Archiv des Autors: Peter Sutter

30. Montagsgespräch am 11. Mai 2026: Sollten die Schulnoten abgeschafft werden?

Wie wirken sich Schulnoten auf die Lernfreude und den Lernerfolg der Kinder aus? Diese Frage wurde anlässlich des Buchser Montagsgesprächs vom 11. Mai diskutiert.

Den Einstieg in die Diskussion bildete eine Kindheitserinnerung besonderer Art, erzählt von einer Lehrerin, die während längerer Zeit auch als Schulleiterin tätig war. Nachdem ihre Noten in der Schule anfänglich immer gut gewesen waren, hätte sie eines Tages für eine Prüfung einen Einser bekommen, weil sie ganz vergessen hatte, sich darauf vorzubereiten. Sie hätte sich darüber riesig gefreut, weil sie nun zum ersten Mal diese ganz besondere Note bekommen hätte, die auch andere in der Klasse zuvor schon bekommen hatten. Begeistert sei sie nach Hause gelaufen. Ihre Eltern seien dann allerdings weniger begeistert gewesen. Für die Kinder selber, so mehrere Voten aus der Runde, sei die Note anfänglich gar nicht wichtig. Wichtig werde sie erst durch die Reaktionen der Erwachsenen und durch die allmähliche Erkenntnis des Kindes im Laufe der Schuljahre, wie wichtig sie seien in Bezug auf die spätere Berufswahl.

Noten, so die Aussage eines früheren Lehrlingsausbildners, würden zu Egoismus und Einzelkämpfertum erziehen, zum Wettkampf aller gegen alle. Dabei spielten die Erwartungen der Eltern eine wesentliche Rolle, vor allem wenn sich diese wünschten, dass ihr Kind später eine berufliche Tätigkeit mit möglichst hohem gesellschaftlichem Ansehen und Einkommen ausüben sollte. Dahinter stecke eine aus seiner Sicht falsche Wertehaltung, denn handwerkliche oder soziale Berufe seien genau so wichtig wie akademische, und überhaupt sei es falsch, Kinder nur an ihren intellektuellen Fähigkeiten zu messen und nicht ebenso an ihren handwerklichen, musischen und sozialen Stärken, die in vielen Berufen viel wichtiger seien als rein theoretisches Wissen.

Generell, so eine weitere Aussage aus der Runde, fehle es am Grundvertrauen in die Lernkraft des Kindes, denn Kinder würden auch ohne Noten und ohne äusseren Druck lernen, und dies mit mehr Freude und Erfolg, wie man das zum Beispiel beim Erlernen der Muttersprache beobachten könne. In diesem Zusammenhang wurde auch bemängelt, dass von den Pädagogischen Hochschulen zu wenige Impulse für eine kindgerechte Pädagogik kämen.

Die Erfahrungen von Privatschulen, die ohne Noten gute Lernergebnisse erzielen – so eine Mutter, deren Tochter eine solche Schule besucht –, seien zu wenig bekannt. Überhaupt, und diesem Votum schloss sich in der Folge die ganze Runde an, müsste über pädagogische Themen eine viel breitere öffentliche Diskussion stattfinden, sei doch offensichtlich, dass sich viele Kinder, Jugendliche, aber auch Lehrerinnen und Lehrer wie auch Eltern von den Ansprüchen und dem Druck, mit dem schulisches Lernen verbunden ist, überfordert fühlen und oft sogar erheblich darunter leiden; Visionen eines Bildungssystems, in dem vermehrt die Freude am Lernen im Vordergrund steht und die Besinnung auf das Wesentliche, seien dringend nötig.

Wie sich selbst Schweizer Mainstreammedien aktiv an den Vorbereitungen zum dritten Weltkrieg beteiligen

Peter Sutter, 10. Mai 2026

„Wo Russland die NATO zuerst angreifen könnte“ – so der Titel eines ganzseitigen Artikels im schweizerischen „Tagesanzeiger“ vom 7. Mai 2026. Im Folgenden einige Ausschnitte daraus sowie ein kritischer Kommentar aus meiner Sicht…

NATO-Generalsekretär Mark Rutte ist kein Pessimist, Ende letzten Jahres aber klang es düster wie nie: „Wir sind das nächste Angriffsziel von Russland“, meinte er. „Und wir befinden uns bereits in Gefahr. Russland hat den Krieg zurück nach Europa gebracht. Wir müssen uns auf einen Krieg in einem Ausmass vorbereiten, wie es unsere Grosseltern und Urgrosseltern erlebt haben.“. Kreml-Chef Putin sucht die Konfrontation mit dem Westen… Militärstrategen nennen die aktuelle Sicherheitslage deshalb „die gefährlichste seit Jahrzehnten“… Sollte der Krieg in der Ukraine dereinst enden, beginnt aus Sicht von westlichen Geheimdiensten die Uhr zu ticken: Ab 2029 hätten sich die russischen Streitkräfte so weit erholt, dass sie in der Lage wären, den Westen punktuell anzugreifen… Tatsächlich ist die Annahme, Europa sei bis 2029 vor einem russischen Angriff sicher, eine Illusion…

Kurz durchatmen und nochmals genau lesen, was der „Tagesanzeiger“, immerhin eine der grössten und renommiertesten Schweizer Tageszeitungen, seinen Leserinnen und Lesern hier in ein paar wenigen Zeilen an willkürlichen Behauptungen, Falschmeldungen und gezielten Auslassungen alles zumutet. Bezeichnenderweise wird eingangs ausschliesslich Mark Rutte zitiert, mit Abstand der noch am tiefsten im Denken des Kalten Kriegs gefangene Hardliner unter den aktuellen europäischen Politikern, der unlängst auch zum Besten gab, er hätte keine Angst vor einem Atomkrieg. Es gäbe beliebig viele andere Politiker, Expertinnen und Sachverständige, die genau das Gegenteil sagen und die der „Tagesanzeiger“, wollte er einen einigermassen ausgewogenen Artikel schreiben, an dieser Stelle zitieren könnte: Den 96jährigen SPD-Doyen Klaus Dohnanyi etwa, den früheren deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder, die Publizistin Gabriele Krone-Schmalz, den ehemaligen Brigadegeneral Erich Vad, den SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich, Yves Rossier, den langjährigen ehemaligen Schweizer Botschafter in Moskau, Laurent Goetschel, Direktor der schweizerischen Friedensstiftung Swisspeace, oder Thomas Greminger, einer der erfahrensten und kompetentesten Schweizer Diplomaten und von 2017 bis 2020 Generalsekretär der OSZE. Sie alle sagen: Quatsch! Es gibt keinen einzigen stichhaltigen Beweis dafür, dass Wladimir Putin einen Angriff auf Europa plant und die NATO „zerstören“ will. Aber nein: Die Stimme eines der letzten verbliebenen Kalten Kriegers, der nicht einmal vor einem Atomkrieg zurückschrecken würde, scheint dem Journalisten des „Tagesanzeigers“ wichtiger zu sein als selbst die erfahrensten und kompetentesten Sachverständigen aus dem eigenen Land. Um dann, nach dem Rutte-Zitat, nahtlos weiterzufahren mit dem Satz „Kreml-Chef sucht die Konfrontation mit dem Westen“. Man schaue sich diesen Übergang noch einmal ganz genau an: Zuerst das Rutte-Zitat in Anführungszeichen, und im nächsten Satz die Wiederholung der völlig aus der Luft gegriffenen Behauptung Ruttes, jetzt aber ohne Anführungszeichen, sozusagen als Tatsache, nicht einmal als persönliche Meinung des Journalisten gekennzeichnet! So also funktioniert „seriöser Journalismus“ im Jahr 2026 in jenem Presseorgan, das wahrscheinlich die allergrösste Mehrheit der Schweizer Bevölkerung als das „ausgewogenste“, „objektivste“, „glaubwürdigste“ und „seriöseste“ sämtlicher Medien bezeichnen würde… Im nächsten Satz lesen wir sodann, dass „Militärstrategen“ die „aktuelle Sicherheitslage“ als die „gefährlichste seit Jahrzehnten“ benennen, ohne dass auch nur ein einziger dieser „Militärstrategen“ namentlich genannt wird – zudem fände man auch beliebig viele andere „Militärstrategen“, die genau das Gegenteil behaupten. Im folgenden Satz steigern sich die bisherigen Behauptungen sogar noch zu einer eigentlichen Lüge, gibt es doch, entgegen der angeblichen „Sicht von westlichen Geheimdiensten“ in Tat und Wahrheit selbst unter den US-Geheimdiensten derzeit keinen einzigen, der davon ausgeht, dass es aktuell stichhaltige Beweise für Angriffspläne Russlands gegen weitere europäische Länder gäbe. Der Journalist des „Tagesanzeigers“ geht offensichtlich von einem sehr kurzen oder überhaupt nicht vorhandenen Gedächtnis bzw. Wissensschatz seiner Leserinnen und Leser aus… Schliesslich eine weitere, auf den ersten Blick kaum durchschaubare Pirouette: Die russischen Streitkräfte wären „ab 2029 in der Lage, den Westen punktuell anzugreifen“. Das mag ja sogar zutreffen, heisst doch aber nicht zwingend, dass diese Angriffe dann auch tatsächlich erfolgen, sonst müsste es ja umgekehrt auch logisch und zwingend sein, dass jedes westliche Land, das „in der Lage“ ist, andere Länder „punktuell anzugreifen“, dies automatisch tatsächlich auch tut. Und wenn dann im nächsten Satz zusätzlich noch behauptet wird, die Annahme, Europa sei „bis 2029 vor einem russischen Angriff sicher“, sei eine reine „Illusion“, wird damit indirekt jeder, der nicht von einem solchen Angriff Russlands ausgeht, als „Illusionist“, „Träumer“ oder „Phantast“ verunglimpft. Der Journalist, dessen Aufgabe eine seriöse und objektive Berichterstattung wäre, scheint – ganz im Gegenteil – offensichtlich die Kunst, seine Leserinnen und Leser zu täuschen, zu manipulieren und hinters Licht zu führen, in ganz hervorragendem Ausmass zu beherrschen. Es fragt sich nur, ob er mit diesen Qualitäten nicht gescheiter Zauberkünstler geworden wäre als Journalist.

Doch lesen wir weiter, die Phantasie des Journalisten scheint so richtig in Fahrt gekommen zu sein und treibt immer wildere Blüten…

Russland könnte mit einem überraschenden Vorstoss etwa auf eine kleine Ostseeinsel Panik verbreiten und die NATO in Gefahr bringen,,, Seit dem Beitritt Finnlands und Schwedens zur NATO in den Jahren 2023 und 2024 ist die Ostsee zu einer Art „NATO-Meer“ geworden, aber eben nur fast: Russland behauptet mit seiner Flotte in Kaliningrad und der Millionenstadt Sankt Petersburg seinen Platz… Michael Claessen, der Oberbefehlshaber der schwedischen Streitkräfte, hat kürzlich vor russischen Provokationen in der Ostsee gewarnt: Putin könnte, meinte er, eine kleine Insel von verdeckten Kräften besetzen lassen und danach einfach zusehen, was passiert: ob die NATO wegen eines verlassenen Eilands tatsächlich den Bündnisfall ausruft oder sich darüber zerstreitet…

Nun ja, es sei niemandem verwehrt, seiner Phantasie freien Lauf zu lassen. Aber muss das ausgerechnet an einem so heiklen Thema wie der europäischen Sicherheitslage ausgespielt werden? Und zu welchem Zweck? Der Journalist könnte ja ganz für sich alleine zuhause einen Notizblock nehmen und Strichmännchen zeichnen und auch noch die verrücktesten Geschichten fern aller Realität erdenken, ohne seine Ergüsse zehntausenden von Zeitungsleserinnen und Zeitungsleserinnen vorzusetzen, die ihre wertvolle Freizeit wahrscheinlich lieber dafür einsetzen würden, tatsächliche Fakten vermittelt zu bekommen statt irgendwelcher Hirngespinste. Könnte. Könnte. Könnte. Ja. Es könnte auch ein Schneehase in Norwegen einen Alarm und damit den dritten Weltkrieg auslösen. Es könnte auch Rutte über einen Teppich stolpern und sterben und man könnte später herausfinden, dass dieser Teppich vom russischen Geheimdienst manipuliert worden war. Es könnte auch ein Vogelschiss auf den Kopf eines finnischen Grenzwächters fallen und der könnte dann im Blitzlichtgewitter Dutzender Journalisten behaupten, es sei nicht eine Eule gewesen, sondern eine russische Drohne… Und ja, schauen wir uns auch diese Textpassage noch einmal genau an: Seit dem Beitritt von Schweden und Finnland zum westlichen Militärbündnis sei die Ostsee „fast“, aber eben „nur fast“, zu einem „NATO-Meer“ geworden. Moment. Wer provoziert denn da wen? Russland den Westen? Oder nicht doch eher umgekehrt? Und wer müsste sich denn da bedroht fühlen? Der Westen durch Russland? Oder nicht doch vielleicht eher umgekehrt? Und: Russland behaupte immer noch „seinen Platz“ in Kaliningrad und Sankt Petersburg. Ja, soll Russland das denn nicht mehr dürfen? Denkt der Journalist allen Ernstes darüber nach, dass Russland seine Plätze aufgeben soll, während der Westen seit dem Beginn der NATO-Osterweiterung im Jahre 1991 nach und nach nicht bloss einzelne „Plätze“ eingenommen hat, sondern ganze Länder, die früher zum Einflussbereich Russlands gehörten? Und weiter: Der Oberbefehlshaber der schwedischen Streitkräfte warne vor „russischen Provokationen“! Aber war es nicht die NATO, die im Februar 2026 mit dem grössten je inszenierten Militärmanöver unter dem Namen „Steadfast Dart 26“ – mit insgesamt rund 10’000 Soldaten, mehr als 1500 Fahrzeugen und 17 Schiffen aus 13 Nationen – in unmittelbarer Nähe der russischen Grenze eine der grössten – und gefährlichsten – Provokationen ausübte in einer Zeit, da die gegenseitigen Spannungen wohl alles andere erfordern würden als eine solche aggressive Machtdemonstration? Hat der Journalist dies alles vergessen oder will er bewusst von alledem ablenken, was seine eigene, vorgefasste Meinung in Frage stellen könnte? Und dann noch diese Ausgeburt an Phantasie: Putin könnte eine „kleine Insel“ mit „verdeckten Kräften“ besetzen lassen und „einfach zusehen, was passiert“. Man kann nur hoffen, dass Putin diesen Artikel im „Tagesanzeiger“ nicht liest, um am Ende tatsächlich noch auf solche verrückte Ideen zu kommen…

Der estnische Sicherheitsexperte und Regierungsberater Erkki Koort erschreckte kürzlich Deutschland mit einem Szenario, nach dem Hunderte grüner Männchen die Ferieninsel Rügen besetzen könnten. „Für Putin ginge es nicht um den Beginn eines längeren Krieges“, erklärte Koort, „sondern um einige Tage Chaos – ein Beweis dafür, dass Deutschland sich nicht verteidigen kann und die Regierung schwach ist.“… Noch weiter weg, am Polarkreis, wäre auch Spitzbergen ein mögliches Angriffsziel… Russland würde eine Einnahme von Spitzbergen leichtfallen. Sie könnte verdeckt beginnen, mit der Infiltration von Geheimdienstkräften, unterstützt von Schiffen der Schattenflotte und zivilen Flugzeugen…

Etwas aufgefallen? Für keine einzige seiner Behauptungen und Phantasien nennt der Journalist eine russische Quelle, sondern einzig und alleine die frei erfundenen Hypothesen westlicher Politiker oder Militärs. Einzig und allein in deren Köpfen spielt sich dieser mögliche zukünftige Krieg ab. Es gibt dafür in der Psychologie den klassischen Begriff der „Projektion“: Die eigenen Denkmuster – in diesem Falle die schrittweise Inbesitznahme „feindlichen“ Geländes – werden eins zu eins auf den politischen Gegner projiziert: Was angeblich dieser im Schilde führt, praktizierte der Westen selber in den vergangenen rund 80 Jahren in Form Dutzender völkerrechtswidrig geführter Krieg und Dutzender von der CIA inszenierter Regierungsumstürze in einem Ausmass, das wohl von keinem anderen Staat jemals übertrumpft werden kann.

Die sogenannte Suwalki-Lücke gilt als jener NATO-Raum, den Russland präventiv angreifen könnte, um seine strategische Lage zu verbessern: Ein erfolgreicher Vorstoss verbände Kaliningrad wieder mit Russland und schnitte das Baltikum vom Rest des NATO-Gebiets ab. Eine Studie des Harvarder Belfer Center meint, starken russischen Kräften könnte dies gelingen, weil die NATO sich schwertäte, innert Kürze nötige Verstärkungen herbeizuführen. Erwartet wird zudem, dass Russland mit einem Einsatz taktischer Atombomben drohen könnte, um den Geländegewinn abzusichern… Viele westliche Fachleute glauben, Putin werde den laufenden „hybriden Krieg“ in Europa in den nächsten Jahren weiter eskalieren…

Nach sieben Konjunktiven im letzten Abschnitt schliesslich noch ganz zuletzt eine weitere Steiherung: Viele westliche Fachleute „glauben“, dass… Ja, wenn zuletzt auch nach aller Phantasie und aller Spekulation auch noch der Glaube ins Spiel kommt, dann wird vielleicht aus all den verrückten Gedankenspielen am Ende doch noch eines Tages bittere Realität. Denn es ist eben schon so: Wenn man Lügen und Phantasien genug oft wiederholt, haben sie die gefährliche Tendenz, eines Tages Wirklichkeit zu werden. Und irgendwann wird niemand mehr wissen, dass Putin nach seinem Amtsantritt im Jahre 2000 dem Westen eine gemeinsame europäische Sicherheits- und Friedensordnung vorgeschlagen hatte anstelle der früheren Konfrontation zwischen Ost und West in Form des Kalten Kriegs. Es wird auch niemand mehr wissen, dass der Westen diesen Vorschlag kategorisch zurückwies. Es wird auch niemand mehr wissen, dass Putin kurz darauf einen Beitritt Russlands zur NATO beantragte. Und es wird auch niemand mehr wissen, dass der Westen auch diesen Vorschlag kategorisch abschlug. Denn wenn man das alles wüsste, dann würde die aktuell vom Westen so systematisch propagierte angebliche Gefahr eines Angriffs von Russland auf weitere europäische Länder wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.

Erst jetzt fällt mir auf, was auf dem Bild, das rund einen Drittel der Zeitungsseite einnimmt, zu sehen ist: Nicht etwa ein russisches Militärboot als Beweis für den geplanten Angriff Russlands auf weitere europäische Länder, sondern, sage und schreibe, die Aufnahme von US-Marines bei einer NATO-Übung in einem Landungsboot vor der finnischen Ostseeküste. Ein entsprechendes Bild eines russischen Landungsboots war offensichtlich nicht zu finden. Nur schon dieses Bild entlarvt den Artikel seiner ganzen Widersprüchlichkeit, Scheinheiligkeit und geradezu systematischer Täter-Opfer-Umkehr.

Wie wenn der Artikel im „Tagesanzeiger“ nicht schon genug harte Kost gewesen wäre, finde ich gleichentags in einer weiteren Schweizer Tageszeitung, dem „Tagblatt“, noch folgenden Artikel, der den ersteren an Einseitigkeit sogar noch übertrifft und in mir die Frage weckt, ob es wohl zurzeit unter den schweizerischen Medien so etwas wie einen gegenseitigen Wettstreit gibt, um in der Heraufbeschwörung der „russischen Gefahr“ stets noch eine weitere Schippe draufzulegen.

Dieser Artikel trägt den unglaublichen Titel „Wir hoffen alle, dass Putin morgen stirbt“ und kommt nicht etwa aus dem Dunstkreis einiger verrückt Gewordener, sondern aus dem sogenannten „Panel“ des „St. Gallen Symposiums“ unter der Leitung von Christian Mumenthaler, dem ehemaligen Chef der Schweizer Rückversicherungsgesellschaft Re und seines Zeichens „Young Global Leader“ des WEF.

Im Folgenden ein paar Auszüge aus dem Zeitungsartikel…

Am St. Gallen Symposium ging es um Russland als Aggressor und Europas Strategie gegenüber dem blutrünstigen Kreml-Herrscher. Die Diskussion unter Leitung von Christian Mumenthaler fand unter den „Chatham House“-Regeln statt. Was bedeutet, die Voten dürfen keiner der teilnehmenden Personen zugeordnet werden… Nach und nach schälte sich aus der Diskussion ein Modell heraus, wie Europa mit Russland umgehen sollte. Ein zentraler Punkt sei: In Russland liege „die ganze Macht bei Putin“, weder bei anderen Institutionen noch bei den Oligarchen. Und Putin möge keine Kompromisse. Mit ihm und damit mit Russland diskutieren könne man daher nur nur aus einer Position der Stärke. Denn: „Putin versteht nur die Sprache der Gewalt und der Macht.“… Nun gibt es Bewegung in Europa: Rüstungsausgaben werden erhöht, die Truppen an der Nato-Ostflanke sind verstärkt worden, „Abschreckung ist die richtige Antwort“, lautete ein Votum. Und: „Investitionen in die Verteidigung sind Investitionen in den Frieden.“ Europa sei auch gut beraten, Allianzen zu suchen mit anderen Partnern, etwa mit Indien oder mit Südamerika… Auch an der Ukraine sollte sich Europa ein Beispiel nehmen, denn: „Investitionen und Innovationen auf dem Schlachtfeld sind wichtig“, sagte einer der Teilnehmenden. So habe die Ukraine innert Wochen militärische Stärke entwickelt dank Drohnen, mit denen sie etwa russische Ölanlagen schwer beschädigt. Und hinzu komme „die Widerstandskraft der ukrainischen Gesellschaft“… Dass Putin mit seiner Kriegswirtschaft die zivile Wirtschaft zerstört, Bildung und Gesundheitswesen vernachlässigt, das sei ihm egal – auch angesichts „der absurden Mengen an Blut und Geld“, die er bisher vergeudet habe…

Eines muss man heutigen westlichen Medien lassen: Sie beherrschen die Kunst der Manipulation mindestens so gut, wenn nicht sogar besser als die Medien jener Staaten, die aus westlicher Sicht als „Autokratien“ oder „Diktaturen“ bezeichnet werden. Das besonders Perfide daran ist, dass diese Form der Manipulation innerhalb des sogenannt „freien“ Westens immer noch als „freie Meinungsäusserung“ im Rahmen „demokratischer“ Gesellschaften wahrgenommen wird, obwohl wir doch, was freie Meinungsäusserung contra Propaganda betrifft, längst auf dem Niveau übelster Diktaturen angelangt sind.

Nun könnte man freilich einwenden, der Artikel im „Tagblatt“ widerspiegle ja nicht die Meinung des Journalisten bzw. der Redaktion dieser Zeitung, sondern sei nur eine „objektive“ Berichterstattung über einen politisch äusserst einseitig ausgerichteten Anlass im Rahmen demokratisch-öffentlicher Meinungsbildung. Indem aber der Journalist einen so hetzerischen Titel wählt, die an dieser Veranstaltung erfolgten Aussagen kommentarlos übernimmt und sich jeglicher eigener Recherchen oder kritischer Bemerkungen entzieht, macht er sich automatisch zum willkommenen Sprachrohr der am Anlass verbreiteten Meinungen und Stellungnahmen. Diese erhalten durch den Zeitungsbericht sogar noch eine gewisse zusätzliche Legitimation, die sie ohne ihn nicht hätten.

