Zwei Milliarden Klimaflüchtlinge

Mohammed Ibrahim besass 60 Kamele. Sie waren die Lebensgrundlage seiner Familie. 55 davon sind gestorben. Verdurstet. Nun lebt er am Tschadsee, dem wichtigsten Frischwasservorkommen in Zentralafrika. 25’000 Quadratkilometer umfasste die Fläche des Lebensspenders noch in den 1960er Jahren. Doch sein Schicksal gleicht dem der Kamelherde von Ibrahim: Heute umfasst er noch 2500 Quadratkilometer Fläche – er ist um erschreckende 90 Prozent geschrumpft. Mohammed Ibrahims Geschichte zeigt, was gemäss Experten für einen Fünftel bis einen Viertel der Menschheit bis im Jahr 2050 Wirklichkeit werden wird. Denn Ibrahims Wanderung durch Niger, Nigeria und Tschad war eine Flucht aus unbewohnbar gewordenen Landstrichen nach einem Ort, in dem Leben überhaupt noch möglich ist… In Indonesien dagegen hat es nicht zu wenig, sondern zu viel Wasser: Sämtliche 17’000 Inseln des Archipels und 18’000 Kilometer Küste werden bis 2050 im Meer versunken sein. Das Meer vor Jakarta steigt jedes Jahr zwischen vier bis sechs Millimeter an. Doch die Megacity, die mit ihrem Umland für rund 30 Millionen Menschen Heimat ist, wird nicht nur vom Meer bedroht, sondern auch regelrecht verschluckt: Der Grundwasserspiegel sinkt jedes Jahr um drei bis 20 Zentimeter, wie der Klimabeauftragte des Inselstaates, Professor Rahmat Witoelar, erklärt. Er rechnet damit, dass bis 2050 65 Prozent der Bevölkerung seines Landes aus ihren angestammten Wohnorten flüchten müssen… Überflutungen, Erdrutsche, Wirbelstürme und dann wieder Dürreperioden – die südlichen und nördlichen Erdteile leiden jetzt schon ganz konkret unter den Folgen der Erderwärmung. Und in der Nähe der beiden Pole tickt eine weitere Zeitbombe: Der Permafrost muss umbenannt werden, denn permanent ist er schon längst nicht mehr. Betrug die Schmelze im sibirischen Permafrostgebiet im Jahr 1996 noch rund 45 Zentimeter Bodentiefe, sind es heute mit 87 Zentimetern bereits das Doppelte. «Wir werden hier unsere ganze Infrastruktur verlieren», sagt der Klimaökologe Nikita Zimov. Bei einer Wasseraufbereitungsanlage, die er als Beispiel zeigt, sind die Fundamente innert weniger Jahre freigelegt worden, das Erdreich, in dem das Gebäude befestigt war, ist einfach weggebrochen…  Experten erwarten bis 2050 bis zu zwei Milliarden Flüchtende, weil das Klima die Lebensgrundlage dieser Menschen zerstören wird.

Und dann sind genau jene, die bei jeder Gelegenheit gegen Flüchtlinge und Migranten hetzen, an vorderster Front mit dabei, wenn es darum geht, den menschlichen Einfluss auf die Klimaerwärmung in Frage zu stellen. Ist es wohl ihr heimlicher Wunsch, möglichst viele weltweite Flüchtlingsströme auszulösen – um aus der daraus entstehenden Fremdenfeindlichkeit politisches Kapital schlagen zu können?

