Der an Grausamkeit alles Bisherige sprengende Femizid von Binningen BL: „Es war weder Affekt noch Panik, sondern die methodische Vernichtung einer Frau, die es gewagt hatte, die Ordnung eines Mannes zu gefährden.“

Peter Sutter, 18. Mai 2026

Unter dem Titel „Er vernichtete ihr Leben – weil sie sich nicht unterordnen wollte“ berichtete der „Tagesanzeiger“ am 15. Mai 2026 über einen Femizid, der an Grausamkeit sämtliche Vorstellungskraft übersteigt, begangen von einem Schweizer an seiner Frau, einer gebürtigen Serbin, am 13. Februar 2024 in Binningen, Kanton Basel-Land…

Er könnte ein ganz normaler junger Mann sein, er trägt Anzug und Hemd, unter dem Arm eine Aktenmappe. Als er sich aufrecht hinsetzt, öffnet er mit geübter Geste den obersten Knopf seines Jacketts, als komme er zu einer Sitzung mit Investoren. Nur ist das kein Konferenzraum, sondern ein Saal im Strafgericht. „Der Fall hat Fiktion zu Realität werden lassen“, sagt Gerichtspräsident Daniel Schmid bei der Urteilsverkündigung. „So etwas habe ich persönlich in meiner ganzen Karriere nicht erlebt.“… Am Mittag des 13. Februar 2024 hat M.R. seine Ehefrau und die Mutter seiner beiden Kinder in ihrem gemeinsamen Haus in Binningen zuerst verprügelt und dann erwürgt. Was danach geschah, sprengt jegliche menschliche Vorstellungskraft: Im Keller zerstückelte er die Leiche mit Messern und einer Gartenschere und versuchte danach, Leichenteile in einer Flüssigkeit aufzulösen. Die Frau, die er einst seine „blonde Göttin“ nannte; die Mutter seiner „beiden Engel“, damals zwei und vier Jahre alt. Er habe seine Frau „über alles geliebt“, beteuert er am ersten Verhandlungstag… Wie konnte aus diesem scheinbaren Traumpaar dieser absolute Albtraum werden? Es war eine Beziehung zwischen zwei Menschen, deren Herkunft kaum unterschiedlicher hätte sein können. M.R., Sohn eines Wirtschaftsanwalts, wächst in privilegierter Idylle auf – Wandern, Segeln, Pfadfinder. Ein Leben nach Schweizer Bilderbuchstandards. Er absolviert die Universität St. Gallen, wird Unternehmensberater. Bescheidenheit und harte Arbeit seien seine Werte, so die Verteidigung. Doch frühere Weggefährten beschreiben ihn als seltsam unnahbar, fast künstlich fokussiert… Sie ist das Gegenteil: Tochter serbischer Einwanderer, aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen in Pratteln. K.J. ist eine warmherzige, aufgeschlossene Person, die Menschen für sich einnimmt. Als Kind möchte sie Astronautin werden, auch später will sie hoch hinaus, ergattert mit 18 erste Modeljobs. 2007 kandidiert sie für die Miss-Schweiz-Wahl. Sie ist eine Teamplayerin; auf den Hotelfluren bringt sie ihren Konkurrentinnen bis spät in die Nacht bei, wei man auf High Heels geht. Später etabliert sie sich als erfolgreiche Catwalk-Coachin und Bookerin… Im März 2016 trifft K.J. auf einem SKiausflug M.R. Danach geht alles schnell. Sie beendet ihre langjährige Beziehung in Zürich, die beiden kaufen ein Haus in Binningen, bereits im Sommer ziehen sie ein. So unterschiedlich ihre Herkunft, so leidenschaftlich sind sie verbunden. Sie zeigt ihm das serbische Dorf, aus dem ihre Eltern stammen, er stellt sie seiner Familie vor. Und natürlich schmieden sie Pläne für eine grosse gemeinsame Zukunft… Im August 2017 wird geheiratet. Einmal im Hotel Giessbach mit 100 Gästen samt serbischer Verwandtschaft. Die Männer trinken Schnaps bis in die frühen Morgenstunden. Dann feiern sie noch einmal, in Bosnien. Die beiden versprechen sich, zusammen durch dick und dünn zu gehen. Von da an wird es in den Medien still um K.J. Es scheint, als hätte sie nun ihre ganze Energie in das Projekt Familie gesteckt. Doch kaum hat es begonnen, zeichnen sich schon Risse ab: extreme Gefühle, extreme Kontraste. Manche sagen: Die Beziehung wurde schnell toxisch. Er ist analytisch, kontrollierend und kaltblütig. Sie, die Leidenschaftliche, eigenständig und emotional. Freunde sagen, er sei dominant gewesen, habe sie auch in Anwesenheit von Freunden oft korrigiert. Sie aber hatte eigene Pläne, ordnete sich nicht widerspruchslos unter. Das dürfte ihn zunehmend frustriert haben… Von aussen habe man ihnen die Probleme nicht angemerkt, sagen Freunde. Aber bereits ab 2018 machen sie eine Paartherapie. Sie wollen Kinder, es dauert eine Weile, bis es auch klappt. Aber dann bekommen sie 2020 ein Mädchen und 2021 das zweite. Doch in der Beziehung läuft es nicht gut. Finanzen sind ein Thema, Erziehung, Eifersucht. Und Gewalt… M.R. wahrt die Maske des bürgerlichen Ehemanns selbst dann noch, als das Blut an seinen Händen bereits entfernt ist. Nachdem er die Leiche zerteilt hat, duscht er und geht joggen. Dabei deponiert er ihr Mobiltelefon auf einem Lieferwagen, um eine falsche Fährte zu legen. Danach holt er die Kinder mit dem Lastenvelo in der Kita ab und geht mit ihnen ins Restaurant. Als ihre Eltern auf der Suche nach ihrer Tochter bei ihm aufkreuzen, spielt er den ahnungslosen Schwiegersohn, führt sie sogar durch den Keller. Dann bringt er die Kinder ins Bett. Erst später findet der Vater in einem Plastiksack die Überreste seiner Tochter… „So verhält sich nur jemand, der sich schon zuvor gedanklich mit dieser Tat beschäftigt hat“, urteilt Richter Schmid. Es war weder Affekt noch Panik, sondern die methodische Vernichtung einer Frau, die es gewagt hatte, seine Ordnung zu gefährden… Die Verteidigung beschreibt M.R. als jemanden, der immer besonnen, geduldig, nicht aus der Ruhe zu bringen gewesen sei. Nie zuvor habe er Gewalt angewendet. Diesen Eindruck versucht er auch vor Gericht zu erwecken: Er bleibt stoisch, wenn er spricht, beteuert er seine vermeintliche Liebe… Die Akten sagen etwas anderes. Auch bei seinen Ex-Freundinnen sei es zu Wutanfällen und häuslicher Gewalt gekommen. Eine habe er ebenfalls gewürgt und gegen eine Wand gedrückt. Einmal sei er ihr nach dem Besuch bei den Eltern im Streit über den Fuss gefahren. Auf der nächstfolgenden Fahrt habe er gedroht, sie aus dem Auto zu werfen… Auch in der Ehe mit K.J. ist häusliche Gewalt belegt. Im Juli 2023 gibt es einen Polizeieinsatz im gemeinsamen Haus in Binningen. Eine Strafanzeige erfolgt nicht. M.R. habe nach einem solchen Konflikt einmal gesagt: „Du solltest froh sein, dass nichts Schlimmeres passiert ist.“… Spätestens ab August 2023 beschäftigt sich K.J. ernsthaft mit dem Thema Trennung. Sie konsultiert einen Scheidungsanwalt, informiert sich über die gemeinsamen Finanzen. Eine Trennung sei aber für M.R. keine Option gewesen, so die Paartherapeutin… Im Dezember 2023 kommt es wieder zu einem Gewaltvorfall, sie trägt Würgemale am Hals davon. Er behauptet, sie habe sich diese selbst zugefügt. Aber sie hat genug und warnt ihn: Wenn es noch einmal vorkomme, werde er die Kinder verlieren. Ein letztes Mal versuchen sie kurz vor der Tat, die Beziehung zu kitten. Sie verbringen ein Paarwochenende auf dem Bürgenstock, aber zu später Stunde reist er ab. Sie versucht, ihn zurückzuholen, vergeblich… Ein Wort, das bei der Urteilsverkündigung mehrfach fällt, ist „Realitätsverweigerung“. Selbst im Gerichtssaal bleibt M.R. in seiner Welt gefangen. Er schüttelt ungläubig den Kopf, als die Rechtsmedizin die Fakten präsentiert. Nach seiner Verhaftung sagt er gegenüber der Staatsanwaltschaft: „Ich betone, dass ich mithelfen möchte, die Wahrheit zu finden. Für mich ist das auch eine Reise, sie mit euch zu entdecken.“ Dann tut er das Gegenteil und behauptet, K.J. am Mittag des 13. Februar tot am Fuss der Treppe vorgefunden und danach „in Panik zerstückelt“ zu haben. Zweieinhalb Wochen später wiederholt er diese Behauptung vehement. Dann räumt er plötzlich ein, sie hätten mittags ein Gespräch geführt. Es sei aber „gesittet, zivilisiert, vorbildlich“ verlaufen, bevor K.J. das Zimmer verlassen und ihn danach unvermittelt mit einem Messer angegriffen habe. Im Abwehrkampf habe er sie aus Versehen erwürgt. Auch auf dieser Version der Tötung aus Notwehr besteht er über zehn Einvernahmen hinweg. Später gibt er zu, dass es zum Streit gekommen sei, behauptet aber immer noch, sie habe ihn angegriffen… Wenn man ihm vorhielt, dass seine Schilderungen in keiner Weise mit der Rechtsmedizin vereinbar seien, bezichtigte er die Ermittler, „gepfuscht“ zu haben. Seinen Hang zur Überheblichkeit zeigte sich vor Gericht darin, dass er in einer der ersten Einvernahmen bei der Lektüre des Protokolls sogar die Kommafehler des Befragenden korrigierte. Das könne nur jemand, der seine Intelligenz masslos überschätze. so Richter Schmid. M.R. verharrte in einer totalen Realitätsverweigerung : In seinen Haftentlassungsgesuchen äusserte er die Vorstellung, er könne bald mit seinen Töchtern im Haus weiterleben – dem Ort, an dem er ihre Mutter auf so bestialische Weise ermordet hatte… Bei der Verkündigung der lebenslangen Freiheitsstrafe schildert Schmid, was das Gericht als gegeben erachtet: Am Morgen des 13. Februars 2024 bereitet sich K.J. auf ein Gespräch mit ihrem Mann vor, es soll um ihre Beziehung und Finanzen gehen. Als sie ihn zur Rede stellt, schlägt er ihr mit den Fäusten ins Gesicht und würgt sie bis zur Bewusstlosigkeit. Dann, aus Angst vor der Polizei, beschliesst er, sie endgültig zu beseitigen. Er greift zu einem Strangulationsobjekt und erdrosselt sie von hinten. „Die gezielte Tötung war der bewusste Versuch, häusliche Gewalt zu vertuschen“, sagt das Gericht. Er habe sie für ihre Trennungsabsicht bestrafen und vernichten wollen. „Wäre es nur um die Vernichtung von Beweisen gegangen, hätte es auch einfachere Möglichkeiten gegeben, den Leichnam zu beseitigen“, sagt Schmid. Er habe sich aber für die skrupelloseste, kaltblütigste Variante entschieden. „Eine grössere Geringschätzung menschlichen Lebens ist kaum denkbar“, so Schmid.

Gemäss forensisch-psychiatrischem Gutachten, welches dem Gerichtsurteil zugrunde liegt, müsse man bei M.R. von einer „Akzentuierung narzisstischer und zwanghafter Persönlichkeitszüge“ ausgehen. In Bezug auf sein Risikoprofil sei ein „Potenzial für schwerste Gewaltanwendung“ vorhanden. Risikoeigenschaften seien bei ihm seine „gesteigerte Rigidität“, ein „gesteigertes Kontrollbedürfnis“, „Egozentrik“, „wutgeprägte Reaktivität“ und eine „Manipulationstendenz“. Im Urteil des Bundesgerichts ist zudem die Rede von „sadistisch-soziopathischen Zügen“.

Wäre die gleiche Tat von einem Afghanen, einem Syrier, einem Eritreer oder einem Marokkaner begangen worden, wäre die allgemeine Schlussfolgerung wohl nahezu unvermeidlich gewesen und für alle, die schon immer von „fremden“ und „gewaltbereiten“ Kulturen gesprochen hatten, wäre eine solche Tat bloss ein weiterer Beweis dafür gewesen, wie Recht sie mit ihrer Behauptung gehabt hatten. Wenn aber der Täter ein Schweizer ist, dann muss es, so wird allgemein angenommen, andere Ursachen haben als die Nationalität oder die ethnische bzw. kulturelle Herkunft. Denn ein Schweizer, so die herrschende Mehrheitsmeinung, kann, im Gegensatz zu einem „Fremden“, nicht von Natur aus „böse“ oder gewalttätig sein. Es muss sich um eine individuelle „Störung“ oder „Erkrankung“ handeln, um einen „Soziopathen“, einen übertriebenen „Narzissten“, um einen „Egozentriker“ oder einen Menschen mit krankhaft „sadistischen“ Zügen. Dieses Denkmuster ist nicht nur in der breiten Bevölkerung überaus häufig anzutreffen, sondern wird auch von nicht wenigen Fachleuten vertreten, so zum Beispiel von Frank Urbaniok, der weitherum sogar als einer der europaweit führenden Forensiker angesehen wird und zu diesem Thema unlängst auch ein Buch veröffentlicht hat, in dem er höchst fragwürdige statistische Zusammenhänge zwischen ethnischer Herkunft und Gewaltbereitschaft herstellt, ohne auf die Lebensumstände der jeweiligen „Tätergruppe“ näher einzugehen.

Das wäre beruhigend und würde uns in unserem Selbstverständnis, im Gegensatz zu Menschen aus „anderen“ Kulturen im Grunde „gut“ zu sein, wohl genügend bestärken, um uns alle weiteren Fragen, die dieses Bild stören könnten, sozusagen zum Vornherein zu ersparen.

Doch entgegen solcher Beschönigungen wage ich zu behaupten, dass die von M.R. verübte Tat in gleichem Masse etwas typisch „Schweizerisches“ ist, als es auch etwas typisch „Marokkanisches“, „Afghanisches“ oder „Eritreeisches“ wäre, wenn die gleiche Tat von einem Mann begangen worden wäre, der aus einem dieser „anderen“, „fremden“ Länder stammt. Denn in jedem Fall ist es nicht die „Natur“ des einzelnen Individuums, welche die Voraussetzungen für solche Taten schafft, sondern es sind die gesellschaftlich-sozial-politisch-wirtschaftlich-kulturellen Verhältnisse oder Einflüsse, unter denen Menschen aufwachsen und von denen ihre Lebensgeschichten geprägt sind.

Schauen wir uns doch eine solche „schweizerische“ Lebensgeschichte am Beispiel von M.R. etwas genauer an. Er ist ja nicht ein Versager, ganz im Gegenteil. Er hat die „schweizerischen“ Werte von klein auf aufgesogen und funktioniert ganz so, wie ein „guter“, „erfolgreicher“ Schweizer zu funktionieren hat. Aus dem Zeitungsartikel des „Tages-Anzeigers“ geht hervor, dass er „ein ganz normaler junger Mann“ sein könnte, mit „Anzug“, „Hemd“ und „Krawatte“, „unter dem Arm eine Aktenmappe“, der „mit geübter Geste den obersten Knopf seines Jacketts öffnet“, als käme er zu einer „Sitzung mit Investoren“. Er gilt als intelligent, gebildet, ist Sohn eines Wirtschaftsanwalts, übte als Jugendlicher Hobbys wie Wandern und Segeln aus und war bei den Pfadfindern. Später absolvierte er die Wirtschaftsuniversität St. Gallen, die renommierteste Ausbildungsstätte für angehende Wirtschaftsexperten, wurde Unternehmensberater und führte in jeglicher Hinsicht ein „Leben nach Schweizer Bilderbuchstandards“. Hätte er am 13. Februar 2024 nicht seine Frau getötet, wäre er wohl heute noch ein Vorbild für alle, die in der Schweiz erfolgreich Karriere machen wollen – alle seine früheren gewalttägigen Übergriffe gegenüber Lebenspartnerinnen, selbst das willentliche Überfahren des Fusses einer dieser Frauen, schienen seinem Image nicht wirklich geschadet zu haben.

M.R. hatte alles „richtig“ gemacht. Aber genau das ist das Heimtückische, die dahinter liegende Zeitbombe. Denn während es in Bezug auf seine Bilderbuchkarriere genau das Richtige war, war es gleichzeitig auf einer anderen Ebene etwas Höchstgefährliches. Das, was in den Beschreibungen früherer Weggefährten als „seltsam unnahbar“ und „fast künstlich fokussiert“ beschrieben wird und sich etwa darin äusserte, dass er unmittelbar nach der bestialischen Ermordung seiner Frau duschen und joggen ging und bei den Gerichtsverhandlungen keinerlei Emotionen zeigte, sondern sich akribisch auf das Korrigieren von Rechtschreibefehlern in den Gerichtsprotokollen stürzte. Der ganz „normale“ Ehemann und Familienvater, der sich auf einmal als Monster entpuppt – so wie es immer wieder berichtet wird, wenn Nachbarn von Männern, die scheinbar aus heiterem Himmel eine Gewalttat begehen, in Fernseh- oder Zeitungsinterviews aussagen, sie hätten sich so etwas nicht im Traum vorstellen können – von aussen hätte ihnen dieser Mann stets einen ganz „normalen“ Eindruck gemacht, sei jeden Morgen pünktlich zur Arbeit gegangen und jeden Abend pünktlich von der Arbeit zurückgekommen. Immer mit korrekt getragenem Anzug. Mit Hemd und Krawatte. Und immer mit der Aktenmappe unter dem Arm. Was diese Männer nach aussen als so „normal“ erscheinen lässt, kann sie gleichzeitig von Fall zu Fall so gefährlich machen für andere, die in der sozialen Hierarchie tiefer stehen als sie selber, meistens die eigene Lebenspartnerin oder die eigenen Kinder.

Männer wie M.R., die ihre eigene Frau oder Lebenspartnerin ermorden, mögen zwar zahlenmässig unter sämtlichen Männern eine seltene Ausnahme bilden. Und doch finden wir das dahinterliegende Gewaltmuster, in unterschiedlicher Abstufung und in mannigfachen, weniger extremen Ausprägungen, quer durch die ganze Gesellschaft in erschreckendem Ausmass. Frauenmörder bilden bloss die relativ seltene und ganz winzige Spitze eines riesigen, fast gänzlich unsichtbaren Eisbergs, ohne den es diese Spitze selber gar nicht gäbe.

Wer kennt sie nicht, all die Männer, welche unterschiedlichste Formen von Gewalt gegen Frauen ausüben. Oft sind es Akademiker in höheren gesellschaftlichen Positionen. Sie tragen ihr „Wissen* und ihre „Bildung“, die meistens aus nicht viel anderem als einer überdurchschnittlich hohen Anzahl an einer Universität verbrachten Jahre besteht, wie einen Heiligenschein mit sich mit. Weniger „gebildete“ Menschen werden oft von ihnen belächelt oder als etwas „Minderwertiges“ betrachtet. Häufig verwenden sie bewusst eine kaum verständliche, von Fremdwörtern durchtränkte Sprache, zynische Bemerkungen sind besonders typisch für sie. Man trifft sie nicht selten auch unter Computerspezialisten, Bankern, Lehrern, Anwälten, Ärzten, Psychiatern oder Politikern an. Frauen solcher Männer haben nicht viel zu lachen, vor allem, wenn sie, aus der Sicht ihrer Männer, weniger „gebildet“ sind und kein höheres Studium absolviert haben. Ich kenne Männer, die ihren Frauen buchstäblich bei jedem Satz, den sie sagen wollen, ins Wort fallen, bis sie früher oder später überhaupt nichts mehr sagen. Andere rollen mit den Augen oder setzen ein hämisches Lächeln auf, wenn ihre Frauen etwas sagen, was nicht ihrer eigenen Meinung entspricht. Wieder andere lassen ihre Stimme anschwellen, wenn ihnen in der Diskussion mit ihrer Frau die Argumente ausgehen. Einen kenne ich, der seiner Frau jedes Mal, wenn sie etwas aus seiner Sicht „Unpassendes“ von sich gibt, mit der flachen Hand so heftig auf den Oberschenkel schlägt, dass sie heute in der Anwesenheit ihres Mannes nur noch ganz selten etwas sagt und vor allem nicht dann, wenn es um so heikle Themen wie Kindererziehung, Schule oder Politik geht. Kein Wunder, dass solche Frauen dann manchmal unter Atemnot oder Appetitlosigkeit leiden, häufig schlecht schlafen oder psychologische Beratung brauchen – eine, die später schwer alkoholabhängig wurde, erzählte mir einmal, dass sie immer dann, wenn ihr von der Arbeit heimgekehrter Mann die Haustür öffnete, am ganzen Körper zu zittern begann. Eine andere berichtete über zunehmende Sprachstörungen, aus lauter Angst, sie würde ein Wort falsch aussprechen und dafür einen strafenden Blick ihres Mannes kassieren. Bezeichnend ist, dass viele solcher Ehen früher oder später zerbrechen, vor allem dann, wenn die Frauen genug selbstbewusst sind und sich nicht mehr alles gefallen lassen. Auch ist immer wieder festzustellen, dass viele solcher Männer entweder schon in der ersten, spätestens aber in der zweiten Ehe eine Frau ausländischer Herkunft haben, die der Landessprache nicht mächtig ist und sich daher schon von Anfang an in einer unterlegenen Position befindet, vor allem dann, wenn ihr Aufenthaltsstatus an den Ehevertrag gebunden ist. Und dann sind noch all die Männer – und es sind wohl nicht wenige -, die ihre potenzielle Gewaltbereitschaft an Prostituierten ausleben, die ihnen noch viel schutz- und hilfloser ausgeliefert sind als die eigene Frau oder Lebenspartnerin.

Solche Männer, die Frauen zwar nicht töten, sie aber auf vielerlei Arten erniedrigend oder herablassend behandeln, mit Frauenmördern wie M.R. in Verbindung zu setzen, mag auf den ersten Blick verstörend erscheinen. Aber ist seelische Erniedrigung nicht ebenso verwerflich wie körperliche Erniedrigung? Hinterlassen Beleidigungen, Herabsetzungen, Drohungen, Wutausbrüche, Machtgebaren, Zurechtweisungen oder Belehrungen nicht ebenso tiefe Wunden? Können nicht auch Wörter eine Form von Waffen sein, die zwar nicht den Körper verletzen, aber die Seele umso tiefer? Gewiss, längst nicht alle Männer entsprechen diesem Bild, hoffentlich sogar immer weniger. Und doch sind es leider immer noch viel zu viele.

Ich habe die Behauptung aufgestellt, dass es keine stichhaltige Begründung dafür gibt, eine von einem Afghanen oder Marokkaner begangene Gewalttat grundsätzlich anders zu erklären als eine von einem Schweizer begangene Gewalttat. Also das Erste als etwas Typisches für eine „fremde“ Kultur mit „anderen“ Werten zu deuten und das Zweite als individuelle „Störung“ oder „Entgleisung“ ausserhalb der geltenden gesellschaftlichen Normen. Ich bleibe bei dieser Behauptung. Denn auch die von einem Schweizer begangene Gewalttat hat, wie die Gewalttat eines Afghanen, eines Marokkaners oder des Angehörigen irgendeiner anderen Nationalität oder ethnischen Herkunft etwas zu tun mit der Kultur und den gesellschaftlichen Werten, die in der jeweiligen Gesellschaft bzw. dem jeweiligen Land herrschen. Kein Mann wird als Frauenmörder oder Frauenschänder geboren, weder in Afghanistan noch in Marokko noch in der Schweiz oder an irgendeinem anderen Ort der Erde. Erst die äusseren Umstände führen dazu, was für ein Mensch er 15, 20 oder 30 Jahre später einmal sein wird.

Zurück zu M.R. Denn es gibt kein besseres Beispiel, um auf Frage nach dem schweizerischen „Wertesystem“ und seinem möglichen Einfluss auf männliche Persönlichkeitsentwicklung eine Antwort zu finden. Im forensisch-psychiatrischen Gutachten, das vom Bundesgericht veranlasst wurde, findet sich unter anderem die Aussage, bei M.R. handle es sich um eine „höchst rational denkende Person mit der Eigenschaft einer ausgeprägten kognitiv-technischen Perspektive“. Hunderte Alarmlampen müssen aufleuchten, wenn wir diese Aussage Wort für Wort zur Kenntnis nehmen. Denn sie besagt nichts anderes, als dass M.R. genau jene Erwartung erfüllt hat, welche die meisten Eltern an ihre Kinder stellen, wenn es um ihre berufliche Zukunft geht, und die auch den wichtigsten Zielen des gesamten Erziehungs-, Schul- und Bildungssystems unseres Landes bzw. unserer „Kultur“ entspricht: „Rational“, „kognitiv“ und „technisch“, so muss der Mensch sein, wenn er es in dieser Gesellschaft zu etwas bringen will. Konkret: Er muss möglichst gut sein in Mathematik und Naturwissenschaften, muss möglichst fehlerfrei schreiben können – wobei es weniger um den Inhalt geht als um die korrekte Rechtschreibung – und muss vor allem über ausgezeichnete Kenntnisse im Umgang mit technischen bzw. digitalen Geräten, Hilfs- und Lernmitteln verfügen. Alles andere ist Nebensache. Wohin das führen kann, zeigte sich bei M.R. exemplarisch und geradezu aufs absolut Absurdeste in dem Augenblick, da es, während der Gerichtsverhandlung, um das Schicksal seiner Kinder ging, dies ihm aber weniger wichtig erschien als die fehlenden Kommas im Gerichtsprotokoll.

Doch es geht in Sachen „Kultur“ noch viel weiter: Bei der Aneignung der geforderten Lern- und Bildungsziele ist schon das Kind in frühem Alter, dann als Jugendlicher und als junger Erwachsener einem permanenten Wettkampf mit den jeweiligen Gleichaltrigen ausgesetzt, die alle auf das gleiche Ziel zustreben, das aber nur von den Schnellsten und am besten auf die Überwindung der jeweiligen Hürden Getrimmten auch tatsächlich erreicht werden kann, ein beständiger Kampf aller gegen alle. Das macht die Menschen hart und rücksichtslos. Mitgefühle, Liebesfähigkeit, Empathie, Gemeinschaftsdenken und Solidarität mit Schwächeren – all dies wird zum „Luxusgut“, das sich niemand mehr leisten will oder kann, und bleibt daher nach und nach auf der Strecke. Nicht einmal in der Ausbildung zu sozialen Berufen wie Kindergärtnerin, Lehrer, Sozialarbeiter oder Pflegerin sind menschliche und zwischenmenschliche Fähigkeiten und Begabungen gefragt, auch hier geht der Weg zum Berufsziel einzig und allein über die Bewältigung möglichst hoher Hürden, zumeist in Form von Wissensprüfungen in einem derart sinnlosen Umfang, dass fast alles, was für diese Prüfungen auswendig zu lernen ist, in Kürze wieder vergessen geht. Wer die endlose Hürdenstrecke dennoch erfolgreich bewältigen will, wird geradezu dazu gezwungen, sich Tricks oder Schummeleien aller Art anzueignen, der spätere „Erfolg“ in Form des betreffenden Berufsdiploms wird jedes noch so fragwürdige Mittel im Nachhinein rechtfertigen. Und genau diese Form von „Selektion“ ist es, die dann dazu führt, dass die bereits zum Vornherein durch ihre familiäre Herkunft Privilegierten, die Trickreichsten, Kämpferischsten und Rücksichtslosesten an die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Spitzenpositionen gelangen, während die Rücksichtsvollen, Feinfühligen und mit weniger Selbstsicherheit Ausgestatteten auf der Strecke bleiben. Auch hier gibt es freilich Ausnahmen, aber diese bestätigen bloss die Regel.

In umso grellerem Licht erscheint diese „Kultur“ des Kampfs aller gegen alle mit ihren verheerenden Auswirkungen auf alles Zwischenmenschliche, wenn wir uns jetzt dem Opfer zuwenden, einer Serbin, aufgewachsen „unter bescheidenen Verhältnissen“. Niemand könnte den Gegensatz zu ihrem gefühlskalten, „seltsam unnahbaren“ und „künstlich fokussierten“ Ehemann besser verkörpern als sie. Alle, die sie näher kannten, schwärmten von ihrer geradezu leidenschaftlichen Empathie, Wärme, Offenheit und persönlichen Ausstrahlung, ihrer äusseren und inneren Schönheit in Vollendung. Die perfekte Teamplayerin: „Auf den Hotelfluren bringt sie ihren Konkurrentinnen bis spät in die Nacht bei, wie man auf High Heels geht.“ Sie versucht also nicht, ihre Konkurrentinnen auszustechen, ihnen Steine in den Weg zu legen oder ihre Selbstsicherheit zu schwächen, sondern macht – offensichtlich völlig immun gegenüber dem allgemeinen und insbesondere auch im Show- und Modebusiness knallhart herrschenden Konkurrenzprinzip – genau das Gegenteil: Sie hilft ihren Konkurrentinnen bis spät in der Nacht, mehr Sicherheit zu gewinnen und mehr Körperbeherrschung aufzubauen, und riskiert damit bewusst ihnen gegenüber einen möglichen „Wettbewerbsnachteil“. Spätestens jetzt müssten unsere letzten Vorurteile in sich zusammenfallen. Denn ist nicht Serbien jenes Teilgebiet des ehemaligen jugoslawischen Bundesstaates, das auch hierzulande während der Jugoslawienkriege nur allzu gerne als so etwa wie ein Reich des „Bösen“ angeschaut wurde, im Gegensatz etwa zu Slowenien oder Kroatien, die als die „Guten“ galten? Ein Vorurteil, unter dem auch die in der Schweiz lebenden Serbinnen und Serben bis heute leiden. Und jetzt kommt eine Serbin und stellt alles auf den Kopf. „Werte“ und „Kulturen“ prallen aufeinander, aber auf einmal in der genau entgegengesetzten Richtung als in der, welche in unserer Schweizer „Wertewelt“ immer noch so tief verankert ist.

Wenn der Tod von K.J. auch nur im Entferntesten einen „Sinn“ gehabt haben sollte, dann vielleicht den, dass wir endlich zu einer Überwindung dieses über eine viel zu lange Zeit in unsere Köpfe eingebrannte Bild von den „guten Einheimischen“ und den „bösen Fremden“ gelangen und, statt immer nur auf andere zu zeigen, uns selber bei der Nase nehmen, um unsere vielgelobte eigene „Wertewelt“ kritischer als bisher unter die Lupe zu nehmen und daraus die notwendigen Schlüsse zu ziehen. Damit so etwas wie am 13. Februar 2024, aber auch alle weniger brutalen Formen von Gewalt, Demütigung und Erniedrigung von Frauen durch Männer für immer der Vergangenheit angehören. Denn, so Mahatma Gandhi: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für die Welt.“ Es gibt noch viel zu tun.

