Könnte die politische Neutralität der Schweiz einer schrittweisen Annäherung an die NATO zum Opfer fallen? Oder wäre es gerade angesichts der politischen Grosswetterlage umso wichtiger, an ihr festzuhalten und sie sogar in der Bundesverfassung zu verankern? Dies das Thema des Montagsgesprächs vom 9. Februar.
Im Jahre 2022 lancierte ein überparteiliches Komitee unter der Leitung von SVP-Politiker Walter Wobmann die Initiative «Wahrung der schweizerischen Neutralität». Mit ihr soll die «immerwährende und bewaffnete Neutralität» in der Bundesverfassung verankert werden und sowohl ein «Beitritt zu einem Militär- oder Verteidigungsbündnis» wie auch eine «Beteiligung an militärischen Auseinandersetzungen zwischen Drittstaaten» und die «Übernahme von Wirtschaftssanktionen gegen kriegführende Staaten» ausgeschlossen werden. Seit Januar 2024 wird die Neutralitätsinitiative auch von einem Komitee aus linken und grünen Kreisen unterstützt, die sich für eine «weltoffene Schweiz» einsetzen und für den «Verzicht auf den NATO-Beitritt» als wesentlichen «Beitrag zum Weltfrieden».
Zu Beginn der Diskussion wurde über die Wirkung von Wirtschaftssanktionen diskutiert. Man war sich einig, dass Wirtschaftssanktionen noch nie zu einem Regimewechsel geführt hätten, negative Auswirkungen fast immer nur auf die Bevölkerung und nicht auf die Regierenden hätten und sich zudem auch auf die Länder, die sie verhängen, wirtschaftlich meist eher negativ auswirkten.
Wie kann Frieden erreicht werden, dies der zweite Diskussionsblock. Es werde, so ein Votum, oft behauptet, mehr Waffen schafften mehr Sicherheit. Aber es sei doch, auch hier stimmten die Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmer überein, eher so, dass mehr Waffen zu mehr Unsicherheit führten. Dauerhafte Sicherheit entstünde nur durch eine Abschaffung sämtlicher Waffen und Armeen, denn, wie ein Gesprächsteilnehmer meinte: «Egal, ob zu Angriffs- oder zu Verteidigungszwecken: Jede Waffe tötet.» Dass heute das militärische Aufrüsten wieder so hoch im Kurs liege, sei vor allem eine Folge von Angstmacherei. Denn Russland könne kaum ein Interesse daran haben, europäische Länder zu erobern, die über keine Bodenschätze verfügten und selber grosse wirtschaftliche Probleme hätten. Militärische Aufrüstung diene letztlich nur den Interessen der Rüstungsindustrie, nicht den Interessen der breiten Bevölkerung.
Die Neutralität, so mehrere Voten, sei ein zu wertvolles Gut, um sie freiwillig aufzugeben. Sie biete die Chance, dass die Schweiz bei militärischen Konflikten weiterhin ein Ort von Diplomatie, Völkerverständigung und Friedensverhandlungen bleiben könne.
Obwohl einzelne der Teilnehmenden dieses Montagsgesprächs der SP nahestehen, andere den Grünen, der EVP, der FDP oder sich keiner Partei zugehörig fühlen, war man sich am Ende der Diskussion dennoch erstaunlich einig: Alle sprachen sich ausnahmslos für eine Annahme der Initiative «Wahrung der schweizerischen Neutralität» aus, über die noch in diesem Jahr abgestimmt werden soll.
Allenthalben ist die Empörung über den US-Präsidenten Donald Trump riesig, diesen „knallharten Machtmenschen“, diesen „Selbstdarsteller“ und „Narzissten“, diesen „Elefanten im Porzellanladen“. Der am einen Tag das eine sagt und am nächsten genau das Gegenteil. Der sich damit brüstet, Zehntausende von Migrantinnen und Migranten, von denen die meisten schon lange in den USA leben und zu niedrigsten Löhnen und unter miesesten Bedingungen härteste Arbeit leisten, mit Gewalt auszuschaffen oder in nach seinen Wünschen gebaute Gefangenlager zu stecken inmitten von Sümpfen voller gefährlicher Tiere, von wo es kein Entrinnen gibt. Der bereits in seinem Wahlkampf des Jahres 2016 prahlend verkündete, er könnte jederzeit jemanden auf offener Strasse umbringen und würde trotzdem noch zum Präsidenten der USA gewählt. Der nach Gutdünken anderen Ländern Strafzölle in jeder beliebigen Höhe aufbrummt. Der für sich in Anspruch nimmt, es gehöre ihm allein die ganze Welt, und dass es nur eine Frage der Reihenfolge sei, wann er welche Länder unter seine Fittiche nehmen werde. Und der obendrein, als wäre das nicht alles schon mehr als genug, ein offiziell verurteilter Straftäter ist.
Doch kaum je wird die Frage gestellt, wie es überhaupt möglich ist, dass ein Mensch mit solchen „Qualitäten“ in eine Führungsposition kommen kann mit dermassen grossem Einfluss auf das gesamte Weltgeschehen, und wie man so etwas verhindern könnte. Das nämlich wäre die entscheidende Frage. Denn wenn erst einmal eine Machtposition besetzt ist, ist es überaus schwierig oder nachgerade unmöglich, dem, der sie innehat, diese wieder wegzunehmen. Er kann fast alles tun und lassen, was sich Menschen, die mit weniger Macht ausgestattet sind, nicht im Entferntesten leisten könnten.
Diese Frage ist deshalb so wichtig, weil Donald Trump ja nicht der Einzige ist. Man denke an den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu, hauptverantwortlich für über 50’000 tote oder schwerverletzte Kinder in Gaza, der aber höchstwahrscheinlich keinem einzigen dieser Kinder jemals auch nur eine einzige Träne nachgeweint hat. Oder an Aharon Haliva, den früheren Chef des israelischen Geheimdienstes, der öffentlich erklärte, für jedes Opfer der Massaker vom 7. Oktober 2023 müssten mindestens 50 Palästinenserinnen und Palästinenser sterben, dies sei „notwendig und erforderlich für zukünftige Generationen“. Oder an den israelischen Parlamentarier Moshe Feiglin, der Folgendes zum Besten gab: „Jedes Kind, jedes Baby in Gaza ist unser Feind. Der Feind ist nicht die Hamas. Wir müssen Gaza erobern und kolonisieren und dürfen kein einziges Kind mehr in Gaza übriglassen. Es gibt keinen anderen Sieg.“ Oder an Javier Milei, dessen Erkennungsmerkmal die Kettensäge ist und der während seiner Zeit als Universitätsprofessor dafür berüchtigt war, seine Studentinnen und Studenten dermassen zu schikanieren, dass er schliesslich entlassen werden musste, was ihn aber nicht daran zu hindern vermochte, zum Präsidenten Argentiniens gewählt zu werden und bereits einen Tag nach seinem Amtsantritt den Befehl herauszugeben, jedem, der an einer regierungsfeindlichen Demonstration teilnehmen würde, die Sozialhilfe zu entziehen. Oder die ehemalige deutsche Aussenministerin Analena Baerbock, die postulierte, das Ziel des Westens müsse es sein, „Russlands Wirtschaft zu ruinieren“, und die mit solchen und ähnlichen Aussagen dem Ansehen Deutschlands in der Welt zweifellos nicht wieder gut zu machenden Schaden zufügte. Oder der derzeitige deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz, dem in seinen stets völlig glatt geschliffenen, maschinenartigen und gänzlich emotionslosen öffentlichen Auftritten selbst dann nicht die geringste Gefühlsregung abzugewinnen ist, wenn er darüber spricht, Geldbeträge in nie dagewesenem Ausmass in militärische Aufrüstung zu pulvern, obwohl er doch ganz genau wissen muss, wie katastrophal sich dies auf die Lebensbedingungen seiner eigenen Landsleute auswirken muss. Oder EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die in hämisches, ungläubiges Lachen ausbrach, als sie von einem Journalisten gefragt wurde, ob sie in den Krieg der Ukraine gegen Russland, den sie so vehement befürworte, ihre eigenen Kinder auch schicken würde, offensichtlich fassungslos darüber, dass es jemandem überhaupt in den Sinn gekommen war, ihr eine so „absurde“ Frage zu stellen. Oder die ehemalige, für ihre knallharte Sparpolitik auf Kosten der Ärmsten berüchtigte britische Premierministerin Margret Thatcher, die 1987 jene im schlimmsten Sinne des Wortes unvergessliche Aussage machte, es gäbe „keine Gesellschaft, sondern nur Individuen“, und die damit den Grundstein legte für die in den westlichen Ländern bis zur Stunde nachwirkende systematische Zerstörung gesellschaftlichen Gemeinschaftsdenkens zu Gunsten eines immer härteren Konkurrenz- und Überlebenskampfs aller gegen alle. Oder die frühere US-Aussenministerin Madelaine Albright, die auf die Frage eines Journalisten nach dem Sinn der von den USA gegen den Irak zwischen 1990 und 1995 verhängten Wirtschaftssanktionen und dem dadurch bewirkten Tod von einer halben Million Kinder zur Antwort gab, der Tod dieser Kinder hätte sich durchaus gelohnt, weil er den Interessen der US-amerikanischen Wirtschafts- und Aussenpolitik zum Nutzen gereicht hätte. Oder der frühere brasilianische Präsident Jair Bolsonaro, der die Zeit der Militärdiktatur zwischen 1964 und 1985 als eine der „glorreichsten Epochen“ seines Landes bezeichnete, sich aber gewünscht hätte, die damaligen Machthaber hätten ihre Opfer nicht nur foltern, sondern in viel grösserer Zahl auch töten sollen. Oder die beiden sudanesischen Generäle Abdel Fattah al-Burhan und Mohamed Hamdan Dagalo, die sich, statt sich gemeinsam um das Wohl ihres Volkes zu kümmern, im April 2023 gegenseitig den Krieg erklärten, mit dem wahnwitzigen Ziel sowohl des einen wie des anderen, alleiniger Herrscher über das ganze Land zu werden, und so ein Krieg begann, in dem seither bereits Millionen von Menschen getötet oder in die Flucht getrieben wurden und täglich unbeschreibliche Massaker an Männer, Frauen und Kindern in so grosser Zahl geschehen, dass sich die Weltöffentlichkeit offenbar bereits so sehr gewöhnt hat, dass kaum mehr irgendwer davon Notiz nimmt.
Dabei gäbe es in jedem dieser Länder, vom Sudan über Brasilien und die USA bis nach Deutschland und Israel, Abermillionen von Frauen und Männern, die es nicht übers Herz brächten, anderen Menschen auch nur das geringste Leid zuzufügen. Die kaum noch gut schlafen können oder mitten in der Nacht schweissgebadet aufwachen, wenn sie am Abend zuvor am Fernsehen Bilder von drei- und vierjährigen Kindern im Gazastreifen gesehen haben, die barfuss, am ganzen Körper schlotternd, zwischen zeltförmigen Notunterkünften herumtappen, die im eisigen Wind nur noch aus ein paar Tuchfetzen bestehen. Die sich, als Pflegerinnen in Spitälern oder Altersheimen, selbst unter extremstem Zeitdruck alle Beine ausreissen, um auch jedem der ihnen anvertrauten Patientinnen und Patienten so gut als nur irgend möglich gerecht zu werden. Die, wenn sie selber die Premierministerin oder der Regierungspräsident ihres Landes wären, von früh bis spät kein anderes Ziel im Auge hätten, als sich für ein gutes Leben, für die Gesundheit, für die Sicherheit und das Wohl jener Menschen aufzuopfern, die sie in ihr Amt gewählt haben in der Hoffnung und im Vertrauen darauf, dass nur die menschlichsten, weisesten und empathischsten Menschen die Legitimität dafür haben sollten, in die verantwortungsvollsten und einflussreichsten Ämter gewählt zu werden zum Wohle aller.
Es ist eine Frage der Selektion. Welche Eigenschaften es sind, die darüber entscheiden, wer an die entscheidenden Schalthebel der Macht gelangt und wer nicht. Offensichtlich scheint diese Auslese nicht in der Weise zu erfolgen, dass die gefühlsvollsten und empathischsten Menschen in die höchsten Machtpositionen gelangen. Vielmehr scheint eher das pure Gegenteil der Fall zu sein.
Vielleicht kann uns ein ganz banales und alltägliches Beispiel dazu helfen, ein wenig Licht in diese Frage zu bringen. Es gab unlängst, so wurde mir erzählt, an einer schweizerischen städtischen Volksschule die Frage, welcher Lehrer bzw. welche Lehrerin sich am besten für die frei gewordene Stelle der Schulleitung eignen würde. Aus dem gegenseitigen Gerangel um die Stellenbesetzung jener, die sich dafür interessierten – während eine grössere Anzahl von Lehrpersonen an diesem Amt gar kein Interesse zeigten -, ging schliesslich jener als „Sieger“ hervor, den viele hinter vorgehaltener Hand als den „unbeliebtesten“ Lehrer dieser Schule bezeichnen. Als ein Jahr später auch noch das Schulpräsidium neu zu besetzen war, kam es erneut zu einem Gerangel unter den dafür Interessierten und es setzte sich zuletzt wiederum – oh Wunder! – ausgerechnet jener Schulleiter als „Sieger“ durch, den die meisten hinter vorgehaltener Hand als den „ekligsten“ von allen bezeichnen.
Man könnte an dieser Stelle Tausende weitere Beispiele beschreiben. Wohin wir blicken, es gibt sie überall. Wir brauchen den Blick nicht nur auf die Schlimmsten und Bekanntesten von ihnen zu beschränken. Es sind, mitten in unseren „demokratischen“ Ländern, Universitätsprofessoren, die auf zynische Art ihre Studentinnen und Studenten unter Druck setzen und gegeneinander ausspielen. Es sind Beamte auf Sozialämtern, die einem Flüchtling aus Eritrea das Formular, das er falsch oder unvollständig ausgefüllt hat, vor seinen Augen in der Luft zerreissen. Es sind Theaterintendanten, die eine soeben fertig ausgebildete Schauspielerin, die sich für eine Rolle an seinem Theater bewirbt, dazu zwingt, sich vor ihm nackt auszuziehen, da sie sonst zum Vornherein keine Chance hätte, die Rolle zu bekommen. Es sind Ausbildungsverantwortliche, die auf den Fehlern ihrer Lehrlinge so lange und systematisch herumhacken, bis diese jegliches Selbstvertrauen verloren haben und die Lehre abbrechen.
Es sind nicht alle so. Es gibt, zum Glück, unzählige positive Gegenbeispiele. Aber es sind leider trotz allem viel zu viele, die ihre Machtposition nicht dazu benützen, anderen Gutes zu tun, sondern dazu, sie zu missbrauchen gegenüber anderen, die sich in einer schwächeren Position befinden.
Doch was ist es, was einen Menschen dazu antreibt, ein Amt oder eine berufliche Position anzustreben, die mit möglichst viel Machtfülle ausgestattet ist? Ich vermute, dass es häufig persönliche Defizite, Schwächen, vielleicht sogar früh im Leben empfundene Demütigungen, Ungerechtigkeiten und Gefühle von Ohnmacht sein könnten. So etwa, um nur ein einziges Beispiel zu nennen, ist bekannt, dass Javier Milei als Kind täglich von seinem Vater aufs brutalste mit einem Gürtel verprügelt wurde. Ein mit Macht über andere Menschen ausgestattetes Amt kann möglicherweise solchen Menschen das wohltuende Gefühl verleihen, „wichtig“, angesehen, ja vielleicht sogar bewundert zu werden und damit sozusagen Rache zu nehmen an denen, unter deren Gewalt und Macht man selber gelitten hatte. Das mag ja bis zu einem gewissen Grad durchaus legitim sein, wer will schon nicht geliebt und bewundert werden. Wenn aber die dahinter liegenden Defizite zu gross sind und nie in der eigenen Persönlichkeitsfindung überwunden werden konnten, ist die Gefahr von Machtmissbrauch immens: Dass es dem „Mächtigen“ nicht so sehr um das Wohl anderer geht, sondern nur um das Wohl seiner selbst, seines Ego. Daraus kann sich unter Umständen so etwas wie eine „Sucht“ entwickeln: Je mehr Macht, umso mehr Machthunger, der sich aber nie endgültig stillen lässt, solange das eigene Ich nicht im Gleichgewicht ist und stets mit noch grösseren Machtgefühlen befriedigt werden muss.
Schuld daran, dass vor allem Machtgierige zu Macht gelangen, um damit ihre persönlichen Defizite zu kompensieren, sind aber nicht nur diese selber. Schuld daran, dass zu viele Machtgierige an der Macht sind und zu wenig liebevolle und sich an erster Stelle um das Wohl anderer Kümmernde, sind auch jene, die den Machtgierigen das Feld überlassen für ihre ungehinderte Machtentfaltung. „Alles, was das Böse braucht, um zu triumphieren“, so der ehemalige UNO-Generalsekretär Kofi Anan, „ist das Schweigen der Mehrheit.“ Albert Einstein sagte es so: „Die Welt ist viel zu gefährlich, um darin zu leben. Nicht wegen der Menschen, die Böses tun, sondern wegen den Menschen, die daneben stehen und sie gewähren lassen.“ Und fast mit den gleichen Worten sagte es auch Sophie Scholl, eine Studentin an der Universität München, die berühmt geworden ist als Widerstandskämpferin gegen das Naziregime und ihren Mut mit dem Leben bezahlen musste: „Der grösste Schaden entsteht durch die schweigende Mehrheit, die nur überleben will, sich fügt und alles mitmacht.“
Es ist, so anmassend diese Vermutung auf den ersten Blick klingen mag, vielleicht auch eine Frage der Intelligenz. Darüber muss offen, ehrlich und selbstkritisch nachgedacht werden, auch wenn dadurch kaum je hinterfragte Denkmuster ins Wanken geraten, dann gerade erst recht. Denn es gibt ganz verschiedene Formen und Definitionen von Intelligenz, und es ist eben nicht das Gleiche, von welcher dieser Formen und Definitionen man ausgeht. Als sich Analena Baerbock in einem Streitgespräch mit Robert Habeck als die bessere Kandidatin als zukünftige deutsche Aussenministerin zu profilieren versuchte, sagte sie, sie selber komme aus dem „Völkerrecht“, er, Habeck, komme hingegen aus dem „Kuhstall“. Diese Form von „Intelligenz“, welche Baerbock mit dieser Aussage für sich in Anspruch nahm, ist pure Arroganz und somit nicht eine Form von echter Intelligenz, sondern eher von ihrem Gegenteil. Denn „Intelligenz“ ohne Empathie, Bescheidenheit, Einfühlungsvermögen, Selbstkritik, ohne Bereitschaft zuzuhören, andere Meinungen ernst zu nehmen und die eigene Meinung immer wieder kritisch zu hinterfragen, ist nicht echte Intelligenz, da kann man noch so lange Völkerrecht studiert und noch so viele gescheite Bücher gelesen haben.
Wenn sich Machtgier und Dummheit verbinden, dann kann daraus eine höchst gefährliche Mischung entstehen, welche den Machtmissbrauch noch viel gefährlicher macht, als er an sich schon ist. Eine Mischung, die darin besteht, dass „Machtmenschen“ häufig völlig unzugänglich sind für rationale Argumente, wie auch für das Erkennen und Einbeziehen historischer Hintergründe und gesamtgesellschaftlicher Zusammenhänge, und sich stattdessen viel lieber hinter ihrer Macht und ihrer vermeintlichen „Intelligenz“ verstecken, immer höhere und dickere Mauern um sich herum aufbauen und ihre „Widersacher“ im Sinne einer klassischen Projektion eigener Defizite auf andere Menschen als „dumm“, „ungebildet“ oder gar „primitiv“ abqualifizieren und sie auf diese Weise aus dem politischen Diskurs ausschliessen.
Erst dann, wenn immer mehr Menschen an die Macht gelangen, welche ihre Macht nicht für die eigenen egoistischen Ziele missbrauchen, sondern dafür einsetzen, um für möglichst viele andere Menschen möglichst viel Gutes zu tun, und erst dann, wenn an die Stelle vermeintlicher „Intelligenz“ echte Weisheit in die Welt der Politik einkehrt, kann sich tiefgreifend etwas verändern. Denn schon vor über 2000 Jahren wusste der griechische Philosoph Platon: „Diejenigen, die zu klug sind, um sich in der Politik zu engagieren, werden dadurch bestraft werden, dass sie von Leuten regiert werden, die dümmer sind als sie selbst.“
In der Diskussion über die SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» kam man schnell von den Details der von der Initiative geforderten Massnahmen hin zur Erkenntnis, dass sich über diese Initiative nicht diskutieren lässt, ohne auch den Bezug zum gesamten Wirtschaftssystem und zu allgemeinen Fragen wie etwa den Vor- und Nachteilen eines unbegrenzten Wirtschaftswachstums herzustellen.