Diese Bürde nicht den Jugendlichen alleine überlassen

Schon am dritten Tag liegen bei den Klima-Teenies die Nerven blank. Die Unzufriedenheit unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des «Smile For Future»-Klimagipfels in Lausanne ist förmlich zu spüren. Journalisten werden gebeten, den Raum zu verlassen. Die europäische Klimajugend will unter sich sein, wenn sie sich zofft und über ihre Probleme redet. Am heftigsten knallt es vor dem Saal. Ein Mädchen mit pinken Haaren stürmt raus, bricht heulend zusammen. Ein anderes setzt sich trotzig im Schneidersitz vor die Tür. Sie halte es da drinnen nicht mehr aus, erklärt sie. Nach und nach kommen weitere Teilnehmer dazu, knien neben ihr. Auch Greta Thunberg. Sie hört aufmerksam zu. Als das Mädchen in Tränen ausbricht, zögert Greta nicht, umarmt und tröstet sie. Die Tränen und Zusammenbrüche zeigen: Beim Strategietreffen in Lausanne stösst die europäische Klimajugend an Grenzen. Die Atmosphäre ist angespannt. Frust hat sich aufgestaut. Seit sieben Monaten gehen die «Fridays», wie sich die Teilnehmer der «Friday for Future»-Bewegung nennen, für den Klimaschutz auf die Strasse. Doch die Ergebnisse ihres Engagements werden nur langsam sichtbar. Viele fragen sich, ob sie stärker provozieren müssten – und sogar Gesetze brechen, wie es die Klimaschutz-Extremisten von «Extinction Rebellion» machen. Stark beschäftigt die Jugendlichen auch die Frage eines möglicherweise notwendigen «Systemwandels» – hier gehen die Meinungen weit auseinander, zwischen denen, die eine Lösung nur in Form einer Überwindung des Kapitalismus sehen, und jenen, die davon überzeugt sind, eine Lösung auch innerhalb des kapitalistischen Systems hinzukriegen. Auch ist immer noch unklar, was am Ende des Klimagipfels stehen soll: ein Strategiepapier? Ein Forderungskatalog? Die Teilnehmer sind in dieser Frage hoffnungslos zerstritten. Am Montag gab es kurzzeitig mehr als 30 Forderungen. Viele davon sind extrem spezifisch und beinhalten konkrete Massnahmen und Klimaziele. Das Problem: Die Forderungen sollen europaweit gelten und von allen Teilnehmern mitgetragen werden.

Ist ja logisch, dass es früher oder später so weit kommen musste. Alles ändere wäre reine Augenwischerei. In Anbetracht der Grösse und der Bedeutung des Vorhabens – schliesslich geht es um nicht weniger als das Überleben der Menschheit auf diesem Planeten – versteht sich ja von selber, dass in der «Klimajugend» das Diskutieren unterschiedlicher Lösungswege auch zu Spannungen, zu gegensätzlichen Positionen bis hin zu Streitigkeiten und vielleicht sogar persönlichen Verletzungen führen kann. Dazu kommt die verständliche Enttäuschung, dass bis heute noch kaum sichtbare Fortschritte erzielt werden konnten – weiterhin wird immer mehr Energie verbraucht und weiterhin nimmt der Verkehr auf den Strassen und in der Luft von Tag und Tag weiter zu. Jetzt ist es endgültig an der Zeit, dass sich auch die bisher noch passiv gebliebenen Erwachsenen der Sache annehmen. Wir können schlicht und einfach nicht die Jugendlichen diese schwere Bürde, die sie sich aufgeladen haben, alleine tragen lassen – bis sie aus Erschöpfung oder Enttäuschung daran zerbrechen. Denn, wie es einst der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt so treffend formulierte: «Was alle angeht, können nur alle lösen.»

Problem der Klimaerwärmung bloss vor sich hergeschoben

In einem soeben veröffentlichten Papier mit dem Titel «Kurzstreckenflüge Zug um Zug auf die Schiene verlagern» fordern fünf Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, die DB bis 2035 nicht nur auf allen innerdeutschen Strecken «zur schnelleren, komfortableren und günstigeren Alternative zu machen», sondern auch im näheren grenzüberschreitenden Verkehr. Die Pünktlichkeit soll erhöht, die Bahnangebote in den Abend- und Morgenstunden ausgeweitet und der flächendeckende Ausbau stabiler Mobilfunk- und W-Lan-Verbindungen an Bord umgesetzt werden. Auch zu einer Rückkehr der eingestellten Nachtzüge soll es kommen. Und um den Verlagerungseffekt tatsächlich zu erreichen, soll nach dem Willen des grünen Quintetts nicht nur die Umsatzsteuer von 19 Prozent für den innerdeutschen Streckenanteil internationaler Flüge gelten, sondern auch eine europäische Kerosinsteuer für EU-weite Flüge eingeführt werden. Gleichzeitig soll der schienengebundene Fernverkehr nur noch mit dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent belegt werden.

