Peter Sutter, 10. Mai 2026

„Wo Russland die NATO zuerst angreifen könnte“ – so der Titel eines ganzseitigen Artikels im schweizerischen „Tagesanzeiger“ vom 7. Mai 2026. Im Folgenden einige Ausschnitte daraus sowie ein kritischer Kommentar aus meiner Sicht…
NATO-Generalsekretär Mark Rutte ist kein Pessimist, Ende letzten Jahres aber klang es düster wie nie: „Wir sind das nächste Angriffsziel von Russland“, meinte er. „Und wir befinden uns bereits in Gefahr. Russland hat den Krieg zurück nach Europa gebracht. Wir müssen uns auf einen Krieg in einem Ausmass vorbereiten, wie es unsere Grosseltern und Urgrosseltern erlebt haben.“. Kreml-Chef Putin sucht die Konfrontation mit dem Westen… Militärstrategen nennen die aktuelle Sicherheitslage deshalb „die gefährlichste seit Jahrzehnten“… Sollte der Krieg in der Ukraine dereinst enden, beginnt aus Sicht von westlichen Geheimdiensten die Uhr zu ticken: Ab 2029 hätten sich die russischen Streitkräfte so weit erholt, dass sie in der Lage wären, den Westen punktuell anzugreifen… Tatsächlich ist die Annahme, Europa sei bis 2029 vor einem russischen Angriff sicher, eine Illusion…
Kurz durchatmen und nochmals genau lesen, was der „Tagesanzeiger“, immerhin eine der grössten und renommiertesten Schweizer Tageszeitungen, seinen Leserinnen und Lesern hier in ein paar wenigen Zeilen an willkürlichen Behauptungen, Falschmeldungen und gezielten Auslassungen alles zumutet. Bezeichnenderweise wird eingangs ausschliesslich Mark Rutte zitiert, mit Abstand der noch am tiefsten im Denken des Kalten Kriegs gefangene Hardliner unter den aktuellen europäischen Politikern, der unlängst auch zum Besten gab, er hätte keine Angst vor einem Atomkrieg. Es gäbe beliebig viele andere Politiker, Expertinnen und Sachverständige, die genau das Gegenteil sagen und die der „Tagesanzeiger“, wollte er einen einigermassen ausgewogenen Artikel schreiben, an dieser Stelle zitieren könnte: Den 96jährigen SPD-Doyen Klaus Dohnanyi etwa, den früheren deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder, die Publizistin Gabriele Krone-Schmalz, den ehemaligen Brigadegeneral Erich Vad, den SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich, Yves Rossier, den langjährigen ehemaligen Schweizer Botschafter in Moskau, Laurent Goetschel, Direktor der schweizerischen Friedensstiftung Swisspeace, oder Thomas Greminger, einer der erfahrensten und kompetentesten Schweizer Diplomaten und von 2017 bis 2020 Generalsekretär der OSZE. Sie alle sagen: Quatsch! Es gibt keinen einzigen stichhaltigen Beweis dafür, dass Wladimir Putin einen Angriff auf Europa plant und die NATO „zerstören“ will. Aber nein: Die Stimme eines der letzten verbliebenen Kalten Kriegers, der nicht einmal vor einem Atomkrieg zurückschrecken würde, scheint dem Journalisten des „Tagesanzeigers“ wichtiger zu sein als selbst die erfahrensten und kompetentesten Sachverständigen aus dem eigenen Land. Um dann, nach dem Rutte-Zitat, nahtlos weiterzufahren mit dem Satz „Kreml-Chef sucht die Konfrontation mit dem Westen“. Man schaue sich diesen Übergang noch einmal ganz genau an: Zuerst das Rutte-Zitat in Anführungszeichen, und im nächsten Satz die Wiederholung der völlig aus der Luft gegriffenen Behauptung Ruttes, jetzt aber ohne Anführungszeichen, sozusagen als Tatsache, nicht einmal als persönliche Meinung des Journalisten gekennzeichnet! So also funktioniert „seriöser Journalismus“ im Jahr 2026 in jenem Presseorgan, das wahrscheinlich die allergrösste Mehrheit der Schweizer Bevölkerung als das „ausgewogenste“, „objektivste“, „glaubwürdigste“ und „seriöseste“ sämtlicher Medien bezeichnen würde… Im nächsten Satz lesen wir sodann, dass „Militärstrategen“ die „aktuelle