Eine Ladengasse in Thionville: Die unsichtbare Hand des Kapitalismus

Abendspaziergang durch Thionville (F). In einer Seitengasse des Stadtzentrums: Mindestens zwei Drittel der Geschäfte haben dichtgemacht. Entweder sieht man durch verstaubte Fensterscheiben in Berge herabgerissener Wände, Kabel, Farbkübel. Oder die Rollläden sind bis zum Boden heruntergelassen. Oder die Schaufenster sind gänzlich mit Brettern zugenagelt. Oder an den Türen hängen Plakate wie «Geschlossen», «Ladenlokal zu vermieten», «Verkaufsflächen verfügbar». Man kann den vergangenen Glanz einer schmucken Ladengasse mit einem überaus vielfältigen Angebot an Waren und Dienstleistungen nur erahnen. In vier oder fünf Jahren, wenn auch das letzte Geschäft in der Gasse geschlossen sein wird, wird ein Stadtführer seiner Touristengruppe erklären, dass hier dereinst Tausende Menschen von Geschäft zu Geschäft flanierten, Auslagen bestaunten und sich im einen oder anderen Café zum gemütlichen Schwatz niederliessen…

Hat jemals ein Bürgermeister, ein Stadtarchitekt, ein Städteplaner oder die davon betroffenen Häuserbesitzer, Geschäftsführer, Verkäuferinnen, Verkäufer oder die Kundschaft eines Tages beschlossen, dieser Ladengasse den Garaus zu machen? Natürlich nicht. Es ist alles von «selbst» so gekommen. Aber was heisst das: von «selbst»? Es ist die Macht des Geldes. Der Sog nach immer mehr und immer grösser und immer billiger. Kurz: die unsichtbare Hand des Kapitalismus. Schon längst hat der Mensch das Ruder aus der Hand gegeben, nicht nur was einst blühende Ladengeschäfte in unseren Grossstädten betrifft. Auch was den Verkehr betrifft. Auch was die weltweit fluktuierenden Finanzströme betrifft. Auch was die weltweiten Daten- und Informationsnetze betrifft. Der Mensch hat das Ruder aus der Hand gegeben im Vertrauen, dass es etwas Besseres und «Höheres» gibt als den menschlichen Verstand, nämlich den Freien Markt. Und dass alles, wenn man nur so viel als möglich diesem Freien Markt überlässt, am Ende ganz bestimmt gut herauskommt. Ich bezweifle, ob die ehemaligen Ladenbesitzer in Thionville, die Verkäuferinnen und Verkäufer und ihre Kundschaft das auch so sehen…

Ein Strassencafé in Koblenz: So geht das im Kapitalismus

Ein Strassencafé in Koblenz. Dutzende von Tischen, rege Kundschaft. Ein reichhaltiges Angebot an Kuchen, belegten Broten, Getränken. Die Angestellte füllt gerade die Kaffeebohnen nach und wischt die Kaffeemaschinen blank. Dann noch rasch Besteck und Papierservietten nachfüllen, während ein Kunde vorne an der Kasse ungeduldig ruft, wo denn da die Bedienung sei. «Komme sofort!» ruft die Angestellte atemlos, rennt zur Kasse und bedient zwei Kunden. Den dritten wartet sie nicht mehr ab, der steht noch vor der Auslage mit den Kuchen, so hat sie eine kleine Lücke, die sie dafür nutzt, gebrauchtes Geschirr von ein paar Tischen abzuräumen. Jetzt steht der Kunde mit dem Kuchen an der Kasse und die Angestellte rennt gleich hin um ihn zu bedienen. Weit und breit sind keine weiteren Angestellten zu sehen, möglicherweise bereiten diese im Hintergrund die belegten Brote zu oder backen neue Kuchen. Ich wage gar nicht daran zu denken, wie viel oder wie wenig die Angestellten, die hier arbeiten, verdienen. Ja, so geht das im Kapitalismus: Aus möglichst wenigen Menschen eine möglichst hohe Leistung herauszupressen und damit buchstäblich ans Limit zu gehen. Wenn die Kette, zu der dieses Café gehört, Ende dieses Halbjahrs einen grösseren Umsatz und einen grösseren Gewinn erzielen wird als im vorangegangen Halbjahr und wenn sich dann die Chefs und Aktionäre die Hände reiben angesichts des erzielten Geschäftsverlaufs, dann ist dies alles nur möglich dank dieser und zahlloser Angestellter, die vor lauter Stress und körperlichen Strapazen fast kaputt gehen und trotzdem fast nichts verdienen…

