Künstliche Intelligenz und menschliche Intelligenz

«Was soll der ganze Hype um die Künstliche Intelligenz? Was nützen die Millionen, die da investiert werden? Sinn machender, da lebensrettend, wäre die gesunde, verantwortungsbewusste Intelligenz von Menschen weltweit, welche sich um die Erhaltung der Lebensgrundlagen der Menschen aktiv und effektiv kümmern würden! Künstliche Intelligenz: Wofür soll diese effektiv gut sein, wessen Lebensgrundlage kann sie retten….?»

D.S., Kommentar zum Thema KI auf www.srf.ch)

Ausgezeichneter Kommentar zum Thema Künstliche Intelligenz und menschliche Intelligenz. Man könnte sogar einen Schritt weitergehen und feststellen, dass das Thema Künstliche Intelligenz, obwohl darüber soviel Aufhebens gemacht wird, von der Geschichte bereits überholt worden ist. Denn während die Wissenschaftler und Forscher der Künstlichen Intelligenz noch hinter verschlossenen Türen von dem Tag träumen, da der Mensch vollends durch Roboter ersetzt werden könnte, ziehen Milliarden von Vätern und Müttern auch widrigsten Umständen zum Trotz ihre Kinder auf, wehren sich Millionen von Menschen von Venezuela über Moskau und den Sudan bis Hongkong mit allen Mitteln der Phantasie für ihre politischen Rechte und hat sich mit der Klimaschutzbewegung eine alles überbietende Welle jugendlichen Engagements und beeindruckendster Beharrlichkeit formiert. Und dies alles ohne einen Funken künstlicher Intelligenz…

Millionen unverkaufter Luxusartikel im Müll

Parfums, Schuhe oder Taschen: Jährlich landen Millionen unverkaufter Luxusartikel im Müll. Die meisten werden verbrannt. Die britische Edelmarke Burberry vernichtete 2017 nagelneue Kleidung und Kosmetika im Wert von 37 Millionen Franken. Die dänische Bekleidungsfirma Beststeller kaufte 2016 und 2017 Güter im Wert von insgesamt 400 Millionen Franken von Händlern zurück. Nur ein Teil der Waren konnte rezykliert werden – viele landeten im Müll. Der amerikanische Grosskonzern Amazon soll 2018 3,2 Millionen neue Produkte vernichtet haben. Dies, weil das Aufbewahren von unverkäuflichen Gütern mehr kostet als deren Vernichtung. Das schwedische Textilunternehmen H&M verbrannte von 2013 bis 2017 etwa 60 Tonnen neue, nicht verkaufte Kleidung. Ein Viertel von allen unverkauften Gütern in Frankreich sind Hygiene- und Schönheitsprodukte. Diese Waren haben insgesamt einen Wert von 693 Millionen Franken.

Und das in einer Welt, in der für Milliarden von Menschen nur schon ein einziges Paar Schuhe, ein Jupe, ein Hemd, eine Bluse, eine Hose oder Kosmetika nahezu unerschwingliche Luxusartikel sind…

Bloss Launen der Natur?

Der Triftbach in Zermatt führt enorm hohes Wasser. Grund ist ein geplatzter unterirdischer Gletschersee. Dabei handle es sich, so die Gemeindepräsidentin von Zermatt, um eine «nicht kalkulierbare Laune der Natur». Und fast am gleichen Tag, nämlich am 24. Juli, ereignete sich um 9 Uhr am Zermatter Matterhorn ein tödlicher Bergunfall. Zwei Personen verloren dabei ihr Leben. Ein Felsausbruch riss die beiden in die Tiefe. Der Felsausbruch habe sich, so schreibt die Polizei, «aus unbekannten Gründen» ereignet.

