Gastrobranche: Bevor das Kartenhaus zusammenbricht…

Nach der Lehre nichts wie weg. Das sagen sich offenbar viele junge Berufsleute in der Gastro-Branche. Denn rund jeder zweite Lehrabgänger schmeisst seinen Beruf hin und ist vier Jahre nach der Lehre nicht mehr in der Branche tätig, wie das aktuelle Lehrlingsbarometer der Hotel & Gastro Union (HGU) zeigt. Schuld an den vielen Abgängen sind laut HGU Arbeitszeiten, Überstunden, Dienstplan und Ferienregelung. Gemäss einer früheren Umfrage sind rund ein Drittel der Berufsabgänger damit unzufrieden. Im Bereich Restaurants und Service sind es gar mehr als die Hälfte. Ein anderes Problem sei der Ruf der Branche. «Wir müssen schauen, dass der Beruf in der Gesellschaft besser akzeptiert ist», sagt HGU-Marketingchef Roger Lütolf. So würden etwa viele Eltern ihren Kindern abraten, in die Branche einzusteigen. «Doch der Beruf ist ein Handwerk, das viel Leidenschaft erfordert, – und nicht einfach ein Job, um neben dem Studium ein bisschen Geld zu verdienen.

Eigentlich müssten die Gastroberufe das erdenklich höchste gesellschaftliche Ansehen geniessen, das man sich nur vorstellen kann. Ist nicht die professionell organisierte Hochzeitsfeier mit einem wunderbaren Menu ein absolutes Highlight im Leben eines jeden frischvermählten Ehepaars? Freuen wir uns nicht schon Wochen oder Monate im Voraus auf unsere Hotelferien, wo wir uns rund um die Uhr von freundlichen Rezeptionistinnen, zuvorkommenden Kellnerinnen, fleissigen Zimmermädchen und exzellenten Köchen werden verwöhnen lassen? Treffen wir uns nicht mit aller grösstem Vergnügen wöchentlich in unserer «Stammbeiz», um in gemütlicher Atmosphäre zu plaudern und zu lachen? Was für ein Widerspruch: Auf der einen Seite nehmen wir alle diese Dienstleistungen noch so dankbar entgegen, auf der anderen Seite bestrafen wir jene, die sie verrichten, mit gesellschaftlicher Geringschätzung, schlechten Löhnen und katastrophalen Arbeitsbedingungen. Ein gesellschaftliches Pulverfass, denn eines Tages werden uns nicht mehr nur die Köche und Servierinnen davonlaufen, sondern auch die Verkäuferinnen, die Krankenpflegerinnen, die Kanal- und Kehrichtmänner, die Fabrikarbeiterinnen und Fabrikarbeiter. Spätestens dann, wenn alles wie ein Kartenhaus in sich zusammenbricht, werden wir wohl erkennen, dass wir ihnen allen viel mehr Sorge hätten tragen müssen – durch entsprechende gesellschaftliche Anerkennung, durch faire Arbeitsbedingungen und durch einen Lohn, der weit über dem liegen müsste, was heute üblich ist und ganz und gar nicht den extrem hohen Anforderungen entspricht, die in diesen Berufen an der Tagesordnung sind.

Preiskampf auf dem Buckel von Tier und Mensch

Auf den Transportfahrzeugen, dicht an dicht aneinandergedrängt, ohne Wasser und oft in grösster Hitze, oft über zehn oder mehr Stunden lang, erleiden die Tiere unvorstellbare Qualen und trampeln sich nicht selten gegenseitig zu Tode. Dies hat auch viel mit dem Druck auf die Transporteure zu tun. «Je nach Tour», sagt einer von ihnen, «ist es fast nicht möglich, die Zeiten einzuhalten. Wollte man gute Bedingungen für die Tiere und die Chauffeure, dann müsste das Fleisch doppelt so teuer sein. Das will aber niemand.»

(Tages-Anzeiger, 5. Juli 2019)

Gnadenloser Preiskampf auf dem Buckel sowohl der Tiere wie auch der Chauffeure. Kapitalismus pur. Dabei wäre die Lösung so naheliegend: Entweder verzichtet man gänzlich auf den Verzehr von Fleisch. Oder man sorgt für tiergerechte Transporte und anständige Arbeitsbedingungen für die Chauffeure. Was zwar den Preis des Fleisches verdoppeln würde, doch hätte auch dies wiederum den positiven Effekt, dass viel weniger Fleisch gegessen würde – ein Segen für die Tiere, für die Natur und für den Erhalt der zukünftigen Lebensgrundlagen.

