Archiv des Autors: Peter Sutter

„Unser Leben ist auseinandergebrochen“ – eine aus dem Iran in die Schweiz geflüchtete Familie soll in ein Land zurückgeschafft werden, wo ihr Gefängnis, Folter oder vielleicht sogar der Tod drohen…

Peter Sutter, 20. November 2025

Vorliegende Aufzeichnungen beruhen auf einem persönlichen Treffen am 16. November 2025 zwischen mir und der aus dem Iran in die Schweiz geflüchteten Familie J.

Der Vater A. (50 Jahre) flüchtete vor 6 Jahren in die Schweiz, seine Frau R. (46) und ihre beiden Töchter K. (25) und N. (23) vor 3 Jahren.

A. geriet aufgrund eines von ihm verfassten regimekritischen Zeitungsartikels ins Kreuzfeuer des Regimes. Um einer drohenden Inhaftierung und möglichen Todesstrafe zu entgehen, flüchtete er im Jahre 2019 über die Türkei und Italien in die Schweiz. Sein Asylgesuch wurde im Jahre 2021 abgelehnt, das Urteil wurde vom zugewiesenen Anwalt ans Bundesverwaltungsgericht weitergezogen.

A. arbeitet seit 4 Jahren als Gipser mit einer 100%-Anstellung. Er ist während dieser Zeit allen Verpflichtungen nachgekommen und hat auch seine Steuern stets fristgerecht und vollumfänglich bezahlt. Seine Arbeitgeber sprechen seinem Einsatz und seiner Zuverlässigkeit das beste Zeugnis aus.

Für seine im Iran zurückgebliebene Frau und seine beiden Töchter wurde die Situation zunehmend schwieriger. Immer wieder tauchte die Polizei auf, oft mitten in der Nacht, stets mit Masken unkenntlich gemacht. Die Mutter und ihre beiden Töchter wurden bedroht und eingeschüchtert, den Aufenthaltsort des Vaters bekannt zu geben. Von Mal zu Mal wurde die Polizeigewalt brutaler. Einmal wurde K. so lange und so heftig geschlagen, bis ihr Körper dermassen betäubt war, dass sie die Schmerzen nicht mehr empfand. Immer wieder wurden die Mutter und ihre Töchter vergewaltigt.

Schliesslich ergriffen auch die Mutter und die beiden Töchter die Flucht aus dem Iran. Sie konnten sich Reisepapiere verschaffen und flogen nach Italien, von dort mit dem Zug in die Schweiz. Auch ihr Gesuch auf Asyl wurde, wie jenes des Vaters, abgelehnt und sodann ans Bundesverwaltungsgericht weitergezogen.

Da sich die Familie J. durch den Pflichtanwalt zu wenig gut vertreten fühlte, suchten sie einen neuen Anwalt. Durch Bekannte wurde ihnen S.H. in St. Gallen empfohlen. Aufgrund eines mit ihm abgeschlossenen Vertrags sind sie seither verpflichtet, ihm monatlich 500 Franken zu überweisen. Ihr Eindruck ist jedoch, dass auch S.H., wie schon der vorherige Pflichtanwalt, keine tatsächlichen Leistungen in ihrem Asylverfahren erbringt. Briefe an ihn bleiben unbeantwortet, Telefonanrufe nimmt er nicht entgegen, ihm eingereichte Dokumente haben sie bis jetzt nicht zurückbekommen.

Entgegen dem Wunsch der beiden Töchter (zu diesem Zeitpunkt 20 und 22 Jahre alt), mit ihren Eltern zusammen wohnen zu können, wurde die Familie vorerst getrennt untergebracht, erst nach mehrmaliger Nachfrage durften sie zusammenziehen.

K. und N. setzten alles daran, in der Schweiz eine Ausbildung machen zu können. Die Hürden, eine Lehrstelle zu finden, waren riesig, doch sie gaben nicht auf. Schliesslich fand sowohl K. wie auch N. auf August 2025 eine Lehrstelle als Coiffeuse, in zwei verschiedenen Salons. Vom Lehrlingsamt wurde ihnen infolge ihrer noch nicht perfekten Deutschkenntnisse eine zweijährige EBA-Lehre empfohlen, doch die beiden gaben sich nicht damit zufrieden, wollten sich unbedingt ein höheres Ziel setzen und eine dreijährige EFZ-Lehre in Angriff nehmen. Die Geschäftsleiterinnen der beiden Salons waren beim Schnuppern und beim Vorstellungsgespräch von der Einsatzbereitschaft und dem sympathischen Auftreten der beiden so begeistert, dass schliesslich sowohl K. wie auch N. einen Lehrvertrag für die dreijährige EFZ-Lehre erhielten. Beide Geschäftsleiterinnen sind über die beiden jungen Frauen voll des Lobes, beide gehören auch in der Berufsschule zu den Besten in ihrer Klasse, beide haben aktuell einen Notendurchschnitt von über 5.0.  

Die Mutter musste sich infolge einer Brustkrebserkrankung bereits im Iran einer Chemotherapie unterziehen. Sie steht weiterhin unter ärztlicher Behandlung. Ihr Gesundheitszustand ist immer noch sehr fragil und es besteht die Gefahr eines Rezidivs. Sie fühlt sich sowohl körperlich schwach wie auch psychisch schwer belastet durch Ängste, Sorgen, Gewalterfahrungen und existenzielle Bedrohungen über so viele Jahre.

K. und N. bekennen sich zur Bahai-Religion. Es handelt sich dabei um eine weltweit verbreitete und universale Religion, die Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet wurde und darauf beruht, die Erde als «nur ein Land und alle Menschen als dessen Bürgerinnen und Bürger» zu betrachten. Mit ihrer universalen Botschaft der Liebe zwischen allen Völkern und Menschen der ganzen Erde steht die Bahai-Religion in deutlichem Widerspruch zum Fundamentalismus der iranischen Staatsführung und ist deshalb – im Gegensatz etwa zu einem christlichen Glaubensbekenntnis – im Iran verboten. (Mehr Informationen zur Situation von Anhängerinnen und Anhängern der Bahai-Religion im beigelegten Dokument aus Wikipedia.)

K. und N. haben auch schon an Demonstrationen gegen das heutige Regime Irans teilgenommen. An einer dieser Demos (in Bern) befanden sie sich unweit einer Gruppe von Israelis, die ebenfalls an dieser Demonstration teilnahmen. Es gibt ein Foto in Internet, wo man K. und N. neben einer Israelflagge sieht.

Aufgrund sämtlicher vorliegender Fakten kann man sich wohl kein einziges logisches und nachvollziehbares Argument vorstellen, das dafür sprechen könnte, der Familie J. nicht ein dauerhaftes Bleiberecht in der Schweiz zu gewähren. Erstens ist der Vater ein erklärter und öffentlich bekannter politischer Gegner des herrschenden iranischen Regimes. Die Gefahr an Leib und Leben, welcher er bereits vor sechs Jahren vor seiner Flucht ausgesetzt war, hat sich inzwischen zusätzlich massiv verschärft, insbesondere nach dem Angriff Israels auf den Iran im Juni 2025. Seither ist eine neue Repressionswelle im Gange, die alles Bisherige übertrifft. „Fast jeder und jede“, so berichtete „20minuten“ am 4.11.25, „wird der Zusammenarbeit mit Israel verdächtigt. Derzeit wird im Iran alle drei Stunden ein Gefangener gehängt.“ Gemäss IHRS, der Iran Human Rights Society, war der Oktober 2025 der „blutigste Monat für iranische Gefangene seit 1988. Mindestens 285 Gefangene, darunter vier Frauen, wurden in diesem Zeitraum getötet.“ Es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie das Regime mit Herrn J. nach einer Rückschaffung in den Iran umgehen würde.

Zweitens ist der Gesundheitszustand von Frau J. aufgrund ihrer Brustkrebserkrankung nach wie vor äusserst prekär und trotz vorübergehender Erholung die Gefahr eines Rezidivs nicht ausgeschlossen. Die Leidens- und Fluchtgeschichte über so viele Jahre haben Frau J. nicht nur physisch, sondern auch psychisch dermassen zugesetzt, dass jede weitere Unsicherheit und damit verbundene Zukunftsängste unabsehbare Folgen nach sich ziehen könnten.

Drittens wären K. und N. infolge ihrer Teilnahme an regimekritischen Demonstrationen in der Schweiz nach einer Rückschaffung in den Iran höchster Gefahr ausgesetzt, insbesondere, weil es im Internet Bilder gibt, auf denen sie neben einer Flagge Israels zu sehen sind, dem Todfeind des iranischen Regimes.

Viertens würde der iranische Staat K. und N. nach einer Rückschaffung aufgrund ihrer offiziellen Zugehörigkeit zur Religion der Bahai als Menschen ohne jegliche Rechte behandeln. Da die Bahai-Religion – etwa im Gegensatz zum christlichen Glauben – im Iran verboten ist, haben deren Anhängerinnen und Anhänger keine soziale und staatliche Unterstützung, keinen Zugang zu Ausbildung und Arbeitsmarkt, dürfen keine Verträge abschliessen, keine Bankkonten eröffnen, ihre Unterschriften sind nichts wert.

Fünftens hat die Familie J. in der Zeit, die sie bisher in der Schweiz verbracht hat – der Vater seit sechs Jahren, die Mutter und die beiden Tochter seit drei Jahren -, eine sprachliche und gesellschaftliche Integrationsleistung erbracht, wie man sie sich aus Schweizer Sicht beeindruckender und erfolgreicher gar nicht vorstellen kann. Stets zur Zufriedenheit seiner Arbeitgeber ist der Vater seiner Tätigkeit als Gipser nachgekommen, hat stets pünktlich seine Steuern bezahlt und nie gab es irgendwelche Probleme im Umgang mit Behörden. Die beiden Töchter werden von ihren Vorgesetzten und den Lehrkräften der Berufsschule über alle Massen gelobt, sowohl was den Einsatz am Arbeitsplatz wie auch die schulischen Leistungen betrifft.

JA, WENN ES NACH LOGIK UND VERNUNFT GINGE, GÄBE ES WOHL NICHT DEN GERINGSTEN ZWEIFEL. MÜSSTE EINE FLÜCHTLINGSFAMILIE EIN DAUERHAFTES BLEIBERECHT IN DER SCHWEIZ BEKOMMEN UND FÜR EINE SO BEEINDRUCKENDE INTEGRATIONSLEISTUNG BELOHNT WERDEN, DANN WÄRE ES WOHL DIE FAMILIE J. AUS DEM IRAN.

Nicht zuletzt auch deshalb, weil im soeben (Ende November) von Bundesrat Beat Jans präsentierten Positionspapier der neuen schweizerischen Asylstrategie eine der vier aktuellen „Baustellen“ explizit in der Weise formuliert ist, dass insbesondere die „Integration geflüchteter Frauen in den Schweizer Arbeitsmarkt“ zu fördern sei.

DOCH LOGIK UND VERNUNFT SCHEINEN TROTZ DIESER SCHÖNEN WORTE NICHT DIE RICHTSCHNUR ZU SEIN, AN DER SICH DIE AKTUELLE SCHWEIZER ASYLPOLITIK DERZEIT ORIENTIERT: WIE EIN BLITZ AUS HEITEREM HIMMEL ERHIELT DIE FAMILIE J., DIE ZUM ERSTEN MAL NACH SO VIELEN JAHREN DES LEIDENS ERSTE ZUKUNFTSHOFFNUNG UND LEBENSPERSPEKTIVE AUFBAUEN KONNTE, AM 6. NOVEMBER 2025 FOLGENDEN BRIEF VOM STAATSSEKRETARIAT FÜR MIGRATION, ADRESSIERT AN DIE ÄLTERE TOCHTER DER FAMILIE, ÜBER WELCHE JEWEILS DIE KOMMUNIKATION ZUM SEM LÄUFT…

Nach der jüngsten Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts ist unsere Entscheidung, Ihren Asylantrag abzulehnen und Ihre Ausweisung aus der Schweiz anzuordnen, rechtskräftig. Folglich haben Sie keinen Anspruch mehr auf Sozialleistungen gemäss Asylgesetz. Wir erinnern Sie ausserdem an Ihre Pflicht, die notwendigen Schritte zur Beschaffung von Reisedokumenten einzuleiten (Art. 8 Abs. 4 Asylgesetz). Sollten Sie den Anordnungen der kantonalen Behörden nicht nachkommen, können Sie inhaftiert und anschliessend zwangsweise in ihr Herkunftsland zurückgeführt werden. Bitte nehmen Sie, gnädige Frau, den Ausdruck unserer höchsten Wertschätzung entgegen.

An diesem 6. November 2025 verstand nicht nur die Familie J. die Welt nicht mehr, auch ihr ganzes privates, berufliches und soziales Umfeld ist sprachlos, die Vorgesetzten der Coiffeursalons, die Lehrkräfte der Berufsschule, die Nachbarn, alle Leute, mit denen wir uns bisher über die Geschichte der Familie J. ausgetauscht haben. „Damit“, so einer der zahlreichen Stimmen, „ist mein Glaube an das schweizerische Rechtssystem endgültig zusammengebrochen“.

Auch wenn Zwangsausschaffungen nach dem Iran derzeit nicht durchgeführt werden können, bedeutet der Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts, dass die Familie in eine prekäre, auf das existenzielle Mindestmass reduzierte Nothilfeversorgung abgeschoben wird, die bisherige Wohnung räumen muss, keiner Beschäftigung mehr nachgehen darf, die so erfolgreich begonnene Lehren abgebrochen werden müssen, das mühsam aufgebaute soziale Umfeld weitgehend wieder verloren geht und eine Zukunft in totaler Hilflosigkeit und Perspektivenlosigkeit bevorsteht, ohne den geringsten erkennbaren gesellschaftlichen oder ökonomischen Nutzen für irgendwen…

Wie wenn es der Tragik nicht genug wäre, hat die Familie J. das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, das dem Ausschaffungsentscheid zugrunde liegt, bis zur Stunde noch nicht einmal erhalten. Es liegt offensichtlich noch beim Anwalt in St. Gallen, dem sie zwar 500 Franken pro Monat zahlen für die Aufgaben, denen er nicht nachkommt, und der es, aus was für Gründen auch immer, nach wie vor unter Verschluss hält.