Man stelle sich einmal vor, das „Tagblatt“ würde einen Artikel veröffentlichen mit dem Titel „Wir hoffen alle, dass Trump morgen stirbt“ – die Zeitung wäre wahrscheinlich innerhalb eines Tages drei Viertel ihrer Leserschaft los. Dann der Begriff des „blutrünstigen Kreml-Herrschers“: Bezeichnet man Putin, nachdem der Ukrainekrieg innerhalb von vier Jahren bisher knapp 15’000 ukrainischen Zivilpersonen das Leben gekostet hat, als „blutrünstig“, mit welchem Wort müsste man dann wohl den israelischen Präsidenten Netanyahu bezeichnen, der innerhalb von zweieinhalb Jahren rund 100’000 palästinensische Zivilpersonen auf dem Gewissen hat? Und wie hätte man wohl den früheren US-Präsidenten George W. Bush bezeichnen müssen, der aufgrund reiner Lügen im März 2003 einen Krieg gegen den Irak vom Zaun brach, dem in der Folge eine halbe Million Zivilpersonen zum Opfer fielen?… „Kreml-Herrscher“ ist zudem ein typisches Beispiel einer gezielten Koppelung von Begriffen, mit denen eine ganz bestimmte psychologische Wirkung erzeugt wird: Der „Kreml“ als „Sitz des Bösen“ und Putin nicht etwa ein „Präsident“, sondern ein „Herrscher“. Eine ähnliche Koppelung dieser Art ist der Begriff des „russischen Angriffskriegs“, der unablässig von allen Medien tagtäglich verwendet wird, wenn es um den Ukrainekrieg geht, um auch noch dem letzten Ungläubigen bis zur Besinnungslosigkeit einzuhämmern, dass einzig und allein Russland die Schuld am Ukrainekrieg trägt und weder die systematische Osterweiterung der NATO, noch der vom Westen inszenierte Maidan-Regierungsputsch gegen die demokratisch gewählte Regierung der Ukraine im Frühling 2014 oder die systematische Diskriminierung und Unterdrückung der russischen Bevölkerung in der Ostukraine mit insgesamt 14’000 Todesopfern auch nur die geringste Rolle beim Ausbruch des Kriegs im Februar 2022 gespielt haben könnten. Die gleiche Begriffskoppelung wird von den westlichen Medien auch systematisch verwendet, wenn stets von der „Terrororganisation Hamas“ die Rede ist, nie aber vom „Terrorstaat Israel“, obwohl die Zahl der von Israel verschuldeten zivilen Opfer im Gazastreifen die Opfer der Hamas-Attacke vom 7. Oktober 2023 um mehr als das Siebzigfache übertrifft.

„Die Voten dürfen keiner der teilnehmenden Personen zugeordnet werden“: Was da so beiläufig in einem einzigen Satz hingeworfen wird, ist in Tat und Wahrheit übelste und einer demokratischen Gesellschaft absolut unwürdige Verschleierungstaktik. So kann jeder sagen, was er will, und sogar so haarsträubende Forderungen erheben wie den Wunsch nach einem sofortigen Tod Putins, ohne hierfür die Verantwortung übernehmen zu müssen oder sich öffentlich dazu zu bekennen. Genau so funktionierte das im Nationalsozialismus, wenn Leute aus dem Volk bei der Gestapo verleumderische Aussagen gegen Juden machen durften, absolut anonym und ohne hierfür gegenüber irgendwem gerade stehen zu müssen.

In Russland liege die „ganze Macht bei Putin“, er „möge keine Kompromisse“, und daher könne man mit ihm und „damit mit Russland nur aus einer Position der Stärke diskutieren.“ So viel Unsinn muss man erst noch in einen einzigen Satz zusammenbringen können. Wenn, was nicht einmal stimmt, die „ganze Macht“ bei Putin liegt und dieser keine „Kompromisse“ möge, was angesichts seines Vermittlungsvorschlags im Dezember 2021 für eine friedliche Lösung des Ukrainekonflikts, der vom Westen kommentarlos zurückgewiesen wurde, wiederum ganz und gar nicht zutrifft, wenn nun also nicht nur mit Putin selber, sondern auch gleich noch mit „ganz Russland“ nur „aus einer Position der Stärke diskutiert“ werden könne, so muss da im Kopf des Journalisten, der solche Weisheiten von sich gibt, schon ein Chaos mittleren bis grösseren Ausmasses herrschen. Sollte Putin tatsächlich, wie immer wieder behauptet wird, ein unumschränkter „Gewaltherrscher“ sein, dann wäre ja logischerweise das russische Volk ein absolut bemitleidenswertes Opfer dieses „Gewaltherrschers“ und es würde absolut keinen Sinn machen, mit diesem bemitleidenswerten Volk in der gleichen Sprache und aus einer gleichen „Position der Stärke“ heraus zu reden wie mit Putin selber. Wäre es tatsächlich ein so bemitleidenswertes Opfer eines Gewaltherrschers, müsste man es logischerweise, wenn schon, als Freund betrachten und nicht als Feind. Ganz abgesehen davon, dass ich mir ganz und gar nicht vorstellen kann, wie man „mit einem ganzen Volk diskutieren“ könnte und wer dann dieser „man“ überhaupt wäre…

Nun gibt es „Bewegung in Europa, Rüstungsausgaben werden erhöht“: „Bewegung“ – was für ein beschönigendes Wort für Kriegstreiberei und den gezielten Aufbau eines Feindbildes, das angeblich nichts anderes versteht als die Sprache der Gewalt.

„Die Truppen an der NATO-Ostflanke sind verstärkt worden.“: „Ostflanke“ ist eigentlich ein Begriff aus dem Krieg, nicht aus dem Frieden, aus dem Angriff, nicht aus der Verteidigung, aus dem Wortschatz des deutschen Heers zwischen 1939 und 1945, nicht aus dem Wortschatz friedliebender Menschen, die seit 1945, als alle Menschen in Europa „Nie wieder Krieg“ schrien, alles nur Erdenkliche versucht haben, Kriegslogik durch Friedenslogik zu überwinden und zu ersetzen. Hat an dieser Stelle die Phantasie eines dieser anonymen Symposiumteilnehmers vollends durchgeschlagen und wähnt sich dieser bereits mitten im Krieg, während doch angeblich noch tiefster Frieden herrscht?

„Investitionen in die Verteidigung sind Investitionen in den Frieden“: Wie viel Leid braucht es noch, wie viele Kriege müssen noch geführt werden, wie viele Menschen müssen noch sterben, bis solche Sätze endlich für immer auf dem Müllhaufen der Geschichte landen? So weit die Erinnerung reicht: „Verteidigung“ war noch nie etwas anderes als Kriegsvorbereitung. Wenn alles, was als „Verteidigung“ bezeichnet wird, tatsächlich immer nur Verteidigung gewesen wäre, und alle, die sich „Verteidigungsminister“ nannten oder immer noch nennen, tatsächlich nur „Verteidigungsminister“ gewesen wären, hätte es nämlich noch nie einen wirklichen Krieg gegeben. Das pure Gegenteil ist der Fall: Noch nie in der Geschichte der Menschheit gab es so viele Kriege wie heute. Nicht weil für „Verteidigung“ zu wenig Geld ausgegeben wurde, sondern nur deshalb, weil überhaupt noch Geld für Waffen und Kriege ausgegeben wird, Kriegsvorbereitungen immer noch als „Verteidigungsmassnahmen“ verkauft werden und sich die Kriegsminister immer noch „Verteidigungsminister“ nennen und nicht wenige von ihnen sogar immer noch mit Friedensnobelpreisen ausgezeichnet werden. Wenn der Westen die gegenwärtige Aufrüstungseuphorie immer noch als existenzielles Recht auf Selbstverteidigung zu verkaufen versucht, dann müsste diese Lüge nur schon angesichts der Tatsache, dass die NATO bereits heute mehr als das Zwanzigfache an Geld für Aufrüstung aufwirft als Russland, augenblicklich in ihrer ganzen gefährlichen Tragweite entlarvt werden. Aber das darf freilich nicht sein, und so wird man auch vergeblich darauf warten, dass solche Zahlen in westlichen Mainstreammedien jemals veröffentlicht werden.

„Europa sei auch gut beraten, Allianzen zu suchen mit anderen Partnern, etwa mit Indien oder mit Südamerika“: Ist den Teilnehmern des St. Galler Symposiums tatsächlich entgangen, dass Indien und Brasilien, das mit Abstand bevölkerungsstärkste Land Südamerikas, schon längst nicht mehr im westlichen Boot sitzen und mittlerweile sogar schon zu den schärfsten Kritikern des US-Imperialismus, der NATO und des westlichen Anspruch, weiterhin Weltmacht Nummer eins zu bleiben, gehören? Täten die Kalten Krieger von früher, statt sich um Ihresgleichen zu scharen und die Lügen der Vergangenheit immer wieder neu aufzuwärmen, nicht besser daran, sich endlich mit den übrigen 99 Prozent der Menschheit an einen gemeinsamen Tisch zu setzen und sich gemeinsam mit ihnen Gedanken über eine neue, gemeinsame, friedliche Zukunft zu machen, statt sich immer noch an Glaubenssätze vergangener Zeiten zu klammern, die von der Realität schon längstens tausendfach widerlegt worden sind.

„Investitionen und Innovationen auf dem Schlachtfeld sind wichtig“: Ja, aber eigentlich einzig und allein nur für die Profite der Rüstungsindustrie und ihrer Aktionäre. Ganz im Sinne des früheren US-Aussenministers Anthony Blinken, der einmal in aller Öffentlichkeit erklärte, er hoffe, dass der Ukrainekrieg noch möglichst lange weitergehe, denn dies sei besonders gut für die US-Rüstungsindustrie. Das „Schlachtfeld“, auf dem man dann irgendwann aus knietiefem Schlamm die tiefgefrorenen Überreste verstümmelter und halbverhungerter Soldaten herauspickeln wird, ist in einem solchen Zeitungsartikel bloss noch eines von zahlreichen Wörtern, über die man ebenso leicht und rasch hinweglesen kann wie über alle anderen dieser Wörter, die so wunderschön klingen und hinter denen sich doch so unsägliches, unbeschreibliches Leiden verbirgt. Müssten die Teilnehmenden des St. Galler Symposiums und all die Journalisten, die so schöne Zeitungsartikel schreiben, nur einen einzigen Tag auf dem von ihnen hochgejubelten „Schlachtfeld“ verbringen: Der ganze Spuk hätte wohl augenblicklich ein Ende für immer.

„Dazu komme die Widerstandskraft der ukrainischen Gesellschaft“: Einer ukrainischen Gesellschaft, die immer tiefer gespalten ist zwischen den Opfern auf dem „Schlachtfeld“, dem sich immer mehr junge Männer durch Dienstverweigerung oder Desertion zu entziehen versuchen, und den Söhnen und Töchtern einer zutiefst korrupten Oberschicht, die rund um die Uhr an den mondänsten Wintersportorten, auf Mallorca und Teneriffa die ausschweifendsten Parties ihres Lebens feiern.

„Dass Putin mit seiner Kriegswirtschaft die zivile Wirtschaft zerstört, Bildung und Gesundheitswesen vernachlässigt, das sei ihm egal – auch angesichts der absurden Mengen an Blut und Geld, die er bisher vergeudet habe.“: Projektion um Projektion, die alle auf den Absender zurückfallen. Denn gerade jetzt droht nicht so sehr das russische, sondern vor allem das europäische und insbesondere das deutsche Bildungs- und Gesundheitswesen angesichts endlos gesteigerter Rüstungsausgaben aus allen Fugen zu geraten. Aber auch das hat eine logische Eigengesetzlichkeit: Je mehr sich Machtsysteme bedroht fühlen, umso mehr feuern sie aus allen Kanonen auf den vermeintlichen „Gegner“ sowie auf alle Andersdenkenden in ihren eigenen Reihen.

Wenn man Kriege plant, braucht es zuallererst den Aufbau eines Feindbildes als Inbegriff des Bösen. Dadurch erst kann dann jenes allgemeine Gefühl von Angst herbeigeführt werden, das es braucht, um auch noch das wahnwitzigste Mass an militärischer Aufrüstung zu rechtfertigen und alles, was in Richtung Kriegsvorbereitung geht, als Friedensvorbereitung zu verkaufen. So erst kann der Boden für zukünftige Kriege vorbereitet werden. Denn von Natur aus wollen die allermeisten Menschen über alle Grenzen hinweg nicht den Krieg, sondern den Frieden. Will man Krieg, dann muss man ihn den Menschen mit allen nur erdenklichen Mitteln einreden. Man kann sich nicht gleichzeitig auf den Krieg und auf den Frieden vorbereiten. Wir müssen uns für einen der beiden Wege entscheiden. Damit eines Tages das Wort „Kriegserklärung“ aus unserem Denken und unserem Vokabular für immer entfernt und durch das Wort „Friedenserklärung“ ersetzt wird.

Sollte es dereinst tatsächlich zu einem dritten Weltkrieg kommen, dann wird es kaum viele überzeugende Argumente geben, um all jene Medien, die – wie mit den beiden hier besprochenen Beispielen aus dem „Tagesanzeiger“ und dem „Tagblatt“ vom 7. Mai 2026 – zu einer dermassen systematischen Kriegshetze beigetragen haben, von einer Mitschuld freizusprechen. Aber nicht nur sie, sondern auch alle, die das schweigend und achselzuckend hinnehmen und sich nicht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen wehren. Denn, wie Erich Kästner einmal sagte: „An allem Unfug, der passiert, sind nicht nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern.“

(Ich habe diesen Artikel, versehen mit einem kurzen Begleitkommentar und der Frage nach der journalistischen Sorgfaltspflicht, am 16. Mai 2026 an die Redaktionen des „Tagesanzeigers“ und des „Tagblatts“ geschickt. Bis heute, 15. Juni, hat weder der „Tagesanzeiger“ noch das „Tagblatt“ darauf reagiert. Man spricht, zu Recht, von Gewalt, wenn ein verzweifelter Asylsuchender mit einem Messer auf andere losgeht. Aber Gesprächsverweigerung, das Nichtbeantworten von anständig, korrekt und ernsthaft geschriebenen Briefen, die Absage an minimalstes diskursives und dialektisches Denken, die Renitenz gegen jegliches selbstkritisches Hinterfragen der eigenen Meinung und das Aufbauen von Mauern, gebaut aus Geld und Macht, gegenüber all denen, die weniger Geld und weniger Macht haben, sind auch Formen von Gewalt.)

Auch am 23. Mai 2026 bleibt der „Tagesanzeiger“ seiner tendenziös-manipulativen Berichterstattung treu:

Der von Moskau in Luhansk eingesetzte Verwalter, Leonid Passetschnik, spricht von 35 Verletzten. Drohnen seien in eine Berufsschule und ein Wohnheim in Starobilsk eingeschlagen, in dem sich 86 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren befunden hätten. Die Angaben lassen sich unabhängig nicht überprüfen… Russland überzieht die Ukraine seit mehr als vier Jahren mit einem zerstörerischen Angriffskrieg. Tag für Tag werden dabei Zivilisten in der Ukraine verletzt oder getötet.

So viel Irreführung auf gerade mal zehn Zeitungszeilen. „Drohnen seien…“: Dass es nicht russische, sondern ukrainische Drohnen waren, scheint dem Berichterstatter nicht erwähnenswert zu sein. „Die Angaben lassen sich nicht überprüfen.“: Schlicht gelogen: Journalistinnen und Journalisten aus zwölf mehrheitlich westlichen Ländern haben vor Ort das Communiqué der russischen Behörden bestätigt. „35 Verletzte“: Verschwiegen wird der Leserschaft, dass der ukrainische Drohnenangriff auf die Berufsschule und das Studentenwohnheim nicht nur 35 Verletzte zur Folge hatte, sondern zudem 13 bis 18 Todesopfer, alle zwischen 14 und 18 Jahren. Das Beste aber kommt am Schluss: „Russland überzieht die Ukraine seit mehr als vier Jahren mit einem zerstörerischen Angriffskrieg. Tag für Tag werden dabei Zivilisten in der Ukraine verletzt oder getötet.“ Und dies, nachdem soeben von einem ukrainischen Drohnenangriff auf eine Berufsschule und ein Studentenwohnheim die Rede war. Besonders fies: Jedes Kind weiss, dass der letzte Eindruck einer Information immer der stärkste ist und am nachhaltigsten im Gedächtnis bleibt. In diesem Falle wird mit dem prägenden Schlusssatz sogar das zuvor Gesagte geradezu auf den Kopf gestellt bzw. ins Gegenteil verkehrt. Ganz abgesehen davon, dass man der Objektivität zuliebe immerhin wenigstens bei den tatsächlichen Zahlen bleiben müsste, die von seit Februar 2022 durch russische Angriffe getötete ukrainische Zivilpersonen bei bisher 2514 liegen, während umgekehrt zwischen 2014 und 2021 rund 14’000 russischstämmige Zivilpersonen in den Ostprovinzen der Ukraine paramilitärischem, durch das Kiewer Regime ausgeübtem Terror zum Opfer fielen – eine der wesentlichen Gründe für den russischen „Angriffskrieg“ im Februar 2022. Aber wozu soll man sich heute noch an so üble Geschichten erinnern, wenn es doch nur noch darum geht, Russland als den alleinigen „Bösewicht“ zu brandmarken und damit schon zum Vornherein einen späteren Krieg gegen diesen „Bösewicht“ zu rechtfertigen.

7. Juli 2026: Ein weiteres Beispiel für die tendenziöse Berichterstattung des „Tagesanzeigers“:

„Russen zerstören massenhaft Tankstellen“ – so der Titel eines Artikels, der etwa drei Viertel einer Seite einnimmt und ein grosses Foto enthält, auf dem eine durch eine russische Drohne zerstörte Tankstelle in der Region Dnipropetrowsk zu sehen ist. Erst wenn man den Artikel im Einzelnen liest, erfährt man, dass die russischen Angriffe „offensichtlich ein Spiegelbild ukrainischer Angriffe in Russland“ sind, wobei „Spiegelbild“ noch gut tönt, weil man doch eigentlich fairerweise eher von „Folge“ oder „Reaktion“ sprechen müsste. Von diesen „ukrainischen Angriffen in Russland“ ist dann Folgendes zu erfahren: „Dort haben die ukrainischen Geheimdienste SBU und HUR mit Angriffen auf Öldepots und Raffinerien ein Viertel bis zu einem Drittel der russischen Benzin- oder Dieselproduktionskapazität zumindest vorübergehend zerstört.“ Dazu kein Bild. Es würde wohl, würde man es in echte Relation zu der zerstörten ukrainischen Tankstelle setzen, kaum in einer einzigen Ausgabe des „Tagesanzeigers“ Platz finden. Aber abgesehen davon haben wahrscheinlich sowieso schon weit mehr als die Hälfte der Leserinnen und Leser, nachdem sie den Titel des Artikels gelesen und sich ihre Vorstellung vom „bösen Russen“ einmal mehr bestätigt hatte, weitergeblättert…

Fragen, fragen und allem auf den Grund gehen wie die Kinder: Ohne das bleibt gesellschaftlicher Fortschritt eine Illusion…

Peter Sutter, 29. April 2026

Wochenlang gab es in den Schweizer Medien kaum mehr ein anderes Thema, nachdem in der Nacht vom 31. Dezember 2025 auf den 1. Januar 2026 bei einem Brand in der Bar „Le Constellation“ in Crans-Montana, Kanton Wallis, 41 Menschen, darunter 20 Minderjährige, ums Leben gekommen und weitere 115 Personen verletzt worden waren, viele von ihnen so schwer, dass sie nur knapp vor dem Tod gerettet werden konnten.

Als hätte es nicht nur in Crans-Montana gebrannt, breitete sich die Berichterstattung über dieses Ereignis in Kürze wie ein Lauffeuer in sämtlichen Richtungen aus, fast alle europäischen Medien griffen das Thema ebenfalls auf und berichteten darüber in aller Ausführlichkeit.

Bei alledem stand durchwegs immer wieder die gleiche Frage im Mittelpunkt: Wer trug die Schuld an dieser Katastrophe, die so viele junge Menschen unversehens mitten aus dem Leben gerissen hatte zu einem Zeitpunkt, da sie überschwänglich und nichtsahnend den Beginn eines neuen Jahres feierten, die meisten von ihnen wohl voller Träume, Sehnsüchte und Hoffnungen, was ihnen dieses neue Jahr alles bringen würde.

Ja, die Schuldfrage. Wochenlang wurde sie hin- und hergewälzt, von den Eltern der betroffenen Jugendlichen zu den Betreibern der Bar, von den Politikern zu den Medien, von den Anwälten zu den Beamten der Sicherheitsbehörden, von den Gesetzgebern zu den Gemeinde- und Baubehörden und wieder zurück zu den Barbetreibern, alle von ihnen abwechslungsweise an den Pranger gestellt und dann jeweils umso heftiger von allen Seiten mit Vorwürfen, Beschuldigungen und Hass überhäuft. Bis es sogar fast zu einer zwischenstaatlichen Krise gekommen wäre, als Anwälte aus Italien die Schweiz mit Millionenklagen einzudeckeln versuchten und sich plötzlich nicht nur die vor Ort Betroffenen, sondern gar die Schweiz als Ganzes an den Pranger gestellt sah. Um dann zuletzt, oh Wunder, die ganze Wut wiederum auf eine einzige Angestellte der Bar zu lenken, die anscheinend jene Champagnerflasche geöffnet hatte, welche, viel zu nahe an den entflammbaren Deckenelementen, mit ihrem Feuerwerkskörper den Brand ausgelöst hatte, diese Angestellte, die sodann selber in den Flammen ums Leben gekommen war und zuletzt von allen anderen als die eigentliche Hauptschuldige angesehen wurde, ohne die es niemals zu dieser Katastrophe gekommen wäre.

Diese Debatte, fast ausschliesslich geprägt von der Schuldfrage, hätte aber von Anfang an auch ganz anders geführt werden können. Man hätte sich, statt „Schuldige“ ausfindig zu machen, zum Beispiel fragen können, unter welchem wirtschaftlichen Druck Gastronomiebetriebe wie die Bar „Le Constellation“ stehen. Um im gegenseitigen Konkurrenzkampf gegenüber anderen Betrieben mit ähnlichem Zielpublikum bestehen zu können, ist nämlich jeder Anbieter gezwungen, die Kosten möglichst tief zu halten und die Eintritts- und Konsumationspreise möglichst weit anzuheben, aber doch nicht so weit, dass sie niemand mehr bezahlen kann – ein beständiges Zittern ums Überleben, weil ja alle anderen Betriebe nach dem gleichen Prinzip handeln und im immer rasanteren Tempo des gegenseitigen Wettrennens am Ende nur diejenigen überleben können, welche sich am dichtesten an die gerade noch erträgliche Schmerzgrenze herantasten oder diese sogar überschreiten. Und dann wird eben gezwungenermassen gespart, wo immer es möglich ist: Bei den Baustoffen und den Materialien der Innenausstattung, bei der Elektroinstallation, bei den Kochgeräten, beim Einkauf der Lebensmittel und der Getränke oder bei den Sicherheitsmassnahmen – vor allem wenn diese durch zu rigorose Vorschriften wie die Mindestzahl von Notausgängen bzw. Grösse der Fluchtwege die Limite der zugelassenen Personenzahl zu sehr beschränken und damit die wichtigste Einnahmequelle gefährden. Zudem muss ohne Unterlass alles getan werden, um die Attraktivität des eigenen Betriebs gegenüber den Konkurrenzbetrieben laufend zu erhöhen, denn das Publikum ist wählerisch und kein Betrieb kann es sich leisten, auf so gefährliche Dinge wie Feuerwerk auf Champagnerflaschen zu verzichten, solange nicht alle anderen Betriebe dies ebenfalls tun. Den weitaus grössten Posten im Kosten-Nutzen-Kalkül, an dem so weit als möglich geschraubt werden kann, bilden indessen die Lohnkosten, sprich: das Personal so lange wie möglich und zu so tiefen Löhnen arbeiten zu lassen, wie es das Gesetz gerade noch zulässt, oder, wenn es sein muss, auch weit darüber hinaus. So wie es der besagten Kellnerin ergangen war, die am Ende an der ganzen Katastrophe die Hauptschuld getragen haben soll: Nach 20-Stunden-Arbeitstagen über Wochen hinweg war sie in jener Nacht so erschöpft und befand sich mutmasslich geradezu in einer Art von Delirium, als sie, auf die Schultern eines Barbesuchers gehievt, jene ominöse Champagnerflasche mit dem Feuerwerkskörper viel zu nahe an der mit billigen, entflammbaren Elementen bestückten Decke zur Explosion brachte, welche schliesslich das ganze Unheil zur Folge hatte.