Nicht «böse« Chefs, sondern «böses» betriebswirtschaftliches Denken

P.D. arbeitete als «Front-Mitarbeiter» in einem Hotel der Gastro-Kette Local Group, in Suhr AG. «Ausbeutung pur», sagt er, «ich musste einfach alles machen – von der Reception und der Kasse über das Putzen bis zum Kochen und Backen. Einmal war ich alleine für die Reinigung von 30 Zimmern zuständig. Ich arbeitete bis zum Umfallen und kam alleine im Juni auf 383 Arbeitsstunden, tatsächlich waren es aber sicher noch einige mehr.»… S.F. brach seine Lehre als Detailhändler 2014 ab. Sein Chef hatte ihm im ersten Monat 20 Minusstunden eingeschrieben. «In den nächsten zwei Monaten habe ich mehrmals 11,5 Stunden am Stück gearbeitet», so S.F., «aber trotzdem hielt sich mein Stundensaldo im Minus auf». Als er ihn darauf angesprochen habe, sei der Chef ausgewichen und in sein Büro abgehauen… Noch brutaler sind die Schilderungen von T.P.: Er brach die Lehre als Bäcker ab, nachdem er vom neuen Inhaber stark gemobbt wurde. «Die Bäckerei wurde für mich zum schlimmsten Ort. Der Inhaber hat mir die Hand in die Fritteuse gehalten, weil die Berliner nicht rechtzeitig fertig waren.»… Körperliche Gewalt erlebte auch P.M. in seiner Ausbildung zum Kunststofftechnologen. «Maschinenführer wurden teilweise handgreiflich mit Fusstritten. Ich hatte keinen Mut, mich zu wehren, weil ich fürchtete, die Lehrstelle zu verlieren. Was dann?» – Kein Wunder, gehen der Schweiz die Handwerkerinnen und Handwerker aus. Über 42’000 Stellen sind zurzeit frei, wie eine Untersuchung von «Blick» zeigt. Und der Nachwuchs fehlt: Für viele Junge ist es nicht mehr attraktiv genug, in einen handwerklichen Beruf einzusteigen. Immer häufiger werden Handwerkerlehren frühzeitig abgebrochen. Spitzenreiter ist Coiffeur mit 41,9%, danach folgt der Carrossierspengler mit 40,6%, dicht gefolgt vom Plattenleger mit 40,4%. Das Bundesamt für Statistik erfasste für eine Statistik 2012 fast 60’500 Lernende, die in jenem Sommer ihre Ausbildung begannen. 17% von ihnen brachen eine Lehre ab, also über 10’000 junge Menschen.

(www.blick.ch)

Meist werden, wenn von solchen Missständen die Rede ist, die «bösen» Chefs an den Pranger gestellt. Tatsächlich aber müsste man nicht die Chefs an den Pranger stellen, sondern das Prinzip des betriebswirtschaftlichen Renditedenkens. Das Hotel, in dem P.D. arbeitete, steht ja nicht alleine auf weiter Flur. Es ist einem täglichen knallharten Konkurrenzkampf mit zahllosen weiteren Hotelbetrieben in der näheren und weiteren Umgebung ausgesetzt. Würde man mehr Personal einstellen und dieses besser entlöhnen, müsste man die Zimmerpreise entsprechend anpassen und kein Gast käme ausgerechnet noch in dieses Hotel, wenn ihm ein kostengünstigeres Konkurrenzangebot zur Verfügung steht. Und genau gleich ist es mit jedem Verkaufsgeschäft, mit jeder Bäckerei, mit jeder Gärtnerei, mit jedem Restaurant und mit jedem Handwerksbetrieb. Sie alle sind gezwungen, sich gegenseitig zu zerfleischen, und dies stets auf dem Buckel der Angestellten und unter ihnen wiederum in ganz besonderem Masse auf dem Buckel der Lehrlinge, die sich kaum gegen masslose Arbeitsbedingungen und entwürdigende Behandlung durch Vorgesetzte zu wehren getrauen.