Die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» fordert, die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz bis zum Jahr 2050 auf unter zehn Millionen zu begrenzen. Wird die Anzahl von 9,5 Millionen vor 2050 überschritten, müssten Bundesrat und Bundesversammlung gesetzliche Massnahmen zur Einhaltung des Grenzwerts ergreifen, so etwa im Asylbereich, beim Familiennachzug oder bei der Neuverhandlung von internationalen Übereinkommen wie etwa den Verträgen mit der EU.
Gleich zu Beginn der Diskussion wurde die Frage aufgeworfen, ob ein permanentes Wirtschaftswachstum überhaupt wünschbar sei. Denn zweifellos bilde dies den eigentlichen Treiber der Zuwanderung: Wachse die Wirtschaft, brauche es mehr Arbeitskräfte, mehr Menschen bräuchten mehr Raum, dies wiederum wirke sich auf Infrastrukturen und das Sozialsystem aus, und so weiter. Eine solche Entwicklung, so wurde mehrfach gesagt, könne nicht ewig in die gleiche Richtung weitergehen. Dass ein grosser Teil der Bevölkerung – gemäss neuesten Umfragen sogar die Mehrheit – dieser Initiative grosse Sympathien entgegenbringt, sei daher verständlich.
Allerdings, so zeigte sich im weiteren Verlauf der Diskussion, stünden in der öffentlichen Debatte häufig einseitige oder sogar verfälschende Behauptungen und Meinungen im Vordergrund. So etwa werde behauptet, Ausländerinnen und Ausländer würden unser Gesundheitssystem übermässig belasten, Tatsache sei aber, dass diese das Gesundheitssystem um durchschnittlich 28 Prozent weniger belasten als Schweizerinnen und Schweizer. Auch die Verknappung des Wohnraums sei nicht primär eine Folge der Zuwanderung, sondern die Folge einer gesetzlich bedingten künstlichen Verknappung des Bodens, zudem würden Ausländerinnen und Ausländer weit weniger Wohnfläche beanspruchen als ein grosser Teil der Schweizerinnen und Schweizern, welche oft alleine oder zu zweit in geräumigen Einfamilienhäusern lebten und nicht selten auch noch über eine Zweit- oder sogar Drittwohnung verfügten.
Mehrfach wurde im Verlauf der Diskussion auch darauf hingewiesen, dass eine Schweiz ohne Zuwanderung gar nicht überlebensfähig wäre, bedenke man doch, dass in gewissen Branchen bis zu 90 Prozent der Belegschaft ausländischer Herkunft seien. Zitiert wurde auch eine Berechnung des Bundesamts für Statistik, wonach die Schweiz ohne Zuwanderung im Jahr 2050 nur noch 6,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner hätte und 20 Jahre später nur noch 4,7 Millionen. Ob man wolle oder nicht: Zuwanderung habe gewiss ihre Schattenseiten, aber wegzudenken lasse sie sich schon lange nicht mehr.
Vorliegende Geschichte beruht auf Tatsachen, erlebt von einer im Jahre 2012 aus Syrien in die Schweiz geflüchteten fünfköpfigen Familie, zwischen 2022 und 2026, in einer Ostschweizer Gemeinde.
Khaled* war vier Jahre alt, als seine Eltern mit ihm und seinem zwei Jahre älteren Bruder vor dem Krieg in Syrien in den Libanon flüchteten. Dort lebte die Familie fast ein Jahr lang in einem Flüchtlingscamp, bis sie im Rahmen eines UN-Hilfsprogramms in die Schweiz ausreisen konnte, um hier ein dauerhaftes Bleiberecht zu erhalten.
Zehn Jahre später: Khaled besucht die 1. Klasse der Oberstufe. Vorerst, wie bereits zuvor in der Primarschule, geht alles gut. Doch nach dem ersten Semester kommt es zu einem Lehrerwechsel, mit dem Schwierigkeiten ihren Anfang nehmen, die im Laufe der folgenden Schuljahre immer gravierendere Ausmass annehmen werden. Khaled wird schliesslich einer Sonderklasse zugewiesen, aber auch dort treten erneut Schwierigkeiten auf, die auch durch Intervention von Schulbehörden und mehreren Fachstellen keine Lösung finden. Kurz nach dem Beginn des 3. Oberstufenjahrs wird Khaled sodann gänzlich von der Schule weggewiesen und verbringt nun die folgenden drei Monate ohne Beschulung und auch ohne weitere Beschäftigung zuhause. Er und seine Eltern machen sich grösste Sorgen um seine Zukunft und bekommen während dieser Zeit auch keinerlei Unterstützung durch die Schule, ausser dass einer von Khaleds ehemaligen Mitschülern ihm einmal pro Woche Aufgaben bringt, die er zuhause erledigen kann. Seine ehemaligen Klassenkolleginnen und Klassenkollegen trifft er weiterhin in der Freizeit, auch verbringt er viel Zeit mit seiner Freundin.
Schwierig zu erfassen, wann genau und wie und weshalb alles angefangen hatte. Was auffällt: Auf Lehrerwechsel, von denen es im Verlauf der Oberstufenzeit mehrere gab, reagierte Khaled stets äusserst empfindlich. Alles schien auf der emotionalen Ebene von der Beziehung zum betreffenden Lehrer oder der betreffenden Lehrerin abzuhängen. Entweder war alles gut oder alles schlecht. Dies hatte jeweils auch unmittelbar frappante Auswirkungen auf die schulischen Leistungen. So führte einer der Lehrerwechsel dazu, dass Khaleds Noten in einzelnen Fächern um bis zu zwei Punkten absackten, etwa von 5.5 auf 3.5 oder von 5 auf 3. Bestimmt war Khaled keine „einfacher“ Schüler. Aber es schien so, dass einige seiner Lehrerinnen und Lehrer damit besser umgehen konnten, andere schlechter und wieder andere überhaupt nicht. Ging es nur im Entferntesten um Äusserungen, die Khaled als „rassistisch“ empfand, konnte das bei ihm, auch wenn es vielleicht gar nicht so krass gemeint war, heftigste Reaktionen auslösen und er, sonst eher ruhig und zurückhaltend, wurde plötzlich laut und aufbrausend. Insbesondere bei einer seiner Lehrerinnen führte dies immer wieder zu heftigen Konflikten. Gewiss soll und muss man nicht jegliches „Fehlverhalten“ eines Jugendlichen entschuldigen und rechtfertigen. Aber es macht zweifellos einen riesigen Unterschied, ob ein Kind im Alter von einem bis fünf Jahren in einer sicheren und behüteten Umgebung aufwachsen konnte oder unter der ständigen Bedrohung und Angst vor Gewalt und Krieg und dem kargen Leben in einem Flüchtlingslager – entscheidende Jahre der Persönlichkeitsbildung, die ein Kind wohl lebenslang prägen, ohne dass ihm selber ganz bewusst ist, was die täglichen Erlebnisse, Begegnungen, zwischenmenschlichen Kontakte und Alltagserfahrungen in seinem Innersten auslösen und wie er damit umgehen kann oder eben nicht.
Drei Monate unbeschäftigten Herumsitzens tun einem jungen Menschen in diesem Alter nicht gut. Dazu das schmerzliche Gefühl, aus der Gemeinschaft der Gleichaltrigen ausgeschlossen worden zu sein. Und zu alledem noch die Angst vor der Zukunft: Was wird später einmal aus mir, werde ich in dieser Gesellschaft einmal einen Platz finden, werde ich meinen Lebensunterhalt jemals selber verdienen können? Die ganze Familie leidet, die Eltern machen sich täglich Vorwürfe, versagt zu haben, ihrem Sohn vielleicht zu wenig abverlangt zu haben, zu gutgläubig gewesen zu sein, dass schon alles früher oder später gut herauskommen werde.
20. November 2024. Ich bekomme einen Telefonanruf von Khaleds Mutter, die ich etwa ein halbes Jahr zuvor im Zusammenhang mit einem Integrationsprojekt kennengelernt hatte, woraus eine schöne Freundschaft mit ihr und ihrer Familie entstanden war. Sie sei völlig verzweifelt, wisse nicht mehr ein noch aus, ob ich Zeit hätte, sie brauche dringend meinen Rat.
Noch am gleichen Tag, gegen Abend, sitzen Khaled, seine Eltern und sein jüngerer Bruder bei mir zuhause am Esstisch. Was sie mir erzählen, kann ich zunächst fast nicht glauben. So etwas habe ich noch nie gehört, obwohl ich selber während fast 40 Jahren als Oberstufenlehrer tätig gewesen war und einen umfassenden Einblick hatte in alle möglichen Entscheide betreffend „schwierige“ Schülerinnen und Schüler, Versetzungen, Klassenwechsel, Konflikte zwischen Eltern und Lehrkräften oder Schulbehörden, usw. Was war geschehen? Die Eltern hatten vor etwa zehn Tagen vom Schulpräsidenten die Einladung zu einer Besprechung erhalten, wie es mit Khaled in Bezug auf die Schule weitergehen sollte. Der Einladung folgend, sitzen die Eltern nun also am 18. November um 17.30 Uhr im Vorzimmer des Sitzungsraums der Schulverwaltung und harren der kommenden Dinge. Es vergeht fast eine Stunde, bis sich endlich die Tür zum Sitzungszimmer öffnet und die beiden eingelassen werden. An drei Seiten des Sitzungstischs sitzen insgesamt acht Personen, von der zuständigen Schulpsychologin über den Schulleiter der Oberstufe, einen Vertreter der Lehrerschaft bis zur Kantonalärztin, einer Mitarbeiterin des KJPD und weiteren Fachpersonen. Khaleds Eltern werden gebeten, auf den zwei freien Stühlen am unteren Ende des Tisches Platz zu nehmen. Der Schulpräsident kommt ohne längere Umschweife zur Sache: Das hier versammelte Gremium habe nach langer und ausgiebiger Diskussion beschlossen, Khaled in eine psychiatrische Klinik einzuweisen, dies sei, nach allen gescheiterten Versuchen innerhalb der vorhandenen schulischen Angebote, die einzige noch verbliebene Möglichkeit, um die gravierenden Defizite in Bezug auf sein Verhalten, seine Lernbereitschaft und seine labile Persönlichkeitsstruktur mit entsprechenden therapeutischen Massnahmen gezielt und professionell in den Griff zu bekommen. Alles haben Khaleds Eltern erwartet, nur das nicht. Wer diese Massnahme beschlossen habe, will der Vater wissen. „Niemand meldete sich, alle schauten sich nur gegenseitig an“, wird er mir zwei Tage später berichten. Auf die zweite Frage, worin das Ziel des Aufenthalts in der Klinik bestünde, kommt die Antwort, dass man das noch nicht sagen könne, da es zunächst noch abgeklärt werden müsse. Und auf die dritte Frage, wann der Eintritt in die Klinik erfolgen werde, wird den Eltern erklärt, dass dies durchaus noch etwa zehn Wochen dauern könnte, weil gerade in keiner der in Frage kommenden Institutionen ein Platz frei wäre.
Mehr rote Signale kann man in so kurzer Zeit wohl kaum überfahren. Über die Köpfe der Eltern hinweg fassen acht „Fachpersonen“, von denen einige Khaled und seine Eltern nicht einmal persönlich kennen, einen so einschneidenden, gravierenden Entscheid. Khaled selber, der eigentliche Hauptbetroffene, ist gar nicht anwesend und hat somit keine Möglichkeit, Stellung zu nehmen. Niemand erklärt den Eltern, dass die Einweisung in eine psychiatrische Klinik ohne umfassende medizinische Abklärungen – die nie erfolgt sind – und gegen den Willen des Jugendlichen und seiner Eltern gar nicht erfolgen darf. Es gibt keine schriftliche Beschlussfassung. Es bleibt intransparent, welche der involvierten Personen oder Fachstellen den Antrag auf die Einweisung in eine Klinik gestellt hat. Folglich haben die Eltern auch keine Möglichkeit, gegen den Entscheid Einsprache zu erheben, umso weniger, als nicht einmal etwas Schriftliches vorliegt, worauf sie Bezug nehmen könnten. Und dass sie das Recht auf einen Rekurs haben, wird ihnen einfach vorenthalten. Zudem ist eine Verlängerung des bereits dreimonatigen Schulausschlusses um weitere zehn Wochen rechtlich gar nicht zulässig, aber auch das wird den Eltern nicht kommuniziert. So etwas kann man wohl nur mit einer Flüchtlingsfamilie machen, deren Leben schon vom ersten Tag an, an dem sie sich in der Schweiz aufgehalten haben, laufend von Ängsten belastet war: Von der Angst, irgendetwas falsch zu machen, sich falsch auszudrücken, falsch verstanden zu werden, mit Behörden in Konflikt zu geraten oder vielleicht sogar eine spätere Einbürgerung aufs Spiel zu setzen.
Am nächsten Tag rufe ich den Schulpräsidenten an. Teile ihm mit, dass Khaleds Eltern mich um Rat gefragt hätten. Dass ich selber Oberstufenlehrer gewesen sei und es manchmal auch mit „schwierigen“ Jugendlichen zu tun gehabt hätte, mir aber selbst im Traum niemals eingefallen wäre, einen Jugendlichen deswegen in eine psychiatrische Klinik einweisen zu wollen. Dass man doch jedem jungen Menschen eine zweite Chance geben sollte und die Möglichkeit, aus gemachten Fehlern etwas zu lernen. Ohne näher auf meine Einwände einzugehen, beteuert der Schulpräsident, dass der Entscheid „von einem achtköpfigen Gremium“ gefällt worden sei, und dies nach langer und ausgiebiger Diskussion. Schon liegt mir der Satz, auch acht Menschen könnten sich irren, auf der Zunge, da besinne ich mich eines Besseren, denn ich suche ja nicht eine Konfrontation, sondern eine konstruktive Lösung. „Ich bin sicher“, sage ich, „dass sich diese acht Personen alle nur erdenkliche Mühe gegeben haben, für Khaled eine gute Lösung zu finden. Dennoch finde ich, es gäbe bessere Ideen.“ Zum ersten Mal im Verlaufe dieses Telefongesprächs habe ich das Gefühl, dass mir der Schulpräsident ernsthaft zuzuhören beginnt. „Ich hätte eine Idee“, sage ich, „man könnte es noch einmal mit einem Besuch der Regelschule versuchen. Khaled könnte das dritte Oberstufenjahr regulär abschliessen und sich so die Aussicht erarbeiten, anschliessend eine Berufslehre in Angriff zu nehmen. Zur Vorbereitung dieses Schrittes könnte Khaled einen Brief aufsetzen mit zehn Punkten, in denen er sich zukünftig verbessern wolle. Sobald auch nur einer dieser Punkte verletzt würde, sollte der betroffene Lehrer bzw. die betreffende Lehrerin unverzüglich mit mir Kontakt aufnehmen, damit ich zusammen mit Khaled eine Lösung suchen könnte. Zudem würde ich mich zur Verfügung stellen, um während einer Stunde pro Woche mit Khaled zusammenzusitzen und an den Punkten zu arbeiten, wo noch Handlungsbedarf bestehe. Dieses Angebot scheint seine Wirkung nicht verfehlt zu haben. Und spätestens ab jetzt mischen sich in diese Geschichte nebst allen Schwierigkeiten und Hindernissen immer öfters auch groteske, nahezu absurde Elemente, zeigen sich in scheinbar unerschütterlichen Denkstrukturen immer öfters Risse und Schwachstellen. Denn in diesem Augenblick, man glaubt es kaum, meint der Schulpräsident, dass eine Coachingstunde pro Woche des Guten wohl zu viel wäre, eine Stunde pro zwei Wochen würde wohl durchaus genügen. Er, der eben noch die Ansicht vertrat, nur ein Rund-um-die-Uhr-Setting in einer psychiatrischen Klinik könne den enormen Defiziten Khaleds gerecht werden. Das Gespräch endet damit, dass mir der Schulpräsident verspricht, mit den acht Fachpersonen noch einmal das Gespräch zu suchen. Falls man keinen gemeinsamen Termin finden würde, nähme er mit den Einzelnen bilateral Kontakt auf.
28. November, 16 Uhr. Khaled hat seinen wöchentlichen Gesprächstermin bei einer jungen Psychologin, die ihn schon seit einem halben Jahr begleitet. Diese war eine der acht Fachpersonen, welche gemeinsam die Einweisung Khaleds in die psychiatrische Klinik beschlossen, und, wie wir zwischenzeitlich erfahren haben, sogar jene Person im Gremium war, welche die Idee der Klinik eingebracht hatte. Ich habe sie vorgängig gefragt, ob es möglich wäre, dass Khaleds Eltern, eine Bekannte der Familie, die während vielen Jahren in Deutschland als aufsuchende Jugendarbeiterin tätig war, sowie ich Khaled bei seiner heutigen Sitzung begleiten dürften. Kein Problem, meinte die Psychologin, und so sitzen wir nun hier, in einer etwas anderen Konstellation. Es ist jetzt die Psychologin alleine, die zunächst immer noch an der Idee der Klinikeinweisung festhält, und es sind fünf Personen, die dies ganz und gar nicht eine gute Idee finden. Und plötzlich ist die Psychologin voll des Lobes für Khaled und sagt ihm sogar ganz direkt: „Du hast bisher alles richtig gemacht.“ Und auch Khaled bestätigt, dass er sich bei ihr stets verstanden fühle und immer gerne zu ihr komme.
Wunder geschehen. Eine Woche später – was immer auch in der Zwischenzeit geschehen sein mag, ich weiss es nicht – spricht kein Mensch mehr von der psychiatrischen Klinik. Stattdessen gibt es noch einmal eine Einladung vom Schulpräsidium. Im gleichen Raum, am gleichen Tisch. Anwesend sind der Schulpräsident, der Schulleiter der Oberstufe, der zugleich als Protokollführer amtet, Khaled, seine Eltern, die mit ihnen befreundete Jugendarbeiterin und ich. Schon beim Hereinkommen haben der Schulpräsident und der Schulleiter Khaled und seinen Eltern dermassen freundlich und schon fast überschwänglich die Hand geschüttelt, dass Khaleds Vater nach der Sitzung zu mir sagte, er hätte noch nie erlebt, dass Menschen so gegensätzliche Gesichter haben könnten, es sei ihm vorgekommen, als wären es total andere Menschen als zwei Wochen zuvor. Die Sitzung selber verläuft in entspannter Atmosphäre überraschend erfolgreich: Khaled wird unverzüglich in eine Timeout-Schule eintreten können, wo er seine infolge der langen Abwesenheit von der Schule entstandenen Lücken aufarbeiten und sich gezielt auf eine zukünftige Berufslehre vorbereiten kann.
5. Dezember 2024. Früher als erwartet findet das Eintrittsgespräch in die Timeout-Schule statt. Der Schulleiter und Khaled fangen sogleich gegenseitig Feuer. „Das packen wir“, sagt der Schulleiter und gibt Khaled zum Abschluss des Gesprächs ein kräftiges Give-me-five. Dann führt er uns durch die Schule. Es handelt sich um ein ehemaliges Primarschulhaus, jetzt der Lernort für maximal acht „schwierige“ Jugendliche, die aus was für Gründen auch immer in der Regelschule nicht „tragbar“ waren und nun hier gelandet sind, meistens für eine begrenzte Zeit, betreut von drei Lehrern, ohne Lehrpläne und Stundenpläne, einfach mit unterstützender, individueller Lernbegleitung, und dazwischen viel Spass und gemeinsame Aktivitäten. Eines der ehemaligen Schulzimmer wurde in eine Küche umgebaut, ein anderes in eine Werkstatt, ein drittes in einen Spielraum. Alles ganz so, wie man sich eine ideale Schule vorstellt. Offensichtlich muss man im traditionellen Schulsystem ein sehr „schwieriger“ Schüler gewesen sein und total „versagt“ haben, um in den Genuss einer wirklich pädagogischen Schule zu kommen, von der alle anderen nur träumen können. Nachdem der Schulleiter zum Abschied allen die Hand geschüttelt hat, kann es der jüngere Bruder von Khaled, der ebenfalls mitgekommen ist, nicht lassen, dem Schulleiter seinen riesigen Stoffhasen, den er mitgenommen hat, entgegenzustrecken, worauf dieser auch dem Hasen zum Abschied die Ohren schüttelt – alle lachen. Nur gute Gefühle begleiten uns auf dem Heimweg.
