Peter Sutter, 18. Mai 2026

Unter dem Titel „Er vernichtete ihr Leben – weil sie sich nicht unterordnen wollte“ berichtete der „Tagesanzeiger“ am 15. Mai 2026 über einen Femizid, der an Grausamkeit sämtliche Vorstellungskraft übersteigt, begangen von einem Schweizer an seiner Frau, einer gebürtigen Serbin, am 13. Februar 2024 in Binningen, Kanton Basel-Land…
Er könnte ein ganz normaler junger Mann sein, er trägt Anzug und Hemd, unter dem Arm eine Aktenmappe. Als er sich aufrecht hinsetzt, öffnet er mit geübter Geste den obersten Knopf seines Jacketts, als komme er zu einer Sitzung mit Investoren. Nur ist das kein Konferenzraum, sondern ein Saal im Strafgericht. „Der Fall hat Fiktion zu Realität werden lassen“, sagt Gerichtspräsident Daniel Schmid bei der Urteilsverkündigung. „So etwas habe ich persönlich in meiner ganzen Karriere nicht erlebt.“… Am Mittag des 13. Februar 2024 hat M.R. seine Ehefrau und die Mutter seiner beiden Kinder in ihrem gemeinsamen Haus in Binningen zuerst verprügelt und dann erwürgt. Was danach geschah, sprengt jegliche menschliche Vorstellungskraft: Im Keller zerstückelte er die Leiche mit Messern und einer Gartenschere und versuchte danach, Leichenteile in einer Flüssigkeit aufzulösen. Die Frau, die er einst seine „blonde Göttin“ nannte; die Mutter seiner „beiden Engel“, damals zwei und vier Jahre alt. Er habe seine Frau „über alles geliebt“, beteuert er am ersten Verhandlungstag… Wie konnte aus diesem scheinbaren Traumpaar dieser absolute Albtraum werden? Es war eine Beziehung zwischen zwei Menschen, deren Herkunft kaum unterschiedlicher hätte sein können. M.R., Sohn eines Wirtschaftsanwalts, wächst in privilegierter Idylle auf – Wandern, Segeln, Pfadfinder. Ein Leben nach Schweizer Bilderbuchstandards. Er absolviert die Universität St. Gallen, wird Unternehmensberater. Bescheidenheit und harte Arbeit seien seine Werte, so die Verteidigung. Doch frühere Weggefährten beschreiben ihn als seltsam unnahbar, fast künstlich fokussiert… Sie ist das Gegenteil: Tochter serbischer Einwanderer, aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen in Pratteln. K.J. ist eine warmherzige, aufgeschlossene Person, die Menschen für sich einnimmt. Als Kind möchte sie Astronautin werden, auch später will sie hoch hinaus, ergattert mit 18 erste Modeljobs. 2007 kandidiert sie für die Miss-Schweiz-Wahl. Sie ist eine Teamplayerin; auf den Hotelfluren bringt sie ihren Konkurrentinnen bis spät in die Nacht bei, wei man auf High Heels geht. Später etabliert sie sich als erfolgreiche Catwalk-Coachin und Bookerin… Im März 2016 trifft K.J. auf einem SKiausflug M.R. Danach geht alles schnell. Sie beendet ihre langjährige Beziehung in Zürich, die beiden kaufen ein Haus in Binningen, bereits im Sommer ziehen sie ein. So unterschiedlich ihre Herkunft, so leidenschaftlich sind sie verbunden. Sie zeigt ihm das serbische Dorf, aus dem ihre Eltern stammen, er stellt sie seiner Familie vor. Und natürlich schmieden sie Pläne für eine grosse gemeinsame Zukunft… Im August 2017 wird geheiratet. Einmal im Hotel Giessbach mit 100 Gästen samt serbischer Verwandtschaft. Die Männer trinken Schnaps bis in die frühen Morgenstunden. Dann feiern sie noch einmal, in Bosnien. Die beiden versprechen sich, zusammen durch dick und dünn zu gehen. Von da an wird es in den Medien still um K.J. Es