(www.tages-anzeiger.ch & www.20minuten.ch)

Einen Tag später dann ergänzende Kommentare in den Medien: Ja, die beiden Ereignisse könnten sehr wohl eine Folge der Klimaerwärmung sein: Wasser schmelzender Gletscher staut sich unterirdisch auf und kann dann plötzlich «platzen». Und ja, die hohen Temperaturen bis auf 5000 Meter über Meer können dazu führen, dass der Permafrost aufgetaut wird, sich Felsformationen lösen und in die Tiefe stürzen. Die ersten Reaktionen zeigen genau das, was uns allen wohl am liebsten wäre: dass es unerklärbare Einzelfälle seien, Launen der Natur – aber nichts mit uns unserem Verhalten zu tun haben. Die Wahrheit, dass es eben doch der Klimawandel und damit der Mensch ist, der hinter allem steckt, diese Wahrheit ist bitter und nur schwer auszuhalten, logisch, dass man ihr ausweicht, sie negiert, sie nicht wahrhaben will – so, wie das die SVP in grossem Stil hartnäckigst tut. Doch früher oder später werden wir nicht darum herumkommen, uns einzugestehen, dass es sich bei alledem um nichts anderes als eine weltweite, «hausgemachte» Krise handelt. Doch damit sind wir noch immer nicht am Ende. Denn wenn wir es schon mit einer weltweiten, hausgemachten Krise zu tun haben, dann werden wir uns auch eines Tages die Frage stellen müssen, welches denn die tieferen Ursachen dieser Krise sind. Und dann kommen wir unweigerlich zum kapitalistischen Wirtschaftssystem mit seinem unersättlichen Profitmaximierungswahn und seiner endlosen Wachstumssucht, die uns dazu zwingt, immer schneller und härter zu arbeiten, immer mehr zu produzieren, immer mehr Waren über immer weitere Distanzen zu transportieren und in immer kürzerer Zeit immer mehr zu konsumieren. Ohne Kapitalismus keine Klimakrise, denn der Kapitalismus ist jenes Wirtschaftssystem, das sich selber zum Massstab nimmt und sich über die Gesetze des Gleichgewichts zwischen Mensch und Natur hinausschwingt. Diese Erkenntnisse werden uns alles ganz anders sehen lassen als heute. Und wahrscheinlich, wenn die Zeit reif ist, werden dann sowohl die Zermatter Gemeindepräsidentin wie auch die Walliser Kantonspolizei, sollten dereinst wieder ähnliche Ereignisse auftreten, in ihren Kommentaren vermelden, dass die Ursache der Ereignisse einmal mehr und immer wieder der Kapitalismus sei.

Ein gerechtes Lohnsystem noch nicht erfunden?

Anderen zu Diensten sein, lohnt sich nicht. Jene Menschen, die uns die Haare schneiden oder das Essen an den Tisch bringen, die unser Büro putzen oder im Supermarkt einkassieren: all jene Menschen, die unseren Alltag erleichtern, haben es selber oft schwer. Sie verdienen so wenig, dass es nur knapp zum Leben reicht. Dies liegt laut Ökonomen an der Wertschöpfung der Branchen. IT-Unternehmen (oder Banken oder Anwaltskanzleien) setzen viel Geld um. Ein Teil davon fliesst weiter in die Löhne. Die Gastronomie oder die Coiffeurbranche gelten hingegen als «schwachproduktiv». Es kommt nicht viel Geld herein. Folglich gibt es nur wenig zu verteilen. Doch über die Lukrativität der Branchen bestimmt nicht der Markt allein. Sie hängt ab von gesellschaftlichen Wertungen und Machtverhältnissen. Warum kann ein Anwalt pro Stunde viel mehr verlangen als eine Spitex-Mitarbeiterin? Warum erhält eine Primarlehrerin mehr Geld als eine Kleinkindeerzieherin? Ganz einfach: weil wir gewisse Tätigkeiten als wichtiger und wertvoller einschätzen. Es gibt aber akademische Versuche, den Wert von Arbeit neutraler zu beurteilen. So berücksichtigt der «Comparative Worth Index» möglichst viele Anforderungen und Belastungen, die sich vergleichen lassen. Dazu gehört etwa, wie lange Angestellte ohne Unterbruch konzentriert arbeiten müssen. Oder wie oft sie gezwungen sind, von Termin zu Termin zu hetzen. Verwendet man diesen Ansatz, geht die Arbeit von Juristen, jene von Elektroingenieuren und jene von Angestellten im Gesundheitsbereich als gleichwertig hervor. Die drei Berufsgruppen müssten folglich gleich viel verdienen. Die Sache lässt sich weiterdrehen. Es ist nicht zwingend, dass akademische Bildung so stark einschenkt, wie sie das heute tut. Man könnte stattdessen die gesellschaftliche Bedeutung eines Jobs in den Lohn rechnen, die Monotonie bei der Arbeit einbeziehen oder den körperlichen Verschleiss. Ein Lohnsystem das allen gerecht wird, ist noch nicht erfunden.