Eine Lösung besteht einzig und allein in einer Abkehr vom betriebswirtschaftlichen Renditedenken und der damit verbundenen gegenseitigen zu Tode Konkurrenzierung. Eine Sichtweise, die sich nicht an betriebswirtschaftlichem, sondern volkswirtschaftlichem Denken orientiert: Die Frage würde dann nicht mehr lauten: Wie viel Gewinn kann ich aus diesem oder jenem Betrieb herauspressen? Sondern: Was ist der volkswirtschaftliche Nutzen dieses oder jenes Betriebs? Was wäre eine Schweiz ohne Hotels und Restaurants, ohne Bäckereien und ohne Handwerksbetriebe, ohne Gärtnereien und ohne Bücherläden? Und genau so, wie das zum Beispiel auch bei Schulen, Museen, Bibliotheken, Theatern, Spitälern und der Landwirtschaft der Fall ist, müssten diese Betriebe gewisse staatliche Zuschüsse erhalten, damit sie, um überleben zu können, nicht dazu gezwungen sind, ihr Personal gnadenlos auszubeuten. Zweifellos würde das einiges kosten, doch der gesellschaftliche und menschliche Nutzen wäre immens…

 

Zwei Berufe statt einer: ein utopisches Gesellschaftsmodell

Bundesrat Alain Berset schlägt vor, das Frauenrentenalter von 64 auf 65 Jahre anzuheben. Und dies, obwohl Hunderttausende von Frauen anlässlich des Frauenstreiktags vor wenigen Wochen noch vehement gegen eine Erhöhung des Frauenrentenalters auf die Strasse gingen.

(Tages-Anzeiger, 4. Juli 2019)

In den Diskussionen rund um das Rentenalter geht meistens vergessen, dass Arbeit nicht gleich Arbeit ist. Es gibt berufliche Tätigkeiten, die man, wenn es möglich wäre, zeitlebens ausüben möchte, während für andere das genaue Gegenteil zutrifft. Der Schweizer Maler, Bildhauer und Grafiker Hans Erni arbeitete noch im Alter von 100 Jahren täglich von früh bis spät in seinem Alter. Bruno Ganz drehte mit 76 Jahren seine letzten Filme. Emil Steinberger steht noch heute, mit 86 Jahren, allabendlich auf der Bühne. Eine Fabrikarbeiterin oder ein Bauarbeiter hingegen würden, wenn dies möglich wäre, am liebsten vielleicht schon mit 50 Jahren in Pension gehen…

Denkbar also, dass jeder berufstätige Mensch sein Pensionierungsalter selber bestimmen könnte. Was allerdings unabsehbare finanzielle und gesellschaftspolitische Auswirkungen hätte und wohl kaum in naher Zukunft realisierbar wäre. Eine ebenfalls im Moment noch utopisch erscheinende, aber theoretisch machbare und realisierbare Lösung könnte so aussehen: Jeder Mensch arbeitet nicht nur in einem, sondern in zwei Berufen, die er je halbtags ausübt. Der erste Beruf, das ist sein eigentlicher Wunschberuf, jener Beruf, in dem er seine ganz persönlichen Vorlieben und Begabungen ausleben könnte, jener Beruf, den er, wenn es möglich wäre, am liebsten zeitlebens ausüben würde. Der zweite Beruf, das ist ein Teil jener gesamtgesellschaftlichen «Bürde», die geleistet werden muss, wenn ein Gemeinwesen funktionieren soll: Produktion von Nahrungsmitteln, Landschaftspflege, Dienst an Kranken und Pflegebedürftigen, Strassenbau und Strassenunterhalt, usw. Der grosse Vorteil dieses Modells würde darin liegen, dass es nicht weiterhin privilegierte und benachteiligte Berufsgruppen gibt, sondern dass jeder und jede ihren Teil der gesamtgesellschaftlichen Bürde trägt, sich damit aber anderseits auch die Chance verdient, in seinem «Traumberuf» tätig zu sein.

Und was hat das mit dem Pensionierungsalter zu tun? Nun, im zweiten Beruf, dem «Dienst an der Gemeinschaft», könnte man dann zum Beispiel schon mit 60 Jahren in Pension gehen, während man den ersten, selber gewählten Beruf so lange ausüben könnte, wie man wollte. Und alles, sowohl die Lasten wie die Freuden, wäre gleichmässig auf alle verteilt.