30. Montagsgespräch am 11. Mai 2026: Sollten die Schulnoten abgeschafft werden?

Wie wirken sich Schulnoten auf die Lernfreude und den Lernerfolg der Kinder aus? Diese Frage wurde anlässlich des Buchser Montagsgesprächs vom 11. Mai diskutiert.

Den Einstieg in die Diskussion bildete eine Kindheitserinnerung besonderer Art, erzählt von einer Lehrerin, die während längerer Zeit auch als Schulleiterin tätig war. Nachdem ihre Noten in der Schule anfänglich immer gut gewesen waren, hätte sie eines Tages für eine Prüfung einen Einser bekommen, weil sie ganz vergessen hatte, sich darauf vorzubereiten. Sie hätte sich darüber riesig gefreut, weil sie nun zum ersten Mal diese ganz besondere Note bekommen hätte, die auch andere in der Klasse zuvor schon bekommen hatten. Begeistert sei sie nach Hause gelaufen. Ihre Eltern seien dann allerdings weniger begeistert gewesen. Für die Kinder selber, so mehrere Voten aus der Runde, sei die Note anfänglich gar nicht wichtig. Wichtig werde sie erst durch die Reaktionen der Erwachsenen und durch die allmähliche Erkenntnis des Kindes im Laufe der Schuljahre, wie wichtig sie seien in Bezug auf die spätere Berufswahl.

Noten, so die Aussage eines früheren Lehrlingsausbildners, würden zu Egoismus und Einzelkämpfertum erziehen, zum Wettkampf aller gegen alle. Dabei spielten die Erwartungen der Eltern eine wesentliche Rolle, vor allem wenn sich diese wünschten, dass ihr Kind später eine berufliche Tätigkeit mit möglichst hohem gesellschaftlichem Ansehen und Einkommen ausüben sollte. Dahinter stecke eine aus seiner Sicht falsche Wertehaltung, denn handwerkliche oder soziale Berufe seien genau so wichtig wie akademische, und überhaupt sei es falsch, Kinder nur an ihren intellektuellen Fähigkeiten zu messen und nicht ebenso an ihren handwerklichen, musischen und sozialen Stärken, die in vielen Berufen viel wichtiger seien als rein theoretisches Wissen.

Generell, so eine weitere Aussage aus der Runde, fehle es am Grundvertrauen in die Lernkraft des Kindes, denn Kinder würden auch ohne Noten und ohne äusseren Druck lernen, und dies mit mehr Freude und Erfolg, wie man das zum Beispiel beim Erlernen der Muttersprache beobachten könne. In diesem Zusammenhang wurde auch bemängelt, dass von den Pädagogischen Hochschulen zu wenige Impulse für eine kindgerechte Pädagogik kämen.

Die Erfahrungen von Privatschulen, die ohne Noten gute Lernergebnisse erzielen – so eine Mutter, deren Tochter eine solche Schule besucht –, seien zu wenig bekannt. Überhaupt, und diesem Votum schloss sich in der Folge die ganze Runde an, müsste über pädagogische Themen eine viel breitere öffentliche Diskussion stattfinden, sei doch offensichtlich, dass sich viele Kinder, Jugendliche, aber auch Lehrerinnen und Lehrer wie auch Eltern von den Ansprüchen und dem Druck, mit dem schulisches Lernen verbunden ist, überfordert fühlen und oft sogar erheblich darunter leiden; Visionen eines Bildungssystems, in dem vermehrt die Freude am Lernen im Vordergrund steht und die Besinnung auf das Wesentliche, seien dringend nötig.

Wie sich selbst Schweizer Mainstreammedien aktiv an den Vorbereitungen zum dritten Weltkrieg beteiligen

Peter Sutter, 10. Mai 2026

„Wo Russland die NATO zuerst angreifen könnte“ – so der Titel eines ganzseitigen Artikels im schweizerischen „Tagesanzeiger“ vom 7. Mai 2026. Im Folgenden einige Ausschnitte daraus sowie ein kritischer Kommentar aus meiner Sicht…

NATO-Generalsekretär Mark Rutte ist kein Pessimist, Ende letzten Jahres aber klang es düster wie nie: „Wir sind das nächste Angriffsziel von Russland“, meinte er. „Und wir befinden uns bereits in Gefahr. Russland hat den Krieg zurück nach Europa gebracht. Wir müssen uns auf einen Krieg in einem Ausmass vorbereiten, wie es unsere Grosseltern und Urgrosseltern erlebt haben.“. Kreml-Chef Putin sucht die Konfrontation mit dem Westen… Militärstrategen nennen die aktuelle Sicherheitslage deshalb „die gefährlichste seit Jahrzehnten“… Sollte der Krieg in der Ukraine dereinst enden, beginnt aus Sicht von westlichen Geheimdiensten die Uhr zu ticken: Ab 2029 hätten sich die russischen Streitkräfte so weit erholt, dass sie in der Lage wären, den Westen punktuell anzugreifen… Tatsächlich ist die Annahme, Europa sei bis 2029 vor einem russischen Angriff sicher, eine Illusion…

Kurz durchatmen und nochmals genau lesen, was der „Tagesanzeiger“, immerhin eine der grössten und renommiertesten Schweizer Tageszeitungen, seinen Leserinnen und Lesern hier in ein paar wenigen Zeilen an willkürlichen Behauptungen, Falschmeldungen und gezielten Auslassungen alles zumutet. Bezeichnenderweise wird eingangs ausschliesslich Mark Rutte zitiert, mit Abstand der noch am tiefsten im Denken des Kalten Kriegs gefangene Hardliner unter den aktuellen europäischen Politikern, der unlängst auch zum Besten gab, er hätte keine Angst vor einem Atomkrieg. Es gäbe beliebig viele andere Politiker, Expertinnen und Sachverständige, die genau das Gegenteil sagen und die der „Tagesanzeiger“, wollte er einen einigermassen ausgewogenen Artikel schreiben, an dieser Stelle zitieren könnte: Den 96jährigen SPD-Doyen Klaus Dohnanyi etwa, den früheren deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder, die Publizistin Gabriele Krone-Schmalz, den ehemaligen Brigadegeneral Erich Vad, den SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich, Yves Rossier, den langjährigen ehemaligen Schweizer Botschafter in Moskau, Laurent Goetschel, Direktor der schweizerischen Friedensstiftung Swisspeace, oder Thomas Greminger, einer der erfahrensten und kompetentesten Schweizer Diplomaten und von 2017 bis 2020 Generalsekretär der OSZE. Sie alle sagen: Quatsch! Es gibt keinen einzigen stichhaltigen Beweis dafür, dass Wladimir Putin einen Angriff auf Europa plant und die NATO „zerstören“ will. Aber nein: Die Stimme eines der letzten verbliebenen Kalten Kriegers, der nicht einmal vor einem Atomkrieg zurückschrecken würde, scheint dem Journalisten des „Tagesanzeigers“ wichtiger zu sein als selbst die erfahrensten und kompetentesten Sachverständigen aus dem eigenen Land. Um dann, nach dem Rutte-Zitat, nahtlos weiterzufahren mit dem Satz „Kreml-Chef sucht die Konfrontation mit dem Westen“. Man schaue sich diesen Übergang noch einmal ganz genau an: Zuerst das Rutte-Zitat in Anführungszeichen, und im nächsten Satz die Wiederholung der völlig aus der Luft gegriffenen Behauptung Ruttes, jetzt aber ohne Anführungszeichen, sozusagen als Tatsache, nicht einmal als persönliche Meinung des Journalisten gekennzeichnet! So also funktioniert „seriöser Journalismus“ im Jahr 2026 in jenem Presseorgan, das wahrscheinlich die allergrösste Mehrheit der Schweizer Bevölkerung als das „ausgewogenste“, „objektivste“, „glaubwürdigste“ und „seriöseste“ sämtlicher Medien bezeichnen würde… Im nächsten Satz lesen wir sodann, dass „Militärstrategen“ die „aktuelle Sicherheitslage“ als die „gefährlichste seit Jahrzehnten“ benennen, ohne dass auch nur ein einziger dieser „Militärstrategen“ namentlich genannt wird – zudem fände man auch beliebig viele andere „Militärstrategen“, die genau das Gegenteil behaupten. Im folgenden Satz steigern sich die bisherigen Behauptungen sogar noch zu einer eigentlichen Lüge, gibt es doch, entgegen der angeblichen „Sicht von westlichen Geheimdiensten“ in Tat und Wahrheit selbst unter den US-Geheimdiensten derzeit keinen einzigen, der davon ausgeht, dass es aktuell stichhaltige Beweise für Angriffspläne Russlands gegen weitere europäische Länder gäbe. Der Journalist des „Tagesanzeigers“ geht offensichtlich von einem sehr kurzen oder überhaupt nicht vorhandenen Gedächtnis bzw. Wissensschatz seiner Leserinnen und Leser aus… Schliesslich eine weitere, auf den ersten Blick kaum durchschaubare Pirouette: Die russischen Streitkräfte wären „ab 2029 in der Lage, den Westen punktuell anzugreifen“. Das mag ja sogar zutreffen, heisst doch aber nicht zwingend, dass diese Angriffe dann auch tatsächlich erfolgen, sonst müsste es ja umgekehrt auch logisch und zwingend sein, dass jedes westliche Land, das „in der Lage“ ist, andere Länder „punktuell anzugreifen“, dies automatisch tatsächlich auch tut. Und wenn dann im nächsten Satz zusätzlich noch behauptet wird, die Annahme, Europa sei „bis 2029 vor einem russischen Angriff sicher“, sei eine reine „Illusion“, wird damit indirekt jeder, der nicht von einem solchen Angriff Russlands ausgeht, als „Illusionist“, „Träumer“ oder „Phantast“ verunglimpft. Der Journalist, dessen Aufgabe eine seriöse und objektive Berichterstattung wäre, scheint – ganz im Gegenteil – offensichtlich die Kunst, seine Leserinnen und Leser zu täuschen, zu manipulieren und hinters Licht zu führen, in ganz hervorragendem Ausmass zu beherrschen. Es fragt sich nur, ob er mit diesen Qualitäten nicht gescheiter Zauberkünstler geworden wäre als Journalist.

Doch lesen wir weiter, die Phantasie des Journalisten scheint so richtig in Fahrt gekommen zu sein und treibt immer wildere Blüten…

Russland könnte mit einem überraschenden Vorstoss etwa auf eine kleine Ostseeinsel Panik verbreiten und die NATO in Gefahr bringen,,, Seit dem Beitritt Finnlands und Schwedens zur NATO in den Jahren 2023 und 2024 ist die Ostsee zu einer Art „NATO-Meer“ geworden, aber eben nur fast: Russland behauptet mit seiner Flotte in Kaliningrad und der Millionenstadt Sankt Petersburg seinen Platz… Michael Claessen, der Oberbefehlshaber der schwedischen Streitkräfte, hat kürzlich vor russischen Provokationen in der Ostsee gewarnt: Putin könnte, meinte er, eine kleine Insel von verdeckten Kräften besetzen lassen und danach einfach zusehen, was passiert: ob die NATO wegen eines verlassenen Eilands tatsächlich den Bündnisfall ausruft oder sich darüber zerstreitet…

Nun ja, es sei niemandem verwehrt, seiner Phantasie freien Lauf zu lassen. Aber muss das ausgerechnet an einem so heiklen Thema wie der europäischen Sicherheitslage ausgespielt werden? Und zu welchem Zweck? Der Journalist könnte ja ganz für sich alleine zuhause einen Notizblock nehmen und Strichmännchen zeichnen und auch noch die verrücktesten Geschichten fern aller Realität erdenken, ohne seine Ergüsse zehntausenden von Zeitungsleserinnen und Zeitungsleserinnen vorzusetzen, die ihre wertvolle Freizeit wahrscheinlich lieber dafür einsetzen würden, tatsächliche Fakten vermittelt zu bekommen statt irgendwelcher Hirngespinste. Könnte. Könnte. Könnte. Ja. Es könnte auch ein Schneehase in Norwegen einen Alarm und damit den dritten Weltkrieg auslösen. Es könnte auch Rutte über einen Teppich stolpern und sterben und man könnte später herausfinden, dass dieser Teppich vom russischen Geheimdienst manipuliert worden war. Es könnte auch ein Vogelschiss auf den Kopf eines finnischen Grenzwächters fallen und der könnte dann im Blitzlichtgewitter Dutzender Journalisten behaupten, es sei nicht eine Eule gewesen, sondern eine russische Drohne… Und ja, schauen wir uns auch diese Textpassage noch einmal genau an: Seit dem Beitritt von Schweden und Finnland zum westlichen Militärbündnis sei die Ostsee „fast“, aber eben „nur fast“, zu einem „NATO-Meer“ geworden. Moment. Wer provoziert denn da wen? Russland den Westen? Oder nicht doch eher umgekehrt? Und wer müsste sich denn da bedroht fühlen? Der Westen durch Russland? Oder nicht doch vielleicht eher umgekehrt? Und: Russland behaupte immer noch „seinen Platz“ in Kaliningrad und Sankt Petersburg. Ja, soll Russland das denn nicht mehr dürfen? Denkt der Journalist allen Ernstes darüber nach, dass Russland seine Plätze aufgeben soll, während der Westen seit dem Beginn der NATO-Osterweiterung im Jahre 1991 nach und nach nicht bloss einzelne „Plätze“ eingenommen hat, sondern ganze Länder, die früher zum Einflussbereich Russlands gehörten? Und weiter: Der Oberbefehlshaber der schwedischen Streitkräfte warne vor „russischen Provokationen“! Aber war es nicht die NATO, die im Februar 2026 mit dem grössten je inszenierten Militärmanöver unter dem Namen „Steadfast Dart 26“ – mit insgesamt rund 10’000 Soldaten, mehr als 1500 Fahrzeugen und 17 Schiffen aus 13 Nationen – in unmittelbarer Nähe der russischen Grenze eine der grössten – und gefährlichsten – Provokationen ausübte in einer Zeit, da die gegenseitigen Spannungen wohl alles andere erfordern würden als eine solche aggressive Machtdemonstration? Hat der Journalist dies alles vergessen oder will er bewusst von alledem ablenken, was seine eigene, vorgefasste Meinung in Frage stellen könnte? Und dann noch diese Ausgeburt an Phantasie: Putin könnte eine „kleine Insel“ mit „verdeckten Kräften“ besetzen lassen und „einfach zusehen, was passiert“. Man kann nur hoffen, dass Putin diesen Artikel im „Tagesanzeiger“ nicht liest, um am Ende tatsächlich noch auf solche verrückte Ideen zu kommen…

Der estnische Sicherheitsexperte und Regierungsberater Erkki Koort erschreckte kürzlich Deutschland mit einem Szenario, nach dem Hunderte grüner Männchen die Ferieninsel Rügen besetzen könnten. „Für Putin ginge es nicht um den Beginn eines längeren Krieges“, erklärte Koort, „sondern um einige Tage Chaos – ein Beweis dafür, dass Deutschland sich nicht verteidigen kann und die Regierung schwach ist.“… Noch weiter weg, am Polarkreis, wäre auch Spitzbergen ein mögliches Angriffsziel… Russland würde eine Einnahme von Spitzbergen leichtfallen. Sie könnte verdeckt beginnen, mit der Infiltration von Geheimdienstkräften, unterstützt von Schiffen der Schattenflotte und zivilen Flugzeugen…

Etwas aufgefallen? Für keine einzige seiner Behauptungen und Phantasien nennt der Journalist eine russische Quelle, sondern einzig und alleine die frei erfundenen Hypothesen westlicher Politiker oder Militärs. Einzig und allein in deren Köpfen spielt sich dieser mögliche zukünftige Krieg ab. Es gibt dafür in der Psychologie den klassischen Begriff der „Projektion“: Die eigenen Denkmuster – in diesem Falle die schrittweise Inbesitznahme „feindlichen“ Geländes – werden eins zu eins auf den politischen Gegner projiziert: Was angeblich dieser im Schilde führt, praktizierte der Westen selber in den vergangenen rund 80 Jahren in Form Dutzender völkerrechtswidrig geführter Krieg und Dutzender von der CIA inszenierter Regierungsumstürze in einem Ausmass, das wohl von keinem anderen Staat jemals übertrumpft werden kann.

Die sogenannte Suwalki-Lücke gilt als jener NATO-Raum, den Russland präventiv angreifen könnte, um seine strategische Lage zu verbessern: Ein erfolgreicher Vorstoss verbände Kaliningrad wieder mit Russland und schnitte das Baltikum vom Rest des NATO-Gebiets ab. Eine Studie des Harvarder Belfer Center meint, starken russischen Kräften könnte dies gelingen, weil die NATO sich schwertäte, innert Kürze nötige Verstärkungen herbeizuführen. Erwartet wird zudem, dass Russland mit einem Einsatz taktischer Atombomben drohen könnte, um den Geländegewinn abzusichern… Viele westliche Fachleute glauben, Putin werde den laufenden „hybriden Krieg“ in Europa in den nächsten Jahren weiter eskalieren…

Nach sieben Konjunktiven im letzten Abschnitt schliesslich noch ganz zuletzt eine weitere Steiherung: Viele westliche Fachleute „glauben“, dass… Ja, wenn zuletzt auch nach aller Phantasie und aller Spekulation auch noch der Glaube ins Spiel kommt, dann wird vielleicht aus all den verrückten Gedankenspielen am Ende doch noch eines Tages bittere Realität. Denn es ist eben schon so: Wenn man Lügen und Phantasien genug oft wiederholt, haben sie die gefährliche Tendenz, eines Tages Wirklichkeit zu werden. Und irgendwann wird niemand mehr wissen, dass Putin nach seinem Amtsantritt im Jahre 2000 dem Westen eine gemeinsame europäische Sicherheits- und Friedensordnung vorgeschlagen hatte anstelle der früheren Konfrontation zwischen Ost und West in Form des Kalten Kriegs. Es wird auch niemand mehr wissen, dass der Westen diesen Vorschlag kategorisch zurückwies. Es wird auch niemand mehr wissen, dass Putin kurz darauf einen Beitritt Russlands zur NATO beantragte. Und es wird auch niemand mehr wissen, dass der Westen auch diesen Vorschlag kategorisch abschlug. Denn wenn man das alles wüsste, dann würde die aktuell vom Westen so systematisch propagierte angebliche Gefahr eines Angriffs von Russland auf weitere europäische Länder wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.

Erst jetzt fällt mir auf, was auf dem Bild, das rund einen Drittel der Zeitungsseite einnimmt, zu sehen ist: Nicht etwa ein russisches Militärboot als Beweis für den geplanten Angriff Russlands auf weitere europäische Länder, sondern, sage und schreibe, die Aufnahme von US-Marines bei einer NATO-Übung in einem Landungsboot vor der finnischen Ostseeküste. Ein entsprechendes Bild eines russischen Landungsboots war offensichtlich nicht zu finden. Nur schon dieses Bild entlarvt den Artikel seiner ganzen Widersprüchlichkeit, Scheinheiligkeit und geradezu systematischer Täter-Opfer-Umkehr.

Wie wenn der Artikel im „Tagesanzeiger“ nicht schon genug harte Kost gewesen wäre, finde ich gleichentags in einer weiteren Schweizer Tageszeitung, dem „Tagblatt“, noch folgenden Artikel, der den ersteren an Einseitigkeit sogar noch übertrifft und in mir die Frage weckt, ob es wohl zurzeit unter den schweizerischen Medien so etwas wie einen gegenseitigen Wettstreit gibt, um in der Heraufbeschwörung der „russischen Gefahr“ stets noch eine weitere Schippe draufzulegen.

Dieser Artikel trägt den unglaublichen Titel „Wir hoffen alle, dass Putin morgen stirbt“ und kommt nicht etwa aus dem Dunstkreis einiger verrückt Gewordener, sondern aus dem sogenannten „Panel“ des „St. Gallen Symposiums“ unter der Leitung von Christian Mumenthaler, dem ehemaligen Chef der Schweizer Rückversicherungsgesellschaft Re und seines Zeichens „Young Global Leader“ des WEF.

Im Folgenden ein paar Auszüge aus dem Zeitungsartikel…

Am St. Gallen Symposium ging es um Russland als Aggressor und Europas Strategie gegenüber dem blutrünstigen Kreml-Herrscher. Die Diskussion unter Leitung von Christian Mumenthaler fand unter den „Chatham House“-Regeln statt. Was bedeutet, die Voten dürfen keiner der teilnehmenden Personen zugeordnet werden… Nach und nach schälte sich aus der Diskussion ein Modell heraus, wie Europa mit Russland umgehen sollte. Ein zentraler Punkt sei: In Russland liege „die ganze Macht bei Putin“, weder bei anderen Institutionen noch bei den Oligarchen. Und Putin möge keine Kompromisse. Mit ihm und damit mit Russland diskutieren könne man daher nur nur aus einer Position der Stärke. Denn: „Putin versteht nur die Sprache der Gewalt und der Macht.“… Nun gibt es Bewegung in Europa: Rüstungsausgaben werden erhöht, die Truppen an der Nato-Ostflanke sind verstärkt worden, „Abschreckung ist die richtige Antwort“, lautete ein Votum. Und: „Investitionen in die Verteidigung sind Investitionen in den Frieden.“ Europa sei auch gut beraten, Allianzen zu suchen mit anderen Partnern, etwa mit Indien oder mit Südamerika… Auch an der Ukraine sollte sich Europa ein Beispiel nehmen, denn: „Investitionen und Innovationen auf dem Schlachtfeld sind wichtig“, sagte einer der Teilnehmenden. So habe die Ukraine innert Wochen militärische Stärke entwickelt dank Drohnen, mit denen sie etwa russische Ölanlagen schwer beschädigt. Und hinzu komme „die Widerstandskraft der ukrainischen Gesellschaft“… Dass Putin mit seiner Kriegswirtschaft die zivile Wirtschaft zerstört, Bildung und Gesundheitswesen vernachlässigt, das sei ihm egal – auch angesichts „der absurden Mengen an Blut und Geld“, die er bisher vergeudet habe…

Eines muss man heutigen westlichen Medien lassen: Sie beherrschen die Kunst der Manipulation mindestens so gut, wenn nicht sogar besser als die Medien jener Staaten, die aus westlicher Sicht als „Autokratien“ oder „Diktaturen“ bezeichnet werden. Das besonders Perfide daran ist, dass diese Form der Manipulation innerhalb des sogenannt „freien“ Westens immer noch als „freie Meinungsäusserung“ im Rahmen „demokratischer“ Gesellschaften wahrgenommen wird, obwohl wir doch, was freie Meinungsäusserung contra Propaganda betrifft, längst auf dem Niveau übelster Diktaturen angelangt sind.

Nun könnte man freilich einwenden, der Artikel im „Tagblatt“ widerspiegle ja nicht die Meinung des Journalisten bzw. der Redaktion dieser Zeitung, sondern sei nur eine „objektive“ Berichterstattung über einen politisch äusserst einseitig ausgerichteten Anlass im Rahmen demokratisch-öffentlicher Meinungsbildung. Indem aber der Journalist einen so hetzerischen Titel wählt, die an dieser Veranstaltung erfolgten Aussagen kommentarlos übernimmt und sich jeglicher eigener Recherchen oder kritischer Bemerkungen entzieht, macht er sich automatisch zum willkommenen Sprachrohr der am Anlass verbreiteten Meinungen und Stellungnahmen. Diese erhalten durch den Zeitungsbericht sogar noch eine gewisse zusätzliche Legitimation, die sie ohne ihn nicht hätten.

Man stelle sich einmal vor, das „Tagblatt“ würde einen Artikel veröffentlichen mit dem Titel „Wir hoffen alle, dass Trump morgen stirbt“ – die Zeitung wäre wahrscheinlich innerhalb eines Tages drei Viertel ihrer Leserschaft los. Dann der Begriff des „blutrünstigen Kreml-Herrschers“: Bezeichnet man Putin, nachdem der Ukrainekrieg innerhalb von vier Jahren bisher knapp 15’000 ukrainischen Zivilpersonen das Leben gekostet hat, als „blutrünstig“, mit welchem Wort müsste man dann wohl den israelischen Präsidenten Netanyahu bezeichnen, der innerhalb von zweieinhalb Jahren rund 100’000 palästinensische Zivilpersonen auf dem Gewissen hat? Und wie hätte man wohl den früheren US-Präsidenten George W. Bush bezeichnen müssen, der aufgrund reiner Lügen im März 2003 einen Krieg gegen den Irak vom Zaun brach, dem in der Folge eine halbe Million Zivilpersonen zum Opfer fielen?… „Kreml-Herrscher“ ist zudem ein typisches Beispiel einer gezielten Koppelung von Begriffen, mit denen eine ganz bestimmte psychologische Wirkung erzeugt wird: Der „Kreml“ als „Sitz des Bösen“ und Putin nicht etwa ein „Präsident“, sondern ein „Herrscher“. Eine ähnliche Koppelung dieser Art ist der Begriff des „russischen Angriffskriegs“, der unablässig von allen Medien tagtäglich verwendet wird, wenn es um den Ukrainekrieg geht, um auch noch dem letzten Ungläubigen bis zur Besinnungslosigkeit einzuhämmern, dass einzig und allein Russland die Schuld am Ukrainekrieg trägt und weder die systematische Osterweiterung der NATO, noch der vom Westen inszenierte Maidan-Regierungsputsch gegen die demokratisch gewählte Regierung der Ukraine im Frühling 2014 oder die systematische Diskriminierung und Unterdrückung der russischen Bevölkerung in der Ostukraine mit insgesamt 14’000 Todesopfern auch nur die geringste Rolle beim Ausbruch des Kriegs im Februar 2022 gespielt haben könnten. Die gleiche Begriffskoppelung wird von den westlichen Medien auch systematisch verwendet, wenn stets von der „Terrororganisation Hamas“ die Rede ist, nie aber vom „Terrorstaat Israel“, obwohl die Zahl der von Israel verschuldeten zivilen Opfer im Gazastreifen die Opfer der Hamas-Attacke vom 7. Oktober 2023 um mehr als das Siebzigfache übertrifft.

„Die Voten dürfen keiner der teilnehmenden Personen zugeordnet werden“: Was da so beiläufig in einem einzigen Satz hingeworfen wird, ist in Tat und Wahrheit übelste und einer demokratischen Gesellschaft absolut unwürdige Verschleierungstaktik. So kann jeder sagen, was er will, und sogar so haarsträubende Forderungen erheben wie den Wunsch nach einem sofortigen Tod Putins, ohne hierfür die Verantwortung übernehmen zu müssen oder sich öffentlich dazu zu bekennen. Genau so funktionierte das im Nationalsozialismus, wenn Leute aus dem Volk bei der Gestapo verleumderische Aussagen gegen Juden machen durften, absolut anonym und ohne hierfür gegenüber irgendwem gerade stehen zu müssen.

In Russland liege die „ganze Macht bei Putin“, er „möge keine Kompromisse“, und daher könne man mit ihm und „damit mit Russland nur aus einer Position der Stärke diskutieren.“ So viel Unsinn muss man erst noch in einen einzigen Satz zusammenbringen können. Wenn, was nicht einmal stimmt, die „ganze Macht“ bei Putin liegt und dieser keine „Kompromisse“ möge, was angesichts seines Vermittlungsvorschlags im Dezember 2021 für eine friedliche Lösung des Ukrainekonflikts, der vom Westen kommentarlos zurückgewiesen wurde, wiederum ganz und gar nicht zutrifft, wenn nun also nicht nur mit Putin selber, sondern auch gleich noch mit „ganz Russland“ nur „aus einer Position der Stärke diskutiert“ werden könne, so muss da im Kopf des Journalisten, der solche Weisheiten von sich gibt, schon ein Chaos mittleren bis grösseren Ausmasses herrschen. Sollte Putin tatsächlich, wie immer wieder behauptet wird, ein unumschränkter „Gewaltherrscher“ sein, dann wäre ja logischerweise das russische Volk ein absolut bemitleidenswertes Opfer dieses „Gewaltherrschers“ und es würde absolut keinen Sinn machen, mit diesem bemitleidenswerten Volk in der gleichen Sprache und aus einer gleichen „Position der Stärke“ heraus zu reden wie mit Putin selber. Wäre es tatsächlich ein so bemitleidenswertes Opfer eines Gewaltherrschers, müsste man es logischerweise, wenn schon, als Freund betrachten und nicht als Feind. Ganz abgesehen davon, dass ich mir ganz und gar nicht vorstellen kann, wie man „mit einem ganzen Volk diskutieren“ könnte und wer dann dieser „man“ überhaupt wäre…

Nun gibt es „Bewegung in Europa, Rüstungsausgaben werden erhöht“: „Bewegung“ – was für ein beschönigendes Wort für Kriegstreiberei und den gezielten Aufbau eines Feindbildes, das angeblich nichts anderes versteht als die Sprache der Gewalt.

„Die Truppen an der NATO-Ostflanke sind verstärkt worden.“: „Ostflanke“ ist eigentlich ein Begriff aus dem Krieg, nicht aus dem Frieden, aus dem Angriff, nicht aus der Verteidigung, aus dem Wortschatz des deutschen Heers zwischen 1939 und 1945, nicht aus dem Wortschatz friedliebender Menschen, die seit 1945, als alle Menschen in Europa „Nie wieder Krieg“ schrien, alles nur Erdenkliche versucht haben, Kriegslogik durch Friedenslogik zu überwinden und zu ersetzen. Hat an dieser Stelle die Phantasie eines dieser anonymen Symposiumteilnehmers vollends durchgeschlagen und wähnt sich dieser bereits mitten im Krieg, während doch angeblich noch tiefster Frieden herrscht?

„Investitionen in die Verteidigung sind Investitionen in den Frieden“: Wie viel Leid braucht es noch, wie viele Kriege müssen noch geführt werden, wie viele Menschen müssen noch sterben, bis solche Sätze endlich für immer auf dem Müllhaufen der Geschichte landen? So weit die Erinnerung reicht: „Verteidigung“ war noch nie etwas anderes als Kriegsvorbereitung. Wenn alles, was als „Verteidigung“ bezeichnet wird, tatsächlich immer nur Verteidigung gewesen wäre, und alle, die sich „Verteidigungsminister“ nannten oder immer noch nennen, tatsächlich nur „Verteidigungsminister“ gewesen wären, hätte es nämlich noch nie einen wirklichen Krieg gegeben. Das pure Gegenteil ist der Fall: Noch nie in der Geschichte der Menschheit gab es so viele Kriege wie heute. Nicht weil für „Verteidigung“ zu wenig Geld ausgegeben wurde, sondern nur deshalb, weil überhaupt noch Geld für Waffen und Kriege ausgegeben wird, Kriegsvorbereitungen immer noch als „Verteidigungsmassnahmen“ verkauft werden und sich die Kriegsminister immer noch „Verteidigungsminister“ nennen und nicht wenige von ihnen sogar immer noch mit Friedensnobelpreisen ausgezeichnet werden. Wenn der Westen die gegenwärtige Aufrüstungseuphorie immer noch als existenzielles Recht auf Selbstverteidigung zu verkaufen versucht, dann müsste diese Lüge nur schon angesichts der Tatsache, dass die NATO bereits heute mehr als das Zwanzigfache an Geld für Aufrüstung aufwirft als Russland, augenblicklich in ihrer ganzen gefährlichen Tragweite entlarvt werden. Aber das darf freilich nicht sein, und so wird man auch vergeblich darauf warten, dass solche Zahlen in westlichen Mainstreammedien jemals veröffentlicht werden.