(Beat Metzler, in: Tages-Anzeiger, 25. Juli 2019)

Es wäre nicht so schwierig, ein gerechtes Lohnsystem zu erfinden. Ganz einfach: Alle Berufstätigen müssten gleich viel verdienen. Denn damit Wirtschaft und Gesellschaft reibungslos funktionieren, braucht es alle, sowohl die Putzfrau wie den Informatiker, sowohl  den Fabrikarbeiter wie die Ärztin, sowohl den Krankenpfleger wie die Anwältin. Würde man auch nur einen einzigen dieser Berufe aus dem Gesamtsystem herausbrechen, so würde sogleich alles wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrechen. Wenn sich das Problem mit der Wertschöpfung nicht lösen lässt, dann müsste man einen Pool schaffen, in den die Besserverdienenden einzahlen und aus dem die Schlechterverdienenden die Differenz ihres Lohnes zum Durchschnittslohn ausbezahlt bekämen. Zu utopisch? Zu verrückt? Wohl kaum verrückter als unser heutiges Lohnsystem, bei dem die höchsten Löhne die niedrigsten um das 300fache übersteigen…

Klimaanlagen in jedem Hotelzimmer

Im für 50 Millionen Franken totalrenovierten Bad Ragazer Luxushotel Quellenhof verfügt nun jedes Gästezimmer über eine Klimaanlage. Im Neubau des Grabser Kantonsspitals im St. Galler Rheintal sind in den Patientienzimmer keine Klimaanlagen vorgesehen, und dies, obwohl dies sowohl für die unter Schmerzen und Unpässlichkeiten aller Art leidenden Patientinnen und Patienten wie auch für das Personal eine wahre Wohltat wäre – während die Gäste des Quellenhofs ihre Zimmer meist nur aufsuchen, um dort zu schlafen. Die Zweiklassengesellschaft lässt grüssen….

Endphase des Kapitalismus

Gemäss dem «Tagblatt» vom 24. Juli 2019 verdient Bernard Arnault, Hauptaktionär des Konzerns LVMH (Louis Vuitton Moet Henessy), sieben Millionen Dollar – pro Stunde! Und dies in einer Welt, in der eine Milliarde Menschen von weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen. In den Museen des 22. Jahrhunderts werden die Menschen ungläubig vor den Schautafeln stehen, welche die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse jener Zeit zeigen, in der wir heute leben und die man wohl ohne Übertreibung als Endphase des Kapitalismus bezeichnen könnte…