scheint, als hätte sie nun ihre ganze Energie in das Projekt Familie gesteckt. Doch kaum hat es begonnen, zeichnen sich schon Risse ab: extreme Gefühle, extreme Kontraste. Manche sagen: Die Beziehung wurde schnell toxisch. Er ist analytisch, kontrollierend und kaltblütig. Sie, die Leidenschaftliche, eigenständig und emotional. Freunde sagen, er sei dominant gewesen, habe sie auch in Anwesenheit von Freunden oft korrigiert. Sie aber hatte eigene Pläne, ordnete sich nicht widerspruchslos unter. Das dürfte ihn zunehmend frustriert haben… Von aussen habe man ihnen die Probleme nicht angemerkt, sagen Freunde. Aber bereits ab 2018 machen sie eine Paartherapie. Sie wollen Kinder, es dauert eine Weile, bis es auch klappt. Aber dann bekommen sie 2020 ein Mädchen und 2021 das zweite. Doch in der Beziehung läuft es nicht gut. Finanzen sind ein Thema, Erziehung, Eifersucht. Und Gewalt… M.R. wahrt die Maske des bürgerlichen Ehemanns selbst dann noch, als das Blut an seinen Händen bereits entfernt ist. Nachdem er die Leiche zerteilt hat, duscht er und geht joggen. Dabei deponiert er ihr Mobiltelefon auf einem Lieferwagen, um eine falsche Fährte zu legen. Danach holt er die Kinder mit dem Lastenvelo in der Kita ab und geht mit ihnen ins Restaurant. Als ihre Eltern auf der Suche nach ihrer Tochter bei ihm aufkreuzen, spielt er den ahnungslosen Schwiegersohn, führt sie sogar durch den Keller. Dann bringt er die Kinder ins Bett. Erst später findet der Vater in einem Plastiksack die Überreste seiner Tochter… „So verhält sich nur jemand, der sich schon zuvor gedanklich mit dieser Tat beschäftigt hat“, urteilt Richter Schmid. Es war weder Affekt noch Panik, sondern die methodische Vernichtung einer Frau, die es gewagt hatte, seine Ordnung zu gefährden… Die Verteidigung beschreibt M.R. als jemanden, der immer besonnen, geduldig, nicht aus der Ruhe zu bringen gewesen sei. Nie zuvor habe er Gewalt angewendet. Diesen Eindruck versucht er auch vor Gericht zu erwecken: Er bleibt stoisch, wenn er spricht, beteuert er seine vermeintliche Liebe… Die Akten sagen etwas anderes. Auch bei seinen Ex-Freundinnen sei es zu Wutanfällen und häuslicher Gewalt gekommen. Eine habe er ebenfalls gewürgt und gegen eine Wand gedrückt. Einmal sei er ihr nach dem Besuch bei den Eltern im Streit über den Fuss gefahren. Auf der nächstfolgenden Fahrt habe er gedroht, sie aus dem Auto zu werfen… Auch in der Ehe mit K.J. ist häusliche Gewalt belegt. Im Juli 2023 gibt es einen Polizeieinsatz im gemeinsamen Haus in Binningen. Eine Strafanzeige erfolgt nicht. M.R. habe nach einem solchen Konflikt einmal gesagt: „Du solltest froh sein, dass nichts Schlimmeres passiert ist.“… Spätestens ab August 2023 beschäftigt sich K.J. ernsthaft mit dem Thema Trennung. Sie konsultiert einen Scheidungsanwalt, informiert sich über die gemeinsamen Finanzen. Eine Trennung sei aber für M.R. keine Option gewesen, so die Paartherapeutin… Im Dezember 2023 kommt es wieder zu einem Gewaltvorfall, sie trägt Würgemale am Hals davon. Er behauptet, sie habe sich diese selbst zugefügt. Aber sie hat genug und warnt ihn: Wenn es noch einmal vorkomme, werde er die Kinder verlieren. Ein letztes Mal versuchen sie kurz vor der Tat, die Beziehung zu kitten. Sie verbringen ein Paarwochenende auf dem Bürgenstock, aber zu später Stunde reist er ab. Sie versucht, ihn zurückzuholen, vergeblich… Ein Wort, das bei der Urteilsverkündigung mehrfach fällt, ist „Realitätsverweigerung“. Selbst im Gerichtssaal bleibt M.R. in seiner Welt gefangen. Er schüttelt ungläubig den Kopf, als die Rechtsmedizin die Fakten präsentiert. Nach seiner Verhaftung sagt er gegenüber der Staatsanwaltschaft: „Ich betone, dass ich mithelfen möchte, die Wahrheit zu finden. Für mich ist das auch eine Reise, sie mit euch zu entdecken.