„Europa sei auch gut beraten, Allianzen zu suchen mit anderen Partnern, etwa mit Indien oder mit Südamerika“: Ist den Teilnehmern des St. Galler Symposiums tatsächlich entgangen, dass Indien und Brasilien, das mit Abstand bevölkerungsstärkste Land Südamerikas, schon längst nicht mehr im westlichen Boot sitzen und mittlerweile sogar schon zu den schärfsten Kritikern des US-Imperialismus, der NATO und des westlichen Anspruch, weiterhin Weltmacht Nummer eins zu bleiben, gehören? Täten die Kalten Krieger von früher, statt sich um Ihresgleichen zu scharen und die Lügen der Vergangenheit immer wieder neu aufzuwärmen, nicht besser daran, sich endlich mit den übrigen 99 Prozent der Menschheit an einen gemeinsamen Tisch zu setzen und sich gemeinsam mit ihnen Gedanken über eine neue, gemeinsame, friedliche Zukunft zu machen, statt sich immer noch an Glaubenssätze vergangener Zeiten zu klammern, die von der Realität schon längstens tausendfach widerlegt worden sind.

„Investitionen und Innovationen auf dem Schlachtfeld sind wichtig“: Ja, aber eigentlich einzig und allein nur für die Profite der Rüstungsindustrie und ihrer Aktionäre. Ganz im Sinne des früheren US-Aussenministers Anthony Blinken, der einmal in aller Öffentlichkeit erklärte, er hoffe, dass der Ukrainekrieg noch möglichst lange weitergehe, denn dies sei besonders gut für die US-Rüstungsindustrie. Das „Schlachtfeld“, auf dem man dann irgendwann aus knietiefem Schlamm die tiefgefrorenen Überreste verstümmelter und halbverhungerter Soldaten herauspickeln wird, ist in einem solchen Zeitungsartikel bloss noch eines von zahlreichen Wörtern, über die man ebenso leicht und rasch hinweglesen kann wie über alle anderen dieser Wörter, die so wunderschön klingen und hinter denen sich doch so unsägliches, unbeschreibliches Leiden verbirgt. Müssten die Teilnehmenden des St. Galler Symposiums und all die Journalisten, die so schöne Zeitungsartikel schreiben, nur einen einzigen Tag auf dem von ihnen hochgejubelten „Schlachtfeld“ verbringen: Der ganze Spuk hätte wohl augenblicklich ein Ende für immer.

„Dazu komme die Widerstandskraft der ukrainischen Gesellschaft“: Einer ukrainischen Gesellschaft, die immer tiefer gespalten ist zwischen den Opfern auf dem „Schlachtfeld“, dem sich immer mehr junge Männer durch Dienstverweigerung oder Desertion zu entziehen versuchen, und den Söhnen und Töchtern einer zutiefst korrupten Oberschicht, die rund um die Uhr an den mondänsten Wintersportorten, auf Mallorca und Teneriffa die ausschweifendsten Parties ihres Lebens feiern.

„Dass Putin mit seiner Kriegswirtschaft die zivile Wirtschaft zerstört, Bildung und Gesundheitswesen vernachlässigt, das sei ihm egal – auch angesichts der absurden Mengen an Blut und Geld, die er bisher vergeudet habe.“: Projektion um Projektion, die alle auf den Absender zurückfallen. Denn gerade jetzt droht nicht so sehr das russische, sondern vor allem das europäische und insbesondere das deutsche Bildungs- und Gesundheitswesen angesichts endlos gesteigerter Rüstungsausgaben aus allen Fugen zu geraten. Aber auch das hat eine logische Eigengesetzlichkeit: Je mehr sich Machtsysteme bedroht fühlen, umso mehr feuern sie aus allen Kanonen auf den vermeintlichen „Gegner“ sowie auf alle Andersdenkenden in ihren eigenen Reihen.

Wenn man Kriege plant, braucht es zuallererst den Aufbau eines Feindbildes als Inbegriff des Bösen. Dadurch erst kann dann jenes allgemeine Gefühl von Angst herbeigeführt werden, das es braucht, um auch noch das wahnwitzigste Mass an militärischer Aufrüstung zu rechtfertigen und alles, was in Richtung Kriegsvorbereitung geht, als Friedensvorbereitung zu verkaufen. So erst kann der Boden für zukünftige Kriege vorbereitet werden. Denn von Natur aus wollen die allermeisten Menschen über alle Grenzen hinweg nicht den Krieg, sondern den Frieden. Will man Krieg, dann muss man ihn den Menschen mit allen nur erdenklichen Mitteln einreden. Man kann sich nicht gleichzeitig auf den Krieg und auf den Frieden vorbereiten. Wir müssen uns für einen der beiden Wege entscheiden. Damit eines Tages das Wort „Kriegserklärung“ aus unserem Denken und unserem Vokabular für immer entfernt und durch das Wort „Friedenserklärung“ ersetzt wird.

Sollte es dereinst tatsächlich zu einem dritten Weltkrieg kommen, dann wird es kaum viele überzeugende Argumente geben, um all jene Medien, die – wie mit den beiden hier besprochenen Beispielen aus dem „Tagesanzeiger“ und dem „Tagblatt“ vom 7. Mai 2026 – zu einer dermassen systematischen Kriegshetze beigetragen haben, von einer Mitschuld freizusprechen. Aber nicht nur sie, sondern auch alle, die das schweigend und achselzuckend hinnehmen und sich nicht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen wehren. Denn, wie Erich Kästner einmal sagte: „An allem Unfug, der passiert, sind nicht nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern.“

(Ich habe diesen Artikel, versehen mit einem kurzen Begleitkommentar und der Frage nach der journalistischen Sorgfaltspflicht, am 16. Mai 2026 an die Redaktionen des „Tagesanzeigers“ und des „Tagblatts“ geschickt. Bis heute, 15. Juni, hat weder der „Tagesanzeiger“ noch das „Tagblatt“ darauf reagiert. Man spricht, zu Recht, von Gewalt, wenn ein verzweifelter Asylsuchender mit einem Messer auf andere losgeht. Aber Gesprächsverweigerung, das Nichtbeantworten von anständig, korrekt und ernsthaft geschriebenen Briefen, die Absage an minimalstes diskursives und dialektisches Denken, die Renitenz gegen jegliches selbstkritisches Hinterfragen der eigenen Meinung und das Aufbauen von Mauern, gebaut aus Geld und Macht, gegenüber all denen, die weniger Geld und weniger Macht haben, sind auch Formen von Gewalt.)

Auch am 23. Mai 2026 bleibt der „Tagesanzeiger“ seiner tendenziös-manipulativen Berichterstattung treu:

Der von Moskau in Luhansk eingesetzte Verwalter, Leonid Passetschnik, spricht von 35 Verletzten. Drohnen seien in eine Berufsschule und ein Wohnheim in Starobilsk eingeschlagen, in dem sich 86 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren befunden hätten. Die Angaben lassen sich unabhängig nicht überprüfen… Russland überzieht die Ukraine seit mehr als vier Jahren mit einem zerstörerischen Angriffskrieg. Tag für Tag werden dabei Zivilisten in der Ukraine verletzt oder getötet.

So viel Irreführung auf gerade mal zehn Zeitungszeilen. „Drohnen seien…“: Dass es nicht russische, sondern ukrainische Drohnen waren, scheint dem Berichterstatter nicht erwähnenswert zu sein. „Die Angaben lassen sich nicht überprüfen.“: Schlicht gelogen: Journalistinnen und Journalisten aus zwölf mehrheitlich westlichen Ländern haben vor Ort das Communiqué der russischen Behörden bestätigt. „35 Verletzte“: Verschwiegen wird der Leserschaft, dass der ukrainische Drohnenangriff auf die Berufsschule und das Studentenwohnheim nicht nur 35 Verletzte zur Folge hatte, sondern zudem 13 bis 18 Todesopfer, alle zwischen 14 und 18 Jahren. Das Beste aber kommt am Schluss: „Russland überzieht die Ukraine seit mehr als vier Jahren mit einem zerstörerischen Angriffskrieg. Tag für Tag werden dabei Zivilisten in der Ukraine verletzt oder getötet.“ Und dies, nachdem soeben von einem ukrainischen Drohnenangriff auf eine Berufsschule und ein Studentenwohnheim die Rede war. Besonders fies: Jedes Kind weiss, dass der letzte Eindruck einer Information immer der stärkste ist und am nachhaltigsten im Gedächtnis bleibt. In diesem Falle wird mit dem prägenden Schlusssatz sogar das zuvor Gesagte geradezu auf den Kopf gestellt bzw. ins Gegenteil verkehrt. Ganz abgesehen davon, dass man der Objektivität zuliebe immerhin wenigstens bei den tatsächlichen Zahlen bleiben müsste, die von seit Februar 2022 durch russische Angriffe getötete ukrainische Zivilpersonen bei bisher 2514 liegen, während umgekehrt zwischen 2014 und 2021 rund 14’000 russischstämmige Zivilpersonen in den Ostprovinzen der Ukraine paramilitärischem, durch das Kiewer Regime ausgeübtem Terror zum Opfer fielen – eine der wesentlichen Gründe für den russischen „Angriffskrieg“ im Februar 2022. Aber wozu soll man sich heute noch an so üble Geschichten erinnern, wenn es doch nur noch darum geht, Russland als den alleinigen „Bösewicht“ zu brandmarken und damit schon zum Vornherein einen späteren Krieg gegen diesen „Bösewicht“ zu rechtfertigen.

7. Juli 2026: Ein weiteres Beispiel für die tendenziöse Berichterstattung des „Tagesanzeigers“:

„Russen zerstören massenhaft Tankstellen“ – so der Titel eines Artikels, der etwa drei Viertel einer Seite einnimmt und ein grosses Foto enthält, auf dem eine durch eine russische Drohne zerstörte Tankstelle in der Region Dnipropetrowsk zu sehen ist. Erst wenn man den Artikel im Einzelnen liest, erfährt man, dass die russischen Angriffe „offensichtlich ein Spiegelbild ukrainischer Angriffe in Russland“ sind, wobei „Spiegelbild“ noch gut tönt, weil man doch eigentlich fairerweise eher von „Folge“ oder „Reaktion“ sprechen müsste. Von diesen „ukrainischen Angriffen in Russland“ ist dann Folgendes zu erfahren: „Dort haben die ukrainischen Geheimdienste SBU und HUR mit Angriffen auf Öldepots und Raffinerien ein Viertel bis zu einem Drittel der russischen Benzin- oder Dieselproduktionskapazität zumindest vorübergehend zerstört.“ Dazu kein Bild. Es würde wohl, würde man es in echte Relation zu der zerstörten ukrainischen Tankstelle setzen, kaum in einer einzigen Ausgabe des „Tagesanzeigers“ Platz finden. Aber abgesehen davon haben wahrscheinlich sowieso schon weit mehr als die Hälfte der Leserinnen und Leser, nachdem sie den Titel des Artikels gelesen und sich ihre Vorstellung vom „bösen Russen“ einmal mehr bestätigt hatte, weitergeblättert…

Fragen, fragen und allem auf den Grund gehen wie die Kinder: Ohne das bleibt gesellschaftlicher Fortschritt eine Illusion…

Peter Sutter, 29. April 2026

Wochenlang gab es in den Schweizer Medien kaum mehr ein anderes Thema, nachdem in der Nacht vom 31. Dezember 2025 auf den 1. Januar 2026 bei einem Brand in der Bar „Le Constellation“ in Crans-Montana, Kanton Wallis, 41 Menschen, darunter 20 Minderjährige, ums Leben gekommen und weitere 115 Personen verletzt worden waren, viele von ihnen so schwer, dass sie nur knapp vor dem Tod gerettet werden konnten.

Als hätte es nicht nur in Crans-Montana gebrannt, breitete sich die Berichterstattung über dieses Ereignis in Kürze wie ein Lauffeuer in sämtlichen Richtungen aus, fast alle europäischen Medien griffen das Thema ebenfalls auf und berichteten darüber in aller Ausführlichkeit.

Bei alledem stand durchwegs immer wieder die gleiche Frage im Mittelpunkt: Wer trug die Schuld an dieser Katastrophe, die so viele junge Menschen unversehens mitten aus dem Leben gerissen hatte zu einem Zeitpunkt, da sie überschwänglich und nichtsahnend den Beginn eines neuen Jahres feierten, die meisten von ihnen wohl voller Träume, Sehnsüchte und Hoffnungen, was ihnen dieses neue Jahr alles bringen würde.

Ja, die Schuldfrage. Wochenlang wurde sie hin- und hergewälzt, von den Eltern der betroffenen Jugendlichen zu den Betreibern der Bar, von den Politikern zu den Medien, von den Anwälten zu den Beamten der Sicherheitsbehörden, von den Gesetzgebern zu den Gemeinde- und Baubehörden und wieder zurück zu den Barbetreibern, alle von ihnen abwechslungsweise an den Pranger gestellt und dann jeweils umso heftiger von allen Seiten mit Vorwürfen, Beschuldigungen und Hass überhäuft. Bis es sogar fast zu einer zwischenstaatlichen Krise gekommen wäre, als Anwälte aus Italien die Schweiz mit Millionenklagen einzudeckeln versuchten und sich plötzlich nicht nur die vor Ort Betroffenen, sondern gar die Schweiz als Ganzes an den Pranger gestellt sah. Um dann zuletzt, oh Wunder, die ganze Wut wiederum auf eine einzige Angestellte der Bar zu lenken, die anscheinend jene Champagnerflasche geöffnet hatte, welche, viel zu nahe an den entflammbaren Deckenelementen, mit ihrem Feuerwerkskörper den Brand ausgelöst hatte, diese Angestellte, die sodann selber in den Flammen ums Leben gekommen war und zuletzt von allen anderen als die eigentliche Hauptschuldige angesehen wurde, ohne die es niemals zu dieser Katastrophe gekommen wäre.

Diese Debatte, fast ausschliesslich geprägt von der Schuldfrage, hätte aber von Anfang an auch ganz anders geführt werden können. Man hätte sich, statt „Schuldige“ ausfindig zu machen, zum Beispiel fragen können, unter welchem wirtschaftlichen Druck Gastronomiebetriebe wie die Bar „Le Constellation“ stehen. Um im gegenseitigen Konkurrenzkampf gegenüber anderen Betrieben mit ähnlichem Zielpublikum bestehen zu können, ist nämlich jeder Anbieter gezwungen, die Kosten möglichst tief zu halten und die Eintritts- und Konsumationspreise möglichst weit anzuheben, aber doch nicht so weit, dass sie niemand mehr bezahlen kann – ein beständiges Zittern ums Überleben, weil ja alle anderen Betriebe nach dem gleichen Prinzip handeln und im immer rasanteren Tempo des gegenseitigen Wettrennens am Ende nur diejenigen überleben können, welche sich am dichtesten an die gerade noch erträgliche Schmerzgrenze herantasten oder diese sogar überschreiten. Und dann wird eben gezwungenermassen gespart, wo immer es möglich ist: Bei den Baustoffen und den Materialien der Innenausstattung, bei der Elektroinstallation, bei den Kochgeräten, beim Einkauf der Lebensmittel und der Getränke oder bei den Sicherheitsmassnahmen – vor allem wenn diese durch zu rigorose Vorschriften wie die Mindestzahl von Notausgängen bzw. Grösse der Fluchtwege die Limite der zugelassenen Personenzahl zu sehr beschränken und damit die wichtigste Einnahmequelle gefährden. Zudem muss ohne Unterlass alles getan werden, um die Attraktivität des eigenen Betriebs gegenüber den Konkurrenzbetrieben laufend zu erhöhen, denn das Publikum ist wählerisch und kein Betrieb kann es sich leisten, auf so gefährliche Dinge wie Feuerwerk auf Champagnerflaschen zu verzichten, solange nicht alle anderen Betriebe dies ebenfalls tun. Den weitaus grössten Posten im Kosten-Nutzen-Kalkül, an dem so weit als möglich geschraubt werden kann, bilden indessen die Lohnkosten, sprich: das Personal so lange wie möglich und zu so tiefen Löhnen arbeiten zu lassen, wie es das Gesetz gerade noch zulässt, oder, wenn es sein muss, auch weit darüber hinaus. So wie es der besagten Kellnerin ergangen war, die am Ende an der ganzen Katastrophe die Hauptschuld getragen haben soll: Nach 20-Stunden-Arbeitstagen über Wochen hinweg war sie in jener Nacht so erschöpft und befand sich mutmasslich geradezu in einer Art von Delirium, als sie, auf die Schultern eines Barbesuchers gehievt, jene ominöse Champagnerflasche mit dem Feuerwerkskörper viel zu nahe an der mit billigen, entflammbaren Elementen bestückten Decke zur Explosion brachte, welche schliesslich das ganze Unheil zur Folge hatte.

Die Brandkatastrophe von Crans-Montana ist ein Paradebeispiel dafür, wie mit solchen besonderen Ereignissen, Katastrophen, Unfällen, Verbrechen aller Art bis hin zum Krieg umgegangen werden kann: Entweder versucht man so schnell wie möglich Schuldige – bzw. einen einzelnen Hauptschuldigen – ausfindig zu machen, was allen anderen erlaubt, sich weitgehend unbelastet, ohne schlechtes Gewissen und ohne jegliches Zugeständnis einer Mitverantwortung aus dem Spiel zu nehmen. Oder aber man geht den Ursachen und Zusammenhängen vertieft und möglichst hartnäckig auf den Grund, um am Ende – was freilich weitaus unangenehmer und schmerzlicher sein kann – möglicherweise zu entdecken, dass es nicht einen einzigen Schuldigen gibt, sondern sich viele andere oder vielleicht sogar alle anderen auf die eine oder andere, mehr oder weniger versteckte und unsichtbare Weise, mitschuldig gemacht haben, meist sogar, ohne dass ihnen dies bewusst gewesen war.

Sehen wir uns die beiden Herangehensweisen anhand von vier weiteren, ganz unterschiedlichen Beispielen etwas genauer an: der häuslichen Gewalt von Männern gegen Frauen in Form von Femiziden, der „Ausländerkriminalität“, den Amokläufen an Schulen und dem Ukrainekonflikt.

Femizide. Alle ein bis zwei Wochen wird in der Schweiz eine Frau von ihrem Lebenspartner getötet. Seit längerer Zeit nimmt die Häufigkeit von Femiziden sogar zu. Wie im Fall der Brandkatastrophe von Crans-Montana, beschränkt sich die öffentliche Diskussion aber auch hier fast ausschliesslich auf die Suche nach den Schuldigen und bleibt meistens bei der Feststellung einer für Männer typischen, offenbar „angeborenen“ und ihrer „Natur“ entspringenden Gewaltbereitschaft stehen. Interessanterweise stellt niemand die Frage, weshalb die Häufigkeit von Femiziden laufend zunimmt. Auch wenn man ausschliesslich von einer „naturbedingten“ Gewaltbereitschaft von Männern ausgehen würde, könnte man damit ja keineswegs diese Zunahme der Häufigkeit erklären. Femizide müssen also zwingend noch andere Ursachen haben als bloss diese „natürliche“ Gewaltbereitschaft von Männern. Einen möglichen Hinweis fand ich unlängst in einem Zeitungsartikel, wo erwähnt wurde, dass auffallend viele der betreffenden Männer zum Zeitpunkt ihrer Tat arbeitslos waren. Ein möglicher Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit bzw. den äusseren Lebensumständen der Täter und der Wahrscheinlichkeit, dass diese einen Femizid begehen würden, sei aber wissenschaftlich bislang noch nicht untersucht worden. Das muss zu denken geben, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass es bereits unzählige Studien betreffend Nationalität bzw. ethnischer Herkunft der Täter gibt, die den Schluss nahelegen, Femizide würden vor allem von Angehörigen „fremder“ Herkunft begangen. Warum gibt es nicht eine einzige Studie über den Zusammenhang zwischen Femizid und dem gesellschaftlichen Umfeld, in dem diese geschehen? Könnte es sein, dass ein Mann, der den ganzen Tag beschäftigungslos zu Hause herumsitzt, während sein bester Freund gerade wieder mal eine saftige Gehaltserhöhung erhalten hat und mit seinem neuen BMW Abend für Abend in der Stadt seine Runden dreht, sich gegenüber diesem minderwertig und in seinem Selbstwertgefühl zutiefst gekränkt fühlt? Könnte es sein, dass sich solche Gefühle fehlenden Selbstwerts noch verstärken, wenn dieser Mann in sozialen Medien oder am Fernsehen pausenlos mitansehen muss, wie andere Männer Karriere machen, irgendwann vielleicht sogar Millionäre sind, sich die teuersten Luxusvillen bauen lassen mit riesigen Swimmingpools und jedes Jahr drei oder vier Mal nach fernen, paradiesischen Südseeinseln fliegen? Könnte es sein, dass sich auf diese Weise Rachegefühle gegenüber einer Gesellschaft entwickeln, in der Einkommen und Vermögen dermassen ungerecht verteilt sind? Könnte es sein, dass ein so sich bildendes extremes Ohnmachtsgefühl irgendwann in das Verlangen nach einer extremen Machtdemonstration umzukippen droht? Und ist es denkbar, dass dieses bereits bis zum Rande gefüllte Fass voller Demütigung und verlorenem Lebenssinn genau in dem Punkt überlaufen könnte, an dem dieser Mann zuletzt auch noch das Letzte, was ihn aufrecht gehalten hat, nämlich seine Frau oder Lebenspartnerin, verlieren könnte, weil sie mit einem Versager wie ihm nichts mehr zu tun haben möchte? Und wäre es dann allenfalls nachvollziehbar, dass er schliesslich allen Hass, alle aufgestauten Rachegefühle nicht etwa an denen auslässt, die das alles verursacht haben, sondern am schwächsten Glied in der Kette von oben nach unten, nämlich, tragischerweise, ausgerechnet an seiner eigenen Lebenspartnerin, an welcher er nun das Exempel eines wiedergewonnen Machtgefühls auf die denkbar brutalste Weise vollziehen kann? Solche Fragen zu stellen, heisst nicht, irgendwelche Gewalttaten verharmlosen, zu entschuldigen oder gar rechtfertigen zu wollen. Sie dienen einzig und allein dazu, möglichen tiefergehenden Ursachen und Zusammenhängen von Verbrechen oder anderen Untaten auf den Grund zu gehen und daraus im besten Falle Schlüsse zu ziehen und Lösungsansätze zu finden, die über das blosse Verurteilen der „Schuldigen“ hinausgehen und letztlich den potenziellen Opfern mehr nützen als die vorschnelle und diskussionslose Verurteilung der jeweiligen „Bösewichte“?

„Ausländerkriminalität“. Nur allzu bekannt sind die Beispiele von aus dem Maghreb stammenden Asylsuchenden, welche sich im Umfeld von Asylzentren durch Ladendiebstähle, Einbrüche in Wohnungen und Einfamilienhäuser oder das Aufknacken von Autos negativ bemerkbar machen. Sogleich ist dann die Rede von „Ausländerkriminalität“, als gäbe es einen wesensmässigen Zusammenhang zwischen Kriminalität und nationaler Herkunft. Auch hier bleibt die öffentliche Diskussion weitestgehend beim Benennen und an den Pranger stellen der „Schuldigen“ stehen. Doch auch hier könnte man das Feld öffnen für so manche weiterführende Fragen, die den Blick über die blosse Schuldfrage und Reduktion auf Einzeltäter hinaus massgeblich erweitern könnte: Ist es nicht verständlich, wenn der Mann, dem ausser einem täglichen Taschengeld von acht Franken keine weiteren finanziellen Mittel zur Verfügung stehen, gelegentlich mal der Versuchung unterliegt, sich den einen oder anderen winzigen Teil aus all dem Luxus, der ihm täglich vor die Augen geführt wird, „widerrechtlich“ anzueignen? Könnte man ihm nicht sogar das „Recht“ zugestehen, dies zu tun, in Anbetracht der Tatsache, dass der überwiegende Teil des Reichtums, über den die reichen Länder des Nordens heute verfügen, aus nichts anderem entstanden ist als aus der systematischen Ausplünderung von Bodenschätzen und natürlichen Rohstoffen des Südens, insbesondere Afrikas, über Jahrhunderte hinweg bis zum heutigen Tag? Und wüsste man denn nicht schon längst, dass Kriminalität stets in einem direkten Zusammenhang mit Armut steht und insbesondere überall dort am meisten verbreitet ist, wo die Unterschiede zwischen Arm und Reich am grössten sind? Kürzlich war in den Zeitungen zu lesen, dass in Grossbritannien die von einheimischen Rentnerinnen und Rentner begangenen Ladendiebstähle in Supermärkten innerhalb eines Jahres massiv zugenommen hätten. Vermutlich nicht, weil die Britinnen und Briten besonders bösartige Menschen sind, sondern schlicht und einfach deshalb, weil die Renten infolge staatlicher Sparmassnahmen mehr und mehr gekürzt werden.

Amokläufe an Schulen. Auch hier bleibt die Diskussion zumeist bei der Suche nach Schuldigen stehen. Das ist dann meistens ein „psychisch gestörter“ Jugendlicher, dem in der Folge, damit sich so etwas nicht wiederholt, entsprechende Straf- oder Therapiemassnahmen verordnet werden. Dabei wäre es so naheliegend, einfach und plausibel, über dieses simple Erklärungsmuster und die daraus gezogenen Schlüsse hinauszuschauen. In allen mir bekannten Fällen war der Täter ein ehemaliger Schüler jener Schule, die er früher selber besucht hatte – ausgerechnet an diesen Ort kehren diese Amokläufer zurück, um dort, meist wahllos, Jugendliche und Lehrkräfte, die sie meist selber gar nicht mehr kennen, niederzuknallen. Das kann kein Zufall sein. Und tatsächlich: Schaut man sich die Biografien dieser Täter näher an, so sind es fast immer gescheiterte Schüler. Entweder waren sie von Mitschülern oder Lehrern gemobbt worden oder sie waren wegen ungenügender Leistungen, Verstössen gegen die Disziplinarordnung oder wegen zu langer unbegründeter Absenzen von der Schule geflogen. Weiter zeigt sich, dass das Selbstwertgefühl der betroffenen Jugendlichen zu dem Zeitpunkt, als sie mit dem Rausschmiss aus der Schule und allen daraus folgenden Vorwürfen und Beschuldigungen seitens Eltern, Verwandten und Bekannten konfrontiert waren, noch sehr zerbrechlich war, sodass man durchaus von einem traumatisierenden Eingriff in ihre Persönlichkeitsentwicklung sprechen kann. Rache an dem Ort, wo dieser Eingriff geschah, ist eine Art von „Lösung“ dieses Traumas, den zum Glück nur ganz wenige Vereinzelte wählen, und dies meist, nachdem sie über viele Jahre hinweg auf andere Art und Weise versucht haben, das Trauma zu bewältigen, ohne aber, dass es ihnen gelungen wäre. Der Amoklauf an der früheren Schule, wo das Unheil begann, ist sozusagen der allerletzte verzweifelte „Lösungsversuch“, der ja selten gar mit dem eigenen Tod endet.

Der Ukrainekonflikt. Es mag auf den ersten Blick überraschen, dass ich an dieser Stelle den Ukrainekonflikt als Beispiel nenne und ihn mit dem Brand in Crans-Montana, Femiziden, „Ausländerkriminalität“ und Amokläufen an Schulen in Verbindung setze. Aber auf diese Weise lassen sich bestimmte Grundmuster, wie man mit Verbrechen, Untaten, aussergewöhnlichen Ereignissen, Konflikten, Ängsten und Bedrohungen aller Art umgeht, viel besser erkennen, als wenn wir dies nur anhand eines einzelnen Beispiels tun. Denn im Grunde ist es dasselbe: Die öffentliche Diskussion – zumindest was die grosse Mehrheit der Bevölkerung, der Medien und der Politik betrifft – erschöpft sich auch im Falle des Ukrainekonflikts weitgehend mit der Benennung eines „Schuldigen“, in diesem Falle ist es Russland bzw. der russische Präsident Wladimir Putin als Inbegriff des „Bösen“. Jüngstes Beispiel für diese Fixierung auf den alleinigen „Schuldigen“ ist der soeben herausgekommene Spielfilm „Der Magier im Kreml“, der von seinem Regisseur Olivier Assayas wie folgt kommentiert wird: „Jude Law in der Hauptrolle des Putin hat den Film bereichert, indem er nicht auf eine exakte Darstellung von Putin setzte, sondern auf das, wofür diese Figur steht: ein Modell moderner Diktatur – eine Machtfigur, die in Kauf nimmt, als Inbegriff des Bösen ihrer Zeit wahrgenommen zu werden.“ Alles, was dieses Bild relativieren könnte, wird in diesem Film ausgeblendet: Dass Putin nach seinem Amtsantritt im Jahre 2000 dem Westen eine gemeinsame europäische Sicherheitsstruktur vorschlug, was vom Westen abgelehnt wurde; dass Putin 2008 einen Beitritt Russlands zur NATO wünschte, was ebenfalls vom Westen verworfen wurde; dass Putin noch im Dezember 2021 der US-Regierung eine friedliche Lösung des Ukrainekonflikts mit Einbezug des Schutzes der russischen Bevölkerung innerhalb der Ukraine vorschlug, was ebenfalls vom Westen zurückgewiesen wurde, obwohl es die letzte Chance gewesen wäre, den drei Monate später ausgebrochenen Krieg zu verhindern.