Sicherheitslage“ als die „gefährlichste seit Jahrzehnten“ benennen, ohne dass auch nur ein einziger dieser „Militärstrategen“ namentlich genannt wird – zudem fände man auch beliebig viele andere „Militärstrategen“, die genau das Gegenteil behaupten. Im folgenden Satz steigern sich die bisherigen Behauptungen sogar noch zu einer eigentlichen Lüge, gibt es doch, entgegen der angeblichen „Sicht von westlichen Geheimdiensten“ in Tat und Wahrheit selbst unter den US-Geheimdiensten derzeit keinen einzigen, der davon ausgeht, dass es aktuell stichhaltige Beweise für Angriffspläne Russlands gegen weitere europäische Länder gäbe. Der Journalist des „Tagesanzeigers“ geht offensichtlich von einem sehr kurzen oder überhaupt nicht vorhandenen Gedächtnis bzw. Wissensschatz seiner Leserinnen und Leser aus… Schliesslich eine weitere, auf den ersten Blick kaum durchschaubare Pirouette: Die russischen Streitkräfte wären „ab 2029 in der Lage, den Westen punktuell anzugreifen“. Das mag ja sogar zutreffen, heisst doch aber nicht zwingend, dass diese Angriffe dann auch tatsächlich erfolgen, sonst müsste es ja umgekehrt auch logisch und zwingend sein, dass jedes westliche Land, das „in der Lage“ ist, andere Länder „punktuell anzugreifen“, dies automatisch tatsächlich auch tut. Und wenn dann im nächsten Satz zusätzlich noch behauptet wird, die Annahme, Europa sei „bis 2029 vor einem russischen Angriff sicher“, sei eine reine „Illusion“, wird damit indirekt jeder, der nicht von einem solchen Angriff Russlands ausgeht, als „Illusionist“, „Träumer“ oder „Phantast“ verunglimpft. Der Journalist, dessen Aufgabe eine seriöse und objektive Berichterstattung wäre, scheint – ganz im Gegenteil – offensichtlich die Kunst, seine Leserinnen und Leser zu täuschen, zu manipulieren und hinters Licht zu führen, in ganz hervorragendem Ausmass zu beherrschen. Es fragt sich nur, ob er mit diesen Qualitäten nicht gescheiter Zauberkünstler geworden wäre als Journalist.
Doch lesen wir weiter, die Phantasie des Journalisten scheint so richtig in Fahrt gekommen zu sein und treibt immer wildere Blüten…
Russland könnte mit einem überraschenden Vorstoss etwa auf eine kleine Ostseeinsel Panik verbreiten und die NATO in Gefahr bringen,,, Seit dem Beitritt Finnlands und Schwedens zur NATO in den Jahren 2023 und 2024 ist die Ostsee zu einer Art „NATO-Meer“ geworden, aber eben nur fast: Russland behauptet mit seiner Flotte in Kaliningrad und der Millionenstadt Sankt Petersburg seinen Platz… Michael Claessen, der Oberbefehlshaber der schwedischen Streitkräfte, hat kürzlich vor russischen Provokationen in der Ostsee gewarnt: Putin könnte, meinte er, eine kleine Insel von verdeckten Kräften besetzen lassen und danach einfach zusehen, was passiert: ob die NATO wegen eines verlassenen Eilands tatsächlich den Bündnisfall ausruft oder sich darüber zerstreitet…
Nun ja, es sei niemandem verwehrt, seiner Phantasie freien Lauf zu lassen. Aber muss das ausgerechnet an einem so heiklen Thema wie der europäischen Sicherheitslage ausgespielt werden? Und zu welchem Zweck? Der Journalist könnte ja ganz für sich alleine zuhause einen Notizblock nehmen und Strichmännchen zeichnen und auch noch die verrücktesten Geschichten fern aller Realität erdenken, ohne seine Ergüsse zehntausenden von Zeitungsleserinnen und Zeitungsleserinnen vorzusetzen, die ihre wertvolle Freizeit wahrscheinlich lieber dafür einsetzen würden, tatsächliche Fakten vermittelt zu bekommen statt irgendwelcher Hirngespinste. Könnte. Könnte. Könnte. Ja. Es könnte auch ein Schneehase in Norwegen einen Alarm und damit den dritten Weltkrieg auslösen. Es könnte auch Rutte über einen Teppich stolpern und sterben und man könnte