(Anmerkung am 4. Dezember 2025: Rechtliche Schritte zur Erwirkung eines dauerhaften Bleiberechts für die Familie J. in der Schweiz wurden inzwischen in die Wege geleitet. Die herrschende Asylgesetzgebung setzt allerdings extrem enge Grenzen. Wie es aussieht, wird nur über öffentliche Mobilisierung und Unterstützung durch bekannte Persönlichkeiten etwas zu erreichen sein.)

„Unser Leben ist auseinandergebrochen“

Am 10. Dezember, 4 Tage nach dem Ablauf des Ausschaffungsbefehls, hat mir K., die ältere, 25jährige Tochter der Familie J., folgende Zeilen geschickt:

„Wir versuchen, gut zu sein, aber es geht einfach nicht. Meine Mutter und mein Vater verhalten sich wie Verrückte, sie sind sehr besorgt. Meine Mutter schläft bis zum Morgen nicht und steht die ganze Zeit am Fenster, weil sie Angst hat, dass die Polizei kommen könnte. Unser Leben ist auseinandergebrochen. Meine Schwester traut sich vor Angst nicht mehr nach Hause zurückzukommen. In der Schule können wir uns nicht mehr konzentrieren, und bei der Arbeit sind wir wie Tote. Wir schaffen es nur, eine Mahlzeit am Tag zu essen. Ich habe das Gefühl, dass meine Kraft am Ende ist. Ich kann nicht mehr.“

Ich bin sprachlos. Mir fehlen die Worte, um mein Unverständnis über die Entscheide des SEM und des Bundesverwaltungsgerichts auszudrücken. Die im Iran politisch verfolgte und von Gefängnis, Folter und Todesstrafe bedrohte Familie hat alles getan, um sich in die schweizerische Gesellschaft zu integrieren. Nun soll alles, was sie aufgebaut haben, von einem Tag auf den andern zunichte gemacht werden: Der Vater, der seit vier Jahren zu 100% zur vollsten Zufriedenheit seiner Arbeitgeber als Gipser gearbeitet hat und allen Verpflichtungen nachgekommen ist, muss seinen Job aufgeben. Die beiden Töchter müssen ihre eben erst begonnene Lehre als Coiffeuse – ihre Chefs sind voll des Lobes über die beiden, die auch in der Berufsschule zu den Besten gehören – abbrechen und die Familie muss ihre mit viel Liebe eingerichtete Wohnung in einem Visper Mehrfamilienhaus räumen…

BITTE UNTERSCHREIBT DIE PETITION UND LEITET SIE AN MÖGLICHST VIELE WEITERE PERSONEN WEITER. VIELEN DANK.

https://act.campax.org/petitions/titel-schutzt-familie-j-kein-ruckschaffungsbefehl-in-folter-und-tod?share=26346774-abbc-447f-b1cf-538694737ac2&source=email&utm_medium=&utm_source=email

Hast du noch einen Moment Zeit um die Petition mit anderen zu teilen? Es ist ganz einfach – leite einfach diese E-Mail weiter oder teile diesen Link auf Facebook oder Bluesky:

https://act.campax.org/petitions/titel-schutzt-familie-j-kein-ruckschaffungsbefehl-in-folter-und-tod?share=26346774-abbc-447f-b1cf-538694737ac2&source=email&utm_medium=&utm_source=email

HINTERGRUNDINFORMATIONEN ZUR SITUATION DER BAHAI IM IRAN (Wikipedia)

Die Bahai in Iran sind von verschiedenen Menschenrechtsverletzungen betroffen. So meldete die Internationale Bahai-Gemeinde eine deutliche Zunahme an willkürlichen Inhaftierungen, horrende Kautionszahlungen, Folter, Beschlagnahmungen, die Verweigerung des Zugangs zu höherer Bildung, Schikanen und Drangsalierungen von Kindern und Jugendlichen und staatlich organisierte Propaganda, welche eine Dämonisierung von Bahai bewirken soll. Übergriffe auf Bahai, die durchweg unbestraft bleiben, wurden seit der Amtszeit von Mahmud Ahmadinedschad durch gezielte Hetzkampagnen geschürt. Das Versammlungsrecht und der Besitz von Gemeindeeigentum wird den Bahai nach wie vor nicht gewährt. Im Jahr 2004 wurden mehrere mit der frühen Bahai-Geschichte in Iran verbundene heilige Stätten, darunter das Geburtshaus des Religionsstifters, zerstört, um die kulturellen Spuren dieser Religion in Iran zu tilgen. In einigen Städten kam es in der jüngsten Zeit zu Zerstörungen von Bahai-Friedhöfen, so zuletzt 2018 in Isfahan. Nach wie vor werden die Bahai von weiterführender Bildung und dem Besuch von Universitäten ausgeschlossen. Eine Beschäftigung in öffentlichen Einrichtungen wird ihnen verwehrt. Geschäfte werden regelmäßig durch Behörden versiegelt, wenn sie an Bahai-Feiertagen geschlossen sind. Im Jahr 2008 inhaftierte der iranische Geheimdienst die sieben führenden Mitglieder der iranischen Bahai-Gemeinde einschließlich der Geschäftsführerin der Gruppe, Mahvash Sabet, die mit ihren Gedichten aus dem Gefängnis internationale Beachtung fand. Damit verlor die iranische Bahai-Gemeinde ihre informelle Leitungsgruppe, welche nach der Verschleppung und Hinrichtung der Mitglieder des Nationalen Geistigen Rates der Bahai in Iran in den Jahren 1980 und 1981 – unter Mitwissen der iranischen Regierung – gegründet wurde. Die Mitglieder dieses aufgelösten Gremiums wurden nach Vollendung ihrer zehnjährigen Haftstrafen freigelassen. Weiterhin wird den Bahai jegliche Form der Verwaltung vorenthalten.

Im Januar 2020 wurde bekannt, dass der neue Chipkarten-Personalausweis in Iran nur noch über ein Onlineformular beantragt werden kann, bei dem nur eine der vier in der Verfassung anerkannten Religionen – Islam, Christentum, Judentum, Zoroastrismus – angegeben werden können. Die Option „andere Religion“ besteht nicht. Auf Nachfrage wurde den Bahai mitgeteilt, dass sie eine der vier Möglichkeiten wählen sollen. Sie werden dadurch vor die Wahl gestellt, über ihre Religionszugehörigkeit zu lügen oder auf grundlegende Dienstleistungen zu verzichten. Denn der Chipkarten-Personalausweis wird etwa für die Beantragung eines Reisepasses und eines Führerscheins sowie für die Eröffnung eines Bankkontos, die Aufnahme eines Darlehens sowie den Erwerb von Grundstücken benötigt. Die Bahai-Gemeinde betonte, dass die Verleugnung ihres Glaubens für sie nicht infrage käme.

Während der Covid-19-Pandemie hat die Verfolgung der Bahai mit Inhaftierungen, Beschlagnahmungen, medialer Desinformation und Strafurteilen zugenommen. Die iranischen Behörden machen die Bahai für die Krise verantwortlich und stempeln sie damit abermals als Sündenböcke ab. Im August 2022 wurde bekannt, dass mehrere Angehörige der Bahai-Religion wegen angeblicher Spionage für Israel festgenommen wurden, laut iranischem Geheimdienst der „zentrale Kern der Bahai-Spionagepartei“, der im Auftrag Israels geheime Informationen gesammelt und weitergeleitet und das vermeintliche Ziel hätte, im ganzen Land „Bildungseinrichtungen auf verschiedenen Ebenen zu infiltrieren, insbesondere Kindergärten und Schulen“, wo sie Missionsarbeit für die verbotene Bahai-Religion betrieben hätten.

AMNESTY INTERNATIONAL, 26. SEPTEMBER 2025: DIE MENSCHENRECHTSLAGE IM IRAN

Die Behörden der Islamischen Republik Iran haben im Jahr 2025 bisher mehr als 1000 Menschen hingerichtet. Dies ist die höchste dokumentierte Zahl seit 15 Jahren. In weniger als neun Monaten wurden dieses Jahr bereits mehr Menschen exekutiert als im gesamten Jahr 2024, als die Gesamtzahl bereits bei horrenden 972 Hinrichtungen lag.

Seit den Protesten unter dem Motto «Frau, Leben, Freiheit» im Jahr 2022 wenden die iranischen Behörden die Todesstrafe verstärkt an, um die staatliche Repression durchzusetzen und kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen. Auch nimmt derzeit die Zahl der Hinrichtungen wegen Drogendelikten stetig zu. Seit Israel den Iran im Juni 2025 militärisch angegriffen hat und die Kampfhandlungen zwischen den beiden Ländern eskaliert sind, werden im Iran aus Gründen der «nationalen Sicherheit» vermehrt Todesurteile vollstreckt.

«Die Zahl der Hinrichtungen im Iran hat ein entsetzliches Ausmass angenommen. Die iranischen Behörden wenden die Todesstrafe systematisch an, um Menschen zu unterdrücken und jeglichen Dissens auszumerzen. Dies ist ein grauenerregender Angriff auf das Recht auf Leben», so Heba Morayef, Direktorin für die Region Naher Osten und Nordafrika bei Amnesty International.

«Die Todesstrafe ist unter allen Umständen verabscheuenswert, doch ihre massenhafte Anwendung nach routinemässig grob unfairen Gerichtsverfahren verstärkt das Unrecht noch um ein Vielfaches», so Heba Morayef weiter. «Unter anderem geraten politisch Andersdenkende, Angehörige von unterdrückten ethnischen Minderheiten, Protestierende sowie Menschen, denen Drogendelikte vorgeworfen werden, ins Visier und werden willkürlich zum Tode verurteilt.

Die Menschenrechtsorganisation fordert von den Behörden die umgehende Verhängung eines Hinrichtungsmoratoriums. Andere Staaten sind aufgefordert, Druck auf die iranische Regierung auszuüben, alle geplanten Hinrichtungen zu stoppen.  «Die internationale Gemeinschaft muss sofort energische Massnahmen ergreifen und Druck auf die iranischen Behörden ausüben, alle geplanten Hinrichtungen sofort zu stoppen, alle Todesurteile aufzuheben und ein offizielles Moratorium für alle Hinrichtungen zu verhängen mit dem Ziel, die Todesstrafe vollständig abzuschaffen», sagt Heba Morayef.  «Angesichts der systematischen Straflosigkeit für diese willkürlichen Hinrichtungen müssen Staaten wirkungsvolle Mittel finden, um iranische Staatsbedienstete zur Rechenschaft zu ziehen. Unter anderem sollten sie mithilfe des Weltrechtsprinzips gegen Staatsbedienstete vorgehen, gegen die der begründete Verdacht strafrechtlicher Verantwortung für völkerrechtliche Verbrechen und andere schwere Menschenrechtsverletzungen besteht.»

Die Gefahr der willkürlichen Hinrichtung besteht besonders für Personen, die wegen Drogendelikten oder übermässig breit und vage definierten Anklagen wie «Feindschaft zu Gott» (moharebeh), «Verdorbenheit auf Erden» (ifsad fil-arz) oder «bewaffneter Rebellion gegen den Staat» (baghi) zum Tode verurteilt wurden, oft nach unfairen Gerichtsverfahren vor Revolutionsgerichten.

Recherchen von Amnesty International haben durchweg gezeigt, dass die für Belange der nationalen Sicherheit und für Drogendelikte zuständigen Revolutionsgerichte nicht unabhängig sind und nach Verfahren, die bei Weitem nicht den internationalen Standards entsprechen, harte Strafen verhängen. Den Angeklagten werden systematisch ihre Verfahrensrechte vorenthalten. Am 17. September 2025 exekutierten die iranischen Behörden willkürlich Babak Shahbazi, der im Mai nach einem unfairen Verfahren vor einem Revolutionsgericht zum Tode verurteilt worden war. Die von ihm erhobenen Folter- und Misshandlungsvorwürfe wurden von den Behörden nie untersucht. 

Von der Anwendung der Todesstrafe besonders stark betroffen sind ausgegrenzte Minderheiten, insbesondere Angehörige von afghanischen, belutschischen und kurdischen Gemeinschaften. Mindestens zwei kurdische Frauen befinden sich derzeit im Todestrakt und sind in Gefahr, hingerichtet zu werden: die bei einer Hilfsorganisation tätige Pakshan Azizi und die Dissidentin Verisheh Moradi. 

Seit die Kampfhandlungen zwischen Israel und dem Iran im Juni 2025 eskalierten, haben hochrangige Regierungsvertreter*innen – darunter die Oberste Justizautorität Gholamhossein Mohseni Eje’i – dazu aufgerufen, Personen, denen die «Unterstützung» oder «Zusammenarbeit» mit feindlichen Staaten wie Israel vorgeworfen wird, beschleunigt vor Gericht zu stellen und hinzurichten. In diesem Kontext hat das iranische Parlament Gesetze verabschiedet, die im Fall einer Bestätigung durch den Wächterrat die Anwendung der Todesstrafe noch stärker ausweiten würden. Es könnten dann Todesurteile für vage formulierte Anklagen wie «Zusammenarbeit mit feindlichen Regierungen» und «Spionage» verhängt werden. 

Seit dem 13. Juni 2025 sind mindestens zehn Männer wegen politisch motivierter Vorwürfe hingerichtet worden; mindestens acht von ihnen wurden der Spionage für Israel beschuldigt. Amnesty International hat das Schicksal vieler weiterer Menschen dokumentiert, denen wegen ähnlicher politisch motivierter Anschuldigungen die Hinrichtung droht. Unter ihnen befinden sich der schwedisch-iranische Wissenschaftler Ahmadreza Dialali und die Menschenrechtlerin Sharifeh Mohammadi, deren Schuldspruch und Todesurteil im August 2025 von der Abteilung 39 des Obersten Gerichtshofs bestätigt wurde.

Amnesty International wendet sich in allen Fällen, weltweit und ausnahmslos gegen die Todesstrafe, da sie das in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte festgeschriebene Recht auf Leben verletzt und die grausamste, unmenschlichste und erniedrigendste aller Strafen darstellt.