Noch drastischer – und mit noch weit mehr tödlichen Folgen – als die zuvor erwähnten Beispiele zeigt der Ukrainekonflikt, wohin eine Strategie, die auf rein personaler Schuldzuweisung ohne jeglichen Einbezug gesellschaftlicher und historischer Zusammenhänge beruht, führen kann. Möglichst rasch einen Hauptschuldigen zu suchen – am liebsten in einer einzigen Person, an der dann alle anderen ihre Wut und ihren Hass auslassen können, von der Kellnerin in der Bar „Le Constellation“ über den kriminellen Marokkaner, der im Bahnhofshop ein Paar Turnschuhe geklaut hat, bis zu Wladimir Putin – hat offensichtlich eine viel höhere Wirksamkeit als jede noch so fundierte Analyse gesellschaftlicher und historischer Hintergründe. Das ist mir jenes Tages so richtig tief bewusst geworden, als ich mit einem Bekannten, den ich insgesamt als sehr belesen und informiert bezeichnen würde und der sogar eine akademische Ausbildung erfolgreich absolviert hat, über den Ukrainekonflikt diskutierte. Unsere Diskussion begann mit seiner Aussage: „Putin ist der Hitler des 21. Jahrhunderts“. Ich versuchte ihm dann zu erklären, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahre 1991 mit dem Verlust eines Fünftels ihres vorherigen Staatsgebiets möglicherweise nicht nur bei einem früheren KGB-Agenten, sondern wahrscheinlich sogar auch bei jedem anderen Russen ein Gefühl von Niederlage und Demütigung ausgelöst haben dürfte, das wahrscheinlich auch er als Schweizer empfinden würde, wenn wir von einem Tag auf den andern einen Fünftel unseres Staatsgebiets verlieren würden und jene, die dieses Land bekämen, aus vollem Herzen jubeln würden, sie hätten einen der grössten Siege in der Geschichte der Menschheit errungen. Weiter versuchte ich ihm nahezubringen, dass dieser Wladimir Putin trotz einer solchen Demütigung seines Landes in den ersten Amtsjahren unermüdlich um ein friedliches Miteinander mit dem Westen rang, bei dessen Staatsführern jedoch nie auch nur das geringste Gehör fand. Ich fragte ihn dann auch, ob der den US-Präsidenten George W. Bush, der aufgrund unwahrer Behauptungen im Jahre 2003 einen erwiesenermassen völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Irak vom Zaun riss, dem in der Folge eine halbe Million unschuldiger Männer, Frauen und Kinder zum Opfer fielen, ebenfalls als einen „Hitler des 21. Jahrhunderts“ bezeichnen würde. Er hörte mir geduldig zu, ich hoffte, er wäre zu einem etwas differenzierteren Weltbild gelangt, doch nein: Sein einziger und abschliessender Satz, dem ich dann nichts mehr hinzufügen mochte, bestand aus diesen Worten: „Aber dennoch ist trotz alledem Putin der Hitler des 21. Jahrhunderts.“

Seither beschäftigt mich mehr denn je die Frage, wie derart tiefsitzende, gegenüber allen noch so fundierten und sachlichen Fakten anscheinend völlig immune Denkmuster überwunden werden können. Oder ob die Reflexe von personaler Schuldzuweisung und die Fixierung auf das absolute „Böse“ so tief in den Genen oder wo immer verwurzelt sind, dass da schlicht und einfach nichts zu machen ist und jedes Bemühen, es aufzubrechen, bloss reine Zeitverschwendung wäre. Ich weiss es nicht. Ich habe bis jetzt keine Lösung gefunden. Aber ich bin überzeugt, dass es, wenn in Zukunft mehr gesellschaftlicher Fortschritt stattfinden sollte als bisher, unumgänglich ist, auf breiter Ebene die Fixierung auf einseitige Schuldzuweisungen und Feindbilder zu überwinden und einer vertieften, offenen und vor allem selbstkritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen viel, viel mehr Raum, Gewicht und Einfluss zu geben als bisher.

Denn personale Schuldzuweisungen und die Fixierung auf das vermeintlich „Böse“ zielen nicht nur an der Realität vorbei, sie verhindern – was noch viel schlimmer ist – gute, zukunftsgerichtete Lösungen. Eine sinnvolle und zukunftsgerichtete Schlussfolgerung aus der Brandkatastrophe von Crans-Montana hätte zum Beispiel darin bestehen können, neue Formen wirtschaftlicher Zusammenarbeit und gegenseitiger Unterstützung zu entwickeln, damit die einzelnen Betriebe einer Branche nicht mehr diesem tödlichen gegenseitigen Konkurrenzkampf ausgeliefert sind, der sie an allen Ecken und Enden zum Sparen auf Kosten von Gesundheit oder gar Leben zwingt. Stattdessen hat man den als „Schuldigen“ ausfindig Gemachten horrende Bussen aufgebrummt, während sich Dutzende von Anwälten eine goldene Nase verdient haben – ohne dass damit auch nur ein einziges Problem gelöst worden wäre, die Betriebe weiterhin gezwungen sind, sich mit immer sinnloseren Attraktionen gegenseitig zu überbieten und ihre Angestellten rund um die Uhr schuften zu lassen, bis wieder eines Tages etwas vielleicht noch viel Schlimmeres passieren wird.

Wenn Arbeitslosigkeit, zu niedrige Löhne, zu hoher Druck am Arbeitsplatz, zu enge Wohnverhältnisse oder zu grosse soziale Unterschiede als Faktoren erkannt werden, die eine höhere Anzahl von Femiziden zur Folge haben können, dann müssten schleunigst Massnahmen getroffen werden, um die Arbeitswelt menschlicher zu gestalten, Arbeit gerechter zu verteilen, existenzsichernde Löhne zu gewährleisten, erschwinglichen Wohnraum zu garantieren und anderes mehr. Stattdessen lanciert man Plakatkampagnen, produziert Abertausende von Flyern und schickt tendenziell „gewaltbereite“ Männer in „Präventionskurse“ – ohne damit auch nur eine einzige der tatsächlichen Ursachen anzupacken und mit alledem sogar noch das Feindbild des „bösen“, therapiebedürftigen Mannes zusätzlich zu verstärken.

Wenn Armut die Ursache von Kriminalität ist und endlich erkannt würde, wie sehr unser Reichtum eine Folge ist von Armut und Ausbeutung anderswo, dann müssten schleunigst Massnahmen ergriffen werden für eine gerechtere Wirtschaftsordnung, für soziale Umverteilung, für eine viel massivere Besteuerung der Reichen. „Kriminelle“ Asylsuchende an den Pranger zu stellen, die Asylgesetze zu verschärfen und rund um den gestohlenen Reichtum herum immer höhere Mauern aufzubauen, um den Bestohlenen den Zutritt zu der ihr entrissenen Beute zu verunmöglichen, löst keines der Probleme, sondern verstärkt alle nur umso mehr.

Wenn die Demütigung bzw. der Rausschmiss eines sich noch mitten in seiner Persönlichkeitsentwicklung Jugendlichen aus der Schule die mögliche Ursache späterer Amokläufe sein könnte, dann nützt es nichts, in den Schulen bessere Alarmsysteme zu installieren, rund um Schulhäuser Sicherheitskräfte patrouillieren zu lassen oder Lehrkräften beizubringen, wie sie sich im Falle anonymer Drohungen zu verhalten haben, solange nicht die Schule ein Ort ist, wo sich alle Jugendlichen, unabhängig davon, wie „schwierig“ sie sind, verstanden, aufgehoben und respektiert fühlen und das höchste Prinzip darin besteht, nie einen Menschen aufzugeben.

Und wenn sich auf breiter Basis die Erkenntnis durchsetzt, dass die „Schuld“ am Ukrainekrieg nicht bei einem einzelnen „Hitler des 21. Jahrhunderts“ liegt und schon gar nicht bei jenem Land, das er regiert, sondern dahinter eine lange Vorgeschichte liegt, dann werden auch Lösungen möglich, die durch gegenseitige Kompromisse den Weg in eine gemeinsame friedliche Zukunft öffnen können, statt sich darauf zu versteifen, mit einem immer grösseren technischen und finanziellen Aufwand und der Opferung einer immer grösseren Zahl von Menschen das vermeintlich „Böse“ zu bekämpfen, führt doch jede Form von Gewalt auf der einen Seite – und auch das weiss man eigentlich schon seit Jahrtausenden – zu immer mehr Gewalt auf der anderen.

Ohne unermüdliche Analysen gesellschaftlicher und historischer Zusammenhänge anstelle von vorschnellen Schuldzuweisungen bleibt gesellschaftlicher Fortschritt eine Illusion. Es ist eine tragische Erkenntnis, dass die Menschheit zwar in Bezug auf technologische Entwicklungen innerhalb weniger Jahrzehnte Fortschritte erzielt hat, die man sich vor Kurzem nicht einmal mit der grössten Phantasie vorzustellen wagte, dass aber gleichzeitig auf dem Gebiet des menschlichen Zusammenlebens und der friedlichen Konfliktlösungen nach wie vor Denkmuster vorherrschen, die aus weit zurückliegenden Epochen stammen.

Der gesellschaftlich unerlässliche Schritt von der Schuldebene zur Verstehensebene, vom Einzeldenken zum Gemeinschaftsdenken, von den Feindbildern zu den Freundesbildern und letztlich vom Krieg zum Frieden kann freilich nicht von selber und nicht von heute auf morgen geschehen. Er braucht eine grosse gemeinsame Anstrengung, ein systematisches Überwinden von Denkstrukturen, die sich über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende verfestigt haben, tiefe Lern- und Erfahrungsprozesse gegenseitigen Zuhörens, die Bereitschaft, die Ursache von „Fehlern“ oder „Unzulänglichkeiten“ zuallererst bei sich selber zu suchen, die Erkenntnis, dass man seine Mitwelt nur verändern kann, wenn man auch sich selber verändert.

Für all dies braucht es die nötigen Zeiten und Räume, Stunden und Tage, denn es geht letztlich um nichts weniger als das gemeinsame Überleben. Wie wäre es, den Freitag zu einem „Zukunftstag“ zu erklären? Montag bis Donnerstag die Arbeitszeit, das Wochenende zur individuellen Freizeitgestaltung. Der Freitag als Tag des Nachdenkens, der Begegnung und des Gesprächs mit Andersdenkenden, des Erfahrungsaustausch zwischen den Generationen, zwischen unterschiedlicher beruflicher Tätigkeit, zwischen all den Kulturen, Sprachen und Lebensweisen, die in jeder Stadt und jeder Gemeinde zusammentreffen und so wunderbare Quellen für gemeinsames und gegenseitiges Lernen sein könnten. Dieser Weg zunehmender Erkenntnis ist ohne Zweifel der vielfach längere als jener der reflexartigen Schuldzuweisungen, der jegliches Weiterdenken zwangsläufig zum Erliegen bringt. Es ist ein vielfach längerer Weg, ein „Umweg“, könnte man sagen, über spitze Steine, an Abgründen vorbei, durch knietiefen Schlamm und durch die kältesten Nächte. Aber er lohnt sich tausendfach.

Der wohl schönste Nebeneffekt einer solchen Bewusstseinsveränderung liegt darin, dass auf diesem Weg alles, was mit Hass zu tun hat, immer schwächer wird, und alles, was mit Liebe zu tun hat, immer stärker. Richtet man den Fokus nicht auf den einzelnen „Missetäter“, sondern auf das gesellschaftliche Umfeld und die äusseren Einflüsse, die ihn zu diesem Missetäter gemacht haben, verlagern sich die Grenzen zwischen dem „Guten“ und dem „Bösen“ immer mehr. Und die Erkenntnis, dass der Mensch im Grunde gut ist, wird immer stärker. Denn kein einziger Mensch wird als Mörder oder als Tyrann oder als unverbesserlicher Rechthaber oder als Wesen ohne jegliches Mitgefühl geboren, erst die Lebensumstände machen ihn dazu. Selbst wenn wir den Geschichten der „bösesten“ und „grausamsten“ Menschen auf den Grund gehen, werden wir früher oder später herausfinden, dass ganz am Anfang die Liebe war, so wie bei jenem berüchtigten Hamasführer, von dem alle sagten, er sei der Teufel in Person. Wenn man weiss, dass sowohl seine Eltern, wie auch seine Frau und alle seine Kinder von israelischen Armeeangehörigen getötet wurden, braucht es nicht viel Phantasie, um seinen Hass gegen alles, was mit Israel zu tun hat, nachzufühlen. Letztlich ist sein Hass nichts anderes als der Ersatz für die verlorene Liebe. Und so ist es mit allem. Haben wir den Schutt an Gewalt, Hass und Zerstörung beiseite geräumt, so finden wir darunter, früher oder später, immer und immer wieder die Liebe. Und das ist dann die Aufgabe, die uns weiterbringt: unter dem Hass die Liebe zu entdecken. Das, was uns alle miteinander verbindet, trotz aller oberflächlicher Gegensätzlichkeiten. Bis wir am Ende bei der Erkenntnis angelangt sind: Dieser Mörder, dieser Tyrann, dieser Menschenfeind könnte auch ich sein, wenn ich zu einem anderen Zeit an einem anderen Ort geboren worden wäre. Nur wenn wir das, was durch die unterschiedlichsten Lebensumstände auseinandergesplittert und uns zu gegenseitigen Feinden gemacht hat, wieder zusammenfügen zu einem Ganzen, kann etwas zutiefst Neues entstehen und die Hoffnung auf eine schönere und friedlichere Zukunft. Oder, wie es der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt einmal sagte: „Was alle angeht, können nur alle lösen.“ Nicht gegeneinander, nur miteinander.

Um diesen Weg zu gehen, müssen wir nicht etwas anderes sein oder werden, als wir sind. Wir müssen nur so bleiben, wie wir einmal gedacht waren. So, wie es der italienische Dichter Dante Alighieri einmal so wunderschön zum Ausdruck brachte: „Dreierlei ist uns aus dem Paradies geblieben: Kinder, Blumen und Sterne.“ Wenn wir uns das Paradies nicht nur als schöne Erinnerung an eine verlorene Vergangenheit bewahren wollen, sondern zugleich als Hoffnung auf eine schönere und friedlichere Zukunft neu erdenken möchten, dann müssen wir als Erwachsene nur die Kinder bleiben, die wir einmal waren. Fragen, fragen und alles wissen wollen, allem auf den Grund gehen, ohne zu verurteilen, ohne einzuordnen, ohne zu schubladisieren, ohne in Gut und Böse aufzuspalten.

„Ausser sie haben das Glück, jemanden zu finden, der ihnen hilft, eine Wohnung zu finden.“

Peter Sutter, 23. April 2026

Folgender Text beruht auf einer wahren Begebenheit zwischen November 2025 und April 2026. Nur die Namen und Ortsbezeichnungen wurden geändert.

Medya ist Kurdin, geboren und aufgewachsen in der Osttürkei. Baris ist Türke und stammt aus der Küstenstadt Antalya. Die Liebe hat sie zusammengeführt, am 23. November 2025 war die Heirat. Seither ist für Medya die Hölle los. Ihre Eltern und ihre Geschwister wollen nichts mehr mit ihr zu tun haben, schlimmer noch: Zwei ihrer Brüder haben sogar gedroht, sie umzubringen. Nur ihre Mutter hatte für ihren Entscheid, Baris zu heiraten, Verständnis. Doch sie ist schwerkrank und bettlägerig. Zudem hat sie kein eigenes Telefon und der Vater weigert sich, sie mit Medya, wenn diese anruft, sprechen zu lassen.

Medya wusste: Ihr Leben in der Türkei hatte keine Zukunft. Wo immer sie mit Baris unterkommen würde, ihre Familie würde sie früher oder später auffinden und mit grösster Wahrscheinlichkeit ihren Drohungen Taten folgen lassen. So entschlossen sich Medya und Baris Ende Dezember 2025 zur Flucht in die Schweiz, in ein sicheres Land, weit fort von der Todesangst, die wie ein Damoklesschwert Tag und Nacht über Medya hing und nach und nach schon fast ihre ganze Lebenskraft zerstört hatte.

Die Schweiz, ein sicheres Land. Schön wäre es gewesen. Doch in der 3000-Seelen-Gemeinde N., wo ihnen das Sozialamt eine kleine Einzimmerwohnung zur Verfügung gestellt hatte, schien sich ihre Ankunft rasch herumgesprochen zu haben. Oder vielleicht hatte es auch auf andere Art seinen Weg gefunden. Wie dem auch sei: In der Nacht vom 7. auf den 8 Januar 2026 wurden Medya und Baris mitten in der Nacht aus dem Schlaf geweckt. Mehrere Schüsse kurz hintereinander, ein zersplittertes Fenster, Motorengeräusch eines wegfahrenden Autos, ein Drohschreiben am nächsten Morgen im Briefkasten: Sie gäben Medya allerhöchstens noch sieben Tage.

Als Baris, der jeweils von drei Uhr nachmittags bis elf Uhr nachts in einem Restaurant als Küchengehilfe arbeitet, am folgenden Tag kurz vor Mitternacht nach Hause kommt, ist das Fenster der Wohnung dunkel. Baris ahnt das Schlimmste, hat Medya doch noch nie, seit sie hier wohnen, das Licht gelöscht, bevor er nach Hause kam, sondern immer auf ihn gewartet, um vor dem Schlafengehen noch ein paar Worte zu wechseln. Nach dem Öffnen der Wohnungstür hört Baris‘ Herz für mehrere Sekunden zu schlagen auf: Medya liegt am Boden, seitlich weit ausgelaufenes Blut, ihr Unterarm tief aufgerissen, unmittelbar daneben das Küchenmesser und ein paar leere Medikamentenschachteln. Notruf. Spital. Fünf Stunden später liegt Mediya im Isolationszimmer der Psychiatrischen Klinik, neben ihr sitzend die Notärztin, mit leisen, einfühlsamen Worten bemüht, Medya, die immer noch am ganzen Körper zittert, zu versichern, sie sei hier an einem sicheren Ort und es könne ihr nichts mehr zustossen.

Zwei Monate später, beim Besuch einer anderen Patientin in der gleichen Psychiatrischen Klinik, begegne ich Medya ganz zufällig und erfahre ihre Geschichte…

Medyas Augen sind leer. Ihr Leben besteht jetzt gerade aus diesem Zimmer in der Klinik und aus den paar Stunden, die ihr Mann jeweils täglich bei ihr verbringt, bevor er wieder irgendwo in der Schwärze der Nacht verschwindet. Ein Leben zuvor gibt es nicht, da ist nur der Tag, an dem sie für immer aus ihrem Elternhaus verbannt wurde, die todkranke Mutter, die Todesdrohungen ihrer Brüder, die Schüsse in der Nacht. Und ein Leben danach gibt es erst recht nicht. Denn wo sollen sie und ihr Mann leben, wenn der Tag gekommen sein wird, an dem sie die Klinik verlassen muss? Der Gedanke an die vorherige Wohnung, wo die Schüsse fielen und am nächsten Morgen die Todesdrohung im Brieflasten lag, ist wie ein Dolch, der mitten durchs Herz geht. Eher bringe ich mich um, sagt Medya, als in jenes Haus zurückzukehren.

Medyas flehender Blick sagt alles: Es wäre für sie wie der Rettungsring, den man einer sich kurz vor dem Ertrinken befindlichen Schiffbrüchigen zuwerfen würde. Ja, sage ich, ich werde mal schauen. Wohnungen zu finden, ist zwar schwierig, und kostengünstige erst recht, und solche für Flüchtlinge schon fast aussichtslos. Doch versuchen kann man es immer. Zumal von der Gemeinde N. nach wie vor eine Kostengutsprache vorliegt und es, sollte tatsächlich eine Wohnung gefunden werden, nur noch eine Frage von ein paar Formularen wäre, und alles Weitere würde sich von selber ergeben. Wir brauchen schlicht und einfach eine Wohnung, dann muss Medya nicht mehr im Wasser ums Überleben strampeln, sondern sitzt an Bord des Schiffs und kann sich nach allen Schrecken endlich ein bisschen ausruhen und von einer schöneren Zukunft zu träumen beginnen.

Wir brauchen schlicht und einfach innert nützlicher Frist eine Wohnung. Das ist alles.

Als ich am nächsten Tag nochmals in der Klinik vorbeischaue, ist Medya wie verwandelt. Sie hat sich schön geschminkt, die Leere in ihren Augen ist entschwunden. So viel kann ein ganz klein wenig Hoffnung bewirken.

Wir brauchen schlicht und einfach innert nützlicher Frist eine Wohnung. Das ist alles.

Zuerst nehme ich mit dem Sozialamt von N. Kontakt auf. Ja, erklärt mir die zuständige Beamtin, sobald eine Wohnung gefunden sei, wäre alles andere kein Problem. Aber die Wohnung müssten Medya und Baris selber suchen, dafür sei das Sozialamt nicht zuständig. Ich bekomme immerhin Kontaktdaten von vier Organisationen, die vielleicht bei der Wohnungssuche behilflich sein könnten. Nach vier Telefonaten die grosse Ernüchterung: Keine der angefragten Stellen erklärt sich für die Wohnungssuche zuständig. Es liege einzig und allein an Medya und Baris, auf dem freien Markt eine Wohnung zu finden. Immerhin weist mich eine der angefragten Organisationen darauf hin, dass sich Wohnungssuchende jeweils an einem Donnerstagnachmittag in W., einer nahegelegenen Kleinstadt, melden könnten, um sich über das Ausfüllen der notwendigen Formulare, Referenzschreiben oder einschlägige Internetplattformen zu informieren, was bei einer Wohnungssuche allenfalls hilfreich sein könnte. Doch davon verspreche ich mir nicht viel, vor allem auch in Anbetracht des Gesundheitszustands von Medya und der fehlenden Sprachkenntnisse von Baris, der ohnehin mit der ganzen Situation heillos überfordert zu sein scheint.

Der freie Wohnungsmarkt. „Suche Wohnung in.. ab.. für zwei Personen“ – das Internet spuckt ein paar Vorschläge aus, neun Zehntel davon sind viel zu teuer. Wo ich Interesse ankreuze und den entsprechenden Button anklicke, geht es meistens bloss ein paar Minuten, bis eine Rückmeldung eintrifft: „Alle Besichtigungstermine ausgebucht“, „Angebot nicht mehr aktuell“, „Wohnung bereits vergeben“. Nach einer halben Stunde der erste Hoffnungsschimmer: „Melden Sie sich über diese Telefonnummer..“ Was ich unverzüglich tue, um sogleich zu hören: „Diese Nummer ist nicht mehr gültig.“ Bei einer anderen Nummer darf ich wenigstens nach einem Piepston auf ein Band sprechen, werde aber auch fünf Tage später immer noch keinen Rückruf bekommen haben. Andere haben vielleicht mehr Biss. Ich aber gebe nach 50 Minuten auf und fühle mich wie ein Nachtfalter, der 50 Mal an die gleiche Fensterscheibe geprallt ist und am Ende halbtot liegenbleibt.

In der Schweiz wächst die Zahl an Luxuswohnungen, die keine Mieter und auch keine Käufer finden, weil sie viel zu teuer sind, kontinuierlich. Luxusvillen an Stadträndern vereinnahmen Bodenflächen, auf denen Wohnungen für die zehnfache Anzahl von Personen gebaut werden könnten. Gleichzeitig nimmt der Mangel an bezahlbarem Wohnraum für einen wachsenden Teil der Bevölkerung mit mittleren und tiefen Einkommen stetig zu. Gleichzeitig gibt es landesweit etwa eine Million meist ziemlich geräumige Einfamilienhäuser, in denen nur noch eine oder zwei Personen leben, zehntausende Zimmer in diesen Häusern stehen leer. Gleichzeitig reisst man landauf landab Mehrfamilienhäuser ab, die noch gut hundert Jahre lang bewohnbar wären, baut an deren Stelle neue, „moderne“ Blocks oder „saniert“ ältere Wohnungen, die ebenfalls noch lange bewohnbar wären, um daraus dann neue, mit jeglichem Schnickschnack versehene Wohnungen zu bauen, die zu so hohen Mietpreisen angeboten werden, dass die gleichen Leute, die über Jahrzehnte dort gelebt hatten, sich nicht einmal mehr ihre frühere Wohnung leisten können. Gleichzeitig besitzen Gutbetuchte schweizweit Tausende von Zweit- und Drittwohnungen, die während der meisten Zeit des Jahres leer stehen. Gleichzeitig schiessen wie Pilze an allen Ecken und Ende des Landes Büro- und Geschäftshäuser in die Höhe, obwohl immer mehr der bereits bestehenden Büro- und Geschäftsflächen gar nicht mehr gebraucht werden. Streifst du an einem gewöhnlichen Wochentag durch eines der sich immer weiter ins Grüne hinausfressenden Einkaufszentren, findest du dich in Möbelhäusern, gefühlt so gross wie halbe Fussballfelder, ausser drei Verkäuferinnen siehst du vielleicht ausser dir noch vier oder fünf andere Kundinnen und Kunden, in komfortablen, mit weichen Teppichen ausgestatteten, Tag und Nacht gut geheizten Räumen, in denen locker mehr als all jene Menschen untergebracht werden könnten, die anderweitig auf der Strasse oder in einer Notunterkunft leben. Und da gibt es immer noch Leute, die behaupten, die sogenannte „Freie Marktwirtschaft“ sei besser als jedes andere Wirtschaftsmodell geeignet, um ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage herzustellen.

Wir brauchen schlicht und einfach für Medya und Baris innert nützlicher Frist eine Wohnung. Das ist alles.

Eine Bekannte macht mich zufällig darauf aufmerksam, dass eine Psychiatrische Klinik normalerweise über einen Sozialdienst verfüge, der in diesem Falle vielleicht hilfreich sein könnte. Tatsächlich, es gelingt mir, mit dem an der betreffenden Klinik tätigen Sozialarbeiter Kontakt aufzunehmen. Doch einmal mehr Fehlanzeige. Das, erklärt er mir, liege ausserhalb seines Zuständigkeitsbereichs. Eine Wohnung müssten Medya und Baris schon selber finden, da könne er leider nicht helfen. „Dann gibt es also niemanden, der ihnen nun helfen könnte, eine Wohnung zu finden?“, frage ich. Ja, so sei es, leider. Aber das heisse mit anderen Worten, dass nicht nur Baris und Medya, sondern auch alle anderen in einer vergleichbaren Situation sich Befindlicher im Klartext kaum je eine Chance haben könnten, ein passende Wohnung zu finden? Ja, meint der Sozialarbeiter, das sei so, leider. „Ausser“, fügt er hinzu, „sie haben das Glück, jemanden zu finden wie Sie, der ihnen behilflich ist, eine Wohnung zu finden.“

Mir geht durch den Kopf: Was und zu welchem Zweck und mit welchem Ziel wird in einer vierjährigen Ausbildung zum Sozialarbeiter gelernt? Und was haben eigentlich die zwei Monate Klinikaufenthalt Medya gebracht? Hätte man diese Zeit, statt Medya mit ständig neu dosierten Medikamenten ruhig zu stellen und ihr während täglich einer halben Stunde „professionell“ zu erklären, mit was für Strategien sie ihre Traumas aufarbeiten und überwinden könnte, nicht gescheiter dafür aufgewendet, sich um eine hoffnungsvolle Zukunftsperspektive anschliessend an den Austritt von der Klinik zu kümmern?

Am nächsten Tag kommt dann doch noch ein Rückruf von der Immobilienfirma, bei der ich aufs Band gesprochen hatte: „Tut uns leid, wir haben die Wohnung vergeben. Aber in diesem Preissegment ist momentan sowieso nichts auf dem Markt.“ Also nicht einmal das Glück, jemanden gefunden zu haben, der ihnen hilft, hat etwas gebracht.

Morgen muss Medya die Klinik verlassen. Und sie weiss immer noch nicht, wo sie die nächste Nacht verbringen wird.

Jetzt sind Medyas Augen wieder leer. Voll sind nur die Bankkonten der Psychiaterinnen, der Psychologen und des Sozialarbeiters, die Gewinnsäulen der Pharmakonzerne und die Taschen ihrer Aktionärinnen und Aktionäre sowie aller anderen an den sprudelnden Gewinnen aus dem Gesundheitssystem Beteiligten, von den Baufirmen über die Immobilienkonzerne bis zu den Spezialfirmen, die für das Marketing, die digitale Aufrüstung und die Sicherheitssysteme von Spitälern, Kliniken und anderen Gesundheitseinrichtungen zuständig sind.

Donald Trump: „Ich habe die Ehre, Kuba zu übernehmen und damit zu machen, was ich will.“

Peter Sutter, 20. März 2026

„Auf Kuba geraten die Dinge in Bewegung“, so das schweizerische „Tagblatt“ am 17. März 2026, „so wie seit Jahrzehnten nicht mehr.“ Und weiter: „Die Karibikinsel, seit 67 Jahren von den bärtigen Revolutionären und ihren Nachfahren regiert, wird am Ende dieses Prozesses nicht mehr dieselbe sein. Die kommunistisch regierte Insel muss sich angesichts des maximalen wirtschaftlichen und sozialen Desasters, dem sie sich gegenübersieht, öffnen. Schon allein, um eine humanitäre Katastrophe zu vermeiden. Zudem werden die Proteste der entnervten Bevölkerung täglich mehr.“

In solchen und ähnlichen Kommentaren der westlichen Medien zur aktuellen Notlage Kubas spiegelt sich nach wie vor das seit Jahrzehnten aufrechtgehaltene Bild des Westens von Kuba als einem „gescheiterten“ Staat. Zwar hätten die USA, so wird zunehmend eingeräumt, mit ihrem auf Venezuela ausgeübten Druck, keine Öl mehr nach Kuba zu liefern, durchaus einen grossen Anteil an den derzeitigen wirtschaftlichen Problemen Kubas. Gleichzeitig aber wird weiterhin in den meisten westlichen Medien immer wieder betont, dass es vor allem das unverbesserliche Festhalten der kubanischen Führung am Sozialismus sei, der das Land in die heutige Sackgasse geführt habe. So trifft man immer wieder Aussagen an wie etwa folgende, die in verschiedenen deutschen und Schweizer Medien in den vergangenen paar Tagen zu lesen und zu hören waren: „Dem kubanischen Sozialismus gehen die Lichter aus“, „Die Geduld der Menschen ist aufgebraucht“, „Die Energieversorgung der Karibikinsel stützt sich hauptsächlich auf veraltete Kraftwerke, welche häufig vom Netz gehen und nur notdürftig repariert werden“, „Misswirtschaft und Korruption haben das autoritär regierte Land an den Rand des wirtschaftlichen Zusammenbruchs geführt“ oder „Dass es überhaupt so weit kommen konnte, daran tragen die Brüder Fidel und Raul Castro sowie der Rest der noch lebenden greisen Revolutionärsgeneration eine Mitschuld. Sie haben über ein halbes Jahrhundert die Chancen zur Veränderung und Öffnung nicht genutzt und so dazu beigetragen, dass die verbliebenen zehn Millionen Menschen auf dem Weg ins Elend sind.“

Solche Schuldzuweisungen an das kubanische Regime und damit indirekt an den Sozialismus, der immer noch als dort herrschendes Wirtschaftssystem gilt, lenken davon ab, dass die eigentliche Grundursache der heutigen Misere nicht bei den „bärtigen Revolutionären und ihren Nachfahren“ oder beim Sozialismus liegt bzw. bei dem, was von ihm übriggeblieben ist, sondern in erster Linie bei der Wirtschafts- und Machtpolitik der USA, die seit 66 Jahren alles daran setzen, dieses ihnen nicht genehme und zu wenig freundlich gesinnte kubanische Regime vom Erdboden wegzufegen.