Die Brandkatastrophe von Crans-Montana ist ein Paradebeispiel dafür, wie mit solchen besonderen Ereignissen, Katastrophen, Unfällen, Verbrechen aller Art bis hin zum Krieg umgegangen werden kann: Entweder versucht man so schnell wie möglich Schuldige – bzw. einen einzelnen Hauptschuldigen – ausfindig zu machen, was allen anderen erlaubt, sich weitgehend unbelastet, ohne schlechtes Gewissen und ohne jegliches Zugeständnis einer Mitverantwortung aus dem Spiel zu nehmen. Oder aber man geht den Ursachen und Zusammenhängen vertieft und möglichst hartnäckig auf den Grund, um am Ende – was freilich weitaus unangenehmer und schmerzlicher sein kann – möglicherweise zu entdecken, dass es nicht einen einzigen Schuldigen gibt, sondern sich viele andere oder vielleicht sogar alle anderen auf die eine oder andere, mehr oder weniger versteckte und unsichtbare Weise, mitschuldig gemacht haben, meist sogar, ohne dass ihnen dies bewusst gewesen war.

Sehen wir uns die beiden Herangehensweisen anhand von vier weiteren, ganz unterschiedlichen Beispielen etwas genauer an: der häuslichen Gewalt von Männern gegen Frauen in Form von Femiziden, der „Ausländerkriminalität“, den Amokläufen an Schulen und dem Ukrainekonflikt.

Femizide. Alle ein bis zwei Wochen wird in der Schweiz eine Frau von ihrem Lebenspartner getötet. Seit längerer Zeit nimmt die Häufigkeit von Femiziden sogar zu. Wie im Fall der Brandkatastrophe von Crans-Montana, beschränkt sich die öffentliche Diskussion aber auch hier fast ausschliesslich auf die Suche nach den Schuldigen und bleibt meistens bei der Feststellung einer für Männer typischen, offenbar „angeborenen“ und ihrer „Natur“ entspringenden Gewaltbereitschaft stehen. Interessanterweise stellt niemand die Frage, weshalb die Häufigkeit von Femiziden laufend zunimmt. Auch wenn man ausschliesslich von einer „naturbedingten“ Gewaltbereitschaft von Männern ausgehen würde, könnte man damit ja keineswegs diese Zunahme der Häufigkeit erklären. Femizide müssen also zwingend noch andere Ursachen haben als bloss diese „natürliche“ Gewaltbereitschaft von Männern. Einen möglichen Hinweis fand ich unlängst in einem Zeitungsartikel, wo erwähnt wurde, dass auffallend viele der betreffenden Männer zum Zeitpunkt ihrer Tat arbeitslos waren. Ein möglicher Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit bzw. den äusseren Lebensumständen der Täter und der Wahrscheinlichkeit, dass diese einen Femizid begehen würden, sei aber wissenschaftlich bislang noch nicht untersucht worden. Das muss zu denken geben, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass es bereits unzählige Studien betreffend Nationalität bzw. ethnischer Herkunft der Täter gibt, die den Schluss nahelegen, Femizide würden vor allem von Angehörigen „fremder“ Herkunft begangen. Warum gibt es nicht eine einzige Studie über den Zusammenhang zwischen Femizid und dem gesellschaftlichen Umfeld, in dem diese geschehen? Könnte es sein, dass ein Mann, der den ganzen Tag beschäftigungslos zu Hause herumsitzt, während sein bester Freund gerade wieder mal eine saftige Gehaltserhöhung erhalten hat und mit seinem neuen BMW Abend für Abend in der Stadt seine Runden dreht, sich gegenüber diesem minderwertig und in seinem Selbstwertgefühl zutiefst gekränkt fühlt? Könnte es sein, dass sich solche Gefühle fehlenden Selbstwerts noch verstärken, wenn dieser Mann in sozialen Medien oder am Fernsehen pausenlos mitansehen muss, wie andere Männer Karriere machen, irgendwann vielleicht sogar Millionäre sind, sich die teuersten Luxusvillen bauen lassen mit riesigen Swimmingpools und jedes Jahr drei oder vier Mal nach fernen, paradiesischen Südseeinseln fliegen? Könnte es sein, dass sich auf diese Weise Rachegefühle gegenüber einer Gesellschaft entwickeln, in der Einkommen und Vermögen dermassen ungerecht verteilt sind? Könnte es sein, dass ein so sich bildendes extremes Ohnmachtsgefühl irgendwann in das Verlangen nach einer extremen Machtdemonstration umzukippen droht? Und ist es denkbar, dass dieses bereits bis zum Rande gefüllte Fass voller Demütigung und verlorenem Lebenssinn genau in dem Punkt überlaufen könnte, an dem dieser Mann zuletzt auch noch das Letzte, was ihn aufrecht gehalten hat, nämlich seine Frau oder Lebenspartnerin, verlieren könnte, weil sie mit einem Versager wie ihm nichts mehr zu tun haben möchte? Und wäre es dann allenfalls nachvollziehbar, dass er schliesslich allen Hass, alle aufgestauten Rachegefühle nicht etwa an denen auslässt, die das alles verursacht haben, sondern am schwächsten Glied in der Kette von oben nach unten, nämlich, tragischerweise, ausgerechnet an seiner eigenen Lebenspartnerin, an welcher er nun das Exempel eines wiedergewonnen Machtgefühls auf die denkbar brutalste Weise vollziehen kann? Solche Fragen zu stellen, heisst nicht, irgendwelche Gewalttaten verharmlosen, zu entschuldigen oder gar rechtfertigen zu wollen. Sie dienen einzig und allein dazu, möglichen tiefergehenden Ursachen und Zusammenhängen von Verbrechen oder anderen Untaten auf den Grund zu gehen und daraus im besten Falle Schlüsse zu ziehen und Lösungsansätze zu finden, die über das blosse Verurteilen der „Schuldigen“ hinausgehen und letztlich den potenziellen Opfern mehr nützen als die vorschnelle und diskussionslose Verurteilung der jeweiligen „Bösewichte“?

„Ausländerkriminalität“. Nur allzu bekannt sind die Beispiele von aus dem Maghreb stammenden Asylsuchenden, welche sich im Umfeld von Asylzentren durch Ladendiebstähle, Einbrüche in Wohnungen und Einfamilienhäuser oder das Aufknacken von Autos negativ bemerkbar machen. Sogleich ist dann die Rede von „Ausländerkriminalität“, als gäbe es einen wesensmässigen Zusammenhang zwischen Kriminalität und nationaler Herkunft. Auch hier bleibt die öffentliche Diskussion weitestgehend beim Benennen und an den Pranger stellen der „Schuldigen“ stehen. Doch auch hier könnte man das Feld öffnen für so manche weiterführende Fragen, die den Blick über die blosse Schuldfrage und Reduktion auf Einzeltäter hinaus massgeblich erweitern könnte: Ist es nicht verständlich, wenn der Mann, dem ausser einem täglichen Taschengeld von acht Franken keine weiteren finanziellen Mittel zur Verfügung stehen, gelegentlich mal der Versuchung unterliegt, sich den einen oder anderen winzigen Teil aus all dem Luxus, der ihm täglich vor die Augen geführt wird, „widerrechtlich“ anzueignen? Könnte man ihm nicht sogar das „Recht“ zugestehen, dies zu tun, in Anbetracht der Tatsache, dass der überwiegende Teil des Reichtums, über den die reichen Länder des Nordens heute verfügen, aus nichts anderem entstanden ist als aus der systematischen Ausplünderung von Bodenschätzen und natürlichen Rohstoffen des Südens, insbesondere Afrikas, über Jahrhunderte hinweg bis zum heutigen Tag? Und wüsste man denn nicht schon längst, dass Kriminalität stets in einem direkten Zusammenhang mit Armut steht und insbesondere überall dort am meisten verbreitet ist, wo die Unterschiede zwischen Arm und Reich am grössten sind? Kürzlich war in den Zeitungen zu lesen, dass in Grossbritannien die von einheimischen Rentnerinnen und Rentner begangenen Ladendiebstähle in Supermärkten innerhalb eines Jahres massiv zugenommen hätten. Vermutlich nicht, weil die Britinnen und Briten besonders bösartige Menschen sind, sondern schlicht und einfach deshalb, weil die Renten infolge staatlicher Sparmassnahmen mehr und mehr gekürzt werden.

Amokläufe an Schulen. Auch hier bleibt die Diskussion zumeist bei der Suche nach Schuldigen stehen. Das ist dann meistens ein „psychisch gestörter“ Jugendlicher, dem in der Folge, damit sich so etwas nicht wiederholt, entsprechende Straf- oder Therapiemassnahmen verordnet werden. Dabei wäre es so naheliegend, einfach und plausibel, über dieses simple Erklärungsmuster und die daraus gezogenen Schlüsse hinauszuschauen. In allen mir bekannten Fällen war der Täter ein ehemaliger Schüler jener Schule, die er früher selber besucht hatte – ausgerechnet an diesen Ort kehren diese Amokläufer zurück, um dort, meist wahllos, Jugendliche und Lehrkräfte, die sie meist selber gar nicht mehr kennen, niederzuknallen. Das kann kein Zufall sein. Und tatsächlich: Schaut man sich die Biografien dieser Täter näher an, so sind es fast immer gescheiterte Schüler. Entweder waren sie von Mitschülern oder Lehrern gemobbt worden oder sie waren wegen ungenügender Leistungen, Verstössen gegen die Disziplinarordnung oder wegen zu langer unbegründeter Absenzen von der Schule geflogen. Weiter zeigt sich, dass das Selbstwertgefühl der betroffenen Jugendlichen zu dem Zeitpunkt, als sie mit dem Rausschmiss aus der Schule und allen daraus folgenden Vorwürfen und Beschuldigungen seitens Eltern, Verwandten und Bekannten konfrontiert waren, noch sehr zerbrechlich war, sodass man durchaus von einem traumatisierenden Eingriff in ihre Persönlichkeitsentwicklung sprechen kann. Rache an dem Ort, wo dieser Eingriff geschah, ist eine Art von „Lösung“ dieses Traumas, den zum Glück nur ganz wenige Vereinzelte wählen, und dies meist, nachdem sie über viele Jahre hinweg auf andere Art und Weise versucht haben, das Trauma zu bewältigen, ohne aber, dass es ihnen gelungen wäre. Der Amoklauf an der früheren Schule, wo das Unheil begann, ist sozusagen der allerletzte verzweifelte „Lösungsversuch“, der ja selten gar mit dem eigenen Tod endet.

Der Ukrainekonflikt. Es mag auf den ersten Blick überraschen, dass ich an dieser Stelle den Ukrainekonflikt als Beispiel nenne und ihn mit dem Brand in Crans-Montana, Femiziden, „Ausländerkriminalität“ und Amokläufen an Schulen in Verbindung setze. Aber auf diese Weise lassen sich bestimmte Grundmuster, wie man mit Verbrechen, Untaten, aussergewöhnlichen Ereignissen, Konflikten, Ängsten und Bedrohungen aller Art umgeht, viel besser erkennen, als wenn wir dies nur anhand eines einzelnen Beispiels tun. Denn im Grunde ist es dasselbe: Die öffentliche Diskussion – zumindest was die grosse Mehrheit der Bevölkerung, der Medien und der Politik betrifft – erschöpft sich auch im Falle des Ukrainekonflikts weitgehend mit der Benennung eines „Schuldigen“, in diesem Falle ist es Russland bzw. der russische Präsident Wladimir Putin als Inbegriff des „Bösen“. Jüngstes Beispiel für diese Fixierung auf den alleinigen „Schuldigen“ ist der soeben herausgekommene Spielfilm „Der Magier im Kreml“, der von seinem Regisseur Olivier Assayas wie folgt kommentiert wird: „Jude Law in der Hauptrolle des Putin hat den Film bereichert, indem er nicht auf eine exakte Darstellung von Putin setzte, sondern auf das, wofür diese Figur steht: ein Modell moderner Diktatur – eine Machtfigur, die in Kauf nimmt, als Inbegriff des Bösen ihrer Zeit wahrgenommen zu werden.“ Alles, was dieses Bild relativieren könnte, wird in diesem Film ausgeblendet: Dass Putin nach seinem Amtsantritt im Jahre 2000 dem Westen eine gemeinsame europäische Sicherheitsstruktur vorschlug, was vom Westen abgelehnt wurde; dass Putin 2008 einen Beitritt Russlands zur NATO wünschte, was ebenfalls vom Westen verworfen wurde; dass Putin noch im Dezember 2021 der US-Regierung eine friedliche Lösung des Ukrainekonflikts mit Einbezug des Schutzes der russischen Bevölkerung innerhalb der Ukraine vorschlug, was ebenfalls vom Westen zurückgewiesen wurde, obwohl es die letzte Chance gewesen wäre, den drei Monate später ausgebrochenen Krieg zu verhindern.

Noch drastischer – und mit noch weit mehr tödlichen Folgen – als die zuvor erwähnten Beispiele zeigt der Ukrainekonflikt, wohin eine Strategie, die auf rein personaler Schuldzuweisung ohne jeglichen Einbezug gesellschaftlicher und historischer Zusammenhänge beruht, führen kann. Möglichst rasch einen Hauptschuldigen zu suchen – am liebsten in einer einzigen Person, an der dann alle anderen ihre Wut und ihren Hass auslassen können, von der Kellnerin in der Bar „Le Constellation“ über den kriminellen Marokkaner, der im Bahnhofshop ein Paar Turnschuhe geklaut hat, bis zu Wladimir Putin – hat offensichtlich eine viel höhere Wirksamkeit als jede noch so fundierte Analyse gesellschaftlicher und historischer Hintergründe. Das ist mir jenes Tages so richtig tief bewusst geworden, als ich mit einem Bekannten, den ich insgesamt als sehr belesen und informiert bezeichnen würde und der sogar eine akademische Ausbildung erfolgreich absolviert hat, über den Ukrainekonflikt diskutierte. Unsere Diskussion begann mit seiner Aussage: „Putin ist der Hitler des 21. Jahrhunderts“. Ich versuchte ihm dann zu erklären, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahre 1991 mit dem Verlust eines Fünftels ihres vorherigen Staatsgebiets möglicherweise nicht nur bei einem früheren KGB-Agenten, sondern wahrscheinlich sogar auch bei jedem anderen Russen ein Gefühl von Niederlage und Demütigung ausgelöst haben dürfte, das wahrscheinlich auch er als Schweizer empfinden würde, wenn wir von einem Tag auf den andern einen Fünftel unseres Staatsgebiets verlieren würden und jene, die dieses Land bekämen, aus vollem Herzen jubeln würden, sie hätten einen der grössten Siege in der Geschichte der Menschheit errungen. Weiter versuchte ich ihm nahezubringen, dass dieser Wladimir Putin trotz einer solchen Demütigung seines Landes in den ersten Amtsjahren unermüdlich um ein friedliches Miteinander mit dem Westen rang, bei dessen Staatsführern jedoch nie auch nur das geringste Gehör fand. Ich fragte ihn dann auch, ob der den US-Präsidenten George W. Bush, der aufgrund unwahrer Behauptungen im Jahre 2003 einen erwiesenermassen völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Irak vom Zaun riss, dem in der Folge eine halbe Million unschuldiger Männer, Frauen und Kinder zum Opfer fielen, ebenfalls als einen „Hitler des 21. Jahrhunderts“ bezeichnen würde. Er hörte mir geduldig zu, ich hoffte, er wäre zu einem etwas differenzierteren Weltbild gelangt, doch nein: Sein einziger und abschliessender Satz, dem ich dann nichts mehr hinzufügen mochte, bestand aus diesen Worten: „Aber dennoch ist trotz alledem Putin der Hitler des 21. Jahrhunderts.“

Seither beschäftigt mich mehr denn je die Frage, wie derart tiefsitzende, gegenüber allen noch so fundierten und sachlichen Fakten anscheinend völlig immune Denkmuster überwunden werden können. Oder ob die Reflexe von personaler Schuldzuweisung und die Fixierung auf das absolute „Böse“ so tief in den Genen oder wo immer verwurzelt sind, dass da schlicht und einfach nichts zu machen ist und jedes Bemühen, es aufzubrechen, bloss reine Zeitverschwendung wäre. Ich weiss es nicht. Ich habe bis jetzt keine Lösung gefunden. Aber ich bin überzeugt, dass es, wenn in Zukunft mehr gesellschaftlicher Fortschritt stattfinden sollte als bisher, unumgänglich ist, auf breiter Ebene die Fixierung auf einseitige Schuldzuweisungen und Feindbilder zu überwinden und einer vertieften, offenen und vor allem selbstkritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen viel, viel mehr Raum, Gewicht und Einfluss zu geben als bisher.

Denn personale Schuldzuweisungen und die Fixierung auf das vermeintlich „Böse“ zielen nicht nur an der Realität vorbei, sie verhindern – was noch viel schlimmer ist – gute, zukunftsgerichtete Lösungen. Eine sinnvolle und zukunftsgerichtete Schlussfolgerung aus der Brandkatastrophe von Crans-Montana hätte zum Beispiel darin bestehen können, neue Formen wirtschaftlicher Zusammenarbeit und gegenseitiger Unterstützung zu entwickeln, damit die einzelnen Betriebe einer Branche nicht mehr diesem tödlichen gegenseitigen Konkurrenzkampf ausgeliefert sind, der sie an allen Ecken und Enden zum Sparen auf Kosten von Gesundheit oder gar Leben zwingt. Stattdessen hat man den als „Schuldigen“ ausfindig Gemachten horrende Bussen aufgebrummt, während sich Dutzende von Anwälten eine goldene Nase verdient haben – ohne dass damit auch nur ein einziges Problem gelöst worden wäre, die Betriebe weiterhin gezwungen sind, sich mit immer sinnloseren Attraktionen gegenseitig zu überbieten und ihre Angestellten rund um die Uhr schuften zu lassen, bis wieder eines Tages etwas vielleicht noch viel Schlimmeres passieren wird.

Wenn Arbeitslosigkeit, zu niedrige Löhne, zu hoher Druck am Arbeitsplatz, zu enge Wohnverhältnisse oder zu grosse soziale Unterschiede als Faktoren erkannt werden, die eine höhere Anzahl von Femiziden zur Folge haben können, dann müssten schleunigst Massnahmen getroffen werden, um die Arbeitswelt menschlicher zu gestalten, Arbeit gerechter zu verteilen, existenzsichernde Löhne zu gewährleisten, erschwinglichen Wohnraum zu garantieren und anderes mehr. Stattdessen lanciert man Plakatkampagnen, produziert Abertausende von Flyern und schickt tendenziell „gewaltbereite“ Männer in „Präventionskurse“ – ohne damit auch nur eine einzige der tatsächlichen Ursachen anzupacken und mit alledem sogar noch das Feindbild des „bösen“, therapiebedürftigen Mannes zusätzlich zu verstärken.

Wenn Armut die Ursache von Kriminalität ist und endlich erkannt würde, wie sehr unser Reichtum eine Folge ist von Armut und Ausbeutung anderswo, dann müssten schleunigst Massnahmen ergriffen werden für eine gerechtere Wirtschaftsordnung, für soziale Umverteilung, für eine viel massivere Besteuerung der Reichen. „Kriminelle“ Asylsuchende an den Pranger zu stellen, die Asylgesetze zu verschärfen und rund um den gestohlenen Reichtum herum immer höhere Mauern aufzubauen, um den Bestohlenen den Zutritt zu der ihr entrissenen Beute zu verunmöglichen, löst keines der Probleme, sondern verstärkt alle nur umso mehr.

Wenn die Demütigung bzw. der Rausschmiss eines sich noch mitten in seiner Persönlichkeitsentwicklung Jugendlichen aus der Schule die mögliche Ursache späterer Amokläufe sein könnte, dann nützt es nichts, in den Schulen bessere Alarmsysteme zu installieren, rund um Schulhäuser Sicherheitskräfte patrouillieren zu lassen oder Lehrkräften beizubringen, wie sie sich im Falle anonymer Drohungen zu verhalten haben, solange nicht die Schule ein Ort ist, wo sich alle Jugendlichen, unabhängig davon, wie „schwierig“ sie sind, verstanden, aufgehoben und respektiert fühlen und das höchste Prinzip darin besteht, nie einen Menschen aufzugeben.

Und wenn sich auf breiter Basis die Erkenntnis durchsetzt, dass die „Schuld“ am Ukrainekrieg nicht bei einem einzelnen „Hitler des 21. Jahrhunderts“ liegt und schon gar nicht bei jenem Land, das er regiert, sondern dahinter eine lange Vorgeschichte liegt, dann werden auch Lösungen möglich, die durch gegenseitige Kompromisse den Weg in eine gemeinsame friedliche Zukunft öffnen können, statt sich darauf zu versteifen, mit einem immer grösseren technischen und finanziellen Aufwand und der Opferung einer immer grösseren Zahl von Menschen das vermeintlich „Böse“ zu bekämpfen, führt doch jede Form von Gewalt auf der einen Seite – und auch das weiss man eigentlich schon seit Jahrtausenden – zu immer mehr Gewalt auf der anderen.

Ohne unermüdliche Analysen gesellschaftlicher und historischer Zusammenhänge anstelle von vorschnellen Schuldzuweisungen bleibt gesellschaftlicher Fortschritt eine Illusion. Es ist eine tragische Erkenntnis, dass die Menschheit zwar in Bezug auf technologische Entwicklungen innerhalb weniger Jahrzehnte Fortschritte erzielt hat, die man sich vor Kurzem nicht einmal mit der grössten Phantasie vorzustellen wagte, dass aber gleichzeitig auf dem Gebiet des menschlichen Zusammenlebens und der friedlichen Konfliktlösungen nach wie vor Denkmuster vorherrschen, die aus weit zurückliegenden Epochen stammen.