(Der Freitag, 31/2019)

Alles gut gemeint. Und doch hat die Sache einen gravierenden Haken. Nicht durch Einsicht, sondern durch finanzielle Anreize sollen mit diesen Forderungen die Menschen vom Flugzeug auf den Zug umsteigen. Bloss: «Schnellere» und «komfortablere» Züge, eine Erhöhung der Pünktlichkeit, eine Ausweitung der Bahnangebote in den Abend- und Morgenstunden, eine Rückkehr der Nachtzüge sowie flächendeckende Mobilfunk- und W-Lan-Verbindungen – dies alles hat seinen Preis und verschlingt wiederum einen Teil jener Energie, die bei den Kurzstreckenflügen im besten Falle eingespart wird. Zudem ändert eine 19prozentige Umsatzsteuer auf Flugstrecken nichts an der Tatsache, dass das Fliegen weiterhin einen unverantwortbaren Anteil an der Klimaerwärmung hat. Die vorgeschlagenen Massnahmen wollen uns vorgaukeln, wir könnten unseren räuberischen, verschwenderischen Lebensstil unhinterfragt weiterfahren und müssten auf nichts, aber auch rein gar nichts verzichten. Appelliert wird letztlich an den unmündigen, ferngesteuerten Bürger, der nicht grundsätzliche Alternativen zur laufend zunehmenden Mobilität sucht, sondern bloss das gerade billigste und schnellste Verkehrsmittel. Damit schieben wir das Problem der Klimaerwärmung bloss vor uns her, statt es tatsächlich nachhaltig zu lösen.

Mit «Goodies» Lehrlinge ködern

Wer bei Lidl die Lehre macht, bekommt vom Betrieb ein General-Abo geschenkt. Der Detailhändler erhofft sich damit, als attraktiver Ausbildungsbetrieb wahrgenommen werden – der Discounter hat für 2020 knapp 50 Lehrstellen zu besetzen. Doch Lidl ist nicht der einzige Händler, der solche Anreize bietet: Bei Coop gibts unter anderem einen Laptop-Gutschein im Wert von 500 Franken. Die Migros wirbt um Lernende mit zusätzlichen Ferien und finanziellen Vorteilen bei der eigenen Bank. Media-Markt gibt Lehrlingen einen Laptop, den sie nach dem Abschluss behalten dürfen. Manche Firmen locken sogar mit Geldprämien. Der Kleiderhändler Chicorée zahlt für besonders gute Noten Semesterprämien von bis zu 1100 Franken – und 600 Franken beim Lehrabschluss als Detailhandelsfachfrau. Auch bei Ikea Schweiz gibts bei guten schulischen Leistungen ein Geschenk – und Aldi Suisse stellt ausser Erfolgsprämien auch Reisegutscheine in Aussicht. Weshalb sind alle diese Firmen plötzlich so grosszügig? Die Antwort ist einfach: Es wird immer schwieriger, die offenen Lehrstellen im Bereich Detailhandel zu besetzen – derzeit sind schweizweit 7500 Lehrstellen offen und der Markt ist völlig ausgetrocknet.

(www.20minuten.ch)

Vielleicht müsste man sich, statt grosszügig Geschenke zu verteilen, einige grundsätzliche Fragen stellen. Denn der Lehrlingsmangel betrifft ja nicht nur den Detailhandel, sondern vor allem auch Handwerksberufe wie Sanitär, Maurer oder Elektromonteur, Coiffeuse und viele mehr. Drei Massnahmen könnten diesem Missstand Abhilfe schaffen: Erstens die Einführung eines Einheitslohns. Denn es ist nicht einzusehen, weshalb eine Detailhandelsangestellte weniger verdienen soll als eine Juristin oder eine Kinderärztin – braucht es doch, damit Gesellschaft und Wirtschaft als Ganzes funktionieren, alle beruflichen Tätigkeiten und würde alles wie ein Kartenhaus zusammenbrechen, wenn die auf den «unteren» Etagen Arbeitenden sich nicht Tag für Tag im Schweisse ihres Angesichts abplagten, um das Leben und Arbeiten auf den «oberen» Etagen überhaupt erst möglich zu machen. Zweitens: Alle beruflichen Tätigkeiten verdienen nicht nur den gleichen Lohn, sondern, damit verknüpft, auch das gleiche gesellschaftliche Ansehen. Es wäre dann nicht mehr eine Frage des «Prestiges», welchen Beruf ein junger Mensch ergreifen würde, ausschlaggebend wären einzig und allein das persönliche Interesse und die vorhandenen Begabungen und Talente. Drittens: Dem Lehrlingsmangel am wirkungsvollsten begegnen würde man mit einer Abschaffung der Gymnasien. Denn es ist nicht einzusehen, weshalb nicht  jeder junge Mensch nach dem Abschluss der Volksschule eine praktische Berufslehre absolvieren sollte, ein Ausbildungsweg, der auf ideale Weise Praxis und Theorie miteinander verbindet – schon heute können sämtliche Berufe auf diesem Weg, mit entsprechender späterer Fort- und Weiterbildung erlernt werden. Das immense Potenzial arbeitsfähiger junger Menschen im Alter von 16 bis 20 Jahren könnte somit sinnvoll für Wirtschaft und Gesellschaft genutzt werden, statt in einer theoretischen und praxisfernen schulischen «Scheinwelt» zu verpuffen.