In den nächsten Wochen hören wir vom Schulleiter über Khaled nur Gutes. Khaled sei interessiert, lernfreudig und verhalte sich tadellos. Der Schulleiter könne nicht verstehen, weshalb die Lehrerinnen und Lehrer der Regelschule mit Khaled so grosse Probleme gehabt hätten, dass er schliesslich von der Schule geflogen und um ein Haar in einer psychiatrischen Klinik gelandet wäre. Die Vermutung, dass bei Khaled alles eine Frage der emotionalen Beziehung ist, bestätigt sich voll und ganz. Entweder ist alles gut oder alles schlecht. Aber nichts dazwischen.
Bis uns Ende März eine Nachricht ereilt, die alles wieder über den Haufen wirft: Khaled wurde im Gruppenraum der Schule erwischt, als er einem Mitschüler einen mit psychoaktiver Substanz gefüllten Beutel zuschob. Zutiefst bedauert der Schulleiter, Khaled den weiteren Besuch der Timeout-Schule verbieten zu müssen. Aber bei Drogen herrsche nun mal Nulltoleranz. Wenn er darüber hinwegsehen und das dann publik werden würde, wäre er wahrscheinlich schon in Kürze seinen Job los.
Und so sitzen wir alle kurz darauf wieder im Sitzungszimmer der Schulverwaltung. Es wäre eben vielleicht doch besser gewesen, Khaled in eine Klinik einzuweisen, meint der Schulpräsident, dann wäre das alles nicht passiert. Und ja, wahrscheinlich sei nun die Klinik in der Tat nur noch das Einzige und Letzte, was für Khaled in Frage käme.
Zwei Tage lang weibelt die mit Khaleds Eltern befreundete Jugendarbeiterin von Fachstelle zu Fachstelle, von Büro zu Büro, von Termin zu Termin. Es muss doch noch irgendeine Alternative zur psychiatrischen Klinik möglich sein. Und dann hat plötzlich eine Idee, die alles wieder in eine gute Richtung zu wenden vermag…
Zwei Wochen später finden wir uns wieder in besagtem Sitzungszimmer und der Schulleiter der Oberstufe strahlt übers ganze Gesicht. Es sei die Idee der Jugendarbeiterin gewesen. Angesprochen bin ich. Als pensionierter Oberstufenlehrer sei ich doch bestens dafür prädestiniert, Khaled mithilfe regelmässigen Privatunterrichts den noch fehlenden Schulstoff zu vermitteln, um ihm einen regulären Schulabschluss zu verschaffen und damit die Möglichkeit, anschliessend eine Berufslehre anzutreten, was infolge eines frühzeitigen Schulabbruchs und der nicht erfüllten neunjährigen Schulpflicht nicht mehr möglich gewesen wäre.
Und dann geht es Schlag auf Schlag. An drei Halbtagen pro Woche gehe ich mit Khaled den ihm noch fehlenden Schulstoff durch, bei mir zuhause, mit Kaffee und Gipfeli. Er erscheint stets pünktlich, verhält sich ohne jeglichen Tadel, bedankt sich jedes Mal aufs höflichste. Ich staune über sein Interesse, sein Konzentrationsvermögen, seine Intelligenz. Ich komme mit dem Liefern neuen Stoffs kaum nach, so ungestüm bewältigt er Aufgabe um Aufgabe, Kapitel um Kapitel in den uns zur Verfügung stehenden Lehrmitteln. Mir wird bewusst, wie effizient solches 1:1-Lernen ist im Vergleich zu einem Klassenunterricht. Hier gibt es keinerlei Ablenkung, keinerlei Störungen, keine Gruppendynamiken, keine Konflikte zwischen Erziehungspersonen und Jugendlichen, kein Mobbing, kein Konkurrenzdenken, nichts. Das Lernen ist zu 100 Prozent Lernen, ohne jeglichen Kompromiss abgestimmt auf das individuelle Lernvermögen, das Lerntempo und die Lernstrategien dieser einzelnen und keiner anderen Person. Ich wage zu behaupten, dass auf diese Weise in jeder einzelnen Stunde mehr echtes Lernen und mehr echte Lernfortschritte stattfinden als während eines ganzen Tages in einem „normalen“ Klassenunterricht. Und dies alles erst noch in einer von A bis Z freundlichen und wohltuenden Atmosphäre, ohne dass je ein ungutes Wort fällt, irgendwer getadelt oder bevormundet wird, jemals Gefühle von Langeweile, Überforderung oder Unterforderung aufkommen. Mein schon lange gehegter Traum von radikal neuen Formen von Lernen im Alltag, stets in 1:1-Konstellationen, in denen Wissen, Kenntnisse und Fähigkeiten auf ganz natürliche Weise von denen, die schon über sie verfügen, weitergegeben werden an jene, die noch nicht über sie verfügen, Learning by Doing, Lernen im Leben, bei dem es keine „Lehrer“ und keine „Schüler“ mehr gibt, sondern alle, unabhängig vom Lernen, stets zugleich lehrend und lernend sind, natürliches Lernen, so wie es jedes Kind von Geburt mit unendlich viel Freude und Erfolg praktiziert und wie es mit einem traditionellen, auf Lehrplänen und Jahrgangsklassen beruhenden Schulsystem nicht mehr das Geringste zu tun hat, dieser Traum nimmt in diesen Stunden mit Khaled eine immer realistischere Gestalt an. Und ebenso die Erkenntnis, dass es auf diese Weise auch gar keine „schwierigen“ Schülerinnen und Schüler mehr geben kann, sondern „schwierige“ Schülerinnen und Schüler stets bloss das Produkt einer Schule sind, welche die elementarsten Gesetzmässigkeiten natürlichen Lernens missachtet. Den Beweis dafür erbringen Khaled und ich an jedem dieser Tage aufs Neue: Alle Angebote des bestehenden Schulsystems, die ganze Palette an zur Verfügung stehendem Fachpersonal, alles ist gegenüber Khaled gescheitert, hat an ihm versagt und kam am Ende zu keiner anderen Lösung, als ihn entweder in eine psychiatrische Klinik zu schicken oder ihn, ohne Schulabschluss, sich selber und einem völlig ungewissen Schicksal zu überlassen. Das 1:1:Lernen wird nie scheitern und wird nie versagen und kann alles, was zuvor verloren ging, wieder neu aufbauen.
Die übrigen Wochentage verbringt Khaled mit einem Arbeitspraktikum auf einem therapeutischen Bauernhof, auch das von A bis Z eine Erfolgsgeschichte sowie eine weitere Bestätigung für die Bedeutung emotionaler Beziehungen beim Aufbau von Selbstvertrauen und der Entfaltung des vorhandenen individuellen Begabungspotenzials.
Drei Wochen, nachdem ich mit dem Privatunterricht für Khaled angefangen hatte, ist ein weiterer Berufskollege in unser Begleitteam eingestiegen, ebenfalls ein pensionierter Oberstufenlehrer, aber im Gegensatz zu mir als Sprachlehrer ein Lehrer der mathematisch-naturwissenschaftlichen Richtung, wodurch wir Khaled noch viel umfassender begleiten können, zumal seine Interessen ohnehin eher in die technisch-naturwissenschaftliche Richtung gehen.
Auch für den Schulleiter und den Schulpräsidenten ist eine neue Welt aufgegangen. Auch sie haben etwas gelernt, was sie wohl nie mehr vergessen werden: Es braucht nur wenig Mut und nur wenig Offenheit, um aus bestehenden Denkmustern auszubrechen und neue Wege zu entdecken, auf denen es keine Gewinner und Verlierer mehr gibt, sondern alle Beteiligten am Ende Gewinner sind.
Und ich habe sogar für den erteilten Unterricht einen richtigen schönen Lohn bekommen. Nie hätte ich mir an jenem 21. November 2024, als ich dem Schulpräsidenten in diesem ersten Telefonat zu verstehen gab, dass ich die Idee mit der psychiatrischen Klinik nicht besonders gut fände, träumen lassen, von eben diesem Schulpräsidenten später einmal als Lehrer angestellt zu werden, mit einem richtigen Arbeitsvertrag. Ich hatte bloss noch mein Lehrerdiplom vom Juni 1974 suchen müssen und es zum Glück auch tatsächlich gefunden, damit die auf der Schulverwaltung wussten, dass ich tatsächlich ein „richtiger“ Lehrer bin.
6. Januar 2026. Khaled besucht seit August 2025 das Freiwillige Zehnte Schuljahr. Konflikte, Schwierigkeiten, aussichtslose Situationen, Abstürze, verzweifelte Eltern, schlaflose Nächte, Zukunftsängste, nichts davon hat es jemals wieder gegeben. Er hat noch nie eine Note unter 5 gehabt und wird nach einem erfolgreich absolvierten Praktikum in einem Restaurant im kommenden August eine Berufslehre als Koch beginnen. Seine wilde Haarpracht von früher, hinter der man manchmal seine Augen fast nicht mehr gesehen hatte, ist einer hübschen Kurzhaarfrisur gewichen. Und er kann, was er während so langer nicht mehr konnte: Er kann wieder lachen.
Wie viele Schülerinnen und Schüler pro Jahr vor dem Abschluss ihrer obligatorischen Schulzeit von der Schule ausgeschlossen werden und demzufolge kaum eine Aussicht auf den Zugang zu einer Berufsausbildung haben, wird in der Schweiz nach wie vor nicht statistisch erfasst. Im Gegensatz etwa zu Deutschland, wo im Schuljahr 2023/24 rund 62’000 Jugendliche von einem frühzeitigen Schulausschluss betroffen waren. Aufgrund einzelner Hinweise in kantonalen Schulberichten kann davon ausgegangen werden, dass es sich in der Schweiz jährlich um mindestens 500 Jugendliche handelt, wobei diese Schätzung eher zu tief gegriffen sein dürfte. Aber auch wenn es „nur“ 300 oder 400 wären, ist doch jeder davon einer zu viel. Denn jeder frühzeitige Schulausschluss bedeutet nichts anderes als eine massive Zerstörung von Lebensperspektiven junger Menschen, die noch gar keine Chance bekommen haben, um unter möglichst günstigen Bedingungen ihr Begabungs- und Entwicklungspotenzial zu entfalten, wie das Beispiel von Khaled wohl eindrücklich zeigt. Eigentlich dürfte es nie soweit kommen, dass ein junger Mensch vor dem Erreichen seiner obligatorischen Schulzeit von der Schule ausgeschlossen wird, das Ziel einer jeden einzelnen Schule müsste sein, alles daran zu setzen, niemanden fallen zu lassen, dies umso mehr, als „schwieriges“ oder „untragbares“ Verhalten eines Jugendlichen ja immer mit einem Kontext in Verbindung steht, bei dem auch – wie ebenfalls das Beispiel von Khaled eindrücklich zeigt – das Verhalten von Lehrerinnen und Lehrern, Schulleitungen und Behörden einen wesentlichen Einfluss hat. Nebst der Zerstörung individueller Zukunftsperspektiven mit allen möglichen Folgen bis hin zu Depressionen, Suizidgedanken oder Suchtabhängigkeit können von der Schule ausgeschlossene Jugendliche auch zu eigentlichen „tickenden Zeitbomben“ heranwachsen: Bei sogenannten Amokläufen an Schulen, wie Beispiele vor allem aus den USA und Deutschland zeigen, sind die Täter häufig ehemalige Schüler jener Schulen, von denen sie frühzeitig ausgeschlossen wurden, und kehren Jahre später an den Ort dieses Geschehens zurück, um sich an völlig Unbeteiligten sozusagen für das erlittene Unrecht zu rächen.
Sollten dennoch alle Stricke reissen und die betroffenen Jugendlichen auch weiterhin in ihrer Klasse „untragbar“ bleiben, ist unsere Geschichte wohl ein schönes Beispiel dafür, dass es auch aus den schwierigsten Situationen heraus fast immer einen Weg zum Guten gibt. Es gibt schweizweit genügend pensionierte Lehrerinnen und Lehrer, die sich um jene Jugendlichen kümmern könnten, die aus irgendwelchen Gründen an ihrer Schule offensichtlich nicht mehr „tragbar“ sind. Und ich kann allen versichern: Eine schönere und dankbarere Aufgabe kann man sich als ehemaliger Lehrer eigentlich gar nicht wünschen. Es braucht hierfür gar nicht so viel, bloss ein bisschen Aufmerksamkeit, ein bisschen Offenheit, ein bisschen Mut und ein bisschen Liebe.
Doch abgesehen davon bleiben von unserer Geschichte doch auch noch ein paar unangenehme Fragen zurück. Wie ist es möglich, dass in einem aufgeklärten, fortschrittlichen, demokratischen Land Behörden mit Ausländerinnen und Ausländern dermassen anders umgehen als mit Einheimischen? Dass sie ihnen elementarste Rechte verweigern bzw. sie nicht einmal darüber informieren, dass sie diese Rechte haben und ohne Angst davon Gebrauch machen dürfen? Wie viele solche Beispiele, von denen jetzt eines zufällig ans Licht kam, gibt es möglicherweise noch zuhauf an vielen weiteren Orten, nicht nur an Schulen, sondern auch auf Gemeindeverwaltungen, Arbeitsämtern und im Asylwesen? Und was für Machtstrukturen sind das, denen die davon Betroffenen so hilflos ausgeliefert sind, jedoch von einem Schweizer mit einem einzigen Telefonanruf innerhalb ein paar weniger Minuten über den Haufen geworfen werden können?
An dieser Stelle kommt jeweils die Danksagung. Und die möchte ich keinesfalls unterlassen. Ich danke der mit Khaleds Eltern befreundeten Jugendarbeiterin, welche die geniale Idee hatte, mich als Privatlehrer von Khaled anzufragen, ich selber wäre gar nicht auf diese Idee gekommen. Ich danke meinem Lehrerkollegen, der einen wesentlichen Teil der privaten Beschulung von Khaled übernahm. Ich danke meinem langjährigen Freund, dem besten mir bekannten Spezialisten im Jugend- und Sozialbereich, der mir immer dann weiterhilft, wenn es um rechtliche Fragen geht, die ganz und gar nicht meine Stärke sind. Ich danke dem Schulleiter der Timeout-Schule, dass er Khaled so viel Mut machte und so traurig war, als er von Khaled Abschied nehmen musste. Ich danke dem Leiter des therapeutischen Bauernhofs und seiner Frau, sie haben Unschätzbares zum Gelingen unseres Projekts beigetragen. Ich danke dem Schulpräsidenten und dem Schulleiter der Oberstufe, dass sie die Offenheit und den Mut hatten, einen Weg zu gehen, der vielleicht noch von niemand anderem je zuvor begangen worden war. Und natürlich danke ich Khaled, der Hauptperson, der allen Schwierigkeiten zum Trotz durchgehalten hat, es hätte ja auch ganz anders herauskommen können. Und nicht zuletzt danke ich Khaleds Eltern für die feinen Spezialitäten aus Syrien, die sie jedes Mal auftischen, wenn ich, was nicht selten ist, bei ihnen auf Besuch bin. „Neue Wege“, sagte Franz Kafka, „entstehen, indem man sie geht.“
Sie kamen zum Feiern und fanden den Tod. In der Silvesternacht 2025 ereignete sich in Crans-Montana im Schweizer Kanton Wallis eine Katastrophe schlimmsten Ausmasses. Innerhalb weniger Minuten verwandelte sich die Bar «Le Constellation» in eine Todesfalle. 40 junge Menschen verloren in den Flammen ihr Leben, 116 Menschen wurden durch das Feuer verletzt. Viele erlitten schwerste Brandverletzungen und werden derzeit in Spezialkliniken im In- und Ausland behandelt. Bereits am Morgen nach der Katastrophe gab es die ersten Reaktionen. Mitte-Chef Philipp Matthias Bregy schrieb auf X: «Nichts ist mehr, wie es war.» Dieses Gefühl zeigt sich auch noch Tage nach der Tragödie. Die Trauer im In- und Ausland ist riesig, die Betroffenheit praktisch überall spürbar. Für den 9. Januar ist ein schweizweiter Trauertag geplant. Dieser wird laut Bundespräsident Guy Parmelin zusammen mit den Kirchen geplant. («Blick», 5. Januar 2026)
Spontan und unbürokratisch haben Deutschland, Frankreich, Italien und Belgien nach dem Unglück in Crans-Montana Schwerverletzte aufgenommen. Auch Rumänien und Luxemburg haben Ambulanzfahrzeuge und Hubschrauber zur Verfügung gestellt. Zahlreiche weitere Länder haben Unterstützung angeboten: Dänemark, Griechenland, Finnland, Irland, Kroatien, die Niederlande, Litauen, Nordmazedonien, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Schweden, Slowenien, Tschechien und die Türkei. Was für ein schönes Beispiel internationaler Solidarität!
Weitaus weniger spontan und unbürokratisch ging es vor rund drei Monaten bei der Aufnahme schwerverletzter Kinder aus dem Gazastreifen zu und her. Die längste Zeit, während viele weitere Kinder ihren tödlichen Verletzungen erlagen, verstrich, bis sich schliesslich gerade mal acht der 26 Schweizer Kantone bereit erklärten, insgesamt 20 Kinder aufzunehmen. Alle anderen winkten ab: Die Asylsituation sei zu angespannt, es fehle an der nötigen Infrastruktur, das Gesundheitssystem sei ohnehin überlastet und die Finanzierung sei nicht gesichert.
Zurzeit wird in der Schweizer Öffentlichkeit eifrig diskutiert, was aus dem Unglück von Crans-Montana zu lernen sei. Es ist zu hoffen, dass nicht nur gelernt wird, was für Materialien bei der Einrichtung öffentlicher Lokale zu verwenden und wie viele Notausgänge erforderlich seien. Sondern auch, dass echte Solidarität nicht an irgendwelchen Grenzen Halt machen darf, und schon gar nicht an den Grenzen zwischen den reichsten und den ärmsten Ländern der Welt.
Kevin Carter, der Fotograf dieser Aufnahme eines sterbenden Kinds im Sudan, nahm sich drei Monate später das Leben, so sehr bereute er es, dass er diesem Kind nicht hatte helfen können.