“ Dann tut er das Gegenteil und behauptet, K.J. am Mittag des 13. Februar tot am Fuss der Treppe vorgefunden und danach „in Panik zerstückelt“ zu haben. Zweieinhalb Wochen später wiederholt er diese Behauptung vehement. Dann räumt er plötzlich ein, sie hätten mittags ein Gespräch geführt. Es sei aber „gesittet, zivilisiert, vorbildlich“ verlaufen, bevor K.J. das Zimmer verlassen und ihn danach unvermittelt mit einem Messer angegriffen habe. Im Abwehrkampf habe er sie aus Versehen erwürgt. Auch auf dieser Version der Tötung aus Notwehr besteht er über zehn Einvernahmen hinweg. Später gibt er zu, dass es zum Streit gekommen sei, behauptet aber immer noch, sie habe ihn angegriffen… Wenn man ihm vorhielt, dass seine Schilderungen in keiner Weise mit der Rechtsmedizin vereinbar seien, bezichtigte er die Ermittler, „gepfuscht“ zu haben. Seinen Hang zur Überheblichkeit zeigte sich vor Gericht darin, dass er in einer der ersten Einvernahmen bei der Lektüre des Protokolls sogar die Kommafehler des Befragenden korrigierte. Das könne nur jemand, der seine Intelligenz masslos überschätze. so Richter Schmid. M.R. verharrte in einer totalen Realitätsverweigerung : In seinen Haftentlassungsgesuchen äusserte er die Vorstellung, er könne bald mit seinen Töchtern im Haus weiterleben – dem Ort, an dem er ihre Mutter auf so bestialische Weise ermordet hatte… Bei der Verkündigung der lebenslangen Freiheitsstrafe schildert Schmid, was das Gericht als gegeben erachtet: Am Morgen des 13. Februars 2024 bereitet sich K.J. auf ein Gespräch mit ihrem Mann vor, es soll um ihre Beziehung und Finanzen gehen. Als sie ihn zur Rede stellt, schlägt er ihr mit den Fäusten ins Gesicht und würgt sie bis zur Bewusstlosigkeit. Dann, aus Angst vor der Polizei, beschliesst er, sie endgültig zu beseitigen. Er greift zu einem Strangulationsobjekt und erdrosselt sie von hinten. „Die gezielte Tötung war der bewusste Versuch, häusliche Gewalt zu vertuschen“, sagt das Gericht. Er habe sie für ihre Trennungsabsicht bestrafen und vernichten wollen. „Wäre es nur um die Vernichtung von Beweisen gegangen, hätte es auch einfachere Möglichkeiten gegeben, den Leichnam zu beseitigen“, sagt Schmid. Er habe sich aber für die skrupelloseste, kaltblütigste Variante entschieden. „Eine grössere Geringschätzung menschlichen Lebens ist kaum denkbar“, so Schmid.
Gemäss forensisch-psychiatrischem Gutachten, welches dem Gerichtsurteil zugrunde liegt, müsse man bei M.R. von einer „Akzentuierung narzisstischer und zwanghafter Persönlichkeitszüge“ ausgehen. In Bezug auf sein Risikoprofil sei ein „Potenzial für schwerste Gewaltanwendung“ vorhanden. Risikoeigenschaften seien bei ihm seine „gesteigerte Rigidität“, ein „gesteigertes Kontrollbedürfnis“, „Egozentrik“, „wutgeprägte Reaktivität“ und eine „Manipulationstendenz“. Im Urteil des Bundesgerichts ist zudem die Rede von „sadistisch-soziopathischen Zügen“.