25. Montagsgespräch vom 10. November 2025: Die Service-Citoyen-Initiative – eine Chance für die Frauen?

Im Buchser Montagsgespräch vom 10. November ging es um die «Service-Citoyen-Initiative», über die am 30. November abgestimmt wird. Diese Initiative fordert für alle Personen mit einem Schweizer Pass einen «Dienst zugunsten der Allgemeinheit und der Umwelt», also neu auch für Frauen. Das Initiativkomitee begründet dieses Anliegen damit, dass trotz grosser Herausforderungen wie Naturkatastrophen, Cyberangriffe, drohende Energieknappheit, Krieg, usw. der gesellschaftliche Zusammenhalt durch Individualismus und Egoismus mehr und mehr verloren ginge. Es brauche wieder mehr Einsatz für die Gemeinschaft. Geleistet werden könnte dieser Dienst nach den Vorstellungen des Initiativkomitees im Militär, im Zivilschutz oder in Form eines gleichwertigen Milizdienstes, z.B. in Bereichen wie Klimaschutz, Ernährungssicherheit oder Betreuung.

Dass der ehrenamtliche Einsatz für die Gemeinschaft früher stärker gewesen sei, war auch in der Diskussion unbestritten. Viele Menschen hätten sich, vor allem seit Corona, in einzelne «Blasen» zurückgezogen und hätten kaum mehr Kontakt mit Menschen aus anderen Berufen oder Bevölkerungskreisen, dabei spielten auch die sozialen Medien eine wichtige Rolle. Ein Gemeinschaftsdienst könnte dem entgegenwirken und ausserdem Wesentliches beitragen zum Erwerb praktischer Tätigkeiten und Kenntnisse sowie zur Persönlichkeitsbildung. Es wurden Beispiele anderer Länder erwähnt, zum Beispiel Indonesien, wo Gemeinschaftsarbeit in der Bevölkerung viel stärker verankert sei als bei uns.  

Dennoch überwogen in der Diskussion die Argumente gegen diese Initiative. So zum Beispiel wurde vorgeschlagen, die rund zwei Milliarden Franken, welche die Umsetzung eines solchen Bürgerdiensts jährlich kosten würde, stattdessen für bessere Löhne im Gesundheitswesen einzusetzen. Auch könnten, wenn vermehrt Zivildienstleistende zum Einsatz kämen, Arbeitsplätze für geringqualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeiter unter Druck geraten. Zudem stünde die Initiative zu stark unter dem Vorrang des Militärischen, sei es doch eines ihrer erklärten Ziele, den «Bestand von Armee und Zivilschutz zu sichern».

Hauptpunkt in der Gegenargumentation aber bildete die Tatsache, dass den Frauen, die heute schon nebst der Erwerbsarbeit und der Familienbetreuung mit einem gegenüber Männern viel höheren Anteil an freiwilliger Care-Arbeit belastet seien, durch einen solchen Bürgerdienst eine zusätzliche Last aufgebürdet würde und es ihnen noch schwerer als bisher gemacht würde, eine eigene berufliche Karriere aufzubauen.

Quintessenz der Diskussion: Ein Bürgerdienst, wie er von dieser Initiative vorgeschlagen wird, hätte mehr Nachteile als Vorteile. Dennoch sei es wichtig, neue Modelle zu entwickeln, um die gesamte Bevölkerung in die Übernahme notwendiger öffentlicher Aufgaben einzubinden, aber weniger unter dem Fokus auf die Armee und ohne dass dies zu Benachteiligungen einzelner Bevölkerungsgruppen gegenüber anderen führen dürfte.

Wenn Menschen lieber eine Barbie-Puppe sein wollen als sich selber…

Peter Sutter, 10. November 2025

Am 5. November 2025 starb die brasilianische Influencerin Barbara Jankavski im Alter von 31 Jahren, nachdem sie sich insgesamt 27 Operationen unterzogen hatte, um so auszusehen wie eine Barbie-Puppe. Für die Operationen hatte sie insgesamt 50’000 Franken investiert. Um das Geld zusammenzubekommen, hatte sie sämtliche Operationen und weitere, kleinere medizinische Eingriffe peinlichst genau in den sozialen Medien dokumentiert und damit kurz vor ihrem Tod 55’000 Follower auf Instagram gehabt und 344’000 auf Tiktok.

Eigentlich ist Barbara Jankavski nur das vielleicht extremste Beispiel für etwas, was mittlerweile in unseren Köpfen schon so tief eingebrannt zu sein scheint, dass wir es kaum mehr als etwas Besonderes oder Aussergewöhnliches wahrnehmen. Nämlich: Etwas anderes sein zu wollen, als man ist. Immer nach rechts oder nach links zu schauen, nach hinten oder nach vorne, nach oben oder nach unten, in die Vergangenheit oder in die Zukunft, wo immer noch etwas anderes zu finden ist, was noch schöner, noch besser, noch bewundernswerter, noch erfolgreicher ist als man selber. Das führt dazu, dass wir all das, was an individuellem, einzigartigem Potenzial, an Talenten und Begabungen in jedem und jeder Einzelnen von uns steckt, oft gar nicht mehr richtig wahrzunehmen vermögen. Wahrscheinlich hatte Barbara Jankavski in ihrem ganzen Leben nie die Chance gehabt, herauszufinden, wer sie selber war, so dass ihre ganze Hoffnung auf ein einigermassen sinnvolles Leben darin bestand, so zu werden wie eine Barbie-Puppe.

Auch eine Zwanzigjährige, die mir kürzlich berichtete: „Eigentlich weiss ich gar nicht, wer ich bin, ich weiss auch nicht, was ich wirklich kann. Manchmal frage ich mich, weshalb ich überhaupt geboren wurde.“ Kein Wunder, machen sich solche Gedanken breit bei einer jungen Frau, der zeitlebens nie jemand gesagt hat, was sie alles gut gemacht hat, sondern immer nur, was sie alles falsch und schlecht gemacht hat, und die dann, als es um eine Lehrstelle ging, auf tausend Bewerbungen tausend Absagen erhielt – und da wundert man sich dann noch, wenn immer mehr junge Menschen in Therapien oder psychiatrischen Kliniken landen, wo ihnen dann tragischerweise zu allem Überdruss viel zu oft erst recht noch einmal all das aufgetischt wird, was sie in ihrem Leben falsch und schlecht gemacht haben. Als könnte man todkranke Blumen dadurch gesund machen, dass man ihnen auch noch ihre letzten Wurzeln ausreisst und sie dazu zwingt, sich neue Wurzeln anzulegen, die mit ihrem ureigenen, einzigartigen, unverwechselbaren Wesen nichts zu tun haben.

Ich würde mich, in traditionellem Verständnis, nicht als religiösen Menschen bezeichnen. Und doch trage ich in mir ein Bild, das sich nicht auslöschen lässt und das eben vielleicht doch mit „Religion“ in einem tieferen Sinne etwas zu tun hat. Es ist das Bild eines „lieben“ Gottes, etwas, von dem mir meine aus Wien stammende Mutter oft erzählt hatte und das in einem totalen Gegensatz steht zu jenem auf einem Thron sitzenden alten Mann mit grimmigem Gesicht, herrschend, allmächtig und oft auch strafend, von dem mir dann später der Pfarrer im Religionsunterricht erzählte. Es war dieser liebe Gott aus Wien, oder vielleicht ist es ja auch eine liebe Göttin oder vielleicht sogar ein Kind – es ist dieses Wesen, von dem meine Mutter mir erzählte, dieses Wesen, das, und davon bin ich bis heute zutiefst überzeugt, die Welt erschaffen hat, die Erde, das Wasser, die Luft, den Regen, alles Lebensnotwendige, alle Pflanzen, alle Tiere und uns Menschen. Denn das alles ist so unglaublich vollkommen, dass ich mir nicht vorstellen kann, es sei alles bloss ein Zufall gewesen.

Und es steckte eine Idee dahinter, die faszinierender nicht sein könnte. Nämlich die Idee der Vielfalt. Kein Stein gleicht dem andern, kein Sandkorn dem andern, kein Regenwurm, kein Kolibri und kein Elefant dem andern. Und bei den Menschen ist die Verschiedenartigkeit noch um ein Vielfaches faszinierender als bei allen anderen Lebewesen. Man stelle sich vor: Rund neun Milliarden Menschen bevölkern zurzeit diesen Planeten. Und schätzungsweise ebenso viele waren schon vor uns da. Und möglicherweise, wenn alles gut geht, werden uns noch viele weitere Milliarden folgen. Kein einziger dieser Menschen gleicht dem andern. Was für ein unvorstellbares Wunderwerk! Ich stelle mir den lieben Gott vor: Bei jedem Klumpen Lehm, den er in die Hand nahm, um einen weiteren Menschen zu formen, musste er sich wieder etwas Neues einfallen lassen, was es vorher noch nie gegeben hatte. Um wie viel einfacher wäre es für ihn doch gewesen, einen Prototypen zu bauen und dann eine Maschine, welche diesen Prototypen in beliebiger Zahl hätte reproduzieren können. Er hätte am Tag darnach schlafen gehen und sich um nichts mehr kümmern müssen. Aber nein, er hat nicht aufgehört, immer wieder neue, nie dagewesene Wesen zu erschaffen, bis zum heutigen Tag, unermüdlich.

Aber zu seinem Leidwesen haben zu viele von uns diese Botschaft, die uns der liebe Gott mit jedem neu geborenen Kind aufs neue sendet, nicht verstanden. Statt vor dieser unglaublichen Vielfalt voller Bewunderung auf die Knie zu fallen, versuchen wir genau das Gegenteil, nämlich, diese so verschiedenartigen Wesen möglichst gleich zu machen, mit den gleichen Regeln zu erziehen, in die gleichen Schulen zu schicken, wo sie alle den gleichen Lernstoff zu bewältigen haben, ihnen die gleichen Ideale und Normen und Werte beizubringen, nach denen sie leben sollten. Und sie dabei beständig miteinander zu vergleichen, zu bewerten, die einen zu belohnen, die anderen zu bestrafen, sie alle immer wieder über die gleich hohen Hürden springen zu lassen, als wären es Maschinen, die alle nach den gleichen Regeln funktionieren müssten, und wehe, jemand weicht allzu stark von der allgemeinen Regel ab, dann wird alles daran gesetzt, ihm so lange die Flügel zu stutzen, bis er, wenigstens äusserlich, möglichst gleich aussieht wie alle anderen. Und irgendwann dann alle, zusätzlich befeuert durch die Wirkung der künstlichen „Intelligenz“, am Ende so aussehen werden wie Barbie-Puppen, Muskelprotze ab dem Fitnessfliessband oder Elon Musks in Weltraumraketen auf dem Flug zu fernen Planeten.

Ja, das Vergleichen, das in seiner Konsequenz zur systematischen Einebnung aller noch vorhandenen Unterschiede führen wird, scheint nachgerade die Hauptleidenschaft unserer Zeit zu sein. Benchmarking, Pisastudien, Ländervergleiche in Bezug auf das Bruttosozialprodukt, Ranglisten an allen Ecken und Enden, wohin man auch schaut. Selbst in dem Modegeschäft, wo eine Freundin von mir arbeitet, gibt es für die dort beschäftigten fünf Verkäuferinnen am Ende jedes Monats eine Rangliste mit den von jeder Einzelnen erreichten Umsatzzahlen. Der Druck, sagt sie, sei so gross, dass sie meistens gegen Ende des Monats kaum mehr schlafen könne und bloss hoffe, möglichst in der Mitte der Rangliste zu stehen, denn wenn man oben sei, bekomme man den Neid der anderen zu spüren, und wenn man unten sei, die Vorwürfe und die abschätzigen Blicke der Chefin. Ranglisten haben mittlerweile einen geradezu heiligen Wert, so sehr, dass beispielsweise Skirennfahrerinnen und Skirennfahrer ihre ganze Gesundheit dafür opfern, auch nach den gefährlichsten und schmerzvollsten Stürzen, kaum einigermassen erholt, schon wieder in die nächsten Rennen zurückrasen und nicht einmal davor zurückschrecken, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, bloss um ein paar Tausendstel Sekunden schneller zu sein als ihre Konkurrentinnen und Konkurrenten. Denn im ewigen und sich immer weiter verschärfenden gegenseitigen Konkurrenzkampf hat nur der das Ziel, von dem alle anderen ebenso träumen, wirklich voll und ganz erreicht, der am Schluss ganz zuoberst auf der Siegertreppe steht. „The Winner Takes it All“, wie es in einem Song der schwedischen Popgruppe Abba so schön heisst. Und der Erfolg am Ende ist für die, welche es geschafft haben, umso grösser, je mehr andere es nicht geschafft haben, daran gescheitert und zerbrochen sind.

Auch Barbara Jankavski. Auch die Zwanzigjährige, die auf tausend Bewerbungen tausend Absagen erhielt. Auch unzählige andere, die sich immer mit anderen vergleichen, an anderen messen müssen im Kampf um Erfolg oder Misserfolg und gar nie dazukommen, herauszufinden, wer sie selber eigentlich sind und welches die Idee des lieben Gottes war, als sie erschaffen wurden als einzigartige, unverwechselbare Funken des Universums. Auch jeden Morgen, wenn ich die jungen Leute auf den Bahnhöfen zu den Zügen und Bussen gehen sehe, welche sie an ihre Arbeitsplätze oder zu ihren Schulen bringen werden, fällt es mir so schmerzlich auf: Diese leeren Augen, die Blicke weit weg, an allen anderen Menschen vorbei, als würden sie ganz weit in der Ferne etwas suchen und es doch nie finden. Wer bin ich? Was ist der Sinn von allem? Welche Träume hatte ich einmal und was ist davon geblieben?

„Sei du selbst“, schrieb der irische Schriftsteller Oscar Wilde, „denn alle anderen gibt es schon.“ Und von Coco Chanel, einer der berühmtesten Modeschöpferinnen, stammen diese wunderschönen Worte: „Beauty begins the moment you decide to be yourself.“ Die Wahrheit kann der Mensch nirgendwo anders finden als im tiefsten Grund seines eigenen Wesens, an dem Punkt, wo immer noch die Erinnerung an jenen Augenblick verborgen ist, in dem der liebe Gott genau diesen und keinen anderen Klumpen Lehm in die Hand nahm und genau wusste, weshalb er genau diesen Menschen ganz genau so geformt hat und nicht so wie alle anderen.