Ein Blick zurück. Bereits zwischen 1906 und 1909 intervenierten die USA mehrfach militärisch auf Kuba, um Regierungen, deren Politik US-Interessen widerliefen, durch ihnen freundliche Regierungen zu ersetzen. Auch im Jahre 1920, als Alfredo Zaya an die Macht kam, mischten sie sich massiv in innerkubanische Angelegenheiten ein: Zaya musste sein gesamtes Kabinett dem US-General Crowder vorlegen, bevor es seine Regierungsgeschäfte aufnehmen durfte. 1925 wurde General Gerardo Machado zum Präsidenten gewählt, in seinen Wahlkampf hatten US-Grossunternehmen wie Rockefeller, Guggenheim und Morgan insgesamt eine Million Dollar investiert. Machado verfolgte vom ersten Tag seiner Präsidentschaft an politische Gegner, liess sie ermorden oder trieb sie ins Exil, was ihm auch den Namen „tropischer Mussolini“ einbrachte. Doch gegen seine Gewaltherrschaft erwuchs nach und nach eine breite Oppositionsbewegung, die sich hauptsächlich aus der bürgerlichen Jugend rekrutierte und zahlreiche Anschläge auf Persönlichkeiten der Machado-Regierung verübte, worauf Machado jeweils die mehrfache Zahl an politischen Häftlingen ermorden liess. Unter Machado wurde auch die Garotte, das Würgeeisen, wieder zur Ausführung der Todesstrafe eingeführt. Machado ernannte zudem einen 44fachen Mörder zum Chef der Militärpolizei und zahlreiche Schwerverbrecher wurden im Gefängnis bewaffnet und beauftragt, politische Häftlinge umzubringen. 1929 veranstaltete Machado eine Scheinwahl, deren einziger Kandidat er selbst war. Der Widerstand gegen Machudo nahm indessen nun breitere Ausmasse an und am 12. August 1933 wurde er von einer breiten Volksbewegung durch einen Generalstreik gestürzt und durch eine Interimsregierung unter Carlos Quesada ersetzt. Doch bereits drei Wochen später wurde Quesada durch einen Aufstand von Unteroffizieren unter der Führung von Fulgencio Batista gestürzt, der sich zum Oberbefehlshaber der Armee erklärte, zwischen 1934 und 1940 nacheinander insgesamt vier Marionettenpräsidenten einsetzte und sich schliesslich 1940 selber zum Präsidenten wählen liess, um vier Jahre später aber bereits wieder abgewählt zu werden.

1947 wurde die Partido Revolucionario Cubano (PRC) gegründet, der sich auch der junge Fidel Castro anschloss. Um einem möglichen Sieg der PCR bei den auf Ende Mai 1952 angesetzten Wahlen zuvorzukommen, stürzte Batista am 10. März 1952 den amtierenden Präsidenten Carlos Prío Socarrás. Gestützt auf die Armee errichtete Batista ein diktatorisches Regierungssystem. In der Folge breiteten sich in Kuba Korruption, soziale Ungerechtigkeit und Armut aus, während Havanna zur insbesondere bei der US-Oberschicht überaus beliebten Vergnügungsmetropole wurde. Batista ging gegen seine politischen Gegner mit äusserster Gewalt vor, bis zu 20’000 Oppositionelle liess er, oft nach schweren Folterungen, ermorden. Viele der Leichen wurden aus fahrenden Autos auf die Strassen geworfen, um die Bevölkerung einzuschüchtern und von jeglichem Widerstand abzuschrecken. In einer Scheinwahl im Jahr 1954 wurde Batista in seinem Amt bestätigt. Doch seine diktatorischen Exzesse provozierten landesweit immer mehr Aufstände. Schliesslich kam es in den Jahren 1956 bis 1958 zu einem eigentlichen Guerillakrieg, der schliesslich am 31. Dezember 1958 mit dem Sieg der revolutionären Bewegungen unter der Führung von Fidel Castro und Che Guevara endete. Batista floh mit einigen Gefolgsleuten in die Dominikanische Republik.

Unverzüglich packte die neue Regierung unter Führung der PRC umfassende Landreformen und eine schrittweise Verstaatlichung von Landwirtschaft und Industrie an. Davon betroffen waren auch US-Vermögenswerte in der Höhe von einer Milliarde US-Dollar. Im Februar 1960 nahm Kuba mit der Sowjetunion Handelsbeziehungen auf, damit wurde die Sowjetunion zu einem wichtigen Zuckerabnehmer, Kreditgeber sowie Lieferant von Erdöl, dessen Preis unter demjenigen des aus den USA importierten lag. Als sich die US-amerikanischen Ölraffinerien in Kuba weigerten, sowjetisches Öl zu raffinieren, liess die kubanische Regierung Ende Juni 1960 alle ausländischen Ölraffinerien in Kuba verstaatlichen. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits zehn Prozent der kubanischen Bevölkerung, vornehmlich Angehörige der Oberschicht, die ihre bisherigen Privilegien in Gefahr sahen, ausgewandert, hauptsächlich nach Florida, wo heute rund zwei Millionen Exilkubanerinnen und Exilkubaner leben.

Im April 1960 autorisierte der damalige US-Präsident Dwight D. Eisenhower die CIA, in den USA lebende Exilkubaner zu bewaffnen und militärisch auszubilden. Zudem stellten die USA ihre gesamte bisherige Wirtschaftshilfe an Kuba ein und verhängten am 13. Oktober 1960 gegen Kuba ein Handelsembargo. Weiters drückte die US-Regierung in den Folgejahren den Zuckerpreis auf den internationalen Märkten und unterstützten Sabotageaktionen gegen die kubanische Zuckerindustrie. Nachdem Kuba im Januar 1961 sein Botschaftspersonal in Washington reduziert und die USA aufgefordert hatte, den grössten Teil seines diplomatischen Personals aus Kuba abzuziehen, brach Präsident Eisenhower die diplomatischen Beziehungen zu Kuba komplett ab. Am Tag darauf verhandelte der UNO-Sicherheitsrat auf Antrag Kubas über die aggressive Aussenpolitik der USA gegen ihr Land. Kurz darauf, am 15. April 1961, bombardierten die USA drei Luftwaffenstützpunkte. Zwei Tage später, kurz nach Mitternacht, landete eine von den USA und Exilkubanern finanzierte Militäreinheit aus rund 1500 Soldaten in der Schweinebucht im mittleren Süden der Insel. Doch Fidel Castro war auf diese Invasion vorbereitet und die revolutionären Streitkräfte wurden innerhalb weniger Stunden mobilisiert. Am 20. April gaben die Invasoren – aufgrund von Nahrungsmangel – auf, 104 von ihnen waren gefallen, die restlichen wurden gefangen genommen und kamen erst nach langen Verhandlungen Ende 1962 wieder frei.

Als Reaktion auf die Schweinebucht-Invasion wurde sämtliches ausländisches Eigentum in Kuba, das bis dahin noch bestanden hatte, entschädigungslos verstaatlicht. Dies wiederum hatte zur Folge, dass die USA vermehrt Druck auf Drittstaaten, insbesondere Japan und Kanada, auszuüben begannen, ihre Handelsbeziehungen mit Kuba abzubrechen – mit einigem Erfolg, verringerte sich doch allein in den Jahren 1962 und 1963 die Zahl der in kubanische Häfen einlaufenden Handelsschiffe von 352 auf 59.

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1989 verlor Kuba seine wichtigsten Handelspartner und Geldgeber., dies hatte eine schwere Wirtschaftskrise zur Folge, die 1993 ihren Höhepunkt erreichte. Hatte Kuba zuvor fast seine gesamte Zuckerernte in die sozialistischen Staaten Osteuropas verkauft und im Gegenzug zwei Drittel seiner Nahrungsmittel, fast das gesamte Öl und 80 Prozent seiner Maschinen und Ersatzteile von dort bezogen, so waren auf einmal 85 Prozent seines Aussenhandels weggebrochen. Die Industrie und das Transportwesen kamen wegen Ölmangels zum Erliegen und infolge drastischer Nahrungsmittelrationierungen kam es erstmals seit vielen Jahren zu Unterernährung. 1992 beschloss die Regierung, als Ersatz für den verlorengegangenen Aussenhandel die Tourismusindustrie zu entwickeln, zudem wurde die Wirtschaft dezentralisiert und privatwirtschaftliche Tätigkeit in einigen Segmenten des Wirtschaftslebens zugelassen. Eine Zusammenarbeit mit neuen Aussenwirtschaftspartnern wie Spanien, Italien, Kanada, Brasilien, China und Venezuela sowie die Entdeckung neuer Erdölvorkommen trugen zu einer gewissen Stabilisierung der kubanischen Wirtschaft bei.

Ende Juli 2006 übertrug Fidel Castro krankheitsbedingt die Präsidentschaft, zunächst vorübergehend, an seinen Bruder Raúl. Auf einem Parteitag im Frühjahr 2008 wurden zahlreiche Wirtschaftsreformen auf den Weg gebracht, welche gewisse Erleichterungen für privates Unternehmertum ermöglichten. Unter der US-Präsidentschaft von Barack Obama kam es zu einem vorübergehenden Tauwetter zwischen Kuba und den USA, zahlreiche Embargobestimmungen wurden gelockert. Doch Donald Trump nahm diese Lockerungen unverzüglich grösstenteils zurück und verschärfte einige der früher bestandenen Massnahmen sogar noch zusätzlich. Auch geriet eines der devisenbringenden Geschäftsmodelle Kubas, der Export von Gesundheitspersonal in Entwicklungsländer, zunehmend ins Stocken. Dies alles zusammengenommen führte zu zunehmenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die sich durch das kürzlich von Donald Trump verhängte Ölembargo bis zur Stunde dermassen zugespitzt haben, dass Kuba mittlerweile tatsächlich kurz vor einem totalen Wirtschaftskollaps stehen könnte.

66 Jahre lang versuchten die USA, Kuba zu fesseln, zu knebeln und in den Boden zu drücken. 66 Jahre lang ein Kampf zwischen Goliath und David. Nach der erfolglosen Invasion in der Schweinebucht setzten die USA Jahr für Jahr umfassendere Wirtschafts-, Handels- und Finanzblockaden gegen Kuba durch. 1992 wurde der „Torricelli Act“ erlassen, ein Bündel dramatischer ökonomischer Restriktionen mit dem Ziel, die gesamte kubanische Ökonomie in einem derart umfassenden Ausmass lahmzulegen, dass ein Sturz von Fidel Castro unausweichlich werden sollte. Der damalige Präsidentschaftskandidat Bill Clinton unterstütze den Torricelli Act, weil er damit die Wählerstimmen der kubanischen Exilgemeinde und damit den Bundesstaat Florida zu gewinnen hoffte. Der Torricelli Act untersagt Tochtergesellschaften US-amerikanischer Unternehmen im Ausland jeglichen Handel mit Kuba. Schiffen ausländischer Unternehmen, die in kubanischen Häfen anlegen, wird eine Sperre von 180 Tagen für das Anlaufen US-amerikanischer Häfen auferlegt. Auch müssen ausländische Schiffe, die Handel mit Kuba treiben, mit der Beschlagnahmung rechnen, sobald sie sich in US-amerikanischen Gewässern befinden. Angehörigen kubanischer Familien ist es verboten, Geldsendungen nach Kuba zu schicken. Des Weiteren wurde US-amerikanischen Staatsbürgern die Einreise nach Kuba untersagt. Die durch den Torricelli Act verhängten Sanktionen führten in den Folgejahren zu massiven gesundheitlichen Verschlechterungen der kubanischen Bevölkerung. Die Ernährungsdefizite führten bei Schwangeren zu mehr Geburten mit Untergewicht. Und der Mangel an Chemikalien sowie fehlende technische Ausrüstung zur Wasseraufbereitung führten zu vermehrten Erkrankungen und Todesfällen, die durch unsauberes Wasser verursacht waren.

1996 folgte der „Helms-Burton Act“. Mit ihm setzten die USA weitere Verschärfungen des Wirtschaftsembargos durch, jegliche indirekte Finanzierung Kubas wurde verboten und der US-Aussenminister ermächtigt, an Enteignungen vom Eigentum von US-Bürgern auf Kuba beteiligte oder von ihnen profitierende Ausländer vom Aufenthalt in den USA auszuschliessen. Der „Helms-Burton Act“ wurde von Menschenrechtsorganisationen kritisiert und vom Europarat, der EU, Kanada, Mexiko, Argentinien und anderen Ländern, die normale Handelsbeziehungen mit Kuba führen wollten, verurteilt. Was zeigt, dass der „Helms-Burton Act“ gegenüber Kuba dermassen hart, überrissen und geradezu zerstörerisch war, dass nicht einmal traditionell den USA freundliche Regierungen diesen folgen wollten.

Im Jahre 2000 wurden die bisher durch die US-Wirtschaftssanktionen entstandenen Schäden von der kubanischen Regierung auf rund 89 Milliarden Dollar beziffert. Und nahtlos wurde die Unterstützung von Teilen der kubanischen Opposition durch die US-Regierung fortgesetzt, so zum Beispiel waren im Jahr 2006 15 Millionen Dollar im US-Haushalt für die Unterstützung kubanischer Oppositionsgruppen und exilkubanischer Organisationen vorgesehen. Und im Jahr 2014 wurde bekannt, dass die USA zwischen 2010 und 2012 mittels des Mikroblogging-Dienstes „ZunZuneo“ versucht hatten, ein von der kubanischen Regierung nicht kontrolliertes Kommunikationsnetzwerk aufzubauen, das langfristig auch als Werkzeug zur Koordination regierungsfeindlicher Aktionen geplant war.

Parallel zu den Wirtschaftssanktionen initiierte die US-Regierung bzw. die CIA, teilweise in Kooperation mit Exilkubanern und Mitgliedern international agierender Mafiaorganisationen, zwischen 1960 und 2000 nachweislich 634 Attentatspläne oder Attentatsversuche gegen Fidel Castro. Einer der frühesten Attentatsversuche beruhte auf dem Wissen, dass er gerne tauchte. Die CIA beschloss daher, einen mit Tuberkulosebakterien infizierten Taucheranzug herzustellen, der Castro langsam und über einen langen Zeitraum hinweg töten sollte. Mehrere Attentatsversuche bestanden im Beifügen von extra zu diesem Zweck von der CIA entwickelten Giftpillen in Castros Essen oder Getränke. Ein anderer, aber nicht ausgeführter Plan bestand darin, zum Verschnüren von Zigarren, die an Castro geliefert werden sollten, das tödliche Gift Botulinumtoxin zu verwenden. Auch gab es einen Plan, Castro während eines Besuchs im Museum von Ernest Hemingway in die Luft zu sprengen. Ein anderer Attentatsversuch wurde von seiner deutsch-amerikanischen Ex-Geliebten Marita Lorenz unternommen, welche von der CIA überredet wurde, eine Dose mit Giftpillen in sein Zimmer zu schmuggeln. Das letzte dokumentierte Attentat fand im Jahre 2000 statt, als 90 Kilogramm Sprengstoff unter einem Podium in Panama platziert wurden, wo Castro eine Rede halten sollte. Doch wie durch ein Wunder überlebte Fidel Castro alle diese Attentatsversuche und starb 2016 im Alter von 90 Jahren eines natürlichen Todes. Unvergesslich bleibt seine Aussage in einem Interview mit einem Zeitungsjournalisten, der ihn auf die Vielzahl der gegen ihn geplanten und versuchten Attentate ansprach. Fidel Castro meinte schmunzelnd: „Wenn das Überleben von Attentatsversuchen eine olympische Disziplin wäre, würde ich die Goldmedaille gewinnen.“

Darüber hinaus erwog die CIA 1962 einen Plan namens „Operation Bounty“, bei dem Flugblätter über Kuba abgeworfen werden sollten, in denen der kubanischen Bevölkerung finanzielle Belohnungen für die Ermordung verschiedener Personen angeboten wurden, darunter 5’000 bis 20’000 Dollar für Informanten, 57’000 Dollar für Abteilungsleiter, 97’000 Dollar für in Kuba operierende ausländische Kommunisten, bis zu einer Million Dollar für Mitglieder der kubanischen Regierung und nur 0,02 Dollar für Castro selbst, was ihn in den Augen der kubanischen Bevölkerung verunglimpfen und herabwürdigen sollte.

Was alle seine Vorgänger nicht geschafft hatten – das sozialistische Regime Kubas von der Erdoberfläche auszulöschen -, scheint dem heutigen US-Präsidenten Donald Trump tatsächlich „vergönnt“ zu sein. Was für ein Triumph! Alles wurde unternommen, vor nichts wurde zurückgeschreckt, doch ohne Erfolg. Und jetzt ist er gekommen, als wäre es ein Gott, gerade rechtzeitig vom Himmel herabgestiegen, um das Werk seiner gescheiterten Vorkämpfer zu vollenden.

Dass es so etwas wie eine „Rettung“ sein könnte, so etwas wie das Heilsversprechen, ein geknebeltes Volk nach so vielen Jahren des Leidens endlich von seinen Unterdrückern zu befreien, diese himmelschreiende Lüge kann sich nur dann in den Köpfen einer genug grossen Zahl von Menschen weltweit festsetzen und zur vermeintlichen „Wahrheit“ werden, wenn alles historische Wissen und alle historischen Fakten sozusagen mit Stumpf und Stil ausgerottet werden.

Denn die Wahrheit ist, dass es genau umgekehrt gewesen ist: Der kubanische Sozialismus wurde nicht deshalb zum Feindbild der USA, weil es sich um ein besonders verbrecherisches, unmenschliches oder gefährliches System gehandelt hätte, sondern, ganz im Gegenteil: Er war von Anfang an das Feindbild der USA, weil er ein leuchtendes Beispiel dafür war, wie sich ein von Kolonialismus, Ausbeutung, Bevormundung und militärischer Gewalt gebeuteltes Volk von aller Fremdbestimmung befreien und emanzipieren kann, ein leuchtendes Beispiel dafür, dass, wer arm geboren wurde, nicht zeitlebens arm bleiben muss, ein leuchtendes Beispiel dafür, dass jenseits von Kapitalismus und sogenannter „freier“ Marktwirtschaft Modelle von solidarischem Zusammenleben, Kooperation und menschenwürdiger Ökonomie denkbar und praktizierbar sind, die auch weltweit allen anderen Völkern und Staaten mit einer vergleichbaren Vergangenheit zum Vorbild hätten werden können.

Kein anderes Land Lateinamerikas und der Karibik war in der Bekämpfung von Hunger und Unterernährung jemals so erfolgreich wie Kuba unter der Führung Fidel Castros. Schon wenige Jahre nach der Machtübernahme war die Unterernährung bei Kindern komplett ausgemerzt worden. Im Jahre 2013 beglückwünschte José Graziano da Silva, der damalige Direktor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), Kuba offiziell für seine Erfolge im Kampf gegen den Hunger: Kuba befände sich unter den 16 Ländern, die weltweit bei der Bekämpfung des Hungers die grössten Fortschritte vorzuweisen hätten. Fidel Castro war es auch, der die Forderung der FAO nach einer weltweiten „Halbierung des Hungers“ stets heftig kritisierte und statt dessen eine totale weltweite Beseitigung des Hungers forderte, denn, wie er anlässlich einer Rede vor der UNO-Generalversammlung einmal sagte: „Wenn das Ziel die Halbierung der Zahl der hungernden Menschen ist, was sollen wir der anderen Hälfte sagen?“. Worte, die noch heute hochaktuell sind, angesichts der Tatsache, dass immer noch weltweit rund 673 Millionen Menschen an Hunger leiden und mehr als 2,3 Milliarden Menschen von Ernährungsunsicherheit betroffen sind, und dies, obwohl nur schon ein winziger Bruchteil des Geldes, das in militärische Aufrüstung gesteckt wird, zur völligen Beseitigung des weltweiten Hungers genügen würde.

Eine zweite grosse Errungenschaft der kubanischen Revolution ist die Alphabetisierungskampagne, die anfangs 1961 auf Initiative von Che Guevara in Angriff genommen wurde. Hatte die Analphabetisierungsrate vor der Revolution noch bei rund 77% gelegen – dem vierthöchsten Wert in ganz Lateinamerika -, so lag sie nur ein Jahr später bei gerade noch 3,9% – ein Erfolg, den es in diesem Ausmass nie zuvor und auch nie seither mehr jemals gegeben hat und der nur möglich war durch die Mobilisierung von rund 100’000 Freiwilligen, welche in den ländlichen Gebieten Schulen bauten und den Bauernfamilien das Lesen und Schreiben beibrachten. Am 22. Dezember 1961 erklärte die Regierung Kuba offiziell zum „Analphabetenfreien Gebiet“. Das im Folgenden aufgebaute landesweite, für die gesamte Bevölkerung kostenlose Bildungssystem gehört zum Fortschrittlichsten, was weltweit im Bereich von Bildungspolitik jemals geleistet worden ist. Noch heute investiert Kuba 13% seines Bruttoinlandsprodukts in die Bildung, im internationalen Vergleich ein überaus hoher Wert. Ebenfalls grosse staatliche Investitionen wurden in Kunst, Kultur und Sport gesteckt und diese Bereiche auch als Menschenrechte anerkannt. Weitere wichtige Schwerpunkte bildeten die Investitionen in Wissenschaft und Technologie zur Förderung der allgemeinen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Zudem ist Kuba bestrebt, das eigene Knowhow an andere Länder weiterzuvermitteln, so wurde durch das von kubanischen Pädagogen entwickelte Programm „Yo si puedo“ seit 2006 weltweit zehn Millionen Menschen in mehr als 30 Ländern das Lesen und Schreiben beigebracht.

Nicht weniger vorbildlich ist das kubanische Gesundheitssystem. Mit einer Säuglingssterblichkeit von 4,7 bei 1’000 Lebendgeburten und einer durchschnittlichen Lebenserwartung von über 78 Jahren übertrifft Kuba sämtliche übrige lateinamerikanische Länder bei weitem. Kuba ist vor allem auch bekannt für sein flächendeckendes kostenloses Gesundheitssystem, hochentwickelte Vorsorgekampagnen und die weltweit höchste Arztdichte. Und wie im Bildungsbereich, so stellt auch im Gesundheitsbereich Kuba anderen Ländern sein Wissen und seine personellen Ressourcen grosszügig zur Verfügung: Seit 1960 haben über 600’000 kubanische Medizinerinnen und Mediziner in mehr als 180 Ländern Dienst geleistet. Sie haben dazu beigetragen, Millionen Menschenleben zu retten und die Lebensbedingungen zu verbessern, insbesondere bei unterversorgten Bevölkerungsgruppen in den ärmsten Staaten der Welt.

Weitere Errungenschaften der kubanischen Revolution sind eine für die gesamte Bevölkerung gleichermassen zugängliche Wohn- und Sozialpolitik, eine Arbeitsplatzgarantie zur Vermeidung von Massenarbeitslosigkeit, die gezielte staatliche Förderung von Kunst und Kultur sowie umfassende Agrarreformen, welche zu einem deutlich höheren Einkommen der bäuerlichen Bevölkerung geführt haben. In den meisten Entwicklungsindikatoren hat Kuba innerhalb einer einzigen Generation das Niveau von industrialisierten Ländern der nördlichen Hemisphäre erreicht. Auch im Bereich der Entwicklungshilfe ist Kuba führend: Es hat das weltweit grösste internationale humanitäre Hilfsprogramm auf die Beine gestellt, das von medizinischem Fachpersonal über technische Spezialisten bis hin zu Bauarbeitern reicht. Kubas Entwicklungshilfe im Ausland machte zwischen 1999 und 2015 6,6 Prozent seines BIP aus, um ein Vielfaches mehr als der europäische Durchschnitt von 0,39 Prozent und den 0,17 Prozent der US-Entwicklungshilfe.

Eine 2022 veröffentlichte Studie des britischen Anthropologen Jason Hickel hatte ergeben, dass neoliberale Wirtschaftspolitik zwischen 1990 und 2019 weltweit 15,63 Millionen zusätzliche Todesfälle durch Unterernährung verursacht hatte. Diese Todesfälle – darunter 35’000 allein in den USA – hätten zweifellos mit einer Politik nach dem Vorbild der kubanischen Revolution verhindert werden können. Aber noch scheint sich die Welt in die falsche Richtung zu drehen, und offensichtlich fast jeden Tag noch ein bisschen schneller. „Sie haben kein Geld, sie haben kein Öl, sie haben gar nichts“, sagt Donald Trump über Kuba, nachdem er Venezuela gezwungen hat, Kuba kein Öl mehr zu liefern. Und dann sagt er tatsächlich auch noch im gleichen Atemzug, dass er den Iran bloss „aus Spass“ bombardiere und anschliessend, wenn das erledigt sei, als nächstes Kuba an der Reihe sein werde, denn: „Ich glaube, dass ich die Ehre haben werde, Kuba zu übernehmen“, um dann „damit das zu machen, was ich will.“ Aber nein, ich bilde mir offensichtlich nur ein, dass es sich bei diesem mächtigsten Mann der Welt entweder um einen Geistesgestörten oder einen der schlimmsten und gefährlichsten Narzissten handeln muss, einen offensichtlich in seiner Pubertät Steckengebliebenen, der zunächst die längste Zeit geduldig zuschaut, wie ein anderer Jugendlicher Stein um Stein einen immer höheren Turm aufbaut, um sich dann plötzlich göttlich daran zu ergötzen, ihn mit einem einzigen heftigen Fusstritt zum Einsturz zu bringen. Denn in Wirklichkeit, wie konnte ich es nur vergessen, sind natürlich an allem Bösen einzig und allein nur die Mullahs und die bärtigen Revolutionäre aus früheren Zeiten Schuld.

Nein, ich habe trotz allem meine Hoffnung nicht verloren. Denn „die Wahrheit“, so der 1977 verstorbene deutsche Schriftsteller Frank Thiess, „ist eine unzerstörbare Pflanze. Man kann sie ruhig unter einem Felsen vergraben, sie stösst sich trotzdem durch, wenn es an der Zeit ist.“ Ja, aber es ist nun verdammt nahe an der Zeit, viel bleibt uns nicht mehr. Schweigen und wegschauen gilt nicht mehr. Denn, wie Albert Einstein sagte: „Die Welt ist viel zu gefährlich, um darin zu leben. Nicht wegen der Menschen, die Böses tun. Sondern wegen der Menschen, die daneben stehen und sie gewähren lassen.“

In einem „offenen Brief an die Welt“ schrieb eine namenlose Frau aus dem kubanischen Volk vor wenigen Tagen folgende Worte in unsere Herzen. Sind diese nicht aus Stein, dann müsste sich etwas bewegen und es müsste die Zeit reif werden für die nächste grosse Revolution, die eine umfassende, universelle Revolution der Menschenliebe sein müsste, die so lange ersehnte Verwirklichung des Paradieses auf Erden…

Ich schreibe diesen Brief der gesamten Menschheit, den Müttern der Welt, den Ärzten ohne Grenzen, den Journalisten, die dieser Bezeichnung würdig sind, den Regierungen, die noch an Gerechtigkeit glauben… Mein Name ist wie Millionen anderer. Ich habe keinen berühmten Namen und keine wichtige Position. Ich bin eine ganz normale Kubanerin. Eine Tochter, eine Schwester, eine Patriotin. Und ich schreibe diese Worte mit gebrochenem Herzen und zitternden Händen, denn was mein Volk heute erlebt, ist keine Krise. Es ist ein langsamer, kalkulierter Mord, kaltblütig von Washington ausgeführt. Und die Welt schaut weg… Ich verurteile zutiefst, dass in Kuba ältere Menschen vorzeitig sterben, weil die Blockade die Einfuhr von Medikamenten gegen Herzkrankheiten, Blutdruck und Diabetes verhindert. Es mangelt nicht an Ressourcen, sondern es handelt sich um eine gezielte Vorenthaltung. Unternehmen, die in Kuba verkaufen wollen, werden mit Sanktionen belegt, strafrechtlich verfolgt und bedroht. Ihre Regierungen schweigen dazu. Und währenddessen greift sich ein kubanischer Grossvater an die Brust und wartet. Der Tod kommt ohne Vorwarnung… Ich verurteile es aufs Schärfste, dass in Kuba Brutkästen wegen Treibstoffmangels abgeschaltet werden mussten. Dass Neugeborene ums Überleben kämpfen, während die US-Regierung entscheidet, welche Länder uns Öl verkaufen dürfen und welche nicht. Dass kubanische Mütter mit ansehen müssen, wie das Leben ihrer Kinder gefährdet ist, weil eine in Washington unterzeichnete Anordnung mehr wert ist als die Schreie eines Babys 145 Kilometer von dessen Küste entfernt… Wo bleibt die internationale Gemeinschaft? Wo sind die Organisationen, die sonst Kinder so vehement verteidigen? Oder haben kubanische Kinder etwa kein Recht zu leben?… Ich verurteile die Blockade als gezielten Versuch, Hunger zu erzeugen. Es ist nicht so, dass Lebensmittel einfach so knapp sind. Es ist vielmehr so, dass unser Land daran gehindert wird, sie zu kaufen. Schiffe, die Lebensmittel transportieren, werden gerichtlich verfolgt. Banktransaktionen werden blockiert. Unternehmen, die uns Getreide, Hühnerfleisch und Milch verkaufen, werden bestraft… Der Hunger in Kuba ist kein Zufall. Es ist eine staatliche Politik der US-Regierung, die über 60 Jahre hinweg verfeinert, von jeder Regierung aktualisiert, von Donald Trump verschärft und von Marco Rubio unerbittlich durchgesetzt wurde. Sie nennen es „wirtschaftlichen Druck“. Ich nenne es Terrorismus durch Aushungern… Ich verurteile es zutiefst, dass unsere Ärzte – dieselben, die während der Pandemie, als die Welt zusammenbrach, Leben retteten – nun weder Spritzen noch Narkosemittel noch Röntgengeräte zur Verfügung haben. Nicht etwa, weil wir nicht wüssten, wie man sie her- und instandstellt. Nicht etwa, weil es uns an Talent mangelt. Sondern weil die Blockade uns den Zugang zu Material, Ersatzteilen und Technologie verwehrt… Der Welt sage ich: Kuba bittet nicht um Almosen. Kuba bittet nicht um Soldaten. Kuba bittet nicht um Liebe. Kuba erwartet Gerechtigkeit. Nicht mehr. Nicht weniger. Ich fordere dazu auf, die Blockade beim Namen zu nennen: Verbrechen gegen die Menschlichkeit… Ich fordere auf, sich nicht von der Rhetorik des „Dialogs“ und der „Demokratie“ täuschen zu lassen, während uns die Kehle zugeschnürt wird. Wir wollen keine Almosen. Wir wollen einfach nur leben können… An die mitschuldigen Regierungen, die schweigen: Die Geschichte wird euch zu Rechenschaft ziehen… An die lügenden Medien: Die Wahrheit findet immer einen Weg… An alle, die noch Menschlichkeit im Herzen tragen: Schaut nach Kuba. Schaut, was dort geschieht. Und fragt euch: Auf welcher Seite der Geschichte will ich stehen?… Wenn dieser Text dich betroffen macht, dann teile ihn. Damit die Welt erkennt, dass es in Kuba keine Krise gibt, sondern ein Verbrechen. Damit Mütter in anderen Ländern wissen, dass hier Babys in durch die Blockade ausgeschalteten Brutkästen um ihr Leben kämpfen. Damit Grosseltern in anderen Ländern wissen, dass hier ältere Menschen sterben, weil sie auf Medikamente warten, die Washington ihnen verweigert… Eine einzelne Person, die diesen Text teilt, wird die Welt nicht verändern, Tausende, Millionen aber schon…

(Ergänzung am 22. März 2026: Ein Leser dieses Artikels hat kritisiert, dass die dunklen Seiten des sozialistischen Kuba, Repression gegen Oppositionelle und Hinrichtungen nach der Machtübernahme nicht thematisiert sind. Das stimmt. Der Vorwurf einer gewissen Einseitigkeit ist durchaus berechtigt. Dieser Artikel will aber vor allem eine Gegendarstellung sein zur Verteufelung der kubanischen Revolution durch jene Verfechter der sogenannten „freien Marktwirtschaft“, die gerne alles, was nur im Entferntesten nach Sozialismus oder Kommunismus aussieht, als den Inbegriff des Bösen bezeichnen und gleichzeitig grosszügig über alle im Namen von Kapitalismus und US-Imperialismus begangenen Verbrechen – rund 45 von den USA seit 1945 angezettelten Kriege mit insgesamt 50 Millionen Toten – grosszügig hinwegsehen.)