Neue Kräfteverhältnisse am Arbeitsplatz: Schöne neue Welt…

Die Angestellten grosser Finanzkonzerne in den USA bekommen eine erste Ahnung der sich wandelnden Kräfteverhältnisse am Arbeitsplatz bereits zu spüren. Hier wird etwa die Software einer Firma namens Cogito eingesetzt. Die erweist sich als relativ streng. Die Mitarbeiter im Callcenter reden zu schnell? Dann wird ihnen ein Tachometer-Bildchen auf den Screen projiziert. Sie klingen schläfrig? Dann taucht ein Kaffeetassen-Symbol auf. Das Programm befindet ihre Ansprache als zu wenig empathisch? Ein Herzchen weist auf den Mangel hin. Doch das ist erst der Anfang. KI soll in Zukunft für jeden Einzelnen für mehr Produktivität am Arbeitsplatz sorgen. Ganz vorne dabei ist etwa das von ehemaligen Google-Führungskräften gegründete Start-up Humu. Hier will man eine Software entwickelt haben, die Mitarbeitern und Führungskräften motivierende Anregungen gibt, die individuell auf die jeweiligen Persönlichkeitseigenschaften und Potenziale abgestimmt sind.

Auch am Karlsruher Institut für Technologie forscht man an einem Konzept, bei dem «KI-basierte Kompetenz-Assistenzsysteme künftig helfen sollen, konzentrierte Arbeitsphasen zu erhalten und Anstösse zur persönlichen und beruflichen Kompetenzentfaltung zu geben». Heisst im Klartext: Durch Messung von Herzfrequenz und Hautleitwert soll erkannt werden, wann ein Mensch die für ihn produktivste Phase erreicht. Wie man diesen sogenannten Flow erreicht und aufrechterhält, soll eine Software herausfinden, die angeblich bereits heute mit 85-prozentiger Genauigkeit den jeweiligen Glückspegel des betroffenen Angestellten erkennt. «Nudging» nennt man das: Eine übergeordnete Instanz, unwichtig ob Programm oder Personaler, soll dem im Zweifelsfall unmündigen Individuum einen «Schubser» in die richtige Richtung geben, um so ein erstrebenswerteres Verhalten hervorzurufen. Diesen fürsorglichen Paternalismus, den früher irgendwelche Wirtschaftsweisen oder Verhaltensökonomen ausübten, regelt in Zukunft eine künstliche Intelligenz. Dass man sich mit den Software-Anschubsern gefährlich an längst überkommene tayloristische Methoden annähert und das auch noch bewirbt, ist wohl schlicht der notorischen Vergangenheitsvergessenheit der Tech-Branche zu verdanken. Denn schon vor fünfzig Jahren wurde kritisiert, dass so der letzte Tropfen Gewinn nicht nur aus dem Körper, sondern auch aus dem «Charakter und der Seele» der Arbeiter gequetscht werde.

(www.tagesanzeiger.ch)

Fassungslos haben wir von den neuesten technologischen Entwicklungen in China Kenntnis genommen, wo die Menschen mit alles umspannenden Überwachungssystemen auf Schritt und Tritt kontrolliert und registriert werden und wo bereits in einzelnen Schulen mittels Gesichtserkennung festgehalten wird, ob die Schülerinnen und Schüler auch tatsächlich dem Unterricht mit Interesse folgen oder in Gedanken abschweifen. Und nun die USA. Und Deutschland. Und wohl immer mehr weitere Länder. Es scheint nun schon bald keine Rolle mehr zu spielen, ob man im kommunistischen China lebt oder im «freien« Westen – wie eine sich endlos vermehrende Krake werden Leben, Arbeit und sogar die Freizeit in ein immer engmaschigeres Netz elektronischer Überwachung, Steuerung und Kontrolle eingebunden und niemand steht da und gebietet dem Ganzen Einhalt. So ganz nach der Devise: Was technisch möglich ist, wird früher oder später auch realisiert, ethische Bedenken hin oder her. Schöne neue Welt… 