Wäre die gleiche Tat von einem Afghanen, einem Syrier, einem Eritreer oder einem Marokkaner begangen worden, wäre die allgemeine Schlussfolgerung wohl nahezu unvermeidlich gewesen und für alle, die schon immer von „fremden“ und „gewaltbereiten“ Kulturen gesprochen hatten, wäre eine solche Tat bloss ein weiterer Beweis dafür gewesen, wie Recht sie mit ihrer Behauptung gehabt hatten. Wenn aber der Täter ein Schweizer ist, dann muss es, so wird allgemein angenommen, andere Ursachen haben als die Nationalität oder die ethnische bzw. kulturelle Herkunft. Denn ein Schweizer, so die herrschende Mehrheitsmeinung, kann, im Gegensatz zu einem „Fremden“, nicht von Natur aus „böse“ oder gewalttätig sein. Es muss sich um eine individuelle „Störung“ oder „Erkrankung“ handeln, um einen „Soziopathen“, einen übertriebenen „Narzissten“, um einen „Egozentriker“ oder einen Menschen mit krankhaft „sadistischen“ Zügen. Dieses Denkmuster ist nicht nur in der breiten Bevölkerung überaus häufig anzutreffen, sondern wird auch von nicht wenigen Fachleuten vertreten, so zum Beispiel von Frank Urbaniok, der weitherum sogar als einer der europaweit führenden Forensiker angesehen wird und zu diesem Thema unlängst auch ein Buch veröffentlicht hat, in dem er höchst fragwürdige statistische Zusammenhänge zwischen ethnischer Herkunft und Gewaltbereitschaft herstellt, ohne auf die Lebensumstände der jeweiligen „Tätergruppe“ näher einzugehen.
Das wäre beruhigend und würde uns in unserem Selbstverständnis, im Gegensatz zu Menschen aus „anderen“ Kulturen im Grunde „gut“ zu sein, wohl genügend bestärken, um uns alle weiteren Fragen, die dieses Bild stören könnten, sozusagen zum Vornherein zu ersparen.
Doch entgegen solcher Beschönigungen wage ich zu behaupten, dass die von M.R. verübte Tat in gleichem Masse etwas typisch „Schweizerisches“ ist, als es auch etwas typisch „Marokkanisches“, „Afghanisches“ oder „Eritreeisches“ wäre, wenn die gleiche Tat von einem Mann begangen worden wäre, der aus einem dieser „anderen“, „fremden“ Länder stammt. Denn in jedem Fall ist es nicht die „Natur“ des einzelnen Individuums, welche die Voraussetzungen für solche Taten schafft, sondern es sind die gesellschaftlich-sozial-politisch-wirtschaftlich-kulturellen Verhältnisse oder Einflüsse, unter denen Menschen aufwachsen und von denen ihre Lebensgeschichten geprägt sind.
Schauen wir uns doch eine solche „schweizerische“ Lebensgeschichte am Beispiel von M.R. etwas genauer an. Er ist ja nicht ein Versager, ganz im Gegenteil. Er hat die „schweizerischen“ Werte von klein auf aufgesogen und funktioniert ganz so, wie ein „guter“, „erfolgreicher“ Schweizer zu funktionieren hat. Aus dem Zeitungsartikel des „Tages-Anzeigers“ geht hervor, dass er „ein ganz normaler junger Mann“ sein könnte, mit „Anzug“, „Hemd“ und „Krawatte“, „unter dem Arm eine Aktenmappe“, der „mit geübter Geste den obersten Knopf seines Jacketts öffnet“, als käme er zu einer „Sitzung mit Investoren“. Er gilt als intelligent, gebildet, ist Sohn eines Wirtschaftsanwalts, übte als Jugendlicher Hobbys wie Wandern und Segeln aus und war bei den Pfadfindern. Später absolvierte er die Wirtschaftsuniversität St. Gallen, die renommierteste Ausbildungsstätte für angehende Wirtschaftsexperten, wurde Unternehmensberater und führte in jeglicher Hinsicht ein „Leben nach Schweizer Bilderbuchstandards“. Hätte er am 13. Februar 2024 nicht seine Frau getötet, wäre er wohl heute noch ein Vorbild für alle, die in der Schweiz erfolgreich Karriere machen wollen – alle seine früheren gewalttägigen Übergriffe gegenüber Lebenspartnerinnen, selbst das willentliche Überfahren des Fusses einer dieser Frauen, schienen seinem Image nicht wirklich geschadet zu haben.
