbstätigen.

(www.tagblatt.ch)

 

Eigentlich wussten wir es schon lange und doch sind wir jedes Mal wieder von Neuem überrascht. Der Druck und der Stress am Arbeitsplatz, verbunden mit der Angst, den Job zu verlieren, nehmen von Jahr zu Jahr zu und treiben immer mehr Menschen in Krankheit und Erschöpfung. Doch das ist kein Zufall, auch nicht irgendein Naturgesetz, sondern die ganz direkte und logische Folge des kapitalistischen Wirtschaftssystems und der kapitalistischen Arbeitswelt. Ihr höchstes Dogma, das Gesetz aller Gesetze, ist das Konkurrenzprinzip: Da jede Firma mit allen Mitteln bestrebt ist, möglichst viel Absatz und Kundschaft zu haben und einen wenn möglich von Jahr zu Jahr wachsenden Gewinn, zwingt sie damit alle anderen Firmen der gleichen Branche, noch grössere Anstrengungen zu unternehmen, um im gegenseitigen Konkurrenzkampf nicht den Kürzeren zu ziehen. Naturgemäss geht dieser gegenseitige Vernichtungskampf immer mehr an die gerade noch mögliche Belastbarkeit der Menschen und nur allzu oft sogar weit darüber hinaus. Es ist das gleiche Prinzip wie bei einem Skirennen, bei dem die Fahrerinnen und Fahrer im gegenseitigen Wettkampf um Tausendstelsekunden immer mehr an ihre körperlichen Grenzen gelangen und immer höhere gesundheitliche Risiken auf sich nehmen. Oder wie in der Schule, beim Wettkampf um gute Noten, unter dem vor allem jene Kinder unsäglich leiden, die es trotz grösster Anstrengung nie auf einen grünen Zweig bringen. Längerfristig verursacht das kapitalistische Konkurrenzprinzip immer verheerendere körperliche und seelische Leiden. Längst fällig wäre ein radikales Umdenken, so dass nicht mehr die gegenseitige Konkurrenzierung und der gegenseitige Wettkampf die Basis der Gesellschaft, der Arbeitswelt und der Wirtschaft wäre, sondern die gegenseitige Kooperation, die gegenseitige Fürsorge und das Gemeinwohl. 

 

 

Freiheit für alle statt Privilegien für wenige

Man braucht sie für die Fahrt zum Ferienhaus in den Bergen oder wegen der besseren Übersicht im Verkehr: SUV boomen wie keine zweite Autokategorie. Gemäss Schweizer Neuwagenstatistik waren in der ersten Hälfte des Jahres 2019 rund 42 Prozent der neuen Autos SUV. Das bedeutet über 66’000 neue Autos mit grösseren Rädern, bulliger Bauweise, mehr PS, höherem Treibstoffverbrauch und erhöhtem CO2-Ausstoss.

(www.20minuten.ch)

Kein Fussgänger würde eine Strasse überqueren, wenn sich gleichzeitig ein Fahrzeug mit hoher Geschwindigkeit nähert. Niemand würde seine Hand auf eine heisse Herdplatte legen. Und kein Mensch käme auf die Idee, sich in einen Tümpel voller hungriger Krokodile zu werfen. Aber 66’000 Schweizerinnen und Schweizer haben sich allein in der ersten Hälfte des Jahres 2019 genau so verhalten: Obwohl sie wissen, dass die Pole schmelzen und die Meere weltweit dramatisch ansteigen werden, immer mehr Länder und Regionen unbewohnbar zu werden drohen und ein Überleben der gesamten Menschheit in 50 oder 100 Jahre in Frage gestellt sein könnte, tun sie genau das Gegenteil dessen, was ihre Vernunft eigentlich gebieten würde. Wie ist das zu erklären? Menschen, die ihren egoistischen Bedürfnissen mehr Gewicht geben als der Rücksichtnahme auf andere, begründen dies oft mit dem Begriff der «Freiheit»: Sie wollen sich von nichts und niemandem vorschreiben lassen, was sie tun dürfen und was nicht. Doch kann «Freiheit» allen Ernstes darin liegen, unserem Planeten den Garaus zu machen und zukünftigen Generationen das Leben zur Hölle zu machen? Der Freiheitsbegriff müsste neu definiert und neu praktiziert werden. «Freiheit» als Privileg der einen auf Kosten anderer wäre nicht länger als echte Freiheit zu verstehen, sondern als Raubbau, als Diebstahl, als reines Privileg, das sich die einen nur deshalb leisten können, weil andere es sich nicht leisten können. Es braucht gesellschaftliche Leitplanken zur Einschränkung dessen, was nicht echte Freiheiten sind, sondern bloss Luxusvergnügungen und Privilegien auf Kosten. Damit echte Freiheit für alle möglich wird. Nicht nur hier und heute, sondern überall und auch morgen und übermorgen.