Buschauffeure in Genf und Basel: Ins Gebüsch oder in eine Flasche pinkeln

Die Gewerkschaft des Verkehrspersonals schlägt Alarm. In Genf sei die Situation für Chauffeure von rund 15 Buslinien untragbar. So sei es diesen nicht möglich, während der Arbeitszeiten angemessene sanitäre Anlagen aufzusuchen. Rund 50 Mitarbeiter seien gezwungen, selbst zu sehen, wo sie ihre Notdurft verrichten können. Eric Marie ist selbst Chauffeur und bestätigt diesen Umstand. «Jeder tut, was er kann», sagt er. Das bedeutet, dass manche Kollegen sich im Gebüsch erleichtern oder in eine Flasche pinkeln, die sie dann in einem öffentlichen Abfalleimer entsorgen. Ein Beispiel für diese mangelnde Ausstattung ist die Endhaltestelle in Lancy, wo viele Bus- und Tramlinien enden. Früher waren hier mobile WC-Kabinen aufgestellt, diese wurden aber schon vor einiger Zeit entfernt. Die Mitarbeiter wurden daraufhin angewiesen, die Toiletten eines Einkaufszentrums zu benutzen. Diese sind aber weiter von der Station entfernt und nach Ladenschluss geschlossen. Marie berichtet: «Am anderen Ende einer dieser Linien müssen wir die Toilette einer Bar benutzen. Das ist aber peinlich und ich kaufe mir jedes Mal extra einen Kaffee. Das wird mit der Zeit teuer.» Andernorts wurden den Mitarbeitern Komposttoiletten zur Verfügung gestellt. «Diese waren aber nicht an den Strom angeschlossen und wir mussten dafür kämpfen, dass sie auch gereinigt wurden», erklärt Marie. Anfangs sei es gar nicht möglich gewesen, diese zu benutzen, da sie so verdreckt waren. Dieser Mangel an Toiletten wirkt sich laut der Gewerkschaft auch negativ auf die Sicherheit der Passagiere des öffentlichen Verkehrs aus. So vermeiden es Mitarbeiter wenn möglich, während der Arbeitszeit zu essen oder zu trinken. Dies könne zu Dehydrierung und Konzentrationsverlust führen. Ausserdem haben es Frauen so grundsätzlich schwerer in dem Beruf. Das Problem ist nicht nur in Genf bekannt. Im September 2018 reklamierten die Postauto-Chauffeure der Linie 50 von Basel zum Euro-Airport über unzulängliche Arbeitsbedingungen. Dort gäbe es zwar öffentliche Toiletten am Flughafen, diese seien für die Busfahrer aber zu weit entfernt und der Besuch würde zu Verspätungen im öffentlichen Verkehr führen. Daher werde am Flughafen oft ins Gebüsch gepinkelt. Auch dies hat verheerende Auswirkungen. Ein Bus-Chauffeur berichtet, dass er bereits Schwindelanfälle hatte und ihm im Feierabendverkehr die Augen zugefallen seien, weil er zu wenig gegessen und getrunken hatte.

(www.20minuten.ch)

Da wurde doch unlängst über unhaltbare Zustände in der US-Geflügelindustrie berichtet. Während des achtstündigen Arbeitstages gäbe es lediglich zwei Pausen, um ein WC aufzusuchen. Da nun aber alle Arbeiterinnen und Arbeiter gleichzeitig aufs WC gingen, müssten sie längere Zeit Schlange stehen. Immer wieder komme es daher vor, dass Arbeiterinnen und Arbeiter in die Hose pinkeln oder den Stuhlgang nicht mehr halten könnten. Deshalb trügen viele Angestellte während der Arbeit Windeln und würden zudem möglichst auf Essen und Trinken verzichten – was auch von den Vorgesetzten nahegelegt werde. Gravierend seien die gesundheitlichen Folgen: Das lange Zurückhalten von Urin könne besonders bei schwangeren und menstruierenden Frauen Blasenentzündungen hervorrufen. Und nun die Buschauffeure in Genf und Basel. Werden sie wohl auch schon bald während der Arbeit Windeln tragen? Was ist mit den über Jahrhunderte erkämpften Rechten für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer? Wird scheibchenweise nun alles nach und nach wieder dem unersättlichen Schrei nach immer grösserer Leistung in immer kürzerer Zeit geopfert? Was für Auswüchse und wie viel Leid braucht es noch, bis wir erkennen, dass hier nicht nur ein paar «Ausreisser» im Argen liegen, sondern ein ganzes Wirtschaftssystem, das sich in seiner Gier endloser Selbstvermehrung immer mehr in seine eigenen Widersprüche verstrickt?

 

Was ist «legal», was ist «illegal»?

Rund 70 Aktivisten und Aktivistinnen belagerten am Montagmorgen die Eingänge des Hauptsitzes der Crédit Suisse am Zürcher Paradeplatz. Die Zürcher Stadtpolizei rückte mit einem Grossaufgebot gegen diese illegale Aktion aus und verhaftete 64 Personen, die passiven Widerstand leisteten. Die Organisatoren der Aktion sagten, dass sie die Grossbank dazu bewegen wollten, von Investitionen in fossile Energien abzusehen. Die Form der Belagerung hätten sie gewählt, weil die Demonstrationen der Klimajugend ihrer Ansicht nach bis jetzt zu wenig bewirkt hätten.