Der gesellschaftlich unerlässliche Schritt von der Schuldebene zur Verstehensebene, vom Einzeldenken zum Gemeinschaftsdenken, von den Feindbildern zu den Freundesbildern und letztlich vom Krieg zum Frieden kann freilich nicht von selber und nicht von heute auf morgen geschehen. Er braucht eine grosse gemeinsame Anstrengung, ein systematisches Überwinden von Denkstrukturen, die sich über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende verfestigt haben, tiefe Lern- und Erfahrungsprozesse gegenseitigen Zuhörens, die Bereitschaft, die Ursache von „Fehlern“ oder „Unzulänglichkeiten“ zuallererst bei sich selber zu suchen, die Erkenntnis, dass man seine Mitwelt nur verändern kann, wenn man auch sich selber verändert.

Für all dies braucht es die nötigen Zeiten und Räume, Stunden und Tage, denn es geht letztlich um nichts weniger als das gemeinsame Überleben. Wie wäre es, den Freitag zu einem „Zukunftstag“ zu erklären? Montag bis Donnerstag die Arbeitszeit, das Wochenende zur individuellen Freizeitgestaltung. Der Freitag als Tag des Nachdenkens, der Begegnung und des Gesprächs mit Andersdenkenden, des Erfahrungsaustausch zwischen den Generationen, zwischen unterschiedlicher beruflicher Tätigkeit, zwischen all den Kulturen, Sprachen und Lebensweisen, die in jeder Stadt und jeder Gemeinde zusammentreffen und so wunderbare Quellen für gemeinsames und gegenseitiges Lernen sein könnten. Dieser Weg zunehmender Erkenntnis ist ohne Zweifel der vielfach längere als jener der reflexartigen Schuldzuweisungen, der jegliches Weiterdenken zwangsläufig zum Erliegen bringt. Es ist ein vielfach längerer Weg, ein „Umweg“, könnte man sagen, über spitze Steine, an Abgründen vorbei, durch knietiefen Schlamm und durch die kältesten Nächte. Aber er lohnt sich tausendfach.

Der wohl schönste Nebeneffekt einer solchen Bewusstseinsveränderung liegt darin, dass auf diesem Weg alles, was mit Hass zu tun hat, immer schwächer wird, und alles, was mit Liebe zu tun hat, immer stärker. Richtet man den Fokus nicht auf den einzelnen „Missetäter“, sondern auf das gesellschaftliche Umfeld und die äusseren Einflüsse, die ihn zu diesem Missetäter gemacht haben, verlagern sich die Grenzen zwischen dem „Guten“ und dem „Bösen“ immer mehr. Und die Erkenntnis, dass der Mensch im Grunde gut ist, wird immer stärker. Denn kein einziger Mensch wird als Mörder oder als Tyrann oder als unverbesserlicher Rechthaber oder als Wesen ohne jegliches Mitgefühl geboren, erst die Lebensumstände machen ihn dazu. Selbst wenn wir den Geschichten der „bösesten“ und „grausamsten“ Menschen auf den Grund gehen, werden wir früher oder später herausfinden, dass ganz am Anfang die Liebe war, so wie bei jenem berüchtigten Hamasführer, von dem alle sagten, er sei der Teufel in Person. Wenn man weiss, dass sowohl seine Eltern, wie auch seine Frau und alle seine Kinder von israelischen Armeeangehörigen getötet wurden, braucht es nicht viel Phantasie, um seinen Hass gegen alles, was mit Israel zu tun hat, nachzufühlen. Letztlich ist sein Hass nichts anderes als der Ersatz für die verlorene Liebe. Und so ist es mit allem. Haben wir den Schutt an Gewalt, Hass und Zerstörung beiseite geräumt, so finden wir darunter, früher oder später, immer und immer wieder die Liebe. Und das ist dann die Aufgabe, die uns weiterbringt: unter dem Hass die Liebe zu entdecken. Das, was uns alle miteinander verbindet, trotz aller oberflächlicher Gegensätzlichkeiten. Bis wir am Ende bei der Erkenntnis angelangt sind: Dieser Mörder, dieser Tyrann, dieser Menschenfeind könnte auch ich sein, wenn ich zu einem anderen Zeit an einem anderen Ort geboren worden wäre. Nur wenn wir das, was durch die unterschiedlichsten Lebensumstände auseinandergesplittert und uns zu gegenseitigen Feinden gemacht hat, wieder zusammenfügen zu einem Ganzen, kann etwas zutiefst Neues entstehen und die Hoffnung auf eine schönere und friedlichere Zukunft. Oder, wie es der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt einmal sagte: „Was alle angeht, können nur alle lösen.“ Nicht gegeneinander, nur miteinander.

Um diesen Weg zu gehen, müssen wir nicht etwas anderes sein oder werden, als wir sind. Wir müssen nur so bleiben, wie wir einmal gedacht waren. So, wie es der italienische Dichter Dante Alighieri einmal so wunderschön zum Ausdruck brachte: „Dreierlei ist uns aus dem Paradies geblieben: Kinder, Blumen und Sterne.“ Wenn wir uns das Paradies nicht nur als schöne Erinnerung an eine verlorene Vergangenheit bewahren wollen, sondern zugleich als Hoffnung auf eine schönere und friedlichere Zukunft neu erdenken möchten, dann müssen wir als Erwachsene nur die Kinder bleiben, die wir einmal waren. Fragen, fragen und alles wissen wollen, allem auf den Grund gehen, ohne zu verurteilen, ohne einzuordnen, ohne zu schubladisieren, ohne in Gut und Böse aufzuspalten.

„Ausser sie haben das Glück, jemanden zu finden, der ihnen hilft, eine Wohnung zu finden.“

Peter Sutter, 23. April 2026

Folgender Text beruht auf einer wahren Begebenheit zwischen November 2025 und April 2026. Nur die Namen und Ortsbezeichnungen wurden geändert.

Medya ist Kurdin, geboren und aufgewachsen in der Osttürkei. Baris ist Türke und stammt aus der Küstenstadt Antalya. Die Liebe hat sie zusammengeführt, am 23. November 2025 war die Heirat. Seither ist für Medya die Hölle los. Ihre Eltern und ihre Geschwister wollen nichts mehr mit ihr zu tun haben, schlimmer noch: Zwei ihrer Brüder haben sogar gedroht, sie umzubringen. Nur ihre Mutter hatte für ihren Entscheid, Baris zu heiraten, Verständnis. Doch sie ist schwerkrank und bettlägerig. Zudem hat sie kein eigenes Telefon und der Vater weigert sich, sie mit Medya, wenn diese anruft, sprechen zu lassen.

Medya wusste: Ihr Leben in der Türkei hatte keine Zukunft. Wo immer sie mit Baris unterkommen würde, ihre Familie würde sie früher oder später auffinden und mit grösster Wahrscheinlichkeit ihren Drohungen Taten folgen lassen. So entschlossen sich Medya und Baris Ende Dezember 2025 zur Flucht in die Schweiz, in ein sicheres Land, weit fort von der Todesangst, die wie ein Damoklesschwert Tag und Nacht über Medya hing und nach und nach schon fast ihre ganze Lebenskraft zerstört hatte.

Die Schweiz, ein sicheres Land. Schön wäre es gewesen. Doch in der 3000-Seelen-Gemeinde N., wo ihnen das Sozialamt eine kleine Einzimmerwohnung zur Verfügung gestellt hatte, schien sich ihre Ankunft rasch herumgesprochen zu haben. Oder vielleicht hatte es auch auf andere Art seinen Weg gefunden. Wie dem auch sei: In der Nacht vom 7. auf den 8 Januar 2026 wurden Medya und Baris mitten in der Nacht aus dem Schlaf geweckt. Mehrere Schüsse kurz hintereinander, ein zersplittertes Fenster, Motorengeräusch eines wegfahrenden Autos, ein Drohschreiben am nächsten Morgen im Briefkasten: Sie gäben Medya allerhöchstens noch sieben Tage.

Als Baris, der jeweils von drei Uhr nachmittags bis elf Uhr nachts in einem Restaurant als Küchengehilfe arbeitet, am folgenden Tag kurz vor Mitternacht nach Hause kommt, ist das Fenster der Wohnung dunkel. Baris ahnt das Schlimmste, hat Medya doch noch nie, seit sie hier wohnen, das Licht gelöscht, bevor er nach Hause kam, sondern immer auf ihn gewartet, um vor dem Schlafengehen noch ein paar Worte zu wechseln. Nach dem Öffnen der Wohnungstür hört Baris‘ Herz für mehrere Sekunden zu schlagen auf: Medya liegt am Boden, seitlich weit ausgelaufenes Blut, ihr Unterarm tief aufgerissen, unmittelbar daneben das Küchenmesser und ein paar leere Medikamentenschachteln. Notruf. Spital. Fünf Stunden später liegt Mediya im Isolationszimmer der Psychiatrischen Klinik, neben ihr sitzend die Notärztin, mit leisen, einfühlsamen Worten bemüht, Medya, die immer noch am ganzen Körper zittert, zu versichern, sie sei hier an einem sicheren Ort und es könne ihr nichts mehr zustossen.

Zwei Monate später, beim Besuch einer anderen Patientin in der gleichen Psychiatrischen Klinik, begegne ich Medya ganz zufällig und erfahre ihre Geschichte…

Medyas Augen sind leer. Ihr Leben besteht jetzt gerade aus diesem Zimmer in der Klinik und aus den paar Stunden, die ihr Mann jeweils täglich bei ihr verbringt, bevor er wieder irgendwo in der Schwärze der Nacht verschwindet. Ein Leben zuvor gibt es nicht, da ist nur der Tag, an dem sie für immer aus ihrem Elternhaus verbannt wurde, die todkranke Mutter, die Todesdrohungen ihrer Brüder, die Schüsse in der Nacht. Und ein Leben danach gibt es erst recht nicht. Denn wo sollen sie und ihr Mann leben, wenn der Tag gekommen sein wird, an dem sie die Klinik verlassen muss? Der Gedanke an die vorherige Wohnung, wo die Schüsse fielen und am nächsten Morgen die Todesdrohung im Brieflasten lag, ist wie ein Dolch, der mitten durchs Herz geht. Eher bringe ich mich um, sagt Medya, als in jenes Haus zurückzukehren.

Medyas flehender Blick sagt alles: Es wäre für sie wie der Rettungsring, den man einer sich kurz vor dem Ertrinken befindlichen Schiffbrüchigen zuwerfen würde. Ja, sage ich, ich werde mal schauen. Wohnungen zu finden, ist zwar schwierig, und kostengünstige erst recht, und solche für Flüchtlinge schon fast aussichtslos. Doch versuchen kann man es immer. Zumal von der Gemeinde N. nach wie vor eine Kostengutsprache vorliegt und es, sollte tatsächlich eine Wohnung gefunden werden, nur noch eine Frage von ein paar Formularen wäre, und alles Weitere würde sich von selber ergeben. Wir brauchen schlicht und einfach eine Wohnung, dann muss Medya nicht mehr im Wasser ums Überleben strampeln, sondern sitzt an Bord des Schiffs und kann sich nach allen Schrecken endlich ein bisschen ausruhen und von einer schöneren Zukunft zu träumen beginnen.

Wir brauchen schlicht und einfach innert nützlicher Frist eine Wohnung. Das ist alles.

Als ich am nächsten Tag nochmals in der Klinik vorbeischaue, ist Medya wie verwandelt. Sie hat sich schön geschminkt, die Leere in ihren Augen ist entschwunden. So viel kann ein ganz klein wenig Hoffnung bewirken.

Wir brauchen schlicht und einfach innert nützlicher Frist eine Wohnung. Das ist alles.

Zuerst nehme ich mit dem Sozialamt von N. Kontakt auf. Ja, erklärt mir die zuständige Beamtin, sobald eine Wohnung gefunden sei, wäre alles andere kein Problem. Aber die Wohnung müssten Medya und Baris selber suchen, dafür sei das Sozialamt nicht zuständig. Ich bekomme immerhin Kontaktdaten von vier Organisationen, die vielleicht bei der Wohnungssuche behilflich sein könnten. Nach vier Telefonaten die grosse Ernüchterung: Keine der angefragten Stellen erklärt sich für die Wohnungssuche zuständig. Es liege einzig und allein an Medya und Baris, auf dem freien Markt eine Wohnung zu finden. Immerhin weist mich eine der angefragten Organisationen darauf hin, dass sich Wohnungssuchende jeweils an einem Donnerstagnachmittag in W., einer nahegelegenen Kleinstadt, melden könnten, um sich über das Ausfüllen der notwendigen Formulare, Referenzschreiben oder einschlägige Internetplattformen zu informieren, was bei einer Wohnungssuche allenfalls hilfreich sein könnte. Doch davon verspreche ich mir nicht viel, vor allem auch in Anbetracht des Gesundheitszustands von Medya und der fehlenden Sprachkenntnisse von Baris, der ohnehin mit der ganzen Situation heillos überfordert zu sein scheint.

Der freie Wohnungsmarkt. „Suche Wohnung in.. ab.. für zwei Personen“ – das Internet spuckt ein paar Vorschläge aus, neun Zehntel davon sind viel zu teuer. Wo ich Interesse ankreuze und den entsprechenden Button anklicke, geht es meistens bloss ein paar Minuten, bis eine Rückmeldung eintrifft: „Alle Besichtigungstermine ausgebucht“, „Angebot nicht mehr aktuell“, „Wohnung bereits vergeben“. Nach einer halben Stunde der erste Hoffnungsschimmer: „Melden Sie sich über diese Telefonnummer..“ Was ich unverzüglich tue, um sogleich zu hören: „Diese Nummer ist nicht mehr gültig.“ Bei einer anderen Nummer darf ich wenigstens nach einem Piepston auf ein Band sprechen, werde aber auch fünf Tage später immer noch keinen Rückruf bekommen haben. Andere haben vielleicht mehr Biss. Ich aber gebe nach 50 Minuten auf und fühle mich wie ein Nachtfalter, der 50 Mal an die gleiche Fensterscheibe geprallt ist und am Ende halbtot liegenbleibt.

In der Schweiz wächst die Zahl an Luxuswohnungen, die keine Mieter und auch keine Käufer finden, weil sie viel zu teuer sind, kontinuierlich. Luxusvillen an Stadträndern vereinnahmen Bodenflächen, auf denen Wohnungen für die zehnfache Anzahl von Personen gebaut werden könnten. Gleichzeitig nimmt der Mangel an bezahlbarem Wohnraum für einen wachsenden Teil der Bevölkerung mit mittleren und tiefen Einkommen stetig zu. Gleichzeitig gibt es landesweit etwa eine Million meist ziemlich geräumige Einfamilienhäuser, in denen nur noch eine oder zwei Personen leben, zehntausende Zimmer in diesen Häusern stehen leer. Gleichzeitig reisst man landauf landab Mehrfamilienhäuser ab, die noch gut hundert Jahre lang bewohnbar wären, baut an deren Stelle neue, „moderne“ Blocks oder „saniert“ ältere Wohnungen, die ebenfalls noch lange bewohnbar wären, um daraus dann neue, mit jeglichem Schnickschnack versehene Wohnungen zu bauen, die zu so hohen Mietpreisen angeboten werden, dass die gleichen Leute, die über Jahrzehnte dort gelebt hatten, sich nicht einmal mehr ihre frühere Wohnung leisten können. Gleichzeitig besitzen Gutbetuchte schweizweit Tausende von Zweit- und Drittwohnungen, die während der meisten Zeit des Jahres leer stehen. Gleichzeitig schiessen wie Pilze an allen Ecken und Ende des Landes Büro- und Geschäftshäuser in die Höhe, obwohl immer mehr der bereits bestehenden Büro- und Geschäftsflächen gar nicht mehr gebraucht werden. Streifst du an einem gewöhnlichen Wochentag durch eines der sich immer weiter ins Grüne hinausfressenden Einkaufszentren, findest du dich in Möbelhäusern, gefühlt so gross wie halbe Fussballfelder, ausser drei Verkäuferinnen siehst du vielleicht ausser dir noch vier oder fünf andere Kundinnen und Kunden, in komfortablen, mit weichen Teppichen ausgestatteten, Tag und Nacht gut geheizten Räumen, in denen locker mehr als all jene Menschen untergebracht werden könnten, die anderweitig auf der Strasse oder in einer Notunterkunft leben. Und da gibt es immer noch Leute, die behaupten, die sogenannte „Freie Marktwirtschaft“ sei besser als jedes andere Wirtschaftsmodell geeignet, um ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage herzustellen.

Wir brauchen schlicht und einfach für Medya und Baris innert nützlicher Frist eine Wohnung. Das ist alles.

Eine Bekannte macht mich zufällig darauf aufmerksam, dass eine Psychiatrische Klinik normalerweise über einen Sozialdienst verfüge, der in diesem Falle vielleicht hilfreich sein könnte. Tatsächlich, es gelingt mir, mit dem an der betreffenden Klinik tätigen Sozialarbeiter Kontakt aufzunehmen. Doch einmal mehr Fehlanzeige. Das, erklärt er mir, liege ausserhalb seines Zuständigkeitsbereichs. Eine Wohnung müssten Medya und Baris schon selber finden, da könne er leider nicht helfen. „Dann gibt es also niemanden, der ihnen nun helfen könnte, eine Wohnung zu finden?“, frage ich. Ja, so sei es, leider. Aber das heisse mit anderen Worten, dass nicht nur Baris und Medya, sondern auch alle anderen in einer vergleichbaren Situation sich Befindlicher im Klartext kaum je eine Chance haben könnten, ein passende Wohnung zu finden? Ja, meint der Sozialarbeiter, das sei so, leider. „Ausser“, fügt er hinzu, „sie haben das Glück, jemanden zu finden wie Sie, der ihnen behilflich ist, eine Wohnung zu finden.“

Mir geht durch den Kopf: Was und zu welchem Zweck und mit welchem Ziel wird in einer vierjährigen Ausbildung zum Sozialarbeiter gelernt? Und was haben eigentlich die zwei Monate Klinikaufenthalt Medya gebracht? Hätte man diese Zeit, statt Medya mit ständig neu dosierten Medikamenten ruhig zu stellen und ihr während täglich einer halben Stunde „professionell“ zu erklären, mit was für Strategien sie ihre Traumas aufarbeiten und überwinden könnte, nicht gescheiter dafür aufgewendet, sich um eine hoffnungsvolle Zukunftsperspektive anschliessend an den Austritt von der Klinik zu kümmern?

Am nächsten Tag kommt dann doch noch ein Rückruf von der Immobilienfirma, bei der ich aufs Band gesprochen hatte: „Tut uns leid, wir haben die Wohnung vergeben. Aber in diesem Preissegment ist momentan sowieso nichts auf dem Markt.“ Also nicht einmal das Glück, jemanden gefunden zu haben, der ihnen hilft, hat etwas gebracht.

Morgen muss Medya die Klinik verlassen. Und sie weiss immer noch nicht, wo sie die nächste Nacht verbringen wird.

Jetzt sind Medyas Augen wieder leer. Voll sind nur die Bankkonten der Psychiaterinnen, der Psychologen und des Sozialarbeiters, die Gewinnsäulen der Pharmakonzerne und die Taschen ihrer Aktionärinnen und Aktionäre sowie aller anderen an den sprudelnden Gewinnen aus dem Gesundheitssystem Beteiligten, von den Baufirmen über die Immobilienkonzerne bis zu den Spezialfirmen, die für das Marketing, die digitale Aufrüstung und die Sicherheitssysteme von Spitälern, Kliniken und anderen Gesundheitseinrichtungen zuständig sind.

29. Montagsgespräch am 13. April 2026: Stehen wir am Vorabend eines dritten Weltkriegs?

Die beängstigende Frage, ob sich der am 28. Februar dieses Jahres begonnene Krieg der USA und Israels gegen den Iran schlimmstenfalls zu einem dritten Weltkrieg ausweiten könnte, stand am Anfang des Buchser Montagsgesprächs vom 13. April. Gingen die Meinungen über die Kriegsursachen zum Teil auseinander, war man sich im zweiten Teil der Diskussion, in der es um mögliche Lösungen und den Blick in die Zukunft ging, weitgehend einig.

Sucht man nach «Schuldigen», dies zeigte sich im Verlaufe des Abends immer deutlicher, so wird es schwierig. Sei die Spirale der Gewalt erst einmal in Gang gesetzt, so eine mehrfach geäusserte Ansicht, lasse sie sich kaum mehr stoppen, die Ängste der einen Seite verstärkten die Ängste der anderen, mehr Aufrüstung und mehr Gewalt auf der einen Seite führten zu mehr Aufrüstung und Gewalt auf der anderen. Begonnen habe diese Entwicklung schon im Jahre 1948, als sich jüdische Siedler mit Gewalt Gebiete aneigneten, die zuvor während Jahrhunderten von einer arabischen Bevölkerung bewohnt gewesen waren.

Unverständnis wurde unter anderem angesichts der Tatsache geäussert, dass die USA wie auch Israel ihren Angriff auf den Iran damit begründet hätten, dadurch die Entwicklung einer iranischen Atombombe zu verhindern, obwohl die USA selber über mehr als 5000 Atomsprengköpfe verfügen und sich Israel seinerseits im Besitz von geschätzt 80 bis 85 Atomsprengköpfen befindet.

«Eine Lösung gibt es nur, wenn wir den Charakter der Menschen verändern» – diese Aussage einer Frau, die sich aufgrund der zahlreichen weltweit wütenden Kriege überfordert und hilflos fühle, führten zu einer spannenden Schlussdiskussion und zur Frage, woher das Böse komme. Nicht aus der Natur des Menschen, so war man sich einig, sondern aus falscher Erziehung, doktrinären Systemen, Machtstrukturen, welche oft den Aufstieg von Menschen mit Persönlichkeitsdefiziten oder eigener Gewalterfahrung in einflussreiche Positionen möglich machten, während sich sensible und selbstkritische Menschen eher von Machtpositionen fernhielten und anderen das Feld überliessen, die dazu neigten, Macht zu eigenen Zwecken zu missbrauchen.

«Jeder muss mit der Veränderung bei sich selber beginnen», «Der Frieden muss in uns selber beginnen», «Es braucht in der Politik viel mehr Transparenz», «Wir müssen den Mut haben, Missstände und Systemfehler zu benennen, auch wenn dies nicht allen passt», «Wir müssen versuchen, nicht nur das Schlechte, sondern auch das Gute zu sehen», «Wir können mehr bewirken, wenn wir positive Beispiele einer friedlicheren und sozialeren Welt aufbauen, statt bloss das Alte zu bekämpfen», «Wir brauchen neben Arbeit und Freizeitaktivitäten mehr Zeit für die Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen» – dies einige der Schlussvoten, sodass am Ende dieses Montagsgesprächs trotz dunklen Zeiten und düsteren Zukunftsprognosen auch viele positive Gefühle und die Zuversicht auf ein neues Zeitalter in Frieden und Gerechtigkeit zurückblieben.