Sich selbst zu finden ist der Schlüssel zu allem. Doch das ist nur die eine Seite, die individuelle. Die andere Seite ist die gesellschaftliche. Denn auch mit dem besten Willen und mit der grössten Anstrengung, den eigenen Lebensfaden aufzufinden und sich ihm entlang aufzubauen, wird eine Zwanzigjährige, der man tausend Mal gesagt hat, dass niemand sie braucht und sich niemand für all die in ihr verborgenen Schätze interessiert, am Ende an sich selber zerbrechen müssen. Ohne Liebe von aussen kann man auch sich selber nicht lieben. Wenn dir nie jemand sagt, wie wertvoll und einzigartig du bist, kannst du auch selber nicht wirklich davon überzeugt sein, es sei denn, du verfügst über übermenschliche Kräfte. Der liebe Gott, das war die feste Überzeugung meiner Mutter – und es wird mir immer mehr bewusst, dass sie in meinem Leben die einzige wirklich gute Religionslehrerin gewesen war -, der liebe Gott hat die Menschen bloss geschaffen bis zu dem Punkt, da er sie der Erde übergeben hat. In diesem Moment hat er die Verantwortung abgegeben, ab diesem Moment ist er für das Weitere nicht mehr zuständig. Für alles Weitere liegt die Verantwortung ausschliesslich bei den Menschen, die bereits dagewesen sind, als der neue Mensch geboren wurde. Wie es nach der Geburt weitergeht, entscheidet nicht mehr der liebe Gott, er wäre damit heillos überfordert und braucht seine ganze Zeit und Kraft dafür, Millionen und Milliarden weitere neue Wesen zu schaffen, immer in der Hoffnung, wir, die wir schon hier sind, würden endlich begreifen, was für eine Botschaft er uns damit sendet.

Denn es war, wenn der liebe Gott jedem einzelnen Menschen ein so grenzenloses Potenzial an körperlichen, geistigen und seelischen Kräften, Intelligenz und Phantasie mit auf seinen Lebensweg gegeben hat, wohl kaum seine Absicht, dass diese so im Übermass reichlich ausgestatteten Wesen dieses Potenzial verschwenden und bloss dazu missbrauchen, um sich im Kampf um Erfolg oder Misserfolg gegenseitig zu konkurrenzieren, zu schwächen, krank zu machen oder gar zu zerstören, Reichtum anzuhäufen auf Kosten anderer oder gar, sich gegenseitig umzubringen. Seine Idee war und ist wohl zutiefst eine andere, das, was sich wohl am treffendsten als „Paradies“ bezeichnen lässt. Und er wird ganz bestimmt nicht zur Ruhe kommen, bevor sich dieser Traum erfüllt hat, und zwar nicht irgendwo in einem erfundenen Niemandsland, sondern hier und jetzt, mitten unter uns, auf dieser Erde. Denn es ist die einzige, die wir haben. Und jede Träne eines hungernden Kindes oder einer Mutter, die im Krieg ihr Kind verloren hat, jede junge Frau, die lieber eine Barbie-Puppe sein möchte als sich selber, und jede aufgeritzte Haut einer Zwanzigjährigen, die nach der tausendsten Absage ihrer tausendsten Bewerbung nur noch Tag und Nacht hinter geschlossenen Vorhängen in ihrem Bett liegt, ist die Sehnsucht nach diesem Paradies.

„Linke“ Gesellschaftskonzepte fordern menschenwürdige Arbeitsbedingungen, ein Recht auf sinnvolle Beschäftigung, soziale Netze, damit niemand verloren geht, niemand unter Armut, wirtschaftlicher Ausbeutung, Hunger, Krieg oder politischer Verfolgung leiden muss. „Christlich“ geprägte Gesellschaftskonzepte stellen die Nächstenliebe und die Verbindung des Menschen zu Gott in den Mittelpunkt. Beide Sichtweisen greifen jedoch je für sich alleine zu kurz. Es braucht eine Verbindung beider Sichtweisen zu einem Ganzen. Wenn sich der Traum des lieben Gottes von einer friedlichen Welt voller Liebe und Gerechtigkeit erfüllen soll, dann genügt es nicht, wenn nur der Einzelne diesem Traum nachzuleben versucht. Gleichzeitig müssen auch die äusseren Umstände, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die Gesetze und die Sozial- und Wirtschaftsstrukturen und die Politik so gestaltet sein, dass sich die „Göttlichkeit“ jedes einzelnen Menschen in ihrer ganzen Pracht entfalten kann.

Eigentlich wäre das gar nicht so schwierig. Denn alles, was es braucht, ist längst schon vorhanden. Der Mensch muss nicht künstlich zu etwas anderem hingezogen oder auf etwas anderes hin gezüchtet werden, er muss bloss zu sich selber befreit werden, damit sich sein göttlicher Kern entfalten kann. Hierfür aber ist der Glaube an das Gute im Menschen unabdingbar. Nur wenn wir an das Gute im Menschen glauben, kann seine Selbstverwirklichung zugleich zu einer Verwirklichung des Guten im Grossen wie im Kleinen, im Individuellen wie im Sozialen und Gesamtgesellschaftlichen führen. Ich kann mir auch mit dem besten Willen nichts anderes vorstellen, wenn ich diesen lieben Gott vor mir sehe, wie er pausenlos, ohne zu ruhen, einen Klumpen Lehm nach dem andern in die Hand nimmt und einen Menschen nach dem andern formt. Es wird doch allen Ernstes nicht seine Absicht sein, damit möglichst viel Böses zu schaffen, möglichst viel Leid, Hass und Zerstörung zu verbreiten. Er wird doch im Gegenteil alles daran setzen, diesen Wesen so viel Gutes mitzugeben wie nur irgend möglich, sonst wäre doch nicht jedes dieser neu geborenen Wesen so etwas unbeschreiblich Schönes, Kostbares, Paradiesisches. Oder, wie es Johann Heinrich Pestalozzi, ein zutiefst religiöser, zugleich aber radikal gesellschaftskritischer Mensch, so treffend formulierte: „Der Mensch ist gut und will das Gute. Und wenn er böse ist, dann hat man ihm den Weg verrammelt, auf dem er gut sein wollte.“

Warum machen wir Menschen es uns so schwer? Betrachten wir doch die Blumen auf der Wiese, die Schmetterlinge, die Bäume im Wald, die Enten im Teich, die Fische im Wasser, die Vögel am Himmel. Sie alle entfalten sich so, wie sie vom lieben Gott gedacht waren. Wo ist das Böse? Es wäre alles so einfach…

24. Montagsgespräch vom 13. Oktober 2025: Ist die Kritik am von muslimischen Frauen getragenen Kopftuch berechtigt oder handelt es sich bloss um Vorurteile?

Eine Frau mit Kopftuch, ein Ehepaar – sie Muslimin, er christlich geprägt –, ein SVP- und ein SP-Politiker, Mitglieder der Schulkommission, Behördenmitglieder, Fachleute und Amtsträger aus dem Jugend-, Integrations- und Sozialbereich und eine Islamwissenschaftlerin. Beste Voraussetzungen für das Montagsgespräch vom 13. Oktober zur aktuellen «Kopftuchdebatte», um das Thema von unterschiedlichsten Seiten her zu beleuchten.

Zunächst äusserten sich die Anwesenden spontan zu den Gefühlen, die der Anblick eines von Musliminnen getragenen Kopftuchs bei ihnen auslösen. «Etwas Fremdes», «Ein Kleidungsstück wie jedes andere», «Etwas, was die Integration erschwert», «Ein Zeichen für die zunehmende Islamisierung der Gesellschaft», «Das Gleiche, was auch christliche Frauen früher trugen» – dies einige der Aussagen. Die Frau mit dem Kopftuch erklärte, sie trage es aus religiöser Überzeugung. Die Muslimin ohne Kopftuch meinte dazu: «Ich finde es schön, wenn du ein Kopftuch trägst, ich selber trage es nur zu besonderen Anlässen.»

Im zweiten Teil des Abends ging Frau Hodel-Hoenes, Islamwissenschaftlerin, auf die historischen Ursprünge des Kopftuchs ein. Im Koran sei nicht explizit vom «Kopftuch» die Rede, sondern nur von «schamvoller Bedeckung» einzelner Körperteile. Das Kopftuch sieht Hodel-Hoenes aber erst dann als Problem, wenn es als Mittel von Unterdrückung oder Zwang missbraucht werde. Im Übrigen solle die Frau «tragen, was sie will».

Im Folgenden kam man auf den aktuellen Fall einer Lehrerin zu sprechen, die in Eschenbach SG trotz guter Qualifikationen wegen des Tragens eines Kopftuchs keine Stelle bekommen hat. Dieser Entscheid löste bei den meisten Anwesenden Unverständnis aus. Schliesse man eine Frau aufgrund ihrer religiösen Überzeugung von der Ausübung eines bestimmten Berufes aus, so bestrafe man sie für ihre religiöse Überzeugung, und dies widerspreche dem Ziel der Integration.

Weniger Kritik an anderen, dafür mehr Selbstkritik forderte ein junger Familienvater in der Runde. Er wundere sich immer wieder, dass sich die gleichen Leute, die sich über ein Kopftuch aufregen, nicht daran stören, wenn man überall in der Werbung und in TV-Unterhaltungsshows halbnackte Frauen sieht. Was für Werte, so frage er sich, würden denn damit vermittelt?

Dass das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Religionen und Kulturen auch zu gesellschaftlichen Konflikten führen könne, zeigte eine Diskussionsteilnehmerin mit Beispielen aus Grossbritannien auf. Vor solchen Fehlentwicklungen, so eine weitere Stimme, dürfe man gewiss nicht die Augen verschliessen, wichtig sei aber gerade deshalb das Bemühen um ein gutes, auf gegenseitiger Wertschätzung beruhendes Zusammenleben. Schliesslich könne man nicht erwarten, dass sich die Ausländerinnen und Ausländer alleine um die Integration kümmern müssten, ebenso wichtig sei, ihnen gegenüber die eigenen Türen zu öffnen und auch ein bisschen etwas von jener Gastfreundschaft, für die gerade die südlichen Länder so bekannt seien, zu pflegen.

Christella, 40 Jahre später: „Es würde meine Fragen zwar nicht beantworten, aber ich könnte etwas Dreck von meiner Seele schmeissen, indem andere erfahren, was mir widerfahren ist.“

Peter Sutter, 13. Oktober 2025

Die folgende Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit. Allerdings sind die Namen der beteiligten Personen geändert und die Geschichte wurde in ein anderes, aber weitgehend vergleichbares gesellschaftliches und berufsbezogenes Umfeld verlegt.

Es sind seither zwar fast 40 Jahre vergangen, doch für Christella ist alles damals Erlebte noch so nahe, als wären diese 40 Jahre in dem Moment, da sie ihre Geschichte zu erzählen beginnt, augenblicklich in nichts zerschmolzen…

Christella, aufgewachsen in einer Kleinstadt in Norddeutschland, ist 15, als sich ihre Eltern mit Penelope und Gustav befreunden, einem Ehepaar, das in der Folge eine zunehmend wichtigere Rolle in Christellas Leben spielen wird. Denn im Gegensatz zu ihrem überaus konservativ eingestellten Vater und der eher ängstlichen, konfliktscheuen Mutter verkörpern Penelope und Gustave für Christella so etwas wie das Tor zur grossen, weiten Welt der Freiheiten und der Abenteuer. Gustav ist ein bekannter Kunsthändler, die von ihm veranstalteten Auktionen sind in der Fachwelt geradezu Kult und gehören zum Pflichtprogramm all derer, denen es nicht bloss darum geht, sich ein neues Kunstwerk zu erstehen, sondern mindestens so sehr, neue Kontakte zu einflussreichen Persönlichkeiten zu knüpfen und sich auf dem Weg zu Ehre und Ruhm möglichst viele weitere Vorteile zu verschaffen. Penelope ihrerseits ist weitherum bekannt für ihr karitatives Engagement als Präsidentin einer Organisation, die sich vor allem des Schicksals von Kindern aus ärmlichen Verhältnisse annimmt, welche dringend medizinischer Hilfe bedürfen. Auch sie ist eine Dame „von Welt“ und auch die von ihr organisierten Veranstaltungen sind glanzvolle Höhepunkte im gesellschaftlichen Leben der Stadt. Zudem ist sie für ihr soziales Engagement bereits mit einem renommierten Ehrenpreis der Stadt ausgezeichnet worden.

Als Penelope eines Tages Christella, die soeben eine Ausbildung zur Erzieherin in Angriff genommen hat, ermuntert, stattdessen doch gescheiter das Abitur zu machen und eine akademische Karriere ins Auge zu fassen, ist der Teufel los. Christellas Vater rastet aus und spricht mit seiner Tochter drei Tage lang kein Wort mehr. Und da sich fast zur gleichen Zeit Gustav dafür entschieden hat, für ein halbes Jahr seinen Wohnsitz in die Schweiz zu verlegen, um zusätzliche Verbindungen zum dortigen Kunstmarkt aufzubauen, packt die nunmehr 18jährige Christella die Gelegenheit beim Schopf. Sie bricht ihre Ausbildung zur Erzieherin ab, entflieht Hals über Kopf ihrer Familie und wird nun für längere Zeit bei Gustav und Penelope leben, die inzwischen für sie so etwas wie ihre zweiten Eltern geworden sind. Für Penelope wiederum kommt die Anwesenheit von Christella wie gerufen, ist sie doch, in Anbetracht ihrer weiteren zeitaufwendigen karitativen Tätigkeit, noch so froh, jemanden zur Seite zu haben, die sich während dieser Zeit um ihre dreijährige Tochter und um den Haushalt kümmert.

Aber auch Gustav nutzt die Gelegenheit. Da Christella neben dem Kinderhüten und dem Erledigen von Arbeiten im Haushalt noch genügend freie Zeit bleibt, dient ihm die attraktive 18Jährige ab nun immer öfters als perfekte Assistentin, wenn es darum geht, sich mit wichtigen Leuten zu treffen, bei Einladungen Kaffee und Kuchen zu servieren und eine sympathische Atmosphäre zu verbreiten. Doch nicht nur das. Nach und nach wird die Assistentin zur Sekretärin, erledigt Telefonate, vereinbart Termine, reserviert die Räume für Sitzungen. Und eines Tages bekommt sie auch zum ersten Mal den Auftrag, Dokumente zu bearbeiten, von denen sie zunächst keine Ahnung hat, worum es geht. Sie folgt einfach den Anweisungen von Gustav. Erst viel später wird sie erfahren, dass es sich um gefälschte Zertifikate von Kunstwerken handelt, die sich bis 1933 in jüdischem Besitz befanden und dann von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden und nach denen seither gefahndet wird, damit sie ihren ursprünglichen Besitzern bzw. ihren Nachfahren zurückgegeben werden können. Gustav ist, was Christella nicht wissen kann, ein mit allen Wassern gewaschener Geschäftsmann im Graubereich zwischen Legalität und Illegalität, immer hart an der Grenze dazwischen, so, dass auf keinen Fall jemals etwas auffliegen oder sein gesellschaftliches Ansehen auch nur ansatzweise in Gefahr geraten könnte. Mit ihrem Charme und ihrer persönlichen Ausstrahlungskraft ist Christella zu Gustavs willkommenem Instrument geworden, seine Geschäfte noch weitaus müheloser und weniger riskant abwickeln zu lassen, ohne dass sie selber auch nicht Entferntesten ahnt, was mit ihr geschieht.