Die soziale Apartheid im eigenen Land

Keine Schlagzeile wert, doch bittere Realität: Immer mehr Quartierbeizen, wo sich das «gewöhnliche» Volk früher zum Feierabendbier getroffen hat, verschwinden und machen teuren Luxusrestaurants für eine gutbetuchte Kundschaft Platz. Doch das ist längst noch nicht alles: Wohnungen werden luxussaniert und die Mieterinnen und Mieter, die dort 20 oder 40 Jahre lang gelebt haben, müssen ausziehen, weil sie sich die teurere Miete nicht mehr leisten können. Auch Golfplätze, Wellness- und Fitnesscenters, Luxushotels, Uhren- und Schmuckboutiquen, Privatschulen, Theaterhäuser, Zirkusse, Filmfestivals, Segelyachten, Kreuzfahrtschiffe, Freizeit- und Abenteuerparks, Nachtzüge: An allen diesen Orten steht ein unsichtbares, für die Betroffenen aber umso schmerzlicheres Schild: «Zutritt nur für Reiche!» Und so geht mitten durch unser Land eine unsichtbare Mauer zwischen denen, die genug Geld haben, sich das alles leisten zu können, und denen, die froh sein müssen, wenn sie am Ende überhaupt noch etwas zu essen haben. Und es ist sogar noch schlimmer: Während sich die Orte, zu denen nur die Reichen Zutritt haben, immer weiter ausdehnen, werden die Orte, zu denen auch die Armen Zutritt haben, immer seltener und immer kleiner. Empörten wir uns nicht vor vielen Jahren über die soziale Apartheid zwischen Schwarz und Weiss im damaligen Südafrika? Wo ist jetzt die Empörung, wo eine immer dickere Mauer der sozialen Apartheid mitten durch unser eigenes Land geht?

«Die Wirtschaft hat den Menschen zu dienen, nicht die Menschen der Wirtschaft.»

Bei arbeitslosen Frauen und Männern ist die Häufigkeit von Suiziden ungefähr doppelt so hoch wie bei der Gesamtbevölkerung. Dies das Ergebnis einer Lausanner Studie, welche fast 20’000 Fälle von Suizid analysierte.

(SonntagZeitung, 21. Juli 2019)

Weshalb eigentlich lassen wir die Menschen um die Arbeitsplätze buhlen? Weshalb liefern wir sie einem gegenseitigen Konkurrenzkampf aus, in dem ausgerechnet immer die sowieso schon Schwächsten, welche gesellschaftliche Anerkennung am dringendsten nötig hätten, auf der Strecke bleiben? Weshalb tun wir nicht das Nächstliegende, nämlich, die insgesamt vorhandene Arbeit auf alle Menschen gleichmässig aufzuteilen – so, dass es niemanden mehr gibt, der sich mit unzähligen Überstunden zu Tode rackern muss, während andere überhaupt keine Arbeit haben und sich aus lauter Verzweiflung das Leben nehmen. Es wäre so einfach, wir brauchten nur in einen Ameisenhaufen zu schauen um zu erkennen, dass es die natürlichste Sache der Welt wäre: Keine Ameise ruht, alle arbeiten im gleichen Tempo, keine überarbeitet sich, keine verharrt untätig am gleichen Ort. Nun mag man gegen diese Idee einwenden, ein Betrieb könne, wenn er einen Elektriker brauche, ja nicht einen Gärtner anstellen. Doch auch dieses Problem lässt sich lösen – indem der Betrieb so umstrukturiert wird, dass er für den neu Eingestellten, auch wenn er nicht dem ursprünglichen Anforderungsprofil entspricht, dennoch eine sinnvolle Tätigkeit findet. Dagegen wiederum wird man einwenden, dass der Betrieb dann nicht mehr konkurrenzfähig wäre. Doch auch dieses Problem wäre lösbar, indem der Betrieb zum Beispiel für neu Eingestellte, die nicht dem ursprünglichen Anforderungsprofil entsprechen, staatliche Zuschüsse bekäme. Längerfristig wäre das aber keine befriedigende Lösung, sondern die gesamte Wirtschaft müsste so umstrukturiert werden, dass nicht mehr Profit und Konkurrenzprinzip an oberster Stelle stünden, sondern das Wohl der Menschen. Immerhin wäre dies bloss das, was sowohl die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel wie auch die neue EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen unlängst gefordert haben: «Die Wirtschaft hat den Menschen zu dienen, nicht die Menschen der Wirtschaft.» Wenn doch nur die Worte von Politikern und Politikern die Kraft besässen, unverzüglich, gegen sämtliche Verwässerung und gegen sämtliche Wenn und Aber Wirklichkeit zu werden…

Die Schweiz – ein Musterknabe?