(Tages-Anzeiger, 9. Juli 2019)

Was ist «legal», was ist «illegal»? «Illegal» ist es, durch eine Sitzblockade den Zugang zu einer Bank zu versperren. «Legal» hingegen ist eine Finanz- und Wirtschaftspolitik, die bewusst das Leben von Milliarden noch ungeborener Menschen aufs Spiel setzt – bloss, um hier und jetzt möglichst hohe Profite zu erzielen. Eigentlich müsste man nicht die 70 Aktivisten und Aktivistinnen, welche den Zugang zur Bank versperrten, ins Gefängnis werfen, sondern all jene Entscheidungsträger der Crédit Suisse, die dafür verantwortlich sind, dass ihre Bank weiterhin in Grossprojekte investiert, die in Bezug auf Klima und Ökologie unabsehbare, verheerende Folgen haben werden. Doch dass diese weiterhin auf freiem Fuss sind und nicht die Täter, sondern die Opfer kriminalisiert werden, dies hat damit zu tun, dass das kapitalistische Recht des Stärkeren tief in unser Denken eingemeisselt ist und wir noch weit entfernt sind von einem objektiven, nichtkapitalistischen Rechtsempfinden, in dem das Leben der Erde, der Natur, der Tiere und zukünftiger Generationen genau den gleichen Stellenwert hat wie die Freiheit und die Unversehrtheit des Individuums hier und jetzt.

Griechenland: Im Würgegriff des Kapitalismus

Aus der Parlamentswahl in Griechenland am Sonntag ist die konservativ-liberale Nea Dimokratia (ND) als klarer Sieger hervorgegangen. Neuer Ministerpräsident wird der ND-Chef Kyriakos Mitsotakis. Der bisherige Premier Alexis Tsipras musste eine deutliche Niederlage einstecken. «Heute nehmen die Griechinnen und Griechen ihre Zukunft in die Hand», sagte Mitsotakis bei der Stimmabgabe. «Morgen wird ein besserer Tag für unser Land anbrechen.»

Ein besserer Tag für unser Land. Eine neue Zukunft. Genau das Gleiche versprach auch Alexis Tsipras dem griechischen Volk vor vier Jahren und wurde mit riesigen Erwartungen vor allem seitens der benachteiligten Bevölkerungsschichten zum Premierminister gewählt. Seither sind vier bittere Jahre vergangen und nahezu alle Versprechungen, die Tsipras gemacht hatte, haben sich in Luft aufgelöst: Die finanzielle Lage der unteren Einkommensschichten, der Mittelschicht wie auch der Rentner und Rentnerinnen hat sich weiter verschlechtert, bei der Grundversorgung wurde zusätzlich gespart und die Arbeitslosenquote beträgt immer noch 18 Prozent. Nun dürstet die ausgepowerte Bevölkerung nach neuer Hoffnung, diesmal in Gestalt der Nea Demokratia und ihres Führers Kyriakos Mitsotakis, der vergangenen Sonntag zum neuen griechischen Ministerpräsidenten gewählt wurde. Doch aller Voraussicht nach werden sich auch seine Versprechungen über kurz oder lang in Luft auflösen und nach weiteren vier Jahren wird eine abermals zutiefst enttäuschte Bevölkerung wiederum einem neuen Hoffnungsträger ihre Stimme geben. Ein Spiel, das endlos weitergeht und immer tiefere Wunden hinterlassen wird – so lange wir es nicht schaffen, unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft auf eine von Grund auf neue, nichtkapitalistische Basis zu stellen, in der nicht mehr das Wohl von Banken, Börsen, Finanzinstitutionen, Vermögenden und Besitzenden an oberster Stelle steht, sondern das Wohl der ganz «gewöhnlichen» Menschen über alle Grenzen hinweg.