später herausfinden, dass dieser Teppich vom russischen Geheimdienst manipuliert worden war. Es könnte auch ein Vogelschiss auf den Kopf eines finnischen Grenzwächters fallen und der könnte dann im Blitzlichtgewitter Dutzender Journalisten behaupten, es sei nicht eine Eule gewesen, sondern eine russische Drohne… Und ja, schauen wir uns auch diese Textpassage noch einmal genau an: Seit dem Beitritt von Schweden und Finnland zum westlichen Militärbündnis sei die Ostsee „fast“, aber eben „nur fast“, zu einem „NATO-Meer“ geworden. Moment. Wer provoziert denn da wen? Russland den Westen? Oder nicht doch eher umgekehrt? Und wer müsste sich denn da bedroht fühlen? Der Westen durch Russland? Oder nicht doch vielleicht eher umgekehrt? Und: Russland behaupte immer noch „seinen Platz“ in Kaliningrad und Sankt Petersburg. Ja, soll Russland das denn nicht mehr dürfen? Denkt der Journalist allen Ernstes darüber nach, dass Russland seine Plätze aufgeben soll, während der Westen seit dem Beginn der NATO-Osterweiterung im Jahre 1991 nach und nach nicht bloss einzelne „Plätze“ eingenommen hat, sondern ganze Länder, die früher zum Einflussbereich Russlands gehörten? Und weiter: Der Oberbefehlshaber der schwedischen Streitkräfte warne vor „russischen Provokationen“! Aber war es nicht die NATO, die im Februar 2026 mit dem grössten je inszenierten Militärmanöver unter dem Namen „Steadfast Dart 26“ – mit insgesamt rund 10’000 Soldaten, mehr als 1500 Fahrzeugen und 17 Schiffen aus 13 Nationen – in unmittelbarer Nähe der russischen Grenze eine der grössten – und gefährlichsten – Provokationen ausübte in einer Zeit, da die gegenseitigen Spannungen wohl alles andere erfordern würden als eine solche aggressive Machtdemonstration? Hat der Journalist dies alles vergessen oder will er bewusst von alledem ablenken, was seine eigene, vorgefasste Meinung in Frage stellen könnte? Und dann noch diese Ausgeburt an Phantasie: Putin könnte eine „kleine Insel“ mit „verdeckten Kräften“ besetzen lassen und „einfach zusehen, was passiert“. Man kann nur hoffen, dass Putin diesen Artikel im „Tagesanzeiger“ nicht liest, um am Ende tatsächlich noch auf solche verrückte Ideen zu kommen…
Der estnische Sicherheitsexperte und Regierungsberater Erkki Koort erschreckte kürzlich Deutschland mit einem Szenario, nach dem Hunderte grüner Männchen die Ferieninsel Rügen besetzen könnten. „Für Putin ginge es nicht um den Beginn eines längeren Krieges“, erklärte Koort, „sondern um einige Tage Chaos – ein Beweis dafür, dass Deutschland sich nicht verteidigen kann und die Regierung schwach ist.“… Noch weiter weg, am Polarkreis, wäre auch Spitzbergen ein mögliches Angriffsziel… Russland würde eine Einnahme von Spitzbergen leichtfallen. Sie könnte verdeckt beginnen, mit der Infiltration von Geheimdienstkräften, unterstützt von Schiffen der Schattenflotte und zivilen Flugzeugen…
Etwas aufgefallen? Für keine einzige seiner Behauptungen und Phantasien nennt der Journalist eine russische Quelle, sondern einzig und alleine die frei erfundenen Hypothesen westlicher Politiker oder Militärs. Einzig und allein in deren Köpfen spielt sich dieser mögliche zukünftige Krieg ab. Es gibt dafür in der Psychologie den klassischen Begriff der „Projektion“: Die eigenen Denkmuster – in diesem Falle die schrittweise Inbesitznahme „feindlichen“ Geländes – werden eins zu eins auf den politischen Gegner projiziert: Was angeblich dieser im Schilde führt, praktizierte der Westen selber in den vergangenen rund 80 Jahren in Form Dutzender völkerrechtswidrig geführter Krieg und Dutzender von der CIA inszenierter Regierungsumstürze in einem Ausmass, das wohl von keinem anderen Staat jemals übertrumpft werden kann.