Wer hat, dem wird gegeben…

Wer während seines Arbeitslebens höheren Belastungen ausgesetzt ist, hat nach dem Eintritt ins Rentenalter eine geringere Lebenserwartung. Das ist das Ergebnis einer Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg Essen. Nach Angaben der Studie können psychische und körperliche Belastungen während des Arbeitslebens und die Anzahl der Berufsjahre langfristig die Lebenserwartung ab 65 Jahren beeinflussen. Menschen mit höherer Bildung würden häufig besser verdienen und hätten deshalb vermutlich auch verträglichere Arbeitsbedingungen, so die Autoren. «Wer dagegen sehr hohen Arbeitsbelastungen ausgesetzt war, stirbt früher», schreibt die Universität in einer Pressemitteilung.

(www.spiegel.de)

Hat da noch jemand behauptet, das kapitalistische Arbeits- und Wirtschaftssystem sorge für sozialen Ausgleich und Gerechtigkeit? Von wegen: Wer hat, dem wird gegeben. Und wer nichts hat, dem wird gar noch das Letzte genommen, was er gerne hätte, nämlich einen geruhsamen Rest des Lebens…

Einheitslohn: «völlig einleuchtend und völlig überzeugend»

«Siehst du», sagte ich, «das war schon bei den afrikanischen Ureinwohnern so, bevor die Weissen kamen: Tagsüber ging man auf die Jagd. Die einen erlegten mehr Tiere, die anderen weniger, die Dritten gar keine. Aber am Abend, wenn das Feuer brannte, teilte man die ganze Beute gleichmässig auf alle Bewohnerinnen und Bewohner des Dorfes auf, egal, ob sie viel, wenig oder gar nichts gejagt hatten. Das ist doch nichts anderes als ein Einheitslohn. Übertragen auf eine nationale Gemeinschaft wie die Schweiz würde das heissen: Alle geben ihr Bestes, von der Putzfrau über den Schuhverkäufer bis zur Ärztin und zum Rechtsanwalt. Dabei wird ihre Beute sehr unterschiedlich sein, je nach Sparte und Branche, je nach betriebswirtschaftlichem Erfolg, je nach Wertschöpfung. Aber am Ende des Tages könnten doch alle ihre Beute zusammentragen und alles Erbeutete gleichmässig unter alle verteilen. Das wäre der Einheitslohn. Tönt doch logisch, oder nicht?» – «Absolut logisch, einleuchtend und völlig überzeugend», sagte S., die bisher zur zugehört hatte. «Aber es wird sich niemals realisieren lassen, davon bin ich zutiefst überzeugt.»

Wie war das mit dem Frauenstimmrecht? Mit der Abschaffung der Sklaverei? Mit dem Verbot der Kinderarbeit? Gab es da nicht auch genau die gleichen Stimmen, die das alles total überzeugend und einleuchtend fanden, dennoch nicht an eine Realisierung glaubten? Und was ist mit den Atomwaffen? Und überhaupt mit Waffen? Seltsam, technisch und wissenschaftlich befindet sich die Menschheit auf einem Niveau, von dem frühere Generationen nicht einmal zu träumen wagten. Gesellschaftliche Visionen dagegen, die auch nur ein klein wenig über das Althergebrachte und Gewohnte hinausgehen, lösen bloss Skepsis und Kopfschütteln aus. Weshalb eigentlich? Wo klemmt es?

Unten gibt es eine Kommentarspalte. Mich würde extrem wundernehmen, was die Leser und Leserinnen meines Blogs zur Idee eines Einheitslohns meinen.