M.R. hatte alles „richtig“ gemacht. Aber genau das ist das Heimtückische, die dahinter liegende Zeitbombe. Denn während es in Bezug auf seine Bilderbuchkarriere genau das Richtige war, war es gleichzeitig auf einer anderen Ebene etwas Höchstgefährliches. Das, was in den Beschreibungen früherer Weggefährten als „seltsam unnahbar“ und „fast künstlich fokussiert“ beschrieben wird und sich etwa darin äusserte, dass er unmittelbar nach der bestialischen Ermordung seiner Frau duschen und joggen ging und bei den Gerichtsverhandlungen keinerlei Emotionen zeigte, sondern sich akribisch auf das Korrigieren von Rechtschreibefehlern in den Gerichtsprotokollen stürzte. Der ganz „normale“ Ehemann und Familienvater, der sich auf einmal als Monster entpuppt – so wie es immer wieder berichtet wird, wenn Nachbarn von Männern, die scheinbar aus heiterem Himmel eine Gewalttat begehen, in Fernseh- oder Zeitungsinterviews aussagen, sie hätten sich so etwas nicht im Traum vorstellen können – von aussen hätte ihnen dieser Mann stets einen ganz „normalen“ Eindruck gemacht, sei jeden Morgen pünktlich zur Arbeit gegangen und jeden Abend pünktlich von der Arbeit zurückgekommen. Immer mit korrekt getragenem Anzug. Mit Hemd und Krawatte. Und immer mit der Aktenmappe unter dem Arm. Was diese Männer nach aussen als so „normal“ erscheinen lässt, kann sie gleichzeitig von Fall zu Fall so gefährlich machen für andere, die in der sozialen Hierarchie tiefer stehen als sie selber, meistens die eigene Lebenspartnerin oder die eigenen Kinder.
Männer wie M.R., die ihre eigene Frau oder Lebenspartnerin ermorden, mögen zwar zahlenmässig unter sämtlichen Männern eine seltene Ausnahme bilden. Und doch finden wir das dahinterliegende Gewaltmuster, in unterschiedlicher Abstufung und in mannigfachen, weniger extremen Ausprägungen, quer durch die ganze Gesellschaft in erschreckendem Ausmass. Frauenmörder bilden bloss die relativ seltene und ganz winzige Spitze eines riesigen, fast gänzlich unsichtbaren Eisbergs, ohne den es diese Spitze selber gar nicht gäbe.