Die Botschaft der Liebe

«Wir können nicht Individuen und Politiker für die Klimakrise verantwortlich machen. Das Problem ist das System. Wir sollten nicht so wütend gegenüber Politikern sein, wir sollten gegen sie keinen Hass hegen. Ich kenne viele, die gerne mehr tun würden, es aber nicht können. Menschen sind nicht böse, sie verstehen nur die Tragweite der Situation noch nicht.»

(Greta Thunberg an der Lausanner Weltklimakonferenz, www.nau.ch)

 

Was für eine wunderbare Botschaft der 16jährigen Klimaaktivistin. Auf der einen Seite ihr kompromissloser, unmissverständlicher Einsatz für eine dauerhafte und nachhaltige Bekämpfung der Klimaerwärmung. Auf der anderen Seite ihr ebenso kompromissloser Kampf gegen Hass und persönliche Schuldzuweisungen. Ja, das Problem sind nicht die Menschen. Das Problem ist das System, jener um etwa 1500 erfundene Kapitalismus, der seither Land um Land erobert hat bis zur heutigen Weltherrschaft, so dass wir uns etwas von Grund auf anderes schon kaum mehr vorzustellen vermögen. Keiner jener machtgierigen Männer und Welteroberer, die während Jahrhunderten die Herrschaft des Kapitalismus über die ganze Erde ausgebreitet haben, ist jemals dafür zur Rechenschaft gezogen worden. Die Bürde ist von Generation zu Generation weitergegeben worden und wurde dabei immer schwerer. Die heute lebenden Menschen haben nun das auszufressen, was uns im Laufe der Jahrhunderte aufgeladen wurde. Und genau deshalb sind wir alle nicht nur Täter, sondern vor allem Opfer in einem von unseren Vätern und Vorvätern gebauten Gefängnis, aus dem wir nur alle miteinander ausbrechen können oder mit dem wir alle miteinander untergehen. Die Botschaft der Liebe ist wohl Greta Thunbergs wichtigste Botschaft. Anders als frühere Revolutionen, in denen stets Menschen gegen Menschen kämpften und die daher auch nie wirklich erfolgreich waren, ist der heutige Kampf für ein Überleben auf diesem Planeten ein Kampf, der nur dann erfolgreich sein kann, wenn nicht Menschen gegen Menschen kämpfen, sondern alle Menschen gemeinsam für die Überwindung dieses kapitalistischen Systems, zu dessen Sklaven und Sklavinnen wir alle geworden sind. Noch sind wir ganz am Anfang, der Hass, der Greta Thunberg und ganz allgemein der Klimajugend in den sozialen Methoden entgegenschlägt, ist noch weit davon entfernt, sich in Liebe zu verwandeln. Umso bewundernswerter die Aufrichtigkeit, der Mut, die Entschlossenheit der jungen Menschen, an ihrem Credo der Liebe und des Friedens festzuhalten und nicht aufzugeben, bevor nicht eine Welt entstanden ist, die von Grund auf eine andere ist als die heutige.

 

 

 

 

 

Pharmakonzerne verstaatlichen?