Zwei Jobs und immer noch nicht genug zum Leben

Wenn andere ihren Feierabend geniessen, geht für E. (35) die Arbeit noch einmal von vorne los. Die Schweiz-Albanerin kümmert sich als Gouvernante um Zimmermädchen in einem Zürcher Nobelhotel, am Abend steht sie bei McDonald’s an der Kasse: «Das Geld reicht sonst nicht aus für unsere vierköpfige Familie. Ich sehe meine Kinder kaum. Wenn ich morgens um fünf Uhr aufstehe und zur Arbeit gehe, schlafen sie noch.» Da auch ihr Mann arbeitet, sind die Kinder oft auf sich alleine gestellt. «Einen betreuten Mittagstisch können wir uns nicht leisten.» Ganz ähnlich wie E. geht es immer mehr Menschen in der Schweiz: Neue Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen: Im 1.Quartal 2019 hatten 393’000 Beschäftigte zwei oder mehr Jobs. Das sind 8,7 Prozent aller Arbeitnehmenden – so viele wie noch nie. Ihre Zahl steigt seit Jahren: Waren es 1991 noch rund vier Prozent, sind es heute mehr als doppelt so viele. Und: Frauen sind deutlich häufiger mehrfacherwerbstätig als Männer. Mehr als jede zehnte weibliche Berufstätige hat zwei oder mehr Jobs, von den Männern gerade mal jeder Zwanzigste. Am weitesten verbreitet ist Mehrfacharbeit unter Hilfskräften, namentlich in der Reinigungsbranche oder auf dem Bau. Die Gewerkschaften sprechen von «prekären Arbeitsverhältnissen» – prekär bedeutet so viel wie unsicher oder problematisch. Meist verdienen die Betroffenen mit nur einem Einkommen zu wenig zum Leben, sagt Gabriel Fischer von Travailsuisse: «Ein Job alleine reicht ihnen nicht.»

Verrückt. Selbst wenn E. sich in zwei oder mehr Jobs rund um die Uhr abrackert, verdient sie immer noch weniger als andere mit einem einzigen Job. Und während Spitzenlöhne explodieren, Aktienkurse und Dividenden in den Himmel steigen und sich ein wachsender Bevölkerungsteil Reicher und Reichster immer teurere Luxusvergnügungen leisten können, steigt gleichzeitig die Zahl jener, die, wie E., selbst von zwei Jobs ihre Familie kaum ausreichend ernähren können, immer weiter an. Das ist Kapitalismus pur: Je mehr Reichtum und Luxus sich auf den oberen Rängen der gesellschaftlichen Machtpyramide anhäufen, umso mehr fehlt es auf den unteren Rängen selbst am Lebensnotwendigsten. Zustände, die früher oder später eigentlich zu einer Revolution und einer radikalen Umgestaltung der gesellschaftlichen Machtverhältnisse führen müssten…

Und die Kinder? Das sind dann genau jene, deren Eltern man als «bildungsfern» bezeichnet und denen man vorwirft, sie seien zu wenig präsent und würden sich zu wenig um ihre Kinder kümmern. Auf dass schön alles beim Alten bleibt und diese Kinder, wenn sie dann einmal erwachsen sind, wohl auch wieder in zwei oder drei Jobs arbeiten müssen, um über die Runden zu kommen…

Weshalb fällt es uns so schwer, auf Auto und Flugzeug zu verzichten?

Flüge für den Schnäppchenpreis von 15 Franken sollen der Vergangenheit angehören: In Zukunft müssen Passagiere für Flüge ab Schweizer Flughäfen eine Abgabe von 30 bis 120 Franken pro Weg entrichten. Das plant die Umweltschutzkommission des Ständerats. Zudem soll der Benzinpreis um bis zu 12 Rappen pro Liter steigen und die CO2-Abgabe auf Heizöl mehr als verdoppelt werden.

Alles gut gemeint. Bloss: Anzunehmen, dies werde zu einer Reduktion des Flug- und Autoverkehrs führen, wäre eine reine Illusion, viel zu gering sind die vorgeschlagenen Abgaben. Und wären sie massiv höher, wäre man sogleich mit dem – berechtigten – Vorwurf konfrontiert, nun könnten sich nur noch die Reichen die Benützung dieser Verkehrsmittel leisten. Was also dann? So verrückt, so unrealistisch, so utopisch es im Moment auch klingen mag, aber wir werden nicht darum herum kommen, auf das Fliegen wie auch auf das Fahren mit einem Privatauto zukünftig schlicht und einfach zu verzichten. Wenn wir es heute nicht freiwillig tun, dann wird uns die «Klimakrise» mit all ihren verheerenden Folgen schon sehr bald dazu zwingen. Schon heute leben Millionen von Menschen in Europa ohne Privatauto und ohne jemals ein Flugzeug zu benützen. Was hindert die anderen Millionen daran, es ihnen gleichzutun?