Nachteilsausgleiche: Wenn sich die Schule in Probleme verstrickt, die es ohne sie gar nicht gäbe…

Peter Sutter, 25. März 2026

„Immer mehr Schülerinnen und Schüler“, so der „Tagesanzeiger“ vom 14. März 2026, „erhalten Nachteilsausgleiche. Diese betreffen vor allem die im Schulalltag zu bewältigenden Prüfungen und bestehen meistens aus zusätzlicher Zeit oder der Möglichkeit, besondere Hilfsmittel zu benützen, welche die übrigen Schülerinnen und Schüler der Klasse nicht benützen dürfen. Nachteilsausgleiche bekommen Kinder, die unter Beeinträchtigungen wie Dyslexie, ADHS, Dyskalkulie, Autismus, Bewegungsstörungen, Körper-, Seh- und Hörbehinderungen oder psychischen Erkrankungen unterschiedlicher Art leiden, wobei die jeweilige Einschränkung von entsprechenden Fachpersonen bescheinigt werden muss.“

Da Nachteilsausgleiche den betreffenden Kindern zu besseren Prüfungsresultaten verhelfen können gegenüber Kindern ohne Nachteilsausgleich, ist nun in den letzten Jahren ein regelrechter „Run“ auf Nachteilsausgleiche entbrannt, sodass in einzelnen Klassen bereits bis zu 9 Prozent der Kinder einen solchen zugesprochen bekommen haben, Tendenz steigend. So nimmt die Zahl der bewilligten Nachteilsausgleiche beispielsweise bei der beruflichen Grundbildung schweizweit jährlich um 8 bis 10 Prozent zu, es ist also nur eine Frage der Zeit, bis möglicherweise sämtliche Schülerinnen und Schüler einer Klasse die eine oder andere Erleichterung beim Absolvieren von Prüfungen in Anspruch nehmen dürfen.

Nachteilsausgleiche sind bei Lehrkräften wie auch Schulbehörden umstritten und haben bereits vielerorts zu höchst kontroversen Diskussionen geführt. Ein oft eingebrachtes Argument gegen Nachteilsausgleiche lautet, dass es vorwiegend Eltern aus privilegierten, akademischen und auch finanziell gut gestellten Bevölkerungsschichten sind, welche alles daran setzen, ihren Kindern solche Prüfungserleichterungen zu verschaffen, was dazu führt, dass die anderen Kinder innerhalb der Klasse noch mehr benachteiligt sind und zusätzlich unter Druck geraten. Höchst kontrovers wird auch darüber diskutiert, ob Nachteilsausgleiche im Zeugnis vermerkt werden sollen oder nicht. Die einen finden, dies sei nichts anderes als fair gegenüber jenen Mitschülerinnen und Mitschülern, die ihre Prüfungen unter „normalen“ Verhältnissen absolvieren müssen. Andere befürchten, dass ihre Kinder dann „abgestempelt“ sein und ihnen das auf dem weiteren Schul- und Bildungsweg sogar schaden könnte. Es kommt dazu, dass sich die Diagnosen oft in einem Graubereich bewegen und unter Umständen sogar auf die eine oder andere Weise „ermogelt“ werden können, indem zum Beispiel auf den entsprechenden Fragebögen zugespitzte oder arg übertriebene Antworten abgegeben werden. Von Seiten der Lehrpersonen ist auch oft der Einwand zu hören, dass das Gewähren von Nachteilsausgleichen mit einem enormen Zeitaufwand verbunden ist, müssen doch bei jedem Kind aufgrund seiner spezifischen Beeinträchtigungen individuell und je nach Schulfach und Art der Prüfung die entsprechenden Erleichterungen definiert, vorbereitet und auch kontrolliert werden. Auch Politikerinnen und Politiker beschäftigt das Thema mehr und mehr. So etwa reichte FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen anfangs Dezember 2025 im Nationalrat ein Postulat ein mit der Forderung, der Bundesrat solle über Zahlen und Tendenzen bei den Nachteilsausgleichen eine Übersicht erstellen und deren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt analysieren lassen.

Die Diskussion um Vor- und Nachteile von Nachteilsausgleichen wird vermutlich nicht so schnell abebben, sondern ganz im Gegenteil weiter und weiter ausufern. Möglicherweise wird es auch zunehmend zu Rechtsfällen kommen, vielleicht sogar zu erbitterten Streitigkeiten zwischen Eltern, Behörden, Schulleitungen und Lehrpersonen, die einem guten Schulklima alles andere als förderlich sind. Nicht auszuschliessen ist nämlich, dass es auch zu Konflikten zwischen den Kindern kommen kann: „Warum hast du einen Nachteilsausgleich und ich nicht? Ich möchte auch einen Papa, der sich für mich so einsetzt wie deiner für dich.“ Dann auch all jene Eltern, die vielleicht nicht einmal wissen, dass es so etwas gibt, geschweige denn, wofür es gut sein soll.

Und dies alles nur, weil in dieser ganzen Diskussion die wesentlichste und grundsätzlichste Frage ausgeklammert wird, die Frage nämlich, wie Kinder eigentlich lernen und welches die besten Voraussetzungen dafür sind, dass Lernen möglichst erfolgreich geschehen kann.

Die Antwort auf diese Frage findet man nicht in irgendwelchen wissenschaftlichen Abhandlungen, Statistiken oder an Pädagogischen Hochschulen. Man findet sie einzig und allein bei den Kindern selber, und zwar an jenem Zeitpunkt ihres Lernens, an dem ihre angeborenen, natürlichen Lernkräfte noch am freisten und spontansten wirken können und noch am wenigsten von aussen beeinflusst oder gesteuert werden.

Das Paradebeispiel für freies, natürliches und zugleich höchst erfolgreiches Lernen ist der Erwerb der Muttersprache in den ersten drei bis vier Lebensjahren. Nie mehr in seinem ganzen späteren Leben wird der Mensch so frei sein, sein Lernen nach seinen eigenen Regeln zu bestimmen, wie in dieser ersten Zeit seines Lebens. Und, oh Wunder: Dieses Lernen erfolgt in einer Perfektion, wie man sie sich vollkommener gar nicht vorstellen kann. Auf wundersame Weise scheint jedes Kind instinktiv ganz genau zu wissen, was es tun muss, um diese grösste und grundlegendste Lernleistung seines Lebens erfolgreich zu bewältigen. Innerhalb von drei bis vier Jahren erlernt es völlig selbstbestimmt seine Muttersprache, mit Abertausenden von Wörtern, jeder noch so beliebigen Anzahl von Satzkonstruktionen in allen möglichen Ausdruckweisen, emotionalen Färbungen, Möglichkeits- und Zeitformen. Ohne auch nur eine Minute lang zur Schule gegangen zu sein, ohne Kenntnis grammatischer Regeln, ohne Lehrer, ohne Lehrbuch, ohne von Erwachsenen erfundene Lernmethoden, ohne Prüfungen, ohne Zeitdruck, ohne Stress und ohne Nachteilsausgleiche.

Die Befähigung, vom allerfrühesten Beginn des Lebens an aus eigener Kraft lernen zu können, ist die Voraussetzung dafür, dass Menschen seit Millionen von Jahren stets alles Notwendige gelernt haben, was es zum Überleben braucht, eine Urzeit, bevor die erste Schule gegründet und der verhängnisvolle Irrtum in die Welt gesetzt wurde, Kinder würden nur dann etwas lernen, wenn Erwachsene dies für sie planen, organisieren und darüber entscheiden, wann, wie und was die Kinder lernen sollen. So gut es diese Erwachsenen auch gemeint haben mögen: Passiert ist genau das Gegenteil. Statt das Lernen zu fördern, haben sie ihm, indem sie ihm seine natürlichen Wurzeln entrissen haben, so viele Steine in den Weg gelegt, dass man die heutigen, auf Jahrgangsklassen und Lehrpläne fixierten Schulen, so zynisch dies auch klingen mag, eher als Lernverhinderungs- denn als Lernförderungsstätten bezeichnen muss. „Der grösste Fehler, den die Schulen machen“, so der bekannte australische Bildungsforscher John Hattie, „ist, dass sie glauben, ihre Aufgabe sei es, zu unterrichten. Nein, ihre Aufgabe ist es, den Kindern beim Lernen zu helfen.“ Auch der bekannte Entwicklungspsychologe Jean Piaget sagte: „Was man den Kindern beibringt, können sie nicht mehr selbst lernen.“ Und Johann Heinrich Pestalozzi meinte genau das Gleiche, als er sagte: „Das Lernen ist nicht ein Karren, den man schieben muss, es ist nur ein Karren, auf den aufzuladen ist, der sich aber von selber bewegt.“ Wie sehr sich das, was in der Schule als „Lernen“ bezeichnet wird, von dem entfernt hat, was natürliches Lernen eigentlich wäre, zeigt sich nicht zuletzt auch darin, dass die anfängliche Freude, die jedes Kind in seinen allerersten Schultag mitbringt, im Laufe der Schuljahre – so wie dies durch zahlreiche Studien belegt wurde und wir es ja auch aus dem Alltag zur Genüge wissen – von Jahr zu Jahr dermassen stark abnimmt, dass am Ende der Schulpflicht kaum mehr etwas davon übrig geblieben ist. Und Lernen ohne Freude ist kein gutes, erfolgreiches Lernen. „Lernen ohne Freude“, so Pestalozzi, „ist keinen Heller wert.“

Prüfungen, oft bis zu vier oder fünf pro Woche, bestimmen den Schulalltag dermassen stark, dass nur schon deshalb die meisten Kinder nur ungern zur Schule gehen oder viele von ihnen am liebsten gar nicht zur Schule gehen würden. Die Schule selber ginge ja noch, sagen viele Kinder, aber die Prüfungen, sie sind das wirklich Schlimme. Sie verursachen schlaflose Nächte, Bauch- und Kopfschmerzen, sie hängen wie grosse schwarze Wolken über dem Schulalltag und verursachen diese Grundangst, unter der die Kinder permanent leiden, diese Grundangst, nicht zu genügen, zu scheitern, sich gegenüber den Mitschülerinnen und Mitschülern als weniger wert oder gar „dumm“ zu fühlen und sich mit schlechten Noten zukünftige Berufs- und Lebenschancen zu vermasseln. Dabei ist es längst erwiesen – und sämtliche Lehrerinnen und Lehrer, Schulbehörden und Dozentinnen und Dozenten an den Lehrerausbildungsstätten wissen es -, dass das Allermeiste, was an „Wissensstoff“ für Prüfungen auf solche Art und Weise, also eigentlich nur aus Angst vor dem Scheitern, „gelernt“ wird, innert kürzester Zeit wieder vergessen wird, weil es nur in die Köpfe gepresst wurde und nicht in das tägliche Handeln, Denken und Leben Eingang gefunden hat. „Bulimielernen“ nennt man es oft. Zu Recht, denn die Kinder werden auf diese Weise geradezu dazu gezwungen, das „Gelernte“ so schnell wie möglich wieder zu vergessen, um neuen Wissensbrocken und neuem sogenanntem „Lernstoff“ wieder Platz zu machen. Aus pädagogischer Sicht ist das der helle Wahnsinn. Man betreibt einen immensen Aufwand, man verschwendet eine schier endlose Menge an Zeit und Energie für etwas, was am Ende zu nichts anderem führt, als dass kaum etwas Sinnvolles, fürs Leben Brauchbares übrig bleibt, die ganze anfängliche Lernfreude – und Lernfähigkeit – nach und nach verloren geht und eine Lebensphase, die eine der schönsten und glücklichsten sein könnte, dermassen stark belastet wird, dass viele Kinder und Jugendliche – auch dies ist durch zahlreiche Studien und Befragungen belegt – im Zusammenhang mit Schulprüfungen häufig von Suizidgedanken geplagt sind und es in Einzelfällen bereits mehrmals im Vorfeld von Prüfungen tatsächlich zu Suiziden gekommen ist. Und dies alles für etwas, das sich bereits längst als Mythos erwiesen hat und an dem auf unbegreifliche Weise dennoch daran festgehalten wird, als wäre die Abschaffung von Prüfungen gleichbedeutend mit dem Untergang des gesamten Schulsystems oder dem Ende allen Lernens. Dabei ist es doch gerade umgekehrt: Prüfungen dominieren den Schulalltag in einem dermassen umfassenden Ausmass, dass natürliches, freies, lustvolles, selbstbestimmtes und wirklich erfolgreiches Lernen praktisch kaum mehr stattfinden kann. „Bildung“, so Albert Einstein, „ist das, was übrig bleibt, wenn man alles, was man in der Schule gelernt hat, vergessen hat.“

Die Diskussion um die Nachteilsausgleiche ist daher eine reine Phantomdiskussion. Der immense Aufwand an Zeit und Energie, die hierfür verschwendet werden und was im schlimmsten Fall dazu führen könnte, dass am Ende alle Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, Schulbehörden und Politikerinnen und Politiker miteinander verstritten sind und die Kindern und Jugendlichen noch mehr unter der Schule leiden, als sie es sowieso schon bis zum Gehtnichtmehr tun, würde sich in dem Augenblick schlagartig als überflüssig erweisen, in dem man Schulprüfungen abschaffen würde. Es wäre eine unbeschreibliche Wohltat für alle und würde den Blick dafür wieder öffnen, welches die tatsächlichen Voraussetzungen dafür sind, dass Kinder und Jugendlichen auch im Alter von zehn oder vierzehn Jahren immer noch so selbstbestimmt, lustvoll und zugleich erfolgreich lernen könnten, wie sie das alle in ihren ersten Lebensjahren getan hatten, ohne je eine einzige Prüfung absolvieren zu müssen. Denn Lernen, welches echtes Lernen ist, bedarf keinerlei künstlicher Überprüfung. Es zeichnet sich eben gerade dadurcb aus, dass es sozusagen „in Leib und Seele“ Eingang gefunden hat und damit zum festen, unauslöschbaren Bestandteil des gesamten zukünftigen Lebens geworden ist. Wenn ein Kind im Alter von einem Jahr gelernt hat, aufrecht zu gehen und sich im Gleichgewicht zu halten, ohne sich irgendwo festhalten zu müssen, so wird es diese Fähigkeit zeitlebens nicht mehr verlieren. Und nie muss das Kind in Form irgendeiner „Prüfung“ beweisen, dass es das kann. Es käme auch niemand auf die absurde Idee, irgendeine Form von Prüfung zu erfinden, um zu beweisen, ob das Kind nun tatsächlich gehen kann oder nicht – es kann es einfach! Künstliche Prüfungen sind wie Krücken, mit denen man etwas zu beweisen versucht, was es gar nicht gibt. Denn selbst der „hellste“ Kopf in der Klasse, der während seiner ganzen Schulzeit in allen Prüfungen immer nur die besten Noten hatte, wird fast alles, was er dabei „gelernt“ hatte, zehn oder fünfzehn Jahre später wieder vergessen haben. Was für eine unfassbare Zeitverschwendung und Vergeudung menschlicher Ressourcen!

Lösen wir uns vom Mythos, Lernen könne nur durch Lehrpläne und Jahrgangsklassen und unter der Führung von speziell hierfür ausgebildeten Erwachsenen erfolgreich geschehen, und kehren wir wieder zurück zum ursprünglichen, natürlichen und selbstbestimmten Lernen der ersten Lebensjahre, nicht abgeschottet vom Leben, sondern mittendrin, dann werden sich nicht nur Nachteilsausgleiche in Luft auflösen, sondern auch sämtliche Scheindiagnosen wie ADHS, Dyskalkulie, Autismus und allem anderen, was laufend noch dazuerfunden wird, wie auch sämtliche Formen von Therapien, mit denen man bloss in den Schulen wachsende „Probleme“ und „Defizite“ zu bekämpfen versucht, die es ohne die Schule gar nicht gäbe. Denn therapieren und zurechtbiegen muss man nicht die Kinder, sondern die Schule selber und die gesamte Gesellschaft, die uns alle permanent unserer eigenen Wurzeln zu entreissen versucht. Und müssten wir uns dann nicht mehr mit allen diesen Scheinproblemen herumplagen und uns gegenseitig die Köpfe einschlagen, dann hätten wir endlich wieder genug Zeit und Energie, um zu erleben, dass Lernen nicht etwas ist, was vor allem mit Defiziten und Unterweisung zu tun hat, sondern das Grösste, Faszinierendste, Geheimnisvollste, Wunderbarste und Befreiendste, was man sich nur vorstellen kann.

Wie Lernen ohne Jahrgangsklassen und Lehrpläne, in einer offenen Lernwelt, ohne Zwang und Druck ganz frei, lustvoll und zugleich höchst erfolgreich geschehen könnte, beschreibe ich in meinem Buch DIE SCHULE NEU ERFINDEN – DAMIT DAS LERNEN WIEDER FREUDE MACHT. Es ist in jeder Buchhandlung oder im Internet erhältlich.

Hinweis: Im Februar 2026 wurde die VEREINIGUNG FÜR FREIES LERNEN (VFL) mit Sitz in Buchs SG (Schweiz) gegründet. Sie wird sich an einer öffentlichen Veranstaltung am 30. Mai 2026 erstmals der Öffentlichkeit präsentieren. Die VFL möchte den Blick öffnen auf eine Zukunft, in der es so etwas wie das heutige, auf Lehrpläne und Jahrgangsklassen fixierte Schulsystem nicht mehr geben wird. Die VFL möchte bereits vorhandene Reformansätze in dieser Richtung miteinander vernetzen und verstärken und durch öffentliche Veranstaltungen und eigene Publikationen einen konkreten Beitrag leisten zu einer umfassenden und tiefgreifenden Reform des Bildungssystems. Damit endlich jene Vision Wirklichkeit werden kann, die dem russischen Schriftsteller und Pädagogen Leo Tolstoi bereits im Jahre 1911 vorschwebte: «Die Schule ist künftig vielleicht nicht mehr das, was wir darunter verstehen, mit Fussböden, Bänken, Stühlen; sie wird vielleicht ein Theater, eine Bibliothek, ein Museum, eine Unterhaltung sein.» Weitere Informationen zur VFL: info@petersutter.ch.

Donald Trump: „Ich habe die Ehre, Kuba zu übernehmen und damit zu machen, was ich will.“

Peter Sutter, 20. März 2026

„Auf Kuba geraten die Dinge in Bewegung“, so das schweizerische „Tagblatt“ am 17. März 2026, „so wie seit Jahrzehnten nicht mehr.“ Und weiter: „Die Karibikinsel, seit 67 Jahren von den bärtigen Revolutionären und ihren Nachfahren regiert, wird am Ende dieses Prozesses nicht mehr dieselbe sein. Die kommunistisch regierte Insel muss sich angesichts des maximalen wirtschaftlichen und sozialen Desasters, dem sie sich gegenübersieht, öffnen. Schon allein, um eine humanitäre Katastrophe zu vermeiden. Zudem werden die Proteste der entnervten Bevölkerung täglich mehr.“

In solchen und ähnlichen Kommentaren der westlichen Medien zur aktuellen Notlage Kubas spiegelt sich nach wie vor das seit Jahrzehnten aufrechtgehaltene Bild des Westens von Kuba als einem „gescheiterten“ Staat. Zwar hätten die USA, so wird zunehmend eingeräumt, mit ihrem auf Venezuela ausgeübten Druck, keine Öl mehr nach Kuba zu liefern, durchaus einen grossen Anteil an den derzeitigen wirtschaftlichen Problemen Kubas. Gleichzeitig aber wird weiterhin in den meisten westlichen Medien immer wieder betont, dass es vor allem das unverbesserliche Festhalten der kubanischen Führung am Sozialismus sei, der das Land in die heutige Sackgasse geführt habe. So trifft man immer wieder Aussagen an wie etwa folgende, die in verschiedenen deutschen und Schweizer Medien in den vergangenen paar Tagen zu lesen und zu hören waren: „Dem kubanischen Sozialismus gehen die Lichter aus“, „Die Geduld der Menschen ist aufgebraucht“, „Die Energieversorgung der Karibikinsel stützt sich hauptsächlich auf veraltete Kraftwerke, welche häufig vom Netz gehen und nur notdürftig repariert werden“, „Misswirtschaft und Korruption haben das autoritär regierte Land an den Rand des wirtschaftlichen Zusammenbruchs geführt“ oder „Dass es überhaupt so weit kommen konnte, daran tragen die Brüder Fidel und Raul Castro sowie der Rest der noch lebenden greisen Revolutionärsgeneration eine Mitschuld. Sie haben über ein halbes Jahrhundert die Chancen zur Veränderung und Öffnung nicht genutzt und so dazu beigetragen, dass die verbliebenen zehn Millionen Menschen auf dem Weg ins Elend sind.“

Solche Schuldzuweisungen an das kubanische Regime und damit indirekt an den Sozialismus, der immer noch als dort herrschendes Wirtschaftssystem gilt, lenken davon ab, dass die eigentliche Grundursache der heutigen Misere nicht bei den „bärtigen Revolutionären und ihren Nachfahren“ oder beim Sozialismus liegt bzw. bei dem, was von ihm übriggeblieben ist, sondern in erster Linie bei der Wirtschafts- und Machtpolitik der USA, die seit 66 Jahren alles daran setzen, dieses ihnen nicht genehme und zu wenig freundlich gesinnte kubanische Regime vom Erdboden wegzufegen.

Ein Blick zurück. Bereits zwischen 1906 und 1909 intervenierten die USA mehrfach militärisch auf Kuba, um Regierungen, deren Politik US-Interessen widerliefen, durch ihnen freundliche Regierungen zu ersetzen. Auch im Jahre 1920, als Alfredo Zaya an die Macht kam, mischten sie sich massiv in innerkubanische Angelegenheiten ein: Zaya musste sein gesamtes Kabinett dem US-General Crowder vorlegen, bevor es seine Regierungsgeschäfte aufnehmen durfte. 1925 wurde General Gerardo Machado zum Präsidenten gewählt, in seinen Wahlkampf hatten US-Grossunternehmen wie Rockefeller, Guggenheim und Morgan insgesamt eine Million Dollar investiert. Machado verfolgte vom ersten Tag seiner Präsidentschaft an politische Gegner, liess sie ermorden oder trieb sie ins Exil, was ihm auch den Namen „tropischer Mussolini“ einbrachte. Doch gegen seine Gewaltherrschaft erwuchs nach und nach eine breite Oppositionsbewegung, die sich hauptsächlich aus der bürgerlichen Jugend rekrutierte und zahlreiche Anschläge auf Persönlichkeiten der Machado-Regierung verübte, worauf Machado jeweils die mehrfache Zahl an politischen Häftlingen ermorden liess. Unter Machado wurde auch die Garotte, das Würgeeisen, wieder zur Ausführung der Todesstrafe eingeführt. Machado ernannte zudem einen 44fachen Mörder zum Chef der Militärpolizei und zahlreiche Schwerverbrecher wurden im Gefängnis bewaffnet und beauftragt, politische Häftlinge umzubringen. 1929 veranstaltete Machado eine Scheinwahl, deren einziger Kandidat er selbst war. Der Widerstand gegen Machudo nahm indessen nun breitere Ausmasse an und am 12. August 1933 wurde er von einer breiten Volksbewegung durch einen Generalstreik gestürzt und durch eine Interimsregierung unter Carlos Quesada ersetzt. Doch bereits drei Wochen später wurde Quesada durch einen Aufstand von Unteroffizieren unter der Führung von Fulgencio Batista gestürzt, der sich zum Oberbefehlshaber der Armee erklärte, zwischen 1934 und 1940 nacheinander insgesamt vier Marionettenpräsidenten einsetzte und sich schliesslich 1940 selber zum Präsidenten wählen liess, um vier Jahre später aber bereits wieder abgewählt zu werden.