„Es kommt eine Zeit, in der Schweigen Verrat ist.“ (Martin Luther King)
Wochenzeitung, 21. März 2024: „Als der Krieg begann“, so der 32jährige Ibrahim Mustafa, „wusste ich sofort, dass ich helfen musste.“ Mustafa lebt mit seiner Familie im Flüchtlingslager Kalma, unweit von Nyala, der Hauptstadt Süddarfurs. 2003 wurde er aus seiner Heimat in Ostdarfur vertrieben, sein Vater wurde umgebracht. Mustafa arbeitet ehrenamtlich in einem von drei Spitälern im Camp. Den Menschen fehle es an allem: an sauberem Trinkwasser, an Nahrung, an medizinischer Versorgung. „Wenn du hier krank wirst und wir dich nicht behandeln können, bist du verloren“, sagt Mustafa. Seit Kriegsbeginn habe sich die Zahl der Geflüchteten im Camp mehr als verdoppelt, auf über 250’000. Bis zu 400 Patientinnen und Patienten würden er und zwei weitere Ärzte jeden Tag behandeln. Viele kämen mit Hautinfektionen und Durchfall. Immer mehr Kinder seien chronisch unterernährt. „Wir haben keine Bluttransfusionen und keine Medikamente“, sagt Mustafa, „wir schauen einfach zu, wie die Menschen dahinsiechen.“
Wochenzeitung, 21. März 2024: „Der Sudan“, so Niemat Ahmadi, Gründerin der Darfur Women Action Group, „ist für Frauen derzeit der vielleicht gefährlichste Ort auf der Welt. Insbesondere in den Gebieten, die von den RSF-Milizen kontrolliert werden, werden sie Opfer systematischer Vergewaltigungen. Das beweisen Fälle in al-Dschunaina oder Zalingei, in denen Frauen entführt wurden, um sie als Sklavinnen für sexuelle Dienste und Hausarbeit zu missbrauchen. Und die Menschen haben Angst, davon zu berichten, weil sie Vergeltungsmassnahmen vonseiten der Milizen befürchten.“
Sonntagszeitung, 14. April 2024: Als in Khartum am 15. April 2023 die ersten Schüsse fielen, zeigte sich General Abdel Fattah al-Burhan, Oberbefehlshaber der Sudanesischen Streitkräfte SAF, noch siegessicher. Gekommen ist es anders. Ein Jahr nach Ausbruch der Kämpfe ist die SAF weit davon entfernt, die Oberhand zu gewinnen. Ihr Gegner, Mohamed Hamdan Dagalo, Befehlshaber der RSF-Milizen, behauptet sich unerwartet stark. „Die beiden Männer“, so Alan Boswell, Experte für das Horn von Afrika beim Thinktank International Crisis Group, „zerstören dabei alles, was sie sich eigentlich einverleiben wollten.“ Inzwischen haben sich die beiden Rivalen in ein militärisches Patt hineingekämpft, unter dem die Zivilbevölkerung unermesslich leidet: Verfolgung, Massaker, Folter, Vergewaltigungen, Hunger. Und das Elend wird immer grösser.“ Mehr als die Hälfte der Bevölkerung, 25 Millionen, brauchen laut UNO dringend Hilfe. Fast fünf Millionen Menschen stehen am Rand einer Hungersnot, viele Familien bleiben tagelang ohne Essen. „Doch das Schlimmste“, so Shaswar Saraf, Notstandskoordinator des International Rescue Committees IRC, „wird noch kommen, weil Bauern ihre Felder nicht bestellen können, die Märkte verschwunden sind und die Gesundheitsversorgung kollabiert ist.“
Tagesanzeiger, 24. Mai 2024: Die beiden Generäle haben ganze Arbeit geleistet, um den Staat am Nil, mit fast 50 Millionen Einwohnern, zugrunde zu richten. Die Hauptstadt Khartum: zerbombt. Truppen liefern sich Gefechte um strategische Knotenpunkte, Territorien, Wasserstellen. Kolonnen von Pick-ups, mit Waffen und Kämpfern, rasen über staubige Pisten in dem riesigen Land, Zivilpersonen geraten zwischen die Fronten. Das alles geschieht, während sich die Weltöffentlichkeit auf andere Konflikte konzentriert, was bedeutet, dass die Generäle im Sudan kaum Druck von aussen verspüren.
Wochenzeitung, 20. Juni 2024: Adam Hasan, 61, ist mit seiner zwölfköpfigen Familie aus der 700 Kilometer entfernten Hauptstadt Khartum in die Nuba-Berge ganz im Süden des Landes geflüchtet. Wie seine Familie, haben seit Kriegsbeginn im April 2023 rund 700’000 Geflüchtete hier Zuflucht gefunden. Hier haben zwar weder die Sudanesischen Streitkräfte SAF noch die Rebellenmilizen der RSF das Sagen, die humanitäre Lage ist jedoch auch hier dramatisch. Adam Hasan lässt der Gedanke, seine Familie vielleicht schon bald nicht mehr ernähren zu können, kaum mehr schlafen… Elf Millionen sind gemäss UNO vor den Kämpfen bereits geflohen, die meisten innerhalb des Landes. Und von allen Grausamkeiten ist der Hunger am Ende die wohl tödlichste. Etwa 18 Millionen Menschen leiden derzeit an Unterernährung… Immer noch kommen jeden Tag neue Flüchtende in den Nuba-Bergen an, vollkommen erschöpft nach tagelangen Fussmärschen, mit nichts als der Kleidung, die sie tragen. Manchmal, wenn die Kinder vor Hunger weinen, gibt Hasan ihnen Wasser aus einem nahegelegenen Brunnen. Aber das helfe nicht. Seit Wochen schaue er zu, wie die Kraft immer mehr aus ihren Körpern weiche… Mitunter wird der Hunger in diesem Krieg auch als Waffe eingesetzt: Um den Gegner von Nachschub und Versorgung abzuschneiden, werden im ganzen Land Ernten verbrannt, Hilfskonvois blockiert, Saatgut geplündert. Wegen der Gewalt können Bauern und Bäuerinnen nicht auf ihre Felder… Alle zwei Tage verlassen Adam Hasan und seine Kinder das Lager, um in sengender Hitze durch die ausgedörrte Landschaft zu streifen und zu suchen, was die Natur in den letzten Wochen vor der Regenzeit noch zurückgelassen hat. Doch die Erträge werden von Woche zu Woche geringer, die Wege immer weiter, der Hunger immer grösser. Es ist Monate her, seit letztmals Hilfe von aussen kam… Ein kleines Gesundheitszentrum ist die einzige medizinische Einrichtung in diesem Teil der Nuba-Berge, hier arbeiten eine Krankenschwester, ein Pfleger und Kuku, ein Ernährungsberater. Die Unterernährung, erklärt Kuku, sei im Vergleich zum Vorjahr auf fast das Dreifache angestiegen, 50 Kinder seien bereits gestorben. Zudem hätten unterschiedliche Regenmengen im Vorjahr sowie eine Heuschreckenplage zusätzlich zu schwächeren Ernten geführt. Aufgrund des Kriegs hätten auch weite Teile der Ackerflächen gar nicht bestellt werden können, nun ernährten sich die Menschen vor allem von Blättern und Palmfrüchten. Kuku weiss, dass sich Hungersnöte meist schleichend entwickeln und irgendwann nicht mehr aufzuhalten sind. Vor einem Monat ist die Fertignahrung für Kinder ausgegangen. Nicht einmal mehr Elektrolytlösungen gegen den Durchfall könne er mittlerweile ausgeben. Für jene, die die knapp fünf Dollar für den Transport ins nächste Krankenhaus in sechs Autostunden Entfernung nicht bezahlen können, bestehe deshalb nur noch wenig Hoffnung… Die Lage ist auch deshalb so kritisch, weil die Nuba-Berge nach jahrzehntelangen kriegerischen Konflikten heute weitgehend isoliert sind. Es gibt kaum Strom, kein Telefonnetz und nur zwei grössere Spitäler für die 2,2 Millionen Menschen in der Region. Während der Regenzeit drohen auch die wenigen verfügbaren Strassen unpassierbar zu werden. Hilfe kann, wenn überhaupt, bloss aus dem benachbarten Südsudan in die Berge gelangen – wobei die Zufahrtsstrasse seit Jahren nie offiziell für minenfrei erklärt wurde…
Tagesanzeiger, 13. August 2024: Bei Adré im Tschad stehen UNO-Hilfskonvois bereit. Sie könnten einfach über die Grenze in den Sudan fahren und wären eine Stunde später in der Stadt El Geneina, wo die Hilfslieferungen sehnlichst erwartet werden. Doch die SAF hat eine Passage am Grenzübergang Adré untersagt. Was könnte die Schwäche der UNO gegenüber einer nur dank militärischer Gewalt sich an der Macht behauptender Putschregierung drastischer versinnbildlichen als die Tatsache, dass diese Hilfskonvois nun gezwungen sind, einen grossen Umweg nach Norden zu fahren, zum Grenzübergang Tine, der unter Kontrolle der SAF steht. Zumal diese Route durch Überflutungen stark erschwert ist und dadurch wertvolle Zeit verloren geht… Hinter vorgehaltener Hand ist für alle klar: Die SAF will nicht, dass Nahrungsmittellieferungen in Gebiete gelangen, in denen die RSF herrscht, wie umgekehrt auch die RSF alles tut, um Logistik und Nachschubwege der SAF zu stören.
NZZ am Sonntag, 15. September 2024: Seit siebzehn Monaten kämpfen die paramilitärischen RSF-Milizen gegen die Sudanesischen Streitkräfte der SAF. Es ist der zurzeit brutalste Krieg der Welt. Zehntausende sind in den Kämpfen umgekommen, viel mehr noch sterben an den Folgen von Ernteausfällen und fehlender medizinischer Versorgung. Inzwischen wird von 150’000 Toten ausgegangen. Gleichzeitig sind rund zehn Millionen Menschen vertrieben worden. Zwei Millionen sind in die fragilen Nachbarländer geflohen, vor allem nach Tschad, einem der ärmsten Länder der Welt… Eine der am schwersten betroffenen Volksgruppen sind die Massalit, an denen die RSF seit Kriegsbeginn brutalste Massaker verüben… Infolge zu geringer finanzieller Mittel für die humanitäre Hilfe – zurzeit sind gemäss UNO nur 40 Prozent der nötigen Hilfsmassnahmen gedeckt – mussten die in den Flüchtlingslagern verteilten Essensrationen jüngst auf 1100 Kalorien pro Tag und Person reduziert werden, bei einem existenziellen Grundbedarf von 2000 Kalorien. Zudem kommen vielerorts die monatlichen Lieferungen nicht mehr regelmässig an, so etwa sind im Lager von Aboutengue seit drei Monaten keine neuen Rationen mehr eingetroffen. Es begehen gemäss „Human Rights Watch“ beide Seiten – sowohl die SAF wie auch die RSF – laufend schwerste Menschenrechtsverletzungen, Menschen werden gefoltert und misshandelt, Leichen verstümmelt, Verwundete werden gezwungen, ihre eigenen Gräber zu schaufeln… Überaus prekär ist die Gesundheitsversorgung, gemäss „Ärzte ohne Grenzen“ sind 80 Prozent der Gesundheitseinrichtungen kollabiert.
Sonntagszeitung, 9. Februar 2025: Die Vereinten Nationen berichten über Massenexekutionen im Norden von Khartum, in Gebieten, die von den Streitkräften der SAF zurückerobert wurden. Offenbar soll Rache geübt werden an Bewohnern, die als Kollaborateure der RSF-Milizen verdächtigt werden.
Tagesanzeiger, 16. April 2025: Weg, nur weg aus der Todesfalle Zamzam – viele Bewohner des Flüchtlingscamps in der Region Darfur sind nach den Angriffen vom Wochenende Richtung Westen geflohen. Nothelferin Marion Ramstein von „Ärzte ohne Grenzen“ berichtet: „Sie kamen an in einem fortgeschrittenen Stadium von Dehydrierung, Erschöpfung und Stress, nur mit ihren Kleidern auf dem Leib, ohne etwas zu essen oder zu trinken. Sie schlafen unter Bäumen und auf dem Boden. Viele haben auf der Flucht Familienmitglieder verloren, schwerverletzt liegen geblieben oder getötet.“ Vor den jüngsten Angriffen hatten im Lager von Zamzam mehr als 500’000 Menschen gelebt, von extremem Hunger betroffen. Dann musste dort – so wird vermutet, denn das Gebiet ist abgeriegelt und für Reporter unerreichbar – ein schreckliches Massaker mit rund 400 getöteten Zivilpersonen, darunter auch Kindern, stattgefunden haben, worauf die Bewohner panikartig in alle Richtungen flohen.
Tagesanzeiger, 3. November 2025: Nachts sieht die 12jährige Alsawy in ihren Träumen, wie Kugeln durch Menschen dringen und Häuser in Flammen aufgehen. Sie hört Gewehre rattern, Bomben einschlagen und Balken krachen. Sobald sie die Augen öffnet, verschwinden die Bilder – der Lärm bleibt. Hinter der Grenze, bloss wenige Kilometer entfernt, toben die Kämpfe weiter. „Meine Verwandten und ich“, erzählt Alsawy, „rannten auf die Strasse, versteckten uns hinter Bäumen. Später, auf der Flucht, attackierten uns die Rebellen immer wieder, sie warfen uns zu Boden, meinem Bruder zerschossen sie mit einer Pistole die Hände, mein Vater ist verschwunden.“ Auch die 35jährige Khadija hat Allerschlimmstes erlebt: „Die RSF schossen meinem Mann in die Knie, mir brachen sie die Beine und schlugen auf mein Gesicht ein.“ Doch die Gewalt stoppt nicht an der Grenze, nicht in den Flüchtlingscamps ausserhalb der Kriegsgebiete, vor allem nicht für Frauen und Mädchen, die sich kaum getrauen, ausserhalb ihrer Zelte Feuerholz zu sammeln, werden sie doch immer wieder Opfer sexueller Gewalt.
Wochenzeitung, 6. November 2025: Da sind die traumatisierenden Bilder in den sozialen Medien. Von teils blutjungen Kämpfern, die jubelnd ihre Gewehre präsentieren, während hinter ihnen aus brennenden Autos schwarzer Rauch aufsteigt. Dazwischen: leblose, teils verkohlte Körper. Es gibt Videos von Massenerschiessungen, die Opfer unbewaffnet und in ziviler Kleidung. Unerträgliche, menschenverachtende Grausamkeit. Weitere Anhaltspunkte übertreffen selbst noch schlimmste Befürchtungen. Denn aufgrund mehrerer voneinander unabhängiger Schätzungen haben sich in der Stadt al-Fashir zum Zeitpunkt ihrer Einnahme durch die RSF am 27. Oktober noch 250’000 Zivilpersonen befunden. In den umliegenden Zufluchtsorten sind bislang aber bloss zwischen 30’000 und 60’000 neu Geflüchtete angekommen. Wo sind alle anderen? „Sie haben Tausende und Abertausende umgebracht“, schlussfolgert Nathaniel Raymond, Direktor des Humanitarian Research Lab an der Yale-Universität in den USA. Schon bald nach Kriegsbeginn im April 2023 hätten er und viele weitere Organisationen den UNO-Sicherheitsrat vor den drohenden Entwicklungen in Darfur berichtet. „Wir sprechen“, so Raymond, „von einem der am präzisesten vorhergesagten Massenmorde in der Menschheitsgeschichte.“ Dennoch sind echte internationale Bemühungen, die Gewalt zu stoppen, bislang ausgeblieben.
Tagesanzeiger, 10. November 2025: Die RSF-Milizen haben al-Fashir nach der Einnahme vollkommen von der Aussenwelt abgeschnitten, es besteht keinerlei Kommunikation, keine unabhängigen Einblicke, was in der Stadt seither geschehen ist. Nur die Sicht aus dem Weltall kann die RSF nicht blockieren: Auf Satellitenbildern sind dunkle Verfärbungen im Sand zu sehen, mutmasslich Blut getöteter Opfer. Vieles deutet darauf hin, dass die RSF derzeit damit beschäftigt ist, Spuren von Massakern zu beseitigen, auch entlang des Erdwalls rund um die Stadt. Einer der Zielorte der Geflüchteten ist Tawila, in etwa 60 Kilometern Entfernung von al-Fashir. Doch der Fussweg dorthin führt durch ein Gebiet, das im Wesentlichen von der RSF und ihren Verbündeten kontrolliert wird. Immer wieder plündern bewaffnete Männer die Menschen aus, Schmuck, Geld, Telefone, alles verlieren sie, Frauen werden vergewaltigt, immer wieder kommt es zu Folterungen und Erpressungen Geflüchteter, wie Überlebende in Tawila berichten. Eine von ihnen ist die 26jährige Asmaa. Ihren Mann hat sie auf der Flucht verloren: „Er konnte nur das Lösegeld für mich und unsere Kinder aufbringen.“ Deshalb hätten ihn die Erpresser vor ihren Augen erschossen. Auch andere Geflüchtete berichten von Erschiessungen, von Toten, die im Staub am Wegrand liegen bleiben. Viele, die in Tawila ankommen, sind so dehydriert, dass sie nicht mehr reden können. Zahlreiche Familien haben Kinder bei sich, die nicht ihre eigenen sind, ihre Eltern sind verschwunden, wurden getötet, entführt oder sind auf dem Weg verloren gegangen. Von den ankommenden Kindern sind viele stark ausgehungert, viele konnten sich während der 500 Tage langen Belagerung al-Fashirs durch die RSF nur mit Tierfutter ernähren oder durch das Kauen von Tierhäuten.
Tagesanzeiger, 2. Dezember 2025: Aisha kam ohne ihre drei Kinder im Alter von sechs, elf und sechzehn Jahren nach der Flucht von al-Fashir in Tawila an. Sie erzählt, dass bewaffnete Kämpfer, mutmasslich von den RSF, sie auf der Flucht gestoppt und vor die Wahl gestellt hätten, entweder selber zurückzubleiben und erschossen zu werden oder die Kinder bei den Kämpfern zu lassen und selber weiterzugehen. Tag und Nacht quälen sie nun ihre Ängste, was mit ihren Kindern geschehen werde, ob sie, wie immer wieder zu hören ist, zu Kämpfern ausgebildet oder aber auf einem Sklavenmarkt landen werden… „Es gibt wohl kein einziges Kind aus al-Fashir“, so Sheldon Yett, Chef des UNO-Kinderhilfswerks Unicef im Sudan, „das nicht auf die eine oder andere Weise miterlebt hat, wie Eltern, Verwandte oder Nachbarn getötet wurden.“ Viele Kinder schaffen es gar nicht bis Tawila, sie irren ziellos herum, verhungern oder verdursten auf dem Weg. Viele erleiden sexuelle Gewalt: Eine in Darfur tätige Ärztin berichtet, das jüngste Mädchen, welches sie nach sexueller Gewalt behandelt habe, sei gerade mal vier Jahre alt gewesen. Und wie wenn das alles nicht schon weit mehr als genug wäre, kommt hinzu, dass finanzielle Mittel aus den reichen Ländern des Nordens immer spärlicher fliessen, allein der Unicef fehlen zurzeit 75 Prozent der für den Sudan dringendst benötigten Mittel, andere UNO-Organisationen kämpfen mit ähnlichen Defiziten.
Médecins sans frontières, Dezember 2025: Während der Kämpfe um El Geneina von April bis Juni 2023 waren überall Scharfschützen im Einsatz. „Man konnte“, so Sylvain Perron, Leiter der MSF-Projekte im Sudan, „nirgendwo hin, ohne Verletzungen oder den Tod zu riskieren.“ Als die RSF obsiegt und die SAF sich zurückgezogen hatte, begannen die ethnischen „Säuberungen“ und systematischen Massenvergewaltigungen gegen die Massalit. „Die einst hauptsächlich von Massalit bewohnten Viertel in El Geneina“, so Perron, „sind heute verlassen und völlig zerstört, sie haben weder Fenster noch Türen, meist stehen nur noch ein paar Wände.“
Wochenzeitung, 7. Dezember 2025: „Als 2003 der Darfur-Krieg ausbrach“, so Kholood Khair, politische Analystin und Gründerin des sudanesischen Thinktanks Confluence Advisory, „war die internationale Aufmerksamkeit sehr gross, trotz der Kriege in Afghanistan und im Irak zur gleichen Zeit. Aber heute, wo der Sudan eine der schlimmsten humanitären Katastrophen weltweit erlebt, hat die Welt beschlossen, uns zu vergessen.“
In der Tat scheint die Welt beschlossen zu haben, die Menschen im Sudan zu vergessen. Selbst wir, die Menschen in Europa, in der Schweiz, in den „fortschrittlichen“, „demokratischen“, „zivilisierten“ Ländern des Westens, die sich bei jeder Gelegenheit als die Vorkämpfer und Bewahrer von „Menschenwürde“ und „Menschenrechten“ darstellen, scheinen von dieser zurzeit schwersten humanitären Katastrophe nahezu unberührt zu sein. Ist ja auch so weit weg, dieses Sudan, und sowieso: Was haben wir schon damit zu tun. Sollen die doch mit ihren Problemen selber fertig werden, wir haben ja selber genug Probleme am Hals…
Wir hätten damit nicht das Geringste zu tun? Wie viel nackten Egoismus, wie viel Empathielosigkeit, wie viel Gewissenslosigkeit, wie viel Blindheit gegenüber sämtlichen historischen, weltpolitischen und globalwirtschaftlichen Zusammenhängen und Hintergründen braucht es, um so etwas zu behaupten!
Zutiefst mitverantwortlich und mitschuldig sind wir nur schon durch unsere gemeinsame Geschichte, durch 500 Jahre Kolonialismus, gnadenlose Ausbeutung der Länder des globalen Südens, insbesondere Afrikas, durch die Länder des globalen Nordens, die in gleichem Masse immer reicher wurden, wie gleichzeitig die Länder des Südens immer tiefer in Armut und Elend versanken. Diese gemeinsame Geschichte lässt sich nicht ausblenden, nicht vergessen und nicht rückgängig machen, umso weniger, als die kolonialistische Ausbeutung ja mittlerweile nicht etwa ein Ende gefunden hat, sondern in Form der „Globalisierung“ des Kapitalismus auf unzähligen Wegen, oft fast unsichtbar, dafür aber umso heimtückischer und mit umso verheerenderen Folgen, bis heute unvermindert andauert.