Der Nahe Osten in Flammen: Bald am Kipppunkt zu einem neuen Zeitalter des Friedens?

Peter Sutter, 12. März 2026

Sieht man die täglichen Schreckensbilder aus dem Iran, Israel, Libanon, Dubai, Katar, Bahrain, Saudi-Arabien, Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten braucht es nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass dies der Beginn des Dritten Weltkriegs sein könnte. Umso mehr, als dies ja aktuell nicht der weltweit einzige hochgefährliche Krisenherd ist. Schon im Zusammenhang mit dem Ukrainekonflikt wurde des Öfteren die Gefahr eines Weltkriegs heraufbeschworen. Taiwan und Südkorea sind weitere hochbrisante Brennpunkte mit grösstem Eskalationspotenzial. Vor wenigen Tagen warf die schweizerische „Wochenzeitung“ im Zusammenhang mit dem Krieg im Sudan, der sich zunehmend mit dem Konflikt zwischen der äthiopischen Regierung und der Volksbefreiungsfront von Tigray vermische, sogar bereits die Frage auf, ob nicht schon bald ein „afrikanischer Weltkrieg“ drohe. Bis es dann eines Tages tatsächlich zum von vielen bereits seit Längerem vorausgesagten „Endkampf“ zwischen den USA und China kommen könnte.

Ja, es ist in der Tat nicht abwegig, sich dies alles ziemlich genau so vorzustellen. Und doch liesse sich hierzu auch eine radikale Gegenthese aufstellen. Nämlich, dass dies alles nicht der Anfang, sondern, ganz im Gegenteil, das Ende des Dritten Weltkriegs sein könnte. So verrückt diese These auf den ersten Blick auch erscheinen mag, könnte sie sich bei näherem Hinschauen möglicherweise ebenso realistisch erweisen wie ihr Gegenteil.

Denn dieser Dritte Weltkrieg war und ist für Milliarden von Menschen bereits seit Jahrzehnten nichts anderes als bittere tägliche Realität. Er muss nicht beginnen, er wütet bereits mit aller Gewalt und begann schon am gleichen Tag, als der Zweite Weltkrieg zu Ende war.

Es ist ein Krieg gegen die Kinder, in dem jeden Tag weltweit rund 15’000 Ein- bis Fünfjährige qualvoll sterben, weil sie nicht genug zu essen haben, und dies nicht, weil insgesamt zu wenig Nahrungsmittel vorhanden wären, sondern einzig und allein deshalb, weil auf dem globalisierten Markt des „freien“ und „offenen“ Warenverkehrs die lebensnotwendigen Güter nicht dorthin fliessen, wo sie am dringendsten gebraucht werden, sondern dorthin, wo sich mit ihrem Handel und ihrem Verkauf am meisten Geld verdienen lässt. Rund 138 Millionen Kinder müssen schon von klein auf schwerste und oft lebensgefährliche Arbeit verrichten, auf Plantagen in glühender Hitze, auf Baustellen, in Steingruben und Gold-, Silber- oder Kupferminen. 150 Millionen Kinder haben kein Zuhause, leben auf der Strasse, täglicher Gewalt ausgesetzt, viele von ihnen sind gezwungen, ihre Körper zu verkaufen, weil sie und ihre Familien anders gar nicht überleben könnten. In allen Ländern, selbst in den „reichen“, „fortschrittlichen“ und „entwickelten“ Ländern der nördlichen Hemisphäre, gehören Kinder und Jugendliche zum ärmsten und am meisten von Gewalt und Ausbeutung betroffenen Teil der Bevölkerung.

Es ist ein Krieg gegen die Frauen, in dem die jährlich rund 60’000 bis 70’000 Femizide nur die winzige Spitze eines gewaltigen Eisbergs abermillionenfacher täglicher Gewalt, Ausbeutung und Diskriminierung bilden, quer durch alle Kontinente.

Es ist ein Krieg der Reichen gegen die Armen, in dem Milliarden von Menschen gezwungen sind, unter Aufbietung aller ihrer Kräfte um ihr tägliches nacktes Überleben zu kämpfen, während die Zahl der weltweiten Milliardäre, die sich auch noch die verrücktesten Luxusvergnügungen leisten können, von Jahr zu Jahr weiter und weiter zunimmt.

Es ist ein Krieg der Industrieländer gegen die Agrarländer, die bis heute unter den Folgen jahrhundertelanger kolonialer Ausbeutung leiden, sodass selbst heute noch, rund 500 Jahre nach dem ersten Sklaventransport von Afrika nach Amerika, weltweit rund 40 bis 50 Millionen Menschen von sklavenartigen Lebensverhältnissen, Zwangsarbeit und Schuldknechtschaft betroffen sind. Weitere über 120 Millionen Menschen, mehr denn je, befinden sich auf der Flucht von der einen Hölle in die andere, bis sie, meist nach jahrelangen Qualen und Entbehrungen, nach einer verunglückten Fahrt in einem viel zu winzigen Schlauchboot namenlos auf dem Grunde des Mittelmeers oder des Atlantiks verschwinden oder aber eines Tages vor unüberwindlichen, fünf Meter hohen Stacheldrahtzäunen stehen bleiben, Mädchen und Frauen brutalst vergewaltigt werden, Männern, Frauen und Kindern die Knochen gebrochen werden, sie von Bluthunden mitten im Winter, ohne Nahrung und ohne genügende Kleider, in finstere Wälder gejagt werden, aus denen es kein Entrinnen gibt, oder mit verbundenen Augen von Tunesien aus im Auftrag der von der EU finanzierten und ausgebildeten Frontex in die libysche Wüste gejagt werden, Männer, Frauen und Kinder, um dort elendiglich zu verdursten.

Es ist ein Krieg gegen die Natur, in dem Tag für Tag rund 150 Tier- und Pflanzenarten für immer von der Erdoberfläche verschwinden. Es ist ein Krieg gegen die Erde, die, durch Abholzung, Übernutzung und Vergiftung durch Pestizide, über immer grössere Flächen hinweg bereits dermassen ausgelaugt ist, dass dort nicht einmal mehr ein paar dünne Grashalme zu wachsen vermögen. Es ist ein Krieg gegen das Wasser, das wertvollste Gut, die eigentliche Grundvoraussetzung für jegliches Leben, wertvoller als alles Gold, Silber und alle Diamanten der Welt. Es ist ein Krieg gegen die Tiere, in dem Jahr um Jahr über 150 Milliarden von ihnen den ausser Rand und Band geratenen Essgewohnheiten einer privilegierten Minderheit der Weltbevölkerung sowie der knallharten Profitgier der Fleischindustrie zum Opfer fallen, und in dem jährlich rund 120 Millionen Tiere in medizinischen Labors zu Tode gequält werden, bloss um die Bedürfnisse einer masslos nach immer höheren Gewinnen heischenden Pharmaindustrie und aller anderen, die davon mitprofitieren, Genüge zu leisten.

Und es ist, nicht zuletzt, ein Krieg gegen sämtliche nachfolgende Generationen, deren Lebensgrundlagen bereits heute, bevor sie noch geboren wurden, systematisch zerstört werden.

Dass dies alles nicht schon längst als der „Dritte Weltkrieg“ bezeichnet wird, ist einzig und allein damit zu erklären, dass die Geschichte bisher eben nie von den Opfern ihrer Zeit geschrieben wurde, sondern immer nur von den vermeintlichen „Siegern“. Nicht von den Kindern in Vietnam, dem Sudan oder Bangladesch, die in ihrem ganzen Leben noch nie etwas anderes kannten als Hunger, Gewalt, Verfolgung und Krieg. Nicht von den Prostituierten auf den Strassen von Bogota, Lagos oder Bangkok, deren Leben aus nicht viel anderem besteht, als Nacht um Nacht spitalreif verprügelt zu werden. Nicht von den Mäusen, die zu Tausenden in winzigste Käfige zusammengepfercht und mit Stromstössen gezwungen werden, sich gegenseitig zu zerfleischen. Sondern von sogenannten *Experten“ an sicheren, gut geschützten Orten, Journalistinnen und Journalisten, Redaktorinnen und Redaktoren, Politikwissenschaftlern, Medienschaffenden weltweit, die sich, wenn sie ihre Artikel geschrieben, ihre Nachrichten am Fernsehen verlesen und ihre Reportagen den Vorgesetzten abgeliefert haben, zum Feierabendbier treffen und von denen kaum einer jemals in seinem ganzen bisherigen Leben am eigenen Leib erfahren hat, was Armut, Hunger, Gewalt und Krieg tatsächlich bedeuten.

Zu glauben, es gäbe so etwas wie „kriegerische“ und „friedliche“ Epochen in der Menschheitsgeschichte, ist ein reines Hirngespinst. Es kommt einzig und allein darauf an, wo und wann und in welchem familiären und sozialen Umfeld ein Mensch geboren wird, auf welcher Stufe der herrschenden Machtpyramiden. Was für die Universitätsstudentin in Zürich, die mit ihrer besten Freundin an einem lauen Frühlingsabend einen Aperol-Spritz geniesst, „Frieden“ ist und das „Paradies“, ist genau zur gleichen Zeit, vielleicht nur ein paar Hundert Meter davon entfernt, für eine Vierzehnjährige aus Angola, die eine ganze Nacht lang abwechslungsweise von sieben Männern vergewaltigt wird, purer „Krieg“ und die reinste „Hölle“.

Erst wenn die ganze Wahrheit ans Licht gekommen sein wird und die Geschichtsbücher nicht mehr von den Siegern geschrieben werden, sondern von den Opfern und ihrer Nachfahren, erst dann wird es auch in den westlichen Ländern nach und nach ins öffentliche Bewusstsein dringen, dass die Zeit nach dem Ende des Zweiten Kriegs bis ins Jahr 2026 alles andere gewesen war als eine Zeit des „Friedens“, des wachsenden „Wohlstands“ und der grössten zivilisatorischen und technologischen „Fortschritte“ aller Zeiten zum „Wohle“ der Menschheit, sondern eine der dunkelsten Zeiten der Menschheitsgeschichte, in der Armut, Hunger, Gewalt und Krieg nicht seltene Ausnahmen waren, sondern die konkrete bittere Lebensrealität der grossen Mehrheit der gesamten Weltbevölkerung. Und vielleicht wird sogar eines Tages irgendwo zu lesen oder zu hören sein, dass diese Zeit insbesondere deshalb eine so schlimme und dunkle Zeit gewesen war, weil nämlich, vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit, alle Ressourcen, alles Wissen, alle technischen Errungenschaften, alle psychologischen Erkenntnisse und alles Geld in genügendem Masse zur Verfügung gestanden hätten, um ein Leben in Wohlstand, Sicherheit und Frieden für die gesamte Menschheit möglich zu machen – und dennoch das pure Gegenteil geschah.

Die Hoffnung, dass der derzeitige Krieg im Nahen Osten nicht der Beginn des Dritten Weltkriegs sein könnte, sondern, ganz im Gegenteil, sein baldiges Ende, schöpft sich aus der Gewissheit, dass die Wahrheit früher oder später stärker sein wird als alle Lügen der Vergangenheit und der Gegenwart. Diese Wahrheit, und das macht Mut, frisst sich geradezu täglich von unten nach oben in den öffentlichen Diskurs hinein. Anders als vor 100 oder 1000 Jahren besteht heute durch das Internet und die sozialen Medien ein globales Wissens- und Kommunikationssystem, das, richtig genutzt, die besten Voraussetzungen dafür bietet, den so lange verschütteten und systematisch von den Reichen und Mächtigen bekämpften Wahrheiten zum Durchbruch zu verhelfen. Und es macht es diesen Reichen und Mächtigen immer schwerer, ihre Lügengebäude aufrecht zu erhalten. Denn „die Wahrheit“, so der 1977 verstorbene deutsche Schriftsteller Frank Thiess, „ist eine unzerstörbare Pflanze. Man kann sie ruhig unter einem Felsen vergraben, sie stösst sich trotzdem durch, wenn es an der Zeit ist.“

Ja, und es scheint tatsächlich an der Zeit zu sein. An allen Ecken und Enden stehen in diesen Tagen weltweit immer mehr Menschen auf und beginnen zu reden, Menschen, die bisher geschwiegen haben oder zum Schweigen gebracht wurden. Ihr Mut wird eine immer grössere Vielzahl anderer anspornen, es ihnen gleich zu tun. Um all die Lügen, die uns über Jahrhunderte eingepflanzt wurden und bis heute so verrückte Dinge fern jeglicher minimalster Vernunft wie gerade diesen Krieg im Nahen Osten überhaupt noch möglich machen, nach und nach zu entlarven.

Erstens die Lüge, dass Krieg in der Natur des Menschen liege und es deshalb stets immer wieder Kriege geben müsse, solange es auf diesem Planeten Menschen gäbe. Die Wahrheit ist, dass der Mensch von Natur aus ein durch und durch friedfertiges Wesen ist und Kriege daher nur möglich sind durch systematische Manipulation und Propaganda seitens jener, die aus egoistischen Macht- und Profitinteressen wollen, dass es auch weiterhin möglichst viele Kriege gibt, so wie es der ehemalige US-Aussenminister Antony Blinken ganz unverblümt und in aller Öffentlichkeit verlauten liess, als er sagte, es sei gut, wenn der Ukrainekrieg so lange wie möglich weiterginge, denn dies würde den Erhalt Tausender von Arbeitsplätzen in den USA gewährleisten – eigentlich hätte er, wenn er ehrlich gewesen wäre, statt von „Arbeitsplätzen“ von den Milliardengewinnen der Rüstungsindustrie und ihrer Aktionäre sprechen müssen. Der Archäologe Harald Meller hat in seinem aufsehenerregenden Buch „Die Evolution der Gewalt“ nachgewiesen, dass es innerhalb der bisher 2,5 Millionen Jahre langen Menschheitsgeschichte erst seit knapp 5000 Jahren Kriege im heutigen Sinne einer systematischen und geplanten Tötung einzelner Menschengruppen durch andere gibt. Auf ein Jahr umgerechnet, würde dies bedeuten, dass es erst am Vormittag des 31. Dezember zum ersten „richtigen“ Krieg gekommen ist. Was liegt näher als der Gedanke, dass es eigentlich gar nicht so schwierig sein müsste, zum Normalzustand der vorangegangenen 364 Tage zurückzukehren.

Zweitens die Lüge, dass die sogenannte westliche „Demokratie“ das grösste sozial- und wirtschaftspolitische Erfolgsmodell aller Zeiten sei, das Vorbild, dem alle anderen Länder der Welt nacheifern sollten, denn erst dann wären wir, mit den Worten des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama angesichts des Zusammenbruchs der Sowjetunion im Jahre 1991, „am Ende der Geschichte“ angelangt, sprich: Die Menschheit hätte den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreicht und fortan müsste niemand mehr nach etwas vermeintlich Besseren streben, sondern es könne einzig und allein nur darum gehen, das Erreichte gegen alles, von dem es bedroht sein könnte, zu verteidigen, mit was für Mitteln auch immer. Die Wahrheit indessen ist, dass uns dieses westliche „Erfolgsmodell“ mehr und mehr in eine Sackgasse geführt hat, in der die tödliche Mischung von blindem Wachstumsglauben, einer zunehmenden Ungleichverteilung der vorhandenen Güter, dem zerstörerischen Kampf aller gegen alle und einem rasanten Zusammenbruch elementarster Grundwerte wie Solidarität und Nächstenliebe dermassen degenerative Züge angenommen hat, dass wohl bald jede in der Vergangenheit noch so belächelte oder diffamierte Alternative dazu wie ein Rettungsanker bei immer höherem und gefährlicherem Seegang erscheinen müsste.

Drittens die Lüge, dass, wer reicher sei als andere, sich dies redlich verdient habe, während alle anderen, die in Armut und Elend lebten, selber daran Schuld seien. Eine Lüge, die nicht nur das Verhältnis zwischen reichen und armen Ländern betrifft, sondern auch das Verhältnis zwischen den Reichen und den Armen innerhalb jedes einzelnen Landes. Die Wahrheit indessen ist, dass Reichtum auf der einen Seite immer in einer Wechselwirkung steht mit Armut auf der anderen Seite. „Wäre ich nicht arm“, sagt der arme Mann zum reichen in einer bekannten Parabel von Bertolt Brecht, „wärst du nicht reich.“ Die reichen Länder des Nordens sind aus dem gleichen Grund so viel reicher als die von ihnen über Jahrhunderte ausgebeuteten Länder des Südens, wie auch die reichen Bevölkerungsgruppen innerhalb jedes einzelnen Landes nur deshalb so reich sind, weil sie es so meisterhaft verstehen, sich unter dem Deckmantel von „Demokratie“ scheinbar „legal“ auf Kosten des Rests der Bevölkerung zu bereichern. Findet diese Wahrheit Zugang zu der in jedem einzelnen Land und weltweit überwiegenden Mehrheit der Ausgebeuteten und Entrechteten, werden sich die bestehenden Macht- und Ausbeutungsverhältnisse wohl nicht allzu lange aufrechterhalten lassen.

Viertens die Lüge, dass es so etwas wie „wertvolle“, „weniger wertvolle“ oder gar „wertlose“ Menschen gibt. Eine Lüge, die in heutigen, „modernen“ und „aufgeklärten“ Zeiten zwar selten offen ausgesprochen wird, als Folge jahrhundertelanger Arroganz, Überheblichkeit und Selbstüberhöhung der Weissen – und insbesondere der weissen Männer aus der „Oberschicht“ – gegenüber Menschen mit anderer Hautfarbe offensichtlich noch ganz tief in unserem Denken und Fühlen verankert ist. Was dann zum Beispiel schlagartig an die Oberfläche dringt, wenn – wie das Mitte Juni 2023 geschah – das Verschwinden eines privaten Tauchboots mit fünf schwerreichen Tiefseetouristen im nördlichen Atlantik tagelang sämtliche Zeitungsspalten und Nachrichtenportale füllt, während der gleichzeitige Untergang eines Flüchtlingsschiffs vor der griechischen Küste mit rund 650 Todesopfern – darunter zahlreichen Kindern – bloss, wenn überhaupt, mit ein paar wenigen Worten in den Medien erwähnt wird. Oder wenn der Tod von rund 15’000 Kriegsopfern in der Ukraine über fünf Jahre hinweg weit mehr internationale Empörung auslöst als der Tod von 90’000 Palästinenserinnen und Palästinenser im Gazastreifen über zweieinhalb Jahre hinweg infolge der Bombardierungen durch Israel.

Fünftens die Lüge, dass der von den Nazis an Jüdinnen und Juden vor und während des Zweiten Weltkriegs begangene Holocaust das grösste je von Menschen begangene Massenverbrechen gewesen sein soll. Eine Lüge, die bis in die aktuellste Gegenwart ihre zerstörerischsten Auswirkungen zeitigt, schwebt doch selbst heute noch, 80 Jahre später, immer noch eine Art Heiligenschein über dem Staat und der Regierung von Israel, mit dem selbst der Genozid an der palästinensischen Bevölkerung in Gaza und der völkerrechtswidrige Angriffskrieg gegen den Iran mit dem Scheinargument gerechtfertigt und legitimiert werden, dass es sich dabei bloss um „Notwehr“ oder das „Recht auf Selbstverteidigung“ handle. Ein historisch wahrhaft einmaliger Heiligenschein, der Israel bis heute einen Freipass verschafft für jedes noch so verbrecherische Handeln. Als hätte es in der Geschichte der Menschheit nicht unzählige andere Verbrechen gegeben, ohne dass die davon betroffenen Völker jemals einen solchen Freipass bekommen hätten für totales willkürliches Handeln ausserhalb jeglicher Rechtsordnung: den . Vietnamkrieg mit einer halben Million ziviler Todesopfer und dem Einsatz chemischer Kampfmittel, unter deren Folgen die Bevölkerung bis heute leidet, den von der damaligen deutschen Kolonialmacht an den Völkern der Herero und Nama in Südwestafrika zwischen 1904 und 1908 begangenen Völkermord mit über 70’000 Todesopfern, die gewaltsame Eroberung des amerikanischen Kontinents und die weitgehende Auslöschung der indigenen Urbevölkerung durch die Kolonisten aus Spanien, Portugal und England, die zwangsweise Deportation von 15 Millionen Afrikanerinnen und Afrikanern in den Sklavendienst auf den Plantagen und in den Bergwerken Amerikas zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert. Lügen bestehen eben nicht nur in dem, worüber man spricht, sondern viel mehr noch in dem, worüber man nicht spricht. So wie auch seit dem jüngsten Angriff Israels und der USA in keinem einzigen Zeitungsbericht und in keiner einzigen Meldung im Fernsehen je auch nur mit einem einzigen Wort erwähnt wurde, dass die USA derzeit über 5044 Atomsprengköpfe verfügen und Israel selber immerhin auch über etwa 200, während die Regierungen dieser beiden Länder der ganzen Welt allen Ernstes weiszumachen versuchen, dass der militärische Angriff auf den Iran einzig und allein dem Zwecke dienen soll, die Welt sicherer zu machen, indem er angeblich verhindern soll, dass die „Mullahs“ – obwohl es nach wie vor hierfür nicht einmal den geringsten Beweis dafür gibt – nächstens eine erste eigene Atombombe entwickeln könnten, die dann angeblich für den Rest der Welt die um ein Vielfaches grössere Bedrohung sein solle als die 5244 Atomsprengköpfe in den Arsenalen der USA und Israels.

Schliesslich sechstens die Lüge, dass es so etwas geben soll wie ein „Reich des Guten“ und ein „Reich des Bösen“. Diese wohl verhängnisvollste Lüge aller Lügen macht uns glauben, dass jegliches politisches, wirtschaftliches und militärisches Handeln der „Guten“ – der westlichen „Demokratien“ unter Führung der USA – bloss dem Zweck diene, die Welt vor dem „Bösen“ zu retten. Alles, aber auch alles wird damit entschuldigt und gerechtfertigt. Die USA durften, obwohl der Zweite Weltkrieg zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem Sieg der Alliierten entschieden war, im August 1945 über Hiroshima und Nagasaki die ersten und bis heute letzten zwei Atombomben zünden, die den qualvollen Tod von über einer halben Million Menschen zur Folge hatten. Sie durften – von Chile über den Iran bis zu Indonesien – Dutzende demokratisch gewählte Regierungen wegputschen, um sich „unliebsamer“, meist US-Wirtschaftsinteressen gefährdender Machthaber zu entledigen. Sie durften – von Vietnam über den Irak, Afghanistan bis zu Libyen und dem Iran – Dutzende von völkerrechtswidrigen Kriegen anzetteln, denen bereits insgesamt rund 50 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind und 500 Millionen Menschen noch jahre- oder gar lebenslang von Schmerzen geplagt, mit körperlichen Einschränkungen oder tief traumatisiert unter den Folgen schwerster Verletzungen litten oder immer noch leiden. Die USA durften und dürfen nach freiem Belieben über andere Länder Wirtschaftssanktionen verhängen mit verheerendsten Folgen insbesondere für die schwächsten und ärmsten Bevölkerungsschichten, so etwa die Sanktionen gegen den Irak zwischen 1991 und 1995, denen infolge fehlender Nahrung und medizinischer Versorgung eine halbe Million Kleinkinder zum Opfer fielen. Sie durften in den Gefangenenlagern von Abu Graib und Guantanamo Tausende angeblicher „Terroristen“ auf bestialischste Weise foltern, von denen sich fast alle früher oder später als unschuldig erwiesen. Und trotzdem sind die USA und die mit ihnen am engsten verbündeten Westmächte gemäss offizieller Sichtweise der meisten westlichen Regierungen, Medien und der Mehrheit der Bevölkerung immer noch die „Guten“. Man kann sich kaum vorstellen, was für umwälzende Auswirkungen auf die gesamte Weltpolitik und die Zukunft der Menschheit es haben wird, wenn die ganze Wahrheit eines Tages ans Licht kommen wird: Dass es höchstwahrscheinlich noch nie in der Geschichte der Menschheit ein so verbrecherisches und zerstörerisches terroristisches Netzwerk gab wie das globalisierte kapitalistische Macht- und Ausbeutungssystem mit seiner militärischen Speerspitze der USA und ihrer engsten militärischen Verbündeten.

In der Fernsehtagesschau von gestern Abend war eine junge Australierin zu sehen, die von Polizisten zu einem bereitstehenden Militärfahrzeug abgeführt wurde. Sie soll zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt werden. Ihr Vergehen: Sie trug ein T-Shirt mit der Aufschrift FROM THE RIVER TO THE SEA PALESTINE WILL BE FREE. In diesem Moment erinnerte ich mich an einen Auftritt von Israels Premierminister Netanyahu, als er vor der gesamten UNO-Generalversammlung eine Landkarte Israels präsentierte, auf der auch nicht ein kleinster Fleck eines möglichen palästinensischen Staatsgebiets zu sehen war, nicht einmal der kleinste Ansatz zu Gebieten minimalster palästinensischer Selbstverwaltung. Gleichzeitig erinnerte ich mich an eine Aussage der ehemaligen schweizerischen Bundesrätin Ruth Dreifuss, die selber jüdischer Abstimmung ist, wonach sie diesen vieldiskutierten Slogan ganz einfach so verstehe, dass die Palästinenserinnen und Palästinenser damit schlicht und einfach nichts anderes fordern, als in diesem Land, das immerhin seit Jahrhunderten ihre Heimat ist, so frei und gleichberechtigt leben zu können, wie dies auch für Jüdinnen und Juden ganz selbstverständlich ist. Und schliesslich ging mir auch wieder diese Aussage von Avi Schleim, einem 1945 geborenen jüdisch-israelischen Historiker, durch den Kopf: „Antisemitisch sind nicht die, welche Israel kritisieren. Antisemitisch ist die derzeitige israelische Regierung selber, denn die Grundwerte des Judentums sind Altruismus, Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden.“

Noch ist die Zeit nicht ganz reif. Noch wird eine junge Australierin, die von Frieden und Gerechtigkeit träumt, ins Gefängnis gebracht, und nicht ein Regierungschef, der Zehntausende Menschen ermorden liess, ohne dabei auch nur eine einzige Träne zu vergiessen. Doch Im Gesicht der jungen Australierin lag nicht Hass oder Verbitterung, sondern nur ein sanftes Lächeln. Denn sie weiss, dass eine neue Zeit kommen wird. Die Zeit, da all die über Jahrhunderte aufgebauten Lügengebäude wie ein riesiges Kartenhaus zusammenbrechen werden und die Wahrheit endlich ans Licht kommen wird. Noch ist dieser Zeitpunkt nicht erreicht, doch wir kommen ihm jeden Tag ein bisschen näher.

Vorausgesetzt, wir geben nicht auf. Nicht jetzt, wo wir schon so nahe am Ziel sind. Wie zwei Fässer voller Flüssigkeit. Das eine ist gefüllt mit dem Todeswasser, das, wenn es Oberhand gewinnt, die ganze Erde endgültig in eine Hölle verwandeln würde. Das andere ist gefüllt mit dem Friedenswasser, das, wenn es Oberhand gewinnt, die ganze Erde in jenes Paradies verwandeln würde, das bisher erst in den Träumen der Kinder vorkommt an dem Tag, da sie unsere Welt zum ersten Mal betreten. Beide Fässer sind noch nicht ganz voll, doch bei beiden Fässern braucht es nur noch ganz wenig, bis sie überlaufen. Bis zuletzt ein einziger Tropfen den Ausschlag geben könnte, welches der beiden Fässer als erstes überlaufen und die Oberhand gewinnen wird.

Vielleicht bist ja gerade DU dieser letzte, entscheidende Tropfen, von dem abhängen wird, ob sich die Erde in eine alles verschlingende Hölle verwandeln wird oder in ein Paradies unendlicher Schönheit und ewigen Friedens.

24. Februar 2026: „Wir ersuchen Sie daher, genügend Einsatzmittel für die Abholung einzuplanen“

Peter Sutter, 27. Februar 2026

Montag, 23. Februar 2026, 18.48 Uhr: Dharini P. (alle Namen geändert) schreibt mir per Whatsapp: „Tomorrow I’m going to school again. I’m so happy.“ Die im Jahre 2018 aus Sri Lanka nach Rumänien und im März 2025 weiter in die Schweiz geflüchtete Familie P. mit Dharini, ihrem Mann Khartik und ihrer eineinhalbjährigen Tochter Iniya befindet sich zurzeit immer noch im Ausschaffungszentrum L. Nach einer über zehn Jahre langen Leidensgeschichte haben Dharini und Karthik in den vergangenen zwei Wochen endlich wieder ein wenig Hoffnung geschöpft: Gegen den derzeit noch geltenden negativen Asylentscheid des Staatssekretariats für Migration (SEM) bzw. des Bundesverwaltungsgerichts wurde eine Beschwerde eingereicht und aufgrund der gesamten Faktenlage erscheint es durchaus realistisch, dass die so schwer leidgeprüfte Familie doch noch ein dauerhaftes Bleiberecht in der Schweiz bekommen könnte.