Die Schweiz ist es gewohnt, gelobt zu werden. Als innovativer als alle andern, wettbewerbsfähiger als die meisten oder als Recycling-Weltmeisterin. Also nicht nur in wirtschaftlicher und technologischer Hinsicht, sondern auch beim umweltschonenden Umgang mit kostbaren Ressourcen erhält die Schweiz zuweilen Höchstnoten. Da kommt die Warnung der Bertelsmann-Stiftung im jüngst publizierten «Sustainable Development Report 2019» geradezu überraschend. Erst recht, da das Urteil happig ausfällt: Die Schweiz lebe stärker als jedes andere Land der Welt auf Kosten der anderen Länder. Niemand behindere die anderen so stark daran, die nachhaltigen Entwicklungsziele der UNO-Agenda 2030 zu erreichen. Die Bertelsmann-Stiftung ist nicht irgendwer. Und da mit Jeffrey Sachs einer der renommiertesten Ökonomen zu Fragen der nachhaltigen Entwicklung dem Bericht Pate steht, lässt sich das Verdikt nicht leichtfertig ignorieren. Die Schweizer Medien haben es dennoch getan und die schlechte Nachricht verschwiegen. Es geht in diesem Bericht um sogenannt negative Spillover-Effekte, die nationale Volkswirtschaften durch ihre Verflechtungen mit der Aussenwelt auslösen. Wie wirkt sich ihr Handeln für die Umwelt, die Wirtschaft, die Finanzen, die Gouvernanz und die Sicherheit der anderen Länder aus? Wie belastend sind die Produktions- und Konsumstrukturen für andere Länder – beispielsweise über Palmöl- oder Sojaimporte, wodurch Waldrodungen in tropischen Ländern verstärkt werden? Negativ ins Gewicht fallen auch Tiefsteuerpolitiken, die zur Veruntreuung von Staatsgeldern und zu Korruption verleiten. Bewertet wird auch das Engagement der reichen Länder bei der Entwicklungshilfe, damit sich die armen Länder aus der Armutsfalle befreien können. Im Bereich Sicherheit beurteilt die Bertelsmann-Studie beispielsweise negative Folgen der Exporte leichter Waffen und die Bemühungen für Konfliktprävention und Friedenssicherung. Solche Zusammenhänge haben die Spezialisten hinter dem «Sustainable Development Report 2019» für 160 Länder von Afghanistan bis Zimbabwe nach aktuellem Kenntnis- und Forschungsstand gewichtet. Die Schweiz kommt bei ihnen am schlechtesten weg, knapp vor Singapur. Mit grösserem Abstand folgt auf Rang drei Luxemburg, vor den Vereinigten Arabischen Emiraten, vor Mauritius, Zypern und den Niederlanden, vor Kuwait, Grossbritannien, den USA und Norwegen auf Rang 10. Auch wenn es im Bericht nicht ausdrücklich formuliert ist, liegt die Vermutung nahe, dass dessen Autoren nicht zuletzt von der Schweiz erwarten, dass sie künftig die anderen Länder weniger an der Umsetzung der nachhaltigen Entwicklungsziele hindert.

(www.infosperber.ch)

 

Das zeigt, wie eng im weltweiten kapitalistischen Wirtschaftsgeflecht alles mit allem zusammenhängt. Und es zeigt weiter, dass der Reichtum eines Landes wie der Schweiz – über alle diese kapitalistischen Umverteilungsmechanismen – im Grunde ein «gestohlener» Reichtum ist, erworben auf Kosten anderer, die an ihrer Entwicklung gehindert werden und den Reichtum der Reichen mit ihrer Armut bezahlen. Dass dies vor 100 oder 500 Jahren so war, zu den Zeiten von Sklavenhandel, Kolonialismus und Imperialismus, ist ja hinlänglich bekannt. Dass es aber heute immer noch so ist und die Schweiz bezüglich Profit auf Kosten anderer sogar den Spitzenplatz belegt, muss mehr als zu denken geben…