Wer kennt sie nicht, all die Männer, welche unterschiedlichste Formen von Gewalt gegen Frauen ausüben. Oft sind es Akademiker in höheren gesellschaftlichen Positionen. Sie tragen ihr „Wissen* und ihre „Bildung“, die meistens aus nicht viel anderem als einer überdurchschnittlich hohen Anzahl an einer Universität verbrachten Jahre besteht, wie einen Heiligenschein mit sich mit. Weniger „gebildete“ Menschen werden oft von ihnen belächelt oder als etwas „Minderwertiges“ betrachtet. Häufig verwenden sie bewusst eine kaum verständliche, von Fremdwörtern durchtränkte Sprache, zynische Bemerkungen sind besonders typisch für sie. Man trifft sie nicht selten auch unter Computerspezialisten, Bankern, Lehrern, Anwälten, Ärzten, Psychiatern oder Politikern an. Frauen solcher Männer haben nicht viel zu lachen, vor allem, wenn sie, aus der Sicht ihrer Männer, weniger „gebildet“ sind und kein höheres Studium absolviert haben. Ich kenne Männer, die ihren Frauen buchstäblich bei jedem Satz, den sie sagen wollen, ins Wort fallen, bis sie früher oder später überhaupt nichts mehr sagen. Andere rollen mit den Augen oder setzen ein hämisches Lächeln auf, wenn ihre Frauen etwas sagen, was nicht ihrer eigenen Meinung entspricht. Wieder andere lassen ihre Stimme anschwellen, wenn ihnen in der Diskussion mit ihrer Frau die Argumente ausgehen. Einen kenne ich, der seiner Frau jedes Mal, wenn sie etwas aus seiner Sicht „Unpassendes“ von sich gibt, mit der flachen Hand so heftig auf den Oberschenkel schlägt, dass sie heute in der Anwesenheit ihres Mannes nur noch ganz selten etwas sagt und vor allem nicht dann, wenn es um so heikle Themen wie Kindererziehung, Schule oder Politik geht. Kein Wunder, dass solche Frauen dann manchmal unter Atemnot oder Appetitlosigkeit leiden, häufig schlecht schlafen oder psychologische Beratung brauchen – eine, die später schwer alkoholabhängig wurde, erzählte mir einmal, dass sie immer dann, wenn ihr von der Arbeit heimgekehrter Mann die Haustür öffnete, am ganzen Körper zu zittern begann. Eine andere berichtete über zunehmende Sprachstörungen, aus lauter Angst, sie würde ein Wort falsch aussprechen und dafür einen strafenden Blick ihres Mannes kassieren. Bezeichnend ist, dass viele solcher Ehen früher oder später zerbrechen, vor allem dann, wenn die Frauen genug selbstbewusst sind und sich nicht mehr alles gefallen lassen. Auch ist immer wieder festzustellen, dass viele solcher Männer entweder schon in der ersten, spätestens aber in der zweiten Ehe eine Frau ausländischer Herkunft haben, die der Landessprache nicht mächtig ist und sich daher schon von Anfang an in einer unterlegenen Position befindet, vor allem dann, wenn ihr Aufenthaltsstatus an den Ehevertrag gebunden ist. Und dann sind noch all die Männer – und es sind wohl nicht wenige -, die ihre potenzielle Gewaltbereitschaft an Prostituierten ausleben, die ihnen noch viel schutz- und hilfloser ausgeliefert sind als die eigene Frau oder Lebenspartnerin.
Solche Männer, die Frauen zwar nicht töten, sie aber auf vielerlei Arten erniedrigend oder herablassend behandeln, mit Frauenmördern wie M.R. in Verbindung zu setzen, mag auf den ersten Blick verstörend erscheinen. Aber ist seelische Erniedrigung nicht ebenso verwerflich wie körperliche Erniedrigung? Hinterlassen Beleidigungen, Herabsetzungen, Drohungen, Wutausbrüche, Machtgebaren, Zurechtweisungen oder Belehrungen nicht ebenso tiefe Wunden? Können nicht auch Wörter eine Form von Waffen sein, die zwar nicht den Körper verletzen, aber die Seele umso tiefer? Gewiss, längst nicht alle Männer entsprechen diesem Bild, hoffentlich sogar immer weniger. Und doch sind es leider immer noch viel zu viele.