Zur Erinnerung: Dharini und Karthik mussten 2018 aufgrund politischer Verfolgung aus ihrem Heimatland fliehen. Sie hatten sich keinerlei Verbrechens schuldig gemacht, aber ihre Verbindung zur tamilischen Befreiungsbewegung LTTE war ihnen zum Verhängnis geworden. Sowohl Dharini wie auch Karthik waren mehrmals inhaftiert worden, beide hatten massive Gewalt erlebt, Karthik war während einem der Gefängnisaufenthalte so schwer gefoltert worden – an den Füssen aufgehängt und mit einem Eisenstock auf den Rücken geschlagen -, dass er bis heute unter bleibenden körperlichen Schäden leidet. Angesichts eines drohenden Todesurteils gegen Karthik flüchteten er und seine Frau schliesslich nach Rumänien und stellten dort ein Asylgesuch, ein Entscheid wurde aber immer wieder hinausgeschoben. Oft mussten sie stundenlang auf dem Migrationsamt warten, einmal wurden sie von dort direkt in einen kleinen, fensterlosen Raum geschafft, wo sie eine ganze Nacht verbringen mussten und schliesslich gezwungen wurden, ein Dokument zu unterschreiben, dessen Inhalt sie nicht verstanden. Sieben Jahre lang lebten die beiden unter erbärmlichsten Verhältnissen, ohne staatliche Unterstützung, waren zeitweise obdachlos und hielten sich nur mit Gelegenheitsarbeiten einigermassen über Wasser. Als Dharini einen Job in einer Fleischverarbeitungsfabrik gefunden hatte, wo sie 14 Stunden pro Tag in eiskalten Räumen schwere Kisten schleppen musste, war sie bereits hochschwanger, am Ende ihrer Kräfte. Am 19. Juni 2024 kam Tochter Iniya zur Welt. Im November 2024 wurde ihr Asylgesuch schliesslich durch die rumänischen Migrationsbehörden endgültig definitiv abgelehnt, es drohte die Inhaftierung und eine Rückschaffung nach Sri Lanka. Im März 2025 gelang ihnen die Flucht in die Schweiz, wo sie am 30. März ein Asylgesuch einreichten. Am 29. April 2025 lehnte das SEM ihr Asylgesuch ab, mit der Begründung, sie befänden sich in Rumänien noch in einem laufenden Asylverfahren, was nachweislich nicht stimmte, da ihr Asylgesuch dort definitiv abgewiesen worden war und eine Rückschaffung nach Rumänien gleichbedeutend gewesen wäre mit einer Ausschaffung nach Sri Lanka. Eine Beschwerde ans Bundesverwaltungsgericht wurde mit den gleichen auf falschen Tatsachen gründenden Behauptungen am 15. Juni 2025 ebenfalls abgelehnt. Im August 2025 erfolgte ein erster gewaltsamer Ausschaffungsversuch, dem sich Dharini und Karthik mit grösster körperlicher Gegenwehr zu widersetzen vermochten. Am 4. September 2025 erfolgte ein zweiter Ausschaffungsversuch, diesmal mit einem Aufgebot von acht Polizisten, dennoch gelang es Dharini und Karthik unter Aufbietung aller ihrer Kräfte erneut, sich der Überstellung ins bereitstehende Flugzeug zu entziehen. Nach der Rückkehr ins Ausschaffungszentrum versuchte Karthik, sich mit Messerstichen in die Brust das Leben zu nehmen, schwerverletzt überlebte er. Am folgenden Tag wurde ich von Dharini kontaktiert, seither versuche ich, mit Unterstützung weiterer Personen und Organisationen, unter Ausschöpfung aller zur Verfügung stehenden Mittel, dieser leidgeprüften Familie zu ihrem Recht und einem Leben in Würde und Sicherheit zu verhelfen, dies unter anderem mithilfe einer über Campax lancierten Petition, die bereits von über 5000 Personen unterzeichnet wurde und immer noch unterzeichnet werden kann. Bis zum 15. November 2025 erfolgte kein weiterer Ausschaffungsversuch, an diesem Tag lief die Überstellungsfrist ab, sodass nun ab diesem Datum nicht mehr Rumänien, sondern wieder die Schweiz für das weitere Asylverfahren zuständig ist. Endlich konnten Dharini und Karthik ein wenig aufatmen, das Schlimmste schien überstanden zu sein. Unverzüglich reichte die zuständige Rechtsberatung einen Antrag auf ein neues Asylverfahren ein, das wohl aufgrund einer faktenbezogenen Gesamtbeurteilung zum Schluss kommen müsste, der Familie ein dauerhaftes Bleiberecht in der Schweiz zu verschaffen. Doch kurz darauf verfügte das SEM wie ein Blitz aus heiterem Himmel eine Ausdehnung der Überstellungsfrist nach Rumänien bis Oktober 2026. Dies mit der Begründung, Dharini und Karthik hätten sich durch ihre massive Gegenwehr, insbesondere beim zweiten Ausschaffungsversuch, „nicht kooperativ“ verhalten. Als weiteres Argument wurde angeführt, Karthik hätte sich während mehrere Tage Mitte Oktober 2025 ausserhalb des Ausschaffungszentrums aufgehalten, ohne seinen Aufenthaltsort anzugeben – was sich aber im Nachhinein als reine Behauptung ohne tatsächlichen Beweis herausstellte. Die Verfügung des SEM, die Überstellungsfrist um ein Jahr auszudehnen, ist somit eindeutig rechtswidrig, da es für eine solche viel gravierendere Gründe braucht, zum Beispiel kriminelle Aktivitäten. Der zu diesem Zeitpunkt neu zugezogene Anwalt reichte deshalb unverzüglich eine Beschwerde ein mit der Forderung nach einem Vollzugsstopp bezüglich eines weiteren Ausschaffungsversuchs der Familie P. nach Rumänien.

Montag, 23. Februar 2026, 18.50 Uhr: Ich schicke Dharini ein Smiley. Es ist so schön zu wissen, dass sie jetzt endlich zwei Mal pro Woche in die Deutschschule gehen kann, was sie sich schon so lange gewünscht hat. Und es ist auch immer so berührend, wenn sie mir erzählt, dass sogar die eineinhalbjährige Iniya schon ein paar deutsche Wörter sagen kann, weil sie doch alle hoffen, dass ihre Zukunft in der Schweiz sein wird und nicht in Rumänien und schon gar nicht in Sri Lanka, wo es aller Voraussicht nach kein gemeinsames Zusammenleben der Familie mehr gäbe, Gefängnis, möglicherweise Folter oder gar eine Todesstrafe drohen und dieses wunderbare kleine Geschenk des Himmels, das für ihre Eltern die ganze Welt bedeutet, schliesslich in einem Waisenhaus landen würde. Ich muss diese Nachricht noch einmal und noch einmal lesen, sie tut so gut: „Tomorrow I’m going to school again. I’m so happy.“ Denn was kann es Schöneres geben, als „happy“ zu sein, für eine 37jährige Frau aus Sri Lanka, für die es während der allergrössten Zeit ihres bisherigen Lebens „Happiness“ wohl allerhöchstens in ihren allerschönsten Träumen gegeben hat.

Doch die dunklen Wolken, die ich schon am anderen Ende des Horizonts verschwinden sah, sind, wie von einem gewaltigen Sturm zurückgetragen, plötzlich wieder da, schwärzer denn je zuvor…

Dienstag, 24. Februar, 7.05 Uhr. Ein anonymer Telefonanruf aus dem Ausschaffungszentrum. Sie hätten die Familie P. heute Morgen geholt, frühmorgens um drei Uhr. Die weibliche Stimme – ich habe keine Ahnung, wer sich dahinter verbirgt – fleht mich an, alles zu tun, um eine Ausschaffung von Dharini, Karthik und Iniya nach Rumänien – und somit nach Sri Lanka – zu stoppen.

Ab diesem Moment funktioniere ich stundenlang wie eine Maschine, sämtliche Gefühle sind wie weggeblasen.

Später werde ich erfahren, dass es dieses Mal nicht acht, sondern 15 Polizisten waren. 12 Männer und drei Frauen, um einen wehrlosen Vater, eine wehrlose Mutter und ihr eineinhalbjähriges Kind festzunahmen und wegzuschaffen. Und sie nicht um fünf Uhr, wie üblich bei Zwangsausschaffungen schweizweit täglich mit legendärer Schweizer Sekundenpünktlichkeit, sondern bereits um drei Uhr kamen, um die Familie bei tiefstem Schlaf so unvermittelt zu überrumpeln, dass sie wohl keinen Hauch von Chance zu einer Gegenwehr haben sollten.

Ich werde auch erfahren, dass sie als erstes das Kind aus dem Bett rissen und auf den Flur schleppten, bevor die Eltern überhaupt richtig erwacht waren.

Ich werde auch erfahren, dass sie Dharini nicht nur mit aller Gewalt festhielten, als sie sich um ihr Kind kümmern wollte, sondern ihr dabei auch noch heftig auf den Kopf schlugen.

Ich werde auch in dem vom kantonalen Migrationsamt bereits am 18. Februar an die Kantonspolizei geschickten Befehl zur „Ausschaffung der oben erwähnten Familie mittels Sonderflug nach Bukarest am Dienstag, 24. Februar 2026“ Folgendes lesen können: „Die Verhaftung der Familie kann am Tag der Ausschaffung verfolgen. Aufgrund des Suizidversuchs von P. am 4. September 2025 ist mit erheblicher Gegenwehr der beiden Elternteile anlässlich der Verhaftung zu rechnen. Wir ersuchen Sie daher, genügend Einsatzmittel für die Abholung einzuplanen. Die medizinische Begleitung ab Haftort ist gemäss neuester Beurteilung von OSEARA nicht nötig. Wir bitten Sie jedoch, sollten Medikamente benötigt werden, einen Medikamentenvorrat für 7 Tage mitzugeben. Die Betreuung des Kleinkindes während des Fluges erfolgt bei allfälliger Weigerung der Eltern durch das Back-up. Besten Dank für Ihre Bemühungen.“

Wörter, die mir den Verstand zu rauben drohen…

Die Verhaftung der Familie. Also auch die Verhaftung eines eineinhalbjährigen Kindes. Bisher habe ich mich offensichtlich fälschlicherweise der Illusion hingegeben, verhaftet würden nur Menschen, die eine Straftat begangen haben.

Aufgrund des Suizidversuchs ist mit erheblicher Gegenwehr zu rechnen. Ich lese den Satz drei Mal und verstehe ihn am Ende immer noch nicht. Wäre ohne Suizidversuch nicht mit Gegenwehr zu rechnen gewesen?

Einsatzmittel. Schlagstöcke? Fusstritte? Schläge auf den Kopf?

Medizinische Begleitung nicht nötig. ??????

Gemäss neuester Beurteilung... Medizinische Begleitung scheint also vormals noch die Regel gewesen zu sein, „nach neuester Beurteilung“ nicht mehr?

von OSEARA. Die OSEARA AG ist ein Schweizer Dienstleistungsunternehmen mit Sitz im Kanton Nidwalden, das auf medizinische Begleitung bei Ausschaffungen spezialisiert ist und laufend Aufträge vom SEM bekommt. Das auf medizinische Begleitung spezialisierte Unternehmen scheint also seinen Auftrag so verstanden zu haben, dass es diese medizinische Begleitung abgeschafft hat. Wofür es dann noch, und wahrscheinlich nicht schlecht, bezahlt wird, wenn es das, wofür es beauftragt wurde, selber abgeschafft hat, ist mir schleierhaft. Wahrscheinlich ist es nur so zu erklären, dass das SEM selber einen so gravierenden Entscheid, der im Extremfall zum Tode von „renitenten“ Personen führen könnte, gar nicht verantworten möchte und ihn deshalb an eine Privatfirma ausgelagert hat. Dass diese Privatfirma höchst umstritten ist und in der Vergangenheit immer wieder wegen der Verabreichung von Beruhigungsmitteln gegen den Willen der Betroffenen, der Einschätzung der Reisefähigkeit in sensiblen Fällen sowie dem Umgang mit schwangeren Frauen kritisiert wurde, scheint das SEM nicht sonderlich zu kümmern, Hauptsache – so die Begründung des SEM für die Wahl dieser Firma -, das „Preis-Leistungs-Verhältnis“ stimmt.

Später werde ich auch erfahren, dass Vater, Mutter und Kind zwischen drei Uhr morgens bis um 10 Uhr, bei der Ankunft auf dem Flugplatz, voneinander getrennt waren. Und dass man der Mutter selbst noch während des Fluges verweigerte, das Kind in die Arme zu nehmen.

Später werde ich auch erfahren, dass es ein Sonderflug war, mit einem speziell zu diesem Zweck gemieteten Privatflugzeug.

Es ist 7.30 Uhr. Was ist zu tun? Kann die Ausschaffung noch gestoppt werden? Wo befinden sich Dharini, Karthik und Iniya jetzt gerade? Oder ist das Flugzeug schon in der Luft?

Ich nehme den nächsten Zug nach B. und eile zum kantonalen Migrationsamt. Vielleicht können die noch alles stoppen. Doch die zuständige Beamtin sitzt mir mit unbewegtem Gesicht gegenüber. Sie kenne den Fall gut. Aber sie könne nichts machen, hierfür sei einzig und allein das SEM zuständig. Ich kann aus ihrem Gesicht nicht ablesen, ob sie nicht kann oder nicht will. Und obwohl sie sagt, den Fall gut zu kennen, kann ich nichts wahrnehmen, was auch nur im Entferntesten mit einem Gefühl zu tun hätte. Es ist zum Verzweifeln. Wenn sie den Fall tatsächlich so gut kennt, könnte sie doch nicht einfach mit einem so versteinerten Gesicht mir gegenüber dasitzen. Ich bitte sie inständig, beim SEM zu intervenieren, selbst wenn die Aussicht, die Ausschaffung zu stoppen, noch so gering sei. Sie sagt weder ja noch nein, ihr Gesicht zeigt nicht die geringste Regung, mir läuft es kalt über den Rücken und ich gehe.

Meine schlimmste Befürchtung: Dharini, Karthik und Iniya werden nach der Ankunft in Bukarest augenblicklich verhaftet und ins nächste Flugzeug nach Sri Lanka verfrachtet. Das Whatsapp, das mir Dharini gestern schickte – „Tomorrow I’m going to school again. I’m so happy.“ – wäre dann das Letzte gewesen, was ich von ihr gehört hätte. Und dies nach einem halben Jahr, in dem wir zusammen so unermüdlich gekämpft und die Hoffnung nie gänzlich verloren hatten und wir trotz allem Schlimmen so oft miteinander gescherzt und gelacht hatten und sie mir vor vier Tagen noch ein kleines Geheimnis offenbart hatte: Sie würde mir zu meinem Geburtstag morgen, am 26. Februar, eine tamilische Spezialität kochen. Jetzt ist die Mauer gebrochen, die Maschine, die all meine Gefühle unterdrückt hatte, funktioniert nicht mehr. Ich lasse meinen Tränen freien Lauf, verspüre unendliche Traurigkeit und zugleich eine nie dagewesene Wut, ohne zu wissen, was ich damit anfangen soll.

10.42 Uhr. Die Erlösung. Ein Anruf von Dharini. Ich höre ihre Stimme ganz leise, die mir sagt, sie befänden sich im Flugzeug, kurz darauf bricht die Verbindung ab. Ich stelle mir vor, jemand hat ihr das Handy aus der Hand gerissen, während sie mit mir sprach. Später werde ich erfahren, dass einer der Polizisten auf dem Flugzeug freundlich gewesen sei, so etwas wie Mitgefühl gezeigt und ihr erlaubt habe, maximal eine Minute lang mit mir zu sprechen.

Und wieder denke ich: Das war vielleicht das letzte Mal, dass ich ihre Stimme gehört habe. Wenn sie unmittelbar nach der Ankunft in Bukarest nach Sri Lanka geschafft und dann wohl alle Spuren zu ihr, Karthik und Iniya für immer verloren sein werden. Es ist einer der schwärzesten Tage meines Lebens, hin und her gerissen zwischen Verzweiflung, Wut und trotz allem immer noch einem winzigen Rest Hoffnung. Denn Dharini hatte doch so oft gesagt, dass uns die Engel auf unserem Weg gewiss nie im Stich lassen werden.

12.49 Uhr, Dharini hat geschrieben: „We are in Romania Otopeni Airport. Please help us.“ Später werde ich erfahren, dass sie zu jener Haftanstalt in unmittelbarer Nähe des Flugplatzes geführt wurden, wo sie auch vor ihrer Flucht in die Schweiz mehrmals gewesen waren. Ich werde auch erfahren, dass sie nur deshalb nicht direkt ins Gefängnis kamen, weil das mit einem eineinhalbjährigen Kind nicht geht. So ist vielleicht Iniya selber der Engel, der unsere schönsten Hoffnungen weiterleben lässt. Wären sie im Gefängnis gelandet, hätte man ihnen ohne alle Zweifel das Handy weggenommen und wir hätten nicht mehr und wahrscheinlich sogar nie mehr miteinander kommunizieren können.

In den folgenden zwei Stunden schlagen mehrere Anrufe fehl, manchmal, meist nur ganz kurz, höre ich ihre Stimme, aber so leise, dass ich nichts verstehe.

15.43 Uhr, Dharini schreibt: „Did you call SEM? What can we do?“ Ich versichere ihr, weiter abzuklären, was in der jetzigen Situation noch möglich ist, eine Revision des schweizerischen Asylverfahrens, eine Rückkehr in die Schweiz, eine Klage an ein internationales Gericht, was auch immer. Einmal mehr, wie so viele Male im vergangenen halben Jahr, versprechen wir uns, nicht aufzugeben. Vielleicht finden die Engel doch noch einen Weg.

Das ist der letzte Kontakt an diesem Tag. Ich höre nichts mehr, weder am späteren Nachmittag, noch in der Nacht. Wieder beschleicht mich die Angst, eine Rückschaffung nach Sri Lanka könnte schon erfolgt sein.

Mittwoch, 25. Februar, 8.52 Uhr, endlich: Dharini schickt mir die Kopie einer von ihr verfassten Erklärung zuhanden der rumänischen Migrationsbehörde, eine Ausreise nach Sri Lanka komme für sie und ihre Familie nicht in Frage. Die Unterkunft, die sie inzwischen bekommen haben – sie schickt mir Bilder und einen Film -, spottet jeglicher minimalster Menschenwürde, herumliegender Abfall, extrem verschmutzte Toiletten, die Betten voller Kakerlaken, die Wände voller Insekten, an Schlaf sei kaum zu denken. Auf einem der Bilder ist Iniya zu sehen, wie sie, umgeben von Kakerlaken, in ein Tuch eingehüllt schläft. Iniya meine, so erzählt mir Dharini, sie sei immer noch in der Schweiz und habe überall das Spielzimmer und ihre Spielkameraden gesucht.

Donnerstag, 26. Februar, 6.23 Uhr, auf meinem Handy-Bildschirm sehe ich einen Geburtstagskuchen mit sieben flackernden Kerzen: „Wish you happy birthday, god bless you.“ Ja, fast hätte ich es vergessen, heute ist ja mein Geburtstag. Und Dharini die Allererste, die mir gratuliert. Und ja, die Zweite ist Iniya, ganz fein und leise höre ich die Stimme dieses eineinhalbjährigen Kindes, das in seinem kurzen bisherigen Leben schon so unglaublich viel Schlimmes erleben musste. Und doch ist dieser Augenblick so etwas wie ein erster kleiner Sonnenstrahl nach einer langen, dunklen Nacht. Und zum ersten Mal seit vier Tagen höre ich sogar Dharini wieder lachen.

Vielleicht finden die Engel doch noch einen Weg. Nicht nur für Dharini, Karthik und Iniya. Sondern auch für alle anderen Menschen, die im Dunklen leben, in der Kälte, im Krieg, auf der Flucht, in Todesängsten. In einer Welt, die so voller Schönheit und Reichtum ist und es doch genug Liebe, Frieden und Gerechtigkeit gäbe für alle Menschen über alle Grenzen hinweg, wenn nur die, welche zu viel haben, dies mit all jenen teilen würden, die zu wenig haben. Denn die Engel gibt es, ich bin sicher. Sie würden alles tun, um die Erde in ein Paradies für alle zu verwandeln. Aber alleine schaffen sie das nicht. Sie brauchen uns Menschen, unsere Hände, unsere Phantasie, unsere Leidenschaft, unsere Liebe. Nur gemeinsam können wir es schaffen.

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Nachtrag am 1. März 2026, „NZZ am Sonntag“:

Auch Beat Jans spürt den Frühling. Am Donnerstagnachmittag joggte er bei strahlendem Sonnenschein über die Terrasse hinter dem Bundeshaus. Am Freitag lud er Journalistinnen und Journalisten zu einem Spaziergang an die Aare. In der Berner Dampfzentrale gab es Weisswein, Pasta und eine kurze Ansprache zur Asylpolitik. „Wir haben die wichtigsten Ziele des letzten Jahres alle erreicht“, sagte Jans. An der Decke baumelten goldene Discokugeln, es herrschte fast schon Feststimmung.

Eines dieser Ziele war die Ausschaffung der Familie P. nach Rumänien bzw. Sri Lanka. Drei von schweizweit täglich zwölf gewaltsamen Ausschaffungen, mit Handschellen, Fusstritten, Fesseln und Schlägen auf den Kopf, meistens um 5 Uhr morgens, wenn die meisten Menschen in der Schweiz noch schlafen, manchmal um 4 Uhr, manchmal um 3 Uhr. Drei Häkchen mehr in der Agenda des Justizministers. Prost!

Es sei denn, die verstummten Stimmen des Dialogs, der Völkerverständigung, der Diplomatie, der Friedensförderung und des Pazifismus erwachen rechtzeitig zu neuem Leben…

Peter Sutter, 21. Februar 2026

Wenn sich, wie das zurzeit im Konflikt zwischen der Ukraine und Russland der Fall ist, die Fronten gegenseitig immer mehr verhärten, gegenseitige Schuldzuweisungen immer schärfere Ausmasse annehmen und die Gefahr eines noch weit grösseren Flächenbrandes mit unabsehbaren Folgen immer näher rückt, dann wäre nichts so gefragt wie Expertinnen und Experten, die sich um möglichst viel Sachlichkeit bemühen, auf reinen Mutmassungen beruhende Behauptungen kritisch hinterfragen, sich in beide Seiten mit ihrer je einseitigen Sichtweise hineinzudenken vermögen und vielleicht sogar den Versuch unternehmen, zwischen den verfeindeten Kontrahenten Fäden des Dialogs zu spinnen, um einer friedlichen, auf gegenseitigen Kompromissen beruhenden Lösung zumindest eine kleine Chance zu geben. Unabhängige Expertinnen und Experten könnten sich, im Dienste der Allgemeinheit, einen solchen „Luxus“ leisten, niemand zwingt sie, einseitig Stellung zu beziehen und damit weiteres Öl ins Feuer zu giessen.

Doch leider ist das Gegenteil der Fall. Immer häufiger finden wir unter den sogenannten „Experten“ Leute, die sich nicht weniger einseitig äussern als gewisse Politikerinnen und Politiker. Das ist insbesondere deshalb so bedenklich, weil man von ihnen ja etwas anderes erwarten würde, nämlich möglichst viel „Sachlichkeit“ und „Objektivität“. Dass Politikerinnen und Politiker von Natur aus einseitige Positionen vertreten, ist ja irgendwie noch nachzuvollziehen. Wenn aber scheinbar „unabhängige“ Expertinnen und Experten ins genau gleiche Horn blasen, denkt sich der durchschnittliche Fernsehzuschauer oder die durchschnittliche Zeitungsleserin, die meistens nicht genug Zeit haben, um sich selber ein umfassenderes Hintergrundwissen anzueignen: Aha, wenn der oder die das als „Fachperson“ sagt, muss es wohl so sein, die müssen es ja wissen, die tun ja nichts anderes, als sich den ganzen Tag lang mit ihren Themen ernsthaft und vertieft auseinanderzusetzen.

Wir begegnen diesen „Pseudoexperten“ mittlerweile auf Schritt und Tritt, während wirklich objektive Sachverständige, die nicht schon zum Vornherein einseitig für die eine oder andere Seite Stellung beziehen, immer seltener werden. In kriegerischen Zeiten ist dies besonders gefährlich, trägt es doch zu weiterer Eskalation und der permanenten Verfestigung von Feindbildern bei, statt diese zu entschärfen und abzubauen.

Einer von diesen „Pseudoexperten“ ist Marko Ković, Politik- und Kommunikationswissenschaftler an der Hochschule Luzern, den man immer wieder am Schweizer Fernsehen, zum Beispiel in der Sendung „Club“, zu sehen und zu hören bekommt. In der „Sonntagszeitung“ vom 15. Februar 2026 kommentierte er den Besuch von rund 30 Schweizer Trychlern, die Moskau einen Freundschaftsbesuch erstattet hatten, als etwas „Absurdes“ und bezeichnete sie als „nützliche Idioten“ des „Kremlchefs Putin“. Wie einseitig muss man ticken, einen Freundschaftsbesuch, bei dem es bloss darum ging, persönliche Kontakte zu knüpfen und zu bekunden, dass nicht jeder Schweizer in jedem Russen gleich einen Feind sieht, als etwas „Absurdes“ zu bezeichnen, gleichzeitig aber eine von den meisten europäischen Regierungen vorangetriebene militärische Aufrüstung in historisch nie dagewesenem Ausmass mit gigantischer Verschuldung für zukünftige Generationen als etwas „Normales“ zu akzeptieren.

Ein anderer ist Georg Häsler, der sogenannte „Ukrainespezialist“ der Neuen Zürcher Zeitung. Seine Kommentare kann man nicht nur in Zeitungen lesen, er ist ebenfalls, wie Marko Ković, ein gern gesehener Gast am Schweizer Fernsehen. In einem Interview mit der „Republik“ vom 10. Februar 2026 sagte er unter anderem, die militärische Landesverteidigung sei „die zentrale Staatsaufgabe“ der Schweiz. Und weiter: „Es ist enorm stossend, dass die drei baltischen Staaten nicht auf der Liste der Länder sind, an die Schweizer Waffen auch im Kriegs­fall verkauft werden können. Das zeigt, dass es eben nicht darum geht, die gemeinsamen demokratischen Werte in Europa zu verteidigen.“ Auch für ihn scheint also fraglos klar zu sein, dass man Demokratie nur mit militärischen Mitteln verteidigen kann – selbst auf Kosten einer Erhöhung der Mehrwertsteuer, die er klar befürwortet, obwohl ebenso klar ist, dass eine solche Steuererhöhung für weite Teile der Bevölkerung eine massive Mehrbelastung und Verschlechterung ihrer Lebensqualität mit sich bringen würde. Zum Thema Neutralität sagt er: „Wenn also Russland die Ukraine überfällt, dann ist die Frage der Neutralität geklärt: Wir sind auf der Seite des Landes, das vom Selbst­verteidigungs­recht Gebrauch macht.“ Obwohl scheinbar „Experte“, scheint Häsler entweder noch nie etwas davon gehört zu haben oder aber es bewusst zu negieren, dass der Überfall Russlands auf die Ukraine eine lange Vorgeschichte hat, an welcher der Westen mit der NATO-Osterweiterung ab 1991, dem gewaltsamen Sturz der ukrainischen Regierung mithilfe der CIA im Frühjahr 2014 und der systematischen Diskriminierung der russischsprachigen Bevölkerung in der Ostukraine wesentlich mitbeteiligt und mitschuldig ist.

Ebenfalls in diese Reihe gehört der SRF-Korrespondent David Nauer. Im „Echo der Zeit“ vom 11. Juni 2022 verglich er Putin mit Zar Peter dem Grossen, der im 18. Jahrhunderte durch Eroberungskriege das russische Grossreich schuf. Die von Putin angeführten Gründe für den Überfall auf die Ukraine – unter anderem die NATO-Osterweiterung und den geplanten NATO-Beitritt der Ukraine – bezeichnete er als „zynische Verdrehungen der Realität“. „Imperiale Eroberungskriege“ in der Art des russischen Angriffs auf die Ukraine hätte es, so Nauer, seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben – offenbar ist Nauer entgangen, dass die USA seit 1945 mehr als 40 „imperiale Eroberungskriege“ geführt hat, von Vietnam und Laos über El Salvador, Nicaragua bis zum Irak, Afghanistan, Libyen und Jugoslawien – mit insgesamt rund 50 Millionen ziviler Todesopfer. Auch sprach Nauer von einem „enormen Russifizierungs-Druck“ in den russisch besetzten Gebieten der Ostukraine – vergass aber zu erwähnen, dass während der vorangegangen zehn Jahre in eben dieser Ostukraine das Russische als Amtssprache verboten worden war, sämtliche Bücher russischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus den Bibliotheken entfernt und die Aufführung musikalischer Werke von russischen Komponistinnen und Komponisten verboten worden war.

Besonders aufschlussreich sind die Ausführungen eines weiteren sogenannten „Osteuropa-Experten“, Marcel Hirsiger, Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz sowie „Senior Fellow“ am „Swiss Institute for Global Affairs“. In einem Gastkommentar unter dem Titel „Putins Scheinverhandlungen sind ein Teil seines Feldzugs gegen Europa“ im „St. Galler Tagblatt“ vom 5. Februar 2026 schreibt er unter anderem Folgendes: „Wenn in diesen Tagen die Ukraine mit Russland und den USA Gespräche führt, ist schon zum Voraus klar, wie wenig Substanzielles dabei erreicht werden kann. Russland hat in den vergangenen Monaten nicht nur sämtliche Friedensbemühungen des Westens torpediert, sondern aus Verhandlungen und Gesprächen einen Teil seines hybriden Kriegs gegen Europa gemacht… Das Muster der russischen Pseudo-Diplomatie ist inzwischen gut erkennbar… In diesem Zusammenhang ist es auch fahrlässig, überhaupt noch von Verhandlungen zu sprechen, wenn Vertreter des russischen Regimes am Tisch sitzen…“ Wiederum eine totale Realitätsverleugnung. Tatsache nämlich ist, dass nicht Russland, sondern der Westen Friedensbemühungen torpedierte, und zwar mindestens zwei Mal: Das erste Mal im Dezember 2021, als Putin der US-Regierung eine friedliche Lösung des Ukraine-Konflikts vorschlug, bei der die Ukraine den Status eines neutralen Staates erhalten hätte – eine Idee übrigens, welche auch der frühere US-Aussenminister Henry Kissinger im Sinne einer „Brücke“ zwischen Ost und West stets vehement verfochten hatte, die aber im Dezember 2021 von US-Präsident Joe Biden kommentarlos zurückgewiesen wurde. Das zweite Mal im März 2022, als Unterhändler der Konfliktparteien in Istanbul bereits ein unterschriftsreifes Friedensabkommen erarbeitet hatten, welches sodann vom britischen Premierminister Boris Johnson dermassen brüsk abgeschmettert wurde, dass auch die übrigen westlichen Länder schliesslich nichts mehr davon wissen wollten. Zudem ist die stets von westlicher Seite wiederholte Behauptung, Putin plane die Eroberung ganz Europas – die auch durch noch so viele Wiederholungen nicht wahrer wird -, gänzlich aus der Luft gegriffen, es gibt dafür keinen einzigen stichhaltigen Hinweis, selbst sämtliche US-Geheimdienste, und die müssen es eigentlich wissen, sagen, dass es hierfür keine Beweise gäbe. Während es umgekehrt – und das ist das Verrückte – unzählige Aussagen von US-Politikern über Jahrzehnte hinweg gibt, wonach Russland in Einzelteile „zerstückelt“ werden oder sogar „zerstört“ werden müsse, was ja sogar auch die vormalige deutsche Aussenministerin Analena Baerbock vor nicht allzu langer Zeit selber bekräftigte, als sie sagte, das Ziel des Westens müsse es sein, die russische Wirtschaft zu „ruinieren“. Eine solche Widersprüchlichkeit kann man eigentlich nur psychologisch erklären, mit dem Mechanismus einer „Projektion“, mithilfe derer jemand die Art und Weise, wie er selber denkt, auf einen – tatsächlichen oder erfundenen – „Feind“ projiziert. Abgesehen davon gibt es ja auch eine ganz logische Erklärung dafür, weshalb das Interesse des Westens, sich Russland einzuverleiben, ungleich viel grösser ist als umgekehrt, wenn man an die unermesslichen Bodenschätze dieses Riesenreichs denkt, während sich Russland mit der Eroberung europäischer Staaten, die über keinerlei Bodenschätze verfügen und zudem von wirtschaftlichen wie auch gesellschaftlichen Erschütterungen mehr als genug geplagt sind, nur unnötige Lasten auferlegen würde.