Einen solch grossen Jackpot hat in der Pharmaindustrie niemand zuvor geknackt. Roche hat mit seinen drei wichtigsten Krebsmedikamenten bislang einen Umsatz von über 270 Milliarden Franken erzielt. Sie heissen Mabthera, Herceptin und Avastin. Was Ende der 90er-Jahre mit Umsätzen von unter 800 Millionen Franken begann, erreichte im Spitzenjahr 2017 einen Wert von über 21 Milliarden Franken. Seit der Lancierung des ersten der drei Präparate Ende 1997 erzielte Roche im Schnitt Verkäufe von 11,8 Milliarden Franken – pro Jahr. Die Entwicklung neuer Medikamente sei ein extrem zeitaufwendiger und kostspieliger Prozess, sagt die Sprecherin. Die überwiegende Mehrheit von Wirkstoffen scheitere in der Entwicklung. «Die Gewinne ermöglichen es uns, in die Erforschung und Entwicklung neuer Medikamente zu investieren.» Im letzten Jahr habe Roche 11 Milliarden dafür investiert. Interessant in diesem Zusammenhang ist die Entwicklung der Dividende in den letzten 20 Jahren. Sie hat sich zwischen 1998 und heute verzehnfacht, was auch die Erbenfamilien Hoffmann und Oeri freut. Sie besitzen gut 9 Prozent des Kapitals von Roche, was ihnen dieses Jahr eine Dividende von 697 Millionen Franken eintrug.

(www.watson.ch)

 

Man rechne – und staune. Allein mit drei Krebsmedikamenten erzielt Roche einen Jahresumsatz von über 20 Milliarden Franken – von allen übrigen Medikamenten, die Roche auch noch vertreibt, gar nicht zu reden. Da erscheinen die 11 Milliarden Franken, die Roche jährlich in die Forschung steckt, doch reichlich mickrig. Kein Wunder, haben sich die Dividenden zwischen 1998 und heute verzehnfacht, und kein Wunder, erhielten alleine die Familien Hoffmann und Oeri in diesem Jahr eine Dividende von 697 Millionen Franken. Ebenfalls Ausdruck der hohen Profitabilität des Konzerns ist das neue Bürohochhaus, an dem gegenwärtig mit einem Kostenaufwand von drei Milliarden Franken gebaut wird und das nach seiner Fertigstellung mit 205 Metern das höchste Hochhaus der Schweiz sein wird. Gleichzeitig wird der Spardruck in öffentlichen Spitälern und Heimen immer grösser, arbeiten die Angestellten im Gesundheitswesen je länger je mehr bis an den äussersten Rand ihrer Kräfte und steigen die Krankenkassenprämien von Jahr zu Jahr in einem Ausmass, dass sie von immer mehr Familien gar nicht mehr bezahlt werden können. So einfach ist das: Dort, wo es im grossen Stil etwas zu verdienen gibt, regiert die private Hand. Dort aber, wo die Kosten anfallen und wo die Defizite entstehen, muss die öffentliche Hand mühsam ihre letzten Reserven zusammenkratzen. Eigentlich wäre es nur logisch, das gesamte Gesundheitswesen unter ein einziges Dach zu stellen, was nichts anderes bedeuten würde, als die Pharmakonzerne und die gesamte medizinische Forschung zu verstaatlichen, so dass mit den Gewinnen, die am einen Ort entstehen, die Defizite, welche an einem anderen Ort entstehen, ausgeglichen werden könnten. Eine Lösung, an der wir, so utopisch oder gar «verrückt» sie im Moment noch klingen mag, längerfristig wohl nicht vorbei kommen…

 

Moskau und Zürich – erschreckende Parallelen

Bei den neuen Protesten für faire und freie Wahlen in der russischen Hauptstadt nahm die Polizei nach Angaben des Innenministeriums etwa 600 Menschen vorübergehend fest. Die Nichtregierungsorganisation OWD-Info sprach von 828 Personen. Rund 1500 Menschen demonstrierten an der nicht genehmigten Aktion in Moskau. Das teilte die Behörde laut der Agentur Interfax am Samstagabend mit. Die Zahl der Festnahmen war damit doppelt so hoch wie vermutet.

Viele junge Teilnehmer wurden in Polizeibusse gezerrt. Demonstranten riefen «Schande» und «Russland wird frei sein». Reporter von internationalen Agenturen berichteten von einer bedrohlichen Atmosphäre im Zentrum der russischen Hauptstadt.