Carola Rackete: Verkehrte Welt

In der Nacht auf den 29. Juni durchbricht Carola Rackete, die junge deutsche Kapitänin des Flüchtlingsschiffs Sea-Watch 3, nach einem langen Patt mit 40 Migranten die Hafenblockade in Lampedusa. Der Notstand an Bord sei nach siebzehn Tagen auf See untragbar geworden, so Rackete. Es sei zu befürchten gewesen, dass sich einige ihrer Passagiere aus Verzweiflung das Leben nehmen würden. Darum habe sie beschlossen, ohne Erlaubnis in den Hafen zu fahren. Unmittelbar darnach wird Carola Rackete verhaftet und unter Hausarrest gestellt. Nun wartet sie auf den Bescheid aus dem zuständigen Gericht von Agrigent. Bereits angeklagt ist sie für mögliche «Begünstigung der illegalen Einwanderung», ein Vergehen, das nach italienischem Recht mit bis zu 15 Jahren Gefängnis geahndet werden kann. Zudem riskieren Rackete und die Sea-Watch 3 eine Geldstrafe von bis zu 50’000 Euro, weil sie das Anlegeverbot missachtet haben. Sollte hingegen im besten Falle am Ende nichts an Rackete hängen bleiben, könnte sie immer noch des Landes verwiesen werden. Für fünf Jahre könnte der italienische Innenminister Salvini die Kapitänin aus Italien verbannen – «aus Gründen der nationalen Sicherheit».

(Tages-Anzeiger, 1. Juli 2019)

Seit 500 Jahren ist Afrika jeden Tag ein bisschen ärmer geworden, damit Europa ein bisschen reicher werden konnte. Endlos ist die Geschichte von den Gemetzeln an der afrikanischen Urbevölkerung, von der Versklavung unzähliger Millionen von Afrikanern und Afrikanerinnen, von der gnadenlosen Ausbeutung afrikanischer Bodenschätze und der millionenfachen Abholzung der afrikanischen Wälder. Mit dem, was der europäische Mensch dem afrikanischen Menschen im Laufe dieser Zeit angetan hat, könnte man nicht bloss ganze Bücher, sondern sogar ganze Bibliotheken füllen. Und obwohl alle diese Verbrechen, all dieser Völkermord, die Plünderei und die Versklavung eines ganzen Kontinents durchaus mit den Greueln des Nationalsozialismus zu vergleichen sind, hat, was die Ausplünderung Afrikas betrifft, nie auch nur ansatzweise eine so umfassende historische Aufarbeitung und Wiedergutmachung stattgefunden, wie dies beim Nationalsozialismus der Fall ist. Weshalb? Weil das nationalsozialistische Machtsystem zusammenbrach und es einen radikalen Neuanfang gab, während die Ausbeutung Afrikas nie ein Ende gefunden hat, sondern auch in unseren Tagen nahezu ungehindert weitergeht. Nur so ist die Absurdität zu erklären, dass man einerseits all jene Menschen, welche der jüdischen Bevölkerung während der Nazizeit zur Seite standen oder ihnen zur Flucht aus Deutschland verhalfen, heute als Heldinnen und Helden feiert, während man eine junge deutsche Kapitänin, die genau das Gleiche tut – nur dass es diesmal keine Juden sind, sondern Afrikanerinnen und Afrikaner -, ins Gefängnis wirft….