Ich habe die Behauptung aufgestellt, dass es keine stichhaltige Begründung dafür gibt, eine von einem Afghanen oder Marokkaner begangene Gewalttat grundsätzlich anders zu erklären als eine von einem Schweizer begangene Gewalttat. Also das Erste als etwas Typisches für eine „fremde“ Kultur mit „anderen“ Werten zu deuten und das Zweite als individuelle „Störung“ oder „Entgleisung“ ausserhalb der geltenden gesellschaftlichen Normen. Ich bleibe bei dieser Behauptung. Denn auch die von einem Schweizer begangene Gewalttat hat, wie die Gewalttat eines Afghanen, eines Marokkaners oder des Angehörigen irgendeiner anderen Nationalität oder ethnischen Herkunft etwas zu tun mit der Kultur und den gesellschaftlichen Werten, die in der jeweiligen Gesellschaft bzw. dem jeweiligen Land herrschen. Kein Mann wird als Frauenmörder oder Frauenschänder geboren, weder in Afghanistan noch in Marokko noch in der Schweiz oder an irgendeinem anderen Ort der Erde. Erst die äusseren Umstände führen dazu, was für ein Mensch er 15, 20 oder 30 Jahre später einmal sein wird.
Zurück zu M.R. Denn es gibt kein besseres Beispiel, um auf Frage nach dem schweizerischen „Wertesystem“ und seinem möglichen Einfluss auf männliche Persönlichkeitsentwicklung eine Antwort zu finden. Im forensisch-psychiatrischen Gutachten, das vom Bundesgericht veranlasst wurde, findet sich unter anderem die Aussage, bei M.R. handle es sich um eine „höchst rational denkende Person mit der Eigenschaft einer ausgeprägten kognitiv-technischen Perspektive“. Hunderte Alarmlampen müssen aufleuchten, wenn wir diese Aussage Wort für Wort zur Kenntnis nehmen. Denn sie besagt nichts anderes, als dass M.R. genau jene Erwartung erfüllt hat, welche die meisten Eltern an ihre Kinder stellen, wenn es um ihre berufliche Zukunft geht, und die auch den wichtigsten Zielen des gesamten Erziehungs-, Schul- und Bildungssystems unseres Landes bzw. unserer „Kultur“ entspricht: „Rational“, „kognitiv“ und „technisch“, so muss der Mensch sein, wenn er es in dieser Gesellschaft zu etwas bringen will. Konkret: Er muss möglichst gut sein in Mathematik und Naturwissenschaften, muss möglichst fehlerfrei schreiben können – wobei es weniger um den Inhalt geht als um die korrekte Rechtschreibung – und muss vor allem über ausgezeichnete Kenntnisse im Umgang mit technischen bzw. digitalen Geräten, Hilfs- und Lernmitteln verfügen. Alles andere ist Nebensache. Wohin das führen kann, zeigte sich bei M.R. exemplarisch und geradezu aufs absolut Absurdeste in dem Augenblick, da es, während der Gerichtsverhandlung, um das Schicksal seiner Kinder ging, dies ihm aber weniger wichtig erschien als die fehlenden Kommas im Gerichtsprotokoll.
Doch es geht in Sachen „Kultur“ noch viel weiter: Bei der Aneignung der geforderten Lern- und Bildungsziele ist schon das Kind in frühem Alter, dann als Jugendlicher und als junger Erwachsener einem permanenten Wettkampf mit den jeweiligen Gleichaltrigen ausgesetzt, die alle auf das gleiche Ziel zustreben, das aber nur von den Schnellsten und am besten auf die Überwindung der jeweiligen Hürden Getrimmten auch tatsächlich erreicht werden kann, ein beständiger Kampf aller gegen alle. Das macht die Menschen hart und rücksichtslos. Mitgefühle, Liebesfähigkeit, Empathie, Gemeinschaftsdenken und Solidarität mit Schwächeren – all dies wird zum „Luxusgut“, das sich niemand mehr leisten will oder kann, und bleibt daher nach und nach auf der Strecke. Nicht einmal in der Ausbildung zu sozialen Berufen wie Kindergärtnerin, Lehrer, Sozialarbeiter oder Pflegerin sind menschliche und zwischenmenschliche Fähigkeiten und Begabungen gefragt, auch hier geht der Weg zum Berufsziel einzig und allein über die Bewältigung möglichst hoher Hürden, zumeist in Form von Wissensprüfungen in einem derart sinnlosen Umfang, dass fast alles, was für diese Prüfungen auswendig zu lernen ist, in Kürze wieder vergessen geht. Wer die endlose Hürdenstrecke dennoch erfolgreich bewältigen will, wird geradezu dazu gezwungen, sich Tricks oder Schummeleien aller Art anzueignen, der spätere „Erfolg“ in Form des betreffenden Berufsdiploms wird jedes noch so fragwürdige Mittel im Nachhinein rechtfertigen. Und genau diese Form von „Selektion“ ist es, die dann dazu führt, dass die bereits zum Vornherein durch ihre familiäre Herkunft Privilegierten, die Trickreichsten, Kämpferischsten und Rücksichtslosesten an die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Spitzenpositionen gelangen, während die Rücksichtsvollen, Feinfühligen und mit weniger Selbstsicherheit Ausgestatteten auf der Strecke bleiben. Auch hier gibt es freilich Ausnahmen, aber diese bestätigen bloss die Regel.