«Gute» und «böse» Mauernbauer

Die Schweizer Aussengrenze beginnt in Afrika. Genauer: südlich der Sahara. Dort, an den sandigen Grenzposten im Norden Nigerias, werden Migranten mithilfe des Bundes biometrisch erfasst. Das Ziel: Flüchtlinge davon abhalten, nach Europa zu kommen. «Verminderung der irregulären ­Migration», heisst das in Beamtendeutsch. Nigeria ist eines der wichtigsten Herkunftsländer von Einwanderern nach Europa. Täglich machen sich Menschen auf die gefährliche Reise Richtung Norden, fliehen vor Armut und Gewalt. Um diese Reise schon von Beginn weg zu erschweren, unterstützt die Schweiz die nigerianischen Grenzschützer mit 313’000 Franken. Das Geld fliesst über die Internationale Organisation für Migration (IOM) und wird vor Ort gebraucht, um Nigeria bei der «Datenerfassung im Grenzmanagement» zu unterstützen, wie es das Staats­sekretariat für Migration (SEM) in seinen Papieren formuliert. Weitere 60’000 Franken jährlich investiert das Bundesamt für Polizei (Fedpol) in die Zusammenarbeit mit der nigerianischen Polizei. Auch dabei geht es mitunter um die Bekämpfung der irregulären Migration. Die Gelder für Nigeria sind nur ein kleiner Teil der Schweizer Strategie, Flüchtlinge fernzuhalten. Längst baut der Bund kräftig mit an der Festung Europa. 345’000 Franken fliessen nach Ägypten in den «Kapazitätsaufbau zur Bekämpfung von Menschenschmuggel», 12’000 in die Kooperation mit der tunesischen Polizei. Und: 80’000 pro Jahr zahlt die Schweiz an die Ausbildung der maltesischen Küstenwache für Einsätze auf dem Mittelmeer. Malta hat ähnlich wie Italien einen harten Kurs gegen private Seenotretter wie die deutsche Kapitänin Carola Rackete eingeschlagen. Hinzu kommt das Schweizer Engagement bei Frontex, der europäi­schen Grenz- und Küstenwache. Die Schweiz ist in Griechenland, Italien, Bulgarien, Kroatien und Spanien aktiv. Mit 14 Millionen Franken unterstützte der Bund Frontex letztes Jahr. Dazu kommen 1457 Einsatztage von Schweizer Grenzwächtern, Kantonspolizisten und SEM-Beamten. Um die Flüchtlinge schon auf hoher See abzufangen, lässt sich der Bund auch mal auf Kooperationen mit fragwürdigen Partnern ein. So warf das SEM eine Million Franken auf, damit libysche Küstenwächter ausgebildet werden können und um deren Schiffe mit Material auszustatten. Zur besagten libyschen Küstenwache gehören mitunter auch bewaffnete Milizen, die die Migranten in überfüllte Lager auf dem afrikanischen Festland zurückzwingen. Regelmässig machen Schreckensmeldungen von Vergewaltigungen und Folter in den Lagern die Runde. Diese Woche wurden bei Luftangriffen auf ein Flüchtlingscamp in Tripolis 56 Menschen getötet.

(www.blick.ch)

Ein Schrei der Empörung ging durch ganz Westeuropa, als im August 1961 die Machthaber der damaligen DDR quer durch Berlin und an der Grenze zwischen der BRD und der DDR eine mit Minenfeldern und Stacheldrahtzäunen bewehrte Mauer errichten liessen, um DDR-Bürgerinnen und -Bürger davon abzuhalten, in den – vergleichsweise reicheren – Westen zu fliehen. Im Laufe der folgenden Jahre verloren mehrere hundert Flüchtlinge beim Versuch, diese Mauer zu überwinden, ihr Leben. Heute, fast 60 Jahre später, werden wieder Mauern gebaut. Nur sind es nicht mehr die «bösen» Kommunisten, die das tun, sondern die «guten» demokratischen Westeuropäer selber, ausgerechnet jene also, die sich damals über die «kommunistische» Mauer so empört zeigten. Worin liegt der Unterschied? Gibt es «gute» und «böse» Mauerbauer? Wohl kaum. Auch die neuen Mauern, mit denen Afrikanerinnen und Afrikaner davon abgehalten werden sollen, nach Europa zu gelangen, sind Mauern zwischen Armut und Reichtum, genau so wie die damaligen Mauern der DDR. Wiederum sollen Menschen, die unter Armut, Unterdrückung und Verfolgung leiden, daran gehindert werden, ein anderes Land aufzusuchen, das ihnen eine bessere Lebensperspektive bietet. Was die Grössenverhältnisse betrifft, so sind die von den heutigen Mauern zwischen Norden und Süden betroffenen Menschen wohl um ein Vielfaches zahlreicher als damals die betroffenen DDR-Bürgerinnen und -Bürger. Und das heutige Wohlstandsgefälle zwischen dem Norden und dem Süden ist ebenfalls zweifellos um ein Vielfaches grösser als das damalige Wohlstandsgefälle zwischen West- und Osteuropa. Dass die Schweiz – als reichstes Land der Welt – an diesem neuen Mauerbau an vorderster Front aktiv beteiligt ist, verwundert nicht sonderlich. Verwunderlich ist einzig, wie heimlich und unbeachtet von der politischen Öffentlichkeit dies alles geschieht. Wo bleibt heute jener Schrei der Empörung, der 1961 ganz Europa zum Zittern brachte?