(www.tagesanzeiger.ch)

Nur zu berechtigt ist unsere Empörung über solche Vorfälle, die jeden rechtstaatlichen und demokratischen Prinzipien spotten. Doch haben wir ein so kurzes Gedächtnis? Haben wir tatsächlich schon vergessen – oder aus unserer Erinnerung verdrängt -, dass eben noch 70 Klimaaktivisten im Alter von 15 bis 64 Jahren, die den Eingang zum Hauptsitz der Credit Suisse in Zürich besetzt hatten, von der Polizei weggeschafft und verhaftet wurden? Wie Betroffene berichten, gingen dabei Polizisten und Beamte mit den Festgenommenen alles andere als zimperlich um. So berichtet eine der Frauen, sie hätte sich ohne richtige Begründung zur Körperkontrolle drei Mal ausziehen müssen. Sie sei dabei mit Schmerzgriffen zu Boden und gegen die Wand gedrückt worden und man sei auf die draufgestanden. Auch sei sie, bloss weil sie wissen wollte, was man mit ihr vorhatte, als «schwierig» und «dumm» eingestuft worden. Sie sei, so wurde ihr gesagt, «als Kind auf den Kopf gefallen». Auch habe man ihr gesagt, dass sie hier «keine Rechte» hätte. Eine andere Aktivistin berichtet, man hätte es ihr untersagt, ihre Eltern anzurufen – obwohl sie dazu berechtigt gewesen wäre. Schliesslich liess man die Festgenommenen erst zwei Tage später, nach der Übernachtung in heissen Zellen, bei denen das Öffnen der Fenster untersagt wurde, wieder frei – 54 der 70 Aktivistinnen und Aktivisten erhielten einen Strafbefehl, wonach sie sich der Nötigung schuldig gemacht hätten. Einige wurden zusätzlich des Hausfriedensbruchs schuldig gesprochen. Ausgesprochen wurden bedingte Geldstrafen. «Es war alles grauenhaft», berichtet eine 19Jährige, «ich habe die ganze Zeit nur geweint.» Es wird nicht einfach sein, den wesentlichen Unterschied zwischen den heutigen Vorfällen in Moskau und der Besetzung der Credit Suisse in Zürich durch Klimaaktivisten zu erklären. Nur dass das eine in der ältesten Demokratie der Welt geschah und das andere im vielgeschmähten «System Putin», auf dem wir so gerne herumhacken. Müssten wir uns, bevor wir uns selbstherrlich über andere auslassen, nicht zuerst bei der eigenen Nase nehmen?

Die letzten Zuckungen des Kapitalismus?

«Der Bentley EXP 100 GT widerspiegelt jene Art von Automobil, die wir in der Zukunft herstellen möchten», sagte Stefan Sielaff, Design-Direktor bei Bentley Motors, vor kurzem anlässlich der Enthüllung am 100. Jahrestag der Gründung der Marke. Der Wagen ist allein von seiner Grösse ein klares Statement, dass Luxus auch im Jahr 2035 nichts von Zurückhaltung wissen will. Der EXP 100 GT ist 5,8 Meter lang, beinahe 2,4 Meter breit und wird in Parkhäusern nicht anzutreffen sein. «Das ist unsere Sichtweise», meint Adrian Hallmark, CEO und Präsident von Bentley Motors. Die Geburt des Automobils hätte damals ein inniges Verhältnis geweckt, das Begriffe wie Freiheit, Selbstentfaltung, soziale Anerkennung und persönlichen Freiraum brachte. «Wir glauben, dass diese Werte auch die künftige luxuriöse Mobilität prägen werden.» Exquisite, auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Materialien und feinste Verarbeitung – diese traditionellen Kompetenzen verbindet Bentley im EXP 100 GT mit den Megatrends automatisiertes Fahren und künstliche Intelligenz. Der Innenraum profitiert von beiden und lässt sich entsprechend der gewählten Fortbewegung umgestalten. Bentley spricht in diesem Zusammenhang von biometrischem Sitzen. Die künstliche Intelligenz erkennt über die umfassende Wagensensorik Stimmung und Wohlbefinden der Insassen und bietet dem luxusgewohnten Bentley-Fahrer der Zukunft die passende Umgebung. Fährt der Wagen beispielsweise autonom, wird der Fahrersitz in eine rückwärts gerichtete Position gedreht und das Lenkrad in die Armaturen zurückgezogen. Im Stadtverkehr wandelt sich der Wagen zum temporären Rückzugsort. Sich abdunkelndes Glas schottet das Interieur vor neugierigen Blicken ab, und aktives Noise-Selling sorgt für entspannende Ruhe. Auf Landstrassen dann das Gegenteil: Licht, Gerüche und Geräusche werden ins Innere geleitet, das Erlebnis einer Fahrt – zwischen von der Sonne gemalten Flecken auf dem Boden des Waldes hindurch – verstärkt. Käufer von Luxusprodukten erwarten bereits heute, dass Marken nicht bloss Objekte herstellen, sondern dass deren Ethik, Kompetenzen und Ausrichtung makellos sind. Sie suchen Marken, die ihr Leben mit einzigartigen Produkten bereichern. «Wir sind daher für die Herausforderungen der Zukunft optimal aufgestellt», sagt Adrian Hallmark.