1947 wurde die Partido Revolucionario Cubano (PRC) gegründet, der sich auch der junge Fidel Castro anschloss. Um einem möglichen Sieg der PCR bei den auf Ende Mai 1952 angesetzten Wahlen zuvorzukommen, stürzte Batista am 10. März 1952 den amtierenden Präsidenten Carlos Prío Socarrás. Gestützt auf die Armee errichtete Batista ein diktatorisches Regierungssystem. In der Folge breiteten sich in Kuba Korruption, soziale Ungerechtigkeit und Armut aus, während Havanna zur insbesondere bei der US-Oberschicht überaus beliebten Vergnügungsmetropole wurde. Batista ging gegen seine politischen Gegner mit äusserster Gewalt vor, bis zu 20’000 Oppositionelle liess er, oft nach schweren Folterungen, ermorden. Viele der Leichen wurden aus fahrenden Autos auf die Strassen geworfen, um die Bevölkerung einzuschüchtern und von jeglichem Widerstand abzuschrecken. In einer Scheinwahl im Jahr 1954 wurde Batista in seinem Amt bestätigt. Doch seine diktatorischen Exzesse provozierten landesweit immer mehr Aufstände. Schliesslich kam es in den Jahren 1956 bis 1958 zu einem eigentlichen Guerillakrieg, der schliesslich am 31. Dezember 1958 mit dem Sieg der revolutionären Bewegungen unter der Führung von Fidel Castro und Che Guevara endete. Batista floh mit einigen Gefolgsleuten in die Dominikanische Republik.

Unverzüglich packte die neue Regierung unter Führung der PRC umfassende Landreformen und eine schrittweise Verstaatlichung von Landwirtschaft und Industrie an. Davon betroffen waren auch US-Vermögenswerte in der Höhe von einer Milliarde US-Dollar. Im Februar 1960 nahm Kuba mit der Sowjetunion Handelsbeziehungen auf, damit wurde die Sowjetunion zu einem wichtigen Zuckerabnehmer, Kreditgeber sowie Lieferant von Erdöl, dessen Preis unter demjenigen des aus den USA importierten lag. Als sich die US-amerikanischen Ölraffinerien in Kuba weigerten, sowjetisches Öl zu raffinieren, liess die kubanische Regierung Ende Juni 1960 alle ausländischen Ölraffinerien in Kuba verstaatlichen. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits zehn Prozent der kubanischen Bevölkerung, vornehmlich Angehörige der Oberschicht, die ihre bisherigen Privilegien in Gefahr sahen, ausgewandert, hauptsächlich nach Florida, wo heute rund zwei Millionen Exilkubanerinnen und Exilkubaner leben.

Im April 1960 autorisierte der damalige US-Präsident Dwight D. Eisenhower die CIA, in den USA lebende Exilkubaner zu bewaffnen und militärisch auszubilden. Zudem stellten die USA ihre gesamte bisherige Wirtschaftshilfe an Kuba ein und verhängten am 13. Oktober 1960 gegen Kuba ein Handelsembargo. Weiters drückte die US-Regierung in den Folgejahren den Zuckerpreis auf den internationalen Märkten und unterstützten Sabotageaktionen gegen die kubanische Zuckerindustrie. Nachdem Kuba im Januar 1961 sein Botschaftspersonal in Washington reduziert und die USA aufgefordert hatte, den grössten Teil seines diplomatischen Personals aus Kuba abzuziehen, brach Präsident Eisenhower die diplomatischen Beziehungen zu Kuba komplett ab. Am Tag darauf verhandelte der UNO-Sicherheitsrat auf Antrag Kubas über die aggressive Aussenpolitik der USA gegen ihr Land. Kurz darauf, am 15. April 1961, bombardierten die USA drei Luftwaffenstützpunkte. Zwei Tage später, kurz nach Mitternacht, landete eine von den USA und Exilkubanern finanzierte Militäreinheit aus rund 1500 Soldaten in der Schweinebucht im mittleren Süden der Insel. Doch Fidel Castro war auf diese Invasion vorbereitet und die revolutionären Streitkräfte wurden innerhalb weniger Stunden mobilisiert. Am 20. April gaben die Invasoren – aufgrund von Nahrungsmangel – auf, 104 von ihnen waren gefallen, die restlichen wurden gefangen genommen und kamen erst nach langen Verhandlungen Ende 1962 wieder frei.

Als Reaktion auf die Schweinebucht-Invasion wurde sämtliches ausländisches Eigentum in Kuba, das bis dahin noch bestanden hatte, entschädigungslos verstaatlicht. Dies wiederum hatte zur Folge, dass die USA vermehrt Druck auf Drittstaaten, insbesondere Japan und Kanada, auszuüben begannen, ihre Handelsbeziehungen mit Kuba abzubrechen – mit einigem Erfolg, verringerte sich doch allein in den Jahren 1962 und 1963 die Zahl der in kubanische Häfen einlaufenden Handelsschiffe von 352 auf 59.

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1989 verlor Kuba seine wichtigsten Handelspartner und Geldgeber., dies hatte eine schwere Wirtschaftskrise zur Folge, die 1993 ihren Höhepunkt erreichte. Hatte Kuba zuvor fast seine gesamte Zuckerernte in die sozialistischen Staaten Osteuropas verkauft und im Gegenzug zwei Drittel seiner Nahrungsmittel, fast das gesamte Öl und 80 Prozent seiner Maschinen und Ersatzteile von dort bezogen, so waren auf einmal 85 Prozent seines Aussenhandels weggebrochen. Die Industrie und das Transportwesen kamen wegen Ölmangels zum Erliegen und infolge drastischer Nahrungsmittelrationierungen kam es erstmals seit vielen Jahren zu Unterernährung. 1992 beschloss die Regierung, als Ersatz für den verlorengegangenen Aussenhandel die Tourismusindustrie zu entwickeln, zudem wurde die Wirtschaft dezentralisiert und privatwirtschaftliche Tätigkeit in einigen Segmenten des Wirtschaftslebens zugelassen. Eine Zusammenarbeit mit neuen Aussenwirtschaftspartnern wie Spanien, Italien, Kanada, Brasilien, China und Venezuela sowie die Entdeckung neuer Erdölvorkommen trugen zu einer gewissen Stabilisierung der kubanischen Wirtschaft bei.

Ende Juli 2006 übertrug Fidel Castro krankheitsbedingt die Präsidentschaft, zunächst vorübergehend, an seinen Bruder Raúl. Auf einem Parteitag im Frühjahr 2008 wurden zahlreiche Wirtschaftsreformen auf den Weg gebracht, welche gewisse Erleichterungen für privates Unternehmertum ermöglichten. Unter der US-Präsidentschaft von Barack Obama kam es zu einem vorübergehenden Tauwetter zwischen Kuba und den USA, zahlreiche Embargobestimmungen wurden gelockert. Doch Donald Trump nahm diese Lockerungen unverzüglich grösstenteils zurück und verschärfte einige der früher bestandenen Massnahmen sogar noch zusätzlich. Auch geriet eines der devisenbringenden Geschäftsmodelle Kubas, der Export von Gesundheitspersonal in Entwicklungsländer, zunehmend ins Stocken. Dies alles zusammengenommen führte zu zunehmenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die sich durch das kürzlich von Donald Trump verhängte Ölembargo bis zur Stunde dermassen zugespitzt haben, dass Kuba mittlerweile tatsächlich kurz vor einem totalen Wirtschaftskollaps stehen könnte.

66 Jahre lang versuchten die USA, Kuba zu fesseln, zu knebeln und in den Boden zu drücken. 66 Jahre lang ein Kampf zwischen Goliath und David. Nach der erfolglosen Invasion in der Schweinebucht setzten die USA Jahr für Jahr umfassendere Wirtschafts-, Handels- und Finanzblockaden gegen Kuba durch. 1992 wurde der „Torricelli Act“ erlassen, ein Bündel dramatischer ökonomischer Restriktionen mit dem Ziel, die gesamte kubanische Ökonomie in einem derart umfassenden Ausmass lahmzulegen, dass ein Sturz von Fidel Castro unausweichlich werden sollte. Der damalige Präsidentschaftskandidat Bill Clinton unterstütze den Torricelli Act, weil er damit die Wählerstimmen der kubanischen Exilgemeinde und damit den Bundesstaat Florida zu gewinnen hoffte. Der Torricelli Act untersagt Tochtergesellschaften US-amerikanischer Unternehmen im Ausland jeglichen Handel mit Kuba. Schiffen ausländischer Unternehmen, die in kubanischen Häfen anlegen, wird eine Sperre von 180 Tagen für das Anlaufen US-amerikanischer Häfen auferlegt. Auch müssen ausländische Schiffe, die Handel mit Kuba treiben, mit der Beschlagnahmung rechnen, sobald sie sich in US-amerikanischen Gewässern befinden. Angehörigen kubanischer Familien ist es verboten, Geldsendungen nach Kuba zu schicken. Des Weiteren wurde US-amerikanischen Staatsbürgern die Einreise nach Kuba untersagt. Die durch den Torricelli Act verhängten Sanktionen führten in den Folgejahren zu massiven gesundheitlichen Verschlechterungen der kubanischen Bevölkerung. Die Ernährungsdefizite führten bei Schwangeren zu mehr Geburten mit Untergewicht. Und der Mangel an Chemikalien sowie fehlende technische Ausrüstung zur Wasseraufbereitung führten zu vermehrten Erkrankungen und Todesfällen, die durch unsauberes Wasser verursacht waren.

1996 folgte der „Helms-Burton Act“. Mit ihm setzten die USA weitere Verschärfungen des Wirtschaftsembargos durch, jegliche indirekte Finanzierung Kubas wurde verboten und der US-Aussenminister ermächtigt, an Enteignungen vom Eigentum von US-Bürgern auf Kuba beteiligte oder von ihnen profitierende Ausländer vom Aufenthalt in den USA auszuschliessen. Der „Helms-Burton Act“ wurde von Menschenrechtsorganisationen kritisiert und vom Europarat, der EU, Kanada, Mexiko, Argentinien und anderen Ländern, die normale Handelsbeziehungen mit Kuba führen wollten, verurteilt. Was zeigt, dass der „Helms-Burton Act“ gegenüber Kuba dermassen hart, überrissen und geradezu zerstörerisch war, dass nicht einmal traditionell den USA freundliche Regierungen diesen folgen wollten.

Im Jahre 2000 wurden die bisher durch die US-Wirtschaftssanktionen entstandenen Schäden von der kubanischen Regierung auf rund 89 Milliarden Dollar beziffert. Und nahtlos wurde die Unterstützung von Teilen der kubanischen Opposition durch die US-Regierung fortgesetzt, so zum Beispiel waren im Jahr 2006 15 Millionen Dollar im US-Haushalt für die Unterstützung kubanischer Oppositionsgruppen und exilkubanischer Organisationen vorgesehen. Und im Jahr 2014 wurde bekannt, dass die USA zwischen 2010 und 2012 mittels des Mikroblogging-Dienstes „ZunZuneo“ versucht hatten, ein von der kubanischen Regierung nicht kontrolliertes Kommunikationsnetzwerk aufzubauen, das langfristig auch als Werkzeug zur Koordination regierungsfeindlicher Aktionen geplant war.

Parallel zu den Wirtschaftssanktionen initiierte die US-Regierung bzw. die CIA, teilweise in Kooperation mit Exilkubanern und Mitgliedern international agierender Mafiaorganisationen, zwischen 1960 und 2000 nachweislich 634 Attentatspläne oder Attentatsversuche gegen Fidel Castro. Einer der frühesten Attentatsversuche beruhte auf dem Wissen, dass er gerne tauchte. Die CIA beschloss daher, einen mit Tuberkulosebakterien infizierten Taucheranzug herzustellen, der Castro langsam und über einen langen Zeitraum hinweg töten sollte. Mehrere Attentatsversuche bestanden im Beifügen von extra zu diesem Zweck von der CIA entwickelten Giftpillen in Castros Essen oder Getränke. Ein anderer, aber nicht ausgeführter Plan bestand darin, zum Verschnüren von Zigarren, die an Castro geliefert werden sollten, das tödliche Gift Botulinumtoxin zu verwenden. Auch gab es einen Plan, Castro während eines Besuchs im Museum von Ernest Hemingway in die Luft zu sprengen. Ein anderer Attentatsversuch wurde von seiner deutsch-amerikanischen Ex-Geliebten Marita Lorenz unternommen, welche von der CIA überredet wurde, eine Dose mit Giftpillen in sein Zimmer zu schmuggeln. Das letzte dokumentierte Attentat fand im Jahre 2000 statt, als 90 Kilogramm Sprengstoff unter einem Podium in Panama platziert wurden, wo Castro eine Rede halten sollte. Doch wie durch ein Wunder überlebte Fidel Castro alle diese Attentatsversuche und starb 2016 im Alter von 90 Jahren eines natürlichen Todes. Unvergesslich bleibt seine Aussage in einem Interview mit einem Zeitungsjournalisten, der ihn auf die Vielzahl der gegen ihn geplanten und versuchten Attentate ansprach. Fidel Castro meinte schmunzelnd: „Wenn das Überleben von Attentatsversuchen eine olympische Disziplin wäre, würde ich die Goldmedaille gewinnen.“

Darüber hinaus erwog die CIA 1962 einen Plan namens „Operation Bounty“, bei dem Flugblätter über Kuba abgeworfen werden sollten, in denen der kubanischen Bevölkerung finanzielle Belohnungen für die Ermordung verschiedener Personen angeboten wurden, darunter 5’000 bis 20’000 Dollar für Informanten, 57’000 Dollar für Abteilungsleiter, 97’000 Dollar für in Kuba operierende ausländische Kommunisten, bis zu einer Million Dollar für Mitglieder der kubanischen Regierung und nur 0,02 Dollar für Castro selbst, was ihn in den Augen der kubanischen Bevölkerung verunglimpfen und herabwürdigen sollte.

Was alle seine Vorgänger nicht geschafft hatten – das sozialistische Regime Kubas von der Erdoberfläche auszulöschen -, scheint dem heutigen US-Präsidenten Donald Trump tatsächlich „vergönnt“ zu sein. Was für ein Triumph! Alles wurde unternommen, vor nichts wurde zurückgeschreckt, doch ohne Erfolg. Und jetzt ist er gekommen, als wäre es ein Gott, gerade rechtzeitig vom Himmel herabgestiegen, um das Werk seiner gescheiterten Vorkämpfer zu vollenden.

Dass es so etwas wie eine „Rettung“ sein könnte, so etwas wie das Heilsversprechen, ein geknebeltes Volk nach so vielen Jahren des Leidens endlich von seinen Unterdrückern zu befreien, diese himmelschreiende Lüge kann sich nur dann in den Köpfen einer genug grossen Zahl von Menschen weltweit festsetzen und zur vermeintlichen „Wahrheit“ werden, wenn alles historische Wissen und alle historischen Fakten sozusagen mit Stumpf und Stil ausgerottet werden.

Denn die Wahrheit ist, dass es genau umgekehrt gewesen ist: Der kubanische Sozialismus wurde nicht deshalb zum Feindbild der USA, weil es sich um ein besonders verbrecherisches, unmenschliches oder gefährliches System gehandelt hätte, sondern, ganz im Gegenteil: Er war von Anfang an das Feindbild der USA, weil er ein leuchtendes Beispiel dafür war, wie sich ein von Kolonialismus, Ausbeutung, Bevormundung und militärischer Gewalt gebeuteltes Volk von aller Fremdbestimmung befreien und emanzipieren kann, ein leuchtendes Beispiel dafür, dass, wer arm geboren wurde, nicht zeitlebens arm bleiben muss, ein leuchtendes Beispiel dafür, dass jenseits von Kapitalismus und sogenannter „freier“ Marktwirtschaft Modelle von solidarischem Zusammenleben, Kooperation und menschenwürdiger Ökonomie denkbar und praktizierbar sind, die auch weltweit allen anderen Völkern und Staaten mit einer vergleichbaren Vergangenheit zum Vorbild hätten werden können.

Kein anderes Land Lateinamerikas und der Karibik war in der Bekämpfung von Hunger und Unterernährung jemals so erfolgreich wie Kuba unter der Führung Fidel Castros. Schon wenige Jahre nach der Machtübernahme war die Unterernährung bei Kindern komplett ausgemerzt worden. Im Jahre 2013 beglückwünschte José Graziano da Silva, der damalige Direktor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), Kuba offiziell für seine Erfolge im Kampf gegen den Hunger: Kuba befände sich unter den 16 Ländern, die weltweit bei der Bekämpfung des Hungers die grössten Fortschritte vorzuweisen hätten. Fidel Castro war es auch, der die Forderung der FAO nach einer weltweiten „Halbierung des Hungers“ stets heftig kritisierte und statt dessen eine totale weltweite Beseitigung des Hungers forderte, denn, wie er anlässlich einer Rede vor der UNO-Generalversammlung einmal sagte: „Wenn das Ziel die Halbierung der Zahl der hungernden Menschen ist, was sollen wir der anderen Hälfte sagen?“. Worte, die noch heute hochaktuell sind, angesichts der Tatsache, dass immer noch weltweit rund 673 Millionen Menschen an Hunger leiden und mehr als 2,3 Milliarden Menschen von Ernährungsunsicherheit betroffen sind, und dies, obwohl nur schon ein winziger Bruchteil des Geldes, das in militärische Aufrüstung gesteckt wird, zur völligen Beseitigung des weltweiten Hungers genügen würde.

Eine zweite grosse Errungenschaft der kubanischen Revolution ist die Alphabetisierungskampagne, die anfangs 1961 auf Initiative von Che Guevara in Angriff genommen wurde. Hatte die Analphabetisierungsrate vor der Revolution noch bei rund 77% gelegen – dem vierthöchsten Wert in ganz Lateinamerika -, so lag sie nur ein Jahr später bei gerade noch 3,9% – ein Erfolg, den es in diesem Ausmass nie zuvor und auch nie seither mehr jemals gegeben hat und der nur möglich war durch die Mobilisierung von rund 100’000 Freiwilligen, welche in den ländlichen Gebieten Schulen bauten und den Bauernfamilien das Lesen und Schreiben beibrachten. Am 22. Dezember 1961 erklärte die Regierung Kuba offiziell zum „Analphabetenfreien Gebiet“. Das im Folgenden aufgebaute landesweite, für die gesamte Bevölkerung kostenlose Bildungssystem gehört zum Fortschrittlichsten, was weltweit im Bereich von Bildungspolitik jemals geleistet worden ist. Noch heute investiert Kuba 13% seines Bruttoinlandsprodukts in die Bildung, im internationalen Vergleich ein überaus hoher Wert. Ebenfalls grosse staatliche Investitionen wurden in Kunst, Kultur und Sport gesteckt und diese Bereiche auch als Menschenrechte anerkannt. Weitere wichtige Schwerpunkte bildeten die Investitionen in Wissenschaft und Technologie zur Förderung der allgemeinen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Zudem ist Kuba bestrebt, das eigene Knowhow an andere Länder weiterzuvermitteln, so wurde durch das von kubanischen Pädagogen entwickelte Programm „Yo si puedo“ seit 2006 weltweit zehn Millionen Menschen in mehr als 30 Ländern das Lesen und Schreiben beigebracht.

Nicht weniger vorbildlich ist das kubanische Gesundheitssystem. Mit einer Säuglingssterblichkeit von 4,7 bei 1’000 Lebendgeburten und einer durchschnittlichen Lebenserwartung von über 78 Jahren übertrifft Kuba sämtliche übrige lateinamerikanische Länder bei weitem. Kuba ist vor allem auch bekannt für sein flächendeckendes kostenloses Gesundheitssystem, hochentwickelte Vorsorgekampagnen und die weltweit höchste Arztdichte. Und wie im Bildungsbereich, so stellt auch im Gesundheitsbereich Kuba anderen Ländern sein Wissen und seine personellen Ressourcen grosszügig zur Verfügung: Seit 1960 haben über 600’000 kubanische Medizinerinnen und Mediziner in mehr als 180 Ländern Dienst geleistet. Sie haben dazu beigetragen, Millionen Menschenleben zu retten und die Lebensbedingungen zu verbessern, insbesondere bei unterversorgten Bevölkerungsgruppen in den ärmsten Staaten der Welt.

Weitere Errungenschaften der kubanischen Revolution sind eine für die gesamte Bevölkerung gleichermassen zugängliche Wohn- und Sozialpolitik, eine Arbeitsplatzgarantie zur Vermeidung von Massenarbeitslosigkeit, die gezielte staatliche Förderung von Kunst und Kultur sowie umfassende Agrarreformen, welche zu einem deutlich höheren Einkommen der bäuerlichen Bevölkerung geführt haben. In den meisten Entwicklungsindikatoren hat Kuba innerhalb einer einzigen Generation das Niveau von industrialisierten Ländern der nördlichen Hemisphäre erreicht. Auch im Bereich der Entwicklungshilfe ist Kuba führend: Es hat das weltweit grösste internationale humanitäre Hilfsprogramm auf die Beine gestellt, das von medizinischem Fachpersonal über technische Spezialisten bis hin zu Bauarbeitern reicht. Kubas Entwicklungshilfe im Ausland machte zwischen 1999 und 2015 6,6 Prozent seines BIP aus, um ein Vielfaches mehr als der europäische Durchschnitt von 0,39 Prozent und den 0,17 Prozent der US-Entwicklungshilfe.

Eine 2022 veröffentlichte Studie des britischen Anthropologen Jason Hickel hatte ergeben, dass neoliberale Wirtschaftspolitik zwischen 1990 und 2019 weltweit 15,63 Millionen zusätzliche Todesfälle durch Unterernährung verursacht hatte. Diese Todesfälle – darunter 35’000 allein in den USA – hätten zweifellos mit einer Politik nach dem Vorbild der kubanischen Revolution verhindert werden können. Aber noch scheint sich die Welt in die falsche Richtung zu drehen, und offensichtlich fast jeden Tag noch ein bisschen schneller. „Sie haben kein Geld, sie haben kein Öl, sie haben gar nichts“, sagt Donald Trump über Kuba, nachdem er Venezuela gezwungen hat, Kuba kein Öl mehr zu liefern. Und dann sagt er tatsächlich auch noch im gleichen Atemzug, dass er den Iran bloss „aus Spass“ bombardiere und anschliessend, wenn das erledigt sei, als nächstes Kuba an der Reihe sein werde, denn: „Ich glaube, dass ich die Ehre haben werde, Kuba zu übernehmen“, um dann „damit das zu machen, was ich will.“ Aber nein, ich bilde mir offensichtlich nur ein, dass es sich bei diesem mächtigsten Mann der Welt entweder um einen Geistesgestörten oder einen der schlimmsten und gefährlichsten Narzissten handeln muss, einen offensichtlich in seiner Pubertät Steckengebliebenen, der zunächst die längste Zeit geduldig zuschaut, wie ein anderer Jugendlicher Stein um Stein einen immer höheren Turm aufbaut, um sich dann plötzlich göttlich daran zu ergötzen, ihn mit einem einzigen heftigen Fusstritt zum Einsturz zu bringen. Denn in Wirklichkeit, wie konnte ich es nur vergessen, sind natürlich an allem Bösen einzig und allein nur die Mullahs und die bärtigen Revolutionäre aus früheren Zeiten Schuld.