Die sogenannte Suwalki-Lücke gilt als jener NATO-Raum, den Russland präventiv angreifen könnte, um seine strategische Lage zu verbessern: Ein erfolgreicher Vorstoss verbände Kaliningrad wieder mit Russland und schnitte das Baltikum vom Rest des NATO-Gebiets ab. Eine Studie des Harvarder Belfer Center meint, starken russischen Kräften könnte dies gelingen, weil die NATO sich schwertäte, innert Kürze nötige Verstärkungen herbeizuführen. Erwartet wird zudem, dass Russland mit einem Einsatz taktischer Atombomben drohen könnte, um den Geländegewinn abzusichern… Viele westliche Fachleute glauben, Putin werde den laufenden „hybriden Krieg“ in Europa in den nächsten Jahren weiter eskalieren…
Nach sieben Konjunktiven im letzten Abschnitt schliesslich noch ganz zuletzt eine weitere Steiherung: Viele westliche Fachleute „glauben“, dass… Ja, wenn zuletzt auch nach aller Phantasie und aller Spekulation auch noch der Glaube ins Spiel kommt, dann wird vielleicht aus all den verrückten Gedankenspielen am Ende doch noch eines Tages bittere Realität. Denn es ist eben schon so: Wenn man Lügen und Phantasien genug oft wiederholt, haben sie die gefährliche Tendenz, eines Tages Wirklichkeit zu werden. Und irgendwann wird niemand mehr wissen, dass Putin nach seinem Amtsantritt im Jahre 2000 dem Westen eine gemeinsame europäische Sicherheits- und Friedensordnung vorgeschlagen hatte anstelle der früheren Konfrontation zwischen Ost und West in Form des Kalten Kriegs. Es wird auch niemand mehr wissen, dass der Westen diesen Vorschlag kategorisch zurückwies. Es wird auch niemand mehr wissen, dass Putin kurz darauf einen Beitritt Russlands zur NATO beantragte. Und es wird auch niemand mehr wissen, dass der Westen auch diesen Vorschlag kategorisch abschlug. Denn wenn man das alles wüsste, dann würde die aktuell vom Westen so systematisch propagierte angebliche Gefahr eines Angriffs von Russland auf weitere europäische Länder wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.
Erst jetzt fällt mir auf, was auf dem Bild, das rund einen Drittel der Zeitungsseite einnimmt, zu sehen ist: Nicht etwa ein russisches Militärboot als Beweis für den geplanten Angriff Russlands auf weitere europäische Länder, sondern, sage und schreibe, die Aufnahme von US-Marines bei einer NATO-Übung in einem Landungsboot vor der finnischen Ostseeküste. Ein entsprechendes Bild eines russischen Landungsboots war offensichtlich nicht zu finden. Nur schon dieses Bild entlarvt den Artikel seiner ganzen Widersprüchlichkeit, Scheinheiligkeit und geradezu systematischer Täter-Opfer-Umkehr.
Wie wenn der Artikel im „Tagesanzeiger“ nicht schon genug harte Kost gewesen wäre, finde ich gleichentags in einer weiteren Schweizer Tageszeitung, dem „Tagblatt“, noch folgenden Artikel, der den ersteren an Einseitigkeit sogar noch übertrifft und in mir die Frage weckt, ob es wohl zurzeit unter den schweizerischen Medien so etwas wie einen gegenseitigen Wettstreit gibt, um in der Heraufbeschwörung der „russischen Gefahr“ stets noch eine weitere Schippe draufzulegen.
Dieser Artikel trägt den unglaublichen Titel „Wir hoffen alle, dass Putin morgen stirbt“ und kommt nicht etwa aus dem Dunstkreis einiger verrückt Gewordener, sondern aus dem sogenannten „Panel“ des „St. Gallen Symposiums“ unter der Leitung von Christian Mumenthaler, dem ehemaligen Chef der Schweizer Rückversicherungsgesellschaft Re und seines Zeichens „Young Global Leader“ des WEF.