In umso grellerem Licht erscheint diese „Kultur“ des Kampfs aller gegen alle mit ihren verheerenden Auswirkungen auf alles Zwischenmenschliche, wenn wir uns jetzt dem Opfer zuwenden, einer Serbin, aufgewachsen „unter bescheidenen Verhältnissen“. Niemand könnte den Gegensatz zu ihrem gefühlskalten, „seltsam unnahbaren“ und „künstlich fokussierten“ Ehemann besser verkörpern als sie. Alle, die sie näher kannten, schwärmten von ihrer geradezu leidenschaftlichen Empathie, Wärme, Offenheit und persönlichen Ausstrahlung, ihrer äusseren und inneren Schönheit in Vollendung. Die perfekte Teamplayerin: „Auf den Hotelfluren bringt sie ihren Konkurrentinnen bis spät in die Nacht bei, wie man auf High Heels geht.“ Sie versucht also nicht, ihre Konkurrentinnen auszustechen, ihnen Steine in den Weg zu legen oder ihre Selbstsicherheit zu schwächen, sondern macht – offensichtlich völlig immun gegenüber dem allgemeinen und insbesondere auch im Show- und Modebusiness knallhart herrschenden Konkurrenzprinzip – genau das Gegenteil: Sie hilft ihren Konkurrentinnen bis spät in der Nacht, mehr Sicherheit zu gewinnen und mehr Körperbeherrschung aufzubauen, und riskiert damit bewusst ihnen gegenüber einen möglichen „Wettbewerbsnachteil“. Spätestens jetzt müssten unsere letzten Vorurteile in sich zusammenfallen. Denn ist nicht Serbien jenes Teilgebiet des ehemaligen jugoslawischen Bundesstaates, das auch hierzulande während der Jugoslawienkriege nur allzu gerne als so etwa wie ein Reich des „Bösen“ angeschaut wurde, im Gegensatz etwa zu Slowenien oder Kroatien, die als die „Guten“ galten? Ein Vorurteil, unter dem auch die in der Schweiz lebenden Serbinnen und Serben bis heute leiden. Und jetzt kommt eine Serbin und stellt alles auf den Kopf. „Werte“ und „Kulturen“ prallen aufeinander, aber auf einmal in der genau entgegengesetzten Richtung als in der, welche in unserer Schweizer „Wertewelt“ immer noch so tief verankert ist.
Wenn der Tod von K.J. auch nur im Entferntesten einen „Sinn“ gehabt haben sollte, dann vielleicht den, dass wir endlich zu einer Überwindung dieses über eine viel zu lange Zeit in unsere Köpfe eingebrannte Bild von den „guten Einheimischen“ und den „bösen Fremden“ gelangen und, statt immer nur auf andere zu zeigen, uns selber bei der Nase nehmen, um unsere vielgelobte eigene „Wertewelt“ kritischer als bisher unter die Lupe zu nehmen und daraus die notwendigen Schlüsse zu ziehen. Damit so etwas wie am 13. Februar 2024, aber auch alle weniger brutalen Formen von Gewalt, Demütigung und Erniedrigung von Frauen durch Männer für immer der Vergangenheit angehören. Denn, so Mahatma Gandhi: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für die Welt.“ Es gibt noch viel zu tun.