Nein, ich habe trotz allem meine Hoffnung nicht verloren. Denn „die Wahrheit“, so der 1977 verstorbene deutsche Schriftsteller Frank Thiess, „ist eine unzerstörbare Pflanze. Man kann sie ruhig unter einem Felsen vergraben, sie stösst sich trotzdem durch, wenn es an der Zeit ist.“ Ja, aber es ist nun verdammt nahe an der Zeit, viel bleibt uns nicht mehr. Schweigen und wegschauen gilt nicht mehr. Denn, wie Albert Einstein sagte: „Die Welt ist viel zu gefährlich, um darin zu leben. Nicht wegen der Menschen, die Böses tun. Sondern wegen der Menschen, die daneben stehen und sie gewähren lassen.“

In einem „offenen Brief an die Welt“ schrieb eine namenlose Frau aus dem kubanischen Volk vor wenigen Tagen folgende Worte in unsere Herzen. Sind diese nicht aus Stein, dann müsste sich etwas bewegen und es müsste die Zeit reif werden für die nächste grosse Revolution, die eine umfassende, universelle Revolution der Menschenliebe sein müsste, die so lange ersehnte Verwirklichung des Paradieses auf Erden…

Ich schreibe diesen Brief der gesamten Menschheit, den Müttern der Welt, den Ärzten ohne Grenzen, den Journalisten, die dieser Bezeichnung würdig sind, den Regierungen, die noch an Gerechtigkeit glauben… Mein Name ist wie Millionen anderer. Ich habe keinen berühmten Namen und keine wichtige Position. Ich bin eine ganz normale Kubanerin. Eine Tochter, eine Schwester, eine Patriotin. Und ich schreibe diese Worte mit gebrochenem Herzen und zitternden Händen, denn was mein Volk heute erlebt, ist keine Krise. Es ist ein langsamer, kalkulierter Mord, kaltblütig von Washington ausgeführt. Und die Welt schaut weg… Ich verurteile zutiefst, dass in Kuba ältere Menschen vorzeitig sterben, weil die Blockade die Einfuhr von Medikamenten gegen Herzkrankheiten, Blutdruck und Diabetes verhindert. Es mangelt nicht an Ressourcen, sondern es handelt sich um eine gezielte Vorenthaltung. Unternehmen, die in Kuba verkaufen wollen, werden mit Sanktionen belegt, strafrechtlich verfolgt und bedroht. Ihre Regierungen schweigen dazu. Und währenddessen greift sich ein kubanischer Grossvater an die Brust und wartet. Der Tod kommt ohne Vorwarnung… Ich verurteile es aufs Schärfste, dass in Kuba Brutkästen wegen Treibstoffmangels abgeschaltet werden mussten. Dass Neugeborene ums Überleben kämpfen, während die US-Regierung entscheidet, welche Länder uns Öl verkaufen dürfen und welche nicht. Dass kubanische Mütter mit ansehen müssen, wie das Leben ihrer Kinder gefährdet ist, weil eine in Washington unterzeichnete Anordnung mehr wert ist als die Schreie eines Babys 145 Kilometer von dessen Küste entfernt… Wo bleibt die internationale Gemeinschaft? Wo sind die Organisationen, die sonst Kinder so vehement verteidigen? Oder haben kubanische Kinder etwa kein Recht zu leben?… Ich verurteile die Blockade als gezielten Versuch, Hunger zu erzeugen. Es ist nicht so, dass Lebensmittel einfach so knapp sind. Es ist vielmehr so, dass unser Land daran gehindert wird, sie zu kaufen. Schiffe, die Lebensmittel transportieren, werden gerichtlich verfolgt. Banktransaktionen werden blockiert. Unternehmen, die uns Getreide, Hühnerfleisch und Milch verkaufen, werden bestraft… Der Hunger in Kuba ist kein Zufall. Es ist eine staatliche Politik der US-Regierung, die über 60 Jahre hinweg verfeinert, von jeder Regierung aktualisiert, von Donald Trump verschärft und von Marco Rubio unerbittlich durchgesetzt wurde. Sie nennen es „wirtschaftlichen Druck“. Ich nenne es Terrorismus durch Aushungern… Ich verurteile es zutiefst, dass unsere Ärzte – dieselben, die während der Pandemie, als die Welt zusammenbrach, Leben retteten – nun weder Spritzen noch Narkosemittel noch Röntgengeräte zur Verfügung haben. Nicht etwa, weil wir nicht wüssten, wie man sie her- und instandstellt. Nicht etwa, weil es uns an Talent mangelt. Sondern weil die Blockade uns den Zugang zu Material, Ersatzteilen und Technologie verwehrt… Der Welt sage ich: Kuba bittet nicht um Almosen. Kuba bittet nicht um Soldaten. Kuba bittet nicht um Liebe. Kuba erwartet Gerechtigkeit. Nicht mehr. Nicht weniger. Ich fordere dazu auf, die Blockade beim Namen zu nennen: Verbrechen gegen die Menschlichkeit… Ich fordere auf, sich nicht von der Rhetorik des „Dialogs“ und der „Demokratie“ täuschen zu lassen, während uns die Kehle zugeschnürt wird. Wir wollen keine Almosen. Wir wollen einfach nur leben können… An die mitschuldigen Regierungen, die schweigen: Die Geschichte wird euch zu Rechenschaft ziehen… An die lügenden Medien: Die Wahrheit findet immer einen Weg… An alle, die noch Menschlichkeit im Herzen tragen: Schaut nach Kuba. Schaut, was dort geschieht. Und fragt euch: Auf welcher Seite der Geschichte will ich stehen?… Wenn dieser Text dich betroffen macht, dann teile ihn. Damit die Welt erkennt, dass es in Kuba keine Krise gibt, sondern ein Verbrechen. Damit Mütter in anderen Ländern wissen, dass hier Babys in durch die Blockade ausgeschalteten Brutkästen um ihr Leben kämpfen. Damit Grosseltern in anderen Ländern wissen, dass hier ältere Menschen sterben, weil sie auf Medikamente warten, die Washington ihnen verweigert… Eine einzelne Person, die diesen Text teilt, wird die Welt nicht verändern, Tausende, Millionen aber schon…

(Ergänzung am 22. März 2026: Ein Leser dieses Artikels hat kritisiert, dass die dunklen Seiten des sozialistischen Kuba, Repression gegen Oppositionelle und Hinrichtungen nach der Machtübernahme nicht thematisiert sind. Das stimmt. Der Vorwurf einer gewissen Einseitigkeit ist durchaus berechtigt. Dieser Artikel will aber vor allem eine Gegendarstellung sein zur Verteufelung der kubanischen Revolution durch jene Verfechter der sogenannten „freien Marktwirtschaft“, die gerne alles, was nur im Entferntesten nach Sozialismus oder Kommunismus aussieht, als den Inbegriff des Bösen bezeichnen und gleichzeitig grosszügig über alle im Namen von Kapitalismus und US-Imperialismus begangenen Verbrechen – rund 45 von den USA seit 1945 angezettelten Kriege mit insgesamt 50 Millionen Toten – grosszügig hinwegsehen.)

Zehnjähriges Mädchen mit tetraspastischer Cerebralparese: Nur die Spitze des Eisbergs

Peter Sutter, 16. März 2026

Die „Sonntagszeitung“ vom 16. März 2026 berichtet von einem zehnjährigen Mädchen aus dem Aargau, das unter einer tetraspastischen Cerebralparese leidet und deshalb beim Eintritt in die erste Klasse von den Behörden einer heilpädagogischen Sonderschule zugewiesen wurde. Die Eltern wehrten sich dagegen durch alle Instanzen. Während des Verfahrens durfte das Mädchen provisorisch die normale Schule besuchen. Nach drei Jahren entschied jedoch auch das Bundesgericht, dass das Mädchen eine Sonderschule besuchen muss. Die Eltern gaben indessen nicht auf. Sie reichten eine Beschwerde beim UNO-Ausschuss für Kinderrechte ein. Die Behindertenorganisation Inclusion Handicap stellte den Anwalt. Inclusion Handicap will einen Präzedenzfall für die Schweiz oder gar weltweit erstreiten. Das Ziel: Sonderschulen für Behinderte für illegal erklären, denn, so David Krummen, Anwalt von Inclusion Handicap: „Die Separierung von Kindern mit Behinderungen im Bildungssystem widerspricht geltendem Recht.“

Wenige Woche nach Einreichung der Klage verbuchten die Eltern einen Zwischenerfolg: Die UNO räumte der Klage Chancen ein. Sie ordnete an, dass die Schweiz die Umsetzung des Bundesgerichtsurteils im Aargau stoppt. Das Mädchen soll in der Regelschule bleiben, bis die UNO entschieden hat. Den Beteiligten ist klar, dass das Urteil des Bundesgerichts durch diesen UNO-Zwischenentscheid de facto ausgehebelt wird. Denn: Verfahren des UNO-Ausschusses für Kinderrechte dauern im Schnitt rund dreieinhalb Jahre. Das Mädchen geht heute in die 4. Klasse. Beim Abschluss des Verfahrens kommt es nach dieser Rechnung schon in die 7. Klasse. Die Versetzung in eine Sonderschule nach sieben Jahren wäre kaum noch opportun.

Für die Aargauer Behörden kommt es indessen nicht in Frage, den UNO-Befehl umzusetzen. Sie sind nicht bereit, den Ausgang des Verfahrens abzuwarten. Simone Strub, Kommunikationschefin im Aargauer Bildungsdepartement, macht klar, dass man das Kind bereits im Sommer in die Sonderschule versetzen will. Die Umplatzierung erfolge „in der Überzeugung, dass ein spezialisiertes Angebot an einer Sonderschule das Beste für das Kindeswohl“ sei, sowohl in Bezug auf das Lernen als auch auf die soziale Einbindung. Auf der anderen Seite führen die Eltern und Inclusion Handicap an, dass das Mädchen „mit Freude zur Schule geht, die Integration gut funktioniert und die angepassten Lernziele mehrheitlich erreicht worden sind.“ Verbandsanwalt David Krummen vertritt aufgrund von entsprechenden Studien die Ansicht, dass Kinder mit Behinderungen in der Regelschule oft besser lernen und sich ihre sozialen Fähigkeiten stärker entwickeln als in einer Sonderschule. Der Verband fordere daher nichts weniger als „die Aufhebung des dualen Schulsystems mit Regelschule und Sonderschule“.

Der Fall wäre weltweit der erste, in dem der UNO-Ausschuss für Kinderrechte die Separation behinderter Kinder in Sonderschulen für unzulässig erklärt.

Auf den ersten Blick scheint es sich hier um einen einzigartigen Sonderfall zu handeln. Tatsächlich ist es aber bloss die Spitze eines riesigen Eisbergs. Wie viel Heterogenität die „Regelschule“ erträgt und welche Kinder mit welchen „Defiziten“ darin Platz haben sollen oder nicht – das ist das eigentliche Hauptthema fast aller bildungspolitischen Diskussionen seit Monaten, ja Jahren. Dabei wird die Forderung, Kinder mit „Defiziten“ oder „Beeinträchtigungen“ jeglicher Art nicht mehr in Regelklassen zu integrieren, sondern in separaten Klassen bzw. Lerngruppen zu unterrichten, immer lauter, nicht zuletzt auch seitens von Lehrpersonen, die sich über eine Überforderung der Regelklassen beklagen, wenn zu viele Kinder mit „besonderen Bedürfnissen“ darin Platz finden sollen.

Vielleicht wäre der Moment gekommen, anstelle der Frage, welche Kinder in die Regelschule passen und welche nicht, eine ganz andere, viel grundsätzlichere Frage zu stellen, nämlich die, ob Regelklassen überhaupt ein ideales Gefäss für gutes Lernen sind. Dies ist stark zu bezweifeln, denn Lernen verläuft nach höchst unterschiedlichen, von Kind zu Kind variierenden Regeln. Alle Kinder zeigen uns schon in ihren ersten Lebensjahren, dass erfolgreiches Lernen vor allem echter Neugierde, Freiheit und Selbstbestimmung entspringt und durch künstlich geschaffene äussere Strukturen und generalisierte Vorgaben nicht gefördert, sondern, im Gegenteil, eher gebremst oder gar verunmöglicht wird. Könnten alle Kinder auch nach ihrem fünften Lebensjahr weiterhin so frei und selbstbestimmt weiterlernen, wie sie das in den Jahren zuvor getan hatten, würden sich vermutlich alle Diskussionen über Inklusion contra Separation von einem Tag auf den andern in Luft auflösen.

Es ist gar nicht so schwierig, sich eine radikale Alternative zum heutigen Schulsystem vorzustellen. Wir müssen uns nur in Erinnerung rufen, dass während Millionen von Jahren Menschen ohne Schulen im heutigen Sinne gelernt haben. Sie schufen dabei alle Grundlagen der heutigen Zivilisationen, vermochten Bauwerke wie die ägyptischen Pyramiden oder die gotischen Kathedralen zu schaffen, entwickelten hochspezialisierte Landwirtschaftstechniken, besassen umfassende Kenntnisse in Astronomie, Physik und Mathematik, konnten sich in Sprachen mithilfe Hunderttausender von Wörtern auch über komplexeste Sachverhalte austauschen, ohne je eine einzige Schulstunde besucht zu haben. Lernen ist etwas, was Menschen ohnehin von sich aus zwangsläufig tun, ohne dass man sie dazu zwingen oder in Gruppen von 20 oder 25 Gleichaltrigen in ein Schulzimmer einsperren muss. Lernen ist Leben. Sobald der Mensch geboren wird – oder eigentlich schon längst zuvor -, beginnt er zu lernen, ganz von selber, lebenslang. Lernen kann man bestenfalls durch das Bereitstellen einer möglichst vielfältigen Lernwelt fördern, durch möglichst viele attraktive Lernangebote, durch einen möglichst ungehinderten Zugang zu allen Quellen von Wissen und Lebenserfahrungen anderer Menschen. Wo immer sich zwei Menschen begegnen und miteinander in Kontakt treten, geschieht Lernen ganz von selber. Lernende Menschen gleichen Schmetterlingen, die von Blüte zu Blüte fliegen, immer dorthin, wo gerade der süsseste Nektar lockt. Keinen einzigen Schmetterling muss man dazu zwingen, jedes Kind tut genau das Gleiche und fliegt immer dorthin, wo es sich die köstlichste geistige Nahrung holen kann.

So gesehen könnten die aktuellen Diskussionen zum Thema Inklusion contra Separation auch eine Chance sein für eine ganz grundlegende pädagogische Erneuerung unseres traditionellen, auf Jahrgangsklassen und Lehrpläne fixierten Schulsystems in Richtung einer offenen Lernwelt, in der Lernen ohne Zwang und Druck ganz frei, lustvoll und zugleich höchst erfolgreich geschehen kann. Mehr dazu in meinem Buch DIE SCHULE NEU ERFINDEN – DAMIT DAS LERNEN WIEDER FREUDE MACHT. Du kannst es in jeder Buchhandlung oder im Internet bestellen.

Hinweis: Im Februar 2026 wurde die VEREINIGUNG FÜR FREIES LERNEN (VFL) mit Sitz in Buchs SG (Schweiz) gegründet. Sie wird sich an einer öffentlichen Veranstaltung am 30. Mai 2026 erstmals der Öffentlichkeit präsentieren. Die VFL möchte den Blick öffnen auf eine Zukunft, in der es so etwas wie das heutige, auf Lehrpläne und Jahrgangsklassen fixierte Schulsystem nicht mehr geben wird. Die VFL möchte bereits vorhandene Reformansätze in dieser Richtung miteinander vernetzen und verstärken und durch öffentliche Veranstaltungen und eigene Publikationen einen konkreten Beitrag leisten zu einer umfassenden und tiefgreifenden Reform des Bildungssystems. Damit endlich jene Vision Wirklichkeit werden kann, die dem russischen Schriftsteller und Pädagogen Leo Tolstoi bereits im Jahre 1911 vorschwebte: «Die Schule ist künftig vielleicht nicht mehr das, was wir darunter verstehen, mit Fussböden, Bänken, Stühlen; sie wird vielleicht ein Theater, eine Bibliothek, ein Museum, eine Unterhaltung sein.» Nähere Informationen zur VFL: info@petersutter.ch.

                                              

28. Montagsgespräch am 9. März 2026: Was heisst Christin oder Christ zu sein in der heutigen Zeit?

Was geschieht, wenn Bibeltreue und Bibelkritische, evangelikal und liberal Denkende, Agnostiker, Katholikinnen, Reformierte und ein Gymnasiast, der nur das glaubt, was sich wissenschaftlich beweisen lässt, am gleichen Tisch sitzen? Die Antwort gab das Buchser Montagsgespräch vom 9. März zum Thema «Christ sein in der heutigen Zeit»: eine höchst spannende und vielseitige Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Lebensgeschichten und ihrem Bezug zu Glauben, Religion und Christentum.

Schon die eingangs gestellte Frage betreffend das eigene Glaubensverständnis weckte unterschiedlichste Aussagen wie etwa «Für mich ist das Wichtigste, dass ich mein Leben Jesus anvertraut habe», «Für mich war das Schlüsselerlebnis, als ich im Alter von 33 Jahren Gott entdeckte», «Für mich steht im Mittelpunkt, dass Gott mich sieht und mich so annimmt, wie ich bin», «Ich spüre Gott vor allem angesichts des Wunders der Schöpfung», «Ich kann mir vorstellen, dass es früher einmal einen Gott gab, aber ich weiss nicht, ob es ihn immer noch gibt», «Mein Lebensziel besteht darin, in den Himmel zu kommen», «Mir hilft die Bibel zu einem guten Leben» oder «Meine Zweifel rühren daher, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass Gott allmächtig ist und gleichzeitig so viel Leid auf der Erde zulässt».

Bei der Frage, ob das Christentum die einzige «wahre» Religion sei, gingen die Meinungen stark auseinander. Einige äusserten die Überzeugung, jedes in der Bibel geschriebene Wort sei unmittelbar von Gott inspiriert, andere vertraten die Ansicht, es handle sich bloss um ein «Menschenwerk», geprägt durch den damaligen Zeitgeist. Auch wurde intensiv diskutiert, wodurch sich ein «guter Christ» auszeichne. Sollte er zum Beispiel immer nachgiebig sein alles verzeihen? Nein, meinte ein Diskussionsteilnehmer, darauf hinweisend, dass selbst Jesus zornig und mit heftigen Worten die Geldwechsler, die im Tempel ihre üblen Geldgeschäfte trieben, aus der heiligen Stätte fortjagte und ihnen vorwarf, sie würden sich zwar als Gläubige bezeichnen, ihr Handeln zeige aber das Gegenteil.

Wird, wie man oft hört, die Welt vom «Bösen» oder gar vom «Teufel» beherrscht? Nein, so mehrere der Anwesenden, es gäbe auch viel Gutes und es läge an jedem Einzelnen, die Welt ein bisschen besser zu machen. Wichtig sei für sie vor allem, so eine der Diskussionsteilnehmerinnen, ein positives Menschenbild, das sich nicht an den Schwächen der Menschen, sondern an ihren Stärken orientiere, an ihrem Potenzial zu Solidarität, Mitgefühl und Nächstenliebe.

Viele Wege führen nach Rom. Mit dieser bekannten Redewendung könnte man dieses Montagsgespräch wohl am besten zusammenfassen: Nichts ist in Stein gemeisselt, religiöse Überzeugungen und religiöses Handeln entwickeln sich individuell, je nach der persönlichen Lebensgeschichte. Deshalb, so ein Theologe in der Runde, sei gegenseitige Toleranz so wichtig: «Am meisten stört mich, wenn mir jemand meinen Glauben abspricht, nur weil ich ein bisschen anders glaube als er.»

Der Nahe Osten in Flammen: Bald am Kipppunkt zu einem neuen Zeitalter des Friedens?

Peter Sutter, 12. März 2026

Sieht man die täglichen Schreckensbilder aus dem Iran, Israel, Libanon, Dubai, Katar, Bahrain, Saudi-Arabien, Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten braucht es nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass dies der Beginn des Dritten Weltkriegs sein könnte. Umso mehr, als dies ja aktuell nicht der weltweit einzige hochgefährliche Krisenherd ist. Schon im Zusammenhang mit dem Ukrainekonflikt wurde des Öfteren die Gefahr eines Weltkriegs heraufbeschworen. Taiwan und Südkorea sind weitere hochbrisante Brennpunkte mit grösstem Eskalationspotenzial. Vor wenigen Tagen warf die schweizerische „Wochenzeitung“ im Zusammenhang mit dem Krieg im Sudan, der sich zunehmend mit dem Konflikt zwischen der äthiopischen Regierung und der Volksbefreiungsfront von Tigray vermische, sogar bereits die Frage auf, ob nicht schon bald ein „afrikanischer Weltkrieg“ drohe. Bis es dann eines Tages tatsächlich zum von vielen bereits seit Längerem vorausgesagten „Endkampf“ zwischen den USA und China kommen könnte.

Ja, es ist in der Tat nicht abwegig, sich dies alles ziemlich genau so vorzustellen. Und doch liesse sich hierzu auch eine radikale Gegenthese aufstellen. Nämlich, dass dies alles nicht der Anfang, sondern, ganz im Gegenteil, das Ende des Dritten Weltkriegs sein könnte. So verrückt diese These auf den ersten Blick auch erscheinen mag, könnte sie sich bei näherem Hinschauen möglicherweise ebenso realistisch erweisen wie ihr Gegenteil.

Denn dieser Dritte Weltkrieg war und ist für Milliarden von Menschen bereits seit Jahrzehnten nichts anderes als bittere tägliche Realität. Er muss nicht beginnen, er wütet bereits mit aller Gewalt und begann schon am gleichen Tag, als der Zweite Weltkrieg zu Ende war.

Es ist ein Krieg gegen die Kinder, in dem jeden Tag weltweit rund 15’000 Ein- bis Fünfjährige qualvoll sterben, weil sie nicht genug zu essen haben, und dies nicht, weil insgesamt zu wenig Nahrungsmittel vorhanden wären, sondern einzig und allein deshalb, weil auf dem globalisierten Markt des „freien“ und „offenen“ Warenverkehrs die lebensnotwendigen Güter nicht dorthin fliessen, wo sie am dringendsten gebraucht werden, sondern dorthin, wo sich mit ihrem Handel und ihrem Verkauf am meisten Geld verdienen lässt. Rund 138 Millionen Kinder müssen schon von klein auf schwerste und oft lebensgefährliche Arbeit verrichten, auf Plantagen in glühender Hitze, auf Baustellen, in Steingruben und Gold-, Silber- oder Kupferminen. 150 Millionen Kinder haben kein Zuhause, leben auf der Strasse, täglicher Gewalt ausgesetzt, viele von ihnen sind gezwungen, ihre Körper zu verkaufen, weil sie und ihre Familien anders gar nicht überleben könnten. In allen Ländern, selbst in den „reichen“, „fortschrittlichen“ und „entwickelten“ Ländern der nördlichen Hemisphäre, gehören Kinder und Jugendliche zum ärmsten und am meisten von Gewalt und Ausbeutung betroffenen Teil der Bevölkerung.

Es ist ein Krieg gegen die Frauen, in dem die jährlich rund 60’000 bis 70’000 Femizide nur die winzige Spitze eines gewaltigen Eisbergs abermillionenfacher täglicher Gewalt, Ausbeutung und Diskriminierung bilden, quer durch alle Kontinente.

Es ist ein Krieg der Reichen gegen die Armen, in dem Milliarden von Menschen gezwungen sind, unter Aufbietung aller ihrer Kräfte um ihr tägliches nacktes Überleben zu kämpfen, während die Zahl der weltweiten Milliardäre, die sich auch noch die verrücktesten Luxusvergnügungen leisten können, von Jahr zu Jahr weiter und weiter zunimmt.