«Es gibt keine Verschnaufspausen»

Was bewegt Lernende während ihrer Berufslehre? Das wollte die Pädagogische Hochschule St. Gallen in ihrer Befragung «Lebenswelten» herausfinden. Ein erster, unveröffentlichter Zwischenbericht liegt nun vor. Die bereits ausgewerteten Daten von 953 Befragten aus der Ostschweiz aus den Berufen von Kauffrau über Heizungsinstallateur bis hin zur Polymechanikerin zeigen: Die Lehre ist für viele kein Zuckerschlecken. So stimmen mehr als 60 Prozent der Lernenden der Aussage, bei der Arbeit häufig unter Zeitdruck zu stehen, mit «teilweise» bis «völlig» zu. Jeder Zehnte gibt an, es stimme völlig, dass er mehr Verschnaufpausen brauche. Die jungen Berufsleute sehen sich zudem mit grossen Ansprüchen konfrontiert: Mehr als die Hälfte findet, es stimme «teilweise» bis «völlig», dass an sie zu hohe Anforderungen gestellt würden. In der Befragung äusserten sich die Lernenden auch konkret dazu, wie sie den Druck im Arbeitsleben wahrnehmen. Eine Auswahl: Automobilfachmann im 1. Lehrjahr: «Ich muss arbeiten, als wäre ich fertig mit meiner Lehre. Ich darf zwar fragen, aber ich muss die Zeiten einhalten.» Fachfrau Gesundheit, 1. Lehrjahr: «Es ist viel Zeitmangel vorhanden, mit dem ich nicht immer klarkomme. Durch Personalmangel entsteht noch mehr Stress.» Grafikerin, 3. Lehrjahr: «Es gibt keine Verschnaufpausen, ich muss konstant an vielen verschiedenen Aufgaben arbeiten. Viele Überstunden, den ganzen Tag weg von zu Hause sein.» Fachfrau Gesundheit, 2. Lehrjahr: «Unter Zeitdruck arbeiten, Schule und Arbeit unter einen Hut zu bekommen. Allen gerecht zu werden, sei es den Patienten oder der Berufsbildnerin, Angehörigen und Lehrerinnen.» Dies alles, so Lehrlingsbetreuer Andrea Ruckstuhl, habe generell mit dem gestiegenen Druck in der Arbeitswelt zu tun. «Ein Schreiner musste früher handwerkliches Können besitzen, heute muss er zwingend einen Computer bedienen können», so Ruckstuhl. «Diese Realität kann für viele trotz vorheriger Schnupperlehre ein Schock sein», sagt er. Hinzu komme der Zeitdruck, unter dem viele Betriebe stünden. Es bleibe wenig Zeit für Lernende, sich gründlich in eine Aufgabe einzuarbeiten. So stören sich laut Befragung auch mehr als 40 Prozent der Befragten daran, immer wieder bei der Arbeit unterbrochen zu werden. Ruckstuhl beobachtet, dass die meisten Lehrvertragsauflösungen wegen Konflikten mit Mitarbeitern oder dem Chef erfolgten. Das sei wiederum auf den Druck zurückzuführen. Denn wenn die Berufsbildner gestresst seien, hätten sie auch kaum Zeit für die Lernenden – und die fehlende Hilfe führe bei den Jugendlichen zu Überforderung.

(www.20minuten.ch)