Bis Christella beim Abstauben auf Gustavs Pult ein Foto entdeckt. Es stammt von einem Empfang bei der deutschen Botschaft. In der Mitte des Bildes Gustav, dicht vor ihm Christella. Sie erschrickt. Dieser Blick von Gustav auf sie, von hinten, den sich ja beim Anlass selber nicht wahrnehmen konnte. Als würde er sie am liebsten mit Haut und Haaren verschlingen. Weiter rechts im Bild, mit gehörigem Abstand, Penelope. Und auch ihr Blick, voller Wut, in Richtung von Christella, spricht Bände.

Das Bild kann Christella nicht vergessen, bei allem, was sie in den kommenden Tagen tut. Christella hier, Christella dort, Kaffee holen, Lächeln, seine Hand auf ihrer Hand, beim Überprüfen der ausgefüllten Zertifikate. Das Mädchen für alles. Jeden Tag. Von früh bis spät. Und bald schon nicht nur am Tag.

Es ist nachts kurz vor elf. Gustav öffnet, ohne anzuklopfen, die Tür zu Christellas Zimmer. Kurz darauf liegt er neben ihr im Bett. „Ich könnte jetzt mit dir alles machen“, sagt er, „wie würdest du reagieren?“ Christella ist sprachlos. Dann kommt ihr in den Sinn, was ihr die Mutter einmal sagte: Falls es jemals geschehen sollte, rede einfach, so lange und so viel du kannst. „Ich habe Angst vor dir“, sagt Christella. Doch die lähmende Ohnmacht bleibt. Es kommen nicht die Worte, die jetzt vielleicht kommen müssten. Und wenn, würden sie wahrscheinlich sowieso im Leeren verhallen. Was sind schon Worte gegen die entfesselten Triebe eines fast doppelt so alten Mannes, der wahrscheinlich schon wochenlang auf nichts anderes gewartet hat als auf diesen Moment. Wahrscheinlich wäre jedes Wort in diesem Augenblick falsch, jedes würde seine Triebe nur noch weiter anstacheln. In diesem Augenblick zischt ein erschreckender Gedanke durch Christellas Kopf. Worte. Sprache. Literatur. Bücher. Sie hat Hunderte von Büchern gelesen, Bücher voller Weisheiten und voller Visionen für eine schönere und friedlichere Welt. Bücher voller Liebe und Zärtlichkeit. Sie kennt Dutzende von Menschen, die Bücher nur so verschlingen. Gebildete Menschen, wie man sagt. Doch ist das alles nur Schein? Ist die gesamte Weltliteratur über Tausende von Jahren einfach wirkungslos und ausgelöscht in dem Augenblick, da ein wild gewordener Mann, der gerade daran ist, seine Hose aufzuknöpfen aufzuknöpfen, nachts um elf neben dir im Bett liegt?

„Du warst wie ein Vater für mich“, sagt sie, „aber ein Vater tut so etwas nicht.“ Er: „Ich liebe dich.“ Sie: „Wenn du mich liebst, dann geh. Ich bin viel schwächer. Das willst du doch mir nicht antun. Und auch nicht deiner Frau.“ Knapp geschafft. Er steht auf und geht.

Am nächsten Abend trifft Christella Freundinnen in der Stadt und erzählt ihnen alles. Diese sind geschockt. Sie übernachten gemeinsam in einer Jugendherberge, Christella hat Angst, die folgende Nacht in ihrem Zimmer zu verbringen.

Am nächsten Tag jammert Gustav Penelope die Ohren voll, er könne seit Tagen nicht mehr durchschlafen, da die Tochter jede Nacht mehrmals erwache und ständig herum quengele, das würde ihn noch in den Wahnsinn treiben. Penelope zeigt Verständnis. Schliesslich braucht ihr Mann genügend Schlaf, um seinem zeitintensiven Job gerecht zu werden. Gustav zieht aus dem gemeinsamen Schlafzimmer aus und nimmt sich im oberen Stock ein bisher als Arbeitsraum benutztes Zimmer, schräg gegenüber dem Zimmer von Christella. Es wird immer schlimmer. Mehrmals in der Nacht klopft er an ihre verschlossene Tür und jedes Mal hört er erst dann auf, wenn Christella ihm droht, so laut zu schreien, dass es alle Nachbarn hören würden. Tagsüber versucht sie ihm, so weit es möglich ist, aus dem Weg zu gehen.

Es folgen zwei Wochen Urlaub in Frankreich. Wie wenn das für ihn so etwas wie ein lange ersehnter Freipass wäre, wird Gustav immer aufdringlicher, nutzt jede Gelegenheit, sich an Christella heranzumachen, packt sie auch mal an den Schultern, küsst sie, immer und immer wieder. Schliesslich macht er ihr einen Heiratsantrag. Er hätte sich dafür entschieden, seine Frau und seine Tochter zu verlassen und mit Christella eine neue Familie zu gründen, irgendwo in einem fernen Land, wo ihn niemand kennt. In diesem Augenblick empfindet Christella so etwas wie eine plötzliche, unerwartete Steigerung ihres Selbstwertgefühls, was sie sich bis heute immer noch nicht ganz zu erklären vermag, aber wohl etwas damit zu tun hat, dass sie zu diesem Zeitpunkt noch sehr jung und völlig unerfahren ist und sich dieser „Aufwertung“ ihrer Person kaum gänzlich zu entziehen vermag, obwohl sie ja für Gustav keinerlei Gefühle von Sympathie oder Zuneigung empfindet.

Am folgenden Tag nimmt Christella allen Mut zusammen, stellt Gustav zur Rede und konfrontiert ihn mit der Frage, ob er allen Ernstes seine Familie zerstören wolle. Für einen kurzen Augenblick scheint sich Gustav der Tragweite und der möglichen Konsequenzen seines Verhaltens bewusst geworden zu sein. Gleichzeitig aber nimmt sie seine totale Unfähigkeit wahr auch nur zu einer Spur von Reue und Selbsterkenntnis, im Gegenteil: Gustav, sich noch einmal in seiner ganzen fratzenhaften vermeintlichen Männlichkeit aufplusternd, kommt ihr vor wie ein viel zu stark aufgeblasener Ballon, der im nächsten Moment zu zerplatzen droht.

Später in der Nacht schreibt Christella einen Brief an Penelope, fünf ganze Seiten lang, schüttet ihr ganzes Herz aus, konfrontiert sie in allen Einzelheiten mit der Realität, schonungslos, jede noch so tiefe Verletzung dieser von allen so bewunderten und verehrten Frau in Kauf nehmend, die sich mit Leib und Seele seit Jahren so leidenschaftlich dafür einsetzt, das Los kranker Kinder aus minderbemittelten Familien zu lindern. Ein Mensch mit so viel Mitgefühl muss doch auch für ihr Leiden, für das Leiden Christellas, ein offenes Herz haben, diesen Mann zur Rede stellen, ihn mit seinem Fehlverhalten konfrontieren, von ihm verlangen, Farbe zu bekennen und sich zu entscheiden. Kurz nach dem Frühstück, Penelope räumt das Geschirr ab und Gustav hat sich bereits in sein Büro verzogen, steckt Christella Penelope wortlos den Brief zu.

Zutiefst innerlich aufgewühlt und zerrissen blickt Christella dem weiteren Tagesverlauf entgegen. Wie wird Penelope auf den Brief reagieren? Totenstille herrscht in der Wohnung. Nicht einmal vom Kind, das um diese Zeit fast immer am Jammern oder Weinen ist, hört man etwas. Ist das die vielbekannte Ruhe vor dem Sturm? Und was für Folgen wird dieser Sturm haben, wenn er erst einmal losgebrochen ist? Auf einmal bereut Christella zutiefst, was sie getan hat. Quälende Selbstzweifel werden immer stärker. Wäre es nicht gescheiter gewesen, sich einfach mit der Situation abzufinden, statt mit diesem Brief an Penelope möglicherweise etwas auszulösen, was unabsehbare Folgen haben könnte?

Doch der Sturm bleibt aus. Stattdessen: Tödliche Stille. Den ganzen Tag lang kein einziges Wort, weder von Penelope, noch von Gustav. Als wäre Christella unsichtbar. Als hätte sie für Penelope und Gustav aufgehört zu existieren.

Am folgenden Tag werden die Koffer gepackt. Wieder fällt kein Wort. Versteinerte Mienen. Leere Blicke. In Basel, beim Hauptbahnhof, wird Christella ausgeladen. Abgestellt. Weggeworfen. Ausgemustert. Entsorgt. Gustav drückt ihr einen Fahrschein in die Hand. Christellas Mutter wurde informiert, dass die Tochter um 16.09 Uhr zuhause ankommen würde. Kein Handschlag. Kein Wort. Kein Dankeschön. Nichts.

Seither lebt jede der beiden Familien wieder in ihrer eigenen Welt. Nur einmal noch hört Christella etwas von Penelope, ganze sieben Jahre später. Sie stösst auf einen von Penelope verfassten Artikel, der in einer Frauenzeitschrift veröffentlicht wurde. Penelope und Gustav sind immer noch zusammen, haben inzwischen drei Kinder. Sie leben nun dauerhaft in der Schweiz. Nebst ihrer karitativen Tätigkeit engagiert sich Penelope zunehmend auch für Frauenrechte. Im besagten Artikel schreibt sie: „Im Vergleich zwischen Deutschland und der Schweiz fällt mir auf, dass die Frauen hierzulande weitaus häufiger an einer herkömmlichen Frauenrolle festhalten. Es scheint ihnen vor allem wichtig zu sein, was andere von ihnen denken. Es fällt mir in meiner neuen Heimat schwer, gleichgesinnte Frauen zu finden, die sich wie ich für die Rechte von Frauen und ganz allgemein für Politik interessieren. Manchmal fühle ich mich ein bisschen wie ins 19. Jahrhundert zurückversetzt.“

„Gerne möchte ich dir diese Geschichte erzählen“, hatte mir Christella vor rund drei Wochen geschrieben, „es ist die wahre Begebenheit einer jungen Frau, die ich selbst bin. Sie lauert immer wieder in meinem Leben auf. Manchmal sass ich schon im Auto und wollte los fahren, dorthin, wo es geschah, um auf all die Fragen eine Antwort zu finden, die ich bis heute nicht beantworten konnte. Aber noch nach über 40 Jahren stülpt sich die damals 20jährige Frau über mich und will sich der Konfrontation partout nicht stellen, es fühlt sich zu widerlich an. Immer wenn ich diese Geschichte erzähle, sagt man mir, Gott sei Dank sei ich da ja noch früh genug rausgekommen und von meiner Familie so gut aufgefangen worden. Das stimmt zwar, dennoch aber wurde meine Seele fallen gelassen. Je älter und weiser ich werde, als umso unerträglicher empfinde ich das Geschehene. Denn kein Mensch darf der Besitz eines anderen sein. Wer versuchte, von mir Besitz zu ergreifen und einen Teil meiner Seele besitzen zu wollen, muss sich selber ein totales Vergessen verordnet haben, sonst könnte er dieses Unrecht nicht ertragen. Ich bin nicht die Einzige mit einer solchen Erfahrung. Millionen von Menschen erleben das tagtäglich und die Spuren bleiben wohl lebenslang unauslöschlich. Das Bild, das die Täter von sich selber machen und laufend schönreden, um jeden Morgen in ein Spiegelbild schauen zu können, das für sie erträglich ist, verwandelt sich in den Augen und in der Erinnerung ihrer Opfer ins pure Gegenteil, in eine zutiefst hässliche Fratze, die sie lebenslang begleiten wird. Gerne würde ich dir diese Geschichte erzählen. Es würde zwar meine Fragen nicht beantworten, aber ich könnte etwas Dreck von meiner Seele schmeissen, indem andere erfahren, was mir widerfahren ist.“

„Die Frau“, so die britische Schriftstellerin und Feministin Virginia Woolf, „hat Jahrhunderte lang als Lupe gedient, welche die magische und köstliche Fähigkeit besass, den Mann doppelt so gross zu zeigen, wie er von Natur aus ist.“

Ukrainische Flüchtlinge in der Schweiz: Und plötzlich gingen alle zuvor so fest verschlossenen Türen wie durch ein Wunder auf…

Peter Sutter, 11. Oktober 2025

Einer meiner Deutschschüler, den ich seit zwei Monaten unterrichte, flüchtete mit seiner alleinerziehenden Mutter und seinem jüngeren Bruder vor zwei Jahren aus der Ukraine in die Schweiz, eine riesige Erleichterung nach einem Leben in beständiger Angst und Unsicherheit. Heute aber macht er auf mich einen überraschend geknickten Eindruck. Er erzählt…

„Lange Zeit war es einfach nur ein Gefühl der Dankbarkeit, so grosszügig als Flüchtling in der Schweiz aufgenommen zu werden. Doch vor ein paar Tagen erzählte mir eine aus Syrien geflüchtete Kurdin, wie schwierig es in den letzten paar Jahren für Menschen aus ihrem Land und auch aus anderen südlich und östlich gelegenen Ländern wie Afghanistan oder Eritrea geworden sei, in der Schweiz noch eine Chance auf Asyl zu bekommen. Ich hatte das, ehrlicherweise, nicht gewusst. Und es hat mich sehr traurig gemacht. Ich bin zwar glücklich, in der Schweiz so grosszügig ein Aufenthaltsrecht bekommen zu haben. Aber seitdem ich weiss, dass es gleichzeitig für Flüchtlinge aus anderen Ländern immer schwieriger geworden ist, hier aufgenommen zu werden, vermag es mich nicht mehr so richtig glücklich zu machen…

In der Tat…

Aufgrund des Kriegs in der Ukraine hatte der Bundesrat per 12. März 2022 den Schutzstatus S für Personen aus der Ukraine aktiviert, die somit kein ordentliches Asylverfahren durchlaufen müssen. Zurzeit haben rund 66‘000 Personen aus der Ukraine einen aktiven Status S in der Schweiz. Der Schutzstatus S gilt bis zur Aufhebung durch den Bundesrat. Voraussetzung für die Aufhebung ist eine nachhaltige Stabilisierung der Lage in der Ukraine. Da sich eine solche zurzeit nicht abzeichnet, hat der Bundesrat beschlossen, den Schutzstatus S bis zum 4. März 2026 nicht aufzuheben. Die erstmals am 13. April 2022 beschlossenen spezifischen Unterstützungsmassnahmen für Personen mit Schutzstatus S werden deshalb ebenfalls bis zum 4. März 2026 verlängert. Der Bund beteiligt sich mit 3000 Franken pro Person und Jahr an den Integrationsanstrengungen der Kantone, insbesondere zur Sprachförderung und zum Zugang zur Bildung und zum Arbeitsmarkt. Zudem sollen mithilfe zusätzlicher Massnahmen die Kommunikation und die Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure, die Unterstützung von Projekten zur Begleitung bei der Anerkennung von Qualifikationen und Diplomen und eine Optimierung der Vermittlung durch die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren verbessert werden. Schutzsuchende aus der Ukraine können und sollen durch Integrationsmassnahmen, Bildung und Erwerbsarbeit auch aktiv am sozialen Leben teilnehmen und Fähigkeiten im Hinblick auf eine künftige Rückkehr in die Heimat erhalten und aufbauen.