Mitverantwortlich und mitschuldig an fast allen ethnischen und militärischen Konflikten in den ehemaligen Kolonien Europas sind die ehemaligen Kolonialmächte nicht zuletzt auch dadurch, dass sie in den von ihnen besetzten und ausgebeuteten Regionen künstliche Grenzen hinterlassen und dadurch ganze Völker entweder auseinandergeschnitten oder gegenseitig in gewalttätige Auseinandersetzungen gestürzt haben, die bis in die Gegenwart unvermindert anhalten. Die Wurzeln des innersudanischen Konflikts zwischen dem Norden und dem Süden, der insgesamt bereits bis zu einer Million Menschenleben gefordert hat und bis heute ungelöst ist, liegt in der Kolonialpolitik der Briten, die im Sudan ein System der Segregation eingeführt hatten: Sie teilten die multiethnische sudanesische Bevölkerung in zwei Kategorien ein. Die erste Kategorie umfasste diejenigen, die vom Kolonialsystem profitierten und als Verbündete der Briten galten, während auf der anderen Seite diejenigen standen, die marginalisiert und von sämtlichen Privilegien ausgeschlossen wurden. Mit der Erlangung der Unabhängigkeit wurde offensichtlich, dass es zwei voneinander getrennte Gesellschaften gab. Unmittelbar nach der Unabhängigkeit des Sudan im Jahre 1956 brach der Krieg aus, weil ein grosser Teil der im Süden lebenden, diskriminierten und vom Reichtum ausgeschlossenen Bevölkerung mit Waffengewalt einen Platz innerhalb des Staates erstreiten und die bestehenden Ungerechtigkeiten aufheben wollte. Dieser Krieg breitete sich nach und nach auf alle Teile des Landes aus, insbesondere auf Darfur, die Region des Blauen Nils, die Nuba-Berge und Kordofan. Und diese Art von Krieg wird immer wieder durch andere lokale Gründe angeheizt oder durch andere Länder, die von aussen eingreifen und von den vorhandenen Reichtümern profitieren wollen.
Mitverantwortlich und mitschuldig an den aktuellen Machtverhältnissen und ihren zerstörerischen Folgen im Sudan wie ebenso in anderen ehemaligen Kolonien sind auch die von den früheren Kolonialmächten aufgezwungenen Machtstrukturen. „Als es 1924 im Sudan zu einer friedlichen Volkserhebung kam“, so der Historiker Roman Decker, „schlugen die britischen Kolonialherren diese brutal nieder. In der Folge herrschten sie nach dem verhängnisvollen Prinzip des Teilens und Herrschens, das darauf beruht, sich selber dadurch an der Macht zu behaupten, indem die verschiedenen Bevölkerungsgruppen mit ihren unterschiedlichen Interessen gegeneinander ausgespielt werden, statt diese Interessen auszugleichen und miteinander in Einklang zu bringen. Nach der Unabhängigkeit des Sudan im Jahre 1956 übernahmen Diktatoren wie Omar Al-Bashir diese Technik der Machterhaltung, indem sie die verschiedenen ethnischen und religiösen Bevölkerungsgruppen gegeneinander ausspielten.“ Dass dieses europäische, kolonialistische Machtprinzip des Teilens und Herrschens dem Wesen des afrikanischen Menschen im Grunde fremd ist, zeigen – und das ist immerhin ein vielversprechender Hoffnungsschimmer – aus der Mitte der sudanesischen Zivilgesellschaft wiederholt aufkeimende Solidaritätsbewegungen, in der vor allem Frauen, wie schon in der Revolution 2019 gegen Omar Al Baschir, eine tragende Rolle spielen. Schon drei Mal – 1964, 1985 und 2018/19 – hat sich die sudanesische Bevölkerung mit friedlichen Mitteln von Militärdiktaturen zu befreien vermocht. „Sie braucht dafür allerdings“, so Roman Deckert, „die Solidarität der restlichen Menschheit, statt, wie es heute noch der Fall ist, stillschweigender Komplizenschaft mit den Kriegstreibern.“ Womit wohl die Mitverantwortung und Mitschuld der „demokratischen“ westlichen Welt – und nicht zuletzt der Schweiz mit ihrer zurzeit kaum mehr wahrnehmbaren „humanitären Tradition“ – ausserhalb jeglicher Frage steht.
Mitverantwortlich und mitschuldig an der Gewalt, den Zerstörungen, der humanitären Katastrophe und den kriegerischen Auseinandersetzungen im Sudan sind auch die Wirtschaftsinteressen zahlreicher Länder, die auf den ersten Blick „nichts damit zu tun haben“. „Der Krieg im Sudan“, so die „Wochenzeitung“ am 6. November 2025, „spielt sich nicht im luftleeren Raum ab, er ist eng verwickelt mit handfesten internationalen Interessen.“ Dabei geht es insbesondere um Bodenschätze wie Erdöl, Eisen, Uran, vor allem aber Gold. Dieses wird zum grössten Teil in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) exportiert. Noch nie gelangte Gold in so grossen Mengen aus dem Sudan in die VAE wie im Jahre 2024, teilweise auf direktem Wege, teilweise über Schmuggelrouten. Einer der wichtigsten Abnehmer von Gold aus den VAE ist – wen wunderts – die Schweiz! Allein im Jahre 2025 wurde gemäss der Entwicklungsorganisation „Swissaid“ Gold im Wert von 27 Milliarden Franken aus den VAE importiert, was einer Verdoppelung innerhalb von zehn Jahren entspricht. Kein Zufall: Die Schweiz ist weltweit führend in der Verarbeitung, der Vermarktung und im Handel mit Gold. Lässt sich das mit der Menschenrechtslage im Sudan vereinbaren und mit der Tatsache, dass die sudanesischen Konfliktparteien vor allem dank dem Verkauf des Goldes ihre militärische Aufrüstung vorantreiben können? Dazu das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco): „Das Seco hat nicht die Aufgabe, die Warenflüsse und die Herkunft importierter Güter zu überwachen und kann daher die Herkunft von in die Schweiz importiertem Gold nicht mit Sicherheit garantieren.“ Und das Bundesamt für Zoll- und Grenzsicherheit sieht ebenfalls keinen Anlass, an der bestehenden Situation etwas zu ändern: „Grundsätzlich handelt es sich bei Goldlieferungen um normalen Handelswarenverkehr. Einfuhren aus den VAE sind weder sanktioniert noch sonst von Einfuhrbeschränkungen betroffen.“ Fakt ist: Die Exporte von Gold aus dem Sudan finanzieren und verlängern den Krieg zwischen den Regierungstruppen der SAF und den RSF-Milizen, indem aus den Gewinnen des Goldexports der Kauf von Waffen und Rüstungsgütern finanziert wird. Man könnte es auch so sagen: Die Schweiz beteiligt sich, nebst anderen Ländern, massgeblich an der Finanzierung und damit an der Unterstützung jener militärischen Kräfte im Sudan, die das Land in die derzeit weltweit grösste humanitäre Katastrophe gestürzt haben… „Wirtschaftlich“, so Marc Ummel von der Hilfsorganisation Swissaid, „erobert die jeweilige Kriegspartei mit jedem Vorrücken ausser Territorien auch die dortigen Goldminen. Sie gelangt auf diese Weise an mehr Gold und dieses Gold bringt wieder mehr Geld für Waffen und somit für die Weiterführung des Kriegs.“ Zudem macht der seit Jahren steigende Goldpreis den Zugang zu den Vorkommen immer lukrativer. Eng dabei miteinander verknüpft sind das unbeschreibliche Elend des Kriegs und das Elend der Arbeiter, welche im Goldabbau tätig sind bzw. aus existenziellen Gründen gar keine andere Wahl haben: „Wir hören immer wieder von Minen, die kollabieren“, so Marc Ummel, „und dass Menschen darin sterben.“ Oft müssen Löcher bis zu fünfzig Meter tief gegraben werden. Oft nur notdürftig werden die Schächte mit Holzbalken gesichert, es besteht jederzeit eine erhebliche Einsturzgefahr. „Die Leute, die in diese Löcher gehen“, so Ummel, „riskieren ihre Gesundheit und ihr Leben, um ihre Familien zu ernähren.“
Mitverantwortlich und mitschuldig an der Gewalt, den unbeschreiblichen Zerstörungen und dem Tod Zehntausender von Sudanesinnen und Sudanesen sind auch sämtliche Waffenproduzenten, Rüstungskonzerne sowie Staaten mit eigenen Rüstungsindustrien, welche allesamt ein wirtschaftliches Interesse daran haben, dass es auch weiterhin weltweit genug Kriege gibt – nicht nur im Sudan, sondern auch in möglichst vielen anderen Ländern -, in denen eine möglichst grosse Menge an Waffen zum Einsatz gelangen, um die entsprechenden Profite zu schaffen. Solche Strategien werden heute nicht einmal mehr nur heimlich verfolgt, sondern sind zunehmend Teil ganz offiziell verbreiteter Verlautbarungen „demokratischer“, sich im Übrigen bei jeder Gelegenheit auf Menschenwürde und Menschenrechte berufender Regierungen. So erklärte der ehemalige US-Aussenminister Antony Blinken in einem TV-Interview zum Ukrainekrieg ganz unverblümt, er hoffe, dass der Krieg in der Ukraine noch möglichst lange weitergehe, denn das sei gut für die Arbeitsplätze in der US-amerikanischen Rüstungsindustrie – er hätte auch sagen können, es sei gut für die Geldbeutel der Aktionäre von Rüstungskonzernen. Und auf die Frage eines Lesers an die Redaktion des schweizerischen „Tagesanzeigers“ im November 2025, ob sich der Einstieg als Aktionär in die boomende Rüstungsindustrie zurzeit lohne, gab der zuständige Journalist ohne jegliche moralische oder ethische folgende Antwort: „Der VanEck Defense UCITS ETF A mit ISIN IEOOOYYE6WK5 gibt Ihnen die Möglichkeit, diversifiziert in Unternehmen aus dem Bereich Rüstung und Verteidigung zu investieren. Dieser ETF bildet den Market Vector Global Defense Industry Index nach und besteht aus Firmen, die direkt oder indirekt in der Militär- oder Verteidigungsindustrie tätig sind. Angesichts der geopolitischen Lage könnte ein solches Portfolio weiterhin zulegen.“ Weiterhin zulegen werden zweifellos auch die Waffenlieferungen all jener Länder von Katar über Ägypten bis zum Iran an den Sudan bzw. an die SAF und die RSF, um den dortigen Krieg – im gegenseitig immer lukrativeren Handel zwischen Gold und Waffen – weiterhin zu befeuern und möglichst lange aufrechtzuerhalten. Und wer gedacht hätte, die Schweiz würde sich da vornehm zurückhalten, sieht sich ein weiteres Mal massiv getäuscht: Seit anfangs 2025 hat die Schweiz Kriegsmaterial im Wert von 2,5 Millionen Franken in die Vereinigten Arabischen Emirate geliefert, ein klarer Verstoss gegen die Sanktionen, welche der UNO-Sicherheitsrat gegen die Konfliktparteien im Sudan ausgesprochen hat, ist doch allgemein bekannt, dass die Waffen, die in den VAE landen, früher oder später auch im Sudan wieder auftauchen werden. Doch obwohl auch mehrere Schweizer Hilfswerke auf die Problematik des „Blutgolds“ im Tausch mit Waffenlieferungen hinweisen, wird ihre Kritik kaum Erfolg haben, wird das Schweizer Parlament doch aller Voraussicht anlässlich einer der nächsten Sessionen die Regeln für die Exporte von Kriegsmaterial weiter lockern. Dabei wäre die Schweiz mit ihrer – zumindest auf dem Papier noch vorhandenen – Neutralität doch wie kein anderes Land berufen, im Sudankonflikt oder auch in anderen Konflikten weltweit eine vermittelnde Rolle zu spielen. Doch der „Zeitgeist“ scheint es anders zu wollen, „Abrüstung“, „Friedensförderung“, „Diplomatie“ und „Pazifismus“ sind schon fast Schimpfworte und selbst an diese Aussage des früheren US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower scheint sich heute kaum mehr irgendwer zu erinnern: „Jede Kanone, die gebaut wird, jedes Kriegsschiff, das vom Stapel gelassen wird, jede abgefeuerte Rakete bedeutet letztlich einen Diebstahl an denen, die nichts zu essen haben, frieren und keine Kleidung besitzen. Eine Welt unter Waffen verpulvert nicht nur Geld allein. Sie verpulvert auch den Schweiss ihrer Arbeiter, den Geist ihrer Wissenschaftler und die Hoffnung ihrer Kinder.“ Was würde Eisenhower wohl sagen, wenn er heute noch leben würde und wüsste, dass der Betrag, welcher der UNO jährlich für Friedensmissionen zur Verfügung steht, nicht zehn und auch nicht hundert, sondern tausend Mal kleiner ist als die Summe, welche jährlich weltweit für die Beschaffung von Waffen aufgewendet wird?
Mitverantwortlich und mitschuldig an der Gleichgültigkeit und am Schweigen über all das, was die Menschen im Sudan derzeit durchmachen müssen, sind insbesondere auch die westlichen Medien und die Art und Weise, wie oder wie eben nicht über die Vorgänge im Sudan berichtet wird. Während sich insbesondere in den meisten europäischen Ländern durch die private wie auch öffentliche Berichterstattung nach und nach das fiktive Feindbild eines bösen Russland etabliert hat, das drauf und dran sein soll, ganz Europa, wenn nicht letztlich sogar die ganze Welt zu erobern, gibt es auch nicht ansatzweise einen entsprechend kritischen Blick auf das ganz reale Böse, dem Millionen von Sudanesinnen und Sudanesen wie auch Abermillionen weiterer Menschen in Ländern, wo politische Verfolgung, Gewalt, Armut, Hunger und Kriege sozusagen der Normalzustand sind, tagtäglich schutzlos ausgeliefert sind. Den Begriff „Sicherheit“ gibt es in den westlichen Medien fast nur noch in Form eines durch und durch missbräuchlichen Verständnisses, wonach Sicherheit vor allem durch möglichst massive militärische Aufrüstung zu erreichen sei, obwohl doch gerade eine solche letztlich zu noch viel grösserer Unsicherheit führen muss, ist doch echte Sicherheit auf die Dauer nur zu erreichen in einer Welt grösstmöglicher sozialer Gerechtigkeit und einem guten Leben für alle Menschen, ganz unabhängig davon, wo und wann sie geboren werden, wodurch sich früher oder später jede Waffe, jede Armee und jedes Geldstück, das in militärische Rüstung gesteckt wird, als höchst bedenklich, sinnlos, überflüssig und geradezu gefährlich erweisen müsste.
Mitverantwortlich und mitschuldig am Schweigen gegenüber dem Leiden der Menschen im Sudan und der fast gänzlichen Absenz politischer Bemühungen um ein Ende des Konflikts ist auch das, was man – und hier müssen wir in ganz besonderem Masse auch an die Schweiz denken – als latenten Rassismus bezeichnen müsste, tiefsitzende, unbewusste, über Jahrhunderte geprägte Denkmuster, die darüber bestimmen, welcher „Wert“ Menschen in unserer Wahrnehmung zukommt, je nach ihrer ethnischen, geografischen oder sozialen Herkunft. Wir brauchen uns nur für einen kurzen Augenblick vorzustellen versuchen, Lebensbedingungen, wie sie zurzeit für die Menschen im Sudan an der Tagesordnung sind, würden in einzelnen Regionen der Schweiz den Alltag der Menschen bestimmen: Rund um die Stadt St. Gallen würden sich Mörderbanden besammeln, um eines frühen Morgens unvermittelt von allen Seiten in die Stadt zu stürmen und auf alles zu schiessen, was sich bewegt, die Strassen wären schon voller Leichen und zwischen ihnen würden sich die überlebenden Schwerverletzten an den Stadtrand schleppen, sich dort in Geräteschuppen oder Gartenhäuschen verstecken, nur in den Kleidern, in denen sie am Abend zuvor schlafen gegangen waren, ohne Wasser und ohne Nahrung. Einzelne würden sich in nahegelegene Wälder flüchten, zahllose Kinder wären ganz alleine laut schreiend und weinend unterwegs, ohne Geschwister und ohne Eltern, in tödlicher Angst vor den Mörderbanden, vor denen man nirgendwo sicher sein kann… Nur schon der Gedanke ist so unerträglich, dass wir ihn wohl nicht einmal ein paar Sekunden lang zulassen könnten, er würde all das, was in unserem Denken und Empfinden als das einzig Mögliche und Selbstverständliche Platz hat, auf einen Schlag in tausend Stücke zerreissen. Zu wissen, dass genau dies für Millionen von Menschen ebenso das einzig Mögliche und Selbstverständliche ist wie für uns der Morgenkaffee, das Gipfeli und die warme Dusche, dies zu wissen oder zumindest zu erahnen, können wir wohl nur aushalten, wenn wir davon ausgehen, dass diese Menschen, knapp 7000 Kilometer von uns entfernt, ganz andere Menschen sind als wir und deshalb auch ganz andere Bedürfnisse haben als wir. Früher nannte man sie „Wilde“ oder „Tiere“, das würde heute zwar niemand mehr so sagen, aber tief in unserer innersten Wahrnehmung hat sich die Vorstellung von „wertvolleren“ und „weniger wertvollen“ Menschen bis heute gegenüber früheren Jahrhunderten nicht wirklich tiefgreifend geändert. „Es ist schwer, Aufmerksamkeit zu erzeugen für den Sudan“, sagt der deutsche Schriftsteller und Publizist Navid Kermani, „das hat ganz banal auch mit der Hautfarbe zu tun. So blöd das klingt: Je weiter entfernt und dunkler die Menschen sind, desto weniger interessieren wir uns für sie.“ Dies erklärt wohl auch, weshalb wir mit Flüchtlingen so unterschiedlich umgehen, je nachdem, aus welcher Richtung sie kommen und bei uns Schutz suchen: Wurde im Frühjahr 2022 auf der einen Seite sozusagen von einem Tag auf den andern rund 60’000 Menschen aus der Ukraine in der Schweiz völlig unbürokratisch Asyl gewährt und erhielten diese sogar einen extra für sie zugeschnittenen, neu geschaffenen Schutzstatus, erliess das Staatssekretariat für Migration auf der anderen Seite im Juni 2024 ein Moratorium für Flüchtlinge aus dem Sudan, das heisst, dass diese in der Schweiz weder Asyl noch eine vorläufige Aufnahme bekommen sollen. Zwar werden sie nach der Anhörung ihrer Fluchtgründe vorerst einer provisorischen Unterkunft zugewiesen, müssen aber jederzeit damit rechnen, wieder ausgeschafft zu werden. Zudem wurde die Schweizer Botschaft in Karthum bereits im Sommer 2023 geschlossen, wer entsprechende Papiere braucht, muss sich nach Nairobi begeben, der fast 2000 Kilometer entfernten Hauptstadt Kenias. Auch dringendst benötigte Nothilfe hat es in einer Zeit, da immer mehr finanzielle Mittel in die Rüstung gesteckt werden und gleichzeitig ganze Länder wie zum Beispiel Bangladesch überhaupt keine Schweizer Entwicklungshilfegelder mehr bekommen, immer schwerer, die parlamentarischen Hürden überhaupt noch zu überwinden: Wollte der Bundesrat angesichts von 21 Millionen akut von Hunger Betroffenen für den Sudan Soforthilfe von 50 Millionen Franken freigeben – ohnehin bloss ein fast unsichtbar winziger Tropfen auf einen immer heisser glühenden Stein -, so wurde er unverzüglich von der parlamentarischen Finanzdelegation zurückgepfiffen, die bloss die Hälfte der Summe bewilligen wollte. Nun muss das Parlament noch einmal über die Bücher, während gleichzeitig schon wieder Tausende zu Opfern von Verfolgung, Gewalt und Hunger geworden sein werden.