Hohe Ansprüche. Viel Zeitmangel. Viel Stress. Zu grosser Zeitdruck. Zu hohe Anforderungen. Keine Verschnaufpausen. Viele Überstunden. Zu hohe Erwartungen, allem gerecht zu werden: Lehrlinge sind die sensibelsten Gradmesser der Arbeitswelt. Denn im Gegensatz zu einem 30- oder 50jährigen Familienvater ist ihre persönliche Entwicklung noch längst nicht abgeschlossen, soziale Bindungen und persönliche Freundschaften müssen erst noch gesucht und aufgebaut werden, dunkle Phasen mit mangelndem Selbstwertgefühl, persönlichen Enttäuschungen, Gefühlen von Ohnmacht und Ausgeliefertsein an die Forderungen, Zurechtweisungen oder den Tadel durch Vorgesetzte sind nicht selten. Dazu kommt die permanente Doppelbelastung durch Arbeitsplatz und Berufsschule, an beiden Orten werden Höchstleistungen gefordert und die Lehrlinge sind damit einem Erwartungsdruck ausgesetzt, dem weder die fertig ausgebildeten Berufsleute unterliegen noch all jene Jugendlichen, welche ein Gymnasium besuchen und sich voll und ganz auf die Schule konzentrieren können. Kein Wunder also, brechen so viele Jugendliche ihre Lehre ab. Können wir uns das auf die Länge leisten? Soll sich das Karussell der Arbeitswelt immer schneller drehen, bis sich nur noch die Allerstärksten daran festzuklammern vermögen und immer mehr andere, die nicht so stark sind, über Bord gehen? Was für eine Verschleuderung von Lebenskraft, von Talenten und Begabungen. Wäre es nicht endlich an der Zeit, das Tempo des Karussells so zu verlangsamen, dass alle, die dort angefangen haben, auch bis ganz zuletzt dabei bleiben können, mit Lust und Freude und ohne krank zu werden, ohne sich permanent überfordert zu fühlen und ohne das Selbstvertrauen und den Lebensmut zu verlieren…

 

«Du wirst fallengelassen wie eine heisse Kartoffel»

«Du wirst fallengelassen wie eine heisse Kartoffel», erzählt der 60jährige R.K. in der „NZZ am Sonntag“ vom 7. Juli 2019. Zuletzt arbeitete er 16 Jahre lang als Geschäftsführer kleinerer Firmen, mit 58 wurde er überraschend entlassen. Doch habe er die nächsten zwei Jahre dank der Arbeitslosenversicherung und der Hoffnung auf eine neue Stelle gut überstanden. «Der viel härtere Schlag war die Aussteuerung. Das ist ein langsamer Erstickungstod: finanziell, gesundheitlich und sozial.» Trotz 300 Bewerbungen hat R.K. keinen neuen Job gefunden. R.K. ist kein Einzelfall. Gemäss Statistik des Amts für Wirtschaft und Arbeit (AWA) des Kantons Zürich werden 51 Prozent der Arbeitslosen im Alter über 60 Jahren ausgesteuert. In der Sozialhilfe sind die 55- bis 64Jährigen die am schnellsten wachsende Gruppe. Seit 2010 stieg ihre Zahl von 17’000 auf 27’000 Personen – eine Zunahme von fast 60 Prozent. Wer ausgesteuert wird, sitzt in der Armutsfalle: So erhalten Alleinstehende erst dann Sozialhilfe, wenn ihr Vermögen unter 4000 Franken fällt und ihr Wohneigentum verkauft ist.

Das einzige Argument für eine Erhöhung des Rentenalters besteht in der Behauptung, dass wir uns, weil die Menschen immer älter werden und damit während einer immer längeren Zeit eine Rente beziehen, das heutige Rentenalter schlicht und einfach nicht mehr leisten könnten. Es geht also um Geld. Um Geld, dass bei der AHV fehlt, wenn wir zu früh in Rente gehen. Um Geld, das auch zukünftigen Generationen von Rentnerinnen und Rentnern fehlen wird, wenn wir heute zu viel davon «verprassen». So weit so gut. Doch die Realität sieht, wie die im obigen Artikel erwähnten Zahlen belegen, ganz anders aus: Die Wirtschaft will gar nicht, dass über 60Jährige noch länger einen Arbeitsplatz haben, die Zahl jener, die schon ab 55 keine neue Stelle mehr finden und ausgesteuert werden, steigt explosionsartig. Und auch da geht es wieder um Geld: Um das Geld, das die Erwerbslosen von der Arbeitslosenkasse erhalten. Um das Geld, das die Ausgesteuerten zwecks Lebensunterhalt aus ihrem eigenen Sack berappen müssen, bis sie gerade mal noch ein Vermögen von 4000 Franken ihr eigen nennen. Um Geld, das in Form von Sozialhilfe geleistet wird. Und nicht selten auch um Geld, das von der IV geleistet wird für Menschen, die den steigenden Anforderungen der heutigen Arbeitswelt nicht mehr gewachsen sind.