Als die Schweiz im März 2022 76‘195 anerkannte Flüchtlinge und 44‘779 vorläufig Aufgenommene zählte, zögerte die Regierung keinen Augenblick, weitere 62‘820 Menschen – ausschliesslich Ukrainerinnen und Ukrainer – aufzunehmen und für diese sogar extra einen eigenen Schutzstatus in Form einer S-Bewilligung mit besonderen Privilegien zu schaffen. Wenn heute, dreieinhalb Jahre später, ein paar Tausend Menschen aus Afghanistan, Eritrea oder dem Kongo in der Schweiz Schutz suchen, geht das grosse Wehklagen los, die Schweiz würde von Flüchtlingen «überflutet» und das «Boot» sei langsam «voll».

Als es um die Flüchtlinge aus der Ukraine ging, sprach kein Mensch von Überflutung und einem vollen Boot. Ganz im Gegenteil: Unzählige Türen, die zuvor dicht verschlossen waren, gingen plötzlich wie durch ein Wunder auf. Plötzlich sprachen die Medien auffallend oft, wenn es um Ukrainerinnen und Ukrainer ging, nicht mehr von «Flüchtlingen», sondern von «Schutzsuchenden». Tausende von Familien und Einzelpersonen nahmen ukrainische Flüchtlinge bei sich zuhause auf. Lastwagenweise wurden Möbel, Decken, Kleider, Spielsachen und Nahrungsmittel zusammengekarrt. Ganze Vereine wurden extra zu dem Zweck gegründet, Unterstützung für Menschen aus der Ukraine zu organisieren. Freiwillige Helferinnen und Helfer leisteten Tausende von Stunden Gratisarbeit. Eigens für ukrainische Kinder wurden Spiel- und Lerngruppen geschaffen, pensionierte Lehrkräfte sprangen für Deutschkurse ein, an welchen niemand ausser Menschen aus der Ukraine teilnehmen durften. Man organisierte ganze Kunstausstellungen, Theater- und Konzertaufführungen, an denen sich ausschliesslich Menschen aus der Ukraine aktiv beteiligen durften. An zahllosen Balkonen, auf Kirchtürmen und selbst an Regierungsgebäuden wehten landauf landab auf einmal überall ukrainische Nationalflaggen und nicht wenige Schweizerinnen und Schweizer erachteten es sogar plötzlich als besonders schick, Kleider oder Accessoires in den ukrainischen Nationalfarben zu tragen. Eine schon fast überirdische Euphorie war ausgebrochen, die bis heute, auch wenn sie an ihrer anfänglichen Überschwänglichkeit inzwischen etwas eingebüsst hat, immer noch an allen Ecken und Enden zu spüren ist. Selbst auf der Webseite der «Schweizerischen Flüchtlingshilfe» gibt es eine Hotline ausschliesslich für ukrainische Flüchtlinge, ein Privileg, dass keiner einzigen anderen Nationalität zugestanden wird.

Von Kiew bis an die Schweizer Grenze sind es 2108 Kilometer. Laut Google schafft man das mit einem SUV in 23 Stunden und 23 Minuten. An jedem Grenzübergang wird man freundlich durchgewinkt. Und am Ziel wird man zu einem Festmahl eingeladen in ein prachtvoll eingerichtetes Haus, wo alle Betten schon für die neuen Gäste frisch angezogen worden sind.

Von Kabul bis an die Schweizer Grenze sind es 6705 Kilometer. Rechnet man die vielen Umwege dazu, welche Flüchtlinge aus Afghanistan notgedrungen auf sich nehmen müssen, kommt man auf geschätzte 7500 Kilometer. Zu Fuss ist man zwischen einem und acht Jahren unterwegs. An den Grenzübergängen wird man entweder – als Frau – brutal vergewaltigt oder – als Mann – halb zu Tode geprügelt. Es wird auf einen geschossen, es werden einem die Kleider vom Leib gerissen, man geht sämtlicher Habseligkeiten verlustig und man wird von Bluthunden in unwirtliches Umland gehetzt, wo es nichts zu essen und zu trinken gibt. Hat man das Pech, unterwegs von der Polizei oder von Armeeangehörigen aufgegriffen zu werden, wird man früher oder später an diesen Ort zurückgeschafft, selbst wenn die dortigen Lebensbedingungen jeglicher Menschenwürde spotten. Und steht man dann trotz alledem nach sechs oder acht Jahren an der Schweizer Grenze, gibt es kein Festmahl und keine frisch angezogenen Betten, sondern allerhöchstens einen Fusstritt und ein Stück Papier mit der Aufforderung, sich nie wieder hier blicken zu lassen.

«Was mich umtreibt», schreibt Peter G. Kirchschläger, Ethikprofessor an der Uni Luzern, im «Tagesanzeiger» vom 29.11.24, «ist der Versuch von Bundesrat und Parlament, die grosse Solidarität mit der Ukraine durch gleichzeitig unsolidarisches Handeln gegenüber den Ärmsten in den Ländern des Globalen Südens zu realisieren. Wir sind als humanitärer Akteur unglaubwürdig, wenn unsere Solidarität nur jeweils bis zu unserem nächsten Nachbar reicht und wir vor dem Elend, das weiter weg geschieht, die Augen verschliessen. Von der ohnehin schon knausrigen Schweizer Entwicklungshilfe – sie beträgt derzeit nur knapp die Hälfte des international vereinbarten Ziels von 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens – werden 13% ausschliesslich für die Ukraine verwendet. Und die ausschliesslich für den Wiederaufbau der Ukraine vorgesehenen 1,5 Milliarden Franken werden erst noch vom Gesamtbetrag aller Entwicklungshilfegelder  abgezogen, sodass für sämtliche Hilfsleistungen beispielsweise in ganz Subsahara-Afrika weniger Geld übrigbleibt als die für die Ukraine gesprochenen Leistungen. Dazu kommt, dass von den für den Wiederaufbau der Ukraine erforderlichen Mitteln ein Drittel an Schweizer Unternehmen fliesst und somit eigentlich nicht als Entwicklungshilfe, sondern als Wirtschaftsförderung budgetiert werden müsste.»

Wahlen in der ehemaligen Sowjetrepublik Moldau: Die westlichen Medien werden immer unverschämter…

Peter Sutter, 3. Oktober 2025

„Moskau zieht uns zurück in die Grauzone“, so der Titel eines Artikels in der Schweizer Gratiszeitung „20minuten“ vom 28. September 2025 zu den bevorstehenden Parlamentswahlen in der ehemaligen Sowjetrepublik Moldau. Die Ex-Sowjetrepublik, so ist zu lesen, „steht vor einem Zukunftsentscheid: Russland oder Europa“. Diese Wahlen, so wird die proeuropäische Regierungspräsidenten Maia Sandu zitiert, würden darüber entscheiden, ob „wir unsere Demokratie festigen und der EU beitreten oder ob Russland uns zurück in eine Grauzone zieht und uns zu einem regionalen Risiko macht“. Die proeuropäische Regierung von Maia Sandu, so „20minuten“, wolle das Land bis 2028 in die EU führen. Russland halte dagegen und versuche mit „Desinformation, Stimmenkauf und Störmanövern, den prowestlichen Kurs des Landes zu unterdrücken“. Sollten am 29. September die prorussischen Kräfte gewinnen, so Maia Sandu, drohe nicht nur ein „Ende des bisherigen Reformkurses des Landes“, sondern dies wäre auch ein „geopolitischer Rückschlag weit über Moldau hinaus“. Hinweise auf eine russische Einflussnahme auf diese Wahlen gäbe es „en masse“, so „20minuten“. So hätte eine Recherche der BBC ein „Netzwerk“ aufgedeckt, das eine „gefälschte Umfrage zu politischen Präferenzen verbreitet“ hätte. Mithilfe eines „verdeckten Reporters“ hätte man herausgefunden, dass das Netzwerk „dafür bezahlt“ hätte, dass „prorussische Propaganda und Fake News gestreut und so die proeuropäische Regierungspartei untergraben“ werde. Auch der Politologe Valeriu Pasa spreche von einer „massiven Desinformationskampagne“ Russlands. So habe er mit seiner Organisation Watchdog unter anderem „Online-Falschinformationen“ und „andere Manipulationen im Netz“ dokumentiert.

Trotz dieser angeblichen massiven Einmischung Russlands in den Wahlkampf errang die Proeuropäische Regierungspartei in den Tags darauf stattfindenden Wahlen eine Mehrheit von 50,1 Prozent der Stimmen, während sich der prorussische Patriotische Block mit 24,2 Prozent zufrieden geben musste. Die westliche Presse jubelte: Gerade noch mal gut gegangen, die Demokratie gerettet…

Doch was war tatsächlich daran, an diesen zahlreichen „Störmanövern“, den massiven „Desinformationskampagnen“, dem „Stimmenkauf“, den „gefälschten Umfragen“ und den „Manipulationen im Netz“, mit denen Russland versucht haben soll, auf diese Wahlen dermassen massiv Einfluss zu nehmen, um sie nach seinen Gunsten zu drehen?

Ich konsultiere fünf für die westlichen Medien repräsentative Presseorgane: n-tv, taz, ZDF, Welt und den schweizerischen Tagesanzeiger, alle am 29. bzw. 30. September 2025…

N-tv berichtet, „trotz Störfeuern und massivem Druck aus Moskau“ habe die Proeuropäische Regierungspartei die Wahlen in Moldau „klar gewonnen“.

Taz zitiert in ihrem Bericht die bisherige und wiedergewählte proeuropäische Präsidentin Maia Sandu mit folgenden Worten: „Wir haben der Welt gezeigt, dass wir ein Land mit mutigen und stolzen Bürgern sind. Moldau zeigt uns heute, dass man vor Russland nicht einknicken darf, sondern sich verteidigen und siegen kann.“ Diese Wahlen, so taz, seien eine „Schicksalsentscheidung über die verarmte Ex-Sowjetrepublik an der strategischen Schnittstelle zwischen Rumänien und der Ukraine“ gewesen. Der Kreml habe angesichts der Bedeutung dieser Wahlen „erhebliche Mittel in Stimmenkauf, Desinformation und Social-Media-Kampagnen investiert.“

ZDF zitiert ebenfalls die Regierungspräsidentin Maia Sandu, die „Russlands massive Einflussnahme auf diese richtungsweisende Wahlen“ kritisiert habe und Moskau vorwerfe, „durch Desinformation und Stimmenkauf“ in die Wahlen eingegriffen zu haben. Auch der nationale Sicherheitsberater Stanislaw habe gesagt, es habe „Cyberangriffe auf die Wahlinfrastruktur sowie gefälschte Bombendrohungen in Wahllokalen“ gegeben.

Auch die „Welt“ beruft sich in ihrer Berichterstattung ausschliesslich auf Maia Sandu, die per Facebook mitgeteilt hätte, es habe zahlreiche Berichte gegeben, wonach „Wähler illegal zu Wahllokalen im Ausland gebracht worden“ seien. Das sei „offensichtlich gegen Geld passiert“. Zudem seien „mutmasslich unausgefüllte Stimmzettel aus Wahlurnen entfernt“ worden, damit sie später „bereits gestempelt“ hätten abgegeben werden können.

Ebenso zitiert der schweizerische Tagesanzeiger Maia Sandu mit den Worten, Russland habe sich „massiv eingemischt“. Zudem hätte die Nichtregierungsorganisation Promo-Lex von „254 bestätigten Vorfällen“ berichtet, bei denen „unter anderem unbefugte Personen in Wahllokalen erschienen“ seien oder „Wählerinnen oder Wähler Aufnahmen von ihrem Stimmzettel gemacht“ hätten.

Wenn alle das Gleiche schreiben, so denkt sich nun wohl der geneigte Leser, die geneigte Leserin, muss es ja wohl so sein. Es können sich ja nicht alle irren. Und doch bleibt bei mir ein ungutes Gefühl zurück. Erstens, weil in fast jedem dieser Artikel immerhin doch kurz, meistens zwar nur in einem einzigen Satz, darauf hingewiesen wird, dass Russland sämtlicher dieser Vorwürfe einer Einflussnahme wiederholt dementiert habe. Zweitens, weil in allen diesen Artikeln ausschliesslich westliche Politikerinnen und Politiker, allen vorab Maia Sandu, die proeuropäische Regierungspräsidentin Moldaus, zitiert wird, nie aber eine Sprecherin oder ein Sprecher der russischen Seite. Und drittens, weil viele der scheinbaren Tatsachen mit den Begriffen „mutmasslich“ oder „möglicherweise“ versehen sind, was auf verdächtige Weise aktuell gerade an die zahlreichen „Drohnensichtungen“ über NATO-Ländern erinnert, von denen manchmal innerhalb des gleichen Satzes ihre russische Herkunft nicht im Geringsten in Frage gestellt wird, gleichzeitig aber eingeräumt wird, dass es noch nicht eindeutig geklärt sei, wer und weshalb diese grosse Zahl von Drohnen überhaupt in die Luft geschickt würden. Fake News? False-Flag-Actions? Wem kann man da noch wirklich glauben?