Es ist ein Krieg der Industrieländer gegen die Agrarländer, die bis heute unter den Folgen jahrhundertelanger kolonialer Ausbeutung leiden, sodass selbst heute noch, rund 500 Jahre nach dem ersten Sklaventransport von Afrika nach Amerika, weltweit rund 40 bis 50 Millionen Menschen von sklavenartigen Lebensverhältnissen, Zwangsarbeit und Schuldknechtschaft betroffen sind. Weitere über 120 Millionen Menschen, mehr denn je, befinden sich auf der Flucht von der einen Hölle in die andere, bis sie, meist nach jahrelangen Qualen und Entbehrungen, nach einer verunglückten Fahrt in einem viel zu winzigen Schlauchboot namenlos auf dem Grunde des Mittelmeers oder des Atlantiks verschwinden oder aber eines Tages vor unüberwindlichen, fünf Meter hohen Stacheldrahtzäunen stehen bleiben, Mädchen und Frauen brutalst vergewaltigt werden, Männern, Frauen und Kindern die Knochen gebrochen werden, sie von Bluthunden mitten im Winter, ohne Nahrung und ohne genügende Kleider, in finstere Wälder gejagt werden, aus denen es kein Entrinnen gibt, oder mit verbundenen Augen von Tunesien aus im Auftrag der von der EU finanzierten und ausgebildeten Frontex in die libysche Wüste gejagt werden, Männer, Frauen und Kinder, um dort elendiglich zu verdursten.

Es ist ein Krieg gegen die Natur, in dem Tag für Tag rund 150 Tier- und Pflanzenarten für immer von der Erdoberfläche verschwinden. Es ist ein Krieg gegen die Erde, die, durch Abholzung, Übernutzung und Vergiftung durch Pestizide, über immer grössere Flächen hinweg bereits dermassen ausgelaugt ist, dass dort nicht einmal mehr ein paar dünne Grashalme zu wachsen vermögen. Es ist ein Krieg gegen das Wasser, das wertvollste Gut, die eigentliche Grundvoraussetzung für jegliches Leben, wertvoller als alles Gold, Silber und alle Diamanten der Welt. Es ist ein Krieg gegen die Tiere, in dem Jahr um Jahr über 150 Milliarden von ihnen den ausser Rand und Band geratenen Essgewohnheiten einer privilegierten Minderheit der Weltbevölkerung sowie der knallharten Profitgier der Fleischindustrie zum Opfer fallen, und in dem jährlich rund 120 Millionen Tiere in medizinischen Labors zu Tode gequält werden, bloss um die Bedürfnisse einer masslos nach immer höheren Gewinnen heischenden Pharmaindustrie und aller anderen, die davon mitprofitieren, Genüge zu leisten.

Und es ist, nicht zuletzt, ein Krieg gegen sämtliche nachfolgende Generationen, deren Lebensgrundlagen bereits heute, bevor sie noch geboren wurden, systematisch zerstört werden.

Dass dies alles nicht schon längst als der „Dritte Weltkrieg“ bezeichnet wird, ist einzig und allein damit zu erklären, dass die Geschichte bisher eben nie von den Opfern ihrer Zeit geschrieben wurde, sondern immer nur von den vermeintlichen „Siegern“. Nicht von den Kindern in Vietnam, dem Sudan oder Bangladesch, die in ihrem ganzen Leben noch nie etwas anderes kannten als Hunger, Gewalt, Verfolgung und Krieg. Nicht von den Prostituierten auf den Strassen von Bogota, Lagos oder Bangkok, deren Leben aus nicht viel anderem besteht, als Nacht um Nacht spitalreif verprügelt zu werden. Nicht von den Mäusen, die zu Tausenden in winzigste Käfige zusammengepfercht und mit Stromstössen gezwungen werden, sich gegenseitig zu zerfleischen. Sondern von sogenannten *Experten“ an sicheren, gut geschützten Orten, Journalistinnen und Journalisten, Redaktorinnen und Redaktoren, Politikwissenschaftlern, Medienschaffenden weltweit, die sich, wenn sie ihre Artikel geschrieben, ihre Nachrichten am Fernsehen verlesen und ihre Reportagen den Vorgesetzten abgeliefert haben, zum Feierabendbier treffen und von denen kaum einer jemals in seinem ganzen bisherigen Leben am eigenen Leib erfahren hat, was Armut, Hunger, Gewalt und Krieg tatsächlich bedeuten.

Zu glauben, es gäbe so etwas wie „kriegerische“ und „friedliche“ Epochen in der Menschheitsgeschichte, ist ein reines Hirngespinst. Es kommt einzig und allein darauf an, wo und wann und in welchem familiären und sozialen Umfeld ein Mensch geboren wird, auf welcher Stufe der herrschenden Machtpyramiden. Was für die Universitätsstudentin in Zürich, die mit ihrer besten Freundin an einem lauen Frühlingsabend einen Aperol-Spritz geniesst, „Frieden“ ist und das „Paradies“, ist genau zur gleichen Zeit, vielleicht nur ein paar Hundert Meter davon entfernt, für eine Vierzehnjährige aus Angola, die eine ganze Nacht lang abwechslungsweise von sieben Männern vergewaltigt wird, purer „Krieg“ und die reinste „Hölle“.

Erst wenn die ganze Wahrheit ans Licht gekommen sein wird und die Geschichtsbücher nicht mehr von den Siegern geschrieben werden, sondern von den Opfern und ihrer Nachfahren, erst dann wird es auch in den westlichen Ländern nach und nach ins öffentliche Bewusstsein dringen, dass die Zeit nach dem Ende des Zweiten Kriegs bis ins Jahr 2026 alles andere gewesen war als eine Zeit des „Friedens“, des wachsenden „Wohlstands“ und der grössten zivilisatorischen und technologischen „Fortschritte“ aller Zeiten zum „Wohle“ der Menschheit, sondern eine der dunkelsten Zeiten der Menschheitsgeschichte, in der Armut, Hunger, Gewalt und Krieg nicht seltene Ausnahmen waren, sondern die konkrete bittere Lebensrealität der grossen Mehrheit der gesamten Weltbevölkerung. Und vielleicht wird sogar eines Tages irgendwo zu lesen oder zu hören sein, dass diese Zeit insbesondere deshalb eine so schlimme und dunkle Zeit gewesen war, weil nämlich, vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit, alle Ressourcen, alles Wissen, alle technischen Errungenschaften, alle psychologischen Erkenntnisse und alles Geld in genügendem Masse zur Verfügung gestanden hätten, um ein Leben in Wohlstand, Sicherheit und Frieden für die gesamte Menschheit möglich zu machen – und dennoch das pure Gegenteil geschah.

Die Hoffnung, dass der derzeitige Krieg im Nahen Osten nicht der Beginn des Dritten Weltkriegs sein könnte, sondern, ganz im Gegenteil, sein baldiges Ende, schöpft sich aus der Gewissheit, dass die Wahrheit früher oder später stärker sein wird als alle Lügen der Vergangenheit und der Gegenwart. Diese Wahrheit, und das macht Mut, frisst sich geradezu täglich von unten nach oben in den öffentlichen Diskurs hinein. Anders als vor 100 oder 1000 Jahren besteht heute durch das Internet und die sozialen Medien ein globales Wissens- und Kommunikationssystem, das, richtig genutzt, die besten Voraussetzungen dafür bietet, den so lange verschütteten und systematisch von den Reichen und Mächtigen bekämpften Wahrheiten zum Durchbruch zu verhelfen. Und es macht es diesen Reichen und Mächtigen immer schwerer, ihre Lügengebäude aufrecht zu erhalten. Denn „die Wahrheit“, so der 1977 verstorbene deutsche Schriftsteller Frank Thiess, „ist eine unzerstörbare Pflanze. Man kann sie ruhig unter einem Felsen vergraben, sie stösst sich trotzdem durch, wenn es an der Zeit ist.“

Ja, und es scheint tatsächlich an der Zeit zu sein. An allen Ecken und Enden stehen in diesen Tagen weltweit immer mehr Menschen auf und beginnen zu reden, Menschen, die bisher geschwiegen haben oder zum Schweigen gebracht wurden. Ihr Mut wird eine immer grössere Vielzahl anderer anspornen, es ihnen gleich zu tun. Um all die Lügen, die uns über Jahrhunderte eingepflanzt wurden und bis heute so verrückte Dinge fern jeglicher minimalster Vernunft wie gerade diesen Krieg im Nahen Osten überhaupt noch möglich machen, nach und nach zu entlarven.

Erstens die Lüge, dass Krieg in der Natur des Menschen liege und es deshalb stets immer wieder Kriege geben müsse, solange es auf diesem Planeten Menschen gäbe. Die Wahrheit ist, dass der Mensch von Natur aus ein durch und durch friedfertiges Wesen ist und Kriege daher nur möglich sind durch systematische Manipulation und Propaganda seitens jener, die aus egoistischen Macht- und Profitinteressen wollen, dass es auch weiterhin möglichst viele Kriege gibt, so wie es der ehemalige US-Aussenminister Antony Blinken ganz unverblümt und in aller Öffentlichkeit verlauten liess, als er sagte, es sei gut, wenn der Ukrainekrieg so lange wie möglich weiterginge, denn dies würde den Erhalt Tausender von Arbeitsplätzen in den USA gewährleisten – eigentlich hätte er, wenn er ehrlich gewesen wäre, statt von „Arbeitsplätzen“ von den Milliardengewinnen der Rüstungsindustrie und ihrer Aktionäre sprechen müssen. Der Archäologe Harald Meller hat in seinem aufsehenerregenden Buch „Die Evolution der Gewalt“ nachgewiesen, dass es innerhalb der bisher 2,5 Millionen Jahre langen Menschheitsgeschichte erst seit knapp 5000 Jahren Kriege im heutigen Sinne einer systematischen und geplanten Tötung einzelner Menschengruppen durch andere gibt. Auf ein Jahr umgerechnet, würde dies bedeuten, dass es erst am Vormittag des 31. Dezember zum ersten „richtigen“ Krieg gekommen ist. Was liegt näher als der Gedanke, dass es eigentlich gar nicht so schwierig sein müsste, zum Normalzustand der vorangegangenen 364 Tage zurückzukehren.

Zweitens die Lüge, dass die sogenannte westliche „Demokratie“ das grösste sozial- und wirtschaftspolitische Erfolgsmodell aller Zeiten sei, das Vorbild, dem alle anderen Länder der Welt nacheifern sollten, denn erst dann wären wir, mit den Worten des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama angesichts des Zusammenbruchs der Sowjetunion im Jahre 1991, „am Ende der Geschichte“ angelangt, sprich: Die Menschheit hätte den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreicht und fortan müsste niemand mehr nach etwas vermeintlich Besseren streben, sondern es könne einzig und allein nur darum gehen, das Erreichte gegen alles, von dem es bedroht sein könnte, zu verteidigen, mit was für Mitteln auch immer. Die Wahrheit indessen ist, dass uns dieses westliche „Erfolgsmodell“ mehr und mehr in eine Sackgasse geführt hat, in der die tödliche Mischung von blindem Wachstumsglauben, einer zunehmenden Ungleichverteilung der vorhandenen Güter, dem zerstörerischen Kampf aller gegen alle und einem rasanten Zusammenbruch elementarster Grundwerte wie Solidarität und Nächstenliebe dermassen degenerative Züge angenommen hat, dass wohl bald jede in der Vergangenheit noch so belächelte oder diffamierte Alternative dazu wie ein Rettungsanker bei immer höherem und gefährlicherem Seegang erscheinen müsste.

Drittens die Lüge, dass, wer reicher sei als andere, sich dies redlich verdient habe, während alle anderen, die in Armut und Elend lebten, selber daran Schuld seien. Eine Lüge, die nicht nur das Verhältnis zwischen reichen und armen Ländern betrifft, sondern auch das Verhältnis zwischen den Reichen und den Armen innerhalb jedes einzelnen Landes. Die Wahrheit indessen ist, dass Reichtum auf der einen Seite immer in einer Wechselwirkung steht mit Armut auf der anderen Seite. „Wäre ich nicht arm“, sagt der arme Mann zum reichen in einer bekannten Parabel von Bertolt Brecht, „wärst du nicht reich.“ Die reichen Länder des Nordens sind aus dem gleichen Grund so viel reicher als die von ihnen über Jahrhunderte ausgebeuteten Länder des Südens, wie auch die reichen Bevölkerungsgruppen innerhalb jedes einzelnen Landes nur deshalb so reich sind, weil sie es so meisterhaft verstehen, sich unter dem Deckmantel von „Demokratie“ scheinbar „legal“ auf Kosten des Rests der Bevölkerung zu bereichern. Findet diese Wahrheit Zugang zu der in jedem einzelnen Land und weltweit überwiegenden Mehrheit der Ausgebeuteten und Entrechteten, werden sich die bestehenden Macht- und Ausbeutungsverhältnisse wohl nicht allzu lange aufrechterhalten lassen.

Viertens die Lüge, dass es so etwas wie „wertvolle“, „weniger wertvolle“ oder gar „wertlose“ Menschen gibt. Eine Lüge, die in heutigen, „modernen“ und „aufgeklärten“ Zeiten zwar selten offen ausgesprochen wird, als Folge jahrhundertelanger Arroganz, Überheblichkeit und Selbstüberhöhung der Weissen – und insbesondere der weissen Männer aus der „Oberschicht“ – gegenüber Menschen mit anderer Hautfarbe offensichtlich noch ganz tief in unserem Denken und Fühlen verankert ist. Was dann zum Beispiel schlagartig an die Oberfläche dringt, wenn – wie das Mitte Juni 2023 geschah – das Verschwinden eines privaten Tauchboots mit fünf schwerreichen Tiefseetouristen im nördlichen Atlantik tagelang sämtliche Zeitungsspalten und Nachrichtenportale füllt, während der gleichzeitige Untergang eines Flüchtlingsschiffs vor der griechischen Küste mit rund 650 Todesopfern – darunter zahlreichen Kindern – bloss, wenn überhaupt, mit ein paar wenigen Worten in den Medien erwähnt wird. Oder wenn der Tod von rund 15’000 Kriegsopfern in der Ukraine über fünf Jahre hinweg weit mehr internationale Empörung auslöst als der Tod von 90’000 Palästinenserinnen und Palästinenser im Gazastreifen über zweieinhalb Jahre hinweg infolge der Bombardierungen durch Israel.

Fünftens die Lüge, dass der von den Nazis an Jüdinnen und Juden vor und während des Zweiten Weltkriegs begangene Holocaust das grösste je von Menschen begangene Massenverbrechen gewesen sein soll. Eine Lüge, die bis in die aktuellste Gegenwart ihre zerstörerischsten Auswirkungen zeitigt, schwebt doch selbst heute noch, 80 Jahre später, immer noch eine Art Heiligenschein über dem Staat und der Regierung von Israel, mit dem selbst der Genozid an der palästinensischen Bevölkerung in Gaza und der völkerrechtswidrige Angriffskrieg gegen den Iran mit dem Scheinargument gerechtfertigt und legitimiert werden, dass es sich dabei bloss um „Notwehr“ oder das „Recht auf Selbstverteidigung“ handle. Ein historisch wahrhaft einmaliger Heiligenschein, der Israel bis heute einen Freipass verschafft für jedes noch so verbrecherische Handeln. Als hätte es in der Geschichte der Menschheit nicht unzählige andere Verbrechen gegeben, ohne dass die davon betroffenen Völker jemals einen solchen Freipass bekommen hätten für totales willkürliches Handeln ausserhalb jeglicher Rechtsordnung: den . Vietnamkrieg mit einer halben Million ziviler Todesopfer und dem Einsatz chemischer Kampfmittel, unter deren Folgen die Bevölkerung bis heute leidet, den von der damaligen deutschen Kolonialmacht an den Völkern der Herero und Nama in Südwestafrika zwischen 1904 und 1908 begangenen Völkermord mit über 70’000 Todesopfern, die gewaltsame Eroberung des amerikanischen Kontinents und die weitgehende Auslöschung der indigenen Urbevölkerung durch die Kolonisten aus Spanien, Portugal und England, die zwangsweise Deportation von 15 Millionen Afrikanerinnen und Afrikanern in den Sklavendienst auf den Plantagen und in den Bergwerken Amerikas zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert. Lügen bestehen eben nicht nur in dem, worüber man spricht, sondern viel mehr noch in dem, worüber man nicht spricht. So wie auch seit dem jüngsten Angriff Israels und der USA in keinem einzigen Zeitungsbericht und in keiner einzigen Meldung im Fernsehen je auch nur mit einem einzigen Wort erwähnt wurde, dass die USA derzeit über 5044 Atomsprengköpfe verfügen und Israel selber immerhin auch über etwa 200, während die Regierungen dieser beiden Länder der ganzen Welt allen Ernstes weiszumachen versuchen, dass der militärische Angriff auf den Iran einzig und allein dem Zwecke dienen soll, die Welt sicherer zu machen, indem er angeblich verhindern soll, dass die „Mullahs“ – obwohl es nach wie vor hierfür nicht einmal den geringsten Beweis dafür gibt – nächstens eine erste eigene Atombombe entwickeln könnten, die dann angeblich für den Rest der Welt die um ein Vielfaches grössere Bedrohung sein solle als die 5244 Atomsprengköpfe in den Arsenalen der USA und Israels.

Schliesslich sechstens die Lüge, dass es so etwas geben soll wie ein „Reich des Guten“ und ein „Reich des Bösen“. Diese wohl verhängnisvollste Lüge aller Lügen macht uns glauben, dass jegliches politisches, wirtschaftliches und militärisches Handeln der „Guten“ – der westlichen „Demokratien“ unter Führung der USA – bloss dem Zweck diene, die Welt vor dem „Bösen“ zu retten. Alles, aber auch alles wird damit entschuldigt und gerechtfertigt. Die USA durften, obwohl der Zweite Weltkrieg zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem Sieg der Alliierten entschieden war, im August 1945 über Hiroshima und Nagasaki die ersten und bis heute letzten zwei Atombomben zünden, die den qualvollen Tod von über einer halben Million Menschen zur Folge hatten. Sie durften – von Chile über den Iran bis zu Indonesien – Dutzende demokratisch gewählte Regierungen wegputschen, um sich „unliebsamer“, meist US-Wirtschaftsinteressen gefährdender Machthaber zu entledigen. Sie durften – von Vietnam über den Irak, Afghanistan bis zu Libyen und dem Iran – Dutzende von völkerrechtswidrigen Kriegen anzetteln, denen bereits insgesamt rund 50 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind und 500 Millionen Menschen noch jahre- oder gar lebenslang von Schmerzen geplagt, mit körperlichen Einschränkungen oder tief traumatisiert unter den Folgen schwerster Verletzungen litten oder immer noch leiden. Die USA durften und dürfen nach freiem Belieben über andere Länder Wirtschaftssanktionen verhängen mit verheerendsten Folgen insbesondere für die schwächsten und ärmsten Bevölkerungsschichten, so etwa die Sanktionen gegen den Irak zwischen 1991 und 1995, denen infolge fehlender Nahrung und medizinischer Versorgung eine halbe Million Kleinkinder zum Opfer fielen. Sie durften in den Gefangenenlagern von Abu Graib und Guantanamo Tausende angeblicher „Terroristen“ auf bestialischste Weise foltern, von denen sich fast alle früher oder später als unschuldig erwiesen. Und trotzdem sind die USA und die mit ihnen am engsten verbündeten Westmächte gemäss offizieller Sichtweise der meisten westlichen Regierungen, Medien und der Mehrheit der Bevölkerung immer noch die „Guten“. Man kann sich kaum vorstellen, was für umwälzende Auswirkungen auf die gesamte Weltpolitik und die Zukunft der Menschheit es haben wird, wenn die ganze Wahrheit eines Tages ans Licht kommen wird: Dass es höchstwahrscheinlich noch nie in der Geschichte der Menschheit ein so verbrecherisches und zerstörerisches terroristisches Netzwerk gab wie das globalisierte kapitalistische Macht- und Ausbeutungssystem mit seiner militärischen Speerspitze der USA und ihrer engsten militärischen Verbündeten.

In der Fernsehtagesschau von gestern Abend war eine junge Australierin zu sehen, die von Polizisten zu einem bereitstehenden Militärfahrzeug abgeführt wurde. Sie soll zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt werden. Ihr Vergehen: Sie trug ein T-Shirt mit der Aufschrift FROM THE RIVER TO THE SEA PALESTINE WILL BE FREE. In diesem Moment erinnerte ich mich an einen Auftritt von Israels Premierminister Netanyahu, als er vor der gesamten UNO-Generalversammlung eine Landkarte Israels präsentierte, auf der auch nicht ein kleinster Fleck eines möglichen palästinensischen Staatsgebiets zu sehen war, nicht einmal der kleinste Ansatz zu Gebieten minimalster palästinensischer Selbstverwaltung. Gleichzeitig erinnerte ich mich an eine Aussage der ehemaligen schweizerischen Bundesrätin Ruth Dreifuss, die selber jüdischer Abstimmung ist, wonach sie diesen vieldiskutierten Slogan ganz einfach so verstehe, dass die Palästinenserinnen und Palästinenser damit schlicht und einfach nichts anderes fordern, als in diesem Land, das immerhin seit Jahrhunderten ihre Heimat ist, so frei und gleichberechtigt leben zu können, wie dies auch für Jüdinnen und Juden ganz selbstverständlich ist. Und schliesslich ging mir auch wieder diese Aussage von Avi Schleim, einem 1945 geborenen jüdisch-israelischen Historiker, durch den Kopf: „Antisemitisch sind nicht die, welche Israel kritisieren. Antisemitisch ist die derzeitige israelische Regierung selber, denn die Grundwerte des Judentums sind Altruismus, Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden.“

Noch ist die Zeit nicht ganz reif. Noch wird eine junge Australierin, die von Frieden und Gerechtigkeit träumt, ins Gefängnis gebracht, und nicht ein Regierungschef, der Zehntausende Menschen ermorden liess, ohne dabei auch nur eine einzige Träne zu vergiessen. Doch Im Gesicht der jungen Australierin lag nicht Hass oder Verbitterung, sondern nur ein sanftes Lächeln. Denn sie weiss, dass eine neue Zeit kommen wird. Die Zeit, da all die über Jahrhunderte aufgebauten Lügengebäude wie ein riesiges Kartenhaus zusammenbrechen werden und die Wahrheit endlich ans Licht kommen wird. Noch ist dieser Zeitpunkt nicht erreicht, doch wir kommen ihm jeden Tag ein bisschen näher.

Vorausgesetzt, wir geben nicht auf. Nicht jetzt, wo wir schon so nahe am Ziel sind. Wie zwei Fässer voller Flüssigkeit. Das eine ist gefüllt mit dem Todeswasser, das, wenn es Oberhand gewinnt, die ganze Erde endgültig in eine Hölle verwandeln würde. Das andere ist gefüllt mit dem Friedenswasser, das, wenn es Oberhand gewinnt, die ganze Erde in jenes Paradies verwandeln würde, das bisher erst in den Träumen der Kinder vorkommt an dem Tag, da sie unsere Welt zum ersten Mal betreten. Beide Fässer sind noch nicht ganz voll, doch bei beiden Fässern braucht es nur noch ganz wenig, bis sie überlaufen. Bis zuletzt ein einziger Tropfen den Ausschlag geben könnte, welches der beiden Fässer als erstes überlaufen und die Oberhand gewinnen wird.

Vielleicht bist ja gerade DU dieser letzte, entscheidende Tropfen, von dem abhängen wird, ob sich die Erde in eine alles verschlingende Hölle verwandeln wird oder in ein Paradies unendlicher Schönheit und ewigen Friedens.