Im Folgenden ein paar Auszüge aus dem Zeitungsartikel…
Am St. Gallen Symposium ging es um Russland als Aggressor und Europas Strategie gegenüber dem blutrünstigen Kreml-Herrscher. Die Diskussion unter Leitung von Christian Mumenthaler fand unter den „Chatham House“-Regeln statt. Was bedeutet, die Voten dürfen keiner der teilnehmenden Personen zugeordnet werden… Nach und nach schälte sich aus der Diskussion ein Modell heraus, wie Europa mit Russland umgehen sollte. Ein zentraler Punkt sei: In Russland liege „die ganze Macht bei Putin“, weder bei anderen Institutionen noch bei den Oligarchen. Und Putin möge keine Kompromisse. Mit ihm und damit mit Russland diskutieren könne man daher nur nur aus einer Position der Stärke. Denn: „Putin versteht nur die Sprache der Gewalt und der Macht.“… Nun gibt es Bewegung in Europa: Rüstungsausgaben werden erhöht, die Truppen an der Nato-Ostflanke sind verstärkt worden, „Abschreckung ist die richtige Antwort“, lautete ein Votum. Und: „Investitionen in die Verteidigung sind Investitionen in den Frieden.“ Europa sei auch gut beraten, Allianzen zu suchen mit anderen Partnern, etwa mit Indien oder mit Südamerika… Auch an der Ukraine sollte sich Europa ein Beispiel nehmen, denn: „Investitionen und Innovationen auf dem Schlachtfeld sind wichtig“, sagte einer der Teilnehmenden. So habe die Ukraine innert Wochen militärische Stärke entwickelt dank Drohnen, mit denen sie etwa russische Ölanlagen schwer beschädigt. Und hinzu komme „die Widerstandskraft der ukrainischen Gesellschaft“… Dass Putin mit seiner Kriegswirtschaft die zivile Wirtschaft zerstört, Bildung und Gesundheitswesen vernachlässigt, das sei ihm egal – auch angesichts „der absurden Mengen an Blut und Geld“, die er bisher vergeudet habe…
Eines muss man heutigen westlichen Medien lassen: Sie beherrschen die Kunst der Manipulation mindestens so gut, wenn nicht sogar besser als die Medien jener Staaten, die aus westlicher Sicht als „Autokratien“ oder „Diktaturen“ bezeichnet werden. Das besonders Perfide daran ist, dass diese Form der Manipulation innerhalb des sogenannt „freien“ Westens immer noch als „freie Meinungsäusserung“ im Rahmen „demokratischer“ Gesellschaften wahrgenommen wird, obwohl wir doch, was freie Meinungsäusserung contra Propaganda betrifft, längst auf dem Niveau übelster Diktaturen angelangt sind.
Nun könnte man freilich einwenden, der Artikel im „Tagblatt“ widerspiegle ja nicht die Meinung des Journalisten bzw. der Redaktion dieser Zeitung, sondern sei nur eine „objektive“ Berichterstattung über einen politisch äusserst einseitig ausgerichteten Anlass im Rahmen demokratisch-öffentlicher Meinungsbildung. Indem aber der Journalist einen so hetzerischen Titel wählt, die an dieser Veranstaltung erfolgten Aussagen kommentarlos übernimmt und sich jeglicher eigener Recherchen oder kritischer Bemerkungen entzieht, macht er sich automatisch zum willkommenen Sprachrohr der am Anlass verbreiteten Meinungen und Stellungnahmen. Diese erhalten durch den Zeitungsbericht sogar noch eine gewisse zusätzliche Legitimation, die sie ohne ihn nicht hätten.