(W&O, 3. August 2019)

Eine «Ethik» des Luxus, aufgestellt für die «Herausforderungen der Zukunft». Ein veritables Eigenheim auf vier Rädern – für Menschen, die im übrigen Leben wohl kaum in einer schäbigen Mietwohnung leben oder – wie weltweit über 100 Millionen Menschen – überhaupt kein Dach über dem Kopf haben. Und das in einer Zeit, da immer mehr Wissenschaftler vor einer bald drohenden Selbstvernichtung der Menschheit infolge einer rasant zunehmenden Klimaerwärmung warnen. Die letzten Zuckungen des Kapitalismus?

EU: Mehr als jede vierte Person kann sich keine Ferien leisten

In der EU konnten es sich im vergangenen Jahr 28,3 Prozent der Bürger nicht leisten, eine Woche in die Ferien zu gehen. Die Schweden sind mit 9,7 Prozent Ferienlosen die Privilegierten. Noch besser dran sind allerdings die Schweizer: Nur 8,5 Prozent der Einwohner über 16 Jahren müssen gemäss Daten des europäischen Statistischen Amts Eurostat aus finanziellen Gründen daheim bleiben. Geschlagen wird das nur von den Norwegern mit 6,4 Prozent Ferienlosen. Von den 28 EU-Mitgliedsstaaten hat Rumänien mit 58,9 Prozent den höchsten Bevölkerungsanteil, für den Ferien unerschwinglich sind. Auch in Kroatien, Griechenland und Zypern muss mindestens jeder Zweite aus Geldmangel zu Hause bleiben.

Zu gern gefallen sich die Verfechter des Kapitalismus und der freien Marktwirtschaft darin, das Reich des Kapitalismus als das Reich der «Freiheit» zu feiern. Diese «Freiheit» scheint allerdings sehr ungleich verteilt zu sein: Während die einen sogar mehr als einmal pro Jahr nach Mallorca, Sri Lanka oder auf die Malediven fliegen, muss immerhin mehr als ein Viertel der EU-Bürgerinnen und -Bürger zuhause bleiben und kann sich nicht einmal eine einzige Ferienwoche leisten. Man braucht kein Fan der früheren DDR zu sein, aber immerhin gab es da so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz eines «Urlaubs für alle». Der bestand zwar «bloss» aus Ferien in einem staatlichen Gästehaus an der Ostsee. Aber immerhin, besser als gar nichts. Und erst noch ökologisch viel vernünftiger als das weltweit immer mehr grassierende Herumfliegen der Reichen und Superreichen…