Weshalb also müssen wir uns die Welt ausschliesslich von solchen Hardlinern erklären lassen, die sich weitgehend ausserhalb jeglichen Realitätsbezugs bewegen, mit ihrer einseitigen, propagandistischen Haltung aber höchst gefährlich zu einer Eskalation eines bereits schon mehr als genug angeheizten Konflikts beitragen? Es gäbe doch genug andere Experten, die uns viel differenziertere und konstruktivere Kommentare und Analysen liefern könnten. Zum Beispiel Thomas Greminger, ab 2010 Botschafter der Schweiz bei der OSZE, den Vereinten Nationen und mehreren Internationalen Organisationen in Wien, der massgeblich daran beteiligt war, 2014 die Beobachtermission für die Ukraine zu errichten. Oder Laurent Goetschel, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Basel und Direktor der Schweizerischen Friedensstiftung Swisspeace. Oder Yves Rossier, ehemaliger Schweizer Botschafter in Moskau, von dem unter anderem folgende Aussagen stammen: „Russland wollte in die NATO, aber die Amerikaner waren dagegen. Russland wollte auch in die EU. Das waren verpasste Chancen. Das Interesse Russlands an Europa war aufrichtig, da bin ich mir sicher.“ Und: „Statt sich der NATO anzunähern, hätte die Ukraine eine neutrale Rolle finden sollen, als Brücke zwischen Ost und West, was sie auch in der Vergangenheit war.“ Und: „Jede Friedenslösung muss Russland einbinden und sie muss gerecht sein. Es gibt keinen Frieden ohne Gerechtigkeit.“ Und: „Wir dürfen nicht alles glauben, was uns im Westen erzählt wird.“ Solche Stimmen sind heute nur noch ganz selten oder fast gar nicht mehr zu hören. Weshalb sind sie verstummt? Was treibt nicht nur die Politiker, sondern auch die Medien dazu an, die öffentliche Meinung nur noch in eine einzige, angeblich „einzig wahre“ Richtung zu lenken? Mit welchem Recht werfen westliche Politiker und Medien Russland vor, statt objektiver Berichterstattung bloss Propaganda zu betreiben, während sie selber doch gar nichts anderes tun, bloss unter dem Deckmantel scheinbarer „Demokratie“, was möglicherweise noch viel gefährlicher und verhängnisvoller ist, weil Menschen in eindeutig autokratisch regierten Ländern wenigstens bewusst ist, dass sie nicht alles glauben dürfen, was ihnen die Regierungen erzählen, während die Menschen in den angeblich „demokratischen“ Ländern darauf vertrauen, dass ihnen nichts anderes erzählt wird als die pure Wahrheit und alles dieser Widersprechende nur feindliche Propaganda oder allenfalls noch irgendeine abstruse „Verschwörungstheorie“ sein kann.

Die offiziellen westlichen Stimmen wollen uns weismachen, Russland werde spätestens 2028 für einen grossen europäischen Krieg gerüstet sein, und deshalb müsse der Westen jetzt sofort und in einem nie dagewesenen Ausmass aufrüsten, um dies zu verhindern. Aber vermutlich ist es viel eher so, dass der Westen – zumindest nach der Vorstellung einiger seiner einflussreichsten Führungscliquen – genau diese zwei Jahre noch braucht für den endgültigen Aufbau des notwendigen Feindbilds und die nötige militärische Stärke, um selber einen Krieg gegen Russland erfolgreich führen zu können. Eine höchst gefährliche, ja lebensbedrohende Spirale dreht sich dadurch immer schneller nur noch in einzige, scheinbar unausweichliche Richtung, denn, so der deutsche Theologe und Schriftsteller Eugen Drewermann: „Wenn ein Staat aufrüstet, wird der Nachbarstaat Angst haben und ebenfalls aufrüsten, beide geben einander das Gesetz des Handelns immer weiter voran und am Ende muss der Krieg sein, damit man die vorgeschossenen Investitionen zurückfordern kann als Sieger auf dem Schlachtfeld. Aber auf diese Art kommt niemals Frieden, nur die ewige Gegenwart des Kriegs.“

Es sei denn, die verstummten Stimmen des Dialogs, der Völkerverständigung, der Diplomatie, der Friedensförderung und des Pazifismus erwachen rechtzeitig zu neuem Leben. Denn es ist eben nicht so, wie der ehemalige deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz uns weismachen wollte, als er behauptete, der Pazifismus sei „aus der Zeit gefallen“. Im Gegenteil: Der Pazifismus war vielleicht noch nie so wichtig und so aktuell wie heute. Denn bald schon könnte die Menschheit an jenen Kipppunkt gelangen, an dem sich entweder ein alles vernichtender dritter Weltkrieg entzündet, oder aber endlich die Türe aufgehen wird zu einer Welt voller Liebe, Gerechtigkeit und Frieden, von der jedes Kind noch geträumt hat in dem Augenblick, da es geboren wurde, und uns damit die Gewissheit gegeben ist, dass das Helle, das Gute und der Frieden soviel tiefer in unseren Seelen stecken als alles Dunkle, Böse und der Krieg. Und dass es niemals im Interesse der überwiegenden Mehrheit der ganz „gewöhnlichen“ und „einfachen“ Menschen über alle Grenzen hinweg, sondern nur im Interesse einer ganz kleinen, schamlos davon profitierenden Minderheit Reicher und Mächtiger liegen kann, wenn es immer und immer wieder – scheinbar unausweichlich – Kriege gibt. Denn, so der deutsch-österreichische Zukunftsforscher Robert Jungk: „Wer den Frieden will, muss den Frieden vorbereiten, nicht den Krieg.“

Was Brokkoli, zu hoher Blutdruck, eine Möbelverkäuferin und die Pazifikinsel Tokelau miteinander zu tun haben…

Peter Sutter, 17. Februar 2026

Das Universitätsspital Zürich geht davon aus, dass in Europa 30 Prozent aller Menschen unter zu hohem Blutdruck leiden. Dazu kommt, dass zu hoher Blutdruck keine Schmerzen verursacht, sich in der Anfangsphase nur durch unspezifische Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindel oder Ohrensausen äussert und daher oft jahrelang unentdeckt bleiben kann – die Dunkelziffer der von zu hohem Blutdruck Betroffenen dürfte also noch um einiges höher liegen als die vom Universitätsspital Zürich genannte Zahl von 30 Prozent. Zu hoher Blutdruck wiederum führt bei den davon Betroffenen – im Vergleich zu Menschen mit normalen Blutdruckwerten – doppelt bis zehnmal so häufig zu Schlaganfall, Herzinfarkt und weiteren Herz-Kreislauf-Erkrankungen, welche als Todesursache Nummer eins gelten. Ohne zu übertreiben, kann man zu hohen Blutdruck daher wohl als die eigentliche Volkskrankheit Nummer eins bezeichnen.

Schaut man sich in medizinischen Ratgebern oder im Internet nach präventiven oder heilenden Massnahmen gegen zu hohen Blutdruck um, so wird man, nebst dem Hinweis auf traditionelle blutdrucksenkende Medikamente, von einer Flut von Gesundheitstipps, Empfehlungen und Ratschlägen aller Art geradezu überschwemmt. Da werden zum Beispiel Atemübungen, Autogenes Training, Yoga- oder Meditationskurse empfohlen, ein „gesunder Lebensstil“, „regelmässige körperliche Aktivität“, „Gewichtsreduktion“, ein „Verzicht auf Tabakprodukte“, die „Einschränkung von Alkoholkonsum“, „ausreichende Flüssigkeitszufuhr“ und „gesunde und ausgewogene Ernährung“ wie etwa Salz- und Zuckerreduktion oder der Konsum von Brokkoli, Spinat, Grünkohl, Vollkornprodukten, fettarmen Milchprodukten, Bananen, Aprikosen, Kiwi, Orangen, Heidelbeeren, Erdbeeren, Bohnen, Linsen, Walnüssen, Ingwer, ungesalzenen Pistazien, Mandeln, der Roten Beete und dunkler Schokolade. Zudem wird auf Mikronährstoffe verwiesen wie Magnesium, Kalium, Kalzium, Omega-3-Fettsäuren, Coenzym Q10, L-Argenin und die Vitamine D,C und B-Komplex.

Doch obwohl sich schon heute viele – und vermutlich immer mehr – Menschen an alle diese Tipps und Vorschläge zur Vermeidung von zu hohem Blutdruck halten, geht die Anzahl von Menschen, die unter zu hohem Blutdruck leiden, nicht merklich zurück, sondern nimmt sogar eher noch zu. Auch in der Schweiz, wo all die empfohlenen Präventionsmassnahmen und eine nahezu unbegrenzte Palette gesundheitsfördernder Nahrungsmittel und Substanzen gar in einem noch viel grösseren Umfang zur Verfügung stehen als in den meisten anderen Ländern.

Auf der Suche nach einer Erklärung für dieses Phänomen bin ich kürzlich auf eine Publikation der Österreichischen Gesellschaft für Hypertensiologie gestossen und habe dort Folgendes gelesen: „Zu hoher Blutdruck hat meist psychische Ursachen und ist eine natürliche Reaktion des Körpers auf Herausforderungen und Belastungen in Form von Stress. Aus evolutionärer Sicht ist Stress ein biologisch sinnvoller Mechanismus, der den Körper durch eine erhöhte Sauerstoffzufuhr der Muskeln in einen Kampf-oder-Flucht-Modus versetzt, um in gefährlichen Situationen blitzschnell zu reagieren und zu überleben. Belastende Situationen über längere Zeit führen aber dazu, dass die Stresshormone nicht mehr abgebaut werden können und die körperliche Anspannung bestehen bleibt. Aber auch Ängste, Depressionen oder soziale Unsicherheit können als Stressoren den Blutdruck auf ungesunde Werte ansteigen lassen, ohne dass dieser sich wieder beruhigt. Angst und Verzweiflung, Wut und Ärger über die eigene nachlassende psychische Belastbarkeit tun dabei das Ihrige.“

Vieles scheint darauf hinzudeuten, dass die äusseren Lebensumstände, die laufend zunehmenden Anforderungen der Arbeitswelt, der gegenseitige Konkurrenzkampf um den sozialen Auf- oder Abstieg und der permanente Druck, in immer kürzerer Zeit eine immer grössere Leistung erbringen zu müssen und gleichzeitig von existenziellen Bedrohungen und Zukunftsängsten geplagt zu sein, auf die individuelle Gesundheit eine insgesamt dermassen belastende, stressfördernde und krankmachende Wirkung haben, dass man noch so viele Vitamine schlucken, noch so viele Atemübungen machen und noch so viel Broccoli und Ingwer essen kann, um dennoch beim nächsten Arzttermin mit Schrecken feststellen zu müssen, dass sich der Blutdruck in der Zwischenzeit nicht etwa vermindert hat, sondern vielleicht sogar noch weiter angestiegen ist. Vielleicht trägt sogar das ständige und übereifrige Bemühen um jenen vielgepriesenen „anderen Lebensstil“, der angeblich alles zum Guten wenden soll, das Seinige dazu bei, dass das Leben insgesamt noch unruhiger wird, als es ohnehin schon ist. Man denke nur an die Hektik, die bei vielen Menschen ausgerechnet dann ausbricht, wenn die lange ersehnte Ferienzeit naht. Statt sich nun endlich mehr Zeit für Erholung und Entspannung zu gönnen, werden schon am allerersten Tag des Urlaubs, bloss um auch nicht nur einen einzigen Tag zu versäumen, die Koffer gepackt, und dann geht’s los, je weiter weg, umso besser. Buchstäblich von einem Tag auf den andern hat sich der Arbeits- und Alltagsstress in Ferien- und Freizeitstress verwandelt, all die Tage, die frei wären für süsses Nichtstun, werden vollgepackt mit Aktivitäten jeglicher Art. Ist man dann wieder zuhause, müssen zunächst alle Koffer ausgepackt, der übervolle Briefkasten geleert, die Kleider gewaschen, die Wohnung gereinigt und Hunderte von E-Mails abgearbeitet werden, die in der Zwischenzeit angefallen sind. Meistens, pflegt eine meiner Bekannten zu sagen, brauche sie etwa zwei Wochen, um sich wieder von den Ferien zu erholen.

Eine in Fachkreisen bekannte Studie, die sogenannte Tokelau-Studie, belegt, dass bei sämtlichen Personen, die auf der Pazifikinsel Tokelau gelebt hatten, später aber nach Neuseeland ausgewandert waren, der Blutdruck infolge des Übergangs von einer einfachen, naturverbundenen Lebensweise in eine von westlichem Lebensstil geprägte Gesellschaft deutlich angestiegen war. Es kann kaum daran gelegen haben, dass diese Menschen in ihrer ursprünglichen Heimat besonders häufig Yoga und autogenes Training betrieben, besonders viel Broccoli und Hülsenfrüchte gegessen und besonders viele Vitaminpräparate zu sich genommen hatten. Aber wir müssen nicht einmal bis zu einer fernen Pazifikinsel gehen. Es ist ebenfalls bekannt, dass die Menschen in den Mittelmeerländern in Bezug auf Blutdruck, aber auch hinsichtlich anderer relevanter Gesundheitsdaten, bessere Werte aufweisen als die Menschen in den nördlicheren Ländern Europas. Fast immer wird dies auf die mediterrane Ernährungsweise zurückgeführt, bei der Fisch, Olivenöl, Gemüse, Obst und Nüsse eine wichtige Rolle spielen. Die Vermutung liegt aber nahe – auch wenn sich dies mit klassischen wissenschaftlichen Studien wohl kaum „beweisen“ lässt -, dass es vor allem die von mehr Gelassenheit, häufigeren sozialen Kontakten und einer natürlichen Skepsis gegenüber allzu übertriebenen Leistungsanforderungen geprägte Lebensweise der südlicheren Länder ist, welche eine gesundheitsfördernde Wirkung hat. Zudem unterscheidet sich ja heute die Ernährung von Land zu Land keineswegs mehr so stark wie in früheren Zeiten, typisch „mediterrane“ Kost findet sich auch in der Schweiz, Deutschland oder Schweden auf dem täglichen Speisezettel. Und fast in jedem Restaurant kann man Pizza, Meeresfrüchte oder griechischen Salat bestellen. An der Ernährungsweise allein kann es also wohl kaum liegen.

Doch entgegen aller dieser Erkenntnisse und Beobachtungen wird der Bevölkerung in unseren Breitengraden durch offizielle Gesundheitsempfehlungen, medizinische Studien und vor allem auch durch Werbekampagnen für die entsprechenden Produkte nach wie vor eingetrichtert, Bluthochdruck sei vor allem eine Folge individuellen „Fehlverhaltens“, dem leicht Abhilfe geschaffen werden könne. So etwa findet man auf der Webseite der Deutschen Gesellschaft für Hypertonie lediglich drei Ursachen für zu hohen Blutdruck: ungesunde Ernährung, Rauchen und Alkohol. In anderen Publikationen und Informationsquellen wird zwar oft „Stress“ als weiterer Faktor genannt, aber meist nur als einer von zahlreichen anderen Ursachen und ohne dass näher darauf eingegangen wird. Insgesamt wird auf diese Weise der Eindruck vermittelt, dass zu hoher Blutdruck in aller Regel selbstverschuldet sei. Man müsse sich nur besser ernähren, sich mehr bewegen und weniger Alkohol und Nikotin zu sich nehmen, und schon sei alles gut. Wer dann trotz allem immer noch bei seinem nächsten Arzttermin einen zu hohen Blutdruck hat, ist demzufolge definitiv selber schuld. Als wäre Gesundheit nicht etwas, was zutiefst auch mit den äusseren Lebensumständen, den Arbeitsbedingungen, den gesellschaftlichen Ansprüchen und Erwartungen und insgesamt mit dem herrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystem zu tun hätte. Aber klar, es ist einfacher, mehr Vitaminpräparate zu schlucken und mehr Yogastunden zu besuchen, als eine längst fällige und dringend notwendige Umgestaltung der herrschenden Macht- und Ausbeutungsverhältnisse in Angriff zu nehmen. Eine solche liegt auch ganz und gar nicht im Interesse jener, die lieber wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Und vor allem nicht im Interesse der Gesundheitsindustrie, der Pharmaindustrie, der Wellnessindustrie, der Ernährungsberaterinnen und Ernährungsspezialisten, der Verfasserinnen und Verfasser von Gesundheitsratgebern, der Leiterinnen und Leiter von Yoga- und Meditationskursen, der explosionsartig boomenden Entwickler und Vermarkter von immer raffinierteren und neuerdings sogar mit Smartphone und Smartwatch verknüpfter Blutdruckmessgeräte und aller anderen Abertausender, die ihr gutes Geld damit verdienen, dass mit laufend wachsendem und höchst lukrativem Aufwand stets nur Symptome bekämpft werden und von den eigentlichen Hauptursachen des Problems systematisch abgelenkt wird.

Hinzu kommt eine schreiende soziale Ungerechtigkeit. Ausgerechnet jene Menschen, die aufgrund prekärer Arbeitsbedingungen, kaum oder gar nicht existenzsichernder Löhne und knapper Wohnverhältnisse unter überdurchschnittlich hohem Stress leiden, können sich all die Angebote auf dem Gesundheitsmarkt, welche dem Stress entgegenwirken sollen, gar nicht leisten, weder Yogakurse noch Wellnessferien, ja nicht einmal die empfohlenen, meist nicht gerade billigen Vitaminpräparate und Nahrungsmittel, sondern müssen froh sein, wenn sie am Ende des Monats überhaupt noch etwas auf dem Tisch haben. In den Wellnessresorts, in denen Gutbetuchte rund um die Uhr ihre „Seelen baumeln lassen“, sich massieren und auf vielfältigste Art verwöhnen lassen können, hetzen Zimmermädchen im Minutentakt von Raum zu Raum, stehen sich Köchinnen und Köche sechs oder mehr Stunden lang ohne Pause die Füsse wund und schleppen Kellnerinnen schwer mit Köstlichkeiten aller Art beladene Tabletts von Tisch zu Tisch, bis ihnen fast der Rücken bricht.

Die empfohlenen regelmässigen Arbeitspausen können sich auch nur jene leisten, die auf höheren Etagen der Arbeitswelt ihre Arbeitszeiten mehr oder weniger selbständig einteilen können. Die Verkäuferin im Möbelgeschäft, wo ich kürzlich einen Einkauf tätigte, kann das definitiv nicht. Sie tippte in ihren Computer die Bestellung eines Kunden ein, der neben ihr stand und akribisch darauf achtete, dass ihr dabei auch nicht der geringste Fehler unterlief. Als zu ihrem Leidwesen das System plötzlich abstürzte und sie noch einmal von vorne beginnen musste, hätte der Kunde beinahe die Nerven verloren, warf demonstrativ einen Blick auf seine Uhr und trommelte mit seinen Fingern auf die Dokumentenablage seitlich des Computers. Gleichzeitig standen hinter der Verkäuferin vier weitere Kundinnen und Kunden und man konnte deren Ungeduld geradezu körperlich wahrnehmen, während sich auf der Stirn der Verkäuferin erste Schweissperlen bildeten. Auch die Angestellte bei McDonalds, wo ich kürzlich zum Mittagessen war: Während sie vorne an der Theke Geld einkassierte, piepste es im Hintergrund an zwei verschiedenen Stellen und weiter im Hintergrund war eine rot blinkende Lampe zu sehen. Kaum das Geld einkassiert, eilte sie zunächst zu den Pommes, die dringend aus der Fritteuse genommen werden mussten, löschte auf einem Bildschirm den soeben erledigten Auftrag, riss einen Kartonbecher für Cola aus einem Behälter und rief einem Kunden, der am Aussenschalter auf seine Bestellung wartete, freundlich zu, sie werde gleich kommen, während vorne an der Theke drei weitere Kunden warteten und ich mir dachte, wie hält ein Mensch so etwas aus, und das nicht nur zehn Minuten, nicht nur eine Stunde, sondern vier oder fünf Stunden hintereinander ohne Pause. Und wieder ging es mir so, als ich mir vor ein paar Wochen den dokumentarischen Spielfilm „Die Heldin“ anschaute, in dem der ganz „normale“ Alltag einer Pflegefachfrau in einem ganz „normalen“ Schweizer Spital gezeigt wird, eine stundenlange erbarmungslose Hetzjagd von Patient zu Patientin, bei der alle zur selben Zeit etwas wollen und gleichzeitig nicht der allerkleinste Fehler, der tödliche Folgen haben könnte, passieren darf – bis die „Heldin“ am Ende total erschöpft zusammenbricht und den lange zurückgehaltenen Tränen endlich freien Lauf lassen kann. Kann man sich noch eine schlimmere Form von Verhöhnung vorstellen als den Ratschlag eines gutbetuchten und weitgehend stressfreien „Gesundheitsberaters“, welcher Ratsuchenden wie dieser Möbelverkäuferin, der McDonalds-Angestellten oder einer Pflegefachfrau empfiehlt, sie müssten halt der Gesundheit zuliebe ihren „Lebensstil ändern“?

„Vier von zehn Personen“, so Jackie Vorpe, Leiterin Bildungspolitik bei Travailsuisse im „Tagesanzeiger“ vom 31. Januar 2026, „fühlen sich oft gestresst und beenden ihren Arbeitstag emotional erschöpft.“ Einer von Travailsuisse in Auftrag gegebenen Befragung zufolge leisten 51% der Befragten häufig oder sehr häufig Überstunden, 24% arbeiten häufig oder sehr häufig mehr als zehn Stunden pro Tag. Das führe, so Vorpe, zu Frustration und Resignation. Heute sei jede zweite IV-Anmeldung auf eine psychische Erkrankung zurückzuführen. „Gesundheitliche Probleme bei der Arbeit“, so Vorpe, „entstehen häufig, wenn mehrere Risiken zusammenkommen. Dazu gehören geringe Gestaltungsmöglichkeiten bei der Arbeitszeit, emotionale Anforderungen, eine hohe Arbeitslast, Termindruck, fehlende Grenzen bei der Arbeit, eine erschwerte Vereinbarkeit von Familie und Beruf, eine mangelhafte Anerkennung der eigenen Leistung oder Teamkonflikte und Führungsprobleme.“

Artikel mit Gesundheitsempfehlungen zur Behandlung von zu hohem Blutdruck findet man in einschlägigen Gesundheitsmagazinen, bei der Hausärztin oder im Internet, wenn man den Begriff „Bluthochdruck“ eingibt. Artikel mit Beschreibungen einer immer hektischeren und von immer höheren Anforderungen geprägten Arbeitswelt findet man in Wirtschaftsblättern oder Berichten von Gewerkschaften oder anderen Arbeitnehmerorganisationen. In aller Regel ist aber das eine vom andern fein säuberlich getrennt. So dass nur niemand auf den Gedanken kommt, das eine könnte mit dem andern auch nur im Entferntesten etwas zu tun haben. Dabei müsste man bloss die einen und die anderen Artikel ausschneiden und übereinanderlegen, um sogleich zu erkennen, dass sich Individuum und Gesellschaft nie voneinander trennen lassen, alles unauflöslich miteinander verbunden ist und reine Symptombekämpfung nicht den geringsten Erfolg haben kann, wenn nicht gleichzeitig auch die tieferen Ursachen aufgedeckt und angepackt werden.

Was für zu hohen Blutdruck gilt, gilt ebenso zum Beispiel auch für Rückenleiden. Gemäss einer im Jahre 2020 bei 1041 Personen in der Deutsch- und Westschweiz durchgeführten Umfrage sind 67 Prozent der Schweizer Bevölkerung davon betroffen, auch hier: Tendenz steigend. Fragt man Physiotherapeuten und Physiotherapeutinnen nach den Ursachen von Rückenleiden, so sagen die meisten, dass aufgrund ihrer Erfahrungen bis zu 80% davon psychisch bedingt seien. Mit anderen Worten: Lasten, die auf die seelische Befindlichkeit drücken, drücken dann weiter auf andere empfindliche Stellen im Körper wie eben den Rücken, sodass auch Rückenleiden, ebenso wie zu hoher Blutdruck, zumeist eine Folge äusserer Umstände sind, die nicht den natürlichen Voraussetzungen von Körper und Psyche gerecht werden. Dessen ungeachtet wird auch hier fast ausschliesslich reine Symptombekämpfung betrieben. So habe ich bei einem kurzen Streifzug durch mehrere Internetseiten zum Thema Rückenschmerzen unter anderem folgende Empfehlungen zur Prävention oder Heilung von Rückenleiden gefunden: muskelrelaxierende Medikamente, Rheumasalben, Achtsamkeitstraining, Pilates, Progressive Muskelentspannung, Tai-Chi, Yoga, Akupunktur, Osteopathie, Chiropraktik, Wirbelsäulengymnastik, regelmässige Bewegung, Schwimmen, Radfahren, Nordic Walking, gesundes Essverhalten, ausreichender Schlaf, höhenverstellbare Bürotische, ergonomische Bürostühle, Rückenstabilisatoren, Rückengürtel sowie Wärmebehandlungen mit Wärmflaschen, Heizkissen, Rotlichtbestrahlung oder Wärmepflastern. Anleitungen oder Empfehlungen zu einer grundlegenden Umgestaltung der von zunehmender Hektik, Zeitdruck, dem Zwang zu permanenter Leistungssteigerung und Selbstoptimierung bestimmten Lebens- und Arbeitsbedingungen, den eigentlichen Grundursachen des ganzen Übels, sucht man indessen vergebens. Nicht einmal der Wahnsinn, dass Kinder und Jugendliche in einer Phase intensivster Körperentwicklung gezwungen werden, über drei Viertel der Zeit an Schultischen sitzend auszuharren, wird auch nur ansatzweise in Frage gestellt, geschweige denn daraus die erforderlichen Konsequenzen gezogen.

Wir sind uns gewohnt – und es wird uns ja auch täglich von der medizinischen Fachwelt, Hand in Hand mit der Gesundheitsindustrie und allen, die mit der Symptombekämpfung von Krankheiten und körperlichen Leiden ihr gar nicht so bescheidenes Geld verdienen, pausenlos eingetrichtert -, dass die Schuld beim einzelnen Individuum liegt, und nicht bei dem, was man als übergreifendes „System“ bezeichnen könnte, das man offensichtlich ganz selbstverständlich als das „Normale“ oder schlicht und einfach „Bestehende“ mehr oder weniger frag- und kritiklos akzeptiert, obwohl es doch völlig einseitig von äusserlich und willkürlich gesetzten Vorgaben bestimmt ist, die mit dem eigentlichen körperlichen und seelischen Wohlbefinden des Menschen nichts zu tun haben, sondern diesem im Gegenteil sogar gänzlich zuwiderlaufen. Aber es ist eben einfacher, mit dem Finger auf das einzelne Individuum zu zeigen statt auf das System als Ganzes. Das einzelne Individuum mit seinen Leiden, seinen scheinbaren Unzulänglichkeiten und Defiziten ist eben sichtbar, hat ein Gesicht – das dahinterliegende übergreifende System sieht man nicht, es bleibt unsichtbar, anonym, und doch wirkt es pausenlos, Tag und Nacht, durch alles hindurch.

So kommen zu den bereits genug schlimmen körperlichen und seelischen Folgeerscheinungen massive Schuldgefühle hinzu, die alles noch schlimmer machen, als es ohnehin schon ist. Wer zu hohen Blutdruck hat, permanente Rückenschmerzen oder andere Folgeerscheinungen der herrschenden Systemzwänge wie Schlafstörungen, Depressionen, Fettleibigkeit, Alkohol- oder Nikotinsucht, dem wird stets der moralisierende Spiegel seines eigenen Ungenügens und Versagens vor die Nase gehalten: Du bewegst dich halt zu wenig, ernährst dich falsch, verschwendest zu viel Zeit im Internet, pflegst zu wenige soziale Kontakte, gehst zu selten ins Fitnesstraining. Man könnte es geradezu als „Täter-Opfer-Umkehr“ bezeichnen: Während das System trotz aller seiner schädlichen Auswirkungen immer noch als bestmögliches, höchst erfolgreiches, allen denkbaren Alternativen gegenüber als haushoch überlegenes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem in Gestalt der sogenannten „Freien Marktwirtschaft“ glorifiziert wird, werden seine Opfer zu eigentlichen „Versagern“ oder gar „MIssetätern“ abgestempelt, weil sie nicht so funktionieren, wie es das System eigentlich gerne hätte. Das geht mittlerweile sogar so weit, dass Krankenkassen, selber in höchstem Masse Nutzniesser der auf dem „Gesundheitsmarkt“ zu erzielenden, exorbitanten Profite, mehr und mehr dazu übergehen, Kosten für Krankheiten, die sie als „selbstverschuldet“ definieren, gar nicht mehr zu übernehmen.

Müsste es uns nicht zutiefst nachdenklich stimmen, dass in einem Land, das zu den reichsten und am „höchsten entwickelten“ der Welt gehört, so viele Menschen, zweifellos sogar die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, nicht wirklich gesund sind, sondern unter allen möglichen körperlichen und seelischen Beschwerden leiden? Das kann doch nicht allen Ernstes der „Normalzustand“ sein. Da ist doch offensichtlich ganz vieles völlig aus den Fugen geraten. Der Mensch wurde doch nicht geschaffen, um krank zu sein, sondern, ganz im Gegenteil, um gesund zu sein, dementsprechend stark sind ja auch seine Selbstheilungskräfte in einer Weise ausgestattet, die man nicht anders denn als „Wunder“ bezeichnen kann. Wenn so viele Menschen oder fast alle Menschen in einem Land auf die eine oder andere nicht wirklich gesund sind, kann es wohl kaum mit „inneren“ oder gar „selbstverschuldeten“ Ursachen zu erklären sein, sondern muss wohl fast ausschliesslich mit „äusseren“ Ursachen zu tun haben.

Therapiert und geheilt werden müssten deshalb nicht so sehr die einzelnen Individuen, sondern das System als Ganzes, so abstrakt diese Forderung auf den ersten Blick auch erscheinen mag. Aber früher oder später wird es dazu keine Alternativen mehr geben, spätestens dann, wenn die auf reine Symptombekämpfung reduzierten „Gesundheitskosten“ dermassen überbordende Ausmasse angenommen haben werden, dass sie schlicht und einfach volkswirtschaftlich nicht mehr zu leisten sind.

In einem Garten, wo die Erde genug Nährstoffe hat, genug Wasser vom Himmel fällt und die Sonne genug lange scheint, wachsen alle Blumen ganz von selber zu ihrer ganzen Grösse und Pracht heran und keine von ihnen wird krank, keine von ihnen braucht einen Doktor, Medikamente oder eine Therapie. Wenn wir es schaffen, nicht mehr die Individuen zu therapieren, sondern das System, dann werden auch alle scheinbaren „Krankheiten“ ganz von selber nach und nach verschwinden.

Und dann werden vielleicht auch die Menschen hierzulande wieder so gesund und fröhlich leben wie einst die Bewohnerinnen und Bewohner der Pazifikinsel Tokelau, bevor sie nach Neuseeland auswanderten.