Man stelle sich einmal vor, das „Tagblatt“ würde einen Artikel veröffentlichen mit dem Titel „Wir hoffen alle, dass Trump morgen stirbt“ – die Zeitung wäre wahrscheinlich innerhalb eines Tages drei Viertel ihrer Leserschaft los. Dann der Begriff des „blutrünstigen Kreml-Herrschers“: Bezeichnet man Putin, nachdem der Ukrainekrieg innerhalb von vier Jahren bisher knapp 15’000 ukrainischen Zivilpersonen das Leben gekostet hat, als „blutrünstig“, mit welchem Wort müsste man dann wohl den israelischen Präsidenten Netanyahu bezeichnen, der innerhalb von zweieinhalb Jahren rund 100’000 palästinensische Zivilpersonen auf dem Gewissen hat? Und wie hätte man wohl den früheren US-Präsidenten George W. Bush bezeichnen müssen, der aufgrund reiner Lügen im März 2003 einen Krieg gegen den Irak vom Zaun brach, dem in der Folge eine halbe Million Zivilpersonen zum Opfer fielen?… „Kreml-Herrscher“ ist zudem ein typisches Beispiel einer gezielten Koppelung von Begriffen, mit denen eine ganz bestimmte psychologische Wirkung erzeugt wird: Der „Kreml“ als „Sitz des Bösen“ und Putin nicht etwa ein „Präsident“, sondern ein „Herrscher“. Eine ähnliche Koppelung dieser Art ist der Begriff des „russischen Angriffskriegs“, der unablässig von allen Medien tagtäglich verwendet wird, wenn es um den Ukrainekrieg geht, um auch noch dem letzten Ungläubigen bis zur Besinnungslosigkeit einzuhämmern, dass einzig und allein Russland die Schuld am Ukrainekrieg trägt und weder die systematische Osterweiterung der NATO, noch der vom Westen inszenierte Maidan-Regierungsputsch gegen die demokratisch gewählte Regierung der Ukraine im Frühling 2014 oder die systematische Diskriminierung und Unterdrückung der russischen Bevölkerung in der Ostukraine mit insgesamt 14’000 Todesopfern auch nur die geringste Rolle beim Ausbruch des Kriegs im Februar 2022 gespielt haben könnten. Die gleiche Begriffskoppelung wird von den westlichen Medien auch systematisch verwendet, wenn stets von der „Terrororganisation Hamas“ die Rede ist, nie aber vom „Terrorstaat Israel“, obwohl die Zahl der von Israel verschuldeten zivilen Opfer im Gazastreifen die Opfer der Hamas-Attacke vom 7. Oktober 2023 um mehr als das Siebzigfache übertrifft.
„Die Voten dürfen keiner der teilnehmenden Personen zugeordnet werden“: Was da so beiläufig in einem einzigen Satz hingeworfen wird, ist in Tat und Wahrheit übelste und einer demokratischen Gesellschaft absolut unwürdige Verschleierungstaktik. So kann jeder sagen, was er will, und sogar so haarsträubende Forderungen erheben wie den Wunsch nach einem sofortigen Tod Putins, ohne hierfür die Verantwortung übernehmen zu müssen oder sich öffentlich dazu zu bekennen. Genau so funktionierte das im Nationalsozialismus, wenn Leute aus dem Volk bei der Gestapo verleumderische Aussagen gegen Juden machen durften, absolut anonym und ohne hierfür gegenüber irgendwem gerade stehen zu müssen.
In Russland liege die „ganze Macht bei Putin“, er „möge keine Kompromisse“, und daher könne man mit ihm und „damit mit Russland nur aus einer Position der Stärke diskutieren.“ So viel Unsinn muss man erst noch in einen einzigen Satz zusammenbringen können. Wenn, was nicht einmal stimmt, die „ganze Macht“ bei Putin liegt und dieser keine „Kompromisse“ möge, was angesichts seines Vermittlungsvorschlags im Dezember 2021 für eine friedliche Lösung des Ukrainekonflikts, der vom Westen kommentarlos zurückgewiesen wurde, wiederum ganz und gar nicht zutrifft, wenn nun also nicht nur mit Putin selber, sondern auch gleich noch mit „ganz Russland“ nur „aus einer Position der Stärke diskutiert“ werden könne, so muss da im Kopf des Journalisten, der solche Weisheiten von sich gibt, schon ein Chaos mittleren bis grösseren Ausmasses herrschen. Sollte Putin tatsächlich, wie immer wieder behauptet wird, ein unumschränkter „Gewaltherrscher“ sein, dann wäre ja logischerweise das russische Volk ein absolut bemitleidenswertes Opfer dieses „Gewaltherrschers“ und es würde absolut keinen Sinn machen, mit diesem bemitleidenswerten Volk in der gleichen Sprache und aus einer gleichen „Position der Stärke“ heraus zu reden wie mit Putin selber. Wäre es tatsächlich ein so bemitleidenswertes Opfer eines Gewaltherrschers, müsste man es logischerweise, wenn schon, als Freund betrachten und nicht als Feind. Ganz abgesehen davon, dass ich mir ganz und gar nicht vorstellen kann, wie man „mit einem ganzen Volk diskutieren“ könnte und wer dann dieser „man“ überhaupt wäre…
Nun gibt es „Bewegung in Europa, Rüstungsausgaben werden erhöht“: „Bewegung“ – was für ein beschönigendes Wort für Kriegstreiberei und den gezielten Aufbau eines Feindbildes, das angeblich nichts anderes versteht als die Sprache der Gewalt.