Wenn man also aus finanziellen Gründen eine Erhöhung der AHV-Renten fordert, dann müsste man ehrlicherweise einräumen, dass das Geld, welches dort gewonnen wird, dafür an anderen Orten wieder fehlt bzw. aufgebracht werden muss: bei der Arbeitslosenkasse, bei der Sozialhilfe, bei den Privatvermögen jedes Einzelnen, bei der IV. Was käme wohl heraus, wenn man alle diese Aufwendungen zusammenzählen würde? Der Systemfehler liegt darin, dass alle diese Kassen fein säuberlich voneinander getrennt sind und jede einzelne unabhängig von den anderen – und letztlich auf Kosten der anderen – für ihre Existenz kämpfen muss, schliesslich hat jene Kasse die Oberhand, welche das grösste politische Gewicht und die stärksten politischen Vetreterinnen und Vertreter hat. Die einzige vernünftige Lösung würde darin bestehen, alle diese Kassen zu einer einzigen zusammenzulegen, um nicht die eine gegen die andere auszuspielen. Vielleicht würde man dann beispielsweise, wenn man die steigenden Kosten für die Sozialhilfe und für die Unterstützung von Arbeitslosen in Betracht zieht, nicht mehr so leichtfertig eine Erhöhung des AHV-Alters fordern.

Arbeitsbedingungen der Postautofahrer: Wer profitiert und wer zahlt drauf?

Postautofahrer ist ein anspruchsvoller Job: lange Tage, hoher Zeitdruck – und riesige Verantwortung für die Passagiere. Eine Gruppe Chauffeure beklagt nun die harten Arbeitsbedingungen: «Wir sind teilweise so erschöpft, dass wir die Sicherheit von Kunden und Fahrern nicht mehr gewährleisten können.» Die Chauffeure, die aus Angst um den Job anonym bleiben wollen, stellten dem «Blick» ihre Arbeitspläne zur Verfügung. Diese belegen: Tatsächlich kommen die Fahrer manchmal an ihre Grenzen. So muss etwa ein Chauffeur in Nunningen SO ab dem 1. Juli ganze zwölf Tage am Stück hinter dem Steuer sitzen – ohne auch nur einen freien Tag. Ein normales Privatleben sei so nicht möglich, sagt der Chauffeur. «Es ist uns bewusst, dass eine Folge von zwölf Arbeitstagen eine Belastung für unsere Mitarbeitenden darstellt», heisst es von Seiten der Verantwortlichen von Postauto. Man habe die Planer angehalten, solche Monstereinsätze nach Möglichkeit zu vermeiden. Gleichzeitig sei aber auch klar: Entscheidend seien die Bedürfnisse der Kundschaft – und nicht die der Fahrer…  Andere Fahrer haben Schichten, die sich über fast 14 Stunden erstrecken. So beginnt ein Chauffeur seinen Tag um 5.37 Uhr morgens. Und parkiert das Postauto um 19.13 Uhr am Abend. Zwar gibt es – unbezahlte – Wartezeiten während des Tages. Zu oft verbringen die Fahrer diese Leerzeiten aber neben ihren Fahrzeugen, beklagen sie. Habe man zwischen den Fahrten eine oder zwei Stunden freie Zeit, lohne es sich nämlich in den wenigsten Fällen, die Heimreise anzutreten. «Wir warten manchmal an Orten, wo es keine Toiletten oder Wasser gibt», sagen die unzufriedenen Chauffeure. Und manchmal zerstückeln diese unbezahlten «Pausen» die Dienste fast bis zur Unkenntlichkeit. So ist die Dienstdauer des Einsatzes mit der Nummer 243018 mit 7 Stunden und 36 Minuten angegeben. Im krassen Gegensatz dazu steht die bezahlte Zeit: gerade mal 2 Stunden und 36 Minuten! Konkret: Der Dienst beginnt um 5.47 morgens und dauert bis 7.13 Uhr. Danach hat der Fahrer Pause bis 12.15 Uhr – um dann noch eine knappe Stunde fahren zu dürfen. Nebeneffekt kann dann sogar sein, dass ein Chauffeur nach einem langen Tag nicht auf seine Stundenzahl kommt…

Vor 1998 – dem Ende der guten alten PTT – wären solche Zustände undenkbar gewesen. Da hatte die Zufriedenheit der Angestellten noch einen mindestens so hohen Stellenwert wie die Zufriedenheit der Kundschaft. Lebensqualität kann sich nur dort bilden, wo alle Beteiligten daraus einen Nutzen ziehen, eine win-win-Situation also. Wenn der öffentliche Verkehr so einseitig kundenorientiert ist und sozusagen diesen Kundinnen und Kunden jeden Wunsch von den Lippen abliest, während jene, welche die entsprechenden Leistungen erbringen müssen, unmenschliche Arbeitszeiten zu ertragen haben und sogar über viele Tage auf ein geregeltes Familienleben verzichten müssen, dann ist etwas ganz Zentrales in Schieflage geraten. Kundinnen und Kunden dürften nur in dem Masse «Könige» und «Königinnen» sein, als es auch die Angestellten sind.