Aber ja, eine wirklich überzeugende Gegendarstellung zu den Behauptungen massiver russischer „Beeinflussung“ und russischer „Störmanöver“ habe ich trotz längerem Recherchieren noch nicht gefunden.

Bis ich auf einen Artikel der Berliner Zeitung vom 29. September 2025 unter dem Titel „So beeinflusst die EU Wahlen und erpresst euroskeptische Länder“ stosse. Und siehe da, auf einen Schlag bestätigen sich alle meine Vermutungen und alle meine Skepsis. Denn die Berliner Zeitung ist alles andere als ein antiwestliches Hetzblatt, sondern schlicht und einfach von Journalisten gemacht, die, statt einfach anderen alles abzuschreiben, offensichtlich noch selbstbestimmt und unabhängig ihre eigenen Recherchen vorzunehmen…

„Das moldauische Volk hat das Recht, ohne äussere Einmischung über seine eigene Zukunft zu entscheiden“, erklärte die EU-Aussenbeauftragte Kaja Kallas vor einem Monat während einer Pressekonferenz des EU-Moldau-Assoziationsrats. Um dieses Recht zu wahren, hat sich die EU jedoch massiv in die jüngsten Wahlen in Moldau eingemischtBei der Parlamentswahl am Sonntag erzielte die proeuropäische Partei der Aktion und Solidarität (PAS) unter der Führung von Maia Sandu nach Auszählung nahezu aller Stimmen 50,1 Prozent. Der prorussische Patriotische Block kam auf 24,2 Prozent. Kurz vor den Wahlen kam es zu zahlreichen Razzien und Gerichtsurteilen, die zum Ausschluss von zwei kremlnahen Parteien führten… Auch in Rumänien erklärte das Verfassungsgericht in Bukarest, nachdem Ende November 2024 der prorussische Kandidat Calin Georgescu die erste Wahlrunde gewonnen hatte, kurz vor der Stichwahl das Ergebnis aufgrund angeblicher Unregelmässigkeiten bei der Wahlkampffinanzierung für ungültig. Der Vorwurf: Russland habe sich in den Wahlprozess eingemischt – handfeste Beweise fehlen bis heute. Schliesslich trat der proeuropäische Kandidat Nicusor Dan als Sieger hervor und wurde Präsident von Rumänien... In Moldau zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Die prorussischen Parteien Herz Moldaus und Moldova Mare sowie der Wahlblock Alternative wurden nur zwei Tage vor der Wahl von der Zentralen Wahlkommission, dem Justizministerium und Gerichten ausgeschlossen, wegen angeblicher illegaler russischer Finanzierungen in Millionenhöhe, Wählerbestechung, Verbindungen zur verbotenen Sor-Partei und „Desinformationskampagnen“ in den sozialen Medien. Konkrete Beweise wurden bisher jedoch nicht öffentlich gemacht. Dennoch kam es unmittelbar vor den Wahlen zu zahlreichen Verhaftungen... Die Wahl ist nun Geschichte, und der „Gewinner“ ist Europa – oder vielmehr die Europäische Union. „Unsere Tür ist offen“, schrieb EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf Bluesky und gratulierte Moldau zum Wahlausgang: „Wir werden ihnen bei jedem Schritt Seite an Seite stehen.“ Das Land hat 2024 offiziell den EU-Beitritt eingeleitet. Der Wunsch Brüssels ist unmissverständlich: „Europa ist Moldau. Moldau ist Europa“, sagte EU-Parlamentspräsidentin Roberta Metsola... Doch ist das nicht auch eine Form ausländischer Einflussnahme? Schliesslich stellt die EU zunehmend Mittel für NGOs und Medien in osteuropäischen und EU-skeptischen Ländern zur Verfügung, um ihre Agenda voranzutreiben. Bislang jedoch wurde kein proeuropäischer Kandidat aus den Wahlen ausgeschlossen oder verhaftet... Brüssel versprach Moldau unter anderem einen „Wachstumsplan“ im Wert von 1,8 Milliarden Euro, jedoch nur, wenn die Regierung die EU-Bedingungen erfüllt. Darüber hinaus wurden EU-Steuergelder in Höhe von 200 Millionen Euro als „Verteidigungshilfe“ gegen Russland bereitgestellt. Am 4. September zahlte die EU-Kommission 18,9 Millionen Euro aus dem „Wachstumsplan“ aus. Die EU investiert ausserdem Millionen von Euro in den Osten Europas, um gegen „Desinformation“ vorzugehen und Medien sowie Journalismus-Projekte zu fördern. Im Rahmen des Programms EU4Independent Media (EU4IM) hat die EU zwischen 2022 und 2025 fast acht Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um Medien in der Ukraine, Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Belarus und Moldau zu unterstützen. Ziel des Programms ist es unter anderem, „unabhängige Medienorganisationen“ im Kampf gegen „russisch geprägte Fehlinformationen“ zu stärken... Mitte September entsandte die EU-Kommission ein „Rapid Response Team“ nach Moldau, das gegen „russische Desinformation“ und „Wahlmanipulation“ vorgehen sollte. „Wir haben kürzlich ein Expertenteam entsandt, um Moldau im Kampf gegen ausländische Einmischung zu unterstützen“, erklärte die EU-Aussenbeauftragte Kaja Kallas im Vorfeld. Oder, präziser gesagt, um sich selbst in die Wahlen direkt aus Brüssel einzumischen... Nordnews, das Nachrichtenportal, das die Vorwürfe der „russischen Einflussnahme“ bei der Parlamentswahl in Moldau zuerst hervorgebracht hat, wird ebenfalls von der Europäischen Union mitfinanziert.

Und ja. Heute traf ich mich mit Freunden zu einem Bier. Alles Leute, die man als „gebildet“ und „belesen“ bezeichnen könnte und die nicht grundsätzlich alles blindlings glauben, was man ihnen vor die Nase setzt. Und doch war ich der Einzige in der Runde, der im Zusammenhang mit den Wahlen in Moldau nicht ausschliesslich von Beeinflussung und Störmanövern durch Russland sprach. Offensichtlich hatte keiner von ihnen die Berliner Zeitung gelesen. Wäre ja auch purer Zufall gewesen.

Die westlichen Medien werden immer unverschämter. Einst war der Journalismus neben der Legislative, der Exekutive und der Justiz die vierte, unabhängige Gewalt im demokratischen Staat. Tempi passati, heute plappern fast alle Medien das nach, was ihnen von den politischen, ökonomischen und militärischen Machtträgern vorgekaut wird. Der Grund dafür, dass fast alle das Gleiche schreiben, ist nicht, dass es die Wahrheit ist, sondern nur, dass sich alle alles gegenseitig abschreiben und sich schon kaum irgendwer noch die Mühe nimmt, selber und unabhängig der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Und so muss man selber und mit einem Riesenaufwand diese Arbeit leisten, bis man zum Beispiel irgendwann, oder vielleicht auch nicht, auf eine Berliner Zeitung stösst, wie auf eine Nadel im Heuhaufen. Aber kann es denn allen Ernstes die Aufgabe des Einzelnen sein, diese Arbeit mit einem Riesenaufwand an Zeit, die heute ja kaum jemandem in diesem Ausmass noch zur Verfügung steht, zu leisten? Wäre es nicht viel demokratischer, anstelle Dutzender Medienprodukte, die sich praktisch wie ein Ei dem andern ähneln, nur noch eine einzige, dafür umso aufwendiger recherchierte Tageszeitung zu haben, in der zu jeder Darstellung der einen Seite zwingendermassen immer auch eine gleichgewichtete Gegendarstellung der anderen Seite zu lesen wäre? Denn eigentlich müssten sich ja die einzelnen Bürgerinnen und Bürger ganz frei von jeglichen „Beeinflussungen“ und „Störmanövern“ ihre ganz eigene, selbstbestimmte und fundierte Meinung bilden können…

In diesem Augenblick erinnere ich mich an einen Albtraum, den ich vor vielen Jahren hatte, aber bis heute nicht vergessen konnte. Ich sah zuerst eine Wiese, auf der die Gräser alle in verschiedene Richtungen schauten, als wäre es das Recht oder gar die Bestimmung jedes einzelnen Grases, selber zu entscheiden, nach welcher Seite es sich ausrichten wollte. Doch auf einmal zog ein Sturmwind über den Himmel und wie von Zauberhand gesteuert schauten alle Gräser plötzlich nur noch in eine einzige gleiche Richtung. Es lief mir eiskalt über den Rücken. Erst heute verstehe ich so richtig, was dieser Traum mir sagen wollte: Lasst es nie so weit kommen. Wenn alle Menschen plötzlich gleich denken, nur weil ein unsichtbarer Sturm sie alle in die gleiche Richtung drängt, dann sind die Zeiten nicht mehr gut. Denn das ist die Zeit vor dem Tag, an dem auf einmal so unvorstellbare Dinge wie Krieg wieder denkbar werden. Doch noch ist, dank jeder einzelnen kritischen Stimme, Hoffnung. Erst wenn sich der allerletzte Grashalm verbogen hat, ist es endgültig zu spät.

Morgens um fünf: Der ganz normale Alltag in einem schweizerischen Flüchtlingscamp im Jahre 2025

Peter Sutter, 27. September 2025

Morgens um fünf
sind sie gekommen
acht Polizisten
haben den Vater die Mutter und
ihr einjähriges Kind
mitten aus dem Schlaf gerissen
ihre Schreie durchdrangen das
ganze Haus von
oben bis unten und
augenblicklich waren auch
alle anderen
Männer Frauen Kinder
hellwach
Die Frau im Zimmer nebenan
öffnete die Tür einen Spalt breit
äugte auf den Korridor
das Kind am Boden
bebend und schluchzend sein winziger Körper
angsterfüllt
die Mutter kniend daneben
versuchte das Kind zu beruhigen doch
zwei Polizisten
packten sie von hinten
rissen sie an den Haaren
prügelten auf sie ein um sie
ihrem Kind zu entreissen
Sie wissen schon
flehte die Frau einen der Polizisten an
dass wir
nach der Rückkehr in unser Land
fast ganz sicher in einem
Gefängnis landen werden und vielleicht sogar
unser Leben bedroht ist
das
sagte der Polizist
sei nicht sein Problem
Gleichzeitig bäumte sich der Vater mit
all seiner Kraft auf um sich
aus der Umklammerung dreier Polizisten
zu befreien
da warfen sie auch ihn zu Boden
drückten ihm die Arme auf den Rücken
und legten ihm
Handschellen an während
zwei andere Polizisten
von Tür zu Tür alle auf den
Korridor Herausgetretenen in
ihre Zimmer zurückdrängten
Handys beschlagnahmt wurden und
vom Geschehen aufgenommene Bilder
gelöscht
während der achte Polizist einen
kleinen Koffer mit ein paar wenigen
Kleidungsstücken auf den
Korridor hinauswarf wo er
halbgeöffnet
liegen blieb
Die Frau im Zimmer nebenan
übergab sich in diesem Augenblick
kniend an der Toilette
ihre Tochter zitternd am ganzen Körper hatte
die Hände sanft auf ihren Rücken gelegt
Es war der ganz normale Alltag in
einem dieser zwölf schweizerischen Flüchtlingszentren wo
Männer Frauen Kinder
oft über viele Jahre hinweg auf nichts anderes warten müssen
als auf den Tag
frühmorgens zwischen vier und fünf
wenn die allermeisten Schweizerinnen und Schweizer noch schlafen
auf den Tag an dem sie
aus dem Schlaf gerissen und in
Handschellen oder manchmal sogar
am ganzen Körper gefesselt zu
einem Flugzeug gebracht werden
rechtzeitig bevor Geschäftsleute und
in alle Welt Reisende
den Flugplatz bevölkern
Tödliche Stille
jetzt wo das Schreien eines
einjährigen Mädchens
vielleicht für immer
verstummte
Die anderen Kinder im Camp
verkrochen sich wieder in ihren Betten
es ist ihr ganz normaler Alltag in
einer Welt in der sie noch nie
etwas Schönes erleben durften
nicht als sie mitten im Krieg
geboren wurden
nicht als sie kaum je
genug zu essen hatten
nicht als sie
vielleicht schon im Alter von
zwei oder drei Jahren
ihren Vater oder ihre Mutter
verloren hatten
nicht als sie
auf monatelangen Fussmärschen oder
in einem dieser winzigen Schlauchboote
auf stürmischem Meer ohne Nahrung und
zitternd vor Kälte
jenem in fast unerreichbarer Ferne
liegenden Paradies entgegenträumten wo sie
nach allen durchlittenen Qualen
eines Tages trotz alledem
gelandet waren bloss um zu erkennen
dass es nicht das Paradies war sondern nur
eine andere Art von Hölle
Sieben Stunden später an diesem Tag
ertönte schon wieder die
Sirene eines Polizeifahrzeugs und
schon wieder öffneten sich im ganzen Haus die
Türen voller ängstlicher Blicke
Doch es waren
der Vater die Mutter und das schluchzende Kind
wahrscheinlich hatten sie sich beim
Einstieg ins Flugzeug so
verzweifelt gewehrt bis es
einem der Polizisten das
Herz brach und sie wieder zurückgebracht wurden
Laut weinend
halb voller Angst und zugleich
halb voller Erleichterung warf sich die Mutter in die
Arme einer anderen Flüchtlingsfrau
der Vater umklammerte sein Kind wie
einen Schatz den er niemals und nur gegen seinen
eigenen Tod preisgeben würde
doch das war nur ein
letztes Aufbäumen vor einem
endgültigen Zusammenbruch aller
seiner Kräfte
Ein paar andere Männer und Frauen und
viele Kinder waren noch auf dem Hof als
wie ein Blitz aus heiterem Himmel
ein markerschütternder Schrei wohl bis
weit ins Tal hinunter zu hören gewesen sein müsste
Der Vater stach sich mit einem Messer wie ein
wahnsinnig gewordenes Raubtier
unzählige Male hintereinander in die Brust und
das Blut spritzte nach allen Seiten
jetzt
lag das Kind in den Armen seiner Mutter und
beide sahen alles und
auch die anderen Kinder und die
Frauen und Männer auf dem Hof und
eine von ihnen begann zu
taumeln doch bevor sie noch von den daneben Stehenden
aufgehalten werden konnte sank sie um und
knallte mit ihrem Kopf auf den
Pflastersteinboden
Es war wie Krieg doch die
Menschen unten im Tal wussten von nichts
Erst als ein Helikopter über dem Flüchtlingszentrum kreiste
und eine Ambulanz
mit Sirenengeheul den Berg hochraste
wurde da und dort im nahegelegenen Dorf unten im Tal
gemunkelt und gewerweisst
was oben am Berg wohl geschehen sein könnte bei diesen
fremden Menschen die sowieso niemand jemals
wirklich kannte
Beide überlebten
der Mann und die Frau die mit dem Kopf auf die Pflastersteine geknallt war
Doch das war nur einer von tausenden anderen
Tagen des ganz normalen Alltags
oben am Berg
Um fünf Uhr morgens hatte es angefangen
vielleicht hatte das Kind ja
bevor alles begann noch einen
wunderschönen süssen Traum gehabt und
jetzt
wie kann es nur dies alles
überleben
Wenn ein Kind aus der Schweiz
an einem Badestrand irgendwo in einem dieser
Ferienparadiese Sri Lankas
schreiend im Sand liegt weil es
von einer Qualle gebissen wurde
eilen von allen Seiten Einheimische herbei um
das Kind zu trösten und ihm zu helfen
Wenn einem Kind aus Sri Lanka
in der Schweiz die
Seele geraubt wird
will kein einziger Einheimischer von irgendetwas
auch nur das Geringste gewusst haben und alle
schauen weg
als wäre ein Kind aus Sri Lanka in der Schweiz nicht ebenso
wertvoll wie ein Kind aus der Schweiz in Sri Lanka
Es können
wie es scheint
nur Radiowellen Waffen und
profitträchtige Güter von nah und fern sämtliche
Grenzen überschreiten aber nicht die
Liebe und nicht die
Fürsorge
Als das letzte Polizeiauto
das Gelände verlassen hatte und die
letzten Sirenen verklungen waren
senkte sich wieder die Nacht auf die
Seelen zahlloser Namenloser die
niemand kennt und die man behandelt als wären es
Schwerverbrecher obschon doch ihr einziges
Verbrechen darin besteht am
falschen Ort zur
falschen Zeit geboren zu sein
Tagsüber geht es ja noch aber auf jeden Tag folgt
immer eine Nacht und
dann
während unten im Tal schon alle Menschen friedlich schlafen
beginnt die Angst ganz allmählich immer weiter in den
Himmel zu wachsen je näher sich die Zeiger der Uhren gegen
vier oder fünf Uhr zubewegen und jeder
neue Morgen noch
viel schlimmer werden kann als
alle anderen
je zuvor.