„Die Truppen an der NATO-Ostflanke sind verstärkt worden.“: „Ostflanke“ ist eigentlich ein Begriff aus dem Krieg, nicht aus dem Frieden, aus dem Angriff, nicht aus der Verteidigung, aus dem Wortschatz des deutschen Heers zwischen 1939 und 1945, nicht aus dem Wortschatz friedliebender Menschen, die seit 1945, als alle Menschen in Europa „Nie wieder Krieg“ schrien, alles nur Erdenkliche versucht haben, Kriegslogik durch Friedenslogik zu überwinden und zu ersetzen. Hat an dieser Stelle die Phantasie eines dieser anonymen Symposiumteilnehmers vollends durchgeschlagen und wähnt sich dieser bereits mitten im Krieg, während doch angeblich noch tiefster Frieden herrscht?
„Investitionen in die Verteidigung sind Investitionen in den Frieden“: Wie viel Leid braucht es noch, wie viele Kriege müssen noch geführt werden, wie viele Menschen müssen noch sterben, bis solche Sätze endlich für immer auf dem Müllhaufen der Geschichte landen? So weit die Erinnerung reicht: „Verteidigung“ war noch nie etwas anderes als Kriegsvorbereitung. Wenn alles, was als „Verteidigung“ bezeichnet wird, tatsächlich immer nur Verteidigung gewesen wäre, und alle, die sich „Verteidigungsminister“ nannten oder immer noch nennen, tatsächlich nur „Verteidigungsminister“ gewesen wären, hätte es nämlich noch nie einen wirklichen Krieg gegeben. Das pure Gegenteil ist der Fall: Noch nie in der Geschichte der Menschheit gab es so viele Kriege wie heute. Nicht weil für „Verteidigung“ zu wenig Geld ausgegeben wurde, sondern nur deshalb, weil überhaupt noch Geld für Waffen und Kriege ausgegeben wird, Kriegsvorbereitungen immer noch als „Verteidigungsmassnahmen“ verkauft werden und sich die Kriegsminister immer noch „Verteidigungsminister“ nennen und nicht wenige von ihnen sogar immer noch mit Friedensnobelpreisen ausgezeichnet werden. Wenn der Westen die gegenwärtige Aufrüstungseuphorie immer noch als existenzielles Recht auf Selbstverteidigung zu verkaufen versucht, dann müsste diese Lüge nur schon angesichts der Tatsache, dass die NATO bereits heute mehr als das Zwanzigfache an Geld für Aufrüstung aufwirft als Russland, augenblicklich in ihrer ganzen gefährlichen Tragweite entlarvt werden. Aber das darf freilich nicht sein, und so wird man auch vergeblich darauf warten, dass solche Zahlen in westlichen Mainstreammedien jemals veröffentlicht werden.
„Europa sei auch gut beraten, Allianzen zu suchen mit anderen Partnern, etwa mit Indien oder mit Südamerika“: Ist den Teilnehmern des St. Galler Symposiums tatsächlich entgangen, dass Indien und Brasilien, das mit Abstand bevölkerungsstärkste Land Südamerikas, schon längst nicht mehr im westlichen Boot sitzen und mittlerweile sogar schon zu den schärfsten Kritikern des US-Imperialismus, der NATO und des westlichen Anspruch, weiterhin Weltmacht Nummer eins zu bleiben, gehören? Täten die Kalten Krieger von früher, statt sich um Ihresgleichen zu scharen und die Lügen der Vergangenheit immer wieder neu aufzuwärmen, nicht besser daran, sich endlich mit den übrigen 99 Prozent der Menschheit an einen gemeinsamen Tisch zu setzen und sich gemeinsam mit ihnen Gedanken über eine neue, gemeinsame, friedliche Zukunft zu machen, statt sich immer noch an Glaubenssätze vergangener Zeiten zu klammern, die von der Realität schon längstens tausendfach widerlegt worden sind.