Dringend nötiger Politikwechsel

«Auf nationaler Ebene hat sich leider noch nicht wirklich etwas getan», gesteht Jann Kessler vom Klimarat Schweiz ein. Ja. Die Mühlen der Politik mahlen langsam. Auch die Gletscherinitiative. Selbst bei einer Annahme der Initiative, so Mitinitiant Marcel Hänggi, würde es noch Jahre dauern, bis tatsächlich etwas Konkretes geschähe. Diese politische Behäbigkeit sei trotz des Auftriebs durch die Klimabewegung die grösste Gefahr. Manche meinten, man müsse vor allem mit Vernunft und Augenmass vorgehen. Aber das verkenne die Dramatik der Situation.

(Wochenzeitung, 15. August 2019)

Zwei Welten prallen aufeinander: Hier die Welt der Jugend, jene Bevölkerungsgruppe, die von der heutigen Klimapolitik am meisten und am längsten betroffen sein wird und die am liebsten schon gestern als heute alles auf den Kopf stellen würde. Ihre Forderungen sind klar. Man könnte sie schon hier und heute in die Tat umsetzen, wenn da nur nicht jene andere Welt wäre. Jene Welt der Realpolitik, in der alles gefühlte hundert Mal länger geht und in der oft von den besten Ideen, wenn sie nur genug lange wie heisse Kartoffeln zwischen den verschiedensten politischen Gremien und Institutionen hin- und hergeschoben werden, am Ende kaum mehr etwas Brauchbares übrigbleibt. Der von der Klimajugend geforderte «Systemwechsel», der sich vor allem an die Wirtschaft richtet, ruft dringend auch nach einem «Politikwechsel»: Entscheide von allgemeiner Dringlichkeit müssten rasch, prioritär, direkt, ohne Umschweife behandelt werden. Der Notarzt, der am Bett eines sterbenden Patienten steht, kann sich auch nicht stunden- oder gar jahrelang überlegen, ob und was für Massnahmen er ergreifen will, um das Leben zu retten.

Der Sonderbericht des Weltklimarats und die Angst vor dem eigenen Mut

Eigentlich wollten sie es alle sagen, aber getraut haben sie sich dann doch nicht: Es braucht einen Kurswechsel in der globalen Land- und Forstwirtschaft. Nichts anderes war zwischen den Zeilen des Sonderberichts des Weltklimarats IPCC, der gestern der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, herauszulesen. Denn, so viel ist klar, wenn im bisherigen Stil weitergemacht wird, sind die Folgen unabsehbar: Ein Viertel der eisfreien Landoberfläche läuft Gefahr zu verwüsten oder ist teilweise schon zerstört, Dürren und Starkniederschläge werden sich mit der globalen Erwärmung weiter häufen, Wassermangel und Wildfeuer werden Bauern unter anderem im Mittelmeerraum und in Afrika in ihrer Existenz bedrohen, immer mehr Menschen – bereits heute ist es eine halbe Milliarde – werden in Regionen leben, die allmählich unfruchtbar werden – vor allem in Süd- und Ostasien, um die Sahara-Region, insbesondere in Nordafrika.

(Tages-Anzeiger, 9. August 2019)

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, welche den Sonderbericht des Weltklimarats erarbeitet hatten, wussten schon, weshalb sie nicht Klartext sprachen und darauf verzichteten, offen und unmissverständlich einen Kurswechsel in der globalen Land- und Fortwirtschaft zu fordern. Hätten sie dies nämlich getan, dann hätten sie im gleichen Atemzug die Überwindung des kapitalistischen Wirtschaftssystems fordern müssen, denn die aktuelle Landwirtschafts- und Forstwirtschaftspolitik ist nichts anderes als fester Bestandteil des weltumspannenden kapitalistischen Machtsystems, in dem Profit, Wachstum und Gewinnsteigerung die oberste Maxime sind und nicht das Wohl der Erde, der Natur, der Tiere, der Pflanzen, des Wassers, der Erde, des Menschen – und schon gar nicht des Lebens zukünftiger Generationen. Zu sehr scheinen selbst Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich dermassen eingehend mit den gravierenden ökologischen Veränderungen unserer Tage auseinandersetzen, selber noch im eigenen kapitalistischen Denken gefangen zu sein und nicht genug Mut zu haben, aus diesem selbergebauten Denkgefängnis auszubrechen. Wie gut, gibt es die Klimajugend, die keine Angst zu haben scheint, mit bisherigen Denkschablonen und Tabus zu brechen und mit ihrer Forderung «System Change not Climate Change» die Sache haargenau auf den Punkt bringt.