Die heutige Wirtschaftsordnung: Im 19. Jahrhundert steckengeblieben

Der Meeresspiegel steigt, die Gletscher schmelzen, das Klima wird extremer. Christian Mumenthaler, Chef des Rückversicherers Swiss Re, der jedes Jahr Milliarden bezahlt für Schäden durch Waldbrände, Wirbelstürme, Überschwemmungen und dergleichen: «Der Klimawandel ist ein grosses Problem für die Menschheit». Eine andere Sprache spricht freilich der kürzlich veröffentlichte «BP Statistical Review of World Energy 2019», der jüngste Weltenergiebericht des Ölkonzerns BP. Die Daten zeigen für das vergangene Jahr das stärkste Wachstum des globalen Energiekonsums (+2,9 Prozent) seit 2010. Das ist fast doppelt so stark wie der Durchschnitt der vergangenen sechs Jahre (+ 1,5 Prozent) und bedeutet auch, trotz Zuwächsen bei den erneuerbaren Energien, mehr CO2. Laut BP-Chef Bob Dudley gibt es «wenig Zweifel, dass das gegenwärtige Tempo des Fortschritts nicht im Einklang steht mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens». Was ist vergangenes Jahr punkto Energie passiert? Die Erdölförderung und der Erdölverbrauch haben jeweils historische Höchstmengen erreicht. Allein die USA haben ihre Förderung um ein Sechstel ausgeweitet. Ähnlich sieht es aus bei der Erdgasgewinnung. Neben den USA weiteten hier auch Russland und der Iran die Produktion deutlich aus. Insgesamt nahmen Gasförderung und Gasverbrauch vergangenes Jahr um jeweils über 5 Prozent zu. Das sind die höchsten Zuwachsraten seit über 30 Jahren. Bei der Kohle lagen 2018 sowohl der Verbrauch (+ 1,4 Prozent) als auch die Förderung (+ 4,3 Prozent) nach drei Jahren des Rückgangs zum zweiten Mal in Folge über den Vorjahreswerten. Die Konsequenzen bei den CO2-Emissionen sind die gleichen wie in den Vorjahren. 2018 wurden insgesamt 33’685 Millionen Tonnen CO2 neu in die Atmosphäre ausgestossen. Das sind 645 Millionen Tonnen oder annähernd 2 Prozent mehr als im Vorjahr, es ist der grösste Zuwachs seit sieben Jahren und beinahe die Hälfte mehr als der Durchschnitt der sechs Jahre davor (+ 1,4 Prozent). Das entspricht den CO2-Emissionen, wenn man die Zahl der Autos auf der Erde um ein Drittel erhöhen würde. Der BP-Chefökonom Spencer Dale schreibt: «Es besteht ein wachsendes Missverhältnis zwischen den gesellschaftlichen Forderungen nach Massnahmen gegen den Klimawandel und dem tatsächlichen Tempo des dabei erzielten Fortschritts.»

(W&O, 29. Juni 2019)

Politiker, Politikerinnen, Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen kommen in wachsender Zahl zur Überzeugung, dass es mit der Energieverschwendung, dem Rohstoffverschleiss, dem CO2-Ausstoss und anderen Bedrohungen des Ökosystems nicht mehr lange so wie bisher weitergehen kann, ausser man setzt das Überleben der Menschheit in 50 oder 100 Jahren ganz bewusst aufs Spiel. Doch trotz aller Erkenntnis: Die kapitalistische Profit- und Wachstumsmaschine brummt ungestört weiter, und sogar noch ungehemmter und schneller denn je. Wir scheinen es mit einem goldenen Käfig zu tun zu haben, den wir uns selber gebaut haben und aus dem wir aus eigener Kraft nicht mehr herausfinden. Selbst der BP-Chefökonom signalisiert diese Doppelbotschaft, diese selbst auferlegten Zwänge, diese Zerrissenheit zwischen Einsicht und Handeln, indem er von einem «wachsenden Missverhältnis» zwischen diesen beiden Polen spricht. Im Klartext: Lassen wir diesen kapitalistischen Motor weiterbrummen – und sein Tempo wird naturgemäss immer weiter zunehmen -, dann ist die Aussicht auf ein Überleben späterer Generationen äusserst gering. Sollen wir warten, bis wir am Abgrund stehen? Oder nicht gescheiter jetzt schon damit beginnen, die bestehende profit-, konkurrenz- und wachstumsorientierte Wirtschaft nach und nach in eine Wirtschaft des Teilens, der Kreisläufe, der Bescheidenheit und des Gemeinwohls umzuformen? Im Bereich der Technik und Forschung befinden wir uns schon bald im 22. Jahrhundert, so rasant folgt eine Neuerung der nächsten. Im Bereich der Wirtschaft dagegen sind wir noch im 19. Jahrhundert steckengeblieben. Diese ungeheure Diskrepanz gilt es wettzumachen, indem alle Phantasie, Kreativität und Erfindungsgabe der Menschen über alle Grenzen hinweg dazu aufgebracht werden müsste, um unsere Wirtschaftsordnung in der Weise umzubauen, dass sie nicht nur die Bedürfnisse der heutigen Menschen erfüllt, sondern zugleich auch die Bedürfnisse der Erde, der Natur, der Tiere und der zukünftigen Generationen…

Früh übt sich: Lohnunterschiede je nach Lehrberuf

Tiefe Lehrlingslöhne werden in Liechtenstein vor allem Coiffeusen (durchschnittlich 476 Franken in drei Lehrjahren), Bekleidungsgestalterinnen (623 Franken), Wohntextilgestalterinnen (633 Franken), Kosmetikerinnen (650 Franken) sowie Drogistinnen (762 Franken) bezahlt. Spitzenlöhne verzeichnen hingegen Berufe in der Baubranche wie zum Beispiel Grundbauer (1660 Franken). Weitere gut bezahlte Lehrberufe sind Landwirt (1133 Franken), Hotelfachmann und Koch (beide 1033 Franken) oder Fleischfachmann (991 Franken).