„Investitionen und Innovationen auf dem Schlachtfeld sind wichtig“: Ja, aber eigentlich einzig und allein nur für die Profite der Rüstungsindustrie und ihrer Aktionäre. Ganz im Sinne des früheren US-Aussenministers Anthony Blinken, der einmal in aller Öffentlichkeit erklärte, er hoffe, dass der Ukrainekrieg noch möglichst lange weitergehe, denn dies sei besonders gut für die US-Rüstungsindustrie. Das „Schlachtfeld“, auf dem man dann irgendwann aus knietiefem Schlamm die tiefgefrorenen Überreste verstümmelter und halbverhungerter Soldaten herauspickeln wird, ist in einem solchen Zeitungsartikel bloss noch eines von zahlreichen Wörtern, über die man ebenso leicht und rasch hinweglesen kann wie über alle anderen dieser Wörter, die so wunderschön klingen und hinter denen sich doch so unsägliches, unbeschreibliches Leiden verbirgt. Müssten die Teilnehmenden des St. Galler Symposiums und all die Journalisten, die so schöne Zeitungsartikel schreiben, nur einen einzigen Tag auf dem von ihnen hochgejubelten „Schlachtfeld“ verbringen: Der ganze Spuk hätte wohl augenblicklich ein Ende für immer.
„Dazu komme die Widerstandskraft der ukrainischen Gesellschaft“: Einer ukrainischen Gesellschaft, die immer tiefer gespalten ist zwischen den Opfern auf dem „Schlachtfeld“, dem sich immer mehr junge Männer durch Dienstverweigerung oder Desertion zu entziehen versuchen, und den Söhnen und Töchtern einer zutiefst korrupten Oberschicht, die rund um die Uhr an den mondänsten Wintersportorten, auf Mallorca und Teneriffa die ausschweifendsten Parties ihres Lebens feiern.
„Dass Putin mit seiner Kriegswirtschaft die zivile Wirtschaft zerstört, Bildung und Gesundheitswesen vernachlässigt, das sei ihm egal – auch angesichts der absurden Mengen an Blut und Geld, die er bisher vergeudet habe.“: Projektion um Projektion, die alle auf den Absender zurückfallen. Denn gerade jetzt droht nicht so sehr das russische, sondern vor allem das europäische und insbesondere das deutsche Bildungs- und Gesundheitswesen angesichts endlos gesteigerter Rüstungsausgaben aus allen Fugen zu geraten. Aber auch das hat eine logische Eigengesetzlichkeit: Je mehr sich Machtsysteme bedroht fühlen, umso mehr feuern sie aus allen Kanonen auf den vermeintlichen „Gegner“ sowie auf alle Andersdenkenden in ihren eigenen Reihen.
Wenn man Kriege plant, braucht es zuallererst den Aufbau eines Feindbildes als Inbegriff des Bösen. Dadurch erst kann dann jenes allgemeine Gefühl von Angst herbeigeführt werden, das es braucht, um auch noch das wahnwitzigste Mass an militärischer Aufrüstung zu rechtfertigen und alles, was in Richtung Kriegsvorbereitung geht, als Friedensvorbereitung zu verkaufen. So erst kann der Boden für zukünftige Kriege vorbereitet werden. Denn von Natur aus wollen die allermeisten Menschen über alle Grenzen hinweg nicht den Krieg, sondern den Frieden. Will man Krieg, dann muss man ihn den Menschen mit allen nur erdenklichen Mitteln einreden. Man kann sich nicht gleichzeitig auf den Krieg und auf den Frieden vorbereiten. Wir müssen uns für einen der beiden Wege entscheiden. Damit eines Tages das Wort „Kriegserklärung“ aus unserem Denken und unserem Vokabular für immer entfernt und durch das Wort „Friedenserklärung“ ersetzt wird.
Sollte es dereinst tatsächlich zu einem dritten Weltkrieg kommen, dann wird es kaum viele überzeugende Argumente geben, um all jene Medien, die – wie mit den beiden hier besprochenen Beispielen aus dem „Tagesanzeiger“ und dem „Tagblatt“ vom 7. Mai 2026 – zu einer dermassen systematischen Kriegshetze beigetragen haben, von einer Mitschuld freizusprechen. Aber nicht nur sie, sondern auch alle, die das schweigend und achselzuckend hinnehmen und sich nicht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen wehren. Denn, wie Erich Kästner einmal sagte: „An allem Unfug, der passiert, sind nicht nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern.“
(Ich habe diesen Artikel, versehen mit einem kurzen Begleitkommentar, an die Redaktionen des „Tagesanzeigers“ und des „Tagblatts“ geschickt und bin gespannt, ob ich eine Reaktion erhalte.)