Mitverantwortlich und mitschuldig an den derzeitigen und vor allem auch zukünftigen Lebensverhältnissen im Sudan machen sich die nördlichen Industrieländer aber auch insbesondere durch die von der Wahnidee eines endlosen Wirtschaftswachstums unvermindert vorangetriebene Klimaerwärmung: Während die Produktion einer immer grösseren Zahl längst überflüssiger Luxusprodukte im Norden ins schier Unendliche wächst, trocknen gleichzeitig die Böden in den Ländern des Südens zunehmend aus, wird Wasser immer knapper, nehmen Dürren von Jahr zu Jahr weiter zu, werden die Wege zu den Orten, wo noch Nahrungsmittel wachsen und geerntet werden können, länger und länger. Hunger und Kriege sind die beiden Hälften der Zange, zwischen denen Abermillionen von Menschen weit jenseits der Erfüllung ihrer minimalsten Lebensbedürfnisse zunehmend zerquetscht werden, nicht nur im Sudan, aber dort in einem so erschreckenden Ausmass, dass man sich gar nicht vorzustellen wagt, wie die Welt in zehn oder 20 Jahren im schlimmsten Fall aussehen könnte.
Es fällt schwer, dies zu sagen: Aber wir alle, die schweigen, nichts dagegen unternehmen oder sogar aus dem Elend anderer materiellen Profit ziehen, machen uns dadurch zu Komplizen zweier der weltweit schlimmsten Kriegsverbrecher, die gerade daran sind, Millionen ihrer eigenen Landsleute auszulöschen und die, welche es bisher noch überlebt haben, den schlimmsten nur erdenklichen Qualen auszusetzen. In einer Welt, in der alles mit allem wirtschaftlich und technologisch weitaus umfassender miteinander verbunden ist als je zuvor, sind auch die menschlichen und gesellschaftlichen Verflechtungen tiefgreifender als je zuvor. Nichts kann von allem anderen isoliert und unabhängig voneinander betrachtet werden, alles hängt mit allem zusammen. So, wie es der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt einmal so treffend sagte: „Was alle angeht, können nur alle lösen.“ Ob Krieg oder Frieden, ob Hunger oder genügend Nahrung, ob Verfolgung oder Sicherheit, ob Skrupellosigkeit oder Fürsorge, ob Hass oder Liebe, ob Einsamkeit oder Geborgenheit, ob Ausbeutung oder Gerechtigkeit – nichts kann am einen Ort gelöst werden, ohne gleichzeitig auch an allen anderen Orten gelöst zu werden. Im Zeitalter der totalen Information kann niemand mehr behaupten, er hätte es nicht gewusst. Wir alle, ob im Norden oder Süden, im Westen oder Osten, sind gemeinsam dafür verantwortlich, wie die Welt in fünf, zehn oder zwanzig Jahren aussehen wird, ob es eine Hölle sein wird wie das, was heute im Sudan der ganz „normale“ Alltag ist, oder ob es endlich dieses Paradies sein wird, von dem weltweit alle Kinder im Augenblick ihrer Geburt voller Sehnsucht träumen und die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben, dass es eines Tages doch noch Wirklichkeit wird.
Vor rund sieben Jahren begann ich Notizen zu sammeln für einen Artikel mit dem Titel „Brauchen wir in Zukunft noch Religionen?“ und dem Untertitel „Haben sie nicht schon genug Schaden angerichtet?“ Ich dachte an all den Hass, die Gewalt, die Fremdbestimmung und Entmündigung, an all die Kriege, die im Laufe von Jahrhunderten im Namen irgendwelcher „Götter“ geführt wurden und ganze Völker in den Abgrund stürzten, ich dachte an die Kreuzzüge, an die Inquisition, an die Judenverfolgungen, ich dachte daran, wie die Indios in Südamerika von den spanischen und portugiesischen Konquistadoren so lange gefoltert wurden, bis sie sich zum Christentum bekehren liessen, ich dachte an den US-Präsidenten George W. Bush, der eines Morgens im März 2003 ein Gebet verrichtete, mit der Hand auf der Bibel, bevor er den Einsatzbefehl zum militärischen Angriff auf den Irak erteilte und in der Folge rund eine halbe Million Irakerinnen und Iraker ermorden liess.
Doch trotz alledem würde ich den damals geplanten Artikel heute nicht mehr schreiben. Im Gegenteil. Heute würde ich einen Artikel schreiben mit dem Titel „Ja, wir Menschen brauchen für unsere Zukunft Religionen, wir brauchen sie sogar dringender denn je.“
Woher dieser Sinneswandel innerhalb von sieben Jahren?
Ja, zunächst schien es tatsächlich eine Riesenbefreiung zu sein. Die Aufklärung. Der Siegeszug der Naturwissenschaften. Die kritische Vernunft anstelle des Glaubens an irgendwelche imaginäre Gottheiten, die vielleicht alle bloss erfunden worden waren, um „gläubigen“ Menschen das Recht zu verleihen, „ungläubige“ oder „falsch“ gläubige Menschen zu bevormunden, zu diskriminieren, zu unterjochen, zu entrechten. Endlich selber denken, statt anderen das Denken und die Definition von „Wahrheiten“ zu überlassen. Endlich das Leben selbstbestimmt in die Hand nehmen!
Aber was so hoffnungsvoll begonnen hatte, geriet schon bald auf die schiefe Bahn. Denn mit all dem „Bösen“ und all dem Machtmissbrauch unter dem Deckmantel von „Religion“ , der über so lange Zeit so unermesslichen Schaden angerichtet hatte, wurde gleichzeitig auch alles Gute und Wertvolle, was in den allerersten Anfängen religiösen Denkens und religiöser Bewegungen gelegen haben mag, unterschiedslos über Bord geworfen. Blind geworden durch einen unbändigen, geradezu euphorischen Fortschrittsglauben, durch die Illusion unbegrenzter Machbarkeit und die Lösbarkeit jedes noch so kleinen oder grossen Problems der Welt durch rein ökonomische oder technologische Mittel, ging der Blick gänzlich verloren auf Werte, die im Zusammenleben von Menschen über Jahrtausende ganz selbstverständlich gewesen waren: An erster Stelle die Verbundenheit mit der Natur, aber auch die Gewissheit, dass Menschen nicht primär voneinander unabhängige Einzelwesen sind, sondern stets Teile kleinerer und grösserer Gemeinschaften, und dass alles mit allem verbunden ist in einem grossen Ganzen, in einer „göttlichen“ Ordnung. Und dass es keinem einzigen Individuum wirklich gut gehen kann, solange es nicht auch der Gemeinschaft, der es angehört – und das ist letztlich die Gemeinschaft sämtlicher Lebewesen auf diesem Planeten über alle Grenzen hinweg – ebenfalls gut geht.
Wir haben uns von alten Mächten nur auf den ersten Blick und nur scheinbar befreit. Tatsächlich aber haben wir uns in tausenderlei neue Abhängigkeiten begeben, die möglicherweise fast noch verheerender und gefährlicher sind als alle früheren Abhängigkeiten, stehen wir als Menschheit heute doch zum ersten Mal in der Geschichte vor der ganz realen Gefahr, uns selber für immer auszulöschen, sei es durch die systematische Vernichtung unserer existenziellen Lebensgrundlagen, sei es durch einen alles vernichtenden dritten Weltkrieg.
Scheinbar haben wir die Religionen und alles Alte, Spirituelle, „Nichtwissenschaftliche“ und nicht unmittelbar ökonomischen Zwecken Dienende „überwunden“, gleichzeitig aber damit das Feld geöffnet für etwas, was man als „neue Religion“ bezeichnen muss, einen neuen, völlig wahnwitzigen und durch und durch „irrationalen“ Glauben. Es ist die Religion des Kapitalismus, die uns heute beherrscht, mit allen ihren Widersprüchen, Lügen und falschen Heilsversprechen vom ewigen Glück durch möglichst grossen und immer weiter wachsenden materiellen Besitz, errungen in einem immer gnadenloseren Kampf aller gegen alle, in einer Welt, in der die sozialen Unterschiede zwischen den Profitierenden und den Ausgebeuteten grösser sind als in der gesamten Menschheitsgeschichte je zuvor, und laufend noch grösser werden. Und diese neue „Religion“, die Religion des Kapitalismus, ist ganz und gar nicht harmloser als frühere Religionen, sondern, im Gegenteil, noch viel heimtückischer und gefährlicher. Denn während in früheren Religionen Missstände meistens früher oder später ans Tageslicht kamen und den Menschen durch kritische Geister ihre Abhängigkeiten und Fremdbestimmungen vielfach bewusst wurden – und damit gesellschaftliche Emanzipationsprozesse in Gang gesetzt wurden – , bleibt die Religion des Kapitalismus nahezu unangetastet, so sehr ist sie bereits von der weit überwiegenden Mehrheit der Menschen – selbst von den am meisten Benachteiligten und an den Rand Gedrängten – dermassen tief verinnerlicht, dass sich kaum noch irgendwer eine Welt vorzustellen vermag ausserhalb des Kapitalismus. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit hat es eine Religion geschafft, dass sich der Mensch – sich scheinbar völlig „frei“ fühlend – dennoch in totaler Fremdbestimmung und Selbstverleugnung hat dazu abrichten lassen, zum Werkzeug seiner eigenen Selbstzerstörung zu werden.
Vor sieben Jahren wollte ich schreiben: Schafft auch die letzten Überbleibsel der Religionen ab, so wie es John Lennon 1971 in seinem legendären Song „Imagine“ erträumt: „Imagine there’s no heaven, no hell, only sky, all the people living for today, and no religion, too.“ Heute schreibe ich: Nur die Rückbesinnung auf die ursprünglichen Wurzeln religiösen Denkens und Empfindens in ihren natürlichen Ursprüngen sozialer Gemeinschaften und ihrer Naturverbundenheit können die Menschheit vor ihrem Untergang bewahren. Ohne Religion – im Sinne eines allgemeingültigen moralischen Kompasses – hat die Menschheit keine Zukunft.
Es ist dieser moralische Kompass, der in einem Zeitalter überbordendster Scheinfreiheiten, die sich alle über kurz oder lang als Kräfte der Selbstzerstörung entpuppen werden, ganz und gar abhanden gekommen ist. Was zählt, ist nur noch die „Selbstoptimierung“ – egal, mit was für noch so schädlichen Auswirkungen auf das gesellschaftliche Zusammenleben und die gemeinsame Zukunft der Menschheit dies verbunden ist. Seit die britische Premierministerin und Vordenkerin des Neoliberalismus, der letzten und perversesten Stufe des Kapitalismus, im Jahre 1987 vorgebetet hatte, es gäbe „nur Individuen, keine Gesellschaft“, beten fast alle politischen, ökonomischen und wissenschaftlichen Wortführerinnen und Wortführer weltweit ihr das nach. Gesamtgesellschaftliche und historische Zusammenhänge aufzudecken, gilt mittlerweile nachgerade schon fast als Teufelswerk, zu sehr würde es das bereits kaum je noch kritisch hinterfragte und zur absoluten „Wahrheit“ hochstilisierte Menschen- und Weltbild zerstören, wonach jede „böse“ Tat, jede Form von Gewalt oder Kriminalität stets nur als Tat „böser“ Einzelmenschen betrachtet wird, die man hierfür so schnell und hart wie nur möglich bestrafen, therapieren, wegsperren, aussondern oder ausschaffen muss – als gäbe es nicht stets eine Wechselwirkung zwischen der einzelnen Tat und dem Umfeld, in der sie geschieht, eine stete Wechselwirkung zwischen – meist öffentlich sichtbarer – „Individualgewalt“ und – meist verborgener und weitgehend unsichtbarer – „Systemgewalt“.
Nicht einmal an den Universitäten, dereinst Kristallisationspunkte von Aufklärung, Wissensförderung und gesellschaftlichem Fortschritt, wird Denken in gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen heute noch gelehrt. Dort wird nur noch gelehrt, wie man mit dem geringstmöglichen Aufwand möglichst weit auf seiner Karriereleiter emporzuklettern vermag, um sich dereinst ein möglichst „genussreiches“ Leben in der Welt der Schönen und Reichen leisten zu können, fernab von den Sorgen und Nöten der übrigen 99 Prozent der Weltbevölkerung.
Es gab eine Zeit, da man Ärzte, insbesondere männliche, hoch spezialisierte und entsprechend gut bezahlte, als „Götter in Weiss“ zu bezeichnen pflegte – anspielend darauf, dass ihr meist einseitig akademisches Wissen oft in krassem Widerspruch stand zu über lange Zeit bewährten Traditionen aus der mehrheitlich von Frauen praktizierten Natur-, Haus- und Volksmedizin. Heute gibt es nicht nur Götter in Weiss, sondern auch in allen anderen Farben, in der Politik, an den Universitäten, in unzähligen „Fachorganisationen“, Beratungsfirmen, in den HR-Departementen fast jeder grösseren Firma, an sämtlichen Ausbildungs- und Weiterbildungsstätten, in einer fast unendlich verästelten, ebenfalls in reinem Kosten-Nutzen-Kalkül erstickten Gesundheitsindustrie, in medizinischen, naturwissenschaftlichen und technologischen Entwicklungslabors und in der Forschung im Allgemeinen, auf den Arbeits-, Sozial- und Migrationsämtern, im Asylwesen, auf psychologischen und Lebensberatungsstellen, in Entzugs- und Burnoutkliniken, in der Psychiatrie. Doch niemand kommt mehr auf die Idee, sie als „Götter“ zu bezeichnen, so sehr überstrahlt ihr Nimbus als „Expertinnen“ und „Experten“ für jeglichen nur erdenkbaren Lebensbereich alles andere. Kein Zeitungsartikel, kein Radiointerview, keine TV-Dokumentation, in der nicht früher oder später ein „Experte“ zitiert oder befragt wird. Er kann die dümmsten und banalsten „Weisheiten“ von sich geben und, meistens mit einer riesigen, beeindruckenden Bücherwand im Hintergrund, die seinen „Bildungsgrad“ dokumentieren soll, Dinge erzählen, die bald jedes Kind schon weiss und die man, auch ohne jahrelang studiert zu haben, meist mit ein bisschen gesundem Menschenverstand selber herausfinden kann. Dennoch hat der Experte stets das letzte Wort. Wenn er das Thema abgesegnet hat, ist alles gut und es kann zum nächsten Thema weitergeschritten werden.
Hören wir den „Expertinnen“ und „Experten“ aber aufmerksam zu, stellen wir unweigerlich fest, dass sie immer die gleichen Worthülsen und Denkmuster in ihren eigenen und allen anderen „Expertenkreisen“ weiterdrehen. Kapitalistisches, rein individualistisches, unbeirrt wachstumsgläubiges und auf simple Kosten-Nutzen-Erwägungen reduziertes Denken ist das Grundmodell, in der sich fast alle „Expertinnen“ und „Experten“ bewegen, als wären niemals auch radikale Alternativen dazu denkbar. Sie scheinen nicht einmal im Traum auf den Gedanken zu kommen, aus den einzelnen Kästchen, die ihnen vom kapitalistischen, globalisierten Gesamtsystem zugewiesen wurden, auszubrechen, um endlich all die Widersprüche, Selbsttäuschungen und Lügen, in denen sie sich verfangen haben, ans Tageslicht zu bringen. Sie gleichen den Priestern der katholischen Kirche zu der Zeit, als sich das „gemeine“ Volk in den Kirchenbänken Predigten in ausschliesslich lateinischer Sprache anhören musste, von denen niemand auch nur ein einziges Wort verstand. Nur dass die heutigen „Priester“, die Priester des Kapitalismus, hierfür nicht mehr die lateinische Sprache verwenden, sondern die scheinbar „wertfreie“ Sprache der „reinen“ Wissenschaften, angefüllt mit möglichst vielen Fremdwörtern und Scheinwahrheiten, die sie sich im Laufe vieler Jahre akademischer „Bildung“ einverleibt haben und nun diensteifrig nachbeten wie gut auswendig gelernte Bibeltexte.
Wie wenig sich all die „Experten“ inhaltlich voneinander unterscheiden, wie weit sie bloss ihre Glaubensbekenntnisse gegenseitig nachbeten und wie wenig echte Kreativität und freies, systemunabhängiges Denken übrig geblieben sind, zeigt sich etwa darin, dass es beispielsweise von all den Tausenden „Verkehrsexperten“, die rund um die Uhr in den Medien zu hören sind, nicht einen Einzigen gibt, der die Frage aufwerfen würde, ob es nicht endlich an der Zeit wäre, den Besitz eines privaten Automobils grundsätzlich in Frage zu stellen – obwohl all die „Experten“ eigentlich schon längst wissen müssen, dass sich die in den „fortschrittlichen“ Ländern des Westens etablierte Grundüberzeugung, wonach ein Familienleben ohne privates Auto kaum denkbar sei, augenblicklich als totale Illusion erweisen muss, wollten wir diese Annahme als weltweit geltendes „Menschenrecht“ postulieren. Lieber diskutieren sie endlos über Vor- und Nachteile von Tempo-30-Zonen, über Vor- und Nachteile vier- oder sechsspuriger Autobahnen oder schlagen sich gegenseitig alle möglichen und unmöglichen Argumente für oder gegen Elektromobile um den Kopf – viele werden dabei nicht einmal müde, die „Umweltverträglichkeit“ von Elektromobilen in alle Himmel hinaufzuloben, und scheinen sich keinen Deut darum zu kümmern, dass gleichzeitig beispielsweise in der spanischen Extremadura Hunderte Hektaren Olivenwälder zerstört werden und an zahlreichen anderen Orten der Welt gerade immer noch blutigste Kriege geführt werden, um die für den Antrieb der angeblich „umweltverträglichen“ und „nachhaltigen“ Fahrzeuge unerlässlichen Seltenen Erden zu gewinnen.