Wie vor 500 Jahren

«Wir spüren weder Flugscham noch Greta-Effekt.» Das sagt Michael Niggemann, Finanzchef der Suisse. Die Auslastung habe sich sogar noch erhöht. Monate der Klimastreiks und politischen Debatten haben der Fliegerei nichts anhaben können. Trotzdem ist die Flugscham spürbar. Nicht bei der Swiss, dafür bei den Anbietern von CO2-Kompensationen. Ihre Webrechner laufen auf Hochtouren. Wer seine Flugreise CO2-neutralisieren will, wendet sich dabei häufig an Myclimate. Über den Webrechner der Zürcher Stiftung sind bis Ende Juli 2019 rund 400 Prozent mehr CO2 wettgemacht worden als im selben Zeitraum 2018. Ein Grossteil des Geldes fliesst in Entwicklungsländer und ist dort für lokale Engagements bestimmt, die dem Klimawandel entgegenwirken sollen.

(Tages-Anzeiger, 8. August 2019)

Worüber niemand spricht: Der Schaden, den ein Flugpassagier anrichtet, ist ungleich viel grösser als der Nutzen, den er mit seiner «Kompensationszahlung» bewirkt. Das Ganze erinnert an den mittelalterlichen Ablasshandel, mit dem man sich – so zumindest das Versprechen der Priester – mit barer Münze von seinen Sünden freikaufen konnte, um nicht in die Hölle, sondern in den Himmel zu kommen. Bis Martin Luther kam und dem ganzen Spuk ein Ende setzte. Sind wir tatsächlich, 500 Jahre später, immer noch so blindlings gläubig? Bilden wir uns ernsthaft ein, die Zukunft mit barer Münze retten zu können? Und wo ist ein Martin Luther, der dem ganzen Irrglauben ein Ende setzen könnte?

Umverteilung von Reich zu Arm?

Eine Untersuchung der Universität Luzern zeigt, welche Einkommensgruppen wie viel zu den gesamten Steuereinnahmen beitragen. Erstmals sind in der Studie alle Einkommenssteuern von Bund, Kantonen und Gemeinden zusammengefasst. Demnach bezahlt das reichste Prozent der Steuerpflichtigen mit Reineinkommen ab 322’000 Franken fast ein Viertel aller Einkommenssteuern. Die obersten 10 Prozent mit Einkommen ab 107’000 Franken tragen zusammen mehr als die Hälfte der Steuererträge bei. Umgekehrt bringt es die untere Hälfte der Steuerzahler zusammen nur auf knapp 11 Prozent. Bei so viel Umverteilung von Reich zu Arm ist die 99-Prozent-Initiative der Juso, wonach das reichste Prozent der Schweizerinnen und Schweizer mehr Steuern bezahlen sollen als bisher, nicht nur kontraproduktiv, sondern schlicht und einfach überflüssig.

(Tages-Anzeiger, 8. August 2019)

Tönt ja alles sehr gut. So, als wäre das reichste Prozent der Bevölkerung besonders grosszügig. So, als profitierten die weniger reichen 90 Prozent der Bevölkerung von den reichen 10 Prozent. So, als müssten die Ärmeren den Reicheren für dieses «Geschenk» dankbar sein.  Doch wir leben ja nicht in einem luftleeren Raum, sondern in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem, in dem eine permanente Umverteilung von Arm zu Reich stattfindet: Indem die Bestverdienenden bis zu 300 Mal höhere Einkommen haben als die am schlechtesten Verdienenden. Indem Geld, das in grosser Menge vorhanden ist, dank Zins und Zinseszins in wachsendem Ausmass von Generation zu Generation weitergegeben wird. Indem man durch Aktien und Dividenden als Mitbesitzer von Firmen mehr verdienen kann als durch die harte Arbeit der eigenen Hände. So gesehen ist das, was die Reichen an Steuern zahlen, alles andere als ein Geschenk an die Armen. Tatsächlich ist dieses Geld bloss ein kleiner Teil dessen, was die Reichen zuvor den Armen «geklaut» haben und nun «grosszügigerweise» zu einem winzigen Teil diesen wieder zurückgeben. So gesehen ist die 99-Prozent-Initiative der Juso weder unnötig noch überflüssig, sondern nicht mehr als ein dringend notwendiger Tropfen auf einen heissen Stein.