Subventionen für die Gastronomie

Urs-Beat Hauser (63) ist Hotelier aus Leidenschaft. Seit 1986 führt er in der dritten Generation das Hotel Belvedere in Grindelwald BE. 56 Zimmer hat das 4-Sterne-Superior-Haus. Hauser beschäftigt 48 Angestellte, ein Grossteil davon arbeitet Teilzeit. Die Berichterstattung über Branchen, die nur Tieflöhne bezahlen, hat ihn aufgewühlt. Der Hotelier meldet sich bei «Blick»: «Weil die Preise in der Schweiz höher sind als im Ausland, werden wir immer wieder als Abzocker bezeichnet und dafür kritisiert, dass wir zu tiefe Löhne bezahlen», sagt er. Und fügt dann an: «Dabei würde ich gerne jedem Angestellten einen Lohn von 5000 Franken bezahlen.» Bloss: «Dann müssten die Gäste bereit sein, tiefer in die Tasche zu greifen, wenn sie bei uns einkehren. Wer einen Tagesteller für 20 Franken anbietet, legt drauf.» Bei vielen Gastrobetrieben betragen die Lohnkosten bis 50 Prozent des Budgets. «Wir können einfach keinen Roboter zum Gast schicken, im Service braucht es Menschen. Und das ist auch ganz gut so», sagt er. Für Hauser ist klar: «Höhere Löhne in der Gastronomie sind nur möglich, wenn die Preise erhöht werden.» Konkret: Die Stange oder der Kaffee würden dann zehn Franken kosten. Der Tagesteller nicht mehr 20 Franken, wie heute in vielen Restaurants, sondern 50 Franken. «Wer einen Tagesteller für 20 Franken anbietet, der legt drauf. Und kann natürlich auch keine Spitzenlöhne zahlen», sagt er. Und fügt an: «Die Gäste würden wohl kaum zehn Franken für ein Bier bezahlen.»: Ein Zimmermädchen ohne Erfahrung verdient 3760 Franken brutto. Nach einigen Jahren sind es 4200 Franken. Eine Serviceangestellte startet im Hotel Belvedere nach der Lehre mit 4500 Franken brutto. H.S. hat als Abwascher angefangen, nach einem Barkurs ist er Barmann und verdient etwas über 4000 Franken. Ähnlich hoch ist das Salär von M.C., die als Office-Angestellte arbeitet. Und er selber, wird er reich als Hotelier? Hauser meint: «Ich kenne viele Wirte, bei denen die Mitarbeiter pro Stunde mehr verdienen, als sie selbst.» In der Gastronomie würden die Chefs meistens länger arbeiten als die Angestellten. Ganz wichtig: «Ohne eine grosse Portion Leidenschaft kann man diesen Job nicht so lange machen wie ich.»

(www.blick.ch)

Restaurants und Hotels sind elementare Stützen von Kultur, Tradition und Lebensqualität. Stätten, wo man es sich nach dem anstrengenden Alltag wohl ergehen lässt, wo man sich mit Freunden trifft, wo man sich kulinarisch verwöhnen lässt. Ein Dorf oder eine Stadt ohne Restaurant oder Hotel? Undenkbar! Und so wäre es nicht mehr als fair, wenn auch all jene, die in einem solchen Betrieb arbeiten und diesen unersetzlichen kulturellen Beitrag leisten, fair entlöhnt würden – die 5000 Franken, die Urs-Beat Hauser vorschweben, wären das Allermindeste. Dies wäre aber nur möglich, wenn Zimmer- und Essenspreise verdoppelt würden, was wiederum zur Folge hätte, dass sich nur noch Gutbetuchte das Essen in einem Restaurant oder die Übernachtung in einem Hotel leisten könnten. Die andere, bessere Möglichkeit wäre, Restaurants und Hotels zu subventionieren. Denn es leuchtet nicht ein, weshalb nur Schulen, Kirchen, Spitäler, Pflege- und Altersheime, Museen, Bibliotheken, Opernhäuser, Verkehrsmittel und die Landwirtschaft öffentliche Gelder in Anspruch nehmen dürfen, nicht aber die Gastronomie, die doch einen mindestens so grossen Beitrag leistet an die Lebensqualität und das Wohlbefinden der Menschen.