Auch die sogenannten „Gesundheitsexperten“. Sie streiten sich über Leistungskataloge, Kosten-Nutzen-Optimierung, Krankenversicherungsmodelle, Spitalschliessungen. Aber ich habe noch kaum je von einem Gesundheitsexperten gehört, der mal die ganz grundsätzliche Frage in den Raum gestellt hätte, ob es nicht letztlich die gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen und Zwänge sind, die mit der zunehmenden Vereinsamung der Menschen, dem wachsenden Leistungsdruck in den Schulen und am Arbeitsplatz, der Missachtung zutiefst menschlicher Grundbedürfnisse wie jener nach Wertschätzung und Anerkennung sowie der an allen Ecken und Enden propagierten, letztlich nie gänzlich erfüllbaren „Selbstoptimierung“ dazu führen, dass immer mehr Menschen psychisch und physisch krank werden und die Gesundheitskosten dadurch immer weiter in die Höhe getrieben werden. Auch die weit überwiegende Mehrheit der sogenannten „Bildungsexperten“ drehen nur immer weiter und weiter an den kranken Schrauben eines kranken Schulsystems, statt endlich den überfälligen Schluss zu ziehen, dass es nicht mehr länger darum gehen darf – die Ergebnisse sind dermassen ineffizient, kostspielig und ernüchternd -, Kinder und Jugendliche mit immer grösserem Aufwand zu „therapieren“ und in das System einzupassen, sondern es endlich darum gehen müsste, eine radikale Therapie des gesamten Schul- und Bildungssystems in Angriff zu nehmen. Fast alle der sogenannten „Wirtschaftsexperten“ sind ebenfalls immer noch und immer mehr in der selbstzerstörerischen Ideologie eines immerwährenden Wirtschaftswachstums gefangen und schauen nahezu tatenlos zu, wie eine immer grössere Menge an Luxusgütern produziert werden, die längst schon niemand mehr wirklich braucht und die nur mit immer noch kostspieligeren, aufwendigeren und aggressiveren Werbemethoden abgesetzt werden können, bevor das meiste davon früher oder später ohnehin im Müll landet. Auch ist kaum je ein Wirtschaftsexperte anzutreffen, der knallhart auf den Tisch legen würde, dass der tägliche Hungertod von weltweit über 15’000 Kindern unter fünf Jahren und die unter ihrer Last fast zusammenbrechenden Verkaufsregale in den westlichen Supermärkten nicht voneinander unabhängige Zufälligkeiten sind, sondern die ganz direkte und logische Folge eines Wirtschaftssystems, in dem die Güter nicht dorthin fliessen, wo sie am dringendsten gebraucht werden, sondern dorthin, wo multinationale Konzerne und die globalen Eliten damit am meisten Geld verdienen können. Ebenso die sogenannten „Energieexperten“: Sie streiten bloss darüber, ob zukünftig vor allem der Ausbau von Solarenergie, Wasserkraft, Windenergie oder Atomkraft vermehrt gefördert werden soll, aber es gibt fast keinen Einzigen, der die ganz grundsätzliche, alles entscheidende Frage aufwirft, ob das „Energieproblem“ nicht am einfachsten in der Weise gelöst werden könnte, dass man auf alle unnötigen Luxusansprüche verzichten und den Energieverbrauch auf jenes Minimum reduzieren würde, das auch längerfristig im Einklang steht mit dem, was natürliche Energiequellen, ohne jegliche schädliche Auswirkung auf die Umwelt, zu produzieren vermögen. Auch die sogenannten „Finanzexperten“ rennen nahezu ausschliesslich dem Phantom eines sich selber beständig optimierenden globalen Geldsystems hinterher und verschliessen sich partout der Erkenntnis, dass das Eis, auf welchem dies alles in immer horrenderem Tempo aufgebaut wird, immer dünner wird und entweder das Eis oder das ganze Kartenhaus, das auf ihm schon bis in den Himmel und darüber hinaus aufgetürmt ist, unweigerlich eines Tages zusammenbrechen muss. Und selbst unter den sogenannten „Sicherheitsexperten“ ist kaum je auch nur ein Einziger anzutreffen, der öffentlich erklären würde, dass dauerhafte Sicherheit niemals in einer Welt gegenseitiger Angstmacherei, Aufrüstung und immer grösserer, gefährlicherer und kostspieligerer Waffenarsenale entstehen kann, sondern nur in einer Welt gegenseitigen Dialogs, durch Völkerverständnis und grenzen-lose soziale Gerechtigkeit, ohne eine einzige Waffe und ohne eine einzige Armee. Ist doch, wie selbst der ehemalige US-General Dwight D. Eisenhower einmal sagte, „jede Kanone, die gebaut wird, jedes Kriegsschiff, das vom Stapel gelassen wird, jede abgefeuerte Rakete letztlich ein Diebstahl an denen, die nichts zu essen haben, frieren und keine Kleidung besitzen. Eine Welt unter Waffen verpulvert nicht nur Geld allein, sie verpulvert auch den Schweiss ihrer Arbeiter, den Geist ihrer Wissenschaftler und die Hoffnungen ihrer Kinder.“
Alle nur erdenkbaren Fragen werden gestellt und diskutiert, nur die wichtigste nicht: Die Frage nach dem Sinn von allem. Es ist wie ein ausser Rand und Band geratener Wettlauf, der die Menschen in immer höherem Tempo dazu zwingt, entweder ihre allerletzten Kräfte aufzubrauchen, um mit dem wachsenden Tempo mithalten zu können, oder aber, für immer auf der Strecke liegen zu bleiben. Doch niemand ruft „Stopp, es ist genug, wir brauchen eine Pause!“ Niemand zieht im Zug, der sich in immer schnellerem Tempo dem Abgrund nähert, die Notbremse. Niemand stellt die Frage, worin denn der Sinn von allem, der innerste Grund und die innerste Motivation dieses Ziels besteht, dem wir alle, zunehmend blindlings, hinterherjagen. Schau in die Gesichter der jungen Männer und Frauen, die allmorgendlich auf den Bahnhöfen zu den Zügen rennen, um rechtzeitig am Arbeitsplatz oder in der Schule zu sein. Ihre Blicke sind leer, als würden sie in unsichtbarer Ferne etwas suchen, was es dort gar nicht gibt. Kaum sitzen sie im Zugabteil, reissen auch noch die Allerletzten ihre Handys hervor, keiner spricht mit dem andern, alle starren auf 50 Quadratzentimeter Bildfläche, als ob dort eines Tages vielleicht doch noch die Antwort auf die Frage nach dem Sinn von allem erscheinen würde. Aber sie erscheint nicht, rückt bloss in immer noch weitere Ferne. In einer Welt, in welcher der Sinn von allem ganz grundsätzlich abhanden gekommen ist und die bereits vorhandenen Abgründe nur immer noch tiefer und tiefer werden.
Eigentlich wäre jetzt der Moment der letzten Chance gekommen. Eigentlich müssten jetzt die allerletzten verbliebenen Reste von Phantasie, Kreativität und Lebensweisheiten aus früheren Zeiten und Kulturen endlich aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen und, bevor der Zug endgültig in den Abgrund rast, dazu helfen, das Steuer herumreissen. Denn „der Kapitalismus“, wie es der französische Philosoph Lucien Sève formulierte, „wird nicht von selbst zusammenbrechen, er hat noch die Kraft, uns alle mit in den Tod zu reissen, wie der lebensmüde Flugzeugpilot seine Passagiere. Wir müssen das Cockpit stürmen, um gemeinsam den Steuerknüppel herumzureissen.“
Doch was geschieht? Als hätten die blindgewordenen Priester des Kapitalismus geahnt, dass schon bald Kräfte wiedererwachen könnten, um ihrem Werk ein Ende zu bereiten, ist ein scheinbar „neues“, tatsächlich aber hoffnungslos veraltetes „Denkmodell“ in die Welt gesetzt worden, das, wie alles im Kapitalismus, auf den ersten Blick zwar grenzenlos faszinierend und verheissungsvoll erscheint, gleichzeitig sich aber auf den zweiten Blick als das möglicherweise raffinierteste und gefährlichste Instrument erweisen könnte, um dem menschlichen Leben in Verbundenheit, Sinn und Gemeinschaft auf diesem Planeten endgültig den Garaus zu machen. Es ist das Denkmodell einer sogenannten „Künstlichen Intelligenz“, die sich, so ihre Erfinder und Propagandisten, dereinst zu einer dermassen unübertrefflichen, alle bisherigen Grenzen sprengenden Perfektion weiterentwickeln könnte, dass alles, was mit „natürlicher“ Intelligenz zu tun hat, ganz und gar überflüssig geworden sein wird. Nicht irgendein Psychopath, sondern ein ganz biederer Professor an einer schweizerischen Universität brachte es unlängst mit dieser Aussage auf den Punkt: Die Künstliche Intelligenz werde schon in wenigen Jahren dermassen gewaltige Fortschritte machen, dass sie sich unweigerlich im Universum weiterverbreiten und auf anderen Planeten neue Zivilisationen aufbauen werde, wodurch die bestehende Zivilisation auf dem Planeten Erde hinfällig geworden sein werde. Ein bisschen weniger krass meinte Bill Gates, „schon in zehn Jahren“ würden „Menschen für die meisten Dinge nicht mehr benötigt“.
Doch was ist die „Künstliche Intelligenz“ in ihrem tiefsten Wesen? Sie ist nicht weniger als das Ende der Geschichte. Denn alles, was „Künstliche Intelligenz“ beinhaltet, ist auf die Vergangenheit ausgerichtet, ein milliardenfaches Sammelsurium von allem, was je gedacht und geschrieben wurde, eine milliardenfache Buchstabensuppe, die man zwar, so oft man will, von einem Teller in den anderen giessen kann, deren Inhalt dennoch stets aus den immer wieder gleichen Buchstaben bestehen bleibt, die sich milliardenfach miteinander vermischen, ohne dass auch nur ein einziger neuer dazu käme, ein bis zu den höchsten Wolken reichender Tempel, eine Bibliothek gigantischsten Ausmasses, in der alle Bücher der Vergangenheit aufeinandergestapelt sind, ohne dass auch nur der winzigste Platz frei bliebe für ein von Grund auf neues, noch nie geschriebenes Buch. Die systematische, mit nie dagewesenem Eifer und einem alle Grenzen sprengenden Aufwand an Geld, Zeit und Energie betriebene Verhinderung von Zukunft. Eine umfassende Bankrotterklärung jeglicher echter, natürlicher Intelligenz, geht doch der „moderne“, KI-gläubige Mensch davon aus, dass die Menschen während Tausenden von Jahren genug gedacht, aufgeschrieben und erfunden haben, genug kreativ gewesen sind. Was soll er sich weiter mit solchen unnötigen und mühsamen Dingen herumplagen. Er kann doch jetzt all das der „Künstlichen Intelligenz“ überlassen und sich selber angenehmeren, weniger anstrengenden Aktivitäten hingeben, die seine Gehirnzellen nicht mehr so strapazieren, wie das während Jahrtausenden der Fall war.
Die fast schon religiös anmutende Ehrfurcht und das Staunen über die meist überaus dürftigen und häufig fehlerhaften „Ergebnisse“ und Produkte der „Künstlichen Intelligenz“ lassen sich wohl nur damit erklären, dass Menschen, die sich von diesen Wellen des Staunens und der Ehrfurcht dermassen euphorisiert mitreissen lassen, schon längst zuvor jegliches kritisches Bewusstsein verloren haben müssen. Das geschah nicht von einem Tag auf den andern. Es brauchte eine lange Vorbereitungszeit, bis all die Lügen und all die falschen Heilsversprechen des Kapitalismus so tief in die Seelen der Menschen eingedrungen waren, dass ihnen nun schon lange gar nicht mehr bewusst ist, dass sie sich nicht mehr selber bewegen, sondern durch unsichtbare Fäden, gleich Marionetten, von ferner Hand so gesteuert werden, wie es ihren weit über ihnen thronenden, unsichtbaren Puppenspielern gefällt. Heute sind es „Ökonomen“ oder „Anlageberater“, die sich als Puppenspieler betätigen, morgen irgendein findiger Kopf, der ein verrücktes neues, völlig unnützes Ding erfindet, übermorgen sind es dann vielleicht ausschliesslich nur noch die Priester der „Künstlichen Intelligenz“, mit der selbst die teuflischsten Waffensysteme dermassen systematisch bis zur letzten „Perfektion“ gefüttert werden, dass es dann irgendeines Tages vielleicht nicht einmal mehr ein „richtiger“ Mensch ist, der den Befehl zum Beginn des letzten globalen Vernichtungskriegs geben wird, sondern bloss sein ihm bis in alle Einzelheiten gleichendes digitales Ebenbild. „Die perfekte Diktatur“, so der britische Gesellschaftskritiker Aldous Huxley, Autor des 1932 erschienenen Zukunftsromans „Schöne neue Welt“, dessen Botschaft inzwischen von der Wirklichkeit bereits längst übertroffen worden ist, „wird den Anschein einer Demokratie machen, ein Gefängnis ohne Mauern, in dem die Gefangenen nicht einmal davon träumen auszubrechen. Es ist ein System der Sklaverei, bei dem die Sklaven dank Konsum und Unterhaltung ihre Liebe zur Sklaverei perfektioniert haben.“
Ja, und genau deshalb brauchen wir die Religion mehr denn je. Freilich nicht jene Form von Religion, die in Form von künstlich aufgebauten Machtsystemen Menschen unterdrückt, ausbeutet, ausgrenzt oder entrechtet. Sondern jene Form von Religion, die in den tiefsten Wurzeln sämtlicher in der Menschheitsgeschichte entstandener Kulturen zu finden ist und mit dem ganz praktischen Überleben menschlicher Existenz zu tun hat: Mit der Verbundenheit mit der Natur, mit dem Respekt gegenüber den natürlichen Grenzen irdischer Ressourcen, mit der Solidarität der Starken mit den Schwachen, mit der Philosophie des Teilens anstelle der Raffgier, mit Tugenden wie Bedächtigkeit, Musse, Vertrauen, Bescheidenheit und Ehrlichkeit.
Es ist, einfach gesagt, die Liebe. Wir müssen auch gar nicht so weit suchen, sondern können bei unserer eigenen Religion beginnen, der christlichen. Nehmen wir das, was Jesus sagte, ernst, dann ist es ganz einfach: „Liebe deine Nächsten wie dich selbst.“ In diesen wenigen Worten liegt eigentlich schon alles. Jedes Kind, das geboren wird, trägt diese unendliche Sehnsucht in sich, geliebt zu werden. Und wird diese Liebessehnsucht erfüllt, dann wird dieses Kind auch in seinem späteren Leben andere Menschen ebenso lieben können. Es ist so etwas wie die Erinnerung an ein Paradies, die jedes Kind, das die Welt betritt, noch zutiefst in sich trägt, anders kann man sich diese unendliche Liebessehnsucht wohl kaum erklären. Das Kind weiss, dass eine Welt voller Frieden, Gerechtigkeit und Liebe möglich ist, weil es diese Welt schon vor seiner Geburt erleben durfte, und es wird alles daran setzen, die Welt, in die es geboren wurde, in der Weise zu verändern, dass sie immer mehr und mehr jenem Idealzustand des Paradieses näher kommt. „Drei Dinge“, sagte der italienische Dichter Dante Alighieri, „sind uns aus dem Paradies geblieben: Kinder, Blumen und Sterne.“
Es war wahrscheinlich die wichtigste und zugleich die am meisten missverstandene und missbrauchte Botschaft von Jesus, als er sagte: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr niemals ins Himmelreich kommen.“ Mit jedem neu geborenen Kind – und genau an diesem Punkt werden wir mit reinem „Vernunftdenken“ ohne ein Mindestmass an „religiösem“ Empfinden schlicht und einfach nicht mehr weiterkommen -, mit jedem neu geborenen Kind gibt uns der „Schöpfer“ oder die „Schöpferin“ oder der „liebe Gott“ oder wie immer wieder dieses Wesen nennen möchten, unermüdlich stets von Neuem die Chance, alles Bisherige auf den Kopf zu stellen, die Welt neu zu denken und neu zu leben. Diese Botschaft war so faszinierend, so befreiend, so hoffnungsvoll, für die Mächtigen jener Zeit aber zugleich so gefährlich, dass sie nichts anderes wussten, als ihr eine der grössten Lügen in der Geschichte der Menschheit entgegenzustellen, die Lüge nämlich, dass die Verwirklichung des Paradieses auf Erden gar nicht möglich sei, sondern der Mensch sich den Zugang zu dieser paradiesischen Zukunft erst im „Jenseits“, nach seinem Tode, verschaffen könne, und nur dadurch, dass er sich von früh bis spät abrackere, auf jeglichen unnötigen Lebensgenuss verzichte und seinen Obrigen stets widerspruchslos Gehorsam leiste.
Diese Lüge freilich schien noch nicht genug Wirkung zu zeigen und so erfanden die Mächtigen jener Zeit eine zweite, fast noch verhängnisvollere: Die Lüge von der „Erbsünde“ nämlich, die absolut verrückte und frei erfundene Idee, der Mensch sei von Natur aus „sündig“, und nur dadurch zu „retten“, dass er sein ganzes Leben dem Willen „Gottes“ unterwerfe, der schliesslich seinen eigenen Sohn, Jesus, geopfert habe, um die Welt vom „Bösen“ zu befreien. Das pure Gegenteil dessen, was Jesus den Menschen verkündet hatte, als er sie aufforderte, so zu werden wie die Kinder. Hätte er das wohl so eindringlich gefordert, wenn er von irgendeiner „göttlichen“ Erkenntnis überzeugt gewesen wäre, wonach der Mensch von Natur aus „böse“ und „sündig“ sei? Nein, Jesus musste nicht sterben, um die Menschen vom „Bösen“ zu erlösen. Er musste schlicht und einfach nur deshalb sterben, weil seine Liebesbotschaft den Mächtigen seiner Zeit viel zu bedrohlich und viel zu gefährlich war und sie in ihrer Machtbesessenheit und zugleich totalen Hilflosigkeit keinen anderen Ausweg sahen, als ihn physisch zu vernichten, in der Hoffnung, damit auch seine revolutionäre Vision einer neuen Welt voller Frieden, Liebe und Gerechtigkeit auszulöschen.
Erst wenn die Trümmer der „Religionen“ in Form von Unterdrückung, Fremdbestimmung und Machtmissbrauch endgültig beiseite geräumt sind, werden wir darunter wieder die Wurzeln entdecken aus der Zeit, als alles angefangen hatte. Die Sterne, die Blumen und die Kinder. Die Quellen aus dem Paradies. Die unendliche Vielfalt, das unendliche Geheimnis der Schöpfung, das unfassbare Wunder, dass es dieser „liebe Gott“ oder wie immer wir es nennen möchten, geschafft hat und bis heute schafft, Abermilliarden von Menschenwesen erfunden zu haben, von denen kein einziges mit irgendeinem anderen identisch ist. Aber nicht nur die Menschenwesen. Milliarden und Abermilliarden von Pflanzen und Tieren, die Erde, der Regen, die Sonne, das ganze Leben, das Paradies. Eigentlich müsste es uns unweigerlich wie Schuppen von den Augen fallen, wie erbärmlich doch sämtliche Versuche noch so „hoch entwickelter“ Technologien sein müssen, diesen „lieben Gott“ nachzuahmen oder sich gar damit zu brüsten, noch vollkommenere Wesen zu schaffen, als es dieser „liebe Gott“ schon seit Jahrmillionen tut. Und erst recht müsste uns bewusst werden, in was für einer „gottlosen“ Zeit wir inzwischen angekommen sind, wenn sich Hotels, Restaurants und andere Vergnügungsstätten heute schon gegenseitig zu überbieten versuchen mit vielfältigsten Angeboten „kinderfreier“ Zeiten und Zonen. Wenn selbst dort, wo das „Leben“ in den schönsten Farben gefeiert wird, an Geburtstags- und Hochzeitsfesten, Kinder je länger je weniger erwünscht sind. Und wenn immer mehr Erwachsene sich bewusst dafür entscheiden, keine Kinder mehr zu haben, weil diese viel zu anstrengend, zu nervig, zu zeitraubend, zu kostspielig seien und den eigenen individuellen Karriereplänen zu sehr im Wege stünden.
Ohne Kinder ist alles nichts. Sie sind die wunderbarsten Quellen der Weisheit. Lassen wir uns auf sie ein, auf ihre Träume, Phantasien, Spielereien, ihr scheinbar „zweckfreies“ Tun, ihren Blick auf alles auf den ersten Blick „Unwichtige“ und „Unwesentliche“, können wir gar nicht anders, als uns immer wieder ein wenig in Richtung des „Himmelreichs“ zu öffnen und zu bewegen. Um die tiefsten Geheimnisse des Lebens kennenzulernen, gibt es keine besseren Lehrmeister als sie. Von ihnen können wir auch das vielleicht Allerwichtigste lernen, was dem Leben wieder jenen Sinn zu geben vermöchte, den viele von uns Erwachsenen so schmerzlich verloren haben: Dass Liebe etwas Allumfassendes ist. Dass zur Liebe zwischen den Menschen auch die Liebe zu den Pflanzen und Tieren gehört, zu jedem noch so winzigen Käferchen. Und dass echte Liebe auch immer mit Mitgefühl zu tun hat. Und dass es eigentlich niemandem auf der Welt wirklich ganz tief in seinem Innersten gut gehen kann, solange es nicht allen anderen Menschen, egal wie weit fort sie leben, ebenso gut geht.