Der Kapitalismus hat nicht Fehler, er ist der Fehler

Die Klimajugend hat am Wochenende anlässlich einer Plenarversammlung in Bern die Verabschiedung einer Charta beschlossen, die folgende Forderungen beinhaltet: Ausrufung des Klimanotstands, Klimaneutralität bis 2030 und Klimagerechtigkeit. Noch unklar ist, ob als vierter Punkt die Forderung nach einem «Systemwandel» in die Charta aufgenommen werden soll. Einen Systemwandel fordert ein grosser Teil der Klimajugend für den Fall, dass die ersten drei Forderungen «in unserem aktuellen System nicht erfüllt werden können». Wie radikal manche der jugendlichen Aktivisten einen Systemwechsel herbeiführen möchten, zeigt ein Blick auf die Internetkanäle, über die die Jugendlichen kommunizieren. Genannt werden etwa «die Verstaatlichung von Konzernen, die Abschaffung des Flugverkehrs, Sozialismus und Kommunismus». Es versteht sich von selber, dass solche Forderungen bei den Machtträgern des aktuellen Systems überaus geharnischte Reaktionen auslösen. So etwa sagt der Zürcher FDP-Ständerat Ruedi Noser: «Wem es ernst ist mit dem Klimaschutz, der verzichtet auf ideologischen Blödsinn. Zum Beispiel ist eine Welt ohne Flugreisen unrealistisch.»

(Tages-Anzeiger, 30. Juli 2019)

Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Ein Systemwandel ist unumgänglich. Die Klimakrise ist ja nur eine der Krankheiten, von denen unsere Erde befallen ist. Eine andere ist die – stets noch wachsende – weltweite Kluft zwischen Arm und Reich. Eine dritte ist das unbeschreibliche Elend, in dem über eine Milliarde von Menschen leben und das dazu führt, das jeden Tag 10’000 Kinder vor dem Erreichen ihres fünften Lebensjahrs sterben müssen. Eine vierte ist das völlig sinnlose Wachstumsprinzip, dem die kapitalistische Wirtschaft unterworfen ist und das dazu führt, dass immer mehr Güter über immer weitere Strecken transportiert werden und ein immer grösserer Teil davon, weil gar nicht so viel verkauft werden kann, wieder vernichtet werden muss. Eine fünfte ist der wachsende Druck am Arbeitsplatz wie auch in den Schulen, wo der gegenseitige Konkurrenzkampf um die gesellschaftlichen Sonnenplätze immer drastischere Formen annimmt. Eine sechste ist, dass selbst in den «Wohlstandsländern» des Westens eine immer grössere Anzahl Menschen von dem, was sie bei voller Erwerbsarbeit verdienen, kaum mehr menschenwürdig leben können. Eine siebte ist die endlos wachsende Zunahme des Individualverkehrs, der regelmässige Verkehrskollaps in den Grossstädten und die damit verbundenen Belastungen durch Lärm und Schadstoffe. Eine achte sind die Luxusvergnügungen, die sich eine wachsende Minderheit der Weltbevölkerung in immer ungezügelterem Ausmass leisten kann, von fernen Flugreisen über Kreuzfahrten bis zum Flug in den Weltraum. Eine neunte sind die unzähligen Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, weil sie dort aus politischen oder existenziellen Gründen nicht mehr leben können, unzählige Gefahren der Flucht auf sich nehmen müssen und dabei entweder festgenommen und in Internierungslager eingesperrt werden, oder aber ihr Leben verlieren. Eine zehnte ist, dass ausgerechnet aus jenen Ländern, in denen nicht einmal alle Menschen genug zu essen haben, eine Unmenge an Lebensmitteln in jene Länder fliessen, wo sowieso schon alles im Übermass vorhanden ist. Gut und gerne könnte man hier noch viele weitere kleinere und grössere «Krankheiten» aufzählen, von denen unsere Erde befallen ist. Und fraglos ist auch, dass alle diese Krankheiten unauflöslich miteinander verbunden sind und eine zentrale, gemeinsame Ursache haben, nämlich das kapitalistische Wirtschaftssystem: Der Kapitalismus hat nicht Fehler, er ist der Fehler. Zu glauben, man könne die Klimakrise bewältigen und trotzdem am Kapitalismus festhalten, ist, mit den Worten von Ruedi Noser, nichts anderes als «ideologischer Blödsinn». Zu warten bis ins Jahr 2030, ob sich die Klimaziele innerhalb unseres heutigen Systems lösen lassen, und erst dann die Systemfrage zu stellen, ist nichts anderes als verlorene Zeit: Im Gegenteil, der Systemwandel müsste eigentlich die erste und wichtigste Forderung einer «Klimacharta» sein und alles andere wäre dann bloss eine logische Folge davon.