Dieses Gedicht beruht auf einer wahren Begebenheit am 4. September 2025 in einem der zwölf schweizerischen Ausschaffungszentren für Flüchtlinge mit negativem Asylentscheid, die entweder freiwillig in ihre Herkunftsländer zurückkehren oder, wenn sie dazu nicht bereit sind, früher oder später mit Gewalt dorthin zurückgeschafft werden. Jeden Tag werden durchschnittlich zwölf Flüchtlinge aus der Schweiz gegen ihren Willen in ihre Herkunftsländer zurückgeschafft. Dabei gibt es vier Stufen der Polizeigewalt: Bei den ersten drei Stufen kommt es immer wieder vor, dass die Betroffenen sich, wenn sie sich genug stark wehren, der Ausschaffung zu widersetzen vermögen. Von der vierten Stufe ist noch nie jemand zurückgekehrt. Denn dann werden die Menschen am ganzen Körper gefesselt, sodass jeglicher Widerstand unmöglich ist. Am 20. Januar 2025 sagte der für das Asylwesen zuständige schweizerische Bundesrat Beat Jans: „Wir sind in verschiedenen Bereichen den europäischen Ländern deutlich voraus. Mit einer Rückführungsquote von annähernd 60 Prozent steht die Schweiz in Europa an der Spitze. Das SEM macht eine hervorragende Arbeit. Wir sind auf dem richtigen Weg. Doch wir sind noch nicht zufrieden. Der immer noch zu grosse Pendenzenberg muss rascher abgebaut werden.“

Bertolt Brecht: „Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.“

Five in the morning: The everyday life in a Swiss refugee camp in the year 2025

Five in the morning
they have come
eight police officers
pulling father mother and  
the one-year-old child
out of their beds in the
middle of their sleep
their screams pierced the
whole house from
top to bottom and
immediately there were also
all others
men women children
wide awake
The woman in the room next door
opened the door a crack
throwing a glance outside and then
she saw
the child on the ground
her tiny body trembling
full of fear
the mother kneeling next to her
trying to calm her
but
two policemen
grabbed her from behind
tearing her by the hair
beating her up to
snatch her from her child
The woman yelled desperately at
one of the police officers
that her family
after returning to their country
almost certainly would
end up in prison or maybe even
her husband could be
condemned to death
That’s not my problem
said the policeman
At the same time three other policemen
threw the father to the ground
pressing his arms behind his back
tying them together with handcuffs
while two more policemen
going from door to door
pushed eyeryone
back into their rooms
mobile phones were confiscated and
pictures taken of the incidents
deleted
while the eighth policeman
threw a
small suitcase with just a few
garments on the corridor where it
remained lying down semi-open
The woman in the room next door
vomited at that moment
kneeling at the toilet
with the trembling hand of her daughter
on her back
This was just the normal everyday life in
one of these twelve Swiss refugee camps where
people can’t do anything else but waiting for the day
when policemen come and pull them
out of their beds
yes
between four and five in the morning
twelve men women children
each day
all around the year
over all the country
twelve every morning
when the vast majority of Swiss people are still asleep
twelve on every single day
brought to an airplane
just in time before all the
business people and travelers
from all over the world
will fill the airport with
their laughter and their happiness
Deadly silence now as
they are gone away and
that screaming of a one-year-old girl perhaps
will have
ceased forever
The other children in the camp
crawled back into their beds
That is their completely normal everyday life
in a world in which they have
never been allowed to have just
a normal life
not
when they were born in the midst of war
not
when they hardly ever had enough to eat
not
when they lost their father or their mother
not
when they were on month-long marches on foot or
in one of those tiny inflatable boats on stormy seas
without food and shivering from the cold
dreaming toward that paradise
lying in almost unreachable distance
where they maybe would arrive
one day
just to realize that it was not the paradise
but just another kind of hell
But that was not the end of this day in the camp
Seven hours after the father the mother and the one-year-old child
had left the camp
the siren of a police vehicle sounded again and
once again the doors all over the house opened
full of anxious glances
But you know it was
the same family with the one-year-old child
who was brought back to the camp
probably they had resisted so desperately
when boarding the plane that
it broke the heart of one of the police officers
and they were brought back again
Crying loudly
half out of fear and half out of relief
the mother threw herself
into the arms of another refugee woman
The father clutched his child
like a treasure he would never give up
except at the cost of his own life
But this was only a final rearing up
before a
total collapse of all his strength
A few other men and women and
many children were still on the court as
like a flash out of the blue sky
a bloodcurdling scream was heard
maybe even far down in the valley
The father had stabbed himself
with a knife
countless times into the chest and
everybody could see the blood
spraying out of his body
now
the child lay in its mother’s arms and
both saw everything and
also the other children and the
women and men on the court and
one of them sank over and
banged her head on the
paving stone floor
It was like war
but the people down in the valley
knew nothing about it
Only when a helicopter circled over the refugee center
and an ambulance
raced up the mountain with sirens wailing
here and there in the nearby village down in the valley
whispering and murmuring
what could have happened up on the mountain
with these strange and foreign people
nobody had ever seen from the near
But all this was only
one of a thousand of other days just in
the ordinary everyday life
in that refugee camp high up in the mountain
It had started at five in the morning
most probably the one-year-old child
had had a beautiful sweet dream
before it all began
If a child from Switzerland is lying in the sand of
one of those beautiful beaches in Sri Lanka
full of tourists from all over the world
and this child is crying
because it was bitten by a jellyfish
then servants waitresses and fish sellers
are rushing from all sides to comfort this child
But if a child from Sri Lanka
is pulled out of his bed at five in the morning
in the middle of Switzerland
seeing that his parents are treated like criminals
hearing them shout and cry
watching his father trying to suicide
then
not a single man or woman is rushing to comfort this child
and everybody is looking to the other side
as if a child from Sri Lanka in Switzerland is not just
as precious as a child from Switzerland in Sri Lanka
And yes
When the last police car had left the camp and
the last sirens had faded
night descended once again
upon the souls of countless nameless people
whom no one knows and who are treated
as if they were the worst criminals
although their only crime is being born
at the wrong place at the wrong time
During the day it’s hard enough
but every night
while everyone down in the valley is sleeping peacefully
it’s even much harder
when fear gradually begins to grow higher and higher
up into the sky as the hands of the clocks
approach four or five o’clock and
every new morning can be far worse than
all others that came before.

Das private Automobil: Wie ein Dinosaurier zu gross, zu fett, vom Aussterben bedroht…

Peter Sutter, 17. September 2025

„Das Ansehen von Elektroautos leidet in der Schweiz“, titelt der „Tagesanzeiger“ vom 15. September 2025. Nur noch die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer nähmen E-Autos als positiv wahr. Vor einem Jahr hätte der Wert noch bei 60 Prozent gelegen. Der Branchenverbot Auto Schweiz sei alarmiert und mache sich Gedanken, wie man die Akzeptanz von Elektroautos erhöhen könnte.

Aber vielleicht wäre es an der Zeit, sich eine viel grundsätzlichere Frage zu stellen. Nämlich nicht nur, ob man mit Benzinautos oder mit E-Mobilen herumfahren sollte. Sondern, ob man überhaupt noch mit privaten Autos herumfahren sollte.

Wie Dinosaurier zu gross, zu fett, vom Aussterben bedroht: Eigentlich ist es nicht nur ein ökologischer, sondern auch ein ökonomischer Unsinn, zwei Tonnen Metall in Bewegung zu setzen, bloss um 80 Kilo Mensch von A nach B zu transportieren, vor allem, wenn man bedenkt, dass ein Privatauto durchschnittlich nur 50 Minuten pro Tag gebraucht wird und während der übrigen Zeit nutzlos herumsteht. Alle reden vom „Dichtestress“ durch eine ständig wachsende Bevölkerung, aber niemand spricht davon, dass schweizweit die Gesamtheit der für den Verkehr benützten Flächen bereits jene der von Häusern bebauten Fläche übersteigt. Zudem brauchen auch E-Mobile sowohl für die Herstellung wie auch für den Betrieb Unmengen an Rohstoffen und Energie. Und gar so umweltfreundlich ist wohl auch das E-Mobil nicht wirklich, wenn man bedenkt, dass zum Beispiel in Spanien zurzeit gerade riesige Wälder abgeholzt werden, bloss um das für die Akkus benötigte Lithium zu beschaffen.

Die Alternative wäre ein möglichst gut ausgebauter öffentlicher Verkehr, verstärkt durch ein bis in die äussersten Winkel des Landes verästeltes Taxinetz, womit sich das Privatauto bald einmal als überflüssig erweisen würde. Es wäre ein Segen für die Natur, für alle heute so sehr von Verkehrslärm geplagten Menschen, für die Förderung zwischenmenschlicher Begegnungen, für die Kinder, die wieder mehr Platz zum Spielen hätten, und nicht zuletzt für die von der zunehmenden Klimaerwärmung betroffenen zukünftigen Generationen.

23. Montagsgespräch vom 8. September 2025: Abstimmung zur Abschaffung des Eigenmietwerts und zur Einführung einer elektronischen ID

In der Diskussion über die Abschaffung der Eigenmietwertsteuer überwogen die Argumente für ein Ja zu dieser Vorlage, weil es sich bei dieser Steuer um eine Abgabe handle auf ein real gar nicht vorhandenes Einkommen. Insbesondere für ältere Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer mit tiefen Renten führe dies sogar manchmal dazu, dass sie ihr Haus verkaufen müssten.

Als Gegenargument wurde ins Feld geführt, dass eine Abschaffung der Eigenmietwertsteuer zu Steuerausfällen von jährlich insgesamt rund 1,8 Milliarden Franken führen würde, was entweder durch Sparmassnahmen oder durch die Erhöhung anderer Steuern kompensiert werden müsste. Auch seien Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer in den vergangenen 15 Jahren gegenüber den Mieterinnen und Mietern klar im Vorteil gewesen, hätten in diesem Zeitraum doch Erstere wegen der tiefen Zinsen ihre Kosten halbieren können, während sich die Mieten verdoppelt hätten. Allgemein wurde festgestellt, dass das bestehende Steuersystem die tieferen Einkommen im Vergleich zu den höheren zu stark belaste. Dem könnte etwa durch die Einführung einer Kapitalgewinngewinnsteuer entgegengewirkt werden.

In der Diskussion über die Einführung einer elektronischen Identitätskarte überwogen die Argumente gegen diese Vorlage. Sie sei schlichtweg unnötig, meinte ein Diskussionsteilnehmer, und nichts als Zwängerei, nachdem die Einführung einer elektronischen ID bereits vor vier Jahren mit 64,4 Prozent Neinstimmen abgelehnt worden sei. Es handle sich zwar, im Gegensatz zur damaligen Vorlage, nicht um eine private, sondern um eine staatliche Lösung, tatsächlich sei aber angesichts der Fülle angesammelter Daten, die eine solche elektronische ID ermöglichen würde, eine klare Trennung zwischen einer staatlichen Infrastruktur und den Interessen der Privatwirtschaft gar nicht möglich. Auch stehe angesichts der global immer stärker fortschreitenden Digitalisierung ausser Frage, dass Personendaten nicht mehr staatlich geschützt werden könnten, sondern sich weitgehend unkontrolliert weltweit verbreiten würden. Im schlimmsten Falle, so eine Votantin, könnten die so gesammelten Daten dafür missbraucht werden, Kontroll- und Disziplinierungsinstrumente gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern aufzubauen, wie dies heute beispielsweise schon in Australien der Fall sei, wo Kundinnen und Kunden aus nicht bekannten Gründen, möglicherweise, weil sie persönliche Daten nicht bekannt geben, automatisch vom Kauf gewisser Produkte ausgeschlossen werden.

Zum Ende des Gesprächs meinte eine Teilnehmerin, es sei eigentlich erstaunlich, dass die Vorlage zur Abschaffung des Eigenmietwerts so hohe Wellen schlage, während über die Einführung einer elektronischen ID, welche viel weiterreichende Auswirkungen haben dürfte, kaum eine vergleichbare öffentliche Debatte stattfinde.