(Wirtschaftregional, 29. Juni 2019)

Man beachte: Mit tiefen Lehrlingslöhnen müssen sich vor allem Frauen abfinden. Männliche Lehrlinge verdienen in typischen «Männerberufen» bis zu fast viermal so viel! So werden die jungen Berufsleute schon ganz von Anfang an daran gewöhnt, in eine Arbeitswelt hineinzuwachsen, in der dann bis zum äussersten Exzess die Bestverdienenden – wiederum vorwiegend Männer – bis dreihundert mal mehr verdienen als die am schlechtesten Verdienenden. Was für eine grenzenlose Ungerechtigkeit. Ich bin fast ganz sicher, würde man ein fünfjähriges Kind, das von alledem noch nichts weiss, fragen, was ein «gerechter» Lohn sei, dann würde das Kind wohl sagen, alle müssten gleich viel verdienen. Denn jede und jeder trägt einen unverzichtbaren Teil am gesamten Funktionieren der Gesellschaft bei. Mehr zur Idee eines Einheitslohns hier: http://www.petersutter.ch/2018/12/was-ist-ein-gerechter-lohn.html

«Die Dynamik des Profits muss durch die Freude an der Dienstleistung ersetzt werden.»

Vor 22 Jahren feierte der damalige Migros-Chef Peter Everts den Kauf der Warenhauskette Globus als «Meilenstein» in der Firmengeschichte von Migros. Doch das sind längst vergangene Zeiten. Heute hat der Detailhandelsriese Migros mitgeteilt, dass er Globus, der seit Jahren rote Zahlen schreibe, verkaufen wolle. Ebenfalls auf der Verkaufsliste stehen das Möbelhaus Interio und der Dekoartikelverkäufer Depot. Und dies, obwohl Migros 2018 einen Reingewinn von einer halben Milliarde Franken erzielte.

Eigentlich wären das ja ideale Voraussetzungen: Migros erzielt einen Jahresgewinn von einer halben Milliarde Franken und könnte sich somit unter seinen zahlreichen Tochterfirmen, die rentabel sind und zu diesem Gewinn beitragen, durchaus auch zwei oder drei Zweige leisten, die negative Zahlen schreiben. Dies umso mehr, als sowohl Globus wie auch Interio und Depot über ein überaus breites, qualitativ hochstehendes und bei der Stammkundschaft sehr beliebtes Angebot verfügen. Das wäre ja Quersubventionierung, werden die Verfechter der «reinen Lehre» der freien Marktwirtschaft ausrufen. Doch was soll an einer solchen Quersubventionierung so schlecht sein? Wenn die Stärkeren die Schwächeren stützen und umgekehrt die Schwächeren von den Stärkeren profitieren – ist dies nicht eine im Grunde geniale Idee, die auch dem ursprünglichen Genossenschaftsgedanken der Migros ganz und gar entsprechen würde? Denn es geht ja nicht nur um die produzierte Ware und die Kundschaft, es geht auch um unzählige Arbeitsplätze, die verloren zu gehen drohen, da es, zumindest im Moment, gar keine potenziellen Käufer für Globus, Interio und Depot zu geben scheint. Logisch, denn wer will schon eine Firma kaufen, die bloss Verluste einfährt. Somit sind die drei «Sorgenkinder» bei der Migros genau am richtigen Platz. Hätten soziale, kulturelle und ethische Kriterien das gleiche Gewicht wie rein ökonomische, dann müsste die Migros stolz darauf sein, drei so traditionsreiche und wertvolle Firmen ihr eigen zu nennen, selbst wenn sie im rein ökonomischen Sinn nicht gewinnbringend sind. Ganz im Sinne des Migros-Gründers Gottlieb Duttweiler, der sagte: «Die Dynamik des Profits muss durch die Freude an der Dienstleistung ersetzt werden.»