Und ja, auch das noch: Liebe ist immer auch Liebe zur Wahrheit. Was für ein schöneres Bild könnte es dafür geben als die Kinder, wenn sie in ihre „Warum-Lebensphase“ eintreten. Und es muss ja etwas vom Elementarsten sein, gab es doch noch nie ein Kind, dass diese Lebensphase nicht durchschritten hätte. Es ist die Zeit, wenn das Kind unvermittelt mit irgendeiner „Warum-Frage“ beginnt: „Warum können Vögel fliegen?“. Der Papa und die Mama versuchen dann, die Frage so gut wie möglich zu beantworten. Doch unmittelbar darauf, aus der Antwort, entsteht schon wieder die nächste Warum-Frage. Alle Eltern kennen das. Es hört nicht auf. Es geht so lange, bis der Papa oder die Mama eingeschlafen ist oder entnervt dem Kind zu verstehen gibt, dass man das ja noch ins Unendliche weitertreiben könnte, aber irgendwo ist dann wieder Zeit für das Nachtessen oder Zeit, ins Bett zu gehen. Ja, es stimmt. Man könnte es endlos weitertreiben. Es ist die effizienteste Art und Weise, wie Kinder der Welt und ihren Geheimnissen auf die Spur kommen können. Es ist aber auch für die Erwachsenen eine einmalige Herausforderung, indem auch sie selber immer wieder an Grenzen stossen, an denen entweder scheinbar ganz banale Alltäglichkeiten plötzlich unendlich kompliziert erscheinen oder umgekehrt. Es gibt wohl keine andere so wirkungsvolle und tiefgehende Form gemeinsamen und gegenseitigen Lernens. Und ja: Es ist doch auch genau das, was in einer so „hoch entwickelten“ Gesellschaft wie der unseren, in der es – KI lässt grüssen – auf jede Frage eine bereits vorgefertigte Antwort gibt, so schmerzlich fehlt: Die Frage nach dem Warum, nach dem Sinn von allem. Wahrscheinlich würden uns Weisheiten nicht nur wie Kronleuchter, sondern wie ganze Milchstrassen aufgehen, wenn wir auch als Erwachsene, so wie die kleinen Kinder, zeitlebens nicht aufhören würden, einer jeden Antwort auf eine Warum-Frage sogleich eine neue Warum-Frage folgen zu lassen. So wie der Kleine Prinz in der Geschichte von Saint-Exupéry, der an einer Bahnschranke steht und sieht, wie zunächst ein vollbesetzter Zug von der einen Richtung her vorüberrast, und kurz darauf ein anderer, ebenfalls vollbesetzter, in die entgegengesetzte Richtung, und er dann fragt: „Warum sind sie schon wieder zurückgekommen, hat es ihnen dort, wo sie waren, nicht gefallen?“
Ja, die Augen der jungen Frauen und Männer, die frühmorgens zur Arbeit und zur Schule eilen, erscheinen leer. Aber das täuscht. Hinter der Leere wartet eine unendliche Sehnsucht, die Sehnsucht nach dem Paradies, die Sehnsucht nach einem Sinn von allem. Aber sie werden diesen Sinn nicht auf der 50-Quadratzentimeter-Oberfläche ihrer Handys finden. Doch das heisst nicht, dass es diesen Sinn nicht gäbe. Heerscharen von Engeln warten hinter all den Wolken, die Tag für Tag an uns vorüberziehen, darauf, dass wir unsere Herzen öffnen, die Liebe zulassen, die zerrissenen Fäden der Erinnerung ans Paradies wieder zusammenknüpfen. Die Engel wissen schon alles, sie sehen schon, was wir erst zaghaft in vagen Umrissen zu erkennen vermögen. Doch vielleicht geht es gar nicht mehr so lange, bis alles kippt. Denn auf ewig lässt sich die Sehnsucht nach dem Paradies nicht mehr unterdrücken oder in Bahnen der Selbstzerstörung weglenken. Irgendwann wird es wieder Zeit für das Leben.
Und wieder liegt eine schwerverletzte Skirennfahrerin nach einem fürchterlichen Sturz auf der Intensivstation: Mit 112 Stundenkilometern knallt Michelle Gisin im Abfahrtstraining von St. Moritz am 11. Dezember ungebremst in die Fangnetze. Die Folge: gravierende Verletzungen am linken Knie, Riss des vorderen Kreuzbands sowie des Innenbands, komplexe Blessuren am rechten Handgelenk, mehrere Brüche der Halswirbelsäule – ein Wunder, dass die 32Jährige nicht zeitlebens gelähmt sein wird.
2012 erleidet die 19jährige türkische Skirennfahrerin Asli Nemutlu auf einer Trainingsfahrt einen tödlichen Genickbruch. Im gleichen Jahr stürzt der kanadische Freestyle-Skier Nick Zoricic beim Zielsprung so schwer, dass er kurz darauf einem Schädel-Hirntrauma erliegt. 2024 stirbt die 19jährige Matilde Lorenzi nach dem Sturz während eines Abfahrtstrainings. Das sind nur drei von insgesamt elf Todesfällen im Verlaufe der letzten 25 Jahre. Dazu kommen unzählige Schwerverletzte, jahrelange Leidens- und Schmerzensgeschichten, zahllose irreparable Beeinträchtigungen und lebenslange Lähmungen.
Was braucht es noch, bis diesem Wahnsinn ein Ende gesetzt wird? Oder ist die Lobby der Profiteure, die unsichtbar im Hintergrund eines ausser Rand und Band geratenen Skizirkus agieren, so mächtig, dass all dies unbeschreibliche Leiden und die Gefahr lebensbedrohlicher Verletzungen bis hin zur Todesgefahr weiterhin bewusst in Kauf genommen werden?
Mit einem Friedensplan in 28 Punkten will US-Präsident Donald Trump den seit dreieinhalb Jahren andauernden Ukrainekrieg beenden. Mehrere Medien, darunter das US-Nachrichtenportal „Axios“, haben den Plan veröffentlicht, der Inhalt wurde sowohl von Regierungsvertretern der USA wie auch der Ukraine bestätigt. Der ukrainische Parlamentsabgeordnete Olexij Hontscharenko, der zur Oppositionsfraktion Europäische Solidarität gehört, stellte den Plan via Telegram ins Netz.
Während die meisten europäischen Medien den Plan bereits in der Luft zerrissen haben und ihn als „Kapitulationsvertrag“ der Ukraine bezeichnen, bevor sie ihn auch nur ansatzweise der Öffentlichkeit vorgestellt haben, berichtete das deutsche „Handelsblatt“ in seiner heutigen Ausgabe vom 21. November erstaunlich sachlich und vorurteilsfrei über den Inhalt des 28-Punkte-Plans wie folgt…
Die Souveränität der Ukraine wird bestätigt. Russland, die Ukraine und Europa erklären die Konflikte der vergangenen 30 Jahre für beendet. Vereinbart wird, sich gegenseitig nicht anzugreifen. Russland und die USA sprechen wieder über nukleare Rüstungskontrolle. Die Ukraine verzichtet in ihrer Verfassung auf einen Beitritt zur Nato… Die Nato legt sich fest, die Ukraine niemals aufzunehmen und auch keine Truppen in der Ukraine zu stationieren. Europäische Kampfjets werden in Polen stationiert. Russland soll sich per Gesetz dazu verpflichten, Aggressionen gegenüber Europa und der Ukraine abzuschwören. Die Ukraine bleibt atomwaffenfrei. Sie erhält – im Text nicht näher erläuterte – „zuverlässige Sicherheitsgarantien“ der USA, die für diese Garantien wiederum entlohnt werden… Sollte die Ukraine Russland angreifen, entfallen die Garantien. Sollte Russland die Ukraine angreifen, treten Sanktionen wieder in Kraft, Moskau verliert alle Vorrechte aus der Friedensregelung. Die Truppenstärke der ukrainischen Armee wird auf 600‚000 Mann begrenzt. Die Ukraine darf der EU beitreten… Eine amerikanisch-russische Arbeitsgruppe zu Sicherheitsfragen soll darüber wachen, dass die Regelungen des Abkommens eingehalten werden. Ein „Friedensrat“ unter Vorsitz von US-Präsident Donald Trump soll die Einhaltung des Abkommens garantieren… Die Krim und die ebenfalls besetzten ukrainischen Gebiete Donezk und Luhansk werden als faktisch russisch anerkannt. Die ukrainische Armee räumt die Teile von Donezk, die sie jetzt noch unter Kontrolle hat – diese Teile sollen fortan als demilitarisierte Pufferzone gelten und als russisches Gebiet anerkannt werden… In den südlichen Gebieten Saporischschja und Cherson wird der aktuelle Frontverlauf als Trennlinie festgelegt. Die russische Armee räumt die Brückenköpfe in den Regionen Charkiw und Sumy, die sie derzeit besetzt hält… Russland verzichtet auf weitere Gebietsansprüche. Territorialfragen dürfen nur friedlich gelöst werden, sonst sind alle Sicherheitsgarantien nichtig. Das Atomkraftwerk Saporischschja wird der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA unterstellt, der dort produzierte Strom wird zu gleichen Teilen zwischen der Ukraine und Russland aufgeteilt… Es wird ein internationaler Fonds zum Wiederaufbau und zur Entwicklung der ukrainischen Infrastruktur gegründet. Die USA helfen besonders beim Ausbau der ukrainischen Gasindustrie. 100 Milliarden US-Dollar des beschlagnahmten russischen Staatsvermögens fliessen in von den USA angeführte Bemühungen für Wiederaufbau und Investitionen in der Ukraine. Die USA erhalten 50 Prozent möglicher Gewinne… Die EU steuert 100 Milliarden US-Dollar zum Wiederaufbau bei und gibt beschlagnahmtes russisches Vermögen wieder frei. Das restliche russische Vermögen soll in gemeinsame Investitionen und Projekte mit den USA fliessen, die als Anreiz dafür dienen, den Konflikt nicht aufs Neue anzufachen… Russland wird wieder in die Weltwirtschaft integriert und eingeladen, der Gruppe führender Industrienationen nach seinem zeitweisen Ausschluss erneut beizutreten – womit aus den G7 wieder die G8 würden. Mit den USA wird eine langfristige Wirtschaftskooperation eingegangen, die unter anderem Energiefragen und die Ausbeutung seltener Erden in der Arktis umfasst… Gefangene und Tote werden nach dem Prinzip „Alle gegen alle“ ausgetauscht. Zivilisten werden freigelassen, Familien zusammengeführt. Für alle am Krieg Beteiligten gibt es eine umfassende Amnestie. Beide Seiten verpflichten sich, in Schulen gegenseitiges Verständnis und Toleranz zu lehren. Die Ukraine sichert die sprachlichen und religiösen Rechte von Minderheiten nach EU-Standards zu… In der Ukraine finden 100 Tage nach Abschluss des Abkommens Wahlen statt. Wenn alle Seiten der Einigung zugestimmt haben und der vereinbarte militärische Rückzug abgeschlossen ist, beginnt der Waffenstillstand.
Es lässt sich wohl kaum bestreiten, dass dieser Plan – der ja vorerst nur ein Vorschlag ist und dessen Details im Einzelnen noch auszuhandeln sind – eine brauchbare Grundlage bilden kann für eine friedliche Lösung dieses Konflikts, dem bereits viel zu viele Menschen, nämlich rund 1,4 Millionen – über 350’000 Tote und über eine Million Verletzte – zum Opfer gefallen sind. Über allem anderen muss das Ziel stehen, den Krieg so rasch wie möglich zu beenden, um weitere Opfer zu verhindern, alles andere ist sekundär. Genau in diese Richtung zielt das vorliegende Papier: Vereinbart werden sollen als Hauptpunkte, sich gegenseitig nicht anzugreifen, die Konflikte der vergangenen 30 Jahre als beendet zu erklären, die Souveränität der Ukraine völkerrechtlich zu garantieren und einen Friedensrat zwecks Einhaltung des Abkommens zu installieren. Beide Seiten haben Kröten zu schlucken: Die Ukraine soll auf einen Beitritt zur NATO verzichten, keine Stationierung von NATO-Truppen zulassen, seine Armee auf 600’000 Mann begrenzen und die Krim sowie die Gebiete Donezk und Luhansk als faktisch russisch anerkennen. Im Gegenzug soll Russland die Stationierung europäischer Kampfjets in Polen zulassen, einen Beitritt der Ukraine zur EU akzeptieren und die derzeit noch besetzten Brückenköpfe in den Regionen Charkiw und Sumy räumen. Weiter sollen Russland und die Ukraine wieder über nukleare Rüstungskontrolle verhandeln und weitere Territorialfragen nur noch friedlich lösen. Der im Atomkraftwerk Saporischscha produzierte Strom soll zu gleichen Teilen Russland und der Ukraine zur Verfügung gestellt werden. Gefangene und Tote sollen nach dem Prinzip „alle gegen alle“ ausgetauscht werden. Zivilpersonen werden freigelassen, Familien zusammengeführt. Für alle am Krieg beteiligten gibt es eine Amnestie und in den Schulen sollen gegenseitiges Verständnis und Toleranz gelehrt werden.
Ganz anders als im deutschen „Handelsblatt“ tönte es heute Morgen in den 7-Uhr-Nachrichten des Schweizer Radios SRF. Schon in der Einleitung – die Hörerinnen und Hörer haben zu diesem Zeitpunkt nicht einen blassen Schimmer, was in dem 28-Punkte-Plan drinsteht – heisst es, dass der vorliegende Plan „wenig Chancen* hat. Unmittelbar darauf wird eine „Expertin“ zugeschaltet, die das, was noch niemand kennt, auf ihre ganz „persönliche“ Weise kommentieren wird. Es handelt sich um Marina Henke, Professorin für internationale Sicherheit an der Hertie School in Berlin. Mit hastiger, schriller, sich überschlagender, stellenweise kaum verständlicher Stimme sagt sie…
Überraschenderweise stehen die Chancen, dass die EU den amerikanisch-russischen Friedensplan noch rechtzeitig stoppen kann, gut. Weil natürlich diese ganzen Gelder, die die Ukraine gerade bekommt, die kommen nämlich mittlerweile alle aus Europa. Also diese Androhung, was Amerika immer gemacht hat, zu sagen: Wenn ihr in der Ukraine nicht genau das macht, was wir wollen, dann bekommt ihr keine Gelder mehr, diese Drohung existiert mittlerweile gar nicht mehr, also nicht einmal mehr eine Karte, die Amerika spielen kann. Diese Karten sind jetzt in den Händen von den Europäern. Das ganze Geld, das in die Ukraine fliesst, kommt gerade aus Europa. Amerika spielt zwar immer noch eine Rolle, was die Nachrichtendienste angeht, und das ist immer noch eine wichtige Rolle. Natürlich können sie der Ukraine drohen, diese Informationen, gerade was die Fronten angeht, nicht mehr weiterzuleiten. Aber wirklich diese finanzielle Androhung, dass diese finanzielle Hilfe nicht mehr kommt, diese sehr mächtige Karte, die können sie mittlerweile nicht mehr spielen. Ich denke im Endeffekt, dass dieser Plan auch wieder zerfällt, denn es ist einfach: Russland will keinen Frieden und natürlich muss man auch verstehen von der europäischen Seite, wenn jetzt da irgendwie die Front eingefroren wird, aber zu Gunsten von Russland, und das ist das, was de facto gerade auf dem Tisch liegt, dann wird das in Russland natürlich in gewisser Weise auch einen Aufwind produzieren, und eine gewisse Arroganz, und diese kann sehr leicht dazu führen, dass dann Russland sagt, jetzt gehen wir ins Baltikum oder jetzt greifen wir ein anderes Gebiet an, das kann auch in der Arktis sein, ein Gebiet, das unter europäischer Kontrolle steht oder unter NATO-Kontrolle. Und es hat auch in Europa niemand ein Interesse daran, dass es jetzt hier zu einem Diktatfrieden kommt, weil eben alle verstehen, wenn man diesen Frieden, diesen Gewinn Russland gibt, heisst das noch lange nicht, dass es wirklich Frieden gibt auf dem europäischen Kontinent, sondern im Gegenteil dies zu einer noch grösseren Arroganz führt in Russland und zum nächsten Angriff auf europäische Territorien bzw. NATO-Territorien.
Die Nachrichtensprecherin des Schweizer Radios enthält sich jedes weiteren Kommentars und geht zum nächsten Thema über…
Eine „Expertin“ also hat uns Schweizerinnen und Schweizer heute Morgen um sieben Uhr erklärt, worum es im 28-Punkte-Plan für eine friedliche Lösung des Ukraine-Konflikts geht und was wir davon zu halten haben. Eine „Expertin“, für die ein Krieg mit über einer Million Opfer offensichtlich so etwas ist wie ein Kartenspiel, das jetzt neu gemischt wurde. Eine „Expertin“, die offenbar schlief, als man endlich aufhörte, von „Amerika“ statt von den „USA “ zu reden, und damit endlich auch aufhörte, die USA und das ganze übrige Amerika in den gleichen Topf zu werfen. Die offensichtlich auch im Jahre 1991 schlief, als führende Politiker des Westens Russland hoch und heilig versprachen, die NATO niemals über ihre Ursprungsländer hinaus nach Osten auszudehnen. Die offensichtlich auch schlief, als Wladimir Putin im Jahre 2000, kaum an die Macht gekommen, dem Westen eine gemeinsame europäische Sicherheitsstruktur, die Auflösung der bestehenden Militärblöcke und ein Ende das Kalten Kriegs vorschlug – was zur Gänze vom Westen in Bausch und Bogen verworfen wurde. Die offensichtlich auch schlief, als im Frühjahr 2014 die reguläre ukrainische Regierung mithilfe der CIA weggeputscht wurde und die Diskriminierungen der russischsprachigen Bevölkerung in der Ostukraine immer verheerendere Ausmasse annahmen, bis hin zum Verbot ihrer eigenen Sprache, Kunst und Literatur. Die offensichtlich auch im Dezember 2021 schlief, als Putin dem Westen eine friedliche Lösung des Ukrainekonflikts vorschlug, was dieser wiederum, auch dieses Mal ohne jegliche Begründung, zurückwies. Die auch schlief, als auf der Istanbul-Konferenz vom März 2022 eine bereits pfannenfertige Friedenslösung wiederum vom Westen torpediert wurde. Und die auch dann noch schlief, als sämtliche US-Geheimdienste bereits anfangs 2025 und bis heute daran festhalten, dass es keinen einzigen Hinweis darauf gibt, Putin hätte die Absicht, eines der NATO-Länder militärisch anzugreifen.
Was haben sich die Journalisten der heutigen SRF-Morgennachrichten wohl gedacht, als sie als „Expertin“ für den Friedensplan von Donald Trump ausgerechnet eine deutsche Universitätsprofessorin anpeilten, wo doch bald jedes Kind hierzulande weiss, dass deutsche Politiker und Medien neben denen aus den baltischen Staaten zu den vehementesten Befürwortern einer nie dagewesenen militärischen Aufrüstung Europas gehören, statt sich endlich mit voller Kraft von einer völlig anachronistischen Kriegslogik zu verabschieden, um endlich, bevor alles zu spät, die Türen aufzustossen für eine neu, echte Friedenslogik des Dialogs und der Völkerverständigung? War es, als man die „Professorin für internationale Sicherheit“ aus Berlin um das Interview bat, nur Dummheit, Nachlässigkeit oder lag gar eine böse Absicht dahinter? Sind wir schon so verblendet, dass wir vor lauter „Spezialisten“ aus unserem nördlichen Nachbarsland nicht einmal mehr zu sehen vermögen, was für hervorragende Experten wir hierzulande zur Verfügung hätten, die sich allesamt während dieser entscheidenden letzten Jahrzehnte nicht etwa dem Schlafen zuwendeten, auch nicht dem erbitterten Festhalten an den Denkmustern des Kalten Kriegs, sondern die im Gegenteil das Zeitgeschehen hellwach verfolgten und mit höchster Kompetenz mitgestalteten, Aushängeschilder gutschweizerischer Kunst der Diplomatie, auf die wir eigentlich nicht genug stolz sein können und die wir eigentlich in diesen schwierigen und gefährlichen Zeiten an allen Ecken und Enden mehr denn je zu Wort kommen lassen müssten. Laurent Goetschel zum Beispiel, Politikwissenschaftler an der Universität Basel und Direktor der schweizerischen Friedensstiftung Swisspeace. Oder Yves Rossier, von 2017 bis 2020 Schweizer Botschafter in Moskau. Oder Micheline Calmy-Rey, Schweizer Aussenministerin von 2003 bis 2011. Oder Thomas Greminger, einer der erfolgreichsten internationalen Diplomaten, von 2017 bis 2020 Generalsekretär der OSZE, der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa.
Aber es kommt sogar noch schlimmer. Denn wenn man mal kurz ins Internet schaut, um sich schlau zu machen über die Hertie School, an der die besagte „Expertin“ von heute Morgen angestellt ist, dann stösst man auf folgende Informationen: Die Hertie School in Berlin wird durch eine Stiftung finanziert, welche auf die Warenhauskette Tietz zurückgeht. Diese wiederum war ursprünglich ein jüdisches Unternehmen, das von den Nationalsozialisten „arisiert“ wurde und aus dem die jüdischen Geschäftsführer hinausgedrängt wurden. Die nationalsozialistische Vorgeschichte der Hertie Stiftung und damit indirekt auch der Hertie School wurde bis heute nicht aufgearbeitet, obwohl im Jahre 2020 150 aktuelle und ehemalige Studierende der Hertie School in Berlin eine offene und verantwortungsvolle Aufarbeitung der Stiftungsgeschichte gefordert hatten.
Um Kriege vorzubereiten, wie es derzeit führende westliche, insbesondere deutsche Politiker im Bunde mit den Profitinteressen der Rüstungsindustrie tun, braucht es mindestens dreierlei: Erstens eben diese Politiker und ihre profitgetriebenen Hintermänner, zweitens eine möglichst grosse Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern, die sich manipulieren lassen, und drittens Medien, die sich längst meilenweit von den simpelsten Grundsätzen kritischer, seriöser und objektiver Berichterstattung entfernt haben.
(Diesen Artikel habe ich am 22. November 2025 mit einem kurzen Begleitschreiben an Radio SRF 1 und an die Generaldirektion SRG geschickt.)